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N IC H TS D E STOT ROT Z

Magazin f端r kurze Geschichten #1


VO R WO RT

Kurzgeschichten brauchen keinen Anlauf und keinen Auslauf. Kein Vorher, kein Nachher und kein Drumherum. Ein Magazin für kurze Geschichten bräuchte eigentlich nicht einmal ein Vorwort.

Viel Spaß beim Lesen und Schauen!


I N H A LT

Menschen retten Benjamin Maack

S.6

Inspiration Jan Vismann

S.12

Happy End Juliane Liebert

S.14

Wahrscheinlich wird nicht alles gut Walter Wide Web

S.24

S.30

Tiny Tales Florian Meimberg


Nichtsdestotrotz – Magazin für kurze Geschichten

Alles wegen Lilly Charles Bukowski

S.36

Flugschreiber. Eine Auswertung. Carl-Christian Elze

S.45

Die übliche Klöterei Andreas Steinbreche

S.48

Willkürenritt Andy Strauß

S.56


M E N SC HE N

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R ET T EN

Scheißmeer. Ich hasse das Meer. Das Meer ist ein verschissener Geheimnistuer. Man müsste das Meer nehmen und wegschmeißen, gucken, was es da unten auf dem Grund zu verstecken hat. Die Menschen springen rein, ziehen Sonnencremeschlieren durch das Wasser und stolpern über den heißen Sand zurück auf ihre Handtücher. Abtrocknen. Eincremen. Ein Stück von den Melonennegern gefällig? Ja, sehr gerne. Hach, schmeckt die erfrischend. Und das Ganze von vorn. Aber was da unten ist, davon haben die keinen Schimmer. Ich sitze auf meinem Hochsitz und sehe zu, wie keiner ertrinkt. Du bist genau wie dein Vater, hat meine Oma immer zu mir gesagt. Und bevor ich verstehen konnte, was sie sie sagt, zu meinen Eltern: genau wie der Vater. Meine Oma liebt mich. Auch jetzt noch, wo sie niemanden mehr erkennt und überall durchsichtige Schläuche unter der Bettdecke rauskommen, durch die dicke Flüssigkeiten laufen, die aussehen wie die Milkshakes bei McDonald‘s. Schoko. Vanille. Erdbeer. Ich möchte sie gern besuchen. Aber ich habe zu viele Artztserien gesehen, in denen Angehörige ihren Müttern, Vätern, Töchtern, Tanten weinend ein Kissen ins Gesicht gedrückt und sie von ihrem Leben erlöst haben. Oma wäre nicht sicher bei mir. Außerdem ist es sowieso egal. Jeder, die Krankenschwester, meine Mutter, der schnelle Schatten eines vorbeirollenden


Benjamin Maack

Wiederbelebungsapparates, alle sind für sie Benjamin. Meine Großmutter hat sich blödgealtert und liebt die ganze Welt. Genau wie dein Vater. Nur das hat sie irgendwann nicht mehr gesagt. Ich glaube, die Sache mit Vater war das Letzte, was sie verstanden hat. Dass ihr Sohn jetzt ein Irrer ist. Erst kamen die Pfleger und holten meinen Vater aus der Wohnung. Die Nachbarn standen in den Türrahmen wie Heiligenbilder und schüttelten ihre gepflegten Heiligenköpfe, schüttelten ihre gepflegten blonden Heiligenscheinhaare. Mein Vater heulte lange Rotzfäden und schrie wie ein ekelhaftiges Kind. Danach sind die Müllmänner gekommen und haben den Müll aus einem riesigen Apartment geschafft. Eine Woche lang von morgens bis abends haben sie die dicke Schicht Abfall auf dem Boden, die sich an allen Wänden, vor den Fenstern und Schränken bis unter die Decke auftürmte, in schwarzen Plastiksäcken rausgehievt. Kakerlaken. Käfer. Tausendfüßler. Verschiedene Sorten Fliegen. Im Büro erschien er immer ganz gepflegt. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat. Keine Ahnung. Dann haben meine Schulkameraden aufgehört mit mir zu sprechen. Ich trage eine beschissene rote Badehose und eine beschissene rote Rettungsboje. Meine Haut ist braun, meine Haare salzwasserbleich. Die Mädchen schauen mit zusammengekniffenen Augen

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hoch zu mir. Abends nach dem Strand kaufe ich mir auffällig Pornomagazine und Alkohol im einzigen Supermarkt auf der verschissenen Insel und gehe in mein Zimmer ohne Fernseher. Wäre doch ganz gut, wenn du das machen würdest. Du bist doch früher auch gern geschwommen. Außerdem kommst du auch mal raus aus der Stadt. Seeluft tut dir bestimmt gut. Meine Mutter ist nett. Sie liebt mich. Weil ich das Einzige bin, was ihr nach der Scheidung von ihrem Mann geblieben ist. Sie haben scheiden lassen, weil sie sich zu sehr geliebt haben, sagt sie manchmal. Dann ist er in das riesige Apartment gezogen und verrückt geworden. Meine Mutter liebt mich, weil ich so bin wie er. Hinten, etwa fünfzig Meter vom Strand weg, kräuselt sich das Wasser zu flachen Wellen. Eine Familie schwimmt hin. Der Vater voran. Sie denken, da ist eine Sandbank. Das passiert ständig. Wettschwimmen zur Sandbank. Aber die Sandbank ist ein Strudel. Ein kleiner, aus dem ein guter Schwimmer leicht wieder rauskommt. Ich sehe zu, wie sie hinschwimmen, wie ich immer zusehe. Den Surfern, den Familien und Kururlaubern. Ich sehe, wie sie hineinschwimmen und warte ein bisschen, bis sie verstanden haben und Panik bekommen. Der Mann rudert mit den Armen und brüllt wie am Spieß. Sein Sohn ist am Rand des Strudels. Ich warte bis er mit reingezogen wird. Bis die beiden in der Mitte des Strudels um ihr Leben paddeln und sich dabei gegenseitig unter Wasser drücken. Dann schwimme ich raus,


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baywatchmäßig, als wäre der Teufel hinter mir her, Angel sie mit meiner scheißroten Boje aus dem Strudel, schlepp sie an Land und lasse sie ein wenig erschöpft und dankbar sein, wie sie es aus den nachgestellten Rettungsszenen kennen. Währenddessen glotzen die Mädchen mit ihren zusammengekniffenen Augen auf meine braune Haut, unter der sich die Muskeln spannen, und in mein ebenmäßiges Gesicht. Ich habe am Anfang versucht, mir beim Wichsen diese Mädchen vorzustellen. Aber ich sehe immer nur zusammengekniffene Augen. Die Essenseinladung an ihren Retter lehne ich ab, gebe ihnen aber meine Adresse und nehm das Geld, das sie mir schicken. Vor einer Woche kam eine Familie mit ihren kleinen Kindern persönlich, um mir Blumen und einen Fresskorb zu bringen. Ich bat sie rein zwischen Pornohefte und die leeren Flaschen. Die Wochenenden bei meinem Vater waren das Beste. In seiner Wohnung war es wie in einem Wald. Ein Wald aus Dingen. Für mich war das alles kein Müll, sondern die Sachen meines Vaters. Wie meine Mutter Sachen hatte und meine Oma und sowieso alle. Nur dass mein Vater eben viel mehr davon hatte. Einen Abenteuerspielplatz voll mit Sachen und kleinen Tieren, die ausgegraben und untersucht werden wollten. Sonntagabends ging mein Vater dann mit mir auf ein Hotelzimmer, wusch mich und meine Kleider. Wir sahen Musikfernsehen, bis alles trocken war und er lieferte mich bei meiner Mutter ab. Wie war‘s mein Schatz? Schön. Die Müllmänner sind in Astronau-


tenanzügen gekommen und haben sein ganzes Leben in schwarze Säcke gestopft und aus der Wohnung geschleppt. Und ich habe ganz still daneben gestanden. Ich habe mal gelesen, dass, ich glaube indische Mönche nach innen abspritzenkönnen. Ich glaube, ich habe nach innen geheult. So viel Leben. Dann hat Mutter mich abgeholt. Morgens, ganz zuerst, laufe ich zum Strand und gehe schwimmen. Ich lege mich auf‘s Wasser, ziehe die rote Badehose aus, halte sie nur noch am kleinen Finger und spüre, wie das Wasser durch meinen Poren in mich eindringt. Der menschliche Körper, das habe ich mal in einem Magazin gelesen, besteht zu 85 Prozent aus Wasser. Ich liege da, lasse mich treiben, lasse mich einweichen, trinke von dem salzigen Wasser, spiele Schiffbrüchiger und lasse mich von der Strömung aufs Meer und zu dem Strudel ziehen. Ich trinke und treibe und träume davon, dass irgendwann das ganze Wasser in mir drin ist, dass meine Haut die Oberfläche von Regentropfen, Flüssen und Meeren ist und ich schlage an die Strände von England, Hawaii, Tokio und Australien. Ich gefriere an den Polen, verdunste in den Wüsten und falle über den Städten. Jeden Morgen dasselbe. Ich treibe um den Strudel. In immer kleineren Kreisen. Und immer in der letzten Runde Stele ich mir vor, wie ich die Milkshakes werde, die aus meiner Oma laufen. Dann ziehe ich meine rote Badehose an und gehe zu meinem Turm. (--)

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I N S PIRATIO N

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Jan Vismann

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H A P PY

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E ND

Eva sagte, man könne sich online beim Geheimdienst bewerben, aber Sam hatte längst andere Pläne. Sie hatten seit Tagen das Haus nicht verlassen, beinahe alle Clint Eastwood Filme gesehen, rumgemacht, zweimal True Romance angefangen (aber zweimal das Ende verpasst) und nahmen sich jetzt nach und nach den Rest der DVD-Sammlung vor. Die Zeit hatte vor einigen Stunden endgültig klein beigegeben, und sie hatten vor, bis in alle Ewigkeit im Wohnzimmer zu bleiben. Sie konnten später nicht sagen, wie sie schließlich auf andere Ideen kamen. War es, weil Eva, während Clint irgendeinen Ganoven verprügelte und Sam sie zu lecken versuchte, trotz der Schmerzensschreie mittendrin einschlief? War es, weil ihnen der Eistee ausgegangen war, vor Tagen, vielleicht Wochen? Oder weil Sam anfing, sich wie Clint Eastwood zu bewegen, wie Clint Eastwood zu sprechen, und Eva begann, in die Vasen ihrer Eltern zu pissen, um nicht mehr raus ins Bad zu müssen? Etwas musste geschehen. Die Hose noch in den Knien schlug sie vor, Clint zu beseitigen. Das war nur Plan C, doch der erste Schritt zur Besserung. Ihr Erfahrungsschatz umfasste inzwischen ein gutes Dutzend Filme über Menschen, die unter ihren derzeitigen Umständen sehr, sehr langsam den Verstand verloren, bis sie sich gegenseitig die Haut abzogen und später geschält und Blut suppend aufgefunden wurden, menschliche Senfgurken, Lichtreflexe auf den im Todeskampf in den Schädel gedrehten Augäpfeln. Meistens waren die entsprechenden Räume abgedunkelt und der Kontrast etwas hochgedreht. In ihrem Fall kam es anders.


Juliane Liebert

Sie hatten Old Boy achtmal gesehen, Natural Born Killers siebenmal und Mulholland Drive zweimal (aber beide Male das Ende verpasst), anders gesagt: For a few Dollars more rettete sie vor dem Wahnsinn. Denn als sie ihn zum 21. Mal sahen, verstanden sie, dass sie einfach ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache stellen mussten, damit alles gut würde. Es gab nur einige kleinere Probleme in der Durchführung: sie waren erst zwölf, hatten ihren Eltern versprochen, das Haus nicht zu verlassen, und sie besaßen keinen Poncho. Also beschlossen sie, selbst einen Film zu drehen. Das war Plan B. Wichtig ist, sagte Sam, dass ununterbrochen gekotzt und Randgruppen hingerichtet werden, dann ist es lustiger. Sie waren zu zweit, und Eva wollte weder hingerichtet werden noch öfter als unbedingt notwendig kotzen, aber sie widersprach nicht. Sie bot sich als Kamerafrau an. Nach einigen Diskussionen stellten sie eine Liste auf Plan A) Einen Film drehen, in dem ununtergebrochen gekotzt und Randgruppenmitglieder abgeschlachtet werden. (Sams Vorschlag) Plan B) Einen Film über ihr späteres sehr angenehmes Leben im Dienste einer guten Sache drehen. (Evas Vorschlag) Plan C) Clint Eastwood töten.

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Sie gingen der Reihe nach vor. Gegen vier Uhr nachts schalteten sie erstmals seit einer Woche den Fernseher aus und verfassten das Drehbuch. Gegen sieben Uhr morgens begannen sie mit dem Üben der Szene, in der Sam seine Bravourrolle als kotzender unterdrückter Scharfrichter geben sollte. (Später würde es heißen: der unerreichbare Höhepunkt der Ein-PersonenComedy, DAS DINNER FOR ONE DER MODERNE, nahm er an.)

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Gegen drei Uhr nachmittags wären sie soweit gewesen, mit dem Dreh zu beginnen, aber die Kamera lag im Hobbykeller. Das war definitiv zu weit weg. Sie schalteten den Fernseher wieder ein und beschlossen, es doch mit Eastwood zu versuchen. Clint Eastwood war zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile nicht mehr einen Meter 92 groß, sondern schätzungsweise nur noch maximal zehn Zentimeter größer als Sam, weißhaarig und mit seinen 79 Jahren vorallem unbeschreiblich alt. Als sie sein Geburtsdatum nachsahen, kicherten sie vor Triumpf. Neunundsiebzig. Das sollte kein Problem sein. Außerdem hatte er vier Oscars. Sam fragte sich, ob die Oscars nach Clints Ableben auf ihn übergehen würden. Er sprach mit seiner Dokumentarfilmerstimme vor sich hin: SAM HERZOG BEGANN SEINE KARRIERE IM ALTER VON ZWÖLF JAHREN MIT VIER OSCARS. Klang gut. Sie überlegten lange und fanden diesmal nur eine einzige Schwierigkeit: sie konnten das Wohnzimmer natürlich nicht


extra verlassen, um Clint Eastwood abzumurksen. Der sollte mal schön herkommen. Sie schrieben ihm eine Email. “Clint, wir sind große Fans. Wir möchten dich gerne kennenlernen und laden dich hiermit in die Bolberstraße 27 zum Mittagsessen ein. Komm doch vorbei. Wir haben keine bösen Absichten. Eva + Sam.” Sie warteten zwei Wochen. Erst gelassen, dann zunehmend frustriert. Nichts. Sie sahen alle 217 Folgen von Rawhide. Nichts. Eva spähte immer, wenn sie die Vasen in den Hinterhof ausleerte, vorsichtig in Richtung des Gartenzaunes, aber Clint ließ auf sich warten. “Wir haben etwas übersehen,” erkannte Sam am 21. Tag des fruchtlosen Wartens. “Es gibt zwei gute Gründe, warum er nicht kommt.”—“Und zwar?” erwiderte Eva.—“Erstens und wichtigstens,” führte er aus, “weil wir keine Waffe haben. Clint würde sich nie einem wehrlosen Gegner stellen.”— “Dann müssen wir es ihm sagen.” sagte Eva. Sie schrieben also noch eine Email. “Clint, keine Angst, du kannst ruhig kommen. Bolberstraße 27. Wir haben Waffen. Herzlich, Eva + Sam”. Die Antwort blieb aus. “Und was war der zweite gute Grund?”, hakte Eva nach. Der zweite gute Grund war, dass sich der namenlose Amerikaner nur mit ebenbürtigen Gegnern abgab. Geld hatten sie ja keines. “Dann müssen wir doch zu ihm gehen und ihm von unserem Können überzeugen, damit wir ihm dann hier auflauern können”, schlug Eva vor.—“Nein,” entgegnete Sam, “ich gehe. Einer von uns muss hierbleiben, falls er doch noch kommt. wir dürfen keine Möglichkeit außer acht lassen.”—“Okay,” sagte Eva. “Dann beeil dich, ich warte hier.

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Und bring Eistee mit!”

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Sie wartete acht Jahre auf Sams Rückkehr. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es einem Verbrecher gehen musste, der eingesperrt war, aber vor seiner Gefangenname noch seine Beute versteckt hat und weiß: sobald er freikommt, ist er reich. Dieser Trost genügte ihr. Was verpasste sie schon? Sie sah im Fernsehen und auf Facebook, wie das wirkliche Leben aussah. Man ging irgendwohin, betrank sich, man verdiente Geld und gab es aus, verdiente wieder welches und gab es wieder aus, Ergebnis: plus minus null und eine Menge Ärger. Sie verkaufte im Laufe der Jahre fast die gesamte Einrichtung auf Ebay. Sie bestellte in dieser Zeit fast zweitausend Pizzen. Sie stellte sich vor, sie habe die Zeitmaschine erfunden, benutze sie aber nur, um zu den Uraufführungen berühmter Filme zu gehen, weil alles andere zu gefährlich wäre. Sie schrieb zwei passable Romane. Sam kam nicht wieder. Sie vergaß, auf die Geräusche von draußen zu achten. Darum bemerkte sie Clint Eastwood erst, als er schon im Zimmer stand. Der Raum war abgedunkelt, trotzdem war sein Schatten wie gezirkelt. Die Kontraste etwas schärfer als gewöhnlich. Clints Haar war das weißeste, was sie seit Jahren gesehen hatte. Er sagte keinen Ton, natürlich nicht, sondern schritt zum Fenster und öffnete es. Sie fiel ob der unerwarteten Sauerstoffzufuhr fast in Ohnmacht. Als ihre Beine nachgaben, fing er sie auf, legte sie auf die Couch, neben dem Fernseher das einzige Möbelstück, das es noch gab, setzte sich neben sie und zündete eine Zigarre an. Davon abgesehen gönnte er ihr keinen Blick. Er griff nach der Fernbedienung und stellte den Fernseher an.


Der Warner-Löwe brüllte, Morricone pfiff. Die Filmwüste war sehr orange und der Filmhimmel sehr blau. Irgendwo schoss jemand, und dann ritt der junge Eastwood ins Bild. Neben ihr beugte sich Clint kaum merklich vor, sie merkte es nur daran, dass die Couch leicht nachgab. Er drückte Pause. Der junge Eastwood und der alte Eastwood starrten sich an. Es herrschte Stille. Weder das alte noch das Filmgesicht zeigten die geringste Regung; sie starrten Minuten lang, die ihr länger vorkamen als die Jahre des Wartens. Dann sah der junge Eastwood beiseite. Clint drückte Play oder hatte Play gedrückt. Der Film lief weiter. “Wo ist dein Freund?” Die Frage kam unvermittelt. “Wir waren verabredet.”—“Nicht da”, erwiderte sie brüsk. “Sie sind zu spät.” Fast schien es, als würde sein einer Mundwinkel ein wenig zucken. “Das stimmt nicht,” sagte er. “Beides nicht. Willst du sehen, was für einen Dreck sie heute drehen?” Er wechselte das Programm. Eine andere Wüste, ein anderer Himmel klappten auf. Vor lauter CGI-Staubwolken sah man den Reiter fast nicht, der sich von rechts näherte. Komischerweise erkannte sie ihn schon von Weitem. Es war Sam. Er ritt durch seine CGI-Sanddünen auf sie und Clint Eastwood zu. Ihre beiden Gesichter spiegelten sich im Bildschirm, das Pferd stapfte mitten durch sie hindurch. Als Sam genau in der Mitte des Screens war, brachte er es zum Stehen. Der gefilmte Sam und der echte Eastwood starrten sich an. Mit einem halben Auge nahm sie wahr, wie Sams Finger sich der Pistole an seinem Gürtel näherten. Wer würde sein

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Gegner sein? Indianer? Verbrecher? Morricone pfiff. Ob Sam sie sehen konnte? Sie wollte ihn gerade rufen, als seine Hand sich um den Pistolengriff schloss. Zwei Schüsse fielen. Der Bildschirm zersplitterte. Noch bevor sich ihre Augen an das Flackern der Drähte gewöhnt hatten, war Eastwoods Waffe wieder im Gürtel. “Steh auf,” befahl er ihr. Sie zitterte. Er zündete sich die nächste an dem funkensprühenden Fernseherrest an. “Du hast nichts dagegen, wenn ich die Couch mitnehme, oder?” Es war keine Frage. “Schön. Dann hilf mir mal Tragen.”

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Zum ersten Mal, seitdem sie vor achteinhalb Jahren mit Sam zuerst The Good, the Evil and the Ugly gesehen hatte, verließ sie das Wohnzimmer. Gemeinsam schleppten sie die alte, dreckige Couch vors Haus in Eastwoods glänzendes Auto. Er nickte ihr zu, drehte den Zündschlüssel und fuhr. Alles war grau. Kein Technicolor für die Realität. Sie ging zurück in das leere Haus. “Sorry,” begrüßte Sam sie, “ich hab verloren. Er war einfach zu schnell.”—“Kein Problem. Nur, er hat die Couch mitgenommen. Und den Fernseher zerschossen.” Sie betrachteten traurig den demolierten Fernseher. “Naja, wir hätten uns nicht mit ihm anlegen sollen.” seufzte er. Sie gab ihm recht. Sam nahm einen Edding und zog eine Umrisslinie, wo das Sofa gewesen war. Sie setzen sich nebeneinander auf den Boden. Sie nahm ihren Rechner auf die Knie, während er die DVDs durchsuchte. Sie sahen sich das Ende von True Romance an. Sie sahen sich das Ende von Mulholland Drive an. Sie bemerkten, dass sie ihr Leben lang immer noch


nichts im Dienst einer höheren Sache getan hatten. Nichts Gutes, nichts Böses, nichts. Sie verbrannten ihr altes Filmskript. Dann setzten sie eine Bewerbung an den Geheimdienst auf: “Hallo Geheimdienst”, schrieben sie, “wir wollen bei euch mitmachen. Wir brauchen keine Qualifikation. Wir sind zutiefst loyal und immer auf der Seite der Gerechtigkeit. Eva + Sam” Dann schlossen sie ab, traten durch den Garten auf die Straße und wurden gut.

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WA H RS C HE IN L ICH N IC H T ALLE S GUT

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WIRD


Geschichten aus dem Internet

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T I N Y

TALE S

Gelangweilt schob Paul das Glas auf das D. 30

So hatte er sich das mit dem Tod eigentlich nicht vorgestellt. Die Witwen am Tisch kreischten. (--)


Fertige Storys in 140 Zeichen; Florian Meimberg

Die Erde bebte, als der Wolkenkratzer donnernd in sich zusammenstĂźrzte. 31

Jonas schrie. Dann sammelte er die BauklĂśtze wieder auf. (--)


Er schwebte auf das Leuchten zu. Es stimmte also: Der Tunnel. Das helle Licht. 32

Nun war es vorbei. Eine Stimme ertönte: „Es ist ein Junge!“

(--)


Um 17:47 starben 3.360.753.755 M채nner. Gleichzeitig. 33

Christopher l채chelte. Die Fee weinte.

(--)


Die Übelkeit. Der Heißhunger. Die ausbleibende Periode. 34

Es gab keinen Zweifel. Maria räusperte sich: „Josef? Wir müssen reden.“ (--)


Stolz schritt die alte Putzfrau durch den Turiner Dom. Der Bischof w端rde sie lieben. Endlich hatte sie dieses fleckige Grabtuch gewaschen. (--)

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A L L ES

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W E G E N

L I L LY

Der Mittwochabend war zu Ende. Das Fernsehprogramm hatte nicht viel getaugt. Theodore, 56, und seine Frau Margaret, 50, gingen zu Bett. Sie waren seit zwanzig Jahren verheiratet und hatten keine Kinder. Ted knipste das Licht aus. Sie lagen in der Dunkelheit nebeneinander. „Na?“ sagte Margaret. „Gibst du mir keinen Gutenachtkuss?“ Ted säufst und drehte sich zu ihr rum. Er gab ihr einen flüchtigen Kuss. „Das nennst du einen Kuss?“ Ted gab keine Antwort. „Die Frau in dem Programm sah genau wie Lilly aus, nicht?“ „Ich weiß es nicht.“ „Du weißt es.“ „Hör mal, fang jetzt nichts an, dann gibt‘s auch nichts.“ „Du willst dich nie auf was einlassen. Du willst immer nur kneifen. Mal ehrlich jetzt: Die Frau in dem Programm sah aus wie Lilly, hab ich recht?“ „Also gut, Eine gewisse Ähnlichkeit war da.“ „Hast du dabei an Lilly gedacht?“ „Ach Gott …“ „Weich mir nicht aus! Hast du an sie gedacht?“ „Einen Augenblick lang, ja …“ „War es ein schönes Gefühl?“ „Nein. Hör mal, Marge, das ist jetzt schon fünf Jahre her.“ „Du meinst, die Zeit heilt alle Wunden?“ „Ich hab dir doch gesagt, dass es mir leid tut.“ „Das es dir leid tut! Ist dir klar, was du mir angetan hast? Angenommen, ich hätte so etwas mit einem fremden Mann gemacht. Wie würdest du dich fühlen?“


Charles Bukwoski

„Ich weiß nicht. Tu‘s doch mal, dann werd ich‘s wissen.“ „Ach, jetzt wirst du auch noch ironisch! Es ist bloß ein Witz!“ „Marge, über die Sache haben wir schon vier- oder fünfhundert Nächte geredet.“ „Als du mit Lilly geschlafen hast, hast du sie da auch so geküsst wie vorhin mich?“ „Nein, ich glaube nicht …“ „Wie dann? Wie?“ „Herrgott, jetzt hör doch auf!“ „Wie?“ „Na, eben anders.“ „Wie anders?“ „Naja, es war etwas Neues für mich. Es hat mich erregt.“ Marge setzte ich im Bett auf und schrie. Dann brach sie plötzlich ab. „Und wenn du mich küsst, ist es nicht erregend – hm?“ „Wir sind einander gewöhnt.“ „Aber das bedeutet doch Liebe: Miteinander leben und älter werden.“ „Okay.“ „Okay?“ Was meinst du mit okay? „Ich meine, du hast recht.“ „Du sagst es aber nicht so, als ob du‘s meinst. Du willst einfach nicht darüber reden. Du hast all die Jahre mit mir zusammengelebt – weißt du überhaupt, warum?“ „Ich bin mir nicht sicher. Man gewöhnt sich eben daran. Wie bei einem Job. Man gewöhnt sich an alles. Es ist eben so.“

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„Du meinst, das Leben mit mir ist wie ein Job. Es ist nur noch ein Job?“ „Nein, bei einem Job drückt man eine Stechuhr.“ „Jetzt fängst du schon wieder an! Das ist ein ernstes Gespräch!“ „Na gut.“ „Na gut? Du Ekel. Du bist schon halb am pennen!“ „Marge, was willst du eigentlich von mir?“ „Na schön, ich sag dir, was ich von dir will. Ich will, dass du mich genauso küsst wie Lilly! Und ficken sollst du mich wie Lilly!“ „Das kann ich nicht …“ „Warum? Weil ich dich nicht errege wie Lilly? Weil es nicht den Reiz des Neuen hat?“ „Ich kann mich an Lilly kaum noch erinnern.“ „Du musst noch genug in Erinnerung haben. Na schön, du brauchst mich nicht zu ficken. Aber küss mich wenigstens wie Lilly.“ „Mein Gott, Marge, ich bitte dich, hör endlich auf damit!“ „Ich will wissen, wozu wie die ganzen Jahre miteinander gelebt haben! Habe ich etwa mein Leben verschwendet?“ „Das tun wir doch alle. Fast alle.“ „Unser Leben verschwenden?“ „Ich glaube schon.“ „Wenn du nur eine Ahnung hättest, wie sehr ich dich hasse.“ „Willst du eine Scheidung?“ „Ob ich eine Scheidung will? Mein Gott, wie gleichgültig du bist! Du machst mein ganzes gottverdammtes Leben kaputt, und dann fragst du mich, ob ich eine Scheidung will! Ich bin fünfzig! Ich hab dir mein ganzes Leben gegeben! Wo soll ich jetzt noch hin?“ „Von mir aus kannst du zum Teufel gehen! Ich kann deine


Stimme nicht mehr hören. Dein Gezeter steht mir bis hier.“ „Stell dir mal vor, ich hätte mich mit einem Mann eingelassen.“ „Hätt‘st du‘s doch nur getan. Ich wollte, du würdest es tun.“ Theodore machte die Augen zu. Margaret schluchzte. Draußen bellte irgendwo ein Hund. Jemand versuchte, seinen Wagen anzulassen. Das Auto sprang nicht an. Es war in einer Kleinstadt in Illinois. Die Außentemperatur betrüg 18 Grad. James Carter war Präsident der Vereinigten Staaten. Theodore begann zu schnarchen. Margaret stand auf, ging zur Kommode, zog die unterste Schublade auf und nahm den Revolver heraus. Kaliber 22. Er war geladen. Sie legte sich wieder zu ihrem Mann ins Bett. Sie rüttelte ihn. „Ted, Darling, du schnarchst …“ Sie rüttelte ihn noch einmal. „Was ist …“? fragte Ted. Sie entsicherte die Waffe, setzte die Mündung auf die Seite seiner Brust. die ihr am nächsten war, und drückte ab. Das Bett wippte jäh auf und nieder. Sie nahm die Waffe weg. Ein pupsender Laut drang Theodore aus dem Mund. Er schien keine Schmerzen zu haben. Im Mondlicht sah sie, das das Loch in seiner Brust sehr klein war und kaum blutete. Sie setzte die Waffe auf die andere Seite der Brust und drückte noch einmal ab. Diesmal gab er keinen Laut von sich. Aber er atmete weiter. Sie beobachtete ihn. Die Wunde begann zu bluten. Das Blut stank entsetzlich, Jetzt, wo er im Sterben lag, war er ihr fast wieder nahe. Doch wenn sie an Lilly dachte … wie er sie küsste, und all das andere … da hätte sie am liebsten gleich nochmals abgedrückt. Ted hatte in Rollkragenpullovern immer flott ausgesehen. Grün stand im besonders. Und wenn er im Bett einen fahren ließ, drehte er sich immer auf die Seite.

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Er furzte sie nie an. Er fehlte auch selten einen Tag bei der Arbeit. Nun, morgen würde er fehlen … Margaret lag noch eine Weile schluchzend da. Dann schlief sie ein. Als Theodore zu sich kam, hatte er das Gefühl, als stecke links und rechts ein langes scharfes Schildrohr in seiner Brust. Es tat eigentlich nicht weh. Nur so ein taubes Gefühl. Er legte beide Hände auf die Brüste und hob sie ans Mondlicht. Sie waren voll Blut. Er konnte sich das nicht erklären. Er sah Margaret an. Sie schlief, und in der Hand hielt sie den Revolver, den er ihr vor Jahren gekauft hatte, damit sie sich verteidigen konnte, wenn sie allein im Haus war. Er hatte ihr gezeigt, wie man damit umgeht. Er setzte sich, und das Blut quoll jetzt rascher aus den beiden Wunden in seiner Brust. Margaret hatte auf ihn geschossen, während er schlief. Wegen der Sache mit Lilly. Dabei war er mit Lilly noch nicht einmal zu einem Orgasmus gekommen. Ich bin so gut wie tot, dachte er. Aber wenn ich es schaffe von hier wegzukommen, habe ich vielleicht noch eine Chance. Er tastete mit der einen Hand zu ihr rüber und löste vorsichtig ihre Finger von der Waffe. Der Revolver war noch entsichert. Ich will dich nicht umbringen, dachte er. Ich will nur weg von dir. Ich glaube, ich will schon seit mindestens fünfzehn Jahren von dir weg. Es gelang ihm vom Bett hochzukommen. Er richtete den Revolver auf ihren rechten Oberschenkel. Und drückte ab. Sie schrie auf, und er hielt ihr den Mund zu. Er wartete eine Weile. Dann nahm er die Hand weg. „Theodore, was tust du?“ Er richtete die Waffe auf ihren linken Oberschenkel und drückte ab. Er erstickte ihren Schrei, indem er ihr wieder die

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Hand auf den Mund drückte. Er wartete eine Weile, bis er die Hand wegnahm. „Du hast Lilly geküsst“, sagte Margaret. Es waren noch zwei Patronen in der Trommel. Ted richtete sich auf und sah an sich herunter. Die Wunde auf der rechten Seite hatte aufgehört zu bluten. Aus der linken Wunde spritze in regelmäßigen Abständen ein dünner Blutstrahl. „Ich bring dich um!“ sagte Margaret. „Du hast es wirklich vor, wie?“ „Ja, ja! Und ich tu es auch.“ Ted spürte, wie ihm schwindelig und übel würde. Wo blieb die Polizei? Man müsste die Schüsse doch gehört haben. Wo blieben sie? Achtete denn niemand mehr auf eine Schießerei? Sein Blick fiel auf das Fenster. Er hob den Revolver und schoss durchs Fenster. Seine Kräfte ließen immer mehr nach. Er sank auf die Knie, rutschte zum nächsten Fenster und schoss noch einmal. Die Kugel hinterließ ein rundes Loch im Glas. Die Scheibe zerbrach nicht. Ein schwarzer Schatten glitt an ihm vorüber und verschwand. Ich muss der Revolver durchs Fenster werfen, dachte er. Theodore nahm seine ganze Kraft zusammen. Er traf den Fensterrahmen. Die Scheibe ging entzwei, aber die Waffe fiel ins Zimmer zurück. Als er wieder zu sich kam, stand seine Frau über ihm. Tatsächlich, sie stand. Auf den beiden Beinen, die er ihr durchgeschossen hatte. Sie lud die Waffe nach. „Ich bring dich um“ sagte sie. „Marge, um Himmels willen, hör mir zu. Ich liebe dich!“ „Kriechen sollst du, du verlogener Hund!“ „Marge, bitte nicht ..“ Theodore kroch auf allen Vieren aus dem Zimmer.


Sie folgte ihm. „So, es hat dich also erregt, als du Lilly geküsst hast – hm?“ „Nein, nein! So war es gar nicht! Ich hab mich davor geekelt.“ „Ich werde dir deine verdammten Knutschlippen wegpusten!“ „Marge! Mein Gott! …“ Sie drückte ihm die Mündung seitlich an den Mund. „Da hast du einen Kuss.“ Sie drückte ab. Die Kugel riss ihm die Unterlippe und einen Teil seines Kiefers weg. Er blieb bei Bewusstsein. Er sah einen seiner Schuhe am Boden. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und warf den Schuh gegen ein Fenster. Das Glas splitterte, doch der Schuh fiel innen herunter. Margaret richtete die Waffe gegen ihre Brust. Sie drückte ab. Als die Polizei die Tür aufbrach, stand Margaret noch schwankend da, mit dem Revolver in der Hand. „All right, lassen sie die Waffe fallen!“ rief einer der Polizisten. Theodore versuchte immer noch wegzukriechen. Margaret zielte auf ihn und Schoß, doch sie traf ihn nicht. Dann sank sie in ihrem violetten Nachthemd zu Boden. Der zweite Mann aus dem Streifenwagen rannte zu Theodore hin und beugte sich zu ihm herunter. „Was war denn hier los?“ fragte er. Theodore wandte den Kopf. Sein Mund war nur noch rote Masse. „Skirrr“ sagte Theodore, „Skier …“ „Ich hasse diese Ehekräche“ sagte der andere Polizist. „Jedes Mal ein Schlamassel …“ „Yeah“, sagte der Kollege. „Ich hatte grad heute früh einen Krach mit meiner Frau. Man kann nie wissen …“

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„Skier“, machte Theodore … Lilly war zuhause und sah sich im Fernsehen einen alten Film mit Marino Brando an. Sie war allein. Marino war schon immer ihr großer Schwarm gewesen. Sie ließ einen dezenten Pupset. Dann zog sie die Morgenrock über die Schenkel hoch und begann, sich zu fingern. (--)

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Carl-Christian Elze

„Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen“, sagt C. Da befinde ich mich also an einer Ecke auf einer Kugel, die mit mir durch einen schwarzen Raum fliegt. Obwohl gerade die Sonne auf mich scheint und ich die Schwärze gar nicht denken kann. Der Himmel ist herrlich blau. Keine Ahnung, wer die Kugel abgefeuert hat. Waffe unbekannt, Täter unbekannt, Tatzeitpunkt unbekannt. Was das nur soll? Da ist doch noch gar nichts passiert; das Geschoss fliegt doch noch. Stehe mit dem Kopf nach unten, nicht mal die Haare stehen oben ab. Es gibt eine Kraft, die mich am Boden hält, es gibt eine Windschutzscheibe, die mir erlaubt, extrem schnell mitzufliegen, ohne dass mir die Augen austrocknen. Gut möglich, dass ich einem ausgetrockneten Baum neben mir ein Glas Wasser einschenke, wie es eine Stewardess auch tun würde, selbst auf einem Kurzstreckenflug. Wir fliegen nur eine Ultrakurzstrecke, bis wir mit Schleudersitzen rauskatapultiert werden und das Mordsding einfach weiter zieht. Die Angst vor dem Schleudersitz lastet erheblich auf unseren an sich stabilen Nervenkostümen. Es werden unmenschliche Kräfte auf uns wirken, denken wir. Denke ich; das ist es ja, was bei übermäßigem Gebrauch so höllisch weh tut. Immer mehr Flugzeit vergeht. In die Ecke getrieben springt mich der perfekte, kugelförmige Gedanke erst richtig an: Da befinde ich mich also auf einer Kugel, die mit mir durch einen schwarzen Raum fliegt. Obwohl gerade die Sonne scheint. Der Himmel ist

F L UG S CH R EI BER . K U R ZE A U S W ERT UNG.

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herrlich blau. Neben mir ein ausgetrockneter Baum. Es beginnt zu regnen. Ganz vertrauensselig stehe ich plötzlich da, ganz angenehm schmerzfrei. Kein Täter in Sicht, kein Opfer in Sicht, nur ein mit Menschen besetztes Geschoss. Ein Geschoss, auch wenn es vermenschelt ist, denke ich dann, ist doch kein Opfer; wär doch ein Unding. Die Erde ist wunderschön, wunderlich rund, alles läuft rund, nicht nur vom Space Shuttle aus gesehen. Eigentlich gut, wenn es keinen Seelenflug gäbe. Sagenhaft erdsüchtig steh ich da; will bleiben, sage ich mir, so oder so. Dass es kein Programm in mir gibt, Gott zu begreifen, ist der sicherste Gottesbeweis! Staune ja selbst, dass ich derart stabil klingen kann. Sage mir: Nichts ist angsteinflößender, als begreifen zu wollen, was nicht zu begreifen ist. Nur das Staunen bewahrt dich vor dem Verzweifeln. –Es gibt Tage und Wochen, wo mich nichts mehr in Staunen versetzt. Stumpfer Flug. Ich vergesse dann ganz, dass es mich ständig wundert, dass ich mich über nichts mehr wundern kann. Auch das ist kugelförmig und absurd. Im Grunde zum Kugeln, doch gar nicht erwünscht. Lieber das Absurde, das mich aus mir heraustreten lässt und mich staunend macht! Forderungen zu stellen ist absurd. Von allen Seiten regnet es Splitter; Einschläge des Absurden. So ein Riesensplitter heißt Tod. Solange du über den Tod staunen kannst, lässt‘s sich doch leben, sage ich mir und bemerke erste Anzeichen dafür, dass das Ganze gar nicht mehr recht stabil in mir klingt. Beginne zu schreiben. Die Angst fliegt auf‘s Papier. Reite auf der perfekten Kugel. Werde ruhig dabei. Die Kugel, die für mich bestimmt war, hat mich gerade verfehlt. Bin für den Moment unverletzbar. Völlig absurd, sich zu wünschen, man hätte immer ausreichend Angst. Völlig absurd sich zu wünschen, man hätte nie Angst. Scheiß drauf, schön wär das schon. 47


D IE

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ÜBLIC HE

KL ÖT EREI


Andreas Steinbrecher

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W ILLK ÜRE NR IT T

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Mein Telefon klingelt. Das macht es oft, denn täglich versuchen mehrere Menschen mich zu erreichen. Häufig geht es um ihre Existenz. Dass das Telefon klingelt, ist in Ordnung. Was mich allerdings stört, ist, dass das Display des Telefons die Nummer des Anrufers nicht anzeigt. Ich möchte immer gerne wissen, welche Nummern die Bürgerinnen und Bürger haben, die versuchen, mich zu erreichen. Die Nummern notiere ich mir dann und schreibe sie später nach Dienstschluss in die erste Spalte einer Excel Tabelle. Jede Telefonnummer ist eine Trophäe, steht für ein Gespräch, das ich in meiner Amtszeit geführt habe. In die zweite Spalte trage ich hinter jeder Nummer ein beeilt oder ein abgelehnt ein. Eines Tages werde ich diese Liste, von der ich stets mehrere Sicherheitskopien habe, auf dem edelsten Papier ausdrucken und binden lassen. Das Buch wird der Beweis der unermüdlichen Erfüllung meiner Pflicht sein und ich werde es meinem Enkelsohn am Tage meiner Pensionierung schenken, damit er auch Beamter wird. Ich kann jetzt schon seine Freudentränen vor meinem inneren Auge sehen, wie begeistert er sein wird, zu erkennen, was für ein bedeutender Mann sein Großvater war. Er wird ein guter Mensch werden, ein guter Staatsdiener. Es fällt mir nicht leicht, es zu sagen, aber mein Sohn ist nie Beamter geworden und lehnt es auch bis heute ab. Bei mir selbst kann ich keine Schuld dafür erkennen, meine Frau muss die entschiedenen Fehler in der Erziehung gemacht haben. Natürlich, sie ist einigermaßen streng, aber eben nicht streng genug. Sie hätte ihm niemals erlauben dürfen, in einem Bett anstatt wie ich in einem Aktenschrank zu schlafen. Auch


Andy Strauß

das ganze Fast-food, dass sie ihm erlaubt hat, war schlecht. Der Mensch muss die exakten Rezepte für das, was er isst, kennen, sonst weiß er irgendwann nicht mehr, was er ist. Denn als mein Sohn zur Welt gekommen ist, war er noch ein guter Beamter. Er wurde an einem Mittwoch um vierzehn Uhr siebenunddreißig geboren und als ich ihn nach Dienstschluss um siebzehn Uhr sechzehn das erste Mal in die Luft gehalten hatte, sah ich ganz klar den Beamten in seinen Augen. Dann schlief er Nacht um Nacht in seinem Kinderbettchen und verlor ihn dort ziemlich schnell. Cynthia, was hast du nur getan? Als Jugendlicher machte der Junge seinen Realschulabschluss was bereits für ein tolles Amt gereicht hätte, dann setzte er sogar noch ein Abitur drauf. Ich dachte an den gehobenen Dienst, er an etwas anderes. Während der ganzen Zeit arbeitete ernebenher als Zeitungsjunge. Das Geld, was er damit verdiente, sowie die Hälfte des monatlichen Taschengeldes, dass er exakt nach den Empfehlungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (früher Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit) erhielt, legte er zurück und leistete sich sofort nach dem Abitur den Führerschein und einen alten Mercedes, dessen TÜV abgelaufen war und den er selbst wieder fit machte. Es sei sein Traum meinte er. Man sieht wo es hinführt, wenn Kinder in Kettchen schlafen. Sie träumen dann von unsinnigen Autos und nicht von Stempeln und Papierbögen. Als Beamter hätte er so einen Schnickschnack gar nicht nötig. Wir hätten ihm schön bei der Stadt ein gutes Amt zugeschustert, dann hätte er schön in die gute Wohnung über Cynthias und meiner ziehen können

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und ich hätte ihm schön eine gute Frau zugeschustert. Wahrscheinlich wäre ich jetzt schon Großvater. Jeden Morgen hätten wir gemeinsam zum Amt laufen können. Ich weiß doch, dass mein Junge nicht mehr so gern alleine morgens herum läuft, seit er damals beim Zeitungsaustragen von einem Betrunkenen verprügelt worden war. Aber sowas komm von so was, und als Beamter wäre ihm das nicht passiert. Denn als Beamter ist man zu wichtig, um verprügelt zu werden. Ich würde auch auf den Zeitungsjungen einschlagen, wenn ich ihn dabei erwische, wie er mir schlechte Nachrichten bringt.

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Wenn mein Telefon im Büro klingelt, dann tut es das gleichmäßig. Egal wie lange ich es klingeln lasse, es wird nie quengelig, ganz anders als Kinder, die nicht Beamter werden wollen. Das Telefon kann warten. Und wenn der Anrufer es nicht nötig hat, sich auszuweisen, sondern seine Nummer lieber unterdrückt, dann muss es das auch. Telefonnummern sammle ich schon länger, als es ISDN gibt. Früher habe ich mir die Nummern von den Anrufern diktieren lassen, damit ich die Bürger einschätzen konnte. Nummern lügen nicht. Wenn die Anrufer schöne Nummern haben, dann ist es Wahrscheinlicher, dass ich ihre Gesuche bewillige. Nicht leiden kann ich Telefonnummern, in denen die Zahlenfolge zwei sieben neun vorkommt. „Ein Zwosiebenneuner, aha!“, sage ich dann, rümpfe die Nase und greife nach dem extra großen ABGELEHNT-Stempel. Schreckliche Zahlenfolge. Der durchschnittliche Anrufe in meinem Büro lässt es neunmal klingeln, bevor er auflegt. In anderen Büros und auf anderen Ämtern ist es oft weniger, woran man erkennt, wie wichtig ich bin. Der Anrufer, der jetzt versucht, mich zu erreichen, ist gerade beim dritten Klingeln. Ich nehme eine Akte


von einem Stapel, mache ein Eselsohr in die links-obere Ecke, dann rieche ich am Papier. Nach dem vierten Klingeln schaue ich erneut auf das Display, ob vielleicht jetzt eine Nummer angezeigt wird. Das ist noch nie vorgekommen, aber man kann ja auch nie wissen, auch die Telekommunikation macht schließlich Fortschritte. Ich schaue immer nach dem vierten Klingeln nach, Laster würde ich das nicht nennen. Sicher, einige Leute behaupten, dass der Mensch ein Laster braucht, aber ich bin gegenteiliger Meinung. Die einzigen Menschen, die meines Erachtens Laster brauchen, sind Fernfahrer und Spediteure. Und wenn Fernfahrer noch mehr Laster haben, dann habe ich es in der Hand, ihre Existenz zu zerstören, indem ich ihr Gnadengesuch ablehne. Das fünfte Klingeln ist vorüber und ich bringe meinen ABGELEHNT-Stempel in Position, wobei mein Glied so hart wird wie das Holz des Stempels. Die meisten Leute sind doch selbst Schuld, wenn sie ihre Führerscheine verlieren und wenn ihre Existenz vom Fahren abhängt, dann sollten sie einfach besser aufpassen und sowohl ordentlich als auch nüchtern ihr Fahrzeug betreiben. Wenn sie bei mir anrufen, haben sie es besonders eilig, denn die Anträge sind in jedem Fall schriftlich einzureichen. Zeitgleich mit dem fünften Klingeln hat mich die Vorstellung eines Außendienstmitarbeiters im Anzug, der jetzt gerade um seinen Job bangt, so auf Touren gebracht, dass ich mit meiner linken Hand nach meinem Genitalstempel und mit der rechten nach dem Telefonhörer greife. „Bußgeldstelle, wo bis nullvier.

Kassenzeichen Herr Röhrmann,

guten

nullzTag?“

„Happy Birthday to you! Happy Birthday to you! Happy Birthday, lieber Papa, happy birthday to you! Alles Liebe zum Geburtstag!“

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Es ist ein Anruf von meinem Sohn, dem Taugenichts. Meine Erektion verschwindet in derselben Sekunde wie meine gute Laune. „Du kleiner Scheißer, diese Nummer ist nicht für private Gespräche! Was fällt dir eigentlich ein? Hat deine Mutter dir das wieder eingeredet?“ schreie ich entsetzt in den Hörer. „Aber…“ sagt er, doch da habe ich bereits die Taste zum Beenden des Gesprächs gedrückt. Ich lege den Hörer neben das Telefon, greife nach dem Stempel und drücke mir ein großes, schwarzes ABGELEHNT auf denselben Penis, aus dem irgendwann mal die Hälfte meines Sohnes geschwommen kam. Dann noch etliche, weitere auf irgendwelche Gnadengesuche. Erst am Ende des Abends, als ich vor meiner Excelltabelle sitze, stelle ich fest, dass ich mir die Nummer meines Sohnes nicht habe diktieren lassen. Zum ersten Mal in meiner Laufbahn. Inkonsequenz ist eine ansteckende Pest. (--)

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I M P RE SS UM

Herausgeber: Paul Schoemaker Fotos, Texte, Illustrationen: Benjamin Maack Jan Vismann Andy Strauß Florian Meimberg Juliane Liebert Andreas Steinbrecher Carl-Christian Elze Charles Bukowski Alle Inhalte, bei denen keine Quellen angegeben sind, stammen vom Herausgeber. Das Magazin ist entstanden im Kurs „Magazinwelten“ an der FH Düsseldorf unter der Leitung von Andreas Liedtke.



Nichtsdestotrotz – Magazin für kurze Geschichten