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Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung M체nster Fachbereich Sozialwesen

Diplomarbeit im Studiengang Soziale Arbeit

Tabuisierung und Enttabuisierung von Sexualit채t im Alter

vorgelegt von

Hannah Weinz Matr.-Nr.: 321097 am: 27. August 2009

Erstleser: Prof. Dr. rer. soc. Friedrich Dieckmann Zweitleserin: Dipl. Soz. p채d. Ann-Kathrin Kahle


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis IMPRESSIONEN - STATT EINES VORWORTES .....................................3 1.

EINLEITUNG.......................................................................................5

2.

ALTER UND ÄLTER-WERDEN ..........................................................8 2.1. 2.2. 2.3. 2.4. 2.5.

3.

Der Begriff „Alter“ .........................................................................8 Demographische Faktoren...........................................................9 Theorien des Alterns ..................................................................10 Altersbilder .................................................................................15 Zusammenfassung.....................................................................17

ALTERSSEXUALITÄT ......................................................................18 3.1. Was ist Sexualität? – ein Definitionsversuch..............................18 3.2. Sexualität im Alter – Interesse, Aktivität und Genuss.................20 3.2.1. Sexuelles Interesse älterer Männer ....................................20 3.2.2. Sexuelles Interesse älterer Frauen .....................................21 3.2.3. Sexuelle Aktivität älterer Männer und Frauen .....................22 3.2.4. Der Genuss von Sexualität im Alter ....................................25 3.2.5. Zusammenfassung .............................................................25 3.3. Einflüsse auf Alterssexualität .....................................................26 3.3.1. Körperliche Veränderungen und Einflussfaktoren...............26 3.3.2. Krankheit als Einfluss aus Alterssexualität..........................27 3.3.3. Biographische, psychosoziale und gesellschaftliche Einflussgrößen auf Sexualität im Alter ..............................................29 3.4. Auswirkungen von gelebter Sexualität .......................................31 3.5. Zusammenfassung.....................................................................31

4. DIE LEBENSUMSTÄNDE VON ALTEN MENSCHEN IN DEUTSCHLAND ......................................................................................32 4.1. 4.2. 4.3. 4.4. 4.5. 4.6. 5.

Äußere Lebensbedingungen......................................................32 Die Bedeutung und der Einfluss von Familie auf alte Menschen33 Das soziale Netzwerk alter Menschen außerhalb von Familie...36 Sind alte Menschen allein und einsam?.....................................37 Das Wohnerleben älterer Menschen..........................................38 Zusammenfassung.....................................................................40

TABU VON SEXUALITÄT IM ALTER ...............................................41 5.1. Der Begriff „Tabu“ ......................................................................41 5.2. These über das Tabu von Sexualität im Alter ............................43 5.3. Die Analyse des Tabus „Alterssexualität“...................................43 5.3.1. Die Makrosystemebene ......................................................44 5.3.1.1. Generelle Normen und Sexualmoral............................44 5.3.1.2. Normen zur Alterssexualität.........................................48 5.3.1.3. Sexualität und Alterssexualität in den Medien .............51 5.3.1.4. Sexualität und Alterssexualität in der Kunst.................55 5.3.1.5. Sexualität und Alterssexualität in den Religionen ........58 5.3.2. Die Exosystemebene ..........................................................60 5.3.2.1. Alterssexualität in Alten- und Pflegeheimen.................61


Inhaltsverzeichnis

5.3.2.2. Alterssexualität im Gesundheitssystem .......................64 5.3.3. Die Mikrosystemebene .......................................................65 5.3.3.1. Das Tabu von Alterssexualität innerhalb der Familie...65 5.3.3.2. Alterssexualität im außerfamiliären sozialen Umfeld ...67 5.4. Fazit und Zusammenfassung.....................................................67 5.5. Auswirkungen des Tabus von Alterssexualität...........................70 6. ENTTABUISIERUNG DURCH SCHAFFUNG UND ERWEITERUNG VON HANDLUNGSSPIELRÄUMEN ........................................................72 6.1. Angebote und Programme für alte Menschen............................72 6.1.1. Arbeit mit Paaren und Alleinstehenden...............................74 6.1.1.1. Sexual- und Paarberatung oder -therapie....................74 6.1.1.2. Workshops, Kurse, Trainings.......................................79 6.1.1.3. Enttabuisierung der Alterssexualität in Alten- und Pflegeheimen.................................................................................81 6.1.1.4. Stärkung des Wohlbefindens durch positives Wohnerleben .................................................................................83 6.1.1.5. Enttabuisierung durch Ratgeber und Beratungsführer.84 6.1.2. Arbeit mit alten Menschen, die unter sexuellen Problemen leiden 86 6.2. Enttabuisierung in der Arbeit mit Berufsgruppen in der Altenarbeit 88 6.2.1. Wissensvermittlung in Aus- und Weiterbildung ...................88 6.2.2. Bewusste Auseinandersetzung und Reflexion mit der eigenen Sexualität.............................................................................89 6.2.3. Reflexion des eigenen Umgangs mit Alterssexualität .........90 6.2.4. Voraussetzungen und Umsetzung einer offenen Kommunikation .................................................................................90 6.2.5. Enttabuisierungsvorschläge für Pflegesituationen ..............91 6.3. Enttabuisierung auf der gesellschaftlichen Ebene .....................92 6.3.1. Veränderungen im medialen und künstlerischen Bereich ...92 6.3.2. Enttabuisierung durch sexualpädagogische Maßnamen für Jugendliche .......................................................................................93 6.4. Zusammenfassung.....................................................................94 7.

FAZIT ................................................................................................95

LITERATURVERZEICHNIS .....................................................................99


Impressionen - statt eines Vorwortes

Impressionen - statt eines Vorwortes „Drei Bullen stehen auf der Weide und sehen auf eine Herde Kühe, die entfernt weidet. Der jüngste Bulle: ’Schaut mal, da kommen ja auf jeden von uns drei Kühe!’ Der mittlere: ‚Ach, eine wäre doch gut.’ Darauf der älteste: ‚Wenn wir uns ducken,sehen sie uns nicht.’“ Ulrich Clement (2004): Systemische Sexualtherapie, Stuttgart, S. 104

Hartmut Radebold: Unter Psychoanalytikern war 1970 noch Freuds These verbreitet, dass mit dem Klimakterium die Libido der Frau nachlässt. Das heißt: Eine 70-jährige Frau mit sexuellen Bedürfnissen galt als hochgradig gestört. Bei meinen Patientinnen zwischen 60 und 80 war das immer wieder eine zentrale Frage: Darf man solche Bedürfnisse haben? Seit kurzem widmet sich Pro familia der Sexualberatung Älterer. Im Altenheim ist es ein Riesenthema, wer mit wem was macht und hat. Hildegard Radebold: Und wie! Eifersuchtsdramen sind das. Hartmut Radebold: In Wahrheit ist die Aversion der Jüngeren gegen dieses Thema oft das größte Problem. Einem verwitweten Vater gesteht man vielleicht noch zu, dass er wieder eine Frau sucht, auch für seine sexuellen Bedürfnisse. Aber wenn eine Mutter als Witwe eine neue Beziehung eingeht, wird der Psychiater geholt, ob sie dement ist. Und der Pfarrer, der ihr zureden soll. Insbesondere die Söhne gehen auf die Barrikaden. Hildegard Radebold: Als Jugendliche habe ich meinen Bruder gefragt: „Glaubst du, dass bei unseren Eltern noch was läuft?" SPIEGEL: Was würden denn Ihre Kinder heute von Ihnen denken?

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Impressionen - statt eines Vorwortes

Hartmut Radebold: Och, die denken, dass ihre Eltern eine befriedigende sexuelle Beziehung haben. Hildegard Radebold: Unsere Tochter hat das sogar ausgesprochen. Hartmut Radebold: Hat sie das gesagt? Hildegard Radebold: Ja, als sie sich mit einem Freund über uns unterhalten hat. Hartmut Radebold: Ach! Aus: SPIEGEL GESPRÄCH „Alt sind nur die anderen“. Der Alternsforscher Hartmut Radebold (74) und seine Frau Hildegard (67) über das Älterwerden als Lernprozess, das Leben mit der Angst vor dem Verfall und Sex mit siebzig, Der Spiegel Nr. 35/24.8.09

Foto Y. Nagasaki 1989 in: Liebe. Augenblicke der Menschlichkeit, München 2003, S. 146

4


Einleitung

1. Einleitung Als ich mich mit möglichen Diplomarbeitsthemen auseinander setzte und mich dann entschied, die Sexualität älterer Menschen in den Blick zu nehmen, berichtete ich auch meinem nähern sozialen Umfeld davon. Viele der Reaktionen von ungefähr gleichaltrigen Freunden waren nicht unbedingt positiv. Fragen und Aussagen wie, „wer will das denn wissen?“ und „das ist doch ekelig!“ bekam ich nicht selten zu hören. Wahrscheinlich entschied ich mich gerade deshalb, das Tabu genauer zu untersuchen und Überlegungen anzustellen, wie eine Enttabuisierung möglich sein kann. Im Laufe der Bearbeitung des Themas und dem damit einhergehenden Wissen, das ich mir aneignete, wurde mir immer deutlicher bewusst, welche Wichtigkeit die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat: Ich musst feststellen, dass die Recherche für manche der für die Arbeit wichtigen Bestandteile höchst mühsam und anspruchsvoll ist, was aber angesichts des Titels kaum verwunderlich ist. Wenn etwas tabu ist, wird es wohl kaum in der Literatur thematisiert werden. Dennoch konnte ich verschiedene Bereiche, die für das Thema „Tabuisierung und Enttabuisierung von Sexualität im Alter“ von Bedeutung sind, beleuchten und die entscheidenden Erkenntnisse zusammenstellen. In den ersten drei Kapiteln werde ich Informationen, die für die Bearbeitung des Themas Alterssexualität grundlegend sind, darstellen. Hierzu werde ich zunächst in Kapitel 2 den Begriff „Alter“ und demographische Entwicklungen in unserer Gesellschaft erläutern. Durch eine Einführung in die Theorien

des

Alterns

wird

ein

Überblick

über

Aufgaben,

Anpassungsschwierigkeiten und –möglichkeiten geben, die aus psychosozialer Perspektive für erfolgreiches Altern von Bedeutung sind. Abschließend werden Selbstbild der alten Menschen und Einstellungen und Erwartungen jüngerer gegenüber älteren Menschen in dem Abschnitt „Altersbilder“ vorgestellt. In Kapitel 3 werden wichtige Fakten hinsichtlich der Alterssexualität beschrieben. Hierzu wird zuerst der Begriff „Sexualität“, mit all seinen Aspekten, definiert. Daran 5


Einleitung

anschließend werden Untersuchungen, die sich mit sexuellem Interesse und sexueller Aktivität von älteren Männern und Frauen, sowie dem Genuss von Sexualität befassen, dargestellt. Einflüsse auf die Sexualität älterer Menschen werden

anhand

von

körperlichen

Veränderungen,

Krankheiten

und

biographischen, psychosozialen und gesellschaftlichen Faktoren wiedergegeben. Zuletzt werden die Auswirkungen, die eine gelebte Sexualität auf das Leben älterer Menschen hat, aufgezeigt. Das Kapitel 4 beschäftigt sich inhaltlich mit für die Lebensumstände von alten Menschen wichtigen Bestandteilen. Hierzu gehören äußere Lebensbedingungen wie Wohnsituation, finanzielle Gegebenheiten, Mobilität, Gesundheitszustand und Lebenszufriedenheit

sowie

Bedeutung

und

Einfluss

von

familiären

und

außerfamiliären sozialen Netzwerken. Auch das Wohnerleben älterer Menschen wird in die Lebensumstände mit einbezogen. Nachdem die grundlegenden Informationen, die eine Erarbeitung des Themas Tabuisierung und Enttabuisierung von Alterssexualität ermöglichen, gegeben wurden, wird nun in Kapitel 5 eine ausführliche Analyse des Tabus anhand des ökosystemischen Ansatzes von Bronfenbrenner angestellt. Zunächst wird der Begriff des Tabus genauer beschrieben. Eine von mir entwickelte These über das Tabu bietet eine erste Idee und Einleitung in die Analyse. Für auf der Makrosystemebene relevante Aspekte des Tabus werden hier Normen zur Sexualität und Alterssexualität und Darstellungen von Sexualität und Alterssexualität in Medien, Kunst und Religion beschrieben. Auf der Ebene der Exosysteme wird das Tabu in Altersheimen und innerhalb des Gesundheitssystems betrachtet. Der Umgang mit Alterssexualität innerhalb der Familie und aus Sicht des außerfamiliären sozialen Netzwerke wird auf der Mirkosystemebene vorgestellt. Abschließend wird durch eine Zusammenfassung und ein Fazit noch einmal ein Überblick über das Tabu gegeben und Auswirkungen des Tabus aufgezeigt. Kapitel 6 befasst sich mit Ideen und Anregungen, wie eine Enttabuisierung geschehen könnte. Anhand von Sexual- und Paartherapie und Beratung, Workshops, Kursen und Trainings, Literatur für die Zielgruppe alter Menschen 6


Einleitung

sowie Umgangs- und Veränderungsmöglichkeiten in Alten- und Pflegeheimen und in der allgemeinen Wohnsituation werden Vorschläge für die konkrete Arbeit mit alten Menschen gegeben. Für

die

Arbeit

mit

in

der

Altenarbeit

berufstätigen

Menschen

werden

Wissensvermittlung, ausführliche Reflexion der eigenen Sexualität und des Umgangs mit Alterssexualität, Anregungen, die eine offene Kommunikation ermöglichen,

und

konkret

die

Pflegesituation

betreffende

Empfehlungen

beschrieben. Um eine Enttabuisierung auf der gesellschaftlichen Ebene zu erreichen, werden mediale, künstlerische und gesellschaftliche, insbesondere von der Jugend bewirkte Einflüsse dargestellt. Im Fazit wird die gesamte Arbeit mit den wichtigsten Aussagen noch einmal kritisch in den Blick genommen. Ob eine Enttabuisierung überhaupt sinnvoll und notwendig ist, und, wenn ja, wie dies tatsächlich geschehen kann und was hierzu noch notwendig ist, wird den Abschluss der Arbeit ausmachen.

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Alter und Älter-Werden

2. Alter und Älter-Werden In diesem Kapitel soll ein Überblick über die verschiedenen Bereiche, die für die Thematik Alter und Älter-Werden von Bedeutung sind, gegeben werden. Nach einer Annäherung an den Begriff „Alter“ werden zuerst die bezüglich der heutigen älteren Menschen wichtigsten demographischen Faktoren erläutert, um im Anschluss unterschiedliche Theorien vorzustellen, die sich mit verschiedensten Modellen von Anpassung an den Alterungsprozess beschäftigen. Wie alte Menschen in unserer Gesellschaft gesehen werden und welches Bild ältere Menschen selbst von sich und dem Altsein haben, wird zum Abschluss erläutert.

2.1. Der Begriff „Alter“ Wann genau der Übergang vom mittleren zum höheren Erwachsenenalter eintritt, kann nur schwer genau definiert werden, weil sich die menschliche Entwicklung in einem immer weiter fortschreitenden Prozess vollzieht und es nicht möglich ist, den exakten Zeitpunkt zu benennen, ab wann eine Person alt ist, bzw. ab wann eine Person den Stereotyp des hohen Alters erfüllt. Die

einfachste

Methode,

den

Übergang

vom

mittleren

zum

höheren

Erwachsenenalter festzulegen, ist es, die Anzahl der Lebensjahre als Maß zu nehmen. Diese Festlegung beschreibt das chronologisch oder kalendarisch höhere und hohe Erwachsenenalter (vgl. Stuart-Hamilton (1994), S. 13-13), wobei unter höherem Erwachsenenalter die Zeit vom 65. bis zum 80. Lebensjahr und unter hohem Erwachsenenalter die Zeit ab dem 80. Lebensjahr verstanden wird (vgl. Lindenberger/Scharfer (2008), S. 366). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterteilt die zweite Lebenshälfte noch differenzierter: Menschen zwischen dem 60. und 75 Lebensjahr werden als ältere, zwischen dem 75. und 90. Lebensjahr als alte, ab dem 90. Lebensjahr als sehr alte oder hochbetagte und ab dem 100. Lebensjahr als langlebige Menschen bezeichnet (vgl. Rosenmayr (1990), S. 36). Wegen der Willkürlichkeit dieser Grenzziehung zwischen mittleren, höherem und hohem Alter ist die Angabe des chronologischen Alters allein unzureichend, um den Zustand eines Menschen zu beschreiben (vgl. Stuart-Hamilton (1994), S. 13).

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Alter und Älter-Werden

Auch die Gerontologie siedelt den Übergang in das Alter oder zumindest in das Schwellenalter zwischen dem 60. und 65. Lebensjahr an, da zu diesem Zeitpunkt nachweislich einige physische und psychische Veränderungen eintreten. Durch

bestimmte

Rollen

und

Verhaltensweisen,

die

wegen

sozialer

Wertvorstellungen und Organisationsstrukturen innerhalb einer Gesellschaft von einem Menschen erwartet werden, und durch die Zuschreibung einer bestimmten Position auf Grund von Einstellungen, Orientierungen, Informations- und Reifestand, kann das soziale Alter beschrieben werden (vgl. Schroeter (2004), S. 8). In der westlichen Kultur wird die Beendigung des Berufslebens in Verbindung mit einem ruhigen, gesetzten Lebensstil gebracht, was den Eintritt ins Alter ab dem 60. Lebensjahr bedeutet (vgl. Stuart-Hamilton (1994), S. 14). Das psychische Alter wird vom Individuum durch eigene Empfindungen und Wahrnehmungen selbst konstruiert, wie alt das Individuum sich fühlt, wie es den eigenen altersbedingten Zustand selbst deutet und wie es seine Verhaltenweisen und Aktivitäten dementsprechend angleicht (vgl. Schroeter (2004), S. 9). Biologisches Altern beginnt bereits ab dem 30. Lebensjahr, allerdings so langsam und unscheinbar, dass die Auswirkungen des biologischen Alterns erst ab der sechsten Lebensdekade sichtbar werden. Die Abnahme von komplexen Funktionen ist aber nicht nur mit dem Alter zu begründen, ebenfalls spielen Krankheiten, an denen ein Mensch im Laufe seines Lebens gelitten hat, eine wichtige Rolle in den wahrnehmbaren Veränderungen eines alten Körpers. Aus medizinischer Sicht sind deutliche Kennzeichen des Altseins, dass die Funktionstüchtigkeit von Harn-, Verdauungs-, Herz- und Blutkreislaufsystem abnehmen. Weiterhin verringern sich Muskelmasse und –stärke. Durch diese Einschränkungen verschlechtert sich auch die Tätigkeit des Gehirns, was wiederum die psychischen Leistungen negativ beeinflusst. Sinnesorgane können so beeinträchtigt sein, dass Wahrnehmungen der verschiedenen Sinne nicht mehr miteinander in Verbindung gebracht werden können und so kein integriertes Ganzes entstehen kann (vgl. Stuart-Hamilton (1994), S. 13-29).

2.2. Demographische Faktoren Auf Grund zunehmender Langlebigkeit und Rückgang der Geburtenrate hat sich die

Bevölkerungszusammensetzung

im

letzten

Jahrhundert

zunehmend 9


Alter und Älter-Werden

verschoben hin zu einer „ergrauenden Welt“ (Lehr (2007), S. 30). Im Gegensatz zu früheren Zeiten ist Tod und Sterben hauptsächlich zu einem Thema für die ältere Generation geworden (vgl. Lehr (2007), S. 30-41). Die Lebenserwartung der Menschen nimmt heute noch immer weiter zu. So lag die durchschnittliche Lebenserwartung eines in Deutschland geborenen Kindes nach der Sterbetafel 2003/2004 bei 76,2 Jahren für Jungen und bei 81,8 Jahren für Mädchen. Die aktuelle Sterbetafel 2004/2006 zeigt einen weiteren Anstieg der Lebenserwartung an: 76,6 Jahre für Jungen und 82,1 Jahre für Mädchen. Im Vergleich zwischen der Sterbetafel 2003/2004, laut der die weitere Lebenserwartung der 60-jährigen Männer

und Frauen bei 20,3, bzw. 24,3 Jahren lag, und der Sterbetafel

2004/2006, die 60-jährigen Männern und Frauen eine Lebenserwartung von weiteren 20,6 bzw. 24,5 Jahren zugesteht, wird deutlich, wie schnell sich die Langlebigkeit der heutigen älteren Menschen erhöht (vgl. Statistischen Bundesamt Deutschland (2007)). Nach Vorausrechnungen des Statistischen Bundesamtes wird der Anteil der älteren Menschen in der Gesamtbevölkerung von 16% im Jahr 2000 auf 29% im Jahr 2050 steigen, ebenso wird die Zahl der Hochaltrigen in Deutschland nach oben schnellen, nämlich von 4% im Jahr 1998 auf voraussichtlich 11% im Jahr 2050 (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2003), S. 95-98). Es kann also davon ausgegangen werden, dass wegen des immer größer werdenden Anteils älterer Menschen in der Gesamtbevölkerung Themen, die ältere Menschen beschäftigen, auch für die ganze Gesellschaft an Bedeutung zunehmen werden. Auch die grundsätzliche

Auseinandersetzung mit der

Thematik „Alter“ wird für immer mehr Menschen aktuell. Im Folgenden wird sich mit eben dieser Thematik beschäftigt: Was bedeutet “Altern“ und welche Anpassungen an neue Situationen, die mit dem Alter einhergehen, sind möglich und nötig?

2.3. Theorien des Alterns In der heutigen Zeit existiert bereits eine große Anzahl von

psychosozialen

Theorieansätzen über die Lebensphase des Alters. Hier werden einige 10


Alter und Älter-Werden

ausgewählte Alterstheorien kurz erläutert, um einen Einblick in die verschiedenen Ideen und Modelle dieser Ansätze zu ermöglichen. Die Defizitmodelle des Alters orientieren sich an Erkenntnissen der Biologie, die Altern als einen Prozess begreift, in dem physiologische Funktionen kontinuierlich und meist irreversibel eingeschränkt werden und sich zelluläre Strukturen verändern, was zu einer fortschreitenden Anfälligkeit des Körpers für Krankheiten und letztendlich zum Tod führt. Dieses Defizitmodell legte die Psychologie bei ihren ersten Untersuchungen der Alternspsychologie zugrunde. In verschiedensten Studien und Tests wurde hauptsächlich die Intelligenz älterer Menschen im Vergleich zu jüngeren Menschen untersucht. Die von Wechsler (1944) erarbeitete Bellevue-Welcher-Intelligenzskala ermöglichte eine neue und genaue Untersuchung der geistigen Leistungsfähigkeit. Ergebnis war, dass es zwar altersbeständige Aspekte der geistigen Leistungsfähigkeit gibt, wie z.B. allgemeines

Wissen,

praktische

Urteilsfähigkeit

sowie

die

Fähigkeit

zur

Aufmerksamkeit und Konzentration, die gesamte Intelligenz aber ab Mitte der 5. Dekade abfällt. Als Ursachen für die abnehmende Intelligenz älterer Menschen wurden verschiedenste Faktoren diskutiert, wie biologische Ursachen, schlechte Ernährung und Hygiene, ein Zusammenhang zwischen körperlichen und geistigen Einschränkungen, Armut und unzureichende intellektuelle Stimulation. Ausgehend von diesem ersten Modell folgten andere Theorien, die versuchten, den Abbau im Alter alternativ zu erklären (vgl. Lehr (2007), S. 46-53). Qualitative Verlaufmodelle beschreiben Übergang

ins

höhere

qualitative Veränderungen, die beim

Erwachsenenalter

eintreten

können.

Hier

ist

die

gerodynamische Theorie des Alterns nach Schroots (1995) zu nennen als Beispiel für ein modernes qualitatives Verlaufsmodell. In Anlehnung an die System- und Chaostheorie stellt Schroots die Idee vor, dass lebende Systeme mit steigendem Alter eine Zunahme von Unordnung erleben, die das lebende System letztendlich sterben lassen.

An dem so genannten Transformationspunkt aber kann ein

System sich durch Selbstorganisation von Unordnung befreien und eine neue Ordnung aufstellen. Schroots meint, dass im Leben eines Menschen immer wieder Verzweigungen, kritische Punkte, auftreten, an denen neue Strukturen höherer (zum Beispiel ein tieferes Wohlbefinden, Stärke und Reife) oder niedrigerer 11


Alter und Älter-Werden

Ordnung (zum Beispiel Störungen, Morbidität und Tod) erreicht werden. Menschen

können

demnach

gestärkt

oder

geschwächt

aus

kritischen

Lebensphasen heraus gehen, was ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflusst (vgl. Lehr (2007), S. 53-56). Theorien des erfolgreichen Alterns gehen von einer stabilen Lebenssituation eines Menschen aus. Mit zunehmendem Alter wird diese durch Lebensereignisse instabiler. Lebenszufriedenheit kann erreicht werden, wenn die Anpassung an den Prozess des Alterns gelingt. Die Art und Weise, wie erfolgreiches Altern möglich ist, wird von zwei sehr gegensätzlichen Theorien beschrieben. In der Aktivitätstheorie (zum Beispiel nach Tartler, 1961) wird Aktivität und das Bestreben, eine Funktion in der Gesellschaft zu haben, als Schlüssel zur Lebenszufriedenheit

gesehen.

Das

Erwachsenenalters

beizubehalten,

die

Aktivitätsniveau Kompensation

des der

mittleren

aufgegebenen

Berufstätigkeit, das Aufrechterhalten sozialer Kontakte sowie verlorene soziale Kontakte durch Tod anderweitig zu ersetzen, werden als besonders wichtig erachtet. Im Gegensatz dazu steht die Disengagement-Theorie (zum Beispiel nach Cumming und Henry, 1961), die besagt, dass ältere Menschen gerade dann zufriedener werden, wenn die sozialen Kontakte weniger werden und sie sich eine gewisse Form sozialer Isolierung gönnen können. Aktiv sein im Alter sei für die Auseinandersetzung mit dem Tod kontraproduktiv, so lautet die Kritik an der Aktivitätstheorie. Eine große Anzahl von Modifikationen der DisengagementTheorie, die Faktoren wie qualitative Umstrukturierung der Kontakte, individuelle Komponenten, die Verschiebung sozialer Aktivität in den unterschiedlichen Lebensbereichen und vorübergehendes Disengagement in Belastungssituationen beinhalten, machen das große Interesse an diesem Modell und die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der Thematik „soziale Kontakte älterer Menschen“ deutlich. Lehr et al. konnten 1987 feststellen, dass beide Theorie-Ansätze zutreffend sein können

je

nach

rollen-,

situations-

und

persönlichkeitsspezifischen

Reaktionsweisen. Die Kontinuitätstheorie nach Atchley (1989, 1997) setzt für erfolgreiches Altern die Kontinuität innerer und äußerer Strukturen voraus. Mit innerer Kontinuität ist das 12


Alter und Älter-Werden

Beibehalten von Fähigkeiten, Einstellungen, Eigenschaften, etc. gemeint. Äußere Kontinuität meint das Leben und Verhalten in vertrauter Umgebung, vertraute Handlungen und Interaktionen. Als ausschlaggebend wird das Festhalten an der eigenen Identität über Veränderung hinweg betrachtet (vgl. Lehr (2007), S. 56-66). Zu den Wachstumstheorien zählen die Theorien, die davon ausgehen, dass ältere Menschen

ein

Wachstum

in

Richtung

Reife

und

Weisheit

erleben.

Dementsprechend definierte Ryff (1991) Faktoren für das Wohlbefinden, dessen Ausbildung

und

Persönlichkeit

Weiterentwicklung führen.

zu

Wachstum

Selbstakzeptanz,

und

Autonomie,

Erweiterung

der

Beherrschung

der

Umgebung, Ziele im Leben zu haben und die Entwicklung positiver Beziehungen sind

die

zentralen

Bedingungen

für

Wohlbefinden.

Ebenfalls

zu

den

Wachstumstheorien gehört die Idee, dass im Alter eine bestimmte Weisheit erreicht werden kann. Weisheit kann einerseits als Wissen in Hinblick auf die Lösung von Problemen im alltäglichen Leben und als eine Suche nach dem Sinn des Lebens verstanden werden (Clayton, 1982), andererseits kann Weisheit die höchst mögliche Reife der Persönlichkeit im Sinne von Ich-Integrität bedeuten (Orwoll, Perlmutter, 1990). Die Gerotranszendenz (zum Beispiel Tornstam), ein weiterer den Wachstumstheorien zugehöriger Ansatz, beschreibt ein Wachstum der Persönlichkeit im Alter, das kosmisch und transzendent geprägt ist. Hier ist gemeint, dass ältere Menschen unter anderem ein anderes Verständnis von Zeit und Raum haben, Selbstbezogenheit abnimmt, materielle Dinge an Wichtigkeit verlieren, oberflächlich erlebte Kontakte abgebrochen werden und die Angst vor dem Tod deutlich geringer wird (vgl. Lehr (2007), S. 66-69). Kognitive Theorien des Verhaltens, der Gefühle und der sozialen Interaktion beschäftigen sich mit der subjektiven Wahrnehmung und Interpretation in Bezug auf einen bestimmten Reiz, wobei Art und Intensität der Reaktion auf diesen Reiz abhängig sind von eben dieser subjektiven Wahrnehmung. Innerhalb dieser kognitiven Theorie spricht die Psychogerontologie davon, dass eine Anpassung an Probleme des Alterns gelingen kann, wenn das Gefühl persönlicher Kontrolle gegeben ist. Hilflosigkeit und Defizite des psychischen Zustandes können so unterbunden werden, stattdessen ist Kompetenzsteigerung möglich (vgl. Lehr (2007), S. 69-70). 13


Alter und Älter-Werden

Den Einfluss der kulturellen Aspekte auf die Lebensumstände älterer Menschen untersuchen die kulturanthropologischen Alterstheorien. Hier ist die Modernitätstheorie nach Cowgill und Holmes (1972) zu nennen. Das generalisierte negative Bild des Alterns, der schlechter werdende soziale Status und die vernachlässigte Versorgung von alten Menschen sei eine Folge der Modernisierung der Gesellschaft. Kritik an dieser Modernitätstheorie wurde angesichts der großen interkulturellen Unterschiede bezüglich des Altersbildes laut, so ist Japan zum Beispiel ein hoch modernes und industrialisiertes Land, in dem die alten Menschen aber einen besonders guten Status haben (vgl. Lehr (2007), S. 72). Ergebnisse empirischer Forschung machen deutlich, dass erfolgreiches Altern nicht durch eine Bedingung oder einen Faktor zu erklären ist. Deswegen beschäftigt sich das interaktionistische Modell der Bedingungen von Langlebigkeit und Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden mit genau diesen Aspekten, die Langlebigkeit und Wohlbefinden im Alter ermöglichen. Diskutiert wurden und werden Bedingungen aus den verschiedensten Lebensbereichen: genetische, biologische

und

physiologische

Einflüsse,

Persönlichkeitsentwicklung

in

Abhängigkeit von Sozialisationsprozessen, epochale Folgen und ökologische Faktoren, Umweltgegebenheiten, Ernährung, subjektiver Gesundheitszustand, geistige Leistungsfähigkeit, sowie Lebensstil, Aktivität, Bildung, Beruf, sozialer Status und soziale Zuwendung. Diese Bedingungen stehen im direkten oder indirekten Zusammenhang, beeinflussen sich gegenseitig und wechselwirkend. Als Kriterien für erfolgreiches Altern wurden Langlebigkeit, psychophysiologischer Funktionsstatus, die Fähigkeit zur sozialen Interaktion und subjektive Kriterien wie Zufriedenheit genannt (vgl. Lehr (2007), S. 72-75). Es wurde deutlich, wie viele unterschiedliche Anpassungsmodelle an den Alterungsprozess denkbar sind. Obwohl sich die Theorien teilweise schon in ihrer Grundidee widersprechen, gibt es doch das gemeinsame Ziel des erfolgreichen Alterns.

Die

Anwendungsmöglichkeiten

und

Wirkungsweisen

dieser

Anpassungsvorschläge sind sicherlich individuell verschieden und auch – wie sich

14


Alter und Älter-Werden

im späteren Kapitel über die Lebensumstände älterer Menschen noch zeigen wird - von psychischen, physischen und sozialen Faktoren mitbestimmt.

2.4. Altersbilder Um festzustellen, wie sich alte Menschen selbst sehen, sich selbst beschreiben und was ihnen wichtig ist, soll im Folgenden zunächst das Selbstbild alter Menschen erläutert werden. Im Anschluss daran wird ein Überblick darüber gegeben, wie die Gesellschaft ältere Menschen erlebt, welche Erwartungen Jüngere an ältere Menschen haben und welches Verhalten ihnen zugesprochen wird. Dies wird über die Beschreibung des Fremdbildes, bzw. der Einstellungen gegenüber dem Altern geschehen. Ein positives Selbstbild hat die Funktion, den psychischen Status eines Menschen zu stabilisieren. Die gerontologische Selbstbildtheorie von Markus und Herzog (1991) spricht von einem „dynamischen Selbstbild“, das beeinflusst wird von sozialem Aspekten, wie Beruf, Familiestand, Gesundheit, Geschlecht und Kultur. Der Grad von Selbstachtung, sowie Wohlbefinden und die Steuerung des eigenen Verhaltens entstehen durch das „Selbst“ eines Menschen. Mögliche Selbstbilder werden jene Bilder genannt, die Motive und Ziele für die Zukunft betreffen. Wenn diese Ziele für die Zukunft verändert oder korrigiert werden in Richtung eines realistischen

Prozesses

des

Älterwerdens,

kann

Anpassung

an

die

Herausforderungen des Alters und eine positivere Einstellung dem eigenen Selbst und dem Alter gegenüber gelingen (Lehr (2007), S. 155-159). Ab wann sich ältere Menschen selbst als „alt“ bezeichnen, hat sich in den letzten Jahren verändert. Waren es in den 60er Jahren noch die Mehrheit der über 70jährigen, die sich selbst als alt bezeichneten, so waren es 1989 nur noch 26% der 70- bis 75-jährigen (vgl. Tews (1991), S. 24). Es hat sich gezeigt, dass ältere Menschen ihr eigenes Selbstbild beschreiben im Bezug auf Aspekte wie Freizeitgestaltung, Tagesabläufe und Routine, aber auch gesellschaftliche Teilhabe und Gesundheit, bzw. Krankheit (vgl. Freund (1995)). Selbstwertgefühl und Selbstwertschätzung sind im Alter häufig stärker ausgeprägt als bei Jüngern, was auf größere Selbst- und Lebensakzeptanz zurückzuführen ist. 15


Alter und Älter-Werden

Anders verhält es sich bei dem Köperselbstbild, was Attraktivität, körperlichsexuelles Empfinden sowie die Betonung des körperlichen Erscheinungsbildes umfasst. Hier haben ältere Menschen, Frauen noch eher als Männer, ein negativ gefärbtes Bild als jüngere Menschen (vgl. Gunzelmann/ Brähler et al. (1999), Lehr (2007), S. 155-159). Das Bild, das die Gesellschaft von alten Menschen hat, wird bis heute mit Isolation, Vereinsamung, Abhängigkeit, Hilfebedürftigkeit und dem Abbau, bzw. dem Verlust von Kompetenzen in Verbindung gebracht. Seit den 80er Jahren hat sich das Bild aber leicht verbessert. Im Blick auf die Jahre davor sprach Butler (1975) sogar von einem „age-ism“, was vergleichbar ist mit der Diskriminierung von alten Menschen. Wie stark ausgeprägt das negative Bild der jüngeren Menschen vom Alter ist, hängt ab von Lebenssituation und –alter der Jüngeren. Es hat sich gezeigt, dass Jüngere mit zunehmendem eigenen Lebensalter älteren Menschen mehr möglichen Verhaltensweisen zu gestehen. Trotzdem bleibt insgesamt ein deutlicher Unterschied zwischen dem Altenbild der jüngeren und der älteren Menschen, so dass vieles, was ältere sich noch zutrauen und gerne umsetzen würden, im Gegensatz zu dem steht, was Jüngere von ihnen erwarten und

zu

trauen.

Diese

Rollenerwartung,

die

an

die

älteren

Menschen

herangetragen wird, trägt entscheidend dazu bei, dass sich die Älteren erst bewusst werden, dass sie alt sind. Weiterhin lässt sie die Sorge, ihr von sich selbst gewünschtes Verhalten könne lächerlich wirken, ihr Verhalten an die Erwartungen anpassen, was zur Folge hat, dass das negative Bild der Jüngeren noch weiter vertieft wird. Für die älteren Menschen hat das aufgezwungene „altersgemäße“ Verhalten die Konsequenz, dass das Alter als Belastung und von Einschränkungen bestimmt empfunden werden kann. Thomae bringt es in seiner Aussage auf den Punkt: „Altern ist heute primär soziales Schicksal und erst sekundär funktionelle oder organische Veränderung“(1968, 1989). (vgl. Lehr (2007), S. 199-204)

In den Medien wird das Bild alter Menschen entweder extrem negativ oder extrem positiv dargestellt. Das negative Bild ist geprägt von schwerer Krankheit, Pflegebedürftigkeit und schlecht ausgestatteten Altenheimen, so dass alte 16


Alter und Älter-Werden

Menschen bei Konsumenten der Medien als „Opfer von Krankheit und Leiden“ (Lehr (2007), S. 330) wahrgenommen werden. Fiktive Serien und Spielfilme, sowie Werbesendungen hingegen zeigen ältere Menschen, die gesund, attraktiv und aktiv sind, was nur bei einer kleinen Minderheit der älteren Menschen real der Fall ist. Interessant ist weiterhin, dass in dem Medium Fernsehen ältere Männer öfter als ältere Frauen gezeigt werden, obwohl es tatsächlich deutlich mehr ältere Frauen als Männer gibt. Dieser Zustand unterstreicht die negative Meinung der Gesellschaft über ältere Frauen (vgl. Lehr (2007), S. 329-331, Backes/ Clemens (2003), S. 58-61).

2.5. Zusammenfassung Es gibt immer mehr und immer ältere alte Menschen in unserer Gesellschaft, wobei das Verständnis des Begriffes „Alter“ und auch die Vorstellung darüber, wer alt ist und wer nicht alt ist, sowohl von gesellschaftlichen Stereotypen als auch von persönlichen Faktoren und Standpunkten abhängt. Weiterhin variieren die Ideen, welche Aufgaben im Alter zu bewältigen sind und wie das Leben im Alter erfolgreich gelingen kann, in die unterschiedlichsten Richtungen. Am auffälligsten ist die große Diskrepanz zwischen dem, wie ältere Menschen sich selbst einschätzen, was sie sich zutrauen und was jüngere Menschen von ihnen erwarten.

17


Alterssexualität

3. Alterssexualität Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den wichtigsten Facetten von Sexualität im Zusammenhang mit Alter. Nach einer Einleitung, die sich damit beschäftigt, was der

Begriff

Sexualität

beinhaltet,

wird

ein

Überblick

über

aktuelle

Forschungsergebnisse zur Alterssexualität gegeben. Was sexuelles Interesse, sexuelle Aktivität und sexuelles Erleben im Alter beeinflusst, wird im Anschluss dargestellt.

3.1. Was ist Sexualität? – ein Definitionsversuch Der Begriff Sexualität ist erst seit ca. 1800 nachweisbar und ist bis heute größtenteils nicht erforscht. Zunächst wurden unter Sexualität nur biologische und geschlechtsspezifische Aspekte verstanden, zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Begriffsverständnis erweitert auf Zeugung und Fortpflanzung. In den letzten Jahren bemühte man sich, zusätzlich anthropologische, medizinische, psychologische, Perspektiven

ethnologische,

mit

moralische,

einzubeziehen,

so

dass

juristische durch

und

den

pädagogische

Geschlechtstrieb

hervorgerufene Verhaltens- und Erlebnisformen in das Sexualitätsverständnis integriert wurden. Davon ausgehend wurde auch menschliche Lust thematisiert und als Motivation und Funktion von Sexualität verstanden (vgl. Kluge(1984), S.67). Im 19. und weit ins 20. Jahrhundert hineingehend wurde der Sexualtrieb als ursächlich für menschliches Sexualverhalten betrachtet. Man ging davon aus, dass sexuelle Spannung sich fortlaufend aufbaut, bis sie im Sexualakt wieder abgebaut wird oder sich in sexuellen Impulshandlungen, verstanden als Triebausbruch, entlädt (vgl. Schmidt (2005), S. 55). Freud entwickelte innerhalb seiner psychoanalytischen Theorie eine differenzierte Trieb-Lehre. Trieb bedeutet eine

„psychische

Repräsentanz

einer

kontinuierlichen

fließenden,

innersomatischen Reizquelle“ (Freud (1961), S. 43), so dass Seelisches und Körperliches deutlich voneinander abgegrenzt werden. Ein Trieb kann als Arbeitsanforderung für das Seelische verstanden werden, er entsteht durch einen erregenden Reiz eines Organs und sein Ziel ist es, diesen Reiz zu entladen. Dies gilt gleichermaßen für die Sexualität wie für Hunger oder Schlaf, wobei Sexualität zwar als biologisch-somatisch verankert, aber auch als leibseelisches Geschehen 18


Alterssexualität

verstanden wird. Triebe sind gesellschaftlichen Einflüssen gegenüber offen, so dass Sexualität und persönliche Sexualziele durch Kultureinflüsse wie Normen und Regelungen verändert und der Realität angepasst werden (vgl. Fricker/ Lerch (1976), S. 18-24). Ein neueres Modell, das die Idee von sexueller Motivation als ausschlaggebende Kraft für ein Sexualverhalten, das jegliche denkbare sexuelle Verhaltensweise meint, vorstellt, bietet eine Alternative zur Trieb-Theorie. Das ZweikomponentenModell von Whalen, das Schmidt weiter ausbaute und in Deutschland bekannt machte, unterscheidet zwischen Erregbarkeit und Erregung. Erregbarkeit wird hier als physische Bereitschaft verstanden, die „einerseits von Hormonen, andererseits von Lernvorgängen beeinflusst wird und deshalb beim einzelnen Menschen (zeitweise) und von Mensch zu Mensch in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden ist“ (Kluge (1984), S. 7). Die aktuelle Intensität der sexuellen Stimulation wird Erregung genannt. Erregung ist nur möglich durch Erregbarkeit, wobei das Niveau der Erregung abhängig ist von „dem Grad der Entwicklung der Erregbarkeit und dem situativen Moment“ (Kluge (1984), S. 7). In Abgrenzung zur Trieb-Theorie bezieht dieses Modell nicht nur intraindividuelle sondern auch interindividuelle Aspekte mit ein, so dass Lernvorgänge, Kultur und Gesellschaft als Einflussgrößen auf das Sexualverhalten in Betracht gezogen werden. Ebenfalls von großer Bedeutung für Sexualverhalten und sexuelle Motivation ist der soziale Kontext, der sich in Form von Einstellungen, Normen und Wertehaltungen äußern kann, sowie das Verständnis des Sexualverhaltens als besonders intensive Form von Kommunikation (vgl. Kluge (1984), S. 6-8). Ein Definitionsversuch von Sexualität im psychologischen Wörterbuch (2009) fasst zentrale Aspekte wie folgt zusammen: Sexualität ist „ein mehrdeutiger Begriff, der sowohl die reine Geschlechtlichkeit des Männlichen und Weiblichen bedeutet wie auch den Geschlechtstrieb mit seiner besonders weit reichenden Variation und Ausstrahlung und seiner kulturellen Gestaltungskraft.“ (Häcker/ Stapf (Hg.) (2009), S. 909) Sie umfasst die Gesamtheit aller Lebensäußerungen, die durch das Geschlecht bestimmt sind. Sexualität ist nicht reduzierbar auf ein bloßes physiologisches Bedürfnis, da anders als bei Hunger, Durst, etc. keine eindeutige Sättigung des 19


Alterssexualität

Bedürfnisses erkennbar ist. Sexuelles Verhalten äußert sich durch körperlichnervliche Reizung der Geschlechtsorgane mit „intensiver persönlicher Beteiligung“ (Häcker/ Stapf (Hg.) (2009), S. 909), wobei es keine Rolle spielt, ob dies allein oder mit dem anderen oder gleichen Geschlecht geschieht. Es bleibt zu diskutieren, inwieweit sexuelles Verhalten als instinktives oder als gelerntes Verhalten zu deuten ist. Die verschiedensten Ausformungen von Sexualität sind abhängig von kulturell-gesellschaftlichen Strukturen, Normierungen, Riten und Bräuchen (vgl. Häcker, Stapf (Hg.) (2009), S. 909-910).

3.2. Sexualität im Alter – Interesse, Aktivität und Genuss Sexuelles Interesse und sexuelle Aktivität älterer Menschen wurde bisher nur wenig erforscht. Die Studien, die sich dennoch mit dieser Thematik befasst haben, untersuchten sexuelles Interesse und Erleben von älteren Männern und Frauen und Einflussfaktoren, wie körperliche Veränderungen und Krankheit (vgl. Grond (2001), S. 9). Um festzustellen, ob Sexualität überhaupt eine Rolle im Leben älterer Menschen spielt, werde ich in diesem Kapitel einen Überblick über Interesse, Aktivität und Zufriedenheit geben. Anschließend werden mögliche Einflussfaktoren auf Alterssexualität benannt und kurz erläutert.

3.2.1. Sexuelles Interesse älterer Männer In einer Befragung von 641 Männern und 857 Frauen zwischen 45 und 91 Jahren in der deutschsprachigen Schweiz untersuchten Bucher et al. das sexuelle Interesse in Abhängigkeit vom Alter. Gefragt wurde nach dem Wunsch nach Zärtlichkeit, Petting und Geschlechtsverkehr, sowie nach sexuellem Verlangen und sexuellen Träumen, Fantasien und Gedanken. Die Ergebnisse machen deutlich, dass sexuelles Interesse bis ins hohe Alter hinein bestehen bleibt. In allen befragten Kategorien bleibt das Interesse bei Männern zwischen 45 und 74 Jahren nahezu unverändert. Der Wunsch nach Petting steigt sogar, so äußern 87,6% der Männer zwischen 45 und 49 Jahren den Wunsch nach Petting, bei den 70- bis 74-jährigen Männern sind es 91,7%. 20


Alterssexualität

Erst ab dem 75. Lebensjahr verringert sich das Interesse, besonders deutlich scheint der Wunsch nach Geschlechtsverkehr abzunehmen (88,9% der Männer zwischen 70 und 74 Jahren wünschen sich Geschlechtsverkehr, aber nur noch 61,2% der Männer ab 75 Jahren), im Gegensatz zu dem Interesse an Zärtlichkeit, die sich 92,8% der Männer ab 75 Jahren immer noch wünschen.

3.2.2. Sexuelles Interesse älterer Frauen Die Mehrheit der Frauen hat ebenfalls bis ins hohe Alter hinein sexuelles Interesse, allerdings ist das Interesse weniger ausgeprägt als bei den Männern. Wünsche nach Zärtlichkeit bleiben bei den Frauen zwischen 45 und 69 Jahren auf einem relativ konstanten Niveau (Frauen zwischen 45 und 49 Jahren wünschen sich zu 100% Zärtlichkeit, bei Frauen zwischen 65 und 69 Jahren sind es 98,2%). Ab dem 70. Lebensjahr scheint dieser Wunsch sprunghaft abzunehmen (bei den Frauen zwischen 70 und 74 Jahren sind es 85,2%, bei den Frauen ab 75 Jahren sind es nur noch 75%). Auch der Wunsch nach Petting nimmt bei den Frauen früher und deutlicher ab als bei den Männern. So wünschen sich nur 82,0% der Frauen zwischen 65 und 69 Jahren Petting, Frauen zwischen 70 und 74 äußern den Wunsch zu 64,9% und Frauen ab 75 nur noch zu 34,5%. Ähnlich verhält es sich bei dem Wunsch nach Geschlechtsverkehr. Hier nimmt der Wunsch im Laufe der Jahre kontinuierlich ab, ab dem 65. Lebensjahr dann in größeren Sprüngen, trotzdem wünschen sich immer noch 46,7% der Frauen ab dem 75. Lebensjahr Geschlechtsverkehr. Das sexuelle Verlangen steigt bei den Frauen zwischen 60 und 64 Jahren noch einmal auf 94,1% an, sinkt dann aber parallel zu dem Wunsch nach Geschlechtsverkehr mit zunehmendem Alter ab. Sexuelle Gedanken, Fantasien und Träume geben 86,1% der Frauen zwischen 65 und 69 Jahren an, danach sinkt der Wert auf 45,7% bei den Frauen ab 75 Jahren. Insgesamt zeigt sich, dass nur eine kleine Minderheit (0,8% der Männer und 2,9% der Frauen) gar kein sexuelles Interesse mehr hat, wobei Männer häufiger starkes und Frauen eher mittleres bis schwaches Interesse äußern (vgl. Bucher et al. (2001), S. 38-42).

21


Alterssexualität

Andere Untersuchungen zeigen, dass 1/4 bis 1/3 der älteren Frauen und 12% der älteren Männer Sexualität als bedeutungslos betrachten. Beide Geschlechter sind hier von Altersveränderungen beeinflusst, wobei diese Veränderungen bei Männern deutlichere Auswirkungen zeigen. Auch die „Beziehungsgeschichte“ erweist sich als bedeutsamer Faktor: Frauen, die in unehelichen oder erst kurz verheirateten Partnerschaften leben, empfinden Sexualität wichtiger, als bereits lang verheiratete Ehefrauen (vgl. Sydow (1991). 71% der 50- bis über 70-jährigen Frauen, die in Partnerschaft leben, haben ein mittleres bis starkes sexuelles Interesse. Bei den 50- bis 80-jährigen Ehefrauen haben 71% sexuelles Interesse, bei den gleichaltrigen unverheirateten, aber in Partnerschaft lebenden Frauen sind es 100% (vgl. Brecher (1971)).

3.2.3. Sexuelle Aktivität älterer Männer und Frauen Mit der Frage nach sexuellem Kontakt innerhalb des letztes Jahres im Zusammenhang mit der Frage nach der Lebensform erhoben Klaiberg et al. 2001 die sexuelle Aktivität in Abhängigkeit von Partnerschaft von 566 Männern und 714 Frauen zwischen 51 und 92 Jahren in Deutschland. Insgesamt zeigt das Ergebnis einen deutlichen Abfall von sexueller Aktivität mit zunehmendem Alter bei beiden Geschlechtern. In der Gruppe der 51 bis 60-jährigen geben 89,0% der Männer und 85,6% der Frauen, die in Partnerschaft leben, an, im letzten Jahr intimen Kontakt gehabt zu haben. Bei den 61- bis 70-jährigen Männern und Frauen sind es 69,7% bzw. 63,0%. Die Werte sinken in der Altersgruppe der 71- bis 80Jährigen auf 41,8%, bzw. 37,0% und bei der Altersgruppe der über 80-Jährigen auf 30,8% bzw. 25,0%. Hier wird schon deutlich, dass Männer auch im höheren Lebensalter sexuell aktiver sind als Frauen. Bei der Betrachtung der sexuellen Aktivität derer, die nicht in einer Partnerschaft leben, prägt sich der Geschlechterunterschied noch gravierender aus. In der jüngsten Altersgruppe sind 55,3% der Männer und 23,3% der Frauen, in der Gruppe der 61- bis 70-Jährigen sind 21,7% der Männer und 8,1% der Frauen und in der Gruppe der 71- bis 80-Jährigen sind 10,5% der Männer und 3,7% der Frauen sexuell aktiv. 0% der über 80-jährigen Frauen sind im letzten Jahr mit

22


Alterssexualität

jemandem intim gewesen, aber immer noch 7,1% der Männer (vgl. Klaiberg et al. (2001), S. 108-144). Eine andere Untersuchung von Gunzelmann et al., in der 1299 Männer zu sexueller Aktivität im letzten Jahr in Abhängigkeit von Partnerschaft befragt wurden, bestätigt diese Ergebnisse: Sexuelle Aktivität steigt ab dem 26. Lebensjahr an (von 63,3% bei den bis 25-jährigen Männern auf 88,9% bei den 26bis 35-jährigen Männern), bleibt relativ konstant bis zum Alter von 55 Jahren (84,6%) und nimmt ab dem 56. Lebensjahr langsam wieder ab. Erstaunlich ist, dass die 56- bis 65-jährigen Männer sexuell aktiver sind (72,2%) als die 18- bis 25-jährigen Männer (63,4%). Welch großen Einfluss eine Partnerschaft auf sexuelle Aktivität hat, wird hier ebenfalls sehr deutlich (so sind zum Beispiel 95,4% der 26- bis 35-jährigen Männer, die in Partnerschaft leben, sexuell aktiv, in der gleichen Altersgruppe sind es aber nur 79% der nicht in Partnerschaft lebenden Männer). Diese Differenz prägt sich mit zunehmendem Alter immer intensiver aus, so dass sie bei den über 75-jährigen sexuell aktiven Männern auf das sechsfache ansteigt (32,3% der in Partnerschaft und nur 5,3% der ohne Partnerschaft lebenden Männer sind sexuell aktiv) (vgl. Gunzelmann (2004)). In der bereits oben erwähnten Untersuchung von Bucher et al. wurden die Männer und Frauen nicht nur zur sexuellen Aktivität sondern auch zu der Form der Aktivität befragt. Männer im Alter bis 69 Jahre berichten zu 92,9% von Zärtlichkeiten im Alltag, ebenso wie 80,0% der über 75-jährigen Männer. Die Frauen hingegen erleben solche Zärtlichkeiten ab dem 60. Lebensjahr deutlich weniger (73,8%). Ab dem 75. Lebensjahr sinkt die Zahl weiter auf 39,4%. Auch sexuelle Aktivität in Form von Petting findet bei Männern häufiger statt als bei Frauen. Der Anzahl der Männer zwischen 45 und 69 Jahren, die von Petting berichten, schwankt zwischen 78,4% und 83,7% und nimmt danach ab. Männer ab 75 Jahren erleben Petting noch zu 54,3%. Bei den Frauen nimmt die Häufigkeit ab dem 45. Lebensjahr kontinuierlich ab (von 74,5% bei 45- bis 49-Jährigen auf 21,9% der über 75-Jährigen). Männer haben bis zum 74. Lebensjahr mehrheitlich Geschlechtsverkehr (59,5% der Männer zwischen 70 und 74 Jahren). Danach sinkt die Zahl auf 33,8%. Die Anteil der Frauen, die mit zunehmendem Alter Geschlechtsverkehr haben, nimmt stärker ab. Bei den 45- bis 49-Jährigen sind es noch 84,4% , bei den über 75Jährigen sind es nur noch 8,1% (vgl. Bucher et al. (2001), S. 44-49). 23


Alterssexualität

Geschlechtsverkehr findet bei den meisten Paaren bis Mitte/Ende der 60er Lebensjahre statt, auch zu Beginn der 70er Lebensjahre ist noch 1/3 der Paare koital aktiv (vgl. Sydow (2000)). Das Durchschnittsalter, in dem der Koitus beendet wird, liegt bei Frauen bei ca. Anfang 60, bei Männern bei 68. Initiator für die Beendigung des Geschlechtsverkehrs ist in 67% der Fälle der Mann (vgl. Sydow (1992),

S.

108)

Interessensverlust.

auf Oft

Grund führt

von

auch

die

Krankheit, Angst

Potenzproblemen

vor

Impotenz

zu

oder einem

Vermeidungsverhalten des Mannes. Dieses wird von den Frauen in der Regel unterstützt,

einerseits

aus

Rücksichtnahme

andererseits

aufgrund

der

Befürchtung, nicht mehr attraktiv genug zu sein (vgl. Sydow (1993), S. 122). In 33% der Fälle, in denen die Frau die koitale Aktivität beendet, sind die Gründe Partnerverlust,

emotionale

Zerrüttung,

Beziehungsunzufriedenheit,

Interessensverlust, sexuelle Probleme oder Krankheit, aber auch die vermutete Impotenz des Mannes (vgl. Sydow (1992), S. 108). Meist bedeutet die Beendigung des Geschlechtverkehrs auch die generelle Abwendung von sexueller Aktivität. Nur 2% der Frauen berichten, dass sie sexuell aktiv sind, obwohl Sexualität in Form von Geschlechtsverkehr nicht mehr stattfindet (vgl. Sydow (1992), S. 109). Sexuelle Aktivität in Form von Selbstbefriedigung findet bei Frauen

deutlich

seltener statt als bei Männern. Die Häufigkeit der Selbstbefriedigung nimmt jedoch bei beiden Geschlechtern über die Lebensjahre langsam ab. Trotzdem praktizieren noch 35,3% der Männer und 28,1% der Frauen ab 75 Jahren Selbstbefriedigung (vgl. Bucher et al. (2001), S. 44-49). Bei einer Gegenüberstellung von sexuellem Interesse mit der tatsächlichen Aktivität wird deutlich, dass ein „interest-activity-gap“ (Sydow (1992), S. 110) besteht: Zärtlichkeit, Petting und Geschlechtsverkehr finden bei mehr als der Hälfte von Männern und Frauen weniger statt als gewünscht. Die Differenz von Gewünschtem und Erlebten ist bei den Frauen höher als bei Männern (z.B. beträgt die Lücke bezüglich Petting bei den Männern 56,2%, bei den Frauen 65,1%). Nur die Kluft für Geschlechtsverkehr ist bei den Männern häufiger (54,0% der Männer, 48,5% der Frauen). Dieses Ergebnis scheint altersunabhängig zu sein (vgl. Bucher et al. (2001), S. 50-51).

24


Alterssexualität

3.2.4. Der Genuss von Sexualität im Alter 2/3 der sexuell aktiven Paare berichten, dass sie ihre gemeinsame Sexualität genießen und Orgasmen haben – unverheiratete noch mehr als verheiratete (Brecher (1984)). Brecher fand heraus, dass 63% der Frauen und 93% der Männer meistens zum Orgasmus kommen, 37% der Frauen und 7% der Männer haben selten oder nie einen Orgasmus. Innerhalb einer Ehe berichten 76% der Frauen und 87% der Männer von hohem Genuss der gemeinsamen Sexualität, was den Ergebnissen von Sydow entspricht (vgl. Sydow (1994), S. 77). Der sexuelle Genuss bei Frauen zwischen 50 und 91 Jahren siedelt sich meist im mittleren Bereich an (57%), einige beschreiben den Genuss als gering (26%) und wenige als hoch (5%) oder nicht vorhanden (35%)(vgl. Sydow (1992), S. 110). Nicht selten erleben Frauen das Ende der sexuellen und koitalen Aktivität als Befreiung: 42% der Frauen zwischen 50 und 91 Jahren ist es egal, dass die koitale Aktivität beendet ist, 12% empfinden es sogar als positiv. Dies ist ein möglicher Hinweis für eine geringe sexuelle Selbstbestimmung dieser Frauen. Dass die Beendigung, wie bereits weiter oben erklärt, meist durch den Mann initiiert wird, bestätigt dieses Ergebnis. Nur 1/3 der Frauen finden es negativ, dass die koitale Aktivität eingestellt wurde (vgl. Sydow (1992), S. 108). Bei Männern nimmt die sexuelle Zufriedenheit im Alter ab, dies kann daran liegen, dass sie ihre eigene Aktivität an den Normvorstellungen jüngerer Männer messen. Der Abnahme sexueller Zufriedenheit steht der Anstieg der partnerschaftlichen Zufriedenheit gegenüber. Diejenigen Männer über 50 Jahren, die zufriedener sind als andere gleichaltrige Männer, hatten im letzten Jahr mehr sexuelle Kontakte, sind fähig, Liebe zu schenken und eigene Wünsche zu äußern. Außerdem sind sie in der Lage, viel von sich preiszugeben, sind aufgeschlossen, fähig zu vertrauen und verhalten sich in interpersonellen Partnerschaften weniger expansiv. In der Mehrheit sind die jüngeren unter den älteren Männern, die sich gesund fühlen und in Partnerschaft leben, zufriedener (vgl. Klaiberg et al. (2001)).

3.2.5. Zusammenfassung Insgesamt lässt sich bei beiden Geschlechtern eine Abnahme des sexuellen Interesses und der sexuellen Aktivität feststellen. Trotzdem bleibt Sexualität für 25


Alterssexualität

viele ein bedeutungsvolles Thema. Besonders angesichts des „interest-activitygap“ Legt sich die Frage nahe, ob es noch andere Bedingungen außer dem bloßen Interesse am Ausleben von Sexualität gibt, die die sexuelle Aktivität beeinflussen. Diese Faktoren sollen im nächsten Abschnitt vorgestellt werden.

3.3. Einflüsse auf Alterssexualität Warum verändern sich sexuelles Interesse und Verhalten im Alter? Welche Einflüsse bewirken den Rückgang an Aktivität und Interesse? Warum gibt es eine Differenz zwischen sexuellem Interesse und Aktivität? Faktoren, die diese Fragen beantworten können, sollen hier erläutert werden, wobei zu beachten ist, dass die hier aufgeführten Untersuchungen kaum genaue Aussagen darüber geben können, welche Einflussgröße Interesse und Aktivität in welcher Art verändert. Man muss wohl davon ausgehen, dass die verschiedenen möglichen Aspekte wechselwirksam sind und zirkulär wirken.

3.3.1. Körperliche Veränderungen und Einflussfaktoren Körperliche Einflussfaktoren sind wichtige Determinanten für die Ausprägung von sexuellem Interesse und sexueller Aktivität. Die sexuellen Reaktionen beider Geschlechter verändern sich im Alter und sind bei den Frauen in der Regel schwächer ausgeprägt als bei den Männern (vgl. Sydow (2003), S. 12). Zwischen dem 45. und 52. Lebensjahr beginnt bei Frauen die Menopause. Das Ende der Menstruation bedeutet für viele Frauen nicht nur das Ende der Fruchtbarkeit, sondern symbolisiert auch den Abschluss eines Lebensabschnitts, denn häufig gehen mit dieser bedeutsamen Veränderung auch Veränderungen sozialer Bezüge einher, wie zum Beispiel das Erwachsenen-Werden der Kinder und ein eventuelle Auszug. Hinzu können Hitzewellen, Schlafstörungen, Depressionen, Gelenk- und Rückenschmerzen den Ablauf der Wechseljahre erschweren. Ausgelöst wird die Menopause durch hormonelle Veränderungen, der Östrogen- und Progesteronspiegel nimmt ab (vgl. Sydow (1993), S. 107-108).

26


Alterssexualität

Das Dünnerwerden der Haut um Vulva und Scheide, sowie eine Abnahme der Fähigkeit zur Lubrikation sind die Folge. Dennoch bleiben sexuelle Erregbarkeit und Orgasmusreaktion erhalten (vgl. Sydow (2008), S. 416-417). Obwohl Männer in der Regel auch in hohem Alter noch zeugungsfähig bleiben, sind sie stärker von sich verändernden sexuellen Reaktionen beeinflusst (vgl. Merbach/ Beutel/ Brähler (2003), S. 8-9). Bereits nach der Adoleszenz nimmt die Potenzfähigkeit eines Mannes langsam fortschreitend ab (vgl. Schumann (1980), S.14), so dass sich der sexuelle Reaktionszyklus eines Mannes im hohen Alter wie folgt verhält: Schon in der ersten Phase, der Erregungsphase, benötigt ein älterer Mann mehr Zeit und mehr Stimulation, um eine Erektion zu erreichen. Die sich anschließende Plateauphase nimmt ebenfalls mehr Zeit in Anspruch, der Drang zur Ejakulation wird schwächer, und die Ejakulation tritt später ein. Volumen des Ejakulats und Intensität des Orgasmus nehmen ebenfalls ab. Die Auflösungsphase hingegen wird kürzer. Um eine erneute Erektion zu erreichen wird deutlich mehr Zeit beansprucht (vgl. Merbach/ Beutel/ Brähler (2003), S. 8-9).

3.3.2. Krankheit als Einfluss aus Alterssexualität Der Gesundheitszustand eines älteren Menschen kann großen Einfluss auf sexuelles Interesse und Verhalten haben, wobei auch hier der Einfluss bei Männern ausgeprägter ist als bei Frauen. Ein Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand und Sexualität besteht bei Frauen eher wegen des Gesundheitszustandes des Partners (vgl. Sydow (1994), S. 19). Zwar nimmt die sexuelle Aktivität manchmal nur deshalb ab, weil Unsicherheit bezüglich einer Verschlimmerung der Krankheit durch sexuelle Aktivität besteht, nicht selten wird eine Krankheit als Vorwand gebraucht wird, um sexuelle Aktivität einzuschränken oder zu beenden. Trotzdem können körperliche Einschränkungen einen realen Einfluss auf sexuelle Aktivität bedeuten. Ob und wie intensiv, hängt stark von Art und Schwere der Krankheit und auch von dem Umgang mit der Einschränkung ab. Im Folgenden werde ich einige Beispiele geben, um den Einfluss von Krankheit und Medikamenten auf Sexualität aufzuzeigen:

27


Alterssexualität

Psychopharmaka können Erektions- und Erregungsfähigkeit stark einschränken, Medikamente gegen Bluthochdruck vermindern ebenfalls die Potenzfähigkeit eines Mannes. Diabetes bedeutet für beide Geschlechter eine starke Einschränkung des sexuellen Verhaltens. Männer sind von Impotenz bedroht, Frauen leiden unter deutlich verlangsamter Lubrikation. Menschen, die an kardiovaskulären Krankheiten leiden, sind sexuell weniger aktiv. Dies liegt meist an der Angst beim Geschlechtsverkehr an einem plötzlichen Herztod zu sterben, obwohl dies eher unwahrscheinlich ist. Bei einer Brustoperation und sogar bei einer Mastektomie sind Frauen nur gering weniger sexuell aktiv. Auch eine Hysterektomie bedeutet aus medizinischer Sicht kein Verzicht auf sexuelles Verhalten. Wenn die Aktivität dennoch eingeschränkt wird, ist dies in der Regel psychisch zu begründen. Die zusätzliche Entnahme der Eierstöcke kann jedoch zu sexuellen Problemen führen, da durch die plötzliche Reduzierung des Östrogenhaushaltes bei prämenopausalen Frauen die Wechseljahre künstlich herbeigeführt werden. Viele ältere Männer werden wegen eines Tumors oder wegen einer gutartigen Vergrößerung an der Prostata operiert. Wenn eine Prostataektomie durchgeführt werden muss, bedeutet dies für die Männer Impotenz. Andernfalls sollte keine Beeinträchtigung der Sexualfunktion auftreten. Arthritis bedeutet für beide Geschlechter, dass Bewegungen generell schmerzhaft und erschwert sind. Dies kann zu einer Einschränkung der sexuellen Aktivität führen. In der Regel macht eine Krankheit den völligen Verzicht auf Sexualität nicht notwendig.

Viele

kranke

Menschen

sehnen

sich

sogar

vermehrt

nach

Körperkontakt und Zärtlichkeit. Ein offener Dialog zwischen Ärzten und Patienten sowie zwischen den Partnern ist von sehr großer Bedeutung, wenn es um Ängste und Befürchtungen bezüglich den Einflüssen von körperlicher Einschränkung auf die Sexualität geht (vgl. Sydow (1994), S. 20-25). Sexuelle Probleme können ebenfalls Aktivität und Interesse an Sexualität mindern. Was

ein

sexuelles

Problem

ist,

wird

individuell

sehr

unterschiedlich

wahrgenommen, beispielsweise benennen viele Frauen Anorgasmie nicht als 28


Alterssexualität

sexuelles Problem. Generell werden weibliche sexuelle Störungen weniger benannt

als

männliche.

Mögliche

Probleme

können

Störungen

der

Appetenzphase, der Erregungsphase, der Orgasmusphase sowie Koitusprobleme, aber auch Probleme in der Beziehung sein.

Störungen der Appetenzphase

können eine Ablehnung von Sexualität, sexuellen Interessensverlust oder übersteigertes Interesse beinhalten. Probleme in der Erregungsphase sind wohl am bekanntesten (vgl. Sydow (1994), S. 26-27). Potenzprobleme kennen 60% der Männer und 58% der Frauen zwischen

60

und

91

Jahren

(Starr (1982)).

Frauen

können

ebenfalls

Erregungsprobleme haben, zum Beispiel verminderte Lubrikation. Störungen der Ejakulation, Anorgasmie und mangelnde subjektive Befriedigung gehören zu den Störungen in der Orgasmusphase. 26% der Frauen zwischen 50 und 91 Jahren leiden an Anorgasmie (vgl. Sydow (1992), S. 110), bei Männern zwischen 70 und 80 Jahren, die von Störungen der Ejakulation betroffen sind, steigt die Zahl von 3 auf 35% (vgl. Blanker et al. (2001)). Koitusprobleme beinhalten unter anderem Vaginismus und Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr). Schmerzen beim Koitus ist das am häufigsten benannte Problem von Frauen (Sydow (1994), S. 26-27). Dies ist mit den natürlichen Veränderungen nach dem Klimakterium zu begründen: die verlangsamte Lubrikation und die dünnere Haut von Vulva und Vagina können Blutungen, Verletzungen und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr verursachen (vgl. Sydow (1994), S. 14-15).

3.3.3. Biographische,

psychosoziale

und

gesellschaftliche

Einflussgrößen auf Sexualität im Alter Weitere Faktoren, die unabhängig von körperlichen Veränderungen auftreten und ein schwächer werdendes sexuelles Interesse und verminderte sexuelle Aktivität begründen können, sind biographische, psychosoziale sowie gesellschaftliche Einflüsse. Die heute älteren Menschen wuchsen in ihrer Kindheit und Jugend in einer Zeit auf, in der nur unzureichende Sexualaufklärung durch Schule, Familie und Umfeld stattfand oder sogar völlig fehlte. Hinzu kam eine strikte, aber in Beziehungen

kaum

kommunizierte

(gesellschaftlich

wie

religiös-kirchlich 29


Alterssexualität

formulierte) Sexualmoral und nur wenige Verhütungsmöglichkeiten, was eine freie Entwicklung einer sexuellen Identität deutlich erschwerte. Da viele der älteren Menschen auch heute noch – nach der „sexuellen Revolution“ – von ihrer sexuellen Biographie aus der Jugendzeit stark beeinflusst werden, sind Schuldgefühle wegen ausgelebter Sexualität ohne Fortpflanzungabsichten und – möglichkeiten oder wegen Selbstbefriedung häufig die Folge (vgl. Sydow (1993), S. 12-13). Generell behält das Sexualverhalten zur Jugendzeit eine große Bedeutung für das Sexualverhalten im Alter, auch in positiver Hinsicht, dass zum Beispiel eine liberal ausgelebte Sexualität sich meist durch das ganze Leben hindurchzieht (vgl. Springer-Kremser/ Leithner (1997), S. 7). Das durchschnittliche Sterbealter eines Menschen (in Deutschland) liegt gegenwärtig bei 80 Jahren (vgl. Sydow (1993), S. 105), wobei Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer, die ca. 7 bis 8 Jahre umfasst. Davon ausgehend haben demografische Berechnungen ergeben, dass das Verhältnis der männlichen zur weiblichen Bevölkerung bei den 60- bis 69-Jährigen 2:3 beträgt, bei den 70- bis 89-Jährigen 1:2, und bei den über 90-Jährigen kommen auf einen Mann 3 Frauen. Dieser Frauenüberschuss bzw. dieser Männermangel macht die Chance auf eine neue Partnerschaft für Frauen im hohen Alter nahezu unmöglich, zumal sich die meisten Frauen, dem gesellschaftlichen Ideal entsprechend, einen älteren Partner wünschen. 72 % der über 65-jährigen Frauen leben allein auf Grund von Verwitwung (59%) oder Scheidung (4%) (vgl. Sydow (1994), S. 91-92). Für 1/3 bis 1/2 der Frauen bedeutet dies das Ende der sexuellen Aktivität (vgl. Sydow (1993), S. 126). Der so genannte „double standard of aging“ bedeutet für Frauen eine weitere Einflussgröße auf sexuelle Aktivität. Die Gesellschaft sieht für einen Mann zwei Schönheitsideale vor: den jungen Knaben und den ältern Herren. Frauen hingegen wird nur ein Schönheitsideal zugesprochen, und zwar das des jungen Mädchens. Alter bedeutet für Frauen, die diesem Schönheitsideal entsprechen wollen, automatisch eine Minderung der Attraktivität. Hinzu kommt, dass aus der Sicht der Männer die Attraktivität der Frau eine größere Rolle spielt als

das

umgekehrt der Fall ist (vgl. Sydow (2003), S. 12). Zwar ist ein gut gebauter Körper der Frau für Männer über 60 Jahren nicht mehr ganz so bedeutsam für die Erotik wie für einen jüngeren Mann. Trotzdem bleibt der Geschlechterunterschied, dass

30


Alterssexualität

Frauen den gut gebauten

Körper für die Erfüllung ihrer erotischen Wünsche

deutlich weniger wichtig finden (vgl. Grunzelmann (2004)). 3.4. Auswirkungen von gelebter Sexualität Die Auswirkungen von gelebter zufriedenstellender Sexualität sind nicht nur im Alter bedeutsam für die Lebensqualität. Es konnte festgestellt werden, dass sexuell aktive und zufriedene Männer und Frauen im Alter deutlich mehr Selbstbewusstsein haben als sexuell nichtaktive Männer und Frauen. Mit diesem Selbstbewusstsein geht eine größere Zufriedenheit und ein insgesamt aktiverer Lebensstil einher. Auch das Auf-sich-Achten und die Selbstpflege des Körpers sind positive Auswirkungen von gelebter Sexualität. Somit kann eine erfüllende, gelebte Sexualität ein Quelle für ältere Menschen sein, sich wohler zu fühlen, sich selbst mehr zu umsorgen, und es kann generell eine Quelle sein, aus der ältere Menschen Kraft und Lebensenergie schöpfen können (vgl. Grond (2001) S. 1213).

3.5. Zusammenfassung Obwohl die Mehrheit der älteren Menschen bis ins hohe Alter hinein sexuelles Interesse hat, nimmt die sexuelle Praxis deutlich ab. Die oben genannten Faktoren haben sicherlich Einfluss auf Interesse und Aktivität. Es hat sich aber auch gezeigt, dass körperliche Veränderungen und Krankheiten einen nicht allzu großen Einfluss haben müssen. Befürchtungen und Ängste machen diese Faktoren bedeutsamer als sie sein müssten. Hier wären mehr Transparenz und offene Gespräche, zum Beispiel mit Ärzten, eine Hilfe, damit die Diskrepanz zwischen Interesse und Aktivität kleiner werden kann. Meines Erachtens spielen vor allen Dingen biographische, psychosoziale und gesellschaftliche Einflüsse eine große Rolle. Um die Bedeutung dieser Faktoren zu verringern, müsste ein Umdenken – auch aus der Sicht jüngerer Generationen - hin zu einem selbstbestimmten und selbstbewussten Ausleben von sexuellem Interesse und Aktivität geschehen.

31


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

4. Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland Um zu untersuchen, wie ältere Menschen leben, ihren Alltag gestalten und welche Einflüsse aus der Umwelt auf sie einwirken, sollen in diesem Kapitel die Lebensumstände älterer Menschen beleuchtet werden.

4.1. Äußere Lebensbedingungen Die Lebensumstände älterer Menschen wurden vom Statistischen Bundesamt Deutschland untersucht (zum Beispiel Datenreport). Thematisiert wurden Familienstand, Partnerschaft, Haushaltsgrößen, Lebensstandard, Mobilität und Gesundheit, aber auch das subjektive Wohlempfinden (vgl. zum Ganzen: Noll/ Weick (2008), S. 193-198).

Es zeigte sich, dass sich Haushaltskonstellationen und Partnerschaft mit zunehmendem Alter deutlich verändern. Die Zahl der Verwitweten steigt ab dem 60. bis 64. Lebensjahr stark an (von 1% der 17- bis 59-Jährigen auf 10% der 60bis 64-Jährigen in Westdeutschland) und nimmt immer weiter zu (13% zwischen 65 und 69 Jahren, 27% zwischen 70 und 74, 36% zwischen 75 und 79 und 57% der über 80-Jährigen in Westdeutschland). Ungefähr gleichwertig nimmt die Zahl der Verheirateten im Laufe der Zeit ab. Der Anteil derer, die ohne Partnerschaft leben, wächst ab dem 70. Lebensjahr (29%), so dass bereits 40% der 75- bis 79Jährigen und 67% der über 80-Jährigen in Westdeutschland ohne Partner leben. Dementsprechend vermehrt sich die Anzahl der 1-Personen-Haushalte, in 3- und Mehr-Personen-Haushalten lebt nur ein geringer Anteil der ab 65-Jährigen. Die finanzielle Situation älterer Menschen ist vergleichsweise positiv: die relative Einkommensposition

1

der 60- bis 64-jährigen Deutschen lag 2006 bei 111% , bei

den über 80-Jährigen immerhin noch bei 94%. Mobilität, gemessen an der Verfügbarkeit eines PKW, nimmt ab dem 70. Lebensjahr deutlich ab. Nur 30% der ab 80-jährigen Westdeutschen gaben 2005 an, ständig einen PKW zur Verfügung zu haben und mobil zu sein. Wie zu 1

Die relative Einkommensposition verdeutlicht das eigene Einkommen in Prozentangabe des durchschnittlichen Einkommens der Gesamtbevölkerung in Deutschland (vgl. Noll/ Weick (2008), S. 194)

32


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

erwarten, steigt die Zahl derer, die ihren Gesundheitszustand als weniger gut (33% der ab 80-jährigen Westdeutschen) oder schlecht (14%) beschreiben, mit zunehmendem Alter an, was zu Niedergeschlagenheit (19%), vermehrten Arztbesuchen (89%), Krankenhausaufenthalten (25%),

starken körperlichen

Schmerzen (35%), bis hin zu Pflegebedürftigkeit (30%), sowie eingeschränkten sozialen Kontakten (20%) führen kann. Das subjektive Wohlempfinden wurde gemessen

an

Zufriedenheit

mit

Gesundheit,

Haushalteinkommen

und

Lebensstandard. Im Altersvergleich wird deutlich, dass die Zufriedenheit mit zunehmendem Alter stark abnimmt. Auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden) ordneten die 17- bis 59-jährigen Westdeutschen ihre Zufriedenheit mit der Gesundheit bei 6,9 ein, die 65- bis 69Jährigen hingehen bei 5,9 und die ab 80-Jährigen nur noch bei 5,2. Die Zufriedenheit mit dem Hauhaltseinkommen steigt ab dem 70. Lebensjahr an (von 6,3 bei den 65- bis 69-Jährigen, auf 6,5 bei den 70- bis 79-Jährigen und weiter auf 6,8 bei den ab 80-Jährigen). Bei der Zufriedenheit mit dem Lebensstandard schwankt der Wert in allen Altersgruppen zwischen 7,1 und 7,3, verändert sich also mit zunehmendem Alter kaum. Insgesamt ist festzustellen, dass sich der Gesundheitszustand am deutlichsten auf das subjektive Wohlempfinden im Alter auswirkt, die allgemeine Zufriedenheit im Leben verbessert sich eher.

4.2. Die Bedeutung und der Einfluss von Familie auf alte Menschen Generell hat die Bedeutung von Familie

innerhalb des letzten Jahrhunderts

abgenommen. Trotzdem bleiben Zusammenhalt und gegenseitige Wertschätzung wichtige Eigenschaften für die Mehrheit der Familien. Die Familienstruktur hat sich weiterhin dahin gehend verändert, dass Familienleben sich nicht nur gestaltet als Zusammenleben der Eltern mit ihren Kindern, sondern dass heute auch die Großelterngeneration in das Familiengeschehen aktiver einbezogen wird. Dennoch steigt die Anzahl der Einpersonen-Haushalte an, weil viele der ältern Menschen nach der Trennung oder dem Tod des Ehepartners oder der Ehepartnerin alleine bleiben. Es scheint eher die Ausnahme zu sein, dass die erwachsenen Kinder mit ihren Eltern in einem Mehrgenerationenhaushalt leben. Dies ist häufig darauf zurückzuführen, dass zwar getrennte, aber nahe 33


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

beieinander gelegene Haushalte „innere Nähe“ und gegenseitige Unterstützung erleichtern, mögliche Differenzen in den Familienbeziehungen aber durch eine gewisse räumliche Distanz vermieden werden. Auch sozialstaatliche Maßnahmen, wie das Alterssicherungssystem, unterstützen diese Tendenz, denn Kinder sind nicht mehr zwingend für die finanzielle und materielle Unterstützung ihrer alten Eltern verantwortlich. Für junge wie für alte Menschen sind Familienmitglieder als Teile ihres sozialen Netzwerkes

von

Eheschließung

großer

und

Wichtigkeit.

Kinderreichtum

Angesichts immer

der

seltener

Entwicklung,

werden,

dafür

dass aber

nichteheliche Lebensgemeinschaften stetig wachsen, muss davon ausgegangen werden, dass die Quantität familiärer Netzwerke deutlich abnehmen wird. Nicht nur eigene Geschwister und eigene Kinder nehmen in der Anzahl ab, auch nahe Verwandte wie Schwägerinnen und Schwager, Nichten und Neffen werden weniger. Im Gegenzug wird die Generationenspanne immer größer, VierGenerationen-Familien sind heute keine Seltenheit mehr. Die familiäre Struktur kann sich ebenfalls in ihrer Qualität durch

immer häufiger auftretende

Ehescheidungen und Wiederverheiratungen wandeln. Für ältere Menschen hat dies die Konsequenz, dass verwandtschaftliche Beziehungen, innerhalb derer sozialer Kontakt und Freizeitunternehmungen möglich wären, rückläufig sind und deshalb die Gefahr von sozialer Isolation zunehmen kann. Auch im Falle der Hilfebedürftigkeit sind weniger AnsprechpartnerInnen vorhanden (vgl. Lehr (2007), S. 255-268). Die Bedeutung, Intensität und Zufriedenheit von innerfamiliären Beziehungen ist von vielen Faktoren beeinflusst. So können Altersunterschiede zwischen den Generationen, Scheidung der eigenen Ehe und Scheidung der Ehe der Kinder, gute

oder

schlechte

Beziehung

zu

den

eigenen

Kindern,

zu

den

Schwiegerkindern, zu den Exschwiegerkindern, das Geschlecht, Krankheit, Pflegebedürftigkeit einer Person sowie Engagement die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern nachhaltig beeinflussen (vgl. Lehr (2007), S. 273277). Lang anhaltende Partnerschaften sind meist geprägt von der Geburt der Kinder, Erziehung und Pflege der Kinder, bis diese das Haus verlassen und ein „leeres Nest“ hinterlassen. In der Regel gibt es in den meisten langanhaltenden Paarbeziehungen wellenförmige Phasen des guten und des schwierigen 34


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

Zusammenlebens.

Häufig

führen

Krisensituationen

dazu,

eine

schlechte,

unglückliche Phase in der Partnerschaft zu überwinden und sich gegenseitig zu unterstützen. Lebensübergänge wie z. B. der Moment der Pensionierung haben ebenfalls Auswirkungen auf partnerschaftliches Zusammenleben. Berufstätige Frauen, die in Pension gehen, widmen sich vermehrt dem Familienleben und der Paarbeziehung, gleichen ihre Freizeitgestaltung dem Partner an und richten sich nach ihm aus, so dass sich das Berufsende nach einer kurzen Phase der Umgewöhnung positiv auf die Beziehung auswirken kann. Eine Pensionierung kann aber auch negativen Einfluss ausüben: häufig ist es der Fall, dass sich Frauen vor dem Ruhestand ihres Mannes übersteigerte Vorstellungen machen über die gemeinsame zukünftige Zeit. Die Enttäuschungen über mangelnden Gesprächsstoff, über „zu viel“ Zeit füreinander und über eventuelle Ambitionen des Mannes, sich in den so lange eingespielten Haushalt „einzumischen“ und die täglichen Abläufe zu verändern, können die Anpassung an die Pensionierung auf beiden Seiten erschweren (vgl. Lehr (2007), S. 277-281). Insgesamt wird die Mehrzahl der lang bestehenden Partnerschaften als glücklich erlebt, zumal ältere Ehepaare weniger Probleme in der Beziehung angeben als jüngere Ehepaare (Gilford/Brengston (1979)). Scheidungen sind im Alter zwar immer noch selten, die Tendenz steigt aber. Eine Wiederheirat ist bei älteren Männern 5 bis 6 Mal wahrscheinlicher als bei älteren Frauen (Heekerens (1987)). Mit zunehmendem Alter nähern sich Kinder und Eltern aneinander an, was erkennbar wird durch das Geringer-Werden von Einstellungsdifferenzen und das Wachsen von gegenseitiger Toleranz bezüglich weiterhin bestehender Differenzen (Hagestad (1987)). Mögliche Konflikte können besonders bei Themen über Freizeitgestaltung, Politik, Sexualität, äußeres Erscheinungsbild, sowie Religion und Kindererziehung auftreten, insgesamt wird die Beziehung zwischen alten Eltern und ihren Kindern aber meistens mit großer Nähe und Kontakthäufigkeit beschrieben (Majce/Rosenmayr (1999), Eltern und Kinder sind sich gegenseitig Einflussgrößen. Themen, die das Familienleben betreffen, werden oft miteinander besprochen, mit persönlichen Themen hingegen wenden sich eher die altern Eltern an ihre Kinder als anders herum (vgl. Lehr (2007), S. 286-289). Obwohl die Beziehung zwischen undifferenziert

untersucht

Geschwistern im Alter nur wenig und

wurde,

lässt

sich

festhalten,

dass 35


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

Geschwisterbeziehungen eine besondere Rolle im Leben älterer Menschen einnimmt

und häufig an Bedeutung zunimmt, denn Geschwister teilen

Erinnerungen an die gemeinsam erlebte Kindheit, an familiäre Krisen und an freudige Ereignisse (vgl. Lehr (2007), S. 289-290). Der Kontakt

älterer Menschen zur weiteren Verwandtschaft nimmt mit

zunehmendem Alter in der Häufigkeit ab, was aber mehrheitlich mit Zufriedenheit darüber einhergeht (Lehr (2007), S. 290).

4.3. Das soziale Netzwerk alter Menschen außerhalb von Familie Aufgrund von abnehmender Mobilität, eventuell großer Wohnortentfernung zu den familiären Bezugspersonen und des Anstiegs der Singularisierung, nimmt die Wichtigkeit von sozialen Beziehungen außerhalb der Familien im Alter zu. Freundschaftliche Beziehungen nehmen die wichtigste Rolle unter den sozialen Beziehungen ein (vgl. Lehr (2007), S. 291-292). Lehr und Minnemann (1987) stellten fest, dass bei älteren Menschen, die ihr Leben aktiv gestalten, gerne auf Menschen zugehen, bereit sind Chancen aufzugreifen

und generell positiv

gestimmt sind, die Kontakthäufigkeit mit Freunden zunimmt. Weiterhin berichten jüngere Alte (zwischen 70 und 84 Jahren) im Vergleich gegenüber älteren Alten (über 80 Jahren), im eigenen Haushalt lebende Menschen gegenüber Heimbewohnern, verwitwete gegenüber verheirateten Menschen vermehrt von Freundschaften. Ledige ältere Menschen haben die meisten Freunde (Wagner, Schütze et al. (1996)), wobei hier noch einmal zwischen engeren und weiteren Freundschaften unterschieden werden muss (vgl. Lehr (2007), S. 292-293). Gute Bekannte, die durch häufigeres Zusammentreffen, das Besprechen von alltäglichen Dingen, bzw. das Nichtbesprechen von persönlichen Themen definiert werden, stellen für Frauen im Alter einen wichtigeren Kontakt dar als für Männer, obwohl Bekanntschaften nur selten als Unterstützungspersonen für Notfälle angesehen werden. Trotzdem kommt ihnen die wichtige Rolle zu, vor Isolation und Einsamkeit zu schützen und das alltägliche Geschehen zu bereichern (vgl. Lehr (2007), S. 293-294). Nachbarn zählen nur selten zum sozialen Netzwerk älterer Menschen, ebenso geben sie wenig kognitive und emotionale Unterstützung. Für ältere Menschen, 36


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

deren Beziehung zu ihren Kindern als belastendend empfunden wird und deren außerfamiliäre Kontakte stark eingeschränkt sind, nutzen Nachbarschaftskontakte im Sinne der Aktivitätstheorie. Ältere Menschen hingegen, die sich

als

Vereinsmitglied oder ähnliches aktiver und zufriedener verhalten, zeigen kaum Engagement in der Kontaktpflege mit der Nachbarschaft (vgl. Lehr (2007), S. 294295). Etwa die Hälfte der älteren Menschen engagiert sich als Vereinsmitglied. Auch im Alter von 70 bis 85 Jahren gehört die Tätigkeit im Verein noch für 1/3 zum alltäglichen Leben dazu (vgl. Lehr (2007), S. 295).

4.4. Sind alte Menschen allein und einsam? Wenn man nun die inner- und außerfamiliären Kontakte älterer Menschen betrachtet, stellt sich die Frage nach der so häufig behaupteten Isolation und Einsamkeit im Alter. Isolation kann verstanden werden als objektiver Zustand, der sich an der Zahl der sozialen Kontakte zeigt. Einsamkeit ist eher von der subjektiven Wahrnehmung abhängig, wie sehr sich ein Mensch in das soziale Interaktionsgefüge integriert fühlt, was an die Erwartungshaltung im Hinblick auf Beziehungen und Kontakte geknüpft ist. Es wurde festgestellt, dass sich Frauen häufiger als Männer, Ältere häufiger als Jüngere, Kranke häufiger als Gesunde und Witwen häufiger als alleinstehende, unverheiratete Frauen einsam fühlen. Das Ausmaß der Inaktivität und Langeweile, sowie die Abhängigkeit von anderen Personen nehmen Einfluss auf das Einsamkeitsgefühl. So werden Kinder zum Beispiel oft zur Abhängigkeit „erzogen“, im Alter wird aber Eigenständigkeit erwartet, was zur Folge haben kann, dass sich alte Menschen in eine Krankheit „flüchten“, damit ihr stiller Wunsch nach Hilfe und danach, betreut zu werden, erfüllt wird. Einen deutlich größeren Einfluss auf das Gefühl von Einsamkeit haben bestimmte

Persönlichkeitsaspekte,

wie

ein

negatives

subjektives

Gesundheitsgefühl, Ängstlichkeit, Aktivitätsabnahme, Informationsdeprivation und eine übersteigerte Erwartungshaltung an Beziehungen und Kontakte (vgl. Lehr (2007) S. 295-298).

37


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

4.5. Das Wohnerleben älterer Menschen Um die Lebensumstände im Alter zu beschreiben, ist es wichtig, die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt zu erläutern. In diesem Zusammenhang hat das Wohnen einen zentralen Stellenwert und ist somit ein bedeutsamer Faktor für die Umwelt älterer Menschen, da sich die in der Wohnung verbracht Zeit mit steigendem Alter deutlich erhöht und die eigene Wohnung vermehrt mit der Sicherung von Grundbedürfnissen wie Geborgenheit, Schutz und Abgrenzung verbunden wird. Insgesamt brauchen ältere Menschen mehr Zeit für die Zubereitung von Mahlzeiten und die Reinigung und Pflege der Wohnung, ebenso für Ruhephasen. Die ansonsten frei gestaltbare Zeit innerhalb der Wohnung wird meist mit fernsehen verbracht, was den großen Einfluss, den das Medium Fernsehen auf die ältere Generation hat, deutlich macht. Was das Wohnerleben positiv beeinflusst, ist weniger abhängig von äußeren, sondern eher von psychischen Faktoren. Eine positive Beziehung zu den eigenen Kindern, gute Kontakte zu Nachbarn und Bekannten, sowie die Tätigkeit in einem Verein, erhöhen die Chance der Zufriedenheit in der Wohnung, was sich auch auswirkt auf die generelle Lebenszufriedenheit. Weiterhin sind Gefühle von Sicherheit, Vertrautheit und Verbundenheit in einer Wohnung, in der man schon viele Jahre lebt, eher möglich als in einer ungewohnten Umgebung, denn die eigene Wohnung ist der Ort, an dem sowohl Grundbedürfnisse wie Schlafen, Essen, Trinken, Liebe und Wärme als auch weitergehende Wünsche nach Freundschaft, Partnerschaft, Freiheit und einem Leben in Menschenwürde einen Platz finden. Von älteren Menschen werden die medizinische Versorgung, Ruhe, Anbindung an das Verkehrssystem und auch das kulturelle Angebot für das Wohnumfeld als wichtig erachtet (vgl. Lehr (2007), S. 303-310). 5 % der über 65-Jährigen leben in Alters- oder Pflegeheimen. Der Umzug aus einer privaten Wohnung in ein Heim bedeutet für die meisten Menschen einen schwerwiegenden Einschnitt. Gefühle, abgeschoben zu werden, nur noch auf den Tod zu warten und das Pflegeheim als Endstation des Lebens wahrzunehmen, erschweren die Entscheidung für einen Umzug, sowohl für die betroffenen älteren Menschen, als auch für die Familienmitglieder, da sie das Aufkommen solcher Gefühle bei den alten Menschen befürchten. Tatsächlich ist die Erwartung dieser 38


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

Gefühle bei der Umwelt stärker ausgeprägt als sie bei alten Menschen auftreten. Ältere Menschen, die eigenständig in ihren Wohnungen leben, nennen am häufigsten Gründe wie die Aufgabe der Freiheit, festlegende Hausordnungen und den Massenbetrieb in Heimen, die gegen die Entscheidung sprechen, in ein Heim umzuziehen. Als Gründe, die diese Entscheidung im Notfall positiv beeinflussen würden, werden das Wegfallen von Sorgen um Wohnung und Finanzen, gesundheitliche Einschränkungen und der Wunsch, niemandem zur Last zu fallen, genannt. Meist findet der Umzug in ein entsprechendes Heim nicht infolge einer freien Entscheidung statt, sondern ergibt sich nach einem längeren Aufenthalt in einem Krankenhaus aufgrund von befürchteter eingeschränkter Selbstständigkeit wegen einer chronischen Erkrankung. Weitere Faktoren sind der tatsächliche Verlust von Selbstständigkeit, unzureichende Versorgungsmöglichkeiten von ambulanten Diensten, sowie der Wunsch, angehörige Pflegepersonen nicht weiter zu belasten. Obwohl zwischen Institutionalisierungseffekten und den Ursachen für einen Heimeintritt unterschieden werden muss, kann festgehalten werden, dass ein Leben im Alters- oder Pflegeheim Auswirkungen auf die Persönlichkeit der BewohnerInnen

haben

kann.

Geringeres

Selbstwertgefühl,

nachlassende

Anpassungsfähigkeit auf Grund des Verlustes sozialer Rollen und den damit einhergehenden Funktionen, Abnahme von Aktivität und sozialen Kontakten mit der Folge eines Abbaus der Persönlichkeit und einer stark eingeschränkten Zukunftsorientierung können durch einen Heimeintritt verursacht oder verstärkt werden. Als belastend werden feste Regelungen und Abläufe empfunden, weiterhin Monotonie und Langeweile, sowie persönliche Schwierigkeiten, sich angesichts des ausschließlichen Zusammenlebens mit alten Menschen und des häufigen Miterlebens von Todesfällen im Heim mit dem eigenen Altsein und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen zu müssen. BewohnerInnen von Mehrbettzimmern in Alters- und Pflegeheimen fühlen sich, obwohl sie sich in ständiger Gesellschaft befinden, häufig einsam und betrauern den Verlust von Privatsphäre. Das Erleben und das Verhalten von Bewohnern kann jedoch durch Anregungen, sensorische Reize und Abwechslung im Alltag positiv beeinflusst werden. Konkret könnten das Knüpfen neuer Kontakte, die Teilnahme an kleinen Veranstaltungen 39


Die Lebensumstände von alten Menschen in Deutschland

und die Übernahme leichter Aufgaben, die das Pflegepersonal zusätzlich entlasten könnten, einen anregungs- und abwechslungsreicheren Alltag ermöglichen. Ebenso verbessern das Gefühl, eine Wahl und Kontrolle über die eigene Person zu haben, Zufriedenheit, Gesundheit, Aufmerksamkeit und Häufigkeit der sozialen Kontakte. Wenn die Entscheidung, in ein Heim einzutreten, von der älteren Person selbstständig getroffen wurde, ist die Chance einer guten Anpassung und einer positiven Einstellung gegenüber der Heimsituation am größten (vgl. Lehr (2007), S. 313-320).

4.6. Zusammenfassung Erstaunlicherweise ist die generelle Lebenszufriedenheit älterer Menschen höher als bei jüngeren. Der größte negative Einfluss auf die Lebenszufriedenheit ist ein schlechter Gesundheitszustand. Wenn dieser einmal außer Acht gelassen würde, wäre die Differenz zwischen der erhöhten Zufriedenheit der älteren und der geringeren Zufriedenheit der jüngern Menschen noch deutlich größer. Der Einfluss, den soziale Kontakte im Leben älterer Menschen einnehmen, ist individuell verschieden. Für die meisten sind Ehepartner, sowie die erwachsenen Kinder und enge Freunde die wichtigsten Personen zum Besprechen von persönlichen Themen und stellen so auch die wichtigsten Einflussgrößen – auch für Rückmeldungen - dar. Das Wohnumfeld und die eigene Wohnsituation sind ebenfalls von sehr großer Bedeutung, wenn alte Menschen sich sicher und wohl fühlen möchten. Eine vertraute

und

erinnerungsbehaftete

Umgebung

ist

hierfür

eine

gute

Voraussetzung. Für die, die ihre vertraute Umgebung aufgegeben haben, weil sie in ein Altenheim umsiedeln mussten, sind Förderung, ein partnerschaftlicher Umgang

und

die

Anregung

zur

Bildung

neuer

Sozialkontakte

wichtige

Determinanten, sich an die neue Wohnsituation anzupassen und gut einzuleben.

40


Tabu von Sexualität im Alter

5. Tabu von Sexualität im Alter 5.1. Der Begriff „Tabu“ Umgangssprachlich wird häufig etwas als Tabu bezeichnet, wenn etwas nicht offen angesprochen werden darf. Der Begriff „Tabu“ hat aber eine tiefer gehende Bedeutung. Er stammt aus der polynesischen Sprache (tonganisch: tabu, thahitisch: tapu, hawaiisch: kapu) und wurde durch James Cook und James King in einem Reisebericht über eine Weltumsegelung im 16. Jahrhundert in Europa bekannt. Cook verstand das Wort „Tabu“ als etwas, das verboten ist. King fügte ihm die Bedeutung von etwas geheiligtem, geweihtem hinzu (Klocke-Daffa (2006), S. 21-24). Für die Polynesier war etwas tabu, wenn es „jenseits des Normalen, Menschlichen lag und dadurch besonders machtvoll und respektgebietend war, zugleich aber auch gefährlich und unrein, selbstkrankmachend und todbringend sein konnte.“ (KlockeDaffa (2006), S. 24) Hier wird schon die Mehrdeutigkeit eines Tabus deutlich: Verbot, bei dem es um etwas Geheiligtes geht. Durch die Verbreitung des Wortes in Europa und in den USA im Laufe des 19. Jahrhunderts reduzierte sich die Bedeutung auf ein Meidungsgebot von Verhaltensweisen, die von der Gesellschaft als negativ bewertet wurden, und somit die Wortlücke von gruppentypischen und – spezifischen Verboten füllte (vgl. Klocke-Daffa (2006), S. 24-25). „Im Alltag wird Tabu/tabu in der Regel als Denotation für jede Art von unangenehmen, peinlichen, Verwirrung, Ärgernis, Scham oder Abscheu erregenden Phänomenen verwendet, die zu meiden sind und nicht benannt, sondern unterdrückt und verschwiegen werden sollten.“ (Klocke-Daffa (2006), S. 27) Tabus müssen in ihrem kulturellen Zusammenhang betrachtet werden, da sie zu einem bestimmten Regelsystem gehören und zugrunde liegende Werte einer Kultur sichtbar werden lassen. Sie entstehen durch die sozio-kosmische Ordnung einer Gesellschaft und deren religiöse, weltanschauliche oder ideologische Grundsätze, werden also von der Gesellschaft konstruiert. Für Außenstehende kann ein Tabu völlig sinnlos und unverständlich sein. Für Betroffene hingegen, 41


Tabu von Sexualität im Alter

denen das Tabu im Laufe der Sozialisierung vermittelt wurde, ist es selbstverständlich und indiskutabel. Verhaltensweisen, die tabuisiert sind, werden meist nicht genau benannt, sind nicht im Gesetz verankert und somit auch nicht sanktionsfähig. Vielmehr sind Tabus durch sich selbst legitimiert und somit nicht hinterfragbar. Insofern unterscheiden sie sich von einem einfachen Verbot: Tabus sind durch sich selbst verboten und sind zusätzlich unaussprechbar, vom alltäglichen Diskurs ausgeschlossen. Schon das Aussprechen eines Tabus beinhaltet einen Tabubruch. Wenn ein Tabubruch geschehen ist, wird dieser von den Betroffenen möglichst verschwiegen, bis er scheinbar nicht mehr existiert. Denn Eingeständnis und Bekannt-Werden eines Bruchs gehen mit starken Emotionen wie Scham und Angst einher. Obwohl es häufig keine rechtliche Konsequenz gibt, so wird doch eine unbekannte Sanktion von allmächtiger Kraft sowie Ausgrenzung und Ächtung von und durch die Gesellschaft befürchtet. Das ist es, was ein Tabu so wirksam macht. Es kann allerdings

eine Spannung zwischen Gesellschaft und Individuum

entstehen, nämlich dann, wenn eine Verhaltensweise nach moralischen und rechtlichen Maßstäben tabuisiert ist, diese Verhaltensweise aber wegen persönlicher Vorliebe ausgelebt werden möchte. Weiterhin kann ein Tabubruch als Befreiung erlebt werden, denn das Individuum befreit sich von den Lasten eines Tabus und erfährt neues Wissen. Dies geschieht aber nur, wenn sich das Individuum nicht mit dem Tabu identifiziert, die Gültigkeit des Tabus in Frage stellt und persönlich nicht involviert ist. Tabubrüche können auch als Provokation inszeniert werden, um die soziale Ordnung zu irritieren und zu Veränderungen zu „zwingen“. Die Funktion eines Tabus besteht darin, die gesellschaftliche Ordnung und somit auch die Existenz der Gesellschaft zu wahren, dem Individuum Sicherheit zu geben und eine Idee zu vermitteln, wie die Welt zu betrachten ist. Tabus ermöglichen, dass gewünschtes Verhalten ausgelebt wird und unerwünschtes Verhalten weder getan, noch benannt oder gedacht wird. Gleichzeitig steckt ein Tabu Grenzen der sozialen Existenz der Menschen ab, erhöht den Druck zur Konformität und wirkt so als Medium soziale Kohäsion. Obwohl sich gesellschaftliche Systeme stetig verändern, wird meist an den alten Wertesystemen und den dazugehörigen Tabus festgehalten (vgl. Klocke-Daffe 42


Tabu von Sexualität im Alter

(2006), S. 21-43). Tabus sind aber nur so lange gerechtfertigt, wie sie als „notwendige Regelinstrumente zur Wahrung des sozialen Friedens“ (Seibel (1990), S. 25) wirken. Es kann demnach auch eine Veränderung von Tabus geben, wenn sich durch einen gesellschaftlichen Prozess die Ordnung und die dazugehörigen Werte weiterentwickeln. Solche Tabus, die von großer Kontinuität sind und die wichtigsten Grundideen einer Ordnung wiederspiegeln, sind allerdings von höherer Rangordnung und deswegen kaum veränderbar (vgl. Klocke-Daffa (2006), S. 41-43).

5.2. These über das Tabu von Sexualität im Alter Alten Menschen wird von jüngeren Menschen Asexualität unterstellt. Dass alte Menschen sowohl sexuelle Lust empfinden können als auch tatsächlich sexuell aktiv sein können, wird nicht nur verschwiegen, sondern es wird darüber gar nicht nachgedacht. Die Vorstellungen alter Menschen über Sexualität in ihrer Lebensphase sind ebenfalls von diesem Tabu betroffen. Dieses Tabu ist von verschiedensten Faktoren beeinflusst. Für alte Menschen hat die eigene sexuelle Biographie, die meist von einer unzureichenden Sexualaufklärung und der strikten Sexualmoral der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts geprägt ist, einen zentralen Einfluss auf die Tabuisierung der eigenen Sexualität. Die jüngeren Generationen hingegen tabuisieren Alterssexualität, weil ihnen vor allem durch mediale Einflüsse ein Bild von Alterssexualität vermittelt wurde, dass mit der Realität der alten Menschen wenig zu tun hat. Diese These werde ich durch eine Tabuanalyse zu erhärten versuchen.

5.3. Die Analyse des Tabus „Alterssexualität“ Die hier angestellte Tabuanalyse der Alterssexualität verwendet als Grundlage den ökosystemischen Ansatz nach Bronfenbrenner. Dieser Ansatz stellt die Einflussfaktoren anhand verschiedener Systemebenen (Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystem) auf die menschliche Entwicklung dar. Mit Mirkosystemen sind die Beziehungen eines Menschen zu anderen Menschen oder Gruppen gemeint, die durch Interaktion Einfluss auf das Individuum haben. Das Mesosystem bezeichnet 43


Tabu von Sexualität im Alter

die Summe der Mikrosysteme, sowie deren Beziehung zu einander und deren Wechselwirkung. Als Exosysteme bezeichnet Bronfenbrenner Beziehungen, auf die ein Individuum kaum oder gar keinen Einfluss hat, die andersherum aber große Wirkung auf ein Individuum ausüben können, da dem System Bezugspersonen

des

Individuums

angehören.

Die

Summe

aller

Beziehungsgeflechte in der Gesellschaft wird als Makrosystem bezeichnet. Hier sind Normen, Werte, Konventionen, Traditionen, sowie Vorschriften und Gesetze mit inbegriffen. Wichtig sind die Vereinbarkeit der verschiedenen Systeme, denen ein Mensch angehört, sowie die Möglichkeit der Übertragung von in einem System gelernten Verhaltensweisen auf andere Systeme. Außerdem ist es für die Entwicklung eines Individuums von großer Bedeutung, dass es die Gestaltung der Systeme, denen es angehört, mit beeinflussen kann (vgl. Bronfenbrenner (1981), S. 37-43). Anhand

dieser

Systemebenen

und

der

Zuordnung

der

verschiedenen

Einflussgrößen, die auf ältere sowie auch auf jüngere Menschen wirken, wird das Tabu der Alterssexualität im Folgenden beschrieben und untersucht.

5.3.1. Die Makrosystemebene Im Bezug auf das Tabu der Sexualität im Alter sind auf dieser Systemebene zunächst Normen, die generell rund um die Thematik Sexualität gelten, zu benennen. Anschließend werden die Einstellungen und Normen, die speziell zur Alterssexualität bestehen, vorgestellt. Weiterhin werden Bilder und Darstellungen von Sexualität und Alterssexualität, die in Religionen, Medien und Kunst auftreten, aufgezeigt.

5.3.1.1.

Generelle Normen und Sexualmoral

Generelle Normen, die auf Sexualität bezogen sind, haben sich im Laufe des letzten Jahrhunderts einer großen Veränderung unterzogen. So waren die Einstellungen der Gesellschaft zur Sexualität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts höchst defensiv und einschränkend. Sexualaufklärung fand in der Regel eher nicht statt und das, was thematisiert wurde, war meistens mit 44


Tabu von Sexualität im Alter

Drohungen und Warnungen verbunden (Selbstbefriedigung ist schädlich, sexuelle Wünsche und Fantasien sind schlecht, nicht normgerechte sexuelle Praxis führt zu moralischer Verirrung und beeinträchtigt die Sexualität...). Unterschwellig wurden Keuschheit und die Verleugnung der eigenen Sexualität empfohlen (vgl. Trinius (2008)). Geschlechtsverkehr durfte nur innerhalb der Ehe vorkommen. Diese Norm war für Frauen wichtiger einzuhalten als für Männer, so mussten Frauen unbedingt jungfräulich in die Ehe gehen und außerehelicher Koitus wurde stärker sanktioniert als bei Männern. Die Rolle der Frau im ehelichen Sexualverhalten war eher passiv ausgelegt, Geschlechtsverkehr war für sie nur eine eheliche Pflicht und ein Liebesbeweis für ihren Ehemann, der männlichen Dominanz musste sie sich unterwerfen, indem sie den Geschlechtsverkehr nicht verweigerte. Für Frauen war es nicht angemessen, sexuelles Interesse oder gar Lust oder einen Orgasmus zu haben (vgl. Sydow (1993), S. 142-143). Noch im Jahre 1966 stellte der Bundesgerichtshof zu den sexuellen „Pflichten“ der Ehefrauen fest: „Sie genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen, zu denen die Unwissenheit der Eheleute gehören kann, versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit

oder

Widerwillen

zur

Schau

zu

tragen.

Denn

erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet.“ (BGH, NJW (1967), S. 1078) Die weibliche sexuelle Lust spielt in dieser Aussage keine Rolle, die Dominanz der männlichen Bedürfnisse wird deutlich hervorgehoben, kaum verwunderlich also, dass Sexualität bis in die Nachkriegszeit besonders bei Frauen keinen guten Ruf hatte (vgl. Otto/ Hauffe (2003), S. 4). Folge dieser bedrückenden Sexualmoral war große Angst vor Schwangerschaft, Krankheit und auch vor dem „Unnormal-Sein“ , wenn sexuelle Wünsche und sexuelle Lust empfunden werden (vgl. Kolle (2007), S. 26-28).

45


Tabu von Sexualität im Alter

Einer der ersten Vorreiter, welche die Tabuisierung von Sexualität durchbrachen, war Kinsey mit seinen vom Ziel der sexuellen Befreiung motivierten, statistischen Erfassungen des menschlichen sexuellen Verhaltens von Männern und Frauen. In den Veröffentlichungen dieser Ergebnisse, den so genannten Kinsey-Reports, wurde wissenschaftlich erwiesen, dass die gesellschaftlich festgeschriebene Sexualmoral und sexuelle Wirklichkeiten nicht übereinstimmten. Obwohl die Veröffentlichungen mit große Resonanz fanden und zu Bestsellern wurden, waren die öffentlichen Reaktionen, vor allen Dingen im Bezug auf die Erkenntnisse zur weiblichen Sexualität, stark negativ geprägt. Besonders konservative, christliche und

traditionsbewusste

Gruppierungen

unterstellten

Kinsey,

dass

seine

Untersuchungen unmoralisch und auch gefährlich seien (vgl. Heine (2008)). Trotzdem setzte sich die Wirkung des Kinsey-Reports in der Studenten-Bewegung der 60er Jahre fort. Diese Zeit war geprägt von „Kritik an den bestehenden Verhältnissen in jeder nur denkbaren Hinsicht. Ihre destruktive Kraft war weitaus größer als ihre konstruktive. Nichts schien vor ihr Bestand zu haben: religiöser Glauben, weltanschauliche Überzeugungen, wissenschaftliche Gewissheiten, staatsbürgerliche Pflichten und Tugenden. Der gesamte Katalog an so genannten Sekundärtugenden wurde infrage gestellt.“ (Kraushaar (2008)) Auch die einschränkende Sexualmoral wurde kritisiert, nicht durch Worte, sondern durch das Ausleben der „freien Liebe“ wurden Körperfeindlichkeit, Autoritäten und die sexuelle Doppelmoral in Frage gestellt (vgl. Hertrampf (2008)). Sexualität wurde als lebenswichtig und gesund proklamiert, Eifersucht wurde verpönt und außerehelicher Sex und Promiskuität gehörten schon fast zwanghaft zum Pflichtprogramm der revolutionierenden Studenten. Für die weibliche Sexualität bedeutete dies einerseits deutlich mehr Freiheit, es entstand aber andererseits eine Form von sexuellem Leistungsdruck, zum Beispiel war es nun nicht normal, wenn die Frau bei sexueller Aktivität nicht zum Orgasmus kam. Hierdurch tauchte erstmals das Phänomen auf, dass Frauen ihren Orgasmus vortäuschen (vgl. Sydow (1993), S. 143). Anlässlich dieser Bewegung rückte das Thema Sexualität erstmals in das Licht öffentlicher Diskurse, mit der Folge, dass sich die allgemeine Einstellung zu 46


Tabu von Sexualität im Alter

diesem Thema veränderte. Auch das Sexualstrafrecht (1973) wurde reformiert, das zuvor hauptsächlich dem Schutz der Öffentlichkeit gedient hatte und nun erneuert wurde im Hinblick auf den Schutz der sexuellen Selbstbestimmung: „Kuppelei“, Ehebruch, homosexueller Verkehr und Pornographie waren nun nicht mehr verboten. In

der

fast

zeitgleichen

zweiten

Frauenbewegung

entstand

in

diesem

Zusammenhang ebenfalls Druck nach Veränderung – auch bezüglich des Themas Sexualität. Mit dem von Alice Schwarzer geleiteten Projekt „Ich habe abgetrieben“, das in der Zeitschrift „STERN“ 1971 veröffentlicht wurde, wurde ein starker Impuls gesetzt zur Erneuerung des Abtreibungsgesetzes. Gefordert waren die Streichung der Straffälligkeit der Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch, die fachärztliche Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen, sowie die Kostenübernahme für Anti-Baby-Pille

und

Abtreibung

durch

die

Krankenkassen.

Auch

die

Sexualaufklärung sollte sich erneuern und sich nicht mehr nur an den Bedürfnissen des Mannes, sondern auch an den Bedürfnissen der Frau orientieren.

Die

1976

in

Kraft

getretene

Fristenregelung

im

Schwangerschaftskonfliktgesetz kann als positive Reaktion auf diese Forderungen gewertet werden (vgl. Hertrampf (2008)). Parallel dazu kam sich in Deutschland nach dem Vorbild der USA die Schwulenund

Lesbenbewegung

in

Gang,

so

fand

1972

die

erste

deutsche

Schwulendemonstration in Münster statt. Mit der Gründung von Vereinen, Initiativen und Bürgerrechtsorganisationen sowie mit der Etablierung der homosexuellen Szene, wie zum Beispiel durch den Christopher-Street-Day, fand eine

enorme

Homosexualität

Veränderung statt.

So

der

gesellschaftlichen

Einstellung

gibt

es

in

seit

2004

bezüglich

Deutschland

ein

Lebenspartnerschaftsgesetz, nach dem - mit Ausnahme von steuer- und beamtenrechtlichen Bereichen – die homosexuelle Lebensgemeinschaft der Ehe nahezu gleichgestellt ist (vgl. Schäfer (2006), S. 235–288). Auch die Medien machten sich das neue öffentliche Thema Sexualität und die liberal gewordene Einstellung zu Nutze und kommerzialisierten Sex und Erotik innerhalb der „Sexwelle“: Entsprechend der großen Nachfrage der Konsumenten, erschienen zunächst im Namen der sexuellen Aufklärung Aufklärungsfilme und Report-Filme, später wurde eher auf Unterhaltung durch nackte Frauen auf Zeitschriftentitelbildern und durch pornographische Filme gesetzt. Fast zeitgleich 47


Tabu von Sexualität im Alter

kam (1960) die Anti-Baby-Pille auf den deutschen Markt. Durch die Verbindung der befreiten Sexualität mit der „Befreiung“ durch die Pille entstand ein neues Bild von Partnerschaft, Liebe und Sexualität (vgl. Uni-Protokolle (2009). Heute ist im gesellschaftlichen Mainstream der Umgang mit dem Thema Sexualität durchweg freizügig und auch liberal. Sexuelle Aufklärung hat sich deutlich verbessert, sexuelle

Aktivität

hat

sich

zwischen

den

Geschlechtern

in

Richtung

Gleichberechtigung verändert, die Vorstellungen der weiblichen Sexualität haben einen wichtigen Stellenwert im sexuellen Diskurs. Sexuelle Lustlosigkeit und die Unfähigkeit zum Orgasmus werden heute vielfach als Krankheit oder als psychisches Problem wahrgenommen. Innerhalb von Partnerschaften und Ehe gelten heute eine offene Kommunikation, Intimität, Selbstverwirklichung und flexible Geschlechtsrollen als grundlegende Werte (vgl. Sydow (1993), S. 143144).

5.3.1.2.

Normen zur Alterssexualität

Eine soziale Rolle beschreibt die Summe der Erwartungen, die an den Inhaber einer bestimmten Position gestellt werden. Lebensalter und Geschlecht gelten als Positionsmerkmale und

bestimmen die Erwartungshaltungen mit. Wenn diese

Erwartungen an alle Mitglieder einer größeren sozialen Einheit gestellt werden, entstehen Normen. Im Bezug auf Alterssexualität also gilt das Alter als ein Positionsmerkmal (vgl. Schneider (1980), S. 56), „an dem sich die normativen Vorstellungen der Umwelt orientieren“ (Schneider (1980), S. 57). Im Kontext des Themas Sexualität beinhalten Erwartungen an die soziale Rolle älterer Menschen eine Reduzierung des Sexuallebens. Welche Einstellungen aber genau zu dem Thema Sexualität im Alter bestehen, scheint von den Einflüssen der eigenen Kohortengruppe abhängig zu sein. Die Einstellungen jüngerer Erwachsener zu der Sexualität Älterer lässt sich in drei Komponenten unterteilen: In der Erwartung jüngerer Menschen sind die Einstellungen, die ältere Menschen zur Sexualität haben, konservativer und weniger liberal, als es tatsächlich der Fall ist. Die Erwartungen

Jüngerer

bezüglich

verschiedener

aktiver

sexueller

Verhaltensweisen Älterer entsprechen größtenteils der Realität. Autoerotisches oder erotisches Verhalten (wie Selbstbefriedigung, Nutzung von erotischer 48


Tabu von Sexualität im Alter

Literatur oder erotischen Filmen) älterer Menschen wird aber von Jüngeren überschätzt. Diese Überschätzung bestätigt, dass Ältere öfter als „Lüstlinge“ wahrgenommen werden (vgl. Schneider (1980), S. 60-66), weil die sich als Voyeure am Spiel der Jungen beteiligen wollen, anstatt sich in ihr „Schicksal“ zu ergeben. Andere Ergebnisse bestätigen dies größtenteils: Lange in Partnerschaft lebenden alten Menschen wird unterstellt, Bedürfnisse nach Liebe, Zärtlichkeit und Geschlechtsverkehr seien irgendwann vorbei. Ihr Zusammenleben als Paar scheint aus Sicht der meisten jüngeren Menschen nur noch aus Gewohnheiten und Abhängigkeiten zu bestehen (vgl. Koch-Staube (1982), S. 220). Außerdem beschränkt sich Sexualität älterer Menschen aus der mehrheitlichen Sicht jüngerer Generationen auf Zärtlichkeiten, Küsse und Umarmungen. Das türkische Sprichwort „junge Liebe ist von der Erde, späte Liebe ist von Himmel“ beschreibt das Erleben jüngerer Menschen recht gut: Lust und Leidenschaft

sind

keine

„himmlischen“

Eigenschaften,

sondern

„niedere

Bedürfnisse“(Gröning (1999), S. 69), die einem alten Menschen kaum zugerechnet werden, denn dieser alte Menschen steht doch wohl darüber. Das Ergebnis einer von Trümmers 1972 durchgeführten Befragung von 18- bis über 80-Jährigen formuliert dies punktgenau: „Drei Viertel (…) der jüngeren (…) Befragten meinen, dass das Geschlechtliche für ältere Menschen nicht so wichtig ist. Rund die Hälfte der Befragten teilt die Auffassung, das sich die meisten älteren Menschen nicht mehr für sexuelle Dinge interessieren, sexuelles Begehren sich nur noch in Form harmloser Wunschträume und wehmütiger Erinnerungen äußern und dass es im Alter statt körperlicher Liebe nur noch seelische Zuneigung gebe.“ (Trümmers (1976), S. 75) Ein sich liebkosendes und zärtlich miteinander umgehendes altes Pärchen wird belächelt und als „niedlich“ empfunden (vgl. Gröning (1999), S. 68-69). Diese Vorstellung jüngerer Generationen führt dazu, dass es abstoßend und ekelerregend empfunden wird, wenn alte Menschen dann doch „geil“ sind oder sinnlos begehren, besonders wenn zum Beispiel ein alter Mann eine jüngere Frau begehrt. Der Ausdruck „geiler Bock“, der solches Verhalten negativ konnotiert, ist weit verbreitet (vgl. Koch-Staube (1982), S. 221). 49


Tabu von Sexualität im Alter

Die Tatsache, dass jüngere Menschen sich Alterssexualität so oder gar nicht vorstellen, lässt sich als „Abwehr“ deuten: „Jüngere Menschen jeglichen Alters, jedenfalls die, die sich noch nicht zu den Betroffenen zählen, grenzen sich mit negativen Vorstellungen ab von einer Lebensphase, die ihnen Angst und Unsicherheit einflößt. Das eigene Älterwerden kann immer wieder hinausgeschoben werden. In der Projektion eigener bedrohlich erscheinender Veränderungen, Schwächen, sexueller Schwierigkeiten, wird der Versuch unternommen, die eigene Liebesfähigkeit von Schatten und Flecken zu reinigen.“ (Koch-Staube (1982), S. 221) Frauen und Männer der gleichen oder darüber liegenden Kohortengruppe haben insgesamt eine eher einengende Einstellung über Sexualität, was sich auch in den Meinungen

über

Sexualität

im

Alter

äußert:

Sexuelle

Bedürfnisse

und

Verhaltensweisen werden älteren Menschen von vielen gleichaltrigen Menschen nicht mehr zugeschrieben (vgl. Schneider (1980), S. 59). Ebenso wie bei den jüngeren von Trümmers befragten Menschen, fanden auch die Hälfte der älteren (über 50 Jahre) Befragten, dass sexuelles Interesse im Alter nicht mehr von Bedeutung sei und dass sich statt dessen sexuelles Begehren nur noch in Form von Wunschträumen, Erinnerungen und seelischer Zuneigung äußere (vgl. Trümmmers (1976), S. 75). 57% der älteren Befragten können sich nicht vorstellen, dass die Erfüllung der weiblichen Sexualität oft erst nach dem Klimakterium ihren Höhepunkt findet. Weiterhin halten es 33% für vollkommen natürlich, dass Männer im Alter impotent werden und 27% glauben, dass im Alter kein Geschlechtsverkehr mehr stattfindet. Erschreckender Weise halten 58% der Befragten Selbstbefriedigung als Zeichen für Abartigkeit (vgl. Trümmers (1976), S. 69-71). Wie schon so oft erwähnt, gelten die einschränkenden Einstellungen für die weibliche Sexualität auch hier stärker als für die männliche (vgl. Koch-Staube (1982), S. 224). Auch viele Gleichaltrige belächeln oder verurteilen sexuelle Bedürfnisse älterer Menschen, vermutlich aus dem Grund der Unfähigkeit, sich die eigenen sexuellen Wünsche einzugestehen (vgl. Koch-Staube (1982), S. 221). So wird die soziale Komponente zwischenmenschlicher Beziehung (wie tanzen, sich auf den Mund küssen, sich verlieben, heiraten und das Tragen von reizvoller Unterwäsche) zwar 50


Tabu von Sexualität im Alter

oberflächlich akzeptiert, 37% empfinden dennoch ein altes sich an der Hand haltendes Paar als belustigend, weitere 46% finden es lächerlich, wenn eine alte Person sich durch ihr äußeres Erscheinungsbild für das andere Geschlecht attraktiv machen möchte (Trümmers, (1976), S. 69-71).

5.3.1.3.

Sexualität und Alterssexualität in den Medien

Generell ist das Thema Sexualität in den Medien sehr präsent. Egal ob in Büchern, Spielfilmen, Fernseh-Sendungen, Zeitschriften oder im Radio – überall wird Sexualität ständig thematisiert, ganz nach dem Motto „sex sells“. In der Öffentlichkeit der Medien gibt es fast nichts, was nicht gesagt, gezeigt

und

gemacht werden darf. Das dominante Bild von Sexualität, das durch die Medien präsentiert wird, hat allerdings zwei Grundstrukturen, die nicht unbedingt mit den sexuellen Wirklichkeiten vieler Menschen vereinbar ist: Sexualität und Lust ist dem jungen schönen Körper zugestanden - alten, dicken oder kranken Körpern bleibt dieses Privileg vorenthalten. Gleichzeitig entsteht das Bild, dass äußerliches Altern besonders für Frauen in jedem Falle verhindert werden muss: es wird für Anti-Aging

Produkte

geworben,

Schönheitsoperationen

für

einen

jungen,

attraktiven Körper werden angepriesen, usw. Dieses durch die Medien vermittelte und sehr häufig gezeigte Schönheitsideal konfrontiert Frauen fortlaufend mit der Unerreichbarkeit dieses

Schönheitsbildes für sich selbst, es sei denn man

investiert viel Zeit, Geld und Schmerzen, um – obwohl man alt ist – nicht alt auszusehen. Es fällt schwer, sich im eigenen Körper wohl zu fühlen und sich selbst attraktiv zu fühlen, wenn das dominierende Schönheitsideal für Frauen zum Maßstab für den eigenen Körper genommen wird. Auch aus männlicher Sicht gibt es Schönheitsnormen, die unter Druck setzen. Das Alter spielt im männlichen Ideal von Schönheit allerdings eine eher geringere Rolle. Man denke nur an Schauspieler wie Richard Gere oder Harrison Ford, denen in ihrem deutlich über die 60 Jahre hinausgehendem Alter immer noch (oder gerade deshalb) Sex-Appeal zugesprochen wird (vgl. Ebberfeld (1999), S. 52-57). Hier zeigt sich wieder der bereits im Kapitel 3.3.3. erwähnte double standard of aging: Das zunehmende Alter einer Frau ist gleichbedeutend mit Abnahme von Attraktivität und sexueller Qualifikation, weil die weibliche sexuelle 51


Tabu von Sexualität im Alter

Attraktivität mit Jugendlichkeit assoziiert wird, während Männer im zunehmenden Alter an Attraktivität gewinnen, weil die auftretenden Merkmale des Alterns mit Reife und Lebenserfahrung assoziiert und als eine andere Form von Potenz wahrgenommen werden. Deshalb

sind Frauen

durch das von den Medien

vermittelte Schönheitsideal dazu angehalten, sich mit den verschiedensten Kosmetikprodukten zu pflegen, Make-up zu tragen, die Haare zu frisieren, Falten und Fettpölsterchen zu verstecken und schlank zu sein bzw. durch Diät-Produkte zu werden. Männer hingegen müssen eigentlich nur nicht schmutzig sein. Es wäre geradezu unmännlich, wenn Männer ihr Lach- und Altersfalten durch Kosmetika zu verbergen versuchen würden (vgl. Sontag (1977), S. 286-291). Schönheit, die in den Medien auch immer Jugendlichkeit bedeutet, ist für Frauen eine Form sozialer Bürde: “Ugliness in a women is felt by everyone - men as well as women - to be faintly embarissing. And many features or blemishes that count as ugly in a women’s face would be quite tolerable on the face of a man.” (Sontag (1977), S. 291) “Good looks in a man is a bonus, not a psychological necessity for maintaining normal self-esteem.” (Sontag (1977), S. 291) Hinzu kommt, dass weibliche Schönheit differenziert wird nach Gesicht und Körper. Selbst wer einen jungen, schlanken und begehrenswerten Körper hat, gilt noch lange nicht als sexuell attraktiv. Auch das Gesicht muss schön sein. All diese Faktoren, die durch die Medien transportiert werden, degradieren Frauen zu Objekten, denn es ist einer alten Frau – wenn man sich an diesem Schönheitsideal und dem Bild von sexueller Attraktivität orientiert – nicht möglich, schön oder attraktiv zu sein, es sei denn sie sieht nicht alt aus: „an older woman is, by definition, sexually repulsive – unless, in fact, she doesn’t look old at all“ (Sontag (1977), S. 292). Schon die Frage nach dem Alter einer Frau ist in unserer Gesellschaft ab dem Zeitpunkt, an dem die Frau die Jahre der Jugend hinter sich gelassen hat, unhöflich, als sei es ein schlimmes Geheimnis, das die Frau im besten Falle nicht verrät. Diese Norm gilt nicht für Männer. Denn für sie ist sexuelle Attraktivität nicht abhängig von den Lebensjahren. Männliche sexuelle Attraktivität hat zwei mögliche Gesichter: das des Jungen mit glatten Gesichtszügen ohne Falten und das des Mannes mit einem dunkleren rauerem

52


Tabu von Sexualität im Alter

Gesicht mit Falten, die Emotionen und Erfahrung vermuten lassen (vgl. Sontag (1977), S. 285-291). „The double standard of aging shows up most brutally in the conventions of sexual feeling, which presuppose a disparity between men and women that operates permanently to women’s disadvantage.” (Sontag (1977), S. 286) Weiterhin wird Sexualität in den Medien als völlig hemmungsloser, meist mit einem Orgasmus verbundener und ohne jegliche „Pannen“ verlaufender Akt dargestellt. Folge dieses Bildes können Druck-, Angst- und Schamgefühle sein, sowie das belastende Verschweigen von Fragen und Erlebnissen, wenn die eigene sexuelle Wirklichkeit nicht dem Bild der Medien entspricht. Wie bereits in Kapitel 2.4. erläutert, ist das Bild älterer Menschen, wenn es überhaupt in den Medien auftritt, geprägt von Gebrechlichkeit, Verlust von Kompetenz

und

der

Vorstellung

von

dahinvegetierenden

Menschen

in

Altenheimen. Oder das genau konträre Bild wird gezeigt: körperlich gesunde, attraktive, jung aussehende Frauen und Männer. Beide Bilder entsprechen für die Mehrheit der alten Menschen nicht der Realität. Alte Menschen werden in der Regel als asexuell dargestellt. Das Bild des asexuellen Alters wird aber zunehmend in den Medien aufgebrochen. Inzwischen ist die Thematik Sexualität und Alter in den Medien aufgetaucht und positiv besetzt worden. Ein sehr eindrucksvolles Beispiel, wie das vorherrschende Bild von Sexualität in den Medien durchbrochen werden kann, bietet der Film Wolke 9 (2008). Hier wird die Geschichte von einer alten Frau erzählt, die sich neu verliebt, eine neue Liebesbeziehung eingeht und ihren Ehemann deswegen nach 30 Jahren verlässt. Innerhalb des Films werden nicht nur nackte, alte Körper bei sexueller Aktivität und Lust gezeigt. Ebenso werden die Gefühle, die man aus Liebesfilmen mit jüngeren Menschen kennt, von dem FrischVerliebt sein bis zu tiefer Angst und Wut dargestellt. Ein Kritiker schreibt begeistert: „Nach 5 Minuten bereits hat Andreas Dresen ebenso unaufgeregt wie einfühlsam den mutmaßlichen Tabubruch hinter sich gebracht – alte 53


Tabu von Sexualität im Alter

Menschen jenseits der 70 in ungeschönten Bildern beim Sex zu zeigen. Keine

Weichzeichner,

keine

diskreten

Totalen

oder

keuschen

Bettdecken, dafür viel verwelkte Haut in Nahaufnahme. Bilder, wie sie im Fernsehen oder gar in der Werbung nie zu sehen sind. Wohl deshalb, weil Menschen des dritten und schon recht nicht des vierten Lebensalters ein leidenschaftliches Liebes- oder gar Sexleben nicht mehr zugebilligt wird; wenn, dann nur in verkitschter, verklärter und verniedlichter Form. Geradezu dankbar ist man dafür, dass es endlich ein Regisseur auf der Leinwand vermocht hat, uns die Angst vor dem Älterwerden und die damit verbundenen Verlustängste zumindest ein Stück weit zu nehmen.“ (Rosefeldt (2008)) Dem Regisseur ging es nicht einmal um einen Tabubruch. Sondern darum, zu zeigen, dass das Leben mit 70 Jahren nicht zu Ende ist und auch darum die „natürlich gealterten Gesichter“ in ihrer Schönheit zu zeigen (vgl. Borcholte/ Höbel (2008)). Er bedient sich nicht der Bildern und Vorstellungen, die sonst in den Medien von alten Menschen gezeigt werden. Die Protagonisten führen ein Leben, wie man es sich von der alten Nachbarin vorstellen könnte: Nähmaschinen und Bügelbretter sind ebenso Bestandteil des Alltags der Charaktere wir auch das Singen

im

Renterinnen-Chor,

Besuche

im

Altersheim,

der

Tod

eines

Arbeitskollegen und Zug fahren als Unterhaltungsprogramm. Trotzdem sind diese so alltäglichen und „realen“ alten Menschen voller sexueller Lust und Leidenschaft, benehmen sich wie frisch verliebte Teenager und durchleben ein Liebesdrama wie es jedem Menschen jeden Alters passieren könnte. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass in diesem Szenario Falten, umständliches Entkleiden, Potenzprobleme und auch der Tod thematisiert werden (vgl. Finger (2008)). Einige Zitate aus dem Film sollen hier als Beispiel für die verschiedenen Aspekte dienen, wie die Thematik und auch die Problematik von Alter und Sexualität in dem Film Wolke 9 (2008) bearbeitet werden: Nachdem Inge ihrem Ehemann Werner die Affaire mit einem anderen Mann gebeichtet hat, kommt es zu mehreren Wortgefechten zwischen den beiden. Einige Aussagen und Wortwechsel werden im Folgenden aufgeführt. Werner: „Haste dir den Jüngeren geangelt, was? Fickt n bisschl besser als ich, oder was?“ (52. Minute) 54


Tabu von Sexualität im Alter

(…) Werner: „Am Tag n abends lässt de dich durchbumsen und hier ruhst de dich aus und pennst, ne? Benimmst dich wie n kleines Kind. Biste schon ganz und gar senil geworden, oder was?“ (59. Minute) (…) Werner: „Sach mal, schämst du dich nicht in deinem Alter?“ (59. Minute) (…) Inge: „Ich hab auch nicht mehr viel Zeit. Denkste denn, nur weil ich über 60 bin muss ich jetzt 20 Jahre versauern noch, oder was? Was hat denn das mit dem Alter zu tun? Is doch völlig egal, ob ich 16 oder 60 oder … 80 bin!“ Werner: „Nein, das ist nicht egal.“ Inge: „Na ja vielleicht nicht, aber im Moment empfinde ich das so!“ (59. Minute) (Wolke 9 (2008)) Diese Aussagen treffen einerseits die vorherrschenden Vorstellungen, die in den Medien und in unserer Gesellschaft sonst verbreitet sind, und andererseits das, was es für alte Menschen bedeuten kann, sich wieder neu zu verlieben. Durch die positive und aufgeregte Resonanz auf diesen Film in der Öffentlichkeit wird deutlich, wie neu diese Darstellungsweise von Altsein und Alterssexualität ist und wie erleichternd sie auf viele Menschen wirkt. Warum Sexualität im Alter nun in den Medien thematisiert wird, mag damit zusammenhängen, dass nach der sexuellen Revolution jungen Menschen jetzt langsam zur älteren Generation gehören und sie somit von Jugend an durch eine liberalere Sexualmoral geprägt wurden (vgl. Seigel (2008)).

5.3.1.4.

Sexualität und Alterssexualität in der Kunst

Obwohl die Darstellung von Sexualität und Nacktheit für viele Bereiche des öffentlichen Lebens tabuisiert ist, findet sich dieses Thema schon lange und häufig in der Kunst wieder, denn Kunst darf oder soll sogar Tabus brechen, bzw. zeitweilig aufheben. Kunst, die Nacktheit und Sexualität zeigt, stellt den Betrachter 55


Tabu von Sexualität im Alter

vor die Wahl: sie provoziert zwar das voyeuristische Verlangen der Betrachter, gibt ihm aber gleichzeitig die Freiheit wegzuschauen. Besonders grenzüberschreitend scheint die direkte Darstellung des weiblichen Genitals zu sein (vgl. Rosefeldt (2008)). Ein sehr eindrückliches Beispiel liefert die Ausstellung „Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit“, die 2008/2009 in Düsseldorf gezeigt wurde. Sie setzt sich explizit mit dieser Thematik auseinander. Als Grundidee bedienen sich die Veranstalter der mythologischen Erzählung von Diana und Actaeon: Der Jäger Actaeon entdeckt Diana, die Göttin der Jagd, wie sie zusammen mit ihren Nymphen ein Bad nimmt. Diese ist in ihrer Nacktheit völlig ungeschützt und verwandelt Actaeon wegen seines begehrenden Blickes in einen Hirsch. Daraufhin wird Actaeon von seinen eigenen Jagdhunden zerfleischt. Innerhalb

der

Ausstellung

werden

zuerst

Gemälde,

Zeichnungen

und

Druckgrafiken besonders aus der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert gezeigt, die sich mit Ovids Metamorphose zu dieser Erzählung befassen. Von diesem Ausgangspunkt aus werden die verschiedenen Epochen der Kunst und ihr Umgang mit Nacktheit betrachtet. Sowohl Kunstwerke aus Epochen, in denen die Darstellung von Nacktheit ohne religiösen oder mythologischen Hintergrund nicht möglich war, als auch zeitgenössische erotische Kunstwerke in Form von Video und Fotographie befassen sich mit den oftmals widersprüchlichen Phänomen von „Keuschheit und Begehren, von Sehen und Gesehen werden, von Voyeurismus und Exhibitionismus“ (museum kunstpalast (o.J.). Weiterhin widmet sich die Ausstellung der „Begierde, der verschlungenen Verknüpfung von Geschlecht und Geschlechtlichkeit mit Schönheit, Wahrheit, Ekstase und auch Tod“. (museum kunstpalast (o.J.)) Sowohl der Blick auf einen weiblichen, wohlgeformten, nackten Körper, der meist Faszination auslöst, als auch Blicke auf explizite, schamlose, unverhüllte Nacktheit – vorzugsweise auf das weibliche Geschlecht -, die Entsetzen und auch das Gefühl von Verletzung des Blickverbots verursachen, bedeuten für die Betrachter dieser Ausstellung den Bruch eines Tabus (vgl. Badelt (2008) S. 201). Besonders dramatisch wird dieser Tabubruch angesichts der Fotographien und Zeichnungen, die unter der Rubrik „verbotene Ansichten“ ausgestellt werden. Die Aktdarstellung 56


Tabu von Sexualität im Alter

von Kindern und alten Menschen drängt die Frage nach moralischer Verantwortung auf, wobei Schuld und Schuldige für diese Kunstwerke sowohl auf der Seite des Künstlers oder aber auf der Seite des preisgebenden Objekts oder sogar auf der Seite des voyeuristischen Betrachters liegen könnten. Eben diese Provokation, diesen Tabubruch, machen sich die verbotenen Ansichten zum Thema (vgl. Gruber (2008) S. 280). Fotographien von nackten alten Körpern2 in einem „Zeitalter der Schönheitsreligion, des Gottes der Medizin, der ewige Jugend verheißt“ (Gruber (2008), S. 281) haben eine bedrohliche Wirkung auf die Betrachter.

Trotzdem

zeigen

diese

alten

nackten

Menschen

eine

„ins

Gebrechliche gehende Anmut“ (Gruber (2008), S. 282). Andere Beispiele, die Alterssexualität in der Kunst thematisieren, bieten die Bildbände „Morgenliebe“ von Kathrin Trautner und „Sechzig plus. Erotische Fotographien“ von Anja Müller. Trautner will mit ihren dokumentarischen Fotographien, in denen Erotik im Alter thematisiert wird, dem Jugendlichkeitswahn der in den Medien dargestellten Sexualität trotzen und statt dessen einen Einblick „in einen meist ausgelebten Bereich des alltäglichen Lebens“ (Trautner (2008/2009)S. 24) gewähren, der die gelebte „Normalität in ihrer Vielfältigkeit“ (Trautner (2008/2009), S. 24) abbildet. Hierzu fotografierte sie alte Menschen in intimen, erotischen, teils auch humorvollen Situationen. Es werden sowohl homoals auch heterosexuelle Paare als auch einzelne Frauen gezeigt.3 In ähnlicher Weise geht auch Anja Müller an die Thematik heran.4 Die Zeitung „Schwäbisches Tagesblatt“ vom 25.10.2002 schreibt über die Fotomodelle: „Sie sind alle über 60 Jahre alt, haben Falten und Runzeln und genieren sich nicht, ihren (halb)nackten Körper vor der Kamera zu zeigen.“ Die Herangehensweise der beiden Künstlerinnen thematisiert und zeigt das Tabu von Sexualität im Alter und bricht es dadurch, aber sowohl für die Betrachter als 2

3

Hier ist die Rede von „Self Portrait Sideways, No 4“ von John Coplans (2001) sowie von „Gyahtei 17“ und „Gyahtei 2“ (1995) von Manabu Yamanaka. Diese Bilder sind in Gruber, Bern (2008): Verbotene Ansichten, in: Wismer, Beat/ Badelt, Sandra: Diana und Actaeon. Der verbotene Blick, S. 280-291 auf den Seiten 29 und 291 zu finden. Die Fotos sind online unter anderem unter http://www.stern.de/wissenschaft/mensch/:Sexualit%E4t-Alter-LebensabendMorgenliebe/701914.html?cp=1 zu finden.

57


Tabu von Sexualität im Alter

scheinbar auch für die Fotomodelle auf eine angenehme und vorsichtige Art und Weise. Zwar provozieren die Bilder angesichts des Tabus, sie provozieren aber nicht so sehr, dass sie ablehnend wirken, und damit erzielen sie womöglich den größten Effekt.

5.3.1.5.

Sexualität und Alterssexualität in den Religionen

Sexualität ist in den meisten Religionen an oft strikte Moralvorstellungen gebunden. Innerhalb der drei monotheistischen Religionen Islam, Judentum und Christentum gleichen sich einige Vorschriften, die die Sexualität einschränken. Gemeinsam waren bzw. sind ihnen die Vorstellungen, dass Frauen während Periode, Schwangerschaft und nach der Geburt unrein sind und deshalb in dieser Zeit sexueller Kontakt verboten bzw. verpönt ist. Homosexuelle Aktivität, sowie außerehelicher Geschlechtsverkehr werden abgelehnt, wobei die außereheliche Sexualität bei Frauen deutlicher sanktioniert wird als bei Männern. Generell wird die Sexualität von Frauen stärker eingeschränkt und kontrolliert, zum Beispiel durch die Verschleierung der muslimischen Frauen. Unterschiede zwischen den drei Religionen finden sich bei ihrer Einstellung bezüglich sexueller Lust und Verhütung. Im Gegensatz zum Islam, der Lust grundsätzlich als etwas Positives sieht, wird dies im Juden- und Christentum eher mit Sünde in Verbindung gebracht (so ist nach Augustinus die „Konkupiszenz“, die Begierde, eine Folge der Erbsünde). Verhütung und erst recht Abtreibung wird von der christlichen Kirche, insbesondere von der katholischen Kirche vehement abgelehnt, der Islam hat gar keine Vorschriften bezüglich Verhütung und das Judentum toleriert Verhütung, wenn diese für Leben und Gesundheit wichtig ist. Polygamie ist für muslimische Männer ebenfalls gestattet. Bis zu vier Ehefrauen darf ein muslimischer Mann haben unter der Vorraussetzung, dass er seine Ehefrauen gleich behandelt und finanziell für sie aufkommt. Der Einfluss dieser religiösen Vorschriften ist unterschiedlich: Die christliche Sexualmoral prägt heute eher Sitte und Moral, die muslimischen und jüdischen

4

Die Fotos sind teilweise online unter http://www.konkursbuch.com/html/muellera.html zu finden.

58


Tabu von Sexualität im Alter

Vorschriften

drücken sich hingegen im manchen Kulturkreisen konkret in der

Gesetzgebung aus (vgl. Sydow (1993), S. 140-142). Da die christliche Sexualmoral den größten Einfluss auf die Normen unseres Kulturkreises nimmt, soll diese näher erläutert werden: Sie ruht (vor allem in der katholischen Variante) auf zwei Fundamenten (vgl. Batholomäus (1993), S. 77): „Fortpflanzungszentrierung“ und „Ehezentrierung“ (Bartholomäus (1993), S. 77). „Fortpflanzungszentrierung“

(Bartholomäus

(1993),

S.

77)

beschreibt

die

ausschließliche Erlaubnis zu sexuellem Verhalten, wenn die Zeugung von Kindern bezweckt wird. Somit beinhaltet dieses Gebot auch ganz klar das Verbot von Selbstbefriedigung, Homosexualität, sexueller Lust, „unnatürlichen Stellungen“ beim Koitus, sowie von analen und oralen Formen der Befriedigung und Empfängnisverhütung. Dieses Prinzip hat sich über die Jahrhunderte hinweg gelockert und verändert. So gestattet die katholische Kirche heute den Geschlechtsakt innerhalb der Ehe, wenn die generelle Bereitschaft für Kinderempfängnis gegeben ist (vgl. Batholomäus (1993), S. 77-80). Auch die Liebe erhält inzwischen vor allem seit dem zweiten Vatikanischen Konzil als Motivation/ Legitimation für den Geschlechtsakt innerhalb der Ehe ethisch ein stärkeres Gewicht gegenüber der Zeugungsabsicht5. Mit der „Ehezentrierung“ (Bartholomäus (1993), S. 77) gibt die christlichbürgerliche Sexualmoral eine klare Rahmenbedingung für gelebte Sexualität vor. Im Gegensatz zu der Fortpflanzungszentrierung wurde diese Grundlinie im Mittelalter zumindest für Männer sehr freizügig ausgelegt (vgl. Bartholomäus (1993), S. 80-81). Erst ab dem 17. Jahrhundert wurden außereheliche sexuelle Erfahrungen als „schwere Sünde“ (Bartholomäus (1993), S. 81) betitelt. Die beiden Fundamente des christlich-bürgerlichen Konzepts von Sexualität beeinflussen bis heute unsere Gesellschaft, zum Beispiel ist heute noch Sexualerziehung in der Schule vorrangig im Fach Biologie verpflichtet, wo lediglich Informationen über Fortpflanzung und Schwangerschaft thematisiert werden. Durch die Verinnerlichung dieses Sexualkonzepts wird es zu einem Sinnkonstrukt, das Wahrnehmung und Erleben von sexueller Wirklichkeit deutlich beeinflusst (vgl. 5

„Der Zeugungszweck als ‚finis primarius’ der traditionellen Ehetheologie rückt in eine Reihe mit den Zielen ‚Ausdruck der Liebe’ (mutuum adjutorium) und ‚Ordnung des sexuellen Begehrens’ (remedium concupiscentiae).“ Hans-Jakob Weinz, Referent für Ehepastoral im Erzbistum Köln,

59


Tabu von Sexualität im Alter

Bartholomäus (1993), S. 80-90). Die drastische Folge wäre „Sexualitäten ohne Lust und Liebe“ (Bartholomäus (1993), S. 88), sowie Schuld- und Schamgefühle (vgl. Grond (2001), S. 14). Trotzdem ist die kirchliche Sexualmoral für viele Menschen unwichtig geworden. Besonders die Einflüsse der sexuellen Revolution in den 60er Jahren haben bewirkt, dass sich viele der damals jungen Menschen nachhaltig von diesen strikten Prinzipien abgewendet haben. Für die ältere Generation – also die vor 68er Generation – sind diese Einflüsse nicht so wirksam (geblieben). Moralvorstellungen aus der Kindheit und Jugend haben sich meist ein ganzes Leben lang durchgesetzt (Quinn (1999), S. 21-27), was es für ältere Menschen oft heute noch schwierig macht, sich mit der eigenen Sexualität auseinander zu setzen. Für viele besteht die Schwierigkeit, Sprache für die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu finden, sogar in Gesprächen mit dem eigenen Partner. Interessanterweise konnte keine so gut wie keine theologische Literatur, die sich speziell mit der Thematik Sexualität im Alter befasst, gefunden werden.6 Wenn aber die Leitprinzipien christlicher Sexualethik auch der „engeren“ Sicht katholischer Lehre auf die Sexualität älterer Menschen konsequent angewendet werden, so ist ein lustvolle sexuelle Praxis alter (verheirateter) Paare moralisch legitim. „Es gibt aber eine eher im Nicht-Thematisieren sich zeigende Reserve der traditionellen katholischen Sexualmoral gegenüber der von der Fortpflanzung ‚befreiten’, lustvollen Sexualität der Alten. Darüber hinaus ist

dieses

Nicht-Thematisieren

ein

Reflex

der

allgemeinen

gesellschaftlichen Tabuisierung dieses Themas.“ (Weinz, mündliche Auskunft) 5.3.2. Die Exosystemebene Zu der Ebene der Exosysteme von alten Menschen gehörten jene Systeme, an denen sie nicht direkt beteiligt sind, die aber eine große Wirksamkeit auf ihr Leben

6

mündliche Auskunft „Eine kursorische Durchsicht der katholischen Moraltheologie, der vorkonziliaren MoralHandbücher, wie auch der katholischen Lehre zur Sexualität hat ergeben, dass das Thema Sexualität im Alter äußerst selten aufgegriffen wird.“ Weinz, mündliche Auskunft

60


Tabu von Sexualität im Alter

haben. Hierzu gehören Alten- und Pflegeheime mit ihren Reglementierungen und beteiligten Personen und das Gesundheitssystem. Welche Einstellungen hier zur Alterssexualität bestehen und inwiefern sie ein Tabu unterstützen, wird im folgenden Abschnitt erläutert.

5.3.2.1.

Alterssexualität in Alten- und Pflegeheimen

In Alten- und Pflegeheimen wird der Umgang mit der Alterssexualität zum speziellen Problem, weil die Beziehung zwischen dem Pflegepersonal und dem Pflegebedürftigen von besonderer Art ist. Für alte und kranke Menschen, die in Heimen leben, ist das Alten- bzw. Pflegeheim im besten Fall ihr Zuhause. Vom Pflegenden wird erwartet, dass er mit dem Pflegebedürftigen einen liebevollen und nahen Kontakt eingeht, hierzu gehören Anteilnahme, Fürsorglichkeit, den Kranken zu umsorgen, das Eingehen einer Vertrauensbeziehung, Empathie, Akzeptieren, Opferbereitschaft und Interesse an den Bedürfnissen des Pflegebedürftigen. Wo so viel Nähe entsteht, benötigt der Pflegende eine gewisse Form von Distanz (vgl. Grond (2001), S. 19), „um sich selbst als Person mit eigenen Bedürfnissen“ (Grond (2001), S. 19) wahrnehmen zu können. Im Bezug auf Sexualität ergibt sich folgendes Problem: In der Regel wird dem alten und meistens auch kranken Menschen Asexualität unterstellt (vgl. Grond (2001), S. 16), häufig werden Bewohner von Heimen geradezu entsexualisiert durch praktische und klinische Kleidung, das Nichtzugestehen von Schminke oder zum Bespiel Seidenunterwäsche (vgl. Gröning (1999), S. 70-71), was zu Irritationen oder Schockreaktionen beim Pflegenden führen kann, wenn dann festgestellt wird, dass bei dem Pflegebedürftigen doch noch sexuelle Bedürfnisse vorhanden sind. Auch den Pflegenden werden keinerlei sexuelle Gefühle zugestanden, dabei entstehen gerade in einer Pflegesituation viele sehr intime Momente, denn Körperkontakt, wie Waschen, Einreiben, Massieren, findet ständig statt. Die Ignoranz, sich gegenseitig nicht auch als sexuelle Wesen anzuerkennen, führt zu vielen möglichen Komplikationen im pflegerischen Alltag. Auf der Seite der Heimbewohner können folgende Aspekte zu Problemen führen (vgl. Grond (2001), S. 16-20):

61


Tabu von Sexualität im Alter

Gefühle von Scham (äußern sich als Angst sich „eine Blöße zu geben oder als Peinlichkeit“(Grond (2001), S. 20)) können in der Pflege häufig auftreten, weil Pflegebedürftige sich nackt zeigen müssen. Hinzu kommen Ängste vor dem eigenen Körper weil der Intimbereich gezeigt werden muss oder entblößt wird und wegen befürchteter Unattraktivität oder Impotenz. Viele alte Menschen schämen sich wegen ihrer sexuellen Bedürfnisse. Auch Schuldgefühle wegen der eigenen sexuellen Lust, besonders wenn diese bei der Intimpflege durch das Pflegepersonal spürbar wird, sind ein Thema, vor allen bei denen, die eine religiöse Prägung mitbringen. Diese drei intensiven Gefühle Angst, Scham und Schuld haben negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl einer Person. Für das Pflegepersonal ist dies ebenfalls eine schwierige Situation. Der Akt der Intimpflege kann beim Pflegenden zu unangenehmen Gefühlen führen, wenn zum Bespiel Samenflüssigkeit oder Urin weggewaschen werden muss. Auf die Scham der alten Menschen zu reagieren ist eine weitere Herausforderung. Viele schämen sich dann selbst, weil sie spüren, dass sie die Scham anderer verletzt haben. Eine andere mögliche Reaktion sind Gefühle der Überlegenheit. Wenn die Scham des alten Menschen aber gar nicht wahrgenommen wird, weil der Pflegende solche Situationen schon seit Jahren kennt und die Intimpflege sehr routiniert durchführt, kann das für den Pflegebedürftigen neben der Scham zusätzlich Demütigung bedeuten. In diesem Moment wird die Diskrepanz zwischen dem Bedürfnis nach Nähe auf Seiten der alten Menschen und dem Bedürfnis nach Distanz auf Seiten des Pflegepersonals besonders deutlich: Obwohl der Pflegende sich psychisch stark distanziert, dringt er in den Intimbereich des Kranken ein. Auch die Pflegenden können sexuelle Gedanken und Spannungen haben, die sich angesichts der Nacktheit in der Intimpflege kaum völlig verhindern lassen, was wiederum zu Schamgefühlen führen kann. Häufig wird dem entgegengewirkt, indem bei der Pflege geschwiegen wird, wodurch eine Anonymisierung geschieht, die sexuelle Bedürfnisse erst gar nicht aufkommen lässt. Hygiene und Sterilität distanzieren ebenfalls, sowie die Reduktion des kranken Menschen auf seine Krankheit und die Neutralisation des alten Menschen zu einem geschlechtslosen Wesen. Andererseits gehört intimer Körperkontakt in der Pflegesituation zum alltäglichen Geschehen

durch Einreiben, Massieren, Waschen und auch

Zärtlichkeiten wie Streicheln, in den Arm nehmen und die Hand halten. 62


Tabu von Sexualität im Alter

Ein ganz anderes intensives Gefühl, das bei Pflegenden auftreten kann, ist Ekel. Urin, Kot, frischer Samen, Schleim, die Reinigung von verschmutzter Vulva oder Eichel, Eiter, Erbrochenes, etc. können starken Ekel auslösen. Meist ist eine Tabuisierung der Ekelgefühle die Folge, indem der Ekel nicht zum Thema gemacht wird, man sich schnell duscht, weil man sich schmutzig fühlt, Gewaltfantasien entwickelt oder das Gefühl einfach unterdrückt und ignoriert (vgl. Grond (2001), S. 15-25). Insgesamt können Scham, Angst, Ekel und deren Verdrängung und Tabuisierung zu

einem

erschwerten

Beziehungsverhältnis

zwischen

Pflegenden

und

Pflegebedürftigen führen. Das Ausleben sexueller Bedürfnisse ist in Heimsituationen sehr kompliziert. Als Bewohner hat man kaum Privatsphäre, da schon Zweibettzimmer eine gute Ausstattung sind. Einzelzimmer sind eine große Ausnahme. Hinzu kommt, dass in den Räumen kaum persönliche Atmosphäre herrschen kann, für persönliche Gegenstände ist nur selten Platz, es gibt keine eigenen Briefkästen und die Türen des Zimmers stehen meist offen oder werden ohne Anklopfen betreten. Auch die Zeiteinteilung eines Bewohners liegt nicht in seiner Hand, sondern ist bestimmt von organisatorischen Notwendigkeiten, die das Pflegepersonal dann durchführt, wenn es auf dem Pflegeplan steht. Durch diese extreme und erzwungene Offenheit und die Auflösung fast aller Grenzen der Privat- und Intimsphäre, ist es fast unmöglich vertraute, private und intime Momente entstehen zu lassen . Wenn sich Heimbewohner dennoch die Freiheit nehmen, eine Liebesbeziehung einzugehen, zum Beispiel mit einem anderen Bewohner, wird das unter dem Pflegepersonal meist zum Thema gemacht, um zu überlegen, wie mit der Situation umgegangen werden kann oder was man dagegen unternehmen kann, weil es den alltäglichen Ablauf durcheinander bringt (vgl. Landerer-Hock (1997), S. 3035). Oder aber ein verliebtes Pärchen im Heim wird idealisiert und ihm wird interessiert begegnet, weil es etwas außergewöhnliches, neues und aufregendes, in jeden Falle „nichts normales“ ist (vgl. Gröning, S. 69-72). Das Ausleben sexueller Bedürfnisse ist auf rein organisatorischer Basis unerwünscht und nahezu unmöglich. Kranke und alte Menschen nehmen das wahr und passen sich meist daran an. Da die Rahmenbedingungen keine legitimen Alternativen für die Befriedigung von sexuellen Wünschen zulassen, kann es auch zu sexuellem 63


Tabu von Sexualität im Alter

Fehlverhalten, wie Masturbieren in der Öffentlichkeit,

Exhibitionismus oder

Belästigung der Pflegekräfte, kommen (vgl. Hofmann (1999), S. 163).

5.3.2.2.

Alterssexualität im Gesundheitssystem

In einer Befragung von 112 Medizinstudenten im dritten Fachsemester wurden der sexualmedizinische Wissenstand und Einstellungen zur Sexualität untersucht. Insgesamt konnten große Wissenslücken, die bei einzelnen in unterschiedlicher Ausprägung auftraten, festgestellt werden. Die auffälligsten Wissenslücken betrafen Empfängnisverhütung, auch die Auswirkungen chronischer Erkrankungen und

die

Wirkung

von

Sexualhormonen

waren

größtenteils

unbekannt.

Entsprechend zu diesen Ergebnissen gab die Mehrzahl der Studenten an, nicht genug Wissen über Sexualität zu haben. Gleichzeitig ließ der noch kommende Stoffkatalog des Studiums nicht darauf schließen, dass diese Wissenslücken noch im Laufe des Studiums behoben werden könnten (vgl. Brähler/ Böhm (1988) S. 277-282). Diese

Befragung

untersuchte

zwar

nicht

speziell

das

Themenfeld

der

Alterssexualität. Es liegt aber die Vermutung nahe, dass das spezielle Thema Alterssexualität

wenig Platz haben wird, wenn schon generell das Thema

Sexualität innerhalb der allgemeinen medizinischen Ausbildung nicht ausreichend gelehrt wird. Obwohl es inzwischen eine Auswahl an Fachliteratur über die Sexualität in der zweiten Lebenshälfte besonders für Ärzte und Psychotherapeuten gibt, wird in der Literatur immer wieder beschrieben, dass sich ältere PatientInnen bei Fragen und Sorgen zu sexualitätsbezogenen Themen schämen, einem Arzt davon zu berichten (vgl. Kolle (2003), S.51). Sogar GynäkologInnen werden nur wegen medizinischer Fragen konsultiert und aus Sicht der Patientinnen gehören Sexualstörungen oder Fragen zur Sexualität nicht zu dieser Kategorie, was sie bei der ärztlichen Konsultation darüber schweigen lässt. Wenn Ärzte von sich aus das Thema nicht anschneiden, kann es dazu kommen, dass diese Fragen und Sorgen niemals angesprochen werden. Dies liegt wohl auch daran, dass Ärzte ebenso von Tabuisierungen der Alterssexualität und auch von den Vorstellungen jüngerer Menschen über 64


Tabu von Sexualität im Alter

Einstellungen älterer Menschen zur Sexualität betroffen. Folglich werden sich auch Ärzte scheuen, in der Begegnung mit alten Menschen das Thema von sich aus auf Sexualität zu lenken (vgl. Kolle (2003), S. 51).

5.3.3. Die Mikrosystemebene Für die Analyse des Tabus Alterssexualität wichtige Mirkosysteme sind Systeme im direkten Umfeld älterer Menschen. Hierzu gehören die Familie und weitere Verwandte, sowie Freunde, Bekannte und Nachbarn. Einstellungen und Einflüsse dieser Systeme auf Sexualität im Alter werden hier beschrieben.

5.3.3.1.

Das Tabu von Alterssexualität innerhalb der Familie

Der Umgang mit Sexualität ist in der Generationenfolge stark tabuisiert. Nach Freuds Psychoanalyse erkennen Kinder im Laufe ihrer dritten Entwicklungsphase (genitale Phase) zum ersten Mal Mutter und Vater als unterschiedliche Geschlechtswesen, auch das eigene Geschlecht wird wichtig. Weil Kinder nun eine Sehnsucht nach Intimität mit dem anderen Geschlecht entwickeln, richten sie ihre libidinöse Energie auf das gegengeschlechtliche Elternteil. Der Ödipuskonflikt tritt dann auf, wenn die Eltern diese Sehnsucht ablehnen und das Kind in dieser Hinsicht zurück weisen. Durch die Verinnerlichung dieses Verbots lernt das Kind seine Sehnsucht zu unterdrücken. Gleichzeitig nimmt es eifersüchtig wahr, dass die libidinöse Sehnsucht, die es selber spürt, zwischen den Elternteilen ausgelebt wird. Diese Kränkung verdrängt das Kind und macht so die sexuelle Aktivität der Eltern für seine eigene Wahrnehmung ungeschehen. Eben diese Verdrängung, dass die eigenen Eltern das miteinander teilen, was dem Kind verwehrt bleibt, führt dazu, dass die Vorstellung entsteht, dass die Eltern nicht sexuell miteinander verkehren. Obwohl es aus biologischer Sicht nicht möglich ist und das Kind das irgendwann lernt, hält das Kind auch als Jugendlicher und häufig auch als Erwachsener an dieser Vorstellung fest. Faktoren, die eine solche Vorstellung über nicht vorhandene sexuelle Aktivität der Eltern begünstigen, sind die generelle Tabuisierung von Sexualität innerhalb der Familie aufgrund religiöser oder ideologischer Weltanschauungen, sowie eine instabile Identität des erwachsenen 65


Tabu von Sexualität im Alter

Kindes hinsichtlich der eigenen Geschlechterrolle (vgl. Neises/ Ploeger (2003), S. 46-48). Wenn Kinder bei dem Erleben von kindlich-sexuellen Erfahrungspielen „ertappt“ und von den Eltern bestraft werden, kann das zusätzlich die Vorstellung, dass Sex etwas schmutziges und böses sei, hervorbringen. Bei der Übertragung dieser Vorstellung auf die elterliche Sexualität, wird diese wohl auch deshalb wiederum verleugnet werden. Auch die Verhaltensbeschränkung auf die elterliche Rolle in Anwesenheit der bereits erwachsenen Kinder verstärkt die Wahrnehmung der Kinder von asexuellen Eltern (vgl. Butler/ Lewis (1993), S. 197-198). Aber nicht nur die elterliche Sexualität wird in Familien sehr diskret behandelt oder gar verheimlicht. Ebenso die sexuelle Aktivität der pubertierenden oder erwachsenen Kinder wird vor den Eltern meist verschwiegen. Man kann also von einem wechselseitigem „Spiel“ des einander gegenseitigen Verschweigens und des Nicht-Wahrnehmens der Sexualität der anderen Familiengeneration sprechen (vgl. Neises/ Ploeger (2003), S. 48).7 Ein anderer Aspekt kann hinzukommen, wenn ein Elternteil nach einer Trennung durch Scheidung oder Tod wieder eine neue Partnerschaft eingehen möchte. Viele erwachsene Kinder haben nur unzureichende Wut- und Trauerarbeit geleistet und fühlen sich dann verunsichert. Sie neigen dazu, das verstorbene oder geschiedene Elternteil zu idealisieren. Dem neu verliebten Elternteil wird oft Illoyalität, Selbstsucht und Unsensibilität vorgeworfen, als sei die neue Liebe gegen das andere Elternteil gerichtet. Auch die Angst, selbst nicht mehr genug Aufmerksamkeit zu erhalten, kann die Akzeptanz einer neuen Beziehung eines Elternteils deutlich erschweren (vgl. Butler/Lewis (1993), S. 198-200). Dies wirkt sich dann auch auf die negative Einstellung der erwachsenen Kinder gegenüber der neuen Sexualität der Eltern aus, zumal die Eltern nun nicht mehr den Erwartungen, die an die alten Eltern oder die Großeltern gestellt werden, entsprechen (vgl. Koch-Staube (1982), S. 222).

7

Generell ist ein zurückhaltender Umgang mit diesem Thema im Familiensystem nicht unberechtigt, weil er dazu dient, die Grenzen zwischen den familiären Subsystemen zu markieren.

66


Tabu von Sexualität im Alter

5.3.3.2.

Alterssexualität im außerfamiliären sozialen Umfeld

In dem Kapitel 5.3.1.2., in dem die Normen über Alterssexualität beschrieben wurden, wurde festgestellt, dass viele der gleichaltrigen oder älteren Menschen zu Sexualität im Alter eine einschränkende Grundhaltung haben. Dies ist übertragbar, wenn die moralischen Vorstellungen des außerfamiliären sozialen Umfeldes in Hinblick auf die Sexualität der gleichen Kohortengruppe untersucht werden soll. Es ist also davon auszugehen, dass ältere Menschen ihren Freunden und Bekannten (auch aus gemeinsamen Vereinstätigkeiten) eher keine sexuelle Aktivität zugestehen. Neue Beziehungen mit erotisch-sexuellem Charakter im Alter werden von dem sozialen Umfeld häufig mit Sticheleien, eventuell sogar mit Hohn oder Spott nieder gemacht. Außereheliche Beziehungen können sogar als Schande gelten (vgl. Koch-Staube (1982), S. 221).

5.4. Fazit und Zusammenfassung Dieses

Kapitel

widmete

sich

den

verschiedenen

Systemebenen,

um

herauszuarbeiten, ob und wie Alterssexualität tabuisiert wird. In Kürze werden hier noch einmal die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst: Innerhalb der Makrosystemebene wurden gesellschaftliche Normen zur Sexualität und Alterssexualität, sowie vermittelte Werte durch Medien, Kunst und Religionen benannt. Aspekte, die die einleitende These, die im Kapitel 5.2. erläutert wurde, bestätigen können, finden sich in allen untersuchen Makrosystemen wieder. Gesellschaftliche Normen haben sich zwar durch die sexuelle Revolution in den 60er Jahren nachhaltig liberalisiert, im Bezug auf die Alterssexualität zeigt dies aber scheinbar kaum Wirkung. Besonders die Menschen, die ihre Jugend vor der sexuellen Liberalisierung erlebte, sind von den „alten Normen“, die das Thema Sexualität stark tabuisierten, indem es entweder gar nicht besprochen oder in Verbindung mit einer erdrückenden Sexualmoral vermittelt wurde, stärker geprägt als von den neueren Normen und Werten. Aber auch jüngere Generationen, die mit oder nach der sexuellen Befreiung aufgewachsen sind und die Sexualität weniger als Tabu erleben, übertragen die gewonnene

Liberalisierung der

Sexualität nicht auf die Alterssexualität. Zärtlichkeiten, Umarmungen, Küsse, 67


Tabu von Sexualität im Alter

seelische Zuneigung im Alter werden akzeptiert, aber auch belächelt. Dem offensichtlichen Ausleben von Erotik und Sexualität im Alter hingegen wird mit Befremden begegnet – das trifft sowohl auf die Jüngeren als auch auf die gleichaltrige Kohortengruppe zu. Die Medien unterstützen dieses Tabu, indem sie alte Menschen nicht in sexuellen Kontexten zeigen, sondern Sexualität nur in Verbindung mit jungen und dem Schönheitsideal entsprechenden Männern und Frauen darstellt, wobei älteren in den Medien präsentierten Männern mehr Toleranz und Sex-Appeal zugestanden wird als älteren Frauen. Ausnahmen, wie sie durch das Beispiel von dem Film „Wolke 9“ beschrieben wurden, durchbrechen zwar die allgemeine Tendenz, Alterssexualität in den Medien nicht zu thematisieren, werden aber gleichzeitig als etwas Neues, Besonderes und Tabubrechendes betitelt. Innerhalb der Kunst sind Tabubrüche eher zu finden. Das Zeigen von alternden, nackten Körpern in einer erotisch-ästhetischen Art und Weise gibt den Betrachtern die

Möglichkeit

Sexualität

im Alter anders zu betrachten, als es die

gesellschaftlichen Normen sonst vorsehen. Allerdings ist hier die Wirkung der Tabubrüche in der Kunst zu hinterfragen. Die Einflussgrößte ist stark abhängig von dem Individuum, das Kunst aus eigenem Interesse betrachtet oder eben nicht betrachtet. Es muss davon ausgegangen werden, dass diese Überschreitungen des Tabus meist nur von den Menschen beachtet wird und deshalb nur diese Menschen wirksam beeinflusst, die sich sowieso mit der Thematik Alterssexualität beschäftigen und schon dadurch das Tabu in Frage stellen. Ähnliches lässt sich auch für tabubrechende Filme wie „Wolke 9“ vermuten. Alterssexualität wird in den christlichen Religionen nicht thematisiert. Eine Übertragung der christlichen Sexualmoral auf die Sexualität älterer Generationen lässt den Schluss zu, dass sexuelles Interesse und Aktivität eher mit Skepsis gesehen werden. Aber schon die Tatsache, dass dieses Thema in der theologischen Literatur kaum einen Platz findet, bestätigt die Annahme eines Tabus. Es konnte also festgestellt werden, dass Alterssexualität auf der Ebene der Makrosysteme tabuisiert wird, entweder durch das Nicht-zum-Thema-machen oder durch abwehrende, ablehnende oder auch besonders „aufgeregte“ (im Sinne von „Sensation!“) Reaktionen auf das Zum-Thema-machen, was dann einem Tabubruch entspricht. 68


Tabu von Sexualität im Alter

Auch auf der Ebene der Exosysteme lässt sich die These über eine tabuisierte Alterssexualität größtenteils bestätigen. Näher untersucht wurden Alten- und Pflegeheimsituationen sowie das Gesundheitssystem. Dominierende Gefühle seitens des Pflegepersonals, die sich auf die Sexualität der BewohnerInnen von Heimen beziehen, sind Ekel, Scham und der Wunsch nach Verdrängung, selten auch übersteigerte Begeisterung, wenn es sich um ein „niedliches“ neu gefundenes Paar handelt, dass sich an die gegebenen Konventionen hält. Für die BewohnerInnen selber entstehen Scham- und Schuldgefühle, wenn sexuelle Lust empfunden oder sexuelles Interesse ausgelebt wird. Das Pflegepersonal erlebt die Pflegebedürftigen eher als asexuell, was durch entsexualisierende Kleidung, übersteigerte Hygiene und Sterilität gefördert wird. Wenn die alten Menschen doch als sexuelle Wesen erkannt werden, geht dies meist mit Gefühlen von Ekel und Scham einher, manchmal sogar Schock und Befremden. Somit sind die Kriterien für ein Tabu gegeben: Alterssexualität wird eigentlich nicht besprochen, dafür unterdrückt, und bei Tabubruch wird sanktioniert. Im Gesundheitssystem wird Alterssexualität meist nur medizinisch thematisiert. Da Ärzte voranging die Aufgabe der medizinischen Versorgung haben, ist dies sicherlich legitim. Sobald es aber nicht mehr um medizinische Versorgung sondern auch um Beratung und Begleitung geht, wird Alterssexualität meist auch innerhalb des Gesundheitssystems tabuisiert. Alte PatientInnen sprechen

das

Thema von sich aus nur selten an, was sicherlich eng im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Biographie steht. Ärzte scheuen das Thema von sich aus ebenfalls, weil auch sie von den gesellschaftlichen Normen beeinflusst sind. In dem direkten sozialen Umfeld, das durch die Mikrosysteme beschrieben wurde, wird die Sexualität im Alter ebenfalls tabuisiert. Meist sind sexualitätsbezogene Themen zwischen Eltern und Kindern, auch im Erwachsenenalter, per se tabuisiert. Was die Sexualität der alten Eltern betrifft, wird dieses Tabu häufig nicht durchbrochen. Wenn ein Elternteil eine neue Beziehung mit offensichtlich erotischsexuellem Charakter eingeht, sind die Reaktionen der erwachsenen Kinder in der Regel stark ablehnend und eventuell sogar verachtend, unanhängig davon, ob es sich um eine außereheliche Beziehung handelt oder das Eingehen einer neuen 69


Tabu von Sexualität im Alter

Beziehung nach Verlust des Partners oder der Partnerin durch Trennung oder Tod. Diese Verachtung kommt einer Sanktion wegen des Tabubruchs gleich. Das außerfamiliäre Umfeld ist durch gesellschaftliche Normen und eigene sexuelle Biographien ebenfalls von dem Tabu von Alterssexualität betroffen. Die eingangs dargestellte These ließ sich also anhand der Tabuanalyse bestätigen. Wie groß der Einfluss der verschiedenen Systeme auf ein Individuum wirklich ist, darf sicher nicht pauschal festgehalten werden, sondern muss individuell betrachtet werden. Trotzdem muss aus grundlegenden soziologischen und psychologischen Annahmen davon ausgegangen werden, dass sich die Mehrzahl der jüngeren und älteren Menschen von einem in ihrer Gesellschaft verankerten Tabu stark beeinflussen lassen.

5.5. Auswirkungen des Tabus von Alterssexualität An die nachhaltige Untersuchung des Tabus sollen nun kurz die Auswirkungen der Tabuisierung benannt werden. Die größten Auswirkungen müssen bei den von dem Tabu betroffenen Menschen vermutet werden. Schneider vermutet durch die gesellschaftlich auferlegten Rollenzuschreibungen für alte Menschen verschiedene Rollenkonflikte. Zunächst kann die tabuisierte Sexualität bei alten Menschen ein Rollendefizit auslösen, d.h. ihrer Rolle werden keine sexuellen Verhaltensweisen zugeschrieben, und sie halten sich an diese Rollenvorgabe, spüren aber trotzdem ein Verlangen nach diesen Verhaltensweisen. Weiterhin sind Intra-Rollenkonflikte und SelbstRollenkonflikte denkbar. Intra-Rollenkonflikte entstehen dann, wenn verschiedene, sich

widersprechende

Verhaltenserwartungen

an

die

alten

Menschen

herangetragen werden. Ein mögliches Szenario wäre eine alte Frau, die von ihrem sozialen Umfeld die Botschaft erhält, sie habe sich asexuell zu verhalten, ihr Ehemann hingegen würde gerne weiterhin mit ihr sexuell aktiv bleiben. Der SelbstRollenkonflikt beinhaltet eine Diskrepanz der gestellten Erwartungen an eine Rolle und dem Selbstkonzept des Rolleninhabers. Im Bezug auf Alterssexualität würde das bedeuten, dass von älteren Menschen kein Interesse an Sexualität erwartet wird, die alten Menschen aber Interesse haben (vgl. Schneider (1980), S. 56-60). 70


Tabu von Sexualität im Alter

Solche Rollenkonflikte sind schwer auszuhalten und führen zu der Unsicherheit, was nun die „richtige“ Verhaltensweise ist. Trümmers fand heraus, dass eine negative Bewertung der Sexualität bei 68% der Befragten mit sexueller Inaktivität einhergeht (vgl. Trümmers (1976), S69-71). Ältere Menschen also, die dieses Tabu verinnerlicht haben und Alterssexualität tatsächlich als unmöglich betrachten, verbergen ihre sexuelle Verhaltenweise nicht nur, sie unterbinden sie auch. Diejenigen unter den alten Menschen, die ihre Sexualität ausleben wollen, aber in einem Milieu leben, in dem ihnen keine sexuellen Wünsche und Fähigkeiten mehr zugestanden werden, verbergen ihre Sehnsüchte und Aktivitäten meist vor der Öffentlichkeit (vgl. Koch-Staube (1982) S. 223). Somit geschieht der Tabubruch unter dem Mantel der Verschwiegenheit. Eine weitere Auswirkung des Tabus und seines Aspektes „double standard of aging“ ist, dass ältere allein stehende Frauen kaum damit rechnen können, noch einmal eine Beziehung eingehen zu können, denn in den Augen gleichaltriger, älterer und besonders jüngerer Männer entsprechen sie nicht mehr dem Bild von sexueller Attraktivität. Wenn es dennoch dazu kommt, dass eine Ehefrau ihren Mann wegen eines jüngeren Mannes verlässt, gilt dies geradezu als ein gesellschaftlicher Skandal (also eine Sanktion infolge eines Tabubruchs) (vgl. Sontag (1977), S. 289-292). Welche Auswirkung das Tabu auf jüngere Generationen hat, lässt sich nur vermuten. Die Tendenz, dass das Tabu inzwischen immer wieder gebrochen wird und die Aussage von Sydow, dass dies wohl mit dem Altwerden der 68er Generation im Zusammenhang steht (vgl. Seigel (2008), lässt erahnen, dass sich das Tabu in den nächsten Jahren verändern wird, so dass die heutigen jüngeren Generationen eventuell weniger von diesem Tabu betroffen sein werden.

71


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

6. Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen In diesem letzten Kapitel soll es darum gehen, wie das bestehende Tabu von Sexualität

im

Alter

verändert

werden

kann.

Um

alten

Menschen

Handlungsspielräume in der Auslebung ihrer Sexualität eröffnen und/ oder erweitern zu können, die sie je nach ihrem eigenen Wünschen und Bedürfnissen nutzen können, kann die Soziale Arbeit in ihren verschiedenen Einsatzfeldern Programme anbieten oder entwickeln. Diese Programme sollten sich nicht nur auf die direkte Arbeit mit alten Menschen beziehen. Wie in der Tabuanalyse deutlich wurde, besteht dieses Tabu auch auf anderen Systemebenen. Auch die Arbeit mit den Menschen dieser Systemebenen kann deshalb Enttabuisierung fördern und so Handlungsspielräume eröffnen oder erweitern. Einen Überblick über die bereits bestehenden Angebote und weiterführende Ideen und Visionen auf den verschiedenen Ebenen sollen in diesem Kapitel dargestellt werden.

6.1. Angebote und Programme für alte Menschen Sexualpädagogische

Angebote

für

Jugendliche

und

Kinder,

sowie

die

Qualifizierung der mit ihnen arbeitenden Berufgruppen existieren in Deutschland inzwischen in großer Zahl und Vielfalt. Bezogen auf die Gruppe von Erwachsenen, insbesondere alten Menschen wird diese Zahl schon deutlich kleiner. Angebote der „Sexual-Agogik“ (Mahnke/Sielert (2004), S. 192), die eben diese Gruppen ansprechen könnten, gibt es tatsächlich nur wenige. Visionen, die eine Begleitung älterer Menschen im Bezug auf ihre Sexualität und die Eröffnung von Lernräumen ermöglichen könnte, sollen hier kurz erläutert werden. Zunächst ist es von Bedeutung, Alterssexualität überhaupt zu thematisieren. Spezifische Bildungs- und Beratungsangebote können sowohl den öffentlichen als auch den privaten Diskurs fördern. Hier sollte es nicht um die öffentliche Vermarktung gehen. Vielmehr sollten solche Angebote von sozialen Trägen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung kommen. Auch zielgruppengerichtete Zeitschriften oder Beratungsführer können den Diskurs mit Bildungs- und

72


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Beratungsanteilen für alte Menschen ermöglichen (vgl. Mahnke/Sielert (2004), S. 192-193). „Stigmatisierende Festschreibungen“ zu „entlarven“ (Mahnke/Sielert (2004), S. 193) ist eine weitere sexualagogische Vision. Um das Tabu von Alterssexualität zu erkennen und zu verändern, eventuell sogar zu brechen, benötigt man Mut und Motivation. Alte Menschen zu motivieren, sich gegen die Stigmatisierung zu wehren, ist denkbar durch „Theaterwokshops und Kabarettveranstaltungen gegen das Liebeseinerlei“, sowie „Rollenspiele zur Stärkung der Widerstandskräfte gegen die kopfschüttelnde Verwandtschaft“ und „Mut machende Vorträge von lebendigen Referentinnen und Referenten“ (Mahnke/Sielert (2004), S. 194). Die eigenen Sinne und Bedürfnisse zu spüren muss häufig insbesondere im Bezug auf Sexualität erst erlernt werden. Übungen, um das eigene Bewusstsein wacher wahrzunehmen und es eventuell sogar beweglicher zu machen und auch um den eigenen Körper durch Entspannung und bewusstes Nachspüren neu zu erleben, können hilfreich sein. Methodisch könnte dies in Spielen mit starker sozialer Interaktion, Fantasieanregungen, Tanz, Modenschau und kreativkünstlerischen Ausdrucksformen wie Gedichte, Geschichten oder Malerei umgesetzt werden. Kindliche und energiereiche innere Bilder, Gefühle und Begierden, die im Sozialisationsprozess an das Vorgegebene und Erwartete angepasst wurden, treten im Laufe eines Lebens immer wieder auf, werden aber dann meist als fremd empfunden. Diese inneren Kräfte wieder zuzulassen, sich mit dem Fremden zu versöhnen und so Möglichkeiten von Neuentdeckung und Lebenslust zu erfahren, kann aus sexualagogischer Sicht das Leben alter Menschen selbstgesteuerter und somit lebendiger und freudiger werden lassen. Impulse, die Menschen dazu anregen, Neues anzufangen, sich weiter zu entwickeln und los zu gehen, kann den positiven Umgang alter Menschen mit ihrer Sexualität deutlich steigern. Es soll nicht darum, gehen alte Menschen zu KonsumentInnen von Waren und Angeboten werden zu lassen, sondern sie zu begleiten und anzuregen, selbstmächtig zu werden, indem sie ihre eigene sexuelle Identität finden oder stärken (vgl. Mahnke/Sielert (2004), S. 194-196). Konkret könnten

zum

Beispiel

„Tantrakurse

zur

Energieerschließung,

Massagewochenenden zur besseren Körperwahrnehmung, Flow-Workshops als

73


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Motivationsanreiz, Zukunftswerkstätten für neue Lebensformen“ (Mahnke/Sielert (2004), S. 195-196) und vieles mehr angeboten werden. Diejenigen alten Menschen, die einen Schritt gegen den Strom wagen und sich gegen das Tabu von Altersexualität wehren, brauchen auf ihrem Weg ein Milieu der Unterstützung und Ermutigung. Die Formulierung neuer Normen und Übereinkünfte, positive Rückmeldungen und ein solidarisches Miteinander, also die Schaffung einer Anerkennungskultur, können einen heilsamen und hilfreichen Kontext für diese Menschen bieten (vgl. Mahnke/Sielert (2004), S. 196-197). Konkretere Ansätze, die bereits praktisch umgesetzt wurden, sollen in den folgenden Unterkapiteln dargestellt werden.

6.1.1. Arbeit mit Paaren und Alleinstehenden 6.1.1.1.

Sexual- und Paarberatung oder -therapie

In der sexualagogischen Arbeit mit Paaren und aber auch mit Alleinstehenden ist die Paar- und Sexualberatung ein wichtiges Fundament. Eine Paar- und Sexualtherapie wurde für ältere Menschen in der Vergangenheit eher wenig angeboten. Alte Menschen tauchten in therapeutischen Kontexten eher seltener auf. Zuerst wurden lediglich soziotherapeutische Hilfen für alte Menschen angeboten, wenn der Ehepartner oder die Ehepartnerin krank wurde und Beratungsbedarf wegen der Organisation von Pflege oder auch wegen eines Umzuges in ein Pflegeheim bestand. Später wurden alte Menschen in familientherapeutische

Gespräche

eingebunden,

um

aus

der

Mehrgenerationenperspektive Konfliktmuster aufdecken zu können oder mit ihrer Unterstützung Lösungen im Familiensystem zu ermöglichen. Im Zentrum der Familientherapie standen aber oft nicht die alten Menschen, sondern die nachkommenden Generationen. Die alten Menschen, als Großmütter oder Großväter, hatten gelegentlich eine Art von Expertenstatus und eventuell sogar die heimliche Funktion als HilfstherapeutIn (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 55). Erst in den letzten Jahren entwickelten sich paar- und sexualtherapeutische Angebote auch für alte Menschen. Dies ist einerseits mit der steigenden Anzahl der über 60Jährigen zu begründen, aber auch mit dem steigenden Interesse alter Menschen an Sexual- und Paartherapie (vgl. Riehl-Emde (2002), S.44). 74


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Es gibt sowohl aus Sicht der PaartherapeutInnen als auch aus Sicht der KlientInnen „Hemmungen“, die therapeutische Kontakte mit alten Menschen bisher erschwerten. In der beraterischen Begegnung mit den alten Menschen ist für BeraterInnen/ TherapeutInnen eine bewusste, tiefgehende Auseinandersetzung mit eigenen Ängsten und Vorstellungen unerlässlich, die im Hinblick auf das Alter und das eigene Älter-Werden bestehen und bei Nicht-Beachtung eine Quelle für Projektionen und Übertragungen werden können. Hierzu gehört auch, die eigene Biographie in den Denkprozess mit ein zu beziehen. Aus Sicht der älteren Hilfesuchenden, kann die Inanspruchnahme und/ oder der Prozess von Beratung/ Therapie erschwert werden durch: -

die Vorstellung, dass es sich nicht gehört Ehe- und Familienprobleme mit außenstehenden Personen zu besprechen („Das geht niemanden etwas an.“),

-

Befürchtungen,

dass

„nur“

Gespräche

jahrzehntelang

einstudierte

Beziehungsmuster nicht verändern können, -

Ängste vor dem erneuten Aufbrechen alter Verletzungen und Kränkungen,

-

verinnerlichte Unterstellungen von Unbeeinflussbarkeit und Starrsinn der alten Menschen und der damit einhergehenden Vorstellung, Verhaltensund Beziehungsmuster seien sowieso festgelegt,

-

die Annahme, dass Hilfe nicht wegen zwischenmenschlicher oder psychischer Schwierigkeiten, sondern nur wegen körperlichem und geistigem Abbau in Anspruch genommen werden kann.

Diejenigen alten Menschen, die sich dennoch zu einer Therapie oder Beratung entschließen, haben die Erwartung, dass die aktuelle Thematisierung von Probleme zwar eine Beziehung zunächst eher strapazieren können, eine gute Verarbeitung dieser Probleme aber die Beziehung nachhaltig stärken kann (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 48-56). Auslöser,

in

eine

Paar-

oder

Sexualberatung

zu

gehen,

sind

häufig

unbefriedigende Situationen in der partnerschaftlichen Sexualität der alten Menschen, Belastungen durch Krankheiten und die möglicherweise damit

75


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

verbundene Rollenumkehr in der Beziehung, eheliches Burn-out und die (unterstellte) Unauflösbarkeit der partnerschaftlichen Bindung. Aus therapeutischer Sicht ist eine Paartherapie dann zu empfehlen, wenn partnerschaftliche Krisensituationen oder Lebensprobleme alter Menschen ohne Begleitung und Hilfe von außen nicht bewältigt werden können. Dies kann dann der Fall sein, wenn Störungen vorliegen und Bewältigungshilfen und eine Ressourcenmobilisierung bei körperlichen oder seelischen Krankheiten benötigt werden (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 60-69). Der Umgang mit Sexualität taucht in solchen Paartherapien nicht selten unerwartet als (vielleicht sogar am Rande angesprochenes) Thema auf und gewinnt möglicherweise im laufenden Prozess an Bedeutung. Für die Paartherapie bedeutsame Entwicklungsaufgaben für Menschen und Paare zwischen dem 60. und dem 75. Lebensjahr sind vor allen Dingen die Aspekte, die die Gestaltung der intragenerativen Beziehungen betreffen wie zum Beispiel: die Gestaltung der Paarbeziehung nach dem Berufsende, das Entdecken und Gestalten gemeinsamer Aktivitäten, Interessen und das Reagieren auf und Akzeptieren von Einschränkungen (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 52-60). Vorraussetzungen für eine Paar- und Sexualtherapie sind auf Seiten der Therapeutinnen das Beherrschen der Mittel und Techniken, die in Beratungs- und Therapiegesprächen immer gefordert sind. Um mit alten Menschen über das (Tabu-)Thema ihrer Sexualitiät überhaupt sprechen zu können, ist ein besonderer Schutzraum erforderlich, deswegen müssen Kenntnisse über das Älterwerden und Altsein, Entwicklungsaufgaben im Alter, mögliche Anpassungsschwierigkeiten und Interventionsansätze vorhanden sein. Hier ist es von grundlegender Bedeutung, an

die

bisher

genutzten

Bewältigungsmuster

(die

Lebens-

und

Lösungskompetenzen) der alten Menschen anzuknüpfen, alte Menschen bringen meist einen großen Erfahrungsschatz mit sich, der als Ressource genutzt werden sollte. Außerdem sollte das familiäre und soziale Netzwerk mitgesehen werden und

natürlich

das

Netzwerk

anderer

Behandler.

Regulärmedizinische

Behandlungsmöglichkeiten und das Wahrnehmen anderer sozialer Angebote sollten im Beratungs- und Therapiekontext bekannt sein, bei Bedarf sogar

76


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

angeregt werden. Eine Kooperation und enge Zusammenarbeit mit anderen Fachleuten bei gleichzeitiger Wahrung der Diskretion ist in vielen Fällen ratsam. Die Kooperationsbereitschaft und der Wille seitens der PatientInnen mitzuarbeiten und klare Zielbenennung und -begrenzung sind weitere wichtige Voraussetzungen für einen gelingenden Therapieprozess (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 68-70). Generelles Ziel der Paar- und Sexualtherapie ist es, die Interaktionen und Beziehungsdynamik dahingehend verändern zu helfen, dass Schwierigkeiten und Probleme erleichtert oder behoben werden. Hierbei steht nicht der Einzelne sondern das System im Mittelpunkt. Insbesondere in der Beratung/ Therapie alter Menschen,

ist

es

wichtig,

ihre

Lebenserfahrung

als

Ressource

und

Entwicklungsmöglichkeit für mögliche Veränderungen zu sehen (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 69). In der Sexualtherapie oder –beratung ist es wichtig, nicht primär die Wiederherstellung der Sexualfunktionen als Ziel zu betrachten, sondern die Herstellung der sexuellen Zufriedenheit des Paares. Dies liegt in dem Recht aller Menschen auf sexuelles Wohlbefinden und auf Information und Beratung (vgl. Thoß/ Bolz (2003), S. 36-38). Die Prognosen gehen dahin, dass Therapien und Beratungen in der Zukunft mehr von alten Menschen genutzt werden, da die demographische Entwicklung die wachsende Anzahl von alten Menschen in der Gesamtbevölkerung voraussagt und die Einstellungen der jetzt älter werdenden Menschen gegenüber der Inanspruchnahme von Beratung und Therapie positiver gefärbt ist als bisher. Deswegen sollten Themen, die in der Therapie und Beratung von alten Menschen eine Rolle spielen, in der Ausbildung angehender TherapeutInnen und BeraterInnen einen Platz haben (vgl. Riehl-Emde (2002), S. 71). Pro

familia

ist

ein

Bespiel

für

Familienplanungs-

und

Sexualitätsberatungsorganisationen, die sich mit dem Thema Sexualität im Alter auseinandergesetzt und die Arbeit mit alten Menschen als Bedarf erkannt und entsprechende Angebote entwickelt hat(vgl. Thoß/Bolz (2003), S. 36). In ihrer Arbeit beziehen sie sich auf die IPPF-Charta8, in der festgehalten wird: 8

IPPF steht für International Planned Parenthood Federation und ist der Dachverband von pro familia.

77


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

„Alle Personen haben ohne Berücksichtigung ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Armut, Geschlecht, sexueller Orientierung, Familienstand, Stellung in der Familie, Alter, Sprache, Religion, politischer oder anderer Überzeugungen, nationaler und sozialer Herkunft, Eigentum, Geburt oder eines sonstigen Status das Recht auf einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Information zur Sicherung ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens. Dies schließt den Zugang zu Informationen, Beratung und Dienstleistungen, die ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und ihre sexuellen und reproduktiven Rechte betreffen, ein.“(IFFP (1996), S. 12 ) Das Dienstleistungsangebot der Institution pro familia hat inzwischen ein breit gefächertes Angebot für ältere Menschen entwickelt. Zu den Angeboten zählen Wechseljahregruppen für Frauen, Sexual- und Paarberatung ebenso wie themenspezifische

Gesprächskreise

und

Veranstaltungen

und

Gesundheitsberatung für Männer und Frauen. Bei den Telefonsprechstunden zu den Themen Liebe, Sexualität und Partnerschaft ist die Nachfrage besonders hoch, nicht nur von alten Menschen, sonders auch von Angehörigen und beruflich Involvierten. Weiterhin werden Multiplikatorenschulungen angeboten, um das Programm zu vervielfachen. Die praktische Erfahrung von pro familia bestätigt, dass der Bedarf zunimmt: In den letzten Jahren hat sich die Zahl der älteren KlientInnen in Paar- und Sexualberatungen deutlich vermehrt. Qualitäten, die pro familia von ihren BeraterInnen in der Arbeit mit alten Menschen fordert sind, wie weiter oben bereits erwähnt, einerseits Kenntnisse von generellen Beratungsansätzen und -techniken sowie die Fähigkeit empathisch auf die KlientInnen einzugehen. Für die BeraterInnen wird Supervision und Intervision zur persönlichen Reflexion und zur Qualitätssicherung des Vereins angeboten. So wie in der Sexualpädagogik immer weibliche und männliche Kollegen zur Verfügung stehen für geschlechterspezifische Themen, ist dieses auch bei einem Angebot für alte Menschen wichtig. Darüber hinaus spielt das Alter der Beratenden eine wichtige Roll: Ältere und jüngere Kollegen gehören zu einem Fachteam, um bei entsprechendem Bedarf handlungsfähig zu bleiben.

78


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Zukünftige

Bemühungen,

Wissensvermittlung

über

die

pro

familia

Alterssexualität

anstrebt,

für

sind

Betroffene

insbesondere

und

angehörige

Berufsgruppen und den weiteren Ausbau der Beratungsangebote für Menschen ab 60 Jahren. Die Sexualpädagogik soll bei einer Entstigmatisierung von alten Menschen als asexuelle Wesen Unterstützung leisten. Generell soll der ganze Arbeitsbereich mit Hilfe von Organisationen und Initiativen von und für alte Menschen weiterentwickelt werden (vgl. Thoß/Bolz (2003), S. 36-38).

6.1.1.2.

Workshops, Kurse, Trainings

Innerhalb sexualpädagogischer Maßnahmen steht der Jugendliche mit seinen Fragen und Bedürfnissen im Mittelpunkt des Geschehens. Angesichts dessen, dass es Aufgabe der Sexualpädagogik ist, Sexualaufklärung und Sexualerziehung im

Sinne

kontinuierlicher

„Einflussnahme

auf

die

Entwicklung

sexueller

Motivationen, Ausdrucks- und Verhaltensformen sowie von Einstellungs- und Sinnaspekten der Sexualität“ (Sielert (2005), S. 15) zu betreiben, scheint die Wahl dieses Mittelpunktes zunächst sinnvoll und legitim. Dass Sexualpädagogik sich auf Menschen jeden Alters und keineswegs nur auf Kinder und Jugendliche bezieht und deswegen auch die „Lebenswelt von Erwachsenen und alten Menschen zum Gegenstandsbereich“ (Sielert (2005), S. 15) hat, begründet die Forderung von sexualpädagogischen oder anders: sexualagogischen Maßnahmen mit alten Menschen. Zwar ist der Bedarf ist bei Jugendlichen sicherlich höher als bei alten Menschen. Trotzdem sollten Projekte, Workshops und Trainings noch verstärkter in Verbindung mit Einrichtungen für alte Menschen angeboten werden. Die Diskrepanz zwischen dem sexuellen Interesse und dem tatsächlichern Ausleben bei alten Menschen sowie die Auswirkungen des Tabus verdeutlichen, welch ein Bedarf an Aufklärungsarbeit und Austauschmöglichkeiten besteht. Alte Menschen, die sich direkt mit ihren Themen an Einrichtungen wenden, haben schon einen ersten Schritt getan, sich gegen das Tabu zu wehren und sich davon abzugrenzen. Aber auch diejenigen, die sich aus Unwissen oder Scham nicht hilfesuchend an Beratungsangebote oder themenspezifische Veranstaltungen 79


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

wenden, sollten Zugang zu niederschwelligen Angeboten in ihrem direkten Umfeld vorfinden. Ähnlich wie sexualpädagogische Projekte für Jugendliche in Schulen stattfinden, könnten zum Beispiel auch regelmäßige Gesprächsrunden und einzelne Projekttage in Altersheimen oder Seniorenzentren von externen Fachkräften angeboten werden, um den Zugang zu sexualitätsbezogenen Fragen und Sorgen zu erleichtern. Die Hemmschwelle, an einer Veranstaltung teilzunehmen, ist sicherlich niedriger, wenn die Person nicht von sich aus den ersten Schritt machen muss, sondern das Angebot zu ihr kommt. Insofern trifft die in der Sozialen Arbeit allseits bekannte Redewendung „Hol die KlientInnen dort ab, wo sie stehen“ zu, denn jeder alte Mensch, egal ob er den Mut besitzt oder durch das Tabu gehemmt ist, sollte die Möglichkeit und Wahl haben, an einer unbefriedigenden Situation zu arbeiten und sie zu verändern. Die bereits weiter oben erwähnten Angebote von pro familia, die über die Paarund

Sexualberatung

hinausgehen,

wie

Gesprächskreise

und

Wechseljahregruppen und deren offensichtlich rege Nutzung durch alte Menschen machen den Bedarf nach Austausch unter den Betroffenen deutlich. Die heilsame und unterstützende Wirkung von Selbsthilfegruppen oder Ähnlichem wurde in zahlreichen Bereichen der Sozialen Arbeit genutzt. Sich dieser Form auch in der sexualagogischen Arbeit zu bedienen, bietet sich gut an. Hierbei werden viele der oben genannten Visionen zur Schaffung von Handlungsfreiräumen und somit zu Enttabuisierung von Sexualität im Alter umgesetzt. Beispielhaft für einen sehr konkreten die Alterssexualität betreffenden Workshop soll hier ein Flirttraining für alte Menschen genannt sein. Heidi Pütz, die Trainerin, hat sich dabei nicht zwingend auf Senioren spezialisiert, bietet diesen aber explizit ebenfalls ein solches Training an. Schon dieser Fakt sorgte für Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, denn Fernsehbeiträge und Zeitungsartikel berichteten darüber (vgl. SWR (2009).

80


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

6.1.1.3.

Enttabuisierung der Alterssexualität in Alten- und

Pflegeheimen Eine weitere Form, dem Tabu der Alterssexualität besonders in Pflege- und Altenheimen

zu

begegnen,

bieten

sogenannte

Begegnungszimmer

und

Sexualassistenz für alte Menschen. In Wien wurden einige Altenheime mit Begegnungszimmern

ausgestattet,

um der mangelnden Privatsphäre der

BewohnerInnen und die damit stark eingeschränkte Möglichkeit des Auslebens sexueller

Bedürfnisse

entgegenzuwirken.

Die

Zimmer

dienen

also

als

Rückzugsmöglichkeit, um sexuelle Aktivität ungestört ausüben zu können. Sexualassistenz meint eine sehr direkte Unterstützung bei der Auslebung sexueller Wünsche. Nina De Vris, eine in Deutschland lebende Sexualassistentin für Menschen mit Einschränkungen und Ausbilderin für Sexualassistenz, beschreibt ihre Tätigkeit als Hilfestellung bei sinnlichen, erotischen und intimen Erlebnissen mit dem Ziel eines positiven Körpergefühls der Menschen, die dieses Angebot in Anspruch nehmen. In der Praxis beinhaltet diese Dienstleistung Beratung, Massage, Zärtlichkeit, Kontakt mit dem nackten Körper, Anleitung zur Selbstbefriedigung, Genitalmassage und eventuell auch Geschlechts- und Oralverkehr. In Abgrenzung zu der verbreiteten Prostitution wird Sexualität und Sinnlichkeit als ganzheitlich, ganzkörperlich und lebendig beschrieben. Sexualassistenz soll jene Bedürfnisse und Wünsche der Menschen befriedigen, die sonst aufgrund von Alter, Krankheit oder Partnerlosigkeit keine Möglichkeiten haben, diese auszuleben. Darüber hinaus hat sich die Sexualassistenz zum Ziel gemacht, Einsamkeit, emotionale und körperliche Defizite, aber auch störendes Verhalten in Alten- und Pflegeheimen zu verhindern (vgl. Viries (2008)). Kritik an der Sexualassistenz kommt besonders in drei Punkten zum Tragen: Es muss sich die Frage gestellt werden, welches Ziel Alten- und Pflegeheime mit dem Angebot der Sexualassistenz verfolgen. Geht es der Einrichtung tatsächlich um die Anerkennung und das Entgegenkommen auf die sexuellen Bedürfnisse der BewohnerInnen oder sollen „Ruhestörer“, die ihre Sexualität ungefragt ausleben, eventuell sogar in der Öffentlichkeit, besänftigt werden?

81


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Weiterhin

sollte

bedacht

werden,

Auslebungsmöglichkeiten

dass

besteht.

Sexualität

nicht

Zwischenmenschliche

nur

aus

Kontakte,

Partnerschaften, Intim- und Privatsphäre sind ebenso wichtig wie sexuelle Aktivität. Ein weiterer gewichtiger Kritikpunkt ist die Tatsache, dass die Nutzung von Sexualassistenz nur mit den entsprechenden finanziellen Mitteln möglich ist. Dementsprechend geht es nicht nur darum, alten Menschen generell die Möglichkeit zu geben, sich als sexuelle Wesen zu spüren, sondern auch um Bezahlung

(vgl.

Die

Heide

ruft.

Sexualbegleitung

für

Menschen

mit

Beeinträchtigungen (2008)). Insgesamt muss dieses Angebot für alte Menschen mit Vorsicht eingebracht werden. Missbrauchs- und Ausnutzungsgefahr sind groß und sollten bewusst vermieden

werden,

wenn

eine

Einrichtung

sich

entschließt,

mit

SexualassistentInnen zu kooperieren. Wie in dem vorherigen Kapitel schon angemerkt, sollte dem Tabu der Alterssexualität auch im Pflegeheim mit Aufklärungsarbeit und der Möglichkeit der Neuentdeckung und Entfaltung der eigenen sexuellen Identität begegnet werden. In der Tabuanalyse wurde deutlich, dass Sexualität im Alter besonders in Altenund Pflegeheimen mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden ist. Sich mit diesen auseinander

zu

setzen

und

sie

nachhaltig

zu

reflektieren,

ist

durch

Begegnungszimmer und Sexualassistenz meines Erachtens nur schwer möglich. Workshops und Projekte hingegen können in einer lockeren, aber sicheren, vertrauten Atmosphäre wirksamere Effekte erzielen. Zusätzlich wären diese Angebote für jeden zugänglich, der Lust und Interesse hat, unabhängig von der Absicht, sexuell aktiv zu werden (die Voraussetzung für die Nutzung des Begegnungszimmers),

und

finanzieller

Lage

(die

Voraussetzung für die

Inanspruchnahme von Sexualassistenz). Weiterhin wäre eine höhere Privatsphäre, zum Beispiel durch abschließbare Zimmer, die im äußersten Notfall von außen durch das Pflegepersonal geöffnet werden können, oder verpflichtendes Anklopfen und auf das Hineinbitten warten, eine ganz schlichte und unkomplizierte Alternative, um sexuelle Aktivität für die Betroffenen ohne Scham und Schuld möglich zu machen.

82


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

6.1.1.4.

Stärkung des Wohlbefindens durch positives

Wohnerleben Das Wohnerleben ist für ältere Menschen von großer Bedeutung. In dem Kapitel 4.5. „Das Wohnerleben älterer Menschen“ wurde beschrieben, dass die Wohnung und die vertrauten Räumlichkeiten zentrale Faktoren für das Wohlbefinden bedeuten, da die in der Wohnung verbrachte Zeit mit dem Alter deutlich zunimmt. Sexualität im Alter betreffend ist das Wohnen in Alten- und Pflegeheimen problematisch, wie nun schon ausreichend erläutert wurde. In privaten Wohnungen sind hohes Wohlbefinden und Privatsphäre möglich. Besonders der Faktor der Privatsphäre kommt im Bezug auf Sexualität zum Tragen: Privatheit stärkt die Ich-Identität, ermöglicht allein und unbeobachtet zu sein, macht es möglich, unabgängig von der Öffentlichkeit zu agieren, und schafft somit den Moment, aus sozialen Rollen schlüpfen zu können (vgl. Flade (2008), S. 132-133). In diesen Momenten können alten Menschen die Rolle des asexuellen Großelternteils ablegen und sexuellen Bedürfnissen bewusst und frei nachgehen. Aber auch hier ist das Tabu noch wirksam und es könnten Hindernisse auftreten, wie zum Beispiel Erinnerungen an den verstorbenen Ehepartner oder die Sorge, „was wohl die Nachbarschaft denken könnte...“, die eine den Wünschen entsprechende und zufriedenstellende Sexualität auszuleben erschweren könnten. Diese Hindernisse stehen im Zusammenhang mit der Sorge, etwas Falsches oder Unmoralisches zu tun aufgrund gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen und – erwartungen, die durch das Tabu von Alterssexualität zum Ausdruck gebracht werden. Neuere

Wohnformen,

die

von

den

dennoch

eventuell

erschwerenden

Bedingungen befreien könnten, sind in dieser Situation denkbare Alternativen. Besonders

für

Alleinstehende

können

generationsheterogene

oder

generationshomogene Wohngemeinschaften mit neuen Kontaktmöglichkeiten und einem hohen Maß an Selbstbestimmung eine neue Chance für positives Wohnerleben darstellen. In diesen Wohngemeinschaften wird großer Wert darauf gelegt,

Isolation

und

Einsamkeit

zu

verhindern,

soziale

Netzwerke,

Nachbarschaftshilfe und Gemeinschaften mit möglichst geringer Fluktuation zu fördern und gleichzeitig selbstbestimmte Lebensgestaltung und ein Miteinander 83


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

unterschiedlicher Familien-, Arbeits- und Lebensformen zu stärken (vgl. BAGSO (o.J.)). Noch ist diese Wohnform in Deutschland eher eine Seltenheit, die Niederlande bieten hier ein Vorbild. Dort gibt es ca. 300 registrierte selbst organisierte Gemeinschaftsprojekte mit über 5000 alten BewohnerInnen (vgl. Flade (2008), S. 289-290). Meines Erachtens bedeuten Wohngemeinschaften für alte Menschen, wenn ihnen diese Wohnform entspricht, einen Zuwachs an Lebensqualität. Hier werden gegenseitige Unterstützung und ein Höchstmaß an Toleranz unter alten Menschen in die Realität umgesetzt. In solch einer toleranten und dennoch selbstbestimmten Wohnumgebung wird es alten Menschen leichter gemacht, ihr Leben mit all seinen Facetten positiv zu gestalten. Wohlbefinden, Lebensqualität und Selbstwirksamkeit fördern das Selbstbewusstsein und somit auch die Stärke, für eigene Wünsche und Überzeugungen einzustehen – auch im Bezug auf die eigene Sexualität und die Befreiung von festschreibenden Stigmatisierungen.

6.1.1.5.

Enttabuisierung durch Ratgeber und

Beratungsführer Inzwischen gibt es einige Literatur, die sich thematisch mit dem Thema Alterssexualität auseinandersetzt und sich direkt an die Betroffenen wendet. Auf diese Weise vermittelte Information und Aufklärung bedeutet für alte Menschen eine diskrete Möglichkeit, sich mit ihrer eigenen Sexualität auseinander zu setzen ohne dabei öffentlich das Tabu in Frage zu stellen zu müssen. Konkrete Ideen und Vorschläge, Sexualität zu leben, Beziehungen zu knüpfen oder zu halten und Hinweise auf Unterstützungsmöglichkeiten machen viele dieser Ratgeber zu hilfreichen und Mut machenden Interventionen gegen sexuelle Unzufriedenheit und stillschweigende Tabuhinnahme. Was inhaltlich in dieser Literatur zu finden ist, soll am Beispiel des Buches „Alte Liebe rostet nicht. Über den Umgang mit Sexualität im Alter“ Von Butler und Lewis (1996) dargestellt werden. Hier werden nach einem ausführlichen Informationsteil, der über gesellschaftliche Bilder von Sexualität, Alterungsprozesse mit Auswirkungen auf die Sexualität und 84


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Auswirkungen von Krankheiten, Medikamenten und Operationen aufklärt, sexuelle Aktivität und Fitness sowie emotionale Anteile, die Sexualität beeinflussen könnten, wie persönliche Ängste, Probleme in einer Partnerschaft und besondere Lebenssituationen, diskutiert. Anschließend werden konkrete Hilfestellungen und Vorschläge gegeben, wie man die letzte Lebensphase aktiv und selbstbestimmt gestalten könnte. Die Inhalte reichen hier von Tipps, wie man ein neues Leben aufbauen könnte durch Aktivitätsaufnahme oder –ausbau (es werden sogar eine Vielzahl

von

Aktivitätsmöglichkeiten,

wie

politisches,

religiöses

oder

ehrenamtliches Engagement, Teilnahme an Selbsthilfegruppen, Musikensembles, Kreativworkshops,

Kochkursen,

uvm.

genannt),

Wohnen

in

inter-

oder

intragenerativen Wohngemeinschaften, Kontaktmöglichkeiten mit potenziellen PartnerInnen bis hin zu Anregungen, wie sich neue Beziehungen positiv entwickeln und gestalten lassen. Zum Beispiel wird für einen ersten oder noch neuen intim-erotischen Kontakt vorgeschlagen, auf die richtige Umgebung zu achten, was die Bequemlichkeit und Stabilität des Bettes, sowie Medikamente und Kinderfotos auf dem Nachttisch mit beinhaltet, und bewusst einen geeigneten Zeitpunkt je nach persönlichen Vorlieben und organisatorischen Gegebenheiten zu wählen, um ein Maximum an persönlichem Wohlbefindenden zu erreichen. Weiterhin werden das Sprechen über sexuelle Vorlieben und Fantasien und Selbstbefriedigung thematisiert. Entwicklungsmöglichkeiten von einer neuen Sexualität im Alter, Hinweise und Adressen für medizinische und psychotherapeutische Anliegen und Vorschläge, wie mit den eigenen Kindern über neue Liebe und Partnerschaft Kommunikation stattfinden könnte, runden den Ratgeber ab (vgl. Butler/Lewis (1996), S. 10-223). Insofern eine angemessene, klar verständliche Sprache und realistische und zugleich einfühlsame Anregungen gegeben sind, stellt diese Form der Literatur einen nachhaltigen Beitrag zu einer neuen und offenen Kommunikation über Alterssexualität dar. AutorInnen, die sich diesem Thema annehmen, und LeserInnen, die die Nachfrage an diesem Thema verdeutlichen, bewirken, dass das Thema Alterssexualität wahrgenommen und ins Gespräch gebracht wird. Die Grenze des Tabus wird damit zwar überschritten, aber – wie schon oben erwähnt – auf sehr diskrete Art. Das lässt die Hemmschwelle des Tabubruchs insbesondere für die LeserInnen sehr klein werden. Die gesellschaftliche 85


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Öffentlichkeit, die nicht explizit nach dieser thematischen Literatur fragt, bleibt davon weitestgehend in Unkenntnis und stellt somit für die betroffenen Konsumenten keine Gefahr dar, von dieser verspottet oder ausgegrenzt zu werden. Viele dieser Ratgeber enthalten allerdings auch Motivationsanreize, sich nicht weiter

stillschweigend

dem

Tabu

von

Alterssexualität

hinzugeben.

Gesprächsanregungen innerhalb der Partnerschaft und mit den erwachsenen Kindern ermutigen die Betroffenen, auch öffentlich, das bedeutet in diesem Kontext im engeren Kreis des sozialen Netzwerkes, Stellung zu dem Thema Sexualität im Alter zu beziehen.

6.1.2. Arbeit mit alten Menschen, die unter sexuellen Problemen leiden Wenn alte Menschen unter sexuellen Problemen leiden, kann dies an psychischen oder auch an körperlichen Ursachen liegen. Psychische Ursachen sind innerhalb von Sexual- und/oder Paartherapie gut zu thematisieren und zu beheben. Körperliche Ursachen sind jedoch nur mit medizinischen Mitteln zu beheben. In diesem Falle sollten BeraterInnen, TherapeutInnen und auch LeiterInnen von sexualagogischen Kursen, Projekten und Workshops sensibel auf mögliche medizinische Hilfen hinweisen und diese gegebenenfalls vermitteln. Zu beachten ist allerdings, dass in der Tabuanalyse deutlich wurde, dass es sowohl den PatientInnen als auch den ÄrztinInnen schwer fällt, das Thema Sexualität anzusprechen und zu besprechen, weil das Tabu ein Hindernis darstellt. Sexuelle Probleme, die aus Scham unausgesprochen bleiben, führen dann bei PatientInnen häufig zu einem Gefühl des Unnormal-Seins, was dann weitere psychische Symptome verursachen kann. Heutzutage existieren viele Möglichkeiten, sexuelle Probleme zu behandeln, allerdings nur, wenn eine Diagnose gestellt werden kann. Deswegen ist es sehr wichtig, das vermeintlich Unaussprechliche eben doch auszusprechen. Wenn es Ärzten gelingt, ihre Praxisräume und Behandlungskontexte so zu gestalten, dass eine Atmosphäre geschaffen wird, in der sich die PatientInnen sicher und wohl 86


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

fühlen und Vertrauen fassen können, ist das für die Thematisierung von sexuellen Problemen sehr förderlich. Aufklärende Broschüren und Themenzeitschriften in Wartezimmern, Beschwerden

ein der

behutsames

Nachfragen

Sexualfunktionen

oder

seitens ob

der

Fragen

ÄrztInnen, zu

ob

körperlichen

Veränderungen bestehen, und einfühlsame Gesprächsführung innerhalb der Beratung von PatientInnen können eine solche Atmosphäre realisieren. Über natürliche

körperliche

Altersveränderungen

aufzuklären

und

medizinische

Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, sind in diesem Zusammenhang die wichtigsten Aufgaben der ÄrztInnen. Weiterhin sollten die ÄrztInnen hier einen ressourcenorientierten Ansatz vertreten: Trotz der Verluste das wahrzunehmen und zu fördern, was noch möglich ist, nimmt PatientInnen Angst und Druck, nicht mehr so leistungsfähig zu sein und spendet statt dessen Erleichterung und neue Energie, kreativ und belebend mit dem noch Machbaren umzugehen (vgl. Kolle (2003), S. 50). Mögliche Behandlungen sollen hier in Kürze erläutert werden: Sexualhormone wirken bei Sexualstörungen, die auf Hormonmangel zurück zuführen sind. Diese sind rezeptpflichtig, Nebenwirkungen und Risiken sollten in einem Arztgespräch thematisiert werden. Viagra unterstützt die natürliche Peniserektion, ist also bei Erektionsstörungen wirksam. Auch diese sind wegen möglicher Nebenwirkungen rezeptpflichtig. Psychopharmaka haben sich kaum als Behandlungsmethode für Sexualstörungen durchgesetzt. Ausschließlich für das Hemmen der Ejakulation des Mannes können Psychopharmaka wirksam sein. Drastischere Methoden sind operative Eingriffe, wie Vaginalinzision9 gegen Vaginismus oder Penisprotesen10 wegen sehr starker Erektionsstörungen bis hin zu Impotenz. Diese Behandlungen sollten erst als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden, da sie mit starken Risiken verbunden sein können. Andere Möglichkeiten, Erektionsstörungen zu beheben, sind die SchwellkörperAutoinjektionstherapie11 sowie der Penisring12 und die Vakuumpumpe13 (vgl. Sdun (2001), S. 113-122). 9

Der Scheideneingang wird operativ erweitert (vgl. Sdun (2001), S. 117). Ein gewebefreundlicher Kunststoffstab wird in den Hohlraum des erektionsunfähigen Penis gesetzt. Dieser wird durch das Implantat versteift (vgl. Sdun (2001), S. 117-118). 11 Hierbei wird eine vasoaktive Substanz in die Schwellkörper des Penis injiziert, so dass dieser für 30 bis 90 Minuten erigiert (vgl. Sdun (2001), S. 119-121). 10

87


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Diese Behandlungen können auf Wunsch der PatientInnen durch Beratung und/oder Selbsthilfegruppen begleitet werden. Im Rahmen der Enttabuisierung sind die wichtigsten Aspekte, dass zwischen PatientInnen und ÄrztInnen offene und vertrauensvolle Kommunikation besteht, so dass der Mut, sich gegen das bislang Unausgesprochene zu wehren und aktiv zu werden, Früchte tragen kann.

6.2. Enttabuisierung in der Arbeit mit Berufsgruppen in der Altenarbeit Wie schon in der Beschreibung von medizinischen, beraterischen und therapeutischen Kontexten deutlich wurde, sind nicht nur die alten Menschen von dem Tabu der Alterssexualität betroffen. Auch die professionellen Helfer empfinden das Thema häufig als scham- und schuldbesetzt. In diesem Kapitel sollen Ideen und Anregungen für diese Menschen geben werden. Wichtige Bausteine werden hier die Aus- und Weiterbildung, die Wissensvermittlung und die intensive Reflexion der eigenen Sexualität, der eigenen Ängste vor Verlusten und Älterwerden und der eigenen Einstellungen gegenüber alten Menschen und deren Sexualität sein.

6.2.1. Wissensvermittlung in Aus- und Weiterbildung Berufsgruppen, die mit alten Menschen in Kontakt kommen, sollten über Sexualität im Alter aufgeklärt sein. Technisches und kognitives Wissen, das in Aus- und/oder Weiterbildung leicht vermittelt werden kann, ist ein erstes wichtiges Fundament. Der Profit dieses Wissens kommt nicht nur den alten Menschen zu Gute, weil diese Fragen stellen könnten oder sich besser verstanden fühlen. Auch für die Berufstätigen bedeutet dies Erleichterung. Unwissenheit kann in diesem Zusammenhang zu Schock-, Ekel- oder auch Schuldreaktionen führen. Wenn sich aber zum Bespiel Mitglieder des Pflegepersonals mit Altersveränderungen, 12

Dies ist ein um die Penisbasis sitzender Ring, der mit Luft gefüllt wird, um eine schwache Erektion zu stabilisieren (vgl. Sdun (2001), S. 121). 13 Durch eine Saugglocke, die um den Penis gelegt wird, entsteht mittels einer Handpumpe ein Vakuum, so dass sich Blut im Penis sammelt. Wenn eine Erektion zustande gekommen ist, wird ein Gummiring an die Peniswurzel angelegt, um zu verhindern, dass das Blut wieder aus dem

88


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

möglichen sexuellen Interessen und Verhaltensweisen auskennen, sind sie zumindest auf der kognitiven Ebene auf Eventualitäten vorbereitet (vgl. Mahnke/ Sielert (2004), S. 193).

6.2.2. Bewusste

Auseinandersetzung

und

Reflexion

mit

der

eigenen Sexualität Wenn es über die oberflächliche Wissensvermittlung hinaus möglich wird, diese Berufsgruppen auf einer emotionalen Ebene anzurühren, können auch die Vermittlung von Glücks-, Lebendigkeits- und Solidaritätsmomenten gegenüber alten Menschen möglich werden (vgl. Mahnke/ Sielert (2004), S. 193). Eine solche Anrührung der emotionalen Ebene kann aber nur passieren, wenn die entsprechenden Berufsgruppen bereit sind, sich sehr bewusst und reflektiert mit sich selbst und auch mit der eigenen Sexualität auseinander zu setzen. Selbsterfahrung und –erkenntnis hinsichtlich der eigenen Sexualität bedeutet die Beschäftigung mit Fragen wie -

„kann ich mich an eigener Lust angst- und schuldfrei erfreuen?“,

-

„verleugne oder verdränge ich triebängstlich meine sexuellen Impulse?“,

-

„wo liegt meine persönliche Grenze?“,

-

„habe ich meine sexuelle Identität gefunden, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen der Sexualität erfahren und akzeptiere ich mich in meiner Geschlechtlichkeit?“,

-

„kann ich meine sexuellen Empfindungen positiv erleben und akzeptieren?“ (Grond (2001), S. 17-18).

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen erfordert viel Mut und Kraft. Aber das positive Ergebnis ist die mögliche Befreiung von dem Druck, in der Arbeit mit alten Menschen die eigene Sexualität außen vor lassen zu müssen, das eigene sexuelle

Wesen

„zuhause“

lassen

zu

müssen.

Nähe

und

Distanz

auszubalancieren ist in der Arbeit mit Menschen und besonders, wenn es um das so intime und tabubesetzte Thema Alterssexualität geht, eine Herausforderung. Einfacher

wird

dies

durch

das

Erkennen

und

Bejahen

der

eigenen

Geschlechtlichkeit und auch der eigenen Grenzen (vgl. Grond (2001), S. 17-19). Penis läuft (vgl. Sdun (2001), S. 121-122).

89


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

6.2.3. Reflexion des eigenen Umgangs mit Alterssexualität Nach der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität besteht der nächste Schritt darin, den eigenen Umgang mit sexuellen Bedürfnissen der alten Menschen zu reflektieren. Hier können folgende Fragen hilfreich sein: -

fürchte ich mich vor Berührungen oder kann ich sie auch genießen?,

-

was empfinde ich bei der Wahrnehmung von Lust und sexuellen Gefühlen alter Menschen?,

-

verurteile ich es und verbiete ein Gespräch darüber?,

-

bekämpfe ich bei alten Menschen das, was ich selbst bei mir nicht akzeptieren kann?,

-

wie kann ich mit anzüglichen Bemerkungen etc. umgehen?,

-

lasse ich alte Menschen meine Ablehnung spüren?,

-

konfrontieren mich die alten Menschen mit meiner eigenen Angst vor Sterblichkeit und Verlust?.

Letztendlich ermöglicht die Selbstreflexion der eigenen Sexualität und des Umgang mit der Sexualität der alten Menschen Verständnis und Akzeptanz für die Bedürfnisse alter Menschen, was wiederum einen offenen Austausch über Alterssexualität mit KollegInnen und das Gespräch mit alten Menschen ermöglicht. Beidseitige Erleichterung, dass das Tabu nicht mehr unausgesprochen bleiben muss, wird die Folge sein (vgl. Grond (2001), S. 17-19).

6.2.4. Voraussetzungen

und

Umsetzung

einer

offenen

Kommunikation Konkrete Voraussetzungen einer offenen Kommunikation über Sexualität im Alter sind eine positive und ressourcenorientierte Grundeinstellung gegenüber den alten Menschen, ausreichende Kenntnisse über Vielfältigkeit und Individualität sexuellen Verhaltens, die Möglichkeit, angst- und weitestgehend schamfrei sprechen zu können, und die konkrete Erlaubnis für die Betroffenen , über ihre Sexualität sprechen zu dürfen. Die Grundprinzipien der personzentrierten Gespächsführung nach Rogers bieten sich in diesem Zusammenhang gut für eine Kommunikation über das tabubesetzte 90


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Thema an. Wichtig sind vor allen Dingen Authentizität (gegebenenfalls auch selektive Authentizität), bedingungslose Wertschätzung des Gesprächspartners und Einfühlungsvermögen. Ich-Aussagen, absolute Aufrichtigkeit, aktives und empathisches Zuhören bei gleichzeitiger respektvoller Distanz, vorsichtige Nachfrage bei sich zeigender Inkongruenz zwischen verbalen und non-verbalen Botschaften, Anstreben klarer Beziehungsverhältnisse, Vermeidung von Austragung der Beziehungsstörungen auf der Sachebene ebenso wie Vermeidung von moralischen Wertungen und Verurteilungen und Anstreben einer symmetrischen Beziehung sind hier wichtige Bausteine für einen gelingenden offenen Austausch über Sexualität zwischen HelferInnen und alten Menschen (vgl. Grond (2001), S. 100-104).

6.2.5. Enttabuisierungsvorschläge für Pflegesituationen In der Pflege durch Verhalten und Aktivität das Tabu zu durchbrechen ist dem Pflegepersonal durch die sogenannte „3 Z Pflege“ (Grond (2001), S. 105) möglich. Hierbei kommt den Bedürftigen durch Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit eine angenehmere und Grenzen respektierende Pflege zu Gute. Durch das Ankündigen und Erklären von pflegerischen Maßnahmen, durch Gespräche, was der Kranke als angenehm und unangenehm empfindet und durch die Akzeptanz von Schamgrenzen wird eine Pflegesituation für die Beteiligten deutlich erleichtert und von Peinlichkeiten befreit. Hierzu gehört, nicht ungefragt in den Intimbereich der Hilfebedürftigen einzudringen, sondern es anzukündigen und gegebenenfalls Ablehnung zu akzeptieren. Besonders die Intimpflege sollte den pflegebedürftigen Menschen, so lange es möglich ist, selbst überlassen werden. Wenn dies nicht mehr möglich ist, sollte ihnen nicht ein häufiger Personalwechsel zugemutet werden. Zuwendung meint in diesem Zusammenhang bewusste Konzentration auf die Pflegesituation, sowie aufmerksame und einfühlsame Berührungen seitens des Personals. Zärtlichkeiten schenken ist schon durch einreiben oder massieren, sowie durch basale Stimulation zum Beispiel durch Eincremen mit Körperlotion oder

Waschen

mit

einem

Frottehandschuh

möglich.

Solche

zärtlichen

91


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Berührungen in der Pflege machen intime Kommunikation auch ohne sexuelle Aktivität möglich (vgl. Grond (2001), S. 105-107). In der „3 Z Pflege“ werden die alten Menschen als Wesen mit Bedürfnissen nach Nähe, Berührungen und Zärtlichkeit, anerkannt. Hierdurch wird das sexuelle Empfinden eines Menschen wahrgenommen und respektiert, was einer sensiblen Öffnung der Tabugrenze gleichkommt.

6.3. Enttabuisierung auf der gesellschaftlichen Ebene Um auf der gesellschaftlichen Ebene Alterssexualität zu enttabuisieren und somit Handlungsfreiräume für alte Menschen zu schaffen, sind mediale, künstlerische und sexualpädagogische Einflüsse nutzbar. Ihre Möglichkeit der Enttabuisierung besteht in der Veränderung und Erneuerung von gesellschaftlich geprägten Altersstereotypen und Vorstellungen der Ästhetik.

6.3.1. Veränderungen im medialen und künstlerischen Bereich In der Tabuanalyse wurde deutlich, dass das in den Medien vorrangig gezeigte Bild alter Menschen diese als asexuelle Wesen darstellt. Sexualität wird hauptsächlich von jungen und attraktiven Menschen vermittelt, alte Körper hingegen werden als unästhetisch empfunden. Es wurde allerdings auch deutlich, dass sich hier bereits erste Veränderungen vollzogen haben. Spielfilme, Radiosendungen und literarische Werke beginnen, sexuelle Bedürfnisse alter Menschen zu thematisieren und diese nicht zu verspotten, sondern sogar eher die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit zu betonen. Interessanterweise sind die gesellschaftlichen Reaktionen darauf vermehrt

sehr

positiv,

was

darauf

hindeutet,

dass

Erneuerungen

von

Altersstereotypen und von der Vorstellung, was ästhetisch ist, möglich und eventuell sogar gewünscht sind. Auch im künstlerischen Bereich wurde das Tabu von Alterssexualität mehrmals durchbrochen,

ebenfalls

mit

positiver

Resonanz

und

großer

medialer

Wertschätzung und Aufmerksamkeit.

92


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

Aus der Sicht, das Tabu von Alterssexualität brechen zu wollen, sind diese Einflüsse als wirksam und positiv zu bewerten. Bisher gemachte Erfahrungen legen nahe: die Tendenz der Enttabuisierung steigt, die Präsenz des Themas Alterssexualität wird sich weiter verbreiten und intensivieren. Vermehrte Öffentlichkeitsarbeit seitens sozialer Träger und Einrichtungen, die entweder auf die Arbeit mit alten Menschen oder thematisch auf Sexualität und Familienplanung spezialisiert sind, könnte dies noch unterstützen.

6.3.2. Enttabuisierung durch sexualpädagogische Maßnamen für Jugendliche Wie schon in Kapitel 6.1.1.2. erläutert wurde, stehen Jugendliche innerhalb sexualpädagogischer Maßnahmen mit ihren Fragen und Bedürfnissen im Mittelpunkt des Geschehens. Um die Aufgaben der Sexualpädagogik zu erfüllen, ist dies sicherlich sinnvoll. Dennoch besteht für an Jugendliche gerichtete Programme und Projekte die Möglichkeit, über aktuell relevante Sexualaufklärung und –erziehung hinaus auch Sexualität Erwachsener und alter Menschen zu thematisieren. Im Laufe dieser Arbeit hat sich immer wieder herausgestellt, dass die lebenslange sexuelle Biographie den größten Einfluss auf Einstellungen und Verhalten hat. Angesichts dieser Tatsache, scheint es notwendig, Alterssexualität schon von der Kindheit und Jugend an zum Thema zu machen, so dass sich das Tabu gar nicht erst aufbauen und manifestieren kann. Nicht allein die Vermittlung von allen Fakten, die die Sexualität im Alter betreffen, ist hier gefordert. Vielmehr ist schon das bloße Nicht-außen-vor-Lassen des Themas wirksam. Dass sexuelle und psychosexuelle Entwicklung nicht nur in der Pubertät sondern ein Leben lang vor sich geht, sensibilisiert Jugendliche dafür, dass Sexualität im Alter existiert. Mehr ist für die nachhaltige Verhinderung des Tabus durch eine neue Generation gar nicht nötig.

93


Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen

6.4. Zusammenfassung Eine

Enttabuisierung

der

Sexualität

im

Alter

soll

alten

Menschen

Handlungsfreiräume schaffen und erweitern. In diesem Kapitel wurde deutlich, dass es auf den verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen möglich ist, das Tabu zu erkennen und zum Thema zu machen. Hierzu sind keine drastischen oder belastenden Interventionen erforderlich. Die Grenze eines Tabus kann schon durch bloße Wahrnehmung überschritten werden. Gespräche darüber zu führen, das Tabu in Bild, Ton und Schrift darzustellen und eigene Einstellungen zu reflektieren, sind erst anschließende Schritte. Die Aufgaben, die der Sozialen Arbeit in diesem Zusammenhang zu kommen, sind einerseits die Arbeit mit alten und jungen Menschen und das konkrete Anregen einer Auseinandersetzung mit Alterssexualität. Aber auch die Aus- und Weiterbildung der eigenen und anderer Berufsgruppen nimmt einen wichtigen Stellenwert ein. Diesbezüglich konkrete Konzepte und Methoden konnten an dieser Stelle nicht vorgestellt oder erarbeitet werden. Hierzu wäre eine nur sich diesem Thema widmende Arbeit erforderlich. Dennoch konnten Wege und Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie es der Sozialen Arbeit in interdisziplinärer Zusammenarbeit gelingen könnte, eine Enttabuisierung von Sexualität im Alter zu fördern und so die Entwicklung von Handlungsfreiräumen zu unterstützen.

94


Fazit

7. Fazit Im Laufe der Bearbeitung des Themas „Tabuisierung und Enttabuisierung von Alterssexualität, konnte ich feststellen, dass das gesellschaftliche Bild vom Alter an sich stark negativ geprägt ist. Jüngere Menschen vermeiden es in der Regel, sich mit ihrem eigenen Älter-Werden auseinander zu setzen, weil sie nicht darüber nachdenken wollen, dass sie eines Tages gebrechlich, hilfebedürftig, abhängig und von Verlusten gezeichnet sein werden und dabei noch dem Tod ins Auge blicken zu müssen (denn diese Eigenschaften werden dem Stereotyp von alten Menschen zugesprochen). Angesichts dessen, dass der Anteil der alten Menschen in der Gesamtbevölkerung immer weiter ansteigt und die Lebensphase des Alters aufgrund des immer späteren durchschnittlichen Sterbealters deutlich länger wird, wäre eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensalter und den eigenen Ideen, wie diese Lebensphase positiv gestaltet werden kann, von großer Wichtigkeit. Viele der aktuell betroffenen Lebensphase Alter orientieren sich an dem gesellschaftlichen Stereotyp Alter und schenken den erwarteten Verhaltensweisen so

viel

Aufmerksamkeit,

dass

eigene

Vorstellungen,

Wünsche

und

Einschätzungen, was noch leistbar ist und was nicht, kaum mehr eine Rolle in der Lebensgestaltung spielen. Dabei hat die Vielzahl der unterschiedlichen theoretischen Ansätze, die sich mit der psychologischen Komponente des Alters beschäftigen, gezeigt, dass es nicht „den“ alten Menschen mit „den“ Bedürfnissen und „den“ Eigenschaften, die für erfolgreiches Altern benötigt werden, gibt. Vielmehr wird deutlich, dass persönliche, psychische, physische und soziokulturelle Faktoren bestimmen, wie und ob ein alter Mensch die Lebensphase des Alters positiv gestalten kann. Komponenten, die allen gemeinsam sind und deswegen eine grundlegende Stellung in der Anpassung an das Alter einnehmen sollten, sind die gegebenen Möglichkeiten der Selbstbestimmung, der persönlichen Kontrolle und dem damit einhergehenden Gefühl der Selbstwirksamkeit. Dies ist auch auf die positive Gestaltung der eigenen Sexualität zu übertragen. Selbstbestimmt und den individuellen Bedürfnissen entsprechend zu entscheiden, wie und ob Sexualität gelebt werden kann und möchte, ist der Faktor, der allen 95


Fazit

alten Menschen hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Sexualität gemeinsam und entscheidend ist. Dass die oben genannte Freiheit zur sexuellen Selbstbestimmung begrenzt ist, macht die Tabuanalyse deutlich: Alterssexualität ist tatsächlich tabubesetzt. Innerhalb der Begriffsklärung eines Tabus, wurden auch Funktionen eines Tabus erläutert: die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, unerwünschte Verhaltensweisen zu unterbinden und eine Idee der Weltanschauung zu vermitteln sind die Funktionen, die ein Tabu sinnvoll werden lassen. Das Bestehen eines Tabus ist aber nur so lange legitim, wie es faktisch zu dieser sozialen Ordnung beiträgt. Es muss sich also nun die Frage gestellt werden, ob dem Tabu von Alterssexualität eine solche Funktion zukommt oder ob seine Aufrechterhaltung nur zu dem Effekt führt, dass viele alte Menschen ihre Sexualität im Stillen und Verborgenen ausleben (und gleichzeitig Sorge haben, aufgrund eines Tabubruchs gesellschaftlichen Sanktionen ausgeliefert zu sein) oder sie auch gar nicht ausleben. Meines Erachtens kommt dem Tabu von Alterssexualität keine bedeutsame Funktion zu. Es ist eher ein Relikt aus der alten, festschreibenden und einengenden Sexualmoral und das, weil es in der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekämpft wurde, unnötiger Weise bis heute bestehen geblieben ist. Gesellschaftliche Prozesse, die eine Weiterentwicklung der bestehenden Ordnung und der entsprechenden Werte ermöglichen, sind Wege, Tabus zu verändern. Als ein solcher gesellschaftlicher Prozess kann sicherlich die sexuelle Revolution der 60er Jahre benannt werden. Innerhalb dieser Bewegung wurden die Grenzen des generellen Tabus von Sexualität mit nachhaltiger Wirkung überschritten. Warum sich diese Tabuauflösung nicht auch auf die sexuellen Bedürfnisse alter Menschen bezog, lässt sich auf das Lebensalter der „Tabubrecher“ zurückführen, denn verständlicher Weise bezogen sich ihre Forderungen von gesellschaftlichen Veränderungen erst einmal auf die einen Belange. Dies erklärt auch, warum das Tabu der Alterssexualität in den Medien aktuell allmählich thematisiert und auch gebrochen wird: Die in den 60er Jahren revolutionierenden jungen Menschen kommen nun in das Alter, das als älteres Erwachsenenalter bezeichnet wird. Durch die offensichtlich sehr nachhaltige 96


Fazit

Prägung der sexuellen Biographie dieser Menschen erlauben sie sich, diesmal deutlich weniger „explosiv“, ihre Rechte auf liberale und selbstbestimmte Sexualität im Alter einzufordern und eröffnen damit erneut die Chance auf gesellschaftliche Weiterentwicklung hinsichtlich der bestehenden Sexualmoral. Gleichzeitig wird hier der Bedarf, das Tabu zu verändern, deutlich. Ob die aktuelle Zunahme der Tabubrüche den weiteren Bestand des Tabus verhindern und statt dessen eine Tabuauflösung ermöglicht, darüber kann zu diesem Zeitpunkt nur spekuliert werden. Weiterhin können nur Vermutungen über die Wirkung des sich verändernden Tabus von Alterssexualität auf die „ post 68er Generation“ aufgestellt werden: die sexuelle Revolution der 60er Jahre bewirkte eine verbesserte Sexualaufklärung und –erziehung, sowie die Veränderungen im Hinblick auf Werte und Rollenverteilung in Partnerschaften, von denen die nachfolgenden Generationen ebenfalls profitierten. Es wäre auch möglich, die heute noch nicht alten Menschen mit einer veränderten Vorstellung des Bildes von Sexualität im Alter zu erreichen. Dann wäre es gelungen, den gesellschaftlichen Prozess so voran zu treiben, dass ein Tabu von Alterssexualität nicht mehr besteht bei gleichzeitigem Fortbestand der sozialen Ordnung und somit der Existenz der Gesellschaft. In dem Kapitel „Enttabuisierung durch Schaffung und Erweiterung von Handlungsspielräumen“ wurden Anregungen und Programme vorgestellt, die eben diese gesellschaftliche Weiterentwicklung ermöglichen und unterstützen könnten, so dass sich alte Menschen aufgrund ihrer Sexualität nicht mehr schämen müssen. Obwohl der Bedarf durch die interest-activity-gap und durch die Einflussgröße gesellschaftlicher und psychosozialer Faktoren auf Sexualität deutlich wurde, musste festgestellt werden, dass zwar einige Visionen und Ideen für Enttabuisierung existieren, die Umsetzung aber kaum und wenn überhaupt sehr sporadisch verfolgt wird. Angesichts

der

entsprechenden

möglichen und

positiven

Auswirkung

zufriedenstellenden

Ausleben

vom der

dem

Individuum

Sexualität

auf

Selbstbewusstsein, - achtung und Aktivität, sollte es sich die Soziale Arbeit zur

97


Fazit

Aufgaben machen, für die Belange und Interessen alten Menschen einzustehen und dementsprechende Angebot zu entwickeln und auch umzusetzten. Die konkrete Arbeit mit alten Menschen nimmt zwar zu (so wie zum Beispiel Angebot und Nachfrage von Sexual- und Paartherapie für ältere Menschen gestiegen sind), reicht aber noch lange nicht aus, um das Bild der Alterssexualität und die Einstellung alter Menschen dazu zu verändern. Konzeptentwicklung

und

Durchführung

von

niederschwellig

zugänglichen

Projekten, Workshops und Trainings und die dazugehörige Öffentlichkeitsarbeit müssen häufiger und nachdrücklicher geschehen. So hätten alte Menschen davon Kenntnis, dass solche Angebote existieren, und Zugang, wenn das Bedürfnis nach sexualagogischen Maßnahmen gegeben ist. Denn ob es den alten Menschen wichtig ist, sich mit ihrer Sexualität auseinander zu setzen und deswegen entsprechende Maßnahmen in Anspruch zu nehmen, sollten die alten Menschen selber entscheiden dürfen und sollte nicht davon anhängig sein, ob ein Angebot gegeben ist oder nicht. In der Arbeit mit Jugendlichen in sexualpädagogischen Maßnahmen, wäre ohne viel Aufwand viel zu erreichen. Prägungen in Kindheit und Jugend wirken nachhaltiger als spätere. Deswegen könnte die Arbeit mit Jugendlichen den Fortbestand eines negativ gefärbten Bildes von Alter und Alterssexualität unterbinden, auch auf gesellschaftlicher Ebene. Insofern sollte sich die Soziale Arbeit die medialen und künstlerischen Tabubrüche zum Vorbild nehmen. Diese haben gezeigt, dass Veränderungen möglich sind, vielleicht sogar aktuell erwartet werden, und auf sensible und einfühlsame, trotzdem eindrückliche Art und Weise umsetzbar sind. Diese Arbeit hat gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und Alter an Aktualität und Bedeutung gewonnen hat und der Bedarf, dieses alte Tabu aufzulösen, gestiegen ist. Deswegen erachte ich es als unbedingt notwenig, dass die Soziale Arbeit dieses Thema intensiver und vermehrt aufgreift.

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104


Erklärung Ich versichere, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt und außer den angegebenen keine weiteren Hilfsmittel benutzt habe:

Münster, den 26. August 2009

Erklärung Falls meine Abschlussarbeit mindestens die Note „gut“ erreicht, bin ich damit einverstanden, dass meine Arbeit in der Bibliothek der Katholischen Hochschule NW eingestellt wird.

Münster, den 26. August 2009

Hannah Weinz, Tabuisierung und Enttabuisierung von Sexualität im Alter  

Diplomarbeit über Alterssexualität von Hannah Weinz im Fachbereich Soziale Arbeit, KFH Münster

Hannah Weinz, Tabuisierung und Enttabuisierung von Sexualität im Alter  

Diplomarbeit über Alterssexualität von Hannah Weinz im Fachbereich Soziale Arbeit, KFH Münster

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