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Pauline Pommerenke 861514 Kulturgeschichte des Mรถbels 1 Innenarchitektur Bachelor WS 2011/2012 FH Kaiserslautern


„Je kaputter die Welt draußen, desto heiler muss sie zu Hause sein.“ Reinhard Mey


Inhaltsverzeichnis Design orientiert sich am Menschen

Seite 3

Materialien des Möbeldesigns Seite 11 Farben Seite 19 Möbel werden multitasking-fähig

Seite 25

Was braucht ein Möbel um ein Klassiker zu sein?

Seite 31

Design heute - Ausdruck eines Lebensstil

Seite 37

Fazit Seite 43


Design orientiert sich am Menschen


Jeder Mensch möchte nach längerer Abwesenheit, nach einem stressigen Arbeitstag oder auch nach einem langen Urlaub nach Hause kommen. Unser Zuhause ist unser Zufluchtsort, der Ort, an dem wir uns wohl und geborgen füh-len. Hierbei ist es auch egal, ob wir in einem Schloss, einer Villa, einem Haus-boot, einer Waldhütte oder einer Berghöhle wohnen. Jeder Mensch sucht sich den Ort, den er für sich passend findet und richtet ihn so ein, wie es ihm selbst beliebt. Hierbei spielen viele Faktoren eine große Rolle, wie Design, Funktionalität und Farben. Aber auch die verschiedenen Stile aus verschiedenen Zeitepochen sind sehr gefragt. Von konservativen, klassischen, traditionellen bis hin zu pro-gressiv-experimentellen Formen ist heutzutage alles vorhanden und jeder kann sich nach seinen eigenen Vorstellungen einrichten. Man darf hierbei auch nicht die familiären Umstände in denen man aufgewachsen ist und das aktuelle Umfeld vernachlässigen. Gerade dann, wenn junge Leute das erste Mal ihre eigene Wohnung beziehen, gleicht diese oft den heimischen Ver-hältnissen. Erst mit Kennenlernen anderer Leute und anderer Lebensstile ver-ändern sich auch der Geschmack und die Auffassung vom Design. Somit kann man sagen, dass sich das Design und auch

die Möbelgestaltung an die Bedürfnisse und Vorlieben der Menschen angleichen. Es ist egal ob es sich hierbei um psychische oder körperliche Bedürfnisse handelt oder einfach nur um den Wunsch, ein visuelles „Erlebnis“ im Wohnzimmer stehen zu haben. Deshalb folgt das Design auch keinen Regeln oder Formeln, sondern es orien-tiert sich allein an den Bedürfnissen und Interessen von jeweiligen Gruppen oder Personen, denen es dienlich sein soll. Das ist auch der große Unterschied zwischen Design und Kunst. Das Design ist im Gegensatz zur Kunst zweckdien-lich und funktional. Doch gerade diese hohen Ansprüche an das Design macht es so schwierig, einen „guten“ Entwurf zu schaffen. Das Design muss mehreren Funktionen gerecht werden: einmal der praktischen, der formalästhetischen und dann der symbolischen Funktion. Die praktischen Eigen-schaften beziehen sich allein auf die Tatsache, ob das Objekt die Funktion erfüllt, für die es entworfen wurde, z. B. die Schere schneidet gut. Dazu kom-men dann die ästhetischen Aspekte, die von den verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. So findet eine Person eine weiße Holzkiste als Sitzgelegenheit zu einfach, steril und langweilig und eine andere Person diese klassisch, reduziert und 5


restaurierter Schrank

„Upcycling“-Koffer als Ablagefläche

The Invisibles Light von Kartell-Möbel aus Polykarbonat gegossen


interessant. Wie jemand eine Form oder Gestaltung eines Möbels empfindet, hängt stark davon ab, wie er die Kom-plexität der Form und der Farbe wahrnimmt und bewertet. Diese Wahrneh-mung unterscheidet sich je nach Region oder Kultur von verschiedenen Per-sonen. Es gibt aber auch übereinstimmende Wahrnehmungen, die sich bis über die Landesgrenzen hinweg gleichen, z. B. kann ein großer roter Hebel alleine durch die Tatsache, dass er rot ist, anzeigen, dass er wichtig ist. Die symbolische Funktion bezieht sich eher auf eine gesamte Gruppe. Ein teu-res Auto soll zum Beispiel den Stellenwert seines Besitzers unterstreichen. Aber auch für einzelne Menschen kann ein Gegenstand eine Bedeutung haben (z. B. als Andenken). Die Schwierigkeit besteht nun darin, all diese Funktionen auf die Gesellschaft oder eine Personengruppe anzugleichen. Hierbei spielen aktuelle Trends in Technik, Materialien, Farben aber auch Politik eine große Rolle. So wird es in den letzten Jahren immer wichtiger, nachhaltige und ökologische Produkte zu entwerfen und herzustellen. Viele Designer konzentrieren sich verstärkt auf das Aufwerten und Restaurieren alter Möbel oder auch ans „Upcycling“.  

Der Unterschied zum Wiederverwerten ist, dass beim „Upcycling“ ein Grund-rohstoff möglichst ohne Fremdenergie und abfallfrei aufbereitet wird. Es ent-stehen keine Abfallprodukte, die die Umwelt belasten oder sogar schädigen könnten. Durch diese Verfremdung oder auch Umfunktionierung von Material und Ge-genständen entstehen nicht nur funktionale, sondern auch objekthafte Möbel. Der Wunsch nach Individualität wird immer größer und die Möbel sollen immer mehr einer Plastik oder Skulptur gleichen. Jedoch soll sich diese nicht vom Raum abgrenzen, sondern sich integrieren und am besten mehrere Funktionen bedienen. Veränderte Lebensgewohnheiten, höhere Ansprüche an den Komfort und an die Materialien führen dazu, dass sich das Möbeldesign ständig verändert. Das Möbel soll nach seinem Zweck gestaltet sein und über die Ansprüche hinaus dem Besitzer gerecht werden. So soll das Möbel leicht und schnell zu montieren sein. Es soll stabil und dennoch filigran und leicht wirken. Es soll eine Funktion bedienen aber durch wenige Handgriffe noch einen weiteren Zweck erfüllen. So werden im Bereich der Materialien immer neue Methoden und Stoffe entwickelt, um den Wünschen der Kunden gerecht zu werden. 7


Club von die Collection

Wall in One von Abstracta


So hatte man früher einen Vollholztisch aus Eiche in der Küche zu stehen und heute steht dort ein Gestell aus Carbon mit einer Verbundplatte als Tischfläche. Auch der ungenutzte Platz unter den Tischen findet heutzutage eine neue Funktion. So werden zusätzlich unter der Tischplatte Schubladen angebracht oder einfach eine zusätzliche Platte als Ablagefläche. Auch die Couch im Wohnzimmer kann, wenn Gäste hier übernachten, ganz einfach ausgeklappt und als Bett genutzt werden. So schafft man auch mit nur wenig Platz viel Platz und erhöht den Wohnkomfort. Die Funktion prägt immer mehr das Aussehen der Gegenstände. Übertriebene Schnörkel, Dekors und auch Ornamente gehen immer mehr verloren. Sie werden lediglich mal für Akzentuierungen oder als Bestandteil des Objektes integriert. Vorherrschend sind aber die großzügigen und klaren Formen, die stark von der Avantgarde geprägt und publiziert wurden. Heute gilt nicht mehr: „Weniger ist mehr.“, sondern „Weniger, aber besser.“ Ein hochwertiges, klares, schnörkelloses Design ist sicherlich auch ein Rezept für einen zeitlosen Klassiker. 9


Materialien des Mรถbeldesigns


Carbon

Verbundplatten


Das Möbeldesign bewegt sich heute in zwei Richtungen. Einerseits werden immer neue Hightech-Materialien entwickelt, die die Möbel leichter machen und eine einfachere Montage ermöglichen, aber dennoch stabil und langle-big sind, wie zum Beispiel leichte Konstruktionen aus Carbon oder Verbund-platten. Aber auch die Kombination mit eher untypischen Materialien wie Me-tall, Netz oder Textilien setzt sich durch. Andererseits suchen viele Designer den Weg zurück zum Handwerk und zu nachwachsenden Materialien. So wird immer öfter Holz, Naturstein, Bambus, Flechtwerk und Fell verwendet. Das zeigt auch wieder die Vielfältigkeit unserer Zeit und dass heute alles möglich ist. Aber nicht nur „Holz“ als ökologischer Rohstoff erfreut sich großer Beliebtheit, sondern auch andere Materialien, wie Leder, Baumwolle, Leinen, Wolle und Filz bei den Möbelbezugstoffen und auch Flechtwerken. In Kombination mit neuen Technologien, wie der Microfasertechnologie, können die Materialien so verändert werden, so dass sich die Oberflächenstruktur stark verändert und eher untypisch für das jeweilige Material wird. So können in den Oberflächen der Stoffe verschiedene Farbnuancen vorherrschen und jedes beliebige Mus-ter annehmen.

Aber auch bei den Möbeloberflächen finden geölte und gewachste Bio – Oberflächen hohen Zuspruch. Hierbei ist „bio“ nicht gleich „öko“. Das heißt Bio-Oberflächen sind keine groben, unbehandelten Möbel, sondern diese Materialien können wieder in den Kreislauf der Natur gelassen werden, ohne dass irgendwelche Umweltschäden entstehen. Besonders in dieser Zeit, in der der Umweltschutz groß geschrieben wird, werden diese Produkte von den Herstellern und Designern vorzugsweise verwendet. Auch Korb- oder Rattanmöbel finden immer mehr Anklang bei der Allge-meinheit. Die großen Vorteile dieser Produktionsart sind, dass sich auch ein-heimische Pflanzen wie Weiden zu Flechtwerken verarbeiten lassen. Es hat eine warme und wohnliche Ausstrahlung und es ist leicht zu transportieren, weil das Material sehr leicht im Gewicht ist. Aber auch Designs aus verschiedenen Ländern finden bei uns und auch in anderen Ländern Liebhaber. So werden unter anderem Holzmasken aus Afrika ins Wohnzimmer gehängt oder asiatische Shoji-Papierschiebetüren als Raumteiler verwendet. Das zeigt, wie sehr die Welt zusammenrückt und es kaum noch das klassische regionbezogene Wohnen gibt, sondern dass die Menschen 13


Rattanmรถbel


offen für Neues und auch neugierig sind. Sehr beliebt sind auch die aus Asien stammenden Papierleuchten. Auch wenn die bei uns handelsüblichen Lampen nicht mehr mit dem Original aus Asien verglichen werden können, sie sind aus unseren Wohnzimmern nicht mehr wegzudenken. Sie sind in jeder erdenklichen Farbe, Muster und Form zu erhalten, weshalb sie so gut wie in jede Inneneinrichtung passen. Die Beliebt-heit ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, weil die Leuchte ein sehr ange-nehmes und diffuses Licht ausstrahlt. Schon am Bauhaus wurde mit Lichtstimmung und -streuung experimentiert. Das Ziel war es, ein angenehmes und „unauffälliges“ Licht zu schaffen. Am Bauhaus verwendete man im Zuge des-sen Opalglas, heute bestehen sie vorzugsweise aus Papier, welches leichter und auch viel kostengünstiger ist. Die meisten Materialien, die heute eingesetzt werden, sollen einen Kontrast setzen und stellen eine Verbindung zum Ladenbau her. Der Ladenbau setzt auf klare und eindeutige Strukturen, die mehr und mehr auch Einzug in unsere Wohnungen halten. Die Menschen möchten ein klares und aussagekräftiges Design, ohne aufdringlich oder „schreiend laut“ zu sein. So findet die Kombination aus Holz, Glas, Aluminium und Stahl immer mehr

Liebhaber. Die Mate-rialien wirken im Zusammenspiel technisch und industriell, was auch schon im Bauhaus produziert wurde. Außerdem wirken die Möbel durch die schmale und leichte Konstruktion edel und hochwertig. Durch die klare Formgebung ist der Vergleich zum Messe- und Ladenbau nicht allzu entfernt und auch das Verwenden von Glas in verschiedensten Ausführungen (Milchglas, satiniert, geätzt, klar, matt oder bedruckt) lässt Blicke auf Exponate oder anderen De-kors zu, die die Assoziation zu einem Schaufenster zulassen und somit hervor-gehoben und edel wirken. So sind Gegenstände verstaut, aber trotzdem ersichtlich und können präsentiert werden, ohne dass es unaufgeräumt oder gar chaotisch wirkt. Gerade in der heutigen Zeit ist es den Menschen wichtig zu zeigen, wie und wer sie sind, was sie besonders macht und was sie haben. Der Werkstoff „Holz“ wird zunehmend von besonders jungen Designern wieder verwendet. Auch wenn es nicht sehr oft vorkommt, sind die meisten Produkte sehr gut handwerklich ausgeführt, ohne dass sie grob oder rau wirken. Doch auch hier gibt es zunehmend Holzimitate. Meistens sind es einfache Kunststofffurniere, die mit einem Holzmuster bedruckt sind. 15


One by One von BELUX

367 Hola von Cassina

Puppy von Magis


Allerdings haben diese nicht die positiven Eigenschaften des Holzes, wie die Wärme. Hinzukommt, dass meistens das Kunststofffurnier sehr schnell ab nutzt. In anderem Bereichen ist der Kunststoff jedoch gern gesehen und auch nicht mehr wegzudenken. Der industriell hergestellte Stoff bietet viele Verwen-dungsmöglichkeiten und ist in vielen Farben erhältlich. Dadurch, dass er ther-moplastisch verformt werden kann, bietet der Stoff eine Vielzahl an kreativen Lösungen und lässt auch viel Raum für Experimente und Spielereien. Jedoch haftet dem Material immer noch die negativ belastete Bezeichnung des „bil-ligen Ersatzstoffes“ an. Durch die Weiterentwicklung des Stoffes hat es jetzt ein positiveres Image eines ökologischen und guten Materials mit edler Wirkung. Durch eine matte oder glänzende Oberfläche, transparent, verschiedenen Farben und Muster kann es in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt werden.

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„Die Erfahrung lehrt uns, daß die einzelnen Farben besondere Gemütsstimmungen geben.“ Johann Wolfgang von Goethe


Farben


Wir sind jeden Tag von den verschiedensten Farben umgeben, die uns beeinflussen. Allein durch eine Farbe kann man die Gemütsstimmung eines Menschen lenken. Zum Beispiel empfinden die Menschen in unseren Breitengraden ein rotes Licht als sehr angenehm und wohltuend. Im Gegensatz dazu ist ein warmes Licht für Menschen, die in sehr heißen Gegenden wohnen, eher unerträglich und ein kühles blaues Licht angenehmer. Und so beeinflussen uns auch die Farben der Möbelstücke. Heute werden Farben häufiger und auch mutiger verwendet als früher. Besonders im Schmuckdesign und auch die Accessoires werden immer farbenfroher und peppiger. Im Objektdesign und auch in der Architektur werden Farben hauptsächlich als Akzente eingesetzt, um das menschliche Auge nicht zu überreizen. Stark im Trend liegen Creme- und Erdtöne, die mit einem leichten Farbakzent kombiniert werden. Aber auch Weiß wird sehr oft und gerne verwendet, weil es mit allen Farben sehr gut harmoniert und als symbolische Farbe für Reinheit, Sauberkeit und Eleganz gilt. Als Kontrast werden auch gerne ein dunkles Holz und Metallgriffe eingesetzt, die im Zusammenspiel eine hohe Eleganz ausstrahlen. Häufig sieht man auch sehr knallige Farben, die mit

Schwarz als Kontrast kombiniert werden, was ebenso hochwertig aussieht, wie die Kombination mit Weiß. Jedoch sieht man auch verschiedenste Farbkombinationen, die sehr grell oder auch unpassend sind. Doch je nach Zeit und Trends finden auch diese Kombinationen Anklang. Diese lauten und untypischen Farbzusammenstellungen verschwinden meist genauso schnell, wie sie gekommen sind, da sich die Allgemeinheit an solchen auffälligen und aufdringlichen Sachen sehr schnell satt sieht und doch wieder zu den klaren und strukturierten Linien zurückkehrt. Es ist auch immer schwierig, mit knalligen Farbvariationen zu arbeiten, da es schnell von der künstlerisch gewagten zur schlechten und geschmacklosen Seite driften kann. Aber letztendlich muss jeder seinen eigenen Stil finden und es bleibt jedem selbst überlassen, wie er seine Wohnung farblich gestaltet – die Hauptsache ist, man fühlt sich wohl. Schon viele Künstler, wie Johann Wolfgang von Goethe, Philipp Otto Runge oder auch Isaac Newton und Johannes Itten haben sich mit der Farbenlehre beschäftigt und besonders mit der Wirkung der Farben und ihrer Symbolik. Doch wie so oft scheiden sich auch hier die Geister, da die Farbenlehre durch physikalische, physische und auch psychische Ereignisse beeinflusst wird. 21


So kann man, wie auch im „Design“ keine Formel finden, die einer Farbe gut oder schlecht erscheinen lässt. Hier ist auch wieder das Feingefühl des Designers oder Künstlers gefragt. Er muss den „Nerv der Zeit“ treffen und dazu gehört neben der Form und der Funktion auch die Farbe.

Will man sehr feine Dinge sichtbar machen, so muß man sie färben.

Joseph Joubert

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MÜbel werden multitasking-fähig


Doch auch wenn die Möbel noch so schön und ausgefallen sind, steht die Gebrauchsfunktion im Vordergrund. Die Möbel müssen Doppelfunktionen ha-ben und individuell einstell- und veränderbar sein. Das Möbel muss sich an den Benutzer anpassen, um den bestmöglichen Komfort zu bieten: Tische, Ar-beitsplatten in Küchen müssen höhenverstellbar, Schränke müssen je nach Platzgebrauch erweiterbar sein und wenn ein Sitzplatz fehlt, muss auch mal ein Schrank umfunktioniert werden können – bequem sollte er aber trotzdem sein. Dieser Trend spiegelt sich nicht nur bei den Möbeln wieder, sondern auch in anderen Bereichen; mittlerweile ist das Telefon nicht nur zum Telefonieren da, sondern man kann auch fotografieren, Musik hören, Filme ansehen und vieles mehr. Auch Automobile fahren uns nicht nur von A nach B; sie können heute erkennen, wie schnell wir fahren dürfen, lotsen uns durch die verworrensten Städte, bremsen und geben Gas für uns. Unsere Gebrauchs-gegenstände sollen so viele Tätigkeiten wie möglich in sich vereinen. Für uns bedeutet es ein leichteres Leben und weniger Geräte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Systemmö-

bel immer mehr an Beliebtheit zugenommen haben. Ob in der Küche, im Schlafzimmer oder Wohnzimmer, mit den Systemmöbeln kann man seinen Wohnraum individuell einrichten und auch wieder verändern. Eine der gängigsten Form ist das Quadrat. Durch das individuelle Kombinieren, Zusammen- und Aufeinander-stellen der einzelnen Elemente stellt das „Quadrat“ die Funktion und die Qua-lität in den Vordergrund. Aber auch das Rechteck ist eine häufige Form, die im Wohnungsbau Ver-wendung findet. Besonders in der Horizontalen wirken Möbel in dieser Form sehr elegant und dynamisch. Auch wandern diese Elemente immer mehr in Bodennähe. Ein langgezogener Schrank am Boden ist dann schnell mal eine Sitzgelegenheit oder Ablagefläche. Hinzukommen kleine Sockel, auf denen die Module stehen und scheinbar über dem Boden schweben, sie erhalten so eine zusätzliche Leichtigkeit und Eleganz. Diese individuelle Sachlichkeit macht sich in der kompletten Wohnung breit, aber am meisten spürt man sie in der Küche. In den letzten Jahren unterlag sie einem großen Wandel. Früher war die Küche ein abgegrenzter Raum, der nur zweckdienlich war und nicht unbedingt zur Schau gestellt wurde. Heute hat die Küche das Image 27


eines Statussymbols, fast wie ein Auto. Sie spiegelt den Lebensstil des Eigentümers wieder. Die Küche wird offen gezeigt und ist Raum für gemeinschaftliches Zusammensitzen und Kommunizieren. Wer kennt das nicht, wenn eine normale Party zu einer Küchenparty wird und alles sich im Kochbereich rumtummelt. Auch die Küchenmöbel werden auf immer höheren Sockeln gestellt, um das Objekt schweben zu lassen. Die Küchenoptik lehnt sich immer mehr an die von gehobenen Restaurants an und übernimmt auch einige Elemente, wie zum Beispiel die offenen Stahlregale oder den stark reduzierten Stahltisch mit Spülbecken – alles natürlich höhenverstellbar. Auch die Arbeitsbereiche wer-den, wie in der Gastronomie, separiert (kochen, aufbewahren und spülen) und gewährleisten so ein stressfreies und strukturiertes Arbeiten und Leben in der Küche. Die Kochinsel, die meist zentriert in der Küche zu finden ist, bietet zwei Arbeitsplätze, die sich gegenüberliegen und das Austauschen und Kommunizieren ermöglichen. Auch die Arbeitsutensilien müssen schnell griff-bereit und in der Nähe sein, weshalb die meisten Schubläden mit Vollauszügen bestückt sind, um das größtmögliche Fassungsvermögen rauszuholen. Die Tische, an denen dann die zubereiteten Speisen

verspeist werden, sind ebenfalls schnörkellos und klar designt. So sind dünne Tischplatten mit schwe-ren, wuchtigen Beinen und im Gegensatz dazu dicke Platten sehr beliebt. Auch die Zarge ist breiter geworden, um dahinter noch eine Schublade oder Verstaumöglichkeit zu verstecken – heute muss nicht nur der Mensch, sondern auch das Möbel multitaskingfähig sein.

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Was braucht ein Mรถbel um ein Klassiker zu sein?


Freischwinger - Mart Stam

Freischwinger Ludwig Mies van der Rohe


Das Ziel eines jeden Künstlers, Designers oder auch Architekten ist es, etwas zu schaffen, was sich die Leute auch noch in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahren gerne ansehen. Sie möchten etwas Zeitloses entwerfen, was die Menschen fasziniert und die Schöpfer des jeweiligen Objektes nicht in Vergessenheit geraten lässt. Designer, die einen Klassiker entworfen haben, erfreuen sich an hoher Bekanntheit und nicht nur bei den Personen aus der gleichen Branche, sondern auch bei der Allgemeinheit. Und wer möchte das nicht erreichen!? Ein Klassiker zeichnet sich dadurch aus, dass er formvollendet, harmonisch, innovativ, qualitativ und einen hohen Wiedererkennungswert hat. Meistens sind diese Werke auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt und finden auch in anderen Ländern hohen Zuspruch. Zu den Klassikern in der Möbelbranche wäre als erstes und auch sehr wichtig der Freischwinger von Ludwig Mies van der Rohe zu nennen. Der erste Entwurf eines Freischwingers stammt allerdings vom Bauhäusler Mart Stam, der als Erster einen Stuhl ohne Beine entwarf und so eine ganz neue Art des Sitzens erfand. Aber im Gegensatz zu Mies van der Rohes Entwurf, war seiner nicht ganz ausgereift. Das zwei Zentimeter

dicke Stahlrohr sah im Vergleich zur nur 40 cm breiten Sitzfläche sehr klobig und grob aus. Außerdem hielt der Name „Freischwinger“ nicht das was er versprach. Durch die starren Verbindungsstücke war der Stuhl kaum beweglich und auch die Holzwerkstoffplatte als Sitzfläche verbesserte diesen Effekt nicht. Mies van der Rohe griff den Entwurf nochmals auf und vergrößerte den Radius der Biegung zwischen der Sitzfläche und den Kufen, wodurch der Stuhl wirklich schwingen konnte, auch nutzte er ein Flechtwerk als Sitzfläche, welches sich in Sachen Komfort und Sitzqualität als sehr gute Wahl herausstellte. Stams Idee war innovativ, aber nicht ausgereift. Ludwig Mies van der Rohe hat dem Ganzen noch den letzten Schliff gegeben und so einen Klassiker geschaffen. Viele Produkte aus dem Bauhaus gelten heute als Designklassiker und werden auch immer noch gerne gekauft. So findet man auch häufig die Bauhausleuchte von Wilhelm Wagenfeld oder die Satztische von Marcel Breuer in Buchläden oder anderen Kaufhäusern. Aber auch der Panton-Stuhl von Verner Panton findet schon seit 1959/1960 immer mehr Liebhaber. Durch seine zeitlose Form und durch die verschiedenen Farbvarianten kann er an jede Zeit angepasst und modifiziert werden. Der Panton-Stuhl ist der Inbegriff der Moderne und wird es 33


Panton-Stuhl von Verner Panton


wahrscheinlich auch noch einige Zeit bleiben. Bei so vielen Klassikern ist es freilich schwer, neue Entwürfe zu präsentieren. Immer häufiger sieht man, dass schon erfolgreiche Möbelstücke modifiziert werden oder ältere Möbelstücke, die in Vergessenheit geraten sind, werden einfach noch mal hervorgeholt und neu aufgelegt. Man sollte meinen, dass wir genügend kreative Designer haben, die bestimmt auch gute innovative Entwürfe hervorbringen können, aber warum es sich so schwer machen!? Das was mal gut war, kann ja eventuell immer noch gut sein. Zum Teil wird heute auf Retrodesign zurückgegriffen. Andererseits ist es sehr schwierig, in einer Zeit, in der es schon fast alles gibt, etwas Neues zu entwickeln. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass sich einige Entwürfe sehr stark ähneln oder fast gleich aussehen. Unsere Zeit hat nicht wirklich eine eigene Formsprache, da alles erlaubt und nichts mehr zu ungewöhnlich ist.

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„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Arthur C. Clarke


Design heute – Ausdruck eines Lebensstils


Wir leben heute in einer schnelllebigen Zeit. Die Technik und die Industrie machen immer schnellere und größere Fortschritte, um unser Leben zu erleichtern. So wird, wenn ein Produkt auf den Markt kommt, schon an einer Verbesserung gearbeitet. Gute Beispiele hierfür sind Produkte aus den technischen Gebieten. Ein neuer Computer ist nach einem halben Jahr schon wieder veraltet, ähnlich verhält es sich auch mit den Mobiltelefonen oder Automobilien. Dadurch verlieren die Produkte auch schnell an Wert. Dieser Trend ist auch in der Möbelbranche erkennbar. Immer neuere Technologien werden in Möbelstücke eingebaut. Zum Beispiel hat man die Möglichkeit, am Kühlschrank, übers Internet, direkt die fehlenden Lebensmittel zu bestellen oder Lautsprecher für den Fernseher werden in die Schrankwand integriert und sind so gut wie nicht mehr sichtbar. Auch die Serienproduktion hat sich verändert, es gibt nicht mehr ein Einheitsprodukt, sondern es gibt von einer Serie mehrere Ausführungen, um den Ansprüchen der Verbraucher gerecht zu werden. Das Design einfacher Produkte rückt immer mehr in den Vordergrund. Ein Produkt ist Ausdruck von Lebensstil und drückt das Befinden des Besitzers aus. Das Design soll genau das wiedergeben, was der Kunde

versucht auszudrücken. Auch der Wert der Produkte steigert sich, da hochwertige Herstellungsprozesse und teure Materialien verwendet werden. Die Ansprüche des Konsumenten werden immer höher: die „Kultur des Seins“ hat sich in die „Kultur des Habens“ umgewandelt. Die Menschen definieren sich heute darüber, was sie besitzen: Gegenstände, Outfits und Lifestyle. Wer das Neuste vom Neuen hat, steht in der gesellschaftlichen Rangliste sehr weit oben, frei nach dem Motto: „Zeig mir was du hast und ich sag dir wer du bist.“ Um diesen Trend zu folgen und auch erfolgreich zu sein, müssen die Designer immer „up-to-date“ sein. Denn auch die Kunden informieren sich und vergleichen: „Was gibt es Neues auf dem Markt? Wie kann ich Geld sparen? Was haben die Anderen noch nicht?“ Es wird deshalb immer wichtiger, Möbel auch mit anderen Bereichen zu verschmelzen, wie der Multimediaoder Lichttechnologie. Die Ansprüche werden immer größer. Technik soll in die Möbel integriert werden: Der Flachbildfernseher soll aus dem Sideboard herausfahren, die Steckdosen kommen per Knopfdruck aus der Tischplatte hervor und Kabel und Verbindungen sind aus dem optischen Feld komplett verbannt. Das Zuhause entwickelt sich immer mehr 39


zu einem „Home-Office“ und funktioniert auch als dieses. Schränke werden mit elektronischen Schließsystemen versehen und man kann Kochrezepte direkt am Herd abrufen und gleich nachkochen. Das heutige Zeitalter setzt uns (fast) keine Grenzen. In den letzten Jahren entdeckt man auch wieder das Licht als stimmungsgebendes und akzentuierendes Element. Mit Hilfe von LED und verschiedenen Materialien kann eine bestimmte Stimmung hervorgerufen oder auch verändert werden. Teilweise fungiert das Licht auch selber als künstlerisches Objekt. Es hat dann mehr die Aufgabe zu „dekorieren“ als zu beleuchten. Selbst die Formen der Lampen nehmen untypische und plastische Gestalten an. Hierbei wird auch auf innovative Materialien, wie Acrylglas, zurückgegriffen. Dieser Stoff lässt sich beliebig verformen und so die verschiedensten Formen zu. Spätestens hier wird klar, dass es uns nicht mehr ausreicht, wenn unsere Möbel ihren Zweck erfüllen. Sie sollen darüber hinaus auch in ihrer Gestaltung und Qualität überzeugen. Wir definieren uns über unsere Möbel und unsere Wohnung. Eine stilvoll eingerichtete und saubere Wohnung sagt dem Betrachter, dass hier eine interessante, intelligente und ordentliche Person

wohnt. Wenn wir uns mit innovativen Elementen oder Produkten umgeben, sind wir modern und weltoffen. Aber auch der ökologische Aspekt ist nicht außerachtzulassen: wenn wir ökologisch denken, sind wir verantwortungsbewusst und aufmerksam. Nichts ist uns wichtiger als der Eindruck, den wir auf die Menschen machen. Dieser kann ausschlaggebend für Beziehungen, Job oder soziale Bekanntschaften sein. Wir sehnen uns nach Harmonie und Einfachheit, was sich in unserem Verhalten ausdrückt. Die heutige Zeit wünscht sich Klarheit in der Formgebung und Gestaltung. Die Möbel, die uns gefallen, müssen größtenteils rechtwinklig sein, ohne irgendwelche Schnörkel, die das Auge stören und ablenken. Als Akzentuierung werden Rundungen, Schrägen und Farbe eingesetzt. Um dem Ganzen aber trotzdem einen persönlichen Touch zu geben, wird die Wohnung mit Pflanzen, Bildern oder anderen Gegenständen dekoriert. Wiederum gibt es Leute, die Flohmärkte besuchen und dort einfach das kaufen, was ihnen gefällt und das in ihrer Wohnung platzieren.

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„Unser Reichtum sind nicht die Mundwerker, sondern die Handwerker.“ Alfred Dregger


Wenn man die verschiedensten Aspekte von früher und heute vergleicht, findet man einige Unterschiede. Aufgaben, die früher ganz einfach und schlicht gelöst wurden, werden heute höchst optimiert und fordern einen großen Planungsaufwand. Diese Probleme lösen heute Designer und Architekten, Handwerker werden nur noch selten zu Rate gezogen. Woran das liegt, weiß ich nicht. Eventuell liegt es daran, dass Designer und Architekten immer bessere Ausbildung genießen und den Aufgaben gewachsen sind oder einfach daran, dass Designer den Handwerkern einfache und schöne Lösungen nicht zutrauen. Auf jeden Fall fungieren Handwerker nur noch als ausführende Kräfte und haben kaum noch Mitspracherecht, was erstens Schade ist und zweitens auch einigen Leuten Wege versperrt. Immerhin wissen die Handwerker am besten, wie man mit den Materialien umgeht und wofür man sie einsetzen kann. So ist eine Schwalbenschwanzverbindung nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern sie wird als gestalterisches Element eingesetzt und das mit Erfolg. Auch die technischen Ausführungen im handwerklichen Bereich werden immer perfekter und sauberer. Es gibt immer neuere Geräte, die nur noch kaum sichtbare Gehrungsschnitte zulassen und so die

Oberfläche des jeweiligen Möbels sauberer und glatter erscheinen lassen. Die Möbelbranche arbeitet eng mit der Technologie zusammen. Erst durch sie ist es möglich, Materialien „anders als üblich“ zu behandeln. So erscheinen Oberflächen nicht selten grob, roh, rostig oder sogar unperfekt, um einen „besonderen“ Effekt zu erzielen. Ob diese Sachen wirklich als „besonders“ gel-ten, liegt wie immer im Auge des Betrachters. Ziel ist es anders zu sein, aufzu-fallen und immer das Neuste vom Neuen zu haben. Hierbei stellt sich nur die Frage, ob sich die Gesellschaft der immer fortschreitenden Technologie angepasst hat oder die Technologie der immer fortschreitenden und anspruchs-volleren Gesellschaft?

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Bildernachweis Deckblatt gentleys.com Seite 2-3 clearmag.com Seite 4-5 img.fotocommunity.com luxury-furniture-design.net philippinen-life.de Seite 6-7 architonic.de moebelhandel-muensterland.de Seite 8-9 achitonic.de Seite 10-11 architonic.de us.123rf.com Seite 12-13 e90post.com v-f-z.de wollenberf-frahm.pr.de Seite 14-15 discovery-24.de zastavki.com Seite 16-17 architonic.de Seite 18-19 android-hilfe.de Seite 20-21 blue-tomato.com wikipedia.de architonic.de Seite 22-23 deco.de epages2-euro-web.net moebeldeinlebenauf.de

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Möbel im Wandel der Zeit