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Peter Bachler

Keine Kunst

no more publishing, 2011


Prolog Zur Biennale in Venedig: mit sehr schlechter Laune, überfordert von beruflichen Ereignissen, zweifelnd an dem was ich tue, gedemütigt von privaten Nebensächlichkeiten, traurig über die schlechte Stimmung die von mir ausgeht. Dabei sollte die Reise ein Geburtstagsgeschenk für mich sein. Ein Kunststück wäre es gewesen, wenn ich damit zurecht gekommen wäre. Bin ich aber nicht. Nicht damit zurechtkommen war keine Kunst inmitten all der Nichtkunst.




Es ist keine Kunst, hunderte kleine schwarze Striche auf ein Blatt Papier zu machen.










Es ist keine Kunst, drei R채ume voller Alltagsgegenst채nden aufw채ndig zu verpacken.










Es ist keine Kunst, Kinderspielzeug in Übergröße zu verchromen.








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Es ist keine Kunst, das Aufschneiden einer Melone als Videoendlosschleife abzuspielen.


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Es ist keine Kunst, die Reste eines Gastmahls auf der Tischplatte festzukleben und an die Galeriewand zu h채ngen.


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Es ist keine Kunst, einfache geometrische Formen in drei Farben auf einer Leinwand zu verteilen.


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Es ist keine Kunst, ein beliebiges Fundst체ck an die Wand zu h채ngen.


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Es ist keine Kunst, Portraitfotos von verurteilten s端dafrikanischen Kriminellen auszustellen.


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Es ist keine Kunst, Gulaglagerbetten in einen venezianischen Pavillon zu stellen.


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Es ist keine Kunst, hunderte s채urezerfressene Notizbl채tter unter einen Glassturz zu stellen.


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Es ist keine Kunst, eine Pumpanlage mit Rohren, Ventilen und Druckmessger채ten in eine Ausstellungshalle zu stellen.


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Es ist keine Kunst, Kopien von Gegenst채nden in irritierenden Materialen herzustellen.


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Es ist keine Kunst, eine Panzer auf den R端cken zu legen und auf der laufenden Kette einen jungen Mann joggen zu lassen.


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Es ist keine Kunst, übergroße Comicfiguren ausgeschnitten an die Hallenwand zu hängen.


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Es ist keine Kunst, lebensgroĂ&#x;e Kerzen in Form von Geschäftsleuten abbrennen und schmelzen zu lassen.


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Es ist keine Kunst, das Publikums zur verletzen.

Schamgef端hl

des


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Es ist keine Kunst, großflächig bemalte Kartonstücke von der Decke hängen zu lassen.


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Es ist keine Kunst, tonnenschwere Metallplatten aussehen zu lassen, als w채ren es vom Wind zerzauste Papierfetzen.


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Es ist keine Kunst, religiÜse Motive und Gegenstände irrtierend zu verfremden.


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Es ist keine Kunst, dunkle R채ume mit Filmen von Alltagsszenen zu bespielen.


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Es ist keine Kunst, Vogelmotive und Bilder automatischer Feuerwaffen zu groĂ&#x;formatigen Fototableaus zu montieren.


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Es ist keine Kunst, in einer Galerie heftige Abscheu- und Ekelgef端hle zu erzeugen.


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Es ist keine Kunst, zuf채llige Objekte so anzuordnen, dass sie Ratlosigkeit provozieren.


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Es ist keine Kunst, dutzende Skizzen von zerw체hlten Betten an eine W채scheleine zu h채ngen.


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Es ist keine Kunst, großformatige monochrome Farbflächen an Hallenwände zu hängen.


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Es ist keine Kunst, hunderte goldene F채den parallel von der Hallendecke auf den Boden zu spannen.


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Es ist keine Kunst, dutzende Plastikeinkaufstaschen mit Asche zu f端llen und 端ber blutigen Vogelfederhaufen zittrig kreisen zu lassen.


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Es ist keine Kunst, faustgroĂ&#x;e Kieselsteine in eine Metallwanne mit SchwerĂśl zu legen.


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Es ist keine Kunst, eine ganze Wand mit Buntstiftzeichnungen von Obst- und Gem端sebl端ten zu f端llen.


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Es ist keine Kunst, begehbare Sperrholzkabinen in Neonfarben auszumalen und darin zerkratzte Spiegel auf den Boden zu legen.


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Es ist keine Kunst, Reste von Fotoalben, Briefen und Besteckk채sten aus einem Katastrophengebiet in Schalen mit Honig zu legen.


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Es ist keine Kunst, eine europaweite Sammlung von Kartontafeln mit Bettelspr端chen Obdachloser auszustellen.


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Es ist keine Kunst, eimergroße Farbpfropfen mit einer Druckluftkanone viertelstündlich an eine Museumswand schießen zu lassen.


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Diese Fotos wurden mit einem Handy und der Applikation „Hippstamatic“ im September 2011 in Venedig aufgenommen. Die Texte entstanden später in Wien. Gewidmet ist „Keine Kunst“ den namenlosen Künstlern, die es zu allen Zeiten gab und gibt, die Kunst machen, ohne es zu wissen.

Peter Bachler, 2011 storyteller@hts.at


Keine Kunst  

Venice, Venedig, Biennale, 2011

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