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Alle Rechte vorbehalten © 2013 by Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt www. perry-rhodan.net Bearbeitung: Hubert Haensel Redaktion: Klaus N. Frick/Sabine Kropp Titelillustration: Johnny Bruck Vertrieb: Edel GmbH, Hamburg Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany 2013 ISBN: 978-3-95548-000-4


Die Kosmische Hanse

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1. Arger Staball hatte Sorgen. Eigentlich hatte er die schon seit dem Tag vor vier Jahren, als er die Führung des Handelskontors von Arxisto übernahm. Wenn es ausnahmsweise keine Schwierigkeiten mit den Arbeiten am Ausbau des Kontors und des Raumhafens gab, dann bestimmt irgendeine Aktion, die dem Wohl der Bewohner von Arxisto-Park dienen sollte. Aber diese Dinge gehörten nicht zu Staballs aktuellen Problemen. Vielmehr war es zu unerklärlichen Vorfällen gekommen, die ihn veranlasst hatten, Meldung an das Hauptquartier der Kosmischen Hanse auf Terra zu erstatten. Seitdem wusste er von ähnlich gelagerten Phänomenen bei anderen Kontoren. Ein schwacher Trost für ihn, obwohl er das Versprechen erhalten hatte, HQ Hanse werde sich der Sache annehmen. Falls sie weiter eskalierten, bedrohten die Geschehnisse die Existenz des Handelskontors Arxisto. Bislang hielten sie sich noch im Rahmen des Erträglichen. Ein Internholo baute sich auf, Staballs Sekretär meldete sich. Jupp Korein war mit seinen 32 Jahren so alt wie der Leiter des Kontors und überdies ein ausgezeichneter Organisator. »Germo Hillard ist da. Er will dir einen Zwischenbericht ...« Korein verstummte mit einem Aufschrei und griff sich mit beiden Händen in den Nacken. Aus dem Hintergrund erklang ein zweiter entsetzter Schrei, den Positronikspezialist Hillard ausstieß. In dem kleinen Übertragungsholo glaubte Staball gesehen zu haben, wie ein schemenhaftes Etwas den Sekretär von hinten ansprang. Dabei mochte es sich um eine Bildstörung handeln, wie sie seit dem Einsetzen der Phänomene immer wieder vorkamen. Dennoch verließ Staball seinen Platz, riss die Verbindungstür auf und stürmte ins Vorzimmer. Er kam gerade dazu, als Korein aus dem Sessel kippte und verzweifelt mit einer schleimigen Masse rang, die sich in seinem Nacken festgesetzt hatte. Hillard stand wie versteinert daneben. Ohne zu überlegen, stürzte Staball zu seinem Sekretär, packte mit beiden Händen zu und befreite Korein von dem glitschigen Etwas. Er erkannte nicht einmal, was er da angewidert gegen die Wand schleu 4


derte. Trotzdem nickte er zufrieden, als es dort mit dumpfem Knall zerplatzte. Staball spürte ein heftiges Brennen auf den Händen. Wo das Ding mit seiner Haut in Berührung gekommen war, bildeten sich nässende Bläschen. Ein Blick zu Korein zeigte ihm, dass dessen Nacken gerötete Striemen aufwies. Der Sekretär jammerte vor Schmerz. Hillard deutete zum Fenster, und Staball wurde blass. Draußen wimmelte es von solchen Gebilden, wie eines Korein im Nacken gesessen hatte. Womit wirft man jetzt schon wieder nach uns? Arger Staball schwankte zwischen Zorn und Verbitterung. »Diesen Tag werde ich in meinem Tagebuch besonders anmerken«, sagte Askaargud zufrieden. Der Vorsitzende des Planungsstabs blickte sich an der Baustelle wohlgefällig um. »Heute hat es keinen einzigen Zwischenfall gegeben, und wir haben den Plan um dreißig Prozent überschritten. Wenn es in dem Tempo weitergeht, können wir die Hochstraße termingerecht fertigstellen.« Es war der 15. Oktober 424 NGZ – Neuer Galaktischer Zeitrechnung, die mit der Gründung der Kosmischen Hanse begonnen hatte. Der Tag war so ruhig verlaufen wie kaum einer in den Monaten zuvor. Heute hatte alles zusammengepasst. »Ich frage mich nur, wozu wir diese Verbindungsstraße vom Raumhafen zum Kontor bauen«, sagte Eleva Draton, die zum Team des Akonen Askaargud gehörte. Sie lüftete kurz ihren Atemfilter. »Ich muss mich überhaupt wundern, wofür dieses gigantische Projekt gut sein soll.« »Ich auch«, pflichtete ihr der Blue Catherc bei. Er war der Verlademeister des Raumhafens. »Die Anlage hat mit ihren zwanzig mal vierzig Kilometern Ausdehnung eine Kapazität von hundertundfünfzig Starts und Landungen pro Tag, aber sie wird im Durchschnitt nur von zwölf Schiffen frequentiert. Meine Lagerhallen stehen ohnehin fast leer. Wozu also neue bauen?« »Wir stehen um die Gunst der Arkoniden in hartem Konkurrenz kampf mit den Springern«, erklärte Askaargud. »Wenn Arxisto erst ausgebaut ist, steigen wir voll ins Geschäft ein – und du wirst dich über leere Lagerhallen nicht mehr beklagen können. Dann wirst du so stressgeplagt sein, wie ich es heute bin.« Sie befanden sich zu dritt in der mobilen Planungskabine, die von 5


Antigravfeldern in der Schwebe gehalten wurde. Die Kabine verfügte über eine eigene Sauerstoffversorgung, sodass sie die Atemfilter nicht benötigt hätten. Da sie jedoch die meiste Zeit über von einer Baustelle zur anderen unterwegs waren, behielten sie die Filter aus Gewohnheit an. Arxistos Atmosphäre war von verschiedenen Gasen durchsetzt, die auf Dauer eine schädigende Wirkung auf den Metabolismus von Sauerstoffatmern haben konnten. Eleva Draton hob wieder ihren Atemfilter an. »Du solltest ihn besser wechseln«, riet Askaargud, der die Bewegung aus dem Augenwinkel beobachtet hatte, während er gleichzeitig die Überwachungsinstrumente kontrollierte. Draton befolgte seinen Rat. »Du bist nur deshalb überfordert, weil du meinst, dich um alles persönlich kümmern zu müssen, was in deinem Umkreis passiert«, sagte sie in den wenigen Augenblicken, die der Filteraustausch in Anspruch nahm. »Nimm dir ein Beispiel an Gwen Corlin. Er hat die Ruhe weg.« »Der Wilderer hat auch keine Verantwortung zu tragen.« Askaargud beobachtete, wie ein Roboterteam einen Doppelträger in das halb flüssige Fundamentbecken einsetzte, und prüfte die exakte Positionierung. »Wo treibt sich Gwen schon wieder herum?«, fragte er anschließend. »Er ist im Dschungel und spielt Pfadfinder. Übermorgen wird er zurück sein. Sag nicht, dass er dir abgeht.« »Wir brauchen in dieser Ausbauphase jeden Mann.« Askaargud wollte offenbar noch etwas hinzufügen, sprach es aber nicht mehr aus. Ein warnender Summton der Überwachung erschreckte ihn. »Was ist jetzt wieder los?«, rief er aufgebracht. »Roboter!«, stellte der Akone eine halbe Minute später abfällig fest, weil es zwischen zwei Arbeitstrupps Koordinationsschwierigkeiten gab. »Trupp HS dreiunddreißig und Trupp HS vierzehn arbeiten gegeneinander. Die Fernlenkung reagiert nicht. Geh bitte raus, Eleva, und sieh zu, dass du die Angelegenheit regelst.« »Sklaventreiber!«, kommentierte sie ohne Groll, schaltete ihren Antigravgürtel ein und schwebte durch die Energiebarriere ins Freie. »Ich werde ebenfalls an meine Arbeit zurückkehren«, erklärte der Blue. »Ich muss die Ladungen von drei Raumschiffen unterbringen und habe die Qual der Wahl, welchen der leer stehenden Lagerhallen ich den Vorzug geben soll.« »Deine Sorgen möchte ich haben«, sagte Askaargud, während er beobachtete, wie Eleva Draton auf dem frei hängenden Endstück der Straße landete. Zwei Techniker erschienen zu ihrer Unterstützung. 6


In diesem Moment begann es. In der Luft hing ein schnell anschwellendes Pfeifen. Es hörte sich an, als würde ein Sturm aufkommen. Dabei regte sich kein Lüftchen. Der eben noch einheitsgraue Wolkenhimmel verfärbte sich. Licht blitze ließen an ein fernes Wetterleuchten glauben. »Da wirft wieder jemand nach uns«, sagte Catherc. Erscheinungen wie diese hatten in den letzten Tagen mehrmals stattgefunden. In ihrer Folge war es zu den unerklärlichen Phänomenen gekommen, die alle Arbeiten auf dem Raumhafen und an der Hochstraße immer wieder behinderten. Diesmal war das Brausen intensiver. Der Planetenboden wurde wie von einem heftigen Beben erschüttert. Die Hochstraße wankte. Die Bau roboter verschiedener Konstruktion gerieten deutlich sichtbar außer Kontrolle. Eine der Maschinen stürzte über den Rand der Straße in die Tiefe. Ein Schleier schien in der Luft zu hängen wie verformtes und ge trübtes Glas, in dem sich das Licht unkontrolliert brach. Heftiger werdende Lichtblitze stachen durch die Wolken. Es war, als bahne sich etwas aus einer anderen Dimension seinen Weg nach Arxisto. Die Instrumente versagten oder zeigten aberwitzige Werte an. Aus dem Funkgerät erklang ein infernalisches Kreischen, während auf der Straße einige Roboter explodierten. Das Pfeifen und Brausen ging in ein ohrenbetäubendes Kreischen über. Ein orkanartiger Sturm erfasste die Kontrollkabine und wirbelte sie davon. Catherc verlor den Halt und wurde gegen Askaargud ge schleudert. Die Atmosphäre schien zu bersten. Etwas Unheimliches bahnte sich seinen Weg. Eine gigantische Masse türmte sich auf einmal dort auf, wo eigentlich das Band der Straße zum Raumhafen verlief. Diese Materie, die sich schier aus dem Nichts kommend verdichtete, schob eine gewal tige Druckwelle vor sich her. So schnell, wie die Erscheinungen eingetreten waren, hörten sie wieder auf. Die Leuchteffekte erloschen, der Orkan erstarb, der Planetenboden beruhigte sich. Irgendwo heulte eine Sirene. Neben Eleva Draton türmte sich etwas so hoch wie ein Gebirge – eine grauweiße Masse, die an Kreideschlamm erinnerte. Als wäre ein gewaltiges Stück einer Urwelt nach Arxisto geschleudert worden. 7


»Diesmal hat es uns ordentlich erwischt«, sagte einer der Techniker. »Zum Glück scheint nur materieller Schaden entstanden zu sein, der Tod hat uns hoch einmal um Haaresbreite verfehlt. – Da ist Askaargud, er ist schneller zur Stelle als die Sanitätskommandos.« Die Kontrollkabine setzte wenige Meter entfernt auf. Askaargud und Catherc sprangen hinaus. »Wir müssen sofort ins Kontor!«, rief der Akone. »Falls ein ähnlich großer Brocken auf das bewohnte Gebiet niedergegangen ist ...« Er sprach nicht zu Ende, sondern ließ die leicht verletzte Frau und die beiden Techniker einsteigen. »Wir bringen dich zur Medostation, Eleva«, fügte er hinzu, als sie die Lippen zusammenpresste, um ihre Schmerzen zu verbeißen. Sekunden später war die Kabine schon wieder in der Luft und flog in Richtung des Kontors. Über die grüne Landschaft von Arxisto erstreckte sich eine gut zwei Kilometer lange grauweiße Verwerfung des Kreideschlamms und erhob sich an die zweihundert Meter in die Höhe. Nur die Ausläufer der zerklüfteten, an manchen Stellen zuckenden Masse hatten die Straße erreicht und sie auf etwa fünfzig Metern Länge verschüttet. »Dieser Brocken ist größer als alles, was uns vorher erreicht hat«, sagte Catherc beeindruckt. »Woher kommt das Zeug?« Darauf konnte ihm niemand eine Antwort geben. »Wir können nur hoffen, dass Arxisto-Park von ähnlichen Bomben verschont geblieben ist«, meinte Askaargud. Zwischen den Gebäuden des Kontors und des Wohnbezirks waren nirgends ähnliche Einschläge zu erkennen, das registrierten sie während des Anflugs schon von Weitem. Dennoch war das Siedlungsgebiet nicht verschont geblieben. In der Luft tummelten sich Schwärme grotesk anmutender bläulich schimmernder Organismen, die entfernt an Quallen erinnerten. Sie hatten kürbisgroße Körper mit kranzförmig angeord neten tentakelartigen Auswüchsen und klammerten sich an allem fest, was ihnen gerade in die Quere kam – egal ob Mensch oder Maschine. Einige dieser fremdartigen Lebewesen stürzten sich sofort auf die Kabine und saugten sich daran fest. Den anderen Schwebern, Gleitern und Mannschaftsplattformen, mit denen Arbeiter aus der Umgebung nach Arxisto-Park zurückflogen, erging es nicht anders. Zu Tausenden bevölkerten die quallenartigen Geschöpfe den Luftraum über dem Kontor und dem Wohngebiet. »Erst liefern wir Eleva in der Medostation ab, danach fliegen wir zum Hauptkontor«, sagte Askaargud. »Staball wird jede Hilfe brauchen, um 8


dieser Bedrohung Herr zu werden. Schade, dass Gwen Corlin nicht hier ist, sondern sich irgendwo im Dschungel herumtreibt. Er könnte uns bestimmt wertvolle Ratschläge für die Jagd auf diese Biester ge ben.« Eleva Draton war für eine ganze Weile weggetreten. Schockzustand. Erst nach der Behandlung fand sie allmählich ihre Sinne zusammen, sodass sie die Geschehnisse verstand. »Es ist eine Katastrophe«, schimpfte Doc Lorghen, der sie persönlich behandelte und dabei auf die Assistenz eines Medoroboters verzichtete. »Diese Vorgänge haben das Versorgungsnetz zusammenbrechen lassen. Nahezu alle Geräte sind ausgefallen. Wir können uns nur noch auf uns selbst verlassen. Du scheinst wieder in Ordnung zu sein, Eleva, trotzdem muss ich dich in stationärer Behandlung behalten.« Er wandte sich seinen nächsten Patienten zu. Draton hätte gern ein wenig geschlafen, fand aber keine Ruhe, weil ständig bewaffnete Kontorbedienstete an ihrem Krankenlager vorbeihasteten. Von draußen klangen schmerzerfüllte Schreie und Befehle zu ihr herein, und einmal erschien dicht unter der Decke des Krankenzimmers eine der grässlichen Quallen. Das Biest, von einem Paralysestrahl aus der Luft geholt, klatschte neben ihr auf den Boden. Wenig später saugte ein Reinigungs roboter den Kadaver auf. »... Wohnbezirk C-siebzehn-Nord muss evakuiert werden ...« Saul fiel ihr ein. Ihr Gelegenheitsgefährte hatte sich eine 53-StundenSchlafdosis gönnen wollen, nachdem er drei Tage durchgearbeitet hatte. Saul wohnte im Bezirk C-siebzehn-Nord. Wenn er seine Absicht ver wirklicht hatte, schlief er vermutlich immer noch wie ein Murmeltier und bekam von den Geschehnissen nichts mit. Sie musste ihn warnen. Eleva Draton nahm das Bildsprechgerät neben dem Bett und tippte Sauls Anschluss. Er meldete sich nicht. Sie schlug Alarm, doch niemand schenkte ihr Gehör, in der Medosta tion hatte jeder andere Sorgen. Sie rief eine Frau zu sich, die den Ordnerdienst versah, und bat sie, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Saul zu wecken und ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Die Frau versprach ihr Möglichstes, aber ihrer Stimme war anzumerken, dass sie Elevas Sorge nicht teilte. Da beschloss Draton, auf eigene Faust zu handeln. Sie fühlte sich durchaus in der Lage, den Wohnbezirk C-siebzehn-Nord aufzusuchen. 9


In dem allgemeinen Durcheinander fiel sie nicht auf, als sie sich durch die Reihen der auf Behandlung wartenden Patienten wand. Sie verließ die Medostation und fuhr auf dem Bodengleiter einer Evakuierungs mannschaft mit. Der Trupp war für den Wohnbezirk abgestellt worden, in den sie ebenfalls wollte. Die Fahrt durch den Schnelltransporttunnel dauerte nur wenige Minuten. Eleva hatte den Mitgliedern der gemischten Mannschaft so in den Ohren gelegen, dass sich zwei Frauen bereit erklärten, mit ihr zu Sauls Wohnung zu gehen. Sie fanden ihn inmitten von einem Dutzend Quallenkadavern. Er musste die Scheusale geradezu erwürgt haben, denn seine Hände waren nur mehr schwärende, vom Nesselgift zerfressene Klumpen. Und Sauls Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ungläubig starrte Eleva auf seine leeren, verbrannten Augenhöhlen. »Du bekommst dein Augenlicht zurück«, redete sie ihm schluchzend zu. »Ganz bestimmt. Keine Implantate, sondern richtige Augen. Oder willst du mehr sehen als bisher, Infrarot, ein anderes Spektrum ...?«

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Pr hc 121 leseprobe