Page 1

KESA

FLICK WERK ZUR ERLEUCHTUNG WALTER BRUNO BRIx

AUGUST DREESBACH VERLAG


KESA

FL ICK WERK ZUR ERL EUCH T UNG B U D D H I S T I S C H E U M H Ä N G E I N J A PA N

WALTER BRUNO BRIx

AUGUST DREESBACH VERLAG


In den Texten wird in den meisten Fällen der japanische Begriff ‚kesa‘ für den Umhang als solchen verwendet, dazu werden die entsprechenden japanischen Fachwörter für das jeweilige Stück aufgeführt. In Indien wurde der Umhang als kāṣāya bezeichnet, ins Chinesische wurde die Bezeichnung als jiasha transkribiert. In Japan werden die chinesischen Schriftzeichen 袈裟 verwendet. Bezeichnungen aus dem Japanischen sind nach dem Hepburn-System, chinesische nach dem Pinyin-System und solche aus dem Sanskrit nach dem IAST transkribiert. Im Index am Ende der Publikation finden sich japanische, beziehungsweise chinesische Schriftzeichen für Begriffe, die für das Thema relevant sind. Außerdem ein Verweis auf die Seite, auf welcher der Begriff eingeführt wird.


INHALT 09 Vorwort - Petra Hildegard Rösch 10 Wurzeln des kesa 14 Grammatik des Flickwerks 16 Das Nähen und Anlegen des kesa 18 kesa in westlichen Sammlungen 20 Große rechteckige kesa 26 Die Farbe murasaki 34 Ost und West 42 Herkunft der Stoffe für kesa 56 Stoffe aus dem Westen 64 Stoffe aus Japan 82 Kleinere kesa-Formen 102 Bandförmige kesa – yuigesa 114 Weitere bandförmige kesa 120 Ein anderer Blick – Kunst und kesa 130 Index mit Schriftzeichen 132 Literatur 136 Dank


袈裟


Vorwort Petra Hildegard Rösch „Kesa – Flickwerk zur Erleuchtung“ stellt japanische buddhistische Umhänge (kesa) des Museums der Kulturen Basel und verschiedener Privatsammlungen nach Motiven, Formen und Techniken gegliedert dar. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich um kesa des 18. bis 20. Jh. In China wurde das indische Wort kāshāya zu jiasha (袈裟) transkribiert und dies wiederum wurde im Japanischen zu kesa. Der kesa ist nicht nur ein Kleidungsstück, sondern ein komplexes Kommunikationssystem. Ein Kosmos in dem Zugehörigkeit, Rang, Kontinuität, religiöse Praktiken und weltweite Verbindungen die Koordinaten bilden und der sich in Seide, Leinen, Papier, Gold und Silber, Farben, komplexe Webtechniken, Flickwerk und reiche Stoffmuster verzweigt. Ungefähr im 1. Jh. nach Christus entstanden in China die ersten Buddhabildnisse, die uns Auskunft über das Aussehen des frühen buddhistischen Mönchsgewandes geben, das von Indien über Zentralasien nach China und von dort nach Korea und Japan weitertradiert wurde. Früheste Darstellungen in Hanzeitlichen Gräbern, wie dem Grab 1 Mahao, Leshan in der Provinz Sichuan zeigen ein über beide Schultern gelegtes, vor der Brust in weiche, runde Falten fallendes Gewand. Mit zunehmender Verbreitung des Buddhismus in der chinesischen Gesellschaft wurden die indischen dreiteiligen Mönchsgewänder im chinesischen Stil modifiziert. An Skulpturen der Nördlichen Wei-Dynastie (385-535) wie sie in den Höhlentempeln von Yungang und Longmen dargestellt sind, lässt sich die damals übliche Mönchsbekleidung ablesen. Man spricht von Gewändern im chinesischen Stil, da sie nicht, wie bei den indischen Mönchen üblich aus einem Rock (antarvāsas), einem Obergewand (uttarāsaṅga) und einem Überwurf (samghātī) bestehen, eigentlich nur drei verschieden große Stoffteile, wie A. B. Griswold das in seinem Aufsatz in Artibus Asiae 1963 analysierte. Das chinesische buddhistische Gewand dieser Zeit kannte wohl auch einen Rock und ein Obergewand, über welches dann ein Überwurf getragen wurde, aber das Obergewand wurde meist über beide Schultern getragen und auf jeden Fall mit einem Gürtel oder einer Schärpe unterhalb der Brust gebunden. Allein diese Tragweise, die sich besser in die chinesische Gesellschaft einpassen konnte, wurde von chinesischen buddhistischen Mönchen bereits als eine problematische Abweichung von den Regeln des vinaya empfunden, wie der weit gereiste Mönch Yijing (635-713) in seinen Schriften bemängelte.

Mit den Fremdherrschern der kurzen Nördlichen QiDynastie gelangten dagegen 550-577 neue Einflüsse direkt aus Indien nach China und man kehrte mehr oder weniger zu einer orthodoxen Tragweise der drei Gewänder zurück. Dies ist deutlich an den Skulpturen dieser Zeit, Beispielen des Hortfundes des Longxingsi Tempels in der Provinz Shandong zu erkennen. Da sich auf diesen Skulpturen noch Gold und Farbreste erhalten haben, ist klar, dass spätestens ab dieser Zeit der Überwurf, also der eigentliche kesa auch aus verschiedenen Stoffstücken bestehen konnte. Inwiefern sich diese dann wie in Japan je nach Schulrichtung unterschieden und eigene Variationen des kesa entwickelten, ist bisher unklar. Die Loslösung von der Welt spielt eine zentrale Rolle in der buddhistischen Lehre. Dies verdeutlicht das Flickwerk im kesa. Er ist aus kleinen Stücken zusammengenäht; ein unzerschnittener Stoff könnte verkauft werden und würde einen finanziellen Wert darstellen. Angesichts der Bedeutung des kesa im Buddhismus mag die Frage aufkommen, warum sich so viele in Sammlungen im Westen befinden. Im 19. Jahrhundert suchte Japan nach Wegen, sich der westlichen Zivilisation anzupassen und einen eigenen Nationalstaat zu schaffen. Hierzu sah man den indigenen Shintoismus als typisch japanisch an, wohingegen die über China importierte Religion des Buddhismus als fremd galt. So wurden viele Tempel geschlossen, teils zerstört und man entzog ihnen die staatliche Unterstützung. Viele mussten ihre Schätze verkaufen und so eben auch ihre Textilien. Westliche Reisende begannen die schönen Gewebe zu sammeln und so entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein regelrechter Boom, der unter anderem dazu führte, dass kesa eigens für den Export hergestellt wurden. Der Kosmos des kesa ist schier unerschöpflich. Japan hat sich eine sehr lebendige Tradition bewahrt, die sowohl einfarbige dunkle kesa der Zen-Schulen, von den Mönchen und Nonnen selbst hergestellte Gewänder, als auch prachtvolle, mit Gold und prächtigen Mustern in strahlenden Farben erstrahlende kesa umfasst. Die Publikation versucht eine Orientierung zu geben in diesem umfangreichen Universum. Das Buch von Walter Bruno Brix bietet nicht nur eine gute Einführung in den religiösen und rituellen Kontext, in dem diese Gewänder entstanden und gebraucht wurden, es brilliert auch mit seinen detaillierten Beschreibungen der Webtechniken, der Stickereien und seiner Analyse der Entstehungen dieser prachtvollen Gewänder.

09


WURZELN DES KESA

10

In seinen Anfängen in Indien bestand der Umhang der buddhistischen Mönche einfach nur aus einem Tuch, beziehungsweise waren es drei Tücher, in die sich die Mönche hüllten. Als der Buddhismus China erreichte, gehörten die Personen, die ihn als erstes annahmen, zu den höheren Gesellschaftsschichten. Anders als für die Buddhisten in Indien, war für diese Personen eine Bekleidung mit nur drei Tüchern völlig ausgeschlossen. Solch eine einfache und entblößende Kleidung entsprach weder ihrer gesellschaftlichen Stellung noch den vorherrschenden Vorstellungen welche Körperteile bedeckt sein sollten. Der kesa dient im Buddhismus nicht nur der Bekleidung und dem Schutz des Körpers, sondern er ist mit Bedeutungen auf unterschiedlichen Ebenen aufgeladen. Darum verzichteten auch die chinesischen Buddhisten nicht auf den kesa, sondern legten ihn wie eine Stola um die Schultern über ihrer üblichen Kleidung an. Dies wurde später in Japan übernommen, in manchen Schulen mitsamt den chinesischen Gewändern. Ebenfalls übernommen wurde die Dreizahl der Gewänder (Sankrit: tricīvara, japanisch: san e). Im Gegensatz zu Indien wurden nicht mehr alle drei Gewänder gemeinsam getragen, sondern sie wurden jeweils unterschiedlichen Anlässen und Formalitätsstufen zugeordnet. Vermutlich ebenfalls beim Übergang nach China wurde die Oberfläche des kesa in ein systematisches Flickwerk aufgeteilt, bestehend aus hochrechteckigen Feldern, die in senkrechten Bahnen, hier im Weiteren Kolumnen (jō) genannt, zusammen gefasst sind. Allerdings ist der exakte Beginn der Aufteilung des kesa in ein Flickwerk nicht belegt, weder durch den Fund von Figuren, Malerei oder gar Textilien noch in schriftlicher Form.

Aus dem Untergewand antarvāsas, das um die Hüften geschlungen ehemals der Bekleidung des Unterkörpers diente, wurde der einfachste kesa mit fünf Kolumnen, auf japanisch: anda e oder gojō gesa.1 Er wird bei der Arbeit und im Alltag getragen. Aus dem Brusttuch uttarāsaṅga wurde der uttarasō, der kesa mit sieben Kolumnen (shichijō gesa), umgelegt für Lesungen buddhistischer Texte (sūtren) und für Rituale im Tempel. Aus dem Mantel samghātī wurde der sōgyari, ein kesa mit neun Kolumnen (kujō gesa), angelegt bei Feierlichkeiten. Der sōgyari mit neun Kolumnen bildet zusammen mit den sōgyari mit elf bis fünfundzwanzig Kolumnen ein neunstufiges Rangsystem ab, das dem Kaiserhof der chinesischen HanDynastie (206 v. Chr. - 220 n. Chr.) entlehnt wurde.2 sōgyari sind als formellste Gewänder Personen höherer Gesellschaftsschichten vorbehalten. Die ältesten überlieferten kesa werden in Japan im Shōsōin, dem kaiserlichen Schatzhaus und im Tōdaiji Tempel aufbewahrt. Bei einem Teil dieser kesa ist es unmöglich sicher zu sagen, ob sie chinesischen oder japanischen Ursprungs sind. Die meisten sind in einer sehr aufwendigen Nähmethode aus winzigen Stoffstücken gefertigt, bei der eine lebendige, vielfarbige Oberfläche entsteht, die manchmal an Baumrinde erinnert. Für diese shinō genannte Technik wurden Seidenstoffe in unregelmäßig geformte Stückchen geschnitten und in Schichten übereinander gelegt. In engen Abständen parallel gesetzte Nähte verbinden die Stückchen zu einem Stoff.3

Drei Miniaturkesa (ko san e) für die Reise Buddhistische Mönche und Nonnen sollen immer ihre drei Gewänder (san e), also anda e, uttarasō und sōgyari mit sich führen. Die großen kesa wurden jedoch manchmal durch ko san e ersetzt, die einfacher im Gepäck unterzubringen waren. Bis heute gibt es Sets von Miniatur kesa, die zusammen in einer Tasche aufbewahrt und mitgeführt werden. Europa, 2013 verschiedene Gewebe; Seide, Baumwolle, Kunstfasern gesamt ca. 20 x 60 cm Privatsammlung


12

Die sechzehn legendären Begleiter (Sanskrit: Arhat, chinesisch: Luohan, japanisch: Rakan) des Buddha Śākyamuni sitzen vertraut im Gebirge zusammen. Gekleidet sind sie in unterschiedlich farbige kesa, bei denen oft die Nahtstiche erkennbar sind. Die meisten der Rakan tragen ihre kesa, entsprechend der indischen Tradition, auf der bloßen Haut. Einige haben darunter chinesische beziehungsweise japanische Roben angelegt. Die Darstellung der Rakan mit rasiertem Kopf und mit von schweren Ringen ausgedehnten Ohrläppchen ist eine aus China übernommene Tradition, mit der die Fremdheit indischer Weiser und Asketen charakterisiert wird. Identifizierbar sind die Rakan durch ihre Attribute, manchmal durch ihre Begleittiere. Zwei dieser Tiere sind in der Darstellung in eine humorvolle Nebenhandlung eingebunden. Der Tiger des Badara (Sanskrit: Bhadra) beobachtet feixend, wie der kleine Drache auf dem Schoß des Handaka (Sanskrit: Panthaka) gezüchtigt wird. Weitere Rakan sind anhand ihrer Attribute zu identifizieren: Das Räuchergefäß gehört zu Ingada (Sanskrit: Angaja), während Kydakabasha (Sanskrit: Kanakavatsa ) einen Fliegenwedel hält. Zwei weitere Personen sind in der Darstellung zu finden. Im Vordergrund kniet ein knabenhafter Adorant und versteckt hinter einem Felsen steht ein kleiner Dämon (oni), meist Begleiter des Kadaka Baridaja (Sanskrit: Kanaka Bharadvā ja). Japan, um 1900 Holzschnitt, Tusche und Farben auf Papier 27,6 x 18,5 cm

1 Im Japanischen kann der kesa außer mit einem aus dem Sanskrit übertragenen Begriff auch entsprechend der Anzahl seiner Kolumnen (jō) benannt werden. Dies ist vor allem dann sinnvoll, wenn die Anzahl der Kolumnen größer ist als neun, da all diese kesa als sōgyari bezeichnet werden. Bei Zusammensetzungen mit bestimmten vorangestellten Lauten verändert sich das stimmhafte ‚k‘ zum stimmlosen ‚g‘. 2 Kennedy 1991, S. 11ff 3 Vergleiche S.122f.


GRAMMATIK DES FLICKWERKS

14

Die Aufteilung des kesa in Rechtecke mit Bändern dazwischen soll auf folgende Geschichte zurückgehen: Ein König bat den Buddha, seine Anhänger in ein bestimmtes Gewand kleiden zu lassen, damit sie daran erkennbar seien. Der Buddha beauftragte seinen Lieblingsschüler Ananda eine Robe zu entwerfen, nachempfunden den Feldern von Maghada, dem Gebiet, in dem der Buddha lebte. Nach diesem Vorbild ist der kesa ein Rechteck, bestehend aus einem Flickwerk von Feldern, die durch Bänder voneinander abgeteilt sind. Die Felder sind in senkrechten Bahnen angeordnet, im Weiteren Kolumnen (jō) genannt. Waagerechte Bänder (yoko yō) unterteilen die Felder, senkrechte (tate yō) die einzelnen Kolumnen. Die Anzahl der Kolumnen ist immer ungerade und ihre Anzahl bestimmt die Verwendung des kesa. Die Kolumnen bestehen aus einem oder mehreren gleich langen Feldern und jeweils einem kürzeren, halb so langen Feld. Die Anzahl der Felder pro Kolumne erhöht sich mit der Anzahl der Kolumnen. Bei kesa mit fünf Kolumnen (anda e) besteht jede Kolumne aus einem langen und einem halben Feld, bei solchen mit sieben Kolumnen (uttarasō) aus einem halben und zwei langen Feldern. Die kesa mit neun bis fünfundzwanzig Kolumnen (sōgyari) bilden eine eigene Gruppe, die in drei Unterabteilungen zu je drei Arten von kesa aufgeteilt ist. Bei der Gruppe mit neun bis dreizehn Kolumnen bestehen diese meist aus zwei langen und einem kurzen Feld, bei der nächsten Gruppe bestehen sie aus drei langen und einem kurzen Feld, und bei der Gruppe mit einundzwanzig bis fünfundzwanzig Kolumnen aus vier langen und einem kurzen Feld. Allerdings gibt es immer wieder Ausnahmen. Manche kesa wurden im Nachhinein umgearbeitet, so wurden beispielsweise beschädigte Teile oder Kolumnen entfernt und dadurch ihr Aussehen verändert. Vier lange Stoffstreifen umgeben das Innenfeld des kesa als Rahmen (en). Sie sind in den Ecken mit diagonalen Nähten zusammengesetzt und gelten als die vier großen Ozeane, welche die Welt umgeben. Zusätzlich finden sich vier, meist quadratische Applikationen auf dem kesa. Jeweils eine in jeder Ecke (shiten oder kakujō) vertreten sie die vier Wächter der vier Himmelsrichtungen (shitennō, wörtlich: Himmelskönige). Ihre Verteilung ist folgendermaßen: Links oben Tamonten, auch Bishamonten genannt, für den Norden, rechts oben Jikokuten für den Osten, links unten Zōchōten für den Süden und rechts unten Kōmokuten für den Westen. Bei den kesa finden sich zwei ver-

schiedene Arten, die sich aufgrund der Breite des Rahmens und der Art ihrer Applikationen unterscheiden lassen:

KESA MIT BREITEM RAHMEN Bei dieser Art sind die vier Eckapplikationen größer und aufgenäht, bevor man den Rahmen hinzufügt, so dass sie an zwei Seiten unter diesem sitzen. In diesem Fall werden die Applikationen shiten genannt. Sind die shiten aus dem gleichen Stoff genäht, wie der Hauptstoff des kesa, werden sie tomoshiten genannt. Außerdem sind bei vielen kesa mit sieben Kolumnen rechts und links der zentralen Kolumne am oberen Rand zwei weitere Applikationen (niten) zu finden, die als Wächter des Buddha bezeichnet werden. Sie symbolisieren zwei hilfreichen Wesen (Sanskrit: Bodhisattva, japanisch: bosatsu). Auf der rechten Seite Monju bosatsu für Mitgefühl, auf der linken Seite Fugen bosatsu für Weisheit.

KESA MIT SCHMALEM RAHMEN Bei dieser Art kesa sind die vier Eckapplikationen kleiner als bei denjenigen mit breitem Rahmen und meist über dem Rahmen, also nachträglich appliziert. In diesem Fall werden die Applikation kakujō genannt. Sie sind jedoch ebenfalls Sinnbilder für die vier Himmelskönige. Die beiden zusätzlichen Applikationen (niten) rechts und links der zentralen Kolumne entfallen bei dieser Art kesa. Es gibt dafür andere Applikationen, die daiza genannt werden, meist paarweise auftreten und als Unterlagen für die Befestigungsschnüre dienen. Beide daiza sitzen am oberen Rand des kesa, eine auf der Vorderseite, im linken Drittel, das Gegenstück dazu auf der Rückseite im rechten Drittel. Die daiza bestehen meist aus zwei quadratischen Stoffstücken von etwas unterschiedlicher Größe, die übereinander gesetzt sind.4 Bei kesa der Sōtō-Schule bestehen die daiza meist aus einer Stofflage, sind jedoch mit zusätzlichen diagonalen Nähten appliziert oder in einer Art Stepperei mit dicht gesetzten Stichen durchgenäht. daiza kommen bei kesa mit unterschiedlich vielen Kolumnen vor, niten jedoch nur bei kesa mit sieben Kolumnen.


Jeder Teil des kesa hat seine eigene Bedeutung und als Ganzes kann er als abstraktes Mandala (Universum in buddhistischer Vorstellung) gesehen werden. In verschiedenen Schulen ist die Interpretation der Aufteilung des kesa als Mandala höchst komplex ausgearbeitet. Beispielweise finden sich in Schriften der Sōtō-Zen-Schule exakte Pläne, die zeigen, welche Wesenheit beziehungsweise welcher Bestandteil eines Mandala mit welchem Abschnitt des kesa identifiziert wird.5 Der Träger wird Teil des Mandala, indem er die Position der Achse der Welt einnimmt, wenn er sich in den kesa hüllt. Die exakte Aufteilung des Flickwerks ist strengen Regeln unterworfen. Beispielsweise sollen alle Querbänder in den Kolumnen jeweils auf der gleichen Höhe sitzen. Wie oben beschrieben sind weder die Breite des Rahmens noch die Größe der Applikationen frei wählbar, sondern Teil eines den ganzen kesa umfassenden Systems, das von der Anzahl der Kolumnen, aber auch der jeweiligen Schule abhängig ist. Welche Formen des kesa welchen Schulen zuzuordnen sind, muss noch genauer untersucht werden.

4 5

Kennedy 1991, S. 30 Faure 1995, S. 369.

15


DAS NÄHEN UND ANLEGEN DES KESA

16

In den Ordensregeln finden sich genaue Angaben zur Herstellung des kesa.6 Außer bei den Sōtō-ZenBuddhisten, werden die kesa der anderen Schulen von Handwerkern (kesa shi) in Ateliers gefertigt. Diese sind in vielen Fällen mit Webereien kombiniert, in denen die kostbaren Seiden hergestellt werden. Der Verkauf findet in Spezialgeschäften statt, in denen außer den kesa auch andere Teile der Kleidung sowie Ritualwerkzeuge, Räucherwerk und das gesamte Dekorum für den Tempel erworben werden kann. Die Teile des kesa sind mit einem besonderen Stich zusammen genäht. Es handelt sich um einen punktförmigen Rückstich (kaeshi nui). Diese Nähtechnik erzeugt eine besonders stabile Naht. Selten findet der einfache Vorstich Verwendung. Die Stiche des kaeshi nui sollen aussehen wie eine gleichmäßige Reihe kleiner Perlen jeweils in einem Abstand der der Dicke eines Reiskorns (2-3 mm) entspricht. Der Einstich ist immer leicht diagonal hinter dem Ausstich und erstreckt sich über mehrere Kettund Schussfäden des Gewebes. So können die einzelnen Gewebefäden durch die Nahtstiche nicht reißen. Im Sōtō-Zen ist das Zuschneiden und Nähen des kesa Teil der religiösen Praxis. Die Herstellung regelgerechter kesa (nyohō) wird durch gemeinsames Nähen überliefert. Zu jedem Stich wird ein Mantra gesprochen oder gedacht: ‚namu kie butsu‘ (etwa: ‚Ich vertraue mich dem Buddha an‘). Dabei wird das Nähen in drei Phasen zerlegt: Beim Einstechen der Nadel ‚namu‘, beim Ausstechen der Nadel ‚kie‘ und beim Durchziehen des Faden ‚butsu‘. Dieses Mantra soll die Konzentration beim Nähen fördern und andere Gedanken fernhalten. Für die Art und Weise wie die Felder zu Kolumnen verbunden werden und die Kolumnen wiederum untereinander, gibt es unterschiedliche Lösungen: Bei der chōyō e Methode sind die Felder und die Bänder aus separaten Stoffstücken geschnitten und zusammengesetzt, wobei die Bänder stets über die Felder gesetzt werden. Bei der kassetsu e Methode werden die Bänder dadurch gebildet, dass sich die Felder beziehungsweise Kolumnen überlappen.

6

Ṭhānissaro Bikkhu 2009, S. 10ff.

Bei manchen kesa wurde der Stoff nicht zerschnitten, sondern stattdessen ganz kleine Falten eingekniffen und festgenäht, so dass der Eindruck entsteht, der kesa wäre aus einzelnen Teilen zusammen genäht. Die Methode mit den eingekniffenen Falten ist teilweise daran zu erkennen, wie sich die Muster einer Stoffbahn über bestimmte Partien des kesa hinweg erstrecken. Oft sind bei genauerer Betrachtung die drei bis vier Stoffbahnen auszumachen, aus denen der Mittelteil des kesa, also der Teil ohne den Rahmen, zusammengenäht wurde. Ein kesa mit einem durchgehenden Bild wird als Bildkesa (e kesa) bezeichnet. Besonders aufwändige e kesa entstehen, wenn das geplante Bild in viele verschiedene Stoffteile mit entsprechenden Nahtzugaben einwebt wurde und das gesamte Motiv erst beim genähten kesa sichtbar wird. Eine einfachere Version bilden e kesa, auf denen die Nähte oder sogar die Bänder über dem gewebten, gestickten oder auch gemalten Bild als applizierte Schnürchen dargestellt sind. Das Tragen des kesa erfordert eine bestimmte Körperhaltung, die Hände liegen übereinander auf der Brust und die Ellbogen werden seitlich angelegt. Dies soll die innere Haltung und das Bewusstsein verändern. Im kesa soll der Träger keine unbedachten Bewegungen machen und dem Gewand als Symbol für die buddhistische Lehre Respekt bezeugen. Auch soll der kesa nicht auf dem Boden abgelegt oder unachtsam behandelt werden.


Sōtō Zen Buddhisten rezitieren vor dem Anlegen die kurze kesa sūtra: 大哉解脱服 無相福田衣

Dai sai gedappuku

披奉如來教

hi bu nyorai kyo

廣度諸衆生

ko do shoshu jo

Musō fuke den e

Großes und unendliches Gewand der Befreiung Formloses Gewand des Feldes unbegrenzten Glücks Wir kleiden uns in des Buddhas Lehren Um allen fühlenden Wesen zu helfen


kesa in westlichen Sammlungen

18

In den Museen, aber ebenso in privaten Sammlungen finden sich immer wieder kesa. Teils sind sie nicht identifiziert und werden als Überwürfe, Tischdecken oder einfach als Patchwork aufgeführt. Es stellt sich die Frage, wie die kesa in Sammlungen gekommen sein mögen, sind sie doch eigentlich religiöse Gewänder und Teil des Tempelschatzes. Die Beweggründe der Sammler sind einfach zu verstehen. kesa bestehen aus kostbaren und technisch aufwendigen Stoffen. Die Gestaltung der Muster ist raffiniert und ungewöhnlich. Sie wurden als exotisch empfunden und oft dienten die Sammlungen Künstlern als Inspiration, wurden aber auch für die Produktion von Textilien verwendet. Private Sammler oder deren Nachkommen übergaben die kesa an Museen, weil die Aufbewahrung der Textilien aufwendig und teuer ist. Manche Museen, wie das Museum der Kulturen Basel (MKB) legten selbst umfangreiche und breit gefächerte Studiensammlungen an.

Teil der buddhistischen Selbstdarstellung unverzichtbar. Umso erstaunlicher erscheint es, wie viele kesa in westlichen Sammlungen zu finden sind. Im 19. Jahrhundert sah sich Japan tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt, die durch die Begegnung mit dem Westen ausgelöst worden waren. Dazu gehörte eine Phase, in der der Buddhismus als unjapanisch, weil importiert und zudem als rückwärtsgewandt betrachtet wurde. Es wurde versucht, ein Verbot durchzusetzen und vielen Tempeln wurde die staatliche Unterstützung entzogen, so dass sie selbst für ihren Weiterbestand zu sorgen hatten. Wertvolle Objekte aus dem Besitz der Tempel mussten veräußert werden – so auch Figuren, Kultgeräte und Textilien. Die kesa erwiesen sich bei den Sammlern als so gesuchte Textilien, dass einige Händlern sogar extra kesa angefertigten ließen, um der Nachfrage gerecht zu werden.7

In Japan stellen die Gewebe (kinran, ginran, kinshi, ginshi, nishiki, karaori, atsuita, monsha und andere), aus denen kesa gefertigt werden, einen Höhepunkt der Seidenstoffe mit gewebten (und teilweise zusätzlich gestickten) Mustern dar. Sie waren kostspielig und mit ihren bunten und goldglänzenden Mustern als

Das Skizzenblatt zeigt Fragmente von Szenen, vermutlich die Darstellung einer Prozession. Eine Gruppe von drei Mönchen unterhält sich angeregt, vielleicht über die Person, die in dem angedeuteten Ochsenwagen gerade angefahren kommt. Im Vordergrund sitzen zwei weitere Priester, die ebenfalls gestenreich etwas kommentieren. Die Skizze zeigt den Ochsen und einen Teil des Wagens, sowie einen Ausschnitt der Deichsel. Isoliert davon ist zusätzlich der Kopf eines sōhei, eines Kriegermönchs dargestellt. Seit dem 9. Jahrhundert waren diese für die Bewohner Kyotos ein gefürchteter Anblick geworden. Auf charakteristische Weise hat er seinen yokogesa (eine besonders schmale Form des kesa, zum Vergleich: Nr.1.2.2) um den Kopf geschlungen. Japan, 19. Jahrhundert Tusche auf Papier 20,7 x 13,5 cm

7

Vergleiche S.66f


Grosse, rechteckige kesa

20

Sein Ursprung als drapierte Kleidung wird in der rechteckigen Form des kesa deutlich. Das Rechteck war ehemals Teil einer Stoffbahn und wurde um die Hüften bzw. die Schultern geschlungen. Selten weicht die Form vom Rechteck ab, wie bei den kesa mit geschwungenem oberen Rand. Eventuell sollte diese Form das Drapieren vereinfachen. Die Oberfläche ist immer in das charakteristische Flickwerk aufgeteilt. Bei vielen japanischen kesa ist dies kaum erkennbar durch die Verwendung von gemusterten Stoffen. Die Muster sind meist von hoher visueller Dichte mit einem geringeren Breiten-Rapport als in der Höhe, also die Muster sind höher als breit. Auch ihre Gestaltung mit ineinander verwobenen Drachenmedaillons, Blüten und verstreuten Schätzen ist darauf ausgerichtet, das Flickwerk weniger deutlich werden zu lassen. Viele Muster spielen mit verschiedenen Ebenen und die Objekte sind in unterschiedlichen Größen dargestellt. Meist wurden nur die Eckapplikationen (shiten) und die beiden Applikationen am oberen Rand (niten) durch einen anderen Stoff hervorgehoben. Für diese Applikationen wurden oft ältere Stoffe, meist Reste von kesa verwendet. Die gemusterten Stoffe für kesa haben ihre Wurzeln in China. Zwei Gewebearten sind oft bei kesa zu finden: nishiki und kinran. Bei kinran handelt es sich um ein komplexes Gewebe mit Mustern, die mit vergoldeten Papierstreifen (kin hirahaku) als Musterschussfäden eingewebt sind. Eine Variante davon ist ginran mit versilberten Papierstreifen (gin hirahaku). Oft sind diese metallisierten Papierstreifen im Gewebe kombiniert mit weiteren Musterschussfäden aus farbiger Seide. Dann spricht man von nishiki. Manchmal übersetzt mit dem veralteten Begriff ‚Brokat‘. Im Japanischen wird noch unterschieden, ob die Musterschussfäden mit einer zusätzlichen Kette (betsu garami) oder den Grundkettfäden (ji garami) gebunden sind.


kesa mit Lotosmuster Dieser kesa ist der älteste in der Sammlung des Museum der Kulturen Basel. Verschiedene Anhaltspunkte erlauben eine Datierung ins 18. Jahrhundert, eventuell sogar früher. Dass die genaue zeitliche Einordnung bei kesa oft schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, liegt daran, dass manche Muster über Jahrhunderte hinweg unverändert gewebt wurden. In der frühen Zeit blieben die japanischen Muster und Webtechniken teilweise so nah am chinesischen Vorbild, dass die Entstehungszeit sowie die Herkunft des Stoffes, beziehungsweise des kesa unklar bleibt. Das dichte goldene Rankenmuster mit Lotosblüten, -blättern und -knospen auf einem dunkel grünlichblauen Grund unterscheidet sich kaum von den chinesischen Vorbildern. Der Name der Mustergruppe – karakusa – bedeutet wörtlich: ‚Ranken im Stil der Tang-Zeit‘ (618-907) und die Bezeichnung benennt vor allem Rankenmuster chinesischen Ursprungs. Sehr schmale vergoldete Papierstreifen (kin hirahaku) sind für das Muster eingewebt worden. Die geringe Breite der Papierstreifen spricht wie auch die Nähe des Musters zu den chinesischen Vorbildern für eine frühe Datierung des Stoffes. Das Blattgold ist von guter Qualität und hat seine Strahlkraft größtenteils bis heute behalten. An besonders beanspruchten Partien ist das Metall jedoch abgerieben und teilweise wird der gelbliche Kleber beziehungsweise der weiße Papiergrund sichtbar.

Die Zuordnung von kesa zu bestimmten Schulen aufgrund der Aufteilung ihres Flickwerks und des verwendeten Materials muss noch gründlich untersucht werden. Allerdings sind bereits einige Anhaltspunkte bekannt. Beispielsweise sind kesa der Shingon-Schule meist aus besonders prächtigen, mit Gold gemusterten Seiden hergestellt. Ein weiteres Merkmal der kesa dieser Schule, allerdings nicht ausschließliches Kennzeichen, ist der geschwungene obere Rand, wie er ähnlich bereits vor ca. 700 Jahren in Japan und China verbreitet war.8 Im Laufe der Zeit wurde die Seide des kesa brüchig und es entstanden Fehlstellen. Um ihn zu erhalten und die Fehlstellen zu kaschieren, wurde die zweite Kolumne von links entnommen und deren Stoffteile unter die Fehlstellen gesetzt. Die beiden senkrechten Bänder (tateyo) rechts und links der nun fehlenden Kolumne wurden zusammen genäht, so dass der kesa nur noch sechs anstatt der üblichen sieben Kolumnen hatte. Anschließend wurde der Stoff mit einer ehemals rosafarbenen Taftseide unterlegt, auf die er fest genäht wurde. Ob es sich dabei um ein ursprüngliches Futter handelt, ist fraglich. Bei der Restaurierung 2014 wurden die Stoffstücke der siebten Kolumne wieder zusammen gesetzt und die ursprüngliche Form rekonstruiert.

shichijō gesa, uttarasō vermutlich Japan, 18. Jahrhundert oder früher Oberstoff: betsugarami kinran: Lampas, Grund: 2Z1 Kettköper, Muster: 1Z3 Köper Grundkettfäden: Seide, 2 Garne mit leichter S-Drehung (jeweils X-Enden ohne erkennbare Drehung), dunkel türkisblau, 36 pro cm Haltekettfäden: Seide, weiß, dünn, 12 pro cm Verhältnis Grundkette zu Haltekette: 3 zu 1 Grundschussfäden: Seide (X-Enden), dunkelbraun/schwarz, 18 pro cm Musterschussfäden: vergoldete Papierstreifen (kin hirahaku), 18 pro cm Futterstoff: nicht vorhanden Länge linke Seite: 121 cm, Länge rechte Seite 104 cm, Breite 208 cm MKB, 1998 Geschenk von Peggy Pestalozzi, 1910-25 gesammelt von den Großeltern, IId 13376

8

Viele historische Beispiele dieser Form sind zu finden bei: Yamanaka 2010

23


kesa mit Vögeln und Blumen

24

kesa mit neun Kolumnen (sōyari), wie dieser, sind wesentlich seltener als solche mit sieben (uttarsō). Sie sind Personen höheren Standes vorbehalten und werden vornehmlich bei Festlichkeiten getragen. Der kesa hat einen schmalen Rahmen und entsprechend sind die Eckapplikationen (kakujō) wie bei diesem Typus üblich, über dem Rahmen appliziert und nicht darunter, wie bei den meisten kesa mit breiten Rahmen. Außerdem befindet sich am oberen Rand der dritten Kolumne von links eine Applikation (daiza) aus zwei übereinander gesetzten Quadraten als Unterlage für ein Befestigungsband auf der Vorderseite. Das Gegenstück ist auf der Rückseite oben hinter der zweiten Kolumne von rechts zu finden. Als Befestigung ist jeweils eine Schlaufe aus einem geflochtenen Band aus hell türkisblauer Seide aufgenäht. Im Muster sind Drachen und mythologische Vögel (hōō) in Medaillon-Form kombiniert. In dieser Kombination gelten sie als Symbol für das weibliche Prinzip, außerdem stehen hōō-Vögel für Ehrlichkeit und Loyalität. Bei diesem kesa gab es ursprünglich zusätzlich dunkelbraune Musterfäden, die durch Eisenmordant, einem aggressiven Färbehilfsmittel, zersetzt wurden. Darunter blieb teilweise noch der ehemals kräftige rote Farbton des Hintergrunds erhalten. Die Musterschussfäden aus farbiger Seide sind durch die Benutzung mit der Zeit ausgedünnt und wirken deshalb ein wenig wellig. Zusätzlich zur Seide sind für die Muster glatte Papierstreifen mit einer dünnen Silberschicht eingewebt worden. Heute ist das Silber oxidiert und teilweise abgerieben. Sicherlich bildete das Metall im ursprünglich glänzenden Zustand einen wesentlich stärkeren Kontrast zur Farbe des Grundstoffs als heute.

kujō gesa, sōgyari Japan, 19. Jahrhundert Oberstoff: betsugarami nishiki, Lampas; Grund: 4Z1 Kettsatin; Muster: 1S3 Köper Grundschussfäden: Seide, mehrere Fäden (leicht S-gedreht) leicht S miteinander verdreht Haltekettfäden: Seide, weiß, dünn Grundschussfäden: Seide, 14 pro cm Musterschussfäden: Seide, etwas ausgedünnt, Grüntöne, Blautöne, verblichene Rottöne, Weiß, Gelb; gin hirahaku; 14 pro cm Futterstoff: leinwandbindige, hellrosafarbene Seide Länge 107 cm, Breite 181 cm MKB, 1962 Geschenk von Dr. Alice Keller (1896-1992), Basel, IId 5605


Die Farbe murasaki

purpur-violett

Das Flickwerk des kesa führt sinnfällig vor Augen, dass der Träger dieses Umhangs sich von der Welt abgewandt hat. Ausführliche Abschnitte in den buddhistischen Schriften erläutern die Bedeutung von Farben, Stoffen, Materialien und Macharten des kesa. Die Vorschriften gilt es einzuhalten, soll der kesa als regelgerecht (nyohō e) gewertet werden. Aber nicht nur der spirituelle Gehalt des kesa wird dargelegt, sondern zusätzlich die Regeln, wer was wann tragen darf. Die Regeln für den kesa gründeten sich auf Traktate über die Vorschriften für das Klosterleben (Sanskrit: vinaya). Vor allem die Shingon- und die Zen-Schulen legten Wert auf eine Definition der Regeln.9 26

Wenn Personen von hohem Stand sich als Buddhisten zurückzogen, behielten sie gewisse Vorrechte, wie die Benutzung von luxuriösen Stoffen in kostspieligen Farben. Dies trug zu Veränderungen von Regeln betreffend der Materialien und Farben von kesa bei. Ein Beispiel hierfür ist die Farbe murasaki (purpurviolett). Es war das Vorrecht des Kaisers und höchster Adeliger, diese kostbare und luxuriöse Farbe zu tragen, welches sie selbstverständlich nicht aufgaben, wenn sie als buddhistische Laienmönche (nyūdō) offiziell auf ihre Ämter und Funktionen verzichteten. Zur Farbe murasaki ist grundsätzlich zu sagen, dass im deutschen Sprachgebrauch Farbtöne, die näher am Rot liegen als ‚Purpur‘ bezeichnet werden, während solche näher am Blau als ‚Violett‘. Der Ton der japanischen Farbe murasaki ist dunkel und stand anfangs zwischen Purpur und Violett. Seit der Edo-Zeit (1603-1868) wird ein eher bläulich-violetter Ton als murasaki bezeichnet. In Japan wird ein großes Spektrum an violetten und purpurfarbenen Tönen unter Verwendung der Wurzeln des blauroten Steinsamens (Buglossoides purpurocaerulea, japanisch: shikon) in einem aufwendigen Verfahren gefärbt.

9

Riggs 2007, 12, p. 87ff.

Bereits im Jahre 603 wurde unter der Regierung von Kaiserin Suiko (554-628) bestimmt, dass die jeweilige Stofffarbe von Kopfbedeckung und Kleidung die zwölf höfischen Ränge kennzeichnen sollte. Zu dieser Zeit wurde murasaki als wichtigste Farbe eingesetzt. Ein sehr dunkler, fast schwarzer Ton, kokiiro oder kokimurasaki, nahm die oberste Stufe ein. Gewänder in murasaki als Zeichen für einen besonders hohen Rang (beispielsweise kokushi 国司 ‚Meister des Landes‘) wurden des Weiteren verliehen, um Äbte bestimmter Tempel zu ehren. Die Verleihung war das Privileg des Kaisers. Zusätzlich waren damit steuerliche Vergünstigungen für den Tempel verbunden. Über dieses Vorrecht des Kaisers kam es im 17. Jahrhundert zu einem Streit zwischen dem Shogunat und dem Kaiser, in den sich auch hochrangige buddhistische Äbte einmischten. Um die Selbstständigkeit und Machtfülle der buddhistischen Klöster zu beschränken, gab die Shogunat-Regierung 1613 eine Richtlinie heraus, nach der die Verleihung von violetten Gewändern und damit der höchsten Ränge in Zukunft nur in Absprache mit dem Shogun vorgenommen werden durfte. Als jedoch Kaiser Gomizunō (1596-1680) weiterhin ohne Absprache Gewänder in murasaki verlieh, zog das Shogunat im Jahre 1627 diese Gewänder ein und erklärte die entsprechenden Ränge für ungültig. Dies war für den Kaiser ein solcher Affront, dass er abdankte. Erst nach dem Tod des zu jener Zeit amtierenden Shoguns konnten die Kaiser wieder Gewänder in murasaki verleihen. In den Überlieferungen zu dem ‚Vorfall der violetten Roben‘ (shie chokkyo jiken 紫衣勅許事件) wird nur von ‚Gewändern‘ (japanisch: 衣 ‚e‘) gesprochen. Mit diesem Schriftzeichen werden neben anderen Gewandformen (wie koromo oder hoe) auch kesa bezeichnet und damit bleibt unklar, wann es sich dabei um kesa oder um andere Gewandformen handelt.


02


kesa in murasaki mit Chrysanthemen Bisher konnte nicht geklärt werden, bis zu welchem Zeitpunkt murasaki-farbene Gewänder als Rangzeichen nach dem 17. Jahrhundert vom Kaiserhaus verliehen wurden.10 In der buddhistischen Welt sind murasaki-farbene kesa allerdings bis heute ein Symbol für Respekt und werden von altehrwürdigen und hochstehenden Persönlichkeiten getragen. Der kesa mit gestickten Chrysanthemen ist aus einer einfarbigen Rips-Seide genäht. Das qualitativ hochwertige Gewebe wurde mit dicht gesetzten, feinen Kettfäden über dickeren Schussfäden in Leinwandbindung erzeugt. Zuerst wurde das Flickwerk des Innenfelds des kesa zusammen genäht und anschließend mit Reihen von stilisierten Chrysanthemenblüten bestickt. Die Rahmenteile hingegen waren bestickt, bevor sie an den kesa angesetzt wurden. Dies wird daran deutlich, dass die Chrysanthemen in den Ecken durch die diagonalen Nähte getrennt sind. Insgesamt sind sechs waagrechte Reihen zu je elf Chrysanthemen auf den kesa gestickt. Die strenge Ausrichtung der Motive macht es schwierig zu erkennen, dass der kesa auf der linken Seite eine tiefe Falte aufweist, die oben im Rahmen festgenäht wurde. Durch die Falte wiederum ist es unmöglich die Anzahl der Kolumnen festzustellen, wenn sie nicht geöffnet wird. Vermutlich hatte die Falte mit der Art zu tun, wie der kesa getragen wurde. kesa mit gestickten Mustern sind seltener als solche mit gewebten. Im Gegensatz zu den chinesischen kesa (chinesisch: jiasha), bei denen gestickte Muster meist auf die jeweiligen Felder beschränkt bleiben, tendieren japanische Stickmuster dazu, sich ohne Rücksicht auf die Flickwerk-Aufteilung wie ein Bild

über den ganzen kesa hinweg zu erstrecken. Obwohl die strengen Reihen der Blüten bei diesem kesa nicht wie ein Bild erscheinen, nimmt ihre Ausrichtung keine Rücksicht auf die Aufteilung des Flickwerks. Genau genommen handelt es sich also um einen Bild-kesa (e kesa). Insgesamt sind die Blüten in ihrer Anzahl und Verteilung auf die Gesamtgröße des kesa mit geschlossener Falte abgestimmt. Die Ausführung der Stickerei ist aufwendig und sorgfältig. Damit die einzelnen Blütenblätter ein gewisses Relief aufweisen, wurden sie mit dicken Fäden unterlegt. Die darüber gestickten Goldfäden (kin yorihaku) verdecken diese Unterpolsterung. Die Goldfäden sind für jedes Blatt in exakter Ausrichtung der Schussfäden des Grundgewebes hin und her geführt und mit einem dünnen Seidenfaden fest gehalten. Selbst für die winzigen, in den Zwischenräumen der Blütenblätter hervorlugenden Blattspitzen einer dahinterliegenden Reihe von Blütenblättern wurde jeweils ein eigener Faden wenige Male über kurze Distanz hin und her geführt. Zusätzlich sind Stiche mit violetter Seide in Zickzack-Reihen über die Goldfäden gesetzt, um die Stickerei wie ein gewebtes Muster erscheinen zu lassen. Ähnliche Stickereien mit Chrysanthemenblüten finden sich im Textil Museum von Kawashima in Ichihara nördlich von Kyoto. In den Werkstätten von Kawashima11 wurden hochwertige Gewebe und Stickereien in traditionellen und modernen Techniken gefertigt, mit denen beispielsweise Säle im Palast des Meiji-Kaisers (1868-1912) mit Vorhängen und gepolsterten Sitzen nach westlichem Vorbild ausgestattet wurden. Auch ist die Art der Befestigung ist bei diesem kesa ungewöhnlich. Auf der Vorderseite ist

shichijō gesa, uttarasō Japan, 19. Jahrhundert, oder früher Oberstoff: leinwandbindiges Ripsgewebe, bestickt in Anlegetechnik Seide, Papier, Blattgold gewickelt um eine Seidenseele (kin yorihaku) Futterstoff: tamamushi habutae Länge ca. 110, Breite 140 cm MKB, 2014 Ankauf FMB, ex Sammlung Charles Arsène Henry, IId 15574

29


30

ein rechteckiges Feld nahe der Mitte aufgenäht. Der untere, quadratische Teil hängt lose, der obere Teil wurde zu einem schmalen Band gefaltet und zusammen genäht. Am Ende des Bandes ist ein Knebel angebracht, der in eine kleine Öse hinten am Band eingeknöpft wird, um eine große Schlaufe zu bilden. Auf der Rückseite ist eine weitere, aus Futterstoff genähte Schlaufe angebracht. Mit Hilfe von zusätzlichen Bändern konnte der kesa angelegt und festgeknotet werden. An der Stelle, an der die Befestigung auf der Vorderseite sitzt, fehlen vier Chrysanthemen im Muster, dafür wurde eine Blüte auf den lose hängenden quadratischen Teil gestickt. Damit der lose Teil beim Tragen nicht zu sehr flattert, sind die beiden unteren Ecken beschwert. Dazu wurden aus Draht geformte, fünfblättrige Blüten (vermutlich Pflaumenblüten) appliziert. Der schwere Draht ist mit violettem Seidengarn umflochten. Die gestickten Chrysanthemen erinnern stark an das Wappen der kaiserlichen Familie, wobei ähnliche Wappen auch an Tempel verliehen wurden. Hohe buddhistische Äbte zeichnete der Kaiserhof mit einem Rang aus, der mit dem Vorrecht verknüpft

war murasaki-farbene Gewänder tragen zu dürfen. Welche Bedeutung die Farbe bei diesem kesa hat und ob die Chrysanthemen als Wappen oder als Muster zu verstehen sind, gilt es noch zu erforschen. Dies gilt auch für die eingenähte Falte und die ungewöhnliche Ausführung der Befestigung. Als Futterstoff dient eine ebenfalls violette Seide, die aus feinen blauen Kett- und roten Schussfäden in Leinwandbindung gewebt ist. Dies resultiert in einem violetten Gewebe mit Changée-Effekt, auf japanisch tamamushi. Das Wort benennt ursprünglich die in irisierenden Farben schimmernden Goldlaufkäfer. Der kesa stammt aus der Sammlung von Charles Arsène Henry (1881-1943), der von 1937 bis 1941 als Botschafter Frankreichs in Japan tätig war. Seine umfangreiche Sammlung von kesa und nō-Gewändern ist in einem Katalog veröffentlicht.12

Ein violetter kesa mit einem gestickten Muster von Chrysanthemenblüten in Reihen wurde laut mündlicher Überlieferung der Familie dem Außenminister Aoki Shūzō (1844-1914) der Meiji-Zeit (1868-1912) verliehen. Jener kesa ähnelt diesem hier stark. Als Grundstoff wurde eine Seide verwendet, die vermutlich aus dem Gewand einer adligen Dame stammt. Die Ergebnisse der zur Zeit laufenden eingehenden Untersuchung sollen baldmöglichst veröffentlicht werden. 11 Kawashima orimono wurde Ende 19. Jahrhundert von Kawashima Jimbei II gegründet, der auf einer Reise in Europa neue Textiltechniken studierte und diese in seiner eigenen Manufaktur einsetzte und weiter entwickelte. Kawashima arbeitete für das Kaiserhaus, entwickelte aber auch immer weiter moderne Stoffe für die Inneneinrichtung. Heute werden in einer großen Fabrik modernste Gewebe für die Bestuhlung von Flugzeugen gefertigt, in der Manufaktur webt man die weltweit breitesten Bühnenvorhänge in einer Abwandlung der Schlitzwirkerei und feine Seidengewebe mit goldenen Mustern für die breiten obi-Gürtel zum Kimono. Außerdem hat Kawashima eine Webschule nach dem Vorbild des deutschen Bauhauses angeschlossen, in dem traditionelle japanische Textiltechniken vermittelt werden. 12 Tapisseries et Soieries Japonais, 1941, Paris-Tokio. Abgebildet findet sich dort auf S. 81 ein ähnlicher kesa mit einem allerdings eingewebten Muster von Chrysanthemen in Reihen. 10


31


murasaki yoko-gesa Diese schmale Form des kesa (yoko gesa) wird um den Leib gewickelt getragen, einzig das lange Band läuft über die linke Schulter. In das Grundgewebe aus murasaki-farbener Seide ist ein Muster von weißen Blütenmedaillons eingewebt. Beim Zusammennähen wurde darauf geachtet, dass die Blüten bei den diagonalen Nähten in den unteren Ecken des Rahmens genau zusammenpassen. Der Musterabstand (Rapport) bestimmte also die Breite des kesa. Eine Inschrift auf dem weißen Seidendamast des Futters macht den kesa zu einem interessanten Dokument: Der Inschrift lässt sich entnehmen, dass der Mönch Suzuki Hironobu im 13. Jahr seines Amtes (das nicht näher bezeichnet wird) den Zeremonien seiner Ernennung zum Mönch und seines Klostereintritts mitsamt den vorhergehenden Untersuchungen gedenkt.

Die violette Grundfarbe könnte mit dem Rang des Mönchs zusammenhängen. Von den Umwälzungen durch die Öffnung des Landes, die Japan seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte, waren auch die buddhistischen Tempel betroffen. 1872 wurde der religiöse Status aller Mönche aufgehoben. Sie mussten sich als Laien registrieren lassen und waren nun wie alle anderen Bürger den Gesetzen unterworfen. 1896 schlossen sich Vertreter verschiedener buddhistischer Schulen zu einer Gruppierung unter dem Namen Shoshū Dōtoku Kaimei – Allianz der buddhistischen Schulen zur Wahrung der Ethik zusammen. Es wurden Akademien gegründet, häufig am Ort ehemaliger Tempel. Nach deren Absolvierung wurde ein Mönch bestätigt und erst dann durfte er seinen Dienst im Tempel antreten.

32

鈴木弘宣当十三年 - Suzuki Hironobu tō sanjūnen

Suzuki Hironobu, im dreizehnten Jahr seines Amtes (1918)

明治三十九年九月十三日得度調査 - Meiji sanjūkunen, kugatsu, jūsannichi tokudo chōsa

Meiji 39. Jahr (1906), 9. Monat, 13. Tag; vorhergehende Untersuchungen zur Ernennung zum Mönch

同年同月十五日得度式免許 - Dōnen dōgatsu jūgonichi tokudoshiki tokudo menkyo

im selben Jahr, im selben Monat, 15. Tag; zeremonielle Genehmigung des Kloster-Eintritts

同年同月十六日度牒並堂班許状下付 - Dōnen dōgatsu jūrokunichi dochō narabi ni tōhan kyodō kafu

im selben Jahr, im selben Monat, 16. Tag; Überreichung der Ernennungsurkunde als Mönch und Bestätigung des Rangs im Tempel

gojō gesa, anda e, yoko gesa Japan, vor 1918 Oberstoff: komplexes Gewebe mit zusätzlichen Musterschussfäden, Grund Kettköper; Seide Futterstoff: Seidendamast; Einlage aus Papier Länge 40 cm, Breite 108,5 cm Privatsammlung


Ost und West

34

Die ersten beiden kesa dieser Gruppe sind mit wuchtigen Phantasieblumen zwischen üppigen Blättern gemustert. Die Motive atmen das typische Flair des 19. Jahrhunderts im Westen – schwer, opulent, detailreich, mit bewegten Konturlinien, um die Muster noch beeindruckender zu machen. Eine botanische Bestimmung der Blüten und Gewächse läuft ins Leere, alle möglichen Pflanzen und Früchte scheinen gemischt, ebenso lässt sich keine eindeutige Wuchsrichtung oder eine logische Abfolge in der Zusammenstellung der einzelnen Komponenten ausmachen. Insgesamt erinnern die Stoffe an jene aus Inneneinrichtungen der Gründerzeit im Westen, die auch die Inspiration für die Muster gewesen sein dürften. Doch liegen die Ursprünge der Muster der westlichen Stoffe wiederum im Osten. Es handelt sich um Interpretationen exotischer Muster der Chinoiserie-Bewegung des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstanden in Frankreich, Italien und Großbritannien die sog. bizarren Seiden. Sie werden bizarr genannt, weil ihre Muster oft abstrakt wirken und sie in für die damalige Zeit gewagten Farbstellungen gewebt sind. Da den europäischen Webern und Musterzeichnern ein Teil der Stoffmuster aus China und Japan, die als Vorbild dienten, unbekannt und unverständlich blieb, interpretierten sie diese neu. Viele Motive auf den bizarren Seiden sind so abstrakt, dass bis heute nicht entzifferbar ist, was dargestellt wurde. Dies war jedoch wohl Teil der gewünschten Ästhetik. Die Motive der bizarren Seiden wiederum dienten als Inspiration für viele der gewebten Muster aufwendiger Seidenstoffe bis ins 20. Jahrhundert. Die Motive wurden immer wieder neu interpretiert und der jeweiligen Zeit angepasst. Besonders in der Gründerzeit zitierten die Gestalter und Handwerker die unterschiedlichsten Stile und kombinierten sie miteinander. Die Muster sollten beeindruckend und herrschaftlich wirken. In der Meiji-Zeit (1868-1912) öffnete sich Japan dem Westen. Der von dort herein strömende Stil der Stoffmuster wurde kopiert und neu interpretiert. Bei dem kesa auf Seite 36f. finden sich Drachen als zusätzliches japanisches Element. Diese winden sich zwischen den großen Blumen hindurch, beziehungsweise scheinen sie fast Teil von diesen zu werden. Ein dritter kesa der Gruppe trägt ein dichtes Muster aus Drachenmedaillons. Die strenge Symmetrie des Musters ist eher ungewöhnlich für japanische Stoffe. Sie wurde vermutlich durch importierte Stoffe angeregt. Ebenso lässt die Gestaltung der Drachen in den Medaillons gegenüber traditionellen japanischen Drachen einen westlichen Einfluss spüren.


kesa mit Blumen und Drachen Gezackte Blätter in unterschiedlicher Gestaltung begleiten große Blüten, die wie Schalen aus Chrysanthemenblättern wirken, die mit Beeren gefüllt sind. Um diese kompliziert aufgebauten Gebilde winden sich Drachen, von denen nur der Kopf und der S-förmig gewundene Schwanz auszumachen ist. Der ehemals kräftig rote Grund wurde wohl mit Saflor (Färberdistel, Carthamus tinctorius, japanisch: beni) gefärbt. Diese Farbe verblasst nicht, sondern oxidiert im Laufe der Zeit zu einem gelblichen Braunton. Bei diesem kesa wurde – vielleicht wegen einer Beschädigung – eine der Kolumnen entfernt. Deshalb sind heute nur noch sechs der ehemals sieben Kolumnen vorhanden. 36

shichijō gesa, uttarasō Japan, 19. Jahrhundert Oberstoff: betsugarami nishiki, Lampas, komplexes Köpergewebe mit zusätzlichen Musterschussfäden, gehalten von zusätzlichen Kettfäden Seide, gin yorihaku, Papier, Blattsilber Futterstoff: köperbindige, helle Seide Länge 100,5 cm, Breite 182 cm MKB, 2003 Geschenk von Ruedi Staechlin, ex Slg. Rudolf Staechlin-Finkbein (1881-1946), IId 14720


kesa mit PHANTASIEBLUMEN Die lebendigen Farben der Muster bei diesem kesa stehen in deutlichem Kontrast zum hellen Hintergrund. Zusätzliche Akzente setzten versilberte Papierstreifen. Das Blattsilber ist heute dunkel oxidiert und kaum mehr wahrnehmbar. Außerdem fehlt der Anteil der schwarz-braunen Fäden, die einen Teil der Muster ausmachten. Diese Fäden sind korrodiert und ausgefallen, weil sie mit Hilfe von Eisensalzen gefärbt waren. Eisensalze, meist eingesetzt als Mordant (eine Vor- oder Nachbehandlung zur eigentlichen Färbung, um die Farben zu stabilisieren oder zu verstärken) greifen die Proteinstruktur der Seidenfäden an. Das Muster besteht aus großen, fruchtförmigen Blüten umgeben von verschieden geformten Blättern. Die Blüten und Blätter sind üppig und pompös. Viele Partien sind ausgeprägt dreidimensional. Zusätzlich sind die Elemente des Musters ineinander verschachtelt. Ein weißer, mit verschlungenen Ranken und Vierpassblüten (karahana) gemusterter Seidendamast wurde als Futterstoff verwendet. Damastgewebe sind kostspieliger und eleganter als die, meist als Futter für kesa verwendeten einfachen Seiden in Leinwandbindung. Die symmetrisch angelegte Musterung des Damasts geht zurück auf yūsoko-Stoffe, die bis in die Meiji-Zeit für Adlige reserviert waren.

shichijō gesa, uttarasō Japan, 19. Jahrhundert Oberstoff: betsugarami nishiki, Lampas, Grund: 2Z1 Kettköper, Muster: 1Z3 Köper Grundkette: Seide, 2 S-gedreht, weiß Grundschuss: Seide, X-Enden, ohne erkennbare Drehung, weiß Haltekettfäden: Seide, dünn, weiss Musterschussfäden: Seide, ohne erkennbare Drehung, X-Enden; hellblau, orange, grün, schwarzbraun, gelb, weiß, hell-rosa, teilweise zwei Musterschussfäden in einem Fach, um einen Farbübergangseffekt zu erzeugen (oribokashi); gin hirahaku Verhältnis Grundkette zu Haltekette: 2 zu 1 Futterstoff: weißer Seidendamast, Grund: 1Z3 Köper, Muster: 5Z1 Köper Länge 114 cm, Breite 218 cm MKB, 1976 Geschenk von Marianne Gilbert, New York, IId 8628


kesa mit Drachenmedaillons

10

Der Stoff weist eine für japanische Gewebe ungewöhnliche Symmetrie auf. Die strenge Ausrichtung der Medaillons insgesamt wiederholt sich in der Symmetrie der vier Drachen mit flammenden Perlen, welche jeweils ein Medaillon bilden, wie in den Wolken und Schatzmustern (takara) dazwischen. Die Seide für die sechs Applikationen (shiten und niten) hat ebenso ein spiegelbildlich angelegtes Muster wie der Hauptstoff. Allerdings ist dieses Muster sehr viel kleiner und aus Blütenformen und Blättern gebildet. Bei diesem Stoff ist vom ehemals kräftig roten Hintergrund heute nur noch ein stumpfes Braun übrig geblieben. Die ausgeprägte Symmetrie und die Gestaltung der Drachen verleiht dem Stoff eine gewisse, für japanische Verhältnisse exotische Wirkung. Die Feinheit der im Stoff verwendeten vergoldeten Papierstreifen verweist auf ein frühes Herstellungsdatum, eventuell im 18. Jahrhundert. Drachen sind ein häufiges Motiv auf kesa und eigentlich chinesischen Ursprungs. In China gelten Drachen als die Herrscher des Himmels. Die chinesischen Kaiser ließen sich als Drachensöhne verehren, um ihren Herrschaftsanspruch zu legitimieren. Für den Verkauf wurde der kesa zu einem späteren Zeitpunkt in Längsrichtung zerschnitten und die beiden Teile jeweils auf ein Stück gelblich braunen, dicken Baumwollstoffs aufgenäht. Entlang der oberen Ränder wurden Messingringe befestigt, was auf eine Nutzung als Wandbehänge hindeuten könnte. Solche Veränderungen, die uns heute drastisch erscheinen, waren im 19. und noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus üblich. Objekte aus anderen Kulturen wurden im Westen den eigenen Notwendigkeiten angepasst und verliehen der Einrichtung eine exotische Atmosphäre, meist ohne dass deren Besitzer Kenntnis über die Hintergründe oder Bedeutung der Objekte gehabt hätten.

shichijō gesa, uttarasō Japan, 18./19. Jahrhundert Oberstoff und Applikationen: zwei verschiedene nishiki, Köpergewebe mit zusätzlichen Musterschussfäden Seide, vergoldete Papierstreifen (kin hirahaku, beim Hauptstoff), versilberte Papierstreifen (gin hirahaku, bei den Applikationen) Futterstoff: Baumwollköper (Europa?) Länge 108 cm, Breite 206 cm MKB, 2003 Geschenk von Ruedi Staechlin, ex Slg. Rudolf Staechlin-Finkbein (1881-1946), IId 14721 (a+b)


Herkunft der Stoffe für kesa Recycling – Fetzen werden zum heiligen Kleid Im Buddhismus ist es üblich, dass Laien die Tempel durch das Stiften von Lebensmitteln, Kleidung und anderen Dingen des täglichen Lebens unterstützen. Neben neuen Stoffen werden die Kleider von Verstorbenen gestiftet, in der Hoffnung, durch die Gebete im Tempel Gutes für die Seelen zu erreichen. Die Kleider werden vom Tempel entweder verkauft oder zu kesa, Altartüchern oder Behängen umgearbeitet. Durch das Stiften wurden also zwei Ziele erreicht einerseits Unterstützung für den Tempel, denn oft waren die

42

Stoffe und Gewänder sehr wertvoll, andererseits ein spiritueller Verdienst für die Seele des Verstorbenen. Besonders interessant ist es, wenn sich durch die in einem kesa oder Altartuch verarbeiteten Stoffe ein Blick in eine andere Kultur auftut. Außerdem stellt sich die Frage, wer beispielsweise den kesa getragen haben könnte, der aus einem Drachengewand gefertigt wurde oder jenen aus einem europäischen Wollstoff.

Buddhismus und nō-Theater Die Samurai etablierten sich in der Kamakura-Zeit (1185-1333) als neue herrschende Schicht und wandten sich dem gerade ins Land gekommenen Zen-Buddhismus zu. Dieser war nicht, wie die früher aus China gekommenen buddhistischen Schulen, vom kaiserlichen Hof und den Adligen besetzt. Die Ausrichtung auf eine frugale Lebensweise kam den Samurai entgegen, wollten sie sich doch gegen die überfeinerten Sitten der Adligen des Hofes abgrenzen. Die Samurai betonten Strenge und Disziplin, waren aber gleichzeitig darauf bedacht, den Adligen kulturell ebenbürtig zu erscheinen. Beispielsweise entwickelte sich im 14. Jahrhundert unter der Förderung der Samurai und des Shoguns das nō-Theater aus einfachen Anfängen zu einer sublimen Kunstform. Neben dem Zen-Buddhismus kamen aus China Luxusgüter, darunter prächtige Seiden, oft in Form von kesa berühmter chinesischer Lehrer aus Geweben mit goldenen und silbernen Mustern (kinran, ginran). Diese werden bis heute als kostbare Staatsschätze in Japan aufbewahrt. Ebenso begehrt waren karaori-Gewebe mit einbroschierten Mustern, die wie gestickt wirken. All diese Gewebe beeinflussten die japanische Weberei nachhaltig. Die chinesischen komplexen Webtechniken wurden von den japanischen Webern kopiert und weiter entwickelt. Auch die Muster wurden anfangs sorgfältig kopiert. Erst langsam flossen japanische Motive, wie beispielsweise kiriBlüten (Blauglockenbaum, Paulownia tomentosa) ein.

Nach und nach entwickelte sich eine eigene, von den chinesischen Wurzeln verschiedene Ästhetik. Die Samurai ließen aus den kostbaren Geweben Roben für sich selbst und die nō-Schauspieler, aber ebenso kesa schneidern.


karaori Kostüm für das nō-Theater karaori-Gewebe stellen einen Höhepunkt der japanischen Textilkunst dar. Dies gilt für die Raffinesse der Mustergestaltung ebenso wie für die Ausgereiftheit der Web- und Färbetechniken. Die Schachbrett-Aufteilung der Robe ist durch die Ikat-gefärbten Kettfäden und unterschiedliche Grundmuster definiert. Das groß dimensionierte Motiv eines Vogelpaars neben einem blühenden Kirschbaum wirkt wie gestickt, ist aber mit Seide in zwölf Farbtönen eingewebt. Die langschwänzigen Vögel gehen auf chinesische Vorbilder zurück und sind Symbole für paradiesische Gefilde und, wenn sie paarweise dargestellt sind, für eheliche Harmonie. Dagegen ist der Kirschbaum (sakura) ein originär japanisches Motiv. Die zarten Blüten, die schon im Aufblühen beginnen, ihre Blätter zu verlieren, gelten als Paradebeispiel der japanischen Vorstellung von Schönheit gepaart mit Vergänglichkeit. Die zerstochenen Partien in der Mitte des Gewandes zeugen von der Benutzung als nō-Kostüm. Die vielen Nahtlöcher rühren von der Praxis, die große Robe für jede Aufführung am Tänzer zu drapieren und die Falten festzunähen. Zu einem früheren Zeitpunkt wurde das Futter entfernt und die Form der Robe verändert. Die schmalen Vorderteile (okumi) wurden nach innen gefaltet und der Kragen an dem neu entstandenen vorderen Rand wieder angenäht. Dabei wurde der Kragen der Länge nach gefaltet. Üblicherweise ist bei solchen Roben der Kragen in ganzer Breite gefüttert und wird nur für die Aufführung gefaltet und fest geheftet. Die Partie des Schulterbruchs ist besonders brüchig und deshalb wurde hier ein Falte abgenäht.

karaori (Gewebe und Gewandform) Japan, 18. Jahrhundert Oberstoff: karaori, komplexes Gewebe (Grund 2Z1 Kettköper) mit lancierten (kin hirahaku) und broschierten (ungedrehte Seide in 12 Farben) Musterschussfäden, gebunden in 1Z3 mit jedem 2. Kettfaden über zwei Grundschussfäden Verhältnis Grundschuss zu Musterschuss: 2 zu 1 Futterstoff: nicht vorhanden Länge 147 cm, Breite 140 cm MKB, 1969 Geschenk der Burckhardt-Reinhart-Stiftung, IId 8074


kesa mit Vogelmuster

46

Die langschwänzigen Vögel im Muster dieses kesa ähneln denen im Muster des nō-Kostüms, sind allerdings schwerer auszumachen. Die Formen zwischen den Vögeln sind ein wenig rätselhaft, es könnte sich um die Blüten des Hahnenkamms (Celosia argentea) handeln. Die versilberten Papierstreifen im Stoff sind oxidiert und nur im Streiflicht ist ein metallischer Schimmer erkennbar. Vermutlich war jedoch die Oxidation von Anfang an in die Gestaltung des Stoffes eingeplant, wurde vielleicht sogar künstlich herbeigeführt. Bei diesem Gewebe ist interessant, dass für den blauen Hintergrund ein zusätzlicher Musterschuss eingesetzt wurde. Die üblicherweise dazu benutzten Grundkettfäden, hier in hellblauer Seide, bilden vor allem die Konturen. Die Binnenzeichnung innerhalb der Vögel ist heute verblasst. Die ehemals farbigen Seiden ließen die Formen der Vögel vermutlich klarer hervortreten. Der heutige Zustand ist weit entfernt vom ursprünglichen Eindruck des kesa. Auf der Rückseite befindet sich ein Bindeband in Form einer Schlaufe, genäht aus dem Futterstoff.

shichijō gesa, uttarasō Japan, 19. Jahrhundert Oberstoff: betsugarami nishiki, Lampas, Grund: Kettsatin, Haltekette: 1Z3 Köper Verhältnis Grundkette zu Haltekette: 3 zu 1 Grundkettfäden: Seide, hellblau Bindekettfäden: Seide, hell, dünn Musterschussfäden: Seide, dunkelblau; gin hirahaku Futterstoff: graugrüne Seide (habutae) Länge 120 cm, Breite 212,5 cm MKB, 1976 Geschenk von Marianne Gilbert, New York, IId 8629


Okinawa zwischen Japan und China kesa können aus neuen, aber auch gebrauchten Stoffen genäht sein. Im Flickwerk bleibt das ehemalige Kleidungsstück sichtbar. Der Stoff, die Farben, die Muster und die Techniken erzählen von den Besitzern und der Herstellung.

48

Okinawa liegt ähnlich weit von Japan entfernt, wie von China. Als Königreich Ryūkyū entwickelte es eine eigene Kultur. Man pflegte diplomatische Beziehungen zu China, Japan und Korea. Im Jahre 1392 wurde die Niederlassung Kumemura in der Nähe der Hauptstadt Naha als Sitz für chinesische Gesandte gegründet. Ein intensiver Austausch während der Ming-Zeit (1368-1644) brachte chinesische Kultur und Technologien nach Okinawa. Eine legendäre Gruppe von 36 Familien mit Diplomaten, Technikern und Kaufleuten sollten im Auftrag des chinesischen Kaisers die Kultur des Festlands auf Okinawa etablieren. Anfang des 17. Jahrhunderts kamen viele der Inseln jedoch unter die Kontrolle Japans und der japanische Einfluss wurde stärker. Das Klima auf den Inseln ist subtropisch. Für die heissen und feuchten Sommermonate entwickelte man Gewebe, die luftdurchlässig waren und gleichzeitig so steif, dass sie nicht auf der Haut auflagen.


kesa mit Drachen

50

Dieser kesa wurde aus einem Drachengewand (chinesisch: jifu) geschneidert. Der Ursprung solcher Drachengewänder liegt im China der Qing-Zeit (16861912). Das ungewöhnliche Material – Ramie statt Seide – sowie die außergewöhnliche Technik – die Muster sind mit Pigmenten aufgemalt und nicht gestickt oder eingewebt – lassen darauf schließen, dass das Drachengewand aus Okinawa stammte. Ein Teil der Bänder des kesa sind durch Überlappung der Felder und Kolumnen (kassetsu e) erzeugt. Einige Bänder sind allerdings appliziert, so das zweite Längsband von links und das erste Längsband von rechts, außerdem die Mehrzahl der Querbänder. Einige dieser applizierten Bänder, wie auch der Rahmen, sind aus zwei vom Grundstoff unterschiedlichen, unbemalten Ramiestoffen gefertigt und vermutlich handelt es sich hier um spätere Ergänzungen.

Bei einer Untersuchung konnte fest gestellt werden, dass in der Position der ergänzten Bänder ursprünglich welche aus bemaltem Ramie appliziert waren. Unter dem Rahmen ist von ihnen jeweils noch ein kurzes Stück erhalten geblieben. Am oberen Rand ist jeweils auf der Vorder- und Rückseite eine quadratische Applikation (daiza) als Unterlage für ein Halteband (heute fehlend) aufgenäht. Jede der Applikationen besteht aus zwei unterschiedlich großen Quadraten, die übereinander gesetzt wurden. Die vierklauigen Drachen auf dem Stoff lassen darauf schließen, dass das Gewebe von einem älteren Gewand, vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammt (zu den Klauen der Drachen siehe Seite 52). Auf dem kesa lassen sich insgesamt zehn Drachen unterscheiden: Vier bräunliche, die ihren Kopf zur Seite gewandt haben und ehemals über den Wellen im unteren Teil des Drachengewandes platziert waren. Vier grünliche, davon zwei größere, die ehemals auf Brust und Rücken des Gewandes platziert waren und zwei etwas kleinere, die ehemals die Schultern zierten. Von den großen Drachen sind die Köpfe nicht mehr vorhanden, aber ihre ursprüngliche Größe ist am gewundenen Körper und den farbigen Flammen um den Kopf zu erahnen. Zwei weitere, sehr kleine Drachen aus den Pferdehufmanschetten finden sich auf den beiden applizierten daiza-Quadraten. Die lebendige Darstellung der Drachen mit sich windenden Körpern und drohend aufgerissenen Mäulern legt ebenfalls eine Entstehung im 18. Jahrhundert nahe. Die Transparenz des Ramiestoffs wird hervorgehoben durch einen schmalen Streifen grauer Seide entlang des oberen Randes, der beim Tragen nach vorne umgeschlagen wird.

shichijō gesa, uttarasō, hitoe Japan, 19. /20. Jahrhundert, Gewebe vermutlich Okinawa, 18. Jahrhundert Hauptstoff: karamushi, leinwandbindiges Gewebe aus Ramie, bemalt mit Pigmenten Futterstoff: habutae, leinwandbindiges Gewebe aus Seide Länge 103 cm, Breite 166 cm MKB, 2014 Ankauf FMB, ex Sammlung Alan Kennedy, Santa Monica, IId 15575


Halboffizielle Robe

52

Diese chinesische Robe (chinesisch: jifu) gibt eine Vorstellung davon, wie die Muster des kesa aus Ramiestoff auf dem Originalgewand verteilt waren. Die Muster sind entlang der zentralen Achse vorne und hinten symmetrisch angelegt. Auf Brust, Rücken und auf beiden Schultern winden sich vier frontal dargestellte goldene Drachen, auf Höhe der Oberschenkel vier weitere im Profil. Jeder Drache wird von einer flammenden Perle begleitet. Aus den Wellen weiter unten steigen zentral vorne, hinten und jeweils seitlich stilisierte Berge auf. Dazwischen treiben große Päonienblüten und auf jeder Seite jeweils eine Deckelvase und ein Muschelhorn, nahebei tummelt sich jeweils ein Fisch. Der mit diagonalen parallelen Linien verzierte Bereich über dem Saum gilt als das tiefe Wasser (chinesisch: li shui). Hier finden sich Blumenkörbe und Fischdrachen (chinesisch: douniu oder feiyu). Zwischen den sich windenden Drachen oben

sind stilisierten Wolken verteilt, die an lingzhi-Pilze erinnern, ein Motiv, das langes Leben verheißt. Hier fliegen auch Fledermäuse (chinesisch: bianfu), die ein Homonym für Glück (chinesisch: fu) bilden. Des Weiteren ist auf jeder Seite die Darstellung eines Schirms, des Rades der Lehre, des endlosen Knotens und zentral des Baldachins zu finden. Zusammen mit dem Muschelhorn, dem Deckelgefäß und den Fischen im Wasser sind dies sieben der ‚Acht Buddhistischen Kostbarkeiten‘ (chinesisch: babao). Vielleicht wurden die dargestellten Päonienblüten als Lotosblüten verstanden und komplettierten somit die Gruppe der babao. Seitlich finden sich außerdem mythologische Löwen (chinesisch: shizi), die als Symbol für Mut stehen und als Schützer der buddhistischen Lehre gelten. Die goldenen Drachen haben nur vier Krallen an ihren Klauen. In der Qing-Zeit (1644-1911) durften nur der chinesische Kaiser, Mitglieder seiner Familie und wenige hochstehende Personen Gewänder tragen, auf denen Drachen mit fünf Krallen (chinesisch: long) zu sehen waren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde diese Bestimmung immer weiter gelockert, was zur Folge hatte, dass kaum noch Roben mit vierklauigen Drachen (chinesisch: mang) entstanden. Auf diesem jifu ist zu sehen, wie kraftvoll die Muster der frühen Qing-Zeit wirken. Im Laufe des 19. Jahrhunderts drängen sich die Motive immer dichter in den hier noch freien Flächen der Robe und die Drachen mutieren von agilen Energiewesen zu stilisierten Ornamenten. Ein Großteil der Stickerei ist mit farbiger Seide in Plattstich ausgeführt. Die Garne sind im Gegensatz zu denen bei späteren Stickereien aus zwei Fäden (in Z-Richtung) zusammen gedreht. Die Drachen und Löwen sind mit Goldfäden angelegt. Die Fischdrachen im unteren Teil sind mit kleinen Knötchen ausgefüllt und haben goldenen Konturen.

jifu (halboffizielle Robe) China, 18. Jahrhundert Köpergewebe, bestickt in Anlegetechnik und mit Plattstich; Seide, Papier, Blattgold gewickelt um eine Seidenseele Länge 142 cm, Breite 220 cm MKB, 1976 Geschenk von E. Müller-Buser, IId 8788


Mädchenkimono aus Okinawa Dieser Kimono aus Ramiestoff ist teils mit Indigo gefärbt, teils mit Pigmenten bemalt, wie die Muster auf dem kesa mit Drachen S. 50f. Bei dem Kimono entstanden die Muster mit Hilfe von Schablonen, dies wird als bingata bezeichnet. Der Hintergrund wurde mit Indigo in einem mittleren Blau gefärbt. Dazu wurden die Muster vorher großzügig mit einer Paste aus Klebreis-Mehl abgedeckt. Nach dem Färben wurde die Paste entfernt und die einzelnen Motive mit einer weiteren Schablone farbig gestaltet. Die dazu verwendeten Pigmente sind mit einer Lösung aus SojaEiweiß fixiert und wurden von Hand mit dem Pinsel aufgetragen. Diese Technik erlaubt es, ihre Verteilung zu variieren, oder Farbübergänge (bokashi), wie in den Spitzen von Blüten oder bei den Blättern frei zu gestalten. Obwohl die Motive in ganz Japan zu finden sind, ist ihre Gestaltung und die Färbetechnik typisch für Okinawa. Große, rot blühende Päonien, kiri-Blüten mit Blättern und lange Blütenrispen von Glyzinen (fuji) wechseln mit chinesischen lingzhi-Pilzen und hōō-Vögeln mit geschwungenen Schwanzfedern. Ramie ist eine dem Leinen ähnliche Stengelfaser. Eine sehr aufwendige Verarbeitung lässt aus dieser Faser besonders glatte, luftdurchlässige und etwas steife Stoffe entstehen. Sie sind im feucht-heißen Klima angenehm zu tragen, weil sie nicht auf der Haut aufliegen. In die Schultern des Gewandes sind Falten (kata age) eingenäht, damit es schmaler wird. Einerseits dient dies einem praktischen Zweck, andererseits wird es als ästhetischer Effekt wahrgenommen, dass das Gewand für die Trägerin schmaler genäht werden musste. Dies betont den Aspekt der Kindlichkeit für den Betrachter.

54

kosode, hitoe Okinawa, 1. Hälfte 20. Jahrhundert Leinwandbindiges Gewebe; Ramie, Indigo, Pigmente Länge 106 cm, Breite 84 cm MKB, 1963, Ankauf von Jaap Langewis, IId 6042


Stoffe aus dem Westen

56

In Japan hatten importierte Stoffe immer einen hohen Stellenwert. Chinesische Gewebe kopierte man seit frühesten Zeiten und sie trugen entscheidend zur Entwicklung der hohen Qualität der japanischen, gemustert gewebten Seiden bei. Aber auch aus anderen Ländern importierte man Stoffe. Die ungewöhnlichsten für Japan waren Wollgewebe aus dem Westen. Solche Gewebe sind für das kühle Klima in vielen Ländern Europas sinnvoll, jedoch für die heißen und feuchten Sommer Japans empfiehlt sich Wolle weniger. Entscheidend war jedoch das Prestige der importierten, exotischen Gewebe. Die frühesten importierten Wollen waren im 16. Jahrhundert mit den Portugiesen ins Land gekommen. Dabei handelte es sich um sogenannte gewalkte Tuche. Dies sind Wollstoffe, die nach dem Weben durch Bewegung im heißem Wasser gefilzt wurden. Der entstandene Flor wurde gebürstet und geschoren, damit eine samtartige Oberfläche entstand. In Japan verwendete man die Stoffe für repräsentative Obergewänder, wie ärmellose Jacken (jinbaori) über der Rüstung oder für sogenannte kaji-shozoku, Jacken mit Brustprotektor und passender Haube, alles mit Familienwappen verzieht, die bei den regelmäßig auftretenden Bränden von hochstehenden Samurai getragen wurden. Ungewöhnlich ist jedoch der aus diesem Stoff gefertigte kesa. Zusätzlich wurde hier die Form eines Bildkesa (e kesa) gewählt und der Stoff mit einer Stickerei verziert, die sich über die ganze Fläche zieht.


kesa aus roter Wolle

58

Der Grundstoff für diesen kesa ist ein aus Europa importierter, krapprot gefärbter und gewalkter Wollstoff. Im 19. Jahrhundert wurden daraus in Japan Uniformen nach westlichem Vorbild geschneidert. Das dicke Gewebe zu zerschneiden und daraus das Flickwerk des kesa zusammenzusetzen, hätte zu wulstigen Nähten geführt. Anstatt dessen ließ man das Gewebe unzerschnitten und applizierte schmale gedrehte Schnürchen, um die Aufteilung zu markieren. Vor dem Applizieren der Schnürchen wurde der Stoff mit einem durchgehenden Bild von fünf zwischen stilisierten Wolken fliegenden Kranichen in unterschiedlichen Haltungen bestickt. Eine solche durchgehende Gestaltung wird Bild-kesa (e kesa) genannt. Die ersten e kesa waren im 18. Jahrhundert entstanden und riefen fast augenblicklich eine Gegenbewegung bei den asketisch orientierten Schulen der buddhistischen Gemeinschaft hervor, die darin einen Luxusgegenstand sahen. Die reliefartige Stickerei ist mit Papierschichten und -rollen unterlegt und wirkt zusammen mit den gewölbten, hintermalten Glasaugen besonders realistisch. Dieser Art der Stickerei ist typisch für die Zeit um 1900. Die Applikationen sind separat gewebt. Sie bestehen aus einer weissen Seide, in die jeweils ein Medaillon aus Lotosblüten, Blättern und Knospen in hellgrün, hellorange und violett eingewebt sind. Jedes Quadrat umgibt ein Rahmen mit stilisierten Drachen gewebt mit vergoldeten Papierstreifen.

shichijō gesa, uttarasō, e kesa Japan, um 1900 Oberstoff: gewalktes Köpergewebe (Europa), bestickt; Wolle, Seide, Papier, Blattmetall, Glas, Pigmente Applikationen: betsugarami nishiki, Lampas, Seide, kin hirahaku, Papier, Blattgold Futterstoff: habutae, Seide, grün MKB, 2014 Ankauf FMB, ex Slg. Yasuko Kido, London, IId 15576


Weste über der Rüstung

60

Solche Westen (jinbaori) wurden von Befehlshabern (daimyo) im Feld über der Rüstung getragen. Diese Art ohne Ärmel mit weiten Ärmelausschnitten wurde hanpi baori genannt. Die Schnittformen des jinbaori, abweichend von den üblichen japanischen, die dem geraden Verlauf der Stoffbahn folgen, ist inspiriert durch die Kleidung der Portugiesen, die im 16. Jahrhundert nach Japan gekommen waren. Der hohe Schlitz auf der Rückseite war notwendig, weil das lange Schwert (katana) der Samurai-Krieger fast waagrecht an der Seite getragen wurde. Außerdem gab der jinbaori durch den Schlitz genug Bewegungsfreiheit beim Reiten. jinbaori bestehen immer aus kontrastfarbenen, kostbaren Stoffen in extravaganter Gestaltung, damit sie auf weite Entfernung erkennbar sind. Den Rücken ziert ein großes Familienwappen, das den Träger identifiziert. Das hier in weißer Wolle applizierte Swastika-Motiv ist das Wappen der Hachisuka, einer Samurai-Familie aus Tokushima in Shikoku. Innen ist die Weste gefüttert mit einer cremeweißen Seide, in die ein Muster aus schmalen vergoldeten Papierstreifen eingewebt ist. Zwischen stilisierten Wolken wechseln Drachenmedaillons ab mit Medaillons aus vier halben Blüten (vielleicht Chrysanthemen) und Ranken. Die wie bei westlicher Kleidung als Revers aufgeklappten Vorderteile werden ebenso wie der Verschluss jeweils von einem Knopf aus vergoldeter Bronze gehalten. Knöpfe sind für japanische Kleidung ungewöhnlich und vom portugiesischen Vorbild übernommen. Auf den Knöpfen ist wiederum das Wappen der Hachisuka zu finden.

jinbaori, hanpi baori Japan, frühes 17. Jahrhundert Oberstoff: Köpergewebe (Europa), Wolle, gewalkt, mit Krapp gefärbt Futterstoff: nishiki, komplexes Köpergewebe; Seide, Papier, Blattgold Länge 83 cm, Breite oben 49 cm MKB, 1986 Geschenk von Heinz Brasch, Zürich, IId 10621


BRANDSCHUTZJACKE

62

Besser gestellte Samurai hatten passende Kleidung für jede Gelegenheit. So wie diese kajibaori (wörtlich: Brand-Jacke) mit Brustprotektor. Diese Kleidung wurde angelegt, wenn ein Feuer ausbrach, was bei den aus Holz und Papier gebauten Häusern in Edo (heute Tokyo) oft passierte. Das in schwarzer Wolle applizierte Familienwappen identifiziert den Träger. Gleichzeitig war die Jacke ein repräsentatives Kleidungsstück. Der importierte Wollstoff war kostbar und wirkte gegenüber den in Japan üblichen Seidenstoffen ungewöhnlich. Im Westen wurden diese Wollstoffe für Uniformen und Herrenkleidung verwendet. Für den samtartigen Eindruck war das Gewebe gewalkt, gebürstet und glattgeschoren worden. Der gelbe Farbton wurde vermutlich bereits in Europa gefärbt und kann von unterschiedlichsten Pflanzenfarbstoffen stammen. Ein für japanische Kleidung ungewöhnliches Detail sind Knöpfe, hier besonders edel aus dem Halbedelstein Karneol.

kajibaori Japan, 19. Jahrhundert Oberstoff (Europa): Köpergewebe, Wolle, gewalkt, appliziert, Seidenbänder als Einfassung; Seide, Blattgold, Papier, Karneol Länge ca. 90 cm, Breite ca. 130 cm MKB, 1966 Geschenk von Kiku Merian, Basel, IId 6685


Stoffe aus Japan Die meisten kesa sind aus Stoffen genäht, die eigens für diese gewebt wurden. Diese Art von Stoffen sind mit einer Webbreite von ca. 60 cm breiter als die schmaleren Kimono-Bahnen von ca. 38 cm. Für ihre aufwendige Technik werden komplizierte Webstühle benötigt, die oft von zwei erfahrenen Personen gemeinsam bedient werden müssen. Zudem braucht es nicht nur zum Färben der Seide weitere spezialisierte Handwerker, sondern auch für die die Herstellung der mit Blattmetall belegten Papierstreifen und der notwendigen Werkzeuge, um diese einzuweben. Aber auch gestiftete Kleidung wurde zu kesa umgearbeitet. Das Muster, die Farben und die Qualität der Stoffe geben Auskunft über die ehemaligen Besitzer. 64


kesa mit Futter aus Kimono-Stoff

66

Als Futter für die Rückseite dieses kesa wurden Stoffbahnen eines Kimono verwendet. Darauf finden sich drei gestickte Familienwappen (monshô), die Froschlöffel (Alisma canaliculatum) zeigen. Dieses Wappen benutzte mit großer Sicherheit eine Samuraifamilie. Die Blätter des Froschlöffels erinnern an Pfeilspitzen und japanisch wird die Pflanze shogunso genannt, was ‚siegen‘ oder ‚gewinnen‘ meint. Das in Konturen gestickte Wappen (kage mon, wörtlich: SchattenWappen) gibt Auskunft darüber, dass dieses Gewand nur für informelle Gelegenheiten geeignet war oder einem Familienmitglied von niedrigem Rang gehörte. Der Stoff ist ein einfaches leinwandbindiges Gewebe aus Seide, gefärbt in einem bläulichen Grün. Dies verweist ebenso auf die Einfachheit des ehemaligen Gewandes. Der Stoff der Vorderseite des kesa ist gemustert mit Reihen von großen Päonien und kleineren Blüten (vielleicht Malven) auf einem grünen Hintergrund mit

einem fortlaufenden Muster verbundener SwastikaMotive (sayagata). Das sayagata-Muster ist mit versilberten Papierstreifen eingewebt, auf denen das Blattsilber heute dunkel oxidiert und teilweise schon etwas abgerieben ist. Insgesamt ist der Stoff etwas locker gewebt und die verwendeten Seidengarne sind spärlich dünn. Vermutlich wurde dieses Gewebe auf einem älteren Webstuhl unter sparsamem Einsatz der Materialien nachgewebt. Das Flickwerk der Oberfläche ist mit der kassetsu e Methode zusammen genäht, also nicht mit separat geschnittenen Bändern (choyo e), sondern mit Bändern, die durch Überlappung der Felder und Kolumnen erzeugt sind. Des Weiteren hat der kesa einen schmalen Rahmen und kleine Eckapplikationen (kakujō) und, wie es für diesen Typus üblich ist, keine niten. Allerdings sind die kakujō unter und nicht über den Rahmen gesetzt. Vielleicht war der Hersteller nicht komplett mit den Regeln vertraut. Dies wirft die interessante Frage auf, wer kesa anfertigte. Bei der Sōtō-Zen-Schule sind es vornehmlich die Anhänger (ubasoku/ubai) und Ordinierten selbst. Die meisten buddhistischen Schulen jedoch verwenden kesa, die von spezialisierten Handwerkern (kesa shi) aus kostbaren Seidenstoffen genäht wurden. Bei diesem kesa jedoch könnte es sich um eines der Exemplare handeln, die Händler im 19. Jahrhundert anfertigen ließen, um den Bedarf zu decken, seitdem kesa sich zu einem Sammlungsobjekt entwickelt hatten. Vor allem westliche Sammler hatten den kesa als ungewöhnliches und kostbares Textil entdeckt.

shichijō gesa, uttarasō Japan, um 1900 betsugarami nishiki, Lampas, Grund: Kettsatin; Seide, gin hirahaku; Futterstoff: graugrüne Seide Höhe 97 cm, Breite 148,5 cm MKB, 1969 Geschenk der Burckhardt-Reinhart-Stiftung, IId 8072


Stoffbahn

68

Für kesa, Altartücher und Behänge für Tempel werden Stoffbahnen mit eingewebten Mustern verwendet. Das Motiv, das an Sterne oder Kreuze erinnert, wurde inspiriert von Ikat-gemusterten Stoffen. Kreuzförmige Muster entstehen durch Ikat (kasuri) in Kette und Schuss (tate yoko gasuri). Bei der kasuri-Technik lassen die vorher partienweise gefärbten Fäden beim Weben unscharfe Ränder an den Mustern entstehen. Bei eingewebten Mustern muss ein solcher unregelmäßiger Rand dagegen sorgfältig geplant werden. Die versilberten Papierstreifen sind heute oxidiert und dürften ehemals einen stärkeren Kontrast zum Hintergrund gebildet haben. Webanfang und -ende wurden schon bei chinesischen Stoffen mit eingewebten Streifen gekennzeichnet. So blieb überprüfbar, ob bereits ein Teil des Ballens abgeschnitten war. In Japan übernahm man diese Besonderheit bei der Herstellung von wertvollen Geweben.

oridashi moyō no tanmono Japan, 19. Jahrhundert betsugarami ginran, Lampas, komplexes Köpergewebe; Seide, Papier, Blattsilber (gin hirahaku) Webbreite 63 cm, Länge Bahn 01: 239 cm, Bahn 02: 233,5 cm MKB, 1998 Geschenk von Peggy Pestalozzi, 1910-25 gesammelt von den Großeltern, IId 13377.01/.02


Pracht und Glanz im Tempel Altartücher und Matten

70

Im Japan der Edo-Zeit (1603-1868) regelten Gesetze, wer seinen Reichtum durch welche Luxusgüter zeigen durfte. Das Tragen bestimmter Stoffe, Farben, Muster und Mustertechniken war strengen Reglementierungen unterworfen. Den Tempeln jedoch durften luxuriöse Dinge gestiftet werden. Die Ausstattung der Räume wie die Kleidung der Priester zeigte die Finanzkraft und Macht der Gemeinde. Die golddurchwirkten Stoffe als kesa, Altartücher, Behänge und Polster hatten allerdings noch eine andere Wirkung, die heute kaum wahrnehmbar ist. Ohne elektrische Beleuchtung waren die Tempel dunkel. Das Licht in Form von Kerzen und Fackeln wurde von den metallisch glänzenden Mustern der Stoffe reflektiert. Umso mehr, als dass die Flächen besonders eben waren, weil die feinen Papierstreifen, belegt mit Blattmetall, flach eingewebt sind. Im Tempel werden vielerlei Textilien verwendet. Beispielsweise Altartücher (uchishiki), die meist quadratisch sind und über Eck auf die schmalen Konsolen gelegt werden. Weil die Stoffe dafür recht kostbar waren und ohnehin nur ein Teil des Tuchs zu sehen war, wurden auch dreieckige Tücher hergestellt. Manchmal wurde der ganze Altar in ein Tuch (mizuhiki) gehüllt. Solche mizuhiki werden ebenso als Behänge für Wände verwendet. Stellagen zur Präsentation von Figuren, Geräten oder Weihegaben wurden mit prachtvollen Seidengeweben verhüllt. Eine besondere Form sind bogenförmig ausgeschnittene Behänge (tochō), die so vor einer Figur angebracht werden, dass sie diese rahmen. Ein weiteres Textil, das zur Ausstattung gehört, ist die Matte (zagu) zum Sitzen und Liegen.


Altartuch mit Inschrift Die Seide des Altartuchs (uchishiki) ist in den Farben der Muster und des Hintergrundes bis hin zu den Abständen der Muster (Rapport) übereinstimmend mit denen eines kesa in der MCH Stiftung, Sammlung Hammonds.13 Es ist anzunehmen, dass beide Textilien aus der gleichen Produktion stammen oder sogar vom gleichen Stoffballen geschnitten wurden. Durch eine datierte Inschrift auf der Rückseite des Altartuchs ist es möglich, den kesa präziser zu datieren, als dies vorher möglich war. Die Rückseite des Altartuchs ist mit einem dunkelblau gefärbten Leinenstoff gefüttert, auf den mit Tusche eine datierte Inschrift geschrieben ist. Die schwarze Inschrift ist allerdings auf dem dunkelblauen Hintergrund schwer lesbar. Das Altartuch wird als Besitz eines Tempels mit dem Namen Shakōji oder Kakkōji ausgewiesen und zwar im ersten Jahr der Tenmei Ära (=1781). Anlass der Stiftung war die erste Wiederholung des Todestags einer Nonne oder eines Mönchs mit dem Namen Myōku, als Stifter wird das Oberhaupt der Familie Tomi☐ [letztes Schriftzeichen nicht lesbar] namens Shōtoku genannt.

10

龍紋錦打数大小貳, 釈妙空 一周忌志 - Ryumon-nishiki, dasū daishōni, shaku Myōku Isshūkishi Mehrfarbiges Gewebe mit Drachen-Muster, klein und groß [= zwei Tücher, ein großes und ein kleines], zum ersten Jahres-Gedenken des Hinscheidens des Mönchs oder der Nonne Myōku 頭主富☐晶篤 - Tōshu Tomi☐ Shōtoku Haupt der Familie Tomi☐ mit Namen Shōtoku 若光寺 oder 谷光寺 什物,天明元辛丑 八月廿五日 - Shakōji/Kokkōji jūmotsu, Tenmei gen shinchū hachigatsu, nijūgonichi Im Besitz des Shakōji-oder Kakkoji-Tempel-, erstes Jahr der Tenmei Ära (1781), 25. Tag, der achte Monat [nach dem Mondkalender]

uchishiki Japan, vor 1781 betsugarami nishiki, Lampas, komplexes Köpergewebe; Seide, Papier, Blattgold (kin hirahaku); Futterstoff: Leinengewebe, Indigo-gefärbt mit Reservemuster (katazome) 134 cm x 134 cm MKB,1998 Geschenk von Peggy Pestalozzi, ca. 1910-25 gesammelt von den Großeltern, IId 13379

13

MCH Foundation 2013, Kat. Nr. 23, S. 94f.


kesa der Sammlung Hammonds

74

Dieser kesa wurde vermutlich aus dem gleichen Stoffballen geschnitten, wie das voranstehende große Altartuch (uchishiki) in der Sammlung des Museum der Kulturen Basel. Erst durch die datierte Inschrift auf der Rückseite des Altartuchs konnte die Entstehungszeit dieses kesa exakter bestimmt werden. Die Datierung besagt, dass das uchishiki 1781 gestiftet wurde, also war der Stoff für den kesa zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bereits vorhanden. Der kesa ist mit einem hellen leinwandbindigen Gewebe (habutae) gefüttert, das auf seiner Rückseite mit einer teils geschwärzten Inschrift versehen ist. Die dort angegebene Datierung ins 10. Jahr der Kyōhō Ära entspricht dem Jahr 1726. Bei der Untersuchung des kesa für den Katalog der Sammlung Hammonds wurde diese Datierung als zu früh angenommen und dass das Futter evtl. von einem älteren kesa stammen könnte. Allerdings werfen die neueren Erkenntnisse um die Datierung des Gewebes die Frage auf, ob das Datum nicht doch zutreffend sein könnte.

Das Altartuch wurde 1781 gestiftet, was nicht bedeuten muss, dass der Stoff zu diesem Zeitpunkt neu war, sondern es kann sich auch um einen Stoff handeln, der bereits eine Weile aufbewahrt wurden, bevor man ihn verarbeitete. Zudem ist der Stoff des kesa brüchiger und etwas mehr verblasst als der des Altartuchs, außerdem sind deutlichere Gebrauchsspuren vorhanden. Das Problem der Datierung von Stoffen dieser Art liegt darin, dass ähnliche Muster über lange Zeiträume hinweg gewebt wurden. Der Zustand, wie verblasste Farben oder ein brüchiges Gewebe, geben keine verlässlichen Anhaltspunkte für die Bestimmung des Alters.

shichijō gesa, uttarasō Japan, vor 1781 Lampas, komplexes Köpergewebe (betsugarami nishiki); Seide, Papier, Blattgold (kin hirahaku); Futterstoff Seide Höhe 108 cm, Breite 204,3 cm MCH Stiftung, Sammlung Hammonds, MCH 587 / Kat. Nr. 23


Kleineres Altartuch Im Futter auf der Rückseite des Altartuchs ist ein schmaler Streifen ausgeschnitten, der wohl einst eine Inschrift trug, die angab, im Besitz welchen Tempels es sich befand. Vor dem Verkauf wurde die Inschrift herausgeschnitten, weil es wohl als ehrenrührig empfunden wurde, dieses wertvolle Textil verkaufen zu müssen. In den Umwälzungen, die Japan nach der Öffnung des Landes zum Westen erlebte, wurde den buddhistischen Tempeln ihre staatliche Unterstützung gestrichen. Zur Deckung ihrer Ausgaben waren die Mönche und Nonnen gezwungen, wertvolle Objekte zu verkaufen.

76

uchishiki Japan, 1. Hälfte 19. Jahrhundert Lampas, komplexes Satingewebe (betsugarami nishiki); Seide, Papier, Blattsilber (gin hirahaku); Futterstoff: Baumwolle, leinwandbindig 101 x 101 cm MKB, 1998 Geschenk von Peggy Pestalozzi, 1910-25 gesammelt von den Großeltern, IId 13378


Dreieckiges Altartuch Von quadratischen Altartüchern ist nur eine Ecke sichtbar, wenn sie diagonal auf dem Altar liegen. Da die Stoffe kostspielig sind, gibt es dreieckige Tücher, die den unsichtbaren Teil einsparen. Die Musterung dieser Seide ist typisch für die Zeit um 1900, als in Japan historisierende Muster en vogue waren. Dabei wurden Muster aus den unterschiedlichsten Bereichen kombiniert. Die großen floralen Medaillons ebenso wie die kleinen mit den paarweise gegenüberstehenden Vögeln stammen von Stoffen (yūsoku moyō), die seit der Heian-Zeit (794-1185) für Adlige reserviert waren. Die Drachen und das Gitter aus verschlungenen Wolkenformen sind typische Muster für Tempeltextilien. 78

uchishiki Japan, um 1900 Lampas, komplexes Köpergewebe (betsugarami nishiki); Seide, Papier, Blattgold (kin harahaku) Höhe 121,5 cm, Breite 234 cm MKB, 1969 Geschenk der Burckhardt-Reinhart-Stiftung, IId 8073


Matte zum Sitzen und Liegen Der kesa soll den Boden nicht berühren, deshalb wird manchmal zum Sitzen und besonders für sogenannte Niederwerfungen (sampai), eine genähte Matte (zagu) als Unterlage benutzt. Sie dient ebenso zum Schlafen. Der Mittelteil aus weißer Baumwolle ist so stark appretiert, dass der Stoff wie beschichtet wirkt. Die vier Eckapplikationen (shiten) sind wie beim kesa Symbole für die vier Wächter (shitennō) der Himmelsrichtungen.

80

zagu Japan, 2. Hälfte 20. Jahrhundert komplexes Köpergewebe (betsugarami nishiki), leinwandbindiges Gewebe; Seide, Kunstfasern, Papier, Blattgold, Baumwolle mit starker Appretur 118 cm x 70 cm Privatsammlung


Kleinere kesa-Formen rakusu, ō kuwara und igiboso Abgesehen von der Rechteckform, die ungefähr 2 x 1 Meter misst, gibt es noch kleinere Varianten, die an Bändern um den Nacken vor dem Körper oder um die Schultern geschlungen seitlich getragen werden: rakusu, ō kuwara, igiboso. Außerdem gibt es kesa als schmale Bänder, die ebenfalls um den Nacken gelegt werden. Über ihre Entstehung wird gesagt, dass dafür ursprünglich große kesa zusammengefaltet oder -gerollt wurden. Bandförmige kesa sind: yuigesa, origesa, hangesa.

82


Teil eines rakusu

84

Der rakusu ist ein verkleinerter kesa mit fünf Kolumnen, der an zwei Bändern vor dem Leib des Trägers hängt. Die Schriftzeichen für rakusu (絡子) bedeuten: „Etwas Kleines, das einem umschlingt“. Sie werden vor allem von Zen-buddhistischen Schulen im Alltag verwendet, weil sie beim Arbeiten weniger hinderlich sind, als die großen kesa. Bei der Ordination überreicht der Meister dem Schüler einen rakusu. Auf die Rückseite wird Ort und Datum der Ordination, der buddhistische Name des Ordinierten und der Name des Meisters geschrieben. Oft ist die Inschrift begleitet von einer Kalligraphie oder einer kleinen Malerei. Bei diesem rakusu finden sich keine Angaben zu einer Ordination, dafür ein kalligrafiertes Gedicht und eine Malerei in Tusche mit hellen Farben. Die Malerei ist im Nanga-Stil ausgeführt, der auf chinesische Vorbilder zurückgeht. Die spontanen und oft humorvollen Malereien waren bei Gelehrten des 18. und 19.

Jahrhunderts beliebt. In dieser Zeit bestand großes Interesse an der konfuzianischen Philosophie und am Daoismus. Oft waren die Gelehrten gleichzeitig dem Zen-Buddhismus zugewandt. Die Malerei zeigt einen chinesischen Gelehrten, der auf einer Matte sitzt und sich auf ein rotes, vierbeiniges Polster stützt. Links daneben und etwas in den Hintergrund versetzt, stehen die sechzehn Begleiter Buddhas (Rakan) um eine Pagode versammelt. Das dreiteilige Gedicht (von rechts nach links, zu zwei Spalten, drei Spalten und einer Stanze in drei Spalten) ist in klassischem Chinesisch geschrieben. Der Inhalt ist, wie bei diesen Gedichten üblich, philosophisch und beschränkt sich auf Andeutungen. Diese Gedichte waren eine Art intellektuelles Spiel zwischen Freunden, weshalb sie für Außenstehende schwer verständlich blieben. Die ersten beiden Zeilen meinen wohl andeutungsweise, dass sich alles ändern wird:

塵犯於寶閣 Staub verschmutzt das kostbare Gebäude 花雨于蒼旻 Blüten regnen vom blauen Himmel, 毒龍應若伏 der giftige Drache muss sich niederlegen 猛虎滕間馴 der grausame Tiger öffnet folgsam sein Maul, Der zweite Teil vergleicht die buddhistischen Tugenden (Chinesisch: sanyue) mit den daoistischen (Chinesisch: yi, huayu, ren)14: 海翻巨浪甚深義 Das Meer rollt herbei in großen Wogen: es verkörpert tiefe Gerechtigkeit (yi), 山開薄霧化育仁 Berge erscheinen aus feinem Dunst: die Kraft der Natur ist Mitmenschlichkeit (ren), 三業相應須禮拜 Die drei [Leib, Mund und Gedanken] sollen mit einander übereinstimmen und dadurch Verehrung zeigen Der dritte Teil nimmt direkt Bezug auf die Zeichnung darunter: 十六尊,者腳下,臻 Die sechzehn Würdigen kommen am Fuß [der Pagode] zusammen. ☐☐☐☐☐ 謹題 ehrerbietig geschrieben von [Name nicht lesbar] und ein Siegel [ebenfalls ungelesen]


Links unten hat der Maler signiert: 鉄鍼☐☐ Tesshin koji [der Name lässt auf eine der buddhistischen Lehre zugeneigte Person schließen] und auch hier ist ein [ungelesenes] Siegel in Rot aufgestempelt. Die Grundfarbe des Stoffes (kinran) der Vorderseite war ehemals ein kräftiges Rotorange, vermutlich gefärbt mit Saflor (japanisch: beni, Färberdistel, Carthamus tinctorius). Bei einer eingehenden Untersuchung ließ sich dieser Farbton noch in tieferen Bereichen des Gewebes finden. Das rote Garn der Punktrückstiche, mit denen die Teile verbunden sind, spricht ebenfalls dafür, dass der Stoff einst rot gefärbt war. Die schmalen vergoldeten Papierstreifen der eleganten Blütenranken (karakusa) bildeten einen stärkeren Kontrast zum Hintergrund als heute. Zwischen den Ranken lassen sich Schatzornamente ausmachen (Rhinozeroshorn und gekreuzte Bildrollen). Die Bänder (sao), mit denen der rakusu einst um den Nacken getragen wurde, fehlen heute.

gojō gesa, rakusu, anda e Japan, 19. Jahrhundert Oberstoff: betsugarami kinran, Lampas Grundkette: 2Z1 Köper, bräunliche Seide; Bindekette: Köperbindung, helle Seide Verhältnis Grundkette zu Bindekette: 3 zu 1 Musterschuss: kin hirahaku Futterstoff: leinwandbindige Seide Höhe ca. 20 cm, Breite ca 25 cm Sammlung Alan Kennedy

14 Es gibt mehrere Zusammenstellungen von ‚Drei Buddhistischen Tugenden‘, hier könnte folgende gemeint sein:, 恩 on (Mitgefühl/ Gnade), 智 chi (Weisheit) und 斷 dan (Wahrnehmung). Bei der Gruppe der ‚Drei Daoisitischen Tugenden‘ meint huayu in dieser Zusammenstellung die transformierende und erzeugende Energie. Daoistische wie buddhistische Zusammenstellungen werden auf Chinesisch mit dem Begriff 三寶sanbao (Drei Schätze) bezeichnet.

87


Violetter ō kuwara mit Wappen

88

ō kuwara sind in der Konstruktion den rakusu sehr ähnlich und haben ebenfalls fünf Kolumnen. Allerdings sind sie größer als die rakusu und die Bänder sind breiter. Getragen werden ō kuwara unter anderem von den komusō-Wandermönchen. Die komusō waren meist Samurai, die ihren Herrn verloren hatten – eine schwierige Situation für einen Samurai. Allerdings behielten sie nach wie vor das Recht, eine Waffe zu führen. Ihr Name komusō bedeutet wörtlich ‚Mönche der Leere‘. Sie trugen eine bestimmte Tracht, nämlich einfarbig weiße oder schwarze Kimono, darüber den ō kuwara um beide Schultern geschlungen, mit dem Hauptteil über der linken. Dazu trugen sie einen großen zylindrischen, korbförmigen Strohhut (tengai) mit Sehschlitzen, der den ganzen Kopf verdeckte. Dieser sollte ihre Identität verbergen. Die komusō spielten innerhalb der Gruppen tradierte und geheim gehaltene Musikstücke auf der Bambusflöte shakuhachi. Obwohl das Reisen in der Edo-Zeit für die meisten Menschen stark eingeschränkt war, hatten die komusō die Erlaubnis durch das ganze Land zu ziehen und Almosen zu sammeln. Ursprünglich waren die komusō lose Gruppen ohne Verbindung untereinander. Unter dem Druck der Regierung schlossen sie sich in der Edo-Zeit (1603-1868) zu einer buddhistischen Schule (Fukeshū) zusammen und erstellten eine Traditionslinie, die zurückgeht auf einen Tang-zeitlichen chinesischen Chan-(Zen)Meister namens Puhua (japanisch: Fuke), der mit Glöckchen und Gesängen durch das Land zog. In Japan ersetzte die shakuhachi das Glöckchen und die Schule wurde nach dem chinesischen Meister ‚Fukeshū‘ benannt. 1847 wurde die Fukeshū aufgelöst und die Anhänger gezwungen, sich in die größere Gemeinschaft des Rinzai-Zen einzuordnen. Im Jahre 1871 wurden ihnen das Betteln und das Flötespielen zu spirituellen Zwecken verboten. Die Musikstücke wurden jedoch überliefert und werden heute weltweit gespielt. Der eigentümliche Klang der shakuhachi-Flöte und die modern anmutenden Kompositionen wurden Teil der

japanischen Musiktradition und der modernen Weltmusik. In Japan ebenso wie weltweit gibt es verschiedene Gruppierungen, die sich teils ausschließlich der Pflege der Musikstücke, teils der Wahrung aller Traditionen der komusō widmen. In den Stoff dieses ō kuwara ist in Gold das Wappen des Myōshinji-Tempels eingewebt. Dieser Tempel in Kyoto gehört zum Rinzai-Zen. Inzwischen sind kesa in verschiedenen Formen mit diesem eingewebten Wappen im Online-Shop des Tempels zu erwerben. Die violette Farbe des Oberstoffs aus Seide wurde mit einer Chemiefarbe erzielt. Im 19. Jahrhundert wurden erstmals Chemiefarben von Japan importiert. Anfangs waren die notwendigen Färbeverfahren unbekannt oder wurden nicht richtig angewendet, so dass die Farben weniger haltbar waren. Grundsätzlich waren manche der frühen Chemiefarben nicht sehr lichtresistent. Das in der weißen Seide eingewebte Rankenmuster gehört zur Gruppe der karakusa-Muster mit chinesischen Wurzeln. Allerdings sind die kiriBlüten und -Blätter (Paulownia tomentosa) originär japanisch. Der Futterstoff besteht aus einem Seidendamast mit einem Muster aus Drachenmedaillons zwischen Wolken. Darauf ist ein rotes Siegel gestempelt: 本山 賞典 honzan shōten (gestiftet zur Bereicherung des Tempels) (siehe Seite 135) und ein Name mit Tusche geschrieben: 高林玄寳 Takabayashi Genpō, vielleicht der Stifter oder der ehemalige Besitzer.

ō kuwara, gojō gesa, anda e Japan, erste Hälfte 20. Jahrhundert Oberstoff: betsugarmi nishiki, Lampas, Grund: 2Z1 Kettköper, Muster: 1Z3; Musterschussfäden: kin yorihaku, kin hirahaku, weiß, ohne erkennbare Drehung; Material: Seide und Kunstfasern Futterstoff: cremefarbener Seidendamast, Köperbindung transparenter, bräunlicher Kunststoffring Länge ca. 80 cm, Breite ca. 60 cm Privatsammlung


ō kuwara für den Sommer Dieser ō kuwara ist dem vorigen in der Form sehr ähnlich. Allerdings wurde dieser hier ohne Ring gefertigt, dazu aus einem sommerlichen Stoff mit gestickten anstatt gewebten Mustern. Der transparente Grundstoff ist ein Drehergewebe (yoko ro). Mittels einer Vorrichtung im Webstuhl werden die Kettfäden paarweise oder in Dreier- oder Vierer-Gruppen miteinander verkreuzt. Die Schussfäden halten die Verkreuzung fest. An diesen Stellen entstehen winzige Löcher im Gewebe. Bei diesem Stoff sind die Drehverbindungen abwechselnd mit Leinwandbindung eingesetzt, so dass ein in der Höhe gestauchtes Schachbrettmuster entsteht. Die Oberseite des kesa, das Flickwerk mitsamt dem Rahmen, wurde vor dem Besticken zusammengenäht. Die Stickerei ist in den verwendeten Materialien wie in der Ausführung typisch für die Meiji-Zeit (18681912). Die Sticker/innen des professionellen Ateliers setzten die Stickfäden parallel zu den Schussfäden im Gewebe, so dass der Eindruck eines gewebten Musters entsteht. Es wurden acht Farben Stickgarn verwendet: 2 Grüntöne, 2 Blautöne, orange, rosa, violett, beige. Das Muster besteht aus diagonalen Reihen von Drachenmedaillons zwischen den blauen Ranken eines karakusa-Musters mit farbigen Blättern und stilisierten Lotosblüten (hosoge). Ein gefalteter, quadratischer Anhänger (maneki) aus dem gleichen Stoff verbindet dem kesa gegenüberliegend die beiden Nackenbänder miteinander. Darauf findet sich ein sternförmiges, genähtes Schutzamulett (mamori nui), wie es für rakusu des ōbaku-Zen typisch ist. Am oberen Rand des kesa findet sich auf der Rückseite, ein wenig aus dem Zentrum gerückt, ein kleiner Knebel, der vielleicht zur Befestigung des kesa am Unterkleid diente.

90

ō kuwara, gojō gesa, anda e Japan, um 1900/1920 Dreher- und Leinwandbindung (yokoro), bestickt; Seide Futterstoff: leinwandbindige Seidengaze 90 x 63 cm Privatsammlung


igiboso mit Eckapplikationen mit Schriftzeichen igiboso sind ebenfalls kleine Varianten von kesa mit fünf Kolumnen wie rakusu und ō kuwara. Sie sind besonders klein und werden von Ordinierten, aber auch von sogenannten Laien-Anhängern (ubasoku/ ubai) verschiedener Gemeinschaften getragen. Bei diesem Stück sind in die vier Ecken helle Stoffstücke mit den in Gold eingewebten Wurzelsilben (bonji) für die vier Wächter der Himmelsrichtungen (shitennō) appliziert. Bei allen kesa sind in den Ecken Applikationen (shiten) angebracht, welche die vier Wächter vertreten. Eingewebte bildliche Darstellungen15 sind ebenso selten wie jene der Wurzelsilben, die bildliche Darstellungen vertreten können. Hier sind die Wurzelsilben (bonji) eingewebt, die eine japanische Version der indischen Siddham-Schrift darstellen. Rechts oben ‚vai‘ oder ‚bai‘ für Bishamonten (Norden), links oben ‚bi‘ für Kōmokuten (Westen), unten rechts ‚chiri‘ für Jikokuten (Osten), unten links ‚bi‘ oder ‚vi‘ für Zōchōten (Süden). In einem der Bänder ist das Wappen der Jōdoshū (eine buddhistische Schule, siehe Nr. 4.2.2) eingewebt. Auf den Futterstoff der Rückseite sind der Name des ehemaligen Besitzers (誠誉 Seiyo) und der eines Tempels (法音寺 Hōonji) mit Tusche eingetragen. Es gibt in Japan mehrere Tempel dieses Namens, einen davon in Kyoto.

92

igiboso, gojō gesa, anda e Japan, 2. Hälfte 20. Jahrhundert Ripsgewebe, Leinwandbindung, broschiert Seide, Kunstfasern Futterstoff: Seidendamast 72 x 36,5 cm Privatsammlung

15 kesa mit eingewebten Darstellung der Himmelskönigen finden sich in der Sammlung Hammonds der MCH Stiftung (Kat. Nr. 19, S. 86f) und in der Sammlung von Krishna Riboud im Musée Guimet in Paris (Kennedy 1991, No 8, S. 40ff.)


Figuren der Wächter der vier Himmelsrichtungen Die Wächter der vier Himmelsrichtungen (shitennō) haben indische Wurzeln, ihre bildliche Darstellung geht jedoch meist auf chinesisch-tibetische Vorstellungen zurück. Die vier kleinen Figuren zeigen sie; bis auf Jikokuten, als ältere Herren mit Bart, gekleidet in historisierende, zentralasiatische Rüstungen. Zōchōten, Wächter des Südens, ist an seinem Schwert erkennbar. Jikokuten, Wächter des Ostens, hält eine Laute. Kōmokuten, Wächter des Westens, hält in seiner Rechten eine Schlange; auf seiner linken Hand war ehemals ein Stupa (ein Reliquienbehälter) platziert. Tamonten, auch bekannt als Bishamonten, ist das Oberhaupt der shitennō und Wächter des Nordens. Auf seiner linken Hand sitzt eine juwelenspeiende Manguste und mit der Rechten hielt er einst ein Siegesbanner.16 94

lokapala/dikpala (tibetisch), shitennō Tibet, 17. Jahrhundert Holz, geschnitzt, farbig gefasst jeweils 18 cm hoch Sammlung Essen16, IId 15270 (Jikokuten), IId 14271 (Zōchōten), IId 14272 (Kōmokuten), IId 14273 (Tamonten)

16

Publiziert in: Die Götter des Himalaya. Buddhistische Kunst Tibets. Die Sammlung Gerd-Wolfgang Essen, 1990/91, S. 229ff.


igiboso mit Inschrift Dieser igiboso wird in einem Etui aufbewahrt, in das auf der Rückseite der Anlass seiner Herstellung eingewebt ist: Im Jahr 1962 veranstaltete man eine Gedenkfeier zum 750-jährigen Todestag von Hōnen Shōnin (1133-1212), dem Gründer der Jōdoshū. Das Etui besteht aus einem Stoff mit Goldgrund, in den ein Muster aus stilisierten Blüten und Ranken eingewebt ist und dazu folgende Inschrift: 宗祖七百五十年 - shūso shichihyakugojūnen 750 Jahre nach der Gründung der Schule (1924) 遠忌記念 - onki kinen Gedenken zum Todestag [des Gründers der Jōdoshū: Hōnen Shōnin (+1212) also 1962]

96

Dazu die beiden Wappen der Schule. Weiter unten ist außerdem der Tempel genannt: 総本山知恩 - Sōhonzan Chion'in [Hauptsitz der Jōdoshu der Hōnen-Richtung, 1174 gegründet] Auf der Vorderseite des Etuis sind wiederum die beiden Wappen der Jōdoshū eingewebt, außerdem verstreute Lotosblättern und die Formel: 南無阿弥陀仏 - namu Amidabutsu ‚Ich nehme meine Zuflucht zu Amida Buddha‘ Den Gläubigen soll durch die Wiederholung der Formel bei ihrem Tod der Zugang ins westliche Paradies des Amida-Buddha ermöglicht werden.

igiboso, gojō gesa, anda e Japan, 1962 Oberstoffe: igiboso: Rips, Leinwandbindung; Seide. Etui: komplexes Köpergewebe (nishiki); Seide, Papier, Blattgold (kin yorhihaku) Futterstoffe: Seide igiboso ohne Bänder: ca. 15 x 20,5 cm, Etui: 18 x 15 cm Privatsammlung


Der igiboso diente zudem der Erinnerung an eine weitere Feier. Auf der weißen Seide des Futterstoffs wurde notiert, dass der Kacho Frauenverein dem Chio‘inTempel (Hauptsitz der Jōdoshū) zur 800-Jahr Feier der Gründung der Jōdoshū – also 1974 – einen fünffarbigen Vorhang (goshikimaku) stiftete: 浄土開宗八百年 - Jōdo kaishu happyaku nen Jōdo (Schule des Reinen Landes) 800-jährige Gründungsfeier 大殿五色幕献納記念 - Otono goshikimaku kenno kinen Fünffarben-Vorhang für die Große Halle gestiftet zur Feier 総本山知恩院華頂婦人会総本部 - Sohonzan Chion‘in kacho fujinkai sohonbu (mit gleichlautendem Siegel) [Stiftung des] Kacho Frauenvereins des Chio‘in, Hauptsitz (der Jōdo-Schule, in Kyoto) 99

Solche Vorhänge bestehen aus Seide in den Farben Weiß, Rot, Gelb, Grün, Violett. Sie sind sehr groß und werden entlang der Vorderseite des Tempels aufgehängt.17 An den Bändern, mit denen der igiboso um den Nacken vor der Brust getragen wird, findet sich ein kleiner Metallanstecker aus Messing mit blauem Email auf dem in lateinischen Buchstaben steht: OTETUGI Solche Metallanstecker sind Zeichen einer Pilgergemeinschaft oder eines Vereins. Ob der Anstecker mit dem Kacho-Frauenverein in Verbindung steht, ist nicht zu klären.

17

Fotos im Internet, welche die Vorhänge am Tempel zeigen: www.anyouji.blogspot.nl/2010/04/up.html Stand: 3. September 2014


Zeichnung zweier Würdenträger der Jōdoshinshū Bei den buddhistischen Würdenträgern auf dieser Skizze handelt es sich links um den heiligen Shinran Shōnin (1173-1262), den Gründer der Jōdoshinshū (nicht der oben erwähnten, wenig älteren Jōdoshū) und rechts Rennyo Shonin (1415-99), den achten Erzabt 18 des Honganji, des Haupttempels eben dieser Schule. Er verbreitete den Jōdoshinshū-Glauben noch weiter im Land und gründete viele Tempel. Beide Herren sitzen auf Matten, der heilige Shinran sogar auf einer Art Thron. Über ihren voluminösen Gewändern buddhistischer Würdenträger, bei denen der gefältelte Saum sichtbar wird, tragen beide einen kesa. Jede Figur ist bezeichnet mit ihrem Namen: 100

links:

親鸞聖人像 - Shinran Shōnin zō Bild des Shinran (1173-1262), (Gründer der Jōdoshinshū)

rechts: 蓮如聖人 - Rennyo Shōnin Erzabt Rennyo (1415-1499), (ein bedeutendes Oberhaupt und Erneuerer der Jōdoshinshū in der Muromachi-Zeit) Bei diesem ist außerdem notiert:

慧燈大師 - Etō daishi ‚Großer Meister der Leuchte der Wissens‘ - ein Ehrentitel, der ihm 1882 von Kaiser Meiji posthum verliehen wurde.

Japan, 19. Jahrhundert Tusche auf Papier 27 x 38,1 cm Privatsammlung

18

Ein Erzabt ist gleichzeitig das Oberhaupt der Schule.


Bandförmige kesa - yuigesa

102

yuigesa gehören zur Tracht der yamabushi, deren Name oft fälschlicherweise als ‚Bergkrieger‘ übersetzt wird. Die yamabushi sind geheimnisumwittert und sollen übermenschliche Kräfte besitzen. Wörtlich bedeutet yamabushi: ‚Personen, die in den Bergen ruhen/schlafen‘. Sie folgen dem Shugendō, Trainingsweg zur spirituellen Kraft. Die yamabushi galten als Magier, die böse Geister vertreiben konnten, reinigende Riten vollzogen und es verstanden, Orakel zu befragen. Der synkretistische Weg der yamabushi vereint Rituale des esoterischen Buddhismus mit der Verehrung des Fudō Myōō19, ferner shintoistischer Götter. In Japan wähnten die Menschen die Gebirge bewohnt von machtvollen Gottheiten und mythischen Wesen, die den Menschen wohl gesonnen sind, ihnen aber ebenso Schaden zufügen können. Die Initiationsrituale der yamabushi stellen hohe körperliche Anforderungen. Dazu gehört es ebenso, sich mit eiskaltem Wasser zu übergießen oder sūtren rezitierend unter einem Wasserfall zu verharren, wie über glühende Kohlen zu laufen. Zu den AufnahmeExerzitien gehören lange Wanderungen, über Monate dauernde nächtliche Läufe in hohem Tempo über weite Strecken und das Verrichten von Gebeten über einem Abgrund hängend. yamabushi sind erkennbar an ihrer Tracht, die auf adlige Kleidung zurückgeht. Im 19. Jahrhundert wurde der Orden der yamabushi verboten, einige der Rituale und Feierlichkeiten überlieferten sich allerdings im Shinto. Im 20. Jahrhundert wurden viele alte Rituale und Feste wieder belebt, die zahlreiche Besucher faszinieren. Immer noch unterziehen sich junge Mönche den harten Anforderungen, die mit der Aufnahme in den Orden der yamabushi verbunden sind.

19 Als Gesandter des Dainichi Nyorai, des höchsten Buddhas in allen Welten wird er vor allem im esoterischen Buddhismus verehrt. Ursprünglich handelt es sich um die indische Gottheit Shiva.


Holzskulptur eines yamabushi Die Figur zeigt einen yamabushi in charakteristischer Gewandung und mit Geräten des esoterischen Buddhismus auf einem zerklüfteten Steinblock sitzend. Die Tracht des yamabushi besteht aus einer Robe (suzukake) mit weiten Ärmeln über mehreren Untergewändern und sehr weiten, hier roten Hosen (hakama), die an den Waden mit einer Art von Gamaschen (kyahan) umwickelt sind. Besonders ungewöhnlich ist die winzige, runde Kopfbedeckung (tokin). Sie besteht aus gefaltetem und schwarz lackiertem Papier oder Stoff und kann auch zum Wasserschöpfen dienen. Sie soll den Kopf des yamabushi schützen, wenn er unter niedrigen Ästen läuft. Außerdem symbolisiert sie die Lotosblüte auf dem Kopf des Fudō Myōō, des machtvollen Schützers der buddhistischen Lehre, der von den yamabushi besonders verehrt wird. Der kesa der yamabushi, besteht aus schmalen Bändern aus goldgemusterter Seide und ist für die yamabushi der Tendai-Schule, (Shōgōin) mit großen farbigen Pompons verziert. Dann wird er als bonten gesa bezeichnet. Für die yamabushi der ShingonSchule (Sanbōin) ist er wie hier mit sechs schweren Metallapplikationen in Form des Rades (rimbō) der buddhistischen Lehre appliziert. Diese Form wird entsprechend rimbō gesa genannt. Die hölzernen Schuhe (geta) mit hohen Stegen waren in Japan bis ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet. Sie schützen den Träger vor dem Schmutz der Wege, vor allem in der Regenzeit. In der Rechten hält er einen langen Stab (shakujō) mit klingenden Metallringen an der Spitze, mit dem er den Rhythmus zum Rezitieren von sūtren gibt. Das Ritualgerät (kongōsho) in seiner linken Hand geht auf eine indische Waffe zurück, von der es verschiedene Varianten gibt. Diese, mit nur einer Spitze an jeder Seite symbolisiert die Einheit des Universums. Die Seide des kesa ist sorgfältig dargestellt, mit einem fein gemalten Muster auf einem Grund von Blattgold. Ebenso sind die Gewänder mit gemalten Mustern verziert. Diese sind jedoch kaum erkennbar, da eine Patina die Figur überzieht.

104

bukkyō chōkoku Japan, 18. Jahrhundert, Holz, geschnitzt, bemalt und vergoldet Höhe 67,5 cm MKB, 1953 Geschenk von Ivan A. Strohl, Basel, IId 4239


rimbō gesa

106

Der yuigesa beziehungsweise rimbō gesa ist in der Form weit entfernt vom üblichen Rechteck des kesa. Er soll entwickelt worden sein durch Falten oder Rollen und anschließendem Zusammennähen eines rechteckigen kesa. Die Form erscheint für den Alltag der yamabushi wesentlich geeigneter als die großen kesa. In die gelbbraune Seide sind zwischen magenta-roten Wolken buddhistische Symbole wie rimbō, das ‚Rad der Lehre‘ und kongōsho20 eingewebt. Anders als bei demjenigen in der Hand der Figur handelt es hier um eine kreuzförmige Version des kongōsho mit drei Spitzen an jeder Seite. Die beiden Vorderteile sind durch eine doppelt gelegte helle Seidenschnur verbunden, die auf der rechten Seite in zwei großen Quasten endet. Der Abschluss des Rückenteils ist mit Metall eingefasst und wird von einer dünneren weißen Schnur mit zwei Quasten geziert. In dem rechteckigen Metallteil findet sich unter einer Plastikfolie eine rot bedruckte und mit Tusche beschriftete Karte eingelegt. Auf der Vorderseite hat der Besitzer seinen Namen eingetragen: 外村新太郎 - Tonomura Shintarō (wobei Tonomura ein sehr seltener Name ist) Darüber steht: 結袈裟所有主 - yuigesa shoyūnushi - Besitzer des yuigesa Links davon steht in Rot: 上の覆をぬきて御名をお書入下さい - ue no fuku o nuke, gomei o okakiirikudasai Bitte tragen Sie hier Ihren Namen ein Darunter: 本山用違 - honzan yōi für jede der unterschiedlichen Schulrichtungen entsprechend gefertigt 林勘兵衛 謹製 - Hayashi Kanbei (Hersteller) 京都市烏丸通六角南入 - Kyoto, Karasumadōri, rokkaku, nanyū – eine Adresse in Kyoto, in der Karasumadori-Straße, südlicher Eingang Auf der Rückseite der Karte wurde mit Tusche handschriftlich eingetragen: 明治九年六月九日 - Shōwa kyunen rokkatsu kyunichi 9. Juli Shōwa 9. Jahr (=1934) 外村 Tonomura Shintaro, Shiga-ken, Kanzaki-gun, Minamigokasho-mura, Kondo Nr. 531 ein weiterer Herr mit dem Familienamen Tonomura und eine Adresse, die um diese Zeit noch in einem Dorf lag, heute jedoch in dem Stadtviertel Kondo-cho, Gokasho in der Stadt Higashiomi, in der Shiga Provinz


外村 Tonomura Daigoro, ein dritter Herr mit dem Familiennamen Tonomura mit einer Büro-Adresse in Kyoto und zwar im Stadtviertel Shimokyo-ku, in Richtung Gojo (im Zentrum von Kyoto gelegen) Auf der Rückseite der Seide befindet sich ein bedruckter Papieraufkleber mit drei Kartuschen: Die oberste ist schmal rechteckig:

修験根本 - shugen nemoto ordnungsgemäße Herstellung 御袈裟 装束所 - okesa shōzokusho Ort für kesa und zeremonielle Kleidung der originalen Shugendō-Schule Die mittlere ist in Rot und dreieckig: 但馬禄 - Tajimaroku [Name des Geschäfts] Die unterste ist oval und aus vier Bögen gebildet: 大本山御指定用逹 - Daihonzan goshitei yōtatsu 岡田但馬禄 林勘法衣店 - Okada Tajimaroku Hayashi Kan hōiten 京都新椹木町丸太町南 - Kyoto Sawaragi-chō Marutamachi minami Geschäft von Okada Tajimaroku „Hayashi Kan, Buddhistische Kleidung“, vom Haupttempel ausgewiesener Verkäufer, in Kyoto im Sawaragi-chō [Viertel] Marumchi-Süd [im Zentrum der Altstadt] Unter der Seide, die etwas brüchig geworden ist, liegen mehrere Schichten stabilen japanischen Papiers. Dies ist einerseits notwendig, um die schweren Metallapplikationen zu tragen, gibt aber dem yuigesa auch mehr Volumen, so dass man sich den bei den ursprünglichen Formen darin aufgerollten Stoff vorstellen kann.

rimbō gesa Japan, vor 1934 betsugarami nishiki, Lampas, Grundbindung: 2S1 Kettköper, Haltekette: 1Z4 Köper Grundkette: Seide, bräunlich gelb Grundschuss: Seide, grünlich gelb, X-Enden, ohne erkennbare Drehung Musterschuss: kin hirahaku; Seide ohne erkennbare Drehung, magentarot Haltekette: dünn, orangerote Seide Verhältnis Grundkette zu Haltekette: 2 zu 1 Applikationen: Stahl/Eisen, Messing ca. 70 x 20 cm Privatsammlung

Ein Ritualgerät, das von einer indischen Waffe abstammt und das Attribut des Fudō Myōō ist.

20

109


mashikon GESA Bei yuigesa für yamabushi gibt es verschiedene Varianten, die je nach dem Grad der Ordination verwendet werden. Außerdem unterscheiden sich die yuigesa der einzelnen Gemeinschaften. Bei diesem Stück ersetzt eine orangerote Schnur das rechte Vorderteil. Die doppelt gelegte Schnur ist zu einem kreuzförmigen agemaki-Knoten verschlungen. Diese Form wird mashikon gesa genannt. Mit der doppelten Schnur ist außerdem die untere Verbindung der beiden Vorderteile gebildet, die in zwei großen Quasten endet. In die bräunliche Seide ist ein Rankenmuster aus Gold mit Chrysanthemen- und kiri-Blüten und -Blättern eingewebt. Der Stoff ist wie bei dem vorhergehenden yuigesa mit mehreren Lagen stabilen Papiers unterlegt. Das Rückenteil ist eingefasst mit einem silberfarbenen Metallblech, vermutlich eine Zinklegierung in der Art von Zamak. Dieser Abschluss ist elegant gestaltet mit einem geschwungenen Ausschnitt und fein gravierten Ranken. Unten ist an einer kleinen Öse eine dünnere orangefarbene Schnur mit Quasten angeknotet. Auf der Rückseite des Abschlusses befindet sich eine herausnehmbare spiegelglatte Metallplatte, unter der eine Visitenkarte eingelegt ist, wohl mit dem Namen des ehemaligen Besitzers und einer Adresse:

110

戸田由松 - Toda Yoshimatsu 大阪市住吉区田辺西之町四丁目三七 - Osaka-shi (Stadt), Sumiyoshi-ku (Stadtteil), Tanabenishinomachi (heute: Kitatanabe) 4-37

mashikon gesa Japan, 2. Hälfte 20. Jahrhundert betsugarami kinran, Lampas; Seide; Musterschuss: vergoldete Papierstreifen (kin hirahaku) Metall ca. 70 x 20 cm Privatsammlung


HōRAGAI Zur Ausrüstung der yamabushi gehören Schneckenhörner (hōragai), die bei Ritualen und auf den langen Wanderungen der Mönche geblasen werden. Vermutlich dienten sie ehemals dazu, sich über weite Entfernungen zu verständigen. Die große Tritonschnecke wurde für die Verwendung als Blasinstrument mit einem Mundstück versehen. Das in der Art von Makramee geknotete Netz schützt sie und eine Schnur mit Quasten dient zum Umhängen.

112

hōragai Japan, 19. Jahrhundert Tritonshorn (Charonia tritonis), Kupferlegierung, Holz, Pflanzenfasern, Makramee Länge 40 cm MKB, 1910 Geschenk von Walter Baader-Meyer, Basel, IId 642


Weitere bandförmige kesa Die großen rechteckigen kesa, getragen wie eine Stola um die Schultern, erwiesen sich oft als unpraktisch für den Alltag. In Japan entwickelte man bandförmige kesa, indem man die großen rechteckigen Tücher in schmale Falten legte. Dabei wurde auch der kesa verändert, gefaltete kesa (origesa) zeigen nur noch zwei Kolumnen, anstatt fünf, sieben oder neun. Diese sind wohl als die beiden äußeren Kolumnen zu verstehen. Teilweise besteht der kesa auch nur noch aus einem Stoffstreifen mit anhängenden Schnüren oder Quasten, wie beim hangesa. Da viele dieser bandförmigen kesa als Zeichen der Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft getragen werden, sind oft Tempel- oder Schulwappen (jimon), manchmal sogar Inschriften eingewebt. 114


ORIGESA

116

Auf Reisen tragen buddhistische Mönche und Priester vereinfachte Formen des kesa, wie diesen origesa (wörtlich: gefalteter kesa). Ein Rahmen aus gemusterter, festerer Seide umgibt ein Innenfeld mit zwei Kolumnen, die aus sehr dünnem, transparentem Stoff mit der Nähmaschine genäht wurden. Ebenfalls aus dem dickeren Rahmenstoff gefertigt sind die vier kleine Eckapplikationen (shiten). Der genähte kesa wurde zickzackförmig zu einem Streifen zusammen gefaltet, so dass nur noch der Rahmenteil sichtbar ist. Der entstandene Streifen wird um den Nacken gelegt. An beiden Seiten ist der Streifen im unteren Drittel mit einem schmalen, aus dem Hauptstoff genähten Band umwickelt, das mit sich selbst leinwandbindig verflochten wurde. Der Stoff des Rahmens hat ein eingewebtes Muster von kleinen Sechsecken, in die jeweils ein winziger Drache eingepasst ist. Auf beiden Seiten ist eine Variante des Wappens der Jōdoshinshū Otani ha (eine Seitenlinie der Hauptschule, ebenfalls mit Sitz in Kyoto) in weiß eingewebt. Das Wappen besteht aus Glyzinenranken und einer dreifachen karahana, eine abstrahierte Blütenform. Außerdem ist zwischen den Falten auf der linken Seite unten eine Inschrift (Foto S. 113) in weiß in den Rahmenstoff eingewebt: 龍谷大学同窓会 - Ryūkoku Daigaku dōsōkai Alumni-Gruppe der Ryūkoku Universität [in Kyoto] Dōsō ist eine alte chinesische Metapher für: „am gleichen Fenster“ mit der Bedeutung: „Freunde, die am gleichen Fenster gemeinsam studiert haben“. Ein Anhaltspunkt für die Datierung des origesa ist die Entstehung der Alumni-Gruppe. 1927 wurde an der Ryukoku Universität zum ersten Mal ein dōsōkai veranstaltet. 1939 wurden erste Listen mit AlumniNamen publiziert, damals unter der Bezeichnung Ryūkoku Daigaku Dōsōkai. 1965 begannen einige Abteilungen anstatt Dōsōkai (同窓会) Kōyūkai (校友 会) zu verwenden, zwei Jahre später verwendete die komplette Universität die geänderte Bezeichnung. Aufgrund dieser Angaben kann der origesa auf die Zeit vor 1967 datiert werden.

origesa Japan, vor 1967 Rahmen und Applikationen: Damast, verschiedene Köperbindungen (donsu), Inschrift broschiert, Seide Innenfeld: transparentes, leinwandbindiges Gewebe, Kunstfaser Länge ca. 85 cm, Breite ca. 7 cm Privatsammlung


hangesa Dieses schmale Band mit der Bezeichnung hangesa (wörtlich: halber kesa) legen buddhistischen Mönche und Nonnen an Stelle eines großen kesa an. Ebenso dient er für Laien-Anhänger (ubasoku/ubai) als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Die weißen eingewebten Wappen mit einer großen Päonienblüte, umgeben von Blättern, stehen für die buddhistische Schule Jōdoshinshū Otani ha, beziehungsweise den Tempel Higashi Honganji in Kyoto. An beiden Enden des Bandes sind violette, geflochtene Schnüre in einem großen flachen Knoten angenäht. Weiter unten sind die beiden Seiten mit einem Knoten verbunden.

118

hangesa Japan, um 2000 komplexes Köpergewebe (nishiki, jigarami), Seide, Kunstfasern; Musterschuss: vergoldete Papierstreifen um eine Seele (kin yorihaku) Länge ca. 76 cm, Breite ca. 7 cm Privatsammlung


Ein anderer Blick - Kunst und kesa kesa können abstrakte Mandala (das Universum in der buddhistischen Vorstellung) sein, Zeichen für die Weitergabe der Lehre vom Meister zum Schüler, Ausdruck von Zugehörigkeit, aber sie sind auch in der Welt der Dinge präsent. kesa bestehen aus gewebten Stoffen, die gemustert, gefärbt und bestickt sind, sie wurden auf eine bestimmte Weise gefertigt und nach Regeln benutzt. Künstlerinnen und Künstler lassen sich von all diesen Ebenen des kesa inspirieren. Manche greifen die klare Aufteilung, die kühnen Farbkompositionen und die Eleganz der Muster auf. Andere tauchen in die Regeln der Tradition ein und interpretieren diese neu.

120


Textilobjekt in Form eines funzō e Stoffe aus dem Abfall zu sammeln, um daraus einen kesa zu nähen, geht auf uralte Traditionen zurück. Diese kesa, genannt funzō e 21, zeigen die Idee der Nicht-Anhaftung an die Welt in konkreter Form, denn für ihre Herstellung wurden ausschließlich Gewebefragmente und Stoffreste verwendet, die aus dem gesellschaftlichen Wertsystem bereits herausgefallen waren. In dem extrem zeitaufwendigen Nähprozess (shinō) in dem die kleinen Fragmente zu einem durchgehenden Stoff verbunden werden, zeigt sich die Hingabe, mit der sich die Hersteller ihrem Werk widmen. kesa in shinō-Technik gehören zu den ältesten kesa, die überliefert sind..22 Dieser funzō e ist erst vor Kurzem entstanden. Darin finden sich zeitgenössische Stoffe wie Teile von Hemdkragen, Blusenstoffe, Socken und Aids-Schleifen.

122

shichijō gesa, funzo e, uttarasō Europa, 2012-2014 verschiedene Stoffe, mit Tusche gefärbt, genäht Länge 130 cm, Breite 214 cm Privatsammlung

Sanskrit: pàmsukûla kāṣāya, wörtlich: Fetzen um [Schmutz wie] Kot zu fegen. 1993 Mitsumori, S. 86-95.

21 22


Textilobjekt aus blauem Leinen

124

Dieser transparente, luftdurchlässige Leinenstoff wird in Japan traditionell für Moskitonetze (kaya) verwendet. Der helle Blauton, der im heißen Sommer einen kühlen Eindruck erzeugen soll, entsteht durch ein kurzes Bad in Indigo. Allerdings ist der Stoff eher ungewöhnlich für einen kesa. Die Bänder zwischen den Feldern und den Kolumnen entstehen bei diesem kesa durch das Überlappen der Stoffteile (kassetsu e). Bei den meisten kesa sind die Bänder als separate Stoffteile, oft aus unterschiedlichen Stoffen, dazwischen genäht (chōyō e). Die Künstlerin verwendete eine besondere Form der Naht mit Dreiecken und teils lose hängenden Partien in den Bändern. Diese Technik wird beschreibend ‚VogelfußNaht‘ (chōsoku nui) genannt.23 Als Unterlage für die Bindebänder applizierte die Künstlerin Quadrate aus dem Grundstoff. Die Bindebänder wurden mit dicht gesetzten Nähten aus weißem Garn an den Quadraten befestigt. Die kakujō sind über den Rahmen appliziert, aber größer als bei dieser kesa-Art üblich. Dafür verwendete die Künstlerin Stücke eines älteren Damengürtels (obi). In den türkisblauen Stoff sind Chrysanthemenblüten in Braun und Gelbtönen eingewebt. Die Farbigkeit und die Art der Musterung lassen darauf schließen, dass es sich um Stücke aus einem obi aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handelt. Ebenfalls finden sich in diesen applizierten Stoffstücken eingewebte Streifen. Es handelt sich dabei um sogenannte oridashi sen (wörtlich: Linien, die den Anfang

des Gewebes anzeigen) beziehungsweise um kaikiri sen (wörtlich: Begrenzungslinien). Diese eingewebten Streifen haben ihren Ursprung in chinesischen Geweben, die am Anfang und Ende der Stoffbahn solche Streifen eingewebt hatten, damit nachprüfbar blieb, ob schon ein Stück der Stoffbahn abgeschnitten worden war. Als in Japan die chinesischen Gewebe kopiert wurden, behielt man diese Streifen bei. Sie bekamen bei den obi-Gürteln sogar eine Funktion, nämlich als Orientierungslinien beim Binden des Knotens auf dem Rücken. Bei der Seide der Applikationen bestehen die Musterschussfäden aus einem schmalen, vergoldeten Papierstreifen, der um ein sogenannte Seidenseele gewickelt ist. Heute ist die dünne Metallschicht fast komplett verloren gegangen und nur noch der braune Kleber ist sichtbar. Der Futterstoff aus kaffeebraunem Organza bildet farblich und hinsichtlich des Materials einen interessanten Gegensatz zum Oberstoff des kesa.

jūsanjō gesa, kassetsu e, sōgyari Europa, 21. Jh., Stoffe älter Oberstoff (Japan, um 1900): leinwandbindiges Leinen, gefärbt mit Indigo; Applikationen (Stoff 19. Jh.): betsugarami nishiki, Lampas, 3S1 Köper mit Musterschussfäden Grundkettfäden: doppelt, Haspelseide, leicht gedreht, in unterschiedlichen Blautönen gefärbt Haltekettfäden: weiß, Gregeseide, ohne erkennbare Drehung, dünn Verhältnis Grundkette zu Haltekette: 3 zu 1 Grundschussfäden: doppelt, Z-gedreht, Haspelseide, braun, diese teilweise lisere in der Musterung Musterschussfäden: kin yorihaku, metallisierte Papierstreifen Z-gedreht um eine gelbe Seidenseele; Seide ohne erkennbare Drehung, grün Futterstoff: Seidenorganza, leinwandbindig Länge 133 cm, Breite 243 cm Rosmarie Gabathuler, Schweiz/Österreich

Kyuma, Keichū 1989, S. 71.

23


Textilobjekt in Form eines kesa aus Damaststoffen Dieser kesa wurde aus den Stoffen eines halbrunden Vespermantels24 und eines Kelchvelums25 der katholischen Kirche genäht. Zwischen kesa und Vespermantel gibt es einige Gemeinsamkeiten. Beide werden als religiöses Zeremonialgewand verwendet. Für beide Umhänge werden wertvolle Stoffe benutzt, oft farbige Seiden mit eingewebten oder gestickten Mustern. Diese Stoffe werden oft gestiftet, manchmal in Form von Gewändern, die dann für den kesa bzw. den Vespermantel umgearbeitet werden. Es lassen sich sogar in der Art, wie die Gewänder getragen werden, Übereinstimmungen finden. Meist werden kesa zwar nur über die linke Schulter (hentan uken) drapiert getragen - dies war ursprünglich in Indien ein Zeichen von Respekt. Aber es gibt für den kesa auch eine Möglichkeit, ihn über beide Schultern (tsūken) zu legen, vor allem wenn er von älteren und hochstehenden Persönlichkeiten getragen wird. Dies ähnelt der Art, wie der Vespermantel von Priestern bei Feierlichkeiten in der katholischen Kirche angelegt wird. Der Vespermantel bestand aus mehreren schmalen Bahnen eines schwarzen Damaststoffes. Durch die Rundung entstandene schräge Abschlüsse wurden für den kesa teilweise mit anderen Seiden- und Wollstoffen in dunklen Farben ergänzt.

126

shichijō gesa, uttarasō Europa, 2012/2013 verschiedene Damastgewebe; Seide, Viskose, Wolle; Futterstoff: Seide 110 x 205 cm Privatsammlung

Zeremonialumhang für Priester Bedecktuch für den Kelch

24 25


Textilobjekt in Form eines transparenten kesa Die Nähtechnik dieses kesa nimmt eine traditionelle Nähtechnik auf, überträgt sie allerdings auf ein ungewöhnliches Material. Der transparente Stoff blieb unzerschnitten und die Aufteilung ist nur durch schmale, genähte Falten dargestellt. Zum Nähen verwendete die Künstlerin ausschließlich Fäden, die sie aus dem Stoff herausgezogen hatte. In der buddhistischen Vorstellung sollen Stoffe für kesa zerschnitten werden, damit sie für die Welt ohne Wert sind, herausgenommen aus dem Wertkreislauf. Allerdings wurde in Japan und China bei wertvollen Seiden die Zerteilung manchmal durch schmale, festgenähte Falten vorgetäuscht. Eigentlich waren die Stoffe nach wie vor unzerschnitten. Bei den Seidenstoffen mit gewebten Mustern ist es schwer erkennbar, ob die Nähte mittels Falten vorgetäuscht oder wirklich aus Teilen zusammen genäht sind. Durch die Transparenz des kesa wird deutlich sichtbar, dass der Stoff unzerschnitten blieb und anstelle der Nähte schmale Falten gelegt wurden. Anders als bei japanischen kesa, bei denen der Mittelteil aus mehreren Stoffbahnen zusammengesetzt wird, besteht dieser kesa komplett aus einer einzigen Stoffbahn. Bei den Originalen sind die Rahmenteile angesetzt und die Applikationen sind aus einem separaten Stoff geschnitten und tatsächlich appliziert. Hier sind alle Teile des Flickwerks im Grundstoff durch die schmalen Falten markiert. Dies ist besonders aufwendig an Stellen wie an den Ecken der Applikationen oder dort, wo zwei Nähte T-förmig aufeinander treffen. Hier zusätzliche schräge Falten zu vermeiden ist fast unmöglich.

128

shichijō gesa, uttarasō, hitoe Europa, 2005 leinwandbindiges Gewebe aus Kunstfasern Länge 121 cm, Breite 196 cm Rebekka Boyer


INDEX MIT SCHRIFTZEICHEN

130

anda e 安陀會 (Sanskrit: antarvāsas, Pali: antarvāsaka) gojō gesa 10, 14 antarvāsas 内衣 kesa mit fünf Kolumnen, gojō gesa 10, 14 beni 紅 Safflorrot, Färberdistel (Carthamus tinctorius) 36, 87 bonji 梵字 Siddham Schrift 92 chōyō e 帖葉衣 Nähmethode für den kesa 16 daiza 台座 Unterlage für die Befestigungsschnüre 14 en 縁 Rahmen, auch Saum 14 e kesa 絵袈裟 Bild-kesa 58 Fudō Myōō 不動明王 (Ācalanātha-Vidyārāja), Dharmapāla (Beschützer der bud. Lehre) 102 funzō e 糞掃衣 (Sanskrit: pàmsukûla kāșāya), wörtlich: Fetzen um [Schmutz wie] Kot zu fegen 122 ginran 銀襴 Komplexes Seidengewebe mit silbernen Mustern 20, 24, 64, 68 gojō gesa 五条袈裟 kesa mit fünf Kolumnen, anda e 10, 14 han gesa 半袈裟 Wörtlich: halber kesa 118 hirahaku 平箔 Glatter, ungedrehter Papierstreifen mit Metallauflage 23 hōō 鳳凰 Glücksverheißender mythologischer Vogel 24 horagai 法螺貝 Schneckentrompete aus der Charonia tritonis 112 igiboso 威儀細 Kleine kesa-Version 92, 96 jinbaori 陣羽織 Jacke über der Rüstung 60 jō 条 Kolumne im kesa 10, 14 jōdoshū 浄土宗 Buddhistische Schule, wörtlich: Schule des Reinen Landes 96 jōdoshinshū 浄土真宗 Buddhistische Schule, wörtlich: Wahre Schule des Reinen Landes 100 kaeshinui 返し縫い Punkt-Rückstich 16 kakujō 角帖 Eckapplikationen 14 karakusa 唐草 Rankenmuster chinesischen Ursprungs 23 karaori 唐織 Komplexes Seidengewebe 44 kassetsu e 割截衣 Nähmethode für den kesa 16, 66 kesa 袈裟 (Sanskrit: kāșāya) Buddhistischer Umhang 10 kinran 金襴 Komplexes Gewebe mit goldenen Mustern 20, 64 komusō 虚無僧 ‚Wandermönche‘, wörtlich: Mönche des Nichts 88 kujōgesa 九条袈裟 kesa mit neun Kolumnen 10, 14 mashikon gesa 磨紫金袈裟 kesa der Yamabushi 110 mamorinui 守り縫い Genähtes Amulett 90 murasaki 紫 Purpur/Violett 26 nishiki 錦 Komplexes Seidengewebe, veraltet: ‚Brokat‘ 20, 64 ōkuwara/ōkara 大掛絡 Kleine Version des kesa 88, 98 oridashi moyō no tanmono 織り出し模様の反物 Stoffbahn mit gewebten Muster 68 ori gesa 折り袈裟 Gefalteter kesa 116 rakusu 絡子 Kleine Version des kesa 84 rimbō 輪宝 Rad der Lehre 106 rimbō gesa 輪宝袈裟 kesa der Yamabushi 106 san e 三衣 (Sankrit: tricīvara) 10 shichijō gesa 七条袈裟 (Sanskrit: uttarāsamga), kesa mit sieben Kolumnen 10, 14


shie 紫衣 Gewand in Purpur/Violett 26 shinō 刺納 Spezielle Nähtechnik für funzō e 122 shitennō 四天王 (Sanskrit: lokapāla) wörtlich: vier Himmelskönige; Wächter der vier Himmelsrichtungen 92, 94 sōgyari 僧伽梨 (Sanskrit: samghātī) kesa mit neun oder mehr Kolumnen 10, 14 Sōtō shū 曹洞宗 Zen-buddhistische Schule 16 Shugendō 修験道 Schule der Yamabushi 102 tamamushi habutae 玉虫羽二重 Leinwandbindige Seide, oft als Futterstoff 30 tochō 戸帳 Behang für eine Nische bzw. für eine Figur 70 tokin 頭襟/兜巾 Kopfbedeckung der Yamambushi 104 ubasoku/ubai 優婆塞/優婆夷 Männliche/weibliche Laien-Anhänger 66 uchishiki 打敷 Altartuch 70 uttarasō 七條衣 (Sanskrit: uttarâsaṃgha), kesa mit sieben Kolumnen 10, 14 Yamabushi 山伏 Anhänger der Shugendō Schule 102 yō 葉 Längs- und Querbänder zwischen den Feldern und Kolumnen im kesa 14 yoko gesa 横袈裟 Kleinere, quer-rechteckige Version des kesa 32 yokoro 横絽 Drehergewebe mit waagerechten Webstreifen 90 yorihaku 撚箔 Papierstreifen mit Metallauflage, um eine sogenannte Seidenseele gewickelt 29 yui gesa 結袈裟 kesa der Yamabushi 102 zagu  座具 (Sanskrit: nidāna), Matte zum Sitzen und Schlafen 70, 80


LITERATUR Brinker, Helmut und Kanazawa, Hiroshi, 1993 Zen – Meister der Meditation in Bildern und Schriften. Zürich. Boston, Museum of Fine Arts (ed.), 1997 Bosuton Bijutsukan Nihon bijutsu chosa zuroku : Dai 1-ji chosa, butsuga, butsuzo, butsugu, kesa, nomen, suibokuga, shoki Kana-ha, Rinpa (Japanese Edition). Boston. Brix, Walter, 2003 Der goldene Faden : Bestandskatalog der Textilien aus China, Korea und Japan im Museum für Ostasiatische Kunst Köln. Köln. Dusenberg, Mary M., 2004 Flowers, Dragons & Pine Trees – Asian Textiles in The Spencer Museum of Art. Vermont. Eihei, Dogen, 2007 Shōbōgenzō; Nearman, Hubert (transl.), Mt. Shasta, California. 132

Faure, Bernhard, 1995 „Quand l´habit fait le moine – The Symbolism of the kâsâya in Chan/Zen Buddhism” in: Cahiers d’ Extreme-Asie. No 8, p. 335 – 368. Forler, Cara Marie, 2000 The Japanese Kesa: a patchwork of meanings. University of Oregon. Griswold, Alexander B., 1963-65 Prolegomena to the Study of the Buddha’s Dress in Chinese Sculpture I – II“ in: Artibus Asiae Vol. 26 (1963) p. 85-131 und Vol. 27 (1964-1965) p. 335-348. Günther, Robert; Reese, Heinz-Dieter (Hg.), 2002 Auf Buddhas Pfaden zur Erleuchtung. Köln. Inagaki, Hisao, 1988 A Dictionary of Japanese Buddhist Terms. Kyōto: Nagata Bunshodo. Katagiri, Tomoe, 2000 Study of the Okesa, Nyoho-e, Buddha’s robe. Mineapolis. Kennedy, Alan, 1983 „Kesa: Its Sacred And Secular Aspects” in: The Textile Museums Journal. Vol. 22. Washington. Kennedy, Alan, 1989 „A Ritual Garment of Japan: The Buddhist Kesa“ in: In Quest of Themes and Skills – Asian Textiles. p. 112 ff. Bombay. Kennedy, Alan, 1990 Japanese Costume: History and Tradition. Paris. Kennedy, Alan, 1991 Manteau de nuages : kesa japonais XVIIe – XIXe siècles. Paris. Kennedy, Alan, 1994 Japanese Costume – History and Tradition. London. Kennedy, Alan, 2000 Traditional costumes and textiles of Japan. Paris. Kennedy, Alan, 2005 „Le Nishiki au Japon“ in: Lumières de Soie, Soieries tissées d‘or de la collection Riboud. Paris.


Kennedy, Alan, 2005 „Le Nishiki au Japon“ in: Lumières de Soie, Soieries tissées d‘or de la collection Riboud. Paris. Kennedy, Alan, 2013 „Nishiki and Japan“ in: Passions of an Elegant Lady, Asian Textiles of the Hammonds Collection, p. 27-42. Berlin. Kieschnick, John, 1966 „The Symbolism of the monk’s robe in China“ in: Asia Major Vol. XII/1: 9.32. Kirihata, Ken, 1981 „The Transpmittance of Buddhist Robes“ in: The Arts of Zen Buddhism, The Ueno Memorial Foundation for Study of Buddhist Art, Report No X. Kyoto. Kirihata, Ken, 1982 „The Kujō-gesa worn by Priest Kūkoku Myō-ō“ in: The Kyoto National Museum Bulletin. S. 103ff. Vol. 4. Kirihata, Ken, 1988 „Kesa Vestment of the Shichijō Type, and Inner Vestment“ in: Aspects of the Art of Tendai Buddhism, The Ueno Memorial Foundation for Study of Buddhist Art, Report No XVI. Kyoto. Kirihata, Ken, 1990 „Brocade ōhi-Stole with Design of Sanmen-jōju and Katsuma, Owend by Ninna-ji temple, Kyoto“ in: The Kyoto National Museum Bulletin. S. 104ff. Kyoto. Kōdō, Sawaki, 1988 „The Kesa“ in: Bulletin Zen. No 55. Paris. Koop, Albert J., 1920 Guide to the Japanese Textiles. Part II. Costume. London. Kyuma, Keichū, 1989 Kesa no Hanashi, Butsu no kokoro to Katachi. Tokyo. Luo, Wenhua, 2011 The dragon robe and the Kasaya (two volumes). Beijing. Lyman, Marie, 1984 „Distant Mountains : The Influence of Funzō on the Tradition of Buddhist Clerical Robes in Japan“ in: The Textile Museum Journal. Vol. 23. Washington. MCH Foundation, Hammonds Collection (Hg.), 2013 Passionen einer eleganten Dame: Asiatische Textilien der Sammlung Hammonds. Berlin. Maruyama, Nobuhiko, 1997 Jidai o kataru senshoku – sumiga no aru kinsei no senshoku (Fabrics of History – Premodern Textiles with Inscriptions). Sasō. Mitsumori, Masashi (ed.), 1993 The Treasure of the Shōsōin : Buddhist and Ritual Implements. Kyoto. Nishimura Morse, Anne and Crowell Morse, Samuel, 1995 Object as Insight : Japanese Buddhist Art & Ritual. New York. Mitsumori, Masashi (ed.), 1993 The Treasures of the Shōsōin – Buddhist and Ritual Implements. Kyoto.

133


Müller, Claudius (Hg.), 1993 Zen und die Kultur Japans: Klosteralltag in Kyoto; mit 100 Fotografien aus dem Kloster Tenryuji von Hiroshi Moritani. Berlin. Ogasawara, Sae, 1989 “Chinese Fabrics of the Song and Yuan Dynasties Preserved in Japan” in: Orientations, vol. 20, no. 8, August, pp. 32 – 44. Reynolds, Valrae, 1978 Japanese Textiles from the Marjorie and Robert Graff Collection. Ausstellungskatalog. The Newark Museum. Riggs, Diane E., 2004 “Fukudenkai; Sewing the Buddha’s Robe in Contemporary Japanese Buddhist Practice” in: Japanese Journal of Religious Studies 31/2: 311-356. Nanzan Institute for Religion and Cultures. Riggs, Diane E., 2007, 3 „Robes of Rags (funzoe) and Silk in the Edo Period: Menzan Zuiho and Ueda Shohen Interpret the Practice of the Buddhist Robe“ in: Journal of Indian and Buddhist Studies. p. 1161-1166. Tokyo, March, 25th. 134

Riggs, Diane E., 2007, 12 The Buddhist Robe according to the Teaching – Nyohōe, Nōe and Funzōe. Kyoto. Sammapanno, Phramaha Somjin, o.J. The Robe in Buddhist Scriptures: Its Development Through Social & Cultural Contexts. Mahachulalongkornrajavidyalaya University, Bangkok, Thailand. Selkirk, Jean, 2005 Buddha’s Robe Is Sewn: The Tradition of Sewing Practice in the Shunryu Suzuki-Roshi American Lineage: a Collection of Quotes and Commentaries. San Fransisco Zen Center. Shinohara, Koichi, 2000 The Kasaya Robe of the Past Buddha Kasyapa in the Miraculous Instructions Given to the Vinaya Master Daoxuan (569~667), in: Chung-Haw Buddhist Journal No.13.2 (May), pp.299-367. Ṭhānissaro Bikkhu (Geoffrey DeGraff), 2009 Buddhist Monastic Code II. Metta Forest Monastery, Valley Center, CA. Till, Barry and Swart, Paula, 1996 Kesa : The Elegance of Japanese Monk’s Robes. Victoria. Till, Barry and Swart, Paula, 1997 „The Elegance and Spiritualty of Japanese Kesa” in: Arts of Asia, vol. 27, no. 4, pp. 51 – 66. Whitfield, Roderik & Farrer, Anne, 1990 „Textiles from Dunhuang“ pp. 108 – 137 in: Caves of the Thousand Buddhas – Chinese art from the Silk Route. London. Yamanaka, Aki, 2010 Transmitting Robes, Linking Minds : The World of Buddhist Kasaya. Kyoto. Yamanaka, Aki, 2002 „Omu’e Dream Surplice“ in: The Kyoto National Museum Bulletin. Vol. 24, May. Online: Buddhist textiles in the collection of Buddhist Textiles from the Metropolitan Museum of Art, New York: www.metmuseum.org/collection/the-collection-online/search?ft=Buddhist+Textile Stand: 7. Sept. 2014.


DANKSAGUNG

136

Mein Dank gilt allen voran Dr. Anna Schmid, Direktorin des Museums der Kulturen Basel. Ihre unermüdliche Energie trieb Ausstellung und Publikation voran und bringt Dinge auf den Punkt. Danken möchte ich Alan Kennedy, der mich in meiner Arbeit zum kesa immer unterstützt. Sein Wissen über kesa ist tiefgreifend wie die Wurzeln eines großen Baums und er ist stets bereit, es zu teilen. Für die Übersetzungen aus dem Japanischen und Chinesischen danke ich Herrn Henri Kerlen. Er übersetzte die schwierigsten Handschriften, fand kaum lesbare, uralte Schriftzeichen und hat mit seinem unerschöpflichen Wissen dazu beigetragen, viele Rätsel zu lösen. Das Team des MKB hat mich bei der Ausstellung tatkräftig unterstützt, besonders Anne-Rose Bringel, Ina von Woisky-Niedermann, Maria-Teresa Pol und Christoph Zweifel von der Restaurierung, Christof Hungerbühler als Ausstellungsgestalter mit seinem Team und Stephanie Lovasz. Yves-Alain Corandi danke ich für seine Geduld und seinen Langmut. Der kesa nimmt seit einiger Zeit große Teile meines Lebens und Alltags ein – dies mit einem fröhlichen Lächeln zu ertragen ist sicherlich nicht immer einfach.


IMPRESSUM Satz und Layout: Peer Boehm Bildnachweis: Derek Li Wan Po und Omar Lemke für das MKB: Objekte des MKB und aus Privatsammlungen Rainer Holz: Seite 17, 130 MCH Stiftung: Seite 75 Walter Bruno Brix: Makro- und Detailaufnahmen Lektorat: Isa Fleischmann, Nadja Breger Korrektur der Schriftzeichen: Olaf Schneemann Druck: Klicks GmbH bis500 Digitaldruck, Ilmenau © 2014 August Dreesbach Verlag, München www.augustdreesbachverlag.de Alle Rechte vorbehalten. ISBN 978-3-944334-54-7 138

Die in dieser Publikation vorgestellten Textilien und Skulpturen sind vom 22. August 2014 bis zum 21. März 2015 in der Ausstellung„Flickwerk zur Erleuchtung – Das Buddhistische Mönchsgewand“ im Museum der Kulturen Basel ausgestellt.


"Kesa - Flickwerk zur Erleuchtung" Autor: Walter Bruno Brix  

Publikation von Walter Bruno Brix zur Ausstellung "Kesa - Flickwerk zur Erleuchtung" im Museum der Kulturen, Basel (CH)

"Kesa - Flickwerk zur Erleuchtung" Autor: Walter Bruno Brix  

Publikation von Walter Bruno Brix zur Ausstellung "Kesa - Flickwerk zur Erleuchtung" im Museum der Kulturen, Basel (CH)

Advertisement