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phase 10 Magazin der pbr AG  6 / 2015

Erhalten und Weiterdenken schwerpunkt sanierung und denkmalschutz


sanierung und umbau der ehemaligen hindenburg - kaserne mit tessenow - garagen         Fortsetzung auf Seite 10


Entstehung

VORWORT

Liebe Leserinnen und Leser, in Deutschland ist alles, was gebaut werden musste, gebaut. Stetig abnehmende Bevölkerungszahlen, wachsende ökologische Vorbehalte gegen weiteres „Zubetonieren“ von dem restlichen kleinen Stück Natur, eine zunehmend technisch bessere und damit haltbarere Qualität von aktueller baulicher Infrastruktur bringt den Umgang mit bereits Gebautem immer stärker in den Fokus unseres Tuns als Architekten und Ingenieure. Mehr als die Hälfte der baulichen Aktivitäten in Mitteleuropa sind schon jetzt Sanierungen und Umbauten. Grund genug, mit dem akutellen Heft diesem Aufgabenfeld unsere besondere Beachtung zu schenken. Wir spannen in dieser phase 10, wie mit unserer Arbeit am Bestand schlechthin, einen Bogen vom allgemeinen Weiterbauen und Sanieren bis zur Baumaßnahme an einem Denkmal, der gewissermaßen blaublütigen Spezies unter den Häusern. Was ein Denkmal und nicht nur ein altes Haus ist, sagt dem Architekten oder dem Bauherrn in Deutschland die landesweite Denkmalliste. Inhaltlich geht es anders als bei alten Häusern bei Denkmälern darum, mit dem Sanieren nicht die aus künstlerischen, historischen, wissenschaftlichen oder technischen Gründen schützenswerte „Seele“ aus dem Haus zu vertreiben. Es steht also hier beim Denkmal die Weitergabe von kulturellen Zeugnissen und zwar in den Grenzen der wirtschaftlichen Zumutbarkeit als Besonderheit auf dem Aufgabenzettel von Architekten und Ingenieuren. Bauen, zumal Bauen im Bestand, ist per se schon eine große Herausforderung und dann noch als Sonderausstattung die Aufgabe, sich geschmeidig einen Weg durch eine meist mehrstufige Denkmalschutzinstitution zu bahnen. 200 Jahre Denkmalschutz- und Denkmalpflegeideologie haben nicht wie bei anderen bauordnungsrechtlichen Belangen, etwa bei Grenzabstand und Mindestraumhöhe, zu einer einfach handhabbaren Regel geführt – nein – hier ist das einfühlsame, kenntnisreiche, einzelfallbezogene Handeln eines zwischen dem Wünschenswerten und dem möglichen Vermittelnden gefragt. Wir jammern hier gerade nicht, nein, gerade weil das Bauen auf der „grünen Wiese nicht grün ist“ – ein Neubau also ökologisch generell oft hinterfragt werden muss, gerade weil der kulturhistorisch bedeutsame Layer des vorhandenen Hauses die Inspiration des Architekten und Ingenieurs anregt und die zusätzliche Komplexität des Abwägungsprozesses ihn technisch und kommunikativ herausfordert, freuen wir uns über jede Gelegenheit, mit oder ohne beigemessener Denkmalliegenschaft, unseren Leistungswillen hier zu beweisen. Lassen Sie sich auf den folgenden Seiten informieren und unterhalten.

D i p l . - I n g . A r ch i t e k t B DA H e i n r i ch E u s t r u p Vo r s t a n d s v o r s i t z e n d e r d e r p b r AG

V O R WO R T

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Horizont INHALT

V on 2012 bis 2013 wurden im ersten Bauabschnitt die Hangardächer 5 bis 7 saniert. Innerhalb eines Zeitfensters von September 2014 bis Juli 2015 folgte das Dach des Hangars 4. 2015 erfolgt in drei Abschnitten der Dachbelagsaufbau, der Rückbau der Altbeläge und eine Schadstoffsanierung für die Hangars 2 und 3. 2016 und 2017 sollen Hangar 1 und die Flugsteige A1/A2 bearbeitet werden. Die Sanierungsmaßnahmen des Daches finden bei laufendem Interimsbetrieb in engen, genau vorgegebenen Zeitfenstern und in Abstimmung mit dem Veranstaltungs-/ Vermietungsplan statt. Denn die Hangars sind zurzeit vermietet und werden temporär genutzt.

Check-in zur Geschichte

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Neubau vorlagen, riss die Reichsregierung die Planungshoheit an sich. Schon damals war geplant, das rückwärtige Drittel der Flugzeug- und Abfertigungshallendächer als stufenförmig ausgeprägten Tribünenbereich für mehr als 80.000 Besucher zu nutzen. Allerdings wurde das bautechnisch nur ansatzweise umgesetzt. Zugang sollten die Menschenmengen über Treppentürme erhalten. Tempelhof ist auch als einer der drei Berliner Flughäfen bekannt geworden, die 1948 bis 1949 im Rahmen der historischen Berliner Luftbrücke angeflogen wurden.

Die veränderte Nutzung des Gebäudes z. B. für große Veranstaltungen wirkt sich auf die thermische Belastung der Hallen aus. Wurden sie früher als Abstell- und Wartungshallen für Flugzeuge lediglich frostfrei gehalten, werden sie heute zeitweilig als Versammlungsstätte genutzt und müssen dann beheizt werden. Durch die Beheizung ergeben sich Kondensatbeaufschlagungen und thermische Bauteilspannungen. Im Gebäude bestand dadurch eine akute Beeinträchtigung der Betriebssicherheit. Bei Sanierungsmaßnahmen und aufgrund von Alterungserscheinungen waren Beton- und Mörtelteile von der Decke abgeplatzt. Schon eine stichprobenartige Untersuchung der Decke ergab, dass die Bewehrung in Teilen korrodiert und weitere Abplatzungen zu befürchten waren. Entsprechend wurden die Unterschichten der Hangardächer punktuell durch eine Befahrung kontrolliert, um das Schadensausmaß festzustellen. Die Decken wurden temporär mit Netzen abgehängt, um das Herabstürzen von Teilen zu verhindern. In einem späteren, noch auszuschreibenden Bauabschnitt werden die Decken betonsaniert.

Dachsanierung Zeugnis Berliner und deutscher Geschichte In vielerlei Hinsicht handelt es sich um ein Bauwerk der Superlative. Aufgrund seiner Bruttogeschossfläche von ca. 300.000 m² zählt das Flughafengebäude auch heute noch zu den größten Gebäuden weltweit. Es ist das größte Baudenkmal Europas. Insgesamt hat das Dach der Flugzeug- und Abfertigungshallen eine Länge von 1,2 km und eine (Grund-)Fläche von 60.000 m². 2011 wurde der Flughafen von der Bundesingenieurkammer als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet. Als der Flughafen 1923 eröffnete, war er einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands. Sein neoklassizistisches Erscheinungsbild wurde maßgeblich von 1936 bis 1941 unter der nationalsozialistischen Herrschaft geprägt. Als 1934 die ersten Entwürfe für den

Die 302 ha große Freifläche des ehemaligen Flughafens Tempelhof wird seit 2010 als „Tempelhofer Feld“ genutzt. Darüber hinaus finden im einstigen Flughafengebäude sowie auf dem früheren Vorfeld u. a. große Festivals, Sport-Events und Messen statt. Um den historischen Baubestand zu erhalten und für die Stadtentwicklung zu nutzen, werden bis 2017 umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an den Dächern der Hangars 1 bis 7 und der Flugsteige A1/A2 in mehreren Abschnitten durchgeführt.

Die Dächer bestehen aus einem vorderen und hinteren Dachteil aus Bördelblech bzw. Stahlbeton. Im Rahmen der Dachsanierung wurden Dachaufbauten einschließlich Betonestrichaufbauten der betroffenen Hangardächer demontiert, abschnittsweise saniert und die Gebäudefugen instandgesetzt. Im Bereich der Betondächer bleibt der stufenförmige Dachaufbau auf besonderen Wunsch der Denkmalschutzbehörde erhalten und wurde nach den historischen Vorgaben stufenförmig angelegt und aufwendig gedämmt. Steinplatten dienen partiell als Brandschutzriegel. Auf das flächendeckende Verlegen von Steinplatten, die das Begehen des Dachs ermöglicht hätten, wurde aus statischen Gründen und im Rahmen des Gesamtkonzepts verzichtet.

Bauherr und Denkmalbehörde entschieden, die Dachhaut analog zum Bestand bituminös auszuführen. Im Vergleich zu einer FolienDachabdichtung bietet sie eine widerstandsfähigere Oberfläche, hat eine nachgewiesen hohe Lebensdauer und es musste keine mechanische Rückverankerung vorgenommen werden, die die Dampfsperre durchbrochen hätte. Entgegen den Empfehlungen der Planer, einen hellen wärmereflektierenden Belag einzusetzen, insistierte die Denkmalschutzbehörde auf eine dunkle, anthrazitfarbene Dachbeschichtung, da diese stärker dem historischen Original entspricht. Eine langfristig optimale Wartung der sehr ausgedehnten Dachflächen wird u. a. durch den Einbau einer technisch innovativen vollflächigen Leckageüberwachungsanlage mit einer Notentwässerung der Wärmedämmebene sichergestellt. Die Anlage ortet und meldet Lecks in der Dachoberfläche automatisch, so dass Schäden in der Dachschicht umgehend behoben werden können. Damit wird verhindert, dass die Wärmedämmung durchnässt und beschädigt wird. Auf dem Dach befanden sich stark beeinträchtige Dachfenster und vertikale Fensterlichtbänder am Versprung der Dachebenen. Die einfach verglaste Drahtglaskonstruktion der Lichtbänder wurde saniert bzw. abschnittweise bauzeitidentisch erneuert. Hierzu wurde das Glas ausgebaut, aufbereitet und wiedereingearbeitet, lediglich die Kondensatabführung im unteren Fensterrahmen wurde gegenüber der Originalkonstruktion im Detail optimiert. In Teilbereichen wurden die Dachfenster ebenfalls aufbereitet und die Rahmenkonstruktion, wo es notwendig war, mit neuem Blech aufgebaut.

Check-in zur Geschichte

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Autor Dipl.-Ing. (FH) Horst Ploss

Fo r t s e t z u n g v o n S e i t e 8

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6 / 2015 FLUGHAF E N BE RLI N- T E MPE LHOF

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Der Verant wortung gerecht werden Nur fünf Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt, befindet sich der Flughafen Tempelhof mit seiner enorm dimensionierten Freifläche. Aufgrund seiner Funktionalität und Architektur gilt der Flughafen Tempelhof seit Sir Norman Fosters Ausspruch als „Mutter aller Flughäfen“. Das Flughafengebäude erfahrt zurzeit eine neue Nutzung und wird zu einem Standort für Kultur und Kreativwirtschaft ausgebaut. Weil es sich um ein bedeutendes Bauwerk und einen Ort der Geschichte handelt, wird dabei der Flughafencharakter erhalten. Um zu erhalten wird nur wenig verändert und vorwiegend modernisiert. N e u e N u t z u n g h i s t o r i s ch e r H a l l e n In und vor den großen Hangars finden heute Ve r a n s t a l t u n g e n w i e M o d e m e s s e n s t a tt .

Ehemaliger Flugsteig Hier landeten einst Rosinenbomber u n d P r o m i n e n t e a u s a l l e r We l t .

F L U G H A FEN B ER L I N-TEM P EL H O F

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Das Dach verfügt im hinteren Bereich über eine begehbare Galerie. Für diesen sogenannten Historiengang erbrachte die pbr AG im Bereich der Dächer H5 bis H7 u. a. statische Berechnungen auf Basis der Nutzungsanforderungen des Bauherrn. Darüber hinaus wurde die statische Tragfähigkeit der Bördelblechdächer für die mögliche spätere Anbringung einer Photovoltaikanlage geprüft und für die Dachabschnitte mit Betondachdeckung ein Tragfähigkeitskataster zur Vorbereitung einer großflächigen Terrassennutzung erarbeitet. Hierzu wurde eine großflächige zerstörungsfreie Erkundung der Bestandsbewehrung durch Röntgen geplant und durchgeführt. Gezielter Einsatz von Wärmedämmung Im Zuge der Dachsanierung wurden der Stahlbeton- und der Bördelblechdachteil mit einer Wärmedämmung versehen. Auf eine darüber hinausreichende, aufwändigere Wärmedämmung wurde zu großen Teilen aus denkmalpflegerischen und wirtschaftlichen Gründen verzichtet. Weil die großflächige Hallentorfassade nicht gedämmt wurde, entschied man sich, für die Dachflächen die Mindestbauteilanforderungen gemäß Energieeinsparverordnung EnEV in einem Einzelbauteilnachweis anzusetzen. Auch für das Toranlagenvordach und die im Zuge der Dachgeometrie eingeschlossenen Fassadenabschnitte ist der weitgehend ungedämmte Status erhalten worden. Dies betrifft das Vordach über den Toren, das Toroberlicht einschließlich Kastenrinne und Attikablende sowie das Oberlichtband am Ebenenversprung der Dachfläche.

Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

F l u g h a fe n Te m p e l h o f D a ch s a n i e r u n g

Baujahr 1 9 3 6 – 19 4 1 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 2 017 Gesamtbausumme 12 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e BGF 60.000 m³ Bauherr Land Berlin v e r t r e t e n d u r ch Te m p e l h o f P r o j e k t G m b H L e i s t u n g e n p b r AG Ingenieurbauwerke Tr a g w e r k s p l a n u n g B r a n d s ch u t z Bauphysik B l i t z s ch u t z

F L U G H A FEN B ER L I N-TEM P EL H O F

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Projektinformationen

Mit rauhem Charme Eine Vielzahl kleiner Marktstände finden s i ch h e u t e i n d e r R i n d e r m a r k t h a l l e .

DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

Rindermarkthalle St. Pauli F a s s a d e n - u n d D a ch s a n i e ru n g

Baujahr 18 8 9 / 19 5 0 / 19 7 2 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 7 / 2 014 Gesamtbausumme 10 , 5 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 30.000 m² BGF 32.500 m² Bauherr Sprinkenhof GmbH

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L e i s t u n g e n p b r AG A r ch i t e k t u r ( L P 5 – 9 )

Wo früher an jedem Markttag 2.500 Rinder und 3.000 Schafe zum Verkauf angeboten wurden, schlendern heute zwischen Marktständen unzählige Besucher umher. Schlemmen, probieren, genießen. Die Rindermarkthalle: Mittelpunkt, Anziehungspunkt, Lebensraum. Nach der denkmalgerechten Sanierung mehr denn je.

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Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t H a r t m u t R o h l i n g

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Die Rindermarkthalle war bekannt für ihren lichtdurchfluteten Raum: Lichtbänder in Erdgeschoss- und Obergeschosshöhe unterstrichen die Breitenwirkung des Bauwerks. Das Fassadenbild war gegliedert und belebt durch zahlreiche Stahltore und die aus der Front leicht vorspringenden Treppenhäuser mit großen Glasflächen. Merkmale, die unbedingt in die Gegenwart übertragen werden sollten. So wurden sowohl die ehemals vorhandenen Fensterbänder im Zwischengeschoss als auch die Stahltore zwar durch neue, historisch anmutende Fenster und Tore ausgetauscht, diese aber in der bauzeitlichen Ursprungslage und Aufteilung zum Teil an den noch bestehenden Stahlunterkonstruktionen eingesetzt. Bei wesentlichen Fensterflächen der Nordfassade, wie z. B. den großzügigen Treppenhausverglasungen, wurden die im Originalzustand noch erhaltenen, bauzeitlichen Stahlfenster als exemplarischer Denkmalschutz vollständig saniert und neu verglast. Historische Türdetails wie horizontale Holzgriff- und Metallstangen ergänzen die neue Ausstattung der Türen. Zur Vermeidung von Wärmebrücken erhielten die neuen thermisch getrennten Türen und Fenster im Anschlussbereich des Bestandsmauerwerks eine umseitige Kerndämmung und in Teilflächen eine Innendämmung aus Kalzium-Silikat-Platten.

Mauer werkssanierung D i e N o r d f a s s a d e w u r d e a l s S ch a u s e i t e im Originalzustand wiederhergestellt.

W iederherstellung der Nordfassade als Schauseite

Neben der Bedeutung als Baudenkmal hatte das Gestüt auch den wachsenden Effizienzanforderungen moderner Landwirtschaft Stand zu halten und optimale Lehrbedingungen einer Ausbildungsstätte rund um die Pferdewirtschaft sowie gute Trainings und Wettkampfbedingungen für den Reitsport zu gewährleisten. Nicht zuletzt soll es zu alledem nun auch noch ein attraktives touristisches Umfeld für die Freizeitgestaltung mit Pferden bieten. Nachdem 1945/46 der gesamte Pferdebestand des Gestüts als Reparationsleistung abgetreten werden musste, begann der Wiederaufbau der Neustädter Stutenherde aus den noch überlebenden Stuten-Restbeständen von Bauern der Region, Stuten aus Ostpreußen und Zukäufen. Das Hauptgestüt züchtete dann in erster Linie Pferde, die von Gütern und Argrargenossenschaften für die eigene Zucht erworben wurden. Außerdem wurde seit den 1960er Jahren im Landgestüt ein Exportstall gegründet, welcher Sport- und Freizeitpferde zukaufte, ausbildete und gegen Devisen verkaufte. Trotz der beschriebenen wirtschaftlichen Blüte gab es eine entscheidende nachteilige Änderung im Betrieb: Die voluminösen Dachböden der Stallungen wurden seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr zur Erntezeit mit Stroh gefüllt. Das Stroh wurde im Zuge der vollindustriealisierten Landwirtschaft nun separat in Scheunen (Gebäude 15 und 29) gelagert. Früher lag der Taupunkt in den Stallungen während der kalten Jahreszeit oben im Stroh, schön dampfdiffusionsoffen und ohne Schäden zu verursachen, nur das Stroh wurde stellenweise ein wenig feucht. Nun, ohne Stroh, kondensiert gerade im Winter der hohe Luftfeuchtigkeitsgehalt der Stallluft bereits in der hölzernen Deckenkonstruktion auf dem Weg nach oben in die leeren und kalten Dachböden. Ein sehr ungewöhnliches Schadensbild stellte sich deshalb überall und seriell ein: Äußerlich solide aussehende, mächtige Deckenbalken riesiger Querschnittsformate und Spannweiten (20 / 35 cm und 6 m) waren knapp 1 cm unter der Oberfläche in Fäulnis pulverisiert, das Ganze hielt nur noch aus Gewohnheit. Als die pbr AG 2003 mit den Planungen begann, stand man damit vor „Dachruinen“, denen man ihren wahren Zustand auf den ersten Blick allerdings nicht ansah.

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Luftangriffe zerstörten in den Kriegsjahren ganze Stadtteile Hamburgs. So fiel auch der auf dem Heiligengeistfeld gelegene Zentralviehmarkt, zu dem die Rindermarkthalle gehörte, den Bomben zum Opfer. Der norddeutsche Viehhandel, der hier seit 1889 seine Hauptmarktstätte besaß, verlor seine wichtigste Grundlage. Mit der Normalisierung der Wirtschaftsverhältnisse in den Folgejahren sollte seine Wirkungsstätte allerdings wiederhergestellt werden. Während Hochstall, Viehverladerampe und kleinere Betriebsgebäude zügig wieder instand gesetzt werden konnten, erforderte der Wiederaufbau der 14.200 m² großen Rindermarkthalle aus dem Jahr 1889 eine vollständige Neuplanung. Der Architekt und Ingenieur Heinrich Konrad

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gen kommunikationsintensive und oftmals anstrengende und zeitlich sehr aufwendige Leistung. Leider bleibt diese kompromissstiftende Leistung des Architekten oftmals ohne entsprechende Wertschätzung, da man von allen beteiligten Parteien, die etwas in die Kompromisswaagschale werfen müssen, dafür keinen Applaus bekommt. Soviel zur Selbstbedauerung. Vor Planungsbeginn wurde der pbr AG vom Bauherrn hier in Neustadt eine verbindliche Funktionsprogrammierung des Nutzers und die Zielsetzung der Denkmalbehörde als Arbeitsgrundlagen für jedes einzelne Gebäude übergeben. Folgende Leistungen wurden von der pbr AG als besondere Leistungen zum Teil mit Sonderfachleuten als Planungspartner ausgearbeitet: — Verformungsgerechtes Aufmaß – Bestandspläne der denkmalpflegerischen Genauigkeitsklasse III zum Teil über optisch entzerrte Messbilder — Holzgutachten mit detailliertem Schadenskataster — Gutachten über die Mauerwerksversalzungen — Schadstoffgutachten bezüglich Holzschutzmittel, PAK, Asbest etc.

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— denkmalgerechte schwarz/weiß-Fotodokumentation mit entzerrten Messbildern und ohne stürzende Linien — Fundamenterkundungen über Schürfgruben Auf Veranlassung der Denkmalbehörden wurden vom Bauherrn zudem Bauforscher und Restauratoren beauftragt, die die jeweilige Baugeschichte der im Laufe ihrer Standzeit häufig umgebauten Substanz untersuchten und dokumentierten und denkmalpflegerisch korrekte Festsetzungen über endgültige Farb- und Materialfassungen vorgaben und Urteile über zu Verwerfendes und zu Erhaltendes fällten.

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Auf St. Pauli Die Rindermarkthalle mit markanter N o r d l i ch t - S h e d d a ch - K o n s t r u k t i o n u n d orange-roter Hartbrandziegel-Fassade

Wegweisende Dachkonstruktion, bauzeitlich wie auch heute eine Herausforderung Auch wenn die 1972 eingebaute und für die Einzelhandelsnutzung erforderliche Parkdeckebene die ursprüngliche räumliche Weite des Raums entscheidend reduziert hatte, beeindruckt die Rindermarkthalle noch heute mit ihrer wegweisenden und Tageslicht spendenden Dachkonstruktion. Die 30 m weit spannenden und 3,80 m hohen Stahl-Vierendeelträger ruhen auf vier Mittelstützen sowie den Randbauwerken und bilden ein großflächiges, bogenförmig segmentiertes Nordlicht-Sheddach. Die Dacheindeckung erfolgte bauzeitlich

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D i p l . - I n g . N i c o Ve r s a c e G e s ch ä ft s b e r e i ch s l e i t e r A r ch i t e k t u r

Videointer view mit N i c o Ve r s a c e u n d weiteres Bildmaterial w w w. p b r. d e / n c / r e fe r e n z e n / g / g e s ch a e ft s h a e u s e r. h t m l

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Freie Traufe ohne Rinne!? Ja, so hatte man es vor 220 Jahren an allen Gebäuden – außer dem Landstallmeisterschlösschen – hergestellt – heute gibt es zum dauerhaften Schutz der Gebäude und des Landeshaushalts eine Rinne an der Traufe.

Stutenst all Die beiden großen Stallungen mussten im Rhythmus von 40 m mit Brandwänden untergliedert werden.

Bodendielen ohne jede Versiegelung? Das Preußische Militär hatte vor 220 Jahren genügend Rekruten, die täglich die lediglich mit Kalkwasser lasierten Bodendielen mit Scheuersand bearbeiteten. Die scheuerwilligen Rekruten wurden nunmehr durch Versiegelung ersetzt. Dieser Prozess lässt sich, und das ist gut so, nicht mehr umkehren. Zimmermannsmäßige Längsaussteifung 12 m hoher Dachstühle durch bauzeitidentische Kopfbänder? Die Bestandsdächer waren durch Winddruck in Gebäudelängsrichtung zwischen First und Traufe bis zu 1,50 aus dem Lot verschoben. Die Bestandskonstruktion war nach Maßgabe aktueller statischer Anforderungen von Anfang an nicht standsicher. Ohne moderne Ingenieurkonstruktionen u. a. mit stählernen Rispenbändern wäre hier für endliches Geld mit den vom Denkmalschutz zunächst beauflagten und von der pbr AG beeinspruchten „zimmermannsmäßig, bauzeitidentischen“ Konstruktionen gar nichts gerade zu richten und zu stabilisieren gewesen.

Eines der schwerwiegenden Probleme bei der Sanierung des Gestüts waren die versalzten Mauerwerkssockel und Fassaden. Hierzu gibt es zwei grundsätzlich widerstreitende Lösungsansätze der Sanierung:

Allgemein besteht die Herausforderung für den Architekten darin, zwischen dem denkmalschutzseitig proklamierten Anspruch nach Wiederherstellung des baulichen Urzustands und den vielfältigen aktuellen Anforderungen einer „zeitgemäßen“ Nutzung zu vermitteln. Eine wegen der vielfältigen kulturellen, wirtschaftlichen und funktionalen Integrationsanforderun-

neustadtI dosse

Das im Jahre 1788 unter Friedrich Wilhelm II (1744–1797) für die Preußische Kavallerie gegründete Haupt- und Landgestüt in Neustadt an der Dosse, ca. 100 km nordwestlich Berlins gelegen, ist bis heute eine der größten Gestütsanlagen Deutschlands. Als Schwestergestüt des berühmten Ostpreußischen Gestüts in Trakehnen hat es kulturhistorische Bedeutung in der Pferdezucht, und als Werk des sächsischen Baumeisters Ephraim Wolfgang Glasewald ist es ein nicht minder bedeutsames Baudenkmal des Spätbarock/Frühklassizismus in Preußen.

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Beispielhafte Zielkonflikte in Planung und Realisierung – Einblicke in den Allt ag eines im Denkmal planenden Architekten

Die Planungen

Denkmalschutz sattelfest

Havemann errichtete das Gebäude 1950 auf den gut erhaltenen Fundamenten und mit gleichem Grundriss neu. Das Besondere an der neuen Konstruktion war die einheitlich hohe und lichte Markthalle. Die Dachkonstruktion wurde nur durch vier Stahlstützen abgestützt, so dass die Grundfläche bis zu den äußeren Umfassungswänden als eine einzige Marktfläche ausgebildet war. Aufgrund dessen bot sie vielseitige Nutzungsmöglichkeiten, wodurch sie für die Stadt Hamburg als Mittelpunkt von Großveranstaltungen sowohl in wirtschaftlicher als auch in ideeller Hinsicht an enormer Bedeutung gewann.

Die Bestandsfassade der Rindermarkthalle setzte sich aus Kalksandstein-Hintermauerwerk, einer Schalenfuge und einem 10,5 cm starken orange-roten Hartbrandziegel im Oldenburger Format als Verblendung zusammen. Nach Aufgabe der Viehhandelsnutzung und Nachnutzung des Bauwerks durch Einzelhandelsunternehmen wurden weitreichende Umbauten durchgeführt. Nicht nur der Einbau eines Zwischengeschosses als Parkdeck, sondern auch Anbauten im Eingangs- und Anlieferungsbereich, großflächige Trapezblechverkleidungen sowie der Einbau von Kunststofffenstern veränderten das Erscheinungsbild enorm. Um den besonderen Charakter aus der Entstehungszeit wiederherzustellen, wurden die nachträglich vorgehängte Blechfassade im Norden, Osten und Westen inklusive der Unterkonstruktion ebenso wie der Vorbau zum Haupteingang und die Anbauten im Süden vollständig rückgebaut. Da das vorhandene Bestandsmauerwerk sehr in Mitleidenschaft gezogen war, wurde eine aufwendige Mauerwerkssanierung mit vollflächiger Fugen- und Risssanierung sowie neuer Vernadelung durch Spiralanker notwendig. Ganze Wandbereiche wurden sogar vollständig neu aufgebaut. In Anlehnung an den Originalzustand wurde die Nordfassade als Schauseite mit der bauzeitlichen Fassadenaufteilung wiederhergestellt. Hierfür mussten im Bereich der Eingangssituation große Teilflächen vollständig zurückgebaut und neu errichtet werden. Nach Möglichkeit kamen alte Verblendsteine zum Einsatz, die durch neue, gleichartige Steine ergänzt wurden.

mit etwa 8 cm starken Bimsbetondielen und Sheds in Stahlkonstruktion. Das denkmalgeschützte Stahltragwerk war zwar im Wesentlichen unverändert erhalten, allerdings stellte sich heraus, dass die Bimsbetondielen altersbedingt und tragwerkstechnisch abgängig waren, so dass eine vollständige Sanierung des Dachs notwendig war. Da die Betondieleneindeckung im Bauablauf nicht vollständig aufgegeben werden konnte und erst nach fertiger Eindeckung mit neuen Betondielen inklusive Verguss wieder statisch wirksam war, erfolgten der Rückbau und die Sanierung abschnittweise an jedem zweiten Sheddach. Aufgrund fehlender Altstatik wurden die Lasten des vorgefundenen Dachaufbaus als maximale Dachlast festgelegt, so dass die Betondielen als Leichtbetonfertigteile in LC25/28 mit nur 80 mm Stärke ausgeführt werden mussten. Aufgrund des vorgefundenen Stahluntergrunds stellte die beschichtungs- und korrosionstechnische Sanierung des Stahlfachwerks eine weitere Besonderheit dar. Bauzeitlich wurde das Tragwerk mit einer Walzhaut versehen, die zwar einen guten Korrosionsschutz bot, allerdings durch ihre Härte die Bearbeitung des Stahls erschwerte und nach heutigen Vorgaben keinen einwandfreien Beschichtungsuntergrund bietet. Das gesamte Tragwerk wurde daher vollständig gestrahlt und neu beschichtet. Aufgrund der vorhandenen Lastannahme aus dem Umbau mit Kunststoff-Trapezverglasung wurde die neue Sheddach-Verglasung als 2,6 m hohe Doppelsteg-KU-Fenster-Konstruktion umgesetzt. Dass es sich auszahlt, ein Bauwerk mit derartiger Historie zu erhalten, verdeutlicht die Rindermarkthalle in Hamburg seinen Besuchern jeden Tag. Als bundesweit wegweisendes Nahversorgungszentrum wurde ihr am 3. Februar 2015 unter anderem auch deshalb der Europäische Innovationspreis in der Kategorie „Stadt“ verliehen. Ausrichter des renommierten Preises ist das German Council of Shopping Centers (GCSC).

Fr e i l e g u n g , Einkapselung, A b d i ch t u n g Ve r s a l z e n e M a u e r w e r k s s o ck e l u n d F a s s a d e n w u rden aufwendig saniert.

Landstallmeisterhaus Fü r d e n U m b a u d e s Landstallmeisterhauses zu einem Ausstell u n g s b e r e i ch e r s t e l l t e d i e p b r AG d i e T G A Planung.

Sukzessive zerstörend wirkten die in das Mauerwerk eingetragenen Schadsalze, die in nassen Jahreszeiten in wässrige Lösung gehen, kapillar durch die Poren der Ziegel und des Mörtels wandern (aufsteigende Salzhorizonte) und bei Austrocknen durch Kristallisationsdruck das Mauerwerk von innen heraus zerbröseln. Die „sanften“, nachhaltigen und denkmalpflegerisch korrekten substanzerhaltenden Sanierungskonzepte sind die mit „denkmalamtlich“ zugelassenen WTA-Sanierputzsystemen. Das sind „schaumig geschlagene“, offenporige Kalkputze, die als Opferputz und Salzspeicherputz in zahlreichen Zyklen auf das Mauerwerk aufgebracht werden, die Schadsalze nach und nach herausziehen und alle 5 – 10 Jahre von selbst abfallen bzw. abgeschlagen werden, mit dem Salz entsorgt werden und neu aufgebracht werden müssen. Bei der dramatischen Salzbelastung im Neustädter Gestüt wäre die Rohbausubstanz damit nach ca. 50 Jahren, also 5 – 7 Behandlungen „geheilt“ und entsalzt. Dieses jedoch zum Preis einer Dauerbaustelle, die einem effizienten Pferdezuchtbetrieb entgegenstünde, von den horrenden Kosten sowie auch der dem gewünschten Tourismusidyll entgegenwirkende Permanentbaustelle ganz zu schweigen. Dem gegenüber steht die sogenannte „Panzerlösung“. Diese kam hier nach eingehender Diskussion zum Einsatz. Dabei wird der versalzene Mauerwerkssockel bis auf das Fundament freigelegt, mit zementären Dichtschlämmen eingekapselt und mit einer Horizontalsperre, die im Mauersägeverfahren eingebracht wird, nach oben hin abgedichtet. Kalkmörtelmauerwerk lässt sich generell sägen „wie Butter“. Dumm ist dabei nur, dass unsere Altvorderen aus Sparsamkeitsgründen stellenweise granitene Feldsteine in die „Seele“ der meterdicken Kalkmauerwerkswände und zwar nicht verbandsgerecht verklappt hatten – das war schlecht für die Säge. Alles in allem ist die „Panzersockelmethode“ zumindest geeignet, für die nächsten 25 – 30 Jahre den Sockelputz weitestgehend an der Wand zu halten, um ungestört ca. 10 Pferdegenerationen in die Welt zu setzen. Währenddessen kann man dann darauf hoffen, dass die nächste Menschengeneration wissenschaftliche Methoden ausbrütet, die in 30 Jahren die Salzionen, z. B. über Elektrolyse, ganz beiläufig und ohne Betriebsstörungen aus dem Mauerwerk herauswachsen lassen. Die Diskussion zur obigen Entscheidungsfindung zwischen den Planungsbeteiligten war langwierig und zum Teil ideologisiert. Im Vergleich dazu waren die übrigen, im Folgenden aufgezeigten Zielkonflikte relativ harmonisch zu lösen:

G e b ä u d e s ch u t z Rinnen wurden an den Tr a u fe n e r g ä n z t .

langen Stallungen im 40 m Rhythmus gemäß Brandenburgischer Bauordnung nach 220 Jahren Gebäudestanddauer und zahlreichen Blitzeinschlägen ohne Blitzschutz (den die pbr AG nun natürlich hergestellt hat) durch ordnungsgemäße Brandwände untergliedert werden. Der Gipfel an Schwerverständlichkeit war darüber hinaus die Forderung der Wasserschutzbehörde, dass die gesamten zum Teil bauzeitlich erhalten gebliebenen scheitrecht verlegten Ziegelböden der Stallungen ausgebaut und durch eine zum Grundwasserschutz bituminös abgedichtete Betonsohle ersetzt werden mussten. Dieses alles, obwohl im Innenhof der Anlage, 30 m entfernt also, seit 220 Jahren und auch weiterhin tausende von Pferden ihren urologischen Bedürfnissen direkt auf dem märkischen Sand freien Lauf lassen und die Einstreu in den Laufställen und Boxen so häufig gewechselt wird, dass deren Bodenoberflächen – heute wie früher – weitestgehend trocken bleiben. Merke: In „Preußen“ werden Ställe grundsätzlich abgedichtet, koste es, was es wolle! Und dagegen kann auch selbst eine Denkmalbehörde keinen Dispens erwirken.

Biberschwanzdoppeldeckung in Kalkmörtel mit Längs- und Querschlag verlegt? Der zunächst gewünschte Ansatz, alle Dachanschlüsse ohne Klempnerarbeiten und ohne Blech bauzeitidentisch mit kaseinvergütetem pferdehaarfaserarmiertem Kalkmörtel herzustellen, prallte an der Gewährleistungsverweigerung zeitgenössischer Dachdecker ab und wurde durch heutige Methoden substituiert. Die überzogensten bauordnungsrechtlichen Beauflagungen wurden jedoch gar nicht von der Denkmalbehörde, sondern wurden bezüglich Brandschutz und Grundwasserschutz im Zustimmungsverfahren angeordnet und gegen die anderslautenden Auffassungen fast aller anderen Planungsbeteiligten dogmatisch durchgesetzt. So mussten die beiden 120 m

Fazit Die Menschheit hat über Generationen hinweg relativ unbekümmert auf den Grundmauern ihrer Vergangenheit Neues aufgebaut, Altes verbessert, modernisiert und verfeinert, Überflüssiges entfernt und

G e b ä u d e 16 D a s F a ch w e r k d e s H o l z s t a l l s w u r d e teilweise erneuert.

BRANDE NBURGI SCHE S H AUPT- UND LANDGE ST ÜT N E USTADT / DOSSE

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Denkmalschutz ist keine Käseglocke INTERVIEW MIT DR . WOLFGANG ILLERT DEUTSCHE STIFTUNG DENKMALSCHUTZ

„Historische Gebäude können und müssen weiterentwickelt werden – aber nur im respektvollen Umgang mit der originalen Substanz.“

ich gehe, das unterliegt meiner Entscheidung. Aber der gebauten Umwelt kann ich mich nicht entziehen. Deshalb ist der sorgsame Umgang mit ihr so wichtig. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Denkmalschutz und Lebensqualität?

Gerade in Zeiten der Globalisierung spielt Individualität eine besondere Rolle. Das wirkt sich auch auf die gebaute Umwelt aus. Historische Bauten, ihre Bezüge zu landschaftlichen Materialien und Bauformen vermitteln diese Besonderheiten. Denkmalschutz und Städtebau zählen daher inzwischen zu den wesentlichen weichen Standortfaktoren, die sich auch wirtschaftlich auswirken. Historische Städte und Landschaften stiften nicht nur Identität, sondern vermitteln auch Verbundenheit und Selbstbewusstsein. Welche Position im Hinblick auf den Umgang mit einem denkmalgeschützten Gebäude vertreten Sie persönlich?

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Herr Dr. Illert, als Vorst andsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Thema Denkmalschutz und historische Gebäude. Wozu benötigen wir überhaupt Denkmalschutz? Der langjährige Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Professor Dr. Gottfried Kiesow, hat es einmal treffend formuliert: „Denkmalschutz betreiben wir als unseren Dank an die Vergangenheit, als Freude an der Gegenwart und unser Geschenk an die Zukunft.“ Letztendlich geht es darum, die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren, um Orientierung für heutige und zukünftige Positionsbestimmung zu haben. Denkmale vermitteln darüber hinaus Identität und Verbundenheit – Werte, die gerade in Zeiten der Globalisierung an Gewicht gewinnen. Was sind die Ziele der Deutschen Stiftung Denkmalschutz? Die DSD will als private Stiftung helfen, bedrohte Denkmale so zu bewahren, dass auch für die kommenden Generationen ihr Zeugniswert erhalten bleibt. Dazu bedarf es eines breiten Bewusstseins für den Sinn und die Notwendigkeit der Denkmalpflege, das wir durch vielfältige Initiativen anregen und fördern. Denn die Bürger unterstützen auch durch ihre Spenden nur die Dinge, von denen sie wissen und von denen sie überzeugt sind. W ie versucht die Stiftung die Ziele zu erreichen? Jedes Jahr stellt die DSD für etwa 450 Projekte Fördermittel zur Verfügung. Möglich ist dies Dank ihrer inzwischen über 200.000 privaten Spender, aber auch dank der Lotterie GlücksSpirale, deren Destinatär – also der Empfänger des Benefitanteils – die Stiftung ist. Die DSD begleitet die Fördermaßnahmen fachlich fundiert und arbeitet mit vielen Partnern zusammen.

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Im Rahmen der Bewusstseinsbildung für den Denkmalschutz ist der Tag des offenen Denkmals, den wir bundesweit koordinieren, sicher die größte Werbeveranstaltung für den Denkmalschutz. Sehr wichtig sind uns auch Schul- und Jugendprojekte sowie die Fort- und Weiterbildung in den denkmalrelevanten Berufen. Was macht ein Gebäude schützenswert? Der Denkmalwert wird durchweg in den Denkmalschutzgesetzen der Länder definiert: ausschlaggebend für eine Unterschutzstellung können kulturelle oder künstlerische, historische, architektonische oder auch städtebauliche Gründe sein. Der Wert der Denkmale liegt in ihrem originalen Zeugniswert für die Entwicklung von Technik, von Arbeits- und Produktionsverhältnissen sowie die Lebensverhältnisse früherer Generationen. So, wie sich das Geschichtsbild in den letzten 100 Jahren gewandelt hat, so wandeln sich die Vorstellung von Denkmalen und Denkmalwerten. Mit welchen Arten von Gebäuden haben Sie/die Deutsche Stiftung Denkmalschutz über wiegend zu tun? Die DSD fördert alle Denkmalgattungen aus allen Epochen. Wir konzentrieren uns eher auf die ortstypischen und regional bedeutenden Denkmale. Die großen Kathedralen und Schlösser haben vielfach Zugriff auf öffentliche Mittel. Die landschaftsprägenden Dorfkirchen, Bürgerhäuser, Gutshäuser und Parks sind dagegen stark auf private Unterstützung angewiesen. Welchen Beitrag leisten Baudenkmäler zur kulturellen Identität des Landes? Es sind die Bauten, die unsere Kulturlandschaften in erster Linie prägen und sie weltberühmt machen. Es ist die Architektur, der gebaute Raum, dem sich niemand entziehen kann. Was ich lese, welche Musik ich höre, in welches Museum oder welche Theateraufführung

Das weit verbreitete Vorurteil, Denkmalschutz setze Bauten unter eine Käseglocke, stimmt nicht. Historische Gebäude können und müssen weiterentwickelt werden – aber nur im respektvollen Umgang mit der originalen Substanz. Neben diesem Respekt der Eigentümer vor dem Denkmal ist bei der Restaurierung immer eine hohe fachliche Kompetenz bei den Ausführenden sowie Kreativität und Phantasie bei den Planenden gefordert. Standardlösungen sind da fehl am Platze – das macht den Umgang mit Denkmalen aber auch so reizvoll.

D r. Wo l f g a n g I l l e r t Vo n 2 0 0 8 b i s 2 014 w a r D r. Wo l f a n g I l l e r t G e s ch ä ft s f ü h r e r d e r D e u t s ch e n S t i ftu n g D e n k m a l s ch u t z ( D S D ) , s e i t 2 015 i s t e r d o r t g e s ch ä ft s f ü h r e n d e r Vo r s t a n d , s e i t 19 9 7 f ü h r t e r d i e G e s ch ä ft e d e r B r a n d e n b u r g i s ch e n S ch l ö s s e r g G m b H . Z u s e i n e m Tä t i g k e i t s b e r e i ch i n d e r D S D g e h ö r e n i n s b e s o n d e r e d i e Fe l d e r P r o j e k t f ö r d e r u n g , Bewusstseinsbildung und Pressearbeit. w w w. d e n k m a l s ch u t z . d e

W ie zeigt sich diese Position in der Umsetzung am konkreten Projekt? Bitte nennen Sie ein Beispiel. Ein Projekt, das diese mir sehr wichtigen Punkte hervorragend umgesetzt hat, ist Schloss Steinhöfel in Brandenburg. Dieses bedeutende klassizistische Schloss wurde von David Gilly Ende des 18. Jahrhunderts zu einer eindrucksvollen Anlage mit Park gestaltet. Für seine heutige Nutzung als Hotel erfolgte ein denkmalpflegerisch gelungener Anbau für die notwendigen technischen Einrichtungen, der dieses großartige Schloss sozusagen „fit für die Zukunft“ gemacht und architektonisch weiterentwickelt hat. Ist der Denkmalschutz in seiner jetzigen Auslegung ein funktionierendes Instrument für Architekten und Ingenieure? Und machen es Denkmalschutz, aber auch der Brandschutz und/oder EnEV dem Bauherrn zu schwer, ein bestehendes Gebäude einer zeitgemäßen Funktion zuzuführen? Die Arbeit am Denkmal ist für Architekten und Ingenieure eine Herausforderung und ein überaus spannendes Arbeitsfeld. Es geht nicht um Standardlösungen und Normerfüllung, hier sind Kreativität und Innovation gefragt. Das gilt auch für die Anforderungen des Brandschutzes und der Energieeinsparverordnung. Probleme gibt es, wenn man eine falsche Nutzungsvorstellung für den Bestand hat. Die muss sich natürlich am Bestand orientieren, nicht umgekehrt. Im konstruktiven Miteinander von Architekt, Eigentümer, Handwerker und Denkmalpflege entstehen jedoch durchweg großartige Lösungen, die für die nächsten Generationen nicht nur den Bestand erhalten, sondern selbst Vorbildfunktion haben können.

I NTER V I EW

INTERVIEW

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Architekturgeschichte im Belastungstest

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E r l e b b a r e G e b ä u d e g e s ch i ch t e Ein Fassadenteil der Nordseite des Renaissance-Altbaus wurde als Innenwand s i ch t b a r g e m a ch t .

In der Domschule in Güstrow findet man sich am Schnittpunkt der Architekturgeschichte wieder: Der moderne Haupteingang vermittelt zwischen dem Renaissance-Schulgebäude und einem Zweckbau aus dem 19. Jahrhundert. Wer tiefer in das Gebäude eindringt, entdeckt weitere, sensibel herausgearbeitete Berührungspunkte mit der Vergangenheit.

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Von 2012 bis 2014 wurde die denkmalgeschützte Domschule in Güstrow zur Nutzung als Haus 3 des benachbarten John-Brinckman-Gymnasiums saniert und umgebaut. Die Baumaßnahme im Auftrag der BIGSTÄDTEBAU GmbH, treuhänderischer Sanierungsträger der Stadt Güstrow, wurde mit Städtebaufördermitteln des Bundes, des Landes sowie Eigenmitteln der Stadt Güstrow finanziert. Das Gebäude der Domschule geht vermutlich auf den italienischstämmigen Architekten Franz Parr zurück und wurde von Baumeister Philipp Brandin 1575/1579 fertig gestellt. Es ist das älteste erhaltene Schulgebäude im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Das als Einzeldenkmal von nationaler Bedeutung geschützte Ensemble der Domschule Güstrow besteht aus zwei Gebäudeteilen: dem im Stil der Renaissance als dreigeschossigem Fachwerkständerbau errichteten Altbau sowie einem rechtwinklig angeordneten Anbau in Ziegelbauweise aus dem Jahre 1868. Die über 400-jährige durchgehende Nutzungsgeschichte des Gebäudes als Schule reicht bis in das Jahr 2001. Den Anforderungen an einen zeitgemäßen Schulbetrieb nicht mehr

Aufbauend auf diesen Befunden wurde das Gebäude an die räumlichen, technischen sowie bauphysikalischen und raumklimatischen Anforderungen einer modernen Schulnutzung angepasst. Hierzu mussten z. B. die Fußböden gegen Erdreich in beiden Gebäuden vollständig neu aufgebaut werden, um Flächenabdichtungen, Dämmung, tragfähige Estrich-Untergründe und stufenlose Höhenniveaus zu erreichen. Darüber hinaus sind an den Wänden fehlende horizontale Querschnitts- und äußere vertikale Abdichtungen erdberührender Bauteile nachgerüstet und anschließend der Feuchtehaushalt reduziert worden. Die Putze an Innenwänden mussten erneuert und in definierten Abschnitten substanziell erhalten, stabilisiert und repariert werden. Ebenfalls galt es, Holzkonstruktionen und Gefacheputze einschließlich farbiger, grafischer und ornamentaler Gestaltung zur Dokumentation des Renaissance- bzw. Barock-Erscheinungsbildes zu sichern und als Fenster in die Vergangenheit zu zeigen. Nicht sichtbar für den Nutzer stabilisieren Stahlelemente das Gebäude und stellen die Tragfähigkeit sicher. Die Backsteinfassade des Anbaus von 1868 wurde umlaufend saniert, Fensteröffnungen mussten z. T. zu Fluchttüröffnungen vergrößert werden. Innentüren wurden umfassend tischlermäßig und entsprechend der epochentypischen Farbigkeit aufgearbeitet. Um einen zeitgemäßen Unterrichtsbetrieb zu ermöglichen, wurde in den Klass

genügend und mit erheblichen baulich-konstruktiven Mängeln belastet, wurde das Gebäude im Anschluss zu Lagerzwecken genutzt bzw. stand leer. Als Zeugnis von Nutzung, Baugefüge und Erscheinungsbild ist es einzigartig im gesamten norddeutschen Raum. Herzog Johann Albrecht I. bestimmte 1552, „es solle eine Schule mit einem gelehrten Schulmeister und zwei Schulgesellen gestiftet und für dieselbe demnächst ein neues Schulgebäude errichtet werden“. 1553 ging dann die neue Domschule aus der Zusammenlegung der Domstiftsschule und der Ratsschule hervor. Als Stiftsschule begann ihre Geschichte bereits 1236 und ihr Ziel war die Ausbildung von Geistlichen. 1942 gab es eine weitere Veränderung: Das Realgymnasium John Brinckman und die Domschule wurden zusammengelegt. Bemerkenswert ist die historische Bibliothek der Domschule. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fasste ihr Bestand 60.000 Bände, was sie zu einer der größten in Mecklenburg machte. Zum Bestand gehörten auch 19 Inkunabeln, Drucke aus der Frühzeit des Buchdrucks. Sanierung der baulichen Subst anz Bereits 2004 war eine Fassadensanierung erfolgt, bei der auch eine illusionistische Renaissance-Fassadenmalerei auf Putzuntergrund rekonstruiert worden ist. Das seitdem wieder eindrucksvolle äußere Erscheinungsbild des Altbaus aus dem 16. Jahrhundert täuschte darüber hinweg, dass die materielle Substanz im Gebäudeinneren dringend sanierungsbedürftig war und der fortschreitende Verlust der Gebäudesubstanz gestoppt werden musste. Die Bestandsaufnahmen ergaben erhebliche Schäden durch zwischenzeitliche Eingriffe, Alterung, Schädlingsbefall und Feuchteeinwirkung sowie statische, strukturelle und gestalterische Mängel. Der Anbau von 1868 war vor allem durch Alterungsspuren, Abnutzung und zurückliegende Setzungen bzw. Rissbildungen gekennzeichnet. Auch hier wurden im Rahmen von Gutachten erhebliche Substanzgefährdungen und -verluste durch Schädlingsbefall und Feuchteeinwirkung festgestellt.

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eingelagerte historische Holzwendeltreppe nach einer Aufarbeitung zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss im Altschulteil eingefügt. Verant wortungsvoller Umgang mit der Gebäudehistorie Den ursprünglichen Zustand des Gebäudes wiederherzustellen, war nicht das Ziel der Sanierungsmaßnahme. Vielmehr sollte die Geschichte des Gebäudes anerkannt und als Teil der Selbstdokumentation herausgearbeitet werden. Aufgrund der langen Nutzungsgeschichte erlebte das Gebäude mehrfache Überformungen mit den Merkmalen der jeweiligen Stilepoche – der Renaissance, des Barock, des Klassizismus und des Historismus. Hinzu kamen noch die zweckorientierten Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Diese Eingriffe haben sich sowohl in tiefgreifenden Veränderungen im Raum- und konstruktiven Gefüge sowie in der Umgestaltung von Oberflächen- und Detailausbildung der Innenräume niedergeschlagen.

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Originalrezeptur N a ch d i e s e r w u r d e d i e F a r b e d e r Stützen erstellt.

Wiederbelebt H i s t o r i s ch e Tü r ö ff nungen wurden d u r ch d e n E i n b a u v o n S ch w e s t e r n stützpunkten g e k e n n z e i ch n e t .

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Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t C h r i s t i a n Z i r n g i b l D i p l . - I n g . A r ch i t e k t T h o m a s Z i e g l e r p b r Z i e g l e r Z i r n g i b l A r ch i t e k t e n G m b H

Von der kompletten Neuordnung der räumlichen Gegebenheiten bis hin zur einzelnen Sockelleiste: Während der elf Jahre andauernden Generalsanierung des Schloss Werneck wurde mit einer präzisen Architektursprache auf den bestehenden Ort geantwortet, indem nicht nur auf die Situation als Krankenhaus, sondern auch auf das denkmalgeschützte Umfeld eingegangen wurde.

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Wa s l a n g e w ä h r t Die Generalsanierung erfolgte innerhalb von elf Jahren.

1734 bis 1745 von Balthasar Neumann als Sommerresidenz für die Würzburger Fürstbischöfe erbaut, befindet sich nach mehrmaligen Umbauten seit 1853 eine Psychiatrie und seit 1952 der Fachbereich Orthopädie im Schloss Werneck. 1995 entschied sich der Bezirk Unterfranken für die Generalsanierung und Neuordnung der barocken Schlossanlage, um auch weiterhin einen zeitgemäßen Klinikbetrieb zu gewährleisten. Ein stimmiges Gesamtkonzept hierfür entwickelte die Ziegler Zirngibl Architekten GmbH. Der erste Bauabschnitt wurde 2003 fertig gestellt und beinhaltete den Einbau zweier Pflegestationen im vorgelagerten Flügelbau D-Süd. Innerhalb eines zweiten Bauabschnittes wurde im Bereich des Vorschlosses bis 2006 ein Neubau zur Erweiterung der Operationsabteilung errichtet. Im April 2007 konnte der zu einer Notfallaufnahme, Röntgenabteilung und Intensivpflege umgebaute Flügelbau D-Nord eingeweiht werden. Die Neuordnung und Sanierung des Hauptschlosses, die u. a. die Einrichtung von Patientenzimmern, einer Aufnahmestation, eines Chefarztbereiches, einer OP-Abteilung sowie eines MRT-Zentrums und eines Zentrallabors beinhaltete, wurde innerhalb von zwei Bauabschnitten im Januar 2014 abgeschlossen.

Um in den neu eingerichteten Patientenzimmern im Hauptschloss und im Flügelbau D-Süd eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, kamen hier lediglich natürliche und klassische Materialien zum Einsatz. Im Flügelbau D-Süd wird durch robustes Eichenparkett an die historische Materialvorgabe angeknüpft. Wandschutz und Möbel in Nussbaumfurnier wecken Assoziationen an den Barock und tragen zu einer angenehmen Atmosphäre bei. Auf die Installation der üblichen Medienleiste wurde verzichtet. Ein Medienschrank dient ferner als trennendes Möbel zwischen den Betten und verbirgt zugleich die technischen Installationen. Der scheinbaren Endlosigkeit der Flure wurde „ein Ende“ gesetzt, indem sie durch Sanitärkuben und Schwesternstützpunkte gegliedert wurden. Mit robusten Fassadenbaustoffen wie Edelstahl, Faserzement und Glas setzen die Kuben der historischen Innenwand eine Außenwand entgegen. Das helle Ocker an den historischen Innenwänden schafft nicht nur Atmosphäre, sondern weckt zugleich Assoziationen an die Barockzeit. Hightech-Medizin, digitales Datenmanagement und eine ausgefeilte Logistik – die Anforderungen an moderne Kliniken sind hoch, technische Einrichtungen deshalb notwendig. Um auch an dieser Stelle den historischen Raumeindruck zu erhalten, wurde auf die Konstruktion von Abhangdecken verzichtet und die Technik hinter Vorsatzschalen, Schränken und Wandbekleidungen versteckt. Ferner konnten Aufbrüche in das Natursteinmauerwerk-Gefüge vermieden werden. Speziell entwickelte, gläserne Sanitärzellen mit integrierten Patientenschränken und einer sich nach oben auflösenden Teilbedruckung der Gläser sorgen zudem dafür, dass die historische Raumstruktur in den Patientenzimmern im Hauptschloss erhalten bleibt. Der in die Sanitärzellen integrierte Schrank wird als Möbel gar nicht wahrgenommen. Durch die Lichtführung auf den

Durch die Generalsanierung sollte ein moderner Klinikbetrieb gewährleistet, gleichzeitig aber der bauzeitliche Ursprungszustand wiederhergestellt werden. Eine besondere Herausforderung, die durch die teilweise stark in Mitleidenschaft gezogene Bausubstanz aus dem 18. Jahrhundert zusätzlich erschwert wurde. Dabei war es ein besonderes Anliegen des Bauherrn, die ehemalige Raumkonzeption des Gartensaals, des sogenannten „sala terrena“, und dessen Verbindung zum historischen Treppenraum wiederherzustellen, um hier den Empfangsbereich und ein Café einzurichten. Durch den Abbruch einer massiven Verbindungsbrücke und den Rückbau geschlossener

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DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

O r t h o p ä d i s ch e K l i n i k S ch l o s s We r n e ck Generalsanierung und Neuordnung

Baujahr 17 3 4 – 174 5 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 01 / 2 014 Gesamtbausumme 3 1 , 2 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 4 . 10 8 m ² BGF 19 . 3 0 0 m ² BRI 89.750 m³ Bauherr Bezirk Unterfranken Leistungen Ziegler Zirngibl GmbH A r ch i t e k t u r L P H 1- 9 B r a n d s ch u t z p l a n u n g

Keine Spur von Krankenhaus-Architektur

Moderner Klinikbetrieb in ursprünglichen Raumkompositionen

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Projektinformationen

Wandteile zum Gartensaal gelang es, die Raumeinheiten wieder zusammenzuführen. Gleichzeitig wurden die nachträglich vermauerten Wandöffnungen zum ehemaligen Treppenraum wieder geöffnet, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Überwölbung der Deckenöffnungen und die Aufteilung in einzelne Räume verloren gegangen war. Mit dem Abbruch aller Zwischenwände konnte der Raumeindruck des Treppenhauses samt Deckengewölbe und Kompositkapitellen wiederhergestellt werden. Im ehemaligen Treppenauge befinden sich heute der Patientenempfang und ein Schwestern-Stützpunkt als gläserne Anlage. Um im Flügelbau D-Nord neue Funktionen wie Notfallaufnahme, Radiologie, Anästhesie und Intensivpflegebereich einzurichten, die ursprünglichen Raumgeometrien allerdings zu erhalten, wurde der Raumzuschnitt durch eingestellte Trennelemente mit HPL-Schichtstoffplatten gegliedert. So sind verschiedene Funktionsbereiche bei gleichbleibender Raumstruktur entstanden. Die Einrichtung der Radiologie erforderte diverse technische Installationen im Deckenbereich. Eine besondere Herausforderung, da das historische Kreuzgratgewölbe erhalten bleiben sollte. So wurden die Eingriffe in das Gewölbe stark reduziert und diese sowie die Technik durch Deckensegel verborgen. Hinter dem Segel läuft das sanierte Kreuzgratgewölbe weiter und bleibt für Besucher und Patienten sichtbar. In der Physikalischen Therapie nehmen eingestellte Glasboxen die neuen Funktionen auf. Durch die Reflektionen der Gläser entmaterialisieren sich die Boxen und lassen auch hier den ehemaligen Raumzuschnitt weiterhin erkennen.

Keine Spur von KrankenhausArchitektur

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Farbbefundungen Anhand dieser wurde ein Farbkonzept erarbeitet.

Keine Spur von K r a n k e n h a u s - A r ch i t e k t u r M a t e r i a l i e n w i e E i ch e , N u s s b a u m , Leder und Messing sorgen für eine angenehme Atmosphäre.

Stuckvouten durch Beleuchtung der charakteristischen Hohlkehle wird der einstige Raumeindruck für Besucher und Patienten vollends erlebbar. Materialien wie Eiche, Nussbaum, Leder und Messing erzeugen eine warme Atmosphäre und stellen eine Reminiszenz an den Barock dar. In Anlehnung an die Raumgliederung dieser Zeit finden sich außerdem Merkmale des klassischen Repertoires wie Türumrahmungen mit Supraporte und Wandvertäfelungen als unterer Wandschutz wieder. Bauzitate wie der klassische Konsoltisch mit Spiegel an den Mauervorlagen der Fensterseiten wurden aufgenommen und übernehmen neue Funktionen. Patientenbäder wurden in Feinsteinzeug in einem warmen Sandton eingerichtet, die Waschtischablage in kristallinem Muschelkalk. Um auch das für die barocke Baukunst typische Zusammenspiel von Architektur, Plastik und Malerei im gesamten Schloss wieder erlebbar werden zu lassen, wurden die unter den Putzschichten teilweise noch vorhandenen Wandmalereien in mühsamer Handarbeit freigelegt und denkmalpflegerisch behandelt. Ebenso konnten die historischen Decken mit ihren wertvollen Stuckaturen gesichert, ergänzt und neu beschichtet werden. Anhand freigelegter Deckenmalereien aus der Toskana-Zeit wurde ein Farbkonzept erarbeitet und die in die Architektur einbezogene Malerei als Gesamtkunstwerk wieder erlebbar gemacht.

SCHLOSS WERNECK

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Check-in zur Geschichte DACHSANIERUNG FÜR DEN HISTORISCHEN FLUGHAFEN BERLIN - TEMPELHOF

Stein für Stein zurück zur Entstehungszeit FASSADEN - UND DACHSANIERUNG DER RINDERMARKTHALLE IN HAMBURG

Denkmalschutz sattelfest

DAS BRANDENBURGISCHE HAUPT - UND LANDGESTÜT NEUSTADT / DOSSE

Architekturgeschichte im Belastungstest SANIERUNG DER DOMSCHULE GÜSTROW

Denkmalschutz ist keine Käseglocke INTERVIEW MIT DR . WOLFGANG ILLERT DEUTSCHE STIFTUNG DENKMALSCHUTZ

Bewahren und herausfordern

SANIERUNG UND ERWEITERUNG DES WASSER UND SCHIFFFAHRTSAMTS KIEL - HOLTENAU

Keine Spur von KrankenhausArchitektur NEUORDNUNG UND GENERALSANIERUNG DER ORTHOPÄDISCHEN KLINIK SCHLOSS WERNECK

INH A LT

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Konsolidation EINE ANNÄHERUNG

Sanierung und Denkmalschutz An der Erdoberfläche entstehen sedimentartig Schicht für Schicht neue Lagen. Durch den Abbau, Verschiebung und Verdichtung verändern sie sich kontinuierlich. Auf ähnliche Weise wachsen und schrumpfen in einem ungleich kürzeren Zeitraum auch Gebäude. Mit jedem weiteren Nutzer lagern sich neue Schichten an oder werden alte abgetragen, um Platz für Neues zu schaffen. Bauwerke lassen den Einfluss der Zeit sowie die damit verbundenen Veränderungen und Überformungen ebenso geduldig über sich ergehen wie der Planet Erde. So werden sie zu Zeitkapseln, die Geschichte baulich konservieren und als Zeitschichten erlebbar machen. In Sanierungsprojekten ist es eine Aufgabe von Architekten und Ingenieuren, das Gebäude mit seinen historischen Lagen konzeptionell in eine Beziehung zur neuen Nutzung zu setzen, ohne die geschichtliche und kulturelle Bedeutung zu missachten. So hat die Sanierung zwar den Erhalt des Gebäudebestands zum Ziel, jedoch kann sie einen Wendepunkt in der Erschließung des Gesamtpotenzials der Immobilie darstellen. Die Aufwertung der energetischen Gebäudeeffizienz, der Gebäudetechnik und der Fassade sowie das Implementieren neuer Funktionsbereiche sind nur einige Aspekte, die zur langfristigen Wertsteigerung der Immobilie beitragen. Dieser Entwicklungsprozess erfordert einen verantwortungsvollen und sensiblen Umgang mit der Gebäudeidentität und dem Bestand. Als Geschichtsträger haben Gebäude einen übergeordneten kulturellen, gesellschaftlichen Wert und unterliegen ggf. den Bestimmungen des Denkmalschutzes. Daher kommt es mit großer Regelmäßigkeit zu kontrovers geführten Diskussionen, wenn Gebäude mit starker historischer Zeugniswirkung saniert werden müssen – denn jeder Eingriff, ob Hinzufügung oder Wegnahme, ist eine weitere Veränderung.

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6 / 2015 T H E M E N S C H W E R P U N K T S A N I E R U N G U ND D ENK M A LS C H U TZ


TH EM ENS C H WER P U NK T S A NIER U NG U ND D ENK M A LS C H U TZ

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Check-in zur Geschichte

Die 302 ha große Freifläche des ehemaligen Flughafens Tempelhof wird seit 2010 als „Tempelhofer Feld“ genutzt. Darüber hinaus finden im einstigen Flughafengebäude sowie auf dem früheren Vorfeld u. a. große Festivals, Sport-Events und Messen statt. Um den historischen Baubestand zu erhalten und für die Stadtentwicklung zu nutzen, werden bis 2017 umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an den Dächern der Hangars 1 bis 7 und der Flugsteige A1/A2 in mehreren Abschnitten durchgeführt.

Fortsetzung auf Seite 40

FLU G H A FEN B ER LIN- TEM P ELH O F

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Retrospektive SANIERUNG UND UMBAU DER EHEMALIGEN HINDENBURG - KASERNE MIT TESSENOW - GARAGEN

Fortsetzung von Seite 2

In Magdeburg fand 1999 die 25. Bundesgartenschau statt, für die aus dem ehemaligen Militärgelände der Hindenburg-Kaserne eine Naturund Parklandschaft entstand, die auch nach der Veranstaltung einen Anziehungspunkt für die Stadt Magdeburg darstellt. Nach Plänen des Architekten Heinrich Tessenow wurde der Militär-Komplex 1937/1938 auf dem Cracauer Anger errichtet. Neben dem Umbau des dreigeschossigen Hauptgebäudes zu Büro- und Verwaltungseinheiten wurden sieben ehemalige Militärgaragen anhand der vorliegenden Baupläne aus den 30er Jahren denkmalschutzgerecht saniert und mit neuen Funktionen wie Informations- und Verwaltungseinheiten besetzt. Nicht mehr vorhandene oder stark beschädigte Konstruktionen und Elemente konnten rekonstruiert und Fenster sowie Dachgauben in Material, Form und Aufteilung neu angefertigt werden. Auch die Außenanlagen wurden in Anlehnung an die ursprüngliche Planungsidee wiederhergestellt. Ein über Jahrzehnte nicht mehr zugänglicher Stadtteil wurde so wieder in die Stadt Magdeburg integriert.

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Die Gustav-Heinemann-Schule ist ein aus mehreren Gebäudeteilen bestehendes Schulzentrum, das in den 1970er Jahren entstanden ist. Um das Gebäude den heutigen brandschutz- und gesundheitstechnischen sowie energetischen Anforderungen anzupassen, waren seit 2010 umfangreiche Sanierungsmaßnahmen notwendig. Die brandschutztechnischen Ertüchtigungsmaßnahmen erforderten neben einer kompletten Neuverlegung aller elektrotechnischen wie auch sicherheitsrelevanten Einrichtungen die klare Abgrenzung der Flucht- und Rettungswege, die entsprechende Anpassung der Lüftungstechnik sowie die Anpassung und aufwendige Sanierung der Betonrippendecken. Darüber hinaus war eine Trennung der Lösch- und Trinkwasserversorgung notwendig. Da die Maßnahmen bei laufendem Betrieb durchgeführt wurden, waren sämtliche Flucht- und Rettungswege zu erhalten. Aus diesem Grund und um den Schulbetrieb nicht einzuschränken, wurde die Modernisierung in dreizehn einzelne Bauabschnitte aufgeteilt. Um das Gebäude nicht nur den heutigen brandschutz-, sondern auch den gesundheitstechnischen und energetischen Anforderungen anzupassen, wurde außerdem eine Schadstoffsanierung durchgeführt und wurden im gesamten Gebäudekomplex die Fenster ausgetauscht. Zusätzlich wurden die Lüftungszentralen mit energieeffizienten Neuanlagen vollständig erneuert. Bauherr war der Immobilien-Service der Stadt Mülheim/Ruhr.

L e i s t u n g e n p b r AG Gesamtplanung

Leistungen pbr AG Gesamtplanung

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Brandschutztechnische Sanierung GUSTAV - HEINEMANN - SCHULE , MÜLHEIM AN DER RUHR

AKTUELLE PROJEKTE


Sediment

AKTUELLE PROJEKTE

Bundesagentur für Arbeit saniert 90 Liegenschaften AUFTRAG ZUR BAULICHEN TRENNUNG VON TRINK -

Fachhochschule Münster

UND LÖSCHWASSERANLAGEN

SANIERUNG DER MEDIENTECHNIK AM LEONARDO - CAMPUS

Die Bundesagentur für Arbeit hat die pbr AG mit der Generalplanung zur baulichen Trennung von Trink- und Löschwasseranlagen in rund 90 ihrer Liegenschaften beauftragt. Da sich die einzelnen Verwaltungsgebäude in 10 Bundesländern befinden, wurde eine dezentrale Bearbeitung vom Auftraggeber gefordert. Dieser Forderung trägt die pbr AG durch ein flächendeckendes Netz eigener Niederlassungen im gesamten Bundesgebiet Rechnung. Das Projekt ist auf eine maximale Laufzeit von 24 Monaten ausgelegt und mit Baukosten von rund 5,2 Mio. € budgetiert. Bauherr ist die Bundesagentur für Arbeit, vertreten durch die BA – Gebäude-, Bau- und Immobilienmanagement GmbH. Weil Feuerlösch- und Brandschutzanlagen nur im Notfall betrieben werden und das Wasser in den Leitungen dieser Anlagen eine hohe Standzeit hat, ist die hygienische Qualität des Wassers bedenklich. Deshalb müssen Lösch- und Trinkwasser eindeutig voneinander getrennt werden. Dies schreiben die DIN 1988-600 und die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) vor. In Bestandsgebäuden sind die Leitungen für Trinkwasser und Brandschutzanlage z. T. nicht hinreichend getrennt, so dass zukünftig in zahlreichen Gebäuden Bedarf zur Nachbesserung besteht. Mit der jetzt geplanten Sanierung bringt die Bundesagentur für Arbeit ihre Liegenschaften bundesweit auf den neuesten Stand der geforderten Technik.

Im Seminar- und Hörsaalgebäude Leonardo Campus 10 der Fachhochschule Münster wurde die medientechnische Anlage digitalisiert. Von der Sanierung waren ein großer Hörsaal mit 180 Sitzplätzen, zwei Vorlesungssäle für 80 Personen, vier Seminarräume und das Foyer betroffen. Ein wichtiges Ziel der Planung war, in den Räumen eine hohe Bildqualität und Natürlichkeit der Audio-Wiedergabe zu erreichen. Die Hörsäle wurden mit neuen Projektoren, aktiven Säulenlautsprechern, Mikrofonen und Kameras zum Aufzeichnen oder Übertragen von Veranstaltungen ausgestattet. Die Medientechnik zur Steuerung der neuen Anlage ist jeweils in einem modifizierten Pult in das bestehende Mobiliar integriert. In den Seminarräumen und dem Foyer sind ebenfalls Projektoren und Leinwände installiert worden. Hier befinden sich die Steuerung und die Anschlüsse in einem flexiblen Tischmodul. Der zentrale Technikraum für die Medientechnik im ersten Obergeschoss des Gebäudes wurde um die benötigten Komponenten zur Steuerung der neuen Technik ergänzt. Hierzu gehören z. B. ein zentrales Touchpanel, ein digitaler Soundprozessor, eine digitale Kreuzschiene und Audioverstärker. Das Projekt wurde in nur zwei Monaten Bauzeit umgesetzt, dabei wurden 25 km Datenleitungen verlegt. Die Gesamtkosten für den Umbau betrugen 500.000 €.

L e i s t u n g e n p b r AG Generalplanung

L e i s t u n g e n p b r AG Te ch n i s ch e G e b ä u d e a u s r ü s t u n g

A K TU ELLE P R O JEK TE

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Wo früher an jedem Markttag 2.500 Rinder und 3.000 Schafe zum Verkauf angeboten wurden, schlendern heute zwischen Marktständen unzählige Besucher umher. Schlemmen, probieren, genießen. Die Rindermarkthalle: Mittelpunkt, Anziehungspunkt, Lebensraum. Nach der denkmalgerechten Sanierung mehr denn je.

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Luftangriffe zerstörten in den Kriegsjahren ganze Stadtteile Hamburgs. So fiel auch der auf dem Heiligengeistfeld gelegene Zentralviehmarkt, zu dem die Rindermarkthalle gehörte, den Bomben zum Opfer. Der norddeutsche Viehhandel, der hier seit 1889 seine Hauptmarktstätte besaß, verlor seine wichtigste Grundlage. Mit der Normalisierung der Wirtschaftsverhältnisse in den Folgejahren sollte seine Wirkungsstätte allerdings wiederhergestellt werden. Während Hochstall, Viehverladerampe und kleinere Betriebsgebäude zügig wieder instand gesetzt werden konnten, erforderte der Wiederaufbau der 14.200 m² großen Rindermarkthalle aus dem Jahr 1889 eine vollständige Neuplanung. Der Architekt und Ingenieur Heinrich Konrad

Havemann errichtete das Gebäude 1950 auf den gut erhaltenen Fundamenten und mit gleichem Grundriss neu. Das Besondere an der neuen Konstruktion war die einheitlich hohe und lichte Markthalle. Die Dachkonstruktion wurde nur durch vier Stahlstützen abgestützt, so dass die Grundfläche bis zu den äußeren Umfassungswänden als eine einzige Marktfläche ausgebildet war. Aufgrund dessen bot sie vielseitige Nutzungsmöglichkeiten, wodurch sie für die Stadt Hamburg als Mittelpunkt von Großveranstaltungen sowohl in wirtschaftlicher als auch in ideeller Hinsicht an enormer Bedeutung gewann.

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Mauer werkssanierung D i e N o r d f a s s a d e w u r d e a l s S ch a u s e i t e im Originalzustand wiederhergestellt.

W iederherstellung der Nordfassade als Schauseite Die Bestandsfassade der Rindermarkthalle setzte sich aus Kalksandstein-Hintermauerwerk, einer Schalenfuge und einem 10,5 cm starken orange-roten Hartbrandziegel im Oldenburger Format als Verblendung zusammen. Nach Aufgabe der Viehhandelsnutzung und Nachnutzung des Bauwerks durch Einzelhandelsunternehmen wurden weitreichende Umbauten durchgeführt. Nicht nur der Einbau eines Zwischengeschosses als Parkdeck, sondern auch Anbauten im Eingangs- und Anlieferungsbereich, großflächige Trapezblechverkleidungen sowie der Einbau von Kunststofffenstern veränderten das Erscheinungsbild enorm. Um den besonderen Charakter aus der Entstehungszeit wiederherzustellen, wurden die nachträglich vorgehängte Blechfassade im Norden, Osten und Westen inklusive der Unterkonstruktion ebenso wie der Vorbau zum Haupteingang und die Anbauten im Süden vollständig rückgebaut. Da das vorhandene Bestandsmauerwerk sehr in Mitleidenschaft gezogen war, wurde eine aufwendige Mauerwerkssanierung mit vollflächiger Fugen- und Risssanierung sowie neuer Vernadelung durch Spiralanker notwendig. Ganze Wandbereiche wurden sogar vollständig neu aufgebaut. In Anlehnung an den Originalzustand wurde die Nordfassade als Schauseite mit der bauzeitlichen Fassadenaufteilung wiederhergestellt. Hierfür mussten im Bereich der Eingangssituation große Teilflächen vollständig zurückgebaut und neu errichtet werden. Nach Möglichkeit kamen alte Verblendsteine zum Einsatz, die durch neue, gleichartige Steine ergänzt wurden.

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Auf St. Pauli Die Rindermarkthalle mit markanter N o r d l i ch t - S h e d d a ch - K o n s t r u k t i o n u n d orange-roter Hartbrandziegel-Fassade

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Mit rauhem Charme Eine Vielzahl kleiner Marktstände finden s i ch h e u t e i n d e r R i n d e r m a r k t h a l l e .

Die Rindermarkthalle war bekannt für ihren lichtdurchfluteten Raum: Lichtbänder in Erdgeschoss- und Obergeschosshöhe unterstrichen die Breitenwirkung des Bauwerks. Das Fassadenbild war gegliedert und belebt durch zahlreiche Stahltore und die aus der Front leicht vorspringenden Treppenhäuser mit großen Glasflächen. Merkmale, die unbedingt in die Gegenwart übertragen werden sollten. So wurden sowohl die ehemals vorhandenen Fensterbänder im Zwischengeschoss als auch die Stahltore zwar durch neue, historisch anmutende Fenster und Tore ausgetauscht, diese aber in der bauzeitlichen Ursprungslage und Aufteilung zum Teil an den noch bestehenden Stahlunterkonstruktionen eingesetzt. Bei wesentlichen Fensterflächen der Nordfassade, wie z. B. den großzügigen Treppenhausverglasungen, wurden die im Originalzustand noch erhaltenen, bauzeitlichen Stahlfenster als exemplarischer Denkmalschutz vollständig saniert und neu verglast. Historische Türdetails wie horizontale Holzgriff- und Metallstangen ergänzen die neue Ausstattung der Türen. Zur Vermeidung von Wärmebrücken erhielten die neuen thermisch getrennten Türen und Fenster im Anschlussbereich des Bestandsmauerwerks eine umseitige Kerndämmung und in Teilflächen eine Innendämmung aus Kalzium-Silikat-Platten. Wegweisende Dachkonstruktion, bauzeitlich wie auch heute eine Herausforderung Auch wenn die 1972 eingebaute und für die Einzelhandelsnutzung erforderliche Parkdeckebene die ursprüngliche räumliche Weite des Raums entscheidend reduziert hatte, beeindruckt die Rindermarkthalle noch heute mit ihrer wegweisenden und Tageslicht spendenden Dachkonstruktion. Die 30 m weit spannenden und 3,80 m hohen Stahl-Vierendeelträger ruhen auf vier Mittelstützen sowie den Randbauwerken und bilden ein großflächiges, bogenförmig segmentiertes Nordlicht-Sheddach. Die Dacheindeckung erfolgte bauzeitlich

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Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

Rindermarkthalle St. Pauli F a s s a d e n - u n d D a ch s a n i e ru n g

Baujahr 18 8 9 / 19 5 0 / 19 7 2 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 7 / 2 014 Gesamtbausumme 10 , 5 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 30.000 m² BGF 32.500 m² Bauherr Sprinkenhof GmbH L e i s t u n g e n p b r AG A r ch i t e k t u r ( L P 5 – 9 )

mit etwa 8 cm starken Bimsbetondielen und Sheds in Stahlkonstruktion. Das denkmalgeschützte Stahltragwerk war zwar im Wesentlichen unverändert erhalten, allerdings stellte sich heraus, dass die Bimsbetondielen altersbedingt und tragwerkstechnisch abgängig waren, so dass eine vollständige Sanierung des Dachs notwendig war. Da die Betondieleneindeckung im Bauablauf nicht vollständig aufgegeben werden konnte und erst nach fertiger Eindeckung mit neuen Betondielen inklusive Verguss wieder statisch wirksam war, erfolgten der Rückbau und die Sanierung abschnittweise an jedem zweiten Sheddach. Aufgrund fehlender Altstatik wurden die Lasten des vorgefundenen Dachaufbaus als maximale Dachlast festgelegt, so dass die Betondielen als Leichtbetonfertigteile in LC25/28 mit nur 80 mm Stärke ausgeführt werden mussten. Aufgrund des vorgefundenen Stahluntergrunds stellte die beschichtungs- und korrosionstechnische Sanierung des Stahlfachwerks eine weitere Besonderheit dar. Bauzeitlich wurde das Tragwerk mit einer Walzhaut versehen, die zwar einen guten Korrosionsschutz bot, allerdings durch ihre Härte die Bearbeitung des Stahls erschwerte und nach heutigen Vorgaben keinen einwandfreien Beschichtungsuntergrund bietet. Das gesamte Tragwerk wurde daher vollständig gestrahlt und neu beschichtet. Aufgrund der vorhandenen Lastannahme aus dem Umbau mit Kunststoff-Trapezverglasung wurde die neue Sheddach-Verglasung als 2,6 m hohe Doppelsteg-KU-Fenster-Konstruktion umgesetzt. Dass es sich auszahlt, ein Bauwerk mit derartiger Historie zu erhalten, verdeutlicht die Rindermarkthalle in Hamburg seinen Besuchern jeden Tag. Als bundesweit wegweisendes Nahversorgungszentrum wurde ihr am 3. Februar 2015 unter anderem auch deshalb der Europäische Innovationspreis in der Kategorie „Stadt“ verliehen. Ausrichter des renommierten Preises ist das German Council of Shopping Centers (GCSC).

D i p l . - I n g . N i c o Ve r s a c e G e s ch ä ft s b e r e i ch s l e i t e r A r ch i t e k t u r

Videointer view mit N i c o Ve r s a c e u n d weiteres Bildmaterial w w w. p b r. d e / n c / r e fe r e n z e n / g / g e s ch a e ft s h a e u s e r. h t m l

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Denkmalschutz sattelfest neustadtI dosse

Das im Jahre 1788 unter Friedrich Wilhelm II (1744–1797) für die Preußische Kavallerie gegründete Haupt- und Landgestüt in Neustadt an der Dosse, ca. 100 km nordwestlich Berlins gelegen, ist bis heute eine der größten Gestütsanlagen Deutschlands. Als Schwestergestüt des berühmten Ostpreußischen Gestüts in Trakehnen hat es kulturhistorische Bedeutung in der Pferdezucht, und als Werk des sächsischen Baumeisters Ephraim Wolfgang Glasewald ist es ein nicht minder bedeutsames Baudenkmal des Spätbarock/Frühklassizismus in Preußen. 18

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Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t H a r t m u t R o h l i n g

Neben der Bedeutung als Baudenkmal hatte das Gestüt auch den wachsenden Effizienzanforderungen moderner Landwirtschaft Stand zu halten und optimale Lehrbedingungen einer Ausbildungsstätte rund um die Pferdewirtschaft sowie gute Trainings- und Wettkampfbedingungen für den Reitsport zu gewährleisten. Nicht zuletzt soll es zu alledem nun auch noch ein attraktives touristisches Umfeld für die Freizeitgestaltung mit Pferden bieten. Nachdem 1945/46 der gesamte Pferdebestand des Gestüts als Reparationsleistung abgetreten werden musste, begann der Wiederaufbau der Neustädter Stutenherde aus den noch überlebenden Stuten-Restbeständen von Bauern der Region, Stuten aus Ostpreußen und Zukäufen. Das Hauptgestüt züchtete dann in erster Linie Pferde, die von Gütern und Agrargenossenschaften für die eigene Zucht erworben wurden. Außerdem wurde seit den 1960er Jahren im Landgestüt ein Exportstall gegründet, welcher Sport- und Freizeitpferde zukaufte, ausbildete und gegen Devisen verkaufte. Trotz der beschriebenen wirtschaftlichen Blüte gab es eine entscheidende nachteilige Änderung im Betrieb: Die voluminösen Dachböden der Stallungen wurden seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr zur Erntezeit mit Stroh gefüllt. Das Stroh wurde im Zuge der vollindustriealisierten Landwirtschaft nun separat in Scheunen (Gebäude 15 und 29) gelagert. Früher lag der Taupunkt in den Stallungen während der kalten Jahreszeit oben im Stroh, schön dampfdiffusionsoffen und ohne Schäden zu verursachen, nur das Stroh wurde stellenweise ein wenig feucht. Nun, ohne Stroh, kondensiert gerade im Winter der hohe Luftfeuchtigkeitsgehalt der Stallluft bereits in der hölzernen Deckenkonstruktion auf dem Weg nach oben in die leeren und kalten Dachböden. Ein sehr ungewöhnliches Schadensbild stellte sich deshalb überall und seriell ein: Äußerlich solide aussehende, mächtige Deckenbalken riesiger Querschnittsformate und Spannweiten (20 / 35 cm und 6 m) waren knapp 1 cm unter der Oberfläche in Fäulnis pulverisiert, das Ganze hielt nur noch aus Gewohnheit. Als die pbr AG 2003 mit den Planungen begann, stand man damit vor „Dachruinen“, denen man ihren wahren Zustand auf den ersten Blick allerdings nicht ansah. Die Planungen Allgemein besteht die Herausforderung für den Architekten darin, zwischen dem denkmalschutzseitig proklamierten Anspruch nach Wiederherstellung des baulichen Urzustands und den vielfältigen aktuellen Anforderungen einer „zeitgemäßen“ Nutzung zu vermitteln. Eine wegen der vielfältigen kulturellen, wirtschaftlichen und funktionalen Integrationsanforderun-

Landstallmeisterhaus Fü r d e n U m b a u d e s Landstallmeisterhauses zu einem Ausstell u n g s b e r e i ch e r s t e l l t e d i e p b r AG d i e T G A Planung.

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gen kommunikationsintensive und oftmals anstrengende und zeitlich sehr aufwendige Leistung. Leider bleibt diese kompromissstiftende Leistung des Architekten oftmals ohne entsprechende Wertschätzung, da man von allen beteiligten Parteien, die etwas in die Kompromisswaagschale werfen müssen, dafür keinen Applaus bekommt. Soviel zur Selbstbedauerung. Vor Planungsbeginn wurden der pbr AG vom Bauherrn hier in Neustadt eine verbindliche Funktionsprogrammierung des Nutzers und die Zielsetzung der Denkmalbehörde als Arbeitsgrundlagen für jedes einzelne Gebäude übergeben. Folgende Leistungen wurden von der pbr AG als besondere Leistungen zum Teil mit Sonderfachleuten als Planungspartner ausgearbeitet: — Verformungsgerechtes Aufmaß – Bestandspläne der denkmalpflegerischen Genauigkeitsklasse III zum Teil über optisch entzerrte Messbilder — Holzgutachten mit detailliertem Schadenskataster — Gutachten über die Mauerwerksversalzungen — Schadstoffgutachten bezüglich Holzschutzmittel, PAK, Asbest etc.

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— denkmalgerechte schwarz/weiß-Fotodokumentation mit entzerrten Messbildern und ohne stürzende Linien — Fundamenterkundungen über Schürfgruben Auf Veranlassung der Denkmalbehörden wurden vom Bauherrn zudem Bauforscher und Restauratoren beauftragt, die die jeweilige Baugeschichte der im Laufe ihrer Standzeit häufig umgebauten Substanz untersuchten und dokumentierten und denkmalpflegerisch korrekte Festsetzungen über endgültige Farb- und Materialfassungen vorgaben und Urteile über zu Verwerfendes und zu Erhaltendes fällten. Beispielhafte Zielkonflikte in Planung und Realisierung – Einblicke in den Allt ag eines im Denkmal planenden Architekten Eines der schwerwiegenden Probleme bei der Sanierung des Gestüts waren die versalzten Mauerwerkssockel und Fassaden. Hierzu gibt es zwei grundsätzlich widerstreitende Lösungsansätze der Sanierung:

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Stutenst all Die beiden großen Stallungen mussten im Rhythmus von 40 m mit Brandwänden untergliedert werden.

Fr e i l e g u n g , Einkapselung, A b d i ch t u n g Ve r s a l z e n e M a u e r w e r k s s o ck e l u n d F a s s a d e n w u rden aufwendig saniert.

Sukzessive zerstörend wirkten die in das Mauerwerk eingetragenen Schadsalze, die in nassen Jahreszeiten in wässrige Lösung gehen, kapillar durch die Poren der Ziegel und des Mörtels wandern (aufsteigende Salzhorizonte) und bei Austrocknen durch Kristallisationsdruck das Mauerwerk von innen heraus zerbröseln. Die „sanften“, nachhaltigen und denkmalpflegerisch korrekten substanzerhaltenden Sanierungskonzepte sind die mit „denkmalamtlich“ zugelassenen WTA-Sanierputzsystemen. Das sind „schaumig geschlagene“, offenporige Kalkputze, die als Opferputz und Salzspeicherputz in zahlreichen Zyklen auf das Mauerwerk aufgebracht werden, die Schadsalze nach und nach herausziehen und alle 5 – 10 Jahre von selbst abfallen bzw. abgeschlagen werden, mit dem Salz entsorgt werden und neu aufgebracht werden müssen. Bei der dramatischen Salzbelastung im Neustädter Gestüt wäre die Rohbausubstanz damit nach ca. 50 Jahren, also 5 – 7 Behandlungen „geheilt“ und entsalzt. Dieses jedoch zum Preis einer Dauerbaustelle, die einem effizienten Pferdezuchtbetrieb entgegenstünde, von den horrenden Kosten sowie auch der dem gewünschten Tourismusidyll entgegenwirkende Permanentbaustelle ganz zu schweigen. Dem gegenüber steht die sogenannte „Panzerlösung“. Diese kam hier nach eingehender Diskussion zum Einsatz. Dabei wird der versalzene Mauerwerkssockel bis auf das Fundament freigelegt, mit zementären Dichtschlämmen eingekapselt und mit einer Horizontalsperre, die im Mauersägeverfahren eingebracht wird, nach oben hin abgedichtet. Kalkmörtelmauerwerk lässt sich generell sägen „wie Butter“. Dumm ist dabei nur, dass unsere Altvorderen aus Sparsamkeitsgründen stellenweise granitene Feldsteine in die „Seele“ der meterdicken Kalkmauerwerkswände und zwar nicht verbandsgerecht verklappt hatten – das war schlecht für die Säge. Alles in allem ist die „Panzersockelmethode“ zumindest geeignet, für die nächsten 25 – 30 Jahre den Sockelputz weitestgehend an der Wand zu halten, um ungestört ca. 10 Pferdegenerationen in die Welt zu setzen. Währenddessen kann man dann darauf hoffen, dass die nächste Menschengeneration wissenschaftliche Methoden ausbrütet, die in 30 Jahren die Salzionen, z. B. über Elektrolyse, ganz beiläufig und ohne Betriebsstörungen aus dem Mauerwerk herauswachsen lassen. Die Diskussion zur obigen Entscheidungsfindung zwischen den Planungsbeteiligten war langwierig und zum Teil ideologisiert. Im Vergleich dazu waren die übrigen, im Folgenden aufgezeigten Zielkonflikte relativ harmonisch zu lösen:

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Freie Traufe ohne Rinne!? Ja, so hatte man es vor 220 Jahren an allen Gebäuden – außer dem Landstallmeisterschlösschen – hergestellt – heute gibt es zum dauerhaften Schutz der Gebäude und des Landeshaushalts eine Rinne an der Traufe. Bodendielen ohne jede Versiegelung? Das Preußische Militär hatte vor 220 Jahren genügend Rekruten, die täglich die lediglich mit Kalkwasser lasierten Bodendielen mit Scheuersand bearbeiteten. Die scheuerwilligen Rekruten wurden nunmehr durch Versiegelung ersetzt. Dieser Prozess lässt sich, und das ist gut so, nicht mehr umkehren. Zimmermannsmäßige Längsaussteifung 12 m hoher Dachstühle durch bauzeitidentische Kopfbänder? Die Bestandsdächer waren durch Winddruck in Gebäudelängsrichtung zwischen First und Traufe bis zu 1,50 aus dem Lot verschoben. Die Bestandskonstruktion war nach Maßgabe aktueller statischer Anforderungen von Anfang an nicht standsicher. Ohne moderne Ingenieurkonstruktionen u. a. mit stählernen Rispenbändern wäre hier für endliches Geld mit den vom Denkmalschutz zunächst beauflagten und von der pbr AG beeinspruchten „zimmermannsmäßig, bauzeitidentischen“ Konstruktionen gar nichts gerade zu richten und zu stabilisieren gewesen. Biberschwanzdoppeldeckung in Kalkmörtel mit Längs- und Querschlag verlegt? Der zunächst gewünschte Ansatz, alle Dachanschlüsse ohne Klempnerarbeiten und ohne Blech bauzeitidentisch mit kaseinvergütetem pferdehaarfaserarmiertem Kalkmörtel herzustellen, prallte an der Gewährleistungsverweigerung zeitgenössischer Dachdecker ab und wurde durch heutige Methoden substituiert. Die überzogensten bauordnungsrechtlichen Beauflagungen wurden jedoch gar nicht von der Denkmalbehörde, sondern wurden bezüglich Brandschutz und Grundwasserschutz im Zustimmungsverfahren angeordnet und gegen die anderslautenden Auffassungen fast aller anderen Planungsbeteiligten dogmatisch durchgesetzt. So mussten die beiden 120 m

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G e b ä u d e s ch u t z Rinnen wurden an den Tr a u fe n e r g ä n z t .

langen Stallungen im 40 m Rhythmus gemäß Brandenburgischer Bauordnung nach 220 Jahren Gebäudestanddauer und zahlreichen Blitzeinschlägen ohne Blitzschutz (den die pbr AG nun natürlich hergestellt hat) durch ordnungsgemäße Brandwände untergliedert werden. Der Gipfel an Schwerverständlichkeit war darüber hinaus die Forderung der Wasserschutzbehörde, dass die gesamten zum Teil bauzeitlich erhalten gebliebenen scheitrecht verlegten Ziegelböden der Stallungen ausgebaut und durch eine zum Grundwasserschutz bituminös abgedichtete Betonsohle ersetzt werden mussten. Dieses alles, obwohl im Innenhof der Anlage, 30 m entfernt also, seit 220 Jahren und auch weiterhin tausende von Pferden ihren urologischen Bedürfnissen direkt auf dem märkischen Sand freien Lauf lassen und die Einstreu in den Laufställen und Boxen so häufig gewechselt wird, dass deren Bodenoberflächen – heute wie früher – weitestgehend trocken bleiben. Merke: In „Preußen“ werden Ställe grundsätzlich abgedichtet, koste es, was es wolle! Und dagegen kann auch selbst eine Denkmalbehörde keinen Dispens erwirken. Fazit Die Menschheit hat über Generationen hinweg relativ unbekümmert auf den Grundmauern ihrer Vergangenheit Neues aufgebaut, Altes verbessert, modernisiert und verfeinert, Überflüssiges entfernt und

G e b ä u d e 16 D a s F a ch w e r k d e s H o l z s t a l l s w u r d e teilweise erneuert.

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dabei leider auch immer mal wieder Dingen nachtrauern müssen, die sie leichtfertig verworfen oder in Kriegen zerstört hatte. Das wunderbare Rom der Neuzeit ist von Borromini und Bramante, Michelangelo & Co. zum Teil aus den Materialien der antiken Bausubstanz errichtet worden. Das Colosseum war so gegen 1500 ein ergiebiger Steinbruch … und das war auch gut so! Wie armselig wäre es heute, wenn die Bewohner der ewigen Stadt in dicht gedrängten Original Insulae zwischen Kaiser Neros wohlerhaltenen Arenen eingezwängt leben müssten oder der Präfekt Haussmann dem stinkenden, engen Paris des Mittelalters im 19. Jahrhundert nicht gründlich Luft verschafft hätte. Der Diskurs über den Denkmalschutz als bauordnungsrechtlich verordnetes Verfahren der Gegenwart führt die Zukunft ad absurdum, wenn man sich ausmalt, dass jedweder Städtebau vollends blockiert sein dürfte, wenn überall nur noch Baudenkmäler herumstehen. Die Lösung des Dilemmas, Zukunftsfähiges im Denkmalschutz zu schaffen, liegt wie so oft in Augenmaß und verantwortungsbewusstem Handeln der Akteure. Dabei fällt uns Architekten definitiv die Rolle des Konfliktmediators zu. Wir sollten sie annehmen, denn mit den meisten Denkmalschützern kann man wie mit allen Partikularinteressenvertretern – zwar in zähen Verhandlungen – am Ende vernünftige Kompromisse zwischen kulturhistorisch Wünschenswertem und ökonomisch Zumutbarem erringen.

G e b ä u d e 74 Der Kleintierstall heute (links) und früher

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Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

B r a n d e n b u r g i s ch e s H a u p t und Landgestüt Neustadt/Dosse Sanierung einer Gestütsanlage

Baujahr 17 8 8 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g siehe Lageplan Gesamtbausumme 5 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e NF 4.405 m² BGF 13 . 4 0 5 m ² BRI 60.452 m³ Bauherr S t i ft u n g B r a n d e n b u r g i s ch e s H a u p t - u n d Landgestüt Neustadt/Dosse L e i s t u n g e n p b r AG siehe Lageplan

Lageplan Hauptgestüt Neustadt/Dosse

1–5 Landst allmeisterhaus TGA, 20 08 6

N ö r d l i ch e r S t u t e n s t a l l A , T P, 2 015

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S ü d l i ch e r S t u t e n s t a l l G , 2 0 0 8

8

S ü d l i ch e r S t u t e n s t a l l G , 2 0 0 8

10

K l e i n e R e i t h a l l e A , T P, 2 014

11

A l t e S ch m i e d e A , T P, 2 014

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Besamungsst ation G, in Planung

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S ch e u n e G , 2 0 0 8

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Holzställe G, 2008

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S ch m i e d e G , 2 0 0 8

29

H a fe r l a g e r / S ch e u n e G , i n P l a n u n g

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Kleintierstall G, 2008



A, TP G

Planung TGA

 o













  

TGA









A r ch i t e k t u r u n d Tr a g w e r k p l a n u n g Gesamtplanung

v o n p b r AG g e p l a n t e G e b ä u d e

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Denkmalschutz ist keine Käseglocke INTERVIEW MIT DR . WOLFGANG ILLERT DEUTSCHE STIFTUNG DENKMALSCHUTZ

„Historische Gebäude können und müssen weiterentwickelt werden – aber nur im respektvollen Umgang mit der originalen Substanz.“

Herr Dr. Illert, als Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Thema Denkmalschutz und historische Gebäude. Wozu benötigen wir überhaupt Denkmalschutz? Der langjährige Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Professor Dr. Gottfried Kiesow, hat es einmal treffend formuliert: „Denkmalschutz betreiben wir als unseren Dank an die Vergangenheit, als Freude an der Gegenwart und unser Geschenk an die Zukunft.“ Letztendlich geht es darum, die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren, um Orientierung für heutige und zukünftige Positionsbestimmung zu haben. Denkmale vermitteln darüber hinaus Identität und Verbundenheit – Werte, die gerade in Zeiten der Globalisierung an Gewicht gewinnen. Was sind die Ziele der Deutschen Stiftung Denkmalschutz? Die DSD will als private Stiftung helfen, bedrohte Denkmale so zu bewahren, dass auch für die kommenden Generationen ihr Zeugniswert erhalten bleibt. Dazu bedarf es eines breiten Bewusstseins für den Sinn und die Notwendigkeit der Denkmalpflege, das wir durch vielfältige Initiativen anregen und fördern. Denn die Bürger unterstützen auch durch ihre Spenden nur die Dinge, von denen sie wissen und von denen sie überzeugt sind. W ie versucht die Stiftung die Ziele zu erreichen? Jedes Jahr stellt die DSD für etwa 450 Projekte Fördermittel zur Verfügung. Möglich ist dies Dank ihrer inzwischen über 200.000 privaten Spender, aber auch dank der Lotterie GlücksSpirale, deren Destinatär – also der Empfänger des Benefitanteils – die Stiftung ist. Die DSD begleitet die Fördermaßnahmen fachlich fundiert und arbeitet mit vielen Partnern zusammen.

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INTERVIEW

Im Rahmen der Bewusstseinsbildung für den Denkmalschutz ist der Tag des offenen Denkmals, den wir bundesweit koordinieren, sicher die größte Werbeveranstaltung für den Denkmalschutz. Sehr wichtig sind uns auch Schul- und Jugendprojekte sowie die Fort- und Weiterbildung in den denkmalrelevanten Berufen. Was macht ein Gebäude schützenswert? Der Denkmalwert wird durchweg in den Denkmalschutzgesetzen der Länder definiert: ausschlaggebend für eine Unterschutzstellung können kulturelle oder künstlerische, historische, architektonische oder auch städtebauliche Gründe sein. Der Wert der Denkmale liegt in ihrem originalen Zeugniswert für die Entwicklung von Technik, von Arbeits- und Produktionsverhältnissen sowie die Lebensverhältnisse früherer Generationen. So, wie sich das Geschichtsbild in den letzten 100 Jahren gewandelt hat, so wandeln sich die Vorstellung von Denkmalen und Denkmalwerten. Mit welchen Arten von Gebäuden haben Sie/die Deutsche Stiftung Denkmalschutz über wiegend zu tun? Die DSD fördert alle Denkmalgattungen aus allen Epochen. Wir konzentrieren uns eher auf die ortstypischen und regional bedeutenden Denkmale. Die großen Kathedralen und Schlösser haben vielfach Zugriff auf öffentliche Mittel. Die landschaftsprägenden Dorfkirchen, Bürgerhäuser, Gutshäuser und Parks sind dagegen stark auf private Unterstützung angewiesen. Welchen Beitrag leisten Baudenkmäler zur kulturellen Identität des Landes? Es sind die Bauten, die unsere Kulturlandschaften in erster Linie prägen und sie weltberühmt machen. Es ist die Architektur, der gebaute Raum, dem sich niemand entziehen kann. Was ich lese, welche Musik ich höre, in welches Museum oder welche Theateraufführung


ich gehe, das unterliegt meiner Entscheidung. Aber der gebauten Umwelt kann ich mich nicht entziehen. Deshalb ist der sorgsame Umgang mit ihr so wichtig. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Denkmalschutz und Lebensqualität? Gerade in Zeiten der Globalisierung spielt Individualität eine besondere Rolle. Das wirkt sich auch auf die gebaute Umwelt aus. Historische Bauten, ihre Bezüge zu landschaftlichen Materialien und Bauformen vermitteln diese Besonderheiten. Denkmalschutz und Städtebau zählen daher inzwischen zu den wesentlichen weichen Standortfaktoren, die sich auch wirtschaftlich auswirken. Historische Städte und Landschaften stiften nicht nur Identität, sondern vermitteln auch Verbundenheit und Selbstbewusstsein. Welche Position im Hinblick auf den Umgang mit einem denkmalgeschützten Gebäude vertreten Sie persönlich? Das weit verbreitete Vorurteil, Denkmalschutz setze Bauten unter eine Käseglocke, stimmt nicht. Historische Gebäude können und müssen weiterentwickelt werden – aber nur im respektvollen Umgang mit der originalen Substanz. Neben diesem Respekt der Eigentümer vor dem Denkmal ist bei der Restaurierung immer eine hohe fachliche Kompetenz bei den Ausführenden sowie Kreativität und Phantasie bei den Planenden gefordert. Standardlösungen sind da fehl am Platze – das macht den Umgang mit Denkmalen aber auch so reizvoll.

D r. Wo l f g a n g I l l e r t Vo n 2 0 0 8 b i s 2 014 w a r D r. Wo l f a n g I l l e r t G e s ch ä ft s f ü h r e r d e r D e u t s ch e n S t i ftu n g D e n k m a l s ch u t z ( D S D ) , s e i t 2 015 i s t e r d o r t g e s ch ä ft s f ü h r e n d e r Vo r s t a n d , s e i t 19 9 7 f ü h r t e r d i e G e s ch ä ft e d e r B r a n d e n b u r g i s ch e n S ch l ö s s e r g G m b H . Z u s e i n e m Tä t i g ke i t s b e r e i ch i n d e r D S D g e h ö r e n i n s b e s o n d e r e d i e Fe l d e r P r o j e k t f ö r d e r u n g , Bewusstseinsbildung und Pressearbeit. w w w. d e n k m a l s ch u t z . d e

W ie zeigt sich diese Position in der Umsetzung am konkreten Projekt? Bitte nennen Sie ein Beispiel. Ein Projekt, das diese mir sehr wichtigen Punkte hervorragend umgesetzt hat, ist Schloss Steinhöfel in Brandenburg. Dieses bedeutende klassizistische Schloss wurde von David Gilly Ende des 18. Jahrhunderts zu einer eindrucksvollen Anlage mit Park gestaltet. Für seine heutige Nutzung als Hotel erfolgte ein denkmalpflegerisch gelungener Anbau für die notwendigen technischen Einrichtungen, der dieses großartige Schloss sozusagen „fit für die Zukunft“ gemacht und architektonisch weiterentwickelt hat. Ist der Denkmalschutz in seiner jetzigen Auslegung ein funktionierendes Instrument für Architekten und Ingenieure? Und machen es Denkmalschutz, aber auch der Brandschutz und/oder EnEV dem Bauherrn zu schwer, ein bestehendes Gebäude einer zeitgemäßen Funktion zuzuführen? Die Arbeit am Denkmal ist für Architekten und Ingenieure eine Herausforderung und ein überaus spannendes Arbeitsfeld. Es geht nicht um Standardlösungen und Normerfüllung, hier sind Kreativität und Innovation gefragt. Das gilt auch für die Anforderungen des Brandschutzes und der Energieeinsparverordnung. Probleme gibt es, wenn man eine falsche Nutzungsvorstellung für den Bestand hat. Die muss sich natürlich am Bestand orientieren, nicht umgekehrt. Im konstruktiven Miteinander von Architekt, Eigentümer, Handwerker und Denkmalpflege entstehen jedoch durchweg großartige Lösungen, die für die nächsten Generationen nicht nur den Bestand erhalten, sondern selbst Vorbildfunktion haben können.

INTER V IEW

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Neuer Glanz für eine betagte Diva

Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t L u d g e r R a s ch e

Fehlen die Begriffe, um das Wahrgenommene zu erfassen, entstehen gelegentlich neue Bezeichnungen. So erhielt das Wuppertaler Stadtbad Johannisberg den Namen „Schwimmoper“, weil seine elegante Anmutung an die prunkvolle Architektur von Operngebäuden erinnert.

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S C H W I M M O P E R W U P P E R TA L


Aufgrund von Mängeln und veränderten Nutzungsanforderungen musste die Schwimmoper Wuppertal grundlegend saniert, modernisiert und erweitert werden. Das Ziel des Gebäudemanagements GMW der Stadt Wuppertal war, ein modernes Sportbad mit internationalen Standards zur Austragung von Schwimmwettkämpfen zu erhalten. Dazu benötigte das Bad eine 25 m-Bahn und Flächen für Wasserballveranstaltungen. Gleichzeitig sollten die ergänzenden Nutzungen Fitness und Sauna in den Bestand eingefügt werden. Dem gegenüber stand die Forderung der Denkmalpflege, die geschützte Baustruktur und Bausubstanz weitestgehend zu erhalten. Der Eingangsbereich des Bades wurde komplett zurückgebaut und neu errichtet. Die Proportion und die Straßenflucht des ehemaligen Eingangsbauwerks wurden exakt rekonstruiert. Der Innenhof wurde überbaut und dient jetzt als zeitgemäßes Foyer mit behindertengerechter Erschließung des gesamten Gebäudes. Das Schwimmbecken wurde um 90 Grad gedreht, um eine wettkampftaugliche 25 Meter-Bahn zu erhalten. Auf 10 Bahnen schwimmen Athleten nun parallel zu den beiden flügelartig angelegten Tribünen. Die ehemalige 10 m-Sprunganlage wich einer Hubwand, die das für den Wasserball notwendige 30 m-Becken auf eine Länge von 25 m für die Schwimmer begrenzt. Das hinter der Haupterschließung gelegene Bewegungsbecken wurde vergrößert sowie nach der technischen Sanierung und Abdichtung mit nachgefertigten Bildmosaiken wieder in den Originalzustand des Jahres 1955 zurückversetzt. Die Ost- und Westtribüne mit insgesamt 1.550 Sitzplätzen wurden saniert und zur besseren Erschließung und Entfluchtung durch eine neue Galerie verbunden. Neu hinzugefügt wurden eine Saunalandschaft, ein Fitnessbereich und eine neue Gastronomie. Der Saunabereich ist im Ostflügel des Eingangsbereiches platziert. Die Front des an das Schwimmbad angefügten gläsernen Anbaus ist aus Sichtschutzgründen vollflächig transluzent mit einem Wasserwellenmotiv veredelt. Teil des Saunabereichs ist die sogenannte Salzgrotte mit Wandkacheln aus echten Salzsteinen. Der Fitnessbereich und Verwaltungsflächen sind im Westflügel untergebracht. Die im Rahmen der Sanierung freigelegten Stahlbetonbinder der Hallenkonstruktion zeigten teilweise starke Schädigungen des Betons und des Stahls, u. a. verursacht durch das Fehlen einer effizienten Wärmedämmung. Die komplette Stahlbetonkonstruktion des Hallendaches wurde mit Ultraschall auf Fehlstellen untersucht. Da nicht nur das Hallendach, sondern auch die beiden angrenzenden Umkleideflügel mit vorgespannten Decken errichtet wurden, musste jeder Spannstahl sondiert und angezeichnet werden, um bei den notwendigen neuen Durchbrüchen das Zerstören der Spannkonstruktion zwingend zu verhindern. In Teilbereichen mussten die Decken durch das Aufbringen von Spritzbeton und das Ergänzen von Bewehrung nachträglich stabilisiert werden. Nach insgesamt fast fünfjähriger Planungs- und Bauzeit wurde die Schwimmoper Wuppertal im März 2010 wiedereröffnet. Welche Wirkung die Belebung einer historischen Immobilie haben kann, zeigt sich auch daran, dass die Schwimmoper heute z. B. für Filmvorführungen und Musikveranstaltungen genutzt wird.

Haupteingang D e r a l t e E i n g a n g s b e r e i ch w u r d e z u r ü ck g e b a u t u n d n e u e r r i ch t e t .

S ch w u n g v o l l e L i n i e n D e n m a r k a n t e n Fo r m e n v e r d a n k t d i e S ch w i m m o p e r i h r e n N a m e n .

Baujahr 19 5 5 – 19 5 7 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 3 / 2 010 Gesamtbausumme 16 , 9 M i o . € ( n e tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e BGF 9.650 m² BRI 56.506 m³ Wf 1. 0 5 0 m ² Bauherr GMW Gebäudemanagement d e r S t a d t Wu p p e r t a l L e i s t u n g e n p b r AG A r ch i t e k t u r

We i t e r e I n f o r m a t i o n e n u n d B i l d m a t e r i a l w w w. p b r. d e / n c / r e fe r e n z e n / s / s p o r t b a e d e r. h t m l

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Architekturgeschichte im Belastungstest

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In der Domschule in Güstrow findet man sich am Schnittpunkt der Architekturgeschichte wieder: Der moderne Haupteingang vermittelt zwischen dem Renaissance-Schulgebäude und einem Zweckbau aus dem 19. Jahrhundert. Wer tiefer in das Gebäude eindringt, entdeckt weitere, sensibel herausgearbeitete Berührungspunkte mit der Vergangenheit.

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E r l e b b a r e G e b ä u d e g e s ch i ch t e Ein Fassadenteil der Nordseite des Renaissance-Altbaus wurde als Innenwand s i ch t b a r g e m a ch t .

Von 2012 bis 2014 wurde die denkmalgeschützte Domschule in Güstrow zur Nutzung als Haus 3 des benachbarten John-Brinckman-Gymnasiums saniert und umgebaut. Die Baumaßnahme im Auftrag der BIGSTÄDTEBAU GmbH, treuhänderischer Sanierungsträger der Stadt Güstrow, wurde mit Städtebaufördermitteln des Bundes, des Landes sowie Eigenmitteln der Stadt Güstrow finanziert. Das Gebäude der Domschule geht vermutlich auf den italienischstämmigen Architekten Franz Parr zurück und wurde von Baumeister Philipp Brandin 1575/1579 fertig gestellt. Es ist das älteste erhaltene Schulgebäude im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Das als Einzeldenkmal von nationaler Bedeutung geschützte Ensemble der Domschule Güstrow besteht aus zwei Gebäudeteilen: dem im Stil der Renaissance als dreigeschossigem Fachwerkständerbau errichteten Altbau sowie einem rechtwinklig angeordneten Anbau in Ziegelbauweise aus dem Jahre 1868. Die über 400-jährige durchgehende Nutzungsgeschichte des Gebäudes als Schule reicht bis in das Jahr 2001. Den Anforderungen an einen zeitgemäßen Schulbetrieb nicht mehr

genügend und mit erheblichen baulich-konstruktiven Mängeln belastet, wurde das Gebäude im Anschluss zu Lagerzwecken genutzt bzw. stand leer. Als Zeugnis von Nutzung, Baugefüge und Erscheinungsbild ist es einzigartig im gesamten norddeutschen Raum. Herzog Johann Albrecht I. bestimmte 1552, „es solle eine Schule mit einem gelehrten Schulmeister und zwei Schulgesellen gestiftet und für dieselbe demnächst ein neues Schulgebäude errichtet werden“. 1553 ging dann die neue Domschule aus der Zusammenlegung der Domstiftsschule und der Ratsschule hervor. Als Stiftsschule begann ihre Geschichte bereits 1236 und ihr Ziel war die Ausbildung von Geistlichen. 1942 gab es eine weitere Veränderung: Das Realgymnasium John Brinckman und die Domschule wurden zusammengelegt. Bemerkenswert ist die historische Bibliothek der Domschule. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fasste ihr Bestand 60.000 Bände, was sie zu einer der größten in Mecklenburg machte. Zum Bestand gehörten auch 19 Inkunabeln, Drucke aus der Frühzeit des Buchdrucks. Sanierung der baulichen Subst anz Bereits 2004 war eine Fassadensanierung erfolgt, bei der auch eine illusionistische Renaissance-Fassadenmalerei auf Putzuntergrund rekonstruiert worden ist. Das seitdem wieder eindrucksvolle äußere Erscheinungsbild des Altbaus aus dem 16. Jahrhundert täuschte darüber hinweg, dass die materielle Substanz im Gebäudeinneren dringend sanierungsbedürftig war und der fortschreitende Verlust der Gebäudesubstanz gestoppt werden musste. Die Bestandsaufnahmen ergaben erhebliche Schäden durch zwischenzeitliche Eingriffe, Alterung, Schädlingsbefall und Feuchteeinwirkung sowie statische, strukturelle und gestalterische Mängel. Der Anbau von 1868 war vor allem durch Alterungsspuren, Abnutzung und zurückliegende Setzungen bzw. Rissbildungen gekennzeichnet. Auch hier wurden im Rahmen von Gutachten erhebliche Substanzgefährdungen und -verluste durch Schädlingsbefall und Feuchteeinwirkung festgestellt.

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Befund Rest aurator Tr o ck e n b a u w a n d Fu ß l e i s t e / E l e k t r o p a n e e l D e ck e n / U n t e r z ü g e Tü r e n B e s t a n d Fu ß b ö d e n : L i n o l e u m r o t

O ffe n e r D i s k u r s Vo r s ch l ä g e z u r S a n i e r u n g w u r d e n i n G e b ä u d e s ch n i tt e n z u r A b s t i m m u n g m i t d e m D e n k m a l s ch u t z d a r g e s t e l l t .

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Gegenüberstellungen M e r k m a l e d e r S t i l e p o ch e n i m G e b ä u d e w u r d e n e r h a l t e n u n d s t e h e n s i ch t e i l w e i s e k o n t r a s t i e r e n d g e g e n ü b e r.

Aufbauend auf diesen Befunden wurde das Gebäude an die räumlichen, technischen sowie bauphysikalischen und raumklimatischen Anforderungen einer modernen Schulnutzung angepasst. Hierzu mussten z. B. die Fußböden gegen Erdreich in beiden Gebäuden vollständig neu aufgebaut werden, um Flächenabdichtungen, Dämmung, tragfähige Estrich-Untergründe und stufenlose Höhenniveaus zu erreichen. Darüber hinaus sind an den Wänden fehlende horizontale Querschnitts- und äußere vertikale Abdichtungen erdberührender Bauteile nachgerüstet und anschließend der Feuchtehaushalt reduziert worden. Die Putze an Innenwänden mussten erneuert und in definierten Abschnitten substanziell erhalten, stabilisiert und repariert werden. Ebenfalls galt es, Holzkonstruktionen und Gefacheputze einschließlich farbiger, grafischer und ornamentaler Gestaltung zur Dokumentation des Renaissance- bzw. Barock-Erscheinungsbildes zu sichern und als Fenster in die Vergangenheit zu zeigen. Nicht sichtbar für den Nutzer stabilisieren Stahlelemente das Gebäude und stellen die Tragfähigkeit sicher. Die Backsteinfassade des Anbaus von 1868 wurde umlaufend saniert, Fensteröffnungen mussten z. T. zu Fluchttüröffnungen vergrößert werden. Innentüren wurden umfassend tischlermäßig und entsprechend der epochentypischen Farbigkeit aufgearbeitet. Um einen zeitgemäßen Unterrichtsbetrieb zu ermöglichen, wurde in den Klassenzimmern die Raumakustik optimiert. Damit die 272 Schüler und 12 Lehrer des John-Brinckman-Gymnasiums das Erdgeschoss und erste Obergeschoss des historischen Schulgebäudes als zusätzliche Klassenräume sowie Fachräume für den Zeichen-, Musik und Medienunterricht nutzen können, mussten der Eingangsbereich und die Verteilflächen angemessen vergrößert werden. Hierzu wurde ein neues teilverglastes verbindendes Erschließungsbauwerk als Treppenhaus in den Bestand eingeschoben. Es dient der Erschließung der oberen Geschosse beider Bauteile – trotz unterschiedlicher Deckenhöhen. Das Treppenhaus stellt den hausgeschichtlich ursprünglichen Zugang zu den Gebäuden durch die Öffnung der vormaligen Treppenhaus-Zugänge im ersten und zweiten Obergeschoss wieder her. Über einen rollstuhlgeeigneten Personenaufzug sind alle Geschossebenen beider Gebäudeteile barrierefrei zu erreichen. Zusätzlich wurde eine

eingelagerte historische Holzwendeltreppe nach einer Aufarbeitung zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss im Altschulteil eingefügt. Verant wortungsvoller Umgang mit der Gebäudehistorie Den ursprünglichen Zustand des Gebäudes wiederherzustellen, war nicht das Ziel der Sanierungsmaßnahme. Vielmehr sollte die Geschichte des Gebäudes anerkannt und als Teil der Selbstdokumentation herausgearbeitet werden. Aufgrund der langen Nutzungsgeschichte erlebte das Gebäude mehrfache Überformungen mit den Merkmalen der jeweiligen Stilepoche – der Renaissance, des Barock, des Klassizismus und des Historismus. Hinzu kamen noch die zweckorientierten Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Diese Eingriffe haben sich sowohl in tiefgreifenden Veränderungen im Raum- und konstruktiven Gefüge sowie in der Umgestaltung von Oberflächen- und Detailausbildung der Innenräume niedergeschlagen.

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Merkmale der Stilepochen treten an verschiedenen Stellen im Gebäude deutlich hervor und wurden dort erhalten. Beispielsweise wurden die Folgen des nachhaltigen Eingriffes durch den Anbau von 1868 konstruktiv, gestalterisch und hausgeschichtlich nicht ignoriert und beschönigt, sondern als Tatsache angenommen und ablesbar gemacht. Nur die Harmonisierungen raumseitiger Oberflächen, wie sie durch den Klassizismus zutage getreten sind, wurden partiell wieder aufgegeben. Das Erschließungsbauwerk bewirkt nicht nur eine optimierte Zugangssituation und schafft Raum zur Entfluchtung der Schule. Es erfüllt insbesondere auch die Aufgabe, die baukörperliche Verfremdung des Altbaus aus dem 16. Jahrhundert durch den Anbau von 1868 erlebbar zu machen. Dies gelingt, weil ein in seiner Substanz gut erhaltener und selbsterklärender Fassaden-Anteil der Nordseite des Renaissance-Altbaus als Innenwand sichtbar gemacht wurde. Hierzu wurden die Ost-Fassade des Anbaus von 1868 in dem Bereich, in dem sie nahezu

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rechtwinklig auf das Gebäude der Domschule trifft, und Teile der Geschossdecken zurückgebaut, so dass die Fassade des älteren Bauteils wieder in ihrem historischen Zusammenhang erkennbar ist. Die Treppenläufe der Vertikalerschließung sind von der Bestands-Innenfassade des Altbaus so abgerückt, dass sich auch in der dritten Dimension die historische Tiefe des Gebäudes ungehindert wahrnehmen lässt. Auch der Aufzug nimmt sich in einem verglasten vitrinenartigen Schacht-Bauwerk zurück, um die Geltung des Bestands nicht zu beeinträchtigen. Gravierende Änderungen an der gegebenen Raumstruktur wurden nicht vorgenommen, so dass Raumprogramm und Anforderungen der Nutzer sich an den gegebenen Strukturen orientieren mussten. Im ersten Obergeschoss wurden verfremdende innere Trennwände entfernt. Um eine funktionelle Untergliederung des Geschosses in zwei Räume zu erzielen, blieb eine raumtrennende Fachwerkwand erhalten und wurde raumakustisch optimiert. Auch die Längswand des Erschließungsflures in Fachwerkbauweise blieb aus funktionellen und konstruktiven Gründen bestehen. Die Wand läuft jedoch sinnwidrig direkt auf eine rekonstruierte Fassadenöffnung der Ost-Giebelseite zu. Diese Konfrontation des Bestands mit einem späteren Einbau wurde als Teil der Hausgeschichte erlebbar gemacht, indem die Fachwerkfüllungen unmittelbar vor dem Fenster entfernt wurden, so dass das Fenster vollständig erlebbar ist. Erlebbarkeit der Gebäudegeschichte Die Sanierung der denkmalgeschützten Domschule in Güstrow ist ein herausragendes Beispiel für erlebbare Gebäudehistorie. Zielorientiert wurden moderner Nutzungsanspruch und Erhalt wertvollster historischer Bausubstanz in Einklang gebracht, ohne dabei eine museale Nutzung zu forcieren.

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Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

D o m s ch u l e G ü s t r o w S a n i e ru n g u n d E r w e i t e ru n g e i n e s h i s t o r i s ch e n S ch u l g e b ä u d e s

Baujahr 15 7 5 / 15 7 9 / 18 6 8 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 10 / 2 014 Gesamtbausumme 4 , 3 M i o . € ( b r u tt o )

D i p l . - I n g . A r ch i t e k t Andreas Nülle

D i p l . - I n g . A r ch i t e k t M i ch a e l B r a ck e

F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 7 10 m ² BGF 1. 9 0 0 m ² BRI 9.360 m³ Bauherr St adt Güstrow v e r t r e t e n d u r ch B I G - S T Ä D T E B AU G m b H , treuh. Sanierungsträger der St adt Güstrow L e i s t u n g e n p b r AG Gesamtplanung

Videointer view mit Andreas Nülle und weiteres Bildmarterial w w w. p b r. d e / n c / r e fe r e n z e n / a l l g e m e i n b i l d e n d e s ch u l e n . h t m l

U r s p r ü n g l i ch e s S ch u l g e b ä u d e v o n 15 7 9

Z i e g e l b a u v o n 18 6 8

N e u e s E r s ch l i e ß u n g s b a u w e r k v o n 2 014

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Entgiftung im Schulbetrieb

Autor Dipl.-Biol. Martina Klöpper I V U I n g e n i e u r b ü r o f ü r Ve r s o r g u n g s - , B a u - u n d U m w e l tt e ch n i k G m b H

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In vielen Gebäuden, die älter als 25 Jahre sind, wurden gesundheitsgefährdende Baustoffe wie polychlorierte Biphenyle (PCB) eingesetzt. Heute müssen diese Stoffe aufwendig wieder aus dem Bestand entfernt werden. Das Auffinden, ihre sachgerechte Beurteilung sowie die Festsetzung und Durchführung erfolgreicher Sanierungsmaßnahmen erfordern ein hohes Maß an Fachwissen und Erfahrung.

HAUPTSCHULE SUNDERN


Die Stadt Sundern beauftragte 2001 die IVU Ingenieurbüro für Versorgungs-, Bau- und Umwelttechnik GmbH damit, verschiedene öffentliche Gebäude auf PCB zu untersuchen. Dabei konnten in der Hauptschule der Stadt auffällige PCB-Raumluftkonzentrationen festgestellt werden. Entsprechend der Vorgabe der PCB-Richtlinie NRW wurden die Quellen der Luftverunreinigung im und am Schulgebäude in Form verschiedener Dichtmassen sowie Wand- und Deckenfarben durch Entnahme und Analyse von Materialproben identifiziert. Die möglichen gesundheitlichen Belastungen der durch diese Baustoffe bewirkten Raumluftverunreinigungen machten einen Ausbau erforderlich. Die Stadt Sundern beschloss, dieses Sanierungserfordernis gemeinsam mit einem konzeptionellen Umbau des Schulgebäudes durchzuführen. Das gesamte Schulgebäude musste dazu abschnittweise in den Rohbauzustand versetzt werden. Nach intensiver Vorplanung begann der Umbau der Hauptschule Sundern im Sommer 2010 unter der Gesamtbauleitung der pbr AG. Die Schadstoffsanierung wurde durch das Ingenieurbüro IVU begleitet. Die Herausforderung dabei bestand in der logistischen Integration der Schadstoffsanierung in den Gesamtumbau bei weiterhin laufendem Schulbetrieb. Insgesamt waren im Rahmen der PCB-Sanierung etwa 3.350 m Fugenmassen und 4.600 m² Wandfarben abzutragen und fachgerecht zu entsorgen. Weiterhin wurden asbesthaltige Platten und Fallrohre sowie Mineralwoll-Dämmmatten aus den Leichtbauwänden ausgebaut. Ein Bereich mit einer Größe von 8.000 m² war gründlich zu reinigen. Der Umbau einschließlich der Sanierung der Schule erfolgte in insgesamt fünf Bau- und 16 Sanierungsabschnitten. Beginnend im dritten Obergeschoss wurden die eingerichteten Sanierungsabschnitte entkernt. Im Schwarzbereich mussten die PCB-haltigen Fugenmassen einschließlich des Hinterfüllmaterials (Schaumstoffschnüre) mit Schneidwerkzeugen herausgeschnitten werden. Gleichzeitig wurde der entstehende Abfall mit einem geeigneten Sauger restlos abgesaugt. Anschließend waren die Fugenflanken in einer Stärke von 3 mm abzutragen, da PCB die Eigenschaft haben, in die angrenzenden Baustoffe zu diffundieren. Auf die gereinigten Fugenflanken wurde eine dreifache Beschichtung aus diffusionsdichtem Epoxidharz aufgebracht. Die Wandfarben wurden je nach Beschaffenheit des Betonuntergrundes unter gleichzeitiger Absaugung abgetragen und anschließend gründlich gereinigt. Der Personen- und Materialtransport erfolgte bei den beiden ersten Bauabschnitten im zweiten und dritten Obergeschoss über einen Außenaufzug am nördlichen Treppenhaus, so dass der direkte Kontakt mit dem Schulbetrieb vermieden werden konnte. Die schadstoffhaltigen und kontaminierten Baustoffe wurden am Ausbauort fachgerecht verpackt, über den Aufzug auf den Innenhof ausgeschleust und in die dort stehenden verschließbaren Container verbracht.

Aufgeräumt und zeitgemäß Der Innenraum wurde funktional umstrukturiert und modernisiert.

Augenmaß reicht nicht Sowohl die restlose Entfernung der PCB-haltigen Baustoffe als auch der Reinigungszustand nach erfolgter Feinreinigung wurden zunächst visuell, im Anschluss daran aber auch analytisch durch die Auswertung von Wischproben überprüft. Trotz drängender Fristen und einzuhaltender Termine ist es wichtig, gerade zu diesem Zeitpunkt gewissenhaft zu arbeiten und sich ggf. auch die Zeit für eine Nachreinigung und zweite analytische Überprüfung zu nehmen. Eine mangelhafte Reinigung gefährdet den Erfolg der gesamten Sanierung, da im Gebäude verbleibende PCB-haltige Stäube dann von den nachfolgenden Gewerken in die neuen Oberflächen wieder eingearbeitet werden. Erst nach erfolgreicher Reinigung und Kontrolle können daher die Abschottungen aufgehoben, die sanierten Bereiche, wenn logistisch möglich, für Folgegewerke freigegeben und der nächste Sanierungsabschnitt eingerichtet werden. In den vollständig fertig gestellten Bauabschnitten führte das Ingenieurbüro IVU Raumluftmessungen nach der Wiederaufnahme der Nutzung bei sommerlichen Temperaturen durch, um den Erfolg der Sanierung gemäß der Vorgaben der PCB-Richtlinie zu überprüfen und zu dokumentieren.

Baujahr 19 7 1 / 19 8 0 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 6 / 2 012 Gesamtbausumme 7 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 5.480 m² BRF 9.609 m² BRI 35.605 m³ Bauherr Stadt Sundern L e i s t u n g e n p b r AG Gesamtplanung

H A U P TS C H U LE S U ND ER N

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Check-in zur Geschichte

Autor Dipl.-Ing. (FH) Horst Ploss

Fo r t s e t z u n g v o n S e i t e 8

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FLUGHAFEN BERLIN-TEMPELHOF


V on 2012 bis 2013 wurden im ersten Bauabschnitt die Hangardächer 5 bis 7 saniert. Innerhalb eines Zeitfensters von September 2014 bis Juli 2015 folgte das Dach des Hangars 4. 2015 erfolgt in drei Abschnitten der Dachbelagsaufbau, der Rückbau der Altbeläge und eine Schadstoffsanierung für die Hangars 2 und 3. 2016 und 2017 sollen Hangar 1 und die Flugsteige A1/A2 bearbeitet werden. Die Sanierungsmaßnahmen des Daches finden bei laufendem Interimsbetrieb in engen, genau vorgegebenen Zeitfenstern und in Abstimmung mit dem Veranstaltungs-/Vermietungsplan statt. Denn die Hangars sind zurzeit vermietet und werden temporär genutzt.

Neubau vorlagen, riss die Reichsregierung die Planungshoheit an sich. Schon damals war geplant, das rückwärtige Drittel der Flugzeug- und Abfertigungshallendächer als stufenförmig ausgeprägten Tribünenbereich für mehr als 80.000 Besucher zu nutzen. Allerdings wurde das bautechnisch nur ansatzweise umgesetzt. Zugang sollten die Menschenmengen über Treppentürme erhalten. Tempelhof ist auch als einer der drei Berliner Flughäfen bekannt geworden, die 1948 bis 1949 im Rahmen der historischen Berliner Luftbrücke angeflogen wurden. Dachsanierung

Zeugnis Berliner und deutscher Geschichte In vielerlei Hinsicht handelt es sich um ein Bauwerk der Superlative. Aufgrund seiner Bruttogeschossfläche von ca. 300.000 m² zählt das Flughafengebäude auch heute noch zu den größten Gebäuden weltweit. Es ist das größte Baudenkmal Europas. Insgesamt hat das Dach der Flugzeug- und Abfertigungshallen eine Länge von 1,2 km und eine (Grund-)Fläche von 60.000 m². 2011 wurde der Flughafen von der Bundesingenieurkammer als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet. Als der Flughafen 1923 eröffnete, war er einer der ersten Verkehrsflughäfen Deutschlands. Sein neoklassizistisches Erscheinungsbild wurde maßgeblich von 1936 bis 1941 unter der nationalsozialistischen Herrschaft geprägt. Als 1934 die ersten Entwürfe für den

Die Dächer bestehen aus einem vorderen und hinteren Dachteil aus Bördelblech bzw. Stahlbeton. Im Rahmen der Dachsanierung wurden Dachaufbauten einschließlich Betonestrichaufbauten der betroffenen Hangardächer demontiert, abschnittsweise saniert und die Gebäudefugen instandgesetzt. Im Bereich der Betondächer bleibt der stufenförmige Dachaufbau auf besonderen Wunsch der Denkmalschutzbehörde erhalten und wurde nach den historischen Vorgaben stufenförmig angelegt und aufwendig gedämmt. Steinplatten dienen partiell als Brandschutzriegel. Auf das flächendeckende Verlegen von Steinplatten, die das Begehen des Dachs ermöglicht hätten, wurde aus statischen Gründen und im Rahmen des Gesamtkonzepts verzichtet.

Ehemaliger Flugsteig Hier landeten einst Rosinenbomber u n d P r o m i n e n t e a u s a l l e r We l t .

FLU G H A FEN B ER LIN- TEM P ELH O F

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N e u e N u t z u n g h i s t o r i s ch e r H a l l e n In und vor den großen Hangars finden heute Ve r a n s t a l t u n g e n w i e M o d e m e s s e n s t a tt .

Bauherr und Denkmalbehörde entschieden, die Dachhaut analog zum Bestand bituminös auszuführen. Im Vergleich zu einer FolienDachabdichtung bietet sie eine widerstandsfähigere Oberfläche, hat eine nachgewiesen hohe Lebensdauer und es musste keine mechanische Rückverankerung vorgenommen werden, die die Dampfsperre durchbrochen hätte. Entgegen den Empfehlungen der Planer, einen hellen wärmereflektierenden Belag einzusetzen, insistierte die Denkmalschutzbehörde auf eine dunkle, anthrazitfarbene Dachbeschichtung, da diese stärker dem historischen Original entspricht. Eine langfristig optimale Wartung der sehr ausgedehnten Dachflächen wird u. a. durch den Einbau einer technisch innovativen vollflächigen Leckageüberwachungsanlage mit einer Notentwässerung der Wärmedämmebene sichergestellt. Die Anlage ortet und meldet Lecks in der Dachoberfläche automatisch, so dass Schäden in der Dachschicht umgehend behoben werden können. Damit wird verhindert, dass die Wärmedämmung durchnässt und beschädigt wird. Auf dem Dach befanden sich stark beeinträchtige Dachfenster und vertikale Fensterlichtbänder am Versprung der Dachebenen. Die einfach verglaste Drahtglaskonstruktion der Lichtbänder wurde saniert bzw. abschnittweise bauzeitidentisch erneuert. Hierzu wurde das Glas ausgebaut, aufbereitet und wiedereingearbeitet, lediglich die Kondensatabführung im unteren Fensterrahmen wurde gegenüber der Originalkonstruktion im Detail optimiert. In Teilbereichen wurden die Dachfenster ebenfalls aufbereitet und die Rahmenkonstruktion, wo es notwendig war, mit neuem Blech aufgebaut.

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FLUGHAFEN BERLIN-TEMPELHOF

Das Dach verfügt im hinteren Bereich über eine begehbare Galerie. Für diesen sogenannten Historiengang erbrachte die pbr AG im Bereich der Dächer H5 bis H7 u. a. statische Berechnungen auf Basis der Nutzungsanforderungen des Bauherrn. Darüber hinaus wurde die statische Tragfähigkeit der Bördelblechdächer für die mögliche spätere Anbringung einer Photovoltaikanlage geprüft und für die Dachabschnitte mit Betondachdeckung ein Tragfähigkeitskataster zur Vorbereitung einer großflächigen Terrassennutzung erarbeitet. Hierzu wurde eine großflächige zerstörungsfreie Erkundung der Bestandsbewehrung durch Röntgen geplant und durchgeführt. Gezielter Einsatz von Wärmedämmung Im Zuge der Dachsanierung wurden der Stahlbeton- und der Bördelblechdachteil mit einer Wärmedämmung versehen. Auf eine darüber hinausreichende, aufwändigere Wärmedämmung wurde zu großen Teilen aus denkmalpflegerischen und wirtschaftlichen Gründen verzichtet. Weil die großflächige Hallentorfassade nicht gedämmt wurde, entschied man sich, für die Dachflächen die Mindestbauteilanforderungen gemäß Energieeinsparverordnung EnEV in einem Einzelbauteilnachweis anzusetzen. Auch für das Toranlagenvordach und die im Zuge der Dachgeometrie eingeschlossenen Fassadenabschnitte ist der weitgehend ungedämmte Status erhalten worden. Dies betrifft das Vordach über den Toren, das Toroberlicht einschließlich Kastenrinne und Attikablende sowie das Oberlichtband am Ebenenversprung der Dachfläche.


Die veränderte Nutzung des Gebäudes z. B. für große Veranstaltungen wirkt sich auf die thermische Belastung der Hallen aus. Wurden sie früher als Abstell- und Wartungshallen für Flugzeuge lediglich frostfrei gehalten, werden sie heute zeitweilig als Versammlungsstätte genutzt und müssen dann beheizt werden. Durch die Beheizung ergeben sich Kondensatbeaufschlagungen und thermische Bauteilspannungen. Im Gebäude bestand dadurch eine akute Beeinträchtigung der Betriebssicherheit. Bei Sanierungsmaßnahmen und aufgrund von Alterungserscheinungen waren Beton- und Mörtelteile von der Decke abgeplatzt. Schon eine stichprobenartige Untersuchung der Decke ergab, dass die Bewehrung in Teilen korrodiert und weitere Abplatzungen zu befürchten waren. Entsprechend wurden die Unterschichten der Hangardächer punktuell durch eine Befahrung kontrolliert, um das Schadensausmaß festzustellen. Die Decken wurden temporär mit Netzen abgehängt, um das Herabstürzen von Teilen zu verhindern. In einem späteren, noch auszuschreibenden Bauabschnitt werden die Decken betonsaniert. Der Verant wortung gerecht werden Nur fünf Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt, befindet sich der Flughafen Tempelhof mit seiner enorm dimensionierten Freifläche. Aufgrund seiner Funktionalität und Architektur gilt der Flughafen Tempelhof seit Sir Norman Fosters Ausspruch als „Mutter aller Flughäfen“. Das Flughafengebäude erfährt zurzeit eine neue Nutzung und wird zu einem Standort für Kultur und Kreativwirtschaft ausgebaut. Weil es sich um ein bedeutendes Bauwerk und einen Ort der Geschichte handelt, wird dabei der Flughafencharakter erhalten. Um zu erhalten wird nur wenig verändert und vorwiegend modernisiert.

Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

F l u g h a fe n Te m p e l h o f D a ch s a n i e r u n g

Baujahr 1 9 3 6 – 19 4 1 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 2 017 Gesamtbausumme 12 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e BGF 60.000 m³ Bauherr Land Berlin v e r t r e t e n d u r ch Te m p e l h o f P r o j e k t G m b H L e i s t u n g e n p b r AG Ingenieurbauwerke Tr a g w e r k s p l a n u n g B r a n d s ch u t z Bauphysik B l i t z s ch u t z

FLU G H A FEN B ER LIN- TEM P ELH O F

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E i n g a n g s s i t u a t i o n We s t s e i t e Haupteingang mit Mensa und H a u p tt r a k t

Wandelbares Ensemble von Kuben

Sie scheidet die Geister: die Baukunst der 1960er Jahre. Monoton, anonym und grau sagen die Einen. Als Architektur des Aufbruchs bezeichnen es die Anderen. Bei vielen Bauwerken dieser Jahre stellt sich jetzt die Frage nach dem Umgang mit der Bausubstanz. Dass sich ein differenzierter Blick auf diese Gebäude lohnt, zeigt die integrierte Gesamtschule IGS Stöcken, Hannover.

Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t M a tt h i a s W i l k e n s K a t h a r i n a v o n I s s e n d o r ff w o e l k | w i l k e n s a r ch i t e k t e n

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G E S A M T S C H U L E I G S H A N N O V E R - S TÖ C K EN


Eine Komposition aus Kuben eingebunden in den Landschaftspark Das zeittypische Ensemble aus blockhaften, kubischen Baukörpern ist eingebunden in ein weitläufiges, mit altem Baumbestand bewachsenes Schulgelände am Rande eines Waldgebietes. Es weist im Wesentlichen noch sein ursprüngliches und sehr charakteristisches Erscheinungsbild auf. Die noch weitgehend unverändert erhaltenen Baukörper der damaligen Anne-Frank-Schule waren in Hannover-Stöcken zunächst als „Volksschule mit gemeinsamen Unterbau für weiterführende Schulen und mit gehobenen Klassen“ vorgesehen und werden seitdem kontinuierlich als Schule genutzt. Im Jahre 1977 wurde die einzige große Erweiterungsmaßnahme in Form eines Fachunterrichtstraktes (Trakt C) realisiert. Die bauzeitlich Ende der 1950er Jahre streng geometrisch angelegten Freiflächen wurden lediglich den Bedürfnissen angepasst und deshalb unter Beibehaltung der wesentlichen Gestaltungsmerkmale nur in geringem Umfang verändert. „Die Schule von heute wird nicht die von morgen sein“ In der Zeit des Wiederaufbaus galt es zunächst, auf Zweckebene Schulräume für die steigende Anzahl der Schüler zu schaffen. Darüber hinaus war man bemüht, wandelbar zu bauen. Sowohl die aufgelockerte Bauweise als auch die hinreichende Größe des Grundstücks ermöglichten Anbauten an das Gebäude. Die Verkehrswege waren aus pädagogischen Gründen frei und nicht zentralistisch gleichförmig angelegt. Im Jahre 2009 erfolgte die Zusammenlegung der zwei getrennt verwalteten Schultypen Anne-Frank-Schule (Hauptschule) und Emil-Berliner-Schule (Realschule) zu einer Integrierten Gesamtschule (IGS Stöcken) mit Ganztagsbeschulung. Er weiterung und Umstrukturierung Das denkmalpflegerische Gesamtkonzept sah eine Anpassung an die neue Nutzung durch die funktionale Umstrukturierung der Bestandsgebäude und die Erweiterung um ein Mensagebäude und

eine Dreifeld-Sporthalle vor. Die Gebäudesubstanz wurde dabei durch die Erhaltung von originaler Bausubstanz und die Wahrung bzw. Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes grundlegend saniert. Erhalt des historischen Charakters und Modernisierung Da das äußere Erscheinungsbild der Gebäude mit ihrem zeittypischen Stahlbetonskelett und den Ausfachungen in Sichtmauerwerk unbedingt erhalten werden sollte, wurde bei der energetischen Ertüchtigung auf Dämmmaßnahmen an der Fassade verzichtet. Die Anforderungen der EnEV konnten ausschließlich durch die Dämmung von Kellerdecke und Dach sowie Austausch der Fensterelemente und die Erneuerung der technischen Anlagen erreicht werden. Im Zuge des allgemeinen Sanierungsbedarfs und durch die neuen Anforderungen des schulpädagogischen Konzepts als integrierte Gesamtschule im Ganztagsbetrieb an Brandschutz, Barrierefreiheit und Energiebilanz waren Eingriffe in die denkmalgeschützte Bausubstanz und bauliche Veränderungen wie der Einbau eines Aufzuges und zusätzlicher Türanlagen notwendig. Der Abbruch der Hausmeisterwohnung sowie der beiden bestehenden Sporthallen war erforderlich, um an jeweiliger Stelle den Neubau der Mensa bzw. der Dreifeld-Sporthalle mit Tribüne zu realisieren. Die Innenräume wurden durch Neugestaltung der Oberflächen aufgewertet. Dabei wurde besonderer Wert auf die Gestaltung der Zwischenzonen gelegt, die als Kommunikationsflächen für Lehrer und Schüler dienen. Da neben der denkmalfachlichen Bedeutung ein öffentliches Interesse an der Erhaltung der Schule besteht, wurde die ehemalige Anne-Frank-Schule vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen. Die Denkmaleigenschaften werden wie folgt beschrieben: „Zeittypische, blockhafte, kubische Baukörper, bewusst im Gegensatz zur Wohnbebauung gestaltet, mit strenger Rastergliederung aus Sichtbeton und Ziegel“ (erbaut 1958/59 vom städtischen Hochbauamt). Das Entwurfskonzept und die Qualitätssicherung für die Sanierung der IGS Stöcken gehen aus einer Zusammenarbeit von woelk wilkens architekten und der pbr AG hervor.

Baujahr 19 5 8 – 19 6 0 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 11 / 2 013 Gesamtbausumme 2 0 , 5 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 9.048 m² BGF 12 . 5 4 4 m ² BRI 56.885 m³ Bauherr Landeshauptstadt H a n n o v e r, F a ch b e r e i ch Gebäudemanagement ( Ö P P- P a r t n e r ) G o l d b e ck We s t G m b H L e i s t u n g e n p b r AG i n Arge mit woelk | wilkens a r ch i t e k t e n , H a n n o v e r E r s t e l l u n g d e r Ve r g a b e u n t e rl a g e n i m P P P- Ve r f a h r e n Q u a l i t ä t s s i ch e r u n g b e i Planung/Realisierung

Eingangssituation Sporthalle Ostseite D e n k m a l g e s ch ü t z t e r B e s t a n d m i t e h e m a l i g e m S ch o r n s t e i n a l s s t ä d t e b a u l i ch e r „ L a n d m a r k e“ u n d n e u e D r e i fe l d - S p o r t h a l l e

G ES A M TS C H U LE IG S H A NNO V ER - S TÖ C K EN

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Besondere Herausforderung Die vorgespannten Binder wurden b a u z e i t l i ch i n 11 m H ö h e e i n g e s ch a l t .

1859 stand der französische Gärtner Joseph Monier vor einem Dutzend zerbrochener Pflanzenkübel aus Beton. Um den Werkstoff haltbarer zu machen, versenkte er dünne Eisendrähte in den weichen Beton. Stahlbeton war geboren und Monier als Inhaber eines Patents für selbigen ein reicher Mann. Autor D i p l . - I n g . ( T H ) M a tt h i a s Fu n k e

Für die Architektur war Moniers Erfindung ein Gewinn. Schlanke Konstruktionen, freitragende und weit spannende Dächer, große Nutzbauten – anmutige Konstruktionen waren seither baubar. Im Brückenbau ergaben sich neue Möglichkeiten. Doch sind es gerade diese Bauwerke aus den 1950er Jahren und folgenden, die Bauingenieuren Sorgen bereiten. Lange bevor sie ein Alter erreicht haben, in dem man mit Schäden rechnen kann, geraten sie aus den Fugen: Risse im Beton, Rost am stählernen Korsett, oftmals ist die Tragfähigkeit gefährdet. Sanierungen, Instandsetzungen, teilweise Abriss und Neubau sind die Folge. Zu den Bauwerken, die mit einer Spannbetonkonstruktion errichtet wurden, gehört auch die aus einer großen Sporthalle, einer Turnhalle und einem Zwischentrakt bestehende Schlosswallhalle in Osnabrück. Das Dach der großen Sporthalle wurde seinerzeit als flach geneigtes Pultdach als Spannbetonrahmenkonstruktion errichtet. Die gesamte

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Hallenbreite wird von Spannbetonbalken mit einer Stützweite von etwa 35 m und einem Achsenabstand von etwa 6 m überspannt. Zur Entstehungszeit eine handwerkliche Herausforderung, da die vorgespannten Binder in 11 m Höhe eingeschalt wurden und nicht wie heute üblich als vorgefertigte Konstruktion montiert werden. Als im Jahr 2011 nach über 40-jähriger Nutzung und aufgrund grober Mängel gemäß heutigen Brandschutzanforderungen eine Sanierung der Veranstaltungshalle notwendig wurde, befürchtete man, dass die Spannbetonrahmenkonstruktion nicht mehr tragfähig sein würde. Einen ersten Hinweis auf die Betondeckung und die damit verbundene Dauerhaftigkeit sowie den Korrosionsschutz lieferte eine Betondeckungsmessung. Die Spannbetonbinder wurden darüber hinaus auf ihre Druckfestigkeit und Karbonatisierungstiefen untersucht. Obwohl die Betondeckung nach heutigem Kenntnisstand zu gering war, wurden innerhalb der Sporthalle weder eine

S C H L O S S WA L L H A L L E O S N A B R Ü C K

nennenswerte Korrosion der Bewehrung noch Betonabplatzungen durch Volumenvergrößerung korrodierter Bewehrungen festgestellt. Der Grund hierfür lag in der relativen Trockenheit. Ein Tragwerksgutachten erwies schließlich, dass die Tragfähigkeit noch vollständig gegeben war, so dass die besondere Konstruktion erhalten bleiben und saniert werden konnte. Aus brandschutztechnischen Gründen wurde zunächst die Dachhaut, bestehend aus verdichteten Strohplatten und 1,5 cm starker Dachbahneindeckung, zurückgebaut. Schadstoffhaltige Bauteile wurden entfernt und die Sporthalle schließlich bis auf das Tragwerk vollständig zurückgebaut. Auf Basis einer Untersuchung der Oberflächen aller Binder wurde ein umfangreiches Sanierungskonzept erstellt. So wurde zunächst der schadhafte Beton abgetragen und die Oberflächen vorbereitet. Freiliegende Bewehrungen wurden anschließend mit einem Hochdruckwasserstrahlverfahren ge-


Risse im Beton und Rost am stählernen Korsett

strahlt, wobei im Bereich der Spanngliedverankerung bzw. im Stützkopfbereich mit besonders geringem Druck gearbeitet, die Binder teilweise sogar händisch bearbeitet werden mussten. Auf die Bewehrungen wurde ein Korrosionsschutzsystem aufgetragen und die vorhandenen Risse wurden in den schlaff bewehrten Betonbauteilen kraftschlüssig verpresst. Weiterhin wurden Kiesnester teilweise mit einer Größe von 1,5 m entfernt und Hohlstellen mit einem Instandsetzungsmörtel reprofiliert. Um beim Einbringen des neuen Betons in die Binder Spannungen und damit erneute Schädigungen zu vermeiden, entschied man sich für einen schwindenden Mörtel. Ein nicht rissüberbrückendes Oberflächenschutzsystem wurde abschließend auf die gesamte Fläche der Binder und Stützen aufgetragen, so dass möglicherweise entstehende Risse in der Zukunft schnell erkannt werden. Da die Sporthalle mittlerweile eine Nutzungsdauer von 50 Jahren überschrit-

ten hat und vom Bundesministerium für Gebäude mit großer Spannweite eine regelmäßige Überprüfung empfohlen wird, soll die Rahmenkonstruktion seit der Sanierung turnusmäßig überprüft werden. Einer der Gründe, warum man sich entschied, keine neuen Decken einzuziehen und die Spannbetonrahmenkonstruktion sichtbar zu lassen. Darüber hinaus sollte das vor der Sanierung nachgewiesene Gewicht der Decke nicht überschritten werden. Zu guter Letzt galt es aber auch, diese seltene Konstruktion aus ästhetischen Gesichtspunkten zu bewahren. Neben der Sanierung der Spannbetonrahmenkonstruktion wurde in der großen Sporthalle auch die Tribüne umgebaut und die Wegeführung optimiert, wurden Außenwände und Fassaden erneuert, Fluchttreppen ergänzt und die technischen Anlagen modernisiert.

S i ch t b a r Die Rahmenkonstruktion blieb a u s p r a k t i s ch e n u n d ä s t h e t i s ch e n G r ü n d e n o ffe n .

S C H LO S S WA LLH A LLE O S NA B R Ü C K

Baujahr 19 6 0 e r J a h r e Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 3 / 2 014 Gesamtbausumme 7, 4 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 3.000 m² BGF 4.800 m² BRI 29.500 m³ Bauherr S t a d t O s n a b r ü ck L e i s t u n g e n p b r AG A r ch i t e k t u r Tr a g w e r k s p l a n u n g in Arge mit Ingenieurbüro Gehlen

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A r ch i t e k t o n i s ch e r G e g e n s a t z K u b i s ch e Fo r m g e b u n g , g e n e i g t e Tr a u fe n u n d p r ä g n a n t e D a ch l a n d s ch a ft

Auf der an den Nord-Ostsee-Kanal angrenzenden Schleuseninsel Kiel-Holtenau befindet sich das 1896 errichtete, denkmalgeschützte Wasser- und Schifffahrtsamt. Zuletzt erfüllte dieses nicht mehr die Anforderungen an ein modernes Büro- und Verwaltungsgebäude, so dass 2009 ein Realisierungswettbewerb ausgelobt wurde, um eine denkmalgerechte Sanierung des Altbaus zu gewährleisten und um die auf der Insel verstreuten Funktionen in einem Neubau zusammenzuführen.

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Bewahren und herausfordern

Besondere Herausforderung D e r N e u b a u s o l l t e d e m A l t b a u k o n t r a s t r e i ch g e g e n ü b e r s t e h e n , i h n a b e r n i ch t d o m i n i e r e n .

Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t N i c o Ve r s a c e

Ein wesentliches Merkmal des neuen städtebaulichen Konzepts auf der Schleuseninsel sollte die bauliche Ergänzung des denkmalgeschützten Altbaus durch einen ebenso wertigen und selbstständigen, aber nicht dominierenden Neubau darstellen. Mit ihrem Entwurf für den Neubau ging die pbr AG 2009 als Erstplatzierte aus dem Wettbewerb hervor und realisierte die Maßnahmen als Gesamtplaner. So ist ein Neubau mit kubischer Formgebung, geneigten Traufen sowie prägnanter Dachlandschaft und teilweise überhängend geneigten Außenwänden an der Ost- und Westfassade entstanden. Durch die besondere Formgebung der Wände und Dachflächen setzt dieser einen die heutige Epoche kennzeichnenden Gestaltungsaspekt auf der Schleuseninsel und schafft auf diese Weise den gewünschten, architektonisch sichtbaren Gegensatz zum denkmalgeschützten Altbau. Die besondere kubische Form spielt mit der Assoziation eines Schiffes und forderte ein Sonderklinkerformat sowie individuell angepasste Ecksteine. Um in Farbigkeit und Haptik dem Altbau zu entsprechen und sich an der ortstypischen Architektursprache zu orientieren, wurde bewusst Klinker als Fassadenmaterial gewählt. Trotz der besonderen Formgebung fügt sich der Neubau harmonisch in die Umgebung ein. Über einen transparenten Zwischenbau werden Alt- und Neubau miteinander verbunden. Die zum Atrium geneigte Außenwand des Neubaus erhielt ein Wärmedämmverbundsystem, das mit dem Original-Klinker verblendet worden ist. Das helle und freundliche Atrium dient als Haupteingang für beide Gebäude und erhielt einen Aufzug zur behindertengerechten Erschließung sowie eine zentrale offene Treppenerschließung. Die Verschattungselemente des Atriums sind das Ergebnis eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs.

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L i ch t d u r ch f l u t e t e M i tt e D a s v e r g l a s t e Fo y e r v e r b i n d e t Alt und Neu.

Ve r b u n d e n Das helle Atrium dient als Eingangshalle f端r Alt- und Neubau.

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Der Altbau, ein zweigeschossiges Amtsgebäude aus dem Jahr 1895, wurde seinerzeit auf einer Pfahlgründung mit tragenden Wänden aus Mauerwerk errichtet und sollte weitestgehend erhalten bzw. in den ursprünglichen Zustand aus der Entstehungszeit zurückversetzt werden. Hierfür wurden die nachträglich eingebauten Dachgauben auf der Ostseite zurückgebaut und in Abstimmung mit dem Denkmalschutz sowie in Anlehnung an den ehemaligen Bestand auf der Nord- und Südseite als historische Dreiecksgauben zur Dachbodenbelichtung wieder aufgebaut. Ebenfalls gemäß dem Bestand von 1895 wurden die Dachflächen neu geschalt und mit klassischen Schieferplatten neu eingedeckt. Die Fassade, geprägt durch den repräsentativen wilhelminischen Ziegelstein im reinen Kopfverband, galt es zu bewahren, so dass lediglich einzelne Steine im Mauerwerk sowie an den Gesimsen und Fensterbänken erneuert wurden. Die vorhandenen ungeteilten Kunststoff-Fenster wurden in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege durch klassische zweiflügelige Holzfenster ausgetauscht. In Anlehnung an die für die Entstehungszeit typisch nach außen zu öffnenden Fenster lassen sich auch die neuen, wärmegedämmten Fenster wieder nach außen öffnen. Eine besondere Herausforderung lag darin, den historischen Grundriss wieder zu beleben, diesen jedoch mit den einem modernen Verwaltungsgebäude angemessenen Funktionen zu belegen. Um die originalen Raumzuschnitte wiederherzustellen, wurde die in den 50er Jahren nachträglich eingebaute Zwischenebene zurückgebaut und das Dachgeschoss in Anlehnung an die Ursprungszeit vollständig aus der Nutzung herausgenommen. Ein besonderes Anliegen war es, den historischen Sitzungssaal wieder in den bauzeitlichen Zustand zurückzuführen. Auf der Basis von Farbbefundungen konnte die historische Farbgebung aus der Entstehungszeit nicht nur in diesem Raum, sondern auch im Flur festgestellt und neu interpretiert werden. Anstelle der gemalten Holzvertäfelung im Sitzungssaal wurde eine echte Holzvertäfelung, die gleichzeitig als Akustikelement dient, angebracht. Ferner wurden der Holzfußboden und die Tür in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege erneuert. Die Büroräume wurden mit strapazier- und ableitfähigen textilen Bodenbelägen ausgestattet, während in den Fluren und Treppenhäusern die historischen Terrazzo-Bodenbeläge ausgebessert und bereichsweise erneuert werden konnten. Durch den Einbau verglaster Brandschutztüren wurde das Treppenhaus zu einem notwendigen Treppenhaus umgebaut.

Detaillösung Die zum Atrium geneigte Außenwand des Neubaus wurde m i t e i n e m Wä r m e d ä m m v e rbundsystem umgesetzt.

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H i s t o r i s ch e A b l e i t u n g Der Sitzungssaal wurde gemäĂ&#x; des originalen Grundrisses wiederhergestellt.

Ve r g a n g e n h e i t u n d G e g e n w a r t D i e h i s t o r i s ch e F a r b g e b u n g w u r d e i n d e n F l u r e n n e u i n t e rpretiert. 52

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Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

Wa s s e r- u n d S ch i fff a h r t s a m t Kiel-Holtenau S a n i e ru n g u n d E r w e i t e ru n g

Baujahr 18 9 5 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 5 / 2 015 Gesamtbausumme 4 , 7 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e NF 1. 4 4 7 m ² BGF 2.855 m² BRI 11. 8 0 0 m ³ Bauherr Gebäudemanagement S ch l e s w i g - H o l s t e i n A ö R L e i s t u n g e n p b r AG Gesamtplanung

We i t e r e I n f o r m a t i o n e n u n d Bildmaterial h tt p : / / w w w. p b r. d e / n c / r e fe r e n z e n / v / v e r w a l t u n g . h t m l

18 9 5 D e r d u r ch Fo r m s t e i n e u n d Ve r z i e r u n g e n ausgeprägte Altbau wurde in wilhelmin i s ch e r Z i e g e l s t e i n a r ch i t e k t u r e r r i ch t e t .

Originalzustand S a n i e r u n g d e s M a u e r w e r w e r k s n a ch S ch a d e n s k a t a s t e r u n d W i e d e r h e r s t e l l u n g d e s D a ch g e s ch o s s e s g e m ä ß d e s Originalzustandes

WA S S ER - U ND S C H IFFFA H R TS A M T K IEL- H O LTENA U

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Den Entwurf zu Ende denken

Autor D i p l . - I n g . H a r t m u t L ü ck e m e y e r

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In der Ausführungsplanung wird ein Entwurf für die Umsetzung weiterentwickelt. Besondere Herausforderungen stellen sich bei Sanierungen von denkmalgeschützten Bestands gebäuden wie dem AMERON Hotel Speicher stadt in Hamburg. Denn hier muss sich die Planung gänzlich auf die Gegebenheiten im Bestand ausrichten.

A M E R O N H O T E L S P E I C H E R S TA D T H A M B U R G


H i s t o r i s ch e s U m fe l d Das AMERON Hotel liegt in der zum U N E S C O - We l t k u l t u r e r b e e r n a n n t e n S p e i ch e r s t a d t d i r e k t a n e i n e r F l e e t .

D as ehemalige Bürogebäude aus den 1950er Jahren musste umfassend saniert und zu einem Hotel mit 192 Zimmern und Suiten umgebaut werden. In den Prozess der Sanierung stieg die pbr AG in der Leistungsphase 5, der Ausführungsplanung, nach abgeschlossener Entwurfsplanung ein. Der Generalunternehmer hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Umsetzung auf der Basis der vorliegenden Objektplanung und der Leistungsbeschreibung begonnen. Mit dem Eintritt in das Projekt musste die pbr AG umgehend Spontan-Lösungen entwickeln, damit der Bauprozess ohne Unterbrechungen fortschreiten konnte. Parallel erarbeiteten die Fachplaner die projektbegleitende

Ausführungsplanung. In Bestandsgebäuden ist es z.T. sehr aufwendig, die technischen Einbauten gemäß den geltenden Vorschriften einzufügen. Denn die Strukturen sind meist nicht für den Einsatz hochinstallierter Technik ausgerichtet, so dass sich aufgrund der Gebäudekonstruktion und Raumdimensionen schwierige Montagebedingungen ergeben können. Darüber hinaus verfolgte der Hotelbetreiber das Ziel, die Gebäudetechnik vor dem Kunden zu verbergen und hohe Standards der Schallisolierung umzusetzen. Die kleinteiligen Strukturen aus 192 Hotelzimmern mit eigenen Sanitärzellen erfordern im Vergleich zu Büro- oder Wohnnutzungen eine

A M ER O N H O TEL S P EIC H ER S TA D T H A M B U R G

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Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

AMERON Hotel S p e i ch e r s t a d t H a m b u r g Ausführungsplanung

Baujahr 19 5 5 – 19 5 8 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 8 / 2 014 Gesamtbausumme 3 1 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e BGF 11. 0 0 0 m ² Bauherr H H L A H a m b u r g e r H a fe n u n d L o g i s t i k AG L e i s t u n g e n p b r AG A r ch i t e k t u r Te ch n i s ch e A u s r ü s t u n g

Eng verbunden H o t e l u n d e h e m a l i g e K a ffe e b ö r s e s i n d ü b e r e i n e n B r ü ck e n g a n g z u sammengekoppelt.

aufwendigere sanitäre Installation und Klimatisierung. Zudem handelt es sich um einen Sonderbau nach Hochhausrichtlinien, für den außerordentlich hohe Anforderungen an den Brandschutz gelten. Um die hohen Brandschutzanforderungen einhalten zu können, mussten u. a. ein rauchfreier Feuerwehraufzug mit einer Sicherheit-Überdruck-Lüftungsanlage (SÜLAAnlage) installiert und Fluchtwege rauchfrei gehalten werden. Im Rahmen der Installation der SÜLA-Anlage musste die pbr AG auf die konstruktiven Bedingungen im Gebäude reagieren und eine besondere Lösung erarbeiten. Ein massiver Abströmschacht konnte

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aus statischen Gründen nicht eingebaut werden. Entsprechend wurde eine Leichtbau-Variante installiert, die den Brandschutzanforderungen entspricht. Die SÜLA-Anlage bewirkt durch Überdruck, dass kein Rauch aus dem Brandbereich in den Schacht eindringen kann. Nach der Alarmierung wird mit einem Überdruck-Ventilator frische Luft am unteren Ende in den SÜLA-Schacht eingepresst. Auf dem Dach öffnen sich Fortluftklappen, die einen Teil der einströmenden Luft abführen. Gleichzeitig werden Freilauftürschließer aktiviert und Entrauchungsklappen automatisch geöffnet.


Dunkelklappe

Dunkelklappe

Dunkelklappe

7. O G

Flur

Flur

7. O G

6. OG

Flur

Flur

6. OG

5. OG

Flur

Flur

5. OG

4. OG

Flur

Flur

4. OG

3. OG

Flur

Flur

3. OG

2. OG

Flur

Flur

2. OG

1. O G

Flur

Flur

1. O G

Flur

EG

KG

A b s t r ö m s ch a ch t

Fe u e r w e h raufzug

A b s t r ö m s ch a ch t u. Ser viceaufzug

f r i s ch e L u ft r a u ch b e l a s t e t e L u ft

SÜLA-Anlage D i e S Ü L A - A n l a g e i m K e l l e r g e s ch o s s z i e h t i m E r d g e s ch o s s f r i s ch e L u ft a n u n d t r a n s p o r t d i e s e i n d e n Fe u e r w e h r a u f z u g , u m i h n r a u ch f r e i z u h a l t e n . Ü b e r z w e i w e i t e r e S ch ä ch t e w i r d d i e r a u ch b e l a s t e t e L u ft a u s den Hotelfluren abgeführt.

A M ER O N H O TEL S P EIC H ER S TA D T H A M B U R G

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Der Blick hinter die Fassaden

Fassadensanierung Im Zuge dieser Sanierung wurde d a s G e b ä u d e a u ch e n e r g e t i s ch modernisiert.

Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t i n C h r i s t i n e We s t m e y e r

Insbesondere bei repräsentativen Bauten kam Naturstein in der Vergangenheit zum Einsatz. Der Erhalt dieser Gebäude rückt heute verstärkt in den Fokus und damit auch die Fragestellung nach Erhalt oder Erneuerung der Fassade.

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IHK OSNABRÜCK


Originalzustand Das IHK-Gebäude wurde 19 5 4 a m R a n d e d e r O s n a b r ü cke r Altstadt erbaut.

Auch bei der Sanierung der Natursteinfassade des unter Denkmalschutz stehenden Büro- und Veranstaltungsgebäudes der Industrie- und Handelskammer (IHK) mit Sitz in Osnabrück galt es, zwischen Erhalt und Erneuerung abzuwägen und die Maßnahmen zur energetischen Ertüchtigung des Gebäudes mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Einklang zu bringen. Das viergeschossige Gebäude wurde 1954 am Rande der Altstadt zwischen dem Osnabrücker Schloss und der historischen Katharinenkirche nach dem Entwurf des Architekten Werner Zobel aus Bad Bentheim erbaut. Die für das Gebäude charakteristische Natursteinfassade war bis zum Jahr 2012 erhalten geblieben, allerdings hatten Umwelteinflüsse sie im Laufe der Zeit stark in Mitleidenschaft gezogen, so dass einzelne Bereiche abzustürzen drohten. Ein Großteil der Fassadenplatten war außerdem stark beschädigt und nicht mehr erhaltenswert. Der Umstand, dass diese seinerzeit lediglich angemörtelt wurden – eine Konstruktionsweise, die heute nicht mehr dem bautechnischen Standard entspricht – bekräftigte die Entscheidung, die Natursteinfassade vollständig zurückzubauen und in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Anlehnung an den Originalzustand von 1954 wiederherzustellen. Um auch dem Wunsch des Bauherrn nach niedrigeren Energiekosten nachzukommen, war es allerdings notwendig, das Gebäude in seiner Dimension zu verändern, um hinter der neuen vorgehängten, hinterlüfteten Fassade Dämmung unterzubringen. Die Forderung des Landesamts für Denkmalpflege und das Ziel der Sanierung lautete jedoch, das Gebäude in seiner Erscheinung nicht zu stark zu verändern. Durch eine bauphysikalische Untersuchung wurde eine optimale Dämmstoffdicke von 10 cm ermittelt. Mit ihr konnten Veränderungen im Bereich der Energiekosten erzielt werden und gleichzeitig musste das Gebäude nicht zu stark

nach außen „wachsen“, so dass u. a. der ursprüngliche Dachüberstand erhalten blieb. Eine Schwierigkeit stellten die charakteristischen Gebäudeeinschnitte dar, um diese nicht weiter zu verengen, musste hier mit geringen Dämmstoffstärken gearbeitet werden. Ein weiterer Aspekt der energetischen Sanierung war der Austausch nachträglich eingebauter Fenster, die ebenfalls nicht mehr dem ursprünglichen Erscheinungsbild entsprachen. Neue Fenster mit sehr dünnen, anthrazitfarbenen Profilen wurden in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege ausgewählt und eingebaut. Hierfür mussten im Innenraum die Laibungen und die in den Fensterbereich laufenden Abhangdecken angepasst werden. Der Austausch bodentiefer Fenster des Verwaltungsgebäudes erforderte außerdem eine Angleichung des Bodens. Die Rippenkonstruktion zwischen den Fenstern wurde in Anlehnung an das ursprüngliche Erscheinungsbild mit einer gedämmten Blechkantung verblendet. Der Luftraum zwischen Wärmedämmung und neuer Natursteinfassade, die über ein dorngelagertes System an das Bestandsmauerwerk angebracht wurde, konnte genutzt werden, um einen neuen elektrischen Sonnenschutz zu montieren. In nicht heruntergefahrenem Zustand verschwindet dieser in der Fassade und stellt keine Beeinträchtigung des Erscheinungsbildes dar. Brandschutztechnische Untersuchungen im Innenraum ergaben, dass auch der Brandschutz anzupassen war. So wurde u. a. die Treppenhaus-Verglasung durch ein an den Bestand angelehntes F90-Fenster ausgetauscht und wurden die Brandmeldeanlagen ergänzt.

S o n n e n s ch u t z D i e s e r w u r d e z w i s ch e n n e u e r F a s s a d e u n d M a u e r w e r k a n g e b r a ch t .

Baujahr 19 5 4 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 0 8 / 2 014 Gesamtbausumme 1 , 5 5 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e BGF 4 . 74 0 m ² BRI 15 . 5 8 8 m ³ Bauherr Industrie- und Handelskammer O s n a b r ü ck - E m s l a n d - G r a f s ch a ft Bentheim L e i s t u n g e n p b r AG A r ch i t e k t u r

IH K O S NA B R Ü C K

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Sediment

AKTUELLE PROJEKTE

Aluminium für den Karosserie-Leichtbau HYDRO ALUMINIUM BAUT WERK IN GREVENBROICH DURCH NEUE AUTOMOBILLINIE AUS

Grevenbroich zählt bereits jetzt zu den größten Standorten für Aluminiumwalzprodukte in Europa. Bis Ende 2016 wird der norwegische Aluminiumkonzern Hydro dort sein Werkgelände durch den Neubau der Automobillinie AL3 weiter ausbauen. Im Juni 2015 erfolgte für die Baumaßnahme, die sich in eine Produktionshalle, Nebengebäude und ein Hochregallager mit Bundeingang und Verbindungsbrücke gliedert, die offizielle Grundsteinlegung. Die dreischiffige Produktionshalle, als konstruktiver Stahlbau errichtet, bildet das Zentrum der Anlage. In den anschließenden zweibis dreigeschossigen Nebengebäuden beidseitig entlang der Halle werden die dazugehörige Anlagen- und Versorgungstechnik sowie Büro- und Sozialräume eingerichtet. An die südöstliche Giebelseite der Produktionshalle schließt sich das Hochregallager zur Lagerung von Coils an. Durch eine Brücke werden Hochregallager und die bestehende Automobillinie 1/2 miteinander verbunden. Während der Planungsphase wurde ein Materialkonzept zur Fassadengestaltung entwickelt: So wird die 190 m lange Produktionshalle durch unterschiedliche farbig beschichtete Profiltafeln vertikal gegliedert. Durch die Verwendung von nur ganzen Profiltafeln werden zukünftige Anbauten ohne den Einsatz von Sonderformaten ermöglicht.

Leistungen pbr AG Gesamtplanung

Schwimmen lernen in neuer Umgebung NEUBAU DES SCHUL - UND SCHWIMMBADES ALTDORF

Der Neubau des Schul- und Schwimmbades Altdorf bietet Kindern und Jugendlichen in Altdorf seit November 2014 optimale Bedingungen, um das Schwimmen zu erlernen. Der Neubau ist in unmittelbarer Nähe zum Schulzentrum Altdorf entstanden, so dass für die Schüler eine schnelle Erreichbarkeit gewährleistet wird. Bereits in der Fassadengestaltung wurde eine Ablesbarkeit der einzelnen Funktionen Schwimmhalle, Umkleidetrakt und Foyer durch unterschiedliche Höhenniveaus und Farbgestaltung der Kubaturen erreicht. Die schlichte Formensprache gibt dem Neubau dabei eine dezente und zeitlose Erscheinung. Der lichte Eingangsbereich bietet dem Besucher zur besseren Orientierung bereits einen ersten Blickkontakt zur Wasserfläche. Die Schwimmhalle wurde mit einem Lehrschwimm- und einem Variobecken ausgestattet und beherbergt im Osten einen verglasten Aufsichtsraum. Prinzipiell wurde auf den großflächigen Einsatz von Glas verzichtet. Im Bereich der Schwimmhalle allerdings kommen hochformatige Fenster und Schaufenster-Ecken zum Einsatz, die als Sitznischen ausgebildet wurden. Im Untergeschoss wurden die komplexen betriebstechnischen Anlagen untergebracht.

Leistungen pbr AG Gesamtplanung 60

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AKTUELLE PROJEKTE


Jugend trainiert für Olympia       neubau einer dreifeldsporthalle in hofheim

Die Immobilie integrativ und interdisziplinär verstehen      pbr ag engagiert sich in „real estate and leadership foundation “ für forschung und bildung

B a ck h a u s / H C U

Der Neubau der Dreifeldsporthalle in Hofheim bietet den Schülern der Main-Taunus-Schule sowie ansässigen Vereinen seit November 2014 optimale Bedingungen für den Schulsport und das Wettkampftraining. Der Neubau, der mit einem lichten zweigeschossigen Foyer an die bestehende Sporthalle angebunden wurde, ist in enger Abstimmung mit der Main-Taunus-Schule bedarfsgerecht geplant worden. Um wettkampfsähnliche Bedingungen zu gewährleisten und weil Sport einen Schwerpunkt im Lehrplan bildet, wurde die Halle mit einem fest installierten Turnparcours ausgestattet. Der Neubau wurde als Stahlrahmenkonstruktion mit einem Hallendach aus gelochtem Stahltrapezblech ausgeführt. Die hinterlüftete Fassade im oberen Teil der Halle besteht aus Metallpaneelen. Im Bereich der Fenster und Lüftungselemente löst sich die Fassade durch auf Abstand gesetzte Rechteckprofile auf. Nebenräume und Sockel wurden mit einem Wärmedämmverbundsystem verkleidet. Ein neu angelegter Vorplatz kennzeichnet den Eingangsbereich für Besucher und erweitert den Schulhof bis zum Eingang der Sporthallen. Bauherr ist der Main-Taunus-Kreis.

Die Immobilienwirtschaft verändert sich: Mit zunehmender Spezialisierung aller Aufgaben rund um die Planung, den Bau, die Verwaltung sowie den Handel von Immobilien wächst die Notwendigkeit, die beteiligten Akteure professionell zu führen und Prozesse effektiv zu gestalten. Die Anforderungen an künftige Fach- und Führungskräfte steigen. Um die Forschung zur Ausbildung von Nachwuchskräften mit dem hierfür notwendigen interdisziplinären Wissen zu fördern, wurde im Februar 2015 die „Real Estate and Leadership Foundation e.V.“ gegründet. Die pbr AG zählt u. a. zu den Gründungsmitgliedern. Prioritäre Maßnahme der Stiftung war die Einrichtung eines Masterstudiengangs an der HafenCity Universität Hamburg (HCU). Ziel des Studiengangs, der durch das Kooperations- und Fördermodell der Stiftung getragen wird und zum Wintersemester 2015/2016 startet, ist zum einen die Vermittlung von fachlichem Wissen in den Bereichen Immobilienökonomie, Architektur, Bauingenieurwesen und zum anderen von Kommunikations-, Management- und Leadershipkompetenzen. Der pbr AG ermöglicht das Engagement eine frühzeitige Kontaktaufnahme zu den Studierenden, um sie durch verschiedene Maßnahmen zu begleiten.

Leistungen pbr AG A r ch i t e k t u r

AK T UE LL E P R OJ E K T E  phase 10 // pbr AG  6 / 2015   61


Originalrezeptur N a ch d i e s e r w u r d e d i e F a r b e d e r Stützen erstellt.

Keine Spur von KrankenhausArchitektur

Autor D i p l . - I n g . A r ch i t e k t C h r i s t i a n Z i r n g i b l D i p l . - I n g . A r ch i t e k t T h o m a s Z i e g l e r p b r Z i e g l e r Z i r n g i b l A r ch i t e k t e n G m b H

Von der kompletten Neuordnung der räumlichen Gegebenheiten bis hin zur einzelnen Sockelleiste: Während der elf Jahre andauernden Generalsanierung des Schloss Werneck wurde mit einer präzisen Architektursprache auf den bestehenden Ort geantwortet, indem nicht nur auf die Situation als Krankenhaus, sondern auch auf das denkmalgeschützte Umfeld eingegangen wurde.

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SCHLOSS WERNECK

Wa s l a n g e w ä h r t Die Generalsanierung erfolgte innerhalb von elf Jahren.


Wiederbelebt H i s t o r i s ch e Tü r ö ff nungen wurden d u r ch d e n E i n b a u v o n S ch w e s t e r n stützpunkten g e k e n n z e i ch n e t .

1734 bis 1745 von Balthasar Neumann als Sommerresidenz für die Würzburger Fürstbischöfe erbaut, befindet sich nach mehrmaligen Umbauten seit 1853 eine Psychiatrie und seit 1952 der Fachbereich Orthopädie im Schloss Werneck. 1995 entschied sich der Bezirk Unterfranken für die Generalsanierung und Neuordnung der barocken Schlossanlage, um auch weiterhin einen zeitgemäßen Klinikbetrieb zu gewährleisten. Ein stimmiges Gesamtkonzept hierfür entwickelte die Ziegler Zirngibl Architekten GmbH. Der erste Bauabschnitt wurde 2003 fertig gestellt und beinhaltete den Einbau zweier Pflegestationen im vorgelagerten Flügelbau D-Süd. Innerhalb eines zweiten Bauabschnittes wurde im Bereich des Vorschlosses bis 2006 ein Neubau zur Erweiterung der Operationsabteilung errichtet. Im April 2007 konnte der zu einer Notfallaufnahme, Röntgenabteilung und Intensivpflege umgebaute Flügelbau D-Nord eingeweiht werden. Die Neuordnung und Sanierung des Hauptschlosses, die u. a. die Einrichtung von Patientenzimmern, einer Aufnahmestation, eines Chefarztbereiches, einer OP-Abteilung sowie eines MRT-Zentrums und eines Zentrallabors beinhaltete, wurde innerhalb von zwei Bauabschnitten im Januar 2014 abgeschlossen. Moderner Klinikbetrieb in ursprünglichen Raumkompositionen Durch die Generalsanierung sollte ein moderner Klinikbetrieb gewährleistet, gleichzeitig aber der bauzeitliche Ursprungszustand wiederhergestellt werden. Eine besondere Herausforderung, die durch die teilweise stark in Mitleidenschaft gezogene Bausubstanz aus dem 18. Jahrhundert zusätzlich erschwert wurde. Dabei war es ein besonderes Anliegen des Bauherrn, die ehemalige Raumkonzeption des Gartensaals, des sogenannten „sala terrena“, und dessen Verbindung zum historischen Treppenraum wiederherzustellen, um hier den Empfangsbereich und ein Café einzurichten. Durch den Abbruch einer massiven Verbindungsbrücke und den Rückbau geschlossener

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Wandteile zum Gartensaal gelang es, die Raumeinheiten wieder zusammenzuführen. Gleichzeitig wurden die nachträglich vermauerten Wandöffnungen zum ehemaligen Treppenraum wieder geöffnet, der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Überwölbung der Deckenöffnungen und die Aufteilung in einzelne Räume verloren gegangen war. Mit dem Abbruch aller Zwischenwände konnte der Raumeindruck des Treppenhauses samt Deckengewölbe und Kompositkapitellen wiederhergestellt werden. Im ehemaligen Treppenauge befinden sich heute der Patientenempfang und ein Schwestern-Stützpunkt als gläserne Anlage. Um im Flügelbau D-Nord neue Funktionen wie Notfallaufnahme, Radiologie, Anästhesie und Intensivpflegebereich einzurichten, die ursprünglichen Raumgeometrien allerdings zu erhalten, wurde der Raumzuschnitt durch eingestellte Trennelemente mit HPL-Schichtstoffplatten gegliedert. So sind verschiedene Funktionsbereiche bei gleichbleibender Raumstruktur entstanden. Die Einrichtung der Radiologie erforderte diverse technische Installationen im Deckenbereich. Eine besondere Herausforderung, da das historische Kreuzgratgewölbe erhalten bleiben sollte. So wurden die Eingriffe in das Gewölbe stark reduziert und diese sowie die Technik durch Deckensegel verborgen. Hinter dem Segel läuft das sanierte Kreuzgratgewölbe weiter und bleibt für Besucher und Patienten sichtbar. In der Physikalischen Therapie nehmen eingestellte Glasboxen die neuen Funktionen auf. Durch die Reflektionen der Gläser entmaterialisieren sich die Boxen und lassen auch hier den ehemaligen Raumzuschnitt weiterhin erkennen. Keine Spur von Krankenhaus-Architektur Um in den neu eingerichteten Patientenzimmern im Hauptschloss und im Flügelbau D-Süd eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, kamen hier lediglich natürliche und klassische Materialien zum Einsatz. Im Flügelbau D-Süd wird durch robustes Eichenparkett an die historische Materialvorgabe angeknüpft. Wandschutz und Möbel in Nussbaumfurnier wecken Assoziationen an den Barock und tragen zu einer angenehmen Atmosphäre bei. Auf die Installation der üblichen Medienleiste wurde verzichtet. Ein Medienschrank dient ferner als trennendes Möbel zwischen den Betten und verbirgt zugleich die technischen Installationen. Der scheinbaren Endlosigkeit der Flure wurde „ein Ende“ gesetzt, indem sie durch Sanitärkuben und Schwesternstützpunkte gegliedert wurden. Mit robusten Fassadenbaustoffen wie Edelstahl, Faserzement und Glas setzen die Kuben der historischen Innenwand eine Außenwand entgegen. Das helle Ocker an den historischen Innenwänden schafft nicht nur Atmosphäre, sondern weckt zugleich Assoziationen an die Barockzeit. Hightech-Medizin, digitales Datenmanagement und eine ausgefeilte Logistik – die Anforderungen an moderne Kliniken sind hoch, technische Einrichtungen deshalb notwendig. Um auch an dieser Stelle den historischen Raumeindruck zu erhalten, wurde auf die Konstruktion von Abhangdecken verzichtet und die Technik hinter Vorsatzschalen, Schränken und Wandbekleidungen versteckt. Ferner konnten Aufbrüche in das Natursteinmauerwerk-Gefüge vermieden werden. Speziell entwickelte, gläserne Sanitärzellen mit integrierten Patientenschränken und einer sich nach oben auflösenden Teilbedruckung der Gläser sorgen zudem dafür, dass die historische Raumstruktur in den Patientenzimmern im Hauptschloss erhalten bleibt. Der in die Sanitärzellen integrierte Schrank wird als Möbel gar nicht wahrgenommen. Durch die Lichtführung auf den

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SCHLOSS WERNECK

Farbbefundungen Anhand dieser wurde ein Farbkonzept erarbeitet.


Projektinformationen DIE KENNDATEN IM ÜBERBLICK

O r t h o p ä d i s ch e K l i n i k S ch l o s s We r n e ck Generalsanierung und Neuordnung

Baujahr 17 3 4 – 174 5 Fe r t i g s t e l l u n g S a n i e r u n g 01 / 2 014 Gesamtbausumme 3 1 , 2 M i o . € ( b r u tt o ) F l ä ch e n u n d R a u m i n h a l t e HNF 4 . 10 8 m ² BGF 19 . 3 0 0 m ² BRI 89.750 m³ Bauherr Bezirk Unterfranken Leistungen Ziegler Zirngibl GmbH A r ch i t e k t u r L P H 1- 9 B r a n d s ch u t z p l a n u n g

Keine Spur von K r a n k e n h a u s - A r ch i t e k t u r M a t e r i a l i e n w i e E i ch e , N u s s b a u m , Leder und Messing sorgen für eine angenehme Atmosphäre.

Stuckvouten durch Beleuchtung der charakteristischen Hohlkehle wird der einstige Raumeindruck für Besucher und Patienten vollends erlebbar. Materialien wie Eiche, Nussbaum, Leder und Messing erzeugen eine warme Atmosphäre und stellen eine Reminiszenz an den Barock dar. In Anlehnung an die Raumgliederung dieser Zeit finden sich außerdem Merkmale des klassischen Repertoires wie Türumrahmungen mit Supraporte und Wandvertäfelungen als unterer Wandschutz wieder. Bauzitate wie der klassische Konsoltisch mit Spiegel an den Mauervorlagen der Fensterseiten wurden aufgenommen und übernehmen neue Funktionen. Patientenbäder wurden in Feinsteinzeug in einem warmen Sandton eingerichtet, die Waschtischablage in kristallinem Muschelkalk. Um auch das für die barocke Baukunst typische Zusammenspiel von Architektur, Plastik und Malerei im gesamten Schloss wieder erlebbar werden zu lassen, wurden die unter den Putzschichten teilweise noch vorhandenen Wandmalereien in mühsamer Handarbeit freigelegt und denkmalpflegerisch behandelt. Ebenso konnten die historischen Decken mit ihren wertvollen Stuckaturen gesichert, ergänzt und neu beschichtet werden. Anhand freigelegter Deckenmalereien aus der Toskana-Zeit wurde ein Farbkonzept erarbeitet und die in die Architektur einbezogene Malerei als Gesamtkunstwerk wieder erlebbar gemacht.

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Substrat

BETEILIGUNGEN

Effizienz und Transparenz im Bauprozess

Fenster nach Asien

Komplexe Bauvorhaben sind mit einem erheblichen Arbeits- und Koordinationsaufwand verbunden. Der Bauherr hat häufig weder die personellen Möglichkeiten noch das entsprechende Know-how, um technische Details zu bewerten und um die Vielzahl der am Bau Beteiligten zu koordinieren. Um Auftraggebern in diesem Bereich eine kompetente Dienstleistung zu bieten, hat die pbr AG am 1. Mai 2015 die pbr.pmd Gesellschaft für Projektmanagement mit Sitz in Düsseldorf gegründet. Geschäftsführer sind pbr-Vorstandsvorsitzender Dipl.-Ing. Heinrich Eustrup und Dipl.-Ing. Marcus Denk. Das Spektrum der neuen Gesellschaft umfasst Projektmanagement- und Projektsteuerungsleistungen, die Durchführung von VOFVerfahren und Architekturwettbewerben, die Begleitung von Ziel- und Masterplanungen sowie ein technisches Due Diligence. Innerhalb des Projektmanagements übernimmt pbr.pmd die Projektleitung, die Organisation und Dokumentation, das Vertragsmanagement sowie die Überwachung und Einhaltung von Qualitäten, Terminen und Kosten. Während die pbr AG eine umfangreiche Projekterfahrung und eine bundesweite Präsenz in die Gesellschaft einbringt, steuert Marcus Denk eine 15-jährige Berufserfahrung als Projektsteuerer, u. a. bei SPM Projektmanagement, bei. Zu den bisher von ihm betreuten Projekten gehören u. a. die Grundinstandsetzung des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden, der Neubau des Fachbereichs Chemie der Phillips-Universität Marburg und der Neubau des Campus Hamm der Hochschule Hamm-Lippstadt.

Die Republik Kasachstan ist nicht nur das neuntgrößte Land der Erde, sondern nimmt aufgrund ihres Rohstoffreichtums sowie im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Entwicklung eine führende Rolle in der Region Zentralasien ein. Die Modernisierung der Infrastruktur und die Entwicklung der Wirtschaftssektoren schreiten voran. Da sich diese Tendenz auch am Immobilienmarkt abzeichnet, hat die pbr AG zusammen mit SHEBERBUILD LLC, einer der größten Baufirmen des Landes, die Tochtergesellschaft pbr Central Asia LLP gegründet. Der Sitz der Gesellschaft befindet sich in Almaty. Die im Südosten Kasachstans gelegene Millionenmetropole ist neben der Hauptstadt Astana das kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Zentrum der Republik. Ziel der pbr Central Asia LLP ist es, hochwertige Planungsleistungen auf dem asiatischen und zum Teil russischen Markt zu etablieren. „Neue Hotels, Wohn- und Geschäftshäuser, Businesscenter und Gebäude im Freizeitbereich entstehen derzeit in Kasachstan in kürzester Zeit“, sagt Erik-Reinhard Fiedler, Geschäftsführer der neu gegründeten Gesellschaft. „Durch den Besitz aller notwendigen Lizenzen für die Gesamtplanung bietet pbr Central Asia bedarfsorientierte Planungsleistungen für deutsche und internationale Unternehmen, die in Zentralasien bauen wollen.“ Schwerpunkte der pbr-Beteiligung bilden die Bereiche Industrie, Wohnen und Freizeit. Zu den bisher betreuten Projekten zählt u. a. die Erweiterung eines 5 Sterne Hotels in Almaty.

pbr.pmd GESELLSCHAFT FÜR PROJEKTMANAGE MENT GEGRÜNDET

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BETEILIGUNGEN

pbr AG GRÜNDET TOCHTERGESELLSCHAFT pbr CENTRAL ASIA


Neugründung in München pbr ZIEGLER ZIRNGIBL GMBH

Aufbau einer Produktionslinie für Armacell in Russland 000 pbr ERBRINGT GENEHMIGUNGS UND AUSFÜHRUNGSPLANUNG

Mit der Gründung der pbr Ziegler Zirngibl GmbH mit Sitz in München hat die pbr AG zu Beginn des Jahres ihre bundesweite Präsenz weiter ausgebaut. Die neue Gesellschaft ist durch die Eingliederung der bisherigen Ziegler Zirngibl Architekten GmbH in die pbr-Unternehmensgruppe entstanden. Die Neugründung stellt eine strategische Weiterentwicklung einer bereits jahrelang gewachsenen Partnerschaft dar. Das Büro Ziegler Zirngibl Architekten kann auf der Basis einer 20-jährigen Erfahrung umfangreiche Kompetenzen vor allem in den Bereichen Denkmalschutz, Krankenhausbau und militärische Baumaßnahmen vorweisen. Zu herausragenden Projekten gehören die Sanierung der Orthopädischen Klinik im Schloss Werneck, der Neubau eines Flughafentowers mit Anflugkontrollgebäude auf dem NATO-Flugplatz Neuburg und der Neubau eines Kinderhauses am Ballonstartplatz in Gersthofen. Die Geschäftsführung der pbr Ziegler Zirngibl GmbH übernehmen Dipl.-Ing. Architekt Heinrich Eustrup, Dipl.-Ing. Architekt Thomas Ziegler und Dipl.-Ing. Architekt Christian Zirngibl.

Armacell, ein weltweit führender Hersteller von flexiblen Dämmstoffen im Bereich der Anlagenisolierung mit europäischem Hauptsitz im westfälischen Münster, hat OOO pbr im vergangenen Jahr mit der Genehmigungs- und Ausführungsplanung für eine neue Produktionslinie in Russland beauftragt. Die Produktionslinie wird in einem bestehenden Lagergebäude in der Nähe des Moskauer Flughafens Sheremetevo errichtet. So galt es zunächst, innerhalb des Bestandes insbesondere die benötigte Infrastruktur in Form der Elektro-, Flüssiggas-, Kühlwasser- und Druckluftversorgung sowie eine neue Ventilationsanlage zu planen. Einen weiteren Schwerpunkt stellte die Brandschutzplanung dar, da zwischen Produktion und Lager zwar eine Brandschutzwand gefordert, vom Bauherrn allerdings nicht gewünscht war. Zudem war aufgrund der verschärften Brandschutznormen der Löschwasserbedarf für die neue Produktion nicht mehr gesichert. Durch ein individuelles Brandschutzgutachten inklusive einer Risikoberechnung können zum einen die Brandschutznormen erfüllt und zum anderen auf die Brandwand verzichtet werden. Darüber hinaus wurde ein Wassernebelsystem geplant, durch welches der Löschwasserbedarf von 360 m³ auf 50 m³ reduziert werden kann. Die Fertigstellung des Projekts erfolgt im vierten Quartal dieses Jahres.

B ETEILIG U NG EN

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Substrat

BETEILIGUNGEN

Neubau des Instituts für Gesteinshüttenkunde der RWTH Aachen IRM INGENIEURBÜRO R . MÜHL -

a°blue BETREUTE BREEAMZERTIFIZIERUNG DES DENKMALGESCHÜTZTEN GEBÄUDES

Holstenhof in Hamburg

BACHER GMBH ERBRINGT PLANUNG DER LABORTECHNIK

Für den Neubau des Instituts für Gesteinshüttenkunde der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen werden 2016 die Baumaßnahmen beginnen. Das Institut, das sich mit der Entwicklung, Herstellung, Verarbeitung und dem Recycling metallischer und mineralischer Werkstoffe beschäftigt, wird neben verschiedenen Besprechungs- und Büroräumen auch Labore und schwingungssensible Bereiche beherbergen. Mit der Planung der labortechnischen Anlagen hat der Bauherr, der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW in Aachen, die IRM Ingenieurbüro R. Mühlbacher GmbH beauftragt. Hierzu zählen u. a. die Einrichtung einer dezentralen Sondergasversorgung und einer Vollentsalzungsanlage sowie die Darstellung von Nutzergeräten. Durch die Installation von Abzügen mit Abluftwäschern soll einer erhöhte Laborsicherheit gewährleistet werden. Die pbr AG erbringt für den Neubau die Gesamtplanung. Der kompakte Baukörper, bestehend aus einem Sockelgeschoss, einem gläsernen Zwischengeschoss und einem darüber angeordneten Funktionsbereich, zeichnet sich durch eine anthrazitfarbene Klinkerfassade aus. Diese unterstreicht die monolithische Wirkung des Bauwerks einerseits und kontrastiert mit der Transparenz des Zwischengeschosses andererseits.

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BETEILIGUNGEN

Der unter Denkmalschutz stehende Holstenhof, ein historisches Kontorhaus aus dem Jugendstil im Zentrum Hamburgs, wurde um 1900 von Albert Lindhorst erbaut. Das viergeschossige Gebäude wurde in Stahlskelettbauweise errichtet. Zwischen 2012 und 2014 wurde der aus zwei miteinander verbundenen Gebäudeteilen bestehende Komplex umfangreich saniert. Dabei wurde das Dachgeschoss in Anlehnung an das historische Vorbild rekonstruiert und in moderner Form- und Materialsprache neu interpretiert. Alle Etagen wurden bis auf die Gebäudetrenn- und Treppenhauswände sowie einige Stützen freigeräumt, so dass moderne Büroformen eingerichtet wurden. Daneben wurde die Gebäudetechnik neu installiert und wurden die Fenster ausgetauscht. Mit Abschluss der Modernisierungsmaßnahmen wurde dem Gebäude im März 2015 ein BREEAM-Zertifikat mit der Bewertung „good“ verliehen. Die a°blue GmbH begleitete den Zertifizierungsprozess in zwei Phasen: Im ersten Schritt wurde die Planung und im zweiten Schritt das realisierte Gebäude mit einem Zertifikat ausgezeichnet. Dabei hat a°blue die Auswertung sowie die Einreichung der Dokumentation übernommen. Das modernisierte Gebäude besticht heute nicht nur durch die einzigartige, historische Fassadengestaltung, sondern im Besonderen auch durch die nachhaltige Ausrichtung.


Sanierung eines Forschungs- und Laborgebäudes pbr HÖLSCHER BRANDSCHUTZ GMBH ERSTELLT PLANUNG FÜR BASF SE

Am Hauptsitz der BASF SE in Ludwigshafen haben Ende 2014 die Modernisierungsmaßnahmen an einem Forschungs- und Laborgebäude aus den 70er Jahren begonnen. Die pbr Hölscher Brandschutz GmbH wurde mit der Brandschutzplanung beauftragt. Kernaufgabe der Maßnahme, die bei laufendem Betrieb erfolgt, ist die brandschutztechnische Modernisierung der Versorgungsschächte und Flure. Um einen „Fluchttunnel“ entstehen zu lassen, erfolgt die Abtrennung der Geschosse sowie der Flucht- und Rettungswege durch flurbegrenzende Bauteile in F30. In der Vertikalen werden die Geschosse wie auch sonstige Mediendurchführungen im Bereich der Lüftungsschächte über Brandschutzklappen geschottet. Das Lüftungskonzept sieht vor, die Abluft der Labore geschossweise an einen vertikalen Sammelkanal anzuschließen, der in den Deckenebenen jeweils Brandschutzklappen erhält. Darüber hinaus wird auch das feingliedrige System von Stromschienen erneuert, so dass eine brandschutztechnische Abtrennung der Geschosse ermöglicht wird. Eine Maßnahme, die nicht nur dem vorbeugenden Brandschutz, sondern auch der langfristigen Aufrechterhaltung des Gebäudebetriebes dient.

Modernes Design und klare Strukturen hspbr GMBH AB SOFORT AUCH ONLINE

Die hspbr GmbH ist ein von der pbr AG und der HSP Hoppe Sommer Planungs GmbH gegründetes Joint Venture. Das Unternehmen bietet bundesweit umfassende Leistungen zur Planung von Kliniken, Einrichtungen und Funktionsbauten aus dem Gesundheitsbereich sowie Betreuungs- und Pflegeheimen aus einer Hand an. Mit der hspbr GmbH ist ein Planungsbüro entstanden, das die besonderen Anforderungen beim Bau von Gesundheitsobjekten kennt und wirtschaftliche sowie ästhetische Lösungen entwickelt. Seit Juli 2015 ist die hspbr GmbH auch im Internet vertreten. Als Onepager konzipiert, zeichnet sich die Website durch eine klar strukturierte Kommunikation und eine intuitive Bedienung aus. Bewegt wird sie überwiegend in der Vertikalen, so dass Projekte ausführlich dokumentiert werden und ein gewisser Storytelling-Charakter entsteht. Großformatige Abbildungen regen zudem an, länger auf der Website zu verweilen. Zu den Projekten, die ausführlich vorgestellt werden, gehören u. a. der Neubau der Klinik Nürtingen, die Revitalisierung der Klinik Kirchheim sowie die Umgestaltung und Erweiterung des Borromäus-Hospital in Leer und die Modernisierung des Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge in Berlin. Die Website orientiert sich am Corporate Design der hspbr GmbH und passt sich durch das Responsive Webdesign in ihrer Darstellung automatisch an alle Endgeräte an. www.hspbr.de

B ETEILIG U NG EN

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INTERVIEW MIT JÖRG RASEHORN , GESCHÄFTSFELDLEITER PBR AG MAGDEBURG

Freigelegt

saniert. Aber zurück zum Jahrtausendturm. Eine Außenrampe führt um den zylindrischen Baukörper bis zu einer Aussichtsebene herum. Von dort aus hat man einen atemberaubenden Blick auf den Elbauenpark, bei schönem Wetter sogar bis zum Brocken. Derzeit findet im Turm eine Ausstellung über die Wissenschaft und Technik der vergangenen 6.000 Jahre statt. Ausstellung ist ein gutes Stichwort. Welche kulturelle Veranst altung haben Sie in Magdeburg aktuell besucht und welche können Sie empfehlen? Die lange Nacht der Wissenschaft ist immer wieder ein tolles Erlebnis. Sie fand im Mai zum zehnten Mal im Wissenschaftshafen und in verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen statt. Dazu gehören zum Beispiel die Experimentelle Fabrik und das Technikmuseum. Der sogenannte Halbkugelversuch, der an das Experiment von Otto von Guericke aus dem Jahr 1654 angelehnt ist, hat mittlerweile Tradition und findet in diesem Jahr auf dem Campus der Hochschule statt. D i p l . - I n g . A r ch i t e k t u n d B e r a t e n d e r I n g e n i e u r J ö r g R a s e h o r n i s t G e s ch ä ft s fe l d l e i t e r d e r p b r AG a m S t a n d o r t M a g d e b u r g . I m I n t e r v i e w m i t p h a s e 10 v e r r ä t e r, w e l ch e E v e n t s e r s i ch i n M a g d e b u r g n i ch t e n t g e h e n l ä s s t , w o e s d a s b e s t e S t e a k g i b t u n d a n w e l ch e m O r t m a n d i e s ch ö n s t e A u s s i ch t g e n i e ßen kann.

Otto von Guericke – die pbr AG hat im Jahr 2013 den Hörsaal 6 der Otto-von-Guericke-Universität geplant. Welche Projekte werden denn aktuell vom St andort Magdeburg betreut? Für einen Institutsneubau für das DZNE in Göttingen erbringen wir die Gesamtplanung. Im März fand hier das Richtfest statt. Darüber hinaus entsteht in Ingolstadt ein neues Verwaltungsgebäude und wir realisieren für die Bundeswehr eine Baumaßnahme auf dem Truppenübungsplatz in der Altmark.

Haben Sie einen Lieblingsort in Magdeburg? Ja, das Gebiet um den Magdeburger Dom ist herrlich. Die Umgestaltung 2014 hat ihn wieder belebt. Zwischen Dom, Hundertwasserhaus und Landtagsgebäude wurde durch Wasserspiele, ein Labyrinth und ein fantastisches Lichtkonzept eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen. Außerdem ist der Domplatz optimal gelegen. Von dort aus erreicht man über den Fürstenwallpark im Bereich der früheren Bastion Cleve direkt die Elbpromenade und den angrenzenden Stadtpark.

Eine vielseitige Auftragslage, die sich warum nur mit dem Magdeburger Team umsetzen lässt? Ich denke, weil wir auch wirklich ein Team sind. Jeder einzelne Mitarbeiter legt so viel Engagement an den Tag. Und das auch außerhalb des Arbeitsalltags. In diesem Jahr haben wir einen zehnwöchigen Fitnesskurs absolviert. Darüber hinaus nahmen wir erneut am Magdeburger Firmenstaffellauf teil.

Gibt es auch ein Lieblingsrestaurant? Das Bralo. Ein Steakhouse direkt am Dom. In der einsehbaren Küche werden die Steaks auf einem Lavasteingrill zubereitet. Das Beste daran: Die Größe des Steaks kann jeder Gast selber bestimmen ... Domplatz, Steakhaus ... Plätze, Gebäude, in denen Sie sich gerne aufhalten. Welches Gebäude in Magdeburg hätten Sie denn gerne geplant? Den Jahrtausendturm, einen Holzturm im Elbauenpark auf dem Veranstaltungsgelände, auf dem 1999 die Bundesgartenschau stattfand. Übrigens ganz passend zum thematischen Schwerpunkt dieser Ausgabe: Für die Bundesgartenschau haben wir seinerzeit einige Gebäude nach den Plänen aus den 30er Jahren denkmalschutzgerecht

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phase 10 // pbr AG

6 / 2015

M E I N E S TA D T

Und zu guter Letzt: Was ist Magdeburg für Sie? Ottostadt? Elbestadt? Domstadt? Heimat.


Magdeburger Dom A b e n d l i ch e S t a d t s i l h o u e tt e

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Konzeption, Text, Layout, Grafik und Satz Kuhl|Frenzel Agentur für Kommunikation, Osnabrück Schrift Linotype Univers (diverse Schnitte) von Adrian Frutiger Papier Innen: 115 g/qm ProfiBulk 1.3 Umschlag: 150 g/qm ProfiBulk 1.3 Druck Günter Druck, Georgsmarienhütte Auflage 3.500 Exemplare Verteilung an Kunden, Freunde und Mitarbeiter Urheberrecht Das Magazin und alle in ihm enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede urheberrechtswidrige Verwertung ist ohne Zustimmung der Rechteinhaber unzulässig. Der Herausgeber übernimmt keine Haftung für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben in diesem Magazin. Namentlich gezeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers wieder, nicht unbedingt auch die der Redaktion. phase 10 erscheint 2 x jährlich. Sie können phase 10 kostenlos abonnieren. Bisher veröffentlichte Ausgaben in digitaler Form finden sie auf http://issuu.com/pbr_ag. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Fotos übernehmen wir keine Haftung. phase 10 wurde 2014 mit einem Iconic Award „Winner“ in der Rubrik Communication / B2B Communication ausgezeichnet.

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issn 2198-7564

phase 10 06/2015  

Erhalten und Weiterdenken - Schwerpunkt Sanierung und Denkmalschutz Magazin der pbr Planungsbüro Rohling AG

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