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NZZ am Sonntag

31. Januar 2010

Gesellschaft

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Das Buch Jobs Intimer als ein Notebook und leistungsfähiger als ein Mobiltelefon – mit dieser Typisierung hat Apple-Chef Steve Jobs am Mittwoch das iPad vorgestellt und das Phantom, über das monatelang so wild spekuliert wurde, zum Leben erweckt. Intimer? Diese Wortwahl mag bei einem Stück Hardware irritieren, hat aber durchaus ihren Sinn. Ein bei der Präsentation auf der Bühne stehender Ledersessel war weniger dazu da, dem sich von seiner Lebertransplantation sichtlich erholenden, doch immer noch abgemagerten Chef als Sitzgelegenheit zu dienen. Der Sessel stand für die Intimität des Wohnraums und für Entspannung fern des Arbeitstisches. Intimer ist das iPad auch, weil es der Sofa-Surfer im Schoss hält und mit den Fingern statt per Maus und Tastatur bedient. Das schicke Tablet ist ein mobiler Computer, der an ein aufgeblasenes iPhone erinnert – allerdings mit anderem Seitenverhältnis.

GETTY IMAGES

Weltuntergang oder Neuanfang? Der diese Woche von Apple vorgestellte Tablet-Computer könnte es endgültig wahr werden lassen: Bücher und Zeitungen nur noch in elektronischer Form. Von Claude Settele

Neue Kategorie von Gerät In der Pose des Innovators meinte Steve Jobs, das iPad definiere eine neue Kategorie von Geräten. Dies trifft nicht zu, wird im Rückblick auf die Geschichte vielleicht aber einmal so gesehen. Zwar gibt es eine Tablet-Studie, welche die Firma Frog Design bereits 1983 für Apple realisiert hat, eingeführt haben solche Geräte aber andere Hersteller, freilich ohne Erfolg. Die meisten Modelle waren nach Microsofts Konzept des klobigen Tablet-PC gebaut, einem Notebook mit drehbarem Display. Der Hype um das iPad hat seine Gründe: Apple hat auch den MP3-Player nicht erfunden, mit dem iPod aber zum Durchbruch verholfen und über den iTunes-Store den Musikvertrieb neu definiert. Nachdem Apple dann mit dem iPhone auch die etablierte Handy-Industrie auf den Kopf gestellt und das erste brauchbare Smartphone zum Surfen lanciert hat, sind die Erwartungen an das neue Tablet hoch. Doch um diese zu erfüllen, muss das iPad zuerst einmal die Frage beantworten: «Was bin ich, wer braucht mich?» Die Antwort fällt nicht leicht, denn dieses Gerät ist zugleich Computer, E-Book, Spielkonsole, Video- und Musikplayer. Da der aufgerüstete Zeitgenosse bereits einen PC und ein Smartphone besitzt, fragt es sich, ob er auch noch ein iPad braucht. Was die technischen Fakten (siehe Kasten), das Design und die Benutzerfreundlichkeit angeht, kann Apple die Erwartungen erfüllen. Etwas enttäuscht mag man sein, dass die beim iPhone bewährte Touch-Bedienung keine zusätzlichen Funktionen mit Wow-Effekt erhalten hat, obschon Apple in diesem Bereich noch einige Patente besitzt. Auch eine eingebaute Kamera dürften manche vermissen. Was den entscheidenden Aspekt der Inhalte betrifft, steht das Tablet gut

Das iPad Apples Tablet ist 24,3×19 cm gross, nur 1,3 cm dick und wiegt 700 g. Es hat ein 9,7 -LED-Display (1024×768 Pixel) und so wenig Tasten wie das iPhone (eine). Der Akku soll für bis zu 10 Stunden Betrieb reichen. Die Verbindung zum Internet erfolgt über ein drahtloses Netzwerk (WLAN). Das iPad kann auch Filme in HD-Qualität abspielen (720 p). Das Gerät ist Ende März weltweit ab 499 Dollar erhältlich. Die Modelle mit 3G folgen später. (set.)

da: Praktisch alle der mittlerweile 140 000 für das iPhone geschaffenen Anwendungen laufen auch auf dem iPad. Diese günstigen und zum Teil kostenlosen Apps, von denen in anderthalb Jahren 3 Milliarden heruntergeladen wurden, haben sich als «Killer-Argument» für das iPhone erwiesen (s. Seite 64). Dank dem viel grösseren Format bietet sich das iPad als bessere Plattform für Inhalte und Anwendungen. Die Grösse des Displays kommt Spieleherstellern entgegen, die bereits Game-Titel angekündigt haben, sie bedeutet auch einen Quantensprung beim Surfen. «Es ist einfach phantastisch, das Internet in den Händen zu halten», schwärmte Jobs.

lich eine Debatte zur Frage, ob das Tablet der angeschlagenen Medienbranche neue Einnahmen bescheren könne. Bieten Verleger nicht nur Online-Abos an, sondern auch einzelne Berichte und Beiträge zu Kleinbeträgen, hat Apple mit seinem Online-Store einen grossen Vorsprung gegenüber Konkurrenten wie HP oder Dell, die ebenfalls Tablets angekündigt haben. Apple macht bereits heute für Tausende von Inhalte-Anbietern das Inkasso von Kleinbeträgen, und die Konsument müssen für den Kauf von Musik, TV-Shows, Filmen und Apps nur bei einem Shop ein Konto haben. Was für Musik und Anwendungen gut funktioniert, will Apple nun mit dem

Hoffnungen der Verlage

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Dass die Konsumenten diese Meinung teilen, hoffen jene Medienverlage, die für ihre Inhalte künftig Geld sehen wollen. Dazu zählt die «New York Times», die bei Apples Präsentation eine Anwendung für die Zeitungslektüre auf dem iPad zeigte. Im Vorfeld der Lancierung lief in den USA näm-

Der Prophet beim Volk: Steve Jobs im Gespräch mit Journalisten des «Wall Street Journal». (27. 1. 10, San Francisco)

iBookstore ausbauen. Hier werden Bücher von fünf Verlagen für 8 bis 15 Dollar angeboten. Damit stösst Apple in einem Markt vor, der bisher von Amazon und Sony beackert wird. Amazon verkauft erfolgreich Titel für sein E-Book Kindle, das günstiger ist als das iPad, aber weniger kann. Die verwendete Technik des elektronischen Papiers bietet wohl die bessere Lesequalität für Bücher, doch das iPad ist anders als der Kindle farbig, Lehrbücher, Magazine und Zeitungen können ausserdem beim Tablet interaktive Elemente und Videos einbauen. Bei allen Vorteilen dürfte sich das Tablet weniger schnell verbreiten als das iPhone, da das Gerät weniger notwendig erscheint. Nachhelfen will Steve Jobs deshalb mit dem Preis: Mit 499 Dollar für das günstigste Modell kostet das iPad viel weniger, als die Analysten erwartet haben.

Was für Musik und Anwendungen gut funktioniert, will Apple nun mit dem iBookstore ausbauen.

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Kanon der Populärkultur ....................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................

Polanskis Frau redet Emmanuelle Seigner, wie ist es eigentlich, einen Mann zu lieben, der eine 13-Jährige missbraucht haben soll? Oder seinen Kindern zu erklären, dass ihr Vater deshalb im Gefängnis sitzt? Solche Sachen durfte die französische «Elle» Roman Polanskis Frau fra-

EPA

Befürchtet wird es ja schon seit längerem. Jetzt aber soll es endgültig aus sein, das mit Brad Pitt und Angelina Jolie. Man ist erschüttert. Das göttlichste Paar unserer Zeit! Die Verschmelzung zweier Ikonen! Einfach nur noch Brad? Und Angelina? Sieht ganz so aus. Per Anwalt wurde angeblich schon halbe-halbe gemacht, was das Geld, so um die 330 Millionen Dollar, und das Sorgerecht für die Kinder betrifft. Schade. War es doch so schön. Wie sie über rote Teppiche spazierten oder durch Einkaufsstrassen. Wie sie schöne Kinder machten, die Familie zu einem schönen Ort der Glückseligkeit, die Erde zu einem besseren Planeten. Bleibt bloss noch das Sinnieren darüber, wie viel weibliche Dominanz ein Mann wohl verträgt. Wie viele Kinder eine Beziehung. Und wie viel Vergöttlichung zwei Menschen. Immerhin: Auch in der schönsten Mär scheint das Ehe-

glück so zerbrechlich wie in Bümpliz oder Schwamendingen. (ck.)

Brangelina: Auch mit den schönsten Hollywood-Mythen ist es irgendwann aus und vorbei.

gen. Antwort 1: «Ich habe diese Geschichte akzeptiert. Sie hat uns noch mehr zusammengeschweisst.» Antwort 2: «Es war eine verrückte Zeit damals, die Einstellung zu Drogen war eine andere, ebenso diejenige zu sexueller Freiheit und Toleranz. Mein Mann wähnte sich nie auf gesetzlosem Boden. Den Kindern habe ich gesagt, wir werden über Feuer gehen, die Zähne zusammenbeissen und es schaffen.» Hm. Aber, wie war das alles jetzt wirklich? Erfahren wir nicht, leider. Dafür aber, dass die Sängerin auf ihrem neuen Album ein Duett mit Roman singt. Im Text geht es um ein Mädchen, das nach einer durchzechten Nacht neben einem Fremden aufwacht. Und ein lustiges Gespräch führt. Nichts weiter. Hm. Nein, nein, eine Anspielung sei das natürlich keine. (ck.)

Wir und die andern (5/12)

«Lost» vs. Obama Letzten Mittwoch hat Präsident Obama seine Rede zur Lage der Nation gehalten. Und nicht wie geplant am 2. Februar. Warum? Im Internet wurde heftigst protestiert, das Pre-

beitslosigkeit, Krieg ist ein bisschen too much. Also flüchtet sie sich in fiktive Welten. Oder: Die Rätsel in «Lost» sind noch kniffliger als die der amerikanischen Politik. Aber das wäre doch eher ein Grund, den Fernseher ganz auszuschalten. (ck.)

mieren-Special der Fernsehserie «Lost» zu verschieben. Extra wegen dieser Rede. Was sagt uns das über den Zustand von Land und Leuten? Vielleicht hat die amerikanische Seele ihren Glauben an reale Helden verloren. Trotz Obama. Oder: Krise, Ar-

FOTOS: CLAUDE BAECHTOLD / RIVERBOOM.COM

So long, Brangelina

Wehrhaftigkeit Schweiz.

Wehrhaftigkeit Ausland.


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