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Z E I T U NG F Ü R D E U T S C H LA N D HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Montag, 20. Juni 2011 · Nr. 141 / 25 D 1

Rösler will Steuern zügig senken

Mehr Licht

Gutes Regieren Von Reinhard Müller

F.A.Z. BERLIN, 19. Juni. Angesichts der günstigen Wirtschaftsentwicklung hat der FDP-Vorsitzende Rösler rasche Steuersenkungen gefordert. „Wir müssen in der Regierungskoalition zügig eine Steuerentlastung verabreden, die noch in dieser Legislaturperiode bei den Bürgern ankommt“, sagte er der Zeitschrift „Der Spiegel“. Die Wirtschaftslage habe sich besser entwickelt als erwartet. Weil zum Aufschwung neben den Unternehmen vor allem die Beschäftigten beigetragen hätten, müssten „sie nun auch davon profitieren“, sagte der Wirtschaftsminister. Der FDP gehe es dabei vor allem um mittlere und untere Einkommen. Politiker der Union, darunter Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister und Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, reagierten ablehnend auf Röslers Vorstoß. McAllister erinnerte an die Verpflichtung der Länder, bis spätestens 2020 keine neuen Schulden zu machen. Frau Lieberknecht forderte eine Vereinfachung des Steuersystems anstelle von Steuersenkungen. Am Wochenende hat die CDU-Vorsitzende Angela Merkel die Energiewende und den Ausstieg aus der Wehrpflicht gegen Kritik aus der Parteibasis verteidigt. Die CDU-Kreisvorsitzenden, die sie ins AdenauerHaus geladen hatte, reagierten jedoch verhalten auf ihre Ausführungen. (Siehe Seite 2 sowie Wirtschaft, Seite 13.)

Heute

ann jetzt endlich einmal jemand K richtig durchgreifen? Haltung zeigen, Rückgrat, Härte, Konsequenz?

Energiepolitik – Wenn alle dafür sind, dann kann „man“

doch nicht dagegen sein, oder? In der CDU ist aber noch nicht jede(r) von den Vorzügen der „Energiewende“ überzeugt. Ein „Widerstandsnest“ formiert sich auf Seite 4 in Sachsen. Die Sachsen gelten als „helle“, weshalb sie hoffen,

dass auch anderen ein Licht aufgehen möge. Einen Lichtblick erhoffen sich die deutschen Kraftwerksbetreiber von einer Verfassungsklage gegen die geplanten neuen Gesetze (Seite 11), derweil die Kanzlerin sich wieder in der Gunst ihrer Partei sonnen möchte (Seite 2). Foto dpa

IWF fordert von Europa einen präzisen Plan zur Griechenland-Rettung

Gottschalk war die Show Ein letztes Mal tritt der Dauermoderator von „Wetten dass . . ?“ in Mallorca an. Viel muss er nicht tun, um sein Publikum zu entfesseln. Deutschland und die Welt, Seite 9

Rutschbahn Richtung Berlin An diesem Montag vor 20 Jahren beschloss der Bundestag in Bonn, dass Berlin Regierungssitz wird. Die „Bundesstadt“ hat den Wandel gemeistert, wehrt sich aber gegen den Komplettumzug. Politik, Seite 3

Ganz Außenminister Guido Westerwelles Besuch bei Alain Juppé sollte helfen, den Streit über Libyen in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn der ist der Klotz am Bein des Politikers, der nur noch Minister sein darf. Politik, Seite 5

Flugzeugbauer zuversichtlich Zur Eröffnung der Luftfahrtschau von Le Bourget sind die Anbieter zuversichtlich. Boeing ist auf Jahre ausgebucht. Airbus muss für den A350 aber weitere Verspätungen ankündigen. Wirtschaft, Seite 14

Merkwürdigkeiten Die amerikanischen Schwestern Serena und Venus Williams kehren nach langen Auszeiten in Wimbledon auf die Tennis-Bühne zurück. Vor ihren ersten Auftritten bleiben viele Rätsel. Sport, Seite 22

Die Kümmerer „Who cares?“ heißt eine Ausstellung über Geschichte und Alltag der Krankenpflege in Berlin. Es geht um Ohnmachtsgefühle, fehlende Anerkennung, Nachwuchsmangel und Demographie. Feuilleton, Seite 27

Doktoranden im Wettbewerb Die Mehrzahl der Studenten, die promovieren, schreibt ihre Doktorarbeit bei nur einem Professor. Aber das amerikanische Modell der Graduiertenschulen gewinnt an Bedeutung. Der Volkswirt, Seite 12

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„Generelle Zusagen reichen nicht aus“ / Juncker warnt vor Ausweitung der Krise wmu./pwe. LUXEMBURG/WASHINGTON, 19. Juni. Trotz der Grundsatzeinigung Deutschlands und Frankreichs über die Beteiligung privater Investoren an der weiteren Krisenhilfe ist die EU von einer Lösung der akuten griechischen Schuldenkrise weit entfernt. Zu Beginn eines Treffens der Finanzminister des Euroraums am Sonntagabend in Luxemburg waren nicht nur die Details der Beteiligung privater Gläubiger weitgehend ungeklärt. Gegen eine schnelle Lösung sprach zudem, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) von der europäischen Seite eine deutlich präzisere Zusage zur Deckung der griechischen Finanzierungslücke in Milliardenhöhe anmahnt. Das hat diese Zeitung aus dem Fonds erfahren.

Vor dem Treffen forderte der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Premierminister Juncker, in mehreren Zeitungsinterviews schnelle Entscheidungen und warnte davor, dass sich die GriechenlandKrise auf andere Euro-Staaten ausbreiten könne. Als gefährdet nannte er neben Portugal und Irland auch Italien und Belgien, noch vor Spanien. „In einer falschen Behandlung des griechischen Schuldenproblems lauert Ansteckungspotential, auf das andere Staaten mit variierenden Infizierungsgraden reagieren könnten“, sagte Juncker der Zeitung „Luxemburger Wort“. Der IWF bekräftigte, eine nur generelle Finanzierungszusage der Europäer, die erst später spezifiziert werde, reiche nicht. Eine präzise Zusage steht bisher

aus. In der Eurogruppe gibt es Überlegungen, die Finanzierungslücke teilweise mit den Erlösen aus der geplanten Privatisierung griechischer Staatsbetriebe zu decken. Auch private Gläubiger sollen einen Beitrag leisten. Da aber die Details der Gläubigerbeteiligung offen sind, lässt sich dieser Beitrag nicht beziffern. Sollte die Beteiligung – wie von allen Beteiligten angekündigt – komplett freiwillig ausfallen, dürfte der Finanzierungsbeitrag gering bleiben. Ein größerer Teil der Lücke muss deshalb durch neue Kredite gedeckt werden, voraussichtlich aus Mitteln des Euro-Krisenfonds EFSF. Das Treffen der Finanzminister wird an diesem Montag fortgesetzt. (Fortsetzung und weiterer Berichte Seite 2; siehe Wirtschaft, Seite 13, sowie Finanzmarkt, Seite 20.)

Wasseraufbereitung in Fukushima unterbrochen Strahlung schneller als kalkuliert gestiegen / IAEA erhebt Vorwürfe gegen Japan P.K. TOKIO, 19. Juni. Im havarierten Atomkraftwerk Fukushima haben Ingenieure am Samstag nach nur fünf Stunden das neue Wasseraufbereitungssystem stoppen müssen. Die Schächte und Keller der Anlage, in denen sich etwa 110 000 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser gesammelt haben sollen, drohen in den nächsten Tagen überzulaufen. So könnte das Wasser ins Meer und ins Grundwasser gelangen. Der Kraftwerksbetreiber Tepco teilte am Wochenende mit, dass die Wasseraufbereitungsanlage angehalten werden musste, da die Strahlung in einer Komponente, die Caesium absorbieren sollte, schneller als kalkuliert gestiegen war. Eigentlich hätte diese Komponente erst nach einem Monat ihre Kapazität errei-

chen sollen. Das ganze System müsse überdacht werden. Das könnte mehrere Tage dauern. Die Anlage, in der schon am Freitag ein Leck festgestellt worden war, soll das hoch radioaktive Wasser säubern, entsalzen und dekontaminieren. Danach soll das Wasser zur Kühlung der Reaktoren benutzt werden. Solange das kontaminierte Wasser in den Kellern und Schächten des Kraftwerks steht, können die Kühlsysteme nicht repariert werden. Da die drei Reaktoren, in denen eine Kernschmelze stattfand, sowie die Abklingbecken für Brennstäbe ständig mit Wasser gekühlt werden müssen, wächst die Menge des radioaktiven Wassers ständig. Zudem hat die Regenzeit begonnen. Der japanische Industrieminister Kaieda drängte die örtlichen Behörden, dem

Neustart von Japans Kernkraftwerken nach den Sicherheitsüberprüfungen zuzustimmen. Japan brauche die Atomkraft, sagte Kaieda. Nach einer Umfrage vom Sonntag sind 82 Prozent der Japaner für einen Ausstieg. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) wirft Tokio vor, das Kernkraftwerk nicht hinreichend geschützt zu haben. Nach einer Überprüfung 2002 seien nur unzureichende Maßnahmen zum Schutz vor Flutwellen ergriffen worden, die nie von einer Aufsichtsbehörde überprüft worden seien. Die IAEA bemängelt ferner, dass Japan nach der Katastrophe nicht auf die UN-Behörde zugekommen sei, um ausländische Hilfe zu organisieren. An diesem Montag wollen Minister der IAEA-Mitgliedstaaten in Wien „Lehren aus Fukushima“ ziehen.

Anschlag auf Konvoi der Bundeswehr in Kundus

Versorger planen Verfassungsklage

Streit zwischen Ballack und Löw eskaliert

F.A.Z. FRANKFURT, 19. Juni. Unverletzt hat der Kommandeur des regionalen Wiederaufbauteams (PRT) im nordafghanischen Kundus, der deutsche Oberst Norbert Sabrautzki, einen Anschlag auf seinen Konvoi überlebt. Drei afghanische Zivilisten wurden bei dem Bombenanschlag getötet. Das teilte die Bundeswehr mit. Die Taliban bezichtigten sich der Tat. Präsident Karzai hatte am Wochenende bestätigt, dass mit den Taliban Gespräche geführt werden. (Siehe Seite 6.)

jja. BERLIN, 19. Juni. Mehrere Energieversorger bereiten sich auf eine mögliche Verfassungsbeschwerde gegen den von der Regierung geplanten Ausstieg aus der Kernkraft vor. Eon hat ein entsprechendes Rechtsgutachten eingeholt. Auch RWE sieht sich zur Gegenwehr gezwungen. Für eine Verkürzung der Betriebserlaubnis gibt es aus Sicht der Gutachter keine Rechtfertigung, weil Ereignisse wie in Japan hierzulande ausgeschlossen seien. (Siehe Wirtschaft, Seite 11.)

F.A.Z. FRANKFURT, 19. Juni. Im Streit über das Ende seiner Karriere in der Fußball-Nationalmannschaft hat Michael Ballack Bundestrainer Joachim Löw abermals heftig attackiert. Die Basketballspieler aus Bamberg wurden mit einem 72:65-Sieg gegen Berlin wieder deutscher Meister. Matthias Alexander Rath und Totilas waren bei den Titelkämpfen der Dressurreiter nicht zu schlagen, den Spring-Titel gewann Ludger Beerbaum mit Coupe de Cœur. (Siehe Sport.)

Briefe an die Herausgeber ............... 8 Sport ............................................................. 21 Impressum ................................................... 4 Die Gegenwart ........................................ 7

Politische Bücher ................................... 8 Deutschland und die Welt .............. 9 Zeitgeschehen ...................................... 10 Wirtschaft ................................................. 11

Der Volkswirt .......................................... 12 Neue Wirtschaftsbücher ................ 12 Unternehmen ......................................... 14 Menschen und Wirtschaft ............. 18

Wetter .......................................................... 20 Feuilleton .................................................. 27 Medien ........................................................ 31 Fernsehen und Hörfunk ................ 31

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH; Abonnenten-Service: 0180 - 2 34 46 77 (6 Cent pro Anruf aus dem dt. Festnetz, aus Mobilfunknetzen max. 42 Cent pro Minute). Briefe an die Herausgeber: leserbriefe@faz.de Belgien 2,70 € / Dänemark 20 dkr / Finnland, Frankreich, Griechenland 2,70€ / Großbritannien 2,70 £ / Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande 2,70€ / Norwegen 28 nkr / Österreich 2,70 € / Portugal (Cont.) 2,70 € / Schweden 27skr / Schweiz 4,80 sfrs / Slowenien 2,70€ / Spanien, Kanaren 2,70 € / Ungarn 690 Ft ###f0SFvKtNj7v+BFsF6K8TJ0rge0189H/3qoWgcwy9PkkmvhLlKCHR8cjCf3p/6y5LQZDLf9dVy3ONJ3IGrVVK/A###

Nein, so sind die Zeiten nicht – und die Probleme auch nicht. Die Anstrengungen zur Rettung des Euro spiegeln gut den Zustand der Europäischen Union, also einer vielstimmigen Gemeinschaft, in deren Natur es liegt, dass ihre Mitglieder nicht immer an einem Strang ziehen können. Und den einen, wahren Strang zur Lösung der Griechenland-Krise gibt es wohl gar nicht. Dass jedenfalls, auch unter Fachleuten, darüber heftig gestritten wird, zählt eben zum Wesen der Demokratie, mag den Märkten das noch so fremd sein. In der Tat, die Kanzlerin, und nicht nur sie, macht in diesen Tagen, da gleichzeitig fieberhaft an einem dauerhaften europäischen Präventions- und Stabilitätsregime getüftelt wird und akute Brände (auch im eigenen Haus) gelöscht werden müssen, den Eindruck einer Feuerwehrhauptfrau im Dauerstresstest: viele Herde, wenig Eimer und kein Plan. Zu atemraubend erscheinen die Wendemanöver der Regierung, dass jemand noch die naheliegende Frage stellt: Was hätte sie denn machen sol-

F. A. Z. im Internet: faz.net

len? Dass die Wehrpflicht so nicht zu halten war, raunen Militärs und Fachpolitiker seit zwanzig Jahren. Und allenfalls ein Kabarettist, nicht aber ein deutscher Kanzler hätte nach der Katastrophe von Fukushima an der Atomkraft unerschütterlich festhalten können. Die Frage ist allein: Wie verkauft man solche Wechsel den Wählern und nicht zuletzt den eigenen Parteimitgliedern? Denn Parteien haben angeblich Programme. Frau Merkel hat die Lösung jetzt vor den CDU-Kreisvorsitzenden erkannt: Man könne jedem Projekt künftig eine Art Präambel geben, um eine Verbindung zu den Grundprinzipien der Union herzustellen. Und die müsste es doch geben, die Prinzipien und die Verbindungen dazu. Jetzt jedenfalls sind erst einmal die grundsatztreuen Grünen in Zugzwang, die der Kanzlerin nicht den alleinigen Erfolg des Atomausstiegs gönnen können wollen. Mehr noch als das Parteiprogramm ist nämlich gutes Regieren wichtig; das strahlt dann auch auf die Partei aus. Daran muss sich die gesamte Koalition erinnern. Im Wahlrecht muss ein Entwurf auf den Tisch. Bei den Anti-Terror-Gesetzen hat auch die FDP erkannt, worum es eigentlich geht: Sie will nunmehr von Pro-Geheimdienst-Gesetzen sprechen. Gut möglich allerdings, dass die Deutschen auch dagegen gar nichts haben.

Der richtige Ort Von Jasper von Altenbockum wanzig Jahre nach der EntscheiZ dung für Berlin ist längst eingetreten, was Wolfgang Schäuble in seiner legendären Rede in der Bonner Bundestagsdebatte über den Sitz von Parlament und Regierung damals bemerkt hatte: Niemand versteht so recht, warum je ein Zweifel daran bestehen konnte, dass Berlin der richtige Ort sei. Alle Ängste, Befürchtungen und Vorurteile, die damals in dem spitzfindigen Diktum gipfelten, Geschichte dürfe sich nicht wiederholen, haben sich als unbegründet, wenn nicht als abstrus erwiesen. Die Irrtümer von damals sind allerdings so groß, dass sie einen landläufigen Irrtum verdecken: Die Entscheidung für „Berlin“ habe sich gegen „Bonn“ gerichtet. Hat sie aber nicht. Die dramatische Abstimmung vom 20. Juni 1991 ist das eine; das andere ist das Bonn-Berlin-Gesetz, das am 26. April 1994 verabschiedet wurde. Dazwischen liegt der Grund, warum aus Berlin nicht das Monster werden kann, zu dem es mancher Gegner des Umzugs hatte machen wollen, und warum Bonn nicht die Provinz geworden ist, die es aus Berliner Sicht immer schon zu sein schien. Das Gesetz ist ein Kompromiss, in dem sich all das widerspiegelt, was diese Republik ausmacht, ob nun die „Bonner“ oder die „Berliner“. Kern des Gesetzes: Jedes Ministerium behält einen Sitz in der „Bundesstadt“ Bonn, etliche Ministerien sogar ihren ersten Dienstsitz, und die Mehrheit der Beamten und Angestellten aller Ministerien „soll“ ebenfalls in Bonn arbeiten. Die Bundesrepublik hatte damit in guter Tradition wieder einmal unitarisch gedacht, föderal gehandelt; im „soll“ steckte das Hintertürchen für die Wirklichkeit. Über dieses Hintertürchen wird seither immer wieder gestritten. Warum es halb geschlossen sei, fragen die Berliner, warum halb geöffnet, die Bonner. Die Berliner können auf die Kosten, kurzen Wege, die Kraft des Faktischen bauen – und auf das Bild vom „Wanderzirkus“, den niemand haben will, für den der Staat eine statische Angelegenheit ist. Doch der eigentliche Verbündete Berlins ist die Zeit. Schon heute wird das „soll“ des Gesetzes überstrapaziert; längst gibt es in Berlin mehr Arbeitsplätze der Regierung als in Bonn. Längst gibt es auch ein Modell für die Zeit danach, vorgemacht vom Justizministerium, das komplett umzog und in Bonn ein (billiges?) Bundesamt für Justiz hinterlassen hat. Die Bonner wiederum können die Milliarden, die ein Umzug mit Sack und Pack kostete, gegen die Millionen verrechnen, die das Pendeln kostet, können einen bunten, internationalen Behördenpark ins Feld führen, dessen lange Wege immer kürzer werden, je größer er wird; können schließlich fra-

gen, welches verkrüppelte Politikverständnis dazu führt, den jährlichen Transport von 750 Tonnen Akten als Verschwendung anzuprangern. Die Bonner können vor allem darauf bauen, dass eine grundlegende Änderung des Bonn-Berlin-Gesetzes einen neuen Ausgleich bedeuten müsste und dass dieses Fass niemand noch einmal aufmachen möchte. Schon deshalb nicht, weil die Reden der dann fälligen Umzugsdebatten wahrscheinlich nicht so schön wären wie die vom 20. Juni 1991. Der Aufbruch zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas ist vorbei, die Baustelle hat sich in eine Werkstatt verwandelt, aus Symbolen sind Tatsachen geworden und aus neuen Tatsachen schon wieder Symbole.

Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Aber auch der Deutschen? Zum Beispiel Berlin. Weder 1991 noch 1994 wurde festgelegt, was der Regierende Bürgermeister Wowereit jetzt gerne als vollendete Tatsache darstellt: „Für die Menschen ist heute klar: Berlin ist die Hauptstadt der Deutschen, und Berlin ist der Sitz der Bundesregierung.“ Daran stimmt nur der zweite Teil. Aus dem ersten spricht die Großspurigkeit, mit der die Wichtigtuer dieses Landes meinen, alle Wege führten nach Berlin. Die Hauptstadt ist nach dem Fall der Mauer zum Magneten geworden, der eine junge, kreative europäische Avantgarde anzieht. Das wäre sie vielleicht auch geworden, ohne Hauptstadt zu sein. Die Kombination verführt zum Glauben, hier könnten die Gesetze deutscher Staatlichkeit, Kultur und Vielfalt außer Kraft gesetzt werden. Als müssten sich Politik, Kultur, Geist und Macht an einem Ort verbinden, damit eine Hauptstadt auch wirklich die Hauptstadt ist. Das wird es in Deutschland aber nicht geben, selbst wenn in Berlin das Schmunzeln darüber besonders groß sein müsste, dass Landeshauptstädte wie Stuttgart darum kämpfen, ihren Hauptbahnhof zu erweitern. Die Entscheidung für Berlin vor zwanzig Jahren wurde dadurch gerade erleichtert, dass nicht nur die Erfahrungen der jüngsten Geschichte, sondern auch die Traditionen der älteren dafür sprechen, dass sich am Spreebogen keine Gouvernante niederlässt. Den Wowereits dieser Welt sei deshalb gesagt: Die Hauptstadt Deutschlands ist Berlin. Die Deutschen aber haben noch immer die Hauptstadt, die ihnen am nächsten ist. So gesehen mag Berlin der richtige Ort sein. Es kann aber auch Bonn sein oder Bienenbüttel. Oder Boston. Oder Breslau.


SE IT E 2 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

STREIFZÜGE ERFURT

Kampf den Pitbulls er Thüringer Landtag in Erfurt hat mit den Stimmen der SPDund der meisten CDU-Abgeordneten eine Liste gefährlicher Hunderassen verabschiedet. Die Grünen enthielten sich der Stimme. Zwei Abgeordnete der CDU sowie Linke und FDP stimmten dagegen. Pitbulls, American Staffordshire-Terrier, Staffordshire-Bullterrier und Bullterrier gelten demnach als gefährlich. Sie dürfen nur noch mit Erlaubnis der Behörden angeschafft, müssen kastriert werden und ihr Halter benötigt einen „Sachkundenachweis“. Allen Thüringer Hunden wird künftig – unabhängig von der Rasse – ein Chip implantiert, um sie identifizieren zu können; die Halter müssen eine Haftpflichtversicherung abschließen. Anlass für das Gesetz war der Tod eines drei Jahre alten Mädchens vor einem Jahr im Kyffhäuserkreis, das von vier Kampfhunden getötet worden war. So ungeteilt das Entsetzen über dieKünftig mit Chip sen Vorfall war, so umstritten war das Gesetz der Koalition von CDU und SPD. Abgeordnete der Linken und der FDP, Sabine Berninger und Dirk Bergner, kritisierten wortgleich, das Gesetz führe nicht zu mehr Sicherheit, sondern zu Scheinsicherheit. Die Gefahr liege stets „am anderen Ende der Leine“, sagte Frau Berninger. Liberale und Linke bezogen sich auf Argumente des früheren Thüringer Innenministers und heutigen Bundesverfassungsrichters Peter Huber (CDU). Für die Gefährlichkeit bestimmter Rassen gebe es keine Belege. Huber hatte eine Beißstatistik vorgelegt, die von Schäferhunden und Schäferhundmischlingen angeführt wird. 2009 bissen sie in Thüringen 86 Mal zu; Golden Retriever bissen sechzehn Mal, aber kein Kampfhund schnappte im Referenzjahr zu. Der Fraktionsvorsitzende der Linken, Bodo Ramelow, forderte einen Hundeführerschein – offenbar sprach er aus Erfahrung. Wer ihn mit seinem Jack Russel spazieren gehen sieht, weiß warum. Trotz Hundeschule ist hier der Hund der Koch und das Herrchen der Kellner. Mit sicherem Instinkt für Abenteuer weist Attila dem Politiker den Weg. Frech ist der Vierbeiner nach Meinung der Grünen obendrein. Gern hebt der Rüde am Fraktionsbaum, den die Grünen auf ihrem Flur aufgestellt haben, das Bein. Foto AP

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CLAUS PETER MÜLLER

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FR ANK FU RTE R A L LG E ME I NE ZEITU NG

Vielstimmiges Schweigen Bundeskanzlerin Merkel lud Kreisvorsitzende der CDU nach Berlin, um nach der Atom-Volte die Basis wieder für sich zu gewinnen. Von Günter Bannas BERLIN, 19. Juni. Sollte die Zusammensetzung dieser CDU-Konferenz, sollten die Reden dort und das Verhalten der Nichtredner im Konrad-Adenauer-Haus repräsentativ für die ganze Partei sein, dann ist deren Stimmung so: Die Basis ist unzufrieden – aber sie rebelliert nicht; sie mosert über die Oberen in Berlin – aber ist dankbar, einbezogen zu werden; es gibt Zweifel an der Führung – aber es wird nicht deren Sturz gefordert. Die Spitzen der gut 330 Kreis-Organisationen der Partei waren eingeladen. Etwa 140 Vertreter waren in die CDU-Zentrale gekommen, worüber deren Organisatoren zufrieden schienen, weil es gleichzeitig eine Reihe regionaler Treffen gab. Vor allem dem Gefühl, dass mit den Parteigliederungen nicht gesprochen werde, dass die Parteibasis vor vollendete Tatsachen gestellt werde, ja, dass die CDU sich zurück zum „Kanzlerwahlverein“ der Ära Adenauer entwickele, schien Angela Merkel begegnen zu wollen. Die CDUVorsitzende und Bundeskanzlerin dankte den Abgesandten der Kreisverbände, dass sie gekommen seien und das „Gesprächsangebot“ angenommen hätten. Sie versicherte, es werde im Herbst wieder „Regionalkonferenzen“ geben. Sie versprach, sie werde, so es sich mit anderen Aufgaben vereinbaren lasse, Einladungen der Parteibasis wahrnehmen. Sie werde sich Zeit nehmen. Es mag ein Zufall gewesen sein, dass das gleich auf dieser Konferenz deutlich wurde. Irgendwann nach 13 Uhr, als der öffentliche Teil der Gesprächsveranstaltung mit der CDU-Vorsitzenden eigentlich hätte beendet sein sollen, klingelte das Mobiltelefon der Bundeskanzlerin. Ein Blick. „Das ist mein Finanzminister.“ Für diese Zeit sei man telefonisch verabredet. Hermann Gröhe hatte das Gespräch anzunehmen. Ob die Zuhörer schöne Grüße ausrichten wollten. Ja doch. Gerne. Beifall. Doch die Konferenz wurde keine Jubelfeier für Frau Merkel. Wie kürzlich schon im Bundestag, als die CDU/CSU-Fraktion zumeist schweigend die Regierungserklärung Frau Merkels zur Energiewende zur Kenntnis nahm, geizten ihre Parteifreunde auch am Samstag mit Applaus. Die weltweite Finanzkrise, der Atom-Ausstieg, die Lage in Europa und die Griechenland-Krise waren die Schwerpunkte ihrer Rede, mithin die Themen, von denen die Parteispitze annimmt, dass sie an der Basis die meisten Zweifel und den größten Widerspruch hervorriefen. Allenfalls gab es artigen Beifall, wenn er unvermeidlich war. Kanzler Schröder habe einst die Zahl der Arbeitslosen auf 3,5 Millionen senken wollen. Bei fünf Millionen sei er gelandet. Nun aber, in den Zeiten der christlich-liberalen Koalition, werde sie unter drei Millionen sinken. Es folgte eine angemessene, nicht gerade überschäumende Reaktion. Erinnerungen Frau Merkels an Novellierungen der Erbschaftsteuer wurden

schweigend zur Kenntnis genommen – die vermaledeite Hotelsteuer war 2009 auch ein Bestandteil jenes Gesetzes gewesen. Die Einschätzung Frau Merkels, im Streit über den Ausstieg aus der Kernenergie gebe es eine „Spaltung“ von 60 zu 40 pro Ausstieg in der CDU, spiegelte sich in der Zuhörerschaft. „Für mich war Fukushima ein einschneidendes Ereignis.“ Schweigen. Eine Volkspartei müsse der Realität ins Auge schauen. Ruhe. SPD und Grüne hätten bei ihren Ausstiegsbeschlüssen nicht an den Ersatz durch neue Energien gedacht, sie aber schon. Schweigen. Die Union und die schwarz-gelbe Koalition könnten, sozusagen historisch gesehen, das Bündnis werden, das den Umstieg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien schaffe. Keine Reaktion. „Ich empfehle uns, das nicht nur missmutig hinzunehmen.“ Stille im Atrium der CDU-Zentrale. Selbst Frau Merkels Vergleich, Ludwig Erhard sei es gelungen, die Interessen von Kapital und Arbeit zu vereinbaren, nun aber könne es der CDU gelingen, die „scheinbaren“ Widersprüche von „Umweltverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit“ aufzuheben, wurde schweigend zur Kenntnis genommen. Sie schaue, sagte die CDU-Vorsitzende, in „zweifelnde Gesichter“. Immerhin: Das sei anfangs auch bei Ludwig Erhard so gewesen. Die Kanzlerin versuchte den Vorwurf zu entkräften, die Einigung Europas liege ihr nicht wirklich am Herzen. Die CDU sei „die Europa-Partei“. Der Einigungsprozess habe den Frieden gesichert. Doch habe der Streit um Ehec und spanische Gurken gezeigt, wie rasch Misstrauen zwischen den EU-Staaten und den Völkern entstehe. „Man muss mit dem Gewonnenen ganz vorsichtig umgehen.“ Hilfen für Griechenland verteidigte sie mit dem Hinweis, wie 2008 beim Zusammenbruch von Lehman Brothers gebe es auch jetzt keine Erfahrungen mit staatlichen Insolvenzen. Private Gläubiger Griechenlands müssten sich beteiligen. Es folgte eine Aussprache der gemischten Gefühle. „Sie haben mich heute nicht überzeugt“, rief, die Kernenergiepolitik im Blick, ein Kreisvorsitzender, worauf dann später eine Reihe von Kollegen auftraten, die die Wende der Union mutig und richtig nannten. Wieder andere sagten, es sei schwer, etwas zu verteidigen,

was vor Jahresfrist noch als falsch gegolten habe. Sie habe sich, verteidigte sich Frau Merkel, nicht allein gefühlt mit den Entscheidungen zum Atomausstieg – im Gegenteil: Von den damaligen Kämpfern sei sie dazu gedrängt worden. „Das ist das Problem unserer Partei: Wir diskutieren eben nicht“, rief ein Kreisvorsitzender, worauf dann andere versicherten, wie dankbar sie seien, dass Frau Merkel mit ihnen diskutiere. Die Aussetzung der Wehrpflicht sei falsch gewesen, sagte einer. Die Kanzlerin entgegnete, der Parteitag habe das nahezu einstimmig beschlossen, was – realitätsbewusst – zu der Erwiderung führte, alles sei längst gelaufen gewesen, als der Parteitag beraten konnte. Andere wiederum versicherten, die Entscheidungen der Parteispitze seien gut, doch müsse diese sie besser erklären, damit die Parteimitglieder sich mitgenommen fühlten. Es fehle der „Überbau“ in der Regierungspolitik, rief jemand, was Frau Merkel zu der Ankündigung veranlasste, künftig wolle sie bei „jedem Projekt“ erklären: „Wie vereinbaren wir das mit unseren grundlegenden Prinzipien?“ Die Koalitionsfrage sodann: Das geringe Ansehen, das der Koalitionspartner FDP in den Reihen der CDU-Basis noch hat, wurde durch Nichtbeachtung deutlich. „Ich glaube, es ist gut, dass eine christlich-liberale Koalition regiert“, hatte die Kanzlerin in ihrer Rede geworben. In früheren Zeiten wäre das wohl eine Passage gewesen, in der CDU-Mitglieder, an die Zeit der Opposition oder auch der großen Koalition zurückdenkend, geklatscht hätten. An diesem Samstag herrschte Schweigen. Später dann wurde aus Aachen das dort regierende schwarz-grüne Bündnis als „guter Weg“ gelobt. „Ich hätte mir ihn auch in Düsseldorf gewünscht“, im Landtag von NordrheinWestfalen also. Die Chefin der schwarzgelben Koalition in Berlin war gefordert. Die FDP sei „wirklich auf dem Weg“, dass die Union mit ihr „ein paar Dinge“ lösen könne. In Wahlen kämpfe jeder für sich. Dann aber sei eine Koalition mit der Partei zu bilden, mit der es die meisten „Überlappungen“ gebe. Ihre Bewertung, für die CDU gebe es mit der FDP weitaus mehr Gemeinsamkeiten als mit den Grünen, hat von den Kreisvorsitzenden niemanden spontan zu Beifall veranlasst.

Annäherung – Die Kanzlerin im Adenauer-Haus mit CDU-Kreisvorsitzenden

Foto dapd

Unionspolitiker: Private Gläubiger an Griechenland-Hilfe beteiligen Unzufriedenheit nach Einigung von Merkel und Sarkozy pca. BERLIN, 19. Juni. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Altmaier (CDU), hat den deutsch-französischen Kompromiss zu einer freiwilligen Gläubigerbeteiligung bei der Rettung Griechenlands verteidigt. Er sei, sagte Altmaier nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, „hoch zufrieden mit der Einigung von Freitag“. Das „bisher Erreichte entspricht in weiten Teilen der Beschlusslage des Bundestags“. Der CSU-Vorsitzende Seehofer sagte unterdessen der Zeitschrift „Der Spiegel“: „Mir sagen Experten seit einem Jahr, dass eine Umschuldung Griechenlands nötig ist. Jetzt ist die Zeit für den Beginn einer Beteiligung privater Gläubiger gekommen.“ Der Euro-skeptische FDP-Politiker Schäffler sagte zu der deutschfranzösischen Einigung: „Das ist nicht die Gläubigerbeteiligung, die der Bundestag gefordert hat.“ Der sächsische CDU-Politiker Kolbe sprach nach Angaben des „Spiegels“ von einem Etikettenschwindel und sagte: „Wir brauchen einen Schuldenschnitt, und den wird es freiwillig nicht geben.“ Der Haushaltspo-

litiker Barthle (CDU) mahnte demnach zur Eile: „Wenn wir noch lange warten, sind kaum noch Anleihen in der Hand privater Gläubiger. Dann schultern die Steuerzahler allein die Rettung Griechenlands.“ Der CSU-Abgeordnete Silberhorn forderte „verbindliche Regeln mit einer zwingenden Beteiligung privater Gläubiger“. Politiker der Union im Europäischen Parlament kritisierten derweil die Haltung ihrer griechischen Partnerpartei, der konservativen Nea Dimokratia (ND), die den Sparkurs der Regierung blockiert. „Es ist inakzeptabel, wenn in Griechenland unsere politischen Partner jetzt kleinliche Innenpolitik betreiben. Griechenland muss liefern“, sagte Manfred Weber (CSU), stellvertretender Vorsitzender der Europäischen Volkspartei (EVP), der Zeitung „Welt am Sonntag“. „Wenn die ND nicht verantwortungsvoll handelt, muss man auch in der EVP darüber sprechen. Solch ein Verhalten darf nicht folgenlos bleiben.“ Ähnlich äußerte sich der CSU-Politiker und Europaabgeordnete Ferber.

Fortsetzung von Seite 1

IWF fordert präzisen Plan Griechenland braucht bis Anfang Juli neue Kredite, um Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die bis dahin geplante Auszahlung der nächsten Tranche von 12 Milliarden Euro soll nach dem derzeitigen Stand der Verhandlungen aus dem bestehenden Kreditprogramm finanziert werden. Damit der Fonds die nächste Tranche aber auszahlen darf, braucht er Zusagen zur Deckung der Finanzierungslücke. Die Lücke beträgt bis zum Ende des laufenden Kreditprogramms Mitte 2013 55 Milliarden Euro; sie dürfte insgesamt aber höher ausfallen, weil eine komplette Refinanzierung Griechenlands über die Märkte auch nach Mitte 2013 ausgeschlossen ist. Bundesfinanzminister Schäuble (CDU) spricht von 90 bis 120 Milliarden Euro. Das in der Eurogruppe ins Auge gefasste neue Kreditprogramm für Athen kann nach IWF-Angaben erst später beschlossen werden. Es fehle die Zeit, um die Bedingungen schnell auszuhandeln, hieß es in Washington auch mit Blick auf die angespannte Lage an den Finanzmärkten. EU-Währungskommissar Rehn hatte sich noch am Donnerstag zuversichtlich gezeigt, dass die Eurogruppe alle Inhalte und Bedingungen eines neuen Programms in Luxemburg schon „diskutieren“ und beim nächsten Treffen im Juni beschließen könne. Juncker sagte am Wochenende, „die Antwort auf das aktuelle Griechenland-Problem“ werde wohl „im Sommer formuliert“ sein. Auch in der Frage der Beteiligung privater Investoren an weiterer Hilfe zeichnet sich noch keine Lösung ab. Bundeskanzlerin Merkel hatte am Freitag nach ihrem Treffen mit Frankreichs Staatsprä-

sident Sarkozy gesagt, beide Seiten wünschten sich „eine Beteiligung privater Gläubiger auf – ich sage das ausdrücklich – freiwilliger Basis“. Dies wurde allgemein als Zugeständnis an die Europäische Zentralbank (EZB) und als Aufgabe der bisherigen deutschen Position verstanden, die Beteiligung Privater müsse „substantiell und quantifizierbar“ sein. Schäuble hielt diesen Anspruch dagegen aufrecht. „Wir brauchen eine freiwillige Beteiligung der privaten Gläubiger, die erstens einen substantiellen Beitrag zur Stützung von Griechenland liefert, zum Zweiten quantifizierbar und zum Dritten verlässlich ist“, sagte er der „Börsen-Zeitung“. Nach einem unbestätigten Bericht der Zeitschrift „Der Spiegel“ will Schäuble den andauernden Konflikt mit der EZB mit einem neuen Vorschlag entschärfen. Demnach solle Griechenland im Rahmen des neuen Hilfsprogramms auch Anleihen der EFSF gewährt bekommen. Die griechische Regierung solle diese dann an heimische Banken weiterreichen, damit die Institute die Anleihen als Sicherheit bei der EZB hinterlegen können. Juncker stellte zur Diskussion, die bestehenden Regeln der EU-Regionalpolitik für Griechenland außer Kraft zu setzen. Die dort festgelegte Kofinanzierungsregel, wonach ein Land nur Geld aus den EU-Regionalfonds erhält, wenn es selbst auch Mittel beisteuert, sei eine „europäische Perversion“, sagte der Chef der Eurogruppe der belgischen Zeitung „La Libre Belgique“. Würde diese Regel außer Kraft gesetzt, wirkte dies „wie ein Sauerstoffballon für Griechenland“, weil so die griechische Infrastruktur verbessert werden könne.

Strache will Kanzler werden Österreichs „Freiheitliche“ bekennen sich wieder zur „deutschen Volksgemeinschaft“. Und außerdem will die Partei nach der nächsten Wahl den Kanzler stellen. Politik, Seite 5

Himmel über der Wüste Ben Ali werden Unterschlagung, Folter, Mord zur Last gelegt. Einen jungen tunesischen Bürger hat er gegen sich aufgebracht, als er ihm verwehrte, den Nachthimmel durch ein Teleskop zu bewundern. Politik, Seite 6

Ein Dach für das Haus Europa Russland und die Nato als gleichberechtigte Partner eines Raketenabwehrsystems? Das klingt nach Utopie, nicht nach Realpolitik. Doch die Logik des Projektes ist bestechend. Die Gegenwart, Seite 7

Als Gehlen noch Halder half Hitler konnte sich im Juli 1940 auf einen älteren Plan des Generalstabs stützen, den er dann zu jenem rassenideologischen Vernichtungskrieg veränderte, der am 22. Juni 1941 begann. Politische Bücher, Seite 8

Plädoyer für „Homeschooling“ Eine Frau, die zu Hause von ihren Eltern unterrichtet wurde und mit Bravour ihr Abitur und ihr Studium meisterte, möchte später auch mal ihre Kinder daheim unterrichten. Deutschland und die Welt, Seite 9

Erst ein Anfang Die größte Massenmobilisierung in der jüngeren Geschichte verändert die arabische Welt. Politisch hat sich indes in Arabien noch nicht viel bewegt. Zeitgeschehen, Seite 10

FDP-Debatte über Fall Koch-Mehrin pca. BERLIN, 19. Juni. Das FDP-Präsidium will sich an diesem Montag mit den Plagiatsvorwürfen befassen, die gegen mehrere Abgeordnete der Partei erhoben werden. Diskutiert werden muss, ob die Parteiführung das ehemalige Präsidiumsmitglied, die frühere Doktorin Silvana Koch-Mehrin, auffordern soll, ihr Mandat im Europäischen Parlament niederzulegen. Nach Einschätzung im Thomas-Dehler-Haus könnte sich die Pflicht zur Stellungnahme zunächst erübrigen, falls Frau Koch-Mehrin Klage gegen die

Aberkennung ihres Doktortitels erhebt, den sie nach Auffassung der Universität Heidelberg und nach Auskunft der Internet-Plattform Vroni-Plag in hohem Maße betrügerischen Plagiaten verdankt. Neben der Arbeit von Frau Koch-Mehrin stehen auch die Dissertationen des FDP-Europapolitikers Chatzimarkakis, des Bundestagabgeordneten Djir-Sarai und der FDP-Politikberaterin Mathiopoulos in Rede. Sie sollen ebenfalls in unterschiedlichem Maße, aber mit bis zu 70 Prozent der Seiten (Chatzimarkakis) auf unbelegten Kopien aus anderen Texten beruhen. Chatzimarkakis soll an diesem Montag in Bonn Gelegenheit erhalten, an der Universität zu den Vorwürfen Stel-

lung zu beziehen. Aus dem FDP-Präsidium, dem Frau Koch-Mehrin bis vor kurzem angehörte, ehe sie im Mai, unmittelbar vor dem Bundesparteitag, auf ihre Parteiämter verzichtete, hat schon ihr Nachfolger, Alvaro, mitgeteilt, die Europaparlamentarier stünden „geschlossen“ hinter ihr. Man habe „ihr viel zu verdanken, und wir sind froh, dass sie ihre erfolgreiche politische Arbeit fortsetzen wird“. FDP-Politiker haben unterdessen vor dem Schaden gewarnt, den ein Verbleib der Politikerin im Europäischen Parlament für die Partei bedeuten würde. Der Bundestagsabgeordnete und forschungspolitische Sprecher seiner Fraktion, Martin Neumann, sagte der Frankfurter Allge-

meinen Sonntagszeitung, Frau Koch-Mehrin solle „durchdenken, welche Verantwortung sie dem Mandat gegenüber hat“. Er erwarte von seiner Partei eine „klare Positionierung“. Die FDP will sich im Herbst auf einem Sonderparteitag mit dem Thema Bildungspolitik befassen. Außerdem soll bei dieser Gelegenheit über das Grundsatzprogramm diskutiert werden, das unter der Leitung des Generalsekretärs Lindner entsteht. Dabei sei, so Lindner, „die Freiheit des Einzelnen im Alltag der Maßstab unserer Politik – sie ist zugleich auch das beste Mittel humaner Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Wie wir uns eine Ordnung in Verantwortung für Mitwelt und Nachwelt vorstellen,

ist Gegenstand der Thesen, an denen wir jetzt arbeiten.“ Die Thesen zum neuen Grundsatzprogramm sollen von August an auf sechs regionalen Konferenzen mit Parteimitgliedern und interessierten Bürgern diskutiert werden. Der FDP-Vorsitzende Rösler will „zügig“ in der Koalition eine Steuerentlastung beschließen. Die Wirtschaftslage habe sich besser entwickelt als erwartet, deshalb sei die Sanierung der Haushalte möglich und zugleich eine Entlastung der Bürger. Für die FDP gehe es dabei vor allem um mittlere und kleine Einkommen, sagte Rösler der Zeitschrift „Der Spiegel“. Eine Steuerreform müsse „noch in dieser Legislaturperiode“ bei den Bürgern ankommen.

STIMMEN DER ANDEREN Die Deutschen im Recht Die französische Tageszeitung „Le Monde“ meint zu Deutschland und der griechischen Schuldenkrise: „Die Deutschen glauben nicht, dass die Griechen in der Lage sein werden, ihren Verpflichtungen nachzukommen. ,Glauben Sie wirklich, dass sie ihre Schulden zurückzahlen werden, indem sie Olivenöl exportieren?‘, ist in Berlin zu hören. Nach einem Jahr vergeblicher Unterstützung muss man feststellen, dass diese Überlegung nicht ganz ungerechtfertigt ist. Auf der anderen Seite ist man überzeugt, dass die Wähler es nicht akzeptieren werden, ein zweites Mal zur Kasse gebeten zu werden, um die Banken zu retten. ,Ich glaube nicht, dass unsere Demokratien es akzeptieren würden, ein zweites Mal der Finanzwelt zur Hilfe zu eilen‘, analysierte bereits im November 2009 EZB-Chef Jean-Claude Trichet. Die Deutschen geben ihm recht.“ Dominoeffekt Zu Hilfen für Griechenland schreibt die Wiener Zeitung „Der Standard“: „Die Menschen fragen sich, warum man einem Staat wie Griechenland Unsummen geben soll. Dort ist nicht nur die politische Klasse korrupt und verantwortungslos, sondern auch der gesamtgesellschaftliche Konsens beinhaltet zutiefst unseriöse und selbstzerstörerische Praktiken, die sich jetzt bitter rächen. Die Griechen sind nicht ,faul‘, das ist rechtspopulistischer Mist. Aber sie leben in einer Tradition, die – resultierend aus jahrhundertelanger Fremdherrschaft – sich dem Staat, der Obrigkeit letztlich nicht verpflichtet fühlt(e), sondern höchs-

tens dem eigenen Clan. Griechenland ist als Ökonomie in Europa nicht besonders wichtig, aber es ist, wie alle anderen, intensiv wirtschaftlich verflochten. Das bedeutet zum Beispiel auch, dass europäische Banken den Griechen viel zu viele Kredite gegeben haben – in der Hoffnung, im Notfall schon vom Staat gerettet zu werden. Sie wurden aber schon einmal gerettet, während der Finanzkrise 2008/09, und die Staaten sind nun selbst extrem verschuldet. In einer solchen Situation kann der Zusammenbruch des Bankensystems eines kleinen Staates einen europäischen Dominoeffekt haben.“ Wieder eins? Das „Luxemburger Wort“ äußert am Samstag die Hoffnung, dass der deutsch-französische Kompromiss bei der Einbeziehung von privaten Gläubigern als Fundament für einen breiten EU-Konsens dient: „Nun scheinen sich die Nachbarländer wieder eins zu sein. Scheinen. Denn während die Bundeskanzlerin eine obligatorische Beteiligung von Privatgläubigern durchsetzen wollte, war es der französische Staatspräsident, der sich gestern durchsetzte: Banken und Versicherungen sollen sich beteiligen, aber auf freiwilliger Basis. Ob es nun tatsächlich zu dem von Sarkozy angekündigten Durchbruch kommt, ist unklar. Klar ist, dass der Weg aus der Krise ein langer sein wird. Aber auch wenn Eigeninteressen den Lösungsweg regelmäßig zu blockieren drohen, scheint die Grundhaltung festzustehen. Und das ist auch gut so. Denn Europa hat vergangenes Jahr gemeinsam beschlossen, Griechenland aus der Krise zu verhelfen. Das muss es jetzt auch durchziehen – auch wenn das bei derart vielen Staaten mit unterschiedli-

chen Interessen nicht einfach ist. Für die EU ist es nämlich die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass sie an einem Strang ziehen kann – und muss.“ Schon alles durchlebt Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ schreibt zum Atomausstieg und den Grünen: „Deutschland macht sich, wenn auch unter Führung einer CDU-Kanzlerin, auf in eine Zukunft ohne Atomstrom. Dies ist, rein sachlich betrachtet, der größte Erfolg, den die Grünen seit ihrer Gründung erreicht haben. Jetzt abseitszustehen und in Bundestag und Bundesrat nicht zuzustimmen, wäre absurd; es wäre der Versuch einer Flucht in eine schöne, parteipolitisch übersichtlichere Vergangenheit. Heute muss das Selbstverständnis der Grünen neu definiert werden. Eine Partei, die sich anschickt, für das ganze Land zu denken und zu handeln, kann nicht allein an einigen Aktivisten Maß nehmen. Diese Erfahrung ist für die Grünen nicht neu. Sie haben alles schon durchlebt – bis hin zu Pfiffen und ,Verräter‘-Rufen. Es hat ihnen nicht geschadet.“ Vor dem größten Erfolg Der „Münchner Merkur“ äußert zum selben Thema: „Die Grünen stehen vor dem größten programmatischen Erfolg ihres politischen Lebens: Seit über dreißig Jahren kämpfen sie für den Ausstieg aus der Kernkraft . . . Und jetzt, da sie am Ziel ihrer Wünsche sind und alle Parteien einem Abschalten der letzten Reaktoren im Jahr 2022 zugestimmt haben, sollen sie Nein sagen? Nur, weil nicht bereits 2017 der Stecker aus dem letzten Meiler gezogen wird und auch andere grüne Detail-Träu-

mereien nicht befriedigt werden? Nein. Claudia Roth und Cem Özdemir haben völlig Recht, die Atomwende parlamentarisch zu billigen und dies als eigenen Sieg zu feiern. Triumphieren die Fundis, wäre es mit dem Höhenflug der Grünen vorbei.“ Die Lebensräume der Juchtenkäfer Die „Nürnberger Zeitung“ meint zum beschleunigten Ausbau der Stromnetze: „Jahrzehntelang galt das Nein zur Atomkraft geradezu als Synonym für Umweltschutz und Bürgerbeteiligung. Doch inzwischen stellt sich immer mehr heraus, dass der Weg in eine strahlenfreie Zukunft mit harten Entscheidungen gepflastert sein wird. Gut möglich, dass dabei die Mitspracherechte der Bürger auf der Strecke bleiben – wie auch die Lebensräume von Rotbauchunke, Wachtelkönig oder Juchtenkäfer.“ Gelassene Freundschaft Die „Braunschweiger Zeitung“ äußert zum deutschpolnischen Verhältnis: „Kritik, ja die Schmähung Europas ist eine sich in platten Formeln erschöpfende Routine geworden. Polens Präsident Komorowski hat mit dem Wissen um die Last der Geschichte mit erstaunlicher Leichtigkeit Lob gezollt: für die Annäherung zweier Staaten. Deutschland und Polen haben Erstaunliches geschafft. Der Blick zurück wird verknüpft mit dem Blick nach vorn. Gerade diese Kombination ist wichtig, wenn Beziehungen über Staatsinteressen hinaus zur Freundschaft werden sollen. Selten ist eine Berliner Rede mit solcher Gelassenheit so deutlich geworden.“


Politik

FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

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Reiche Kompensationen – Das frühere Bonner Regierungsviertel mit dem Post Tower (links im Bild) und dem „Langen Eugen“, in dem heute UN-Organisationen untergebracht sind, zeigt, dass die Stadt auch ohne Regierungssitz gut leben kann.

BONN, im Juni ancher ganz große Erfolg soll seinen Ausgang in einer Garage gehabt haben. Vielleicht ist es also ein gutes Omen, dass Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) seine Rede zur Eröffnung des Nationalen Cyber-Abwehrzentrums am vergangenen Donnerstag in einer Garage hielt. Das großräumige Gelass gehört zu einem Betonbau im Bonner Stadtteil Mehlem. Einst residierten hier Teile des Bundesnachrichtendienstes. Heute ist es eine von drei Liegenschaften des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn. Zehn Spezialisten aus acht Behörden arbeiten im neuen Cyber-Abwehrzentrum zusammen, um Gefahren aus dem Internet zu bannen, die Datennetzen von Banken, Versicherungen, Telekommunikationsunternehmen oder Wasser- und Stromversorgern drohen. Um die sogenannte kritische Infrastruktur vor HackerAngriffen zu schützen, sollen die Spezialisten vom Rhein aus die bundesweite Gegenwehr organisieren. 20 Jahre nach dem Hauptstadtbeschluss des Bundestags ist noch immer viel „Bonner Republik“ in der „Berliner Republik“ enthalten. Auch Friedrichs Parteifreund Peter Ramsauer machte das vergangene Woche mit einer Neueröffnung deutlich. Den Erweiterungsbau des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte wertete der Bauminister als „sichtbares Zeichen“, dass die Regierung zur Bundesstadt Bonn stehe. „Auch in Zukunft wird Bonn eine wichtige Rolle in der Bundesverwaltung einnehmen“, versprach Ramsauer. Natürlich empfindet einer wie der gebürtige Hesse Norbert Blüm, der ein gutes Stück „Bonner Republik“ mitgeprägt hat, dessen Kinder in Bonn groß geworden sind, dem Bonn Heimat ist, den 20. Juni 1991 noch heute als Einschnitt. „Geschockt und enttäuscht“ habe er damals nach mehr als zehn Stunden Bundestagsdebatte das äußert knappe Votum für Berlin zur Kenntnis genommen, erinnert sich der damalige Arbeitsminister. Blüm hatte im Parlament ein flammendes Bonn-Plädoyer gehalten. Der Nationalstaat, den er sich wünsche, sei europäisch eingebunden und regional gegliedert, dazu passe keine alles dominierende Hauptstadt. Berlin werde zur Megastadt, doch das Maximum sei nicht das Optimum. Für Bonn sagte Blüm Schlimmes voraus. Die Arbeitsplätze von hunderttausend Menschen in der Region seien durch den Umzug von Regierung und Parlament betroffen. „Das ist so, als würden zehn Stahlwerke oder Bergwerke auf einmal stillgelegt.“ Mit beidem habe er Unrecht gehabt, meint Blüm. Berlin ist durch den Umzug kein Moloch geworden. Und dass Bonn nicht verarmt ist, sei nicht zuletzt einer großen Leistung des Parlaments zu verdanken: dem Bonn-Berlin-Gesetz. Bonn bekam das Recht, sich „Bundesstadt“ zu nennen, und als Ausgleich gut zwei Dutzend Bundesinstitutionen. Aus Frankfurt kam unter anderem der Bundesrechnungshof. Berlin verlor Behörden wie das Bundesversicherungsamt und das Bundeskartellamt an Bonn, neu am Rhein entstanden Einrichtungen wie die Bundesnetzagentur. Auch dank großzügiger Ausgleichszahlungen in Höhe von 1,43 Milliarden Euro floriert die Stadt als Wissenschaftsstandort. Die im Umfeld des Beschlusses vom 20. Juni 1991 getroffene Entscheidung, die Nachfolgeeinrichtungen des ehemaligen Bundespostministeriums (Post AG, Deutsche Telekom und Post-Bank) in Bonn anzusiedeln, war der zentrale Impuls für die regionale Wirtschaft. Die Stadt hat heute 2000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und 10 000 Einwohner mehr als vor dem Umzugsbeschluss. „Bonn ist jünger geworden und weniger öffentlich-rechtlich“, sagt Helmut Stahl, der einst im Arbeits-, im Forschungsministerium und im Bundeskanzleramt tätig war. „Wir können Wandel, fragen nicht nach Verlusten, sondern ergreifen Chancen und leben entschlossen

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Die Rutschbahn Richtung Berlin Vor 20 Jahren entschied der Bundestag, dass Berlin Regierungssitz wird. Bonn bietet heute sogar mehr Arbeitsplätze, will aber den „Komplettumzug“ unbedingt verhindern. Von Reiner Burger nach unserem rheinischen Grundgesetz: Wat fott es, es fott“, meint der Oberbürgermeister von Bonn, Jürgen Nimptsch (SPD). „Ich dachte damals, der 20. Juni 1991 sei der Untergang“, erinnert sich Michael Wenzel, der 1962 in den diplomatischen Kosmos Bonns hineingeboren wurde. Sowohl seine portugiesische Mutter als auch sein deutscher Vater arbeiteten viele Jahre lang in der Botschaft Portugals. Als erste Botschaft überhaupt bezog sie einst am Rheinufer Quartier. Der Politikwissenschaftler Wenzel bietet heute „Botschaftstouren“ an und ist zu einem Chronisten der Bonner Abschiede geworden. Denn die wenigsten Länder nutzen ihre Botschaften wie die Russische Föderation heute als Generalkonsulat. Einige wenige wie die prachtvolle, erst 1990 fertiggestellte syrische Botschaft stehen leer. Als bekannteste Ruine gilt die von Schimmelpilz befallene Botschaft Irans. Die allermeisten Botschaften sind längst in neuer Hand. Ein wenig sentimental ist er schon, dass 50 Jahre Diplomatie in Bonn-Bad Godesberg unwiederbringlich zu Ende sind. Doch der Wandel habe einen unglaublichen Schub gebracht, sagt Wenzel. „Noch nie hat man in Bad Godesberg so viele Gerüste gesehen wie in den vergangenen zehn Jahren.“ Die ehemalige Botschaft Südkoreas ist zu einem Luxusseniorenheim umgebaut, Nigerias Botschaft wird gerade zum schicken Penthouse mit Blick aufs Rheintal, und in der sehr weitläufigen ehemaligen amerikanischen Botschaft ist eine der Ausgleichsbehörden, die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, untergekommen. Die monegassische Botschaft gehört heute Esta Maria Sedlmayr. Die Geschäftsfrau war wie alle Bonner am 20. Juni 1991 tief betrübt – doch sie erkannte ihre Chance. Ihren in Trauer versinkenden Freunden kündigte sie noch am Abend der Entscheidung rheinisch-pragmatisch an, nun werde sie sich eines der freiwerdenden Diplomatenhäuser kaufen. Dass Bonn trotz des Umzugs der Botschafter nach Berlin kaum an Internationalität verloren hat, verdankt es den mittlerweile rund 850 UN-Mitarbeitern, die heute in 18 Einrichtungen der Vereinten Nationen in Bonn beschäftigt sind. Zur UN-Stadt wurde Bonn am fünften Jahrestag des Berlin-Beschlusses: Am 20. Juni 1996 zog der damalige Generalsekretär Ghali die blaue UN-Flagge vor dem idyllisch am Rhein gelegenen früheren Sitz des Bundesfinanzministeriums auf. Zehn Jahre später übergab die Bundeskanzlerin den „Langen Eugen“, das ehemalige Hochhaus der Bundestagsabgeordneten, als Bonner UN-Zentrale an Gahlis Nachfolger Kofi Annan. Bonn blühe und gedeihe, findet Wolfgang Thierse (SPD), der am 20. Juni vor zwanzig Jahren direkt nach Blüm im Bonner Wasserwerk gesprochen hatte. Der stellvertretende Bundestagspräsident gehört zu jenen Politikern, die glauben, dass es zwei Jahrzehnte nach dem Hauptstadtbeschluss Zeit sei, die Regierung ganz nach Berlin zu holen. Allerdings ist im Bonn-Berlin-Gesetz festgelegt, dass

(beim derzeitigen Ressortzuschnitt) sechs Minister ihren ersten Dienstsitz in Bonn haben müssen. Jedes Berliner Ministerium muss eine Dependance am Rhein betreiben. In Paragraph vier der Norm heißt es zudem, „dass insgesamt der größere Teil der Arbeitsplätze der Bundesministerien in der Bundesstadt Bonn erhalten bleibt“. Doch Angehörige der überparteilichen Berlin-Lobby führen im ritualhaft wiederkehrenden Schlagabtausch mit den Bonn-Befürwortern ins Feld, die Aufteilung auf zwei Regierungssitze sei viel zu teuer. Immer offener werben BerlinFreunde wie Thierse für eine Novellierung des Bonn-Berlin-Gesetzes. Blüm bringt das auf die Palme. „Es gilt der Grundsatz ‚Pacta sunt servanda‘. Berlin hat doch vor 20 Jahren nur wegen der Zugeständnisse für Bonn den Zuschlag bekommen.“ Zu den besten Erbstücken gehörten der Föderalismus und die gute, in Bonn gewachsene Kombination aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein. Heftig ins Gericht geht der Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch mit seinem Parteifreund Thierse: „Herr Thierse hat den Sinn des Beschlusses des Deutschen Bundestags nicht verinnerlichen können, da er glühender Anhänger seiner Region ist und darüber die Gesamtinteressen des Landes vernachlässigt.“ Dem Parlament sei es damals wie heute darum gegangen, den besten Weg für Deutschland zu finden und nicht den besten Weg für Berlin/Brandenburg oder Bonn. Deshalb habe der Bundestag entschieden, die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland von zwei politischen Zentren aus zu gestalten. „Man wollte nicht eine Hauptstadt, in der alles zentralisiert wird“, sagt Nimptsch. undestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der vor 20 Jahren für Bonn gestimmt hatte, hält die „halbjährliche Debatte über das Bonn-Berlin-Gesetz“ für überflüssig. Was vereinbart wurde, werde sich historisch auswachsen. „Zudem flachen die Kosten des Doppelsitzes sowieso ab. Ein vollständiger Umzug ist rein wirtschaftlich also immer schwerer zu begründen. Alle, die mit demonstrativem Eifer den raschen Komplettumzug betreiben, verlängern den Zeitraum.“ Lammert spielt darauf an, dass die Mehrheit der Regierungsangestellten schon seit 2008 nicht mehr wie vorgesehen in Bonn, sondern in Berlin arbeitet. Der Rutschbahneffekt, den Bonn-Befürworter stets befürchteten, ist also längst eingetreten. Oberbürgermeister Nimptsch trifft sich zwar regelmäßig mit Bundestagsabgeordneten aller Parteien aus der Region, um die Reihen der Bonn-Freunde geschlossen zu halten, doch auch er weiß, dass die Zeit gegen Bonn arbeitet. Die Unterstützung für die Bundesstadt Bonn nimmt mit jeder Wahlperiode ab. Schon heute sitzen nicht mehr viele Parlamentarier im Bundestag, die die Bonn/Berlin-Entscheidung noch mitgetroffen haben. Manche jüngeren wissen nicht einmal mehr, dass der Doppelsitz gesetzlich fixiert ist. Und

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dennoch reagierte Nimptsch schon im vergangenen Oktober erstaunlich gelassen, als eine Kommission dem damaligen Verteidigungsminister empfahl, die letzte Großbastion der „Bonner Republik“, die Hardthöhe, aufzulösen und sein Ressort in Berlin zu konzentrieren. Nimptsch meinte damals, die Aussagen der Bundesregierung seien eindeutig, die Bundeswehr bleibe dort, wo sie 1955 gegründet wurde: in Bonn. „In welcher Form das geschieht, ist zweitrangig. Für Bonn ist wichtig, dass die Zahl der Arbeitsplätze erhalten bleibt.“Natürlich werde die Reform des Verteidigungsministeriums und der Bundeswehr zu einer Verkleinerung des Personalbestands führen, meint Nimptsch. Die Frage sei lediglich, ob dies im Sinne des Bonn-Berlin-Gesetzes kompensiert werde. Der Pragmatismus des Stadtoberhaupts erklärt sich aus der Erfahrung,

dass eine Stadt auch ohne Ministerien glücklich werden kann – wenn sie zum Ausgleich Bundesbehörden bekommt oder nachgelagerte Einheiten behalten darf, so wie das beim Bundesjustizministerium geschah. Wesentliche Teile des Hauses wurden zum „Bundesamt für Justiz“ und blieben in Bonn. Dem Kostenargument der Befürworter eines Komplettumzugs hält Nimptsch die Effizienz vor Augen. „Verwaltungseinheiten, die sich mit Entwicklungspolitik beschäftigen, sollten sicher eher am Standort der Vereinten Nationen in Bonn sein als in Berlin“, meint der Oberbürgermeister. „Und Verwaltungseinheiten, die sich mit der Ausrichtung auf eine ressourcenschonende europäische Verteidigungspolitik beschäftigen, sollten eher in der Nähe von Brüssel angesiedelt sein.“ Viele ehemalige Spitzenpolitiker leben heute in Bonn: Peer Steinbrück, Wolf-

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gang Clement oder Hans-Dietrich Genscher. Eine Nostalgierunde aber gibt es nicht in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Gehobene Erinnerungskultur gönnt sich Blüm an diesem Montag aber doch – aus erster Hand. Zum Jahrestag der Berlin-Entscheidung führt Blüm höchstpersönlich interessierte Bürger durch bedeutende Stätten der „Bonner Republik“. Er will von der Schönheit des Grundgesetzes schwärmen, das eigentlich auch nur als Provisorium gedacht war und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb so gut ist wie keine deutsche Verfassung davor. Er will die soziale Marktwirtschaft als Gegenstück zu Klassenkampf und Kapitalismus würdigen. Er will davon berichten, wie Deutschland sich von Bonn aus in den Westen integrierte und sich mit dem Osten versöhnte und deshalb heute von lauter Freunden umgeben ist.


Politik

SE IT E 4 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Im Gespräch: Günther Oettinger, EU-Energiekommissar

Kirsten Fehrs neue Bischöfin in Hamburg

„Europa muss wissen, wie weit die Reise geht“

Vier Wahlgänge für die Nachfolge von Maria Jepsen / Auf dem Weg zur Nordkirche

Günther Oettinger sprach am Wochenende vor dem Landesausschuss der Thüringer CDU in Eisenach. Dort wurden „Thesen für eine Energiepolitik mit Maß und Mitte“ verabschiedet. Herr Kommissar, müssen Sie sich als Deutscher unter Europäern noch häufig für die Energiewende der Bundesregierung rechtfertigen? Deutschland ist eine große Volkswirtschaft und kein Land an der Peripherie wie Malta. Die deutsche Entscheidung wurde akzeptiert. Aber Europa erwartet, dass die weiteren Schritte abgestimmt werden. Wann wird Deutschland beginnen, die Abstimmung zu verbessern? Die Abstimmung hat schon begonnen. Aber im Ausbau der Netze in Europa müssen wir die Zusammenarbeit optimieren und wir müssen die Förderstrukturen harmonisieren. Wann werden wir in Europa einheitliche Förderstrukturen haben? Wir werden die Strukturen erst koordinieren, dann harmonisieren. Ich denke bis zum Ende des Jahrzehnts wird das gelingen. Ist das realistisch? Die vergleichbaren Förderstrukturen sind nötig.

Foto Wolfgang Eilmes

Hat man in Brüssel den Eindruck, Bundeskanzlerin Merkel stehe in Deutschland allein mit ihrem Werben für die Energiewende? Nein, Sie wird doch von der SPD und den Grünen unterstützt. Außerdem hat Frau Merkel in Brüssel derzeit viele Aufgaben, denken Sie an Griechenland, Libyen oder die Energiepolitik. Aber wirtschaftlich ist Deutschland derart stark, dass die EU erwartet zu wissen, wie weit die Rei- Günther Oettinger se geht. In den kommenden zehn Jahren müssen 200 Milliarden Euro in den Ausbau von Strom- und Gasnetzen investiert werden. Aber vielerorts regt sich Widerstand gegen den Netzausbau, weil Menschen die Leitungen hässlich finden oder Angst vor Strahlen haben. Nimmt das ein Ende wie „Stuttgart 21“? „Stuttgart 21“ wird doch gebaut. Insofern stimmt mich der Vergleich hoffnungsfroh. Die Bevölkerung versteht, dass es, wenn wir den Anteil der erneuerbaren Energien ausbauen und den

Kohlendioxidausstoß senken wollen, nicht ohne moderne Transportnetze geht. Die große Mehrheit der Bürger akzeptiert das. Voraussetzung dafür ist aber eine öffentliche Abwägung der Entscheidungen und deren Transparenz. In Deutschland besinnen sich zahlreiche Kommunen und Kreise auf ihre Stadtwerke und regionalen Energieversorger. Ist Kleinteiligkeit der Weg, um die Energiewende zu schaffen? Wir brauchen nicht dezentral oder zentral, sondern beides. Eine Stadt mit einem Uniklinikum oder ein Automobilwerk können sich nicht autark versorgen. Wenn die Energieversorgung europäisch gedacht werden muss: Brauchen wir dann eine europäische Instanz mit Planungskompetenzen für alle Länder? Wir haben die Verbände der Netzeigentümer in Europa und damit eine europäische Abstimmung. Aber europäisch zu planen, heißt nicht alles zu zentralisieren. Es bleibt regionale Verantwortung. Haben Sie schon mit den Skandinaviern verhandelt, um deren natürliches Landschaftsrelief für den Bau von Pumpspeicherkraftwerken zu nutzen? Was halten die Marokkaner davon, Off-Shore-Anlagen für uns zu bauen? Und sind Franzosen und Spanier bereit, die Lücke im Leitungsnetz zwischen ihren Ländern zu schließen? Wir müssen unsere europäischen Strom- und Gasnetze in zehn Jahren ausbauen. Die Verbindungsleitung zwischen Spanien und Frankreich wird in den nächsten Monaten eingeweiht, und in Norwegen werden wir im November darüber sprechen, welche Strommengen aus den Windkraftanlagen des Nordseerings, dem auch Deutschland und Großbritannien angehören, von norwegischen Pumpspeicherkraftwerken aufgenommen werden können. Ganz konkret: Sind die Norweger bereit, für deutsche Windkraftanlagen ihre Pumpspeicherkapazität auszubauen? Ja, weil Pumpspeicherkraftwerke auch einen Geschäftszweck haben. Die Zukunft der elektrischen Energie dominiert die Debatte. Unterschätzen wir die Bedeutung des Gases? Gas wird steigende Bedeutung haben. Darum bauen wir als Europäer mit der Nabucco-Leitung das Gasnetz in den kaspischen Raum aus. Aber wird denn Nabucco wirklich kommen? Das erste Gas sollte 2014 fließen, nun wird es frühestens 2017 so weit sein, indes die russische Gasprom schon westliche Partner für die SouthStream-Leitung hat, die Gas aus dem Südwesten Russlands durch das Schwarze Meer nach Westen führen soll. South Stream ist nicht ein wirtschaftliches Projekt, sondern mehr ein Projekt der Politik, um russisches Gas nach Europa zu leiten. Die Fragen stellte Claus Peter Müller.

Landes-Grüne mit neuer Führung Mainzer Parteitag wählt Diederichs-Seidel und Steck holl. MAINZ, 19. Juni. Die Grünen in Rheinland-Pfalz werden weiter von einer gemischten Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann geführt. Im dritten Wahlgang wurde der Koblenzer Stadtrat Uwe Diederichs-Seidel mit einem Ergebnis von 50 Prozent zum neuen Landessprecher gewählt. Der 45 Jahre alte Kommunalpolitiker setzte sich auf einem Landesparteitag in Mainz am Wochenende knapp gegen die Trierer Stadträtin Corinna Rüffer durch, die 47,4 Prozent der Stimmen erhielt. Zuvor war die bisherige Landesschatzmeisterin Britta Steck mit 84,2 Prozent der Delegiertenstimmen zur Landessprecherin gewählt worden. Diederichs-Seidel und die 45 Jahre alte Britta Steck lösen die bisherige GrünenSpitze ab, die von Eveline Lemke und Daniel Köbler gebildet wurde. Während Frau Lemke Wirtschaftsministerin der neuen rot-grünen Landesregierung in Mainz ist, führt Köbler die Landtagsfraktion der Grünen. Entscheidend für ihren Rückzug war, dass beide ein Landtagsmandat haben: Nach der Satzung der Grünen gilt die Trennung von Amt und Mandat im Falle von Füh-

rungsfunktionen. Neben der Wahl ihrer neuen Führung berieten die etwa 200 Delegierten mit Blick auf den Bundesparteitag am 25. Juni über die Position der rheinland-pfälzischen Grünen zum schwarz-gelben Atomausstieg. Mit großer Mehrheit forderte der Parteitag, als Bedingung für die Zustimmung der Grünen den von der Bundesregierung für 2022 geplanten Ausstieg aus der Kernkraft im Grundgesetz oder in Staatsverträgen festzuschreiben, um ihn rechtlich unumkehrbar zu machen. „Wir wollen doch alle, dass dieser Atomausstieg nicht rückdrehbar ist“, sagte Wirtschaftsministerin Lemke. Sie sei mit dem Leitantrag des Bundesvorstands für den Parteitag unzufrieden, weil darin von der Bundesregierung nicht die rechtliche Absicherung des Atomausstiegs verlangt werde. Der Parteitag lehnte aber die weitergehende Forderung von radikalen Atomkraftgegnern ab, dem schwarz-gelben Ausstiegskonzept nur zuzustimmen, wenn alle Forderungen zur Änderung der notwendigen Begleitgesetze zur Energiewende erfüllt würden.

Frankfurter Zeitung Gründungsherausgeber Erich Welter † VERANTWORTLICHE REDAKTEURE: für Innenpolitik: Dr. Jasper von Altenbockum;

für Außenpolitik: Klaus-Dieter Frankenberger; für Nachrichten: Dr. Richard Wagner; für „Zeitgeschehen“: Dr. Georg Paul Hefty; für „Die Gegenwart“: Dr. Daniel Deckers; für Deutschland und die Welt: Dr. Alfons Kaiser; für Wirtschaftspolitik: Heike Göbel; für Wirtschaftsberichterstattung: Michael Psotta; für Unternehmen: Carsten Knop; für Finanzmarkt: Gerald Braunberger; für Sport: Jörg Hahn; für Feuilleton: Patrick Bahners, Verena Lueken (stv.); für Literatur und literarisches Leben: Felicitas von Lovenberg; für Rhein-Main-Zeitung: Dr. Matthias Alexander (Stadt), Peter Lückemeier (Region). FÜR REGELMÄSSIG ERSCHEINENDE BEILAGEN UND SONDERSEITEN: Beruf und

Chance: Sven Astheimer; Bilder und Zeiten: Andreas Platthaus; Bildungswelten: Dr. h.c. Heike Schmoll; Die Lounge: Carsten Knop; Die Ordnung der Wirtschaft: Heike Göbel; Geisteswissenschaften: Jürgen Kaube; Immobilienmarkt: Steffen Uttich; Jugend schreibt: Dr. Ursula Kals; Jugend und Wirtschaft: Dr. Lukas Weber; Kunstmarkt: Dr. Rose-Maria Gropp; Medien: Michael Hanfeld; Menschen und Wirtschaft: Georg Giersberg; Natur und Wissenschaft: Joachim Müller-Jung; Neue Sachbücher: Christian Gey-

F.P. HAMBURG, 19. Juni. Neue Bischöfin für den Sprengel Hamburg-Lübeck der evangelischen Kirche Nordelbien ist Kirsten Fehrs. Sie erhielt im vierten Wahlgang 97 Stimmen von 118 abgegebenen und setzte sich so am Freitagabend gegen ihre Mitbewerberin Petra Bahr durch. Frau Fehrs, Jahrgang 1961, war seit 2006 Hauptpastorin an der Jakobikirche in Hamburg und zugleich Pröpstin des Kirchenkreises Hamburg-Ost. Sie tritt die Nachfolge von Maria Jepsen an, die 1992 zur ersten lutherischen Bischöfin überhaupt gewählt worden war und das Amt nach 17 Jahren im vergangenen Jahr aufgab, nachdem ihr vorgeworfen worden war, Missbrauchsvorwürfe gegen einen Pastor in der Kirchgemeinde Ahrensburg nicht konsequent genug verfolgt zu haben. Erstmals in der Geschichte der lutherischen Kirche bewarben sich nur Frauen. Neben Frau Fehrs gibt es in Deutschland derzeit nur eine weitere Frau im Bischofsamt: Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit Sitz in Erfurt. Beiden Kandidatinnen wurden große Chancen eingeräumt, man rechnete mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Frau Bahr kommt aus der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie ist zugleich Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ihre Anhänger in der Synode wollten eine Lösung von außerhalb. Frau Fehrs stammt aus Dithmarschen, studierte Theologie in Hamburg, hatte ihre ersten Pfarrstellen im Kreis RendsburgEckernförde, bevor sie nach Hamburg ging. Bei der Wahl in der Hamburger Michaeliskirche, dem Michel, der seit einem Vierteljahrhundert Bischofskirche ist, erhielt Frau Bahr in den ersten Wahlgängen immer nur ein paar Stimmen weniger als Frau Fehrs. Nach dem dritten Wahlgang musste Frau Bahr aufgeben, wie es das Wahlverfahren vorsieht. Hätte Frau Fehrs nicht die absolute Mehrheit im vierten Wahlgang erzielt, hätte es eine komplett neue Wahl einschließlich neuer Kandidaten geben müssen. Im Vergleich beider Kandidatinnen überwogen die Gemeinsamkeiten: zierliche Frauen, voller Energie, klug und selbstbewusst, rhetorisch eindrucksvoll, seelsorgerisch erfahren, ungefähr im glei-

chen Alter und mit ähnlichen Ideen für die Zukunft der Kirche. Selbst bei den Freizeitbeschäftigungen klang es ähnlich: viel Bewegung und Liebe zum Jazz. Am Ende entschied offenbar der lokale Aspekt für Kirsten Fehrs. Vor der neuen Bischöfin in Hamburg stehen vor allem zwei Herausforderungen. In zwei Jahren kommt der Kirchentag in die Hansestadt. Und im nächsten wird zu Pfingsten die Nordkirche gegründet – aus der nordelbischen, der mecklenburgischen und der pommerschen Kirche. Die neue Kirche hat 2,4 Millionen Mitglieder und wäre die fünftgrößte in der EKD. Im Sprengel Hamburg-Lübeck, für den Frau Fehrs zuständig sein wird, gibt es 900 000 Kirchenmitglieder in 226 Gemeinden. Frau Fehrs hatte vor ihrer Wahl gesagt, den Weg zur Nordkirche mitgestalten zu dürfen sei ein Motiv dafür gewesen, dass sie sich nach einigem Zögern für die Kandidatur entschieden habe. Synodenpräsident Hans-Peter Strenge sagte nach der Wahl: „Kirsten Fehrs ist als Hauptpastorin und Pröpstin in Hamburg durch und durch nordelbisch, sie kennt Stadt und Land und wird die Belan-

Glückwünsche – Die neue Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs (links) und die unterle-

gene Kandidatin Petra Bahr nach der Wahl im Hamburger Michel

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Und wenn wir die einzigen sind In der sächsischen CDU wird die Energiewende skeptisch begleitet / Von Peter Schilder DRESDEN, 19. Juni. „Und wenn ich der Einzige bin“, so hat es der sächsische Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU) angekündigt, werde er am Donnerstag im Bundestag gegen den Atomausstieg stimmen. Nach Lage der Dinge wird er freilich nicht der Einzige sein. Eine kleine Gruppe, so kristallisiert sich gegenwärtig heraus, wird sich einer großen Mehrheit entgegenstellen. Jedenfalls hat sich in der sächsischen CDU eine Diskussion über den Atomausstieg entwickelt, deren Ausgang zumindest ungewiss ist. Auch aus der Staatskanzlei in Dresden und aus dem Kabinett werden mehr oder weniger deutliche Vorbehalte geäußert. Vaatz sagte gegenüber dieser Zeitung: „Ich habe noch nie so viel Zustimmung aus der Parteibasis erfahren wie jetzt.“ Der frühere sächsische Umweltminister (von 1992 bis 1998) ist überzeugt, es werde sich erweisen, „dass sich die alternativen Energien“ – das Wort von den erneuerbaren Energien vermeidet er bewusst – „nicht als Grundlastsubstitut eignen“. 49 Prozent der Grundlast müssten nach dem Abschalten der Atomkraftwerke anderweitig gedeckt werden. Vaatz argumentiert aber auch volkswirtschaftlich: Die Gestehungskosten für Energie würden „um den Faktor fünf“ von 2,2 Cent auf zehn Cent steigen. Das werde nur schwer zu verkraf-

ten sein, besonders wenn auch die Ölpreise noch kräftig stiegen. Deshalb spricht er von einem „schweren volkswirtschaftlichen Fehler“. Auf die Energiekosten lenkt auch Ministerpräsident Tillich (CDU) immer wieder den Blick. Bei einem Gespräch mit dem EU-Kommissar für Energie, Oettinger, in der vergangenen Woche bekräftigte Tillich die Notwendigkeit, dass Energie sowohl für den Bürger als für die Industrie bezahlbar bleiben müsse. Er vermied es zwar, sich gegen den Atomausstieg zu stellen, hob aber die Bedeutung der Braunkohle hervor, die in Sachsen in den modernsten Kraftwerken mit den höchsten Effizienzgraden verbrannt wird. Auch Finanzminister Unland (CDU) vermisst grundlegende Berechnungen zu den künftigen Energiekosten vor dem Ausstiegsbeschluss. „Wir wissen nicht, wie teuer die Energiewende am Ende ist.“ Außerdem bezweifelt der Professor für Maschinenbau, ob die Energiewende überhaupt so schnell wie nun beabsichtigt zu machen sein wird. Auch die Junge Union Sachsen und Niederschlesien hat Bundeskanzlerin Merkel einen Brief geschrieben, in dem sie ihr mit drastischen Worten vorhält, dass „der vorliegende Gesetzentwurf, den der Deutsche Bundestag derzeit berät, unseres Erachtens sachlich fehlerhaft ist“. Der „im unnötigen

Eilverfahren beschlossene Atomausstieg“ irritiere die Partner Deutschlands. Mit dem Ausstieg beraube sich Deutschland „einer zuverlässigen und effizienten Art der Energiegewinnung“. Die Bundestagsentscheidung innerhalb „von nur drei Wochen über eine epochale Sachfrage ist beispiellos und provoziert geradezu ein handwerklich schlechtes Ergebnis“, schreibt der Parteinachwuchs. Deshalb bittet er die Kanzlerin am Ende, „den angestrebten Ausstieg aus der Atomenergie einer kritischen Überprüfung im Lichte der mannigfaltigen, von Wissenschaft und Politik vorgetragenen Einwände zu unterziehen“. Ungeachtet der Aufregung in der sächsischen CDU ist deren Generalsekretär Michael Kretschmer überzeugt, dass die Entscheidung gefallen ist. Er empfiehlt seiner Partei, nun den Blick nach vorne auf die neue Energiepolitik zu richten und daran zu arbeiten, wie die Energiewende gelingen kann. „Wir in Sachsen“, sagt Kretschmer, „sind bei der Produktion und Erforschung der erneuerbaren Energien ganz vorn, und die Union ist nicht gegen die erneuerbaren Energien.“ Die sächsische SPD sieht das ganz anders. Ihr Generalsekretär Panter kommentierte die Debatte in der sächsischen CDU mit den Worten, die schwarz-gelbe Koalition mache Sachsen „zum letzten Widerstandsnest gegen den Atomausstieg“.

„Kein Hinweis auf Anschlagsplan“

stand keine unmittelbare Gefährdungslage gegeben“, teilte ein Sprecher des Ministeriums am Sonntag mit. Allerdings dauerten in Deutschland und Österreich die Ermittlungen an. In Wien waren vergangene Woche der 25 Jahre alte Österreicher Thomas al-J. (Kampfname) und drei weitere Islamisten festgenommen worden. Zuvor, am 31. Mai, war ebenfalls in Wien der 26 Jahre alte Deutsch-Türke Yusuf O. verhaftet worden. Am 16. Mai hatten Ermittler in Berlin den 21 Jahre alten Österreicher Maqsood L. festgenommen. Ihm wirft die Bundesanwaltschaft vor, er sei dringend

verdächtig, die DTM unterstützt zu haben. Berichte, nach denen Thomas al-J. einen Anschlag mit einem Flugzeug auf den Berliner Reichstag vorbereitet und dafür „monatelang“ mit einem Flugsimulator geübt habe, wurden zunächst nicht bestätigt. Auch in Wien gab es dafür keine amtliche Bestätigung. Aus dem Wiener Innenministerium hieß es, zwischen diesem Festgenommenen und dem am 31. Mai in Wien festgenommenen Deutsch-Türken habe zwar „ein Kontakt bestanden“, diesen könne man aber „noch nicht bewerten“, da die Einvernahmen noch liefen.

pca./R.O. BERLIN/WIEN, 19. Juni. Nach der jüngsten Festnahme mehrerer mutmaßlicher Angehöriger der terroristischen Vereinigung „Deutsche Taliban Mudschahedin“ (DTM) in Berlin und Wien hat das deutsche Innenministerium keine Hinweise darauf, dass die Gruppe Anschläge in Deutschland geplant hätte. Es habe „nach derzeitigem Erkenntnis-

er; Politische Bücher: Prof. Dr. Rainer Blasius; Recht und Steuern: Prof. Dr. Joachim Jahn; Reiseblatt: Freddy Langer; Staat und Recht: Dr. Reinhard Müller; Technik und Motor: Holger Appel. Bildredaktion: Christian Pohlert; Chefin vom Dienst: Dr. Elena Geus; Grafische Gestaltung: Johannes Janssen; Informationsgrafik: Thomas Heumann; Internet-Koordination: Dr. Holger Schmidt. GESCHÄFTSFÜHRUNG: Tobias Trevisan (Sprecher); Dr. Roland Gerschermann. VERANTWORTLICH FÜR ANZEIGEN: Andreas Formen (Verlagsgeschäftsführer); für

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lich Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 48,90 €. Abonnement Rhein-Main-Ausgabe 43,90 €; einschließlich Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 48,90 € (bei Postbezug Lieferung am Montag – bei Feiertagen am darauffolgenden Werktag). Studierende, Wehrpflichtige und Zivildienstleistende (gegen Vorlage einer Bescheinigung) 21,40 €, einschließlich Frankfurter Allgemeine Hochschulanzeiger 21,90 €. Weitere Preise auf Anfrage oder unter www.faz.net. Alle Preise bei Zustellung frei Haus, jeweils einschließlich Zustell- und Versandgebühren sowie 7 % Umsatzsteuer; im Aus-

land 52,90 € einschließlich Porto, gegebenenfalls zuzüglich Luftpostgebühren. Erscheint werktäglich. Abonnementskündigungen sind schriftlich mit einer Frist von 20 Tagen zum Monatsende bzw. zum Ende des vorausberechneten Bezugszeitraumes möglich. Gerichtsstand Frankfurt am Main. NACHDRUCKE: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird in gedruckter und digitaler Form vertrieben und ist aus Datenbanken abrufbar. Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Zeitung oder der in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen, besonders durch Vervielfältigung oder Verbreitung, ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nicht anderes ergibt. Besonders ist eine Einspeicherung oder Verbreitung von Zeitungsinhalten in Datenbanksystemen, zum Beispiel als elektronischer Pressespiegel oder Archiv, ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Sofern Sie Artikel dieser Zeitung nachdrucken, in Ihr Internet-Angebot oder in Ihr Intranet übernehmen oder per E-Mail versenden wollen, können Sie die erforderlichen Rechte bei der F.A.Z. GmbH online erwerben unter www.faz-archiv.de/syndikation. Auskunft unter syndikation@faz.de oder telefonisch unter (069) 7591-2985. Für die Übernahme von Artikeln in Ihren internen elektronischen Pressespiegel erhalten Sie die erforderlichen Rechte unter www.presse-monitor.de oder telefonisch unter (0 30) 28 49 30, PMG Presse-Monitor GmbH. © FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG GMBH, FRANKFURT AM MAIN

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ge unserer Kirche deshalb authentisch und mit der dem Amt angemessenen Würde ausüben.“ Der Vorsitzende der nordelbischen Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich, sagte über Kirsten Fehrs: „Sie ist eine reflektierte Theologin und brillante Predigerin.“ Propst Jürgen F. Bollmann, der das Bischofsamt seit dem JepsenRücktritt kommissarisch ausgefüllt hatte, sagte: „Sie kennt die Herausforderungen, vor denen wir gesellschaftspolitisch in der Metropolregion und kirchlich in der werdenden Nordkirche stehen.“ Frau Jepsen hatte 1992 überraschend bei der Wahl gegen Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen gewonnen. Sie nutzte ihre Zeit als Bischöfin vor allem als Stimme für die Themen Ökumene und Minderheiten. Der Rücktritt im vergangenen Jahr kam trotz der Vorwürfe gegen sie überraschend. Die nordelbische Kirchenführung hatte in der Folge immer wieder betont, dass Jepsen keine persönliche Verantwortung trage. Vor dem Michel gab es während der Bischofswahl eine Mahnwache der Initiative „Missbrauch in Ahrensburg“. Die Missbrauchsfälle seien innerkirchlich immer noch nicht aufgearbeitet, das Thema bleibe also aktuell, hieß es dort.

Inland in Kürze Neuer Bischof in Görlitz – Papst Bene-

dikt XVI. hat den Regens des Regionalpriesterseminars Erfurt, Wolfgang Ipolt, zum Bischof von Görlitz ernannt. In der kleinsten Diözese Deutschlands, die etwa 30 000 Katholiken zählt, tritt Ipolt die Nachfolge von Konrad Zdarsa an, der im vergangenen Jahr nach dem Rücktritt von Bischof Walter Mixa nach Augsburg wechselte. Der neue Görlitzer Bischof stammt aus dem Bistum Erfurt und ist der erste Bischof auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, dessen Familie aus dem Sudetenland stammt. Geboren wurde Ipolt 1954 in Gotha, nach Sprachenkurs und Theologiestudium verbrachte er seine Kaplansjahre im Eichsfeld, in Berlin und Erfurt. Im Anschluss an das Lizentiatsstudium in Theologie war Ipolt zwölf Jahre Pfarrer in Nordhausen. 2004 übertrugen ihm die Bischöfe von Erfurt, Berlin, Magdeburg, Dresden und Görlitz die Leitung des Interdiözesanen Priesterseminars Erfurt. (D.D.) Neuer FDP-Vorsitzender in Bremen –

Die bremische FDP hat am Samstag den 34 Jahre alten Hauke Hilz, Professor für Lebensmittelchemie in Bremerhaven, als Landesvorsitzenden gewählt. Er folgt Oliver Möllenstädt, der unmittelbar nach dem Wahldebakel am 22. Mai wie der gesamte Landesvorstand sein Amt zur Verfügung stellte. Bei der Bürgerschaftswahl hatte die FDP nur 2,4 (zuvor sechs) Prozent erhalten und war damit aus der Bürgerschaft ausgeschieden. Der Bundesvorsitzende Rösler sagte nach dem Sonderparteitag, bürgerliche Politik müsse in Bremen wieder mehr Geltung erhalten; die Hansestadt habe Besseres verdient als verkrustete Strukturen und Schuldenmacherei. Dem gebürtigen Stader Hilz wird zugetraut, mehr Ruhe in die Partei zu bringen, deren Führung durch anonyme Briefe und durch den Austritt des früheren Landesvorsitzenden Woltemath zerrissen wurde. (v.L.) „Wissen, wie lange man durchhält“ – Verteidigungsminister de Maizière (CDU) hat mitgeteilt, dass Deutschland bei der Nato-Tagung Anfang Juni in Brüssel abermals um militärische Unterstützung in Libyen gebeten wurde und das abgelehnt habe. Auf die Frage der Zeitschrift „Der Spiegel“, ob er nicht ein schlechtes Gewissen habe, weil den Nato-Partnern „Puste und Munition ausgehen“, entgegnete de Maizière: „Darüber hinaus will ich nur einen Satz sagen: Natürlich muss man, wenn man etwas anfängt, auch immer wissen, wie lange man das durchhalten kann.“ (F.A.Z.)

Personalien Axel Wermelskirchen 60 Axel Wermelskirchen macht nicht zu viele Worte. Und wenn er Worte macht, dann sitzen sie. In der Welt der oft geschwätzigen Journalisten ist das eine seltene Eigenschaft. Außerdem hat er Witz, erkennt also unerwartete Ähnlichkeiten, und Scharfsinn, klamüsert also die Unterschiede auseinander. Diese Fähigkeiten führten Wermelskirchen, der 1951 in Koblenz geboren wurde, nach zwei Jahren Wehrdienst Germanistik, Politikwissenschaft, Soziologie und Publizistik in Mainz studierte und zunächst Lehrer werden wollte, geradewegs zu „Deutschland und die Welt“. Nach dem Journalismus-Aufbaustudium in Mainz und ersten Erfahrungen beim „Hanauer Anzeiger“ kam er 1984 als Redakteur in dieses Ressort. Mit einer Unterbrechung von 1999 bis 2003, als er die „Berliner Seiten“ mit leitete und in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb und redigierte, kümmert er sich mit untrüglichem Blick und mit viel Verständnis für jüngere Kollegen um Vermischtes und Gesellschaft. Umwelt, Katastrophen, Demographie, Kriminalität, Entwicklungshilfe, Strafprozesse – das sind nur einige seiner Themen. Seine höchste Kunst aber ist, gewissermaßen als Antidot zur Wirklichkeit, die Glosse, in der Witz, Scharfsinn, Erfahrung und Sprachlust zusammenkommen. An diesem Montag wird Axel Wermelskirchen, dessen Zwillingstöchter gerade Abitur gemacht haben, sechzig Jahre alt. (kai.)

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den-Walldorf; Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam, FriedrichEngels-Straße 24, 14473 Potsdam; Süddeutsche Societäts-Druckerei GmbH, LiseMeitner-Straße 7, 82216 Maisach. Amtliches Publikationsorgan der Börse Berlin, Rheinisch-Westfälischen Börse zu Düsseldorf, Frankfurter Wertpapierbörse, Hanseatischen Wertpapierbörse Hamburg, Niedersächsischen Börse zu Hannover, Börse München, Baden-Württembergischen Wertpapierbörse zu Stuttgart ANSCHRIFT FÜR VERLAG UND REDAKTION:

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Politik

Von Majid Sattar BORDEAUX, 19. Juni. Alain Juppé hat sich alle Mühe gegeben. Der französische Außenminister, der seinen deutschen Kollegen in seine Heimat nach Bordeaux eingeladen hat, führt Guido Westerwelle am Samstag zum Mittagessen auf das Weingut Château Haut-Brion im Nachbarörtchen Pessac. Dort werden beide Minister, die nach jeweils schwierigem Beginn vor knapp vier Monaten beschlossen haben, einen neuen Anfang zu wagen, von Hausherr Prinz Robert von Luxemburg empfangen. Zwar hatte es vor der Reise, die bei Juppés verspätetem Antrittsbesuch im April in Berlin vereinbart worden war, von Seiten französischer Diplomaten augenzwinkernde Hinweise gegeben, der Franzose habe den Deutschen zu einem „sehr gaullistischen Termin“ zu sich geladen: Am 18. Juni 1940 hatte Charles de Gaulle nach der Kapitulation Frankreichs von London aus in einer BBC-Ansprache zum Widerstand gegen Berlin aufgerufen. Doch Juppé verzichtet beim gemeinsamen Wochenende trotz mancher historischer Anekdoten auf derlei Bezüge. Auf dem Château in Pessac werden zu Lachs und Rinderbraten fünf Weine des Hauses gereicht. Nicht irgendwelche, es sind besondere Jahrgänge. Dazu zählt ein Château Haut-Brion aus Westerwelles Geburtsjahr 1961, der auf Versteigerungen mindestens 3000 Euro pro Flasche bringt. Auch eine Flasche vom Jahrgang 1989 wird aufgetischt, dem Jahr des großen Umbruchs. Womöglich weil Paris seinerzeit einige Ereignisse jenseits des Rheins etwas misstrauisch beäugte, wird hernach eine Flasche mit dem Aufdruck 1990 aufgemacht. Zu Beginn jenes Jahres besuchte Helmut Kohl François Mitterrand in dessen Landsitz in Latché, nicht weit von Bordeaux entfernt, und milderte die Skepsis des Präsidenten gegenüber einem geeinten Deutschland. Das Tischgespräch ist von Reminiszenzen bestimmt: So erinnert Juppé daran, welche Kraft Deutschland und Frankreich vor zwanzig Jahren in Europa hätten entfalten können: Kohl und Mitterrand – das sei eine Paarung gewesen! Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, ganz klar, eine andere. Aber es helfe nichts, die deutsch-französischen Beziehungen müssten funktionieren, sonst gelinge in Europa nichts, sagt er, wie Ohren- und Gaumenzeugen später berichten. Sodann schlägt Juppé den Bogen zum Streitthema Libyen. Man möge nach vorn schauen. Noch am Freitag hatte Sarkozy im Kanzleramt süffisant gesagt, er freue sich, dass der deutsche Außenminister nach Benghasi gereist sei und den Nationalen Übergangsrat anerkannt habe. Frankreich hatte das schon im März getan, Westerwelle aber hat gewartet, bis sich die Rebellen in Benghasi auf demokratische Prinzipien festlegen und alle Stämme des Landes in ihren Übergangsrat aufnehmen. Nun bestärken Juppé und Westerwelle einander, wie wichtig eine „demokratische Roadmap“ für Benghasi sei. Im März waren Juppé und Westerwelle aneinandergeraten, als sich der Deutsche auf dem G-8-Außenministertreffen in Paris weigerte, das Ziel der Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen in die Abschlusserklärung aufzuneh-

Riesling in Bordeaux: Westerwelle stieß am Samstag am deutschen Stand einer Wein-

messe in Bordeaux mit Landwirtschaftsminister Le Maire und Juppé an. men. Darüber wollen beide nicht mehr viel sagen. Als Juppé indes auf einer Pressekonferenz im Rathaus von Bordeaux, wo er nebenbei Bürgermeister ist, gefragt wird, ob er die Forderung unterstütze, Deutschland möge sich in einem Nachkriegs-Libyen mit Friedenstruppen beteiligen, sagt er: „Ja, das würden wir unterstützen, aber das müssen Sie den deutschen Außenminister fragen!“ Von dem ist nur die Formulierung bekannt, eine solche Anfrage werde, wenn sie denn komme, geprüft. Eigentlich setzt die Bundesregierung auf Friedenstruppen der afrikanischen und arabischen Nachbarstaaten. Doch die kämpfenden Nationen in der Nato sehen Berlin in der Pflicht, sich nach einem Ende von Machthaber Gaddafi in Libyen zu engagieren. Das ungleiche Paar, der 65 Jahre alte Juppé und der Endvierziger Westerwelle, mag beschlossen haben, sich beim Weintrinken und auf einer Bootsfahrt über die Garonne besser kennenzulernen – der Konflikt zwischen Paris und Berlin aber lässt sich nicht so leicht lösen. Für Westerwelle dürfte der Tag, an dem Gaddafi stürzt, bittersüß werden. Dann wird die Debatte über die deutsche Enthaltung im UN-Sicherheitsrat abermals losgehen. Diese Perspektive vernebelt seinen Neustart als Nur-noch-Minister. Und sie lässt Vergleiche mit HansDietrich Genscher, der nach Aufgabe des FDP-Vorsitzes noch Jahre Außenminister blieb, hinken: Genscher war 1985 außenpolitisch unumstritten. Westerwelles Sturz als Parteivorsitzender und der damit einhergehende Verlust des Vizekanzlertitels ereigneten sich indes just in dem Moment seiner am meisten kritisierten außenpolitischen Entscheidung: der Nichtbeteiligung am Militäreinsatz in Libyen. Wie um Zweifel im In- und Ausland daran zu widerlegen, dass er doch noch vom innen- in den außenpolitischen Modus wechseln könne, reist er seit dem Rostocker FDP-Parteitag wie besessen um die Welt.

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Wie geht es dem halbierten Mann, dem seine Partei auferlegt hat, zur Innenpolitik zu schweigen? Zwar darf man Westerwelle unterstellen, dass es ihn nach 17 Jahren als Generalsekretär und Parteivorsitzenden nicht sehr schmerzt, an Wochenenden den Landesparteitagen etwa der sachsen-anhaltischen FDP fernbleiben zu müssen. Doch wenn er bei der Verleihung eines Preises an Angela Merkel im Weißen Haus nicht mehr in der ersten, sondern nur noch in der dritten Reihe sitzt und von dort aus den Hinterkopf seines Nachfolgers Philipp Rösler sieht, tut ihm das vermutlich weh. So vermag er kaum seinen Neustart wirklich als Chance, als Befreiung zu erleben – zumal sich in der Partei hartnäckig Gerüchte halten, er sei nur noch Minister auf Bewährung: Westerwelle müsse der FDP als Außenminister entweder nutzen oder mittelfristig abtreten. Vor einigen Wochen hat Juppé Westerwelle bei einem Außenministertreffen zur Seite genommen und ihm von seinem eigenen Krisenjahr 2004 erzählt. Damals wurde Juppé wegen einer in die achtziger Jahre zurückreichende Parteispendenaffäre zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt und verlor sein passives Wahlrecht. Juppé musste als Vorsitzender der Regierungspartei UMP und als Bürgermeister von Bordeaux zurücktreten. Auch sein Abgeordnetenmandat hatte er niederzulegen. Er ging für ein Jahr nach Kanada und übernahm eine Gastprofessur in Montreal. Zwei Jahre später kehrte er in die französische Politik zurück – mit 61 Jahren. Westerwelle hat diese Geschichte beeindruckt – und auch irritiert. Nach dem Abendessen gehen Juppé und Westerwelle zum Flussfest an die Garonne und bestaunen das Feuerwerk. Am Sonntag verzichtet der Deutsche auf einen Abstecher nach Arcachon und reist vorzeitig nach Luxemburg weiter. Dort kommen die EU-Außenminister zusammen. Westerwelle will weiterarbeiten.

Strache will Kanzler werden

wie. MADRID, 19. Juni. Der designierte portugiesische Ministerpräsident Pedro Passos Coelho hat die Regierungsbildung nach eigenen Worten „in Rekordzeit“ abgeschlossen. Am Wochenende stellte er ein verkleinertes Kabinett mit nur elf Ministern vor; sein sozialistischer Vorgänger José Sócrates hatte sechzehn Minister. Das Finanzministerium, das die Schlüsselrolle bei der Erfüllung der Bedingungen für das 78 Milliarden Euro umfassende Hilfspaket der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) hat, wird künftig von dem parteiunabhängigen Wirtschaftsprofessor Vitor Gaspar geführt. Er war früher als Berater für die EU-Kommission und auch für die Europäische Zentralbank in Frankfurt tätig. An diesem Montag tritt in Lissabon das Parlament zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Für Dienstag ist die Vereidigung des Ministerpräsidenten und seines Kabinetts vorgesehen. Das wird es dem 47 Jahre alten Passos Coelho erlauben, in der zweiten Wochenhälfte an der Sitzung des Europäischen Rats in Brüssel teilzunehmen. Der bürgerlich-konservativen Regierung der Sozialdemokratischen Partei (PSD) und der Volkspartei (CDS-PP) gehören vier Minister ohne Parteizugehörigkeit an. Außenminister wird der Vorsitzende der Volkspartei Paulo Portas. Das Wirtschafts- und Arbeitsministerium geht an den Unabhängigen Alvaro Santos Pereira. Das Verteidigungsressort führt der Sozialdemokrat José Aguiar Branco. Die Regierung muss rasch ein finanzpolitisches Anpassungsprogramm zur Senkung des Haushaltsdefizits durchsetzen. Zu den ersten Maßnahmen zählen Privatisierungen von Staatsunternehmen und die Suche nach einem Käufer für die verstaatlichte Banco Portugues de Negocios (BPN). Zudem sollen die Unternehmen geringere Sozialbeiträge zahlen müssen, damit neue Arbeitsplätze entstehen.

R.O. GRAZ, 19. Juni. Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) bekennt sich wieder zu einer „deutschen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft“. In ihrem neuen Programm, das ein Bundesparteitag am Samstag in Graz beschloss, heißt es: „Sprache, Geschichte und Kultur Österreichs sind deutsch. Die überwiegende Mehrheit der Österreicher ist Teil der deutschen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft.“ Unter dem verstorbenen früheren Parteivorsitzenden Jörg Haider hatte die FPÖ den Verweis auf die „deutsche Volksgemeinschaft“ getilgt und dafür die Formel des „wehrhaften Christentums“ ins Programm aufgenommen. Der amtierende Vorsitzende HeinzChristian Strache wurde mit den Stimmen von 94,4 Prozent der Delegierten in seinem Amt bestätigt. Gegenkandidaten gab es Heinz-Christian Strache nicht. Strache erhob den Anspruch, nach der nächsten Nationalratswahl Bundeskanzler zu werden. Die FPÖ sei „auf dem Sprung Richtung Großpartei“. In den Umfragen liegt die FPÖ mittlerweile gleichauf mit den Sozialdemokraten von Bundeskanzler Faymann bei etwa 27 Prozent. Die mit der SPÖ zusammen regierende Volkspartei (ÖVP) rangiert mit etwa 24 Prozent auf dem dritten Platz. Wird der Termin nicht wegen anhaltender Turbulenzen in der Regierungskoalition vorgezogen, wählen die Österreicher aber erst 2013 ein neues Parlament. Strache sagte in Graz, er werde „als Kanzler Österreichs nicht alles anders, aber vieles besser und gerechter machen“. Er machte aber

Urpilainen finnische Finanzministerin

Ruhe gab sie niemals

HELSINKI, 19. Juni (Reuters). Die Vorsitzende der finnischen Sozialdemokraten, Jutta Urpilainen, übernimmt in der neuen Sechs-Parteien-Koalition das Amt der Finanzministerin. Ihr Hauptziel sei, den Sozialstaat langfristig zu sichern, sagte Urpilainen am Samstag bei der Bekanntgabe der Entscheidung. Dafür müssten die staatlichen Ausgaben gekürzt und die Schuldenaufnahme reduziert werden. „Die Vorgänger-Regierung hat uns ein Haushaltsdefizit von acht Milliarden Euro hinterlassen“, sagte die Sozialdemokratin, deren Partei hinter den Konservativen des designierten Regierungschefs Jyrki Katainen bei den Wahlen im April zweitstärkste Kraft geworden war. „Das Tempo der Schuldenaufnahme ist auf lange Sicht nicht zu halten.“ Die 34 Jahre alte Politikerin hat keine Erfahrung als Ministerin und ist die erste Frau an der Spitze des Finanzressorts. Wirtschaftsminister wird Jyri Hakamies aus der Partei Nationale Koalition. Der 49 Jahre alte Politiker war zuletzt Verteidigungsminister. Das Außenministerium übernimmt der Sozialdemokrat Erkki Tuomioja. Der Vierundsechzigjährige hatte das Amt schon zwischen 1999 und 2007 inne. Katainen hatte das Zustandekommen des Bündnisses, das in Finnland wegen seiner politischen Spannbreite unter „Regenbogenkoalition“ firmiert, am Freitag verkündet; am Mittwoch soll er zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Im Streit über die europäischen Rettungspakete für in Schwierigkeiten geratene Schuldenstaaten wie Griechenland war die drittstärkste Kraft, die rechtspopulistischen „Wahren Finnen“, frühzeitig aus den Koalitionsgesprächen ausgeschieden.

MOSKAU, 19. Juni. Es war auch ihr Sieg, als der Reformer Gorbatschow im Dezember 1986 in der Wohnung der Sacharows in der geschlossenen Stadt Gorki anrief und zur Rückkehr nach Moskau aufforderte. Andrej Sacharow, „physikalisches Genie“, Bürgerrechtler, Friedensnobelpreisträger und lange Zeit „sowjetischer Staatsfeind Nummer eins“, war sechs Jahre in der Verbannung. Seine Frau Jelena Bonner hielt die Verbindung zur Außenwelt aufrecht und sorgte dafür, dass Sacharows Stimme in Moskau und im Ausland gehört wurde. Sie gab, obwohl krank, keine Ruhe, bis sie schließlich selbst nach Gorki verbannt wurde; von dort aus aber stiftete sie gemeinsam mit Sacharow weiter „Unruhe“. Kennengelernt hatte sie Sacharow bei einem Dissidentenprozess Anfang der siebziger Jahre in Moskau – nicht zufällig, denn Frau Bonner war selbst im Lager der Dissidenten angelangt, die gegen Breschnews Restalinisierungspolitik waren, sich für die Achtung der Menschenrechte einsetzten und sich dagegen empörten, dass das Regime 1968 Panzer gegen den „Prager Frühling“ in Marsch setzte. Ein Jahr nach der Eheschließung 1971 gab sie, ein Unding in der Sowjetunion, ihr Parteibuch zurück. Frau Bonner mag gehofft haben, dass es nach dem Krieg gegen Hitler, in den sie freiwillig als Krankenschwester gezogen war und in dem sie schwer verletzt wurde, besser werde. Schlechtes hatte Jelena Bonner zuhauf erlebt. Sie war 1923 in Sowjet-Turkmenistan als Tochter eines Armeniers, der 1937 während Stalins „Großem Terror“ als angeblicher Landesverräter hingerichtet wurde, und einer jüdischen Mutter geboren worden,

FPÖ bekennt sich wieder zu „deutscher Volksgemeinschaft“ deutlich, dass er eine Regierungsbeteiligung auch dann anstrebt, wenn die FPÖ nicht stärkste Kraft wird. Haider hatte den Bezug auf die „deutsche Volksgemeinschaft“ aus dem FPÖProgramm streichen lassen, um die Wählerbasis der Partei zu verbreitern. Nun hat die FPÖ zu diesem Zweck erstmals auch die in Österreich beheimateten Volksgruppen (Slowenen, Kroaten, Ungarn, Roma, Tschechen und Slowaken) anerkannt. Ferner besteht die Partei in ihrem neuen Programm darauf, dass „Österreich kein Einwanderungsland“ sei und die Familie – als Grundlage von Gesellschaft und Staat – „eine Gemeinschaft von Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern ist“. Strache versprach, im Falle eines Wahlsiegs sofort alle Zahlungen an die EU einzustellen. Eine der „grundlegenden Verirrungen unserer heutigen Zeit“ sei „der Glaube an eine bürgerfremde und zentralistische Europäische Union als Allheilmittel, der bedingungslose Gehorsam gegenüber Brüssel, das Aufgeben eigener österreichischer Positionen und Interessen“, sagte Strache. Für SPÖ, ÖVP und Grüne sei die EU „fast schon eine Ersatzreligion; sie handeln und agieren wie eine EU-Sekte“. Die FPÖ profitiert von der vor allem wegen der Griechenland-Krise zunehmenden europakritischen Stimmung in der Bevölkerung. Außerdem fürchten viele Österreicher die Folgen weiterer Einwanderung, Arbeitsplatzverluste und eine „Überfremdung“ durch Muslime. Weit verbreitet ist zudem der Eindruck, dass sich die regierende SPÖ/ÖVP-Koalition nicht über dringende Reformen in Staat und Gesellschaft verständigen könne, weil sie stets mit sich selbst beschäftigt sei. Noch nie zuvor in der Zweiten Republik habe es „in SPÖ und ÖVP eine derartige Ansammlung von Inkompetenz und Unwilligkeit“ gegeben, sagte Strache. (Kommentar Seite 10.)

Zum Tode der Bürgerrechtlerin Jelena Bonner die 17 Jahre lang in der Verbannung in Gorki verbringen musste. Während der Zeit blieb die junge Jelena auf sich allein gestellt zurück. Ihre Hoffnungen wurden enttäuscht, sie zog Konsequenzen. Jelena Bonner engagierte sich „dagegen“, half Mitte der siebziger Jahre das Moskauer Helsinki-Komitee und Ende der achtziger Jahre die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ mitzugründen. Für ihren Mann, der nicht ausreisen durfte, nahm sie dessen Friedensnobelpreis in Oslo entgegen. Ein Buch wie Nadeschda Mandelstams „Jahrhundert der Wölfe“ hat Jelena Bonner nicht geschrieben. Aber wie die Frau des unter Stalin verfolgten und elend umgekommenen Dichters Ossip Mandelstam, rettete Jelena Bonner bahnbrechende Gedanken ihres Mannes, indem sie diese heimlich aufJelena Bonner schrieb und ins Ausland schleuste, wohin sie zur Behandlung ihrer schweren Krankheit mehrmals reisen durfte. Nach Sacharows Tod 1989 mischte sie sich als Bürgerrechtlerin weiter ein. So wandte sie sich gegen Jelzins ersten Tschetschenien-Krieg und forderte die UN auf, gegen die russischen Militärs wegen der Menschenrechtsverletzungen im Nordkaukasus vorzugehen. Später kritisierte sie Putins autoritäre Herrschaft. Am Samstag starb Jelena Bonner im Alter von 88 Jahren in Boston. (M.L.)

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Guido Westerwelle hat den Samstag bei Alain Juppé verbracht. Eine Bootsfahrt über die Garonne reicht nicht, den Libyen-Streit beizulegen. Der hindert den Deutschen am befreiten Aufbruch ins neue Leben als Nur-noch-Minister.

Passos Coelho stellt Kabinett vor

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F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Syrische Armee hält Flüchtlinge auf Her. KAIRO, 19. Juni. Die syrische Armee hat mit der Abriegelung von Gebieten in der Nähe der Grenze zur Türkei begonnen, um zu verhindern, dass sich weitere syrische Flüchtlinge in die Türkei absetzen. Die mehr als 10 000 Flüchtlinge, die noch auf syrischem Boden kampierten, befürchteten daher, dass die Armee nun sie angreifen werde, sagte der syrische Menschenrechtler Mustafa Osso. Die syrische Armee hat am Wochenende Razzien in den grenznahen Dörfern Badama und Raihan durchgeführt, durch die sich viele Flüchtlinge Richtung Grenze in Sicherheit gebracht hatten, und dabei mehr als 100 Personen verhaftet. 40 Militärfahrzeuge haben am Samstag Badama erobert. Sie sollen nach Angaben von Flüchtlingen zwei Gebäude abgebrannt und die letzte noch funktionierende Bäckerei der Region für die Flüchtlinge zerstört haben. Den Flüchtlingen auf syrischem Boden sollen die Nahrungsmittel ausgehen. Die Armee hat das ebenfalls grenznahe Dorf Hambushiye umstellt. Die syrische Armee fürchtet offenbar, dass in einem Grenzstreifen zur Türkei ein Gebiet entstehen könnte, das sie nicht mehr kontrolliert und von dem aus sich Rebellen nach libyschem Vorbild organisieren könnten, um militärisch gegen das Assad-Regime vorzugehen. Am Freitag waren nach Angaben syrischer Menschenrechtler mindestens 19 Personen durch die Sicherheitskräfte getötet worden. Erstmals soll mindestens ein Regimegegner in Aleppo, der zweitgrößten Stadt des Landes, getötet worden sein.

Ausland in Kürze Ägyptischer Außenminister – Moham-

med al Orabi, ein früherer Botschafter Ägyptens in Berlin, wird neuer ägyptischer Außenminister. Das berichteten arabische Medien am Sonntag aus Kairo. Al Orabi trete die Nachfolge von Nabil al Arabi an, der am 1. Juli den Posten des Generalsekretärs der Arabischen Liga übernimmt. Der künftige Außenminister war von 1994 bis 1998 Botschaftsrat an der ägyptischen Botschaft in Israel und von 2001 bis 2008 Botschafter seines Landes in Berlin. Im Januar war er als stellvertretender Außenminister mit Zuständigkeit für Wirtschaft und Handel pensioniert worden. (dpa) Appell für Wahlen im Jemen – Im Jemen haben mehr als hundert Stammesführer und Geistliche zu einer baldigen Präsidentenwahl aufgerufen. In einer am Samstag eingereichten Petition forderten sie den Rücktritt des zur medizinischen Behandlung nach Saudi-Arabien ausgereisten Machthabers Ali Abdullah Salih sowie Neuwahlen innerhalb von 60 Tagen. Bei Kämpfen zwischen Regierungssoldaten und Kämpfern des Terrornetzwerks Al Qaida in der jemenitischen Provinz Abjan sind unterdessen nach Militär- und Krankenhausangaben am Sonntag zwölf Aufständische getötet und drei weitere verletzt worden. Die Streitkräfte hätten mit Artilleriegeschützen das Viertel Dufas in der Provinzhauptstadt Sandschibar beschossen, hieß es. (dapd) Bossi droht Berlusconi – Umberto Bossi, der Chef der „Lega Nord“, hat am Sonntag in Pontida bei Bergamo dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gedroht: „Dein Amt steht bei den kommenden Wahlen in Frage, wenn unsere Forderungen nicht erfüllt werden.“ Auf dem traditionellen Parteitag auf offenem Feld bei der Abtei von Pontida forderten Bossi und andere Lega-Politiker Steuererleichterungen und ein Ende des italienischen Militäreinsatzes in Libyen. Sie wollen zudem, dass vier Ministerien aus Rom in den Norden des Landes verlagert werden. Zugleich warnte Bossi, der immer wieder von Rufen nach „Sezession“ von Rom unterbrochen wurde: „Wenn wir Berlusconi zu Fall bringen, begünstigen wir Linke.“ Der früher unangefochtene Lega-Führer Bossi, der seit einem Schlaganfall vor einigen Jahren nur noch unter Mühen sprechen kann, musste seine Rede mehrmals unterbrechen. (jöb.) „Empörte“ demonstrieren wieder – Zehntausende Spanier sind am Sonntag in Madrid und anderen Großstädten des Landes auf die Straße gegangen, um gegen „Krise, Kapital und Sozialabbau“ zu demonstrieren. In der Hauptstadt kamen die überwiegend Jugendlichen aus der „Bewegung 15. Mai“ in einem Sternmarsch aus sechs Vororten im Zentrum zusammen, ohne dass es wie in der vorigen Woche in Barcelona zu Gewalttätigkeiten kam. Die Polizei hatte unter anderem den Platz vor dem Parlament abgeriegelt. Die Proteste richteten sich vor allem gegen den im März von der EU beschlossenen Europakt, der eine Reihe von Sparmaßnahmen zur Verringerung der Defizite in den Staatshaushalten der Mitgliedsländer vorsieht. Im Mittelpunkt der Kritik wegen der angeblich „brutalen Kürzungen“ standen „die Politiker“, Banker und das gesamte Finanzsystem. In verlesenen Manifesten wurde eine „Revolution“ oder zumindest ein baldiger Generalstreik in Spanien gefordert. (wie.)

Nato entschuldigt sich für Angriff auf Rebellen Gaddafi-Regime: Neun Tote durch Bomben auf Wohnhaus

Streng vertraulich: Obama, Kasich und Boehner (von links) haben vermutlich nicht nur über ihre Handicaps geredet.

Foto dapd

Demokratisch-republikanischer Golf-Gipfel Obama verpasste manchen schwierigen Putt. Boehner gelangen leichte und schwere gleichermaßen. Überhaupt war John Boehner, der republikanische „Sprecher“ des Repräsentantenhauses, der deutlich bessere Golfer beim Spiel mit dem demokratischen Präsidenten am Samstag auf dem Golfplatz des Luftwaffenstützpunktes Andrews südöstlich von Washington. Dass Boehner stark war, konnte dem schwächeren Obama in diesem Fall nur recht sein, denn so reichte es zum Sieg über Vizepräsident Joseph Biden und den republikanischen Gouverneur von Ohio John Kasich, die das geg-

nerische Team bildeten. Was beim parteiübergreifenden „Golf-Gipfel“ auf dem Grün, im Golfcart und später beim Ausspannen bei Eistee und Mineralwasser geredet wurde, wollte das Weiße Haus nicht mitteilen. Obama trug lange schwarze Hosen, Kasich weiße Beinkleider. Biden und Boehner hielten helle Shorts für angemessen, wobei der rund ums Jahr gebräunte Boehner die klar bessere Beinfarbe aufwies. Darüber wurde schon deshalb viel geredet, weil in Washington niemand glaubte, dass bei der Golfrunde vom Wochenende Fortschritte im verbissenen Streit

über Schuldenberg, Haushaltsloch und Libyen-Krieg erzielt werden konnten. Wie es hieß, teilten sich Obama und Boehner immerhin das Preisgeld von zwei Dollar, ohne dass es zu einem Zwist über die Aufteilung kam. Richtig gutes Golf gespielt und richtig gutes Geld verdient wurde am Wochenende nahe der amerikanischen Hauptstadt übrigens auch: Am entgegengesetzten nordwestlichen Ende der Washingtoner Vorstädte gab sich die Weltspitze auf dem Congressional Country Club in Bethesda bei den „US Open“ ein Stelldichein. (rüb.)

Himmel über der Wüste Wie Ben Ali auch ein Sterndeuter zum Verhängnis wurde / Von Friedrich Schmidt FRANKFURT, 19. Juni. An diesem Montag beginnt vor der Strafkammer eines Gerichts in Tunis ein Prozess gegen den früheren tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali und seine Frau Leila Trabelsi. Es wird um Unterschlagung staatlichen Vermögens gehen, um Besitz von und Handel mit Rauschgift und Waffen; die Tunesier werden sich an die Fernsehbilder erinnern, auf denen Ermittler Bargeld in Devisen und Dinaren in Millionenhöhe sowie Schmuck präsentierten, die sie in einer Residenz des Mitte Januar geflohenen Präsidenten entdeckt hätten. Es ist der Auftakt einer ganzen Reihe von Prozessen gegen Ben Ali und sein Gefolge; etwa ein Drittel der insgesamt 93 Anklagepunkte, in denen es unter anderem um Folter und Mord geht, wird vor der Militärgerichtsbarkeit verhandelt werden. Die Prozesse finden aller Voraussicht nach sämtlich in Abwesenheit der Angeklagten statt, viele sehen sie als einen symbolischen Schlussstrich unter das „ancien régime“. Anders als Unterschlagung, Folter und Mord ist der Vorwurf, dass Ben Ali einem jungen Mann verwehrte, den Nachthimmel durch ein Teleskop zu bewundern, nicht justiziabel. Doch dass Ben Ali das Land, das er während 23 Jahren beherrschte, verlassen musste und nun juristisch belangt wird, liegt daran, dass junge Leute wie Anis Harbaoui den Mut fanden, die Mauer der Angst und des Schweigens zu durchbrechen und auf die Straße zu gehen. Viele taten das aus Frust über Arbeitslosigkeit, Mangel an Perspektiven, Filz und Vetternwirtschaft. Anis Harbaoui wurde zum Rebellen, weil es ihm im Tunesien Ben Alis untersagt war, „den Himmel zu betrachten“, wie es der schmächtige Mittzwanziger mit der sanf-

ten Stimme in einem Gespräch mit dieser Zeitung in Tunis vor kurzem ausdrückte. „Die Revolution war die einzige Lösung für unseren verschlossenen Staat.“ Astronomie ist die Leidenschaft des Informatikstudenten. Im Jahr 2008 wollten er und seine Mitstreiter eine sternkundliche Vereinigung gründen. Das wurde abgelehnt, das Regime misstraute den jungen Leuten. 2009 kam das „Weltjahr der Astronomie“. In ihrem Dorf in der Nähe der Hauptstadt wollten sie erreichen, dass eines Abends für kurze Zeit die Laternen ausgestellt würden, um Interessierten die Sternbilder erläutern zu können. Erst nach schier endlosen Diskussionen mit den örtlichen Autoritäten erreichten sie ihr Ziel. Doch „direkt vor dem Saturn“ habe eine Laterne weiter geleuchtet – und während die Hobbyastronomen an jenem Abend den Himmel beobachteten, wurden sie ihrerseits von einer Horde Polizisten beobachtet, erzählt Harbaoui. Unmöglich sei es ihm gewesen, an ein Teleskop zu kommen: Der Zoll habe Päckchen mit Fernrohren zurückgeschickt, weil er diese, „wie Raketen“, als „gefährliches Material“ eingestuft habe. In Harbaouis Stimme schwingen gleichermaßen Empörung, Belustigung und Ungläubigkeit ob dieser Schikanen mit. Ende vorigen Jahres, als sich die Proteste gegen Ben Ali ausweiteten, verbreiteten auch er und seine Freunde Demonstrationsaufrufe über Facebook – zunächst sogar im Namen und unter dem Logo der Einheitsgewerkschaft UGTT, die davon gar nichts wusste. Doch die Leute kamen, vor allem die jungen. „In meinem Dorf wussten schon 14, 15 Jahre alte Schüler, dass Ben Ali ein Dieb und Diktator war“, erzählt Harbaoui. Nach der Rede am Abend des 13. Januar – in welcher der Prä-

sident versprach, nur noch bis 2014 zu regieren, sowie Pressefreiheit und günstigere Grundnahrungsmittel zusagte – habe er Angst gehabt, dass es Ben Ali gelungen sein könnte, „die Leute zu beschwichtigen“, sagt Harbaoui. Doch am nächsten Morgen, als er sich zum Innenministerium in der Avenue Bourguiba ins Zentrum von Tunis aufmachte, war die Straßenbahn voller Leute, die auch dorthin wollten, „alle mit demselben, entschlossenen Ausdruck im Gesicht“. Am Abend desselben Tages floh Ben Ali aus Tunesien, schließlich nach Saudi-Arabien, wo er immer noch verweilt; dem Auslieferungsbegehren der Übergangsregierung, in der seit der Flucht Ben Alis dessen Getreue nach und nach ersetzt wurden, hat Riad nicht Folge geleistet. Nachrichtenagenturen zitierten dieser Tage Anwälte Ben Alis, welche alle Vorwürfe gegen ihn zurückwiesen; einer sprach von „Siegerjustiz“ und bezeichnete, so die Agentur AP, die Prozesse als einen Versuch der „neuen tunesischen Machtelite, die Vergangenheit auszuradieren“. Dabei ist alles andere als klar, wie sich die Macht in Tunesien künftig aufteilen wird. Erst am 23. Oktober wird die verfassunggebende Versammlung gewählt, die Arbeitslosigkeit ist hoch, im Nachbarland Libyen tobt ein Bürgerkrieg, der Tourismus steckt, so die Tourismusbehörde, „in der tiefsten Krise seiner Geschichte“. Aber groß ist der Stolz darauf, Vorreiterland des „arabischen Frühlings“ zu sein. Auch bei Anis Harbaoui. Er habe vor der Revolution zwei Träume gehabt, sagt er: dass Ben Ali verschwinde und mit seinen Mitstreitern eine Sternwarte zu gründen. Der Erste habe sich verwirklicht, und jetzt werde er dafür arbeiten, dass sich auch der Zweite realisiere.

Her./jöb. KAIRO/ROM, 19. Juni. Die Nato hat sich am Samstag dafür entschuldigt, dass sie am Donnerstag versehentlich eine Wagenkolonne der libyschen Rebellen nahe Brega beschossen habe. Ein Sprecher der Aufständischen teilte daraufhin mit, die Rebellen wüssten den Einsatz der Nato zu würdigen und verstünden die Schwierigkeit, bei wechselnden Frontlinien zwischen den beiden Seite zu unterscheiden. Die Nato teilte mit, der Angriff sei gemäß Mandat in der Absicht geflogen worden, die Zivilbevölkerung zu schützen. Der Sprecher der Regierung von Gaddafi bezichtigte die Nato, am Sonntagmorgen ein Wohnhaus im Stadtteil Arada von Tripolis zerstört zu haben. Bei dem Angriff auf das Wohnviertel seien am Sonntagmorgen neun Menschen getötet und 18 weitere verletzt worden. Das libysche Gesundheitsministerium behauptete, seit März seien bei Luftangriffen der Nato 856 Zivilisten getötet worden. Eine Sprecherin der Nato wies diese Zahl als „reine Propaganda“ zurück. Ob in Tripolis ein Wohnhaus getroffen wurde, werde aber untersucht. Journalisten durften das zerstörte Wohnhaus 90 Minuten nach einer Explosion im Beisein des stellvertretenden Außenministers Chaled Kaim besichtigen. Vor ihren Augen wurde eine Leiche aus dem zerstörten Haus gezogen. Drei weitere Leichname wurden ihnen im örtlichen Krankenhaus gezeigt. Vor zwei Wochen war in dem gleichen Krankenhaus ein verletztes Kleinkind als Opfer eines Luftangriffs der Nato präsentiert worden. Später kam heraus, dass es bei einem Verkehrsunfall verletzt worden war. Der italienische Außenminister würdigte unterdessen das Abkommen zur Regelung der Flüchtlingsströme, das er am Freitag mit dem Chef des Nationalen Übergangsrats der libyschen Rebellen unterzeichnet hatte. Das Dokument zeige, „wie eng die Zusammenarbeit mit der sich neu entwickelnden libyschen Demokratie ist“. Nach Angaben des Außenministeriums in Rom einigten sich beide Seiten auf die „gegenseitige Unterstützung und Zusammenarbeit im Kampf gegen die illegale Einwande-

rung“. Organisationen, die Dokumente fälschen und Flüchtlinge nach Italien schleusen, sollen verfolgt werden. Die Vereinbarung schließt die Rückführung „illegaler Migranten“ ein. Dschibril sagte bei der Unterzeichnung in Neapel: „Mit dieser Vereinbarung wollen wir die Verpflichtung des Übergangsrates bestätigen, frühere Verträge Libyens mit dem aus alter Zeit befreundeten Italien einzuhalten.“ Ministerpräsident Berlusconi hatte 2008 mit seinem damals engen Partner Gaddafi einen Freundschaftsvertrag geschlossen. Darin hatte sich Italien zu Milliardenzahlungen als Ausgleich für Schäden der Kolonialzeit verpflichtet. Im Gegenzug ließ Libyen gemeinsame Patrouillen zur Abwehr von Flüchtlingen zu. Diese Vereinbarung setzte Rom mit Ausbruch des Krieges außer Kraft. Nach Angaben des Innenministeriums in Rom strandeten seit Beginn des Libyenkonflikts mehr als 18 000 Menschen aus dem Bürgerkriegsgebiet an Italiens Küsten. Insgesamt kamen seit Januar etwa 42 800 Menschen auf dem Seeweg nach Italien. Die meisten waren Tunesier.

Obama ignorierte juristischen Rat rüb. WASHINGTON, 19. Juni. Präsident Obama hat sich über den Rat seiner wichtigsten Berater hinweggesetzt, als er darauf verzichtete, den Kongress um die Zustimmung zum Einsatz in Libyen zu bitten. Wie die Zeitung „New York Times“ am Wochenende unter Berufung auf Regierungsmitglieder berichtete, hätten sowohl der Rechtsberater des Pentagons als auch die zuständige Abteilungsleiterin im Justizministerium die Auffassung vertreten, der Einsatz in Libyen sei eine „Kampfhandlung“ und bedürfe gemäß des Gesetzes „War Powers Resolution“ von 1973 nach 60 Tagen der Zustimmung des Kongresses. Diese Frist ist am 20. Mai abgelaufen. Republikanische wie demokratische Abgeordnete und Senatoren hatten Obama in den vergangenen Tagen scharf kritisiert, weil er mit dem Argument, der begrenzte Einsatz in Libyen sei keine Kampfhandlung, weiterhin keine Genehmigung beim Kongress einholen will.

Gespräche mit Taliban Karzai: Auch Amerika beteiligt / Wieder Anschläge job. JAKARTA, 19. Juni. Bei vier Bombenanschlägen sind in Afghanistan 19 Personen ums Leben gekommen, darunter vier Nato-Soldaten. Dutzende wurden verletzt. Vier weitere Nato-Soldaten starben am Wochenende bei einem Unfall im Süden. Unterdessen bestätigte der afghanische Präsident, dass seine Regierung und die Vereinigten Staaten Verhandlungen mit den Taliban führten. Im Bundeswehreinsatzgebiet Kundus griff am Sonntagmorgen ein Selbstmordattentäter ein deutsches Militärfahrzeug an, das in der Nähe des Flughafens unterwegs gewesen war. Nach Angaben des Einsatzführungskommandos in Potsdam kamen dabei drei Zivilisten ums Leben, die sich in der Nähe des Tatorts aufgehalten hatten. Deutsche Soldaten seien weder getötet noch verletzt worden, hieß es. Am Vortag waren im Zentrum der afghanischen Hauptstadt drei Angreifer in Armee-Uniformen in eine Polizeistation eingedrungen und hatten sich sowie vier Sicherheitskräfte und fünf Zivilisten in die Luft gesprengt. Kurz vor dem Anschlag in Kabul hatte Präsident Karzai mitgeteilt, „dass Verhandlungen mit den Taliban begonnen haben und so Gott will fortgesetzt werden“. An diesen Gesprächen seien auch Vertreter der Vereinigten Staaten beteiligt, sagte Karzai in einer Rede vor jungen Afghanen. Aus diplomatischen Kreisen verlautet seit Monaten, dass Gesprächskontakte zu den Aufständischen aufgenommen worden seien. Die Führungen der afghanischen und internationalen Truppen setzen verstärkt auf Verhandlungen, seit deutlich wird, dass der

Krieg auch mit der derzeit maximalen Stärke von 130 000 Mann nicht gewonnen werden kann und zugleich der Beginn des Abzugs näher rückt. Fachleute vermuten, dass es bestenfalls „Gespräche über Gespräche“ gibt. Unklar bleibt, auf welcher Ebene Kontaktaufnahmen stattgefunden haben könnten und ob sie den Segen der Taliban-Führung besitzen. Von deren Seite wird bis heute bestritten, dass miteinander geredet wird. Westliche Diplomaten versichern dennoch eine Gesprächswilligkeit der Aufständischen, weil diese kriegsmüde und durch die Operationen der Nato geschwächt seien.

Amerika kritisiert Geheimnisverrat rüb. WASHINGTON, 19. Juni. Mitglieder der pakistanischen Behörden oder Streitkräfte haben nach Überzeugung von Regierungsmitarbeitern in Washington amerikanische Geheimdienstinformationen an Islamisten im Nordwesten des Landes weitergegeben. Die Nachrichtenagentur AP will erfahren haben, dass in mindestens vier Fällen Informationen über Unterschlupfe und Werkstätten zum Bombenbau in den Stammesgebieten von den Amerikanern an das pakistanische Militär weitergegeben und anschließend an die Verdächtigen verraten worden seien. Die Überwachung der betreffenden Gebäude mit Satelliten und Drohnen habe in allen Fällen gezeigt, dass die Terroristen kurz nach Weitergabe der Informationen ihre Verstecke geräumt hätten. Als die pakistanischen Streitkräfte schließlich eintrafen, hätten diese nur noch leere Gebäude vorgefunden.

Von glatzköpfigen Europäern und bolivianischer Manneskraft Eine Sammlung von „Evadas“, haarsträubender Aussprüche von Präsident Evo Morales, kursiert in Bolivien. Sie lässt erschütternde Rückschlüsse auf seinen Regierungsstil zu. Von Josef Oehrlein SANTA CRUZ DE LA SIERRA, im Juni. Boliviens Präsident Evo Morales weiß, was die wahren Ursachen von ehelicher Untreue, Gewalt und Terrorismus sind. Bei einer Konferenz über Sicherheit in der Stadt Santa Cruz de la Sierra im bolivianischen Tiefland machte er vor Gouverneuren, Bürgermeistern und anderen Autoritäten vor allem die Fernsehserien für die genannten Übel verantwortlich. „Wegen der Telenovelas setzen wir Männer und Frauen uns Hörner auf“, sagte er. „Ich bin fast sicher, dass an 60 bis 70 Prozent der Ehescheidungen die Fernsehserien schuld sind.“ Seine Zuhörer überraschte er auch mit der Erkenntnis, dass für mehr Sicher-

heit zwar Justizreformen und eine bessere Ausstattung der Polizei nötig seien, dass jedoch vor allem Schluss sein müsse mit „diesen Filmen“, dekretierte der bolivianische Präsident. Den „übertriebenen Reichtum“ und den Alkoholkonsum, vor allem bei der Jugend in der oberen Mittelschicht, nannte Morales als weitere Ursachen für die Unsicherheit im Land. Wo Armut herrsche, etwa in den bäuerlichen Gemeinden, gebe es „Solidarität und Geborgenheit“, während es „in den Städten anders aussieht“. Morales schlug zum Kampf gegen die Laster Sanktionen vor sowie „Sozialarbeit oder Einsätze zugunsten der Gemeinschaft“. Er nahm ausdrücklich die Polizei in Schutz, sie sei keineswegs an allem schuld. Indes wird gerade sie wegen der weitverbreiteten Korruption in ihren Reihen allenthalben in Bolivien kritisiert. Morales hatte den Chef der Nationalen Polizei, Ciro Farfán, entlassen müssen. Er besaß ein Fahrzeug mit gefälschtem Nummernschild. Für Polemik sorgt derzeit im übrigen ein Gesetz, mit dem mehr als 15 000 nach Bolivien geschmuggelte, meist in den Nachbarländern gestohlene

Fahrzeuge „legalisiert“ werden sollen. Die Konferenz der lokalen Autoritäten in Santa Cruz war einberufen worden, nachdem der zur Nationalregierung oppositionelle Gouverneur Rubén Costas vor zwei Monaten einen Angriff von Kriminellen nur knapp überlebt hatte. Er erlitt einen Kopfstreifschuss, als er einer Frau zu Hilfe eilte, die überfallen worden war. Der Sicherheitskongress war nicht die erste Gelegenheit, bei der Evo Morales mit wunderlichen Thesen aufwartete. Der Journalist Alfredo Rodríguez, Präsident der Autorenvereinigung von Santa Cruz, hat fast gleichzeitig mit dem neuerlichen Auftritt des Präsidenten ein Buch mit „Evadas“ – sinngemäß: „Evos Entgleisungen“ – herausgebracht, die er bei Morales-Auftritten sammelte. Eine von Evo Morales’ mittlerweile klassischen Hypothesen macht auch vor den Europäern nicht halt. Der Präsident hat beobachtet, dass es auf dem alten Kontinent besonders viele Männer mit Glatzköpfen gibt. „In Europa ist das eine Krankheit“, dozierte er, „fast alle haben eine Glatze, und das liegt an ihrer Ernährung. Bei den indigenen Völkern dagegen gibt

es keine Glatzköpfigen, weil wir nicht dieselbe Nahrung zu uns nehmen. Schauen Sie zum Beispiel mich an.“ Ausdrücklich warnte Boliviens Staatschef vor dem Verzehr von Hühnerfleisch, das „voller weiblicher Hormone“ sei. „Wenn Männer Hühnerfleisch essen, gerät ihre Männlichkeit auf Abwege“, befand er. Der ledige Evo Morales, Vater einer Tochter und eines Sohnes, beschrieb bei Gelegenheit, wie gut es um seine eigene Manneskraft bestellt ist. „Wenn ich über Land fahre, werden die Frauen schwanger, und aus ihrem Bauch tönt es: ‚Evo hat die Sache gut gemacht‘“, wird er in dem Buch zitiert, dessen erste Auflage von 3000 Exemplaren sofort vergriffen war. Inzwischen werden weitere 10 000 Exemplare gedruckt, die vor allem für im Ausland lebende Bolivianer bestimmt sein sollen. An eine Übersetzung ins Englische wie ins Portugiesische (für die brasilianischen Nachbarn) wird auch schon gedacht. In dem Buch ist eine Methode dokumentiert, um verstopfte Toiletten wieder frei zu bekommen. Wer den Installateur rufe, sehe, dass der Coca-Cola in die

Schüssel schütte – „und nach ein paar Minuten ist das Problem gelöst. Daran sehen Sie, was für Chemikalien Coca Cola enthält!“ Von seinem Übervater Fidel Castro weiß Morales: „Fidel ist nicht krank. Er wird nur repariert. Fidel wird noch mal achtzig Jahre alt.“ Vielleicht hat er von dem greisen Revolutionsführer auch den Trick gelernt, wie man regiert, ohne sich um juristisches Kleinklein zu scheren. „Das Politische steht über dem Juristischen“, lautet jedenfalls eine von Morales’ goldenen Regeln für eine unkonventionelle Staatsführung. „Wenn mir irgendein Jurist sagt: ,Was du tust, ist illegal‘, dann sage ich zu den Anwälten: ‚Wenn es illegal ist, dann legalisiert es doch, wozu habt ihr studiert?‘“ Sich als Regierender den Gesetzen zu unterwerfen schade nur, meinte Morales bei anderer Gelegenheit. Der Autor der Morales-Sprüchesammlung bekannte, dass er die Äußerungen nicht analysieren wolle, es gehe ihm nur darum, Sätze der Nachwelt zu erhalten, die von einer Führungspersönlichkeit stammten, „die zehn Mal von Universitäten auf dem gesamten Globus den Ehrendoktor erhalten hat“.


Die Gegenwart

FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

ichail Gorbatschow war sich sicher: â&#x20AC;&#x17E;Europa ist unser gemeinsames Hausâ&#x20AC;&#x153;, proklamierte der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Mitte der achtziger Jahre. Der weitsichtige Politiker gab mit diesem Bild die Vision einer europäischen Friedensordnung vor, in der jedes Land in Europa seinen Platz finden kĂśnnte â&#x20AC;&#x201C; nach gemeinsamen Regeln lebend und ohne Angst voreinander. Nach der deutschen Vereinigung wurde mit dem Bau dieses gemeinsamen Hauses Europa begonnen. Viele ehemalige Staaten des Warschauer Paktes, darunter auch einige Nachfolgestaaten der Sowjetunion, gehĂśren heute der Europäischen Union und der Nato an. Russland selbst aber ist bis heute nicht in angemessener Form in die europäische Sicherheitsarchitektur eingebunden. Zwar wurde, um ein Bild der amerikanischen Historikerin Mary Elise Sarotte aufzugreifen, ein europäisches Haus mit vielen Zimmern errichtet; nur eben keines fĂźr Russland. Ohne ein russisches Zimmer aber wird die euroatlantische, postnukleare Sicherheitsgemeinschaft, die den Kalten Krieg endgĂźltig hinter sich lässt, eine Utopie bleiben. In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist in den Beziehungen zwischen dem Westen und Russland zwar manches unternommen, aber auch vieles versäumt worden. Fraglos ist Russland, dessen Transformationsprozess hin zu einem demokratischen Rechtsstaat auf halbem Wege steckengeblieben ist, fĂźr die liberalen Demokratien in der EU und der Nato kein einfacher Partner. Im Inneren bietet der Umgang mit Kritikern und Minderheiten Grund zur Besorgnis. Auch das Verhalten der Russischen FĂśderation gegenĂźber ihren Nachbarn ist aus westlicher Sicht manchmal befremdlich, gelegentlich sogar inakzeptabel. Dennoch trägt auch der Westen dafĂźr Verantwortung, dass der Weg zu einer inklusiveren Friedensordnung heute noch weiter ist, als er sein kĂśnnte, ja sein mĂźsste. Allzu oft hat man es versäumt, russische Bedenken ernst zu nehmen. In der russischen Elite hat sich daher die Ansicht durchgesetzt, der Westen sei an Zusammenarbeit nur dann interessiert, wenn sich die russische FĂźhrung den westlichen Bedingungen unterordne. Mit einem Partner zu kooperieren, der sich nicht ernstgenommen oder gar erniedrigt fĂźhlt, ist keine leichte Aufgabe fĂźr die Diplomatie. Ohne dem russischen Wunsch nach Respekt und nach einer Partnerschaft auf AugenhĂśhe entgegenzukommen, wird sich an dieser Situation nicht viel ändern. Die Verwirklichung eines Raketenabwehrsystems wĂźrde aber â&#x20AC;&#x201C; wie es der amerikanische Vizepräsident Joseph Biden im FrĂźhjahr in Moskau mit dem Begriff â&#x20AC;&#x17E;game changerâ&#x20AC;&#x153; ausdrĂźckte â&#x20AC;&#x201C; die Spielregeln der Beziehungen des Westens mit Russland entscheidend verändern. Denn eine Zusammenarbeit auf diesem sensiblen Sektor verdeutlichte, dass der traditionelle Argwohn bei der gemeinsamen Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen keine Rolle mehr spielen soll. Der Plan eines gemeinsam geplanten Raketenabwehrschilds bietet die MĂśglichkeit, den Kalten Krieg endgĂźltig Geschichte werden zu lassen. Trotz aller rhetorischen Verbesserungen in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen ist das Verhältnis unter militärischem Aspekt absurd: Auch zwei Jahrzehnte nach der Ă&#x153;berwindung der europäischen Spaltung halten die Vereinigten Staaten und Russland weiterhin Unmengen von nuklearen und konventionellen Waffensystemen auf dem europäischen Kontinent vor, mit denen Europa sich und die ganze Welt gleich mehrfach in Schutt und Asche legen kĂśnnte. Das Atomarsenal GroĂ&#x;britanniens und Frankreichs ist hierbei noch nicht berĂźcksichtigt. Selbst der neue Start-Vertrag, den die beiden Präsidenten Obama und Medwedjew im April vergangenen Jahres unterzeichnet haben, verpflichtet die Vereinigten Staaten und Russland nur darauf, ihre abschussbereit stationierten strategischen NuklearsprengkĂśpfe bis zum Jahr 2018 auf jeweils 1550 zu verringern â&#x20AC;&#x201C; eine immer noch unglaublich hohe Zahl, wenn man bedenkt, was allein zwei vergleichsweise kleine Bomben in Hiroshima und Nagasaki angerichtet haben. Der neue Start-Vertrag ist zwar ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zu einer euroatlantischen Sicherheitsarchitektur, in der Atomwaffen keine Rolle mehr spielen werden. Aber damit das positive Momentum, das durch die Wiederannäherung zwischen Amerika und Russland ge-

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schaffen wurde, nicht verlorengeht, mĂźssen Verhandlungen Ăźber weitere AbrĂźstungsschritte ins Auge gefasst werden. Sehr viel wird davon abhängen, ob es den BĂźndnispartnern und Russland gelingt, den auf der Sitzung des Nato-RusslandRats im vergangenen November in Lissabon verabschiedeten Plan eines gemeinsamen Raketenabwehrsystems in die Tat umzusetzen. Doch warum sollte ausgerechnet ein RĂźstungsprojekt den Weg fĂźr weitere AbrĂźstungsschritte und zu einer gesamteuropäischen Friedensordnung ebnen? Niemand wird bestreiten wollen, dass die Planungen der Vereinigten Staaten fĂźr ein eigenes Raketenabwehrsystem in den vergangenen Jahren einer der grĂśĂ&#x;ten Streitpunkte in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen waren. Nach eingehenden russischen Protesten gegen die ursprĂźnglichen Pläne der BushRegierung, Teile eines amerikanischen

Einer genaueren Betrachtung halten diese Thesen nicht stand. In der Tat steht mit dem gemeinsamen Raketenabwehrschild viel auf dem Spiel. Ohne Frage kÜnnte ein Misslingen des Projekts dazu fßhren, dass das unter Obama und Medwedjew mßhsam gewachsene Vertrauen einen Rßckschlag erlitte. An dieser Entwicklung haben weder Russland noch die westlichen Länder ein Interesse. Wer daraus aber folgert, man solle besser ganz auf ein solches System verzichten, der ignoriert zum einen die potentiellen Gefahren durch atomare Mittelstreckenraketen und verkennt zum anderen die weitreichenden Chancen, die im Aufbau eines gemeinsamen Raketenabwehrsystems begrßndet liegen. Nicht die Planung, sondern der Abbruch dieses Gemeinschaftsprojekts wßrde weitere Abrßstungsschritte unwahrscheinlich machen. Warum?

schwinden, vor denen der Raketenabwehrschild schĂźtzen soll. Zu Recht wird die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen in der Europäischen Sicherheitsstrategie als â&#x20AC;&#x17E;potentiell grĂśĂ&#x;te Bedrohung fĂźr unsere Sicherheitâ&#x20AC;&#x153; eingestuft. Das Raketenabwehrsystem soll vor atomar bestĂźckten Mittelstreckenraketen aus Iran schĂźtzen, vielleicht aber auch aus anderen Ländern, die gegenwärtig Trägersysteme entwickeln oder ausbauen. Diese Bedrohungsanalyse wird von russischen Sicherheitsfachleuten mittlerweile weitgehend geteilt. Ohne ein Raketenabwehrschild wäre es unausweichlich, wie im Kalten Krieg uneingeschränkt an der nuklearen Abschreckung festzuhalten. Es ist indes fraglich, ob diese Strategie in der Zeit der Ost-West-Konfrontation ein nukleares Armageddon verhindert hat oder ob die Menschheit nicht eher von GlĂźck sagen

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Nach innen kÜnnte die erfolgreiche Kooperation auf einem so sensiblen Feld dazu fßhren, dass die Nato-Staaten und Russland auch auf Gebieten abrßsteten, die bislang durch gegenseitiges Misstrauen blockiert waren, etwa bei den substrategischen Nuklearwaffen oder im konventionellen Bereich. Aus Sicht der Nato kÜnnte das Raketenabwehrsystem als moderne Konkretisierung von Artikel 5 des Nordatlantikvertrages verstanden werden, der einen Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf das ganze Bßndnis wertet. Das neue System träte an die Stelle der sogenannten nuklearen Teilhabe, welche bis heute symbolisch die enge sicherheitspolitische Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa verkÜrpert. Auf diese Weise kÜnnten die Bßndnispartner perspektivisch auf die verbliebenen substrategischen Atomwaffen in Westeuropa verzichten.

Ein Dach fßr das Haus Europa Dass die Nato und Russland als gleichberechtigte Partner ein gemeinsames Raketenabwehrsystem betreiben kÜnnten, klingt auch zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges eher nach einer Utopie als nach einem Beitrag zu einer gesamteuropäischen Friedensordnung. Doch die Logik des Projektes ist bestechend: Wer abfangen kann, muss nicht abschrecken und kÜnnte daher abrßsten.

Erstens haben sich die Nato und Russland schon gemeinsam auf den Weg gemacht, indem sie in Lissabon den Plan fĂźr den Aufbau eines gemeinsamen Systems bekanntgaben. Ein Verzicht auf das System wĂźrde signalisieren, dass eine vertiefte Kooperation zwischen Russland und dem Westen in Kernfragen der Sicherheitspolitik nicht mĂśglich ist. Der zukĂźnftigen Vertrauensbildung im euroatlantischen Raum wäre das womĂśglich sehr abträglich. Immerhin stehen im kommenden Jahr in Russland wie in den Vereinigten Staaten Präsidentenwahlen an. Diese Ereignisse lassen die Versuchung wachsen, die alten amerikanisch-russischen Rivalitäten zu beschwĂśren, um daraus politische Vorteile zu ziehen. Positiv gewendet, bietet der Aufbau eines gemeinsamen Raketenabwehrschilds die Chance, die West-Ost-Beziehungen auf eine vĂśllig neue Ebene zu heben. FĂźr Russland war die Planung eines unabhängigen Abwehrschilds durch die Bush-Regierung vor allem deshalb eine Provokation, weil ein funktionierendes System zur Abwehr ballistischer Systeme die Logik und damit die Stabilität atomarer Abschreckung auĂ&#x;er Kraft setzen kĂśnnte. Die Entscheidung, Russland in die Planung und Implementierung des Systems einzubeziehen, steht dagegen fĂźr ein partnerschaftliches Denken in einem neuen postnuklearen Europa, in dem Sicherheit endgĂźltig kein Nullsummenspiel mehr wäre. Zweitens wĂźrden durch einen Verzicht auf das Projekt nicht die Gefahren ver-

m den russischen Vorbehalten gerecht zu werden, sollte das System zunächst auf Kurzund Mittelstreckenraketen beschränkt bleiben und Interkontinentalraketen aussparen. Eine solche Einschränkung nähme RĂźcksicht auf Bedenken Russlands, die Autonomie auf dem letzten Gebiet zu verlieren, auf dem man auf AugenhĂśhe mit den Vereinigten Staaten agieren kann. Die Beschränkung schlieĂ&#x;t aber nicht aus, dass das System später â&#x20AC;&#x201C; nach Zustimmung aller Beteiligten â&#x20AC;&#x201C; auch um die Abwehr strategischer Trägersysteme erweitert werden kĂśnnte. Von einem solchen Kooperationsprojekt hätten alle Seiten Vorteile: Durch die gemeinsame Weiterentwicklung der Technologie kĂśnnte die Verteidigung des europäischen Kontinents effektiver und effizienter erfolgen, als dies im Alleingang der Fall wäre. Die ZusammenfĂźhrung von Radarinformationen der Nato und Russlands verbesserte die Sicherheit fĂźr beide Seiten, da anfliegende Raketen frĂźher geortet werden kĂśnnten. Russland kĂśnnte beispielsweise wichtige Daten aus Radarstationen im sĂźdrussischen Armavir oder dem aserbaidschanischen Gabala einspeisen, gleichzeitig aber auch von der UnterstĂźtzung â&#x20AC;&#x201C; nicht zuletzt technologischer Art â&#x20AC;&#x201C; durch die Nato-Staaten profitieren. Durch seine offene Architektur wäre das System â&#x20AC;&#x201C; wie von Russland gewĂźnscht â&#x20AC;&#x201C; prinzipiell offen fĂźr weitere Partner. So sollte es fĂźr die Nato kein Problem sein, das System fĂźr weitere europäische Staaten zu Ăśffnen, die sich ebenfalls beteiligen mĂśchten. Es handelte sich schlieĂ&#x;lich um ein defensives System, das sich gegen niemanden richtet, sondern vor Angriffen schĂźtzen soll. Ein solches umfassendes Raketenabwehrsystem wäre damit ein Dach fĂźr das gemeinsame Haus Europa, zu dem jeder Partner seinen Teil beitrĂźge. Der Generalsekretär der Nato, Anders Fogh Rasmussen, hat den Mehrwert eines solchen Daches fĂźr eine gesamteuropäische Friedensordnung während eines Besuchs in Moskau treffend beschrieben â&#x20AC;&#x201C; nämlich als starkes politisches Symbol dafĂźr, dass Russland ein Teil der euroatlantischen Familie ist und nicht auĂ&#x;erhalb von ihr steht, sondern mittendrin. Normalerweise beginnt der Bau eines Hauses nicht mit dem Dach. Aber wenn wir den gemeinsamen Raketenabwehrschild als gemeinsames Dach begreifen, mag uns das erlauben, in seinem Schutz ein â&#x20AC;&#x17E;gemeinsames Hausâ&#x20AC;&#x153; zu errichten. Der Zeitpunkt dafĂźr ist jetzt.

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Von Wolfgang Ischinger

Systems in Polen und der Tschechischen Republik zu stationieren, entstand die Idee, das System als Nato-Projekt in Zusammenarbeit mit Russland zu planen. Trotz der grundsätzlichen Bereitschaft auf beiden Seiten wurde nach der Entscheidung von Lissabon jedoch deutlich, dass weiterhin unterschiedliche Auffassungen in der Frage bestehen, was es eigentlich bedeutet, ein â&#x20AC;&#x17E;gemeinsamesâ&#x20AC;&#x153; Raketenabwehrsystem zu entwickeln. JĂźngste Warnungen aus Russland deuten darauf hin, dass ein Scheitern dieses Gemeinschaftsprojekts die Annäherung der zurĂźckliegenden Jahre in Frage stellen kĂśnnte. Wenn es keine gleichberechtigte Partnerschaft gebe, sei eine Kooperation bei diesem Projekt nicht denkbar, lautet die Botschaft aus Moskau. Ein Misslingen kĂśnne zu einer neuen AufrĂźstung fĂźhren, wenn nicht zu der Stationierung neuer, auf Europa gerichteter Raketen in der russischen Enklave Kaliningrad, wie es der russische Präsident Wladimir Putin einst als Reaktion auf die frĂźheren amerikanischen Pläne angekĂźndigt hatte. Angesichts dieser TĂśne warnten die Herausgeber des Friedensgutachtens 2011, des gemeinsamen Jahrbuchs der fĂźnf Institute fĂźr Friedens- und Konfliktforschung in der Bundesrepublik, Ende Mai vor der Implementierung des Projekts. Das Raketenabwehrprojekt sei ein â&#x20AC;&#x17E;falsches Signalâ&#x20AC;&#x153;, es handele sich um einen â&#x20AC;&#x17E;Stolperstein auf dem Weg zu mehr Sicherheit, die sich nur gemeinsam erreichen lässtâ&#x20AC;&#x153;. Mehr noch: Es kĂśnne weitere AbrĂźstungsschritte verhindern.

der Leitung des langjährigen amerikanischen Senators Sam Nunn, des frĂźheren russischen AuĂ&#x;enministers Igor Ivanow und des Verfassers erfahrene Diplomaten und Politiker aus Amerika, Europa und Russland zusammenfĂźhrt, hat jetzt einen Plan erarbeitet und allen beteiligten Regierungen zugeleitet, der die jeweiligen Vorbehalte berĂźcksichtigt und daher von allen akzeptiert werden kĂśnnte, gleichzeitig aber auch das Potential zu vertiefter Kooperation in sich birgt. Der Plan sieht vor, dass zunächst eines oder mehrere Operationszentren geschaffen wĂźrden, in denen Offiziere aus Russland und den Nato-Staaten eine gemeinsame Bedrohungsanalyse vornähmen und den Luftraum gemeinsam Ăźberwachten. Pläne fĂźr ein solches Zentrum gibt es bereits seit mehr als einem Jahrzehnt. Ihre Verwirklichung scheiterte aber weniger an technischen Fragen, sondern eher am mangelnden politischen Willen, zumal es um die amerikanisch-russischen Beziehungen ohnehin nicht zum Besten stand. Gleichzeitig bliebe die Souveränität der Partner unangetastet, da jeder selbst fĂźr den Schutz seines Territoriums verantwortlich wäre. Russland wäre also fĂźr den Schutz des russischen Territoriums, die Nato fĂźr den Schutz ihrer Mitglieder zuständig. Die Raketenabwehr wäre damit schon im ersten Schritt ein System umfassender Partnerschaft mit geteilter, aber eigener Verantwortung. Niemand wĂźrde dem anderen ein Vetorecht zubilligen, gleichzeitig wäre das System durch die gemeinsame Bedrohungsanalyse und LuftraumĂźberwachung ein wesentlicher Baustein fĂźr mehr Transparenz und Vertrauensbildung.

kann, dass der Atomkrieg ausblieb. Noch unsicherer ist, ob sich wirklich jedes Regime im Angesicht eines atomaren Vergeltungsschlags â&#x20AC;&#x17E;rationalâ&#x20AC;&#x153; verhielte. Gleiches gilt fĂźr die Frage, ob das Gleichgewicht des Schreckens, das zwischen zwei Supermächten fĂźr eine gewisse Stabilität gesorgt hat, auch in einer Welt von fĂźnfzehn oder mehr Atommächten und weiter wachsenden Weiterverbreitungsrisiken in Balance gehalten werden kĂśnnte. Alles in allem spricht daher viel dafĂźr, dass die atomare Abschreckung keine adäquate und befriedigende Strategie fĂźr das 21. Jahrhundert darstellt. Die Risiken sind schlichtweg zu groĂ&#x;, um sich auf fragwĂźrdige Annahmen verlassen zu dĂźrfen. hne eine wirksame Abwehr aber wird man weiter an der Abschreckung durch atomare Vergeltung festhalten mĂźssen. Das hieĂ&#x;e aber auch, dass die Vision einer atomwaffenfreien Welt in weitere Ferne rĂźckte. NatĂźrlich lässt sich das Argument auch ins Positive wenden: Wenn die Vereinigten Staaten und Russland, die gemeinsam Ăźber etwa 90 Prozent aller Atomwaffen verfĂźgen, zusammen mit den Nato-Staaten ein funktionierendes System der Raketenabwehr aufbauten, kĂśnnte dies ein fulminantes Signal fĂźr die weltweite AbrĂźstung werden. Nach auĂ&#x;en wĂźrde dieses Signal allen Akteuren bedeuten, dass es sinnlos wäre, den euroatlantischen Raum mit atomar bestĂźckten Raketen zu bedrohen.

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Kurz gefasst lautet also das Motto, welches das geplante Raketenabwehrsystem zu einer Friedensinitiative macht: abfangen statt abschrecken. Oder: abfangen kÜnnen, um nicht abschrecken zu mßssen und abrßsten zu kÜnnen. Der Raketenabwehrschild ist ein Projekt des 21. Jahrhunderts, das die Denkmuster des 20. Jahrhunderts hinter sich lassen will. Bedauerlicherweise zeigen diese ßberholten Denkmuster eine erstaunliche Beharrlichkeit. Zwar hat man sich in Lissabon vor der WeltÜffentlichkeit eine gemeinsame Raketenabwehr zum Ziel gesetzt. Die Amerikaner und viele Mittel- und Osteuropäer schreckt aber der Gedanke an ein russisches Veto, das einen Raketenabschuss ßber europäischem oder amerikanischem Territorium verhindern kÜnnte. Die Russen wiederum wollen gleichberechtigte Partner sein und das System ein fßr allemal auf Mittelstreckenraketen begrenzen, damit ihr Abschreckungspotential in Form der Interkontinentalraketen nicht beeinträchtigt wird. Diese Positionen ßberraschen kaum. Allerdings wäre es angesichts eines sich rasant wandelnden Sicherheitsumfelds riskant, an diesen rßckwärtsgewandten Denkmustern festzuhalten. Es fßhrt daher zunächst kein Weg daran vorbei, die roten Linien der Partner als Verhandlungsrahmen zu akzeptieren. Gleichzeitig mßssen die Voraussetzungen dafßr geschaffen werden, dass diese Vorbehalte irgendwann ßberwunden werden kÜnnen. Eine Arbeitsgruppe der Euro-Atlantic Security Initiative (EASI-Commission) des Carnegie Endowment, die unter

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Der Verfasser war unter anderem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten KĂśnigreich. Seit 2008 ist er Vorsitzender der MĂźnchner Sicherheitskonferenz. Heijo Hangen, Ordnungsfolge 32, 1969, Siebdruck, 59 Ă&#x2014; 43 cm Š VG Bild-Kunst, Bonn 2011.

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Politik

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Politische Bücher

Briefe an die Herausgeber Auf Griechenland achten, nicht auf Glühbirnen

Moralisch und professionell versagt Die Verantwortung der deutschen Militärelite für die Planung des Russlandfeldzugs in den Jahren 1939 bis 1941 Nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ nahmen die einstigen Funktionseliten des „größten Feldherrn aller Zeiten“ es vor Gericht und in den Memoiren mit der Wahrheit meist nicht allzu genau. Für traditionelle und nationalsozialistische Spitzenleute kam es zunächst darauf an, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Sodann sollten ihre von Verbrechen gesäuberten und von Fehlleistungen gereinigten historischen Schönfärbereien neue Karrieren ab 1949 ermöglichen oder wenigstens alten Glanz auf dem Wirken von vor 1945 belassen. Solche Weißwäschereien der braunen Vergangenheit sind Rolf-Dieter Müller oft begegnet. Der 62 Jahre alte Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) gilt als einer der besten Kenner des Zweiten Weltkriegs. Nun wagt er einen frischen Blick auf den Beginn des „Unternehmens Barbarossa“. Er stellt die These, „dass Hitler allein für den Angriff gegen die UdSSR verantwortlich war und sich dabei von seinen ideologischen Obsessionen leiten ließ, deren Ursprung in seiner frühen politischen Programmschrift ,Mein Kampf‘ zu finden ist“, in Frage. Prominente Historiker wie Klaus Hildebrand (Jahrgang 1941), Andreas Hillgruber (1925–1989) und Hans-Adolf Jacobsen (Jahrgang 1925) gehen davon aus, dass Hitler sich nach dem Machtantritt 1933 zielstrebig und konsequent dem „eigentlichen Ziel, dem Lebensraum im Osten“, in einem Stufenplan der Welteroberung genähert habe. Diesem Ansatz folgte der vierte Band des MGFA-Werks „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ von 1983. Kaum Beachtung fand damals „eine wichtige Entdeckung“ des Historikers Ernst Klink, wonach „die ersten militärischen Überlegungen und Vorbereitungen zu einem Krieg gegen die UdSSR im Juni 1940 vom Oberkommando des Heeres angestellt worden sind, ohne jegliche Vorgaben von Hitler“. Dass „Barbarossa“ ein Meisterstück des deutschen Generalstabs mit nur wenigen falschen Grundannahmen gewesen sei, bezweifelt der renommierte Autor ebenso nachdrücklich wie die Terminangabe vom „Sommer 1940“ für den Auftakt einer Spontan-Planung, beflügelt vom Rausch des unerwartet schnellen Sieges über Frankreich. Müllers Darstellung setzt früher ein: mit der Wiedergeburt Polens im Ersten Weltkrieg, das während der Weimarer Republik aus Sicht der deutschen Eliten neben Frankreich als Hauptfeind galt. Jedoch kam ein „sensationeller Umschwung“ durch den nationalsozialistischen Reichskanzler: „Im Ergebnis, so lässt sich überspitzt formulieren, ist der Hitler-Pilsudski-Pakt von 1934 in seinen Auswirkungen nicht wesentlich geringer gewesen als der Hitler-Stalin-Pakt von 1939!“ Müller stellt in diesem Zusammenhang die Bewunderung deutscher Militärs für den Marschall, der 1935 starb, und eine gewisse Wertschätzung der polnischen Kampfkraft heraus. Ein begrenzter Interventionskrieg mit militärischer Unterstützung Polens gegen die Sowjetunion sei in Planspielen der Wehrmacht durchdekliniert worden. „Es scheint offensichtlich“, schreibt Müller, dass die Möglichkeit eines Krieges gegen Stalin „im Frühjahr 1939 von Hitler ins Kalkül gezogen wurde und dass für ihn eine Militärallianz mit Polen, ob nun offensiv oder defensiv, von größter Bedeutung war, um seinen Expansionskurs fortsetzen zu können“. Doch Warschau lehnte bekanntlich nach dem deutschen Einmarsch in Prag und im Memelland eine

„antirussische Partnerschaft“ ab. Zudem verkündete Großbritannien eine Garantie für Polens Unabhängigkeit. Trotz dieser Entwicklung, die Hitler öffentlich zur Aufkündigung des deutschpolnischen Nichtangriffspakts und intern zur Weisung für den Fall „Weiß“ (gegen Polen) veranlasste, hätten deutsche Militärs einen sofortigen Zusammenstoß mit der Sowjetunion weiterhin nicht ausgeschlossen. Wenigstens ist der „AlbrechtPlan“ der Kriegsmarine zur Ostseekriegführung überliefert, der „zumindest in Ausschnitten konkrete Hinweise“ gebe,

„Bücherspenden“ für die Ostfront

cherung Ost offensiv lösen“ wollen. Sogar der Idee des SS-Reichsführers Himmler, „direkt hinter der deutsch-sowjetischen Grenze einen Panzergraben als militärisches Bollwerk zu errichten und dafür 2,5 Millionen jüdische Zwangsarbeiter einzusetzen“, stimmte das OKH zu: „Es war der Beginn eines Prozesses, der ein Jahr später mit dem Überfall auf die UdSSR die Wehrmacht zum Komplicen des Holocaust machte.“ Anfang 1941 waren erst dreizehn Kilometer der Befestigung fertig: „militärisch sinnlos, da nicht besetzt und dilettantisch angelegt. Aus

Foto Michael Brettin (Hrsg.): Der Fall Barbarossa. Verlag Das Neue Berlin

während die Unterlagen der Heeresführung nur in Bruchstücken erhalten seien. In jener Phase – so muss der Autor einschränken – habe ein „Barbarossa 1939“ jedenfalls „noch keine klaren Konturen“ gehabt. Mit dem Kriegsspiel vom 17. Mai stellte sich Generalstabschef Franz Halder darauf ein, dass ein „bevorstehender Angriff gegen Polen auch zum Zusammenprall mit der Roten Armee führen würde“. Um seine Mitverantwortung an der Vorbereitung des Angriffs auf Polen im September 1939 zu verheimlichen, versuchte er nach 1945, sich „mit seinem ehemaligen Adjutanten abzusprechen, wie die amerikanische Seite aufzeichnete. Kein Wunder, dass fast alle Unterlagen über das Kriegsspiel verschwanden.“ Im Juni 1940 – nach der Niederlage Frankreichs und trotz des Hitler-StalinPakts – habe Halder sogleich die „Grenzsi-

der Idee Hitlers, die polnischen Juden in die Pripjetsümpfe zu jagen, ins Vorfeld eines ,Ostwalls‘, hatte Himmler das Projekt eines ,Judenwalls‘ gemacht, aus dem später die Vernichtungslager erwuchsen.“ Im Juni 1940 war Major im Generalstab Reinhard Gehlen der Adjutant Halders. Gehlen stieg Anfang Oktober 1940 zum Gruppenleiter in der Operationsabteilung und 1942 zum legendären Leiter der Abteilung „Fremde Heere Ost“ auf. In seinen Memoiren von 1971 habe er „seine Tätigkeit als Gehilfe Halders im Juni/ Juli 1940 und als einer der maßgeblichen Planer des ,Unternehmens Barbarossa‘ geflissentlich“ übergangen. Müller muss es wissen und wird darüber hoffentlich Konkreteres herausfinden, denn er ist seit wenigen Monaten Mitglied der „Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundes-

nachrichtendienstes, seiner Vorläuferorganisationen sowie seines Personal- und Wirkungsprofils von 1945 bis 1968 und des Umgangs mit dieser Vergangenheit“. In dem Buch „Hitler als Feldherr“ habe Halder 1949 die eigenen Russland-Analysen „überspielt“ und stattdessen auf „den drohenden Angriff Stalins“ verwiesen, der letztlich für Hitlers Entschluss erst im April 1941 entscheidend gewesen sei; Warnungen der Berater habe der „Führer“ missachtet. Laut Müller sollen auch andere Generalstäbler nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur die eigene Rolle minimalisiert, Absprachen untereinander getroffen und manche Historiker – darunter eine Koryphäe wie Andreas Hillgruber – geblendet haben: „Das Verwirrspiel um Verantwortlichkeiten und Daten hat offenbar Methode.“ Der Autor geht davon aus, dass Halder von Ende Juni 1940 an „ohne jegliches Einwirken Hitlers“ den militärischen Planungen einen eindeutig offensiven Charakter verliehen habe. Hier konnte das OKH auf Blaupausen „eines möglichen Ostkrieges im Jahre 1939“ zurückgreifen. Daher widerspricht Müller dem „historiographischen Dogma“, dass Hitler am 31. Juli 1940 einigen ranghohen Generalen seinen Entschluss zum Überfall auf die Sowjetunion mitgeteilt und erste operative sowie politische Weisungen gegeben habe. Müller interpretiert die Zusammenkunft vor allem als Reaktion Hitlers auf Überlegungen der Heeresführung. Dieser musste also der Ostkrieg nicht „als gleichsam ungeliebtes, unverstandenes Projekt vom ,Führer‘ aufgetragen“ werden. Die maßgeblich von Halder verbreitete Legende verdecke überdies die Eigeninitiative der militärischen Führung, „die dem ,Führer entgegengearbeitet‘ hat für den größten und blutigsten Krieg der Weltgeschichte. Ihr Antrieb lag nicht in der NS-Lebensraumideologie, sondern – bei aller Affinität zum Nationalsozialismus – in schlichter militärischer Routine.“ Es sei sogar Hitler noch nicht primär um die Beseitigung des Bolschewismus, sondern um eine machtpolitische Auseinandersetzung, um Raum und Ressourcen gegangen: „Den Ostkrieg hätte er auch dann geführt, wenn Russland von einem Zaren regiert worden wäre“, will der MGFA-Historiker wissen. Hitler habe im Juli 1940 „die Folie eines älteren Kriegsplans“ aufgegriffen und dann im März 1941 „zum rassenideologischen Vernichtungskrieg“ verändert. Quellenmäßig bewegt sich der Autor auf dünnem Eis. Wichtig ist – wenn auch für Halders Person nicht ganz so überraschend und neu – aber das Resümee, dass der Generaloberst seine Mitverantwortung für die Wendung nach Osten „im Anblick der Katastrophe gezielt verschleiert hat. Franz Halder als Berater der US-Armee, sein ehemaliger Adjutant und ,Barbarossa‘-Planer Reinhard Gehlen nun als Chef des Bundesnachrichtendienstes und der ehemalige Chef von Halders Operationsabteilung Adolf Heusinger als erster Generalinspekteur der Bundeswehr haben gute Gründe dafür gehabt, Hitler als Alleinschuldigen für den Ostkrieg und das Scheitern eines vermeintlich genialen Feldzugplans hinzustellen.“ Das „Unternehmen Barbarossa“ zeuge „nicht nur vom moralischen, sondern auch vom professionellen Versagen einer vergangenen Militärelite“. Dem wird niemand ernsthaft widersprechen. RAINER BLASIUS Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten.

Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939. Ch. Links Verlag, Berlin 2011. 294 S., 29,90 €.

Mindestens 250 000 Opfer: Todesmärsche von 1944/45 übersäten Deutschland mit unzähligen Tatorten fern, und die vielschichtigen Motive der Täter verbieten es, sie auf einen einzigen Nenner zu bringen. Blatman entfaltet seine Deutung der Todesmärsche auf den letzten 50 Seiten seines Werkes, die zum Überlegtesten gehören, was man in den vergangenen Jahren zu den nationalsozialistischen Untaten lesen konnte. Man erkennt, dass diese Endphaseverbrechen weniger nationalsozialistischer als volksgemeinschaftlicher Natur waren. Dieser Befund fußt auf einer staunenswerten Kenntnis der tausendfachen Odyssee, der die KZ-Häftlinge (beginnend in Majdanek, endend in Dachau und Mauthausen) ausgesetzt wurden. Er ist gepaart mit einem scharfen Blick für die Auflösung des nationalsozialistischen Staates, die vom Zusammenbruch regulärer Kontrolle, wachsender Anomie, von Reideologisierung und nach innen gerichteter Brutalisierung geprägt war – ein idealer Nährboden für Berufs- und Gelegenheitsmörder. Ab 1942/43 hatten sich die Konzentrationslager in ein multinationales Sklavenreservoir verwandelt, in dem Arbeitsfähigkeit das Richtmaß über Leben und Tod war. Die Räumung der Lager, bei der Sieche häufig sofort beseitigt wurden, zerstörte den Rest irgendwelchen noch vorhandenen Zusammenhalts unter den Häftlingen. Entsolidarisiert und eines wenigstens ein bisschen Halt vermittelnden Rahmens beraubt, trieb man die Wehrund Hilflosen in ihren gestreiften Lumpen ins Unbekannte. Während der Todesmärsche bestand keine klare Befehlslage, was mit den Hunderttausenden geschehen sollte. Es gab weder ein Mordverbot

Zu „Sparen für Piräus?“ von Berthold Kohler (F.A.Z. vom 11. Juni): Man hat den Eindruck, dass das, was man gesunden Menschenverstand nennt, im politischen Europa nicht den Stellenwert hat, den er haben sollte. Wir haben in Brüssel eine beachtliche Menge hochbezahlter Leute, die uns mit geradezu religiösem Eifer zum Beispiel energiesparende Glühbirnen verordnen. Es ist ein Skandal, dass diese Leute nicht erkannten, dass man nicht nur auf Glühbirnen achten muss, die zu viel Strom vergeuden, sondern auch auf Staaten der Euro-Zone, die allzu sorglos Kredite aufnehmen, die sie niemals zurückzahlen können. Beson-

ders im Fall Griechenland wäre das wirklich nicht übertrieben schwer gewesen: Man hätte nur feststellen müssen, wie hoch und wie zeitlich strukturiert die Summe der griechischen Staatsanleihen im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung Griechenlands stand und welchen Anteil davon der griechische Staat für seine jährlichen Ausgaben beansprucht. Sollten in dieser Sache von Griechenland tatsächlich keine korrekten Zahlen übermittelt worden sein, so wäre jetzt jede Nachsicht unangebracht. Den Steuerzahlern anderer Länder wäre sie obendrein nicht zuzumuten. DR. KLAUS CAMMANN, FRANKFURT

Eine unrealistische Erwartung Zum Beitrag „Der lange Marsch zum Dialog“ (F.A.Z. vom 14. Juni): Kein vernünftiger Mensch wird von den Sudetendeutschen erwarten können, dass sie ihre Vertreibung aus ihrer Heimat nach 1945 als rechtens ansehen. Aber zu erwarten, dass Prag die Beneš-Dekrete widerruft und offizielles Bedauern über die Vertreibung äußert, kommt der Erwartung gleich, die Israelis würden die Vertreibung einer großen Anzahl von Palästinensern aus dem sich seit 1948 formenden israeli-

schen Staat verurteilen. Würde Prag eine Art Exkulpationsschritt vollziehen, hätte dies im Übrigen auch mutmaßlich materielle Folgen mit dem Entstehen von Entschädigungsansprüchen seitens der Sudetendeutschen. Dass sich zwischen den Sudetendeutschen und der Tschechischen Republik im Zuge der Zeit ein tragfähiger Dialog einstellt, ist unbedingt wünschenswert. Dieser sollte aber nicht mit unerfüllbaren Erwartungen befrachtet werden. SIGURD SCHMIDT, BAD HOMBURG

Pflichtlektüre für politisch Korrekte Dank an Edo Reents und die F.A.Z. für die erfrischende Glosse zur „Eselinei“ im Feuilleton der F.A.Z. vom 4. Juni. Sie sollte Pflichtlektüre für Politiker und sonstige politisch Korrekte werden. Denn deren Umgang mit ihrer deutschen Muttersprache – vormals die Sprache der Dichter und Denker – ist häufig an Schludrigkeit und Gedankenlosigkeit kaum noch zu überbieten. Aber vielleicht reicht halt deren geistiger Horizont nicht aus, den Unterschied zwischen einem Gattungs- oder aber einem Geschlechtsbezug zu erfassen. Entsetzt hat mich schon, dass sogar Bundespräsident Christian Wulff bei dieser „Eselei“ mitspielt. In seiner Funktion sollte er eigentlich der Hüter und Bewahrer eines guten Gebrauchs der deutschen Sprache sein – im Inland ebenso wie im Ausland. Aber es ist ja nicht sein erster Fauxpas. Man denke nur an seine eilfertige und voreilige Verdammung des Buchs von Thilo Sarrazin, das er überhaupt nicht gelesen hatte.

Zu dieser hehren Riege gehört auch Margot Käßmann, die eifrige Förderin der Bibel in „gerechter“ – weil geschlechtsneutraler – „Sprache“. Welch unsägliches und armseliges Unterfangen der evangelischen Kirche. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich in einem enervierenden Kampf mit der Hydra der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über viele Jahre große Verdienste erworben. Indem sie immer wieder auf die grotesken Ungereimtheiten und Auswüchse dieses „Selbstbedienungsladens“ aufmerksam macht. Die F.A.Z. könnte sich gleichermaßen große Verdienste erwerben beim Gebrauch der deutschen Sprache. Wenn sie – an eklatanten Beispielen – immer wieder auf die vielfältigen „Eseleien“ im Umgang mit der Muttersprache hinweist. Vielleicht gelingt es – durch das Bohren recht dicker Bretter –, dass auch der letzte Esel – die Eselin nicht zu vergessen – begreift, wie lächerlich man sich mit der politisch korrekten Sprechweise machen kann. JOSEF PECHER, HÖCHSTADT

Einen berufeneren Mund gibt es nicht Ist die gute Nachricht denn niemandem aufgefallen? Nur eine kleine Meldung im Wirtschaftsteil ist es der F.A.Z. vom 15. Juni wert, dass Bundesbankpräsident Weidmann die Pläne der Bundesregierung für den geplanten Europäischen Stabilisierungsmechanismus (ESM) öffentlich durchkreuzt. Erinnern wir uns: 750 Milliarden Euro sollen im Rahmen des ESM als Kredite für überschuldete EUStaaten zur Verfügung gestellt werden. Weil dies gegen das Bail-out-Verbot des AEU-Vertrages verstößt (kein Mitgliedsstaat tritt für die Verbindlichkeiten eines anderen Mitgliedsstaates ein), beabsichtigt die Bundesregierung, das allgemeine Bail-out-Verbot durch einen Ausnahmetatbestand abzuschwächen: Per Vertragsänderung soll ein Bail-out möglich sein, wenn die Stabilität der Eurozone insgesamt gefährdet ist.

Unbestimmt bleibt, wer festlegen darf, wann und unter welchen Umständen die Eurozone als gefährdet gilt. Deshalb könnte die Bundesregierung unter einer solchen Bestimmung ganz nach Gutdünken schalten und walten. Aber ungefragt stößt der Bundesbankpräsident in das Vakuum und konstatiert, dass die Insolvenz eines Mitgliedsstaates den Euro nicht gefährdet. („Der Euro würde aber auch diese, keinesfalls wünschenswerte Belastungsprobe überstehen.“) Gibt es einen berufeneren Mund? Damit ist der als Gummiparagraph gedachte Ausnahmetatbestand entkräftet, noch ehe er in Kraft ist. Und das Bail-out-Verbot gilt unverändert, notfalls auch vor dem Bundesverfassungsgericht. PROFESSOR DR. BERND LUCKE, WINSEN

Und wie entkommen wir der Misere?

Mord an lebenden Leichen Als das „Dritte Reich“ am Ende war, begann der letzte deutsche Massenmord. Die Opferzahl ist nicht mehr zu ermitteln, doch sind es mindestens 250 000 Menschen gewesen, die bei Kriegsende auf den Todesmärschen aus dem KZ-Universum am Wegesrand erschossen und erdrosselt, erschlagen oder (wie in der altmärkischen Hansestadt Gardelegen) verbrannt, ihrer Entkräftung und den Unbilden des Wetters ausgeliefert wurden. Diese massenhafte Liquidierung von Gefangenen aus mehr als 20 Nationen, von Juden, Christen, Muslimen, von Alten und Jungen, Frauen und Männern, war ein eigenständiges Kapitel des nationalsozialistischen Genozids. Die Morde geschahen nicht irgendwo im Osten, nicht nach dem Muster des Holocausts, sondern unter tätiger Mithilfe ganz normaler Bürger – Bauern, Feuerwehrleute, Volkssturmmänner, Polizisten – vor der „Haustüre der Gesellschaft, die die Täter hervorgebracht hatte“. Das will aus Abertausenden von amtlichen Dokumenten, Gerichtsakten und Erlebnisberichten rekonstruiert sein. Es will vor allem erklärt sein. Beides gelingt Daniel Blatman in überzeugender Weise. Er fügt den großen Genozidstudien ein weiteres gewichtiges Werk hinzu und erledigt nebenher Daniel Goldhagens einstmals aufsehenerregende Behauptung, auf den Todesmärschen 1944/45, die lediglich als Fortsetzung des Judenmords mit anderen Mitteln zu sehen seien, habe sich ein fanatischer Antisemitismus ausgelebt. Genau das charakterisierte diesen Massenmord nicht. Unterschiedslos alle Häftlinge jeglicher Herkunft wurden nämlich zu Op-

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

noch einen eindeutigen Mordbefehl. Das Begleitpersonal rekrutierte sich aus ganz normalen Wachmännern. Sie waren nicht länger in das gewohnte Korsett von Befehl und Gehorsam gezwängt und agierten nun mehr oder weniger nach Gutdünken. Auf heimischem Boden lagen die Bewacher der Elendszüge meist auf einer Wellenlänge mit der Zivilbevölkerung, mit den örtlichen Parteipotentaten und Gemeindevorstehern. Der Mord an den lebenden Leichen der Todesmärsche war ein Prozess, der unten entstand und von keinem Führerbefehl in Gang gesetzt werden musste. Der Autor arbeitet Beweggründe und Funktionslogiken dieser Verbrechen der letzten Stunde heraus. Wer erschöpft war, den Betrieb aufhielt und die Flucht vor den Alliierten behinderte, musste sterben. Je näher die Stunde der Wahrheit, die Begegnung mit dem Feind, heranrückte, desto lockerer wurde der Finger am Abzug. Man wollte sich rechtzeitig aus dem Staub machen, zuvor aber den „Ballast“ und lästige Zeugen loswerden. Die moralischen Hürden bei Wachmännern und Einheimischen wurden auch durch die Frustration über den jähen Untergang einer eben noch als erhebend empfundenen Epoche abgesenkt, durch die Erfahrung von Tod und Verwüstung an der Heimatfront, die Vergeblichkeit der gebrachten Opfer. Das schürte Rachegefühle, Hass auf die anderen und Fremden, die angeblichen Feinde des Volkes, die nun an der Haustür vorbeigetrieben wurden. Beim Anblick der Ausgestoßenen verschmolzen Ängste, rassistische Zerrbil-

der, nationalistische Klischees und alle möglichen den Fremden zugeschriebenen Eigenschaften zu einem Horrorbild unmittelbarer Bedrohung. Wüste Gerüchte über die mordenden und vergewaltigenden Seuchenträger kursierten – gefährliche Dämonen nicht mehr hinter Stacheldraht, sondern nun im eigenen Dorf! Das „Auftreten einer neuen Gemeinschaft von Mördern“ wäre ohne die seit 1933 amtlich verbreitete „eliminatorische Ideologie“ und eine nach und nach in viele Köpfe gesickerte „genozidale Mentalität“ kaum möglich gewesen. Die Spaltung der Gesellschaft in eine Volksgemeinschaft der Zugehörigen einerseits und die anderen, Gemeinschaftsfremden andererseits (die von den KZHäftlingen par excellence verkörpert wurden) war eine breite Brücke, über die Otto Normalverbraucher, aufgehetzt vom Ortsgruppenleiter, gehen konnte, um eine vermeintlich unmittelbare Bedrohung zu beseitigen, den „Menschenmüll“ auf gemeinschaftlichen „Zebrajagden“ aus der Welt zu schaffen. Neben dieser allgemeinen Imprägnierung hing bei Kriegsende viel von der örtlichen Konstellation ab, ob die letzten Opfer des deutschen Wahns in letzter Minute die dünne Linie zwischen Leben und Tod zu überschreiten hatten. Das geschah häufig genug, um Deutschland mit unzähligen Tatorten der Todesmärsche zu übersäen. KLAUS-DIETMAR HENKE Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Das

letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011. 860 S., 34,95 €.

Professor Bernd Lucke, der am 10. Juni in der F.A.Z. seinen Artikel über „EuroRetter auf der falschen Spur“ veröffentlichte, will auf derselben Seite den Ökonomen im Land mehr Gewicht verleihen. Das ist willkommen, wenn sich die Ökonomen an wissenschaftliche Prinzipien halten und Halbwahrheiten und Auslassungen, die den politischen Diskurs nur allzu oft prägen, unterlassen. Lucke beschreibt eindrucksvoll die Risiken, die sich mit der Bewältigung der Schuldenkrise im Euroraum auftun, doch zur Frage, wie wir aus dem Schlamassel wieder herauskommen sollen, bleibt er einsilbig. Er ist für eine Umschuldung Griechenlands. Doch er vermeidet eine Stellungnahme zu der Frage, wie sich eine Umschuldung vollziehen soll. Er beschreibt die lateinamerikanische Schuldenkrise, doch bleibt offen, ob er eine Übertragung des Brady-Plans auf den Euroraum für möglich hält und wenn ja, in welcher Form. Die Brady Bonds waren von der US Treasury garantiert. Wer soll derartige Bonds heute in Europa garantieren? Das ESM oder die Mitgliedstaaten der Union? Herr Professor Lucke weiß natürlich, dass eine Umschuldung Griechen-

land für Jahre vom Kapitalmarkt abschneiden wird. Wer soll das Land dann finanzieren? Es bleibt nur der IWF und der Euroraum. Professor Lucke gibt zu, dass diese Lösung „nicht billig“ sein wird. Das ist wohl ein Understatement. Und wie steht es mit dem Zahlungsverkehr? Die lateinamerikanischen Schuldnerländer hatten unabhängige Zentralbanken, die Geld drucken und durch Inflation die Schulden drücken konnten. Ich nehme nicht an, dass Professor Lucke hier die EZB in der Pflicht sieht. Wie steht es mit den unbeabsichtigten Nebenwirkungen, wenn die Märkte in Panik geraten sollten? ROLF MOEHLER, BRÜSSEL

Zur Lüge gezwungen Heike Göbel schreibt in ihrem Kommentar „Berliner Goldesel“ (F.A.Z. vom 11. Juni): „Vermutlich wird derzeit bei kaum einem Thema so viel gelogen wie in der Euro-Frage.“ Dieser Vermutung stimme ich als Ökonom zu und frage: Wie gut ist ein System, das die Politiker zur Lüge zwingt? DR. RER. POL. GEORG BLEILE, BAD KROZINGEN

Bestie in Anführungszeichen Zum Artikel „Ein Handkuss für die Bestie“ (F.A.Z. vom 24. Mai): Vielen Dank für den informativen Bericht über die Polen-Reise der Präsidentin der Vertriebenen, Erika Steinbach. Es hätte sich aber meines Erachtens gehört, in der Überschrift die nur in gewissen Kreisen in Polen verwendete hässliche wie unverschämte Bezeichnung „Bes-

tie“ in Anführungszeichen zu setzen. Erika Steinbach, eine unbescholtene Politikerin, hat eine solche Verunglimpfung nicht verdient. Andererseits ist das würdige Verhalten des polnischen Pfarrers wie des Kirchendieners der Seemannskirche des heiligen Petrus in Gdingen dankbar anzuerkennen. RUDOLF HOFFMANN, WIESBADEN


FRAN KFURT ER A L LG E M E I NE Z EI T UNG

Deutschland und die Welt

NR. 1 41 · S E I T E 9 M O N TAG , 20 . JU N I 2 0 1 1

Mexikanische Polizei verhaftet Rauschgiftbosse

Polizei muss Facebook-Party mit Gewalt auflösen

F.A.Z. MEXIKO-STADT, 19. Juni. Bei einer Schießerei zwischen mexikanischen Soldaten und Kriminellen im östlichen Bundesstaat Veracrúz sind elf schwer bewaffnete Verbrecher getötet worden. Wie der Gouverneur des Bundesstaates, Javier Duarte, am Samstag mitteilte, wurden acht Personen festgenommen. Die Soldaten wollten gegen eine kriminelle Zelle vorgehen, als sie von schwer bewaffneten Männern aus mehreren Fahrzeugen heraus angegriffen wurden. Zuvor hatte die mexikanische Polizei im Zusammenhang mit der Ermordung von 72 Einwanderern im vergangenen August einen Hauptverdächtigen festgenommen. Wie die Anti-Rauschgiftpolizei mitteilte, soll der Mann, ein früherer Soldat und mutmaßliches Mitglied der Drogenbande Los Zetas, seine führende Beteiligung an dem Massaker gestanden haben. Die 72 Leichen waren im Bundesstaat Tamaulipas gefunden worden. Nach Ansicht der Behörden waren die aus El Salvador, Honduras, Guatemala, Ecuador und Brasilien Stammenden ermordet worden, weil sie sich geweigert hatten, als Drogenschmuggler zu arbeiten. Der Hauptverdächtige soll auch in die Tötung von 183 Menschen verwickelt sein, deren Leichen im April in Massengräbern in San Fernando in Tamaulipas entdeckt wurden. Zudem ging der Rauschgiftboss Marco Antonio Guzman, alias „El Brad Pitt“ der Polizei ins Netz. Er galt als Führer des bewaffneten Arms des Drogenkartells Juarez im Norden Mexikos, wie die Regierung mitteilte. Der frühere Polizist Guzman wurde im Staat Chihuahua zusammen mit zwei Komplizen an der Grenze zu den Vereinigten Staaten verhaftet. Der Vierunddreißigjährige war nach Polizeiangaben an einem Bombenanschlag am 15. Juni vergangenen Jahrs beteiligt, bei dem ein Bundespolizist und zwei Zivilisten getötet wurden. Er soll zudem in den Drogenschmuggel in Chihuahua verwickelt gewesen sein.

WUPPERTAL, 19. Juni (dapd/dpa). Bei einer Facebook-Party in Wuppertal ist es am Wochenende zu Randalen und Auseinandersetzungen mit der Polizei gekommen. Dabei wurden nach Polizeiangaben 16 Personen verletzt, 41 weitere kamen am Freitagabend in Gewahrsam, drei Beteiligte wurden wegen Landfriedensbruchs, Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte festgenommen. Alle befinden sich mittlerweile wieder auf freien Fuß. Nach Angaben der Polizei hatte ein anonymer Computernutzer in Facebook zu der Feier eingeladen, rund 1500 Menschen hatten ihr Kommen zugesagt. In der Spitze hielten sich bis zu 800 Personen bei der Feier auf. Mit zunehmendem Alkoholkonsum sei die zunächst friedliche und fröhliche Veranstaltung immer aggressiver geworden, hieß es. Als aus der Gruppe Flaschen geworfen sowie Böller und Feuerwerkskörper gezündet wurden, griff die Polizei ein und löste die Veranstaltung mit Pfefferspray auf. Nach ersten Erkenntnissen wurden die Aktionen offenbar von gewalttätigen Fußballfans begonnen. Unter die Feiernden hätten sich Ultra-Fans des Wuppertaler SV gemischt, „um unter dem Deckmantel der Anonymität Randale zu machen“, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Samstag im WDR-Hörfunk. Um die Lage in den Griff zu bekommen, musste die Polizei Beamte aus Duisburg, Köln und Dortmund nach Wuppertal holen. Insgesamt waren mehr als 100 Polizisten im Einsatz.

Ehec-Keim könnte sich in der Umwelt einnisten BERLIN, 19. Juni (dapd). Nach dem Fund des Ehec-Erregers in einem Bach bei Frankfurt sieht der Wissenschaftler Helge Karch die Gefahr einer Festsetzung des gefährlichen Keims in der Umwelt. „Viele Menschen scheiden derzeit den Erreger aus. Wir können also nicht ausschließen, dass er sich in unserer Umwelt bereits eingenistet hat“, sagte Karch in Münster. Die hessischen Behörden rechnen frühestens an diesem Montag mit neuen Erkenntnissen darüber, wie der Erreger in das Gewässer gelangt sein könnte. Der Bach war ins Blickfeld der Behörden gerückt, nachdem auf einem nahegelegenen Gemüsehof weniger aggressive Ehec-Erreger nachgewiesen worden waren. Ob die Keime über ein Klärwerk in den Bach gerieten, wird untersucht. Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums besteht jedoch keine Verbindung zwischen dem Fließgewässer und der Trinkwasserversorgung. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ging am Wochenende davon aus, dass der Höhepunkt der Epidemie überschritten ist.

Fluchender Passagier muss Flugzeug verlassen ceh. LOS ANGELES, 19. Juni. Der amerikanische Buchautor Robert Sayegh wird sich mit Schimpfwörtern künftig zurückhalten. Wegen eines gedankenlos ausgestoßenen „Fuck“ wurde Sayegh am Flughafen von Detroit im Bundesstaat Michigan aus einem Flugzeug der Gesellschaft Atlantic Southeast Airlines eskortiert. „Ich habe nur mit meinem Sitznachbarn geredet und mich beschwert, weil der Flieger 45 Minuten Verspätung hatte“, sagte der Siebenunddreißigjährige der Zeitung „Detroit Free Press“. „Ein Flugbegleiter, der unmittelbar hinter uns saß, hat es mitbekommen.“ Sayegh befand sich auf der Rückreise von der Hochzeit eines Cousins in Kansas City nach Brooklyn, als das Flugzeug plötzlich an den Flugsteig zurückkehrte. „Ich konnte es kaum glauben, als die Polizisten zustiegen, um mich abzuführen“, schimpfte er. Obwohl die Beamten auf eine Festnahme verzichteten, durfte der Autor nicht wieder auf seinen Platz zurückkehren. Er musste vielmehr zwei Stunden am Flughafen in Detroit warten, bevor er seine Reise nach New York fortsetzen konnte. Eine Sprecherin der Fluggesellschaft hat sich nun für die „Unannehmlichkeit“ entschuldigt. Für den 20 Jahre alten Deshon Marman werden die Befindlichkeiten des amerikanischen Bordpersonals dagegen ein juristisches Nachspiel haben. Da sich Marman weigerte, seine zu tief sitzende Hose hochzuziehen, ließen ihn Flugbegleiter am Flughafen von San Francisco vor dem Flug nach Phoenix in Arizona an Bord festnehmen. Der Student und Football-Spieler hatte die Aufforderung von drei Mitarbeitern der Fluggesellschaft US Airways ignoriert, seine Hose über den darunter sichtbaren Bund seiner Unterwäsche zu ziehen. „Wir haben keine Kleidervorschriften, aber wir erwarten, dass sich die Passagiere auf angemessene Weise kleiden, um die Sicherheit aller Mitreisenden zu garantieren“, sagte eine Sprecherin der Fluggesellschaft dem Sender KTLA. Da sich Marman, der in San Francisco die Trauerfeier eines Mannschaftskollegen besucht hatte, nicht in Handschellen legen lassen wollte, muss er nun neben der Anklage wegen unbefugten Betretens auch mit juristischen Scharmützeln wegen Widerstands gegen Polizisten rechnen.

Der Popularitätskönig geht: Nach einem letzten Sommermärchen auf Mallorca verlässt Thomas Gottschalk die dortige „Wetten, dass . . ?“-Arena.

Foto dapd

Zugwaggons der Bahn in Tirol entgleist

Das war die perfekte Welle Finale furioso: Thomas Gottschalk tritt mit „Wetten, dass . . ?“ zum letzten Mal in Mallorca auf. Vieles geht schief, doch das Publikum verzeiht ihm noch alles. Von Michael Hanfeld FRANKFURT, 19. Juni. Am Samstagabend rollte durch das ZDF die La-OlaWelle, obwohl im Stadion kein Tor gefallen war. Es reichte, dass ein Mann in den besten Jahren mit lockig-blondem Haar ein paar halbwegs lustige Bemerkungen machte. Rund und rund ging es in der Stierkampf-Arena in Palma de Mallorca, das Publikum war sich selbst genug und fand Gefallen daran, dass der Mann im Mittelpunkt, der mit einer Harley-Davidson-Kohorte eingefahren war, einfach da ist. Das nennt man Präsenz, das nennt man Charisma. Thomas Gottschalk ist es zu eigen. Er muss erstaunlich wenig viel tun, um die Leute auf den Rängen zu entfesseln und 12,43 Millionen Menschen daheim davon abzuhalten, etwas anderes zu unternehmen, als das ZDF einzuschalten.

Doch ist es wirklich unterhaltsam, anderen beim Jubeln zuzusehen? Befördern nichtssagende Plaudereien mit daherstöckelnden Pop-, Kino- und Model-Schönheiten wie Jennifer Lopez (angeblich die „schönste Frau der Welt“, die aber weder die Formel 1 und auch nicht Sebastian Vettel, wohl aber Dieter Bohlen kennt), Cameron Diaz und Heidi Klum nicht eher in den Schlaf, als dass man von fesselnder Unterhaltung sprechen könnte? Ist es eine Offenbarung, zu erfahren, dass der amerikanische Schauspielkomödiant Kevin James in Wahrheit mit Nachnamen „Knipfing“ heißt? Und dann gehen auch noch die tollsten Wetten schief: Der Fahrradfahrer hopst zu langsam auf dem Hinterrad über den Parcours, der Handstandkünstler wirft Schaumstoffwürfel hinterrücks zu oft neben das Ziel, der Bierfässchenwerfer trifft nicht häufig genug den Basketballkorb und die beiden Baggerfahrer befördern den Ball beim Schwerlasttennis ins Aus: Pleiten, Pech und Pannen bei „Wetten, dass . . ?“ Allein der Wettkandidat von den Philippinen riss es raus und biss sich durch – er schälte mit den Zähnen fünf Kokosnüsse binnen zwei Minuten. Mahlzeit. Verrückte Wetten und Plauderrunden, bei denen mit dem Grad der Prominenz der Gäste die Farbigkeit der Gespräche abnimmt, so geht das seit Jahr und Tag bei „Wetten, dass . . ?“ So ist es noch immer halbwegs gut gegangen – trotz Gottschalks durch die Bank peinlichen Randbemerkungen über die körperlichen Rei-

ze seiner weiblichen Gäste und dem üblichen Bussi-Bussi („Ich muss mich erst einmal durchknutschen“, sagte Heidi Klum) – bis zum Ende des vergangenen Jahres, als sich der Wettkandidat Samuel Koch bei einer riskanten Wettübung so schwer verletzte, dass er bis heute gelähmt ist. Seither wissen wir, dass es mit „Wetten, dass . . ?“ nicht weitergeht, nicht mit Thomas Gottschalk und nicht in dieser Form. Es hat zwar seinen Reiz, auch jemanden wie den Quoten-Kontrahenten Dieter Bohlen auf die Couch zu bitten, und dann auch noch den Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“, Pietro Lombardi singen und die RTL-Comedymatrone Cindy von Marzahn durch die Arena stapfen zu lassen. Doch mehr als Ausschalten der Konkurrenz durch Einladung in die eigene Show ist es leider auch nicht. Der Aufwand ist groß, der Aufmarsch der Prominenten ist beträchtlich, die Musik (Jennifer Lopez und Status Quo) geht ins Ohr und doch denkt man sich nach drei Stunden – in früheren Zeiten brachte es Gottschalk auch schon einmal auf vier: Schön, dass die Kaffeefahrt jetzt vorbei ist. Das hat auch der Programmdirektor des ZDF und frisch gewählte Intendant Thomas Bellut erkannt. Drei Ausgaben von „Wetten, dass . . ?“ in der hergebrachten Form wird es noch geben, dann bricht eine neue Ära an. Mit einem neuen Zuschnitt und vielleicht mit Hape Kerkeling, dessen Talent der künftige Inten-

dant rühmt, oder mit Jörg Pilawa, dem bei seinem Übertritt von der ARD zum ZDF allerlei Versprechungen gemacht worden sind. Über die Grundpopularität, von der Thomas Gottschalk zehrt, verfügen sie aber alle beide nicht. An einem Abend wie dem auf Mallorca zeigt sich einmal mehr: der Moderator Gottschalk ist die Show, seine Assistentin Michelle Hunziker spielt keine unwichtige, auch eine gute, aber nicht die entscheidende Rolle, die Wetten machen den Reiz aus, die meisten Prominenten aber sind nichts als Ballast – in Mallorca riss nur der Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel es mit seiner jugendlichen Unbekümmertheit heraus. Gottschalk indes zieht sich in seinen Sommerurlaub zurück und hat die Qual der Wahl. Das ZDF bietet ihm diverse Abendshows an, die ARD will ihn für eine werktäglich laufende Vorabendsendung verpflichten, lockt mit einem höheren Millionen-Honorar und ist recht siegessicher. Gottschalk wäre die größte Trophäe, nach Kai Pflaume und Günther Jauch, die von Sat 1 und RTL ins Erste gewechselt sind oder wechseln. Es ist allein die Frage, was der Nimbus des Popularitätskönigs aushält. Ein Sommermärchen wie auf Mallorca wird sich nicht wiederholen. Anders als die Altrocker von Status Quo, die seit Jahrzehnten dieselben Drei-Akkord-Gassenhauer in die Gitarren hauen – so auch zu Beginn und zum Schluss von „Wetten, dass . . ?“ – wird Thomas Gottschalk eine neue Platte auflegen müssen.

R.O. WIEN, 19. Juni. Ein Zug der Deutschen Bahn ist am Samstagabend auf der Strecke Mittenwald–Innsbruck nahe Zirl in Tirol wegen des Abgangs einer Geröllund Schlammlawine entgleist. Die Mure ging in dem Augenblick ab, als der Zug die Strecke an der markanten Martinswand befuhr und er eine sogenannte Lawinengalerie – eine Beton-Verbauung zum Schutz der Bahnstrecke – passierte. Dabei wurden die beiden letzten Waggons vom Geröll erfasst und aus den Gleisen geworfen. Die 25 Fahrgäste, die von der Feuerwehr geborgen wurden, blieben unverletzt und wurden mit dem Bus nach Innsbruck gebracht. Die Strecke musste für die Dauer der Bergungsarbeiten gesperrt werden.

Kurze Meldungen Nathalie zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, die Nichte der dänischen Königin

Margrethe II., und ihr Mann, Alexander Johannsmann, haben am Samstag eine kirchliche Hochzeit mit Hindernissen erlebt. Vor dem Einzug in die Kirche in Bad Berleburg bemerkte die Prinzessin, dass ihr Brautstrauß fehlte. Ein Polizeiwagen holte das apricotfarbene Rosengebinde mit Blaulicht aus dem nahe gelegenen Schloss. Nach der Trauung wurden Braut und Bräutigam (unser Bild) vor der Kirche

„Homeschooling ist keine Parallelgesellschaft“ Eine Frau, die zu Hause von ihren Eltern unterrichtet wurde, plädiert für Heimunterricht / Von Katrin Hummel FRANKFURT, im Juni. Katharina ist 22 Jahre alt. Sie arbeitet bei einem führenden Industrieunternehmen als Controllerin. Ihr Abitur machte sie mit der Note 1,8. Anschließend studierte sie Betriebswirtschaftslehre, Abschlussnote 1,9. Mit ihrem Mann, einem Landschaftsgärtner, lebt sie in einer Zweizimmerwohnung im ersten Stock seines Elternhauses, eines Fachwerkhauses in einer ländlichen Gegend. Unten neben den Eltern wohnt noch sein Bruder. An diesem Abend hat Katharina gekocht, Spätzle mit Gulasch, danach eine Erdbeerkaltschale. Vor dem Essen beten sie und ihr Mann. Beide sind, wie ihre Eltern, bibeltreue Christen. Fünf von 13 Schuljahren hat Katharina zu Hause verbracht, das fünfte bis achte Schuljahr und die Jahrgangsstufe elf. Ihre Eltern haben sie zu Hause unterrichtet. Damit sie nicht im Nachhinein noch angezeigt werden und weil die junge Frau selbst mögliche eigene Kinder ebenfalls zu Hause unterrichten will, möchte Katharina ihren wirklichen Namen nicht nennen. Hausunterricht ist in Deutschland, anders als in Amerika, illegal. Mehrere Kinder von „Homeschoolern“ wurden von den Jugendämtern aus ihren Familien genommen und ins Heim gesteckt. Viele Eltern mussten Geldstrafen zahlen. Einige Familien wanderten nach Amerika aus und erhielten dort politisches Asyl. „Das Einzige, was ich am Homeschooling nicht gut fand, war, dass wir uns verstecken mussten“, sagt Katharina. Ansonsten habe der Unterricht zu Hause nur Vorteile. Sie habe sich selbstbestimmt Wissen aneignen können und früh gelernt, ein eigenes Zeitmanagement zu entwickeln. Am Tag habe sie durchschnittlich nur etwa vier Stunden gelernt, dafür aber sehr intensiv. „In der Schule verplempert man ja auch viel Zeit, und dann noch die Fahrtzeiten!“ Der Vater, ein ehemaliger Mathe- und

Physiklehrer, der heute im Vertrieb einer Firma für Messtechnik arbeitet, lehrte die Kinder nach Feierabend Mathematik, Physik und Chemie. Die Mutter, eine studierte Betriebswirtin, Tochter eines Wirtschaftsprüfers und Steuerberaters, war nicht berufstätig und unterrichtete alle anderen Fächer. Lehrmittel waren meist alte Schulbücher, aber auch neue Fachliteratur und Computerprogramme. An den Lehrplan hätten sich Mutter und Vater nur in den Hauptfächern gehalten. Beide Eltern waren selbst keine Hausschüler, denn in Deutschland ist die „Homeschooling“-Bewegung noch recht jung. In ihrer reichlich vorhandenen Freizeit (die Vormittage musste sie im Haus ver-

Der Direktor fragte die Mutter, wie viele Kinder noch aus dem Nichts auftauchen. bringen, denn selbst die Nachbarn wussten nichts von dem Hausunterricht) spielte Katharina Klavier und Geige, las, kochte oder backte Kuchen. Nach der achten Klasse wollte sie wieder zur Schule gehen, „um mich zu vergleichen und den Realschulabschluss zu machen“. Sie wurde in eine Gesamtschule aufgenommen, ohne dass ihre Eltern von den Lehrern angezeigt worden wären. „Ich wurde nicht einmal getestet, sondern wäre im Zweifelsfall zurückgestuft worden“, erzählt Katharina. „Bloß als dann ein Jahr später mein älterer Bruder auch noch aufgenommen werden wollte, fragte der Direktor meine Mutter, wie viele Kinder denn noch aus dem Nichts auftauchen.“ In den Klassenverband habe sie sich problemlos integrieren und mithalten können. „Der Englischlehrer konnte mir nichts beibringen. Meine Eltern hatten

viel amerikanischen Besuch.“ In Latein habe sie in der ersten Arbeit eine Sechs geschrieben, in der zweiten bereits eine Drei. „Ich habe mir schon früh angeeignet, aus Büchern zu lernen, das ist wahnsinnig effektiv.“ So habe sie ihr Studium in nur fünf Semestern absolviert, und ihr jetziger Chef habe ihr einmal gesagt, er habe noch nie jemanden kennengelernt, der „so eigenverantwortlich und systematisch seine Arbeit organisiert“. Ihre Eltern hätten den Hausunterricht aus erzieherischen Gründen und wegen eines hohen Bildungsanspruchs bevorzugt. Ihr seien zu Hause Ehrlichkeit, Teamgeist und Verantwortungsgefühl vermittelt worden, auch habe sie gelernt, sich Älteren gegenüber respektvoll zu verhalten. Ihr Familiensinn sei ausgeprägt, sie sehe ihre Eltern und Geschwister jede Woche. „Außerdem wollten die Eltern den Einfluss der ‚peer group‘ möglichst gering halten.“ Als ihr Bruder einmal in der Grundschule eine Scheibe eingeschlagen habe, rief die Mutter aus: „Jetzt soll ich dafür zahlen, dabei kann ich doch gar nichts dafür, die Gruppe hat ihn doch zu so einem Kind gemacht!“ Die Eltern hätten ihre vier Kinder nicht zum Hausunterricht gezwungen, sondern ihnen nur die Möglichkeit eröffnet. Über die Rückkehr in eine Schule habe jedes Kind selbst entscheiden können. „Mein großer Bruder war zum Beispiel bis zur fünften Klasse in der Schule, er war sehr rebellisch, ein Lehrer hat ihn sogar als lernbehindert eingestuft. Dann blieb er von der fünften bis zur neunten Klasse zu Hause, und es stellte sich heraus, dass er gern lernt und nur unterfordert war.“ Der heute Vierundzwanzigjährige habe das drittbeste Abitur seiner Schule gemacht, danach studierte er Maschinenbau und machte ein Einser-Examen. Die jüngere Schwester war bis zur achten Klasse Heimschülerin, heute ist

sie 19, macht gerade Abitur und will Musik studieren. „Sie fand den Heimunterricht auch viel besser, weil sie sich zu Hause besser konzentrieren konnte und mehr Zeit hatte zu musizieren.“ Katharina gesteht ein, dass bei weitem nicht alle „Homeschooler“ so bildungsbeflissen sind wie ihre Eltern. „Die meisten anderen Heimschüler, die ich kenne, sind Christen wie wir. Fast alle machen eine Ausbildung, weil sie kein Abitur machen können, wenn sie nicht zur Schule gehen.“ Ihr jüngster Bruder ist einer von ihnen. Er ist 18, hat noch nie einen Fuß in eine Schule gesetzt, ist Legastheniker und macht ohne Schulabschluss eine Schreinerlehre in einem Betrieb, dessen Inhaber kein „Homeschooler“ ist. „Er hat da ein Praktikum gemacht, und danach war der Inhaber von ihm überzeugt.“ Sie findet es mehr als schade, dass es in Deutschland so viele Ressentiments gegen Hausunterricht gibt. „Es wird einem unterstellt, dass man sich in eine Parallelgesellschaft flüchtet und sich abschottet, dass man fundamentalistisch und sektiererisch ist. Aber eigentlich möchten wir uns integrieren. Das geht nur nicht, weil es als illegal gilt, was wir tun.“ Sie hätte zum Beispiel gerne teilweise am Schulunterricht teilgenommen, etwa in Sport. In Amerika sei das möglich. Auch Leistungsnachweise hätte sie gerne abgelegt. Nach Meinung von Katharina sollte jeder selbst entscheiden dürfen, auf welche Weise er sich Wissen aneignet. Schließlich komme es auf das Ergebnis an, nicht auf den Weg zum Ziel. Zumindest ihr Werdegang ist ein Indiz dafür, dass sie recht haben könnte. Ihr Chef zum Beispiel wisse von ihren Phasen als Hausschülerin. „Ich habe es in den Lebenslauf geschrieben, sonst wäre da ja eine Lücke gewesen.“ Monate nach ihrer Einstellung habe sie ihn gefragt, was er davon halte, dass sie Hausschülerin gewesen sei. Daran konnte er sich nicht einmal erinnern.

Foto dpa

von strömendem Regen überrascht. Standesamtlich hatte das Paar bereits im Mai 2010 geheiratet. Es hat einen elf Monate alten Sohn. Zu der kirchlichen Trauung kamen etwa 230 Gäste, neben Königin Margrethe auch der dänische Kronprinz Frederik mit seiner Frau Mary. Die 36 Jahre alte Braut, die als Dressurreiterin bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking mit der dänischen Mannschaft Bronze gewonnen hatte, trug ein cremefarbenes Korsagen-Kleid des dänischen Designers Henrik Hviid und einen Schleier aus irischer Spitze, den seit 1905 alle dänischen Königinnen und Prinzessinnen bei ihren Hochzeiten getragen haben. (dpa) Marilyn Monroe hat fast ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod ein weiteres Mal die Konkurrenz ausgestochen. Bei der Versteigerung von Memorabilien aus Hollywoods Goldener Ära erzielten die Kostüme der Blondine am Wochenende Rekordpreise. Ihr berühmtes Neckholder-Kleid, das sie 1955 in dem Filmklassiker „Das verflixte siebte Jahr“ über einem U-BahnSchacht flattern ließ, wurde für 4,6 Millionen Dollar an einen anonymen Bieter versteigert. Monroes rote Pailettenrobe, in der sie in der Komödie „Blondinen bevorzugt“ geglänzt hatte, brachte bei der Auktion in Beverly Hills 1,2 Millionen Dollar. Die für Judy Garland entworfenen roten Schuhe aus „Der Zauberer von Oz“ konnten für 510 000 Dollar verkauft werden, Charlie Chaplins unverwechselbarer „bowler hat“ für 110 000 Dollar. Die Stücke gehören zur Sammlung der amerikanischen Schauspielerin Debbie Reynolds, die in den vergangenen 50 Jahren mehr als 3500 Kostüme und Requisiten sowie 20 000 Original-Fotografien aus der Glanzzeit Hollywoods zusammengetragen hatte. Insgesamt kamen am Wochenende so mehr als 18 Millionen Dollar zusammen. (ceh.)


Zeitgeschehen

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F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Ein Anfang in Arabien Doch politisch hat sich noch nicht viel bewegt / Von Rainer Hermann

An mehreren Fronten er Streit darüber, ob Präsident Obama den Kongress über Amerikas Libyen-Einsatz hätte unterrichten müssen, ist ein klassischer Verfassungsdisput: Der Präsident ist Oberbefehlshaber, der Kongress erklärt den Krieg und gewährt – oder verweigert – die Mittel. Die Genehmigungsfristen wurden 1973 geregelt in der Absicht, dem Präsidenten Grenzen zu setzen, damit es nicht noch einmal zu einer „imperialen Präsidentschaft“ kommt. Dass Obama den Rat von Kundigen ignorierte und den Kongress nicht formell ins Bild setzte, verrät einiges über seinen Stil – und die Zwänge des Regierens. Der politische Subtext des Streits ist freilich ein anderer: Die Amerikaner sind alles andere als begeistert davon, dass ihre Streitkräfte nun in drei muslimischen Ländern militärisch im Einsatz sind, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. In Afghanistan ist die Intensität am größten; dort herrscht vielerorts Krieg, die Kosten sind immens. Über Berichte über amerikanische Gespräche mit den Taliban muss man sich nicht wundern. Aber fürchten, dass innenpolitische Imperative eine nüchterne Lageeinschätzung ersetzen könnten. K.F.

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Gurken und Griechen bschon lange nur Beiwerk, gehöO ren Breitseiten gegen Brüssel schon immer zum Repertoire der Populisten Europas. Die wurden vornehmlich gewählt, weil sie es „denen da oben“ zu zeigen versprachen und weil sie gegen Einwanderung waren. Über die – angebliche – Regulierungswut der EU wurde zwar, weit über Populistenparteien hinaus, immer gern geschimpft, doch die betraf nur wenige Bürger im Alltag: Wer will schon unbedingt krummere Gurken kaufen, als die EU erlaubt? Die teuren Hilfspakete für überschuldete Euroländer läuten nun neue Zeiten ein. Rechtspopulisten und National-Chauvinisten bekommen Zulauf, wenn sie Griechenland und andere Krisenländer zum Teufel wünschen. Da ist es ganz egal, ob das wie in HeinzChristian Straches neu-alter FPÖ im Namen einer „deutschen Volksgemeinschaft“ oder wie in Geert Wilders’ niederländischer Freiheitspartei im Zeichen eines „westlich-jüdisch-christlichen“ Selbstbehauptungswillens geschieht. Auch die Bundeskanzlerin sollte nichts versprechen, was nicht zu halten ist. Sie bringt so nur die Leute gegen ihre Europapolitik auf. anr.

Der Titel ie Mahnung der Bundesforschungsministerin an die UniversiD täten, nicht so viele Doktortitel zu vergeben und der Titelhuberei entgegenzuwirken, kann einen nur verwundern. Waren es etwa die Universitäten, die sich als Kriterium für eine leistungsorientierte Mittelvergabe an Professoren die Zahl der Promovierten ausgedacht hatten? Wer spricht denn ständig von der Notwendigkeit, die Abiturientenund Akademikerquote zu steigern? Es sind Politiker, allen voran Frau Schavan. Die Wurzel des Übels liegt im politischen Irrglauben, eine Studienanfängerquote von mehr als fünfzig Prozent bringe Deutschland wissenschaftlich weiter. Professoren wissen ein Lied davon zu singen, wie viele der Studienanfänger wirklich Interesse an hartem wissenschaftlichen Arbeiten haben. Um Wissenschaft ging es jedenfalls der Europaabgeordneten Koch-Mehrin (FDP) nicht. Ihre Vorwürfe an die Universität Heidelberg, eine oberflächliche, lückenhafte Arbeit akzeptiert zu haben, treffen sie daher selbst, und sie hätte allen Grund, ihr Mandat niederzulegen und nicht weiter über EU-Forschungsgelder mitzuentscheiden. oll.

ABU DHABI, 19. Juni. In Ägypten waren zeitweise sechs Millionen Menschen auf der Straße, in Bahrein war es jeder dritte Einwohner. Nie hatten im Jemen mehr Menschen demonstriert, nie waren es in Libyen mehr: Die größte Massenmobilisierung in der jüngeren Geschichte verändert die arabische Welt. Politisch hat sich indes in Arabien (noch) nicht viel bewegt. In Ägypten wurde lediglich die Spitze der Pyramide ausgetauscht, nun kann die von unten freigesetzte Energie die Kräfteverhältnisse ändern. In Bahrein ist zwar Friedhofsruhe eingekehrt, ein noch größerer Druck wird sich aber eines Tages entladen. Gaddafi und Assad setzen auf Brutalität, die Art ihres Machterhalts aber hat keine Zukunft. Ähnlich wie 1848 in Mitteleuropa hat sich in Arabien mit der Druckwelle einer unzufriedenen Jugend der politische Diskurs in den vergangenen sechs Monaten verändert. Lange wird es indes dauern, vielleicht Generationen, bis die Ziele erreicht sind. Der Anfang ist gemacht. Denn in lange entpolitisierten Gesellschaften denken immer mehr als Einzelne und politisch. Nicht länger lassen sie sich von der Propaganda einlullen, „man“ habe Opfer für den Kampf gegen den Imperialismus und gegen Israel zu bringen. Aus dem „man“ sind denkende Individuen geworden. Sie lassen sich nicht mehr mit Ideologien abspeisen, sondern sterben für die Freiheit, und sie übernehmen politische Ideen, wie das Recht auf Selbstbestimmung und Demokratie. Sogar Islamisten können sich diesem Trend nicht entziehen. Ein langer Prozess hat eingesetzt. Idealistische Aktivisten wollen ihre Länder verbessern, sie stoßen aber brutal an die festgefahrenen Strukturen der Macht. Sie lassen sich, ebenso wie eine Pyramide, nicht leicht abschütteln. Gerade Ägypten durchlebt diese Phase der Ernüchterung, gerade die ägyptischen Aktivisten sind zu gut und zu naiv, als dass sie im Spiel der Macht mitspielen könnten. Gegen die Generäle, die eben „generalstabsmäßig“ planen und Bajonette einsetzen, haben sie keine Chance. Die Zeit aber und die Jugend sind auf

ihrer Seite. Auf absehbare Zeit ist Ägypten durch diesen inneren Kampf gelähmt. Das Land, auf dessen Tahrir-Platz die Welt Wochen gebannt geblickt hatte, wird noch lange nicht zu dem Leuchtturm einer arabischen Demokratie, den die arabische Welt dringend benötigte. Kein Zufall war, dass das Saudi-Königreich den Generälen mit generösen 4 Milliarden Dollar zur Seite sprang, bevor der Westen mit dem Internationalen Währungsfonds Ägypten Hilfe angeboten hat. Von Ägypten geht Veränderungsenergie

aus, Saudi-Arabien hingegen setzt als unverrückbarer Block des Status quo eine Konterrevolution in Marsch. Im Innern des Königreichs wurden Forderungen nach politischen Reformen mit zwei Paketen von Wohltaten erwürgt, die sich auf ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts summieren. In Bahrein unterstützten saudische Soldaten den sunnitischen König, um die Proteste der überwiegend schiitischen Demonstranten niederzuwalzen. Saudi-Arabien hat Angst vor Veränderungen, und das aus zwei Gründen. Zum einen fürchten die Saudis, dass Iran aus den Veränderungen, die von manchen als „arabischer Frühling“ bezeichnet werden, und aus der damit verbundenen Destabilisierung Nutzen schlagen könnte. Zum anderen sieht sich das konservative Königreich mit derselben Situation konfrontiert wie unter dem ägyptischen Präsiden-

ten Nasser. Damals, in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, hatte aus Ägypten der „progressive“ Panarabist Nasser dazu angesetzt, die arabische Welt zu verändern. Dem hatte sich das konservative Saudi-Arabien, unterstützt durch die Vereinigten Staaten, entgegengestellt. Heute ähnelt die Situation jener vor einem halben Jahrhundert. Wieder könnte von Ägypten der Impuls für eine Neugestaltung des Nahen Ostens ausgehen, und wieder will sie Saudi-Arabien verhindern. Damals hatten sich drei der vier Kernstaaten der arabischen Welt – Ägypten, Syrien und der Irak – in den Orbit von Nassers sozialistische Panarabismus ziehen lassen. Dem Westen blieb Saudi-Arabien als einziger Verbündeter. Nun sind in zwei der vier Kernstaaten die Machthaber gestürzt worden: Saddam Hussein im Jahr 2003 im Irak und Husni Mubarak am 11. Februar 2011 in Ägypten. Saudi-Arabien stemmt sich daher als mächtiger Damm gegen weitere Veränderungen und stützt selbst die Diktatur des in Saudi-Arabien persönlich verachteten Syrers Baschar al Assad. Syrien ist zum Schlüsselland geworden. Libyen ist zwar ein Randstaat, von dem Gefahr ausgeht. Etwa wenn Gaddafi, in einem international geächteten Rumpflibyen, das zu einem Gaddafistan verkommt, zum Paten des internationalen Terrors würde. Syrien aber ist arabisches Kernland, und es hat seine Finger in allen Konflikten des Nahen Ostens: als Pate der Hizbullah im Libanon und der Hamas in Palästina, über den Golan als Nachbar mit Israel, als Nachbar des Iraks, als Verbündeter Irans überall, wo die Islamische Republik destabilisiert. Änderte sich das Regime in Damaskus und würde die Herrschaft Assads durch eine Ordnung der sunnitischen Mehrheit ersetzt, bliebe im Nahen Osten kein Stein auf dem anderen. Davor haben viele Angst, und so schweigt die Welt zum Blutbad in Syrien. Ausgerechnet der vielgescholtene türkische Ministerpräsident Erdogan ist der einzige Politiker von Gewicht, der mit Assad hart ins Gericht geht.

Isoliert ist Assad nicht. Solange die Welt mit Libyen beschäftigt ist, steht das syrische Regime nicht allein am Pranger. Erst mit Gaddafis Sturz würde der Druck auf Assad aber zunehmen. Den will er auffangen. Assad fügt als Mitglied der schiitischen Glaubensgemeinschaft der Alawiten Syrien in den schiitischen Halbmond von Iran über den Irak in den Libanon ein. Seine Macht bezieht er aus den Gewehrläufen, ebenso wie die verbündete Islamische Republik Iran vor genau zwei Jahren die „grüne Bewegung“ niedergeschossen hat. Plausibel ist daher, dass Iran seine Expertise zur Niederschlagung von Protesten Assad zur Verfügung stellt. Auch SaudiArabien hält an Assad fest, obwohl sein Sturz den Erzfeind Iran schwächen würde; Riad aber fürchtet Veränderungen. Selbst Israel will Assad nicht stürzen sehen und begreift die Chance weiter nicht, die ein Regimewechsel in Syrien für die Neuordnung des gesamten Nahen Ostens zu seinem Nutzen bringen würde. Offenbar nutzt aber die seit 1973 friedlich gebliebene Konfrontation dem Israel Netanjahus mehr als ein Regimewechsel in Damaskus und ein Frieden mit Syrien. Solange Assad die Fortsetzung dieser Konfrontation verkörpert, muss Israel weder den Golan zurückgeben, noch steht es unter Druck, mit den Palästinensern verhandeln zu müssen, wenn diese dann keinen Patron mehr wie Syriens Assad hätten. Israel will ebenso im Status quo verharren wie Saudi-Arabien, für das Assad in einem weiteren arabischen Kernland das Spiel der Konterrevolution betreibt. Die Familie Saud ist nicht an einer Neuordnung der Levante interessiert. Denn das Königreich richtet alle Politik an seiner existentiellen Angst vor Iran aus. Die Staatengemeinschaft hat Iran nicht von der atomaren Aufrüstung abbringen können. Also sieht sich Saudi-Arabien gezwungen, sich als Zentrum des sunnitischen Islams selbst zu schützen. Die Angst ist konkret: Bevor Assad zu stürzen drohte, könnte Iran leicht zur Ablenkung Feuer entfachen, ob im Irak oder mit Zündeleien am Golf. Da dem Westen die Hände gebunden scheinen, arbeitet eine seltsame Koalition aus Israel, SaudiArabien und Iran daran, den Status quo gegen den „arabischen Frühling“ zu erhalten.

Maßanzug für den Reformkönig Mohammed VI. will die absolute Macht in Marokko (ein bisschen) teilen / Von Leo Wieland MADRID, 19. Juni. Nach der Fernsehansprache des Königs, in der er den Marokkanern mehr Demokratie, Gewaltenteilung und Partizipation verhieß, gab es am Wochenende auf den Straßen Rabats spontanen und möglicherweise auch organisierten Beifall. Der „Bewegung 20. Februar“, die für eine „echte parlamentarische Monarchie“ eintritt, geht die angekündigte Verfassungsreform indes nicht weit genug. Deshalb riefen die überwiegend jugendlichen Protestierer am Sonntag abermals zu landesweiten Kundgebungen auf. Und auch am anderen Ende des politischen Spektrums hielt sich der Jubel in Grenzen. Die illegale Islamistenpartei schwieg. Die legale, die vor allzu viel „Religionsfreiheit“ gewarnt hatte, sah genau diesen Begriff zugunsten der christlichen und jüdischen Minderheiten in der neuen Magna Carta grundsätzlich verankert. Zu ihrem Trost soll das aber nicht für die „Gewissensfreiheit“ gelten. In dem nordafrikanischen Land, in welchem der Islam Staatsreligion ist, wird auch in Zukunft kein Muslim zu einem anderen Glauben konvertieren können. Die neue Verfassung, über die die Marokkaner am 1. Juli in einem Referendum abstimmen sollen, ist ein von dem 47 Jahre alten König im Wesentlichen selbstgefertigter Maßanzug. Als zu Beginn dieses Jahres der Funke der „Arabellion“ übersprang, reagierte Mohammed VI. überraschend schnell und entschlossen. Bei einer großen Mehrheit seiner Untertanen beliebt und respektiert, gab er am 9. März einer von ihm bestimmten Verfassungskommission den Auftrag, binnen drei Monaten ein Konzept für eine Teilung seiner Machtbefugnisse auszuarbeiten. Der Sohn und Nachfolger des autoritären Königs

Hassan II., der im Jahr 1999 als noch junger Mann den Thron bestieg und sich seitdem als „Reformkönig“ präsentiert hatte, wollte durch Nachgeben vorbeugen. Das Ergebnis ist nun ein – im arabischen Vergleich rigider Monarchien – ziemlich kühner Schritt. Der König wird in dem neuen Grundgesetz nicht mehr wie bisher als „heilig“, sondern nur noch als „unantastbar“ definiert, so wie die konstitutionellen Monarchen im benachbarten Spanien und in Großbritannien. Er bleibt jedoch als „Beherrscher der Gläubigen“ die höchste religiöse Autorität des Landes und behält damit in Glaubensfragen das letzte Wort. Dies gilt auch für die Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Denn der König leitet weiterhin, wann immer er das will, den Ministerrat und außerdem den neu zu schaffenden Obersten Nationalen Sicherheitsrat. Hier wird also die dritte der insgesamt drei „roten Linien“ – das ist neben Monarchie und Religion die beanspruchte volle Souveränität über die annektierte ehemalige spanische Kolonie Westsahara – nicht weiter als zuvor gezogen. Die Konzessionsbereitschaft des Königs in der Politik ist dem Vernehmen nach aber doch ein Stück über die Ratschläge aus seinem eigenen Umkreis hinausgegangen. So soll vor allem das Amt des Ministerpräsidenten, welchen er bislang nach Gutdünken ernannte, gestärkt werden. Zum Regierungschef wird fortan nach Parlamentswahlen der Spitzenkandidat der stärksten Partei ernannt. Dieser kann dann wiederum seine Minister und zahlreiche andere hohe Funktionäre bestimmen, obschon einen Teil davon, wie Gouverneure und Botschafter, in Absprache mit dem König.

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Das Parlament selbst erhält wichtige neue Befugnisse mit dem Recht Amnestien zu befürworten, Untersuchungsausschüsse einzusetzen und auch weitere Verfassungsänderungen anzustoßen. Wie die verheißene größere Unabhängigkeit der Justiz von der Regierung umgesetzt werden wird, bleibt noch abzuwarten. Auch den verschiedenen Regionen und Volksgruppen machte der König Zugeständnisse. Die insbesondere von seinem Vater vernachlässigten und angefeindeten Berber sehen ihre Sprache jetzt gleichgestellt mit dem Arabischen. Eine zusätzliche Dosis

Der Monarch bleibt weiterhin unantastbar, aber das Parlament erhält wichtige neue Befugnisse. praktizierten Föderalismus soll auch der Westsahara zugutekommen. Mehr Spielraum versprechen sich die marokkanischen Journalisten von der zugesagten Meinungsfreiheit. Diese war in Marokko unter Mohammed VI. schon immer größer als in den meisten anderen arabischen Staaten. Der Monarch, der gleichwohl nicht zögerte, Medien zu bestrafen und Journalisten einzusperren, die sich ihm gegenüber als Person und Institution aus seiner Sicht respektlos verhielten, dürfte auch hier „unantastbar“ bleiben wollen. Mohammed VI. warb in seiner Ansprache vom Freitagabend für seine Verfassungsreform als einem Beleg für die „parlamentarische Natur des politischen Sys-

tems Marokkos“. Sie solle der Grundstein für ein „effizientes und rationales Verfassungssystem“ sein, dessen „Kern die Unabhängigkeit, Gewaltenteilung und Balance“ sei. Er selbst sieht sich darin als „Beschützer der demokratischen Option“ und als „Schiedsrichter zwischen den Institutionen des Staates“. Jene Oppositionellen, die von ihm einen radikaleren Ansatz erwartet und verlangt hatten, er solle wie etwa König Juan Carlos in Spanien weiter „herrschen, aber nicht regieren“, werden sich damit wohl nicht zufriedengeben. Mohammed VI. wird dennoch, wenn die Verfassung mit voraussichtlich großer Mehrheit von der Bevölkerung gutgeheißen ist, mehr „Bürgerkönig“ und weniger absoluter Monarch sein. Die erste Probe auf das Exempel dürfte im Herbst bei vorgezogenen Wahlen nach den neuen Maßgaben kommen. Doch jetzt folgt erst einmal eine zweiwöchige Kampagne für und wider die Magna Carta, in der auch Gruppierungen Fernsehsendezeit erhalten sollen, die, wie etwa der marxistisch-leninistische „Neue Weg“, dort bisher nicht zu Wort kamen. Aber dieser König hat auch in den staatlichen Medien schon einmal ein Präzedens gesetzt, als er im Zuge der Vergangenheitsbewältigung die Debatten über Menschenrechtsverletzungen in der Regierungszeit seines Vaters wochenlang „live“ übertragen ließ und danach Schritte zu einer Wiedergutmachung unternahm. Im Interesse seiner Krone und der inneren Stabilität Marokkos schickt sich Mohammed VI., der wiederholt Wort gehalten hat, nun an, mehr Demokratie zu wagen. Die verbliebenen arabischen Despoten und die königlichen „Brüder“ werden das Experiment genau beobachten.

Stavros LAMBRINIDIS

Foto AFP

Neue Bitten Die Haltbarkeitsdauer griechischer Regierungen ist gering in jüngster Zeit. Die umfangreiche Kabinettsumbildung, die der Ministerpräsident Ende vergangener Woche vornahm, ist schon die zweite in kaum mehr als neun Monaten. Im September 2010 schob Giorgios Papandreou die als reformfeindlich geltende damalige Wirtschaftsministerin Louka Katseli in das Ministerium für Arbeit und Soziales ab, wo sie weniger Schaden anrichten konnte. Nun hat er sich von ihr getrennt wie auch von einem weiteren Kabinettsmitglied, das erst vor neun Monaten ernannt wurde: Der bisherige Außenminister Dimitris Droutsas, Sohn einer aus Frankfurt stammenden Deutschen, musste die Regierung verlassen. Er wird künftig als Abgeordneter Griechenlands im Europäischen Parlament wirken. In Athen ist zu erfahren, Droutsas habe gehen müssen, weil er an der Basis der Regierungspartei Pasok mit diversen Reformvorschlägen angeeckt war. Wenn das stimmt, darf man gespannt sein, ob der neue Chef des Athener Außenamts besser mit der Partei zurechtkommt. Er kommt von dort, wohin sein Vorgänger nun geht: Stavros Lambrinidis, geboren 1962 in Athen, war zuletzt Europaabgeordneter der Pasok und ein Vizepräsident des Europäischen Parlaments. Er studierte politische Wissenschaften und Finanzen am Amherst College sowie Jura an der Yale University. Dort war er auch eine Weile Chefredakteur der Fachzeitschrift „The Yale Journal of International Law“. Zwischen 1988 und 1993 arbeitete er als Rechtsanwalt, danach folgte sein Einstieg in die Politik. Unter anderem wirkte er Mitte der neunziger Jahre als Berater Papandreous, der damals noch Bildungsminister war. Danach war er kurzzeitig Bürochef des damaligen Außenministers Pangalos, später für drei Jahre als Generalsekretär im Außenministerium für die Betreuung der Auslandsgriechen zuständig. Von Brüssel und Straßburg aus hat Lambrinidis in den vergangenen beiden Jahren den Reformkurs der Regierung Papandreou verteidigt. „Wir bitten nicht um Geld, wir bitten um politische Unterstützung“, sagte er zu Beginn der Krise. Gut 110 Milliarden Euro später haben sich die griechischen Bitten gewandelt, und Lambrinidis wird es nicht einfach haben, sein angeschlagenes Land zu repräsentieren. Auf dem Balkan zum Beispiel, wo Griechenland einst eine führende Rolle beanspruchte, wird Athen inzwischen kaum noch ernst genommen. Längst hat die Türkei Griechenland als wichtigster Partner der Balkanstaaten abgelöst. „Ich wünschte mir“, sagte Stavros Lambrinidis zu Beginn der Krise, „die Deutschen würden nach Griechenland reisen und all die BMWs auf den Straßen sehen.“ Dann könnten sie sehen, „wie die Griechen die deutsche Wirtschaft unterstützen.“ Solche Plattitüden wird Lambrinidis sich im neuen Amt verkneifen müssen, obwohl es auch griechische Außenminister gab, die das nicht taten. Wie der Dauerpolterer Theodoros Pangalos, dessen Stabschef Lambrinidis einst war und von dem er hoffentlich nicht das diplomatische Handwerk gelernt hat. MICHAEL MARTENS


Wirtschaft

FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 14 1 · S E I T E 11

Es wird noch voller am Himmel An diesem Montag öffnet die weltgrößte Flugzeugmesse im Pariser Vorort Le Bourget wieder ihre Pforten. Die Zeichen stehen auf Wachstum. Die Flugzeughersteller erfreuen sich zahlreicher Aufträge. Ob in Paris, Frankfurt (unser Foto) oder anderswo – es wird noch voller am Himmel. Immer mehr Menschen aus wachstumsstarken Schwellenländern wollen fliegen. Die Nachfrage ist so groß, dass die Hersteller es sich leisten können, ihre Liefertermine immer wieder zu verfehlen, wie auf Seite 14 zu lesen ist. Airbus hat abermals Verspätungen seiner Langstreckenmaschine A350 angekündigt. Boeing präsentiert in Le Bourget seine Antwort auf den europäischen Großraumflieger A380, die Boeing 747-8, sowie den „Dreamliner“ 787. Alle diese Modelle kommen mehrere Jahre später auf den Markt als versprochen. Unpünktlichkeit kann man sich in einem Duopol eben leisten. Die Herrschaft der Giganten aus Amerika und Europa wollen freilich die Chinesen brechen. In Le Bourget zeigt der Hersteller Comac erstmals ein Modell seines C-919 – ein Flugzeug mit 190 Sitzen, das 2016 auf den Markt kommen soll. Wenn die für ihren Fleiß bekannten Chinesen pünktlich sind, hätten sie schon mal ein gutes Verkaufsargument auf ihrer Seite. chs.

Modell Graduiertenschule Das Modell der „Graduate Schools“ kommt aus Amerika – und viele Ökonomen in Deutschland schauen neidisch auf den dortigen hohen Standard in der Ausbildung junger Wissenschaftler. Seite 12

Nicht nur Griechenland Die griechische Krise lässt leicht vergessen, dass die EU noch immer nach einer umfassenden Antwort auf die Wirtschafts- und Schuldenkrise sucht. Zahlreiche Entscheidungen sind zu treffen. Seite 13

Hoffnungsträger Indonesien Die Hälfte der Bewohner Indonesiens lebt unter der Armutsgrenze, doch die Wirtschaft wächst so stark, dass das Land zum Hoffnungsträger Südostasiens geworden ist. Seite 13

Deutschlands Groupon Die Kuffer Marketing GmbH will mit Coupons in einem Gutscheinbuch die deutschen Schnäppchenjäger ködern – nach dem Vorbild der amerikanischen Groupon. Seite 14

Stromlösung aus der Eifel Im Eifelkreis Bitburg-Prüm hat die Zukunft schon begonnen: Dort wird das Ungleichgewicht von Stromverbrauch und Ökostromproduktion „intelligent“ gesteuert. Seite 16

Digitale Notwendigkeiten Der Medienkonzern Dow Jones ist der Auffassung, dass ein guter digitaler Auftritt nur auf der Grundlage einer guten gedruckten Ausgabe einer Zeitung gelingen kann. Seite 17

Neue Investition in Dresden Wegen der hohen Nachfrage nach Halbleiterbausteinen beschloss der Chiphersteller Globalfoundries Milliardeninvestitionen, auch für sein Werk in Dresden. Seite 17

Für Verbraucher im Internet Der Hamburger Unternehmer Stephan Chi hat ein Internetportal gegründet, das Dienstleister beurteilen hilft – ein Service für Verbraucher. Seite 18

Klebstoffe für jedes Land Fußböden werden verlegt und entfernt. Jedes Land benötigt dazu einen anderen Klebstoff. Werner Utz liefert ihn. Das Unternehmergespräch. Seite 19 Seite ABB ...................................................16 Advanced Technology .....17 Airbus .............................................14 Balfour Beatty ..........................18 Bank of Ireland .........................18 FIRMENINDEX

Europäische Perversion

Von Joachim Jahn

Von Werner Mussler

ie Energiewende könnte noch on „europäischer Perversion“ D teurer werden, als die Bundesre- V spricht Jean-Claude Juncker mit gierung die Bürger glauben machen Blick auf die EU-Regionalpolitik. Da

Foto dpa

Heute

Nicht rechtlos

Versorger planen Verfassungsklage gegen Atomausstieg hätten sich im Jahr 2002 mit der damaligen rot-grünen Bundesregierung auf bestimmte Restlaufzeiten verständigt. Diese habe die jetzige Regierung im vergangenen Jahr sogar noch verlängert. Auf dieser Grundlage hätten die Energieversorger in technische Nachrüstungen investiert, um die Sicherheit der Anlagen weiter zu erhöhen. Außerdem hätten sie Beiträge an den im vergangenen Dezember eingerichteten „Energie- und Klimafonds“ überwiesen, die nicht zurückgefordert werden könnten. Für die jetzt bevorstehende Verkürzung der Betriebserlaubnis gibt es aus

„Das Ausstiegsgesetz muss zwingend Entschädigungen für die Betreiber vorsehen.“ Rechtsgutachten für Eon

Sicht der Gutachter keine Rechtfertigung, weil Ereignisse wie im japanischen Fukushima hierzulande ausgeschlossen seien. Die Anwälte erinnern daran, dass auch die Rektorsicherheitskommission zu dem Schluss gekommen sei, Erdbeben und Tsunamis dieser Stärke seien in unseren Breiten undenkbar. Hochwasserschutz und Notkühlsysteme lägen in Deutschland weit über den japanischen Standards. Somit gebe es keine neue Tatsachenlage, die dem Gesetzgeber solche unverhältnismäßigen Eingriffe in die Grundrechte der Betreiber erlaube.

Für ein früheres Stilllegen der Kraftwerke, als der Bundestag sie im vergangenen Jahr beschlossen hat, muss der Staat der Untersuchung zufolge eine Entschädigung zahlen – und zwar in voller Höhe des Verkehrswerts der Anlagen. Auf unsicherem Terrain bewegen sich die Gutachter allerdings bei der Frage, ob der Ausstieg überhaupt eine Enteignung darstellt. Sie berufen sich zwar für diese Einstufung auf einen älteren Fachaufsatz des Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio. Die Gutachter räumen aber ein, dass das Karlsruher Gericht seit zehn Jahren nur noch dann von einer Enteignung spreche, wenn sich die öffentliche Hand konkrete Wirtschaftsgüter von Privatpersonen verschaffe. Die Verkürzung der Laufzeiten bedeute jedoch zumindest eine „Inhalts- und Schrankenbestimmung“ des Eigentumsrechts, schreiben die Anwälte. Auch dann müsse das Ausstiegsgesetz „zwingend“ eine Entschädigung der betroffenen Betreiber regeln. Der Bundesrat hat am vergangenen Freitag seine Zustimmung zum Ausstiegspaket der Regierung angekündigt, allerdings eine stärkere Beteiligung des Bundes an den Kosten gefordert (F.A.Z. vom 18. Juni). Die Kraftwerke Biblis A und B, Neckarwestheim 1, Brunsbüttel, Isar 1, Unterweser, Philippsburg 1 und Krümmel dürfen nach dem Gesetzentwurf gar nicht mehr ans Netz gehen. Die Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer sieht hierin zudem einen Verstoß gegen das Gleichheitsgebot, weil der Einteilung keine sachlichen Kriterien zugrunde lägen.

EU reformiert Sparerschutz Staaten einigen sich auf Mindestharmonisierung / Deutsches Modell bleibt erhalten wmu. LUXEMBURG, 19. Juni. Die lange umstrittene Reform der Einlagensicherung in der EU kommt voran. Nach Angaben der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft haben sich die Mitgliedstaaten auf einen Kompromiss geeinigt, der von den EU-Finanzministern an diesem Montag in Luxemburg gebilligt werden soll. Er sieht EU-weite Mindeststandards im Sparerschutz vor. Sie gehen weniger weit als die von der EU-Kommission vorgeschlagene Harmonisierung. Die jetzigen Regeln zur Einlagensicherung werden dennoch beträchtlich verändert. Das deutsche Einlagensicherungsmodell soll erhalten bleiben. Sparkassen und Volksbanken sollen die EU-Verpflichtungen über ihr System der Institutssicherung erfüllen können, mit dem sie untereinander ihren Bestand garantieren. Das Europaparlament, das in einigen Fragen anderer Auffassung ist, muss noch zustimmen. Schon länger unstrittig war, dass die im Zuge der Finanzkrise befristet beschlossene einheitliche Deckungssumme von 100 000 Euro dauerhaft gelten soll. Dieser Höchstbetrag wird den Sparern für den Fall einer Bankeninsolvenz garantiert. Er deckt nach Schätzungen der Kommission 95 Prozent aller Einlagen in der EU ab. Zur Finanzierung sollen die Banken vorab in Fonds einzahlen, die eine Höhe von 0,5 Prozent der geschützten

Bilfinger Berger .......................18 Boeing .............................................14 Bombardier .................................14 Comac ............................................14 Dow Jones ..................................17 EADS .................................................14

Elexis ...............................................18 Embraer ........................................14 Fraport ...........................................18 Fuchs Petrolub .........................18 Globalfoundries ......................17 HSH Nordbank .........................14

Einlagen erreichen und bis 2027 aufgefüllt werden sollen. Das Europaparlament besteht auf 1,5 Prozent. Da über die angemessene Höhe der Einzahlung zwischen den Staaten erhebliche Meinungsunterschiede bestehen, hat sich der Ministerrat auf die Mindestharmonisierung verständigt: Jedes Land hat die Möglichkeit, den geforderten Beitrag der Banken auf-

Gegenseitige Garantien Kuffer Marketing ....................14 LCH Clearnet ..............................18 MAN ..................................................14 Microsoft ......................................18 Nasdaq OMX ..............................18 News Corp. ..................................17

Foto dpa

zustocken. Ob sich das Parlament auf eine solche Lösung einlässt, ist offen. Unstrittig ist dagegen das Datum 2027. Die Kommission wollte zunächst, dass die Fonds schon bis 2022 gefüllt sein sollten. Die Mitgliedstaaten sollen selbst entscheiden können, ob sie den geforderten Finanzierungsbeitrag der Banken noch einmal nach deren Risikoprofil abstufen. Die Kommission hatte eine harmonisierte Abstufung nach Risikoneigung der Banken gefordert. Dahinter steht die Überlegung, dass es je nach Risikoorientierung eines Instituts unterschiedlich wahrscheinlich ist, dass die Einlagensicherung greifen muss. Die Risikogewichtung soll zwischen 50 und 200 Prozent liegen können. Nach dem Ratskompromiss sollen die geschützten Guthaben generell innerhalb von zwanzig Arbeitstagen ausgezahlt werden. Der zuständige Berichterstatter im Parlament, Peter Simon (SPD), will zusätzlich durchsetzen, dass ein Mindestbetrag von 5000 Euro schon binnen fünf Tagen gezahlt wird. Diese Forderung lässt sich nach Meinung der Mitgliedstaaten kaum durchsetzen, weil im Falle einer Insolvenz zunächst etliche Details überprüft werden müssten, etwa, wer genau Anspruch auf eine Zahlung habe. Die bestehenden Meinungsunterschiede zwischen Staaten und Parlament sollen bis Oktober geklärt werden.

Pearson-Gruppe ......................17 Prada ...............................................18 RWE .........................................11, 16 Sanofi-Aventis .........................14 Sega .................................................14 Skype ..............................................18

mag man ihm kaum widersprechen. Der Chef der Eurogruppe meint die Kofinanzierungsregel: Ein EU-Staat kann aus den Regionalfonds nur gefördert werden, wenn er auch eigene Mittel beisteuert. Gegen derlei Mischfinanzierung spricht in der Tat einiges – und es gibt gute Argumente dafür, sie abzuschaffen, schränkte man zugleich den Umfang der Förderung ein. Juncker weiß freilich, dass das im europäischen Interessendickicht kaum durchsetzbar ist. Ihm geht es auch nur um Griechenland. Er will die Kofinanzierung außer Kraft setzen, um zusätzliche Regionalfondsmittel für Athen zu aktivieren. Damit würden die immer tiefer werdenden griechischen Löcher erstmals direkt aus dem EU-Haushalt gestopft. Die Legende, es gehe ja nur um Kredite an Athen, wäre endgültig widerlegt, ein europäischer Finanzausgleich etabliert. Statt neue Rettungsfässer aufzumachen, sollte Juncker einer anderen Perversion nachgehen. Aus den Regionalfonds wurden viele Infrastrukturprojekte gefördert, deren Unterhalt heute den Haushalt der Empfängerländer belastet. Da gibt es genug Reformbedarf.

Italien ohne Energiekonzept

Gutachten sieht Verstoß gegen das Grundrecht auf Eigentum jja. BERLIN, 19. Juni. Mehrere Energieversorger bereiten eine Verfassungsbeschwerde gegen den Ausstieg aus der Kernkraft vor, den der Bundestag am 30. Juni endgültig beschließen will. Der Vorstoß in Karlsruhe soll den Weg für eine Schadensersatzklage in Milliardenhöhe vor den Zivilgerichten bereiten. Der Stromkonzern Eon hat von der Anwaltskanzlei Gleiss Lutz bereits ein entsprechendes Gutachten eingeholt, das dieser Zeitung vorliegt. Auch der Essener Konzern RWE sieht sich durch das Aktiengesetz zur juristischen Gegenwehr gezwungen, wie dort zu hören ist. Der Verfassungsrechtler und frühere CDU-Politiker Rupert Scholz sowie der Verwaltungsrechtler Christoph Moench sehen in dem Gesetzespaket der Regierungskoalition gleich einen doppelten Verstoß gegen das Grundgesetz. Das Verbot, acht der Reaktoren wieder hochzufahren, und die Verkürzung der Restlaufzeiten für alle anderen Meiler verletzen ihrem Gutachten zufolge sowohl das Grundrecht auf Eigentum wie auch die Berufsfreiheit. Die beiden Juristen kommen überdies zu dem Schluss, dass die Kernbrennstoffsteuer nicht länger erhoben werden dürfe. Daher wollen zumindest RWE und Eon die entsprechenden Bescheide schleunigst vor den Finanzgerichten anfechten, wie zu erfahren war. Vattenfall erwäge überdies wegen der Abschaltungen den Gang vor ein internationales Schiedsgericht. Die Eon-Gutachter pochen auf den Vertrauensschutz der Kernkraftbetreiber. Sie

will: Wenn sich die Energieversorger vor dem Bundesverfassungsgericht durchsetzen, dürften Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe fällig werden. Prognosen über den Ausgang eines Gerichtsverfahrens verbieten sich zwar in Karlsruhe noch mehr als vor jedem anderen Gericht. Doch haben die Gutachter der Stromerzeuger ein paar Argumente zu bieten, die sich nicht einfach wegwischen lassen. Die höchsten Richter werden wohl in solch einer heiklen Grundsatzfrage wie dem Atomausstieg nicht ihre eigene Weisheit über die der Volksvertreter stellen. Doch könnten sie immerhin verlangen, dass die Energiekonzerne einen finanziellen Ausgleich für den Zickzackkurs der schwarz-gelben Bundesregierung erhalten. Wenn die Politik aus einer Naturkatastrophe im fernen Asien Konsequenzen für die heimische Stromerzeugung ziehen will, darf sie dies nicht einfach auf dem Rücken einzelner Unternehmen (und ihrer Aktionäre) austragen. Selbst in dieser Bundesregierung scheint es mancher Ökofreund vergessen zu haben: Auch Betreiber von Kernkraftwerken haben Grundrechte.

SMS Group ...................................18 Solar Millennium ...................16 UAC ...................................................14 Uzin Utz .........................................19 Volkswagen ................................14 Zouk Capital ..............................16

Von Tobias Piller, Rom ur Frage der Atomkraft hatte ItaZ liens Schatz- und Finanzminister Giulio Tremonti bis vor kurzem ein besonders einfaches Argument parat: „Die Deutschen wachsen so schnell, weil sie Atomkraft haben.“ Dass dieser Satz zu banal ist, um den Unterschied zwischen einem Prozent realem Wachstum in Italien und fast vier Prozent in Deutschland zu begründen, ist auch dem italienischen Schatzminister klar. Dennoch erklärt gerade diese Aussage, warum die Regierung von Silvio Berlusconi überhaupt auf die Idee kam, die Rückkehr Italiens zur Atomkraft zu planen. Zugleich lässt sich damit auch verstehen, warum nun doch nichts aus diesen Zukunftsplänen wird. Denn die Vorstellungen der Regierung von den ökonomischen Vorteilen der Atomkraft waren viel zu vage formuliert, um ernst genommen zu werden. Dass vor einer Woche 57 Prozent der italienischen Wahlberechtigten an einer Volksabstimmung teilnahmen und davon dann knapp 95 Prozent gegen Atomkraft stimmten, war allerdings nicht nur auf wachsende Angst nach der Katastrophe von Fukushima zurückzuführen. In ihrer Kampagne hatten die Opposition und die vielen unterstützenden Medien suggeriert, die Teilnahme an der Volksabstimmung könne der Regierung Berlusconi den Todesstoß versetzen. Die Abstimmung über die Atomkraft sollte ein Zugpferd sein, um möglichst viele Wähler an die Urnen zu bekommen, die daneben gegen die Privatisierung der Wasserversorgung und gegen ein Gesetz zur Begünstigung Berlusconis in seinen Prozessen stimmen sollten. Nun wird der klare Ausgang der Abstimmung auch als Votum gegen Berlusconi interpretiert. Doch ist die Annahme, dass Berlusconi mit der Volksabstimmung gestürzt werden könne, voreilig. Der Ministerpräsident steckt zwar in vielerlei Schwierigkeiten, ist aber bislang noch stark genug, um zu den inhaltlichen Fragen der Volksabstimmung die Schulter zu zucken und weiterzumachen wie bisher. Entsprechend gelassen behandelt die Regierung nun auch die Frage der langfristigen Energieversorgung des Landes: Dieses Problem ist viel zu weit weg von der Tagespolitik und der römischen Nabelschau, um echtes Interesse von Politikern oder gar eine nationale Diskussion hervorzurufen. Wenn der Unternehmerverband darauf drängt, sich über die künftige Energieversorgung Italiens mehr Gedanken zu machen, klingen seine Repräsentanten daher wie Rufer in der Wüste. Tatsächlich ist Italien kurzfristig auch nicht zum Handeln gezwungen. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche neue Gaskraftwerke ans Netz gegangen, die wegen eines Gesetzgebungstricks die gleiche Förderung genossen haben wie Anlagen für alternative Energien. Italien hatte

schon 1987, nach der Katastrophe von Tschernobyl, seine damals vier Kernkraftwerke abgeschaltet. Seither bezog Italien ein Sechstel seines Stroms aus französischen Meilern, ohne dass sich die Politik daran störte. Beklagt haben sich nur die Unternehmer. Nach ihren Berechnungen liegt der Strompreis in Italien um etwa ein Drittel höher als in konkurrierenden Industrieländern, vor allem Frankreich. Italien steuert nun in eine Situation, in der weit mehr als die Hälfte des Stroms mit importiertem Gas vor allem aus Algerien, Libyen und Russland erzeugt wird. Die Kernkraft sollte diese Abhängigkeit langfristig lin-

Die pragmatische Lösung wird womöglich in Zukunft wieder der Import von Strom sein. dern. Doch nachdem nun wegen des Bürgerkriegs in Libyen die Gaspipeline geschlossen werden musste, wird Italien womöglich beim ersten Kälteeinbruch des kommenden Winters zum Nachdenken über die eigene Energieversorgung gezwungen. Die erneuerbaren Energien – abseits der reichlich vorhandenen Wasserkraft – sind dabei bis vor kurzem immer stiefmütterlich behandelt worden, obwohl Solarzellen in Italien etwa ein Viertel mehr Sonnenenergie erhalten als diejenigen in Deutschland. Doch wenn Regierungen alle paar Monate wechseln, zuletzt pausenlos wackeln, eifersüchtige Regionen ihre eigene Energiepolitik verfolgen und schließlich Bürokraten vieles verschleppen und blockieren, gibt es statt langfristiger Strategien oft nur Zufallsprodukte. So geriet im vergangenen Jahr die üppige Solarförderung bei fallenden Installationskosten zu einer Bonanza für schnelles Geldverdienen, die sogar Ausländer und Mafia in die Branche lockte. Als kurzfristig die Förderung gekürzt wurde, führte dies zu einem Aufschrei diverser Lobbyisten, obwohl die Fachleute auch danach noch befinden, in Italien lägen die Subventionen für Solarstrom höher als in Deutschland. Langfristige Perspektiven bietet Italiens Energiepolitik damit aber immer noch nicht. Die pragmatische Lösung wird womöglich in Zukunft wieder der Import von Strom sein. Wenn sich andere Länder bereitfinden, weiterhin Atomkraftwerke zu dulden, ergibt sich daraus ein Geschäftsmodell auch für den italienischen Stromkonzern Enel, der in Spanien und der Slowakei Kernkraftwerke betreibt. Enel-Chef Fulvio Conti würde gerne Atomstrom sowohl nach Italien als auch nach Deutschland liefern. Er sagt dazu dann, er wolle im Zweifel seine künftigen Kraftwerke noch näher an die Landesgrenzen bauen.


Wirtschaft

SE IT E 12 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

DER VOLKSWIRT

WIRTSCHAFTSBÜCHER

Das amerikanische Modell im Vormarsch Die Mehrzahl der Studenten, die promovieren, schreibt ihre Doktorarbeit bei nur einem Professor. Aber das amerikanische Modell der Graduiertenschulen gewinnt an Bedeutung. Dort werden Doktoranden frühzeitig ins kalte Wasser des internationalen Wettbewerbs geworfen. Von Philip Plickert er klassische Doktorand ist oftmals ein Einzelkämpfer. Er hat viel Freiheit, aber auch viel Unsicherheit. Über Jahre brütet er über seiner Dissertation. Dabei ist er, wie Kritiker monieren, vom Wissen und Wohlwollen seines Doktorvaters abhängig. Graduiertenschulen unterscheiden sich radikal davon: Hier erwartet die Doktoranden in den ersten Semestern ein straff strukturiertes Programm an Kursen. Sie lernen in kleinen Teams, forschen gemeinsam und verfassen erste wissenschaftliche Studien, die sie in begutachteten Zeitschriften unterbringen müssen. Das Modell der „Graduate Schools“ kommt aus den Vereinigten Staaten – und viele Ökonomen in Deutschland schauen neidisch auf den dortigen hohen Standard in der Ausbildung junger Wissenschaftler. Mittlerweile gibt es an zehn deutschen Universitäten volkswirtschaftliche Graduiertenschulen. Den Anfang machte die VWL-Fakultät in Bonn schon vor mehr als zwei Jahrzehnten. Sie gilt heute noch als führende Adresse. Gut etabliert haben sich auch die VWL-Graduiertenschulen in Mannheim, München und Köln sowie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Drei Universitäten im Ruhrgebiet haben gemeinsam eine Ruhr Graduate School gegründet. Zu den Aufsteigern der jüngsten Zeit gehört Frankfurt. Neu hinzu kommt nun vom Wintersemester an ein Doktorandenprogramm der noch jungen VWL-Fakultät in Düsseldorf. „Früher saß der Doktorand allein in seiner Kammer, er hat sehr viel und breit gelesen“, erinnert sich der Wettbewerbsökonom Justus Haucap, der die Düsseldorfer Fakultät aufbaut, an seine eigene Erfahrung. „Jetzt setzt sich immer mehr das angelsächsische Modell durch.“ „Der Vorteil einer Graduiertenschule ist vor allem die internationale Ausrichtung“, sagt Urs Schweizer, Leiter der renommierten Bonn Graduate School in Economics. „Die Doktoranden müssen sehr früh auf Tagungen auftreten und ihre Forschungsarbeiten der internationalen Konkurrenz und Kritik aussetzen.“ Zum selbständigen Forschen kommen die Doktoranden allerdings erst nach drei Semestern, wenn sie die Grundausbildung absolviert haben. In dieser Kursphase müssen sie nochmals die Kerndisziplinen Mikro und Makro vertiefen und fortgeschrittene statistische und empirische Methoden pauken. An manchen Graduiertenschulen wie Mannheim gibt es dann eine Zwischenhürde, wie es an den amerikanischen Spitzenuniversitäten üblich ist. Die Kandidaten müssen ihre bisherigen Noten aus den Kursen und vorläufigen Prüfungen vorlegen. „Erst dann fällt die Entscheidung, ob der Kandidat mit der Promotion weitermachen darf“, erklärt Ernst-Ludwig von Thadden von der Mannheimer Graduate School. Schon vor dem Eintritt ins Doktorandenprogramm wird kräftig gesiebt. Nur Bewerber mit exzellenten Noten und bisherigen Studienleistungen haben eine Chance. Die Bonner Graduiertenschule erhält jährlich bis zu 400 Bewerbungen. Davon wählt eine zentrale Kommission die 20 bis 25 besten Kandidaten aus. In

D

Illustration Peter von Tresckow

Mannheim gibt es 20 Plätze, auf die jährlich 300 Bewerber kommen. „Die Zahl wächst rapide“, sagt Thadden. „Und zugleich herrscht zunehmend ein harter weltweiter Wettbewerb der Graduate Schools um die besten Bewerber.“ Dass die Professoren an der Graduiertenschule gemeinschaftlich über die Auswahl und die Fortschritte der Doktoranden wachen, hält Urs Schweizer für einen großen Vorteil. Früher habe sich bei Promotionen an einzelnen Lehrstühlen ein zu enges und unkritisches Lehrer-Schüler-Verhältnis entwickelt. „Diese Beziehung wird nun ausgeweitet, und es gucken viel mehr Augen auf das Entstehen der Dissertation“, sagt der Bonner Professor. „Eine Guttenberg-Dissertation ist da

nicht mehr möglich“, ergänzt sein Mannheimer Kollege Thadden, der selbst in Bonn promoviert wurde. Aus Sicht der Doktoranden sei der größte Vorteil einer Graduiertenschule der stärkere Zusammenhalt der jungen Forscher, meint Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), das gemeinsam mit der Ruhr-Universität in Bochum, der TU Dortmund und der Universität Duisburg-Essen die Ruhr Graduate School betreibt. „Die Doktoranden arbeiten in einer Gruppe von Leuten mit sehr ähnlichen ökonomischen Interessen, sie sind alle gleich begeistert und gleich ,verrückt‘. Das Niveau ist sehr anspruchsvoll, aber in der Leidensgemeinschaft kön-

Deutsche Graduate Schools für VWL Bonn hat die älteste deutsche Graduate School für Ökonomie-Doktoranden. Sie ist bekannt für ihre Stärke in theoretischen Grundlagenarbeiten und in quantitativen Methoden und wirbt mit großen Namen wie Reinhard Selten, Werner Hildenbrand und Armin Falk für sich. (Informationen unter: www.bgse.uni-bonn.de). Viele ihrer Absolventen haben führende Positionen an anderen deutschen Universitäten und Graduate Schools, zum Beispiel in Mannheim. Die dortige Graduiertenschule (www.cdse.unimannheim.de) besteht seit 2006. Ehemalige Bonner gibt es auch an der Münchner Graduiertenschule (www.mgse.vwl.uni-muenchen.de). Die Münchner betonen als Standortvorteil das Umfeld mit dem Ifo-Institut sowie zwei Max-Planck-Instituten. „Wir gehören zu den besten drei Standorten in Deutschland und sind damit auch international wettbewerbsfähig“, sagt Sven Rady, Leiter der Munich Graduate School of Economics.

Zu den guten Adressen zählen auch die seit 2008 bestehende Cologne Graduate School an der Kölner Fakultät (www.cgs.uni-koeln.de), welche die Grenzen zwischen VWL und BWL überschreitet, sowie die noch junge Graduate School of Economics, Finance, and Management (www.gsefm.eu), ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Frankfurt und Mainz. Die GSEFM vergibt den angelsächsischen Doktorgrad Ph. D. „Damit bringen wir den Anspruch zum Ausdruck, unsere Doktoranden auf dem gleichen Niveau wie in den führenden PhD-Programmen europaweit und auch für den internationalen Arbeitsmarkt auszubilden“, sagt die junge Professorin Nicola FuchsSchündeln. Die meisten Graduiertenschulen vergeben Stipendien von etwa 1100 Euro im Monat. Einige verlangen von den Doktoranden, dass sie neben der Forschung auch unterrichten. Lehrveranstaltungen und Prüfungen sind in englischer Sprache.

nen sie zusammen forschen und wachsen.“ Auch in Zukunft werden aber nicht alle Doktoranden auf einer Graduiertenschule drängen. „Es gibt verschiedene Wege zum Glück“, sagt Schmidt. „Nicht für jeden ist das Graduate-School-Programm das Richtige.“ An seinem Institut bietet er daher weiter klassische Assistentenstellen an für solche Doktoranden, die den direkten Einstieg in die empirischökonomische Praxis suchen. Die meisten Graduiertenprogramme dauern vier Jahre bis zur Promotion, einige bleiben etwas darunter, andere liegen etwas darüber. Klares Ziel der Ausbildung ist es, den Nachwuchs für eine wissenschaftliche Karriere fit zu machen. „In Amerika kennt man das gar nicht, dass jemand einen Doktor machen möchte, wenn er nicht später Professor an einer Hochschule werden will“, sagt Schweizer. Der in Deutschland und Österreich verbreitete Wunsch, einen Doktortitel zu erwerben, um ihn auf die Visitenkarte zu schreiben und so in der Wirtschaft oder in der Politik berufliche Vorteile zu haben, ist den Angelsachsen eher fremd. Um in der Wirtschaftswissenschaft heute Karriere zu machen, zählen vor allem die Veröffentlichungen in den begutachteten amerikanischen Top-Zeitschriften. „Die Stars bei uns schaffen es, ein zehnseitiges Papier in der ,American Economic Review‘ oder in ,Econometrica‘ unterzubringen“, sagt Urs Schweizer von der Bonn Graduate School. Die Bonner Fakultät, an der viele Jahre der Spieltheoretiker Reinhard Selten, der einzige deutsche Wirtschaftsnobelpreisträger, gelehrt hat, gilt in ökonomisch-theoretischer Grundlagenforschung in Deutschland als führend. „Das Ziel, in Top-Journals zu publizieren, ist als Ansporn wichtig“, sagt Schweizer. Allerdings geht selbst ihm die Verengung des Blicks auf Publikationen in den sogenannten A-Journalen zu weit. „Wenn Sie bei der Besetzung von Professuren nur noch darauf achten, ob der Bewerber in den A-Journals veröffentlicht hat, aber die Beiträge gar nicht mehr inhaltlich anschauen, dann läuft etwas schief.“

Die EU in der Interventionsspirale Von der Ausschaltung des Währungswettbewerbs zur großen Transferunion / Tagung der Hayek-Gesellschaft Während Europas Politiker mit immer größeren Summen das überschuldete Griechenland stützen, wächst unter Ökonomen die Sorge, wo das alles enden soll. Auf den Hayek-Tagen jüngst in Freiburg war viel Kritik an der Euro-Politik zu hören. Einige halten den Euro grundsätzlich für eine Fehlkonstruktion. „Der Euro platzt“, meinte etwa der Tübinger Ökonom Joachim Starbatty. Auf der anderen Seite argumentierte der Finanzwissenschaftler Lars Feld, dass die Krise noch beherrschbar sei. Er kritisierte aber den Kauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank. Sie entwickle sich zur „Bad Bank von Europa“. Die EZB müsse ihren Widerstand gegen eine Umschuldung aufgeben, auch wenn sie dadurch selbst Verluste erleide. Feld, der Mitglied des Sachverständigenrats ist, forderte eine schnelle Entscheidung für eine Umschuldung Griechenlands.

„Nur etwa ein Drittel der griechischen Schulden sind noch in privaten Händen. Wenn wir noch ein paar Monate warten, dann werden die Schulden lediglich zwischen öffentlichen Gläubigern hin und her geschoben“, warnte Feld auf der Tagung des Hayek-Gesellschaft. Zur Frage, wie sanft die Umschuldung sein solle, sagte er dieser Zeitung: „Auf schlichte Freiwilligkeit zu setzen reicht nicht aus.“ Die EU-Regierungen sollten sich dazu durchringen, den Gläubigern Anreize zum Umtausch in neue Anleihen zu setzen, die den Barwert der griechischen Staatsschuld verringern und dennoch den Druck zur Konsolidierung für Griechenland aufrechterhalten. „Anreize sind kein Zwang. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, ein Kreditereignis zu vermeiden.“ In jedem Fall drohten aber den europäischen Steuerzahlern hohe Belastungen. Feld warnte vor einer Überforderung

der Solidarität. „Das kann eine Gefahr für die europäische Integration werden.“ Euro-Kritiker Starbatty sieht Europa in einer Sackgasse. Die Politik glaube, sie könne sich über ökonomische Gesetze stellen. Das sei jedoch ein Irrtum. Jede gescheiterte Intervention ziehe die nächste, korrigierende Intervention nach sich. Dieses Phänomen hatte Ludwig von Mises, der Lehrer Friedrich August von Hayeks, als „Interventionsspirale“ bezeichnet. Die Währungsunion habe das Ventil flexibler Wechselkurse versperrt und die Zinsen auf Niveaus gebracht, die für die Peripherieländer zu niedrig waren. Daraus folgte zunächst ein Boom in der Peripherie, bis die Kreditblase platzte. „Diese Krise ist nur entstanden, weil wir Euroland geschaffen haben“, meinte Starbatty. Von der Ausschaltung des Währungswettbewerbs führe eine Kette von Interventionen bis zum Vertragsbruch des großen

„Bail-out“. „Und auch die griechische Demokratie ist zerstört worden.“ Die in der Rezession gefangene, nicht wettbewerbsfähige griechische Wirtschaft könnte von einem Austritt aus der Währungsunion und einer Abwertung profitieren. Dem widersprach Feld: Bei einer Abwertung würden die Euro-Altschulden aufwerten und die Last noch zunehmen. Für den Bonner Politikwissenschaftler und Soziologen Erich Weede sind die Hilfspakete der Einstieg in eine großangelegte europäische Transferunion. „Damit werden die Anreize für eine solide Haushaltspolitik geschwächt, der Termin unseres eigenen Bankrotts wird vorverlegt“, sagte er. Die Politik agiere kurzfristig, sie denke nur bis zum nächsten Wahltermin. Als Gegenmittel empfahl er mehr Elemente direkter Demokratie und Schuldenbremsen in der Verfassung: „Die Politik muss in Fesseln gelegt werden.“ ppl.

Wach auf, Deutschland Schrumpfendes Volk und steigende Verschuldung Noch ein Buch, das den Deutschen den langfristigen Abstieg prophezeit. Der Fernsehjournalist Günter Ederer warnt vor erdrückend hohen Staatsschulden und schrumpfender Bevölkerung, kritisiert Subventionen und Umverteilung, Verantwortungsscheu und Furcht vor dem Wettbewerb. Deutschland fahre „politisch korrekt gegen die Wand“, so der Untertitel seiner Streitschrift. Der Titel „Träum weiter“ drückt die pessimistische Erwartung aus, dass die Deutschen keine Rebellen sind. Es gebe eine mentalitätsgeschichtliche Kontinuität vom Kaiserreich über NS-Staat und DDR bis heute, die sich in Untertanengeist, Ablehnung des Marktes und neuerdings in der Angst vor dem Klima-Weltuntergang ausdrücke. Über weite Strecken ist dieses provokante Buch gut lesbar. Es enthält Analysen, Anekdoten und Beispiele, die der Wirtschaftsjournalist für ARD- und ZDF-Sendungen in drei Dutzend Ländern gesammelt hat. Einige Aussagen sind allerdings zweifelhaft. Völlig unausgegoren ist Ederers Plädoyer für eine rasche Tilgung aller Staatsschulden durch eine Teilenteignung von Grundeigentum und Finanzvermögen. Dieser Brachialvorschlag („nichts für Weicheier“) würde eine schwere Wirtschaftskrise durch massenhafte Kapitalflucht auslösen. Die meisten anderen Analysen des Buchs sind durchaus vernünftig und sehr ernst zu nehmen. Als Hauptprobleme des Landes sieht der Autor die steigenden Staatsschulden in Verbindung mit der demographischen Entwicklung. Zu den ausgewiesenen Schulden zählt er die verdeckten Verbindlichkeiten, darunter eine Billion Euro für künftige Beamtenpensionen und Finanzierungslücken im Gesundheitswesen von einer Billion Euro. Insgesamt addieren sich die impliziten Verbindlichkeiten auf 5 Billionen Euro, die von schrumpfenden Generationen zu schultern sein werden. Ederer hält die demographische Implosion für besorgniserregend, die zur Entleerung ganzer Landstriche führt. „Deutschland ohne Deutsche“ lautet die düstere Vision für das späte 21. Jahrhundert – die nach Aussage des Autors vor Sarrazin verfasst wurde. Dass allzu viele hochqualifizierte Zuwanderer kommen, glaubt Ederer nicht. Dafür seien die beruflichen und steuerlichen Bedingungen nicht attraktiv genug. Die bisherige Zuwanderungspolitik sei vom Verdrängen von Problemen geprägt gewesen. Ungewohnt für einen liberalen Publizisten ist die Vehemenz, mit der Ederer gegen gierige Banken, Großkonzerne und das grüne Bürgertum vom Leder zieht. Hier spricht Ludwig Erhard für den kleinen Mann. Viele Subventionen kritisiert Ederer auch deshalb so scharf, weil sie eine finanzielle Umverteilung

von unten nach oben bedeuten. So profitieren von den Agrarmiilliarden zu erheblichem Teil Großbetriebe und Lebensmittelkonzerne, während der Verbraucher die Zeche zahlt. Mit besonderer Wut erfüllt Ederer das EEG-Gesetz. Die Einspeisevergütung für „grünen“ Strom – nach einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung sollen es bis 2015 schon 120 Milliarden Euro sein – bringt den Besitzern von Solaranlagen und Windrädern staatlich garantierte Rendite. Zur Kasse gebeten wird über die Stromrechnung jeder Geringverdiener. Die in der Solarindustrie entstandenen Arbeitsplätze beeindrucken Ederer nicht, da sie hoch subventioniert sind. Mit Grausen sieht er, wie immer mehr Günter Ederer: Träum weiter, Deutschland.

Eichborn Verlag, Frankfurt 2011, 366 Seiten, 21,95 Euro.

Industrien auf der grünen Welle zu neuen Subventionen surfen, etwa die Autoindustrie, die ursprünglich gerne bis zu 5 Milliarden Euro für die Entwicklung von Elektroantrieben gehabt hätte. Die These, dass viele Subventionen vor allem der Mittel- und Oberschicht nützten, illustriert der Autor auch mit Beispielen aus dem Kulturbetrieb, etwa den bezuschussten Theater- und Opernkarten. Nicht nur von der Kultur, auch von Schwimmbädern, Wasserwerken und Müllabfuhr solle der Staat die Finger lassen, fordert Ederer. Den ganzen Komplex der kommunalen „Daseinsfürsorge“ würde er gerne privatisieren. Auf der eher konservativen Seite des Spektrums kritisiert er die Wirtschaftskammern, die ihre Zwangsmitglieder vom Staat protegieren lassen und keinen freien Marktwettbewerb zuließen. Das gesamte Subventionswesen – nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft mehr als 170 Milliarden Euro jährlich – könnte radikal zusammengestrichen werden. Zum Sparen müsse eine Steuerreform kommen, die Ausnahmen abschaffe und die Steuersätze senke. Ein Vorbild für solche Reformen findet er in Neuseeland, das eine scharfe Wende gewagt und davon enorm profitiert hat. Der deutschen Politik fehlten dazu aber die Kraft und der Mut. Ein neuer Ludwig Erhard sei nirgendwo zu sehen, beklagt Ederer. So lautet sein pessimistisches Fazit, dass der Abstieg Deutschlands unumkehrbar PHILIP PLICKERT kommen werde.

Zugriff auf die Vermögen Müssen die Freien Berufe den Staat sanieren? Jetzt wissen wir, was uns droht. Der Volkswirt Christian Hagist (Ulm) rechnet vor, was zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte in Deutschland notwendig ist. So müssten die Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben dauerhaft um 16,3 Prozent erhöht werden. Alternativ möglich wären permanente Einsparungen bei staatlichen Leistungen um 13,8 Prozent. Zunächst hören sich diese Zahlen, veröffentlicht in Wolfgang Kahls Sammelband über nachhaltige Finanzstrukturen, weniger dramatisch an als die Debatten über das bedeutendere Problem der expliziten und impliziten Staatsverschuldung. Doch sowohl Steuererhöhungen als auch Sparmaßnahmen müssen politisch durchgesetzt, ökonomisch durchdacht und vor allem juristisch felsenfest sein. Diese rechtliche Seite beleuchtet Kai von Lewinski (Karlsruhe) in seiner beeindruckenden Habilitationsschrift. Er berührt dabei auch delikate Fragestellungen wie das Vermögen der Versorgungswerke der Freien Berufe. Diese seien zwar durch das Eigentumsrecht im Grundgesetz geschützt, „ein solcher Griff nach den Versorgungswerken Kai von Lewinski: Öffentlichrechtliche Insolvenz und Staatsbankrott. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 611 Seiten, 124 Euro

kann für den finanziell strauchelnden Staat gleichwohl verführerisch sein. Denn selbst wenn er die Versicherungsansprüche zu ihrem vollen Wert zum Beispiel in die gesetzlichen Sozialversicherungssysteme übernähme, würde er Zugriff auf das gesamte angesammelte Vermögen und damit jedenfalls kurzfristig einen Liquiditätsgewinn haben.“ Es gibt noch weitere Ideen. Jochen Wieland, Finanzjurist aus Speyer, hält es für gerecht, Freiberufler der Gewerbesteuerpflicht zu unterwerfen. Zudem sollten alle Erben – bei großzügigen Frei-

beträgen in der Familie – mit einem „zumutbaren Satz“ zur Erbschaftsteuer herangezogen werden. Lars P. Feld, Finanzwissenschaftler und Wirtschaftsweiser aus Freiburg, fordert für die Bundesländer eine „echte Steuer- und Ausgabenautonomie“. So sollten sie Einkommensteuersätze autonom bestimmen könWolfgang Kahl (Hrsg.): Nachhaltige Finanzstrukturen im Bundesstaat Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2011, 267 Seiten, 69 Euro

nen. Zudem müssten Finanzminister auf allen Ebenen eine institutionell starke Position erhalten – darin ist er sich mit von Lewinski einig. Feld fordert darüber hinaus – wie viele Verfechter des Wettbewerbsföderalismus in den vergangenen Jahren – eine Insolvenzordnung von Staaten. Der Jurist von Lewinski legt freilich dar, dass das Recht schon heute Regelungen für die Bewältigung der Insolvenz der öffentlichen Hand bereithält. Das gelte sowohl für anhängende Verwaltungen bei der Gesetzlichen Krankenversicherung ist die Insolvenzfähigkeit seit 2010 gegeben - als auch für den Staat an sich. Allerdings „gibt es kein normiertes Verfahren und nicht einmal anerkannte Indikatoren, eine staatliche Zahlungsunfähigkeit eindeutig festzustellen“. Das Bundesverfassungsgericht sah in seiner Entscheidung, dem Land Berlin keine weiteren Finanzhilfen zuzubilligen, finanzielle Krisen zudem nicht als plötzliches Ereignis, sondern als „langfristigen Prozess sowohl vor als auch nach dem Zeitpunkt des Eintritts der Notlage“. Allerdings bleibt hierbei offen, wo sich die Bundesrepublik Deutschland in diesem Prozess befindet. Noch hat niemand die Zahlungsunfähigkeit Deutschlands festgestellt. Doch wir haben „große Rücklagendefizite vor allem auf der Ebene der Sozialversicherungen“, wie der Ökonom Hagist JOCHEN ZENTHÖFER feststellt.


Wirtschaft

FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

M O N TAG , 2 0 . JU N I 2 0 1 1 · NR . 14 1 · S E I T E 13

Es geht nicht nur um Griechenland

Die FDP verlangt eine baldige Steuerentlastung

Die griechische Krise lässt leicht vergessen, dass die EU noch immer nach einer umfassenden Antwort auf die Wirtschafts- und Schuldenkrise sucht. wmu. LUXEMBURG, 19. Juni. Die Griechenland-Krise ist nicht der einzige Grund, warum diese Woche – wieder einmal – zur Woche der Entscheidungen wird. Viele Reformen, die Staats- und Regierungschefs auf ihrem vergangene Gipfeltreffen im März im Grundsatz beschlossen hatten, sind immer noch nicht in Gesetzesform gegossen. Als Stichtag ist der EU-Gipfel an diesem Donnerstag und Freitag in Brüssel vorgesehen. Doch längst nicht alles ist geklärt. Auf der Tagesordnung stehen die Verschärfung des Stabilitätspakts, die Beurteilung von Leistungsbilanzüberschüssen, die Ausweitung des Euro-Krisenfonds und die Beteiligung privater Investoren. Die EU-Finanzminister müssen sich deshalb an diesem Montag in Luxemburg nicht nur um Griechenland kümmern. Sie müssen auch versuchen, den Streit über die Gesetzgebung auszuräumen. Sollten die wichtigsten Regeln nicht bis Ende der Woche unter Dach und Fach sein, drohte der EU eine neue Debatte über ihre Fähigkeit, Lehren aus der Krise zu ziehen. 쐽 Wirtschaftspolitische Steuerung

Hinter diesem unscharfen Begriff stehen sechs Gesetzgebungsvorschläge der EUKommission. Ihr Ziel besteht darin, die EU-Aufsicht über die Wirtschaftspolitik der Staaten auf einzelnen Feldern zu verstärken. So sollen Fehlentwicklungen früher erkannt und teilweise auch bestraft werden. Es geht um zweierlei: eine Verschärfung des EU-Stabilitätspakts und die Einführung eines Verfahrens bei „makroökonomischen Ungleichgewichten“. Der Stabilitätspakt soll einen erweiterten Anwendungsbereich und neue Verfahrensregeln erhalten. Künftig soll nicht nur ein übermäßiges Staatsdefizit, sondern auch eine zu hohe Staatsschuld geahndet werden. Auch der Sanktionskatalog soll erweitert werden. Die Verfahrensänderung soll dafür sorgen, dass Sanktionen „automatischer“ verhängt werden können. Vorgesehen ist dafür die Regel einer umgekehrt qualifizierten Mehrheit: Der Ministerrat soll von der EU-Kommission vorgeschlagene Sanktionen nur noch mit ZweiDrittel-Mehrheit abwenden können. Diese Regel ist für den „korrektiven Teil“ des Paktes – wenn also ein Land per Sanktion zur Senkung eines bereits eingetretenen Defizits gebracht werden soll – nicht mehr strittig. Für den „präventiven Teil“ lehnen Deutschland und Frankreich die Regel der umgekehrten qualifizierten Mehrheit aber ab, die anderen Mitgliedstaaten haben

Union zurückhaltend / SPD für höheren Spitzensteuersatz

Wie wettbewerbsfähig ist ein Land? Diese Frage soll künftig früher als im Fall Griechenland gestellt werden.

sich ihnen zähneknirschend angeschlossen. Im „präventiven Teil“ ist festgelegt, dass ein Land gar kein oder nur ein geringes strukturelles, also konjunkturbereinigtes Haushaltsdefizit aufweisen darf. Damit soll schon die Entstehung von Defiziten verhindert werden: Ein Staat soll bei guter Konjunktur Überschüsse erzielen. Tut er es nicht, kann die Kommission Sanktionen vorschlagen, auch wenn der Defizit-Referenzwert von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts noch nicht überschritten ist. Bisher kann dieser Vorschlag nur durch eine Zweidrittelmehrheit aktiviert werden. Wie die Kommission besteht auch die Parlamentsmehrheit auf der umgekehrt qualifizierten Mehrheit, im Ministerrat gilt dieser Punkt als nicht mehr verhandelbar – einer der beiden Konflikte zwischen Rat und Parlament, die noch auszuräumen sind. Zum anderen sollen Verfahren bei „makroökonomischen Ungleichgewichten“ eingeführt werden. Die Kommission soll künftig die Wettbewerbsfähigkeit in den einzelnen Mitgliedstaaten anhand verschiedener Indikatoren – vor allem Arbeitsproduktivität und Löhne – prüfen und in Einzelfällen auch Sanktionen verhängen können. Anders als von Deutschland gefordert, sieht der vorläufige Kompromiss von Rat und Parlament eine grundsätzlich „symmetrische“ Behandlung von Leistungsbilanzüberschüssen und -defiziten vor. Damit könnten theoretisch auch Exportüberschüsse Gegenstand von Beanstandungen sein, was Deutschland unbedingt verhindern will. Derzeit ist die symmetrische Behandlung nur vorgesehen,

wenn sie „angemessen“ ist – was im Falle von Exportüberschüssen schwer vorstellbar ist. Die deutsche Seite will weiterhin eine rein asymmetrische Behandlung durchsetzen. In EU-Kreisen heißt es, angesichts der wichtigen Rolle Deutschlands auf anderen aktuellen Konfliktfeldern – Stichwort Griechenland – werde sich die deutsche Seite am Ende wohl auch durchsetzen. Damit konzentrierten sich die Ungleichgewichtsverfahren auf Staaten mit Defiziten in der Wettbewerbsfähigkeit – bis auf weiteres also die Südstaaten. 쐽 Europäisches Semester

Erstmals entscheiden die Minister über die Kommissionsberichte zur Wirtschaftsund Finanzpolitik der Mitgliedstaaten im Rahmen des europäischen Semesters. Die EU-Behörde hat diese Berichte vor zwei Wochen vorgelegt und allen Ländern einige wirtschafts- und finanzpolitische Hausaufgaben aufgegeben. Deutschland wurde beispielsweise aufgefordert, die Sanierung und Verkleinerung der Landesbanken endlich voranzutreiben. Allzu verbindlich sollen die Beschlüsse indes nicht werden: Die Bundesregierung leitet daraus keine konkreten Handlungsanweisungen ab. Die für den EU-Gipfel vorgesehenen Beratungen der Verantwortlichen über ähnliche Themen im Rahmen des von Merkel initiierten „Euro-Plus-Pakts“ sollen ähnlich unverbindlich sein. 쐽 „Ertüchtigung“ des EFSF

Weil der Krisenfonds EFSF wegen notwendiger Übersicherungen nicht das komplette Volumen von 440 Milliarden Euro, sondern nur etwa 250 Milliarden Euro auslei-

Foto Reuters

hen kann, hatten die EU-Staats- und Regierungschefs im März beschlossen, den Fonds zu „ertüchtigen“, also die Kreditsumme auf 440 Milliarden Euro zu erhöhen. Dafür sind zusätzliche Garantien der Mitgliedstaaten erforderlich. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich aber geweigert, einer sofortigen Aufstockung zuzustimmen. Das Thema steht nun abermals auf der Tagesordnung. Der Druck wächst, die „Ertüchtigung“ zu beschließen: Es wird immer wahrscheinlicher, dass der EFSF für weitere Kredite an Griechenland bereitstehen muss. Zeitungsmeldungen vom Wochenende deuten darauf hin, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) einer baldigen Erhöhung der Kreditsumme zustimmen könnte. 쐽 Vertragsänderung für den ESM

Verabredungsgemäß wird der Krisenfonds EFSF 2013 durch eine endgültige Maßnahme abgelöst, die Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) heißen soll. Merkel hat durchgesetzt, dass dafür die europäischen Verträge geändert werden. So will sie sicherstellen, dass der ESM nur in Anspruch genommen wird, wenn es im Sinne der Finanzstabilität des Euroraums nicht anders geht („ultima ratio“). Streit gibt es nun über die von Merkel ebenfalls im Grundsatz durchgesetzte grundsätzliche Beteiligung privater Investoren. Er hat einen ähnlichen Hintergrund wie der aktuelle Streit über die Beteiligung Privater an neuen Griechenland-Hilfen. Anders als Deutschland wollen viele Mitgliedstaaten verhindern, dass die Beteiligung Privater direkt im Gesetzestext festgehalten wird.

Indonesien wird zum Hoffnungsträger Südostasiens Die Hälfte der Menschen leben unter der Armutsgrenze, doch die Wirtschaft wächst che. JAKARTA, 19. Juni. BMW stellt seinen 5er mitten in der Einkaufsmeile aus und wirbt damit, dass er „von Jakarta bis Bali nur eine Tankfüllung“ brauche. Gegenüber, beim Coiffeur Irwan Team, sitzen die Damen in der Warteschlange. Die „Elle Decoration Indonesia“ im Zeitschriftladen stellt die schönsten Luxusvillen Javas vor. Neben ihr liegt die jüngste Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Forbes Indonesia“. Wer durch den Kaufpalast „Great Indonesia“ in Jakarta schlendert, dem fehlt es an nichts – vorausgesetzt, man hält die Kreditkarte gezückt. Auf der Fußgängerbrücke über die achtspurige Jalan Thamrin vor dem Einkaufsparadies hocken diejenigen in der brütenden Hitze, die sich nicht einmal die Nasen an den Schaufenstern von Louis Vuitton, Zara und Gap plattdrücken mögen. Sie verkaufen Gummilatschen, Handyhüllen, Taschentücher. Indonesien, das größte Land Südostasiens, ist dreigeteilt: Die Superreichen parken ihre Ferraris vor dem Kempinski und dem Grand Hyatt. Diejenigen, die sich einen Motorroller leisten können, gehen im Untergeschoss des Grand Indonesia einen Burger essen. Und die, denen auch der Aufschwung der vergangenen zehn Jahre nicht geholfen hat, lungern an Bahnstrecken und Kanälen. Die wachsende Spreizung, eine Inflationsrate von knapp 6 Prozent aufgrund steigender Lebensmittelpreise und die viel zu wenigen Schul- und Ausbildungsplätze könnten dem Land gefährlich werden. Der noch bis 2014 amtierende Präsident Susilo Bambang Yudhoyono weiß das. Und macht sich und seinem 240-Millionen-Volk Mut: „Unser Land ist inzwischen widerstands- und anpassungsfähig“, sagte er kürzlich auf dem Ostasiengipfel des Weltwirtschaftsforums in Jakarta. „Wir haben die Demokratie nun in unserem Erbgut.“ Das war nicht immer so, denn 29 Jahre lang regierte General Haji Mohamed Suharto als Präsident das Land mit eiserner Hand auch zum Wohle seiner eigenen Familie. Die Asienkrise fegte ihn 1998 aus dem Amt. Für die Indonesier ist das Vergangenheit. Seit den kurzen Wirren zu Beginn der neuen Freiheit entwickelt sich die drittgrößte Demokratie der Erde stetig. Gleichwohl werfen viele Yudhoyono vor, zu wenig zu handeln. Als unentschlossen und wenig durchsetzungsstark gilt der Präsident. Die anerkannte Finanzministerin Mulyani Indrawati wur-

de vor die Tür gesetzt, als sie mit den Interessen seiner Partei kollidierte. Stuart Gulliver, Vorstandschef der britischen HSBC Bank, ficht das nicht an: „Ich bin mit Blick auf Indonesien extrem positiv“, sagt er. „Das Land wächst wohl innerhalb eines Jahres in die Anlagebonität hinein.“ Die besaß es zuletzt Mitte der neunziger Jahre. Im April aber hat Standard & Poor’s Indonesien heraufgestuft. Andere teilen seine Sicht: Die Rupiah hat seit Jahresbeginn fast 6 Prozent gegenüber dem Dollar gewonnen. Der Aktienmarkt in Jakarta legte im vergangenen Jahr 43 Prozent zu, die Verschuldung wurde abgebaut. Inzwischen wird das Reich der 17 000 Inseln in einem Atemzug mit den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China genannt. Der Strom von Kapital aus dem Ausland aber wird zum Problem: Beschränkt sich das Engagement auf den Finanzmarkt, nützt es dem Land wenig. Indonesien braucht aber händeringend Investoren, vor allem in Partnerschaft mit der Regierung, für Großprojekte wie Kraftwerke, Verkehrswege oder Häfen. „Alles ist verstopft. Und trotz der verzweifelten Situation bin ich nun optimistisch: Denn die Haltung Investoren gegenüber ändert sich spürbar“, sagt Husodo Angkosubrotu, der mit seinem Konglomerat unter anderem der drittgrößte Ananasbauer der

Indonesien VIETNAM

Welt ist. „Die durchschnittliche Kapitalrendite der Industrie bei uns liegt bei 20 Prozent“, wirbt Mari Pangestu um Geldgeber. Sie ist die beredte Handelsministerin des größten muslimischen Landes der Erde. „Unsere Volkswirtschaft ist in der Vergangenheit um rund 5 Prozent jährlich gewachsen, nun steuern wir auf die 7 Prozent zu. Schaffen wir es, Problemfelder wie Bürokratie, Korruption und die Engpässe der Infrastruktur zu lösen, sind 8 Prozent möglich“, fügt sie an. 2010 wuchs das Land 6,1 Prozent. Dabei ist Indonesien in gewisser Hinsicht mit Indien vergleichbar: Beide Länder leben zum ganz überwiegenden Teil vom heimischen Konsum. Das macht sie widerstandsfähig, auch wenn die Exportnachfrage sinkt. „Wir sind eines der ganz wenigen Länder, die auch während der Finanzkrise 2009 gewachsen sind“, betont denn auch Pangestu. Sie setzt auf die Mittelklasse, wobei ihre Definition sehr weit reicht: „Wir haben 131 Millionen Menschen, die zwischen 2 und 20 Dollar am Tag zur Verfügung haben. Sie sind unser Rückgrat.“ Diese Rechnung macht auch in umgekehrter Richtung Sinn: Die Hälfte der Indonesier lebt unterhalb der Armutsgrenze von 2 Dollar täglich. Im benachbarten Malaysia liegt der Wert bei 2,3 Prozent, in Thailand bei 27 Prozent. Daneben gibt es die reichen Familienclans und einige Gründer, die es zu Mil-

BIP pro Kopf

Öffentlicher Schuldenstand

Inflationsrate (IWF)

in tausend Dollar je Jahr

in Prozent des BIP

in Prozent

PHILIPPINEN PAPUANEUG.

BRUNEI MALAYSIA

3,0 1,6

1,9

3,5

3,8

INDONESIEN

Jakarta

1)

Java

9,8 7,1

6,0

40

4,8 5,1

24,0

20

5,9

OST-TIMOR

0

Bali

AUSTRALIEN

2

1,9

Fläche in Mio. km : 2)

2006 07 08 09 10 11 12

2

Bevölkerungsdichte 2010 je km : 4)

Bevölkerungswachstum 2010 in Prozent: 5)

125 1,5

Arbeitslosenquote 2011 (offiziell) in Prozent:

6,7

Deutsche Importe aus Indonesien in Mrd. €:

3,6

Deutsche Exporte nach Indonesien in Mrd. €:

2,0

(2010)

2001

Wirtschaftswachstum BIP

5,5

6,3

6,0

6,1

2006

2012

2006 07 08 09 10 11 12

Wirtschaftsstruktur

real, Veränderung zum Vorjahr in Prozent

238

Bevölkerung 2010 in Mio.: 3)

13,1

80 80,2 60

2,2 2,3

SINGAP. Sumatra

liarden gebracht haben. Die 40 reichsten Indonesier besitzen ein Zehntel des Bruttoinlandsproduktes. Gerade die Dynastien geraten in Hinblick auf Korruption freilich immer öfter in die Kritik und sind dafür bekannt, ihr Geld an den Finanzstandort Singapur zu verlagern. Noch zögern die Investoren, denn der Ruf Indonesiens ist nicht der beste. Bis zum vergangenen Jahr hat die Investitionsbehörde in Jakarta lieber Faxe verschickt als E-Mails. Nun aber kopiert die Regierung das Modell, dass das Nachbarland Malaysia seit einigen Monaten erfolgreich verfolgt: Es bündelt die Investitionszusagen, stockt sie mit Haushaltsmitteln auf, streckt sie auf langjährige Programme und kommt so zu dreistelligen Milliardensummen. Bis 2025 will die Regierung 465 Milliarden Dollar investiert sehen. Zu den Großprojekten zählen ein Stahlwerk der südkoreanischen Posco im Wert von 6 Milliarden Dollar und 10 Milliarden Dollar von BP. Diese Investitionen sind beispielhaft, weil ein großer Teil des Wachstums den hohen Rohstoffpreisen zu verdanken ist. Doch auch die Bergwerkskonzerne brauchen Häfen und Eisenbahnen: Bis 2015 will die Regierung 65 Milliarden Dollar bereitstellen, um Straßen, Häfen, Kraftwerke und die Telekommunikation auszubauen. Dann werden auch Indonesiens Arme vom Aufschwung profitieren.

6,2

Anteile am BIP 2009 in Prozent 6,5

4,6

2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012

Industrie, Bergbau 37 Landwirtschaft 15 13 Handel, Tourismus Öffentliche, private Dienstleistungen

10

Finanz-, ImmobilienDienstleistungen

7

7 10

Bauwirtschaft

Transport, Telekommunikation

Die kursiv geschriebenen Angaben für 2011 und 2012 sind Prognosen. 1) Deutschland: 357 104 km2. 2) Deutschland: 82,0 Mio. 3) Deutschland: 230 je km2. 4) Deutschland: –0,3 % (2009). 5) Deutschland: F.A.Z.-Grafik Niebel 7,0% (Mai 2011) Quellen: IWF, GTAI, Weltbank, Statistics Indonesia.

jja. BERLIN, 19. Juni. Angesichts der günstigen Wirtschaftsentwicklung hat in der Regierungskoalition wieder eine Diskussion über Steuersenkungen eingesetzt. Der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler sieht Spielraum für rasche Erleichterungen. „Wir müssen in der Regierungskoalition zügig eine Steuerentlastung verabreden, die noch in dieser Legislaturperiode bei den Bürgern ankommt“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Im gegenwärtigen Aufschwung könne man gleichzeitig den Haushalt in Ordnung bringen und die Bürger entlasten. „Für uns Liberale sind die Prioritäten klar: Es geht dabei vor allem um mittlere und untere Einkommen.“ Rösler forderte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zudem auf, sich rasch um eine Reform der Mehrwertsteuer zu kümmern. „Im Umsatzsteuerrecht gibt es viele Sondertatbestände und skurrile Sonderregelungen.“ Der FDPChef äußerte die Erwartung, dass Schäuble die bereits gebildete Reformkommission nun auch bald einberufen werde. FDP-Generalsekretär Christian Lindner sprach sich für mehr Reformfreudigkeit der schwarz-gelben Koalition aus. Als Ziel für die zweite Halbzeit der Legislaturperiode nannte auch Lindner die Ent-

lastung der unteren und mittleren Einkommen. Der bisherige Aufschwung nutze bisher „mehr dem Staat als den Bürgern“, sagte er. Die Union reagierte zurückhaltend auf Röslers Vorstoß. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) wies darauf hin, dass das Grundgesetz die Länder verpflichte, bis spätestens 2020 keine neuen Schulden zu machen. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieber-

„Es geht um mittlere und untere Einkommen.“ Philipp Rösler, FDP-Chef

knecht (CDU) forderte eine radikale Vereinfachung des Steuersystems anstelle rascher Steuersenkungen. Eine Arbeitsgruppe der SPD unter Leitung von Fraktionsvize Joachim Poß hat derweil die Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent vorgeschlagen. Dazu soll ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 53 000 Euro für Alleinstehende eine dritte Progressionszone eingeführt werden, wie die „Frankfurter Rundschau“ berichtete.

Medwedjew im Reform-Elan Russlands Präsident fordert mehr Privatisierung gho. ST. PETERSBURG, 19. Juni. Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew hat sich auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg gegen ein staatskapitalistisches Modell ausgesprochen. Die geplante Privatisierung soll zu diesem Zweck überarbeitet werden. Es könnten Mehrheitsanteile und auch Sperrminoritäten an großen Staatsunternehmen verkauft werden. Ein solcher Schritt war in den bisherigen Plänen nicht in großem Stil vorgesehen gewesen. Medwedjew verwies auch auf eine Stärkung des Föderalismus und forderte weitere Justizreformen. Korruption soll stärker bekämpft werden. Medwedjew sagte, Russland baue keinen Staatskapitalismus auf. Ein solches Modell sei früher einmal notwendig gewesen, jetzt habe es ausgedient. Der Staat halte immer noch einen erheblichen Anteil an der russischen Wirtschaft. In einer solchen Umgebung funktionierten die Märkte nicht, vielmehr regiere dann das Prinzip der Führung „mit Handschaltung“. Hinter der immer wieder bemühten Stabilität könne die nächste Stagnation verborgen

sein. Die Begriffe Handschaltung und Stabilität werden mit dem nicht in St. Petersburg anwesenden russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin verbunden. Die Bemerkungen feuerten die Diskussion um die Präsidentenwahlen im kommenden Jahr an. Weder Putin noch Medwedjew haben bisher ausgeschlossen, antreten zu wollen. Medwedjew betonte, die Strukturreformen würden unabhängig von der Person durchgeführt werden. Medwedjew gab der Regierung den Auftrag, bis August die Privatisierungspläne auszuweiten. Nur bei Infrastrukturunternehmen und militärisch wichtigen Gesellschaften sei Vorsicht geboten. Der russische Präsident hob auch hervor, in einer modernen Welt könne ein Land nicht mehr von einem Ort aus verwaltet werden. Der föderative Charakter Russlands solle ein Wachstumsmotor sein. Er wolle eine Arbeitsgruppe einrichten, die sich mit der Dezentralisierung von Staatsaufgaben befasse. Dabei sollen das Steuersystem und der Finanzausgleich besprochen werden. Auf Genaueres ließ sich Medwedjew nicht ein.

DGB gegen Senkung von Rentenbeiträgen

Russland kauft Hubschrauberträger

jja. BERLIN, 19. Juni. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) rät der Bundesregierung von einer Senkung der Rentenbeiträge ab. „Die Bekämpfung der absehbaren Altersarmut muss absoluten Vorrang vor kurzsichtigen Beitragssenkungen haben“, sagte das Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Sonntag dieser Zeitung. In ihrer aktuellen Schätzung rechnet die Bundesregierung vom 1. Januar 2012 an mit einem Beitragssatz von 19,8 Prozent (derzeit 19,9 Prozent). Damit geht sie zum ersten Mal davon aus, dass es nicht erst 2013 zu einer Entlastung der Beitragszahler kommen könnte (F.A.Z. vom 18. Juni). Buntenbach mahnte hingegen: „Die aktuelle positive Entwicklung sollte die Koalition nicht dazu verführen, den Versicherten große Versprechungen zu machen.“ Eine vorzeitige Beitragssenkung um 0,1 Prozentpunkte würde einen Durchschnittsverdiener mit einem Bruttogehalt von monatlich 2500 Euro lediglich um 1,25 Euro im Monat entlasten. Der Gewerkschaftsbund will deshalb andere Prioritäten setzen. Die Reserven sollten vielmehr genutzt werden, um insbesondere die Millionen von Geringverdienern und Erwerbsgeminderten für das Alter abzusichern. Die „massiven Rentenkürzungen“, die die Rente mit 67 verursache, könnten den Arbeitnehmern erspart bleiben, wenn die Bundesregierung auf die für 2013 geplante Senkung auf 19,3 Prozent verzichte.

gho. ST. PETERSBURG, 19. Juni. Frankreich und Russland haben nach langen Verhandlungen die Lieferung von zwei Hubschrauberträgern der Klasse Mistral nach Moskau vereinbart. Auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg unterzeichneten Vertreter des russischen Rüstungsunternehmens Rosoboronexport und des französischen Herstellers DCNS den Vertrag im Wert von 1,2 Milliarden Euro. Das erste Kriegsschiff soll an Russland im Jahr 2014 ausgeliefert werden, das zweite folgt ein Jahr später. Die Werft STX wird im Auftrag von DCNS die Schiffe in Saint-Nazaire bauen, die russische Staatsgesellschaft OSK soll Teile des Bootskörpers beisteuern. In einem Regierungsabkommen im Januar war der Verkauf von vier Helikopterträgern vereinbart worden. Während die ersten zwei Schiffe überwiegend in Frankreich hergestellt werden, soll die Produktion der folgenden zwei Träger in Russland bei OSK stattfinden. Für die Lizenz-Produktion muss jedoch noch ein eigener Vertrag aufgesetzt werden. Bereits bei der Herstellung der ersten zwei Mistral-Schiffe liege die russische Beteiligung bei 40 Prozent, sagte Roman Trozenko, der Generaldirektor des Schiffbauers OSK. Es ist der erste größere Waffenkauf Russlands seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und auch das erste Mal, dass ein NatoLand mit Hochtechnologie ausgestattete Rüstungsgüter an Russland verkauft.

Moody’s nimmt Italien unter die Lupe

Abgeordnete gegen genveränderten Lachs

tp. ROM, 19. Juni. Die amerikanische Ratingagentur Moody’s hat angekündigt, dass Italiens Kreditwürdigkeit neu geprüft und eventuell herabgestuft werde. Diese Mitteilung folgt nur wenige Wochen nach einer Warnung von Standard and Poor’s, mit der die Aussichten für Italiens Schulden von „stabil“ auf „negativ“ geändert wurden. Für Moody’s sind nicht nur das Volumen der Staatsschulden und die Wachstumsschwäche Italiens wichtig, sondern auch das neue Aufflackern der europäischen Schuldenkrise. Der Risikoaufschlag für die italienischen Staatstitel ist gegenüber den deutschen kräftig gewachsen; zuletzt erreichte er die Marke von 2 Prozentpunkten. Mit bewertet wurde auch die schwindende Handlungsfähigkeit der Regierung nach der Niederlage von Silvio Berlusconis Partei in den Kommunalwahlen und in einer Volksabstimmung. Trotz der Warnung wollen sowohl Berlusconi als auch sein Koalitionspartner Lega Nord sofortige Steuersenkungen.

pwe. WASHINGTON, 19. Juni. Das amerikanische Abgeordnetenhaus hat einen Gesetzentwurf beschlossen, nach dem der Nahrungsmittelbehörde FDA verboten wird, jeglichen gentechnisch veränderten Lachs für den Massenkonsum zuzulassen. Der Gesetzentwurf zielt auf einen genetisch veränderten, besonders schnell wachsenden Lachs der Firma Aqua Bounty, die schon seit Jahren auf die Freigabe dringt. Es wäre das erste gentechnisch veränderte Tier, das als Nahrungsmittel zugelassen würde. Die FDA-Behörde hatte Ende 2010 erklärt, es gebe keine gesundheitlichen Bedenken. Der Lachs wird von Kritikern als „Frankensteinfisch“ bezeichnet. Vor allem Abgeordnete aus dem pazifischen Nordwesten der Vereinigten Staaten kämpfen gegen die Zulassung des Fischs, weil sie um die dort ansässige Lachsfischerei fürchten. Aqua Bounty plant, den Lachs in sterilen Farmen in Kanada und Panama zu züchten, um ihn von dort in Amerika zu verkaufen.


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Unternehmen

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

MAN weist Angebot von VW zurück

Boeings Aushängeschild: Das neue Modell 747-8 auf der Luftfahrtschau von Le Bourget

Foto dpa

Flugzeughersteller rechnen mit Auftragsflut chs. PARIS, 19. Juni. Mit einer Rekordbeteiligung von 2100 Ausstellern beginnt an diesem Montag die Luftfahrtschau von Le Bourget, einem Vorort von Paris. Das im Zweijahresrhythmus stattfindende weltgrößte Branchentreffen der Luft- und Raumfahrthersteller steht im Zeichen der wirtschaftlichen Erholung, die den Herstellern vor allem aus den asiatischen Wachstumsländern eine regelrechte Auftragsflut verspricht. „Wir erwarten ein gesundes Volumen an Auftragseingängen, das die Airshow von Farnborough im vergangenen Jahr deutlich übertrifft“, sagt beispielsweise Myles Walton, ein Analyst der Deutschen Bank. Damals gingen bei Boeing Bestellungen über 157 kommerzielle Flugzeuge ein, bei Airbus 133. Das florierende Geschäft mit der zivilen Luftfahrt sorgt bei jenen Herstellern für Ausgleich, die wie Boeing und die AirbusMuttergesellschaft EADS gleichzeitig unter den schrumpfenden Verteidigungsbudgets der staatlichen Haushalte leiden. Der amerikanische Hersteller Boeing etwa erwartet, dass sich sein traditionelles Gleichgewicht von jeweils rund 50 Prozent Zivil- und Verteidigungsgeschäft in den kommenden Jahren nicht mehr halten lassen wird. „In den nächsten fünf Jahren wird der Umsatz im Verteidigungsgeschäft allenfalls leicht wachsen oder stagnieren“, sagte der Boeing-Vorstandsvorsitzende Jim NcNerney im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das Zivilgeschäft dagegen werde aufgrund neuer Passagiermodelle und der starken Nachfrage nach den bestehenden Flugzeugen deutlich anziehen. „Wir erhöhen die Preise über unsere ganze Modellpalette hinweg in Reaktion auf den großen Bedarf“, sagte Jim Albaugh, der Chef der zivilen Flugzeugsparte von Boeing. Die Auftragsschwemme und der konkurrenzbedingte Innovationsdruck führen auch dazu, dass die großen Hersteller ihre ehrgeizigen Liefertermine einmal mehr nicht einhalten können. Der jüngste Sündenfall ist der vom europäischen Hersteller Airbus geplante Langstreckenflieger A350 XWB. Zwei von drei Modellen dieses Typs kommen zwischen 18 und 24 Monaten später auf den Markt als bisher gegenüber den Kunden kommuniziert wurde, kündigte Fabrice Brégier, die Nummer zwei im Airbus-Management, am Samstag in Paris vor Journalisten an.

Zur Eröffnung der Luftfahrtschau von Le Bourget geben sich die Anbieter zuversichtlich. Boeing ist auf sieben Jahre ausgebucht. Airbus kündigt für den A350 aber weitere Verspätungen an.

Sparkassen planen kontaktlose Karten

Deutschlands Groupon kommt aus Regensburg

BERLIN, 19. Juni (dapd). Die Sparkassen wollen in den kommenden vier Jahren alle 45 Millionen EC-Karten ihrer Kunden austauschen und so die Voraussetzung für das kontaktlose Bezahlen per Funkchip an der Ladenkasse schaffen. „Spätestens bis Ende 2015 hat jeder Sparkassen-Kunde eine Karte, die kontaktlos funktioniert“, sagte Wolfgang Adamiok, verantwortlich für Zahlungsverkehr und Kartenstrategie beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), der „Welt am Sonntag“. Der Austauschprozess der Sparkassen beginnt Ende des Jahres in der Region um Hannover, Braunschweig und Wolfsburg. Ab Februar 2012 sollen die Kunden dann in einzelnen Geschäften zahlen können, ohne dass die Karte noch in ein Lesegerät geschoben werden muss. „Bis zu einem Betrag von 20 Euro wird der Kunde keine PIN eingeben müssen“, sagte Adamiok. Die Banken reagieren damit auf den zunehmenden Kampf um das Bezahlverfahren der Zukunft. Die Wettbewerber sind längst nicht mehr nur Kreditkartenunternehmen wie Mastercard und Visa. Vor allem Internet- und Telekommunikationsunternehmen haben dieses Feld für sich entdeckt. Der Suchmaschinenbetreiber Google startete zuletzt mit Google Wallet ein mobiles Bezahlverfahren, bei dem der Kunde mit seinem Smartphone direkt an der Kasse bezahlen kann. Auch die Sparkassen bereiten sich darauf vor. „Wir gehen davon aus, dass spätestens ab 2014 Sparkassen-Kunden per Handy zahlen können“, sagte Adamiok.

Die Serie von Vertröstungen setzt sich damit fort: Im Oktober 2005 hatte Airbus erstmals grünes Licht für die Entwicklung des A350 gegeben. Dabei handelte es sich aber nur um eine halbherzige Neuauflage des Airbus A330, während Boeing schon intensiv an seinem revolutionären Konzept des 787 Dreamliners arbeitete. Im Juli 2006 kündigte Airbus daher an, den A350 zu einer ganz neuen Maschine zu machen; offizieller Programmstart war im Dezember jenes Jahres. Die Indienststellung wurde damals schon aufgrund der Entscheidung zugunsten eines neuen Modells von Mitte 2012 auf Mitte 2013 verschoben. Später verlegte sie Airbus auf Ende 2013. Für das Kernmodell des in verschiedenen Größen erhältlichen A350-900 (im Normalfall mit rund 340 Sitzen) gilt dieser Zeitplan weiterhin. Doch die Auslieferung der größeren beziehungsweise kleineren Modelle A350-800 und A350-1000 verschiebt Airbus nun abermals. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, räumte Brégier ein. „In einigen wichtigen Bereichen stehen wir unter Druck.“ Dazu zählten Designarbeiten der Ingenieure sowie der

Einsatz von Verbundwerkstoffen. Die größte Version des A350, der für 350 Passagiere geplante A350-1000, soll nun von Mitte 2017 an in Dienst gestellt werden, anderthalb Jahre später als zuvor geplant. Der Markteintritt des für 270 Passagiere ausgelegten A350-800 ist jetzt für Mitte 2016 vorgesehen, zwei Jahre später als bisher vorgesehen. Indem Airbus aber zumindest an der Erstauslieferung des A350-900 festhält, vermeidet der Hersteller einen ähnlich schweren Rückschlag wie bei den Verspätungen des Großraumflugzeugs A 380. Doch auch wenn sie weniger wichtige Modelle betreffen, bringen Verspätungen von 18 bis 24 Monaten die Planungen der Fluggesellschaften durcheinander. Emirates hat schon angekündigt, auf den ursprünglichen Auslieferungsplan bestehen zu wollen. Dies könnte bedeuten, dass Ausgleichszahlungen auf Airbus zukommen. Airbus bietet freilich gleichzeitig eine Modernisierung des A350-1000 an, der in den Augen des Herstellers viel mehr als ein Trostpreis ist. Die Maschine werde mit stärkeren Triebwerken des Typs Trent-XWB von Rolls Royce ausgestattet,

Vier junge Wilde machen Boeing und Airbus Konkurrenz Die Tage des Duopols von Airbus und Boeing sind gezählt. Louis Gallois, der Vorstandsvorsitzende des Airbus-Mutterkonzerns EADS, erwartet, dass sich in naher Zukunft neben den langjährigen Platzhirschen der globalen Luftfahrt mindestens vier weitere Flugzeughersteller etablieren werden. Neben Brasiliens Embraer und der kanadischen Bombardier-Gruppe zählen der russische Anbieter United Aircraft Corporation (UAC) und die Commercial Aircraft Corporation of China (Comac) zu den künftigen Favoriten. Airbus und Boeing spüren vor allem die Konkurrenz von Bombardier. Denn der viertgrößte Hersteller der Welt drängt bereits mit MittelstreckenFlugzeugen der neuen C-Baureihe auf den Markt. Die neuen Maschinen, die Platz für bis zu 130 Passagiere bieten und rund 63 Millionen Dollar je Stück

kosten, zielen auf das Segment, das Airbus und Boeing über Jahrzehnte mit Maschinen der Typen A 320 und 737 besetzt gehalten haben. Ähnlich aggressiv wie Bombardier tritt Comac auf. Der staatliche Hersteller aus China will mit seiner Neuheit „C 919“, die bis zu 190 Passagieren Platz bietet, spätestens 2016 auf den Markt kommen. Bislang liegen Comac 100 Bestellungen vor. Innerhalb der nächsten 20 Jahre soll sich der Absatz auf mindestens 2000 Maschinen dieses Typs erhöhen. Auch das russische Konsortium UAC konnte mit staatlicher Hilfe ein neues Mittelstrecken-Flugzeug entwickeln, das genauso viel Platz wie die Modelle von Airbus und Boeing hat, jedoch nur zwei Drittel so viel kostet und 15 Prozent weniger Treibstoff verbraucht. Für Aufsehen in Le Bourget soll zudem der neue „Su-

perjet 100“ des russischen Militärflugherstellers Suchoj sorgen. Trotz etlicher Anlaufprobleme in der Produktion und bei der Ausrüstung mit Triebwerken sollen bis zum Jahresende 14 Exemplare ausgeliefert werden. Insgesamt liegen 170 Festbestellungen von 10 Fluggesellschaften für das Flugzeug mit 95 Sitzen vor, teilt Suchoj mit. Offen ist indessen die Frage, ob Embraer ein neues Mittelstrecken-Flugzeug anbieten wird. Der Hersteller von Geschäfts- und Regionalflugzeugen will künftig vor allem in China expandieren und muss deshalb wohl auf Drängen der Regierung in Peking Abstriche beim Ausbau seiner Produktpalette machen. Binnen zehn Jahren, lautet die Prognose von Embraer, werde sich allein im Reich der Mitte die Nachfrage nach Geschäftsflugzeugen auf 500 Maschinen verzehnfachen. ufe.

berichtet der Präsident der zivilen Triebwerkssparte von Rolls Royce, Mark King. Damit sollen die Fluggesellschaften bei voller Besetzung rund 740 Kilometer weiter fliegen können, alternativ seien 4,5 Tonnen mehr Nutzlast möglich. „Die neue A350-1000 verbraucht 25 Prozent weniger Treibstoff als die Konkurrenzmaschine von Boeing, die 777-300 ER“, sagte der Airbus-Verkaufschef John Leahy. Die größere und effizientere Maschine sei die richtige Antwort auf die sich ändernde Nachfrage der Fluggesellschaften. Diese tendierten stärker zu großräumigen Maschinen innerhalb der A350-Kategorie. Daher hätten in jüngster Zeit die Kunden von 42 Maschinen ihre Bestellung von A350-800 auf A350-900 umgestellt. Vier Fluggesellschaften haben bisher 75 Exemplare des großen A350-1000 bestellt. Airbus schätzt, dass in den nächsten 20 Jahren 1700 Flugzeuge in diesem Marktsegment verkauft werden könnten. Um sie wird es allerdings einen harten Konkurrenzkampf mit Boeing geben. In Le Bourget treten die Amerikaner in diesem Jahr voller Selbstbewusstsein auf und zeigen gleich fünf neue Modelle, so viele wie noch nie auf einer Luftfahrtschau. Es handelt sich um zwei Großraumflieger vom Typ 747-8, einer davon in der Frachterversion als Antwort auf den A 380, den 787 Dreamliner, die Langstreckenmaschine 777 und das Mittelstreckenmodell 737. Boeing will im dritten Quartal sowohl die 787 als auch eine Frachterversion der 747 an die Erstkunden ausliefern. Die Lufthansa als erster großer Abnehmer der 747-Passagierversion soll im ersten Quartal 2012 bedient werden. Einige reiche Privatpersonen werden das Modell dagegen schon Ende 2011 erhalten, berichten die Amerikaner. „Unser Auftragsbestand lastet uns sieben Jahre lang aus“, resümierte der Boeing-Manager Jim Albaugh. Mit der Antwort auf den A320 Neo von Airbus will sich Boeing wahrscheinlich bis Ende des Jahres Zeit lassen. Die Wahl besteht zwischen einer neuen Motorenausstattung für das Modell 737 und der Entwicklung eines ganz neuen Flugzeugs. Auf die Frage, warum Airbus seit vielen Jahren Boeing bei den Absatzzahlen schlägt, verwies Albaugh auf die Preisstrategie: „Wir könnten viel mehr 737 verkaufen, aber wir meinen, dass unsere 737 einen höheren Preis haben sollte.“

Josef Kuffer will mit Coupons in einem Gutscheinbuch die deutschen Schnäppchenjäger ködern hpe. MÜNCHEN, 19. Juni. Zwei Abendessen zum Preis von einem im griechischen Restaurant „El Greco“ in Kiel, eine kostenlose Achsvermessung beim Reifenhändler „Euromaster“ in Weilburg oder 20 Prozent Rabatt auf eine Behandlung im „Nagelstudio VU“ am Starnberger See: Es sind solche Sparangebote, mit denen die Kuffer Marketing GmbH aus Regensburg Neukunden anspricht, um sie dann in die Gastronomie, den Einzelhandel oder in Freizeiteinrichtungen zu locken. Die Gutscheinvermittlung kommt gut an, das Unternehmen wächst stürmisch. „Wir wollen den Umsatz bis Ende 2012 verdoppeln von derzeit 150 Millionen Euro Transaktionsvolumen auf dann 300 Millionen Euro“, sagt Unternehmensgründer Josef Kuffer. Damit würden die jährlichen Coupons von 8 Millionen auf 20 Millionen steigen. Möglich machen soll dies vor allem ein geplantes Deutschland-Buch, das in wenigen Wochen, 64 Seiten stark, mit allen möglichen Sparcoupons im Handel erscheint. Bundesweite Anbieter gewähren darin Rabatte, von der Modekette Adler bis zu den PizzaHut-Restaurants. Die Auflage liegt wohl im hohen sechsstelligen Bereich. Das ist neu für Kuffer, denn bislang haben sich die Regensburger vorwiegend auf lokale Coupons beschränkt und Verträge mit insgesamt 25 000 Gutschein-Gebern in den jeweiligen Regionen geschlossen. „Wir sind ein Nischenanbieter“, sagt Kuffer,

„aber einer mit enormer regionaler Ausprägung.“ Die Regensburger Wachstumsgeschichte hat mit Groupon ein internationales Pendant. Der amerikanische Vermarkter von Rabattcoupons für Restaurants, Flugstunden oder Hotels ist eines der am schnellsten wachsenden Internetunternehmen. Groupon verschickt täglich Angebote für Rabattgutscheine an sei-

Schnäppchen aus dem Netz

Foto Bloomberg

ne mehr als 50 Millionen registrierten Kunden und behält vom Umsatz rund die Hälfte ein. Als Web-Dienst erst 2008 in Chicago gegründet, plant das Start-up in diesen Tagen seinen Börsengang. Google wollte Ende vorigen Jahres schon 6 Milliarden Dollar für Groupon bezahlen, doch Gründer Andrew Mason lehnte ab. Analysten schätzen den Wert von Groupon beim Börsengang auf 20 Milliarden Dollar, dabei macht das Unternehmen noch immer Verlust. Kuffer wächst ebenfalls kräftig, wenn auch von kleiner Basis. Zuletzt erwirtschaftete das Unternehmen Erlöse von 6 Millionen Euro, in diesem Jahr sollen es deutlich mehr als 8 Millionen Euro werden. „Und das ist sehr konservativ geplant“, sagt Geschäftsführer Michael Elias. Denn längst hat Kuffer das Internet entdeckt, um neben der eigenen Seite „Gutscheinbuch.de“ mit „undSparen.de“ auch ein junges Publikum zu erreichen. Zudem erreicht Kuffer immer mehr Nutzer über das Handy. Populär wurde das Geschäft mit den Gutscheinen im Netz durch Groupon, auch wenn längst große Internetunternehmen wie Google und Facebook ähnliche Dienste anbieten. Bei Kuffer hat alles noch früher begonnen. Als vor zehn Jahren in Deutschland das Rabattgesetz und die Zugabeverordnung fielen, probierte Josef Kuffer das Couponing-System in seiner Heimatstadt Regensburg aus. „Jeder, der damals

grad nichts zu tun hatte, hat ein Gutscheinbuch herausgebracht“, sagt der heute 62 Jahre alte Kaufmann und lacht. Auf die Idee brachte ihn seine Nichte Kerstin, die von einer Urlaubsreise in den Vereinigten Staaten mit CouponHeftchen gut vertraut war. Kuffer hatte in jener Zeit sein Internetauktionshaus an Consors verkauft und konnte sich so voll und ganz dem damals neuen Couponing-Trend widmen. An der Idee von damals hat sich bis heute nichts geändert. Von den Rabatt-Angeboten profitieren nicht nur die Käufer, sondern auch die Gastronomen, Einzelhändler oder Dienstleister. Wer etwa das Gutscheinbuch für Kiel und Umgebung für 19,80 Euro mit 162 Gutscheinen erwirbt, könnte schon bei einem Besuch im „El Greco“ dank des zweiten Gratis-Gerichts den Kaufpreis herausgeholt haben. Und „El Greco“ kann darauf hoffen, dass aus neuen Kunden Stammgäste werden. „Couponing ist ein probates Mittel der Kundengewinnung und Kundenbindung“, behauptet Geschäftsführer Elias. Die prominente Konkurrenz aus Amerika schreckt die Deutschen nicht. Der Markt für Gutscheine sei in Deutschland längst noch nicht ausgereizt. Und mit dem Einkaufen via Handy zeichne sich schon der nächste Megatrend ab. „Wir haben noch viel vor“, sagen Kuffer und Elias. Erst einmal können sie gespannt auf das Börsendebüt von Groupon schauen.

F.A.Z., FRANKFURT, 19. Juni. Der Vorstandsvorsitzende des Münchner Lastwagenherstellers MAN, Georg PachtaReyhofen, hat den Aktionären des Konzerns empfohlen, das Übernahmeangebot von Volkswagen abzulehnen. „Das von VW gemachte Pflichtangebot ist nicht angemessen“, sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Volkswagen hatte Ende Mai offiziell 95 Euro je MAN-Stammaktie geboten. Der Autokonzern aus Wolfsburg will seine Beteiligung an MAN von gut 30 Prozent vorerst auf 35 bis 40 Prozent aufstocken. Der angebotene Preis sei zu niedrig, sagte Pachta-Reyhofen nun, da das Geschäft des Lastwagenbauers im laufenden Jahr alle Prognosen übertreffe. „Wer an einer weiteren Wertsteigerung von MAN teilhaben will, muss seine Aktien behalten.“ Dies belegten die Gutachten, die Vorstand und Aufsichtsrat unabhängig voneinander in Auftrag gegeben hätten. „2009 haben wir in Deutschland 36 000 Lastwagen hergestellt, dieses Jahr werden es rund 80 000 sein, dazu kommen noch 70 000 in Brasilien – 150 000 Stück insgesamt“, sagte Pachta-Reyhofen. „Das ist ein Wort, deutlich über allen Plänen.“

Razzia bei Sanofi-Aventis BERLIN, 19. Juni (dapd). In der Pharmabranche deutet sich ein neuer Betrugsskandal an. Die Staatsanwaltschaft Verden geht laut „Spiegel“ einem Verdacht gegen Mitarbeiter des Pharmariesen Sanofi-Aventis nach und ließ deshalb Geschäftsräume in Frankfurt und Berlin durchsuchen. Die Beteiligten sollen verbilligte Medikamente mit ablaufenden Verfallsdaten über einen Großhändler in deutsche Apotheken geschleust haben. SanofiAventis wies die Vorwürfe am Sonntag zurück und erklärte, es habe sich bei den Arzneimitteln um Hilfslieferungen nach Nordkorea gehandelt. Der Konzern habe „Patienten helfen wollen und ist betrogen worden“, sagte eine Sprecherin. Deshalb habe man den beteiligten Großhändler MTI schon im vergangenen Juli angezeigt. Der Anwalt des Großhändlers bestätigte das Prinzip der Geschäfte, bestritt aber illegale Handlungen seines Mandanten. Nach seiner Darstellung nahm MTI Sanofi-Aventis seit 2002 große Mengen von Arzneimitteln mit nahendem Verfallsdatum ab und erhielt dafür 20 Prozent Rabatt. 2004 seien die Medikamente als Hilfslieferungen deklariert worden, dies sei aber nur ein „darübergelegter Mantel“ gewesen.

HSH Nordbank zahlt zurück BERLIN, 19. Juni (Reuters). Die HSH Nordbank gibt weitere Staatshilfen zurück. Die von den beiden Haupteignern Hamburg und Schleswig-Holstein erhaltenen Garantien würden um eine weitere Milliarde Euro auf acht Milliarden Euro verringert, teilte das krisengeschüttelte Institut am Samstag mit. Eine erste Milliarde hat die Bank im März zurückgegeben. Mit den beiden Schritten reduziere das Haus seine Zahlungen an den Staat für die Bereitstellung der Kredite um jährlich 80 Millionen Euro auf 320 Millionen Euro, teilte die HSH Nordbank weiter mit. Anders als im März kündigte das Institut nicht an, Möglichkeiten für eine weitere Reduzierung der Garantien noch in diesem Jahr zu prüfen. Die Bank hat angekündigt, 2011 drei Milliarden Euro zurückzugeben. Bis zum Ende des ersten Quartals hat die HSH eigenen Angaben zufolge ihren staatlichen Geldgebern 800 Millionen Euro für die Garantien bezahlt. Sie hat 2010 nach zwei verlustreichen Jahren wieder Gewinne gemacht.

Hackerangriff gegen Sega TOKIO, 19. Juni (Reuters). Die Serie spektakulärer Hacker-Angriffe auf internationale Konzerne reißt nicht ab: Diesmal stahlen Unbekannte die persönlichen Daten von 1,3 Millionen Kunden des japanischen VideospielAnbieters Sega, wie das Unternehmen am Sonntag mitteilte. Die Internet-Angreifer verschafften sich Zugang zu einer Datenbank mit Namen, Geburtsdaten, E-Mail-Adressen sowie den verschlüsselten Passwörtern von Mitgliedern des Online-Spielenetzwerkes Sega Pass, das in Folge des Datenklaus geschlossen wurde. Das Unternehmen entschuldigte sich bei den Nutzern und gelobte eine Verschärfung seiner Sicherheitsmaßnahmen. In den vergangenen Monaten hatten sich Hacker bereits Zugang zu den Datenbanken zahlreicher anderer Firmen wie Nintendo, Sony und Citigroup verschafft. Der Angriff auf Sony war mit mehr als 100 Millionen betroffenen Kunden einer der größten Hacker-Angriffe überhaupt.


Unternehmen

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Im Eifelkreis hat die Zukunft schon begonnen Über intelligente Stromnetze wird schon seit Jahren viel geredet und geschrieben. Jetzt steuert ein „Smart Grid“ erstmals in einem ganzen Landkreis das Ungleichgewicht von Stromverbrauch und Ökostromproduktion. St. ÜTTFELD, 19. Juni. Der Landwirt Heinz Hoffmann befasst sich schon lange mit regenerativer Energie. Die ersten Windräder stellte er in den frühen neunziger Jahren auf. Einige Jahre später errichtete er auf dem von seinem Vater in Üttfeld in der Eifel aufgebauten Hof eine Biogasanlage. Heute betreibt der Dreiundfünfzigjährige zusammen mit seinem Sohn ein zweites, größeres Blockheizkraftwerk sowie die erste Biogasanlage in Deutschland, die mit einem großen Gasspeicher arbeitet. Und damit ist Hoffmanns Betrieb ein wichtiger Baustein im Modellprojekt „Smart Country“. In diesem vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützten Projekt testet die RWE Deutschland AG mit Partnern wie dem Netzspezialisten ABB und der Technischen Universität Dortmund erstmals in einer großflächigen Vertriebsregion ein sogenanntes Smart Grid. Darunter versteht man Stromleitungen mit integrierter Informations- und Kommunikationstechnik sowie Steuerungs- und Regeltechnik. Ein solches intelligentes Netz kann beispielsweise selbst prüfen, was in seinen verschiedenen Teilen vorgeht, und auf Veränderungen reagieren. Vor drei Jahren wurde unter den 413 deutschen Landkreisen Bitburg-Prüm als Testregion für diese Technik ausgewählt. Denn in der von Wäldern und Wiesen geprägten Hügellandschaft in der Nähe des deutsch-belgisch-luxemburgischen Länderdreiecks finden sich ausgeprägt die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, wenn die Energiewende gelingen soll: die Region ist schwach besiedelt, der Stromverbrauch ist gering, die Erzeugung von Energie aus regenerativen Quellen nimmt stark zu. Das „Smart Country“ in der Eifel umfasst 173 Quadratkilometer mit 5 500 Einwohnern. An die 2300 Verbraucheranschlüsse wird Strom über ein Netz mit 117 Kilometern Länge verteilt, insgesamt rund 22 Millionen Kilowattstunden im Jahr. Zum Vergleich: In der Stadt Essen, deren Fläche nur geringfügig größer ist, werden rund 5,5 Milliarden Kilowattstunden verbraucht. Das Netz im Landkreis Bitburg-Prüm ist auf eine gleichzeitige maximale Höchstlast von 2,9 Megawatt eingerichtet. Die installierte Ökostromkapazität ist vier Mal so groß. Sie setzt sich zusam-

So sieht Smart Country aus: Biogasspeicher auf dem Bauernhof

men aus Windkraftanlagen (6,3 Megawatt), Solarzellen (4,1 Megawatt) und Biogasanlagen (1,4 Megawatt). Die Schwankungen in der Produktion von Sonnen- und Windstrom beeinträchtigen die Netzsicherheit und verursachen einen permanenten Wechsel zwischen Ein- und Ausfuhrbedarf. Nach dem klassischem Vorgehen müsste der Netzbetreiber die Leitungskapazität stetig an die Einspeisungskapazität anpassen. Aber immer mehr Kupferkabel führen in eine Sackgasse, wenn man die – gesellschaftlich und politisch gewollte – Expansion der erneuerbaren Energien bedenkt. Im Bereich des RWE-Regionalzentrums Trier mit 362 000 versorgten Einwohnern, zu dem der Kreis BitburgPrüm gehört, speisen nach Angaben von RWE 5500 dezentrale Stromerzeuger,

Foto RWE

darunter 5200 Photovoltaikanlagen mit 840 Megawatt installierter Kapazität, ihre stark schwankende Produktion in das Mittel- und Niederspannungsnetz ein. Außerdem fließt die Stromerzeugung von 57 Windrädern mit 107 Megawatt Kapazität direkt in das Hochspannungsnetz. Vor vier Jahren dagegen gab es in der Region gerade einmal 800 dezentrale Stromproduzenten. Allein 2010 wurden im Regionalzentrum Trier 2230 neue Einspeiseanträge gestellt. Und das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2020 den Anteil von Ökostrom am deutschen Energiemix von aktuell 16 Prozent auf 35 Prozent mehr als zu verdoppeln, erfordert einen starken Kapazitätsausbau auch in der Eifel. „Was in der Eifel unter realen Bedingungen getestet wird, kann sich zum Pro-

totyp für einen Umbau des Stromverteilernetzes mit Smart Grids in ganz Deutschland entwickeln“, sagt Knut Kübler, der Leiter des Referats Energieforschung im Bundeswirtschaftsministerium. Deshalb habe er den Antrag auf Fördermittel für das rund drei Millionen Euro teure Modellprojekt „Smart Country“ unterschrieben. Denn hauptsächlich in den ländlichen Regionen entscheide sich, ob die Energiewende zu mehr erneuerbaren Energien auch im Stromverteilnetz verwirklicht werden kann. „Mehr Strom aus erneuerbaren Energien und Netzstabilität sind keine Gegensätze mehr, wenn intelligente Netze dahinterstehen“, sagt Joachim Schneider, der Technik-Vorstand von RWE Deutschland, dazu. Das Ministerium erstattet dem Unternehmen die Hälfte der Projektkosten, dafür muss RWE die Erkenntnisse auch anderen Netzbetreibern zur Verfügung stellen Für das Modellprojekt Eifel wurde an vier verschiedenen technischen Bausteinen geforscht: an Spannungsreglern, Messpunkten, Pausenschaltern und an der Biogasanlage als Regelkraftwerk. Die Spannungsregler sind an Ortsnetzstationen oder direkt beim Kunden angebracht; sie schützen vor Schwankungen in der Versorgungsspannung. Dutzende von Messpunkten an den Leitungen und an Photovoltaikanlagen messen zur Optimierung der Netzplanung und -führung permanent Spannung und Strom. Sogenannte Pausenschalter begrenzen schon heute an den großen Stromautobahnen die Ausbreitung von Störungen. Nun soll ihr Einsatz die Stromlandstraßen im Kreis entlasten und damit die Einspeisungskapazität der Windkraft- und Solaranlagen erhöhen. Der vierte Baustein ist die Biomasseanlage mit dem Blockheizkraftwerk (BHKW), die erste Anlage dieser Art mit einem integrierten Biogasspeicher. Dieser liegt mit 2000 Kubikmetern Fassungsvermögen wie ein riesiger Luftballon unter dem Dach der Anlage. Bei starker Produktion von Sonnen- und Windenergie füllt die Biogasanlage den Speicher auf. Wenn die Erzeugung abfällt, springt das BHKW an und sichert in der Region eine permanente Versorgung mit regenerativer Energie. Mit einem Teil der Wärme werden die Effizienz der Biogaserzeugung gesteigert und die Häuser des einsam gelegenen Hofs versorgt. So haben sich in der Schneeeifel, in der wegen der kargen Böden die Milchwirtschaft eine große Rolle spielt, der Landwirt Heinz Hoffmann und sein Sohn zu Energiewirten entwickelt. Schon vor Jahren hat Hoffmann seinen Großviehbestand auf 50 Kühe beschränkt. Auf 200 Hektar baut er nun überwiegend Mais für die Biogasanlage an. „Rund 90 Prozent meines Umsatzes erziele ich mit Ökostrom“, sagt er. „Mit Milchkühen allein könnten wir das nicht erwirtschaften.“

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Finanzinvestoren entdecken Cleantech Bislang wenig Wagniskapital für grüne Technologien hpa. FRANKFURT, 19. Juni. An Ideen, mit Erneuerbaren Energien oder Reinigungstechnologien gute Geschäfte zu machen, mangelt es in Deutschland nicht. Aber während immer mehr Mittelständler in diese Geschäftsfelder vordringen, halten sich Private-EquityFonds und Wagniskapitalgeber hierzulande mit solchen „Cleantech“-Investments noch sehr zurück. Von den ohnehin mageren 650 Millionen Euro an Wagniskapital, die im vergangenen Jahr in deutsche Jungfirmen gesteckt wurden, waren nach Angaben des Branchenverbands BVK im Schnitt dreier Quartale nur jeweils 20 Millionen Euro für Cleantech-Betriebe vorgesehen. Dabei entwickele sich dieses breit gefasste Industriefeld „gerade für deutsche Unternehmen zu einem Exportschlager“, wirbt das Deutsche Cleantech Institut (DCTI), ein privatwirtschaftliches Analysehaus. Aber noch scheinen bei vielen Investoren die schlechten Erfahrungen mit CleantechInvestments der ersten Stunde nachzuwirken, die sich als wenig lukrativ herausstellten. Inzwischen werde Cleantech allerdings von vielen Beobachtern als Megatrend gesehen und ziehe daher einen großen Kapitalfluss auf sich, konstatiert das DCTI. Im Jahr 2009 wurden nach diesen Angaben global 162 Milliarden Euro in den Bereich der nachhaltigen Energieversorgung investiert, für 2010 ergeben andere Analysen eine Steigerung auf rund 175 Milliarden Euro. Aber auch hier war Private-Equity-Kapital lediglich mit einem einstelligen Milliardenbetrag beteiligt. Die wenigen Fonds, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben, können also ein weites Feld beackern – mit vielen Chancen, gerade in Deutschland, wie Alois Flatz, Partner der Londoner Private-Equity-Gesellschaft Zouk Capital, erklärt. „Cleantech ist eng mit Ingenieurleistungen und dem produzierenden Gewerbe verbunden. Europa hat hier weltweit die führende Kompetenz, und das ist auch ein Nährboden für gute Investments“, sagt Flatz, der unter anderem den Nachhaltigkeitsindex Dow Jones Sustainability Index mitentwickelt hat. Anders als in Amerika und Asien werde Cleantech in Europa gleich von drei Strömungen vorangetrieben: dem Willen der Regierungen zum grünen Wandel; der Kernkompetenz in Maschinenbau und Umwelttechnologie sowie der hohen Innovationskraft der Unter-

nehmen. „Deutschland ist dabei der attraktivste Markt“, sagt Flatz. Zouk will sich das zunutze machen. Gerade hat die Beteiligungsgesellschaft ihren zweiten europäischen CleantechFonds aufgelegt, der mit einem Volumen von 230 Millionen Euro der größte seiner Art in Europa sei, sagt Flatz. An zehn bis 15 Unternehmen will sich das Private-Equity-Haus damit mehrheitlich oder mit einer Minderheit mit jeweils 10 bis 50 Millionen Euro beteiligen. Ein Investment in den britischen Energieberater Anesco wurde schon getätigt, drei weitere könnten bis Ende des Jahres noch folgen, sagt er. Den ersten Cleantec-Fonds hatte die Gesellschaft im Jahr 2005 mit einem Volumen von 88 Millionen Euro aufgelegt, in acht Unternehmen – davon vier in Deutschland – wurde seitdem investiert. Der Teilverkauf des deutschen Recyclingspezialisten für die Photovoltaikindustrie, SIC Processing, habe den dreieinhalbfachen Ertrag des ursprünglichen Investments gebracht, wirbt Flatz. Das Risiko sei im Cleantech-Bereich nicht größer als in anderen PrivateEquity-Geschäften; wohl auch deshalb, weil Zouk in Unternehmen investiert, die schon Kunden und eingeführte Produkte haben, Umsatz machen und zumindest nahe an der Gewinnschwelle stehen. „Wir sind ein Wachstumsfinanzierer“, resümiert er. „Und die Energiegewinnung aus Abfall sowie alle Themen rund ums Wasser sind unsere bevorzugten Investitionsziele.“

Algenzucht in Senftenberg

Foto Weisflog

Angst vor E10 bringt Umsatzplus

Spatenstich für Solarkraftwerk

Rio Tinto übernimmt Riversdale

Absatz des teuren Super Plus hat sich verfünffacht

In Kalifornien entsteht die weltgrößte Anlage dieser Art

Bergbaukonzern sichert sich Kohlevorkommen

F.A.Z. HAMBURG, 19. Juni (dpa). Die Vorbehalte gegenüber dem Kraftstoff E10 hat den Mineralölkonzernen nach einem Bericht des „Spiegel“ erhebliche zusätzliche Umsätze beschert. Aus Angst vor Schäden an ihren Motoren seien viele Autofahrer auf die teurere Benzinsorte Super Plus ausgewichen – zumindest an jenen Tankstellen, an denen im Zuge der E-10-Einführung das normale Super abgeschafft wurde. Der Absatz des bis zu zehn Cent je Liter teureren Kraftstoffs Super Plus habe sich dadurch mehr als verfünffacht. So setzten die rund 14 700 Tankstellen in Deutschland dem Bericht zufolge im ersten Quartal 2010 – also noch vor der Einführung des ethanolhaltigen Kraft-

LOS ANGELES, 19. Juni (dpa). In Kalifornien entsteht das größte Solarkraftwerk der Welt mit einer geplanten Maximalleistung eines Atomkraftwerks. In der Wüstenregion nahe Blythe, rund 350 Kilometer östlich von Los Angeles, erfolgte am Freitag der erste Spatenstich für das Milliardenprojekt. Der amerikanische Innenminister Ken Salazar, Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown und Solar-Millennium-Chef Christoph Wolff nahmen an der Zeremonie teil. Die Erlanger Projektgesellschaft Solar Millennium steht hinter dem solarthermischen Kraftwerk Blythe, das im vergangenen Herbst die Baugenehmigung erhalten hatte. Gouverneur Brown verwies darauf,

che. SINGAPUR, 19. Juni. Der zweitgrößte Bergbaukonzern der Welt, Rio Tinto, ist bei seiner lange geplanten Übernahme des australischen Konkurrenten Riversdale Mining am Ziel: Der indische Konzern Tata Steel ist nun bereit, seinen Anteil von 26,3 Prozent an Riversdale zu verkaufen. Damit hält Rio Tinto künftig 99,5 Prozent an Riversdale Mining. Die Inder bekommen 1,06 Milliarden Australische Dollar (umgerechnet 788 Millionen Euro) für ihren Anteil und haben dessen Wert damit in weniger als vier Jahren mehr als verdoppelt. Rio Tinto erhält durch die Übernahme Zugriff auf große Kohlevorkommen

stoffs E10 – täglich 140 Millionen Liter Super Plus ab, ein Jahr später waren es im selben Zeitraum 735 Millionen Liter am Tag. Selbst bei der Annahme eines Preisaufschlags von nur fünf Cent je Liter bedeutete der Umschwung ein tägliches Umsatzplus von 30 Millionen Euro und ein Zuwachs um 2,7 Milliarden Euro im Quartal. Der Anteil von Super Plus an der Gesamtabsatzmenge aller Benzin-Kraftstoffe stieg von 2,3 auf 12 Prozent. Bislang wurde E10 an etwa der Hälfte aller Tankstellen in Deutschland eingeführt, vor allem in Ost- und Süddeutschland. Die Mineralölkonzerne gehen mittlerweile dazu über, mit Super, Super Plus und E10 wieder alle drei Benzinsorten anzubieten.

dass die Anlage dem Westküstenstaat bei der Umsetzung seiner Umweltziele helfen wird. Bis 2020 will Kalifornien 33 Prozent seines Energiebedarfs durch erneuerbare Energien decken. Nach Unternehmensangaben gab die Regierung im April die Zusage für Kreditgarantien von 2,1 Milliarden Dollar. Diese Garantien sind die Voraussetzung für die Finanzierung von 75 Prozent der Baukosten von insgesamt 2,8 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro). Die vier geplanten Anlagen, die Sonnenlicht mit Parabolspiegeln bündeln, haben eine Leistung von je 242 Megawatt. Im Jahr 2013 soll der erste Strom geliefert werden. Es soll genug Energie für bis zu 750 000 Haushalte liefern.

in Afrika. Schon im April hatte der andere große Aktionär von Riversdale, die brasilianische Gesellschaft Siderugica Nacional, ihren Anteil von 19,9 Prozent an dem Unternehmen an Rio Tinto verkauft. Der australisch-britische Konzern hat seinerseits gekündigt, die Aktien von Riversdale aus dem Handel in Sydney zu nehmen, sollte eine vollständige Übernahme gelingen. Allerdings behält Tata Steel einen Anteil von 35 Prozent an der Mine Benga in Mosambik, wo die für die Stahlherstellung wichtige Kokskohle gefördert wird. Indien ist der drittgrößte Importeur für Koks auf der Welt nach Japan und China.

Insolvenzen AMBIENTE Glashandels GmbH Zwiesel, Zwiesel; Glas-Dekor Zwiesel GmbH, Zwiesel. Dessau: Motz & Hübner Fliesenteam GmbH, BitterfeldWolfen OT Wolfen. Dortmund: forpublish GmbH, Dortmund. Dresden: Freudenberg, Dauerbackwarenherstellung und -vertrieb GmbH, Großröhrsdorf; d.p.l. destination marketing gmbh, Dresden; DFM Dresdner Fensterbau Medingen GmbH, Ottendorf-Okrilla; Dremo Personaldienstleistung GmbH, Dresden; STRACOLAND AG, Pretzschendorf; Wedo Formenbau und Kunststoffverarbeitung GmbH, Doberschau/Sachsen. Düsseldorf: AKEMI KENSSEN GmbH & Co. KG, Düsseldorf; Bambeck Grundstücksverwaltung GmbH & Co. KG, Monheim; Chronocycle Solutions GmbH, Düsseldorf; cockroach media GmbH, Düsseldorf; Stephan Horst GmbH Bauunternehmung, Neuss. Duisburg: CONTRADE Land- & Seatransport GmbH, Duisburg. Essen: Berger & Leineweber GmbH, Essen; CVJM Essen Servicegesellschaft mbH, Essen. Esslingen: Karl H. Besemer GmbH Wohnungsunternehmen, Esslingen; PER-MAN-ENT Personal, Management und Entwicklungsgesellschaft mbH, Notzingen; VicMedic Systems GmbH, Filderstadt. Eutin: Bauunternehmen Egon Höppner GmbH, Ahrensbök. Frankfurt/Oder: DENTAL INTERNATIONAL GmbH, Hoppegarten; Laerum-Richter Dentalverwaltungs GmbH, Hoppegarten; Richter & Hoffmann Dental Gesellschaft mbH & Co.KG, Hoppegarten; Selltel GmbH, Schöneiche; Special-LineTurbo Handels GmbH, Strausberg. Fürth: HORST-HOFFMANN & Co. Limited Zweigniederlassung Bad Windsheim, Bad Windsheim; Beckman IndustriemontaDeggendorf:

gen GmbH, Fürth; Ernst Böhm GmbH + Co. KG, Markt Taschendorf; Getränke Mekka GmbH, Bad Windsheim; Horn Liegenschaften GmbH, Bubenreuth. Fulda: Fuldaer Verlagsanstalt GmbH & Co. KG, Fulda. Göppingen: J. Gaiser GmbH & Co. KG, Göppingen. Hagen: BK Baugesellschaft mbH, Hagen; Jung, Boucke GmbH & Co., Halver. Hamburg: EMRE EURO Limited, Hamburg; Aupa Winterhuder Verwaltungsgesellschaft m.b.H., Hamburg; Disc - Automaten - Betrieb GmbH, Hamburg; HES Hamburger Einrichtungsservice Ulrich Klesse GmbH, Hamburg; PMG Private Media GmbH, Hamburg. Heidelberg: Herrenhaus GmbH & Co. KG, Dossenheim. Ingolstadt: Kubanek GmbH, Ingolstadt. Itzehoe: LOLA-Werk GmbH & Co. KG, Krempdorf; Rudek´s GmbH, Horst; GREEN CAR Consult GmbH & Co. KG, Itzehoe. Kiel: Autohaus Kock am Walkerdamm GmbH, Kiel; Glas + SpiegelSchulz GmbH & Co. KG, Kiel. Kleve: Brössel & Partner GmbH, Sonsbeck; NOPA Industriearmaturen GmbH, Moers. Köln: ANTEV-Antennen-Elektoanlagenbau und Verwaltungs GmbH, Köln; Just Stone Naturstein GmbH, Lindlar. Konstanz: Maurer-Atmos GmbH, Reichenau. Krefeld: Omniweld Reparaturschweißlegierungen OHG, Willich. Landau in der Pfalz: Druckerei Gieselmann GmbH & Co. KG, Landau in der Pfalz. Leipzig: Terra Nova Projektentwicklung GmbH, Leipzig; AkaTe Ausbildungsgesellschaft Schweißtechnische Kursstätte LeipzigWest gGmbH, Leipzig; DIM Die Internet Makler GmbH, Leipzig; RT Reprotechnik.de GmbH, Leipzig; Week-Menü-Catering GmbH, Leipzig. Magdeburg: BAUGE Dritte GmbH, Huy-Aderstedt. Mannheim: ACM EDV Systemhaus GmbH,

Weinheim; dismedia GmbH, Mannheim; Gerüstbau Emir GmbH, Mannheim. Meiningen: VitraBio GmbH, Steinach. Meldorf: Schmück Gebäudetechnik GmbH, Hemme; Westcar Heide GmbH, Heide; Westcar Löwenzentrum Heide GmbH, Heide. Montabaur: MEYBEC TV GmbH, Müschenbach. Mühlhausen: Füldner Landschaftsbau GmbH, Bad Langensalza. München: Entertainment Shopping AG, München; Euro Credit Int. Vermittlungsgesellschaft mbH, München; ForceFive AG, München; KSG Sterilisatoren

GmbH, Eichenau; LIKO Bau GmbH, München. Münster: DUTEC GmbH, Ahaus; Freshliner International Transport & Logistik GmbH, Greven; Glaszentrum Greven Kölling GmbH, Greven. Neubrandenburg: nec solar-new energy concept solar GmbH, Torgelow. Neuruppin: DIALOG Berlin Brandenburg Logistik GmbH, Kremmen; ZKI Industrie Service Limited, Wittstock. Nördlingen: Förderverein Eichbergerhof e.V., Lutzingen. Norderstedt: FFN-Fahrschule und Fahrertraining Nord GmbH, Norderstedt. Nürnberg: Bäcker-

hof GmbH, Nürnberg; KarRa Projekt 2 GmbH, Nürnberg; NovoPiksel GmbH, Nürnberg. Paderborn: Druckerei Deimel GmbH, Geseke; Schumacher Bau-GmbH & Co. KG, Willebadessen. Passau: IPROTec GmbH & Co. KG, Grafenau. Pforzheim: Cobra Schmuck GmbH, Pforzheim. Potsdam: DAGO GmbH, Potsdam; Energy Rail GmbH, Königs Wusterhausen. Ravensburg: Bodan-Werft Metallbau GmbH & Co. KG, Kressbronn; M.E.C. Maritime Engineering and Consulting GmbH & Co. KG, Kressbronn. Regens-

burg: Psylock GmbH, Regensburg. Rosenheim: B + T Hoga GmbH, Kolbermoor. Rostock: GIP Gesellschaft für Im-

mobilien und Projekte mbH & Co. KG, Roggentin OT Kösterbeck; GIP Gesellschaft für Immobilien und Projekte Verwaltungs GmbH, Roggentin OT Kösterbeck; Panke Tief- und Straßenbau KG, Kröpelin. Saarbrücken: Autohaus Herrigel GmbH, Wadern; cotranetz GmbH, consulting-trading-netzwerk, Quierschied-Göttelborn; Pro Solar Consult GmbH & Co. KG, Saarbrücken; SaarpfalzHaus Blaumeiser GmbH, Gersheim; Zache Logistik GmbH, Saarbrücken. Schwarzenbek: Taxi Riechert GmbH & Co. KG, Schwarzenbek. Siegen: Otto & Geppert GmbH, Siegen. Stralsund: Ölmühle Anklam GmbH & Co. KG, Anklam. Tübingen: Siegmar Schmutz GmbH, Eningen u.A.; Wurster Oberflächenbearbeitung GmbH, Pliezhausen. Ulm: PENSchreibwaren Gerda Wolf GmbH, Ulm. Verden: Otten Verpachtungen GmbH & Co. KG, Ottersberg. Villingen-Schwenningen: MR Grässlin Präzisionstechnik GmbH, St. Georgen; SZ-REPRO GmbH, Villingen-Schwenningen. WaldshutTiengen: Trans L & Logistik GmbH, Bad Säckingen. Würzburg: Seitz Verwaltungsgesellschaft mbH, Sulzfeld; IHB Innovative Haustechnik Bayern GmbH, Reichenberg; Schneider Transporte GmbH, Wiesthal; Seitz Sanitär Heizung GmbH & Co. KG, Sulzfeld. Wuppertal: Auto Veidt GmbH, Wuppertal; Marks Brandschutztechnik-GmbH, Solingen; Pulverwerk Oberflächenveredelung GmbH & Co. KG, Wülfrath. Arnsberg: Gebr. Schmiedeler GmbH, Medebach. Bielefeld: H. G. Kröhnert GmbH, Hiddenhausen. Bochum: Aktas Stahl- und Brennform GmbH, Herne. Charlottenburg: Argentum Assekuranzkontor

GmbH, Berlin; L & P Kommunikationsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main; RETAG Technologie GmbH, Berlin. Cuxhaven: Klaus-Ulrich Ramm GmbH, Otterndorf. Dortmund: GIW Westfälische Immobilien- und Grundbesitzgesellschaft mbH & Co. KG, Dortmund; Grewe Automobilhandelsgesellschaft mbH, Hamm. Dresden: SAT-COM Vertriebsgesellschaft mbH, Trebendorf; Uniterra Immobiliengesellschaft mbH, Dresden. Duisburg: engelbertus gGmbH, Mülheim an der Ruhr; engelbertus mobil gGmbH, Mülheim an der Ruhr; engelbertus wohnen gGmbH, Mülheim an der Ruhr; engelbertus wohnen gGmbH & Co. DIMBECK II KG, Mülheim an der Ruhr; Jugendferienwerk des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen e.V., Duisburg. Essen: AMRO GmbH, Gelsenkirchen. Frankfurt: KOM Getränkegroßhandel GmbH, Frankfurt am Main. Goslar: VBZ GmbH - Verkehrs- & Berufsbildendes Zentrum, Seesen. Hagen: Bauunternehmen Gerhard Sperling GmbH, Schwelm; Jürgen Schmidt GmbH, Schwerte; Taxi Kompa GmbH, Wetter. Hamburg: Austernbar im Maritimen Museum Hamburg GmbH, Hamburg; Autohaus Finkenwerder GmbH, Hamburg; ELMA Gesellschaft für Fachkräfte auf Zeit mbH, Hamburg. Hannover: TRIMEX Transport, Import, Export GmbH, Hannover. IdarOberstein: ALVI GmbH, Kirschweiler. Kiel: Exclusiv-Studio für Bauelemente GmbH, Bredenbek. Kleve: Niederrhein CUT Ltd., Geldern. Landshut: K.O.S. Gesellschaft für moderne Gastronomie mbH, Au/Hallertau. Leipzig: R. SI Markenkommunikation GmbH & Co. KG, Leipzig; Valerius 24 GmbH, Leipzig. Lingen: RR Logistik GmbH, Lingen. Ludwigshafen am Rhein: Harald Diemer GmbH, Ebertsheim-Rodenbach. (Quelle Bundesanzeiger)


FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

Unternehmen

M O N TAG , 2 0 . JU N I 2 0 1 1 · NR . 14 1 · S E I T E 17

„Eine profitable Zeitung verdient auch Geld im Netz“ Dow-Jones-Chef Thomson sieht eine Printausgabe als wesentlichen Bestandteil der neuen Medienwelt. Die Loyalität der Leser zur Zeitung ist für ihn die Voraussetzung, um eine Strahlwirkung auf Laptop, Tablet-Computer und Smartphones zu erreichen. kön. MÜNCHEN, 19. Juni. Die Medienwelt ohne Internet ist undenkbar geworden. Ohne die gedruckte Zeitung ist sie es aber genauso. Robert Thomson hält überhaupt nichts von der „Splendid Isolation“ – dem aus der politischen Geschichte oftmals strapazierten Begriff einer „großartigen Isolation“. Es gibt für den Chefredakteur des Medienkonzerns Dow Jones und dessen Herzstück „Wall Street Journal“ (WSJ), dessen geschäftsführender Chefredakteur er ist, kein Entweder-oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch. „Die Zeitung ist ein fester und wesentlicher Bestandteil unseres Portfolios und unserer Strategie“, sagt der enge Vertraute des Verlegermagnaten Rupert Murdoch, der das Wirtschaftsblatt „Journal“ samt Dow Jones 2007 für 5,6 Milliarden Dollar erworben hatte. Nicht ohne Genugtuung fügt der gebürtige Australier Thomson hinzu: „Und sie ist vor allem profitabel.“ Es hat Gewicht, wenn Thomsen so etwas sagt. Denn die Mediengruppe war in den Vereinigten Staaten die erste, die Inhalte ins Netz stellte, für die der Nutzer zahlen musste. „Mit einer profitablen Zeitung macht man auch Geld im Netz, weil sie Qualität in die Inhalte bringt“, sagt Thomson. Er geht sogar weiter, indem er behauptet, dass eine gesunde Zeitung Voraussetzung für profitable Medienaktivitäten ist. Loyalität der Leser zur Zeitung ist für ihn Voraussetzung, um eine Strahlwirkung auf Laptop, Tablet-Computer und Smartphones als Medium auszuüben. Das „Wall Street Journal“ ist nicht nur die größte Zeitung in den Vereinigten Staaten. Sie ist derzeit auch die einzige mit einer steigenden Auflage. Im März erhöhte sich die Auflage gegenüber dem Vorjahr um 1,2 Prozent auf 2,18 Millionen Exemplare. Die Zahl der Abos für die elektronische Ausgabe legte in dieser Zeit immerhin um 22 Prozent auf eine halbe Million Stück zu, während die Internetseite des WSJ eine Million Abonnenten

Milliardeninvestition von Globalfoundries in Dresden Wechsel an der Spitze des amerikanischen Chipherstellers

2,2 Millionen Stück am Tag: Das „Wall Street Journal“ auf Papier ist noch immer ein begehrtes Objekt.

und monatlich im Durchschnitt 29 Millionen Besuche hat. Die Angelsachsen tun sich einfacher mit bezahlten Inhalten. Auch in Großbritannien macht sich der Bezahltrend breit, wo die ebenfalls zum Murdoch-Imperium News Corp. gehörende „Times“ eine Vorreiterrolle gespielt hat. Seit Juli vergangenen Jahres stellt die zweitgrößte britische Abonnentenzeitung nur noch zahlungspflichtige Inhalte ins Netz. Die zur Pearson-Gruppe gehörende britische „Financial Times“ ist ebenfalls seit Jahren stark mit Bezahlinhalten im Netz vertreten, geht aber weniger rigide als die „Times“ vor. „Eine Zeitung ohne Auftritt im Netz ist nur theoretisch überlebensfähig, in der Realität nicht“, beschreibt Thomson die Lage, der früher Chefredakteur der Londoner Times war, bevor Murdoch ihn im Dezember 2007 zur Dow-Jones-Gruppe

holte. „Das kann allenfalls bei kleinen, lokalen Zeitungen funktionieren, die noch ein starkes Geschäft mit Rubriken-Anzeigen haben.“ Wie wichtig die Wechselwirkungen sein können, erlebt Thomson hautnah in Europa. Mit gerade einmal 75 000 Stück ist die Auflage auf dem alten Kontinent mit dem Kernmarkt Deutschland alles andere als berauschend. „Für Europa habe ich noch viele Ideen“, bleibt der einstige Korrespondent der „Financial Times“ kryptisch. Der Internet-Auftritt wird indes ein wesentliches Vehikel für die Expansion und für eine sichtbarere Präsenz sein. Der Verkauf der physischen Ausgabe einer Zeitung erfordert enorme Investitionen, die via Internet-Auftritt drastisch minimiert werden können. „In Europa gilt noch mehr: Print und digitaler Auftritt verhalten sich komplementär zueinander und ergänzen sich stark“, sagt er. „Die

Foto Bloomberg

Herausforderung, die wir hier haben, ist der Vertrieb; da eröffnet uns das Web phänomenale Gelegenheiten.“ Die Zeitung könne ein phantastisches Marketinginstrument für das Internet sein, predigt Thomson die „Globalisierung und Digitalisierung der Information“. Der Medienmarkt wird sich dynamisch entwickeln, auch im Print, ist er überzeugt. Doch es wird dauern, bis überall für Inhalte im Netz gezahlt werden muss. Eine Tendenz macht ihm Mut. Auch Google sei schließlich an Premiuminhalten interessiert, für die bezahlt werden solle. Welch ein Wandel: „Früher sind wir doch von Internet-Konzernen wie Google als die altmodischen Printleute betrachtet worden, die den Tanz in der digitalen Disco nicht hinbekommen“, sagt Thomson. Jetzt sieht er sich als Vorreiter, der mit Murdoch einen digitalen Tango hinlegt.

fib. DRESDEN, 19. Juni. Globalfoundries leitet die nächste Stufe eines mehrere Milliarden Euro umfassenden Ausbauprogramms ein. Der amerikanische Chiphersteller teilte zusammen mit seinem von Abu Dhabi aus kontrollierten Großaktionär Advanced Technology Investment (Atic) mit, das Spitzenmanagement umzubesetzen und über die kommenden 18 Monate weitere 6 Milliarden Dollar in seine Werke in aller Welt zu stecken. Wie es seitens des Unternehmens am Wochenende hieß, gehen davon 2 Milliarden Dollar in die Fabrik in Dresden. Damit will der Konzern der rasch steigenden Nachfrage nach Halbleiterbausteinen seitens der Computerbranche besser als bisher nachkommen können. Seit Anfang 2010 steigen die Absätze und Umsätze in der Branche deutlich. Ein Ende scheint vorerst nicht in Sicht. Die Branche hatte mit knapp 300 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr rund ein Drittel mehr erlöst als im Vorjahr. Es war das wachstumsstärkste Jahr in ihrer Geschichte. Dresden ist nach wie vor der wichtigste Produktionsstandort des Unternehmens. In der sächsischen Landeshauptstadt ist gerade die Ausrüstung einer neuen Fabrikhalle abgeschlossen worden. Globalfoundries baut darüber hinaus neue Produktionskapazitäten in Amerika und in Abu Dhabi auf. Die Araber halten 87 Prozent der Anteile des Unternehmens. Die restlichen Anteile gehören AMD. Globalfoundries fertigt nach Auftragsvorlagen von Kunden wie ST Microelectronics oder AMD Chips und Prozessoren für Computer aller Art und peilt an, einer der ganz großen Marktteilnehmer zu werden. Vor diesem Hintergrund wird es an der Spitze des Unternehmens einen Wechsel geben. An die Stelle des bisherigen Vorstandsvorsitzenden Doug Gross tritt mit sofortiger Wirkung Ajit Manocha. Der im Vorstand bislang für das Tagesgeschäft verantwortliche Chia Song Hwee scheidet im August aus dem Unternehmen aus. Er werde in seiner Heimat Singapur eine Stelle annehmen, heißt es weiter. Darüber hinaus wird James Norling, einst für den Handyhersteller Motorola und den Chipproduzenten Chartered Semiconductor tätig, die Position des Exe-

cutive Chairman übernehmen. Ibrahim Ajami, seit November 2008 der Vorstandsvorsitzende des milliardenschweren arabischen Staatsfonds Atic, ist zum Vice-Chairman des Verwaltungsrates ernannt worden. Während die künftige Rolle von Gross als „Berater von Globalfoundries“ umschrieben wird, soll Manocha den Chefsessel bis Ende des Jahres innehaben. Bis dahin will Großaktionär Atic einen neuen Vorstandsvorsitzenden gefunden haben. Manocha, der mit AT&T, Philips, NXP und Spansion für eine Reihe von Chipherstellern tätig war, zeichnete sich bisher als Berater des Großaktionärs Atic verantwortlich. Als solcher gestaltete er vor zwei Jahren den Einstieg des Fonds in die Chipindustrie mit und organisierte die erste große Investitionsrunde von 6 Milliarden Dollar. So wurde Globalfoundries nach der taiwanischen TSMC zum zweitgrößten Auftragsfertiger für Halbleiterbausteine aller Art. Der Chiphersteller war im März 2009 aus den Fabriken des amerikanischen Konzerns AMD sowie aus der späteren Übernahme der asiatischen Chartered Semiconductor Manufacturing of Singapur hervorgegangenen.

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F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

MENSCHEN & WIRTSCHAFT

Der alerte Hamburger Internet-Unternehmer Stephan Chi kam 1973 als Vierjähriger (damals war sein Vorname noch Young-Soo) mit seinen Eltern, einem Mediziner und einer Krankenschwester, aus der koreanischen Millionenstadt Tae Jua nach Deutschland. Young-Soo Chi, der seit seiner Einbürgerung Stephan heißt, durchlief in Hamburg zügig das Gymnasium, dann den Grundwehrdienst und schließlich die Kieler Universität zum Diplom-Kaufmann. Nach einer Karriere als Produkt- und MarketingManager bei Masterfoods, Braun Gillette und Tchibo machte er sein Faible für Zensuren zur Geschäftsidee: Anfang 2008 gründete er das Internetportal tipdoo.de, das in Hamburg und Umgebung die Angebote von Firmen aus Einzelhandel, Gastronomie, Freizeit und Dienstleistungssektor als Entscheidungshilfe für Konsumenten bewertet. Die Marktlücke entdeckte Chi, als er 2006 für ein privates Fest ein neues Restaurant suchte und im Internet nicht recht fündig wurde. „Einmal im Leben etwas bewegen und erschaffen – wenn nicht jetzt, dann vermutlich nie“, dachte er sich und sprang Anfang 2008 mit viel Mut und 50 000 Euro – teils von Freunden geliehen, teils aus angespartem Geld – als Unternehmer ins kalte Wasser. Stephan Chi Wer heute in der Hansestadt ein spezielles Delikatessengeschäft oder ein Spezialitätenrestaurant sucht, Elbchaussee. 4 Millionen Zugriffe im Mower wissen möchte, welches Erlebnisbad nat verzeichnet der Hamburger Branchenam vergnüglichsten ist oder welcher In- bewerter, und es werden täglich mehr. doorspielplatz den Kindern am besten ge- „Noch vor einem Jahr hat das Premiumfällt, dem hilft tipdoo.de mit Videos, Bil- segment die Nase über uns gerümpft. Die dern, Texten und Kundenbewertungen bei der Auswahl. Der Clou: Wer selbst Die Gründer eine Bewertung abgibt, darf sich einen von zahlreichen Gutscheinen aussuchen, die die angeschlossenen Unternehmen an- Zeiten sind vorbei“, berichtet Chi. Die bieten. Für sie wird tipdoo zum Erfolgsba- meisten Unternehmen hätten erkannt, rometer und zum Kundenbindungsinstru- dass die Menschen immer weniger auf reiment. Die Firmenpräsenz bei tipdoo kos- ne Hochglanzwerbung hereinfielen. Werbefilme aus der Industrie schaue kaum eitet einheitlich 30 Euro im Monat und nach Belieben eine einmalige Videopro- ner mehr freiwillig an. Das sei die Chance von tipdoo: „Durch uns werden Steigenduktionsgebühr von meist weniger als 200 Euro. Die Kundschaft reicht inzwi- berger, Scherrer und Konsorten plötzlich anfassbar und menschlich. Wir verleihen schen vom Zoo über das Blumengeschäft und den Drogeriemarkt bis zum Alten- den Firmen eine Persönlichkeit.“ Chi spezialisiert sich nicht auf bestimmheim, vom kleinen Italiener an der Ecke te Sparten: „Wir möchten alle Branchen bis zum Landhaus Scherrer an der noblen

werden wir mit Qype verglichen. Unser Profil ist aber gänzlich anders, weil nicht die Bewertungen und die Nutzer im Vordergrund stehen.“ Den Schnäppchenjäger Groupon fürchtet der Unternehmer ebenfalls nicht: „Dessen Erfolg ist phantastisch. Bisher verzeichnen wir aber lediglich marginalen Einfluss. Nur zwei oder drei Kunden haben deswegen bei uns gekündigt. Stephan Chi legt seine Unternehmenspolitik langfristig an: „Unsere Plattform soll ohne Modetrends bestehen. Wir locken keine Nutzer mit Reizen. Lieber lassen wir einen Kunden ohne Bewertungen, als dass wir manipulieren. Nach Web 2.0 kommt 3.0, und wir möchten dabei sein.“ Noch in diesem Jahr will tipdoo nach Kiel, Lübeck und in andere norddeutsche Nachbarstädte expandieren. Seinen unternehmerischen Erfolg dankt Stephan Chi auch seiner sozialen Kompetenz. Sein ausländischer Hintergrund war, wie er sagt, „vollkommen irrelevant“. Ressentiments ist er kaum begegnet, allenfalls „als Kind den gängigen Hänseleien Asiaten gegenüber. Im Wirtschaftsleben gab es dann Vorschusslorbeeren wie ,Asiaten sind fleißig und intelligent‘, aber auch Berührungsängste, etwa gemiedenen AugenkonFoto Anna Mutter takt beim ersten Treffen.“ Als Chi sich selbständig machte, war seine größte Hilfe „die Bestätizeigen“, sagt er. „Nur kommen wir wegen knapper Ressourcen kaum hinterher.“ Tat- gung seiner Mitstreiter“. Zugute kam aber auch die frühe kaufmännische Erfahrung sächlich arbeitet seine kleine InternetGmbH nur mit einer knappen Personalde- bei seinem Vater, der fern vom eigentlichen Berufsfeld in Hamburg als Exporcke von 12 Angestellten, davon die Hälfte teur arbeitete und schon den 13-jährigen eher zufällig mit Migrationshintergrund. Chis jüngerer Bruder Markus, ein Infor- Sohn beteiligte. Anderen Jung-Unternehmern mit Migrationshintergrund rät Chi, matiker, leitet die Technik. Die restlichen „sich ein Feld auszusuchen, in dem DeutMitarbeiter verteilen sich auf Telefonund Außendienst. sche eine natürliche Stärke vermuten. Ich In Chis Branche geht es um die Vertei- hatte das Glück, dass hier meine tatsächlilung oft kleiner Werbebudgets. Gedruck- chen Interessen lagen. Als Weinbauer hätte Anzeigenblätter sind dabei die größte te ich es schwerer gehabt.“ Konkurrenz, weil sie dieselbe KundenzielNach Korea möchte der 41-jährige Vagruppe haben. Mit Tageszeitungen gibt es ter von zwei Kindern, der mit seiner deutoffenbar nur eine sehr kleine Schnittmen- schen Frau schon seit dem 16. Lebensjahr ge, da sie sehr teuer sind. Gelbe Seiten stö- zusammen ist und direkt nach dem Uniren trotz ihres gewaltigen Umsatzes und versitätsabschluss heiratete, keinesfalls langjährig gewachsener Kundenbeziehun- zurück: „Als ich als Erwachsener wieder gen wenig. Auch online sieht Chi keine in Korea war, fühlte ich mich als Fremwirkliche Gefahr für sein Geschäft: „Oft ULLA FÖLSING der.“

len im April gebraucht, um eine Koalition zu schmieden. Nun sollen gleich sechs Parteien die Regierung bilden: Katainens konservative Sammlungspartei, die Sozialdemokraten, das Linksbündnis, die Grünen, die Partei der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland sowie die Christdemokraten werden sich die Posten im künftigen Kabinett teilen. Scheibchenweise fallen seit dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen am Freitagabend die PerJutta Urpilainen sonalentscheidungen. Die wichtigste betrifft Katainens eigene Nachfolge an der Spitze des in Finnland mit weitreichenden Kompetenzen ausgestatteten Finanzministeriums: Am Wochenende erklärte Jutta Urpilainen, die Parteivorsitzende der Sozialdemokraten, die mit rund 20 Prozent der Stimmen in der Wählergunst auf Platz zwei landeten, sie selbst werde dieses Amt übernehmen. Die 34 Jahre alte Politikerin, die bisher keine Regierungserfahrung vorweisen kann, wird es nicht leicht haben, den Vergleich mit ihrem fünf Jahre älteren Vorgänger zu bestehen, der nun ihr Chef wird. Dem passionierten Marathonläufer Katainen war das Kunststück gelungen, Finnlands Staatsfinanzen ohne Verstoß gegen die Maastricht-

lainen bereitete die Finnen vorsichtshalber schon am Wochenende auf unangenehme Entscheidungen vor – und verband diese Ankündigung mit einer Kritik an der Amtsführung Katainens, der am Mittwoch in Helsinki zum Ministerpräsident gewählt werden soll: „Die bürgerliche Vorgängerregierung hat uns ein Haushaltsdefizit von acht Milliarden Euro hinterlassen“, sagte sie. „Das Tempo der Schuldenaufnahme ist auf lange Sicht nicht zu halten.“ Ihr HauptJyrki Katainen ziel sei es, den finnischen Sozialstaat langfristig zu sichern, dafür müssten die staatlichen Ausgaben gekürzt werden. Designierter finnischer Wirtschaftsminister ist Jyri Hakamies, ein Parteifreund Katainens. Dieser hatte zunächst ein Bündnis mit den rechtskonservativen „Wahren Finnen“ gesucht, die bei den Wahlen den stärksten Stimmenzuwachs verzeichneten und zur drittstärksten politischen Kraft des Landes avancierten. Diese Verhandlungen waren jedoch daran gescheitert, dass die „Wahren Finnen“ und ihr populärer Vorsitzender Timo Soini die europäischen Rettungspakete für angeschlagene Schuldenstaaten wie Griechenland und Portugal in ihrer vorgesehenen Form ablehnten. lzt. Foto Lehtikuva

Der deutsch-koreanische Unternehmensgründer Stephan Chi betreibt die Internetseite tipdoo.de

Regenbogenkoalition in Finnland ast zwei Monate lang hat der desi- Kriterien durch die Krise zu steuern F gnierte finnische Ministerpräsident und gleichzeitig seine persönlichen Jyrki Katainen seit den Parlamentswah- Sympathiewerte zu steigern. Jutta Urpi-

Foto dapd

Das virtuelle Verbrauchermagazin

Sabine Bendiek im Bitkom-Vorstand ie Geschäftsführerin der EMC D Deutschland GmbH, Sabine Bendiek, wird Mitglied des Hauptvorstandes

des IT-Branchenverbandes Bitkom. Die Managerin der deutschen Tochtergesellschaft eines der größten Computerunternehmens der Welt ist 44 Jahre alt und steht seit Anfang April an der Spitze des Unternehmens. Sie hatte ihre Karriere 1988 in der deutschen Siemens Nixdorf AG gestartet, war dort im Controlling und im Marketing für Branchenprodukte tätig. Anschließend ging sie zu einem Wagniskapitalfonds, arbeitete für die Un-

ternehmensberatung McKinsey in Hamburg und war sieben Jahre für den Computerhersteller Dell tätig. Im Frühjahr erhielt sie das Angebot, die Spitzenposition von EMC Deutschland zu besetzen. Nun wurde sie auch in den Vorstand des Bitkom gewählt. In dieser Funktion soll sie die Anliegen der deutschen Informationstechnik- und Telekommunikationsanbieter in Politik und Gesellschaft vertreten. Dabei werden Themen wie das sogenannte Cloudcomputing ihren Worten nach ganz oben auf ihrer Tagesordnung stehen. fib.

Kurze Meldungen SMS startet Elexis-Übernahme Bis zum 13. Juli gilt das am Mittwoch gestartete Übernahmeangebot an die Aktionäre der Elexis AG. Der Anlagenbauer SMS Group bietet mit 19 Euro je Aktie für den Mess- und Regelungsspezialisten gegenüber den gewichteten durchschnittlichen Börsenkursen der vergangenen drei Monate eine Prämie von 35 Prozent. Der ElexisVorstand und der Ankeraktionär L. Possehl unterstützen das Übernahmeangebot des Düsseldorfer Familienunternehmens. St.

Offener Immobilienfonds

Ausschüttung konstant

Nasdaq will LCH Clearnet kaufen Ausschüttung am 20. Juni 2011 Am 20. Juni 2011 schüttet der Offene Immobilienfonds hausInvest wie im Vorjahr 1,75 EUR pro Anteil – insgesamt rund 421 Mio. EUR – an seine Anleger aus. Der einkommensteuerpflichtige Anteil für Privatanleger liegt bei 0,4206 EUR. Unter Berücksichtigung des steuerpflichtigen Anteils der Thesaurierung von 0,0161 EUR unterliegen somit 0,4367 EUR der Kapitalertragsteuer, sofern kein Freistellungsauftrag bzw. keine gültige Nichtveranlagungsbescheinigung der depotführenden Stelle vorliegt. Solides Wachstum hausInvest hat das Geschäftsjahr 2010/2011 zum 31. März 2011 mit einer Wertentwicklung von 3,2 % (BVI-Methode) abgeschlossen. Damit erzielte der Fonds auch in diesem Jahr im Vergleich zu ähnlichen Anlageformen ein überdurchschnittliches Ergebnis und konnte erneut seine Qualität als stabiles Basisinvestment beweisen. Darüber hinaus bietet der hausInvest auch weiterhin steuerliche Vorteile, da der steuerfreie Anlageerfolg erneut auf hohem Niveau liegt. Wiederanlage – automatisch und kostenfrei Für Anteile, die in einem bei der Commerz Real Investmentgesellschaft mbH geführten Bausteinkonto gehalten werden, wird der Ausschüttungsbetrag zum geltenden Rücknahmepreis wieder in neue Anteile des hausInvest angelegt – automatisch und kostenfrei.

Bilfinger gibt Bau in Amerika auf

Service-Hotline: +49 611 7105-295

Bekanntmachung Die INP Finanzconsult GmbH beabsichtigt, von der 10. INP Deutsche Pflege Tensfeld GmbH & Co. KG begebene Kommanditanteile öffentlich anzubieten. Ein vollständiger Verkaufsprospekt wird bei der Curatis Treuhandgesellschaft mbH, Englische Planke 2 in 20459 Hamburg, zur kostenlosen Ausgabe bereitgehalten. SO.G.I.N. Aktiengesellschaft zur Verwaltung der Nuklearanlagen Auszug Wettbewerbsausschreibung

Hamburg, 20.06.2011

INP Finanzconsult GmbH

Auszug der Angebotsausschreibung Man gibt bekannt, dass die SOGIN – Società Gestione Impianti Nucleari per Azioni (Aktiengesellschaft zur Verwaltung von Nuklearanlagen), mit Sitz in Rom, Via Torino Nr. 6, eine Angebotsausschreibung mit beschränktem Verfahren anberaumt gemäß Gesetzesdekret Nr. 163/2006 und nachfolgenden Änderungen und Ergänzungen Teil III BETREFF: Submission von Arbeiten zur Planung und Ausführung eines neuen Systems zur Behandlung radioaktiver Abwässer (Radwaste), einschließlich der Abrüstung des vorhandenen Systems, bei der Centrale Nucleare del Garigliano (Atomkraftwerk Garigliano) – Sessa Aurunca (CE - Italien). REF. C0565L11 CIG 2394591EFD, VERMUTLICHER GESAMTBETRAG: € 9.375.382,00 (Euro neunmillionendreihundertfünfundsiebzigtausenddreihundertzweiundachtzig/00), davon € 195.382,00 (Euro hundertfünfundneunzigtausenddreihundertzweiundachtzig/00) Abgaben für Sicherheit, die keiner Ermäßigung unterliegen. VORHERRSCHENDE KATEGORIE: OS22 cl.V. AUSGLIEDERBARE KATEGORIEN: OS18 cl.III; OS23 cl.II; OG1 cl.III; OG11 cl.IV; OG12 cl.IV. ZUSCHLAGSKRITERIUM: wirtschaftlich vorteilhafteres Angebot, BETEILIGUNGSANFRAGE: vor 30.06.2011 (12:00 Uhr). Alle Informationen sind in der Bekanntmachung zu sehen, die im Nachtrag zur Amtsblatt der Europäische Union Nr. 2011/S 94-154590 vom 17.05.2011 veröffentlicht wurden, ebenso wie auf der Website www.sogin.it Der Direktor Gesetzliche, gesellschaftliche Funktion, Kauf und Ausschreibungen Rechtsanwalt Avv. Vincenzo Ferrazzano

Die Technologiebörse Nasdaq OMX bietet für Europas größten unabhängigen Wertpapierabwickler LCH Clearnet. Die amerikanische Börse bestätigte am Wochenende Angaben aus Bankenkreisen und erklärte, sie wolle sich ein Stück vom lukrativen Clearing-Geschäft sichern. Sie machte keine Angaben zum gebotenen Preis. Die Aufsichtsbehörden haben die Rolle von Clearinghäusern nach der Finanzkrise gestärkt, um die Abwicklung von Derivate-Geschäften sicherer und transparenter zu machen. Wertpapierabwickler springen im Fall eines Zahlungsausfalls der Beteiligten ein. LCH Clearnet hat Ende Mai erklärt, dass mehrere Interessenten Gebote abgegeben hätten. LCH Clearnet gehört einer Reihe von Banken sowie Marktteilnehmern. Die London Stock Exchange hat ein Interesse inzwischen dementiert, die Nyse Euronext ist dagegen eigenen Angaben zufolge im Rennen. Reuters

Sie haben Fragen zu Finanzanzeigen? Wir beraten Sie gerne: Telefon (069) 75 91-19 24

Der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger hat sein Baugeschäft in Amerika an den britischen Baukonzern Balfour Beatty verkauft. Die verbliebene kleine Einheit, spezialisiert auf den Bau von Kläranlagen, habe eine Jahresleistung von 50 Millionen Euro erbracht, berichtet der Konzern. Der Verkauf ist einer der letzten Mosaiksteine der neuen Strategie, die das Mannheimer Unternehmen weg vom Bau und hin zu Dienstleistungen und ausgewählten Tiefbauprojekten in Europa führen soll. Nach dem milliardenschweren Verkauf der australischen Tochtergesellschaften stehen nun nur noch die Aktivitäten in Nigeria auf dem Prüfstand. Bilfinger hat bereits angekündigt, die Beteiligung an der börsennotierten Tochtergesellschaft Julius Berger zu reduzieren. Gegen Mitarbeiter des Unternehmens laufen staatsanwaltschaftliche Untersuchungen wegen des Verdachts auf Schmiergeldzahlungen. Der Konzern, der von Juli an vom ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch geführt wird, weist die Vorwürfe zurück. tag.

Fuchs Petrolub bestätigt Prognose Der Schmierstoff-Hersteller Fuchs Petrolub bleibt trotz steigender Rohstoffkos-

ten auf Erfolgskurs. „Wir stehen zum Ausblick“, sagte der Vorstandsvorsitzende Stefan Fuchs gegenüber Journalisten. Für 2011 peilt das Unternehmen nach dem jüngsten Rekordergebnis abermals einen Spitzenwert an. Im vergangenen Jahr hatte Fuchs Petrolub ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) von 250 Millionen Euro erzielt. Allein die Rohstoffkosten verschlingen den Angaben zufolge 57 Prozent des Umsatzes. Die steigenden Preise für Grundöl und Chemikalien gibt das Unternehmen, das rund 3600 Mitarbeiter beschäftigt, demnach mit einer zeitlichen Verzögerung von drei bis sechs Monaten an seine Kunden weiter. Das entscheidende Thema der Zukunft sei weniger der Preis als die Verfügbarkeit von Rohstoffen, sagte Fuchs. „Der Gau wäre, wenn wir nicht liefern könnten. Das war bisher noch nie der Fall.“ Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen aus Mannheim, an dem die Familie Fuchs mehr als 50 Prozent der Aktien hält, dem Ölkonzern Shell das Geschäft mit Schmierstoffen für die Nahrungsmittelindustrie abgekauft. Nach weiteren Gelegenheiten für Zukäufe halte das Management Ausschau, sagte Fuchs, konkret seien die Pläne aber noch nicht. dpa-AFX

Microsoft darf Skype übernehmen

Die amerikanische Aufsichtsbehörde Federal Trade Commission (FTC) hat dem Softwarekonzern Microsoft die Übernahme des Internet-Telefondienstes Skype erlaubt. Die FTC teilte mit, sie habe ihre Prüfung des Angebots über 8,5 Milliarden Dollar (umgerechnet knapp 6 Milliarden Euro) von Microsoft abgeschlossen. Nun müsse allerdings auch noch das Justizministerium dem Kauf zustimmen. Jede Übernahme im Wert von mehr als 65 Millionen Dollar müsse von beiden Behörden abgesegnet werden, teilte die FTC mit. Das Angebot von Microsoft ist mehr als dreimal so hoch wie der Wert, den Skype vor 18 Monaten hatte, als das InternetAuktionshaus Ebay seinen Anteil von 70 Prozent an eine Investorengruppen unter der Führung von Silver Lake und Andreessen Horowitz verkauft hatte. Für Microsoft ist es die größte Übernahme in der 36-jährigen Geschichte des Unternehmens. dapd

Fraport zeigt sich zuversichtlich Die kräftige Zunahme der Passagierzahlen im Mai stimmt den Flughafenbetreiber Fraport optimistisch. „Wenn das Jahr absolut planmäßig verläuft – also keine weitere Aschewolke, keine Streiks oder andere externe Unterbrechungen – spricht vieles für den oberen Rand der Prognose“, sagte der Fraport-Vorstandsvorsitzende Stefan Schulte der Finanz-

zeitschrift „Euro am Sonntag“. Da aber unklar sei, wie sich der Tarifstreit bei der Deutschen Flugsicherung entwickele, halte der Konzern an seiner Prognose fest. Das Betriebsergebnis (Ebitda) soll demnach 2011 um 10 bis 15 Prozent über den im Vorjahr erzielten 710,6 Millionen Euro liegen. Am Frankfurter Flughafen ist dieses Jahr die Marke von fünf Millionen Passagieren erstmals schon im Mai geknackt worden; üblicherweise ist es erst im Ferienmonat Juli so weit. Reuters

Prada erlöst an Börse weniger Statt des erhofften Betrags von bis zu 2,6 Milliarden Euro bringt der Börsengang des italienischen Luxuswarenanbieters Prada in Hongkong deutlich weniger ein. Als Belastung für den Börsengang erwies sich die Ankündigung, dass auch chinesische Anleger für ihre Dividenden eine italienische Quellensteuer von 27 Prozent entrichten müssten. Nachdem sich angeblich auch das Interesse der Privatanleger für Prada-Aktien in Grenzen hielt, war zunächst der angekündigte Maximalwert der Aktien von 48 Hongkong-Dollar auf 42,25 herabgesetzt worden. Der tatsächliche Ausgabekurs liegt nun noch niedriger, beim Minimalwert der angekündigten Preisspanne von 39,50 Hongkong-Dollar. Nach Abzug der Kosten des Börsengangs erhalten Firmenchef Bertelli und die Familie Prada zusammen rund 950 Millionen Euro und können damit Verbindlichkeiten ihrer Finanzholding ablösen. Im Rahmen einer Kapitalerhöhung fließen 210 Millionen Euro an das Unternehmen selbst, die für Schuldenabbau und den Ausbau des Geschäftsnetzes genutzt werden sollen. tp.

Bank of Ireland vor Staatsausstieg Irland will offenbar noch vor der geplanten Kapitalerhöhung der zum Teil verstaatlichten Bank of Ireland einen Anteil von bis zu 15 Prozent an dem Geldhaus verkaufen. Dies verlautete aus Finanzkreisen am Wochenende. Das in der Finanzkrise vom Staat gerettete Institut, das Anfang des Monats eine Kapitalerhöhung und einen Rückkauf seiner Schulden mit einem drastischen Abschlag angekündigt hat, erklärte sich am Samstag mit diesem Schritt einverstanden. Dem Vernehmen nach gibt es schon eine Reihe von Interessenten. Im Rahmen der Kapitalerhöhung bietet das Unternehmen neue Aktien zum Preis von 10 Cent an. Am Freitag kostete eine Aktie 13 Cent. Mit der Kapitalerhöhung und dem Rückkauf seiner Schulden mit einem drastischen Abschlag will die Bank insgesamt 4,2 Milliarden Euro zur Sanierung ihrer Bilanz einnehmen. Der Staat muss sich als Eigentümer von bislang 36 Prozent der Bank an dem Schritt beteiligen. Reuters


FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

Unternehmen

M O N TAG , 2 0 . JU N I 2 0 1 1 · NR . 14 1 · S E I T E 19

Das Unternehmergespräch: Werner Utz, Vorstandsvorsitzender und Miteigentümer des Bauchemiekonzerns Uzin Utz nem Marktanteil von 10 Prozent könne man im Ausland aktiv mitmischen, erläutert Utz. Potential für weiteres Wachstum sieht er in Europa unter anderem in Frankreich und England. 15 Prozent der Produkte müsse das Unternehmen individuell für jedes Land anpassen. Utz nennt als Beispiel Klebstoffe für den PVC-Belag. Während in Süddeutschland die Beläge schnell nach dem Einstreichen verarbeitet werden, vergeht in Frankreich eine längere Zeit. In dem Nachbarland wolle der Handwerker seinen Arbeitsrhythmus nicht dem Klebstoff an-

„Ein Klebstoff, der nicht mehr klebt“ Fußböden werden verlegt und auch wieder entfernt. Jedes Land benötigt dazu einen anderen Klebstoff. ULM, 19. Juni lebstoff kann Materialien für sehr lange Zeit verbinden. Doch das stehe heutzutage nicht mehr alleine im Vordergrund, sagt Werner Utz, der Vorstandsvorsitzende des Bauchemieunternehmens Uzin Utz AG, das 2011 auf 100 Jahre Firmengeschichte zurückblicken kann. Das börsennotierte Familienunternehmen ist eines der führenden Hersteller von Klebstoffen für Böden, die zur Verlegung von Belägen aus Kunststoff, Holz oder auch Fliesen benötigt werden. Die Ulmer Klebespezialisten stellen zudem entsprechende Spezialmaschinen her. Neben dem Ziel, weniger Klebstoff pro Quadratmeter zu benötigen, sei der Rückbau – zum Beispiel die spätere Trennung des PVC vom Estrich – heute ebenfalls ein wichtiges Thema, erläutert der Unternehmenschef. Uzin Utz hatte es in der Vergangenheit schon einmal mit einem mikrowellenaktivierbaren Klebstoff probiert, um die Stoffe anschließend besser trennen zu können und rückzubauen, erzählt er. Das Problem dabei: Die Strahlung des Mikrowellengeräts, das dabei zum Einsatz kommt, konnte nicht entsprechend abgeschirmt werden. Deshalb ist der Plan nicht weiterverfolgt worden. Nun setzt Werner Utz neue Hoffnung auf die Forschung: „Auf einen Klebstoff, der auf Befehl nicht mehr klebt.“ Dies könnte beispielsweise mit Hilfe eines ganz bestimmten Substrats gelingen, das durch einen Außeneinfluss steuerbar sei. Doch solch einen Kleber zu entwickeln, könne das Familienunternehmen nicht leisten. Das sei eine Aufgabe der international agierenden Chemiekonzerne und ihrer großen Versuchslabors.

K

Woche für Woche beliefern zahlreiche Tanklastwagen das Industriegebiet im Osten von Ulm. Ihr Ziel ist die Uzin Utz AG, die mitten in dem großen Industriekomplex liegt. Die Tanklastwagen befördern unter anderem Öle, die zur Produktion von Klebstoffen benötigt werden. Der Bauchemiespezialist gilt auf dem europäischen Markt als einer der Marktführer – international gibt es freilich auch sehr große Konkurrenten wie die italienische Mapei-Gruppe. Um weiterbestehen zu können, heißt es, neue Märkte zu erschließen. Wenn er auf die Zukunft zu sprechen kommt, wählt der 63 Jahre alte Manager Utz seine Worte bedächtig. „Im Jahr 2012 erfolgt die Weichenstellung für die weitere internationale Ausrichtung.“ Utz hat insbesondere Brasilien und Amerika im Blick. Brasilien sei ein wachsender und interessanter Markt und stehe Europa im Bereich des Wohnumfeldes nahe. Dort seien Natursteine oder Fließen sehr dominant und textile Beläge eher selten. Doch Klebstoffe oder Mörtelmasse nach Brasilien zu exportieren sei nicht so einfach: „Die Exportzölle sind sehr hoch. Es würde sich nur eine Produktion vor Ort lohnen.“ Entscheidungen über ein Trockenmörtelwerk seien aber noch keine gefallen. Aktuell werde der Markt genau erkundet. Weiter vorangekommen ist der Mittelständler mit seinen Expansionsplänen in Amerika. Vor fünf Jahren sei der Entschluss gefasst worden, dort eine eigene Vertriebsgesellschaft aufzubauen. Die Wirtschaftskrise habe in der Vergangenheit für Rückschläge gesorgt, im Jahr 2010 sei jedoch die Trendwende geschafft worden. Aktuell entfallen 2 Prozent der Umsatzerlöse auf Amerika. „Das kann nur langfristig etwas werden, wenn man dort eine Produktion hat“, sagt Utz. Zwar solle über den Neubau der Produktionsstätte für Trockenmörtel auch erst im kommenden Jahr entschieden werden, doch der Betriebswirt betont, wie wichtig ihm die Angelegenheit ist. Das voraussichtliche Investitionsvolumen beträgt zwischen 5 und 7 Millionen Euro. Und

„In Frankreich will der Handwerker seinen Arbeitsrhythmus nicht dem Klebstoff anpassen.“

Foto Claus Setzer

Das Unternehmen

Der Unternehmer

Die Uzin Utz AG geht zurück auf die 1911 in Wien gegründete Fabrikation Chemischer Produkte Georg Utz. Die Familie hält noch rund 55 Prozent der Anteile. Mit dem Namen Uzin wollte man sich in den zwanziger Jahren von Uzol abgrenzen – unter dieser Marke hatte Utz‘ Großvater Seifenpulver produziert. Das „Uz“ stammte vom Familiennamen, das „-in“ sollte für Industrie stehen. Das Unternehmen mit aktuell rund 900 Mitarbeitern machte 2010 einen Umsatz von 184 Millionen Euro und verdiente 9,6 Millionen Euro.

Werner Utz liebt Oldtimer und Kunst: Der 63 Jahre alte Vorstandschef hat jedoch nur eingeschränkt Zeit für seine Leidenschaften. Utz, der das Unternehmen in dritter Generation führt, studierte zunächst Betriebswirtschaftslehre in München, danach folgten vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und eine Promotion. Im Jahr 1978 wechselte Utz vom Campus in das Familienunternehmen, das er schrittweise umbaute. Zwei seiner drei Kinder sind heute ebenfalls für den Bauchemiespezialisten tätig.

Utz weist ausdrücklich darauf hin, dass der amerikanische Staat Investitionen fördere. Bislang erwirtschaftet das Unternehmen 54 Prozent des Umsatzes im Ausland. Dieser Auslandsanteil soll in den kommenden Jahren überproportional wachsen – in fünf Jahren will Uzin Utz hier 70 Prozent erreichen. Die Gesamterlöse des Unternehmens stiegen im vergangenen Jahr um 7 Prozent auf 184,2 Millionen Euro. In diesem

Jahr werden knapp 200 Millionen Euro Umsatz angestrebt, berichtet der Vorstandsvorsitzende weiter. 2012 sehen die Planungen wegen der anstehenden möglichen Investitionen nur einen Anstieg zwischen 4 und 5 Prozent vor. Doch für das Folgejahr werden die Ziele dann wieder höher geschraubt: Geplant ist ein Umsatzwachstum von 8 bis 10 Prozent. China spielt bei diesen Überlegungen eher eine Nebenrolle. Dort ist Uzin Utz zwar schon

seit zwölf Jahren vertreten. Doch das Engagement habe bisher noch nicht so viel Freude bereitet. „Die Chinesen wollen erst einmal ein Auto oder einen Computer haben“, sagt Utz. In die Wohnung werde nicht an erster Stelle investiert. Einen Großteil des Umsatzes erzielt das Unternehmen nach wie vor in Deutschland. In der Schweiz, Niederlande, Belgien oder auch Polen ist der Bauchemiespezialist mit der Entwicklung zufrieden. Ab ei-

passen. Durch eine andere Zusammensetzung des Klebemittels kann die Zeit verlängert werden, bis es trocknet, erzählt er. Sorgen bereitet dem Unternehmen die Entwicklung der Rohstoffpreise. Der Materialkostenfaktor betrage fast 50 Prozent. „Zumindest bis Jahresende ist mit weiter steigenden Preisen zu rechen.“ Zum ersten Mal habe das Unternehmen mitten im Jahr die Preise anheben müssen. Bei den Klebstoffen habe sich vor allem der Preis für Naturharze aus Südamerika verteuert. Vor eineinhalb Jahren habe das Kilogramm noch 1 Euro gekostet, heute werde 3,50 Euro verlangt. Im laufenden Jahr rechnet Utz damit, 1200 Tonnen an Naturharzen zu benötigen. Um die weiteren Expansionspläne zu finanzieren und die Unabhängigkeit zu sichern, plant das Unternehmen eine Kapitalerhöhung. Mit ihr sollen 15 bis 20 Millionen Euro eingesammelt werden. Die Familie hält rund 55 Prozent der Anteile an dem Unternehmen. „Das wollen wir auch aufrechterhalten“, betont Utz. Wichtig sei auch eine gute Eigenkapitalquote. Sie solle nicht unter 40 Prozent fallen. Aktuell beträgt sie 46 Prozent. Ans Aufhören denkt der Vater von Drillingen nicht. Doch die Weichen für den Einstieg der nächsten Generation sind in diesem Jahr gestellt worden: Seine beiden Söhne arbeiten in Tochtergesellschaften des Unternehmens. Einer der beiden 30 Jahre alten Jungmanager wird sich in Zukunft um die Pläne in Amerika kümmern und dort neue, haltbare Verbindungen schafOLIVER SCHMALE fen.

Wir ehren kluge Köpfe. Die Preisverleihung zum Projekt „Zukunftsfähiger Luftverkehr“

F.A.Z.: Warum unterstützt die Fraport AG ein medienpädagogisches Schulprojekt der F.A.Z.? Brendle: Wir sind davon überzeugt, dass es im besten und wahrsten Sinne des Wortes „bildend“ ist, wenn junge Menschen lernen, sich Themen wie beispielsweise im Rahmen einer Projektarbeit und mit Bezug auf mediale Informationen selbständig zu erarbeiten. Die Verknüpfung des zukunftsorientierten Themas Nachhaltigkeit mit dem Luftverkehr ist für uns natürlich besonders interessant. Denn die nachhaltige Ausgestaltung von Mobilität und Logistik ist eine der zentralen Zukunftsaufgaben. Wenn sich junge Menschen an diese Herausforderungen herantrauen, unterstützen wir sie dabei sehr gerne. F.A.Z.: Nun möchten wir auch Ihnen die Wettbewerbsfrage des Themenprojekts „Zukunftsfähiger

Luftverkehr“ stellen: Welche Möglichkeiten gibt es aus Ihrer Sicht, den Luftverkehr zukunftsfähiger zu gestalten? Brendle: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten – das ist oft nicht bekannt. Zentral ist sicher der Einsatz energiesparender und effizienter Technologien und Materialien. Zu den in Frage kommenden Bereichen für technische Verbesserungen gehören die Flugzeugtechnik – zum Beispiel Turbinen – und energieeffiziente Antriebe in Fahrzeugen, die Fluggerät, Fracht und Passagiere am Boden versorgen. Aber auch die Optimierung von Streckenführungen in der Luft und am Boden trägt dazu bei, Treibstoff zu sparen. Mittelfristig setzen wir auch einige Hoffnung in den Einsatz von umweltverträglicheren Treibstoffen, die sogenannten „biofuels“. Die Branche hat eine „Vier-Säulen-Strategie“ mit einem

Jugend recherchiert – „Zukunftsfähiger Luftverkehr“ ist ein medienpädagogisches Projekt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das in Zusammenarbeit mit der Fraport AG und mit Unterstützung von ProMedia durchgeführt wird. Das Projekt verfolgt das Ziel, Jugendlichen die Tageszeitung als wichtige und wertvolle Informationsquelle nahezubringen und sie in die Lage zu versetzen, dieses Medium kompetent und effektiv zu nutzen. Im thematischen Mittelpunkt der Annäherung an die Tageszeitung steht dabei das Thema „Zukunftsfähiger Luftverkehr“. Ausgehend von der Berichterstattung in der F.A.Z. legten die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnisse in journalistischen Beiträgen, eigenen Websites und umfangreichen Präsentationen dar. Die besten Arbeiten wurden am vergangenen Donnerstag, dem 16. Juni 2011, prämiert. An dem sechsmonatigen Projekt nahmen rund 1000 Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrkräften teil. Die Fraport AG unterstützte das Projekt „Jugend recherchiert“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Über das Engagement rund um das Thema Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit sprachen wir mit Uwe Brendle aus dem Bereich Nachhaltigkeitsmanagement und Corporate Compliance bei der Fraport AG.

Medienpädagogische Schulung & Beratung

umfassenden Katalog von Maßnahmen verabschiedet, die dem Ziel „Zukunftsfähiger Luftverkehr“ dienen. Diese Maßnahmen betreffen alle Bereiche des Luftverkehrs: vom Flughafenbetrieb über die Airlines bis hin zu den Flugzeugherstellern. Aber auch die Politik ist angesprochen.

eingearbeitet und eigene Ideen entwickelt haben. Schön zu sehen war die – mit der „Eindringtiefe“ wachsende – Begeisterung für die vielen Facetten des Themas.

F.A.Z.: Wie haben die Schülerinnen und Schüler das Thema umgesetzt?

Brendle: Es waren verschiedene Erfahrungen: Zu Beginn des Projekts wurde deutlich, dass das Thema für Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler sehr komplex ist. Doch mit großem Engagement und Geschick haben die Schülerinnen und Schüler Einzelthemen formuliert und sich mit diesen sehr fundiert auseinandergesetzt. Für uns ist es interessant, dass nahezu alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Thema spannend finden, weil sie einen gesellschaftlichen Nutzen darin sehen, die Umweltverträglichkeit des Luftverkehrs weiter zu verbessern.

Brendle: Sehr kreativ und engagiert, eigenständig und kompetent. Mitunter auch sehr kritisch – was uns gefällt. F.A.Z.: Welche Beiträge haben Sie besonders begeistert und warum? Brendle: Besonders angetan waren wir von den Beiträgen, in denen die Schülerinnen und Schüler sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten, dieses umfassende Thema in den Griff zu bekommen,

F.A.Z.: Welche Erfahrungen konnten Sie während des Projekts sammeln?


Finanzmarkt und Wetter

SE IT E 20 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

Von Jörg Krämer as Gesicht des Präsidenten der EuroD päischen Zentralbank (EZB) war versteinert, als er in der Nacht zum 10. Mai 2010 verkündete, die Bank werde Anleihen der strauchelnden Peripherieländer kaufen. Vielleicht ahnte er, dass die Finanzminister bald mehr fordern würden. Tatsächlich gingen die Politiker bis vor kurzem davon aus, die EZB füttere die griechischen Banken weiter durch, selbst wenn sie die Ratingagenturen mit ihren Forderungen nach einer Umschuldung zwingen würden, die Bonitätsnote Griechenlands auf Zahlungsausfall zu stellen. Aber die EZB hat dicht gemacht. Sie will den griechischen Banken keine Liquidität mehr bereitstellen, wenn die von ihnen angebotenen Sicherheiten, nämlich griechische Staatsanleihen, nach einem Zahlungsausfall weitgehend wertlos wären. Man könnte der EZB vorwerfen, mit ihrer Entscheidung vom Mai letzten Jahres die Geister gerufen zu haben, gegen die sie sich jetzt wehren muss. Aber die Zentralbank hat recht, jetzt kompromisslos zu sein. Dabei geht es ihr nicht primär um die rund 45 Milliarden Euro an griechischen Staatsanleihen, die sie seit Mai 2010 gekauft hat und die sie wohl größten-

Der Autor ist Chefvolkswirt der Commerzbank.

Dax

S&P 500

Nikkei

7550 7300 7050 6800 6550 6300 16.3.2011

1380 1350 1320 1290 1260 1230 16.3.2011

10400 10000 9600 9200 8800 8400 11.3.2011

17.6.2011

F.A.Z.-Rendite 10 Jahre 3,60 3,50 3,40 3,30 3,20 3,10 15.3.2011

Dollar je Euro

17.6.2011

Bilanz der Woche

17.6.

F.A.Z.-Index Dax 30 M-Dax Tec-Dax Euro Stoxx 50 FTSE 100 Index Dow Jones Nasdaq Index S & P 500 Nikkei Index SSE 180 MSCI Index Welt

17.6.2011

1,50 1,48 1,45 1,43 1,40 1,38 16.3.2011

1605,57 7164,05 10530,47 870,55 2770,12 5714,94 12004,36 2616,48 1271,50 9351,40 6114,68 92,00

17.6.2011

Rohöl Dollar je Barrel London

17.6.2011

129,0 124,0 119,0 114,0 109,0 104,0 14.3.2011

10.6. + 14,21 + 94,15 – 41,72 – 9,12 + 37,58 – 50,86 + 52,45 – 27,25 + 0,52 – 163,04 – 143,52 + 0,40

LONDON, 19. Juni. Den Finanzmärkten steht diese Woche ein Hürdenlauf bevor: Im Prinzip entscheidet sich, ob der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU programmgemäß im Juli die Tranche von 12 Milliarden Euro im Rahmen des ersten Rettungspakets an Griechenland auszahlen werden. Die Frage ist, ob dies geschieht, obwohl die griechische Regierung strauchelt, der griechische Ministerpräsident Giorgios Papandreou die Vertrauensfrage gestellt hat und die Zustimmung des griechischen Parlaments zu weiteren fiskalpolitischen Sanierungsmaßnahmen am 30. Juni nicht gesichert ist. Außerdem werden die EU-Finanzminister andeuten, ob ein neues dreijähriges Rettungspaket für Griechenland geschnürt wird nachdem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy darauf geeinigt haben, nicht das von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble geforderte Konzept der Laufzeitenverlängerung weiterzuverfolgen, sondern die „Wiener Initiative“ zu versuchen. Dabei sollen sich private Anleihegläubiger „freiwillig“ bereit erklären, bei Fälligkeit alter griechischer Anleihen neue Staatsanleihen Griechenlands zu kaufen. Dies soll im Gegensatz zur Schäuble-Lösung eine Abstufung griechischer Anleihen auf „Default“ vermeiden. Die Angst ist groß, dass eine ungeschickte politische Entscheidung rechtlich einen von den Ratingagenturen festgestellten „Verzug“ (default) der griechischen Anleihen auslösen könnte und ein von dem Internationalen Verband der Swap- und Derivatehändler (ISMA) festgestelltes Kreditereignis. Die Zahlen sprechen für sich: Die Risikoprämien am Markt für Kreditausfallversicherungen (CDS) für Griechenland sind auf zeitweilig 2200 Punkte geschossen. Die Rendite für zweijährige griechische Anleihen ist auf fast 30 Prozent gestiegen. Die Auszahlung der 12-MilliardenEuro-Tranche im Juli durch den IWF und die EU scheint im Prinzip beschlossene Sache, weil die Bedingung des IWF offenbar erfüllt wird: Egal wie die Beteiligung privater Anleihegläubiger aussehen wird, kann der IWF davon ausgehen, dass die EU die Finanzierungslücke in einem neuen Rettungspaket schließen wird. Mit der deshalb gesicherten Auszahlung der 12 Milliarden Euro-Tranche ist zumindest die kurzfristige Finanzierung Griechenlands bis in den Herbst hinein garantiert und ein kurzfristig bevorstehender Verzug des Landes an den Kapitalmärkten abgewendet. Selbst wenn das griechische Vertrauensvotum scheitern sollte und die Parlamentsabstimmung am 30. Juni über die mittelfristige Fiskalpolitik abgesagt würde und Neuwahlen ausgerufen werden müssten, wäre dies nach Einschätzung der Londoner City zunächst für die Kapitalmärkte kein Drama. Es würde die Dinge komplizieren, aber es wäre genug Zeit, eine neue Regierung zusammenzustellen, mit der das nächste Rettungsprogramm besprochen werden könnte.

Bund-Future Tagesgeld Frankfurt 3-Monats-Euribor Bundesanl.-Rendite 10 J. F.A.Z.-Renten-Rend. 10 J. US-Staatsanl.-Rend. 10 J. Gold-Unze (London $) Rohöl (London $/Barrel) 1 Euro in Dollar 1 Euro in Pfund 1 Euro in Schw. Franken 1 Euro in Yen

17.6.2011

17.6.

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126,22 1,27 % 1,502 % 2,96 % 3,21 % 2,93 % 1537,50 113,25 1,4270 0,8826 1,2103 114,71

+ 0,29 – 0,50* + 0,03* – 0,02* – 0,04* – 0,04* + 8,25 – 5,31 – 0,0216 – 0,0058 – 0,0087 – 1,2900

*) Prozentpunkte

Die F.A.Z.-Wetterinformationen

So. 19.6. Aachen 17° Rs Arkona 15° b Berlin 17° w Bremen 12° R Brocken 4° N Cottbus 17° h Cuxhaven 12° R Dresden 16° b Düsseldorf 13° Rs Erfurt 14° w Essen 12° b Feldberg 2° Rs Feldberg Ts. 7° b Frankfurt/M. 15° b Freiburg 14° b Garmisch 13° Rs Greifswald 16° b Hamburg 15° b Hannover 13° b Helgoland 13° R Hof 8° Rs Kahler Asten 7° R Karlsruhe 16° b Kassel 15° h Köln 14° b Konstanz 14° h Leipzig 15° b Lübeck 15° b Magdeburg 16° b Mannheim 16° b München 12° R Norderney 14° R Nürnberg 14° w Oberstdorf 10° b Osnabrück 19° R Passau 11° Sr Rostock 16° w Saarbrücken 12° b Stuttgart 12° Rs Sylt 14° b Trier 13° b Wendelstein 2° b Zugspitze -5° N

Mo. Di. Mi. 20.6. 21.6. 22.6. 18° b 22° R 21° R 16° b 18° w 19° w 20° w 22° R 26° w 19° w 20° b 22° b 10° N 12° R 12° R 19° w 22° R 26° w 17° Rs 19° R 20° R 18° b 22° R 25° R 18° w 22° R 22° w 18° w 22° R 22° w 17° w 21° R 21° R 11° R 15° w 13° R 13° b 18° R 18° R 20° w 25° R 24° R 22° b 27° b 24° R 20° R 26° w 25° Rs 18° Rs 20° w 22° w 18° Rs 20° R 21° R 20° b 21° R 22° w 16° w 17° R 17° w 17° w 21° R 21° w 12° b 17° R 16° b 21° w 27° w 25° w 18° b 22° R 21° Rs 19° b 23° R 23° R 21° w 26° w 25° R 20° b 23° R 24° w 19° b 20° R 22° b 20° b 22° R 24° R 21° w 26° R 24° R 20° w 26° w 26° w 18° w 18° R 19° Rs 19° w 25° w 24° w 18° R 25° w 23° w 19° R 21° R 22° R 19° w 25° R 27° h 17° w 19° w 21° R 18° w 22° b 22° R 20° w 26° w 24° w 17° Rs 18° Rs 18° b 20° R 24° R 22° R 9° b 16° b 16° w 1° N 6° N 8° N

s = sonnig, h = heiter, w = wolkig, b = bedeckt, G = Gewitter, N = Nebel, R = Regen, Rs = Regenschauer, Sr = Sprühregen, S = Schnee, SR = Schneeregen, Ss =Schneeschauer, -- = keine Meldung. Für alle Tabellen: Werte von gestern sind Messwerte von mittags Ortszeit.

Gewinner und Verlierer im Dow Jones Die Grafik verbindet die Kursänderungen der 30 Werte des Dow Jones-Industrial in zwei Zeiträumen. Auf der Vertikalen sind die Änderungen der vergangenen 12 Monate abgebildet, auf der Horizontalen jene aus den letzten vier Wochen. Die erfolgreichsten Aktien finden sich in der Grafik oben rechts, die erfolglosesten unten links. Die Größe der die Aktien abbildenden Kresie bestimmt sich durch den Börsenwert der Unternehmen.

zurückfallende Werte in 4 Wochen in 12 Monaten

führende Werte in 4 Wochen in 12 Monaten

„Verlierer“ Dow in 4 Wochen in 12 Monaten

aufholende Werte in 4 Wochen in 12 Monaten

in den vergangenen 4 Wochen (%) schlechter besser als der Dow Jones +50

Caterpillar +40

Chevron

Amer. Express +30

DuPont

Alcoa

+20

Coca Cola IBM Verizon

Gen. Electric

+10

Disney

0

Travelers Home Depot

Pfizer

Exxon Mobil

AT&T

United Techn. Kraft Foods Procter&Gamble

Boeing

JP Morgan

Intel

McDonald's

3M

Johnson&J.

Wal-Mart

–10

Merck

–20

Dow Jones (–4,06% seit 4 Wochen, +15,05% seit 12 Monaten)

Microsoft

Hew. Packard

–30

Bank of America

Cisco

–40 –10

–9

–8

–7

–6

–5

–4

–3

–2

–1

Börsenwert (Schlusskurs der vergangenen Woche multipliziert mit der Anzahl der Aktien)

Entscheidend für die Kapitalmärkte ist vielmehr die im Sommer verkündete detaillierte Ausgestaltung der Beteiligung privater Anleihegläubiger an dem neuen, dreijährigen Rettungspaket. „Wie ein substantieller und gleichzeitig freiwilliger, kreditereignisfreier privater Beitrag aussehen soll, bleibt ein Geheimnis“, heißt es bei der BHF Bank. In der Tat widerspricht diese von den Politikern benutzte Formulierung den Regeln der Ratingagenturen und der ISMA: Jegliches Entgegenkommen, bei dem sich der Gläubiger wirtschaftlich schlechter stellt um dem Schuldner zu helfen, wird normalerweise als Verzug eingestuft, vor allem wenn der Gläubiger Konditionen akzeptiert, die unter den Marktkonditionen liegen. Ein Default der Anleihen muss

NORDAMERIKA Heute Zwei Tiefdruckgebiete über dem Westen und Norden Europas lenken in den nächsten Tagen teilweise noch feuchte, aber auch allmählich wärmere Luft nach Deutschland.

Vorhersagekarten für heute, 20.6.2011 (Tagesmaximum)

18 18 Hamburg Hamburg 19 19 4 Bremen Bremen 20 20 Hannover Hannover

Bremen, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern: In der Früh scheint zunächst noch öfter die Sonne. Im Tagesverlauf verdichten sich die Wolken von Westen her etwas und örtlich bilden sich Schauer. Die Höchstwerte liegen zwischen 17 und 20 Grad. Der Westwind bläst frisch, an der Küste auch kräftig. Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland: Der Himmel ist meist dicht bewölkt, nur selten blitzt die Sonne durch. Gegen Mittag zieht von Westen her Regen auf, örtlich fällt er auch kräf tiger. Bei schwachem bis mäßigem Süd- bis Südwestwind erreichen die Werte zwischen 17 und 20 Grad. Baden-Württemberg und Bayern: Sonne und Wolken wechseln sich ab, gelegentlich fällt Regen. Vor allem im Südwesten entstehen vereinzelte Gewitter. Die Luft erwärmt sich auf 19 bis 22 Grad. Dazu weht schwacher bis mäßiger Südwestwind, in Berglagen sind auchSturmböen möglich.

Sonne & Mond --:-- /10:24Uhr

Auf- und Untergang in Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) für Frankfurt/Main.

17 17 Essen Essen 19 19 Köln Köln 3

18 18 Saarbrücken

3

20 20

5

17 17 Kiel Kiel

5

Berlin, Brandenburg, SachsenAnhalt, Thüringen, Sachsen: Heute wechseln sich lockere Wolken und Sonnenschein ab. Vereinzelt entstehen kurze Schauer. Gegen Abend wird es dann zunehmend sonniger. Die Temperaturen steigen auf 18 bis 20 Grad. Dazu weht frischer, in Böen teils kräftiger Westwind.

05:15 / 21:39Uhr

prämien am Markt für Kreditausfallversicherungen ablesen. Gleichzeitig warnte die Ratingagentur Moody’s am Freitag, sie werde das Rating von Italien (Aa2) möglicherweise herabsetzen müssen, weil nicht nur strukturelle Schwächen in der italienischen Wirtschaft das Wachstum bremsen. Moody’s beunruhigt auch, dass der italienischen Regierung zunehmend die Rückendeckung fehle, die erforderliche Haushaltssanierung durchzuziehen. Auch verschlechterten sich angesichts der Griechenland-Krise die Refinanzierungskonditionen für EU-Länder mit hohen Haushaltsdefiziten und hoher Schuldenquote.

0

+1

Quelle: vwd/NYSE Euronext

wird bedienen können. Eine Umschuldung ist auf Dauer nicht vom Tisch. Barclays Capital hat schon ausgerechnet, dass der Verlustabschlag (haircut) bei einer Umschuldung angesichts der zahlreichen von staatlichen Stellen gehaltenen Schuldtitel bei etwa 67,5 Prozent liegen müsse, wenn eine Umschuldung für Griechenland zu einem langfristig tragbaren Ergebnis führen solle. Erstaunlich ist, dass das irische Finanzministerium abermals mit der Diskussion begann, ob sich vorrangige Anleihegläubiger bei der Abwicklung der Anglo Irish Bank nicht doch mit einem Verlustabschlag an der Misere beteiligen sollten. Wie brisant die Griechenland-Krise auch für andere Länder ist, lässt sich an ihren ununterbrochen steigenden Risiko-

In Deutschland werden in dieser Woche der ZEW-Index über die Konjunkturerwartungen und der Ifo-Geschäftsklimaindex veröffentlicht. Beide dürften sich wohl etwas schlechter entwickelt haben. Angesichts der labilen Konjunkturaussichten in den Vereinigten Staaten wird dort der Offenmarktausschuss der Federal Reserve am Mittwoch wohl beschließen, das historisch niedrige Leitzinsniveau noch einen „ausgedehnten Zeitraum“ so zu belassen und fällige Staatsanleihen im Rahmen des Programms QE2 durch neue Käufe von 10 bis 20 Milliarden Dollar im Monat auszugleichen. JP Morgan glaubt allerdings, dass die derzeitige globale Wachstumsdelle und Korrektur an den Märkten bald überstanden sein sollte.

im Internet: www.faz.net/wetter

DEUTSCHLAND Messwerte und Prognosen

aber vermieden werden, weil die Europäische Zentralbank (EZB) nach ihren Statuten nur werthaltige Sicherheiten akzeptieren darf. Notleidende griechische Anleihen würden die griechischen Banken von den Geldmarktgeschäften der EZB abschneiden. Außerdem würden die Verluste auf griechische Staatsanleihen das Eigenkapital der griechischen Banken weitgehend auffressen. Die Commerzbank vermutet, dass es deshalb bei der vagen Bitte gegenüber den privaten Anleihegläubigern belassen wird, investiert zu bleiben. Selbst dann ist nicht zu erkennen, wie Griechenland langfristig seine Schulden

Unmittelbar wird die Zahlungsunfähigkeit wohl abgewendet, aber wie sieht der Plan für die nächsten Jahre aus? Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt. Von Bettina Schulz

schlechter als der Dow Jones besser

Die Geister, die ich rief

Griechenland-Misere nimmt kein Ende

in den vergangenen 12 Monaten (%)

Europlatz Frankfurt

teils abschreiben müsste, falls die Ratingagenturen wegen der Beschlüsse der Finanzminister einen Ausfall Griechenlands feststellen müssten. Denn die 17 nationalen Zentralbanken des Euroraums haben wegen des gestiegenen Goldpreises genügend Reserven, um Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen wegstecken zu können. Die EZB ist vor allem deshalb so hart, weil sie sich Sorgen um ihr eigentliches Kapital macht: ihre Glaubwürdigkeit, die Inflation niedrig zu halten. Sie darf nicht Kredite an griechische Banken vergeben, wenn diese nach einem Ausfall griechischer Staatsanleihen nicht mehr ausreichend Sicherheiten bieten könnten. Es wäre eine Aufgabe der Finanzminister, griechische Banken in dieser Situation mit werthaltigen Sicherheiten auszustatten. Nähme die EZB den Finanzministern dieses Problem ab, würde sie endgültig Staatsausgaben mit der Notenpresse finanzieren. Die strikte Haltung der EZB scheint sich auszuzahlen. Nach ihrem Treffen mit dem französischen Präsidenten ist die Bundeskanzlerin von ihrer Forderung abgerückt, die Anleihegläubiger notfalls gegen ihren Willen an den Kosten einer Rettung Griechenlands zu beteiligen. Die europäischen Finanzminister dürften auf ihrem Treffen diese Woche wohl nichts beschließen, was die Ratingagenturen dazu zwingen würde, einen Zahlungsausfall festzustellen. Sie dürften die neuen Kredite für Griechenland lediglich mit einem vagen Appell garnieren, in Griechenland investiert zu bleiben. Die Anleihegläubiger werden an den Kosten eines Rettungspakets substantiell erst dann beteiligt, wenn sich die Lage in den anderen Peripherieländern in vielleicht ein oder zwei Jahren entspannt hat. Dann könnte Griechenland nämlich nicht mehr den Rest des Euroraums anstecken und es würde ernst für Griechenland und seine öffentlichen und privaten Gläubiger.

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

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Ausländische Städte Peking Peking

Quelle: ddp/wetter.com AG

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bis --10° --9 bis --6 --5 bis --1 0 bis 4

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T Tiefdruckzentrum Warmluftzufuhr Kaltluftzufuhr Kaltluftzufuhr in der Höhe, Erwärmung am Boden

Schnee- Schneeschauer regen

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Aussichten

Biowetter und Pollenflug

Reisewetter in Europa – Vorhersage für Montag bis Mittwoch

Am Dienstag ist es wechselnd bewölkt. Vor allem in der Nordhälfte des Landes entwickeln sich einige, teils kräftige Schauer und Gewitter. Bei mäßigem, in Böen frischem Südwest- bis Westwind steigen die Temperaturen auf 17 bis 27 Grad. Am Mittwoch wechseln sich viele Wolken mit etwas Sonnenschein ab. Vor allem im Südosten gibt es Schauer und Gewitter. Die Höchstwerte liegen zwischen 17 und 27 Grad. Dazu weht schwacher bis mäßiger Südwestwind.

Tiefer Druck und feuchte Luftmassen sorgen weiterhin für einen ungünstigen Witterungseinfluss. Verminderte Schlaftiefe, Unruhe und Stimmungsschwankungen belasten das Konzentrations- und Leistungsvermögen. Auch Kopfschmerzen nehmen zu. Bei wechselhaftem Wetter und teils kräftigem Wind ist wärmere Kleidung empfehlenswert, um die erhöhte Erkältungsgefahr abzuwehren. Pollen sind kaum unterwegs, momentan fliegen nur Gräserpollen schwach.

Österreich, Schweiz: Freundlich mit Sonne und Wolken. Vereinzelt Schauer, ab Mittwoch kräftiger Regen. 19 bis 27 Grad. Frankreich, Benelux: Viele Wolken und teils kräftige Schauer. Heute in Südfrankreich noch freundlicher bei 18 bis 29 Grad. Griechenland, Türkei, Zypern: Sonnig. Nur in der Türkei ein paar Quellwolken und ganz vereinzelt Schauer. 26 bis 34 Grad. Spanien, Portugal: Meist strahlender Sonnenschein. In Nordspanien Wolken und vereinzelt Schauer. 25 bis 34 Grad. Balearen, Sardinien, Korsika: Verbreitet

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wolkenloser Himmel bei 26 bis 33 Grad. Italien, Malta: Viel Sonnenschein. An den Alpen lokale Schauer und Gewitter, ab Mittwoch auch kräftig. 24 bis 31 Grad. Großbritannien, Irland: Dichte Wolken und teils kräftiger, anhaltender Regen. Recht windig bei 15 bis 20 Grad. Skandinavien: Oft dicht bewölkt mit Schauern und Gewittern. Lokal kräftiger Regen. Zeitweise windig bei 15 bis 20 Grad. Polen, Tschechien, Slowakei: Überwiegend dicht bewölkt und immer wieder Regenschauer. Zwischen 17 und 28 Grad.

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So. Mo. Di. Europa 19.6. 20.6. 21.6. Amsterdam 14° Rs 18° w 20° Rs Athen 29° s 31° s 33° h Barcelona 23° h 26° w 27° h Belgrad 24° w 24° h 28° s Bordeaux 19° w 29° h 26° w Bozen 21° h 27° h 31° h Brüssel 15° Rs 19° R 22° Sr Budapest 15° R 21° w 26° h Bukarest 29° s 26° w 28° h Dublin 15° b 15° R 17° Rs Dubrovnik 26° h 27° h 27° s Edinburgh 15° Rs 18° w 15° R Faro 26° s 28° s 30° s Helsinki 16° h 18° w 16° b Innsbruck 13° Rs 20° w 27° h Istanbul 25° h 28° h 28° h Kiew 30° h 21° b 23° w Kopenhagen 15° w 18° Rs 19° Rs Larnaka 28° h 31° h 33° h Las Palmas 26° h 30° s 33° s Lissabon 27° s 31° h 29° h Ljubljana 15° Rs 22° h 27° h Locarno 21° h 25° w 27° w London 16° w 19° R 20° b Madrid 21° s 33° h 34° s Mailand 24° h 27° h 30° h Malaga 27° h 26° w 29° s Mallorca 25° h 28° h 31° s Moskau 19° Rs 24° b 22° b Neapel 25° w 28° h 29° h Nizza 23° h 25° h 24° h Oslo 11° R 19° w 19° h Ostende 16° w 18° Sr 19° b Palermo 27° h 25° h 26° s Paris 16° w 22° R 25° b Prag 15° w 20° w 25° w Reykjavik 13° h 14° h 13° w Riga 17° w 18° w 18° R Rom 26° w 27° h 28° s Salzburg 13° Rs 20° w 26° w Sofia 25° h 23° w 25° h Stockholm 12° R 16° b 20° b St.Petersbg. 18° w 18° R 18° w Venedig 22° w 25° h 27° s Warschau 17° R 17° Rs 21° w Wien 15° Rs 21° h 26° w Zürich 14° w 21° w 26° w Afrika Accra 29° R 32° w 30° R Algier 28° h 30° h 31° w Casabl. 26° w 31° w 29° h Dakar 28° w 29° w 30° w Johannesb. 12° s 18° s 17° s Kairo 28° h 33° h 35° s Kapstadt 15° R 18° w 24° s Kinshasa 22° b 31° w 31° w

Mi. 22.6. 20° b 33° s 27° h 33° s 22° R 31° w 21° Sr 31° h 32° s 17° Rs 28° s 16° Rs 33° s 19° w 27° h 28° h 25° w 19° w 34° h 34° s 26° h 30° h 25° b 19° Rs 31° h 30° h 31° s 30° s 21° w 30° h 25° h 17° w 19° w 27° s 21° R 28° w 13° w 21° w 29° s 27° w 29° h 20° w 19° w 28° h 26° w 29° h 24° w 29° R 32° w 29° h 30° w 17° h 35° s 17° w 29° w

So. Mo. Di. 19.6. 20.6. 21.6. Afrika Lagos 27° G 31° G 30° G Nairobi 21° w 24° w 23° w Tunis 29° h 30° h 30° h Nordamerika Atlanta 33° b 36° w 35° w Chicago 24° w 30° R 30° b Denver 21° h 19° h 24° h Houston 35° w 35° w 33° w Los Angeles 20° w 21° w 21° w Miami 32° G 33° G 34° G Montreal 21° h 23° w 24° h New York 25° w 27° w 27° b S. Francisco 23° h 27° h 28° h Toronto 21° s 23° h 25° Rs Vancouver 17° s 20° s 21° s Washington 27° w 29° w 32° w Lateinamerika Bogota 16° Sr 19° Sr 20° w B.Aires 19° Sr 14° R 15° R Caracas 25° w 26° b 25° w Lima 22° b 22° w 21° b Mexiko-St. 24° h 26° w 27° w Recife 27° R 28° R 27° R R.d. Janeiro 26° h 27° h 30° s Sant.(Ch.) 8° R 11° R 11° w Naher Osten Ankara 22° w 28° h 28° h Antalya 29° h 34° s 36° h Baghdad 40° h 42° h 43° s Dubai 36° s 40° s 40° s Kuwait 42° s 47° s 46° s Riad 41° s 44° s 44° s Teheran 35° s 38° h 39° h Tel Aviv 28° h 30° h 30° h Asien Almaty 27° w 29° w 31° h Bangkok 32° Rs 33° w 33° w Mumbai 31° Rs 32° w 32° Sr Colombo 31° w 32° w 32° w Hanoi 32° G 33° b 34° w Hongkong 33° G 34° h 33° w Jakarta 32° h 32° h 33° h Kalkutta 29° Rs 32° R 34° R Manila 29° Rs 30° R 31° b Neu Delhi 34° Rs 39° w 38° w Peking 29° h 33° h 33° h Seoul 28° h 32° h 30° h Schanghai 24° w 25° w 26° w Singapur 29° Rs 32° w 32° w Taipeh 33° w 34° w 34° w Tokio 22° h 25° Rs 28° Rs Xian 28° h 33° b 28° R Australien und Neuseeland Melbourne 16° b 16° b 11° w Sydney 18° s 19° b 19° w Wellington 14° G 15° R 13° b

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Mi. 22.6. 30° G 23° b 34° h 34° b 25° b 27° h 33° Rs 21° w 34° Rs 24° w 28° w 26° h 23° Rs 20° h 33° w 20° w 13° w 26° w 21° b 26° Rs 28° R 27° h 12° h 27° h 39° s 46° s 39° s 47° s 43° s 37° h 31° h 30° h 34° w 31° w 33° w 35° G 32° Rs 33° h 34° R 30° w 37° w 32° w 27° b 29° w 32° w 33° w 32° s 28° R 13° b 15° s 13° b

* 6 Cent/Gespräch aus dem Festnetz der Deutschen Telekom, abweichende Mobilfunktarife möglich.


Sport

FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

Merkwürdig Serena und Venus Williams kehren in Wimbledon auf die große TennisBühne zurück – nach langen Auszeiten mit vielen Rätseln. Seite 22

Offene Fragen Die Bamberger Basketballer sind wieder meisterlich – gleichzeitig empfehlen sich Trainer und viele Spieler für andere Klubs. Seite 23

Jugendlicher Eifer Mit guten Leistungen überzeugen bei der Team-Europameisterschaft der Leichtathleten einige junge Starter. Seite 24

M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 14 1 · S E I T E 21

Jedem sein Wunderpferd Der Hype um Totilas und Reiter Rath setzt sich fort. Das GoldGefühl in der Dressur ist wieder da. Seite 26

Im siebten Gang Vier Sterne für Reiter Dibowski, der deutsche Meistertitel für Andreas Ostholt bei der Vielseitigkeit in Luhmühlen. Seite 26

Die große Abrechnung

Wochenend-Kommentar

Ruhe jetzt! Von Peter Heß

Michael Ballack legt im Streit mit Joachim Löw und dem DFB nach. Doch auch wenn der Rosenkrieg damit in die nächste Runde geht, bleibt die zentrale Frage weiter offen: Wer lügt hier eigentlich? Von Richard Leipold

W

er lügt? Die Auseinandersetzung zwischen Michael Ballack und dem deutschen Fußball-Bund (DFB) hat sich am Sonntag so weit zugespitzt, dass eine Aussöhnung unmöglich erscheint. Die von Misstönen begleitete Scheidung hat das Stadium eines schriftlichen Verfahrens erreicht. Inzwischen tragen die Parteien ihren jeweiligen Standpunkt in Presse-Erklärungen vor. Die letzte Ausgabe wurde am Sonntag veröffentlicht. „Ich finde es schade, jetzt erneut Aussagen lesen zu müssen, die nicht der Wahrheit entsprechen und auf die ich reagieren muss“, hieß es in einer persönlichen Erklärung Ballacks. Da trainierte der 34 Jahre alte Profi gerade das erste Mal nach der Sommerpause wieder mit seiner Mannschaft von Bayer Leverkusen. Der ehemalige Kapitän der So oder so: Michael Ballack hat bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft tiefe Eindrücke hinterlassen. Foto action press Nationalmannschaft reagierte damit auf ein Interview, das der Generalsekretär des Deutschen FußballBundes (DFB), Wolfgang Niersbach, auf der Verbands-Homepage geführt hatte. Darin machte Niersbach am Samstag den Ablauf der Gespräche mit Ballack öffentlich und widersprach dessen Vorwürfen, der DFB habe Aussagen falsch wiedergegeben und scheinheilig gehandelt, als er ihm ein Abschiedsspiel gegen Brasilien angeboten habe. Niersbach behauptet im Interview, dass Löw am 30. März seinem Kapitän mitgeteilt habe, nicht mehr mit ihm zu planen. „Es wurde gemeinsam – ich betone: gemeinsam – vereinbart, zunächst Stillschweigen zu bewahren, Michael auch Zeit zu geben, nochmals in aller Ruhe nachzudenken, um dann in einem abschließenden Gespräch mit Joachim Löw festzulegen, wie die Entscheidung letztlich kommuniziert werden sollte. Zugestimmt haben wir dann seinem Wunsch, selbst seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft bekanntzugeben“, so Niersbach. Dies sollte nach dem letzten Länderspiel der Saison in Aserbaidschan geschehen. Aber alle Versuche einer Kontaktaufnahme durch den DFB seien gescheitert, so NiersEckpunkte einer Karriere: bach. Deshalb habe man sich entschlosMichael Ballack trainiert im sen, am vergangenen Donnerstag selbst April 1999 vor seinem ersten eine Pressemitteilung herauszugeben. Einsatz gegen Schottland Ballack widersprach dieser Darstellung und protestiert im März am Sonntag: „Im Mai reifte bei mir end2010 im letzten Spiel gegen gültig der Entschluss, zurückzutreten. Argentinien. Die Seilschaft Wir vereinbarten, dass ich in der Sommermit Bundestrainer Löw war pause meinen Rücktritt selbst bekanntgenie so fest, wie die Werbung ben dürfe. Ein genaues Datum, geschweisuggerierte. Fotos Imago Sport (3) ge denn eine Frist, stand dabei nie zur Debatte“, hieß es weiter. Ballack habe dann per SMS von Generalsekretär Niersbach

Titel und Ehren Michael Ballack ist der torgefährlichste Mittelfeldspieler, der bisher in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gespielt hat. In 98 Länderspielen gelangen dem 34 Jahre alten Görlitzer 42 Tore, damit liegt er gemeinsam mit Lukas Podolski auf Platz acht der Rangliste. Vor ihm stehen in der Statistik nur Stürmer. Sein erstes Länderspiel bestritt der Mittelfeldspieler am 28. April 1999 in Bremen gegen Schottland (0:1), seinen letzten Einsatz hatte er am 3. März 2010 in München gegen Argentinien (0:1).

von der Mitteilung des DFB erfahren, dass man nicht mehr mit ihm plane. Niersbach sei bei keinem der Gespräche dabei gewesen, die er mit Bundestrainer Löw geführt habe, erklärte Ballack. „Wenn der Bundestrainer Wolfgang Niersbach erzählt haben sollte, er habe bei unserem Gespräch am 30. März zu mir gesagt: ,Micha, das war’s für dich und lass das jetzt mal sacken‘, oder ,Ich plane nicht mehr mit dir‘, dann ist das schlichtweg nicht wahr. Das genaue Gegenteil war der Fall.“ Laut Ballack habe Löw in dem Gespräch vermittelt, „dass er mich nach meinen Verletzungen wieder auf einem guten Weg sieht und durchaus daran glaubt, dass ich es in jedem Fall noch einmal schaffen kann, in die Nationalmannschaft zurückzukehren“. Löw habe ihn „motiviert und aufgefordert, nicht hinzuschmeißen“. Die „Hinhaltetaktik des Bundestrainers“ habe nicht zu Löws Aussagen gepasst. Welche Darstellung auch der Wahrheit entsprechen mag – die Leverkusener Fans jedenfalls hatte Ballack am Sonntag hinter sich. Sie verabschiedeten ihren Mittelfeldstar mit Applaus, als er nach dem Trainingsstart in den Katakomben des Stadions verschwand. Zu Aussagen über die Mitteilung hinaus war er nicht bereit. Als Bayer vor der ersten Übungsstunde seinen neuen Trainer Robin Dutt vorstellte, stand der Streit über Ballacks Ausmusterung auch hier im Vordergrund, zum Ärger von Rudi Völler. Der Leverkusener Sportdirektor, der selbst einmal Bundestrainer war, bezeichnete den Entschluss, auch einen verdienten Spieler irgendwann nicht mehr zu berücksichtigen, als „legitim“ und als „das Recht eines jeden Bundestrainers“, übte jedoch deutliche Kritik an der Art und Weise der Trennung. „Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, glaube ich sagen zu können, alle Beteiligten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert.“ Neben Ballack und Löw nannte er auch Wolfgang Niersbach, den Generalsekretär des DFB. „Die letzten zwei, drei Tage hätte man sich ersparen sollen.“ Völler warb dafür, das Thema dieses Frühsommers „so schnell wie möglich abzuhaken“. Unabhängig vom Inhalt der Entscheidung irritiert das Publikum die Art und Weise, in der die Beteiligten übereinander sprechen genauer gesagt: schreiben, ohne miteinander zu reden. Wie vielen anderen Beobachtern ist es auch Völler unangenehm aufgefallen, „dass sie aus irgendwelchen Gründen nicht vernünftig miteinander geredet haben“. Jetzt sei „das Kind in den Brunnen gefallen“, sagte der frühere Bundestrainer. „Das ist nicht schön für alle Beteiligten. Es gibt keinen Gewinner.“ Gegen den Trend äußerte Völler am Sonntag „einen Tick Hoffnung“, Ballack könne sich mit dem DFB noch einigen. Dann fügte er an: „Ich weiß auch, wie stur Michael Ballack sein kann, wenn er sich im Recht fühlt. Vielleicht bin ich ein zu großer Romantiker.“ Gelassen äußerte sich Bayers neuer Cheftrainer über die Kampfscheidung. „Der Bundestrainer kann von mir erwarten, dass ich seine Entscheidung und sein Vorgehen nicht kommentiere“, sagte Dutt und wies auf seinen Lebensgrundsatz hin, jeder Situation auch etwas Gutes abzugewinnen. In diesem Fall schien ihm das sogar leicht zu fallen. „Für uns ist ein Vorteil, dass ein Spieler wie Michael Ballack keine Energie durch Länderspiele verliert“, sagte Dutt. Vielleicht also gibt es doch nicht nur Verlierer.

Streit und Ärger 쑺 Erfolge im Verein

쑺 Erfolge in der Nationalelf

4 x deutscher Meister:

1 x WM-Zweiter: 2002 1 x EM-Zweiter: 2008 2 x Champions-League-Finalist:

1998 (mit 1. FC Kaiserslautern), 2003, 2005, 2006 (mit Bayern München). 3 x DFB-Pokalsieger: 2003, 2005, 2006 (mit Bayern München). 1 x englischer Meister: 2010 (mit FC Chelsea). 3 x FA-Cup-Sieger: 2007, 2009, 2010 (mit FC Chelsea). 1 x englischer Ligapokalsieger:

2007 (mit FC Chelsea).

3 x Deutschlands Fußballer des Jahres: 2002, 2003, 2005.

2002 (mit Bayer Leverkusen), 2008 (mit FC Chelsea). 2 Berufungen ins WM-All-StarTeam: 2002, 2006. 2 Berufungen ins EM-All-StarTeam: 2004, 2008 98 Länderspiele, 42 Tore: Vier

Treffer zum 7:0 über Malta am 27. Mai 2004. Erster Länderspieltreffer 28.3. 2001 gegen Griechenland, letzter 9. September 2009 gegen Aserbaidschan – jeweils Elfmetertore.

Michael Ballack und die Nationalelf, das war seit 2008 keine spannungsfreie Beziehung. 29. Juni 2008: Michael Ballack beschimpft Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff wenige Minuten nach dem Schlusspfiff des EM-Finales in Wien. Bierhoff hatte nach der 0:1-Niederlage vom Kapitän verlangt, ein vorbereitetes Transparent hochzuhalten und sich in der Fankurve von den deutschen Zuschauern zu verabschieden. 21. Oktober 2008: In einem Interview der Frankfurter Allge-

meinen Sonntagszeitung kritisiert Ballack den Bundestrainer. Bei Löw gehe es nicht um Leistung, und er behandele verdiente Spieler nicht mit Respekt und Loyalität. Ballack bezieht sich auf den Umgang mit Torsten Frings, der ohne größere Begründung nicht mehr von Löw berücksichtigt wird. „Wenn man einen nicht mehr will, sollte man das ehrlich sagen“, sagt Ballack. 22. Oktober 2008: Bundestrainer Löw antwortet: „Das lasse ich mir nicht gefallen.“ Am Ende der Auseinandersetzung

entschuldigt sich Ballack und betont, dass Personalentscheidungen beim Trainer liegen. 1. April 2009: Beim 2:0 gegen Wales gibt Lukas Podolski seinem Kapitän Ballack eine Ohrfeige. Löw ermahnt Podolski, verhängt aber keine weiteren Strafen. 5. Juli 2010: Ersatz-Kapitän Philipp Lahm sagt unmittelbar nach dem Besuch des verletzten Ballack im deutschen Trainingsquartier, dass er auch nach der WM in Südafrika die Binde tragen wolle. Der DFB autorisiert dieses Zitat.

itte, aufhören! Es reicht! Ob MiB chael Ballack nun zum Abschied nochmal in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spielt oder nicht, ist weder für den Stellenwert noch für die Zukunft dieses Sports bedeutsam. Genauso wenig die Frage, ob Ballack die Rolle des undankbaren Stars zukommt, der nicht mitbekommen hat, dass seine Zeit abgelaufen ist, oder ob der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und namentlich Bundestrainer Joachim Löw einen verdienten Führungsspieler stillos abserviert haben. Die Wahrheit liegt ohnehin zwischen diesen Extrempositionen. Das Erschütternde an dem Fall ist nur eines: Dass übergroße Egos ausgelebt werden, ohne den Schaden ausreichend zu bedenken, der damit angerichtet wird. Nach Ballacks letzter Replik am Sonntag muss jemand sein Gesicht verlieren, je nachdem, wer seine Behauptung nicht beweisen kann: der Fußballstar, Bundestrainer Löw oder DFB-Generalsekretär Niersbach. Die Aussagen der Protagonisten sind dermaßen detailliert und dermaßen widersprüch-

Übergroße Egos werden ausgelebt, ohne an den Schaden zu denken. lich, dass hinterher keine Ausflüchte mehr möglich scheinen. Einer muss gelogen haben. Die Beziehung zwischen Bundestrainer und Mannschaftskapitän war nie von besonders großem Vertrauen geprägt, und ihren Beratern gelang es nie, das Verhältnis zwischen den beiden Alphatieren nachhaltig zu entspannen. Löw glaubte von seinem ersten Tag in der Verantwortung an die Macht der Harmonie und an flache Hierarchien, Ballack gab den männlich harten, dominanten Kapitän. Für ihn war die Kuschelatmosphäre eher leistungshemmend. Seine Kollegen beschwerten sich über die gedrückte Stimmung, wenn Ballack wieder mal mit derben Worten dazwischengefahren war. Löw und Ballack, das passte einfach nicht, als Bindemittel blieb das gemeinsame Ziel: der sportliche Erfolg. Als Ballack wegen seiner Verletzung dazu nicht mehr beitragen konnte, war der Konflikt programmiert. In der Trennungsauseinandersetzung machten dann beide Fehler. Löw den größten, indem er einfach nicht den Mut aufbrachte, Ballack zu offenbaren, dass er ihn nicht mehr brauche. Oder stimmt tatsächlich, was der Leverkusener am Sonntag behauptete? Dass der Bundestrainer noch vor wenigen Wochen auf seine Rückkehr setzte? Dagegen spricht, dass Löw das auch öffentlich hätte sagen können. Denn damit hätte er jede Ungewissheit über Ballacks Zukunftsaussichten in der Nationalmannschaft vermieden, und sich aus der Kritik genommen, die Entscheidung unnötig hinauszuzögern. Genauso wenig machte es Sinn, dass Niersbach in dem Interview auf der DFB-Homepage viele Details über die Verhandlungen mit Ballack preisgibt, die dann nicht der Wahrheit entsprechen. Oder saß er falschen Informationen durch den Bundestrainer auf, was Ballack in seiner Pressemitteilung andeutete? Wenn dem so wäre, dass Löw seinem Generalsekretär mitgeteilt hat, Ballack abserviert zu haben, ihn stattdessen aber zum Weitermachen ermunterte, dann müsste der Bundestrainer zurücktreten. Wie dem auch sei. Im Moment sind alle Seiten beschädigt. Und wofür? Ob Ballack nun am 10. August in Stuttgart gegen Brasilien mitspielt oder nicht, davon wird kein Zuschauer sein Kommen abhängig machen. Bis dahin werden die meisten sogar vergessen haben, dass für diesen Tag ursprünglich sein Abschied geplant war.


Sport

SE IT E 22 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Wieder Spiele manipuliert?

Vier Titel für die Kanuten

Gold Cup unter Verdacht

Trotzdem Nachholbedarf

EAST RUTHERFORD (dpa). Titelverteidiger Mexiko und Honduras haben sich beim Turnier um den Gold Cup als erste Teams für das Halbfinale qualifiziert. Wirbel löste am Wochenende aber vor allem ein Manipulationsverdacht aus. Nach einem Bericht von „Spiegel Online“ sind drei Spiele der Fußball-Meisterschaft für Nord- und Mittelamerika in den Fokus von Interpol, dem internationalen Fußballverband (Fifa) und dem nord- und mittelamerikanischen Verband (Concacaf) geraten. Auf dem asiatischen Wettmarkt sei es bei den Spielen zu ungewöhnlich hohen Einsätzen gekommen. Vor allem auf hohe Siege wurde gesetzt. Zwei der strittigen Partien endeten 5:0, eine 4:0. Um welche Spiele es sich handelte, wurde nicht mitgeteilt Bei dem Turnier verlor Kuba in der Vorrunde zweimal 0:5 gegen Mexiko und Costa Rica, außerdem gewann Mexiko 5:0 gegen El Salvador. Jeweils 0:4 verlor der Inselstaat Grenada gegen Mexiko und gegen Guatemala. Concacaf hat nach „Spiegel Online“-Informationen inzwischen bei Buchmachern wegen der hohen Wetteinsätze angefragt. Damit sorgt das Turnier in den Vereinigten Staaten zum zweiten Mal für außersportliche Schlagzeilen. In der ersten Turnierwoche waren die positiven Doping-Tests von fünf mexikanischen Spielern bekanntgeworden, die B-Proben waren allerdings negativ. Die Mexikaner durften die fünf suspendierten Akteure laut Fifa-Beschluss inzwischen durch andere Akteure ersetzen. Durch einen 2:1-Sieg gegen Guatemala in East Rutherford zog Mexiko am Samstagabend ins Halbfinale ein. Dort trifft die Mannschaft an diesem Mittwoch in Houston auf das Team aus Honduras, das sein Viertelfinale gegen Costa Rica 4:2 im Elfmeterschießen gewann

BELGRAD (dpa). Die deutschen Rennsport-Kanuten haben ihre Spitzenstellung in Europa untermauert und sich mit guten Leistungen für die Weltmeisterschaft im August in Ungarn empfohlen. Mit neun Medaillen, darunter vier goldene, fiel die Ausbeute bei der Europameisterschaft in Belgrad zwar nicht so üppig aus wie im vergangenen Jahr in Spanien mit zehnmal Edelmetall, doch Bundestrainer Reiner Kießler war mit der Generalprobe für die Titelkämpfe in Szeged (18. bis 21. August) rundum zufrieden. „Auf dem Weg zur WM liegen wir voll im Plan“, sagte Kießler, räumte aber ein, dass das Abschneiden über die Kurzstrecken am Sonntag „nicht ganz den Erwartungen entsprach. Aber wir haben noch Zeit, das hinzubekommen.“ Auch Sportdirektor Jens Kahle sieht im Sprint Nachholbedarf, „aber wir sehen, dass das im Oktober eingeführte Konzept, mit professionellen Sportlern zu arbeiten, Früchte trägt“. Auf der Langstrecke am Samstag hatten Kajak-Weltmeister und Titelverteidiger Max Hoff im Einer, Sebastian Brendel im Canadier-Einer und die Olympiasieger Martin Hollstein und Andreas Ihle im Kajak-Zweier jeweils den Titel gewonnen. EM-Silber gab es für Franziska Weber und Tina Dietze im Kajak-Zweier sowie im Kajak-Vierer der Männer. „Dieses Rennen hatte ich so geplant. Aber ob es dann klappt, weiß man natürlich nie“, sagte Hoff nach der überlegen herausgefahrenen Titelverteidigung. Ein Rennen wie aus dem Lehrbuch absolvierte der Essener über die 1000 Meter und lag am Ende mehr als zweieinhalb Sekunden vor dem Weißrussen Oleg Jurenja. Bei den 200-Meter-Sprint-Finalläufen am Sonntag holten der Kajak-Zweier mit Franziska Weber und Tina Dietze sowie Lydia Weber im Canadier-Einer Silber für den DKV. Im Kajak-Vierer der Frauen über 500 Meter belegten Carolin Leonhardt, Silke Hörmann, Franziska Weber und Tina Dietze Rang drei. Paul Mittelstedt, der zum ersten Mal an einer Europameisterschaft teilnahm, zog sich mit Platz vier im Kajak-Einer achtbar aus der Affäre. Die 1000-Meter-Sieger Hollstein/ Ihle kamen über den halben Kilometer ebenso nur auf Rang sieben wie Conny Waßmuth/Gesine Ruge im Kajak-Zweier über 500 Meter. Eine große Enttäuschung bot der neu formierte Kajak-Zweier Ronald Rauhe/Jonas Ems als Neunter im 200-Meter-Finale. 1000-Meter-Europameister Brendel bewies als Fünfter über 200 Meter seine Sprintqualitäten und holte über 5000 Meter zum EM-Abschluss noch im nicht-olympischen Wettbewerb seinen zweiten Titel.

Sport in Kürze Ulrich Biesinger gestorben Ulrich Biesinger, der Fußball-Weltmeister von 1954, ist am Samstag im Alter von 77 Jahren gestorben. Das teilte sein früherer Klub FC Augsburg mit. Biesinger gehörte bei der WM 1954 in der Schweiz zum deutschen Aufgebot, wurde allerdings in der Mannschaft von Bundestrainer Sepp Herberger wie drei weitere Spieler des Kaders nicht eingesetzt. Biesinger bestritt zwischen 1954 und 1958 sieben Länderspiele für Deutschland. (dpa)

Langers-Comeback Profigolfer Bernhard Langer hat nach dreimonatiger Verletzungspause beim mit 400 000 Euro dotierten Berenberg Bank Masters, einem Turnier der European Senior Tour (Ü 50) in Bergisch Gladbach, mit 219 (69+73+75) Schlägen den geteilten 11. Platz belegt. Es siegte der Waliser Ian Woosnam. „Zufrieden bin ich mit dem Resultat nicht. Ich hoffe, dass der Daumen bis München hält“, sagte der 53-jährige Anhausener, der von Donnerstag bis Sonntag wie Martin Kaymer, Alex Cejka und Marcel Siem bei den BMW International Open in Eichenried spielt. (wos.)

Der Neuling überrascht Die deutsche Segelyacht Container mit Steuermann Markus Wieser hat die zweite Regatta innerhalb des Med Cup vor Marseille für sich entscheiden können. Die Mannschaft des Westerwälder Eigners Udo Schütz setzte sich gegen die amerikanische Crew von Quantum und das italienische Azzurra Sailing Team durch. Nach dem Auftakterfolg mit Platz zwei liegt die ContainerCrew als Neuling in der stärksten Serie für Rennyachten mit einem Rumpf überraschend gut im Rennen. Wieder enttäuschend endeten die Wettfahrten für Jochen Schümann. Die deutsche Segel-Ikone kam mit dem vor der Saison hoch eingeschätzten Audi Sailing Team (All4One) auf den siebten und vorletzten Platz. (re.)

Horst Meyer 70 Er war der Schlagmann im Deutschland-Achter des legendären Trainers Karl Adam. Horst Meyer gewann auf dieser Position einen Weltmeistertitel, zweimal wurde seine Mannschaft Europameister, 1964 gewann sie Silber bei den Olympischen Spielen in Tokio – der Höhepunkt war der Olympiasieg 1968 in Mexiko. Meyer war nach seiner aktiven Karriere persönliches Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee und rund dreißig Jahre im Gutachterausschuss der Stiftung Deutsche Sporthilfe. An diesem Montag wird er siebzig Jahre alt. (re.)

Sport live im Fernsehen EUROSPORT: 22 Uhr: Fußball, Weltmeister-

schaft der U 17 in Mexiko, Gruppe E, erster Spieltag, in Querétaro: Deutschland – Ecuador. (Durch kurzfristige Absagen oder Verschiebungen können sich Übertragungszeiten ändern.)

Immer noch ein Kraftpaket: Serena Williams

Foto dapd

Episoden voller Merkwürdigkeiten Serena und Venus Williams kehren in Wimbledon auf die große Tennis-Bühne zurück – nach langen Auszeiten mit vielen Rätseln. Von Peter Penders LONDON. Wenn sie nicht mitspielt, ist jeder Grand-Slam-Triumph mit einem unsichtbaren Sternchen versehen. Keiner sieht es, aber jeder weiß, dass es da ist und darauf steht: Serena Williams fehlte. Nun aber spielt die Amerikanerin wieder mit, und zwischen dem Wimbledon-Turnier 2010, das sie mühelos beherrschte, und dem abermaligen Treffen der besten Tennisspieler der Welt an der Church Road hat die 13-malige Grand-Slam-Siegerin nur zwei Spiele bestritten: in der vergangenen Woche beim Vorbereitungsturnier in Eastbourne, wo sie in der ersten Runde auf Anhieb die Bulgarin Tsvetana Pironkova – im vergangenen Jahr Halbfinalteilnehmerin in Wimbledon – besiegte und danach in drei hart umkämpften Sätzen an Vera Swonarewa scheiterte, gegen die sie vor einem Jahr das Wimbledonfinale souverän gewonnen hatte. Das reicht, damit die Titelverteidigerin nun schon wieder zu den Favoritinnen gehört, und damit die Geschich-

te der Williams-Schwestern wieder komplett ist, zählt auch Venus dazu. Die ältere der Schwestern hat seit den Australian Open wegen einer Hüftverletzung pausiert, aber Auszeiten dieser Art müssen bei den beiden Amerikanerinnen nichts bedeuten: Seit dem Jahr 2000 stand der Name Williams in Wimbledon neunmal in der Siegerliste (Venus führt 5:4), viermal spielten sie dabei im Finale gegeneinander. Nicht immer wähnten die Kolleginnen sie dabei vorher in Topform und wurden dann eines Besseren belehrt. Die Geschichte der Williams-Schwestern ist überaus facettenreich, voller Wendungen, gespickt mit Triumph und Drama, und wenn dies nicht irgendwann der Stoff für eine Hollywood-Verfilmung ist, welcher sollte es dann noch sein? Auch die letzte Episode ist schon wieder so verworren und voll von Merkwürdigkeiten, dass sie einem etwas wirren Drehbuch entsprungen sein könnte. Serena Williams hat fast ein komplettes Jahr gefehlt, nachdem sie kurz nach ihrem Wimbledonsieg in einem Münchner Restaurant in eine Glasscherbe getreten sein will. Das Restaurant aber konnte niemals ausfindig gemacht werden, obwohl sich die damalige Weltranglistenerste in der Zeitung „USA Today“ ziemlich genau über den Vorgang ausließ. „Beim Rausgehen spürte ich ganz plötzlich Schmerzen. So als wäre ich mit meinem Fuß irgendwo gegen gestoßen. Nach zwanzig Sekunden oder einer Minute ging ich weiter, und es tat schlimmer weh. Also schauten wir auf den Boden, und da lag überall Glas. Ich dachte, es wäre vielleicht ein kleiner Schnitt. Aber mein Neffe leuchtete die Stelle mit seinem Handy aus, und

da sahen wir eine große Blutlache.“ In einer Münchner Notaufnahme wurden ihre Füße geröntgt und schließlich mit 18 Stichen genäht, 12 Stiche am rechten Fuß, sechs Stiche am linken Fuß. Was danach folgte, nährte die Gerüchteküche bestens, denn kurz danach bestritt sie zwar in Brüssel noch ein Showmatch gegen Kim Clijsters, zog sich dann aber wegen der in München erlittenen Verletzung – offiziell eine tiefe Schnittwunde an der Fußoberseite(!) – aus dem Turniergeschehen zurück. Weil aber gleichzeitig aktuelle Fotos auftauchten, die sie in Stöckelschuhen zeigten, blieben einige Rätsel zurück. Sie fehlte bei den US Open (wo sie 2009 ausgerechnet wegen Schiedsrichterbeleidigung nach einem Fußfehler disqualifiziert worden war). Sie musste danach noch einmal am Fuß operiert werden, fehlte als Titelverteidigerin bei den Australian Open, und die verordneten zwanzig Wochen Gips machten ihr schwer zu schaffen. „Wenn ich mich hätte entscheiden dürfen, ob ich zwanzig Wochen im Gips oder zwanzig Wochen im Gefängnis verbringe, hätte ich mich wohl eher für das Gefängnis entschieden“, sagte sie im Rückblick – und machte diese Bewegungsunfähigkeit für das nächste Desaster verantwortlich. In einer Notoperation musste ihr im März wegen einer rätselhaften Lungenembolie ein Blutgerinnsel entfernt werden. „Ich lag schon auf dem Totenbett“, sagt sie. Wäre es tatsächlich ein Drehbuch, würde man das Script spätestens an dieser Stelle vermutlich noch einmal überarbeiten, weil es etwas überladen wirkt. Aber wer weiß schon, ob die ganze Geschichte nun nicht noch einmal Fahrt aufnimmt?

Zwar gilt bei den Buchmachern derzeit noch die Russin Maria Scharapowa, die Siegerin von 2004, als Wettkönigin, aber Serena Williams hat schließlich einige Erfahrung damit, aus dem Nichts aufzutauchen und zwei Wochen später einen der ganz großen Pokale hochzuhalten: 2006 hatte sie etwas die Lust am Tennis verloren, spielte kaum und rutschte übergewichtig bis auf Platz 139 der Weltrangliste ab. Ungesetzt und nur auf Rang 81 notiert, fuhr sie im Januar 2007 zu den Australian Open, erreichte dort als erste ungesetzte Spielerin seit 29 Jahren das Finale, in dem sie Maria Scharapowa eine bittere Lehrstunde gab: 6:1 und 6:3 in 63 Minuten. In Wimbledon ist sie nun, obwohl in der Weltrangliste nur auf Platz 25 geführt, wegen ihrer speziellen Erfolgsgeschichte an Position sieben gesetzt, was einige der zum Favoritenkreis zählenden Kolleginnen erleichtert: Sie müssen nicht gleich in den ersten Runden gegen die Titelverteidigerin antreten. Von der Weltranglistenersten aber, der Dänin Caroline Wozniacki, die immerhin einmal das Juniorenturnier gewann, spricht kaum jemand, denn schließlich ist die gefühlte Nummer eins ja zurück. Sollte Serena Williams aber auf Anhieb wieder dort weitermachen, wo sie aufgehört hat, würde das die Diskussion über die Qualität im Damentennis wieder beleben. Und Gefahr droht vor allem aus der eigenen Familie: Venus hatte vor vier Jahren kaum jemand auf der Rechnung, als sie mit Weltranglistenposition 31 nach London reiste. Zwei Wochen später feierte sie ihren damals vierten von inzwischen fünf Triumphen in Wimbledon.

Hoher Anspruch, hohes Niveau, großes Team Die Starbootsegler Kleen und Stanjek wollen sich gegen harte deutsche Konkurrenz den Olympiatraum erfüllen KIEL. Unwetterwarnung für die Kieler Förde. Schwere Böen bis zu Windstärke neun. Wenn jemand mit solch brutalen Wetterbedingungen zurechtkommt, dann sind das die schweren Jungs in der Starbootklasse. Bis zu 200 Kilogramm bringen Steuermann und Vorschoter zusammen auf die Waage. Das erlaubt die Regel. Sie ziehen und zerren, legen sich hinaus auf die Kante und treiben ihr störrisches Gefährt durch die Wellen. „Da fallen dir irgendwann die Arme ab“, sagt Frithjof Kleen. Der Berliner ist einer dieser segelnden Muskelmänner, zusammen mit Robert Stanjek an der Pinne will er sich für die Olympischen Spiele im nächsten Jahr qualifizieren. Doch so kräftezehrend die Arbeit für jedes Doppel an Bord ist, so heftig ist auch die Konkurrenz der deutschen Kandidaten untereinander für London. Vier Crews kämpfen in der ältesten olympischen Bootsklasse für den Olympiatraum. Alle haben bislang noch eine Chance. Die Kieler Woche ist Teil der Qualifikation, dann noch am Jahresende die Weltmeisterschaft vor Perth. Erst diese Ergebnisse werden die Entscheidung bringen, so eng geht es auf dem Wasser zu. Kleen und sein Partner Stanjek begleitet zumindest schon mal ein gutes Grundgefühl. Sie sind mit einem zweiten Weltcupplatz vor Palma stark in die Saison gestartet. Kleen gilt derzeit als einer der stärksten Vorschoter der Welt. Er ist schon mit den besten Steuerleuten der Welt wie mit Brasiliens Segelstar Robert Scheidt erfolgreich zusammengefahren. Seine Aufgabe ist nicht nur, viel Gewicht und Muskelkraft aufs

Boot zu bringen. Er braucht Feingefühl für das Trimmen des Kielbootes, er gibt seinem Steuermann taktische Hinweise und beobachtet auch die Gegner. Bei der Verwirklichung seines Olympiaplanes legt er einen besonderen Ehrgeiz an den Tag. Der 28 Jahre alte Sportsoldat sieht sich durch und durch als Segelprofi und hat ein Netzwerk aufgebaut, von dem er und sein Partner profitieren wollen. Stanjek und Kleen sind nicht einfach nur ein Doppel. Die Starbootcrew umgibt

ein Team aus arrivierten Segelexperten. Diese stehen ihnen mit nützlichen Erfahrungen zur Seite. Dazu gehören der America’s-Cup-Teilnehmer und Weltumsegler Tim Kröger oder der Matchrace-Profi Markus Wieser, aber auch ein amerikanischer Wettermann und ein Fitnesscoach. Seit dieser Kieler Woche gehört der ehemalige Starboot-Olympiateilnehmer Marc Pickel mit zum Beraterteam. Für manch einen Rivalen ist das alles ein wenig zu dick aufgetragen. Auf der anderen Seite zeigen die

Segelnde Muskelmänner: Frithjof Kleen (vorn) und Robert Stanjek

Foto Marina Könitzer

Aktivitäten nur den hohen Anspruch der beiden Olympiakandidaten aus Berlin. „Ich sehe diese Vielfalt als dauerhaften Lernprozess, aus dem wir weitere Inspiration ziehen“, sagt Kleen. Bislang kann er sich bestätigt fühlen. In Kiel liegt er zusammen mit Stanjek nach vier Wettfahrten auf Rang fünf. Direkt dahinter rangieren die drei Konkurrenten Barbendererde/Jacobs, Polgar/Koy und Schlonski/Bohn. Alle vier werden sich in den nächsten Tagen weiter beharken und beäugen. Eine besondere Note erhält die Entscheidung, weil sich die meisten in der kleinen schillernden deutschen StartbootSzene untereinander wirklich gut kennen. Die eine oder andere persönliche Rechnung muss noch beglichen werden. Kleen, der früher schon mit Stanjek zusammen war, trennte sich vergangenes Jahr vor der Kieler Woche von Schlonski. Koy ließ Stanjek stehen und Polgar einst Kleens heutigen Trainer Kröger. Für gespannte Atmosphäre ist gesorgt. Für richtigen Wirbel sorgte am Sonntag aber vorerst nur das Wetter. Der Sturm zog glücklicherweise an Kiel vorbei. Mit den Regenausläufern hatten die Segler dennoch mächtig zu kämpfen. Kleen und Stanjek sind jetzt erst einmal in der Vorlage. Aber auf der sicheren Seite fühlen sie sich noch lange nicht. „Hier kann jeder von uns den anderen schlagen“, sagt Kleen. Die Hoffnung der Olympiatrainer ist, dass nach dem Ende der deutschen Qualifikation die Köpfe etwas freier werden und dann auch der Blick auf die starke internationale Konkurrenz gerichtet werMICHAEL ASHELM den kann.

Der Achter bleibt ungeschlagen HAMBURG (dpa). 23 Starts, 23 Siege – die Erfolgsserie des DeutschlandAchters geht weiter. Das seit Peking 2008 ungeschlagene Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes (DRV) fuhr der Konkurrenz auch beim Weltcup in Hamburg auf und davon. Selbst der störende starke Seitenwind auf der Dove Elbe brachte die Crew um Schlagmann Sebastian Schmidt (Mainz) nicht aus dem Rhythmus. Trainer Ralf Holtmeyer fühlt sich mehr und mehr an die glorreichen Zeiten des Großbootes Ende der achziger Jahre mit olympischem Gold und WMTiteln erinnert: „Damals was es ähnlich. Wichtiger jedoch als die Zahl der Siege ist unsere große Stabilität.“ Wie schon beim Weltcup-Sieg in München überzeugte die auf vier Positionen umbesetzte Mannschaft auch in Hamburg mit einem Start-Ziel-Sieg. Souverän verwies sie die Polen und die Tschechen bei strömendem Regen mit einer drei viertel Bootslänge Vorsprung auf die nächsten Plätze. Damit geht der DRV-Achter als Favorit in das Weltcup-Finale Anfang Juli in Luzern und die WM rund anderthalb Monate später in Bled. „Mit dieser Bürde muss man als amtierender Weltmeister leben. Die Jungs haben heute trotz des starken Seitenwindes einen super Job gemacht“, sagte Steuermann Martin Sauer (Berlin). Nicht nur der souveräne Auftritt des Achters machte Mut für die Saisonhöhepunkte. Insgesamt erzielten die Deutschen beim Weltcup-Debüt von Hamburg in den 14 Finalläufen der olympischen Klassen vier Siege, vier zweite und drei dritte Plätze. Mit fünf ersten Plätzen war Neuseeland allerdings noch erfolgreicher. Dennoch zog DRV-Cheftrainer Hartmut Buschbacher ein positives Fazit: „Mit der Medaillenausbeute können wir sehr zufrieden sein. Aber in einigen Bootsklassen ist der Abstand zu den Siegern noch zu groß.“ Neben dem Männer-Achter triumphierten der Vierer ohne Steuermann, der Frauen-Doppelvierer und der Frauen-Achter. Allerdings taugte die Regatta nach dem Startverzicht starker Nationen wie Großbritannien, die aus Angst vor dem Ehec-Keim kurzfristig abgesagt hatten, nur bedingt als Gradmesser.


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Am Hünen gescheitert Brink/Reckermann verlieren

Die Bamberger recken die Meistertrophäe in die Höhe, die Berliner lassen die Köpfe hängen. Und Predrag Suput, der meist gefoulte Spieler des Abends, tankt sich wieder einmal durch. BAMBERG. Nur zwei Fragen hatte Chris Fleming in der Pressekonferenz nach dem letzten Spiel der Saison zu beantworten. Er werde jetzt wohl einige Bierchen trinken, antwortete er auf die eine. Eine zweite deutsche Mannschaft, namentlich Alba Berlin, gehöre gewiss in die EuroLeague, erwiderte der Trainer auf die andere. Er konnte sich die Großzügigkeit leisten. Gerade hatten seine Brose Baskets Bamberg das fünfte Finalspiel der Play-offs gegen Berlin mit 72:65 Punkten gewonnen. Das war das 27. Heimspiel in Pokal und Meisterschaft nacheinander gewesen, das sein Team für sich entschied, das zweite Double aus Meisterschaft und Pokal hatte es damit geholt und sich für die EuroLeague qualifiziert. Welche Frage sollte da noch offen sein? Wie es denn nun weitergehe, fragte jemand, als Fleming schon in der Tür stand. In der Halle jubelten noch Hunderte seinem Team zu, auf dem Maximiliansplatz in der Bamberger Innenstadt ging es auf den Sonntagmorgen zu und Tausende erwarteten die Champions; am Sonntagnachmittag würde es Freibier in der Stadt und am Abend ein Essen mit dem Sponsor geben, am Montag erwartet der Oberbürgermeister das Team im Rathaus, und für Dienstag sind auch schon Feierlichkeiten angesetzt. „Wer weiß“, sinnierte der Amerikaner, auf Deutsch, „wohin der Erfolg mich treiben wird.“ Ein Schelm, der den Satz so versteht, wie er klingt und wohl auch gemeint war. Vor elf Jahren als Spieler in die Bundesliga gekommen, als Nachfolger von Meistermacher Dirk Bauermann in Bamberg angetreten, hat der 42 Jahre alte Fleming sein Team als Nummer eins in Deutschland etabliert und sich auch im internationalen Wettbewerb Respekt erworben. Der Bamberger Manager Wolfgang Heyder weiß, wie attraktiv Fleming in der Szene ist. Der Trainer habe noch einen Vertrag für die nächste Saison, sagte er wenige Minuten nach dem Spiel, werde aber das Angebot erhalten, um zwei weitere Jahre zu verlängern. Auch die Bamberger Spieler haben sich interessant gemacht für andere Klubs. Selbst wenn Alba Berlin am Samstagabend noch neunzig Sekunden vor der

Offene Fragen nach dem Meisterstück Die Brose Baskets Bamberg holen sich gegen Alba Berlin den nächsten Titel und müssen aufpassen: Trainer Chris Fleming und viele Spieler haben sich für andere Klubs empfohlen. Von Michael Reinsch

Schulter-Sieger:

Tibor Pleiß lässt sich nach erfolgreicher Arbeit gegen Alba gerne auf Schultern durch die Bamberger Halle tragen. Foto Reuters Schlusssirene mit zwei Punkten führte, selbst wenn der Berliner Julius Jenkins mit 22 Punkten und einer Defensivleistung, die den Bamberger Casey Jacobsen auf zehn Punkte und fünf Rebounds reduzierte, der überragende Spieler der Partie war: Die Bamberger waren es, die triumphierten. Predrag Suput erzielte, obwohl der meist gefoulte Spieler des Abends (8), fünfzehn Punkte. Brian Roberts warf

ebenso erfolgreich auf den Korb und gab zudem sechs Vorlagen zu Treffern. John Goldsberry spielte trotz eines Bänderrisses fast drei Viertel der Partie, erzielte zehn Punkte und gab fünf erfolgreiche Pässe. Mit einem Drei-Punkte-Wurf fast von der Berliner Bank wendete er in letzter Minute das Spiel. Als „wertvollster Spieler“ wurde Kyle Hines ausgezeichnet, der seinem Ruf als

Sprungwunder der Liga wieder einmal gerecht wurde. Er scheint länger in der Luft zu stehen als jeder andere. Zwölf Punkte erzielte er, doch die „gigantische Leistung“ des nur 1,96 Meter großen Centers, so Heyder, waren seine neun Rebounds. „Er hat hinten die Großen abgeräumt“, schwärmte der Manager von den Duellen mit den Berlinern Miroslav Raduljica (9/4) und Yassin Idbihi (8/6).

Fotos Reuters, dpa

In der zweiten italienischen Liga entdeckten die Bamberger den mit 1,96 Meter kleinen Center, verpflichteten ihn nach sorgfältiger Beobachtung vor einem Jahr – und müssen sich fragen, wohin der Erfolg ihn wohl treiben wird. Heyder fürchtet: „Wir werden ihn nicht halten können.“ Schließlich umfasst der Bamberger Etat nur rund sieben Millionen Euro; ein Limit, aus dem das Team in seiner Summe sich herausgespielt haben dürfte. Hines wird den Franken nicht nur wegen seiner Dunks fehlen, sondern auch, schwärmt Heyder, „weil er noch Bitte und Danke sagt“. Der 24-Jährige aus Philadelphia verkörpert eine im Profisport selten gewordene Bescheidenheit. Nach dem Spiel trieb es ihn in die Arme des Trainers. „Er und Wolfgang haben einem Typen wie mir, der in der zweiten Liga spielte, vertraut und ihn in ihrer Meistermannschaft spielen lassen“, sagte er. „Ich habe mich bedankt für diese Chance.“ Der hochgelobte Tibor Pleiß, an dem der Klub Oklahoma Thunder aus der nordamerikanischen Profiliga NBA die Rechte hält und der für viel Geld innerhalb der EuroLeague wechseln darf, wird dagegen wohl bleiben. Als er sich bei einer Auszeit demonstrativ abwandte, packte Co-Trainer Arne Woltmann ihn am Kragen und ließ ihm eine handfeste Ansprache angedeihen. Wenig später war es Fleming, der den ebenso hoch gewachsenen wie hoch veranlagten Center von 2,15 Meter Länge zur Linie zerrte und ins Spiel schob. „Ich wollte weiterspielen, obwohl ich das dritte Foul hatte“, sagte Pleiß zu den Szenen. „Es war nicht so, dass ich keine Lust mehr hatte.“ Im Übrigen stachele der Trainer alle seine Spieler an: „Da muss auch mal gezogen und gerüttelt werden, damit man gereizt ist.“ Der 22-jährige Pleiß brauchte starke Reize, wirkte er doch nicht erst im letzten der 58 Spiele dieser Saison erschöpft. Einerseits freue er sich auf zehn Tage Urlaub, verriet er. Doch: „Ich habe ein bisschen Angst davor, nichts zu machen, weil ich das gar nicht kenne.“ Seit sechs Jahren habe er ohne Pause durchgespielt. Manager Heyder freut sich nicht nur für sein Team über den Verbleib von Pleiß: „Er braucht noch Welpenschutz.“

Keine voreiligen Garantien Vor dem WM-Auftakt gegen Kanada legt sich Bundestrainerin Silvia Neid in Personalfragen nur dort fest, wo es eindeutig ist FRANKFURT. Silvia Neid muss mit einem ziemlich guten Gefühl in die letzten paar freien Tage vor der Weltmeisterschaft gegangen sein. Dass sie in Pressekonferenzen aus der monotonen Routine ausbricht und dabei auch mal schnippisch werden kann, wenn ihr etwas nicht in den Kram passt, gehört durchaus zum Wesen der Bundestrainerin. Wenn sie daraus aber mehr Spiel als Ernst macht und den Moment der vermeintlichen Spannung sofort mit viel Charme und einem Lächeln auflöst, dann deutet das auf eine tiefe Zufriedenheit mit dem Tagwerk hin. So war es auch am vergangenen Donnerstag. Die deutschen Fußballfrauen hat-

Fußball-WM 2011 Berliner Auftakt: Morgen trifft sich das DFB-Team, am Sonntag geht es los. ten ihren letzten Test vor der Heim-WM, die am Sonntag mit dem Eröffnungsspiel gegen Kanada in Berlin beginnt, 3:0 gegen Norwegen gewonnen. Und Silvia Neid hatte ihren Spaß mit den Reportern. Mit den Leuten von der „Bunten“ etwa, die sportlich nicht ganz auf Ballhöhe schienen. Silvia Neid lächelte es weg. Mit dem Journalisten, der wissen wollte, ob es ihr schwerfallen würde, Alexandra Popp künftig auf der Bank zu lassen. „Nein, wieso?“ – „Weil sie im Moment sehr stark spielt.“ – „Wer sagt das? Sie?“

Natürlich lobte dann auch Silvia Neid die junge Duisburgerin, die fünf der fünfzehn Vorbereitungstreffer erzielt hat, mit vielen warmen Worten (wenngleich sie auch klarstellte, dass sie in ihr eher den Joker sehe). Als es schließlich um ihre Pläne für die freien Tage ging, antwortete Silvia Neid zunächst ebenfalls ausweichend, ehe sie ihr persönliches Programm launig und en détail offenbarte. Entspannendes war darunter: eine Runde Neun-LochGolf im Heimatklub. Auch lästig-notwendiges: Waschen und das leidige Bügeln. Und dann kündigte Silvia Neid an, dass sie noch mal einen prüfenden Blick auf ihre Trainingspläne werfen wolle: Ob denn alles noch so aufgehe, wie sie sich das ursprünglich gedacht habe. Tatsächlich wird Silvia Neid nicht allzu viel korrigiert haben, wenn das deutsche Team an diesem Dienstag in Berlin zu seinem WM-Abenteuer zusammenkommt. Die bisherige Vorbereitung hat ihr in den zentralen Punkten recht gegeben. Manchen Spott über das ausführliche, fast zehnwöchige Trainingsprogramm steckte sie weg, weil sie wusste, dass dieser Aufwand nötig ist, um ihre Spielerinnen auf internationales Spitzenniveau zu heben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Körperlich wird das deutsche Team mit dem guten Gefühl in das Turnier gehen, falls nötig am Ende immer noch zulegen zu können. Und auch spielerisch war zu beobachten, wie die Lehrgänge, die jeweils unter einem bestimmten Aspekt standen, die Mannschaft jedes Mal ein bisschen besser machten. So gut, dass nach dem 3:0 gegen Norwegen darüber diskutiert wurde, ob es jemals eine bessere deutsche

Nur eine kleine Mängelliste: Für Silvia Neid kann die WM kommen.

Foto dapd

Mannschaft gegeben habe. Silvia Neid sah es mit gemischten Gefühlen. Einerseits betonte auch sie, dass ihr Team nun „mit sehr großem Selbstbewusstsein“ in das Turnier gehen würde. Andererseits war ihr die allgemeine Begeisterung auch „too much“, ein bisschen viel des Guten. Natürlich gibt es, gerade in der Feinabstimmung, noch manches zu verbessern, ehe es am Sonntag losgeht: Torschuss, Flügelspiel, der letzte Pass – das war die Mängelliste, die die Bundestrainerin nach dem Norwegen-Spiel selbst vorlegte. Und auch die Innenverteidigung ist noch nicht über jeden Zweifel erhaben, selbst wenn in den vier Testspielen des Jahres kein einziges Gegentor zu beklagen war. Die größte Aufgabe aber hat Silvia Neid allem Anschein nach mit Bravour bewältigt: aus Jung und Alt eine harmonische Einheit zu formen und zugleich einen positiven Konkurrenzkampf im Team aufrechtzuerhalten. Wo die Sache eindeutig war, scheute sie die Festlegung nicht: im Tor mit Nadine Angerer sowieso, aber auch im defensiven Mittelfeld mit Kim Kulig und Simone Laudehr sowie, mit minimalem Vorbehalt, in der Abwehr, wo Linda Bresonik, Saskia Bartusiak, Annike Krahn und Babett Peter zunächst gesetzt sind. Wo das Rennen noch offen ist, auf fast allen Positionen in der Offensive, sprach Silvia Neid keine voreiligen Garantien aus – nicht einmal für Birgit Prinz, die Rekordnationalspielerin und Mannschaftsführerin. Auch das verriet etwas über das Wesen der Bundestrainerin: Hinter dem so freundlich wirkenden Lächeln verbirgt sich eine große – und gewiss auch nötige – Autorität. CHRISTIAN KAMP

nle. FRANKFURT. Alison Cerutti war heiß. Und wenn Alison Cerutti mal heiß ist, kann es für die anderen Beteiligten ganz schnell ungemütlich werden. Der brasilianische Beachvolleyball-Profi Alison Cerutti ist 2,03 Meter groß und 106 Kilogramm schwer, er ist ein einziges Muskelpaket, und zusammen mit seiner extrem emotionalen Art auf dem Feld ergibt das zuweilen eine Präsenz, die schon mal furchterregend wirken kann. Am Samstagabend, im Halbfinale der Beachvolleyball-WM in Rom, war der 25 Jahre alte Hüne so richtig in Fahrt. Es ging gegen die Deutschen Julius Brink und Jonas Reckermann, und die hatten ihn bei der WM 2009 in Stavanger nachhaltig verärgert – sie schnappten ihm damals im Finale das WM-Gold vor der Nase weg. Nun war also die Zeit zur Revanche gekommen, und Alison machte dabei schnell klar, dass er nicht gewillt war, gegen die Deutschen noch einmal den Kürzeren zu ziehen. „Alison war im Angriff sehr hoch und hat extreme Winkel geschlagen“, sagte Reckermann. „Ich habe die beiden noch nie so stark gesehen“, sagte Brink zu Alison und dessen neuem Partner Emanuel Rego. Und: „Der Block von Alison hat Jonas schon ziemlich beschäftigt.“ Denn vor allem dieser Block war ausschlaggebend dafür, dass die Brasilianer immer wieder mehrere Punkte davonzogen – und das war für Brink/Reckermann an diesem Tag gegen das brasilianische SpitzenDuo, das schon die vergangenen beiden World-Tour-Turniere gewonnen hatte, nicht mehr aufzuholen. „Das war sicherlich unser schlechtestes Spiel, wir kamen überhaupt nicht rein“, sagte Reckermann nach dem deutlichen 0:2 (15:21, 15:21) im Halbfinale. Einerseits war das ärgerlich in einem so wichtigen Spiel, andererseits hatten die Weltmeister 2009 zuvor gezeigt, dass der Erfolg in Stavanger (Norwegen) alles andere als ein Glückstreffer gewesen war. Im Achtelfinale schlugen sie die bei der WM an Nummer eins gesetzten amerikanischen Olympiasieger Rogers/Dalhausser in einem 2:1-Krimi (17:21, 21:19, 18:16), im Viertelfinale ließen sie den bis dato ohne Satzverlust durch das WM-Turnier gefegten Polen Grzegorz Fijalek/Mariusz Prudel beim 2:0 (21:15, 21:16) keine Chance. Am Sonntagabend hatten Brink/ Reckermann noch die Möglichkeit, im kleinen Finale gegen das ÜberraschungsTeam der WM, die Letten Martins Plavins/Janis Smedins, auch bei ihrer zweiten gemeinsamen Weltmeisterschaft eine Medaille mit nach Hause zu nehmen – diesmal die bronzene. Das Duo Brink/Reckermann war das einzige deutsche Team, das in Rom das WM-Halbfinale erreichte. Sebastian Dollinger und Stefan Windscheif scheiterten im Achtelfinale an den brasilianischen Finalteilnehmern Marcio Araujo/Ricardo ebenso knapp mit 1:2 Sätzen (20:22, 21:19, 21:23) wie Jonathan Erdmann/Kay Matysik an Plavins/Smedins (17:21, 21:16, 17:19). „Neunter der Welt, das ist schon ganz gut“, sagte der 27 Jahre alte Dollinger, der mit Windscheif drei Matchbälle gegen die Brasilianer vergeben hatte, „aber wir waren so nah dran am Fünften“. Den schafften bei den Frauen die deutschen Meisterinnen Jana Köhler und Julia Sude, die erst im Viertelfinale an dem tschechischen Duo Hana Klapalova/ Lenka Hajeckova scheiterten. Auf Platz neun beendeten die Europameister Sara Goller/Laura Ludwig und Katrin Holtwick/Ilka Semmler das Turnier, nachdem sie zuvor jeweils in drei Sätzen amerikanischen Teams unterlagen waren – Goller/ Ludwig den Olympiasiegerinnen Kerri Walsh/Misty May-Treanor, Holtwick/ Semmler den Weltmeisterinnen von 2009, Jennifer Kessy/April Ross.

Brownlee siegt – Deutsche entnervt KITZBÜHEL (dpa). Die deutschen Triathleten haben auf der dritten Station der World Championship Series (WCS) in Kitzbühel eine herbe Enttäuschung erlebt. Von den sechs gestarteten Athleten der Deutschen Triathlon Union (DTU) erreichten am Samstag nur drei das Ziel. Der Brite Alistair Brownlee dagegen bewies wieder seine überragende Form. In Abwesenheit von Olympiasieger Jan Frodeno, Weltmeister Javier Gomez und seines Bruders Jonathan Brownlee ließ sich der 23 Jahre alte Weltmeister von 2009 auch vom Dauerregen und heftigen Winden nicht stoppen. Er übernahm mit seinem zweiten Erfolg nacheinander auch die Führung in der WM-Wertung. Ähnlich überlegen wie Alistair Brownlee ist bei den Frauen derzeit die Kanadierin Paula Findlay. Die Vorjahressiegerin von Kitzbühel kam am Sonntag zu ihrem dritten Erfolg im dritten Saisonrennen. Beste Deutsche war Svenja Bazlen aus Stuttgart, die wie schon in Madrid Neunte wurde. Mit einer solchen Plazierung wären die deutschen Männer schon zufrieden gewesen. Doch keiner kam in Kitzbühel unter die Top 20. Maik Petzold (Bautzen) wurde 21. und hatte nach 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und zehn Kilometer Laufen bereits einen Rückstand von 2:02 Minuten auf Brownlee. Daniel Unger (Bad Saulgau) und Sebastian Rank (Saarbrücken) wurden sogar nur 27. und 36. Steffen Justus aus Schramberg stieg entkräftet vom Rennrad, Jonathan Zipf aus Saarbrücken warf sein nach einem Sturz beschädigtes Vehikel wutentbrannt weg.


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Tomczyk im „Jahreswagen“ wieder Schnellster

Immer noch dieselbe? Die zweite Karriere der Carolina Klüft ls Carolina Klüft vor Jahren in der Siebenkampf-Szene auftauchte, A wirkte sie wie die aufdrehte Schwester

von Pippi Langstrumpf. Immer gut drauf, jenseits jeglicher Konventionen und stärker als alle anderen. Jahrelang beherrschte sie den Mehrkampf nicht nur nach Belieben, sondern war auch beliebt. Sie führte die Siebenkämpferinnen stets an, sorgte für Stimmung und Aufmerksamkeit und gab einen Teil ihres Applauses an die Plazierten ab. Die deutsche Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf spricht immer noch von der EM 2006 in Göteborg als Höhepunkt ihrer Karriere – nicht nur wegen ihrer Bronzemedaille, sondern vor allem wegen der anschließenden Ehrenrunde im Schlepptau von Europameisterin Klüft vor dem enthusiastisch-fairen Sportpublikum.

Die neue Carolina Klüft – und doch „immer noch dieselbe“ Foto AFP Einige Ehrenrunden später waren Carolina Klüft die Ziele und damit die Motivation abhandengekommen. Die exaltierte Schwedin erklärte schon im Alter von 25 Jahren ihre MehrkampfKarriere für beendet. Sie hatte alles gewonnen, was es zu gewinnen gab, und die öffentliche Last überwog die innerliche Lust. Vor den Olympischen Spielen von Peking beendete sie ihr erstes Sportlerleben. Und begann sogleich eine neue Laufbahn, nur ohne größere Aussichten auf Erfolg, und deshalb auch mit weniger Druck: sie konzentrierte sich auf Weit- und Dreisprung und hilft außerdem in der schwedischen Sprintstaffel aus. Talent dafür ist ihr gegeben, doch die Erfolge sind bescheiden – legt man den Maßstab ihrer Siebenkampf-Zeiten zugrunde. Carolina Klüft war zwischen 2003 und 2007 dreimal Weltmeisterin, zweimal Europameisterin, Olympiasiegerin, Europa-Rekordhalterin (7032 Punkte) und stets das Gesicht ihrer Sportart. Seitdem müht sie sich in der Anonymität des Mittelfeldes ab. Bei der Team-EM in Stockholm ist sie nach langer Auszeit mal wieder am Start. Sie trägt die Haare jetzt kurz, wirkt erwachsener und tritt zurückhaltender auf als früher. Auch das Publikum begrüßt sie eher freundlich als frenetisch. Klüft läuft in einer Staffel der Namenlosen an zweiter Stelle – ihre schmale Bühne ist die Gegengerade. Dritte werden sie im schwächeren Lauf, insgesamt reichen 44,28 Sekunden zu Platz acht unter zwölf Nationen. Dafür lässt Klüft am Sonntag ihre alte Magie wieder aufblitzen. Im strömenden Regen entlockt sie dem spärlichen Publikum nur durch ihre Anwesenheit Szenenapplaus. Und schafft 6,73 Meter im Weitsprung – Saisonbestleistung, Platz zwei. Aus dem schwedischen Team hatte vor ihr nur Weitsprung-Kollege Michel Torneus elf Punkte geholt. Das war – Hochsprung-Siegerin Emma Green ausgenommen – gut im Vergleich zum Rest des Teams. Die schwedischen Leichtathleten waren schon nach dem ersten Tag abgeschlagen Letzte, der Abstieg in die zweite Liga ist unvermeidlich. „Wir haben keine Stars mehr“, sagt Carolina Klüft. Es gibt keine Kajsa Bergqvist mehr, keinen Christian Olsson, keinen Stefan Holm. Dass es auch keine richtige Carolina Klüft mehr gibt, will sie nicht gelten lassen. Dass sie ihren Status als Star weggeschenkt habe, schon gar nicht: „Ich bin immer noch dieselbe.“ ad.

Wie im Flug: Jana Sussmann behält auch im Wassergraben die Balance.

Fotos Perenyi

Die Jugend rechtfertigt das Vertrauen Bei der Team-Europameisterschaft in Stockholm überzeugen neben den etablierten Kräften auch junge Athleten wie David Storl, Georg Fleischhauer oder Jana Sussmann. Von Achim Dreis STOCKHOLM. Frühmorgens im kleinen Stadtpark Humlegarden in Stockholm liegen einige junge Leute noch auf der Wiese, schlafen offenbar ihren Rausch vom Vorabend aus. Es geht auf Mittsommer zu, die Nächte sind hell und kurz, das Leben in Schweden leicht und beschwingt. Zwischendrin ist ein einsamer Jogger im Park unterwegs, der nicht gerade durch eine Läuferfigur auffällt. Eher wie ein tapsiger Bär wirkt David Storl bei seinen Runden durchs Grüne: 1,98 Meter groß, 122 Kilo schwer, Kugelstoßer. „Ich muss mich morgens ein bisschen bewegen“, sagt der 20-jährige Chemnitzer. „Laufen vor dem Wettkampf ist für mich wichtig – genau wie ein gutes Frühstück.“ Bei der Team-Europameisterschaft steht sein erster Einsatz in der deutschen Nationalmannschaft an, und er spricht voller Hochachtung von seinen Mitstreitern. „Es sind gute Leute hier: Betty Heidler, Robert Harting.“ Und mittendrin er, David Storl. Er hat Deutschlands Nummer eins im Kugelstoßen, Ralf Bartels, derzeit von der Spitzenposition verdrängt. Als Kampfansage sieht er das nicht, eher als Momentaufnahme: „Ralf hat im Moment ein paar Probleme. Aber der wird schon wieder kommen.“ Am Nachmittag sieht es dann so aus, als müsse sich nicht nur Ralf Bartels ganz gehörig anstrengen, um wieder seine angestammte Position zurückzuerobern.

Jugendkraft: Der 20 Jahre alte David Storl stößt die Kugel auf 20,81 Meter.

Denn Storl, der Newcomer mit dem Bubengesicht, hat mal soeben gewonnen. Mit 20,81 Metern stellt er im dritten Versuch einen neuen Meisterschafts-Rekord auf und holt zwölf Punkte für Deutschland. „Ich war schön locker“, erklärt er seinen Erfolg, „und habe die Nerven behalten.“ Dass er eine etablierte Größe wie Olympiasieger Tomasz Majewski (Polen) im letzten Versuch hinter sich gelassen hatte, nahm der angehende Polizeiobermeister stoisch zur Kenntnis: „Im Wettkampf sind alle gleich. Aber er hatte bestimmt nicht seinen besten Tag.“ David Storl war nicht der einzige Athlet, der zwölf Punkte für Deutschland holte, aber der jüngste. Neben ihm gewannen Betty Heidler im Hammerwerfen (73,43 Meter), Christina Obergföll im Speerwerfen (66,22 Meter/Weltjahresbestleistung) und – bei strömendem Regen am Sonntag – Kugelstoßerin Nadine Kleinert (17,81), Robert Harting mit dem Diskus (65,63) sowie überraschend auch Hammerwerfer Markus Esser (79,28). Silke Spiegelburg war tags zuvor im Stabhochspringen mit 4,75 Metern Zweite, Raul Spank im Hochsprung Dritter

(2,28) geworden. Beide litten unter der speziellen Vier-Fehlversuch-Regel bei dieser Meisterschaft, die besagt, dass ein Springer nach dem insgesamt vierten Fehlversuch ausscheidet. Auch auf der Laufbahn gab es Erfolge zu verzeichnen: Cathleen Tschirch über 200 Meter (23,45 Sekunden), Steffen Uliczka über 3000 Meter Hindernis (8:31,01 Minuten) sowie Georg Fleischhauer (400 Meter Hürden in 49,56 Sekunden) und Thomas Schneider (400 Meter in 45,98) gewannen jeweils elf Punkte. Fleischhauer und Schneider eint nicht nur der Platz, sondern auch das Alter: Sie sind erst 22 Jahre alt. Der Erfolg der Jugend unterstreicht einen Trend in der deutschen Leichtathletik. „Ich hab gedacht, ich bin auf einer U-25-Meisterschaft“, sagte Raul Spank, selbst mit seinen 24 Jahren noch kein Senior, aber immerhin schon seit 2008 dabei. „Als ich zum ersten Mal dazukam, war das noch eine Rentnermannschaft, aber jetzt ist es super mit den jungen Leuten. Wir haben ein richtig motivierendes Miteinander.“ Das gegenseitige Vertrauen zahlte sich aus: Insgesamt zeigte die deutsche Mannschaft eine gute Vorstel-

lung und hatte nach 39 von 40 Disziplinen – das Stabhochspringen war wegen der schlechten Witterung in eine Halle verlegt worden und dauerte länger – mit 320,5 Punkten Rang zwei sicher. Zwar klar hinter Russland (375), aber auch deutlich vor der Ukraine (292) und Großbritannien (283). Auf der Mannschaftsbesprechung wurden die Jungen vorgestellt und begrüßt, es gab Applaus, aber keine Taufe wie zu alten Zeiten. Dafür stellten sich die Älteren als Mentoren zur Verfügung: „Bist du aufgeregt“, fragte die 30 Jahre alte Langstreckenläuferin Sabrina Mockenhaupt die zehn Jahre jüngere Jana Sussmann, die über 3000 Meter Hindernis antreten sollte: „Keine Angst, das muss so sein, aber es geht weg.“ Und es ging weg, denn Jana Sussmann erwischte einen Glanztag bei ihrem internationalen Debüt. Mit ihrem blonden Pferdeschwanz, ihrem strahlenden Lachen und ihrem offenen Wesen könnte die Hindernisläuferin eine Vorzeigeschwedin abgeben, doch die Zwanzigjährige von der LG Nordheide ist etwas weiter südlich zu Hause, die angehende Bankkauffrau kommt aus Winsen an der Luhe. Mit großen Augen war sie an den Start des 3000-Meter-Hindernis-Rennens gegangen und stellte fest: „Ich kenne niemanden.“ Sogar die Weltrekordhalterin sollte dabei sein, doch sie wusste nicht, wer das ist. „Mein Ziel war, mehr als einen Punkt zu holen. Und dann lief es einfach“, sagte sie freudestrahlend nach dem Rennen, bei dem sie in 9:43,28 Minuten persönliche Bestzeit lief und als Dritte zehn Punkte für Deutschland holte. Vorneweg war die russische Olympiasiegerin Gulnara Galkina (die Weltrekordhalterin) ein einsames Rennen (9:31,20) gelaufen, nur die Portugiesin Sara Moreira (9:35,11) konnte halbwegs mithalten. Doch im Pulk dahinter verhielt sich Jana Sussmann geschickt, im Sprint sicherte sie sich Rang drei. Dass sie die WM-Norm nur um 28 Hundertstel Sekunden verpasste, nahm sie nicht so schwer. Es kommen ja noch ein paar Rennen.

SCHIPKAU (dpa). Martin Tomczyk hat mit seinem Audi-Oldie zum zweiten Mal innerhalb von 14 Tagen die Konkurrenz düpiert. Der Rennfahrer aus Rosenheim gewann auf dem Eurospeedway in der Lausitz in einem A4 2008er-Modell den vierten Saisonlauf zum Deutschen Tourenwagen Masters (DTM). „Wir haben den Dämon vom Lausitzring gekillt“, sagte Tomczyk nach seinem überraschenden und überlegenen Sieg am Sonntag. „Es war einfach unglaublich.“ Auch Audi-Motorsportchef Wolfgang Ullrich war glücklich. „Das tut sehr gut“, sagte er. Dank dieses zweiten Erfolgs, der Schützenhilfe seines Markenkollegen Timo Scheider (Altach) mit Rang zwei und einer brillanten Boxenstoppstrategie konnte Tomczyk auch Bruno Spengler im Mercedes von der Spitze der DTMGesamtwertung verdrängen. Der Kanadier musste sich am Sonntag mit Rang drei begnügen. „Es fühlt sich schon verdammt gut an, mit einem Jahreswagen Führender zu sein“, sagte Tomczyk. Nach vier von elf Läufen liegt er mit 30 Punkten knapp an der Spitze vor Spengler (29) und Scheider (19). Vor zwei Wochen schon hatte Tomczyk im österreichischen Ort Spielberg in seinem älteren Wagen zum ersten Mal ganz vorne gelegen. Nun wiederholte der Bayer den Coup auf einer Strecke, die ihm und Audi eigentlich nicht liegt: Die vergangenen fünf Jahre hatte hier immer Mercedes gewonnen. Nach 52 Runden (180,856 Kilometer) überquerte er in 1:10:52,902 Stunden als Sieger die Ziellinie. Tomczyk glückten damit in seiner langen DTM-Karriere erstmals zwei Erfolge nacheinander. Scheider wies 5,436 Sekunden Rückstand auf, Spengler benötigte 14,300 Sekunden mehr. Der von der Pole Position gestartete Spengler verteidigte die Führung zunächst problemlos. Allerdings sorgte Tomczyk schon auf den ersten zwei Runden für Aufsehen: Der von Rang vier ins Rennen gegangene Audi-Pilot überholte erst seinen Markenkollegen Mattias Ekström, dann in einer Kurve auch noch seinen Mercedes-Rivalen Jamie Green und preschte auf den zweiten Platz hinter Spengler vor. Dank einer perfekten Strategie lag Tomczyk nach dem ersten Boxenstopp sogar vor Spengler. Danach setzte er sich kontinuierlich ab. Spengler war am Ende frustriert. „An manchen Tagen ist es etwas schwieriger“, sagte er. Ralf Schumacher hatte wegen seines völlig missglückten Qualifyings keine Chance auf den dritten Podestplatz in dieser Saison. Der Mercedes-Pilot aus Kerpen konnte sich von Startplatz 17 nur auf Rang 12 vorarbeiten und verpasste damit deutlich die Punkteränge.

Doping-Sünder nicht bei der WM ROM (dpa). Der Italienische Radsport-Verband fährt einen harten Anti-Doping-Kurs. Alle Profis, die wegen Dopings verurteilt wurden, dürfen zukünftig weder bei Weltmeisterschaften noch bei Landesmeisterschaften starten. Für diese Regelung gäbe es kein Zeitlimit, sagte der italienische Verbandspräsident und Doping-Kritiker Renato di Rocco. Sie gilt also rückwirkend, so dass die nahezu gesamte italienische Radsport-Prominenz betroffen ist. Damit fehlt den Italienern auch der als Mitfavorit für die StraßenWeltmeisterschaft im September in Kopenhagen gehandelte Alessandro Petacchi, der 2007 positiv auf Salbutamol getestet worden war. Auch erfolgreiche Fahrer wie Ivan Basso, Danilo di Luca, Michele Scarponi und Stefano Garzelli werden ausgeschlossen. Sie alle werden am nächsten Wochenende bei den italienischen Meisterschaften in Aci Catena auf Sizilien fehlen. Di Luca will seine Teilnahme laut „Gazzetta dello Sport“ allerdings einklagen.

Morgen in „Technik und Motor“ Schlau statt Stau Strategien gegen den Verkehrskollaps

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Sport in Ergebnissen Basketball

(Zypern) 7:6 (7:4), 6:1; Tursunow (Russland) – Malisse (Belgien/3) 6:3, 7:6 (7:1). Finale: Tursunow – Dodig (Kroatien) 6:3, 6:2.

Bundesliga, Männer, Meisterschaftsrunde, Playoff (Best of 5), Finale, 5. Spieltag: Brose Baskets

WTA-Turnier in 's-Hertogenbosch (220 000 Dollar/Rasen), Halbfinale: Vinci (Italien) – Cibulkova

Bamberg – Alba Berlin 72:65 (Endstand 3:2) – Bamberg deutscher Meister.

(Slowakei/5) 7:5, 6:1; Dokic (Australien) – Oprandi (Italien) 6:4, 2:0 Aufgabe. Finale: Vinci – Dokic (Australien) 6:7 (7:9), 6:3, 7:5.

Europameisterschaft, Frauen in Polen, Vorrunde, Gruppe A in Bydgoszcz: Türkei – Litauen 58:64;

Russland – Slowakei 68:66, Slowakei – Türkei 60:76.

Triathlon

Gruppe B in Bydgoszcz: Weißrussland – Großbri-

Weltmeisterschaft (World Championship Series), 3. Station, in Kitzbühel: Männer (1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren, 10 km Laufen) 1. Alistair

tannien 55:40; Tschechien – Israel 72:56. Gruppe C in Kattowitz: Spanien – Deutschland

79:69; Polen – Montenegro 53:70, Montenegro – Spanien 66:57. Gruppe D in Kattowitz: Griechenland – Lettland 67:57; Frankreich – Kroatien 86:40.

Brink/Reckermann (Leverkusen/Köln) – Rego/Cerutti (Brasilien) 0:2 (15:21,15:21); Plavins/Smedins (Lettland) – Araujo/Santos (Brasilien) 0:2 (20:22,16:21). Frauen, Halbfinale: Xue Chen/Zhang Xi (China) – May-Treanor/Walsh (USA) 1:2 (17:21,21:15,10:15); Klapalova/Hajeckova (Tschechien) – França/da Silva (Brasilien) 0:2 (14:21,13:21).

Brownlee (Großbritannien) 1:51:54 Std.; 2. Bruchankow (Russland) 1:52:38; 3. Riederer (Schweiz) 1:52:59; ...21. Petzold (Bautzen) 1:53:56; ...27. Unger (Bad Saulgau) 1:54:21; ...36. Rank (Saarbrücken) 1:55:11; ausgeschieden: Buchholz (Potsdam), Justus (Schramberg) und Zipf (Saarbrücken). Gesamtwertung: 1. Alistair Brownlee 1690 Pkt.; 2. Bruchankow 1663; 3. Gomez (Spanien) 1485; 4. Jonathan Brownlee (Großbritannien) 1480; 5. Riederer (Schweiz) 1460; 6. Poljanski 1447; ..10. Petzold 794; 11. Justus 666; ...22. Frodeno (Saarbrücken) 542; ...25. Prochnow (Witten) 507; ...26. Zipf 501; ...32. Rank (Saarbrücken) 361; ...36. Buchholz 301; ... 52. Unger 105

Boxen

Volleyball

Amateur-Europameisterschaft in Ankara, Schwergewicht (- 91 kg), 1. Runde: Witt (Villingen) – Oliva (Spanien) 20:11. – Bantamgewicht (- 56 kg), 1. Runde: Walth (Straubing) – Steinberg (Estland) 21:2 Weltergewicht (- 69 kg), 1. Runde: Marutyan

Weltliga, Männer, Gruppe A in Hoffman Estates/Illinois und São Paulo: USA – Polen 0:3; USA – Polen

Beachvolleyball Weltmeisterschaft in Rom, Männer, Halbfinale:

(Schwerin) – Brown (Schottland) 14:7.

Fußball Concacaf-Gold Cup, Viertelfinale in East Rutherford: Costa Rica – Honduras 2:4 i.E.; Mexiko – Guate-

mala 2:1. Europameisterschaft, U-21, Gruppe A, in Ålborg/ Århus: Island – Dänemark 3:1; Schweiz – Weißrussland 3:0. – Tabelle: 1. Schweiz 3 Spiele/6:0 Pkt.; 2.

Weißrussland 3/3; 3. Island 3/3; 4. Dänemark 3/3. Frauen, Testspiele WM-Teilnehmer: Japan – Süd-

korea 1:1; Frankreich – Belgien 7:0; Neuseeland – Kolumbien 1:0.

Golf US Open in Bethesda/Maryland (7,5 Mio. Dollar/ Par 71), Stand nach der 3. Runde: 1. McIlroy (Nord-

irland) 199 (65+66+68) Schläge; 2. Yang Yong-Eun (Südkorea) 207 (68+69+70); 3. Garrigus (USA) 208 (70+70+68), Day (Australien) 208 (71+72+65) und Westwood (England) 208 (75+68+65); 6. Garcia (Spanien) 209 (69+71+69), Kuchar (USA) 209 (72+68+69) und Jacobson (Schweden) 209 (74+69+66); 9. Kim Kyung-Tae (Südkorea) 210 (69+72+69); 10. Slocum (USA) 211 (71+70+70), Love III (USA) 211 (70+ 71+70), Jobe (USA) 211 (71+70+70), Stenson (Schweden) 211 (70+72+69) und van Pelt (USA) 211 (76+67+68); ...36. Kaymer (Mettmann) 216 (74+70+72); ...53. Siem (Ratingen) 219 (79 +66+74); – am Cut (146 Schläge): 95. Cejka (Las Vegas) 149 (75+74). Europa-Tour, Saint-Omer Open in St. Omer/Frankreich (600 000 Euro/Par 71), 1. Zions (Australien)

276 (68+72+67+69) Schläge; 2. Lee (Schottland) 283 (69+68+74+72), Denison (England) 283 (69+74+67+73) und Gustafsson (Schweden) 283 (73+71+70+69); ; ...29. Fritsch (Heidelberg) 288 (74+72+69+73); ...45. Meitinger (Witten) 291 (72+71+75+73); – am Cut gescheitert: 84. Ritthammer (Nürnberg) 148 (76+72); ...117. Miarka (Hannover) 151 (79+72); ....125. Kieffer (Düsseldorf) 152 (76+76).

Hockey Bundesliga, Herren, Meisterschaftsrunde, Playoff (Best of 3), Halbfinale, 2. Spieltag: Uhlenhorst Mülheim – Rot-Weiß Köln 3:4. – 3. Spieltag: Uhlen-

horst Mülheim – Rot-Weiß Köln 6:2 (Endstand 2:1) – Mühlheim im Finale. Nationen-Turnier der Damen in Berlin: Deutsch-

land – Australien 3:0; Südkorea – Argentinien 0:1, Südkorea – Australien 1:2; Argentinien – Deutschland 2:0.

Kanu Europameisterschaft in Belgrad, olympische Disziplinen, Männer, 200 m, Kajak-Einer: 1. Siemio-

nowski (Polen) 35,418 Sek.; 2. Molnar (Ungarn) 35,460; 3. McKeever (Großbritannien) 35,538; . . .18. Rauhe (Potsdam) 38,706. – Kajak-Zweier: 1. Heath/ Schofield (Großbritannien) 32,487 Sek.; 2. Piatruschenka/Machnew (Weißrussland) 32,775; 3. Svensson/Svanqvist (Schweden) 32,793; . . .9. Rauhe/Ems (Potsdam/Essen) 33,201. – Canadier-Einer: 1. Demjanenko (Aserbaidschan) 39,855 Sek.; 2. Benavides (Spanien) 40,047; 3. Tscheban (Ukraine) 40,161; . . . 5. Brendel (Potsdam) 40,749. – 1000 m, Kajak-Einer: 1. Hoff (Köln) 3:22,485; 2. Jurenja (Weißrussland) 3:25,029; 3. Pimenta (Portugal) 3:25,88. – Kajak-Zweier: 1. Hollstein/Ihle (Neubrandenburg/ Magdeburg) 3:07,095 Min.; 2. Jurtschenko/ Pogreban (Russland) 3:07,827; 3. Kokeny/Dombi (Ungarn) 3:08,205. – Kajak-Vierer: 1. Portugal 2:49,618 Min.; 2. Deutschland (Hoff/Köln, Groß/Berlin, Bröckl/Berlin, Gleinert/Berlin) 2:49,960; 3. Rumänien 2:50,056. – Canadier-Einer: 1. Brendel (Potsdam) 3:47,155; 2. Chirila (Rumänien) 3:49,645; 3. Bouza (Spanien) 3:50,065 – Canadier-Zweier: 1. Korowaschkow/Ilja Perwuchin (Russland) 3:28,584 Min.; 2. Bagdanowitsch/Bagdanowitsch (Weißrussland) 3:28,614; 3. Dumitrescu/ Mihalachi (Rumänien) 3:28,818. Nicht-olympische Disziplinen, 200 m, CanadierZweier: 1. Labuckas/Gadeikis (Litauen) 37,416 Sek.;

2. Wawtschezki/Rabtschanka (Weißrussland) 37,866; 3. Bozsik/Hervath (Ungarn) 37,914. – 500 m, Kajak-Einer: 1. Postrigai (Russland) 1:39,418 Min.; 2. Gustavsson (Schweden) 1:39,532; 3. Bleibach (Dänemark) 1:39,550; 4. Mittelstedt (Neubrandenburg) 1:39,610. – Kajak-Zweier: 1. Machnew/Piatruschenka (Weißrussland) 1:30,355 Min.; 2. Vlcek/Gelle (Slowakei) 1:30,601; 3. Ribeiro/Silva (Portugal) 1:30,739; . . . 7. Hollstein/Ihle (Neubrandenburg/Magdeburg) 1:32,839. – Canadier-Einer: 1. Demjanenko (Aserbaidschan) 1:50,661 Min.; 2. Baraszkiewicz (Polen) 1:50,693; 3. Harascha (Weißrussland) 1:50,939. – Canadier-Zweier: 1. Mihalachi/Dumitrescu-Lazar (Rumänien) 1:41,641 Min.; 2. Prokopenko/Besugli (Aserbaidschan) 1:41,689; 3. Kruk/Rynklewicz (Polen) 1:41,959. – 1000 m, Canadier-Vierer: 1. Ungarn 3:16,042 Min.; 2. Weißrussland (3:16,270; 3. Russland 3:16,528. Olympische Disziplinen, Frauen, 200 m, Kajak-Einer: 1. Lobowa (Russland) 40,120 Sek.; 2. Portela-Ri-

vas (Spanien) 40,282; 3. Portela (Portugal) 40,300; . . .11. Waßmuth (Magdeburg) 42,028. – 500 m, Kajak-Einer: 1. Kozak (Ungarn) 1:51,552 Min.; 2. Osypenko-Radomska (Ukraine) 1:53,154; 3. Wojnarowska (Polen) 1:54,204. – Kajak-Zweier: 1. Csipes/ Kovacs (Ungarn) 1:40,207 Min.; 2. Mikolalczyk/Konieczna (Polen) 1:40,339; 3. Salachowa/Sergejewa (Russland) 1:41,671; . . . 7. Ruge/Wassmuth (Dresden/Magdeburg) 1:44,503. – Kajak-Vierer: 1. Weißrussland 1:33,088 Min.; 2. Ungarn 1:34,006; 3. Deutschland (Dietze/Leipzig, Hörmann/Karlsruhe, Weber/Potsdam, Leonhardt/Mannheim) 1:34,834. – 1000 m, Kajak-Einer: 1. Kovacs (Ungarn) 3:55,232 Min.; 2. Nadj (Serbien) 3:57,716; 3. Dzieniszewska (Polen) 4:02,742; . . . 10. Hörmann (Karlsruhe)

Wasserspiele: Im ersten Gewühl sind alle Triathleten beim WM-Wettbewerb von Kitzbühel gleich. 4:05,132. – Kajak-Zweier: 1. Csipes/Szabo (Ungarn) 3:31,741 Min.; 2. Weber/Dietze (Potsdam/Leipzig) 3:32,629; 3. Sergejewa/Salachowa (Russland) 3:34,927.

Leichtathletik Mannschafts-Europameisterschaft in Stockholm, Samstag, Männer: 100 m: 1. Lemaitre (Frankreich)

9,95 Sek. (+ 1,0 m/s) EJB; 2. Chambers (Großbritannien) 10,07; 3. Obikwelu (Portugal) 10,22; ...8. Unger (München) 10,47. – 400 m: 1. Dyldin (Russland) 45,82 Sek.; 2. Schneider (Potsdam) 45,98; 3. Vistalli (Italien) 45,99. – 1500 m: 1. Olmedo (Spanien) 3:38,63 Min; 2. Smirnow (Russland) 3:38,89; 3. Shane (Großbritannien) 3:39,21; 4. Schlangen (Berlin) 3:39,86. – 5000 m: 1. España (Spanien) 13:39,25 Min.; 2. Lebid (Ukraine) 13:39,75; 3. Vernon (Großbritannien) 13:40,15; ...10. Gabius (Tübingen) 14:01,88. – 400 m Hürden: 1. Greene (Großbritannien) 49,21 Sek.; 2. Fleischhauer (Dresden) 49,56; 3. Derewjagin (Russland) 49,70. – 4 x 100 m: 1. Großbritannien (Malcolm, Pickering, Ellington, Aikines-Aryeetey) 38,60 Sek. EJB; 2. Frankreich (Tinmar, Lemaitre, Pessonneaux, Pognon) 38,71; 3. Deutschland (Schaf/ Stuttgart, Broening/München, Unger/München, Menga/Leverkusen) 38,92. – Hochsprung: 1. Demjanjuk (Ukraine) 2,35 m; 2. Dmitrik (Russland) 2,31; 3. Baba (Tschechien) und Spank (Dresden) beide 2,28. – Weitsprung: 1. Menkow (Russland) 8,20 m; 2. Tornéus (Schweden) 8,19; 3. Tomlinson (Großbritannien) 8,12; 4. Reif (Ludwigshafen) 8,10: – Kugelstoßen: 1. Storl (Chemnitz) 20,81 m; 2. Majewski (Polen) 20,51; 3. Michnewitsch (Weißrussland) 20,40. – Speerwurf: 1. Kosynski (Ukraine) 81,29 m; 2. Makarow (Russland) 81,20; 3. Wallin (Schweden) 80,88; 4. de Zordo (Saarbrücken) 77,86. Frauen, 100 m: 1. Mang (Frankreich) 11,23 Sek. (0,5 m/s); 2. Powg (Ukraine) 11,28; 3. Fedoriwa (Russland) 11,34; 4. Wagner (Mainz) 11,38. – 400 m: 1. Jefremowa (Ukraine) 51,02 Sek.; 2. Rosolova (Tschechien) 51,37; 3. Cox (USA) 51,49; ...6. Lindenberg (Magdeburg) 52,07 800 m: 1. Marija Sawinowa (Russland) 1:58,75 Min.; 2. Jennifer Meadows (Großbritannien) 1:59,47; 3. Lilija Lobanowa (Ukraine) 2:00,18; ...6. Jana Hartmann (Dortmund) 2:01,15. – 3000 m: 1. Syrewa (Russland) 8:53,20 Min.; 2. Tobias (Ukraine) 8:54,16; 3. Rodríguez (Spanien) 8:55,09; ...8. Harrer (Regensburg) 9:01,29. – 400 m Hürden: 1. Hejnova (Tschechien) 53,87 Sek.; 2. Antjuch (Russland) 54,52; 3. Shakes-Drayton (Großbritannien) 55,06; ...8. Klopsch (Friedberg-Fauerbach) 57,85. – 3000 m Hindernis: 1. Galkina (Russland) 9:31,20 Min.; 2. Moreira (Portugal) 9:35,11; 3. Sussmann (Nordheide) 9:43,28. – 4 x 100 m: 1. Ukraine 42,85 Sek. EJB; 2. Russland 43,12; 3. Deutschland (Kedzierski/Heidelberg, Wagner/Mainz, Tschirch/Leverkusen, Günther/Köln) 43,37. – Dreisprung: 1. Saladuga (Ukraine) 14,85 m; 2. La Mantia (Italien) 14,29; 3. Sarrapio (Spanien) 14,10; ...6. Demut (Jena) 13,81 Stabhochsprung: 1. Rogowska (Polen) 4,75 m WJB; 2. Spiegelburg (Leverkusen) 4,75; 3. Ptacnikova (Tschechien) 4,60. – Hammerwurf: 1. Heidler (Frankfurt) 73,43 m; 2. Lyssenko (Russland) 71,44; 3. Safrankova (Tschechien) 69,39. – Speerwerfen: 1. Obergföll (Offenburg) 66,22 m WJB; 2. Sayers (Großbritannien) 64,46; 3. Spotakova (Tschechien) 64,40. Gesamtwertung, Stand nach 21 Wettbewerben:

1. Russland 213 Pkt.; 2. Deutschland 183,5; 3. Großbritannien 166; 4. Ukraine 163; 5. Frankreich 131; 6. Tschechien 129,5; 7. Spanien 128,5; 8. Polen 124; 9. Italien 118,5; 10. Weißrussland 105; 11. Portugal 104; 12. Schweden 69.

Motor Tourenwagen-Weltmeisterschaft, in Brünn, 9. Lauf: 1. Huff (Großbritannien) Chevrolet Cruze

21:59,507 Min.; 2. Muller (Frankreich) Chevrolet Cruze + 0,858 Sek.; 3. Menu (Schweiz) Chevrolet Cruze + 11,697; 4. Coronel (Niederlande) BMW 320 TC + 13,026; 5. Poulsen (Dänemark) BMW 320 TC + 13,772; 6. Dahlgren (Schweden) Volvo C30 + 14,353; ...16. Engstler (Kempten) BMW 320 TC + 39,038. Deutsches Tourenwagen-Masters in Klettwitz/ Lausitzring, 4. Lauf (52 Runden à 3,478 km=180,856 km): 1. Tomczyk (Rosenheim) Audi A4

1:10:52,902 Std.; 2. Scheider (Altach) Audi A4 + 5,436 Sek.; 3. Spengler (Kanada) AMG-Mercedes C-Klasse + 14,300; 4. Paffett (England) AMG- Mercedes C-Klasse + 17,604; 5. Jarvis (England) Audi A4 + 18,633; 6. Green (England) AMG-Mercedes C-Klasse + 19,397; C-Klasse + 25,846 ...9. Vietoris (Gönnersdorf) + 25,846; 10. Engel (Monte Carlo) + 26,674; ...12. Schumacher (Kerpen) alle AMG-Mercedes C-Klasse + 31,737. Fahrer-Wertung: 1. Tomczyk 30 Pkt.; 2. Spengler (Kanada) 29; 3. Scheider 19; 4. Rockenfeller (Altnau) Audi A4 14; 5. Schumacher 14; 6. Green 13; ...11. Engel 3. Rallye-Weltmeisterschaft, 7. Lauf, Rallye Griechenland, Endstand (18 Prüfungen/348,80 km/1217 Gesamt-km): 1. Ogier/Ingrassia (Frank-

reich) Citroën DS3 4:04:44,3 Std.; 2. Loeb/Elena (Frankreich/Monaco) Citroën DS3 + 0:10,5 Min.; 3. Hirvonen/Lehtinen (Finnland) Ford Fiesta RS + 0:13,4; 4. Solberg/Patterson (Norwegen/Großbritannien) Citroën DS3 + 0:38,7; 5. Henning Solberg/Minor (Norwegen/Österreich) Ford Fiesta RS + 4:24,7; 6. Wilson/Martin (Großbritannien) Ford Fiesta RS + 6:54,6; . . .14. Gaßner Jr./Wüstenhagen (Surheim/ Freilassing) Skoda Fabia + 18:43,3. Fahrer-Wertung, nach 7 von 13 Läufen: 1. Loeb

146 Pkt.; 2. Hirvonen 129; 3. Ogier 124; 4. Latvala (Finnland) Ford Abu Dhabi 76; 5. Solberg 73; 6. Østberg (Norwegen) M-Sport Stobart Ford 48.

Rad Tour de Suisse, 8. Etappe, Tübach – Schaffhausen (167,3 km): 1. Sagan (Slowakei/Liquigas-Cannonda-

le) 3:52:00 Std.; 2. Harley Goss (Australien/HTCHighroad; 3. Swift (Großbritannien/Sky) ; 4. Fernandez (Spanien/Euskaltel-Euskad); 5. Hushovd (Norwegen/Garmin-Cervélo) ; 6. Rojas (Spanien/Movistar); 7. Ciolek (Pulheim/Quick Step) alle gleiche Zeit; ...42. Greipel (Hürth/Omega Pharma-Lotto) + 0:57 Min.; ...57. Sieberg (Bocholt/Omega PharmaLotto) + 0:59; ...79. Gerdemann (Münster/LeopardTrek) + 1:56; ...87. Klöden (Kreuzlingen/Schweiz/Radioshack) + 2:40; 88. Burghardt (Steinmaur/ Schweiz/BMC; ...90. Voigt (Berlin/Leopard Trek) beide gleiche Zeit. Gesamtwertung: 1. Cunego (Italien/Lampre-ISD) 31:01:49 Std.; 2. Kruijswijk (Niederlande/Rabobank) + 1:36 Min.; 3. Fränk Schleck (Luxemburg/LeopardTrek) + 1:41; 4. Leipheimer (USA/Radioshack) + 1:59; 5. Mollema (Niederlande/Rabobank) + 2:11; 6. Fuglsang (Dänemark/Leopard Trek) + 2:38; ...26. Gerdemann (Münster/Leopard-Trek + 26:15; ...41. Klöden + 37:32; 36. Thüringen-Rundfahrt, 6. Etappe, Rund um Kahla (193 km): 1. Kelderman (Niederlande/Rabo-

bank) 4:45:40 Stunden, 2. Rowe (Großbritannien), 3. Reinhardt (Berlin/KED Bianchi), 4. Arndt (Cottbus/ LKT Brandenburg), 5. Sokol (Österreich), 6. Courteille (Frankreich), 7. Selig (Leipzig/Jenatec/BDR), 8. Steigmiller (Erfurt/Thüringer Energie), 9. Hepburn (Australien), 10. Auer (Österreich),. 11. Plötner (St. Gangloff/BDR) alle gleiche Zeit. 7. Etappe, Rund um Weida (163 km): 1. Rowe 4:10:23 Stunden, 2. Hepburn; 3. Plötner 4. Arndt; 5. Le Bon (Frankreich); 6. MCCarthy (Australien), ..., 10. Reinhardt. Gesamtwertung nach 848,4 km: 1. Kelderman) 21:02:03 Stunden, 2. Steigmiller + 32 Sekunden, 3. Dumoulin (Niederlande/Rabobank) + 1:01 Min.; 4. McCarthy (Australien) + 1:07; 5. Le Bon + 1:16, 6. Goos (Niederlande/Rabobank) + 1:19, 7. Plötner + 1:22, 8. Arndt + 1:32.

Foto dapd

...21. Massler (Kiel) 61; ...23. Kurfeld (Rostock) 66; ...25. Duisberg (Hoisdorf) 76. 470er, Männer: 1. Belcher/Page (Australien) 7 Pkt.; 2. Wagner/ Bolduan (Mannheim/Berlin) 19; 3. Fantela/Marenic (Kroatien) 20; 4. Kampouridis/Papadpoulos (Griechenland) 29; 5. Mantis/Kagialis (Griechenland) 31; 6. Zepuntke/Baldewein (Berlin) 33; 7. Zellmer/Seelig (Schöneiche/Wörthsee) 37; 8. Bogacki/ Steinborn (Velbert/Berlin) 38; 9. Autenrieth/Philipp Autenrieth (Augsburg) 38; ...14. Gerz/Follmann (München) 47, 470er, Frauen: 1. Bochmann/Lorenz (Kiel/Berlin) 10 Pkt.; 2. Maxwell/Farrar (USA) 11; 3. Wagner/Steinherr (Kiel/Berlin) 13; 4. Kadelbach/Belcher (Hamburg) 15; 5. Umb/Umb (Estland) 15; 6. Lutz/Beucke (Holzhausen/Strande) 18; 7. Jurczok/Bach (Kiel) 19 Starboot, Gesamtwertung nach 2 Wettfahrten: 1. Marazzi/de Maria (Schweiz) 3 Pkt.; 2. Babendererde/Jacobs (Lübeck) 5; 3. Melleby/Pedersen (Norwegen) 7; 4. Loof/Tillander (Schweden) 7; 5. Stanjek/ Stanjek (Berlin) 11; 6. Polgar/Koy (Hamburg) 11; ...8. Schlonski/Bohn (Rostock) 17; ...13. Hagen/Hasche (Hamburg) 27. 49er, Gesamtwertung nach 4 Wettfahrten: 1. Phillips/Phillips (Australien) 9 Pkt.; 2. Ekberg/Torlén (Schweden) 11; 3. Nørregaard/ang (Dänemark) 16; 4. Krüger Andersen/Thorsell (Dänemark) 16; 5. Fricke/Huber (Rimsting/Prien) 20; 6. Schadewaldt/ Baumann (Kiel) 22; ...8. Ramm/Lewin (Kiel) 25; ...11. Rieger/Rieger (Friedrichshafen) 26; ...18. Briesenick-

Pudenz/Massmann (Flensburg) 40; ...23. Hauke Erichsen/Mrugalla (Glücksburg/Eckernförde) 46. RS-X, Männer, Gesamtwertung nach 3 Wettfahrten: 1. Miarczynski (Polen) 5 Pkt.; 2. Wilhelm (Do-

gern) 7; 3. Majewski (Polen) 11; 4. Lee Tae-Hoon (Südkorea) 17; 5. Goyard (Frankreich) 21; 6. Pollak (Slowakei) 24; ...18. Freimüller (Altenholz) 52; ...21. Schoentag (Bernau) 64; ...27. Sponholz (Berlin) 83; 34. Jens Levin Möller (Kiel) 95. RS-X, Frauen, Gesamtwertung nach 3 Wettfahrten: 1. Brygola (Polen) 10 Pkt.; 2. Delle (Kiel) 13; 3.

Crisp (Australien) 14; 4. Manchon (Spanien) 16; 5. Shreeve (Australien) 19; 6. Dvidovich (Israel) 19; ...27. Riske (Kiel) 84. Tennis ATP-Turnier der Herren in Eastbourne (462 675 Euro/Rasen), Halbfinale: Tipsarevic (Serbien) – Nis-

3:1; Brasilien – Puerto Rico 3:0; Tabelle: 1. Brasilien 7 Spiele/18 Pkt.; 2. USA 8/15; 3. Polen 8/12; 4. Puerto Rico 7/0. Gruppe B in Surgut und Bremen: Russland – Japan 3:0; Deutschland – Bulgarien 3:2 (25:18,25:21,18:25,18:25,15:13); – Tabelle: 1. Russland 7 Spiele/21 Pkt.; 2. Bulgarien 7/10; 3. Deutschland 7/8; 4. Japan 7/3: Gruppe C in Tampere und Catamarca: Finnland – Serbien 2:3; Argentinien – Portugal 3:1; Finnland – Serbien 3:2; – Tabelle: 1. Argentinien 7 Spiele/17 Pkt.; 2. Serbien 8/13; 3. Finnland 8/8; 4. Portugal 7/7. Gruppe D in Catania, Gwangju und Messina: : Italien – Frankreich 1:3; Südkorea – Kuba 0:3; Italien – Frankreich 3:1; Südkorea – Kuba 0:3. – Tabelle: 1. Italien 8 Spiele/19; 2. Kuba 8/15; 3. Südkorea 8/10; 4. Frankreich 8/4.

Wasserball EM-Qualifikation, Männer, Gruppe B: Portugal –

Bulgarien 11:8; Slowenien – Deutschland 7:7; – Tabelle: 1. Deutschland 5 Spiele/13 Pkt.; 2. Slowenien 5/10; 3. Portugal 5/6; 4. Bulgarien 5/0. – Deutschland und Slowenien in der 2. Runde.

hikori (Japan) 6:2, 6:4; Seppi (Italien) – Kunizyn (Russland) 6:4, 2:6, 6:4. Finale: Seppi – Tipsarevic 7:6 (7:5), 3:6, 5:3 Aufgabe.

Gewinnzahlen

WTA-Turnier der Damen in Eastbourne (618 000 Dollar/Rasen), Halbfinale: Kvitova (Tschechien) –

Spiel 77 : 6 2 7 5 2 0 6 – Super 6: 3 6 7 0 7 7.

Hantuchova (Slowakei) 7:6 (11:9), 4:2 Aufgabe; Bartoli (Frankreich) – Stosur (Australien) 6:3, 6:1. Finale: Bartoli (Frankreich) – Kvitova (Tschechien) 6:1, 4:6, 7:5. ATP-Turnier in 's-Hertogenbosch (450 000 Euro/ Rasen), Halbfinale: Dodig (Kroatien) – Baghdatis

Lotto : 6 - 14 - 21 - 24 - 25 - 41 – Zusatzzahl: 46 –

Superzahl: 6 Glücksspirale, Wochenziehung: 7 gewinnt 10,00

Euro, 23 gewinnt 20,00; 105 gewinnt 50,00; 3310 gewinnt 500,00; 38 860 gewinnt 5000,00; 007 876 gewinnt 100 000,00; 355 491 gewinnt 100 000,00 Prämienziehung: 9 127 366 ) gewinnt 7500,00 monatlich als Sofortrente; 4 599 857 gewinnt 7500,00 monatlich als Sofortrente.

Reiten Deutsche Spring- und Dressur-Meisterschaft in Balve, Springen, Frauen, Endstand nach 3 Umläufen: Meyer (Schenefeld) Holiday 0 Strafpkt.; 2. Em-

DEUTSCHER POKALSIEGER

mers (Marl) Papillon 1, beide im Stechen; 3. Bitter (Bad Essen) Perigueux 3; 4. Sulz (Nagold) Chablis Du Lys 4; 5. Golasch (Karst) Lassen Peak 4,25; 6. Müller (Arnsberg) Shakespeare 4,75; 7. Müller (Ootmarsum/ Niederlande) Van Gogh 4,75; 8. Behring (Bulle/Schweiz) Nesquik 8. Dressur, Grand Prix Special: 1. Rath (Kronberg) To-

tilas 83,417 Prozentpkt.; 2. Werth (Rheinberg) El Santo 81,375; 3. Balkenhol (Rosendahl) Dablino 79,000; 4. Koschel (Hagen a. TW.) Donnperignon 77,833; 5. Langehanenberg (Havixbeck) Damon Hill 75,042 ; 6. Theodorescu (Sassenberg) Whisper 71,167; 7. Wittig (Rahden) Biagiotti 69,792; 8. Gräf (Kirchheimbolanden) Le Noir 69,417.

Join the winning team

Schießen Weltcup in München, Männer, Luftgewehr 10 m:

1. Zhu Qinan (China) 703,0 (599/104,0) Ringe; 2. Wang Tao (China) 701,5 (598/103,5); 3. Gonci (Slowakei) 699,8 (599/100,8); ...12. Mohaupt (Suhl) 596; .. 32. Justus (Homberg/Ohm) 593; ...62. Wallowsky (Oberkotzau) 590.

Die Brose Baskets haben

Frauen, Luftgewehr 10 m: 1. Xie Jieqiong (China)

503,5 (399/104,5) Ringe; 2. Emmons (Tschechien) 501,8 (398/103,8); 3. Sykorova (Tschechien) 501,0 (398/103,0); ...5. Gauß (Ammerbuch) 500,3 (398/102,3); 6. Pfeilschifter (Ismaning) 500,2 (399/101,2); ...8. Mager (Solingen) 499,7 (398/101,7).

nach einer einmalig erfolg-

Männer, Freie Pistole 50 m: 1. Tomoyuki Matsuda

Basketball Pokal nun auch

(Japan) 665,7 (568/97,7) Ringe; 2. Andrija Zlatic (Serbien) 662,9 (568/94,9); 3. Giuseppe Giordano (Italien) 659,6 (562/97,6); ...; 8. n Schmidt (Frankfurt/ Oder) 648,0 (562/86,0); ...48. Meyer (Wolfenbüttel) 548; ...54. Abdullah Ustaoglu (Karlsruhe) 546.

die Deutsche Meisterschaft

reichen Saison auf nationaler und internationaler Ebene und dem Sieg im Deutschen

gewonnen.

Frauen, Sportpistole 25 m: 1. Yuan Jing (China)

787,8 (582/205,8) Ringe; 2. Maria Grozdewa (Bulgarien) 787,3 (584/203,3); 3. Lenka Maruskova (Tschechien) 786,0 (584/202,0); ...11. Karsch (Kolbermoor) 581; ...16. Thurmann (Frankfurt/Oder) 579; ...45. Dorjsuren (München) 572

Segeln

Aktuell hat die Brose Gruppe weltweit in Entwicklung, Vertrieb,

Kieler Woche, olympische Klassen, Gesamtwertung nach 3 Wettfahrten, Laser: 1. Grotelüschen

Einkauf und Verwaltung zahlreiche attraktive Aufgaben zu vergeben,

(Kiel) 9 Pkt.; 2. Vujasinovic (Kroatien) 10; 3. Junior (Neuseeland) 11; 4. Buhl (Sonthofen) 11; 5. Burton (Australien) 11; 6. Berecz (Ungarn) 13; ...25. Schwerdt (Kiel) 51; ...29. Grasse (Berlin) 55; ...38. Zittlau (Owingen) 65; ...51. Kamrath (Kiel) 80. Laser Radial: 1. Railey (USA) 5 Pkt.; 2. Drosdowskaja (Weißrussland) 12; 3. Weir (Australien) 13; 4. Mihelic (Kroatien) 18; 5. Fasselt (Rostock) 19; 6. Mileviciute (Litauen) 20; ...8. Goltz (Kiel) 30; ...10. Helbig (Kiel) 39; ...13. Rattemeyer (Kiel) 42; ...14. Uecker (Kiel) 51. Finn-Dinghy: 1. Lobert (Frankreich) 7 Pkt.; 2. Railey (USA) 12; 3. le Breton (Frankreich) 13; 4. Wright (Großbritannien) 14; 5. Karpak (Estland) 18; 6. Miller (Laupheim) 20; ...11. Kurfeld (Warnemünde) 32;

darunter rund 200 an unseren fränkischen Standorten in Coburg, Hallstadt/Bamberg und Würzburg. Ausführliche Informationen zu den ausgeschriebenen Stellen finden Sie unter www.brose.com oder www.brose-karriere.com. Für weitere Auskünfte steht Ihnen Wolfgang Schlag unter 0173 396 8986 auch am Wochenende gerne zur Verfügung.

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Sport

SE IT E 26 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Mit Glück und Können Neunter Titel für Beerbaum Springreiter siegt in Balve mit Coupe de Coeur oni. BALVE. Der 14 Jahre alte Schimmelhengst Coupe de Coeur hat seine eigene Meisterschaftsgeschichte. Am Sonntag gewann er in Balve mit dem erfahrenen Springreiter Ludger Beerbaum im Sattel seinen dritten deutschen Meistertitel. Zweimal hatte er zuvor mit Rene Tebbel gesiegt, in den Jahren 2006 und 2007. Sein 47 Jahre alter Reiter Beerbaum hat eine noch eindrucksvollere Erfolgsstatistik vorzuweisen: Er sicherte sich im Sauerland nach vier Runden ohne einen Abwurf (1,5 Zeitfehler) seine neunte deutsche Meisterschaft. Bei den Titelkämpfen vor zwei Jahren war Beerbaum noch – ebenfalls in Balve – mit Coupe de Coeur schwer gestürzt, das Pferd hatte danach ein halbes Jahr pausieren müssen. Nun trafen Glück und Können endlich einmal zusammen. Zweiter wurde Marcus Ehning aus Borken mit Plot Blue (4,25 Punkte) vor Janne-Friederike Meyer mit Lambrasco, die zwar die gleiche Zahl an Strafpunkten aufwies wie Ehning, aber die schlechtere zweite Prüfung geritten war.

Die Mannschaftsweltmeisterin aus Schenefeld hatte sich bereits am Samstag auf dem zehnjährigen Holsteiner Schimmelwallach Holiday den deutschen Meistertitel der Damen gesichert. Sie war in diesem Jahr die einzige Starterin, die sich auch in die deutlich anspruchsvollere Herren-Konkurrenz wage. Die Titelgewinnerin des vergangenen Jahres, Meredith Michaels-Beerbaum (Thedinghausen), zog sich diesmal ins Rahmenprogramm zurück. Mit der achtjährigen Stute Bella Donna gewann sie am Samstag das Championat von Balve, das nicht zur Meisterschaftswertung zählte. Ihre beiden langjährigen Top-Pferde Shutterfly und Checkmate sind in die Jahre gekommen und werden nur noch dosiert eingesetzt. Meredith Michaels-Beerbaum, wie JanneFriederike Meyer im vergangenen Jahr in Lexington Mitglied des deutschen Gold-Teams, hat damit keine Chance, sich für das diesjährige Championat, die Europameisterschaften in Madrid, noch zu qualifizieren.

Netter Kollege mit Killer-Instinkt Jungstar Rory McIlroy hat seine Einstellung geändert

Immer weiter zusammenwachsen: Matthias Alexander Rath und Totilas wollen noch besser zueinanderfinden.

Foto Reuters

Jedem sein Wunderpferd BALVE. Die deutsche Dressurszene trug am Wochenende schlammige Stiefel und durchnässten Frack. Doch das machte nichts – der sauerländische Regen fiel auf blühende Landschaften, das alte Gold-Gefühl ist zurückgekehrt. Die Europameisterschaften im August in Rotterdam können kommen, die Angst vor der niederländischen Konkurrenz ist der Zuversicht gewichen. Wichtigstes Ergebnis der nationalen Titelkämpfe von Balve: Deutschland hat nicht nur das bisherige Trumpf-Ass der Holländer, den Rapphengst Totilas, gekauft. Matthias Alexander Rath hat auch nach einem zweieinhalbwöchigen öffentlichen Lernprozess gezeigt, dass er in der Lage ist, das überragende Talent des Pferdes im Viereck zum Strahlen zu bringen. Der 26 Jahre alte Reiter aus Kronberg gewann am Samstag den deutschen Meistertitel im Grand Prix Special mit 83,417 und am Sonntag die Kür mit 85,654 Prozentpunkten. Und das trotz einiger Schnitzer. „Die Sache ist bei weitem noch nicht ausgereizt“, sagte Klaus Martin Rath, Vater und Trainer des deutschen Doppelmeisters, dem die Erleichterung über das gelungene Wochenende anzumerken war. „Das hat der Junge gut gemacht.“ Das finden im Übrigen auch seine nationalen Konkurrenten und künftigen Mitstreiter. Die Leistungen und der Publikumserfolg des schwarzen Pferdestars scheinen auch die anderen Reiter zu beflügeln. Das Fracksausen, das die Equipe bei den deutschen Meisterschaften vor einem Jahr noch gepackt hatte, ist vorbei. Damals war klar, dass bei der folgenden WM höchstens noch Bronze erreichbar war. Heute sagt Klaus Röser, der Vorsitzende des Dressur-Ausschusses: „Das war Supersport auf phantastischem Niveau, der uns für die Zukunft sehr optimistisch stimmt.“ Nicht nur Totilas ist dafür der Grund. Isabell Werth, die fünfmalige Olympiasiegerin, hat den Generationswechsel in ihrem Stall geschafft. Auf Satchmo, der in Balve nicht mehr am Start war und Warum nicht, der nur noch eine Nebenrolle spiel-

Der Hype um Totilas setzt sich in Balve fort. Im Schatten des Superstars, der trotz einiger Schnitzer den nationalen Titel gewinnt, werden aber auch für manch anderen Reiter glänzende Perspektiven sichtbar. Rechtzeitig vor der Dressur-EM ist das deutsche Gold-Gefühl zurück. Von Evi Simeoni

Viel Strahlkraft: Isabell Werth, Matthias Alexander Rath und Anabel Balkenhol

te, folgt der zehnjährige Rheinländer El Santo, mit dem sie im Special Zweite und in der Kür Dritte wurde. Der etwas schwerer als Totilas gebaute Wallach bewies großen Schwung im starken Trab und enorme Leichtigkeit in der Passage. In der Kür klappte zwar noch nicht alles wie erhofft, allerdings mangels Übung. Diese Aufgabe hatten die beiden fast ein halbes Jahr lang nicht mehr vorgeführt. Neben Matthias Rath und Isabell Werth werden im Juli beim CHIO in Aachen Christoph Koschel (Hagen) mit Donnperignon und Anabel Balkenhol (Münster) mit Dablino zur deutschen NationenpreisEquipe gehören. Im Windschatten des Totilas-Hype entwickelten sich beide WM-

Foto dpa

Dritten vom vergangenen Jahr spürbar weiter. Donnperignons Piaffen verbesserten sich von Tag zu Tag – am Samstag wurden die beiden Vierte, am Sonntag Zweite. Und der schwierige und hochempfindliche Dablino (Dritter und Vierter) scheint immer mehr Sicherheit zu gewinnen. „Jeder von uns hat auf seine Art ein Wunderpferd“, sagte Anabel Balkenhol, „jedes Pferd ist einzigartig.“ 2500 Zuschauer trotz Kälte und Regens ans Dressurviereck im abgelegenen Schlosspark des Grafen Landsberg-Velen zu locken, dazu mehrere Fernsehteams und Trauben von Journalisten und Fotografen, das schafft aber wohl nur der elfjährige Pferdestar, der neben seinen Rekordnoten auch einen Rekordpreis

erzielt hat. Zehn Millionen Euro für einen Vierbeiner – darüber kommt manch ein Gebrauchtwagenkäufer nicht so leicht hinweg. Im Grand Prix, der Aufwärmprüfung am Freitag, hatte Rath die nötige Sicherheit gewonnen, im Special zum ersten Mal die Leichtigkeit gezeigt, mit der Totilas an guten Tagen seine Aufgaben erfüllen kann. Am Sonntag in der Kür zeigte sich, dass der Prozess des Zusammenwachsens der beiden noch lange nicht beendet ist. Die Kür schien noch nicht ausgereift, der Ritt noch nicht immer auf die Musik abgestimmt. „Matthias ist mit einem großen Fragezeichen eingeritten“, sagte sein Vater. Auch die Begleitmusik, sphärische bis bombastische Klänge, die vom Berliner Star-Komponisten und Produzenten Paul van Dyck stammen, soll dem exquisiten Image von Totilas entsprechen. Dass es zu Beginn der Kür, einer wahrhaften PiaffenOrgie, ein paar Störungen gab, dass ein grober Fehler in den Zweier-Galoppwechseln passierte, die Zahl der Einerwechsel nicht ausreichte und das Pferd im starken Trab zu wenig Schwung entwickelte, mag die Totilas-Fans nicht weiter stören. Sie lassen sich immer wieder von seiner besonderen Ausstrahlung und seinem einzigartigen Bewegungsrepertoire begeistern. Auch die Richter zeigten sich mit ihrer Spitzennote großzügig. Matthias Rath jedoch blieb selbstkritisch: „Das waren noch ein bisschen viele Fehler“, sagte er. Nach den Turnieren in München, Wiesbaden und Balve, die direkt aufeinander folgten, darf Totilas nun bis Aachen verschnaufen. Die ersten Ziele sind erreicht. „Man kann sehen, dass er mit dem Pferd zusammenwachsen kann“, sagte der Vater über den Sohn. Auch dem öffentlichen Druck hat er standgehalten. In Aachen allerdings werden die Konkurrenz noch härter und die öffentliche Aufmerksamkeit noch größer werden – und bei den Europameisterschaften, ausgerechnet im früheren Totilas-Reich, die Blicke noch schärfer. Der Anfang ist gemacht, doch die Totilas-Show hat gerade erst begonnen.

wos. FRANKFURT. Es ist noch gar nicht lange her, da war Rory McIlroy in den Vereinigten Staaten nicht sonderlich beliebt. Der 22-jährige Golfprofi hatte mit kecken Sprüchen zur Formkrise von Tiger Woods für viel negative Schlagzeilen gesorgt. Dazu kehrte der junge Mann aus Holywood nach nur einer Saison als volles Mitglied der PGA Tour, der lukrativsten Turnierserie, den Rücken und gab seine Spielberechtigung („Tour Card“) zurück. Die PGA Tour revanchierte sich damit, dass sie ehemaligen Mitgliedern ihrer Tour wie McIlroy oder dem Engländer Lee Westwood weniger Einladungen von Sponsoren erlaubte. Dazu wählte sie Rickie Fowler zum „Rookie of the Year“ (Neuling des Jahres), obwohl der Amerikaner im Gegensatz zu McIlory kein Turnier gewonnen hatte. Der Nordire verzichtete wie Westwood wegen der neuen Regel auf die Teilnahme an der Players Championship in Ponte Vedra Beach. Das Flaggschiff der PGA Tour musste ohne den Jungstar und den Weltranglistenzweiten auskommen. Aber spätestens seit McIlroy seinen Einbruch beim Masters, als er am Schlusstag einen Vorsprung von vier Schlägen verspielte und nach einer Runde von 80 Schlägen auf den 15. Platz zurückgefallen war, so mannhaft hinnahm, hat sich die Stimmung gedreht. Bei der 111. US Open in Bethesda (Maryland) haben die 30 000 Fans den Lockenkopf aus Ulster geradezu als neuen Liebling adoptiert. Wie in den Glanzzeiten von Woods säumen Tausende Sportfreunde die Spielbahnen vom Abschlag bis zum Grün, wenn das ehemalige Wunderkind seine grandiose Golfkunst demonstriert. Immer wieder wurde am Samstag von den Fans „Let’s go, Rory“ skandiert. Dabei war der Weltranglistenachte auf dem besten Weg, dem zweiten Major des Jahres jedwede Spannung zu nehmen und die Konkurrenten zu staunenden Statisten zu degradieren. Nach drei Runden von 65, 66 und 68 Schlägen führte McIlroy mit acht Schlägen Vorsprung vor dem Koreaner Y. E. Yang und gar mit neun vor Westwood, dem Australier Jason Day und dem Amerikaner Robert Garrigus. Nur Woods hatte vor elf Jahren bei den US Open nach 54 Löchern einen größeren Vorsprung: zehn Schläge. Der Superstar nahm damals die erste Etappe auf dem Weg zum „Tiger Slam“, dem Gewinn aller vier Majors in Folge. Am Ende triumphierte er mit dem Riesenvorsprung von 15 Schlägen.

Yang klang fast schon wie einer der vielen McIlroy-Fans: „Ich möchte ihm ein wenig näher kommen. Aber der Spieler mit dem besseren Schwung, mit den besseren Putts, mit der besseren Einstellung führt das Turnier an.“ Doch der so Gelobte wehrte alle ab, die die letzten 18 Löcher nur noch als Ehrenrunde für die Krönung eines der größten Golftalente sahen: „Keine Führung ist groß genug. Ich weiß am besten, was alles passieren kann.“ Deshalb hat er nach dem Einbruch beim Masters vor allem seine Einstellung geändert: „Man darf nie zufrieden sein. Man muss auf dem Platz arrogant sein. Man muss immer versuchen, die Führung noch weiter auszubauen. Dazu braucht man Killer-Instinkt.“ Den hat sich McIlroy angeeignet, obwohl ihn alle als ausgesprochen netten Kollegen loben: „Ich wünsche ihm, dass er gewinnt“, sagte Martin Kaymer aus Mettmann, der nach drei Runden von 74, 71 und 72 Schlägen schon 17 Schläge hinter seinem Ryder-Kollegen lag, „er hat es verdient, besonders nach dem Masters.“ Nur Westwood wollte noch nicht die weiße Flagge hissen: „Man weiß nicht, was Rory am Sonntag macht, wie er mit dem großen Vorsprung klar kommt. Da ist Druck für ihn. Wir werden sehen.“

Nicht mehr so leicht mit sich zufrieden:

Rory McIlroy

Foto dapd

Mit dem siebten Gang zum Vier-Sterne-Titel Andreas Dibowski gewinnt die internationale Vielseitigkeitsprüfung, Andreas Ostholt wird deutscher Meister / Luhmühlen ein „Leuchtturm für die Reiterei“ LUHMÜHLEN. Eine Art Generalprobe sollen die Tage von Luhmühlen sein. Für die Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter im August an gleicher Stelle. Die EM wiederum wird beworben als eine Art Generalprobe für die Olympischen Spiele 2012 in London. Der Test für den Termin in gut zwei Monaten ist gelungen. Zumindest für Andreas Ostholt aus der Reiterzentrale in Warendorf, den seit seinem Siegesritt am Sonntag im Sattel von Franco Jeas erstmals der deutsche Meistertitel im Mehrkampf schmückt. Vor allem aber für Andreas Dibowski mit Butts Leon, der ein paar Stunden später den um einiges anspruchsvolleren Wettbewerb gewann. Als Siegprämie kassierte Ostholt 3000 Euro, Dibowski aber 33 000 Euro. Was doch ein Stern mehr ausmacht. Die deutsche Meisterschaft war als Drei-Sterne-Prüfung ausgeschrieben, das große Geld aber ist den Vier-Sterne-Prüfungen vorbehalten, quasi der Champions League in der Vielseitigkeit. Es blieb dank Dibowski vor Sandra Auffahrt mit Opgun Louvo und Frank Ostholt mit Little Paint trotz prominenter internationaler Konkurrenz im Lande. Luhmühlen, neben Badminton, Kentucky, Burghley und Pau als Veranstalter

ein Klassiker der Vielseitigkeit, entpuppte sich als idealer Nährboden für deutsche Medaillenträume. Elf Millionen Euro haben der Bund sowie die Landkreise Harburg und Lüneburg in die Modernisierung des Turnierplatzes investiert. „Gutes Geld für eine gute Sache“, sagte der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister bei der offiziellen Eröffnung am Samstag. Der zuständige Landrat nannte das runderneuerte Terrain einen „Leuchtturm für die Reiterei“. Bundestrainer Hans Melzer wurde signalisiert, auf wen er setzen kann und wo Fragezeichen angebracht sind. Auch in der Vielseitigkeit gibt es vermehrt Kandidaten, die neben den Etablierten glänzen: Sandra Auffahrt, die ihre erste Vier-Sterne-Prüfung mit Neuling Opgun Louvo mit Glanz und Gloria bestand; auch Kai Rüder, mit Leprince des Bois Zweiter der nationalen Titelkämpfe vor Titelverteidigerin Julia Mestern im Sattel von Schorsch. Und die üblichen Verdächtigen? Andreas Dibowski erwies sich als so zuverlässig wie eh und je. Auch Frank Ostholt gilt mit Little Paint als gesetzt für die EM. Die Mannschafts-Olympiasieger von Hongkong lassen grüßen. Und Einzel-Olympiasieger Hinrich Romeike? Der musste in

Luhmühlen passen, weil sein Paradepferd Marius immer noch nicht fit ist. Der Holsteiner laboriert an den Folgen einer Verletzung. Auch Ingrid Klinke ist verletzt. Bliebe mit Bettina Hoy eine weitere vertraute Figur der Szene, die im Querfeldeinritt mit Lanfranco nur bis Hindernis neun kam und dann das übernächste ansteuerte – ein Disqualifikationsgrund. Weltmeister Michael Jung, der Überflieger der vergangenen Saison, kam nicht wesentlich weiter. Sein Hengst Leopin übersah einen Graben, geriet ins Stolpern; als Kettenreaktion war eine Verweigerung an Hindernis zwölf fällig. Freund ließ Leopin noch zwei weitere Klippen nehmen und beendete dann dessen Vier-Sterne-Premiere nach etwa einem Drittel der auf knapp sechs Kilometer ausgelegten Distanz. Leopin bekommt noch in dieser Woche seine nächste Bewährungsprobe: Beim Weltcup in Strzogum/Polen. Dort sattelt der Champion auch sein Paradepferd Sam, das in Luhmühlen geschont wurde. Für Michael Jung war es ein Turnier-Wochenende, wie er es noch nicht kannte: vom Erfolg verlassen. Nicht plaziert mit Leopin, Sechster der deutschen Meisterschaft mit River of Joy. Vater Joachim Jung versuchte sich als Realist, indem er

feststellte: „Das ist doch toll für die Konkurrenz, wenn sie sehen, auch Michael kann etwas passieren.“ Für den Bundestrainer ist diese Erfahrung natürlich nicht sonderlich erbauend, liegt aber in der Natur der Sache. „Wir haben ein großes Team, wir haben ein qualitativ breites Team“, sagt Hans Melzer beim Blick voraus. Mark Phillips, „Designer“ der Geländestrecke, verspricht für den August eine „völlig andere Prüfung“ als die gerade absolvierte. An diesem Montag um 9 Uhr ist die Manöverkritik fällig. Bereits am Sonntag benannte er seine „Longlist“ für die EM. Melzer hätte dann, wenn es gilt, nichts gegen eine Wiederholung des deutschen Triumphes einzuwenden. Luhmühlen wird im Hochsommer zum fünften Mal Gastgeber kontinentaler Titelkämpfe sein. Dibowskis Kampfansage: „Wenn meinem Butts Leon der Wind um die Nüstern weht, schaltet er in den siebten Gang.“ Den hochtourigen Testlauf hat das runderneuerte Luhmühlen bestanden, ohne Sanitäter und Veterinäre zu strapazieren. Das war in der Vergangenheit schon mal anders. Aber auch für den Glücksfall gibt es keine Garantie für die Zukunft. Entenrennen? Ostholt nimmt auf dem Weg zum Titel jedes Hindernis.

Foto dpa

HANS-JOACHIM LEYENBERG


FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

Feuilleton

M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 14 1 · S E I T E 27

Trullala

Neuer Staatsfeind Nummer eins Alles wird zur Ware: Seit Jahren beeindruckt das Geschehen rund um Cyberattacken die Öffentlichkeit. Sie rufen mehr Empörung hervor als die Schlachtfelder realer Kriege. as Kaufen und Verkaufen großer Mengen von Aktien verlaufen heutzutage automatisiert. Kein Mensch kann so schnell Bestellungen in den Markt senden wie der Computer. Heute weiß innerhalb von Sekunden jede Bank, wenn irgendwo in der Welt Wertpapiere den Besitzer wechseln. Wer dann zu spät reagiert, kann mit einem dicken Aktienpaket der betroffenen Firma binnen Sekunden Hunderte von Millionen Euro verlieren. Schlaue Tüftler haben Algorithmen ersonnen, die diese großen Tranchen in viele kleine Transaktionen aufteilen, die mit Millisekunden Unterschied Aktienpakete am globalen Aktienmarkt plazieren. Natürlich gibt es längst Schnüffelprogramme, die den Braten riechen. Dennoch gibt es Wettbewerbsvorteile: Die New Yorker Bank, die in Manhattan in direkter Nähe zum dortigen Internetknoten an der Broad Street Nummer 60 ihr Rechenzentrum hat, erzielt signifikante Vorteile, weil sie Millisekunden vor anderen Finanzdienstleistern reagieren kann. Daher steigen dort die Immobilienpreise in astronomische Höhen. Wenn schon Millisekunden über Quartalsumsätze entscheiden, dann wird offensichtlich, wie verletzlich das neuronale System der Welt ist. Man kann also die zentrale Rolle des Internets für das internationale Bankgeschäft gar nicht überschätzen. Allerdings haben die Stanley Morgans und Bank of Americas dieser Welt derzeit andere Sorgen. Die amerikanischen Banken rüsten sich für die Zahlungsunfähigkeit ihres Landes. Es ist zu befürchten, dass sich Demokraten und Republikaner nicht über eine Erhöhung der Schuldenobergrenze von 14,3 Billionen Dollar einigen. Die Kriege im Irak und in Afghanistan haben Unsummen an Steuergeldern in die Taschen weniger Industrieunternehmen umverteilt. Sie haben Rüstungsgüter produziert, die Truppe versorgt und zerstörte Länder teilweise wieder aufgebaut. Das Volk, das Obama zugejubelt hatte, ist längst müde und enttäuscht. In solchen Zeiten haben amerikanische Präsidenten immer ein Ass im Ärmel: einen neuen Staatsfeind Nummer eins. Nach dem Tod Bin Ladins hat man ihn gefunden: die anonyme Cyberattacke. 255 000 Angriffe pro Stunde auf die Netzwerke des amerikanischen Verteidigungsministeriums sind keine Lappalie. Schon lange rüstet sich auch die deutsche Verwaltung. Bisher arbeitete man noch in getrennten Behörden eigene Strategien aus.

D

Milliarden in private Institute Soeben ist das erste deutsche Nationale Cyber-Abwehrzentrum (NCAZ) als Kommunikationsplattform der deutschen Sicherheitsbehörden gegründet worden. Das Ziel ist ein zügiger Informationsaustausch. Offenbar klappt das am sichersten ohne Kabel und Monitor zwischen den Beamten. In den Medien wird verbreitet, dass nicht nur engagierte Teenager Sicherheitsfunktionen knacken, um Anerkennung zu finden. Vor allem die Mafia, totalitäre Staaten und Wirtschaftsspione nutzen das Netz für ihre Machenschaften. Es muss jemanden geben, der ein Interesse daran hat, dass die kaum überraschende zentrale Position des weltweiten Datennetzes ein Sicherheitsrisiko darstellt. Seit Jahrzehnten geistert ein Gespenst durch die amerikanischen Medien: der militärisch-industrielle Komplex. Der Soziologe Charles Wright Mills hatte Mitte der Fünfziger in seinem Buch „Die amerikanische Elite: Gesellschaft und Macht in den Vereinigten Staaten“ das militärische Establishment zum ersten Mal als gesellschaftliche Macht identifiziert. Wer solchen Ansichten eine ultralinke Gesinnung unterstellt, der sollte wissen, dass in den Vereinigten Staaten das Militär jahrzehntelang der größte Geldgeber bei vielen Forschungseinrichtungen war. Doch mit Beginn des neuen Millenniums hat sich das geändert. Steckte das Pentagon früher noch Milliarden in die universitäre Grundlagenforschung, werden nun private Institute unterstützt. Nicht selten sind große Rüstungskonzerne beteiligt. Doch seit den anhaltend erfolglosen Einsätzen im Irak und in Afghanistan sind im strategischen Stab der Armee Zweifel aufgekommen, ob die enorme Technisierung des Krieges noch sinnvoll sei. Schon 2008 wurde das Operations Manual der Truppe geändert. Darin hatten die Militärs ein neues Konzept vorgegeben, das den zivilen Aufbau in den Kriegsgebieten fördern sollte. Das von Deutschen schon lange vorher praktizierte Nation Building war als Kontrapunkt zu der eingesetzten Hochtechnologie gedacht, um die lokale Bevölkerung für die Ziele der

ri, tra, trullala, das Kasperle ist wieder da. So hieß es einst, wenn T der Vorhang aufging. Im Vergleich

westlichen Streitkräfte zu gewinnen: die Befriedung der Region. Denn den Praktikern vor Ort war klargeworden, dass Technologie keinen Frieden bringt. Der militärische Teil des Komplexes ist aus strategischen Erwägungen von der Hochtechnologie nicht mehr uneingeschränkt begeistert. Das entzückt nicht jeden Beobachter. Seit fast vier Jahren beeindruckt das Geschehen rund um Cyberattacken die Öffentlichkeit. Viele Gruppen von Hacker-Aktivisten, die meistens einem moralischen Auftrag folgen, und einige professionelle Cracker, die Server lahmlegen oder Kundendaten rauben und verkaufen, unterstützen das neue Feindbild. Parallel dazu drängen große Firmen wie IBM, Cisco und Oracle Staaten und Firmen dazu, alle Informationen in Datenbanken zu stellen und weltweit im Internet verfügbar zu halten. Der erwünschte smarte Planet ist in mancher Hinsicht jedoch noch derselbe zuweilen stinkende Hinterhof wie zu Beginn der Industrialisierung – nur eben globalisiert. Die einen verhungern fast, die anderen lassen ihre prunkvollen Kutschen durch die verdreckten Straßen galoppieren. Gerade im Zeitalter der Bits und Bytes ist das soziale und wirtschaftliche Gefälle im globalen Maßstab erschreckend. Die Finanzkrise, beschleunigt unter anderem durch den automatisierten Handel, hat großen Anteil daran.

Geheime Firmendaten im Netz Nachdem Banken, Versicherungen und Verwaltungen Zehntausende Angestellte entlassen konnten, dank der Softwarerevolutionen der vergangenen beiden Jahrzehnte, sind Staaten und Firmen am Gängelband der digitalen Netzwerker. Die Geister, die man rief, wird man nicht mehr los. Der teure Quadratmeter Aktenarchiv aus dem Jahr 1982 in bester Citylage wird nun angesichts von Lizenzgebühren, Wartungskosten und den steigenden Beträgen für Sicherheitsmaßnahmen zum Schnäppchen. Aber die digitalisierte Uhr kann niemand mehr zurückdrehen – es sei denn, man stellt wieder Aktenboten ein und druckt alle Datenbanken auf Berge von Umweltpapier. Aber verknüpfte Tabellen und Geschäftskennzahlen in Echtzeit sind dann passé. Es zeigt sich, dass der Geschwindigkeitsvorteil, den die elektronische Zahlenwut ausgelöst hat, sich nun in das Gegenteil verkehrt, denn überall schwappen kritische Firmendaten und strategische Positionspapiere unkontrolliert ins Internet. Da steht er nun, der Zauberlehrling, und wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr des Zauberlehrers. Aber wir sollten vorsichtig sein mit vermeintlich wissenschaftlich fundierten Versprechungen, die den Datensumpf trockenlegen, vor allem wenn die Forscher aus eindeutigen amerikanischen Quellen finanziert werden. Es war Dwight D. Eisenhower, vor seiner Zeit als amerikanischer Präsident Generalstabschef der Armee, der 1961 am eindringlichsten vor dem politischen Einfluss der Verflechtung aus Militär und Industrie warnte: „Nur wachsame und informierte Bürger können das angemessene Vernetzen der gigantischen industriellen und militärischen Verteidigungsmaschinerie mit unseren friedlichen Methoden und Zielen erzwingen, so dass Sicherheit und Freiheit zusammen wachsen und gedeihen können.“ Wenn wir heutzutage den Begriff „Militär“ mit „Sicherheitsbehörden“ übersetzen, dann wird aus der vermeintlichen Verschwörungstheorie ein Hinweis auf eine neue Art von globaler Außenpolitik. Denn Kriege zwischen zwei Staaten sind seltener geworden. Das liegt auch daran, dass sich diese Struktur immer mehr in Auflösung befindet. An ihre Stelle tritt die Wirtschaft. Die öffentliche Darstellung dieser neuen Außenpolitik hatte Bundespräsident Köhler sein Amt gekostet. Hätte er seine Einschätzung bei der Eröffnung des Nationalen Cyber-Abwehrzentrums erklärt, wäre er noch im Amt. Aber im neuen Krieg werden nicht die Schlachtfelder Entsetzen hervorrufen, sondern die Folgen der leisen digitalen Attacken: Märkte brechen zusammen. Philip Bobbitt, ein Schüler des amerikanischen Philosophen Richard Rorty und langjähriges Mitglied im National Security Council, schilderte 2002 in seinem Buch „Shield of Achilles“, was uns nun droht: Die Nationalstaaten zerfallen in „market states“. Der Marktstaat ist in letzter Konsequenz nur noch dafür verantwortlich, dass alle gesellschaftlich relevanten Themen ganz marktliberal verhandelt und realisiert werden. Alles wird zur Ware. Der postnationale Staat müsse sich dann nur noch um das Aufrechterhalten der Bedingungen für den freien Warenaustausch kümmern. Die begehrtesten Transaktionen finden in der Finanzwelt statt. Das internationale Finanzsystem ist beinahe zu einhundert Prozent auf ein funktionierendes Internet angewiesen. Der Fokus der Nationalstaaten setzte auf konservative Werte wie Bildung, Familienpolitik oder soziale Teilhabe. Die neue politische Orientierung am Marktgeschehen ruft weltweit die Anhänger der ehernen Werte auf den Plan. Die Arroganz der Märkte radikalisiert sie zunehmend. Und sie versuchen, den Markt da zu treffen, wo er am empfindlichsten ist: in der Welt der Finanzgeschäfte in Lichtgeschwindigkeit. JÖRG WITTKEWITZ

Elf Freundinnen sollt ihr sein: Schwestern-Speisezimmer an der Charité um 1910

Fotos Berliner Medizinhistorisches Museum / Thomas Bruns

Der Pflegenotstand hat eine Geschichte Aufopferung als Pflicht: Die Charité beleuchtet zweihundert Jahre Krankenpflege Zwei Frauen mit rot-weißen Plastikumhängen stehen auf dem Gelände der Charité unter einer blühenden Kastanie. Es ist ein durchwachsener Frühlingstag in Berlin. Der Wind zerrt an den dünnen Folien, die sich beide Frauen über ihre Jacken geworfen haben. „Verdi Streik“ steht darauf. Beide sehen ein bisschen ratlos aus, zwei Versprengte, die den Rest der Streikenden suchen. Mehrere hundert Pflegekräfte und technische Mitarbeiter der Charité haben an diesem Tag ihre Arbeit niedergelegt und demonstrieren für höhere Gehälter. Spricht man die beiden Frauen an, dann erzählen sie von zu dünn besetzten Spätdiensten in der Akutpsychiatrie und über ausufernde Dokumentationspflichten, die den Schwestern und Pflegern keine Zeit mehr für die Patienten lassen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite führt ein schmaler Weg zum Eingangsportal des Medizinhistorischen Museums der Charité. Im ersten Stock steht der Gesundheitsminister in einem Parcours aus Vitrinen, unter die man die Fahrgestelle von Krankenhausbetten montiert hat. Philipp Rösler hat hier gerade die Ausstellung „Who cares? Geschichte und Alltag der Krankenpflege“ eröffnet; jetzt hört er weiteren Reden zu – denen von Hedwig François-Kettner, der Pflegedirektorin der Charité, und von Thomas Schnalke, dem Museumsdirektor. Es geht um Grenzerfahrungen, Ohnmachtsgefühle, Scheu, Ekel, um die Begegnung mit dem Tod und fehlende Anerkennung, schließlich um Nachwuchsmangel und den demographischen Wandel. „Fünfzig Prozent der Mädchen, die jetzt geboren werden, werden hundert Jahre alt“, sagt Museumsleiter Schnalke. „In der Pflege wird es in Zukunft um das gehen, was man unter Multimorbidität versteht.“ Seine letzten Worte gehen unter im Sprechchor einer Demonstrantengruppe, der durch die Fenster schallt. Die Pflegekräfte der Charité ziehen mit VerdiFahnen und DBB-Fahnen zum Museumseingang und skandieren: „Rösler raus!“ Man ist versucht, den Streik für einen Teil der Ausstellung zu halten, so passgenau fügt er sich in ihren thematischen Schwerpunkt. Der Blick auf die deutsche Pflegegeschichte, den die Historikerin und ehemalige Krankenschwester Isabel Atzl für das Berliner Medizinhistorische Museum kuratiert hat, schweift zwar über Exponate aus zweihundert Jahren, verweilt aber in den zwei großen Ausstellungsräumen immer wieder bei der gegenwärtigen Situation. Die Frustration, die im Berufsstand herrscht und durch Streiks derzeit auch öffentlich spürbar wird, klingt deshalb nicht nur immer wieder an, sondern überschattet die historischen Informationen der Schau geradezu. Das ist nur folgerichtig: Die Weichenstellungen der Vergangenheit haben bis heute Konsequenzen. Als der Staat im achtzehnten Jahrhundert mit der Einrichtung erster Kranken-

anstalten Verantwortung für die Versorgung von Patienten übernahm und sie nicht mehr nur der häuslichen und familiären Pflege überließ, bildete sich ein eigenständiger Berufsstand der Pflegenden heraus, der aber lange ohne einheitliche Stimme blieb. Zwar gründeten sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts Krankenpflegeschulen, ein staatliches Examen ließ aber bis 1907 auf sich warten und war auch dann nicht gesetzlich bindend. In den Jahrzehnten vor seiner Einführung hatte sich das Pflegewesen außerdem aufgeteilt in einen weltlichen und einen konfessionellen Zweig. Daneben entstand die Kriegskrankenpflege durch die Schwesternschaften des Roten Kreuzes.

So war man 1950 geschürzt: Alltagstracht des Agnes-Karll-Verbands. Katholische Pflegeorden und evangelische Diakonissenhäuser etablierten im neunzehnten Jahrhundert ein System, dessen Grundzüge bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand hatten: klare Hierarchien, ein zölibatäres Leben der pflegenden Frauen in Mutterhäusern, christliche Berufsethik, tätige Nächstenliebe als Ideal und die Zurückstellung eigener Bedürfnisse. Damals bildeten sich auch das Verständnis des Berufes als medizinischer Assistenzberuf und die Zuträgerrolle gegenüber Ärzten heraus, eine Position, die von Pflegekräften heute vielfach für mangelnde Anerkennung, schlechte Arbeitsbedingungen und zu wenig Mitspracherecht verantwortlich gemacht wird. Verfestigt wurde die Rolle durch den rasanten Fortschritt der Medizin Ende

des neunzehnten Jahrhunderts. Später drängten die Nationalsozialisten die Bestrebungen der Pflegenden nach einer besseren hierarchischen Stellung zurück; ein selbstbewusster pflegerischer Berufsstand hätte der Absicht, die Pflegekräfte für die Verbrechen der Medizin einzusetzen, im Wege gestanden. Die Dokumentation umfangreicher Daten, die Pflegende heute für einen großen Teil ihrer Belastung verantwortlich machen, begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Krankenpflege zu einem bürgerlichen Beruf entwickelte. Schichtdienstmodelle ersetzten die stets verfügbaren Ordensschwestern, die unweit der Kranken gewohnt hatten. Um zu kommunizieren, begannen die Schwestern in der Nachkriegszeit, für die Ablösung Informationen aufzuschreiben. Heute dient die Dokumentation eher der rechtlichen Absicherung: Man will Klagen gegen Ärzte zuvorkommen. Die Geschichte der Pflege hat bis heute keine intensive wissenschaftliche Aufarbeitung in Deutschland erfahren. Aus dem verfügbaren Wissen hat man in Berlin eine Schau gemacht, die auf Sachlichkeit und Anschaulichkeit setzt. Und, mit einer gewissen Vorsicht, auch darauf, den Besucher ins Geschehen hineinzuholen – etwa mit Hilfe von Krankenzimmer-Nachbauten in Originalgröße und mit einer Demonstration gebräuchlicher Utensilien wie Gazetupfern, Magensonden oder Bettpfannen – Gegenstände, die dem Besucher bewusst machen, was alles zu den Aufgaben Pflegender gehört. Anschluss an die Realität des Pflegealltags will auch ein Separee bieten, in dem man via Kopfhörer Erzählungen von drei Krankenschwestern und einem Pfleger lauschen kann. Man habe sich auf wenige Minuten beschränkt und die Berichte mit Bedacht ausgewählt, sagt Kuratorin Isabel Atzl. Denn ausführlichere Schilderungen über Menschen, die nur noch von Maschinen am Leben gehalten werden, oder von Patienten, die man aus Platzmangel auf dem Flur waschen musste, könnten womöglich noch mehr junge Menschen von Pflegeberufen abschrecken, als ohnehin schon darauf verzichten. Nur noch sechshundert Bewerber gebe es für die fünfzig Ausbildungsplätze in der Charité, sagt Hedwig FrançoisKettner. Tendenz: sinkend. Vor wenigen Jahren noch waren es über tausend. François-Kettner plädiert wie viele Experten für eine Zusammenfassung von Altenpflege, Krankenpflege und Kinderkrankenpflege zu einer Ausbildung und fordert eine Akademisierung des Berufes. Derzeit bereite angesichts des Nachwuchsmangels besonders das Aussetzen der Wehrpflicht Sorgen, sagt die Pflegedirektorin der Charité. Bisher hätten viele ihre Begabung für den Beruf nämlich durch den Zivildienst entdeckt. CHRISTINA HUCKLENBROICH Who cares? Geschichte und Alltag der Krankenpflege. Im Berliner Medizinhistorischen Museum

der Charité bis zum 8. Januar 2012.

mit anderen Bühnen verschwand das Kasperle damals in seinem Theater allerdings mehr nach unten als zur Seite. Es kam und ging nicht durch die Tür, es ging überhaupt nicht, „Abgang Kasperle“ wäre eine sinnwidrige Regieanweisung gewesen. Nein, das Kasperle hatte, jetzt einmal performativ gesehen, keinen „Auftritt“, es war einfach wieder da. Im Grunde, das wussten wir damals schon, war es auch nie weg, sondern wie der Teufel, das Krokodil und die Großmutter, nur kurz abgetaucht. Das Wiederdaseinkönnen ohne Weggewesensein teilen sie – und der Polizist und der Seppel – mit den Figuren jenes anderen Kasperletheaters, das die Erwachsenen sich in jeder Saison gönnen: der Zeit-, der Trend-, der Trullaladiagnose. Das Bürgertum ist wieder da, heißt es dann in den Aufmacherspalten, und kurz darauf werden Interviews über „neue Bürgerlichkeit“ gegeben. Das gereimte Gedicht kommt zurück. Auch die Religion, die Gartenkunst, Karl Marx, der Schönheitsfleck, die Familie, die Vinylplatte, der Staat, der Spitzentanz, die Klassengesellschaft, die Manieren, der Zweitakter, das Politische, das Sparbuch. Alles nicht erfunden, alles gerade wiedergekehrt. Wie die Figuren im Kasperletheater, so haben auch die der Zeitdiagnose keine echten Auf- und Abtritte. Wovon gesagt wird, es sei wieder da, war nie weg. Wie jene Figuren verschwand es nur von der Bühne an einen Ort, an dem es wie jene Figuren keine Entwicklung durchmachen oder eventuell sogar verlorengehen könnte, sondern an dem es nur aufs Wiederdasein wartet. In der Behauptung, sie seien wieder da, liegt die eigentliche Mitteilungsabsicht, nicht etwa darin, dass man nun wüsste, was eine Klassengesellschaft ist oder ein wiedergekehrter Bürger oder ein Reim. Neulich lasen wir sogar die Überschrift „Comeback des Pudel“. Was jetzt nur noch fehlt, ist ein Essay über, tri, tra, trullala, die Wiederkehr des Comeback. kau

Modern und sicher Köln bekommt neues Stadtarchiv Mehr als zwei Jahre nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, bei dem am 3. März 2009 zahlreiche wertvolle, bis zu eintausend Jahre alte Dokumente verlorengegangen sind, steht der Siegerentwurf für den Neubau fest. Eine Jury aus Experten und Politikern entschied sich am Wochenende für den Entwurf des Architektenbüros Waechter + Waechter aus Darmstadt. Der Neubau soll bis zum Jahr 2015 verwirklicht werden, die Kosten sind auf sechsundachtzig Millionen Euro veranschlagt. An dem Wettbewerb hatten sich vierzig nationale und internationale Architektenteams beteiligt. Das neue Archiv solle das modernste und sicherste Europas werden, teilte die Stadt mir. Es wird nicht am alten Standort an der Severinstraße gebaut, sondern weniger zentral im Stadtteil Neustadt-Süd. Der Komplex wird auch eine Kunst- und Museumsbibliothek umfassen. Das alte Archiv war wegen Pannen beim U-Bahn-Bau eingestürzt. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Der Einsturz des Historischen Stadtarchivs hatte einen Gesamtschaden von insgesamt ungefähr einer halben Milliarde Euro verursacht. Neunzig Prozent der Archivalien konnten damals geborgen werden. F.A.Z.

Heute Grau ist sexy Der Journalist Sven Kuntze nimmt in einem sehr persönlichen, faktenreichen und gut erzählten Buch über den letzten Lebensabschnitt den Leser für das Alter ein. Seite 28

Er malt mit Licht Hält sein lange von der Öffentlichkeit vernachlässigtes Werk dem zeitgenössischen Blick stand? Drei Ausstellungen feiern dieser Tage den Künstler Heinz Mack. Seite 29

Giganten aus Stahl und Beton Die Städte Zürich und Bremen sind grundverschieden, doch teilten sie stets die Ablehnung von Hochhäusern. Inzwischen sind beide regelrechte Höheneuphoriker. Seite 30

Geburtstage der Woche Fünfmal hoch: Es feiern die Forscherin Julia Kristeva, der Astronaut Ulf Merbold, der Regisseur Stephen Frears, der Musiker Nils Lofgren und der Autor Erik Neutsch. Seite 32


SE IT E 28 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

Feuilleton

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Neue Sachbücher

Wozu soll das gut sein: Werken für Männer und therapeutisches Kochen? ven Kuntze hat, was das notwendige Umdenken im Alter angeht, den Bogen raus. Der frühere ARD-Korrespondent, seit vier Jahren im Ruhestand, ist ein Meister der narrativen Gesellschaftsanalyse, bei ihm gibt es keine Philosophie des Alterns ohne genaue Rückbindung ans soziologische Bedingungsgefüge. Das schützt sein Thema vor dem Abgleiten in Plattitüden, vulgo Altersweisheiten. Dass man Kuntzes Buch dennoch weise nennen möchte, hat damit zu tun, dass es nicht bedeutungsschwer daherkommt, wenn es die Ausweglosigkeiten der späten Jahre beim Namen nennt, wenn es über die Einsamkeit im Alter und seine Überwindung spricht, über die Enteignung der Gegenwart durch ständig neue Zukunftspläne im Zeichen der „jungen Alten“. Der Autor, kein Weltverbesserer, verwirft den Glaubenssatz der frühen Jahre „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Selbstverständlich habe Adorno hier geirrt, das gesamte Alter sei der oft heroisch gelebte Versuch, sich im Falschen einzurichten. Je früher man sich damit abfinde, desto eher bleibe man gegen gerontologische Erlösungsphantasien gefeit, von denen sich Kuntze gelegentlich bedrängt sieht: „Bekannte von mir haben angefragt, ob ich bereit sei, Tenorsaxofon zu erlernen. Sie haben vor, ein Quintett zu gründen, um alte Rocknummern nachzuspielen. Ich habe abgelehnt. Andere besuchen Sprachkurse, Töpferkurse, Kochkurse, Tanzkurse, Lebenssinnkurse, oder sie lernen Buschtrommeln an der Volkshochschule. Das reinige die Psyche, schärfe das Taktgefühl und halte jung, wurde mir versichert.“ Wenn Kuntze Mut macht fürs Alter, dann nicht im Stil eines Rezeptgebers, sondern eines Schlingels, der als Rentier eigentlich eine ruhige Kugel schieben wollte und dann doch lieber einer „neuen Verantwortungskultur“ das Wort redet als sich mit der Aussicht anzufreunden, im Gehställchen des Altersheims – Kuntzes Dingsymbol für eine verfehlte Gesundheitspolitik – aufs Ende zu warten. Natürlich sind der Körpergestaltung Grenzen gesteckt, der Lebenswandel der zurückliegenden Jahrzehnte fordert seinen Tribut: „Wenn ich auf mein Leben zurückblicke und auf die verrauchten frühen Morgenstunden vor leeren Flaschen, die einst typisch waren für den Journalismus, dann wird mein Alter nicht ohne Spätfolgen bleiben.“ Aber für den Aufbau der Muskulatur – use it or loose it – ist es nie zu spät. „Soll heißen: Um nachweisbare Veränderungen am Herz-Kreislauf-System und dem Bewegungsapparat des Körpers zu erzielen, muss mindestens dreimal wöchentlich mindestens dreißig Minuten lang trainiert werden. Gelegentliche Spaziergänge oder gemütliche Wassergymnastik im nahe gelegenen Hallenbad beruhigen zwar, bleiben jedoch ziemlich wirkungslos.“ Rundheraus gesagt: Kuntze ist ein Aktivist für die flächendeckende Einführung von Fitnessstudios in Altersheimen, sein Buch lässt sich insoweit auch als ein „Mens-sana-in-corpore-sano“-Manifest lesen – freilich nicht ohne die parodistische Absicht, die schon Juvenal hatte, als er diese zum geflügelten Wort gewordene Wendung im Blick auf die sportlichen Idole seiner Zeit benutzte. Kuntze hat preisgekrönte AltenheimReportagen gedreht, weiß also, wovon er spricht, wenn er beklagt, dass bei diesem Thema die Gesundheitsminister, mit denen er als Journalist zu tun hatte, auf Durchzug stellten. „Ich habe mit jedem mehrfach über das Problem der Gehställchen und die Kosten der Immobilität gesprochen und versucht, sie von der Notwendigkeit von Fitnessstudios in Altenheimen zu überzeugen. Vergeblich: Sie schauten mich jedes Mal mit jenem freundlichen, leeren, gleichwohl körper-

S

Die knappe Ressource Zeit, ein Leben lang unthematisch oder immer nur als Termindruck präsent, führt im Alter zu existentiellen Befürchtungen. Der Journalist Sven Kuntze hat einen Alarmplan für die späten Jahre erstellt.

vielen Jahren einträchtig in einem Coffeeshop auf der 6. Avenue/Ecke 14. Straße saß, erläuterte mir eher beiläufig, während wir die bunte New Yorker Menge vorbeiflanieren sahen, dass die Zeiten der ,Heten-Dominanz‘, wie er sie nannte, vorbei seien. ,Schau dir meine Leute an, hier laufen ja einige herum: perfekte Körper in Trägerhemdchen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg von Eisverkäufern in Brooklyn getragen wurden. Kurze Haare, Ohrringe, zerfranste Jeans und Menjoubärte. Alles schwule Erfindungen, die ihr Heten‘ – damit meinte er he-

frieden sein. Wir sehen uns alle in den Fitnessstudios wieder. Ihr werdet deshalb nicht schwul, aber euer Lebensstil wird es sein, wenn er es nicht schon ist.‘“ Die gesundheitspolitische Pointe dieser Anekdote ist die behauptete Alternativlosigkeit des sportiven Alterns. In Zeiten, da die Hälfte der Jahrgänge ab 2007 in Deutschland damit rechnen darf, hundert Jahre alt zu werden und die Anzahl der Hochbetagten um siebzig Prozent steigen wird – in solchen Zeiten ist die freie Wahl des Alterslebensstils für Kuntze faktisch nicht mehr gegeben: „Wir wer-

nen beginnt das Nachdenken über die Zeit häufig mit dem Renteneintritt. Anfänglich sind es kurze, flüchtige Eindrücke, oft verbunden mit leichter Furcht, die rasch wieder vergehen. Im Lauf der Jahre verdichten sich die Befürchtungen, bis sie fast ständig präsent sind. Gegen diese lästigen Gefährten durch die späten Jahre eines Lebens vermag auch die prächtigste Verdrängung nichts mehr auszurichten.“ Renn, Kuntze, renn! Und schwing die Hanteln! Denn Eitelkeit und die Reste der Libido sind das „letzte Kleid, das der Mensch auszieht“, wie der

Der tägliche Sport macht uns nicht jünger, aber billiger: In einer alternden Gesellschaft, in der die Kosten für ärztliche Versorgung, Rehabilitation und Betreuung aus dem Ruder laufen, geraten Sportmuffel unter Druck. Foto Corbis lich anwesenden Blick an, den Politiker für Journalisten übrig haben, die sie nicht verärgern wollen, deren Meinung sie aber für Unfug halten.“ Deshalb sucht man in Altenheimen noch immer vergeblich nach Krafträumen und Schwimmbecken, von vereinzelten Plansch-Oasen abgesehen. Stattdessen dominieren Angebote wie Hundebesuchsdienst, Werken für Männer, therapeutisches Kochen, Maltherapie, Aromapflege sowie das Café für Nachtschwärmer. Kuntze hält dagegen: „Der tägliche Sport macht uns nicht jünger, aber billiger. Die Pflegezeiten werden kürzer.“ Vom Fitnessstudio her rollt Kuntze auch das Thema Liebe im Alter neu auf. Schließlich versteht sich die erotische Ausstrahlung von eher molchhaften Phänotypen wie Strauss-Kahn nicht von selbst. Zum Einsatz kommt hier folgende Anekdote: Jede gesellschaftliche Entwicklung habe ihre Vorboten und Wegbereiter, erklärt Kuntze. „Ein schwuler Freund, Gene Trustman, mit dem ich vor

terosexuelle Zeitgenossen wie mich – ,Jahre später getreulich kopiert habt und mir jetzt aus der Hand reißt.‘ Gene besaß nicht weit entfernt an der Christopher Street ein Geschäft mit einem bunten Kleidungssortiment. ,Ohne Heten könnte ich den Laden schließen‘, gestand er ein und fuhr unerbittlich fort: ,Das Schlimmste aber steht euch noch bevor. Eure Frauen werden unsere Körper entdecken, die durchtrainierte Brust, den flachen Bauch, die schmalen Taillen und unsere muskulösen Ärsche. Sie werden sich eure Figuren anschauen und sehr unzuSven Kuntze: „Altern wie ein Gentleman“. Zwischen Müßiggang und Engagement. C. Bertelsmann Verlag, München 2011. 256 S., geb., 19,99 €.

den uns eindeutig und ohne nennenswerte Ausnahmen für eine der asketischsportlichen Varianten entscheiden müssen, denn der aktive Alte kommt die Gemeinschaft billiger als sein bequemer Altersgenosse. Die Gesellschaft hat meiner Generation gegenüber das Recht, auf einem gesunden, die eigenen Ressourcen vernünftig einsetzenden Lebensstil jedes Einzelnen zu bestehen. Anderenfalls werden die Kosten für ärztliche Versorgung, Rehabilitation, Pflege und Betreuung aus dem Ruder laufen und schließlich unbezahlbar sein.“ Die Konzentration aufs Krafttraining ist zugleich Kuntzes subversive Antwort auf unlösbare metaphysische Fragen, die im Alter drängender werden. Die Ressource Zeit, ein Leben lang unthematisch oder allenfalls als Termindruck präsent, tritt nun täglich als Kostbarkeit vor Augen. „Amerikanische Psychologen, die das Zeitgefühl meiner Altersgruppe untersucht haben, bestätigen meine Erfahrungen. Auch bei den Versuchsperso-

Autor mit Ernst Bloch anmerkt, um auf diese Weise der Vernunft mit den Mitteln der Unvernunft zu dienen. Natürlich habe sich keiner der älteren Menschen, mit denen Kuntze in seinem Fitnessstudio über die Beweggründe der schweißtreibenden Geschäftigkeit redete, Gedanken über das gemacht, was der Fragesteller die persönliche Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nennt. „Sie sprechen von Gesundheit, Beweglichkeit und Wohlbefinden und nebenbei und ein wenig verschämt von den Vorteilen, die ein gut erhaltener Körper bei nächtlichen Ausschweifungen haben würde, von denen sie alle noch träumen.“ Sie seien damit aber, ohne es zu ahnen, bereits Teil der neuen Verantwortungskultur. Kuntzes sehr persönliches, faktenreiches und gut erzähltes Buch über den letzten Lebensabschnitt vollbringt das Kunststück, den Leser für das Alter einzunehmen, ihn existentiell und nicht nur statistisch für den demographischen Wandel CHRISTIAN GEYER zu interessieren.

Das Mittelalter – packend gefälscht lanz und Elend der nichtwissenschaftlichen GeschichtsschreiG bung demonstriert exemplarisch die

Neuerscheinung von Dieter Breuers über Köln im Mittelalter („Colonia im Mittelalter“. Über das Leben in der Stadt. Lübbe Verlag, Köln 2011. 413 S., geb., 19,99 €). Breuers, der aus Düsseldorf stammt, aber in Köln als Journalist tätig gewesen ist, versucht erst gar nicht, die überwältigende Geschichte der rheinischen Metropole seit den Merowingern nachzuerzählen, sondern beschränkt sich auf die Spanne von 1146 bis 1288. Für diese Epoche, in der das Erzbistum als geistliches Fürstentum bis zur Maas und nach Westfalen expandierte, bevor die babylonische Hybris in einem jähen Sturz bestraft wurde, wollte aber der Autor das Mittelalter selbst lebendig werden lassen. In 23 Miniaturen stellt Breuers typische Personengruppen und alltägliche Verrichtungen vor. Bezeichnend für sein Werk ist, dass er dabei mit Außenseitern und Benachteiligten beginnt: den Juden, den Frauen, den Ketzern und den Sklaven, und auch später lieber von Sündern, Mördern und Verrätern, von Kindern, Handwerkern und Kloakenputzern spricht als von Königen und Gelehrten. In seiner Geschichte von unten haben die Akteure nur einen schmalen Handlungsraum. Köln selbst, diese größte und reichste, wohl auch schönste Stadt des deutschen Mittelalters, erscheint als Objekt des Wirkens anderer, obwohl doch seine Oberhirten in der Reichspolitik, seine Kaufleute im Englandhandel und – wenigstens seit dem dreizehnten Jahrhundert – seine Gelehrten Albert und Thomas in der Wissenschaft überragende Rollen spielten. Dem Autor Breuers kommt seine herausragende Erzählkunst entgegen; seiner Phantasie genügen belanglose Stichworte der Überlieferung für die Erfindung packender Dialoge und dramatischer Begegnungen, die ihm dazu dienen, seine glänzenden Kenntnisse der versunkenen Zeit leichter Hand zu vermitteln. Kann man also ein Werk tadeln, das tausende begeisterte Leserinnen finden und dem Mittelalter neue Freunde gewinnen wird? Man kann das nicht nur, weil jedes noch so gelungene Buch auch seine Grenzen hat, sondern muss es geradezu, weil die Defizite hier gravierend sind. Ein Grundwiderspruch des Buches ist, wie Breuers die Geschichte der kleinen Leute in die allgemeine Geschichte integriert. Er hat an keiner Stelle begründet, weshalb er den Ausschnitt der 150 Jahre für seine Darstellung gewählt hat, aber jede der 23 Episoden an historischen Daten bestimmter Jahre plaziert und alle in (annähernder) chronologischer Folge geordnet. Er macht sich also die wissenschaftlichen Konstruktionen der Geschichte zunutze, ohne rückzufragen, was seine Befunde denn für diese bedeuteten. Obwohl er scheinbar einen historischen Verlauf oder gar Wandel nacherzählt, stellt er doch Zustände dar, die anscheinend unveränderlich waren. Seine Helden der Alltagsgeschichte begreifen nicht, welchen Bedingungen ihr Leben unterworfen ist, aber Breuers klärt auch seine Leser darüber nicht auf; er rechnet mit deren Empathie für die Menschen des Mittelalters – und verfehlt die wichtigste Aufgabe der Historie: das andere Leben denken zu lernen. MICHAEL BORGOLTE

Literatur

Dem technischen Supergau folgt die Katastrophe in den Köpfen Unheilvolle Prophetie: Mit „Feuer“ hat der in Israel lebende Chaim Noll einen Roman geschrieben, der die Tragödie von Fukushima auf erschreckende Weise vorwegnimmt. ass sie sich zwar Gegenwartsliteratur nenne, tatsächlich aber gegenwärtigen Gehalt, geschweige denn eine Auseinandersetzung mit sozialen oder politischen Themen der Zeit scheue, wird allenthalben aufs Neue diagnostiziert. Zweifelsohne ist das ein Vorwurf, dem Chaim Noll sich nicht aussetzen muss. Im Gegenteil scheinen die Romane Nolls, der Anfang der achtziger Jahre die DDR verließ, seinen Vornamen von Hans in Chaim änderte und seit Mitte der neunziger Jahre in Israel lebt, sogar bisweilen auf unheimliche Weise die Gegenwart vorwegzunehmen. „Der goldene Löffel“, erstmals im Spätsommer 1989 erschienen und vor zwei Jahren wieder aufgelegt, prophezeit den baldigen Untergang des maroden Systems DDR. Nolls jüngster Roman „Feuer“ erzählt von einem technischen Kollaps, der eine ganze Stadt innerhalb kürzester Zeit vollkommen zerstört. Was genau sich ereig-

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net hat, bleibt im Unklaren, setzt sich aus den Beobachtungsbruchstücken der Figuren zusammen, mal ist von einem Störfall in einem Atomkraftwerk die Rede, mal von einer Explosion in einer Chemiefabrik. Das Szenario, das Noll entwirft und das mit Verkehrschaos und Stromausfall beginnt und sich zum Inferno ausweitet, changiert zwischen zivilem SuperGAU und biblischer Apokalypse. Feuer nennt es in Ermangelung anderer Informationen eine Gruppe von Menschen, die es geschafft hat, aus der Stadt in die umliegenden Wälder zu flüchten, und nun versucht, in ein von der Katastrophe verschontes Gebiet zu gelangen. Allen ist nur geblieben, was sie bei sich hatten, als das Leben kollabierte, mehr aufeinander geworfen sind sie als zusammengekommen. Zwangsläufig heterogen sind die Biographien, die Noll beinahe wie in einem Kammerspiel zusammenprallen lässt. Zu dieser kleinen geschlossenen Gesellschaft gehören unter anderem ein beständig dozierender Professor samt Gattin, eine wohlhabende jüdische Dame, ein Bischof und eine junge Kosmetikfachverkäuferin, die sich im Sekundentakt einem der Männer an den Hals schmeißt. Dazu kommen der smarte, aber skrupellose Collande, den auch nach ein paar Tagen im Wald noch ein Hauch von Ele-

ganz umweht, der sich aber zu seinen Verflechtungen in politischen Kreisen nur nebulös zu äußern gewillt ist, und der Abiturient Sebastian, der aus seiner rechten Gesinnung keinen Hehl macht und beständig einen vorzeitig gealterten Studenten malträtiert, der wegen seines konstanten Alkoholpegels nur „der Penner“ genannt wird. Nicht nur innerhalb der Gruppe haben sich die Abgründe vermeintlicher Zivilisiertheit schnell aufgetan. Innerhalb von Stunden ist das Leben einer mittelgroßen deutschen Stadt umgeschlagen in einen bürgerkriegsähnlichen Zustand in einem verwüsteten Niemandsland. Die Gruppe passiert ausgestorbene, verkohlte Dörfer, verwaiste Autos, Leichen am Straßenrand. Wenn sich doch einmal ein Auto nähert, verbirgt man sich im Unterholz, im Wissen darum, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um plündernde Banden handelt. Mit Anteilnahme oder Solidarität untereinander ist hier nicht zu rechnen. Das scheint so klar, dass noch nicht einmal darüber gesprochen werden muss. Das wahre menschliche und politische Ausmaß der Katastrophe aber wird erst deutlich, als die Gruppe nach Tagen oder Wochen – das Zeitgefühl ist allen verloren gegangen, seit die Akkus der Handys aufgebraucht sind – auf staatliche Hilfe in

einer Art Auffanglager trifft. Denn hier müssen sie erleben, dass die Regierung ganz offenbar alles daransetzt, die Ausmaße des Vorfalls zu vertuschen. Kein Fernsehsender, keine Zeitung berichtet von der Katastrophe, allenfalls von einer unbegründeten Hysterie ist die Rede, von haltlosen Gerüchten, die in der Bevölkerung kursieren. Während die Flüchtlinge äußerlich von ihren zerlumpten Sachen befreit und mit neuer Kleidung ausgestattet werden, werden sie in einen vermeintlichen Rehabilitationsapparat eingespannt, der schlussendlich auch sie selbst davon überzeugen soll, dass sie Opfer einer „epidemisch auftretenden psychischen Beeinträchtigung“ sind, die zur Folge hat, dass ihre Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit nur mehr noch sehr eingeschränkt funktioniert. In diesen Tagen kann man Nolls Roman über den Super-GAU der hochtechnisierten Informationsgesellschaft gar nicht anders als vor dem grauenhaften Hintergrund Fukushima lesen. Aber auch wenn Noll vordergründig so fatal nah dran ist am Zeitgeschehen, dann ist doch sowohl seine Medienkritik als auch seine Kritik der politischen und zwischenmenschlichen Verhältnisse mehr parabolisch als tatsächlich der Beobachtung der Gegenwart entnommen. Zu sehr erinnert sein düster ein-

dimensionales Bild eines Überwachungsstaates, in dem die Medien gleichgeschaltet sind und in dem individuelle Störfälle mit aller Selbstverständlichkeit ausgeschaltet werden, an Antiutopien im Stile Orwells oder Huxleys. Zu modellhaft und stereotyp ist auch das Figurenensemble, das Noll entwirft. Kaum überraschend, dass gerade die beiden Figuren, die am widerspenstigsten und am wenigstens konform auftreten, nicht nur Chaim Noll: „Feuer“. Roman.

Verbrecher Verlag, Berlin 2010. 377 S., geb., 24,– €.

ein Liebespaar werden, sondern am Ende auch diejenigen sind, die die oktroyierte Wiedereingliederung in das soziale System verweigern und damit fortan auf die Privilegien des Bürgerseins verzichten. Sie sind die einzigen, das erzählt das fast märchenhafte, wenngleich trotzdem resignierte Ende Chaim Nolls, denen in dieser Gesellschaft die Empa-

thie nicht abhandengekommen ist. „Keine Frage“, heißt es an einer Stelle, „die Katastrophe hat sich zuerst in den Köpfen abgespielt. Sie ist im Keim nichts anderes als der Verlust der Menschlichkeit.“ Das ist der moralische Kern dieses Buches, der sich zweifelsohne auf eine Gesellschaft applizieren lässt, in der Wohlstandsanspruch mit einer Fahrlässigkeit einhergeht, deren Folgen nicht mehr zu kontrollieren sind. Aber gleichsam ist es eben auch ein Kern – gerade durch seine religiöse Konnotation, die sich bei Noll immer wieder mit einem regelrecht appellativen Impuls verbindet – den man auf fast alle Zeiten anwenden kann. Dass Nolls Deutsch ein wenig altmodisch gefärbt ist, mag zum Eindruck des Unzeitgemäßen beitragen. Womöglich aber wird die Suche nach unmittelbarer Gegenwärtigkeit diesem Roman gar nicht gerecht. Womöglich ist es in Zeiten des medialen Overloads sogar zuträglicher, Literatur in gewisser Weise als etwas anderes, bisweilen Fremdes sich gegenübergesetzt zu sehen. Dann wiederum ließe sich die unwillkürliche Irritation über die ungebrochene und umfassende Moralität, die Chaim Nolls Roman grundiert, als eine wesentliche Signatur unseWIEBKE POROMBKA rer Zeit lesen.


FRAN KFU RT ER A L LG EM E I NE Z E I TUNG

Feuilleton

M O N TAG , 2 0 . JU N I 2 0 1 1 · NR . 14 1 · S E I T E 29

Ich bin ein Mann

Ideen fallen wie Licht vom Himmel

Genderfrage: Karin Henkels „Macbeth“ in München Beides sein und dennoch eines sein. In einem Körper. In einer Seele. An einem Abend. Mann und Frau, Kind und Greis, Freund und Feind, Held und Feigling; gewissenhaft und skrupellos, tot und lebendig, englisch und deutsch, Shakespeare und Henkel; Tragödie und Komödie, Realität und Traum, Spiel und Leben, Hamlet und Richard und am liebsten auch noch Julia dazu. Das ist das spannende Kunststück, das in dieser Inszenierung auf die Bühne findet – um bis zum Ende hin fast ausnahmslos sich zu verlieren. Im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele geht Karin Henkel Shakespeares „Macbeth“ auf den androgynen Grund. Vier ihrer Darsteller kleidet sie in Mehrfachrollen, Rock und Hose; die Fünfte, die als verweichlichter Macbeth das Weibliche und Männliche in sich vereinen soll, hat sie vom Hamburger Schauspielhaus geborgt: Jana Schulz ist Anfang dreißig und hat nicht nur zuletzt als Tellheim in Henkels „Minna“, sondern auch mit etlichen weiteren Männerrollen als eine Art burschikoser Countersoldat fasziniert. In München schafft sie es wieder: nicht etwa durch Männlich-, sondern durch Zerbrechlichkeit. „Ich BIN ein Mann!“, wird ihr Macbeth ein ums andere Mal recht zaghaft und mit junger, hoher Stimme seiner zweifelnden Lady entgegentrotzen. Anschließend wird er sich ausgerechnet die usurpierte Krone über die Augen rutschen lassen, um nicht als Königsmörder erkannt zu werden und sich ein bisschen Zivilurlaub von sich selbst, von Geistern und Gewissen, zu erlauben. Das ist einer der sehr wenigen, kurzen Momente, in denen dieser ernsthafte, intensive Shakespearesche Hamlet, der eigentlich Macbeth heißt, gern Richard III. wäre und doch in seinem gequälten Herzen eine Julia ist, in Henkels zuweilen sehr parodistische Inszenierung wirklich integriert ist. Die Bühne für diese Parodie ist bis auf Muriel Gerstners schwarzes FertighausGehäuse, das jemand in einem Anflug von besonders freier Übersetzungsmeierei „Schlafender Raum“ genannt und mit einem blutbefleckten Armekönigsbett bestückt hat, leer und weit und offen für jede Art der Selbst- oder auch Fremdinszenierung. Wer gerade nicht mit diversen Scheinwerfern, Stühlen, Pappen und Mikrophonen spielt, sitzt links und rechts und schaut: zeitweise ähnlich skeptisch wie der Zuschauer. Überwiegend jedoch wirken Macbeth und auch Katja Bürkles eigentümlich charaktergraue Lady Macbeth auf dieser Bühne wie Fremdkörper, schwarzweiße Originaldokumente, die Regisseurin und Dramaturg bei ihrer aufregend gestrafften, unmittelbaren, deutsch-englischen Neufassung und Inszenierung regelrecht vergessen zu haben scheinen. Mit blutigen Händen stempeln drei mondäne, chronisch unterforderte Hexen – Kate Strong, Katja Bürkle und Stefan Merki, ohnehin ein Verwandlungskünstler zwischen allen Chromosomen,– Macbeth von Anfang an zum ernsten, traurigen Täter ab. In High Heels und bunten Glitzer-Tutus machen

Der Künstler Heinz Mack wird in drei Ausstellungen gefeiert. Und das ist nur der Anfang. Doch hat sein Lebenswerk das Zeug zum Star? einz Mack glaubt an die Wahrheit seiner Bilder. Damit fällt er aus der Reihe der avantgardistischen Künstler der fünfziger und sechziger Jahre, die meist Skepsis walten ließen, Manipulationen aufdecken wollten. Mack wandte sich vom Mainstream ab, dem Informel und dem Tachismus, war mitgenommen von der Dunkelheit des Krieges und seinem Erbe. Er blieb seiner eigenen ästhetischen Wahrheit treu: Das Licht als abnehmende Dunkelheit, die Dunkelheit als abnehmendes Licht. Denn: Ohne Licht wären die Dinge nicht existent. Und so schlicht folgende Worte klingen, so wichtig sind sie: Die Schönheit des Lichts ist „ein reiner Empfindungswert“, schreibt Mack. Licht ist seine ästhetische Kategorie. Sie malt ihm seine Bilder. Farbe und Komposition ersetzt er durch das immaterielle Licht und die Bewegung. Drei Ausstellungen gehen nun dieser romantischen Idee von Kunst auf den Grund, das so lange belächelt wurde. In Bonn die Bundeskunsthalle mit einer Retrospektive, in Düsseldorf das Museum Kunstpalast mit Zeichnungen, und in Mönchengladbach zeigt das Museum Abteiberg sein frühes kinetisches Werk. Und ein fünfhundert Seiten starker Band erzählt sein Leben und Werk. Über Mack und seine Gruppe Zero, über seine Künstlerkollegen Otto Piene und Günther Uecker, wurde schon zu seinem achtzigsten Geburtstag im März viel geschrieben (F.A.Z. vom 7. März). Das wunderbare Manifest von Mack und Piene wurde vielfach zitiert: „Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich. Zero ist der Mond. Die Sonne ist Zero. Zero ist weiss. Die Wüste Zero. . . .“ Das kleine nationale Comeback ist also endgültig gelungen – nachdem sie lange Zeit eher belächelt wurden. Doch all dies ist tatsächlich nur die Generalprobe für den großen Zero-Auftritt im Jahr 2013 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, der anschließend im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen sein wird. Diese Kunstwelt sei eine Welt der Einzelgänger; ihr Terrain ist mit einer Wüste vergleichbar, ohne Wegweiser, ohne Rückzugswege, schreibt Mack im neuen Band. Jetzt ist der ganze Mack, sein Lebenswerk auf dem Weg in diese vielbevölkerte Wüste. Ein Rückzug ist ausgeschlossen. Die Urteile werden gefällt. Hält sein Gesamtwerk dem zeitgenössischen Blick stand, jetzt da die Revolution Geschichte ist? Die Museen stecken in einem Dilemma, denn wie so oft ist die Pionierleistung der fünfziger und sechziger Jahre bedeutend, das Spätwerk des einzelnen Zero-Künstlers aber nur schwer zu ver-

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Einen zerbrechlicheren Macbeth sah man selten: Jana Schulz in passender Hosenrolle sie sich einen schwarzen Jux daraus, das schottische Königshaus durch ihre Weissagungen in Selbstentfremdung und Selbstzerstörung zu jagen. Macbeths Freund und Kriegsgefährte hingegen nimmt sich seinen Spielraum einfach: Wesentlich gelöster und trotz aller Körpermasse auch viel leichtfüßiger sieht Benny Claessens’ Banquo dem Geweissagten entgegen – und bleibt auch über seinen gewaltsamen Tod hinaus dem Freund und Mörder Macbeth treu. Warum, erfährt man nicht.

Einen Eindruck davon, wie der Regisseurin, die mit ihrer Kölner Zirkus-Groteske von Tschechows „Kirschgarten“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen war, ihr Abend der vereinigten Gegensätze idealerweise hätte gelingen können, vermittelt Kate Strong – ganz gleich, wen sie gerade spielt. Ob sie den Live-Ticker zum (akustischen) Mord an Banquo gibt oder dem frisch gewaschenen und noch immer benommenen Mörder Macbeth minutenlang eine groteske deutsch-englische Stegreifrede über die

Foto Rabanus

verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Albtraum hält, die gebürtige Londonerin bietet in jedem Atemzug dieses Abends einen großartigen Shakespeare-Kommentar. Weil sie gleichzeitig so sanft, rauh, strahlend zähnefletschend alles sein kann, alles ist und dennoch eines zeigt, um das es in diesem Drama wirklich geht: Macht. Und noch einer weiß, wie man Gegensätzliches vereint: das Publikum. Am Ende Bravos und Buhs, in einem ApTERESA GRENZMANN plaus.

mitteln. Wie gehen wir mit den Avantgardekünstlern um, die gefangen sind in ihrer früh ausgebildeten Struktur? Es gibt unzählige von ihnen. Dieses Festsitzen ist auch bei Mack offensichtlich: In Bonn haben die Kuratoren zum Beispiel eine formal charakteristische, hohe spiegelnde und spiralförmige Skulptur an den Eingang gestellt und dramatisch ausgeleuchtet. Sie erinnert an die Spitze des Commerzbank-Towers in Frankfurt. Mack hat sie 2010 geschaffen: Sie wirkt wie ein später Guss von Wilhelm Lehmbruck; etwas, das aussieht, als sollten wir es mit einem nostalgischen Blick ansehen, aber die Gebrauchsspuren fehlen. Die utopische Geste ist abgenutzt. Bonn bewirbt die Skulptur als „in gleißendes Licht gehüllte, sich scheinbar in den Himmel schraubende Skulptur“. Sie erzeugt aber nur den vielfach kritisierten Déjà-vu-Effekt. Und wie sieht es mit dem Frühwerk aus? Vertraut und fremd zugleich wirken seine fesselnden Licht- und Sandreliefs, seine blinkenden und glitzernden Rotoren und Lichtspiele, seine etwas spröden Holzstelen und die wundersamen Relikte seiner Land-Art-Projekte im Museum. Besucher und Objekt haben klare, klassische Rollen, sind fein getrennt, werden fast voneinander abgeschirmt. Das Fangnetz wirft das Licht aus: Man berührt den Lichtschalter und wird eingewoben in einen Rhythmus aus klitzekleinen Glühbirnen, die an und aus gehen, Wellenbewegungen erzeugen. Oder in eine Lichtleiter, die im wechselnden Licht der Stufen Richtung Himmel führt – hier aber an der Raumdecke endet. Die Arbeiten fügen sich willig in die Räume, egal ob in Bonn, Düsseldorf oder Mönchengladbach, doch kann sich der Besucher den Freiheitswillen hinzusehen: Er ist in Bonn zum Beispiel im Film „Tele-Mack“ von 1968 zu erleben. Die gewisse ästhetische Konformität der Objekte im Museum ist also kein Scheitern der Kuratoren, sondern eine allgemeine Tragik der Musealisierung einer Kunst, die die wirkliche Wüste gesehen hat. Sie rief Mack 1962. Er betrat sie auf der Suche nach Unberührtheit, denn nach dem Zweiten Weltkrieg sei alles vollgestellt gewesen, alles „kontaminiert“. In der Wüste leitet Mack das Licht wie ein Maler seine Farbe. Macks innige Verbindung von Licht und Linie gilt es zu ehren. Und sie tritt besonders unmittelbar in seinen Zeichnungen in Düsseldorf vor Augen. In diesem unendlichen Farb- und Lichthimmel von Heinz Mack sitzen Kunst, Philosophie und Wissenschaft einträchtig beieinander. Wenn seine Glühbirnen Licht-Mosaike schaffen, staunen wir zwar angesichts nostalgischer Erinnerungen. Wenn Mack aber zeigt, wie er in den sechziger Jahren auf seine großen Zeichenblätter gleißendes Licht zaubert, erschaudern wir und erkennen den Alchemisten, der aus der Wüste kam. SWANTJE KARICH Kinetik. Museum Abteiberg in Mönchenglad-

bach, bis zum 25. September. Der Katalog ist noch nicht erschienen. Die Sprache meiner Hand. Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 10. Juli. Anschließend im Kulturspeicher Würzburg, vom 6. August bis 9. Oktober. Der Katalog kostet im Museum 37,50 Euro. Licht-Raum-Farbe. Bundeskunsthalle Bonn, bis zum 10. Juli. Der Katalog kostet 29,80 Euro.

Halali der Neuen Welt In Hochhausschluchten ertrunken: Leoš Janáčeks „Kátja Kabanová“ an der Wiener Staatsoper WIEN, 19. Juni „Kátja Kabanová“ ist eine Oper so hart, knapp und ausweglos, als wäre sie mit der Axt komponiert. Leoš Janáček hat für seine gemütvolle Heldin eine gesellschaftliche Zwangsjacke aus Dummheit, Lieblosigkeit, Geiz und Gewalt geschneidert, aus der nicht einmal mit den Mitteln des Gesangs ein Entkommen ist. Die Geschichte dieser Madame Bovary von der Wolga transportiert André Engel an der Wiener Staatsoper stimmig ins slawische Auswanderermilieu nach New York, wo in Ziegelhinterhöfen und muffigen Mietskasernen unter der Ikone dieselbe bigotte Enge weiterlebt wie in den Weiten Russlands. Das Drama des nicht gelebten Lebens und der nur für Sekunden gekosteten Liebe, so die Botschaft, ist leider universell. Wenn die unglücklich verheiratete Kátja ihre Sehnsucht nach Licht und Gefühl besingt, dann bleibt ihr in dieser Szenerie nur der Schritt auf die Fensterbank – der Flug in die Natur als schneller Sturz auf Asphalt. Ihre Romanze mit dem jungen Tunichtgut Boris (großartig und jederzeit textverständlich: Klaus Florian Vogt) prallt beinahe von den rußigen Hinterhöfen und Feuerschutztüren ab, bis sich das Paar dann auf einem Hochhausdach denkbar unbehaust hinter Abluftschächten vereinen darf.

Globe-Theater Shakespeare-Festival in Neuss Hamlet kommt aus Zimbabwe und Südkorea, aus London und Bremen und Macbeth aus Stockholm. Auch in seinem einundzwanzigsten Jahr stellt das ShakespeareFestival in Neuss, das bis zum 16. Juli im Globe, einer verkleinerten Rekonstruktion des Londoner Originals, veranstaltet wird, den Elisabethaner als „global player“ vor. Eröffnet wurde es am Wochenende mit

Trotz Beben: Da liegt Janice Watson als Kátja Kabanová zu Füßen von Deborah Polaski schon am Boden. Foto Michael Pöhn Die szenische Abwesenheit jeder Natur verdichtet diese neuweltliche Milieustudie nach der Dramenvorlage von Alexander Ostrowski weiter aufs Wesentliche, nämlich auf die Atemnot der Seele

„Comédie des Erreurs“ vom Théâtre VidyLausanne. Die Globe Touring Company aus London reist an mit „As You Like It“, die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ mit „Troilus und Cressida“; das Rheinische Landestheater Neuss führt „Viel Lärm um nichts“ auf. Sebastian Koch spürt unter dem Titel „Shakespeare – ein deutscher Dichter“ der größten literarischen Aneignung der Nation nach, und Kultstatus genießt Patrick Spottiswoode, der in Neuss seine Vorlesung „Shakespeare an the Globe“ spielt. aro.

inmitten verkehrter Verhältnisse. Straßenschluchten sind eben noch tiefer und zugiger als das Bett der verzeihend dahinfließenden Wolga. Allerdings überträgt sich das Muster von Elia Kazans amerikanischen Proleten- und Auswandererhistorien auch auf die Musik, die Franz Welser-Möst adäquat zum Drama unerbittlich und exakt evoziert. Das Staatsopernorchester verzichtet dadurch auf viel Schmelz in den eh schon kargen Lyrikpassagen, lässt spätestromantische Sehnsuchtsmotive im recht gut bewältigten tschechischen Parlando des Ensembles kaum aufscheinen, bis diese fast schon altgriechisch konsequente „Kátja“ auch dem Publikum den Atem abzuschnüren droht. Dabei hatte Janáček als er das Werk in der Aufbruchstimmung der unabhängigen Tschechoslowakei der zwanziger Jahre und verliebt in eine sehr viel jüngere Frau komponierte, immer auch die Hintertür des Glücks in Sicht- und Hörweite. In den Briefen dieser Zeit schildert er nicht nur hormonelle Höhenflüge, sondern auch sein Eintauchen in die Waldstimmung, in den Vogelgesang und das Wasserrauschen seiner mährischen Heimat. Mit diesen der schlechten Menschenwelt konsequent unterlegten Naturstimmen in der Partitur gelingt wenigs-

tens dem anderen Paar die Flucht in eine hoffnungsvollere, mildere Gegenwelt. Stephanie Houtzeels schlanke und reine Varvara vermag mit Norbert Ernsts lakonisch-unbeeindrucktem Kudrjaš tatsächlich so etwas wie Hoffnung herbeizusingen. Deborah Polaski passt als böse Schwiegermutter Kabanicha darstellerisch bestens in die Importfirma Kabanov & Co., als deren verhärmte Patronin sie den nicht minder biestigen Geschäftsfreund Dikoj zur trist-erotischen Flagellantensitzung ins Kontor lädt. Leider ist die Stimme der großen Wagnersopranistin inzwischen etwas eindimensional geworden; auch hier beherrschen also die tristen Farben die Musik. Janice Watson, als Kátja dieser Produktion zweite Wahl, kann ihrer allzu einförmig gestalteten Partie gleichfalls nicht genug animalisches Beben und Flüstern entgegensetzen. So endet ihr unsinnlicher Liebesflug in Ermangelung von Mütterchen Wolga im dreckigen Hudson River. Der Wasserleiche nimmt die böse Hexe von Schwiegermutter noch den protzigen Ehering ab, steckt ihn sich im Triumph selber an und wendet ihr Opfer höhnisch mit dem Fuß wie ein erlegtes Wild. Ein nicht einmal unpassendes, aber allzu tristes HaDIRK SCHÜMER lali.

Jugendtheaterpreis

Württemberg. Mit dem Preis werden alle zwei Jahre neue Stücke für das professionelle Jugendtheater prämiert. Die Stücke dürfen nicht älter als zwei Jahre sein und müssen bis zum Tag der Einsendung zur Ur- oder deutschsprachigen Erstaufführung frei sein. Zudem wird mit einem Projekt-Stipendium die künftige Zusammenarbeit eines Autors mit einem Theater aus Baden-Württemberg gefördert. Einsendeschluss für das Stipendium ist der 31. Dezember 2011. Verliehen wird der Preis im Juni 2012. F.A.Z.

Baden-Württemberg geizt nicht Die Arbeitsgemeinschaft der Kinderund Jugendtheater Baden-Württemberg hat den Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg 2012 ausgeschrieben (Internet: www.jugendtheaterpreis-bw.de). Einsendeschluss ist der 30. September 2011. Die Preissumme von insgesamt fünfzehntausend Euro stiftet das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-

Heinz Macks Lichtstele in der arabischen Wüste, 1997

Wegbegleiter Zum Tode des Sinologen Herbert Franke Man kann nur darüber spekulieren, wie der am 10. Juni im Alter von sechsundneunzig Jahren verstorbene Herbert Franke am 15. Juni 2011 die Feier zum zehnjährigen Bestehen der Shanghai Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Astana, Kasachstan, kommentiert hätte. Denn der promovierte Kölner Jurist, Diplomat und langjährige Ordinarius auf dem Münchner Lehrstuhl für Ostasiatische Kultur- und Sprachwissenschaft war nicht nur bewandert in der Literatur und Kultur Chinas, sondern er hatte sich früh schon ebenso intensiv mit dem Mongolischen Weltreich und den Beziehungen zwischen China und Zentralasien beschäftigt und scheute sich bis ins hohe Alter nicht, seine Weltsicht zu formulieren.

Foto Mack, VG Bild-Kunst, Bonn 2011

Dieser nach Kölner Art weltzugewandte und zugleich von preußischem Beamtenethos durchdrungene Historiker und Wissenschaftsorganisator hat die deutsche China- und ZentralasienForschung geprägt. Dass ihm zu seinem neunzigsten Geburtstag die Society for Asian Legal History eine Festschrift zur Rechtsgeschichte Zentralasiens widmete, zeigt den kulturgeschichtlichen Weitblick dieses Ausnahmegelehrten, dessen Beiträge heute junge Historiker in China wieder entdecken. Die Wissenschaft lag ihm am Herzen, aber seine Kreativität lebte er auch gern am Konzertflügel aus. Allerdings publizierte er erst nach seiner Emeritierung jenes unter dem Pseudonym Herbert Spielmann im Jahr 1949 verfasste „Brevier für Klavierspieler“. Was für ein Glück war dieser genial begabte Mann nicht nur für die Wissenschaft, sondern für die deutsche Kultur überhaupt! Wegbegleiter, Schüler und die Ostasien-Wissenschaften werden sich lange seiner dankbar erinnern. HELWIG SCHMIDT-GLINTZER


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Feuilleton

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

KLARER DENKEN

Das saubere Internet

Warum die Intuition verführerischer ist als rationales Denken

Irans Regime will das Land offline stellen Die iranische Regierung macht Ernst damit, ein „sauberes“ Internet zu errichten. Dafür will die unlängst gegründete, den Basidsch-Verbänden unterstellte „Organisation für Information und Technologie“ ihrem Chef Said FarjianZadeh zufolge achttausend Ingenieure einsetzen. Sie sollen das Vorhaben zusammen mit dem staatlichen Telekommunikationsministerium umsetzen. Die Basidsch, vom jetzigen Regime zu einer schätzungsweise vier Millionen Mitglieder umfassenden ideologischen wie paramilitärischen Stoßtruppe ausgebaut, wollen damit nicht zuletzt ihre gefestigte Stellung auch innerhalb des Ingenieurwesens demonstrieren. Neben Studenten, Universitätsdozenten, Ärzten und Anwälten ist dies eine der Gesellschaftsgruppen, die die Herrscherclique um Mahmud Ahmadineschad – der Präsident ist selbst Bauingenieur – an sich binden will. Der Plan des Telekommunikationsministeriums sieht eine schrittweise „Säuberung“ des iranischen Netzes von „gefährlichen“ Elementen vor. Begründet wird dies mit den neuen Gefahren, die dem Land aus dem Internet drohten. Verwiesen wird in Teheran zwar auf den Angriff des Computerwurms Stuxnet. Allerdings nur, um die von ihm verursachten Schäden herunterzuspielen und den Fall propagandistisch auszuschlachten. Das geschieht nicht ganz widerspruchsfrei: Die gescheiterte „amerikanisch-zionistische“ Stuxnet-Attacke sei ein Segen gewesen, weil sie neue Gefahren offenbart habe. Mit dem „Halal-Netzwerk“, bei dessen Schaffung die Initiatoren gern argumentieren, es gelte islamische Moral und Sitten zu wahren, soll offenbar den Oppositionellen der Zugang zum Internet unmöglich gemacht werden. Aufnahmen protestierender demokratischer Aktivisten, wie sie im Netz kursieren, könnten bald der Vergangenheit angehören, zumal der Plan in seiner ersten Phase die Trennung zwischen „sauberem“ und „nichtsauberem“ Internet vorsieht. Es soll ein landesweites, nach außen abgeschottetes Netzwerk eingerichtet werden, Zugangsmöglichkeiten zum Internet soll es künftig nur für staatliche Behörden, Banken und ausgewählte Firmen geben. Das Konzept des „Halal-Netzwerks“ will das Regime schließlich in die islamische Welt exportieren, etwa nach Malaysia. Die Ankündigung der amerikanischen Regierung, demokratischen Kräften in der Region Schattennetzwerke für Internet und Mobiltelefonie zur Verfügung zu stellen, kommt dem Regime in Teheran gerade recht. Der Sprecher des Außenministeriums, Ramin Mehmanparast, wertet sie als Beginn eines „Cyber-Kriegs“. Selbstbewusst verkündete er, man verfüge über bestes Knowhow im IT-Bereich und werde diesen Krieg mühelos gewinnen. JOSEPH CROITORU

Tage der Zurückhaltung Vargas Llosa bereist China PEKING, 19. Juni Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat in einer Rede vor der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften den „Geist der Kritik“ als vornehmste Aufgabe der Literatur beschworen. „Worte sind Taten“, sagte er in Peking unter Berufung auf Sartre, den er einen prägenden Einfluss auf sein Schreiben nannte. Die Literatur sei in der Gesellschaft ein Element des Nonkonformismus, weshalb alle autoritären Regime sie zu kontrollieren suchten. Ausführlich sprach Vargas Llosa über die Repression und Zensur während der Militärdiktatur, die in Peru während seiner Studienzeit herrschte und die das Thema seines Romans „Gespräch in der Kathedrale“ war; auf die Verhältnisse in China ging er wie auch schon an der International Studies University in Schanghai nicht direkt ein. Die neuntägige Reise, die Vargas Llosa auf Einladung des Instituto Cervantes, der Akademie und anderer chinesischer Institutionen durch die Volksrepublik unternimmt, steht unter genauer Beobachtung – nicht nur der staatlichen Medien, die den Besuch feiern, sondern auch des chinesischen Exils, aus dem heraus etwa der Lyriker Bei Ling den Autor in einem offenen Brief aufforderte, auch den Funktionären gegenüber „die Wahrheit und die Einsichten“ auszusprechen, die er in seiner diktaturkritischen Nobelpreisrede formuliert habe. Den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo hatte Vargas Llosa dort als einen „jener tapferen Menschen“ gewürdigt, die, „indem sie für ihre Freiheit kämpfen, auch für die unsere eintreten“. Während der Zeremonie in Peking wurde Vargas Llosa zum Ehrenmitglied der Akademie ernannt. Die feiertäglich gestimmten Studenten und Dozenten in der übervollen Aula nahmen nicht auf seine politischen Kommentare Bezug, sondern fragten ihn nach seinen Kindheitslektüren, nach der Liebe und danach, weshalb er den Nobelpreis MARK SIEMONS bekommen habe.

Von Rolf Dobelli

laus ist 35. Er hat Philosophie studiert und sich seit dem GymnasiK um mit Drittwelt-Themen auseinander-

gesetzt. Nach dem Studium arbeitete er zwei Jahre lang beim Roten Kreuz in Westafrika und dann drei Jahre im Genfer Hauptsitz, wo er zum Abteilungsleiter aufstieg. Anschließend machte er den MBA und schrieb seine Diplomarbeit über „Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung“. Frage: Was ist wahrscheinlicher? A) „Klaus arbeitet für eine Großbank.“ B) „Klaus arbeitet für eine Großbank und ist dort zuständig für die bankeigene Drittwelt-Stiftung.“ A oder B? Wenn Sie so ticken wie die meisten Menschen, werden Sie auf B tippen. Leider die falsche Antwort, denn Antwort B beinhaltet nicht nur, dass Klaus bei einer Großbank arbeitet, sondern dass eine zusätzliche Bedingung erfüllt ist. Nun ist aber die Anzahl Menschen, die Banker sind und für eine bankeigene DrittweltStiftung arbeiten, eine winzige Teilmenge jener Menschen, die bei einer Bank arbeiten. Darum ist Antwort A viel wahrscheinlicher. Dass Ihnen vielleicht trotzdem B wahrscheinlicher schien, liegt an der Conjunction Fallacy. Dieser Denkfehler, für dessen Bezeichnung es bislang kein deutsches Pendant gibt, wurde von dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman und seinem Kollegen Amos Tversky erforscht. Warum fallen wir auf die Conjunction Fallacy herein? Weil wir ein intuitives Verständnis für „stimmige“ oder „plausible“ Geschichten haben. Je überzeugender, eindrücklicher, plastischer uns der Entwicklungshelfer Klaus geschildert wird, desto größer die Gefahr des Denkfehlers. Wenn ich Sie so gefragt hätte: „Klaus ist 35. Was ist wahrscheinlicher? A) Klaus arbeitet für eine Bank? B) Klaus arbeitet für eine Bank in Frankfurt auf der 24. Etage im Büro Nr. 57“, dann wären Sie nicht hereingefallen.

Hier ein weiteres Beispiel: Was ist wahrscheinlicher? A) „Der Flughafen Frankfurt ist geschlossen. Die Flüge wurden annulliert.“ B) „Der Flughafen Frankfurt wurde wegen schlechten Wetters geschlossen. Die Flüge wurden annulliert.“ A oder B? Diesmal liegen Sie bestimmt richtig: A ist wahrscheinlicher, denn B beinhaltet, dass eine zusätzliche Bedingung erfüllt ist, nämlich schlechtes Wetter. Es könnte ja auch sein, dass der Flughafen wegen Bombendrohung, Unfall oder Streik geschlossen wurde. Nur kommen uns diese Dinge angesichts einer „plausiblen“ Geschichte nicht in den Sinn, zumindest, wenn wir nicht – wie Sie jetzt – dafür sensibilisiert sind. Machen Sie diesen Test mit Ihren Freunden. Sie werden sehen, die meisten tippen auf B. Selbst Experten sind vor der Conjunction Fallacy nicht gefeit. An einem internationalen Kongress für Zukunftsforschung im Jahr 1982 wurden die Fachleute – allesamt Akademiker – in zwei Gruppen aufgeteilt. Der Gruppe A tischte Daniel Kahneman folgendes Szenario für das Jahr 1983 auf: „Der Ölverbrauch sinkt um dreißig Prozent.“ Der Gruppe B legte er dieses Szenario vor: „Der dramatische Anstieg des Ölpreises führt zu einer Reduktion des Ölverbrauchs um dreißig Prozent.“ Die Teilnehmer hatten anzugeben, wie wahrscheinlich sie „ihr“ Szenario einschätzten. Das Ergebnis war eindeutig: Gruppe B glaubte viel stärker an die ihr vorgelegte Prognose als Gruppe A. Kahneman geht davon aus, dass es zwei Arten des Denkens gibt: zum einen das intuitive, automatische, unmittelbare Denken. Zum anderen das bewusste, rationale, langsame, mühsame, logische Denken. Leider zieht das intuitive Denken Schlüsse, lange bevor das bewusste Denken in Fahrt kommt. So ging es mir zum Beispiel nach dem Attentat auf das World Trade Center vom 11. September 2001, als ich eine Reiseversicherung abschließen wollte. Eine clevere Firma machte sich die Conjunction Fallacy zunutze und bot eine spezielle „Terrorismus-Versicherung“ an. Obwohl die anderen Versicherungen damals gegen alle möglichen Gründe von Reiseausfällen schützten (Terrorismus inbegriffen), fiel ich auf das Angebot herein. Der Gipfel meiner Idiotie war, dass ich sogar bereit war, mehr für die spezialisierte Versicherung zu bezahlen als für eine ganz normale Reiseversicherung. Fazit: Vergessen Sie das Modethema „linke und rechte Gehirnhälfte“. Viel wichtiger ist der Unterschied zwischen dem intuitiven und dem bewussten Denken. Das intuitive Denken hat ein Faible für „plausible Geschichten“. Bei wichtigen Entscheidungen tun Sie gut daran, ihnen nicht zu folgen.

Fels seiner Brandung Der Springsteen-Saxophonist Clarence Clemons ist tot Geschmeidiges Gelenk zwischen Innen- und Vorstadt: Der Züricher Primetower von Annette Gigon und Mike Guyer

Foto Ralph Bensberg

Jedem seinen Turm Man will wieder in den Himmel: Auch Zürich und Bremen haben die Lust an der Höhe entdeckt – doch das Greifen nach den Sternen gelingt nicht immer. ZÜRICH, im Juni ie beiden Städte Zürich und Bremen sind grundverschieden. Doch gemeinsam war ihnen lange Zeit ihre ablehnende Haltung gegenüber Hochhausbauten. Hier wie da wurde befürchtet, dass dadurch die geschlossenen Altstädte an Wirkung verlieren könnten und deren urbane Qualitäten gemindert würden. All das änderte sich Ende der neunziger Jahre. Plötzlich gab es, zumindest außerhalb der Altstadtgrenzen, kaum Einschränkungen für eine neue Höhenlust; viele Projekte wurden skizziert und diskutiert, manche verworfen, einige befinden sich noch in der Planung. Damit sind Zürch und Bremen, spät, aber doch, nun Teilnehmer einer Hochhauseuphorie, die etwa alle drei Jahrzehnte die europäischen Städte erfasst. Und das, obwohl in vielen Städten, vor allem in kleineren, Hochhausexperimente oft genug gescheitert sind: Die Bauten der siebziger Jahre, der vorangegangenen Hochhaushochphase, stehen oft ganz oder teilweise leer, gelten häufig als aussichtslose Sanierungsfälle. So wäre beispielsweise Hannover erleichtert, gäbe es dort das Betonmonster „Ihmecenter“ nicht. Und Lörrach könnte gut und gern auch ohne seinen klobigen Rathausturm leben. Ähnliche Fehlgriffe gibt es landauf landab – in ihrer Erbauungszeit nannte man sie städtebauliche Dominanten, heute allerdings gelten sie eher als Altlasten. Unbeschadet all dieser schlechten Erfahrungen grassiert derzeit wieder die Lust am Hochhaus, und das vom gestern noch traditionell hochhausfeindlichen München bis nach Bremen. Dort wandte

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man sich, Bewährtes suchend, an Helmut Jahn, den einstigen Mies-van-der-RoheSchüler, berühmt für seine gläsernen Solitäre in Berlin, Bonn, München, Singen und Düsseldorf. In Bremen wurde Ende des Jahres 2010 sein „Wesertower“ fertiggestellt, mit nur 82 Metern Höhe das höchste Gebäude der Stadt, (wenn man von zwei Türmen in Bremerhaven absieht). Gestalterisch ist Bremens Turm unverkennbar Jahn – gläsern, glatt, elegant. Doch er gehört zu den weniger spektakulären des Architekten, ist, salopp formuliert, eine einfache Büro-Schachtel ohne elegante Rundungen oder Brücken wie in Bonn oder München. Akzente setzen nur schräge Schürzen an die Seiten des Turms; immerhin brechen sie die monotone Ordnung auf und wurden mit LEDLampen ausgestattet, deren strömendes Leuchten in der nächtlichen Dunkelheit die vorbeiströmende Weser simulieren; bewegt der Wind die Wasseroberfläche, dann wird auch die Beleuchtung des Turms dynamischer. Die Illumination ist auf die Altstadt Bremens und in Richtung der Weserpromenade „Schlachte“ gerichtet. Damit wirkt allerdings der Wesertower wie ein riesiger blinder Bildschirm mit flackerndem Rahmen, auf den jeder schaut, der abends an der Schlachte spazieren geht. Beabsichtigt ist wohl damit, die Bremer damit in das neue Quartier „Überseestadt“ mit seinen schicken, technologieorientierten Unternehmen zu locken. Doch der Tower-Effekt verpufft: Hinter der zur Altstadt gewandten Schauseite, in Richtung Überseestadt, sind einzig Erschließungen an der ansonsten kahlen Fassade zu erkennen. Jahns Turm ist eine Werbetafel mit abweisender arroganter Rückwand. Seiner eigentlichen Aufgabe, die Altstadt und die Vorstadt miteinander zu verknüpfen, kommt er allenfalls notdürftig nach. Er bleibt ein einsamer Solitär – wie viele Hochhäuser im städtischen Kontext. In Zürich wird derzeit der „Primetower“ vollendet, mit 126 Metern ist es das höchste Hochhaus der Schweiz, entworfen von den einheimischen Architekten Annette Gigon und Mike Guyer. Auch dort soll der Neubau ein geschmeidiges Gelenk zwischen Innenstadt und

der Vorstadt, dem aufstrebenden ZürichWest, bilden. Den Architekten gelingt die Aufgabe besser als Jahn in Bremen. Dazu trägt wesentlich bei, dass der Primetower skulpturale Form aufweist, die ein wenig an den berühmten Torre Velasca in Mailand erinnert, der 1954 als ein purifiziertes Zitat spätmittelalterlicher Geschlechtertürme entstand. Gigon und Guyer haben, da die Grundfläche eingeschränkt und der Raumbedarf des Bauherren ehrgeizig waren, den Turm wie das Mailänder Vorbild nach oben auskragen lassen. Die grünblaue gläserne Fassade sollte ursprünglich durch auskragende Fensterlaibungen und Farbkontraste belebt und noch stärker modelliert werden. Doch der Bauherr entschied sich für ein anderes, schlichteres und flächigeres Fassadensystem. Dafür lassen sich die Fenster nun aufstellen und werden so für einige Differenzierung und unterschiedliche Lichtbrechungen sorgen. Das Schweizer Duo, in Deutschland mit dem Varusschlacht-Museum in Kalkriese bekannt geworden, verzichtet auf modische LED-Effekte und vertraut stattdessen darauf, dass nach Sonnenuntergang die beleuchteten Büros für zusätzliche skulpturale Eindrücke sorgen. Als Solitär gerechtfertigt ist der Primetower durch seine Plazierung: Er steht direkt an Gleisanlagen, zerstört keine Nachbarschaft und lässt die Altstadt unbeeinträchtigt. Trotzdem bleibt die Frage, ob Zürich Hochhäuser (in ZürichWest sind weitere geplant) überhaupt nötig hat. Heilt ein Hochhaus, wie immer wieder behauptet, wirklich eine desolate vorstädtische Situation? Schafft es die Verbindung gegensätzlicher Räume? Auch die Beispiele in Bremen und Zürich zeigen, dass man von den einzelnen Türmen nicht zu viel erwarten darf. Sowohl in Bremen als auch Zürich locken sie, um dann doch zu enttäuschen, wirken großartig von fern, verheißen neue, interessante Stadtteile, die sich von nahem als Allerweltsquartiere entpuppen. Frankfurt ausgenommen, funktionieren Hochhäuser meist nur als Landmarken. Sie sind gut für Flyer und fürs Image einer Stadt, bleiben allerdings oft fremd und beziehungslos in der urbanen Landschaft – nachzuprüfen ab jetzt in Bremen NILS ASCHENBECK und Zürich.

Trotz Lou Reed („You can’t beat two guitars, bass and drums“) war die Rockmusik auf das Saxophon vielleicht nicht immer zwingend angewiesen, bezog aus ihm aber großstädtischen Glanz und einen gut Teil ihrer euphorisierenden Wirkung. Es sicherte die Bindung an ursprünglich schwarze Stile, und nicht zufällig waren die großen Saxophonisten oft Grenzgänger wie Dick HeckstallSmith, der aus dem Jazz kam, oder King Kurtis, der eine Schlüsselfigur des Rhythm & Blues war. Eine der wenigen großen Rockformationen der zweiten Generation, die sich einen festen Saxophonisten leisteten, war Bruce Springsteens E Street Band. Aus ihr ragte Clarence Clemons schon äußerlich heraus: ein Zweieinhalb-Zentner-Hüne, der den ohnehin eher kleinwüchsigen Rest noch mehr verzwergen ließ. Clemons hauchte schon dem Debüt „Greetings From Asbury Park, N.J.“ (1973) mit abwechselnd melancholisch verschatteten und druckvoll einpeitschenden Figuren jene Urbanität und Jazz-Nähe ein, die dem von Haus aus eher bodenständigen Springsteen-Spiel ausgesprochen gut taten – exemplarisch nachzuhören in dieser frühen Phase auf dem Lied „Spirit in the Night“. Nie aber blies Clemons gewaltiger als auf „Born To Run“ (1975), das Springsteen den Durchbruch und dessen erstem Mann neben sich den Ruf eines ebenbürtigen Musikers brachte. Clemons agierte hier mit einer Energie, die die Band in eine andere Umlaufbahn schoss und die er bei den Bühnenauftritten fortan auch ganz persönlich verkör-

perte. Das legendäre Albumcover drückte die Verhältnisse bildlich aus: Auf diesen Fels konnte Springsteen bauen, auch wenn die folgenden Produktionen das Saxophon unterschiedlich zur Geltung kommen ließen und bisweilen ganz darauf verzichteten. Das Spiel des Mannes aus Norfolk, Virginia, der Sport und Musik studiert, eine Football-Karriere an den Nagel gehängt und dann in New Jersey professionell zu musizieren begonnen hatte, war sicherlich nicht das subtilste, aber das war in der E Street Band auch nicht vorgesehen. Clemons agierte meistens so, wie man am liebsten Auto fährt: immer kräftig Gas geben, und schien der von Springsteen artikulierten, grundsätzlichen Sehnsucht wenigstens teilweise Erfüllung zu geben. Spätestens jetzt, wo man die Nachricht von seinem Tode vernimmt, der den Neunundsechzigjährigen am Samstag in Florida ereilte, sollte man sich fragen, wie Springsteens Musik ohne ihn geklungen hätte – erheblich ärmer natürlich. Der Boss, mit dem Clemons es bestimmt nicht immer leicht hatte, wusste das und setzte dem „Big Man“ schon im Jahr 1975 in dem Song „Tenth Avenue Freez-Out“ ein Denkmal: „When the change was made uptown / And the Big Man joined the band / From the coastline to the city / All the little pretties raise their hands / I’m gonna sit back right easy and laugh / When Scooter and the Big Man bust this city in half.“ Wenn Clarence Clemons Dampf abließ, war das Entzücken nicht nur in New Jersey groß. EDO REENTS

Der Boss und sein großer Mann: Bruce Springsteen mit Clarence Clemons am Saxofon bei einem Konzert im Jahr 1980 Foto laif


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5.00 ZDF.umwelt. Mod.: Volker Angres 5.30 ARD-Morgenmagazin. Mod.: Anne Gesthuysen und Till Nassif 9.00 Tagesschau 9.05 Volle Kanne – Service täglich. Dazw.: 10.00 heute. Mod.: Ingo Nommsen. Magazin 10.30 Lena – Liebe meines Lebens. Telenovela 11.15 Reif für die Insel. Familie Bogner. Coachingshow 12.00 Tagesschau 12.15 drehscheibe Deutschland 13.00 Mittagsmagazin. Mit Tagesschau 14.00 heute – in Deutschland 14.15 Die Küchenschlacht. Horst Lichter sucht den Spitzenkoch. Kochshow 15.00 heute 15.05 Topfgeldjäger. Kochshow 16.00 heute – in Europa 16.15 Herzflimmern – Die Klinik am See. Daily Soap 17.00 heute – Wetter 17.15 hallo deutschland 17.45 Leute heute. Mod.: Karen Webb. Magazin 18.05 SOKO 5113. Mord wie im Groschenroman. Krimiserie 19.00 heute 19.20 Wetter 19.25 WISO. Mod.: Michael Opoczynski. Magazin

6.00 Carlos Kleiber dirigiert Johannes Brahms. Sinfonie Nr. 4 E-Moll, Op. 98. Gast: Ausführende: Bayerisches Staatsorchester München 6.45 Karambolage 7.00 Global 7.30 Der Blogger 8.00 Die Pferde der Queen 8.45 X:enius. Licht – Fluch und Segen zugleich? 9.15 Bauen und Leben mit Lehm 10.05 Mahler – In gemessenem Schritt 11.05 Baukunst 11.35 Baukunst 12.05 Karambolage 12.15 Global 12.45 Arte Journal 13.00 Mit Schirm, Charme und Melone 13.50 Schwarze Hand. Dt. Kurzfilm, 2005 14.00 Die Küsten der Ostsee 14.45 It’s a Free World. Engl./Ital./Dt./Span. Drama mit Kierston Wareing, 2007 16.15 Zu Tisch in ... Friesland 16.50 Aufbruch im Nordmeer 17.35 X:enius. Licht – Fluch und Segen zugleich? 18.05 360° – Geo Reportage 19.00 Arte Journal 19.30 Eine Insel wird geboren. Ungewöhnliche Naturphänomene im Pazifikraum

5.15 Nächster Halt Sibirien 6.20 Kulturzeit 7.00 nano. Generation Zukunft: Martin Wilmking 7.30 Alpenpanorama 9.00 ZiB 9.05 Kulturzeit 9.45 nano. Generation Zukunft: Martin Wilmking 10.15 3nach9 12.15 sonntags 12.45 Schätze der Welt 13.00 ZiB 13.15 Weinland (9/10) 13.45 Weinland Südafrika 14.30 Natur im Garten (1/10). Blütenpracht im Schlossgarten / Gartenkalender 14.55 Natur im Garten (2/10). Gartenkalender / Was ist jetzt im Garten zu tun, aktuelle Gartenarbeiten: Nun dürfen empfindliche Gemüsearten gepflanzt werden / Uschi gräbt um 15.20 Natur im Garten (3/10) 15.45 Natur im Garten (4/10) 16.10 Natur im Garten (5/10) 16.35 Rita und der Zauber der Vorarlberger Gärten 17.00 Heilige Wasser, Himmlische Höhen, Harte Arbeit 17.45 Die Farben des Südens. Ein Streifzug durch die Region Villach 18.30 nano 19.00 heute 19.20 Kulturzeit

5.10 Explosiv. Moderation: Nazan Eckes 6.00 Punkt 6 7.30 Alles was zählt. Daily Soap 8.00 Unter uns. Daily Soap 8.30 Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Daily Soap 9.00 Punkt 9 9.30 Mitten im Leben! Aufregende Geschichten des deutshen Alltags. Doku-Soap 10.30 Mitten im Leben! Doku-Soap 11.30 Unsere erste gemeinsame Wohnung. Doku-Soap 12.00 Punkt 12. Mittagsjournal. Moderation: Katja Burkard 14.00 Mitten im Leben! Aufregende Geschichten des deutschen Alltags. Doku-Soap 15.00 Verdachtsfälle. Doku-Soap 16.00 Familien im Brennpunkt. Doku-Soap 17.00 Die Schulermittler. Doku-Soap 17.30 Unter uns. Daily Soap 18.00 Explosiv. Moderation: Janine Steeger 18.30 Exclusiv. Moderation: Frauke Ludowig 18.45 RTL Aktuell 19.03 Wetter. Moderation: Christian Häckl 19.05 Alles was zählt. Daily Soap 19.40 Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Daily Soap

5.30 Frühstücksfernsehen 10.00 Lenßen & Partner 10.30 Lenßen & Partner 11.00 Richterin Barbara Salesch 12.00 Richter Alexander Hold. Elisabeth Ekert ist angeklagt, der Schauspielerin Carmen Böhme vor einem Casting heimlich ein Abführmittel verabreicht zu haben 13.00 Britt – Der Talk um Eins. Britt deckt auf: Folgenschwere Lügen 14.00 Zwei bei Kallwass. Die hochschwangere Anja (18) hat herausgefunden, dass ihr Freund Kevin (19) ein notorischer Lügner ist 15.00 Richterin Barbara Salesch 16.00 Richter Alexander Hold. Die Angeklagte Tamika Nunok soll ihren betrunkenen Freund Jens nach einer Party ans Bett gefesselt und gequält haben 17.00 Niedrig und Kuhnt. Unsichtbare Spuren 17.30 Das Sat.1-Magazin 18.00 Hand aufs Herz 18.30 Anna und die Liebe 19.00 K 11 – Kommissare im Einsatz. Aus dem Kindersitz entführt 19.30 K 11 – Kommissare im Einsatz. Herzlos

20.00 Tagesschau 20.15 Erlebnis Erde Mythos Amazonas (2/2) Triumph des Lebens 21.00 Wir Reiseweltmeister (1/3) Deutschland macht Urlaub Von „Balkonien“ bis Bella Italia Dokureihe 21.45 Report München Griechenland am Abgrund 22.15 Tagesthemen 22.45 Alle Anderen Dt. Drama mit Birgit Minichmayr Regie: Maren Ade, 2009 0.40 Nachtmagazin 1.00 Puschel TV – Unterwegs mit Alfons in Deutschland 1.30 Eine Frau für zwei Franz. Komödie mit Victoria Abril Regie: Josiane Balasko, 1994 3.10 Tagesschau 3.15 Sturm der Liebe Telenovela 4.05 Wir Reiseweltmeister (1/3) Deutschland macht Urlaub Von „Balkonien“ bis Bella Italia. Dokureihe

20.15 Das Geheimnis im Wald Dt. TV-Thriller mit Pierre Besson, Christoph Waltz Regie: Peter Keglevic, 2008. Kommissar Gellhagen soll das Verschwinden einer Schülerin aufklären. Dabei kommen dunkle Geheimnisse ans Licht. 21.45 heute-journal 22.15 The Reaping – Die Boten der Apokalypse Amerik. Horrorfilm mit Hilary Swank, David Morrissey. Regie: Stephen Hopkins, 2006 23.45 heute nacht 0.00 Bungalow Dt. Drama mit Lennie Burmeister, Devid Striesow Regie: Ulrich Köhler, 2002 1.20 heute 1.25 Inspector Lynley Wer ohne Sünde ist. Engl. TV-Kriminalfilm mit Nathaniel Parker, Sharon Small Regie: Simon Massey, 2006 2.55 SOKO 5113 Mord wie im Groschenroman. Krimiserie mit Wilfried Klaus, Hartmut Schreier

20.15 Die Hölle Franz. Drama mit Emmanuelle Béart, François Cluzet, Marc Lavoine. Regie: Claude Chabrol, 1993. Hat Nelly eine Affäre mit dem Automechaniker Martineau? Ihr Mann steigert sich in den Gedanken hinein. 21.50 Carlos Kleiber – Spuren ins Nichts Dt./Österr./Ital. Dokumentarfilm. Regie: Eric Schulz, 2010 22.45 Kunst oder Kommerz? Der Kampf um die Stadt Dokumentation 23.40 Jean-Luc, vom Leben verfolgt Franz. Drama mit Alice Carel, Guillaume Delaunay Regie: Emmanuel Laborie, 2010 0.25 Global Nachrichten vom Blauen Planeten 0.55 Uhrwerk Orange Engl. Drama mit Malcolm McDowell, Patrick Magee, Adrienne Corri. Regie: Stanley Kubrick, 1971 3.05 Skateboard Stories Dokumentation

20.00 Tagesschau 20.15 Andreas Rebers: „Ich regel das“ Aufzeichnung vom Mainzer unterhaus,14. März 2011 21.00 Olaf TV Von Schubert zu Mensch Bert Stephan (Musiker), Jochen M. Barkas (Gitarrist) und Stermann & Grissemann (Kabarett-Duo). Mit Bert Stephan (Musiker). Kabarett 21.30 hitec Kanalisation vor dem Kollaps? 22.00 ZiB 2 22.25 Vis-à-vis Ein prominenter Gast befragt von Frank A. Meyer Mit Bernd Neumann (Politiker) 23.25 Matussek trifft ... Mit Udo Lindenberg 0.05 In Treatment – Der Therapeut Mia, Montag 7.00 Uhr (4. Woche) 0.30 10vor10 1.00 Geschichten aus Mitte 1.45 Seitenblicke-Revue 2.15 Slowenien-Magazin U.a.: Bilder aus einer jungen Republik Skofja Loka / Das Tal Matkov Kot

20.15 Mietprellern auf der Spur Familie V. Dokureihe 21.15 Vermisst Auf der Suche nach Angehörigen Michael + Alfred / Anja 22.15 Extra – Das RTL-Magazin Gefangen in Deutschland: Sie verlieben sich in einen türkischen Mann und müssen ihr altes Leben komplett aufgeben: Wie deutsche Frauen in eine islamische Parallelwelt gezwungen werden 23.30 30 Minuten Deutschland Großreinemachen im Messiehaus – Kampf gegen das Chaos Reportagereihe 0.00 Nachtjournal 0.30 10 vor 11 „Wenn die Hoffnung ein Grab hätte, würde sie täglich auferstehen!“ – Beethovens Fidelio an der Bayrischen Staatsoper München. Magazin 0.55 Mietprellern auf der Spur Familie V. Dokureihe 1.50 Familien im Brennpunkt Doku-Soap

20.00 Nachrichten 20.15 Der letzte Bulle Die verpasste Chance.Krimiserie Mick und Andreas suchen den Mörder von Günther Kowalski. Sie finden heraus, dass Kowalski scheinbar an der Entführung seines ehemaligen Chefs Alfred Wannstedt beteiligt war. 21.15 Danni Lowinski Endspiel 22.15 Planetopia Fatale Folgen erwartet – Was bleibt vom EHEC-Erreger? / Rettung in der Not – Zu Besuch in der weltgrößten Apotheke / Frauen-Fußball-Internate – Spagat zwischen Sport und Schule / Anschluss gesucht – Festnetz oder Mobil-Flat? / Moderne Massenspeicher – Wie sicher sind Internetfestplatten 23.00 Spiegel TV Reportage Ohne Bleibe – Mietnotstand in Köln 23.30 Eins gegen Eins 0.15 Criminal Minds Dreiundsechzig

Pro Sieben 8.00 Ein Duke kommt selten allein. Amerik. Actionkomödie, 2005 9.50 Die Bankdrücker. Amerik. Komödie, 2006 11.20 Malcolm mittendrin 12.15 The Big Bang Theory 13.10 How I Met Your Mother 14.05 Scrubs – Die Anfänger 16.00 Das Model und der Freak 17.00 taff 18.00 Newstime 18.10 Die Simpsons 19.10 Galileo 20.15 Primeval – Rückkehr der Urzeitmonster 21.15 EUReKA – Die geheime Stadt 22.15 EUReKA – Die geheime Stadt 23.15 Fringe – Grenzfälle des FBI 1.50 Primeval – Rückkehr der Urzeitmonster

Phoenix 9.00 Bon(n)jour Berlin 9.15 Im Dialog 9.45 Bon(n) jour Berlin 10.00 Vor Ort 10.45 Thema 12.00 Vor Ort. Die wichtigsten aktuellen Ereignisse 13.00 Thema 14.15 Dokumentation 15.00 Pressekonferenzen der Parteien zu aktuellen Themen 16.00 Reportage 16.30 Anne Will 17.30 Vor Ort. Die wichtigsten aktuellen Ereignisse. Aktuelles 18.00 Reportage 18.30 Die Kinder der Flucht. Eine Liebe an der Oder. Dt. TV-Dokudrama, 2006 19.15 Unter den Linden 20.00 Tagesschau 20.15 Die Kinder der Flucht. Wolfskinder. Dt. TV-Dokudrama, 2006 21.00 Die Kinder der Flucht. Breslau brennt! Dt. TV-Dokudrama, 2006 21.45 heute-journal 22.15 Unter den Linden 23.00 Der Tag 0.00 Unter den Linden 0.45 Die Germanen

Tele 5 8.00 Homeshopping 12.30 Andromeda 13.20 Smallville 14.15 Stargate 15.10 Star Trek 16.10 Andromeda 17.05 Smallville 18.05 Stargate 19.05 Star Trek 20.15 Stranded – Rettung im All. Amerik. Science-Fiction-Film, 2001 22.15 Das Todeslied des Shaolin. Hongkong/ROC Actionfilm, 1977 0.10 The Invader – Spur des Alien. Amerik./Kanad. Science-Fiction-Film, 1997

KIKA 9.00 Kleiner Roter Traktor 9.25 Raumfahrer Jim 9.45 Mitmachmühle 9.55 Au Schwarte! 10.18 KiKANiNCHEN 10.30 Glücksbärchis 10.50 CHI RHO – Das Geheimnis 11.15 Take 5 11.40 Babar und die Abenteuer von Badou 12.05 Jim Knopf 12.30 Die Maus 12.55 Matzes Monster 13.20 Rocket & Ich 13.45 Mimis Plan 14.10 Schloss Einstein – Erfurt 15.00 KlasseSegelAbenteuer 15.25 Elephant Princess – Zurück nach Manjipoor 16.20 Piets irre Pleiten 16.45 Garfield 17.10 Take 5 17.35 CHI RHO – Das Geheimnis 18.00 Yakari 18.15 Babar und die Abenteuer von Badou 18.40 Zoés Zauberschrank 18.50 Sandmann

Hessen 8.30 Horizonte 9.00 hessenschau 9.30 60 x Deutschland 10.15 In aller Freundschaft 11.00 service: trends 11.25 Wege der Genüsse 11.55 Panda, Gorilla & Co. 12.40 In aller Freundschaft 13.30 service: garten 14.15 Der Blumengarten Afrikas 15.00 Alles für die Katz 15.30 Grünzeug 16.00 Gernstl in den Alpen 16.45 hessenschau kompakt 17.00 Nashorn, Zebra & Co. 17.50 hessenschau kompakt 18.00 maintower 18.20 Brisant 18.50 service: familie 19.15 alle wetter! 19.30 hessenschau 20.00 Tagesschau 20.15 Kein schöner Land 21.00 Klinik unter Palmen – Karibik. Dt./Österr. TV-Melodram, 1998 22.25 hessenschau kompakt 22.45 Die schönsten Schlösser Deutschlands 23.45 Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia. Amerik. Mafiafilm, 1989 2.00 Ritter in Hessen

NDR 10.00 S-H Magazin 10.30 buten un binnen 11.00 Hallo Niedersachsen 11.30 ... und täglich pfeift das Murmeltier 12.15 In aller Freundschaft 13.00 Einfach genial! 13.30 Eisenbahnromantik 14.00 Aktuell 14.15 Bilderbuch 15.00 Aktuell 15.15 Mit dem Zug zum Great Barrier Reef 16.00 Aktuell 16.10 Mein Nachmittag 17.10 Leopard, Seebär & Co. 18.00 Regional 18.15 Ein Dutzend unter einem Dach 18.45 DAS! 19.30 Regional 20.00 Tagesschau 20.15 Markt 21.00 Der Dicke 21.45 Aktuell 22.00 45 Min 22.45 Kulturjournal 23.15 Taras Welten 23.45 Der große Buck Howard. Amerik. Komödie, 2008 1.10 Markt

RBB 9.15 Lindenstraße 9.45 Heimatjournal 10.15 Tod auf den Gleisen 10.45 Ran an

Ist doch klar, wonach Hundezahnpasta schmeckt Emmanuel Peterfalvi erkundet als Reporter Alfons aufs Neue die Geheimnisse der Deutschen: „Puschel-TV“ Man muss schon lachen, sobald Alfons in die Kamera blickt. Die Trainingsjacke im Siebzigerjahre-Orange, die angeschwitzten grauen Strähnen auf der Stirn, die weit aufgerissenen Augen – Alfons schaut stets ein wenig mitgenommen aus. Dazu das Mikrofon mit dem überdimensionierten Puschel, den er mit unbekümmerter Selbstverständlichkeit stets auf Augenhöhe hält; so, als bildeten Reporter und Mikro-Puschel eine Einheit. Und es ist der Puschel, mit dem Alfons den Deutschen regelmäßig Erkenntnisse entlockt. Befragt er Männer, wie sie es mit der weiblichen Emanzipation hielten, sagt ein Mann bierernst: „Entscheidungen, die nicht ganz ohne sind, sollten Frauen besser nicht treffen.“ Oder: Würde ein standardisiertes Fettabsaug-Gebot eingeführt, was sollte man mit dem ganzen Fett anstellen? „Biodiesel draus machen“, findet ein älterer Herr. Es ist gut zu wissen, was die Deutschen denken. Deshalb ist es ein Segen, dass „Puschel TV“ in zweiter Staffel zurück ist. Von heute Nacht an zeigt das Erste im wöchentlichen Rhythmus sechs Folgen der Sendung, die eine Mischung ist aus kurzweiligem Kabarett und komischer Reportage. Die Hauptfigur, Reporter Alfons, kennen manche von „Extra 3“ und „Kalkofes Mattscheibe“. Mit „Puschel TV“ hat der gebürtige Franzose, der eigentlich Emmanuel Peterfalvi heißt, im Jahr 2009 seine eigene Show bekommen. Zu Recht: Schließlich gelingt es keinem seiner Kollegen, die Einheimischen derart vorzuführen. In „Puschel TV“ entwirft Alfons ein Panorama kultureller Eigenheiten, zeigt, wie die Deutschen so sind und was sie für merkwürdige Dinge in ihrem Alltag tun. Schneeballschlacht-Weltmeisterschaften in Winterberg ausrichten beispielsweise, oder Autotuning-Shows in Essen besuchen. Ungefähr so sperrig, wie sich das

den Spargel 11.30 Weltreisen 12.00 nano 12.30 Urviecher 12.45 Urviecher 13.05 Schloss Einstein 13.30 In aller Freundschaft 14.15 Planet Wissen 15.15 Abenteuer Zoo 16.05 ARD-Buffet 16.50 kurz vor 5 17.05 Seehund, Puma & Co. 18.00 rbb um sechs 18.30 ZiBB 19.30 Abendschau / Brandenburg aktuell 20.00 Tagesschau 20.15 Immer ostwärts 21.00 Kesslers Expedition 21.45 Aktuell 22.15 Polizeiruf 110. Auskünfte in Blindenschrift. Dt. TV-Kriminalfilm, 1982 23.40 Der Krieg 0.25 Der Krieg 1.10 Im Palais

WDR 9.45 Hier und heute 10.00 Westpol 10.30 Aktuelle Stunde 10.50 west.art 11.30 frauTV 12.00 Leopard, Seebär & Co. 12.45 Aktuell 13.00 Servicezeit 13.30 In aller Freundschaft 14.15 Hier und heute 14.30 Geht doch – Belgien ohne Regierung! 15.00 Planet Wissen 16.00 Aktuell 16.15 daheim & unterwegs 18.05 Hier und heute 18.20 Servicezeit: Reportage 18.50 Aktuelle Stunde 19.30 Lokalzeit 20.00 Tagesschau 20.15 Yvonne Willicks – Der Große Haushaltscheck 21.00 markt 21.45 Aktuell 22.00 die story 22.45 Frauen und Fußball in Deutschland 23.30 Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden 0.15 Als Arbeiterjungs Profifußballer wurden

MDR 8.55 Sturm der Liebe 9.45 Wuhladko 10.15 Biwak 10.48 Kino Royal 11.20 Kripo live 11.45 Um zwölf 12.30 In der Höhle der Löwin. Dt. TV-Komödie, 2003 14.00 Dabei ab zwei 14.30 LexiTV 15.30 Unterwegs in Thüringen 16.00 Hier ab vier 16.30 Hier ab vier 17.00 Hier ab vier 17.40 Hier ab vier 18.00 Aktuell 18.07 Brisant 19.00 Regional 19.30 Aktuell 19.50 Mach dich ran! 20.15 Die Landärztin – Um Leben und Tod. Dt./Österr. TVArztfilm, 2010 21.45 Aktuell 22.05 Fakt ist ...! 22.50 Glück im Hinterhaus. Dt. Drama,

liest, trägt Alfons seine Reportagethemen vor. Dank seines sorgfältig gepflegten französischen Akzents sind manche Sätze kaum zu verstehen, die er vom unhandlich großen Reporterblock abzulesen scheint. Und dann neigt er den Kopf nach jeder Ansage so grotesk zur Seite, als sei etwas mit seiner Feinmotorik nicht in Ordnung. In Winterberg begleitet Alfons Sportler eines Teams „aus NRW“, die auf den WMTitel in der bislang wenig beachteten Disziplin Schneeballschlacht hoffen. Der Reporter schaut ihnen bei ihren Lockerungsübungen zu, die Teil eines sehr ambitionierten „Wurfarmmuskulaturaufbauprogramms“ sind. Die Männer meinen es

wirklich ernst. Und deshalb sind sie auch ganz geknickt, als sie sich einer Gruppe Gehörloser geschlagen geben müssen. Die wollen noch nicht einmal trainiert haben; von einem Wurfarmmuskulaturaufbauprogramm ganz zu schweigen. Ob es nicht besser wäre, bei der WM künftig Normale von Behinderten zu trennen, fragt Alfons das Team aus NRW ganz unbekümmert, denn: „Schließlich ist das gerechter, dann hätten Sie ja nicht verloren.“ Manchmal sind die Leute eher wortkarg, dann muss Alfons mit seinen Fragen amüsieren; manchmal kann er die Bilder sprechen und die Menschen gen Puschel

reden lassen. Zum Beispiel, wenn er mit den Nacktwanderern auf freier Flur unterwegs ist oder auf der Hundeschau eine Züchterin über die Geschmacksrichtung von Hundezahnpasta sinnieren lässt. „Hühnchen“, sagt sie lakonisch. Die besten Pointen liefern Alfons’ Gesprächspartner selbst, wie jener junge Mann, den er irgendwo in einer Einkaufspassage trifft: „Wo läuft das? Auf ARD? Ach du Scheiße, mein Opa dreht sich im Grabe um . . . Ach, Quatsch, der lebt ja noch!“. Die Menschen sind manchmal eben auch ein bisschen EVA BERENDSEN vergesslich. Puschel-TV läuft in der Nacht von Montag auf Dienstag um ein Uhr im Ersten.

Kurze Meldungen

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Günther Jauch klagt gegen einen Buchti-

tel des Solibro Verlags. Er wendet sich gegen das Titelbild des Buches „Ich war Günther Jauchs Punching-Ball! Ein Quizshow-Tourist packt aus“ von Peter Wiesmeier. Auf dem Cover ist ein verfremdetes Bild des Moderators zu sehen. F.A.Z. Stanislaw Tillich, Ministerpräsident von Sachsen, ist neuer stellvertretender Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats. Er ersetzt den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. F.A.Z. Die Werbung flötet seit jeher, dies sei die „schönste Seereise der Welt“. Der norwegische Sender NRK macht die „längste Fernsehsendung der Welt“ daraus, was als „längste Werbesendung der Welt“ gelten kann. Unter http://www.nrk.no/hurtigruten/ lässt sich bis Mittwoch die Fahrt der Postschiffe entlang der norwegischen Küste live verfolgen. Eine meditative Angelegenheit, aber sie dient ja einem guten Zweck: der Reise nach Norden. math.

Scientia potentia est Wissenswert. Korallenriffe Bedrohtes Paradies.

Heute, 19:45 Uhr

Service-Hotline 0800 100 30 70 · www.servustv.com/empfang

1980 0.30 Tagesthemen 1.00 Die Legionen des Cäsaren. Ital./Franz./Span. Abenteuerfilm, 1959

SWR Fernsehen 8.00 Das ist Buga! 8.30 Landesschau Mobil 9.00 ARD-Buffet 9.45 Brisant 10.15 In aller Freundschaft 11.00 Sturm der Liebe 11.50 Panda, Gorilla & Co. 12.40 Rote Rosen 13.30 Wo die alten Wälder rauschen. Dt. Heimatfilm, 1956 15.00 Planet Wissen 16.05 Kaffee oder Tee? 17.05 Kaffee oder Tee? 18.00 SWR Landesschau aktuell Baden-Württemberg 18.15 SchwarzwaldLust 18.45 SWR Landesschau BW 19.45 SWR Landesschau aktuell BW 20.00 Tagesschau 20.15 Schatten der Erinnerung. Dt./Österr. TV-Heimatfilm, 2010 21.45 SWR Landesschau aktuell BW 22.00 Sag die Wahrheit 22.30 Wer zeigt’s wem? 23.00 2+Leif 23.30 Waschen und Leben 1.00 betrifft 1.45 Sag die Wahrheit

Bayern 9.00 Tele-Gym 9.15 Sturm der Liebe 10.05 Pinguin, Löwe & Co. 10.55 Rote Rosen 11.45 Auf der Herreninsel 12.30 Der Sonntags-Stammtisch 13.30 Karen in Action! 13.40 Aktion Schulstreich 14.05 Felix und die wilden Tiere 14.30 Willi wills wissen 15.00 Schlemmerreise um die Welt 15.30 Wir in Bayern 16.45 Rundschau 17.00 Die fließende Grenze 17.30 Schwaben & Altbayern aktuell 18.00 Abendschau 18.45 Rundschau 19.00 Querbeet 19.45 Dahoam is dahoam 20.15 Bergauf – Bergab 21.00 Rundschau 21.15 Geld & Leben 21.45 Lebenslinien 22.30 Hitlers Verbündete 23.15 Rundschau 23.25 LeseZeichen 23.55 on3-südwild 0.55 Dahoam is dahoam

RTL 2 8.00 Infomercial 9.00 Frauentausch 11.00 Die Schnäppchenhäuser 12.00 X-

Diaries – love, sun & fun 13.05 Big Brother 14.00 King of Queens 14.50 Immer wieder Jim 15.45 King of Queens 16.40 Still Standing 18.00 X-Diaries – love, sun & fun 19.00 Big Brother 20.00 News 20.15 Teenie-Mütter 21.15 Big Brother – Die Entscheidung 23.25 Welt der Wunder – Spezial 0.15 Ungeklärte Morde – Dem Täter auf der Spur 1.15 Ärger im Revier – Auf Streife mit der Polizei

Super RTL 8.30 Bob der Baumeister 8.40 Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde 8.55 Angelina Ballerina 9.25 Pinky Dinky Doo 9.40 Gustavs Welt 9.50 Chuggington 10.10 Peb & Pebber 10.20 Benjamin Blümchen 10.50 Lazy Town 11.20 Simsalabim Sabrina! 11.50 Stanley 12.20 Disneys Micky Maus Wunderhaus 12.50 Meister Manny’s Werkzeugkiste 13.20 Disneys Kuzco’s Königsklasse 13.50 Phineas und Ferb 14.20 Fünf Freunde für alle Fälle 14.50 Cosmo und Wanda 15.20 Yin Yang Yo! 15.50 Skunk Fu 16.20 A Kind of Magic – Eine magische Familie 16.40 Jamatami: Das Star-Tagebuch 16.50 Typisch Andy! 17.20 Fünf Freunde für alle Fälle 17.45 Cosmo und Wanda 18.15 Disneys Kuzco’s Königsklasse 18.45 Phineas und Ferb 19.15 Waverly Place 19.45 Zack & Cody an Bord 20.15 Glee 21.15 Glee 22.15 Mein Leben & Ich 22.45 Mein Leben & Ich 23.15 Die Nanny 23.45 Golden Girls 0.25 Shop24Direct: Schlagernacht

Kabel 1 8.00 Charmed 9.00 Quincy 10.05 Unsere kleine Farm 12.05 Die Bill Cosby-Show 13.05 What’s up, Dad? 14.05 Two and a Half Men 15.00 Eine schrecklich nette Familie 16.00 What’s up, Dad? Comedyserie 16.50 News 17.00 Two and a Half Men. Comedyserie 17.55 Abenteuer Leben 18.45 Die Promi-Heimwerker 19.15 Achtung, Kontrolle! 20.15 Layer Cake.

Engl. Thriller, 2004 22.25 Tango & Cash. Amerik. Actionfilm, 1989 0.20 Layer Cake. Engl. Thriller, 2004

Vox 8.00 Die Nanny 8.30 O.C., California 9.30 Gilmore Girls 11.20 vox nachrichten 11.25 Prominent! 11.45 mieten, kaufen, wohnen 12.50 mieten, kaufen, wohnen 14.00 Die Einrichter 15.55 Menschen, Tiere & Doktoren 16.55 Menschen, Tiere & Doktoren 18.00 mieten, kaufen, wohnen 19.00 Das perfekte Dinner 20.00 Prominent! 20.15 CSI:NY 21.15 Criminal Intent 22.10 Life 23.05 Boston Legal 0.00 vox nachrichten 0.20 Criminal Intent

BR-alpha 8.15 Geist und Gehirn 8.30 Schatten des Todes 9.00 DW-Journal 9.30 Faszination Wissen 10.00 DW-Journal 10.30 Sport in Bayern. aus München 10.45 Sport in Bayern. aus Nürnberg 11.00 Königreich des Glücks 11.45 Reports in English 12.05 Tagesgespräch 13.00 alpha-Forum 13.45 Schatten des Todes 14.15 Menschen hautnah 15.00 Schätze der Welt – Erbe der Menschheit 15.15 Les grandes dates de la science et de la technique 15.30 nano 16.00 alpha-Campus 16.30 on3-südwild 17.30 Frankenschau aktuell 18.00 Grundkurs Deutsch 18.30 Die Tagesschau vor 25 Jahren 18.45 Rundschau 19.00 Ich machs! 19.15 Grips Deutsch 19.30 Traumpfade – Zu Fuß über die Alpen 20.15 alpha-Forum 21.00 Alpha Österreich 21.45 Planet Wissen 22.45 Klassiker der Weltliteratur 23.00 Alpen – Donau – Adria 23.30 Liebesdienst 0.15 alpha-Forum 1.00 Alpha Österreich

N 24 13.05 Hitlers Machtergreifung. Dokumentation 14.05 Als die Welt in Flammen stand (4/4) 15.05 Wissen. Wissensmaga-

zin 16.05 Zukunft ohne Menschen – Die letzte Reise. Dokumentation 17.05 Der Nostradamus-Effekt: Das Jüngste Gericht. Dokumentation 18.00 News 18.15 Börse am Abend. Magazin 18.25 Wissen. Wissensmagazin 19.05 sonnenklar TV. Reisemagazin 20.00 News 20.15 Katastrophen und Konstrukte: Brücken 21.15 Autopsie XXL 22.15 Fight Science: Mensch vs. Tier 23.15 Monsterduelle XXS 0.10 San Antonio Jail – Bandenkrieg hinter Gittern

n-tv 8.05 Telebörse 8.20 Telebörse 8.35 Telebörse 8.50 Telebörse 9.10 Telebörse 9.30 Nachrichten 9.40 Telebörse 10.10 Telebörse 10.30 Nachrichten 10.40 Telebörse 11.10 Telebörse 11.30 Nachrichten 11.40 Telebörse 12.10 Telebörse 12.35 Thema des Tages 13.00 Nachrichten 13.10 Telebörse 13.35 Thema des Tages 14.15 Telebörse 14.30 First Lady – Bettina Wulffs neues Leben 15.20 Ratgeber – Hightech 15.40 Telebörse 16.10 Das Mittelalter – Epoche der Finsternis 17.05 Das Mittelalter – Epoche der Finsternis 18.00 Nachrichten 18.20 Telebörse 18.30 Chefsache – Manager, Marken, Märkte 19.10 Spiegel TV Magazin 20.05 Hannibal – Erzfeind der Römer 21.00 Nachrichten 21.10 Das Mittelalter – Epoche der Finsternis 22.03 Das Mittelalter – Epoche der Finsternis 22.45 Telebörse 23.00 Nachrichten 23.10. Dokumentarfilm 1.10 Das Sprengkommando 1.50 Hannibal

CNN 11.00 World One 12.00 World Sport 12.30 African Voices 13.00 Fareed Zakaria GPS 14.00 News Stream 15.00 World Business Today 16.00 International Desk 17.00 The Brief 17.30 World Sport 18.00 Prism 19.00 International Desk 19.30 African Voices 20.00 Quest Means Business 21.00 Piers Morgan Tonight 22.00 Connect the World 23.00 BackStory 23.30 World Sport 0.00 The Situation Room 1.00 World Report

Radio am Montag HÖRSPIEL 21.33 „Mittsommermord“ (1/2) – DKultur Von Valerie Stiegele nach Henning Mankell Mit Ulrich Pleitgen, Anne Weber u.a. Regie: Thomas Leutzbach, ca. 57 Min. 22.00 ARD-Radio-„Tatort“ – RBB Kulturradio, MDR Figaro „Wer sich umdreht oder lacht …“ Von John von Düffel Mit Marion Breckwoldt, Markus Meyer u.a. Regie: Christiane Ohaus, ca. 60 Min. 23.05 „Liebesrap“ – WDR 3 Von Gesine Schmidt. Mit Katrin Wichmann und Johannes Schäfer. Regie: Jean-Claude Kuner, ca. 55 Min.

KLASSIK 20.03 Schwetzingen Vokal – SWR 2 FrauenPOWER – POWERFrauen Le Musiche Nove. Simone Kermes, Sopran; Leitung: Claudio Osele, ca. 117 Min. 20.03 Rosetti-Festtage im Ries – DKultur Rosetti: Sinfonie C-Dur, Violakonzert; L. Mozart: Sinfonie D-Dur; W.A. Mozart: Klarinettenkonzert A-Dur KV 622, Fassung für Viola und Orchester (Nils Mönkemeyer, Viola; Bayerisches Kammerorchester, Leitung: Johannes Moesus), ca. 87 Min. 20.04 Konzert aus Barcelona – SR 2 San Francisco Sinfonie Orchestra, Leitung: Michael Tilson Thomas Gustav Mahler: 6. Sinfonie a-Moll, „Tragische“, ca. 146 Min. 20.05 Konzert aus Wien – HR 2 Beethoven: 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73; Schostakowitsch: 5. Sinfonie d-Moll op. 47 (Emanuel Ax, Klavier; Pittsburgh Symphony Orchestra, Ltg.: Manfred Honeck) ca. 145 Min.

JAZZ, POP, ROCK 21.05 Jazz live – DLF Köln Emil-Mangelsdorff-Quartett, ca. 60 Min. 1.05 Nacht-Radio – DLF Köln Blues von der grünen Insel. Impressionen aus Irland, ca. 55 Min.

FEATURE & MAGAZIN 6.05 Mikado – HR 2 Darin: Gian Carlo Menottis Oper „Goya“ in Gießen 6.05 Mosaik – WDR 3 Vorstellung des Siegerentwurfes zum Bau des Historischen Archivs der Stadt Köln ca. 55 Min. 8.20 Reportage – DKultur Mediatoren vermitteln zwischen Spaniens Jugend und der Politik, ca. 10 Min. 8.30 kulturWelt – BR 2 U.a.: Imi Knöbels Fenster für die Kathedrale von Reims, ca. 30 Min. 10.05 Notizbuch – BR 2 Leben bis zuletzt – Wie Altenheim-Bewohner mit dem Tod umgehen, ca. 115 Min. 10.10 Kontrovers – DLF Köln Griechenland in der Krise – Gefahr für die gesamte EU?, ca. 80 Min. 11.07 Thema – DKultur Die widersprüchlichen Identitäten junger Israelis ca. 13 Min. 11.55 Verbrauchertipp – DLF Köln Gebrauchtwagenkauf – oft falscher Kilometerstand, ca. 5 Min. 12.05 Doppel-Kopf – HR 2 Am Tisch mit Gabriela Stoppe, „Demenz-Deuterin“, ca. 60 Min. 13.07 Länderreport – DKultur Wie Bundesländer die EU-Fördertöpfe nutzen, ca. 23 Min. 14.07 Thema – DKultur Das Erzgebirge bewirbt sich als Weltkulturerbe, ca. 13 Min. 15.30 Nahaufnahme – BR 2 Die Überlebenden des Giftgasunglücks von Bhopal, ca. 30 Min. 16.05 Eins zu Eins – BR 2 Gast: Richard Kämmerlings, Literaturkritiker, ca. 55 Min. 16.05 Leonardo – WDR 5 Forschung unter Druck. Die Wissenschaft vom Tauchen, ca. 45 Min. 16.10 Büchermarkt – DLF Köln U.a.: Jürg Amann: „Der Kommandant“ ca. 20 Min. 16.10 Zu Gast – RBB Kulturradio Der Komponist Sören Nils Eichberg ca. 35 Min. 16.35 Forschung aktuell – DLF Köln U.a.: Leberzellen für kranke Kinder ca. 25 Min. 17.05 Mikado – HR 2 Im Gespräch: Susanne Gaensheimer, Direktorin des MKK in Frankfurt, ca. 55 Min. 17.35 Kultur heute – DLF Köln „Street Scene” – Kurt Weills Broadway-Oper an der Semperoper in Dresden, ca. 25 Min. 18.05 Der Tag – HR 2 Münzen, Mäuse und andere Marginalien – ein Lob des Abseitigen, ca. 55 Min. 18.05 IQ – Wissenschaft und Forschung – BR 2 U.a.: Wie Forscher Spekulationen vermarkten, ca. 25 Min. 19.04 Kulturtermin – RBB Kulturradio Mögliche Folgen einer Begegnung mit Außerirdischen, ca. 26 Min. 19.05 Kontext – SWR 2 Der elegante Despot – Wie mächtig ist Präsident Assad?, ca. 15 Min. 19.05 MonTalk – WDR 2 Gast: Katja Thimm, preisgekrönte Journalistin, ca. 115 Min. 19.15 Andruck – DLF Köln. SR 2 U.a.: Thomas Knellwolf: „Die Akte Kachelmann”. Anatomie eines Skandals ca. 45 Min. 19.30 Zeitfragen – DKultur Frauenfußball in Deutschland, ca. 30 Min. 20.30 Das Forum – NDR Info Für Frieden und Stabilität – Kosovo setzt weiter auf den KFOR-Einsatz, ca. 20 Min. 21.30 Theo.Logik – BR 2 Dienen und Diakonie, ca. 60 Min. 22.05 Essay – SWR 2 Protokolle des Weltendes. Der letzte Mensch in Literatur und Kino, ca. 55 Min. 23.00 Reportage – WDR Eins Live Deutsche Soldaten in Afghanistan ca. 60 Min. 23.05 Fazit – DKultur U.a.: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: „Akademientag 2011“ – Endet das europäische Zeitalter?, ca. 55 Min.

LESUNG 8.30 Am Morgen vorgelesen – NDR Kultur Ernest Hemingway: „Der alte Mann und das Meer“ (5/7), ca. 30 Min. 9.05 Lesezeit – MDR Figaro Dieter Mann liest (1/10). Joseph Roth: „Stationschef Fallmerayer“ (1/3), ca. 40 Min. 9.30 Die Lesung – HR 2 Joseph Roth: „Radetzkymarsch“ (5) ca. 35 Min. 15.05 Fortsetzung folgt – SR 2 Ulrike Kolb: „Schönes Leben“ (1/27) ca. 25 Min. 18.30 Lesebuch – NWRadio Maxim Gorki: „Meine Kindheit“ (5/19) ca. 30 Min. 22.30 Spätlese – HR 2 Sabine Thomas: „Mörderische Hitze“ ca. 35 Min.


Feuilleton

SE IT E 32 · M O N TAG , 2 0 . J U N I 2 0 1 1 · N R . 1 4 1

F R A N K F U RT E R A L LG E M E I N E Z E I T U N G

Julia Kristeva

Ulf Merbold

Subjekt, Objekt, Abjekt

Unser Mann im Weltraum

Von Erkundungen über Eros, Freundschaft und Caritas bis zum Detektivgenre In den Notizbüchern von Marcel Proust findet sich einmal die Frage „Soll ich daraus einen Roman oder eine philosophische Abhandlung machen?“ Es gibt nicht viele Autoren, die, abgesehen von ihrem Temperament, auch ihren Möglichkeiten nach vor einer solchen Alternative stehen. Als die bulgarische Studentin Julia Kristeva im Winter 1965 nach Paris kam, „ein aktiver Körper mit einer aktiven Seele in einem Zustand der Schwerelosigkeit“, öffnete sich ihr eine Welt, in der die Unterscheidung von Dichtung und Philosophie seit jeher fraglich war. Valéry, Gide, Sartre, Bataille, Klossowski, Derrida – überall und über die gängigen Schulgrenzen hinweg findet man in Paris Traditionen, Literatur und Analyse ineinanderzublenden. Fast möchte man es als Merkmal der französischen Intelligenz bezeichnen, mit Erfindungen zu philosophieren und die Philosophie als wahren „nouveau roman“ zu behaupten. Kristeva hat später in ihrem Roman „Die Samurai“ (1990) jene Jahre im Quartier Latin in den Zirkeln um die Zeitschrift „Tel Quel“ („Wie es ist“) und an den Lippen von Maurice Launzun (Jacques Lacan), Armand Brehal (Roland Barthes) oder Strich-Meyer (Claude Lévi-Strauss) geschildert. Die damalige Technik, Unterschiede zwischen Mitteilungsformen einzuziehen: Alles wurde zum Zeichen und zum Text erklärt, und so kam man binnen weniger Sätze von Mallarmés Gedichten zum Unbewussten, von dort zum Kapitalismus, zu Ödipus oder zu Totemtieren und vom Phallus zurück zur Transformationsgrammatik.

Nur der Eros war kein Text, und so wirken viele der damaligen Anstrengungen und Überanstrengungen wie eine Suche von frühreifen geisteswissenschaftlichen Hochleistungsvirtuosen in intellektuellen Wohngemeinschaften nach ihren Wünschen. Komplizierten Wünschen: „Spiegel und Kastration setzen das Subjekt abwesend aus dem Signifikanten“ – so lauteten damals Kapitelüberschriften. Man braucht heute ein Dialektwörterbuch dafür, und wer das Argument von

Die Personalien der Woche „Die Revolution der poetischen Sprache“ von 1974 wiedergeben kann, hat Anspruch auf einen Preis für Völkerverständigung. Julia Kristeva schrieb über Möglichkeiten und Grenzen der Psychoanalyse, die sie auch selbst praktiziert, über die Disposition zu Schrecken und Ekel, die Poetik der Avantgarde, die Frauen im Reich Maos, dem sie nach Art des damaligen Irrsinns auch eine Weile huldigte, über die Figur des Fremden, die Unterschiede zwischen Eros, Freundschaft und Caritas und über Proust. Sie prägte den Begriff des „Abjekts“ für alles, was ausgestoßen wird, und den der „Intertextualität“, den heute jeder Proseminarist auswendig lernt, um festzuhalten, dass jeder Text andere Texte verwendet. Womit sie aber we-

der die Faulenzerpraktiken Guttenbergs – Kristeva hat den Ehrendoktor der Universität Bayreuth – noch Hegemanns meinte, sondern die Arbeit an poetischer Einzigartigkeit. Alan Sokal und Jean Bricmont wiederum war Kristevas Gebrauch mathematischer Bilder ein ganzes Kapitel ihres Buches über intellektuelle Hochstapelei wert. Wer etwas von ihr lesen will, das solchem Verdacht keinerlei Nahrung bietet, dem sei ihre Interpretation von Gérard de Nervals Sonett „El Desdichado“ (Der Unglückliche) aus ihrem Buch „Schwarze Sonne. Depression und Melancholie“ (1987, deutsch 2007) empfohlen. Mit den Jahren durchlief allerdings auch Kristeva eine Wendung ins Verständliche, um nicht zu sagen Populäre. Ihre Romane sind inzwischen – „Der alte Mann und die Wölfe“, „Mord in Byzanz“ – im Detektivgenre angesiedelt, irgendwo zwischen Umberto Eco und Thomas Harris. Sie schreibt Bücher über „große Frauen“, die vom Geniebegriff Gebrauch machen, als hätte es jene sechziger Jahre nie gegeben. Ihre Zeitdiagnosen unterscheiden sich nicht von den üblichen. Gerade erinnert sie sich der religiösen Traditionen ihrer Heimat. In Frankreich ist Julia Kristeva, die seit 1977 an der Universität Paris Diderot unterrichtet, ähnlich wie ihr Ehemann, der sehr katholisch gewordene und im Kampf gegen den Nihilismus befindliche Philippe Sollers, eine vielinterviewte Figur. Ritterschaften aller möglichen Orden dekorieren sie, renommierte Preise auch. Am Freitag wird Julia Kristeva siebzig Jahre JÜRGEN KAUBE alt.

Stephen Frears

Ein Meister aller Klassen Western, Film Noir, Kostümfilm, Familienkomödie – kein Genre ist ihm fremd Wenn man sich eine Nacht lang mit einem halben Dutzend DVDs vor den Fernseher setzen und nacheinander „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Gefährliche Liebschaften“, „Grifters“, „Mary Reilly“, „HiLo Country“ und „Die Queen“ anschauen würde, hätte man am nächsten Morgen vermutlich Mühe, zu erklären, was diese sechs Filme – eine Londoner Multi-KultiKomödie, ein Rokoko-Kostümdrama, ein amerikanischer Spielerkrimi, eine Jekyllund-Hyde-Version mit Julia Roberts, ein Spätwestern und ein Porträt der britischen Monarchie – miteinander verbindet. Wer ist dieser Mr. Frears, der das alles (und noch ein weiteres Dutzend Filme) gedreht hat? Handelt es sich womöglich um ein Pseudonym, hinter dem sich ein ganzes Regisseurskollektiv verbirgt? Bei genauerem Hinsehen (das durch die DVD in ungeahnter Weise möglich wird) erkennt man aber doch in diesen und anderen Sternstunden des Kinos, die die Signatur des unwahrscheinlichen Mr. Frears tragen, eine Art roten Faden, einen durchgängigen Tonfall, einen unverwechselbaren Stil. Da ist zum einen das

wiederkehrende Interesse an Figuren, die sich in den Randzonen der Gesellschaft bewegen – seien es die homosexuellen Paare in „Prick up your ears“ und im „Wunderbaren Waschsalon“, die illegalen Immigranten in „Kleine schmutzige Tricks“ oder die von Michelle Pfeiffer gespielte Luxusprostituierte in „Chéri“. Da ist zum anderen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für die Masken und Kostümierungen, mit denen sich Menschen vor ihresgleichen verstecken – in den „Gefährlichen Liebschaften“, die mit einer der schönsten Ankleideszenen der Filmgeschichte beginnen, ebenso wie in „Mary Reilly“, der Mediensatire „Hero“ und natürlich in „Die Queen“. Und da ist schließlich ein tiefes Verständnis für die familiäre Verstricktheit allen Handelns, für die Netze aus Eitelkeit und Angst, in denen wir hängen, während wir uns frei und unabhängig glauben – sei es die Nestwärme des irischen Proletariats („Fish & Chips“, „The Snapper“) und der Popkultur („High Fidelity“), die heillose Nähe unter Verbrechern („The Hit“, „Grifters“) oder der menschliche Morast

Erik Neutsch

Nils Lofgren

Verwehte Spur der Steine Gute Prosa für einen besseren Sozialismus Erik Neutsch war ein Bestseller-Autor der DDR. Diese Höhe gewannen Schriftsteller in jenem Staat nur unter zwei Voraussetzungen, die kaum zusammenpassten, genaugenommen sogar einander widersprachen. Zum einen musste der Autor die politische Botschaft der SED in sein Werk einbringen, um sich Veröffentlichung, positive Kritiken und andere notwendige Förderungen zu sichern. Zum anderen war die Zustimmung des Publikums erforderlich, denn wer sonst konnte durch Kaufen und Lesen dem jeweiligen Buch zum Massenerfolg verhelfen. Erik Neutsch bewältigte diesen Spagat, nicht zu hundert Prozent, aber doch in erstaunlichem Maße. Der Arbeitersohn aus Schönebeck an der Elbe, der sich unter sowjetischer Besatzung und dann in der DDR höhere Bildung aneignen durfte, verschrieb sich ganz und gar den Machthabern, die er als Paten des Proletariats wahrnahm. Auf der Bitterfelder Konferenz von 1964, der zweiten jener Veranstaltungen zwecks Befehlsausgabe für die ostdeutschen Literaten, verkündete er: „Meine Grundeinstellung ist die, dass wir mit jeder Zeile, die wir schreiben, Kommunisten sein wollen.“ Er war jedoch nicht so holzköpfig, alles blindlings zu loben. Der junge Schriftsteller sah durchaus, dass es Fehlentwicklungen und bürokratische Irrwege gab, und ging in seinen Erzählungen und Romanen auch darauf ein. Freilich schilderte er sie nie als systemische Probleme, sondern als Widersprüche, die im menschlichen Tun und Lassen unvermeidbar sind, aber von einer Gesellschaft, die sich unbeirrbar zum Sozialismus hin entwickelt, überwunden werden können. Auf diese Weise bediente Neutsch sowohl das Regime, das ihn, ungeachtet einiger Meinungsverschiedenheiten, als Herold nutzte, wie auch das Volk, das we-

der Dorfgemeinschaft („Immer Drama um Tamara“). Und wer könnte je den Ausruf der Königinmutter in „Die Queen“ vergessen, als sie von den Planungen für das Begräbnis von Lady Di erfährt: „Aber das war der Plan für meine Beerdigung!“ Dies alles, Pointen, Verfolgungsjagden, Umarmungen, Verwandlungen, Schusswechsel, Tänze, Gossen, Pubs und Grandhotels, hat der große Stephen Frears in gut vierzig Jahren inszeniert, erzählt, erfunden, und vielleicht wird erst in der Rückschau, zu der ein runder Geburtstag Gelegenheit gibt, wirklich sichtbar, welche Bedeutung dieser Regisseur für die jüngere Geschichte des Tonfilms hat. Nicht nur im Kostüm- und Komödiengenre, im Film Noir und im Western, sondern auch in der Darstellung jener Wirklichkeit, die sonst den Dokumentationen des Fernsehens überlassen wird, hat dieser Regisseur Maßstäbe gesetzt. Auf die Frage, warum Helen Mirren in einer Szene von „Die Queen“ keine Tränen vergieße, gab Frears vor Jahren zur Antwort: „Das hat mit Geschmack zu tun.“ So ist es. Heute wird ANDREAS KILB er siebzig Jahre alt.

sentliche Probleme seines Alltags in den Büchern dieses Autors wiederfand. Eindrucksvollstes Beispiel für solchen Doppelerfolg war der Roman „Spur der Steine“, erschienen 1964, zur Zeit der zweiten Bitterfelder Konferenz und dort gelobt von Walter Ulbricht. Neutsch entwarf in diesem Werk ein Riesengemälde der DDR-Welt, bevölkert von Arbeitern, Bauern, Künstlern, fortschrittlicher Intelligenz, Volkspolizisten, Parteifunktionären, auch ein paar Klassenfeinden. Zwei Haupthelden nehmen verschiedene Wege: Der Brigadier Balla entwickelt sich vom Zimmermannsrowdy zum verantwortungsbewussten Kommunisten; der Parteisekretär Horrath verstrickt sich in eine außereheliche Liebschaft und belügt seine Genossen. Ein Defa-Film, mit Manfred Krug in der Rolle des Balla, machte das sozialistische Drama auch dem letzten Nichtleser bekannt und sorgte, soweit das noch nötig war, für des Autors Ansehen. Noch 1988, also ein Jahr vor Beginn der Wende, galt „Spur der Steine“ als nützliche Lektüre für die obersten Klassen der DDR-Schulen. Nach der Wende wurde es still um Erik Neutsch. Zwar veröffentlichte er weiterhin Bücher, errang jedoch mit keinem mehr die Aufmerksamkeit, wie er sie zu DDR-Zeiten genoss. Ob das daran liegt, dass der deutsche Westen ihn zuvor nicht hinreichend kannte und der deutsche Osten seither andere Sorgen hat, oder ob sein hartnäckiges Streben nach einem – künftig natürlich besseren – Sozialismus das Publikum langweilt, lässt sich nicht schlüssig beantworten. Mit Sicherheit feststellen kann man nur, dass durch den fatalen Verlauf deutscher Nachkriegsgeschichte ein großes Talent in eine Politfalle geriet, aus der es nicht unbeschädigt entrann. Am 21. Juni feiert er seinen achtSABINE BRANDT zigsten Geburtstag.

Amerikas Junge Die Lücke zwischen Neil Young und Bruce Springsteen war so klein, dass nur jemand wie Nils Lofgren hineinpasste. Das war für den Knirps Glück und Pech zugleich. Bei beiden durfte er mitspielen – schon mit siebzehn griff er für Youngs „After The Gold Rush“ (1970) pompös in die Tasten –, und von beiden profitierte er; dies gab seiner Karriere auch den Charakter des Geduldet-Lückenbüßerischen und brachte es zwangsläufig mit sich, dass er mit seinen eigenen Sachen kaum zu einer breiteren Öffentlichkeit durchdrang. So überhörte man, dass er den Romantizismus Springsteens, der ihn 1985 in seine E-Street-Band aufnahm, schon vorher auf Lager hatte. Denn die seit 1971 mit der Gruppe Grin und später solo eingespielten, von renommierten Produzenten betreuten Platten handelten von den Themen und wiesen den sentimentalen Zuschnitt auf, mit denen Springsteen groß herauskommen sollte. Bezeichnenderweise klangen hier die Lieder am überzeugendsten, auf denen Lofgren selbst nicht die Leadstimme sang, denn auch hier stand er zwischen Young und Springsteen und schwankte mit seinem dünnen Organ zwischen jungenhafter Verzagtheit und männlicher Rauhbeinigkeit. Dass er es doch zu einem geachteten Musiker brachte, ist seiner entschlossenen Vehemenz und seinen Songschreiberfähigkeiten zu verdanken. Auf der Bühne ritt er spielend Brutalo-Attacken (nachzuhören etwa in der Liveversion von „No Mercy“) und schlug Rückwärtssalti; im Plattenstudio erwarb er sich mit ausgewogenen, von allerlei Prominenz begleiteten Produktionen den Ruf eines zwar nicht sonderlich originellen, aber handwerklich versierten all american boy. Der bleibt er auch über seinen sechzigsten Geburtstag an diesem Dienstag hinaus. edo.

Julia Kristeva, Ulf Merbold, Stephen Frears, Nils Lofgren und Erik Neutsch – dieser in einem Bild von Willi Sitte. Fotos Graeme Robertson, dapd, Wim Beddegenoodts/ Reporters/laif, Getty Images, AKG

Nach den Landungen von Astronauten auf dem Mond dachte man bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa in den siebziger Jahren darüber nach, wie man das Interesse an der bemannten Raumfahrt wachhalten könnte. Die Lösung schien der Übergang zu Routineflügen in den Weltraum zu sein. So entstanden die Raumfähren, deren Ära in diesem Juli mit dem letzten Flug des Space Shuttles „Atlantis“ zu Ende gehen wird. Zur Routine gehörte damals, als es die Internationale Raumstation (ISS) noch nicht gab, dass an Bord der Raumfähren mit einem ebenfalls wiederverwendbaren Weltraumlabor Experimente in Schwerelosigkeit auszuführen sein müssten. Dieses „Spacelab“ samt seinem Nutzlastexperten – Ulf Merbold – lieferte Europa. Als das Spacelab 1983 erstmals mit dem Space Shuttle in den Weltraum gebracht wurde, schlug für den Physiker aus Deutschland die große Stunde. Er war plötzlich nicht nur der erste Astronaut der Bundesrepublik, sondern auch der erste Nicht-Amerikaner bei einem Weltraumflug der Nasa. Unliebsame Fakten wie die Tatsache, dass es damals zwei deutsche Staaten gab und die DDR von der Sowjetunion in Sachen Weltraum gefördert wurde, werden gerne verdrängt; deshalb wird Merbold oft sogar als erster deutscher Raumfahrer genannt. Doch das hat nie gestimmt. Sigmund Jähn aus der DDR war schon 1978 zur sowjetischen Raumstation Saljut 6 geflogen. Merbold und Jähn verbindet nicht nur das Erlebnis des Raumflugs, sondern auch ihre Heimat. Beide wurden im Vogtland geboren. Merbold hatte dort allerdings bald einen schweren Stand. Er war nämlich kein Mitglied der SED und auch kein Mitglied des FDJ. Die Folge war, dass ihm die Erlaubnis zu dem von ihm angestrebten Physikstudium verweigert wurde. Kurzerhand packte der selbstbewusste Merbold seine Sachen und setzte sich – was vor dem Bau der Mauer noch ohne größere Schwierigkeiten möglich war – über Ost-Berlin in die Bundesrepublik ab. Zielstrebig nahm er zeit seines Lebens neue Herausforderungen an, in dem Fall jedoch unter inneren Schmerzen. „Ich bin nicht so gerne weggegangen“, sagte er später dazu in seiner schlichten, bedächtigen Art. Nach dem Physikdiplom und der Promotion an der Universität Stuttgart bekam Merbold eine feste Stelle am Max-Planck-Institut für Metallforschung, worüber er eigentlich zufrieden sein konnte. Aber der berufliche Alltagstrott war ihm zu wenig. Schon bald spürte er den Drang, sich zu verändern. Er studierte den Stellenmarkt in dieser Zeitung, und dabei fiel ihm im April 1977 eine Anzeige der damaligen Deutschen Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt auf, die im Auftrag der europäischen Raumfahrtbehörde Esa Experimentatoren für die erste Spacelab-Mission suchte. Seine Frau sagte ihm, er könne ruhig mal eine Bewerbung schreiben – an einen Erfolg glaubte sie offenbar nicht. Doch von den rund zweitausend Wissenschaftlern, die ihre Unterlagen einreichten, blieben außer ihm bald nur noch der Schweizer Claude Nicollier und der Niederländer Wubbo Ockels übrig, die später auch noch in den Weltraum flogen. Merbold, der einen Berufspilotenschein hat und auf mehr als dreitausend Flugstunden zurückblicken kann, war wohl der Typ Wissenschaftler, den man für die Spacelab-Routine suchte – und der nicht ganz so wie der erste russische Kosmonaut Gagarin oder John Glenn, der als erster amerikanischer die Erde umkreiste, in der Öffentlichkeit glänzen musste. Wie er später einmal gesagt hat, fühlte er sich immer als „verlängerter Arm der Wissenschaft, aus der Wissenschaft heraus“. Das Gefühl, das man im Weltraum habe, sagte er nüchtern, könne man kaum mit der Sprache wiedergeben: „Es ist ein ziemliches Erlebnis vom Allerfeinsten.“ Der elf Tage dauernde Flug mit dem Space Shuttle im Jahr 1983, bei dem er als Nutzlastspezialist die Spacelab-Experimente betreute, blieb nicht sein einziges Weltraumabenteuer. 1992 war er acht Tage lang ein zweites Mal an Bord des Space Shuttle – diesmal bei der „International Microgravity Laboratory“-Mission –, und 1994 nahm er an der europäischen „Euromir“-Mission teil, die 32 Tage dauerte und ihn zur russischen Raumstation Mir führte. Seine Erfahrungen hat Merbold unter anderem als Leiter der Astronautenabteilung des Europäischen Astronautenzentrums in Köln weitergegeben. Im Direktorat für bemannte Raumfahrt im Weltraumzentrum Estec („European Space Technology Center“) der Esa bereitete er schließlich – ganz der Schwerelosigkeitsforschung verschrieben – von 1999 bis 2004 die europäische Beteiligung an der Internationalen Raumstation vor. Am heutigen Montag wird Merbold GÜNTER PAUL siebzig Jahre alt.


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