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Die »Pinkifizierung« sozialer Wirklichkeit Eine Analyse von medialen und populärkulturellen Konstruktionsprozessen von Geschlecht und deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft

BACHELORARBEIT zur Erlangung des Bachelor of Arts in Sozialer Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule Abteilung München

Betreuerin: Prof. Dr. Cornelia Behnke

eingereicht von Simon Herchenbach München, Juli 2013


Die »Pinkifizierung« sozialer Wirklichkeit

Eine Analyse medialer und populärkultureller Konstruktionsprozesse von Geschlecht und deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft


Ein paar Naturgesetze, der Rest nur ein Konstrukt. Wirklich nichts wird unantastbar, nur weil man es in Bücher druckt.

Die Grenzen um uns rum haben wir uns selber auferlegt und es wird Zeit, dass endlich jemand diese Welt in Trümmer legt.

    Nur etwas Geduld noch, bis der Wind sich endlich dreht,     irgendwie fängt irgendwo die Zukunft an.     Ich warte nicht mehr lang!     Die Zyniker, sie fluchen,     weil es allen besser geht.     Manchmal glaub ich noch daran,     dass alles anders werden kann!

Ausschnitt aus dem Lied „An die Zyniker“ der Münchner Punk-Band „Todeskommando Atomsturm“ (2012)


Abstract „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ Diese Frage ist wohl eine der essentiellsten für alle werdenden Eltern, denn das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht bestimmt große Teile des weiteren Lebens. Ist die Antwort: „Herzlichen Glückwunsch! Es ist ein Mädchen“, sehen die Eltern schon ihre kleine Tochter mit Puppen spielen, sich als Prinzessin verkleiden und irgendwann den ersten Freund nach Hause bringen. Vielleicht wird sich auch schon auf die Enkelkinder gefreut. Falls es ein Junge ist, kommen schnell Bilder auf vom kleinen Raufbold, der sich sicherlich als irgendwann als Indianer oder Cowboy verkleiden wird. Dafür wird er aber sicherlich keine Probleme in Mathematik haben und auch ansonsten wird er in seinem Leben sicherlich wenig Probleme bekommen. In dieser Arbeit werde ich viele dieser als natürlich angesehenen Prozesse aufgreifen und darlegen, dass es sich dabei um gesellschaftliche Zuschreibungen handelt, die in Interaktionsprozessen verbreitet und reproduziert werden. Allein ein Blick in die Geschichte wird zeigen, dass die heute als angeboren angesehenen Eigenschaften durchaus historischem Wandel unterliegen und viele der heute als Fakten angenommenen Vorurteile sich als falsch erweisen. So werde ich einzelne Aspekte aus Medien und Populärkulter herausgreifen und daran exemplarisch aufzeigen, welchen Stellenwert die Kategorie Geschlecht in unserer kapitalistischen Gesellschaft hat, wie Geschlecht dadurch reproduziert wird und welche Auswirkungen sich für unsere Gesellschaft ergeben. Um meine Thesen zu untermauern, werde ich auf klassische Konzepte der Männerforschung zurückgreifen und in Verknüpfung der ausgearbeiteten Theorie zusammen mit den analysierten Beispielen diskutieren, welcher Zusammenhang zwischen Geschlecht und Macht besteht. Wichtig ist mir, anhand der vorliegenden Arbeit aufzuzeigen, in welche Zwänge wir durch die implementierten Erwartungshaltungen hineingeboren werden, um diese aufzubrechen, um die Subjektwerdung und selbstbestimmte Entwicklung der in unserer Gesellschaft lebenden Menschen zu fördern. Deshalb werde ich auch anhand des Ansatzes der Subjektorientierten Jugendarbeit von Albert Scherr diskutieren, welche negativen Auswirkungen auf die Menschen unser derzeitiges Geschlechterverhältnis hat und anhand dessen eine Perspektive entwickeln, die es als notwendiges Aufgabenfeld der Sozialen Arbeit erachtet, die Kategorie Geschlecht, gerade in der Jugendarbeit, kritisch zu hinterfragen und eine dekonstruktivistische Position zu vertreten. Abschließend werde ich noch eine gesellschaftliche Utopie umreißen, in der die Kategorie Geschlecht an Bedeutung verloren hat und sich Menschen ohne Rollenzuweisungen und zur Geburt festgelegten Erwartungshaltungen frei entwickeln können.


Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung!...................................................................................................4 2. Begriffsbestimmungen!............................................................................7 2.1. Sex/Gender/Sex Category ..................................................................................7 2.2. Geschlecht .............................................................................................................9

2.3. Patriarchat ...........................................................................................................22 3. Die Kategorie Geschlecht im Kapitalismus!.......................................24 3.1. Zur Geschichte der Geschlechter ........................................................................24 3.2. Die Pradoxie der Binarität ..................................................................................28 4. Konstruktion von Rollenbildern anhand verschiedener aktueller Beispiele!..................................................................................................31 4.1. Medien ................................................................................................................32

ü

4.2. Spielzeug .............................................................................................................45 Ü

4.3. Fazit .....................................................................................................................51 5. Männerdominierte Gesellschaftsordnung?!........................................54 5.1. Theoretische Grundlagen ...................................................................................54 5.2. Beispielhafte Darstellung der Problematik ..........................................................57 Ö

6. Resümee!...................................................................................................61 7. Geschlecht und „Subjektorientierte Jugendarbeit“!........................65 7.1. Subjektorientierte Jugendarbeit nach Albert Scherr ...........................................65 7.2. Die Notwendigkeit der Dekonstruktion von Geschlecht ....................................68 8. Die Utopie!...............................................................................................72 Literaturverzeichnis!...................................................................................75


So muß sich die ganze Erziehung der Frauen im Hinblick auf die Männer vollziehen. Ihnen gefallen, ihnen nützlich sein, sich von ihnen lieben und achten lassen, sie großziehen, solange sie jung sind, als Männer für sie sorgen, sie beraten, sie trösten, ihnen ein angenehmes und süßes Dasein bereiten: das sind die Pflichten der Frau zu allen Zeiten, das ist es, was man sie von Kindheit an lehren muß. (Jean-Jacques Rousseau: 1762)

Zwei mal drei macht vier,

widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.

(Pippi Langstrumpf: 1968)

1. Einleitung

Am 16. Mai 2013 eröffnete am Berliner Alexanderplatz das Barbie-Dreamhouse. Dabei handelt es sich um ein lebensgroßes Barbie-Puppenhaus mit Küche, begehbarem Kleiderschrank, Popstar-Stage, Fashion-World und vielem mehr, was vermeintlich kleine Mädchenherzen höherschlagen lässt. Alles natürlich interaktiv, damit die Besucher ganz in die „Welt von Barbie eintauchen können“, wie es in der Pressemappe1 heißt. Soweit nichts Neues, eigentlich. Womit aber die Veranstalter wohl nicht gerechnet haben, war eine große Kampagne, die zu einer Demonstration am Eröffnungstag aufgerufen hat, unter dem Motto „Occupy Barbie-Dreamhouse“. Im Demonstrationsaufruf wehren sich verschiedene Gruppen dagegen, dass „kleine Mädchen hier Cup-Cakes backen, Karaoke singen, sich schminken oder sich in Barbies begehbarem Kleiderschrank verlaufen. Wir wollen nicht, dass junge Mädchen bereits im Grundschulalter sexistischer Propaganda ausgesetzt werden.“ Auch die Initiatorin der Kampagne Pinkstinks, Genderforscherin Stevie Schmiedel, meint dazu in einem Interview: „Wir haben […]»Barbies« an jeder Leuchtreklame, also gefotoshopte Models, deren Körper völlig unrealistisch aussehen und für Mädchen nicht zu erreichen sind. Dieses Bild ist in den Medien so präsent, dass viele Menschen, die man darauf anspricht, verwundert sagen: »Wieso, das ist doch ästhetisch.«“2 Wohl am meisten mediale Aufmerksamkeit bekam jedoch eine junge Frau

Online einzusehen unter: http://barbiedreamhouse.com/download/Pressemappe_Barbie-The-Dreamhouse -Experience_Mai2013.pdf (Aufgerufen am 26.07.2013) 1

Stevie Schmiedel in einem Interview mit der Zeitschrift EMMA. Online unter: http://www.emma.de/ressorts/ artikel/koerperbild/proteste-gegen-barbie-dreamhouse/ (Aufgerufen am 08.07.2013) 2


–5– der feministischen Aktionsgruppe Femen, indem sie sich als Barbie verkleidet mit nacktem Oberkörper vor der versammelten internationalen Presse auf den Vorplatz des Dreamhouse stellte und eine an ein Kreuz gebundene Barbiepuppe anzündete. In großen, schwarzen Lettern war auf ihrem Oberkörper zu lesen „Life in plastic is not fantastic“ – ein Foto dieser Aktion schmückt auch die Titelseite dieser Arbeit. Es dauerte nicht lange, bis sich Menschen zu Wort meldeten, die nicht viel von den Protesten hielten und sich für Barbie aussprachen, wie z.B. der CDU-Bundestagskandidat Philipp Lengsfeld, der in den verschiedenen Aktionen nur „spießige Kleingeistigkeit radikaler Linker“ sieht, die „der Mehrheit in der Stadt vorschreiben wollen, was sie zu denken und zu fühlen haben“.3 Auch die Besucher, die schon zu Tausenden „in die Barbie-Welt eingetaucht“ seien, schienen nicht besonders viel von dem Protest zu halten. Der Protest und die damit einhergehende Debatte können exemplarisch für die Diskussion um das Geschlechterverhältnis in Deutschland gesehen werden. Denn es kann durchaus gefragt werden, ob es „linke Kleingeistigkeit“ ist, das bestehende Geschlechterverhältnis samt Barbie und Co. in Frage zu stellen. Schließlich sollten in einer freien Gesellschaft doch alle Menschen in einem gewissen Maße machen können, wonach ihnen ist. Und wenn kleine Mädchen sich nun einmal mit Barbie und rosa Prinzessinnen identifizieren wollen: Wo ist das Problem? Genau das ist eine der zentralen Fragestellungen dieser Arbeit. In unserer Gesellschaft gibt Gegebenheiten, die scheinen unhinterfragbar und naturgegeben, wie zum Beispiel, dass es zwei Geschlechter gibt – Männer und Frauen –, die angeblich grundverschieden sind. Beinahe täglich wird hier das Alltagswissen bestätigt: Bücher, die erklären, warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können; Videospiele, Filme oder Geschichten, in denen der mutige Held die hilflose Prinzessin rettet; Spielzeug in rosa und blau mit den jeweiligen Spielszenarien (Puppen oder Action), denn wie LEGO in einer Pressemitteilung zu der neuen rosa Mädchen-Produktreihe LEGO-Friends erklärt, sei das „how girls naturally build and play“.4 Oder auch Werbung, die suggeriert, dass es das höchste Ziel eines jeden Mannes sei, sexuellen „Er-

Pressemitteilung von Phillipp Lengsfeld vom 02.04.2013. Online unter: http://www.lengsfeld-mitte.de/ index.php?ka=7&ska=25 (Aufgerufen am 08.07.2013) 3

LEGO Pressemitteilung vom 19.12.2011: LEGO Group to deliver meaningful play experiences to girls with new LEGO® FRIENDS. Online unter: http://aboutus.LEGO.com/de-de/news-room/2011/december/LEGO-group-to-del iver- meaningful-play-experiences-to-girls-with-new-LEGO-friends/ (Aufgerufen am 05.05.2013) 4


–6– folg“ bei Frauen zu haben, und der Discobesuch, wo es meist die Aufgabe der Frauen ist, aufreizend und attraktiv zu wirken, und die der Männer, sie „abzuschleppen“. Es bleibt paradox: Auf der einen Seite Frauen (und natürlich auch etliche Männer), die ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis, alltäglichen Sexismus und Geschlecht als eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit beklagen, auf der anderen Seite Werbung, Filme oder das Barbie-Dreamhouse, die genau das Gegenteil vermitteln. Das Geschlechterverhältnis scheint wohl doch nicht so in Stein gemeißelt zu sein, wie es manchmal den Anschein hat, denn der Unmut dem Bestehenden gegenüber macht sich in letzter Zeit immer stärker bemerkbar. In dieser Arbeit möchte ich deshalb die beiden Systeme Geschlecht und Kapitalismus verknüpft betrachten und dabei besonders auf die mediale Konstruktion von Geschlecht eingehen. Anhand einiger Beispiele aus Medien und Populärkultur zeige ich auf, dass die mediale Darstellung der Geschlechter Ergebnis des vorherrschenden gesellschaftlichen Systems ist und dieses sozial konstruiert ist. Dazu werde ich in Kapitel 2 die verschiedenen Sichtweisen auf Geschlecht kurz darstellen, um deutlich zu machen, wie Geschlecht entsteht und danach (Kapitel 3) die aktuelle Bedeutung der Kategorie Geschlecht in unserer kapitalistischen Gesellschaft skizzieren. Dafür biete ich eine kurze Analyse und Kritik der asymmetrischen Geschlechterverhältnisse und stelle in Kapitel 4 ausschnittsweise und exemplarisch dar, über welche Mechanismen im Prozess der Sozialisation der Geschlechter diese (re)produziert werden und welche Auswirkungen sich für unsere Gesellschaft im Hinblick auf Machtverteilung und Teilhabe ergeben (Kapitel 5). Mit einigen Beispielen aus verschiedenen Bereichen populärkultureller Güter wie etwa Spielzeug, Videospiele und Filme werde ich exemplarisch aufzeigen, dass es unzählige Faktoren gibt, die die Geschlechtsidentität mit den dazugehörigen Rollenbildern bei Kindern und Jugendlichen herstellen und die Menschen in unserer Gesellschaft formen. Abschließend werde ich in Kapitel 7 anhand des Konzeptes der Subjektorientierten Jugendarbeit von Albert Scherr darlegen, warum eine Dekonstruktion von Geschlecht für die Soziale Arbeit von unabdingbarer Wichtigkeit ist und in Kapitel 8 eine gesellschaftliche Utopie skizzieren, um zu verdeutlichen, welche Folgen das traditionelle Geschlechterverhältnis auf alle Menschen hat.


–7–

2. Begriffsbestimmungen Um einer differenzierten Analyse des Begriffs „Geschlecht“ gerecht zu werden, bedarf es einer eigenen Arbeit, deshalb werde ich einige Ansätze hier nur anreißen. Schließlich beschäftige ich mich in dieser Arbeit mit den gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen und Erwartungshaltungen von den und an die jeweiligen Geschlechter. Wie und ob sich Menschen mit ihren Rollen identifizieren – die Sinnhaftigkeit des binären Geschlechtermodells, die biologische und soziokulturelle Entstehung der Kategorie Geschlecht sowie die historische Entwicklung der Geschlechterrollen – werde ich im Rahmen dieser Arbeit leider nur ausschnittsweise ausarbeiten können. Mir geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit den bestehenden Geschlechterverhältnissen aus soziokultureller Perspektive und besonders darum aufzuzeigen, in welche Zwänge und Erwartungshaltungen wir hineingeboren werden. Gleichwohl möchte ich folgend einen kurzen Überblick über die aktuelle Diskussion zur Kategorie Geschlecht geben.

2.1. Sex/Gender/Sex Category Der Begriff Geschlecht kann schnell für Verwirrung sorgen, denn anders als im Englischen gibt es im Deutschen keine sprachliche Unterscheidung zwischen biologischem bzw. anatomischem Geschlecht (engl. sex) und dem sozialen, psychologischen Geschlecht (engl. gender). Im deutschen Sprachgebrauch ist mit dem Begriff Geschlecht einerseits meist die Geburtsklassifikation eines Menschen gemeint und andererseits auch die damit implizierten Charaktereigenschaften, die im Alltagswissen der meisten Menschen fest verwurzelt sind. Mit dem mittlerweile im Deutschen übernommenen Begriff „Gender“ wird die „kulturell vorgegebene Geschlechterrolle, die eine Gesellschaft bereitstellt und durch Verbote, Strafen und Belohnungen für verbindlich erklärt“, beschrieben. (vgl. Schößler 2008, S. 10) Mit der Einführung des Begriffs Gender wird auch das „natürliche Wesen“ von Frauen und Männern in Frage gestellt: Das Gender eines Menschen muss nicht mit dem anatomischen Geschlecht


–8– übereinstimmen (obwohl das in unserer Gesellschaft überwiegend der Fall ist). Gerade da Gender auf gesellschaftlichen Dynamiken basiert, es „allem voran kulturelle Akte [sind], die einen Mann zum Mann (eine Frau zur Frau) machen“ (Schößler 2008, S. 10), wird deutlich, dass es veränderbar und stets im Wandel ist. So kann ich zwar das biologische Geschlecht „Mann“ haben, mich aber nicht mit der männlichen Geschlechterrolle und den gesellschaftlichen Erwartungen an das soziale Geschlecht „Mann“ identifizieren und auch ein anderes soziales Geschlecht einnehmen. Zwar war diese Differenzierung ein großer Schritt in der Geschlechterforschung, ging aber einigen Autor_innen5 nicht weit genug. Kritisiert wird diese Zweiteilung häufig als Scheinlösung, es handele sich hierbei um einen verlagerten Biologismus, da auch die vermeintlich natürliche anatomische Dichotomie der Geschlechter ein diskursives Konstrukt sei. 6 So erklärt auch Maihofer, dass in der Sex/Gender-Debatte darauf insistiert wird, dass zwischen biologischem und sozialem Geschlecht „kein kausaler Zusammenhang besteht, […] jedoch [bleibt] mit dieser These die herrschende heterosexuelle Geschlechterordnung und deren Behauptung zweier biologisch eindeutig verifizierbarer Geschlechter nicht nur unangetastet, sie wird sogar bekräftigt“. (Maihofer1995, S. 19; Hervorh. im Original) Auch West und Zimmermann (1987) ging das in den 1970er-Jahren erstmals auftauchende Sex/Gender-Paradigma (vgl. Gildemeister 2005, S. 72 ff.) nicht weit genug. So haben sie die Debatte um den Begriff Sex-Category erweitert und teilweise neu definiert: „– sex: die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien; – sex-category: die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. Diese muss der Geburtsklassifikation nicht entsprechen;

In dieser Arbeit verwende ich einen Unterstrich, um nicht bloß der weiblichen und männlichen Sprachform gerecht zu werden, sondern auch, um symbolisch „Platz“ einzuräumen für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht in das binäre System von Mann und Frau passen (wollen). Hiermit folge ich poststrukturalistischer Theoriebildung, wonach Sprache nicht nur die Realität abbildet, sondern sie durch Kategorisierungen und Unterscheidungen aktiv herstellt. 5

vgl. Kapitel 2.2.4 und zur Kritik an der Sex/Gender-Debatte u.a. Butler 1991; Schaufler 2002; Gildemeister 2005; Wetterer 2010. 6


–9– – gender: die intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch ein situationsadäquates Verhalten und Handeln im Lichte normativer Vorgaben und unter Berücksichtigung der Tätigkeiten, welche der in Anspruch genommenen Geschlechtskategorie angemessen sind.“ 7

Vor allem im Bezug auf Transsexuelle sahen sie diese erweiterte Kategorisierung für notwendig an. (vgl. West/Zimmermann 1987, S. 131 ff.)

2.2. Geschlecht Wie einleitend schon erwähnt, ist kaum etwas in unserem alltagstheorethischen „Basiswissen“ so unhinterfragbar wie dieses Geschlechterverhältnis (vgl. Behnke 1997), das auf drei Annahmen fußt: Dichotomizität, Naturhaftigkeit und Konstanz. In einem Satz ausgedrückt: Alle Menschen haben entweder das eine oder das andere Geschlecht, welches auf der Beschaffenheit des Körpers gründet und sich nicht verändert. (vgl. Schaufler 2002, S. 99; Wetterer 2010, S. 126 f.) In fast jedem Bereich des alltäglichen Lebens wird man auf die Polarität und die Dichotomie der zwei Geschlechter aufmerksam: feminin/maskulin, rosa/blau, emotional/sachlich, sozial/technisch, zierlich/kraftvoll, passiv/aktiv, ausführliche Beispiele werde ich in Kapitel 4 geben. Jedoch kennen „nicht alle Gesellschaften, das zeigt inzwischen eine Vielzahl von Studien, […] zwei und nur zwei Geschlechter; nicht in allen Kulturen ist die Geschlechtszugehörigkeit eine lebenslange Obligation; nicht alle Gesellschaften stimmen mit uns darin überein, dass es die Genitalien sind, die sie anzeigen und verbürgen, und die Natur, die sie bereitstellt“.8 (Wetterer 2010, S. 128) Deshalb möchte ich im Folgenden einen kurzen Überblick über einige der verschiedenen Perpektiven geben, von denen Geschlecht betrachtet werden kann. Das Thema Geschlecht wird seit Jahrhunderten diskutiert, und wie noch in Kapitel 3.1 gezeigt wird, haben sich die Stoßrichtungen oftmals geändert. Die aktuelle Debatte lässt sich –

7

Gildemeister 2010, S. 138

Vgl. auch zum Geschlechterverhältnis und dem Geschlechtsbegriff allgemein in anderen Kulturen Keuneke 2000, besonders S. 17 ff. Auch Schaufler sieht die oben genannten Annahmen „im Spiegel kulturanthropologischer Erkenntnisse als kulturelle Relativität“. (Schaufler 2002, S. 99) 8


– 10 – sehr verkürzt – in etwa so zusammenfassen:9 Es gibt Autor_innen, 10 die den Standpunkt vertreten, dass es zwei – und genau zwei – Geschlechter gibt, diese sich im Laufe der Evolution entwickelt haben (wie alle anderen Spezies) und somit bestimmte Anlagen mit sich bringen was sich in geschlechtsspezifischen Verhaltens– und Charakterunterschieden zeigt. Auf der anderen Seite sind jene Autor_innen, 11 die versuchen zu belegen, dass es zwar zwei anatomische Geschlechter gibt, jedoch von der anatomischen Beschaffenheit kein kausaler Zusammenhang zu jeglichen Charaktereigenschaften gezogen werden könne. Das biologisch-anatomische Geschlecht muss dem zufolge vom sozialen Geschlecht getrennt werden, denn dieses ist gesellschaftlich konstruiert. Ab den 1980er-Jahren kamen Autor_innen hinzu, 12 die auf verschiedenen Ebenen an der Gewissheit der Zweigeschlechtlichkeit zweifelten und der Meinung sind, dass in unserer Gesellschaft nicht nur die Geschlechterrollen und die vermeintlichen Charakterunterschiede konstruiert sind, sondern dass der gesamte Geschlechtskörper dem kulturellen Einfluss unterliegt.

2.2.1. Die biologistische Perspektive Beginnen möchte ich mit dieser Perspektive, denn oftmals wird Biologie mit Natur bzw. natürlich gleichgesetzt. So wird häufig in der Geschlechtsdebatte mit „natürlichen Differenzen“ argumentiert. Dabei spielt vor allem die unterschiedliche körperliche Beschaffenheit der Menschen eine Rolle, und es wird ein kausaler Zusammenhang zwischen dem geschlechtlichen Körper und dem gesellschaftlichen Verhältnis der Geschlechter samt verschiedener Rollen behauptet. (vgl. Maihofer 1995, S. 19) Oftmals stößt man auf tautologische Erklärungsmuster: Männer bzw. Frauen verhalten sich so, wie sie sich verhalten, weil dies eben typisch männlich oder typisch weiblich sei. Dezidierter möchte ich in diesem Abschnitt diese Sichtweise darstellen:

Im Rahmen dieser Arbeit kann ich diese Debatte leider nur sehr verkürzt darstellen. Ich werde zu den verschiedenen Standpunkten Literaturhinweise geben, die zur Vertiefung der Debatte hilfreich sind. Es gibt natürlich noch etliche andere Standpunkte und Sichtweisen auf Geschlecht, als die von mir dargestellten, jedoch habe ich die folgenden ausgewählt und die prägnantesten und am meisten diskutierten Argumente aufgeführt. 9

10

etwa Bischof-Köhler 2004 oder Pease 2000. Vgl. dazu auch Alfermann 1996. S. 86 und 93

11

Hagemann-White 1984; Grabrucker 1985; Scheu 1986; Beauvoir 2000.

z.B. auf biologischer Ebene Fausto-Sterling 1988; Voß 2001 und Klika 2012, die stark an der binären Einordnung der Geschlechter zweifelt, oder Butler (1995) die philosophisch-konstruktivistisch einen diskursiven Standpunkt vertritt und damit die Dichotomisierung der Geschlechter und auch das biologische Geschlecht für kulturelle Deutungen hält. 12


– 11 – Es gilt als gesellschaftlicher Konsens, dass es zwei Geschlechter gibt und dieses auf mehreren Ebenen repräsentiert wird: durch Chromosomen, Keimdrüsen, Genitale, sekundäre Geschlechtsmerkmale, Hormone, durch verhaltensbiologische, gehirnanatomische und -physiologische Muster (wobei es eine Reihe von Kombinationen gibt, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen).13 Es gilt als „naturgegeben“ und Abweichungen werden pathologisiert und notfalls medizinisch durch hormonelle und chirurgische Eingriffe festgelegt – wogegen Betroffene protestieren (vgl. Voß 2001). Die entsprechenden Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen werden oftmals evolutionsbiologisch dem jeweiligen Geschlecht zugeschrieben. So lässt diese Sichtweise keinerlei „Wechsel“ zwischen den Geschlechtern zu, erklärt soziales Verhalten aufgrund von Geburtsmerkmalen und unterstellt geschlechtsspezifische Charaktereigenschaften, erklärt an evolutionsbiologischen Prozessen. Das hört sich z.B. in der Wochenzeitung Die Zeit dann so an: „Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln?“ 14 oder auch bei Charles Darwin, der schreibt: „Der Hauptunterschied der geistigen Fähigkeiten der Geschlechter zeigt sich darin, daß der Mann in allem, was er unternimmt, Besseres leistet als das Weib, mag es nun tiefes Denken, Verstand und Phantasie oder bloß der Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern.“ (Darwin 1951, S. 562) Wissenschaftlicher begründet beispielsweise Bischof-Köhler diese Position. Dennoch ist die Hauptaussage ihres Buches Von Natur aus anders die, dass Männer und Frauen verschiedene „Anlagen“ haben und somit auch verschiedene Verhaltensweisen zeigen. (vgl. Bischof-Köhler 2004) Das ganze sei evolutionär bedingt und fußt maßgeblich auf den unterschiedlichen Beiträgen die Männer und Frauen zur Reproduktion leisten. Denn, da Männer, laut Bischof-Köhler, einen viel geringeren Beitrag zur Reproduktion leisten – bzw. in ihren Worten „eine geringere parentale Investition aufbringen müssen“ (ebd., S. 112 f.) – und sie an einer möglichst großen Verbreitung ihres Erbguts interessiert seien, legen sie nicht nur ein völlig unterschiedliches Sexualverhalten dar als Frauen, die eine wesentlich höhere parentale Investition leisten. So fallen auch Begriffe wie „quantitative“ und „qualitative“ Strategie (ebd., S. 113

Wie z.B. Menschen mit XXYY, XXXY, XXXYY, X, X0 oder den bekanntesten XXY- oder XYY-Genosomen oder Individuen mit nicht zur Norm passendem Hormonspiegel. Vgl. Tanzberger et al. 2007. S. 16 oder auch dazu Keuneke 2000, S. 21 f.; Schaufler 2002, S. 95 ff.; Klika 2012. 13

Diese Perspektive auf Geschlecht ist wohl die populärste und am weitesten verbreitete und wird auch in vielen populärwissenschaftlichen Werken aufgegriffen, etwa in Pease 2000. Auch im gesellschaftlichen Diskurs nimmt diese Sichtweise einen großen Stellenwert ein und wird oftmals sehr populistisch und vor allem populärwissenschaftlich geführt. Vgl. etwa den erwähnten Leitartikel von Harald Mertenstein in der Wochenzeitung Die Zeit vom 06. Juni 2013. 14


– 12 – f.), und deswegen sei es nur „natürlich“, dass Männer eben jenes Verhalten an den Tag legen, wie es alltäglich zu beobachten sei, da sie nun einmal „unter chronischer Partnerknappheit zu leiden haben“. Frauen müssten einen größeren Beitrag zur Reproduktion leisten und könnten „es sich viel leichter verschmerzen, mit der Paarung einige Tage zu warten“. (ebd., S. 116 f.) Folgerichtig, da ja allen Menschen (genauso wie Tieren) der Trieb zur Arterhaltung bzw. der maximalen Verbreitung (qualitativ für „weibchen“ oder quantitativ für „männchen“) des Genmaterials unterstellt wird, sei für Homosexualität „ein Gendefekt denkbar“ (ebd., S. 223). Nicht nur deswegen sind ihre Thesen sehr gewagt und werden von verschiedenen Seiten kritisiert, etwa von Schaufler:15 „Solcherart vorausgesetzte biologische Präformationen des weiblichen und männlichen Charakters begrenzt die Entwicklung der Persönlichkeit und gesteht den Einflüssen der Um– und Mitwelt nur ein geringes Veränderungspotenzial zu.“ (Schaufler 2002, S. 83) Bekannte Autor_innen, die die biologische Zweigeschlechtlichkeit jedoch in Frage stellen, sind u.a. die Philosophin Judith Butler. Sie vertritt die radikal konstruktivistische These, dass nicht bloß das soziale Geschlecht, sondern auch der Geschlechtskörper (die geschlechtliche Konnotierung der biologisch-anatomischen Beschaffenheit des Körpers) sozial konstruiert ist.16 Auch der Biologe Heinz-Jürgen Voß (2001) zweifelt die Zweigeschlechtlichkeit an und vertritt die These, dass biologisch mehr als zwei Geschlechter nachzuweisen seien. Die vorherrschende biologistische Perspektive auf Geschlecht bleibt recht eindeutig. Erstens: Es gibt zwei Geschlechter, grundsätzlich zu erkennen an ihren primären Geschlechtsmerkmalen. Zweitens: Die zwei Geschlechter gibt es, um der Fortpflanzung willen. Diese These ist so simpel, wie sie problematisch ist. Nicht nur setzt sie menschliches und tierisches Verhalten gleich, sondern verkennt auch gleichzeitig jegliches nicht heterosexuelle Verhalten sowohl bei Tieren als auch bei Menschen. Auch erscheinen hier Entscheidungen von

Schaufler antwortet hier nicht direkt auf Bischof-Köhler, vor allem nicht, da Schauflers Arbeit zwei Jahre früher erschienen ist. Jedoch werden beinahe identische Argumente schon seit Jahren (oder Jahrzehnten) benutzt, um Geschlecht zu erklären, und Schaufler meint hier die gesamte biologistische Argumentation. 15

Judith Butler geht es vor allem darum, darauf aufmerksam zu machen, dass „für sich genommen zunächst neutrale anatomische Merkmale“ erst in unserer heterosexuellen Geschlechterordnung eine spezifische, „nämlich sexuelle bzw. geschlechtliche Bedeutung“ erhalten. Sie spricht von einer „gesellschaftlichen Codierung“, vom „Körper als Ort kultureller Interpretation“ und von Geschlecht „als ideologische Fiktion“ und „politische und kulturelle Interpretation des Körpers“. Vgl. dazu und zu Butlers Thesen zu Geschlecht v.a. Maihofer 1995, S. 40-53 und Butler selbst mit ihrem einflussreichsten Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1991). 16


– 13 – Menschen gegen sexuelle Aktivitäten oder auch nur gegen das Gebären als widernatürlich, sie bekommen somit gleich eine negative Prägung. Auch gibt es verschiedene Studien, 17 die die vermeintlich bekannten Auswirkungen von Hormonen widerlegen (z.B. dass Testosteron agressiv macht). Durch diesen Unterschied ist die soziale und psychische Differenzierung zwischen Mann und Frau determiniert. (vgl. Hoffmann 1997, S. 17 f.) Jedoch meint auch Hagemann-White, eine der bekanntesten Geschlechterforscherinnen, dass „[…] die Forschungsergebnisse Annahmen über die biologische/physiologische Ursachen für Geschlechtsunterschiede nicht belegen“ können. (Hageman-White 1984, S. 6) Doch 21 Jahre später schreibt sie, dass „die Vorstellung der Gene als letzte Ursachen, als atomare Träger von festgelegtem Verhalten, ja überhaupt die Idee der linearen Kausalität zwischen Gen und Organismus längst der Erkenntnis von Wechselwirkung gewichen ist“. „Biologisch“, so schreibt sie weiter, „bedeutet keineswegs »einseitig determiniert«.“ Denn: „Die Entschlüsselung des Humangenoms führt – aller populären Schwärmereien zu trotz – keineswegs dazu, Fähigkeiten, Dispositionen und Verhalten als »angeboren«, je mit einem eigenen Gen versehen, dingfest zu machen.“ (ebd., S. 36 f.) „Auch der häufig unternommene Versuch, die körperliche Differenzierung zwischen Männern und Frauen an ihrem Beitrag zu Fortpflanzung festzumachen, erweist sich bei genauerer Betrachtung als problematisch.“ (Keuneke 2000, S. 22) Denn zur tatsächlichen Fortpflanzung benötigt es nicht bloß die geeigneten Sexualorgane, sondern auch „geeignete sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale, geeignetes Verhalten, um die Erwachsenenrolle zu lernen, die Fähigkeit, einen Partner anzuziehen, die Fähigkeit, den Geschlechtsakt adäquat und hinreichend oft durchzuführen, die körperliche Fähigkeit zur Befruchtung, die Fähigkeit lebende Kinder zu gebären und deren Leben zu erhalten.“ (Wellner/Brodda 1979, S. 95) „Wenn das alles vorhanden sein muß, um männlich oder weiblich zu sein, bliebe wahrscheinlich ein Viertel oder ein Fünftel der Bevölkerung ohne Geschlechtszuordnung.“ (Hagemann-White 1984, S. 32) Wie schnell ersichtlich wird, wird hier eine hitzige und emotionale Debatte geführt, die noch lange nicht abschließend geklärt ist. Die einen behaupten, dass die Biologie keine eindeutige Klassifikationsgrundlage für Geschlecht zur Verfügung stellt, andere behaupten das exakte Ge17

Zu erwähnen ist an dieser Stelle bspw. Eisenegger et al. 2009 und auch Fausto-Sterlig 1988, S. 131-218


– 14 – genteil. Für manche wird deutlich, dass eine Unterscheidung nach weiblich und männlich vorwiegend sozialer Natur ist, andere halten unsere Gene dafür verantwortlich. In den nächsten Abschnitten werde ich die Debatte noch von anderen Perspektiven betrachten und dadurch etwas mehr Klarheit und Empirie in die Diskussion bringen. Denn Hagemann-White (1984, S. 42 ff.) etwa ist sich sicher, dass „die empirische Forschung insgesamt keine Belege für eindeutige, klar ausgeprägte Unterschiede zwischen den Geschlechtern [liefert]. […] Die feststellbaren Unterschiede im Sozialverhalten liegen in der Dimension Herrschaft/Unterordnung“.

2.2.2. Die sozialisationstheoretische Perspektive Entgegen der vorherigen Position stellen sich die Sozialisationstheorien gegen „die Ideologie von den »angelegten Geschlechtscharakteren«“. (Schaufler 2002, S. 84) Das anatomische Geschlecht oder andere physische Merkmale spielen bei dieser Sichtweise keine Rolle, denn hier vermuten die Autor_innen, dass vermeintlich geschlechtsspezifisch unterschiedliche Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften ausschließlich auf die entsprechende Sozialisation des Kindes zurückzuführen sind. Belege dafür sind etwa der historische und kulturelle Wandel der Geschlechterrollen und die offensichtliche Beliebigkeit der Pauschalisierungen bei stereotypen Zuschreibungen. („Männer sind mutiger, weil sie Jäger waren“) Hier wird also Geschlecht nicht als unveränderliches, naturgegebenes Faktum gesehen, sondern Geschlecht als erlerntes Verhalten betrachtet. So wird davon ausgegangen, dass die vermeintlich geschlechtsspezifischen psychischen und oft auch physiologischen Unterschiede sozialisiert werden, also „einzig Resultate der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse zwischen den Geschlechtern“ (Scheu 1986, S. 113) sind: An Mädchen und Jungen werden gewisse Erwartungen gestellt und diese ihnen auch von frühester Kindheit an bewusst gemacht. So werden die vermeintlich „natürlich weibliche/männliche“ Verhaltensweisen nur durch die bereits bestehenden Rollenzuweisungen immer wieder inszeniert und verfestigt – durch tagtägliche Bemerkungen und Interaktionen, aber auch beispielsweise durch Medien oder andere kul-


– 15 – turelle Güter, wie ich in Kapitel 4 noch aufzeigen werde – und somit von den jüngeren Generationen internalisiert.18 Ursula Scheu beruft sich etwa auf eine Studie von John Money mit den eineiigen männlichen Zwillingen Bruce und Brian: Einem von beiden wurde kurz nach der Geburt bei der Beschneidung versehentlich der Penis verstümmelt. Die Eltern entschieden sich daraufhin in Absprache mit Money, das Kind als Mädchen zu sozialisieren, mit ca. zwei Jahren einen chirurgischen Eingriff vornehmen zu lassen und zur Pubertät eine Hormontherapie zu beginnen. Das Kind übernahm nach Money schon in früher Kindheit weiblich konnotierte Eigenschaften und Verhaltensweisen und zeigte diese deutlich anderen Verhaltensmuster als ihr Zwillingsbruder auch in ihrer restlichen Entwicklung. Scheu schließt daraus, „wie gering die Rolle der Biologie ist“, denn „Menschen sind soziale Wesen, ihre Biologie ist heute vor allem Vorwand zur Zuweisung einer Geschlechtsidentität“. (vgl. Scheu 1986, S. 7 f.) Die Studie ist jedoch in der Fachwelt stark umstritten, da Branda (ehemals Bruce) im Alter von 14 Jahren erfuhr, dass sie anatomisch als Mann geboren wurde und sie sich daraufhin für ein Leben als Mann entschied und von nun an mit dem Namen David lebte. 2004 – zwei Jahre nach dem Tod von Davids Zwillingsbruder – beging David Suizid. Laura E. Berk berichtet im Gegensatz zu Scheu und Money von durchgehenden Problemen in Brendas/Bruce‘ Entwicklung und schließt deshalb auf die „Auswirkungen der genetisch angelegten Geschlechtszugehörigkeit und der pränatal vorhandenen Hormonverteilung auf das Selbstgefühl eines Menschen als männlich oder weiblich“. Berk gesteht aber auch ein, dass wohl ein Großteil des Drucks auf Bruce durch seine „Klassenkameraden“ verursacht worden sei, da er wegen seiner nicht absoluten Akzeptanz der weiblichen Geschlechterrolle „geradezu geächtet“ worden sei. (Berk 2005, S. 356 f.) Auch Judith Butler greift die Studie auf und konstatiert: „So wie sie uns übermittelt wird, beweist die Geschichte keine der beiden Thesen.“ (Butler 2011, S. 94 ff.) Sie

Vgl. dazu etwa Grasbrucker 1988 oder Scheu 1986. Bei Grasbruckers in Tagebuchform gehaltenen Studie beobachtet sie die einzelnen, alltäglichen Umwelteinflüsse (Bemerkungen, gestellte Erwartungen, Verhaltenszuweisungen, etc.), die die Geschlechtsidentität ihrer Tochter in den ersten drei Lebensjahren mitprägen. Scheu bietet dahingegen eine umfangreiche Zusammenfassung und erklärt anhand einer umfassenden Auswahl an Studien die sozialisationstheoretische Entwicklung der Geschlechtsidentität vom Neugeborenenalter bis zum Vorschulalter. 18


– 16 – nimmt Brenda/Davids Fall als Beispiel, wie diskursiv anhand gesellschaftlicher Normen durch die behandelnden Ärzte an dem Kind/Jugendlichen Geschlecht konstruiert wird.19 Jedoch gibt es einige Studien und Beispiele zum Wandel der Geschlechtsidentität und Transsexualität, wie etwa West und Zimmerman berichten: „Garfinkel's case study of Agnes, a transsexual raised as a boy who adopted a female identity at age 17 and underwent a sex reassignment operation several years later, demonstrates how gender is created through interaction and at the same time structures interaction.“ (West/Zimmerman 1987, S. 131 ff.) Sich aber bei der Entwicklung der Geschlechtsidentität ausschließlich auf die Sozialisationstheorie zu berufen, greift auch zu kurz, denn „diese anthopologische Annahme ist gegenüber der heutigen Komplexität biologischer Theoriebildung so nicht zu halten. […] Sie ist überholt.“ (Hagemann-White 2005, S. 36) So kann nach dem aktuellen Stand der Forschung nicht abschließend geklärt werden, ob und welche Rolle die Biologie in der Geschlechter-Entwicklung spielt.20 Es wird davon ausgegangen, dass es eine komplexe Interaktion zwischen körperlichen Anlagen und Merkmalen und den gesellschaftlichen Umständen ist, die Geschlecht schließlich herstellt. (vgl. HagemannWhite 2005, S. 39 ff.) Da aber der Einfluss der Sozialisation und des kulturellen Charakters des Geschlechts nicht zu leugnen sind und auch eine „große Breite empirischer Befunde aus unterschiedlichen Disziplinen belegen kann, dass Geschlecht in unserer Gesellschaft im wesentlichen eine Konstruktion ist“ (Vogel 2005, S. 24), werde ich in dieser Arbeit die kulturellen und gesellschaftlichen Umstände analysieren, die dazu beitragen, Geschlecht herzustellen, denn „Sozialisationsprozesse zu studieren ist ein guter Ansatzpunkt, um Widersprüche und Veränderungspotentiale, aber auch spezifische Gefährdungen im Geschlechterverhältnis zu beleuchten.“ (Hagemann-White 2005, S. 45) Kritik an diesem Konzept gibt es nicht nur von Vertreter_innen biologistischer Positionen, sondern auch von Forscher_innen wie Vogel, die argumentieren, dass das Konzept der Sozia-

Butler geht ausführlich auf den Fall ein und analysiert ihn sehr kritisch. Zu Auseinandersetzung mit der Thematik sehr empfehlenswert ist das Kapitel „Jemandem gerecht werden“ in ihrem Buch „Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen“ (2011, S. 97-122). 19

Grundlegend, wie schon herauszulesen war, ist bei der kompletten Diskussion die Anlage/Umwelt-Debatte, die immer wieder kontrovers geführt wird und bei weitem noch nicht abschließend geklärt werden kann. Die Gemüter erhitzen sich immer wieder an dem Thema wie z.B. Maihofer 1995; Schaufler 2002; Bischof-Köhler 2004. 20


– 17 – lisation als Erklärung dafür, was weiblich und was männlich ist, „durch die Gegenüberstellung von zwei unterschiedlichen in die Gesellschaft integrierten Geschlechtern dazu beitragen [kann], Geschlechter-Stereotype zu verstärken anstatt Differenzierungen innerhalb der Geschlechter sowie Gemeinsames zwischen den Geschlechtern herauszustellen.“ (Vogel 2005, S. 9 f.) Auch Hagemann-White sieht „ein zu hohes Maß an Determiniertheit der Individuen durch die Umstände und Lebensgeschichte (insbesondere durch die Kindheit)“ und zweifelt an, dass „gesellschaftliche Einflüsse das individuelle Werden regelhaft formen und verfestigen […]; die dabei gezeichnete Polarität von Frau und Mann wird als fragwürdig verworfen. (Hagemann-White 2005, S. 32)

2.2.3. Die psychologische Perspektive Hier wird davon ausgegangen, dass vor allem Kleidungscodes, Verhaltensrepertoires, Mimik und Gestik Geschlecht herstellen, also „dass Geschlecht als ein Prozess zu beschreiben wäre. Geschlecht ist, um mit Simone de Beauvoir zu sprechen, ein Handeln, oder – nach Judith Butler – ein Effekt performativer Akte. Indem der Einzelne agiert […], produziert er ein Geschlecht nach Maßgabe der gesellschaftlichen Vorgaben, die als variable, sich verändernde Normen aufgefasst werden“. (Schößler 2008, S. 10) Vor allem die These von Judith Butler kann alltäglich bestätigt werden. Geschlecht wird in unserer Gesellschaft zu Geburt an den primären Geschlechtsmerkmalen festgemacht. Wenn wir jedoch Menschen begegnen, kategorisieren wir sie sofort (zumeist unbewusst) in Mann oder Frau – und das ohne ihre Geschlechtsmerkmale identifizieren zu können. So gehen wir einfach davon aus, dass sich Menschen – je nach Geburtsklassifikation – entsprechend kleiden, auftreten und verhalten, und wir unterstellen ihnen je nach Performanz die entsprechenden Genitalien. Also wird Geschlecht in unserer Gesellschaft nicht etwa biologisch-anatomisch bestimmt, sonder meistens durch soziales Handeln erzeugt. (vgl. etwa Maihofer 1995, S. 53-63) Ein Faktor dabei ist sicherlich auch die soziale Lerntheorie, die Verhalten dadurch erklärt, dass erwünschtes Verhalten verstärkt und belohnt wird. Zum gewissen Teil trifft das sicherlich zu, da in unserer Gesellschaft unerwünschtes Verhalten durchaus Missachtung erfährt, wie auch Keuneke (2000, S. 24) feststellt: „Verstößt ein Individuum mit seiner Geschlechtsdarstellung massiv gegen die gesellschaftliche Ordnung, muß es mit Sanktionen – etwa mit Ausgrenzung – rechnen.“ Jedoch sollte die Rolle der sozialen Lerntheorie nicht überschätzt werden. (vgl. Berk 2005, S. 355 ff.)


– 18 – Auch verhaltenspsychologisch – wenn davon ausgegangen wird, dass entsprechendes Rollenverhalten nicht biologisch determiniert ist – lässt sich die Übernahme der Geschlechterrolle erklären. So kann etwa die Übernahme von zugeschriebenen Verhaltensweisen mit dem sog. Andorra-Effekt (nach Max Frisch‘ gleichnamigem Roman21 ) erklärt werden. Dieser zeigt, dass wir eher die uns zugeschriebenen Verhaltensweisen annehmen als sie zu widerlegen. (vgl. Alfermann 1996, S. 26 f.) „Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.“ (William Isaac Thomas, zitiert nach Bauer 2013, S. 70) Wovor Thomas hier warnt, ist auch als Self-Fulfilling-Prophecy bekannt. Der als „Thomas-Theorem“ in die Wissenschaft eingegangene Effekt, ähnlich dem Andorra-Effekt, ist von besonderer Bedeutung bei der Erklärung von „natürlich männlichem und weiblichem“ Verhalten. Denn oftmals ist es so, dass sich Menschen schlicht so verhalten, wie es ihren eigenen Stereotypen entspricht. Das haben kürzlich Eisenegger und Kolleg_innen in einem Experiment erforscht, welches ich hier in Kürze ausführen möchte: Es wurden weibliche Personen gebeten, am sog. „Ultimatum-Spiel“ teilzunehmen. Sie wurden in zwei Gruppen aufgeteilt, A und B. Der einen Hälfte der Frauen aus Gruppe A wurde eine Testosterontablette verabreicht, der anderen Hälfte ein Placebo. Untersucht wurde nun, wie sich die Frauen, die dachten, sie hätten kein Placebo erhalten, verhielten. Das „Ultimatum-Spiel“ lief folgendermaßen ab: Es wurden jeweils Pärchen aus Gruppe A und B gebildet und die Teilnehmerinnen aus Gruppe A haben einen Geldbetrag bekommen, den sie zwischen sich und einer Person aus Gruppe B aufteilen mussten. Beide Teilnehmerinnen durften den Geldbetrag behalten, wenn Person B dem Vorschlag von Person A zustimmt, falls nicht, darf keine von beiden das Geld behalten. Interessant ist nun das Ergebnis: Die Frauen, die dachten, sie hätten Testosteron genommen, haben, unabhängig davon, ob sie es wirklich genommen haben oder nicht, signifikant ein schlechteres Verteilungsangebot gemacht – weil sie der Überzeugung waren, dass das die Entscheidung ist, die ein Mann treffen würde. Die Frauen, die dachten, sie hätten Placebo erhalten, unabhängig davon, ob sie Testosteron bekommen haben oder nicht, machten durchgehend positivere Angebote – da das Das Drama (1961) handelt von dem Jungen Andri, der als Kriegsflüchtling von einem Mann aufgenommen wird. Das gesamte Dorf hält Andri für einen Juden, da der Mann ihn als einen solchen darstellt. Die meisten Dorfbewohner schreiben Andri sogleich vermeintlich „jüdische Eigenschaften“ zu, die Andris Charakter zuerst sehr widersprechen. Mit der Zeit übernimmt Andri jedoch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften, nicht nur in seinem Verhalten, sondern auch in seinem Selbstbild. Am Ende der Geschichte stellt sich heraus, dass Andri weder ein Flüchtling, noch ein Jude ist, sondern schlicht der uneheliche Sohn des Mannes, der ihn „aufgenommen“ hat. 21


– 19 – nun einmal die Entscheidung ist, die ihrer Überzeugung nach Frauen treffen. (vgl. Eisenegger et al. 2010) Dieser und der Andorra-Effekt sind sehr interessant und äußerst prägnant, wenn es um die Übernahme einer Geschlechtsidentität geht. So stellt auch Hannover fest, dass „in der sozialen Interaktion Geschlecht konstruiert wird“. Detailliert erklärt sie: „In dem Maße, wie die an einer Interaktion Beteiligten geschlechtstypisierte Erwartungen anderen gegenüber haben und sich selbst geschlechtstypisiert verhalten, sorgen sie dafür, dass sie soziale Interaktion zu einer Aufrechterhaltung – und nicht zu einem Abbau – von Geschlechtsrollenstereotypen beiträgt.“ (Hannover 2010, S. 37) Um ein Beispiel zu nennen: Der Lehrer stellt im Sportunterricht für die Mädchen den Bock niedriger. So bekommen nicht nur die Mädchen vermittelt, dass sie sportlich weniger kompetent sind als Jungen, sondern Jungen auch, dass sie kompetenter sind – so entstehen durch kleinste Handlungen im Alltag Geschlechtsstereotype. Auch Alfermann sieht „die Geschlechterrolle und die damit verbundenen Erwartungen als die zentrale Ursache für Geschlechterunterschiede im sozialen Handeln“. (Alfermann 1996, S. 31) Oft wird auch in der Evolutionspsychologie menschliches Verhalten mit „spekulativen Theoriekonstruktionen, die auf der Grundlage von Analogien zum Verhalten ausgewählter Tierarten Prognosen erarbeiten“, erklärt. Dabei wird mit dem sogenannten Trieb zur Arterhaltung (vgl. Kapitel 2.2.1) argumentiert, der auf der Logik zweigeschlechtlicher Fortpflanzung beruht. Diese Theorien seien zumeist höchst spekulativ und folgten keinerlei empirischer Grundlage, meint Hagemann-White. Außerdem weisen sie eine „zu geringe Komplexität auf, um den realen Zusammenhängen gerecht zu werden“. (Hagemann-White 2005, S. 37 ff.) Die Zweigeschlechtlichkeit wird in den meisten, auch kritischen, Psychologie-Arbeiten als natürlich angesehen. Interessant sind dennoch einige Studien, die geschlechtsspezifische Verhaltens– und Kognitionsunterschiede untersuchen. Fest steht, dass das menschliche Gehirn sexuell dimorph ist, ob jedoch die unterschiedlichen Morphologien von Gehirnen bei Männern und Frauen einen tatsächlichen Einfluss auf Fühlen, Denken oder Handeln haben, ist stark umstritten. Zwar gibt es einige Studien, die Männern etwa ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen zusprechen oder Frauen bessere sprachliche Kognitionen, jedoch weisen Hirnstein und Hausmann (2010) daraufhin, dass bei diesen Studien meistens die Relevanz des sog. „stereotype threat“ missachtet wurde. So erzielen Gruppen oftmals ein besseres oder schlechteres


– 20 – Ergebnis bei entsprechenden (Intelligenz-)Tests, wenn sie mit einem positiven oder negativen Stereotyp konfrontiert sind. Erkannt wurde dieser Effekt, als in den USA die Intelligenz zwischen schwarzen und weißen Studierenden verglichen wurde. Schwarze schnitten häufig schlechter ab, aus Angst, den Stereotyp „Farbige sind weniger intelligent“ zu bedienen. Selbiges ist bei Intelligenztests zwischen Frauen und Männern zu beobachten. Wenn ein Test etwa einer Gruppe Frauen nicht mehr als räumlicher Vorstellungstest vorgestellt wird („Das können die Männer doch eh besser“), sondern als Empathie-Test, schnitten sie wesentlich besser ab, und die geschlechtsspeziefische Unterschiede bei den Ergebnissen gingen gegen null.

2.2.4. Die interaktionstheoretische Perspektive Um die Entwicklung des Geschlechterverhältnis zu erforschen und zu beschreiben wird mittlerweile in der Fachwelt vom doing Gender gesprochen.22 Dieser interaktionistische Ansatz geht weiter als die bloße sozialisationstheoretische Sichtweise und stellt Geschlecht zwar als erlerntes Verhalten, jedoch im alltäglichen Umgang miteinander, dar. So wird als „Vermittlungsort zwischen geschlechtsbezogenen Strukturen einer Gesellschaft und individuellem geschlechtsbezogenem Handeln die Biographie als Konstruktion, die von Individuen unter gesellschaftlichen Vorgaben geleistet wird, erkannt“. (Vogel 2005, S. 12) Hier wird damit eine Brücke geschlagen zwischen den sozialisationstheorethischen und den psychologischen Ansätzen. Das geschlechtsspezifische Verhalten ist immer am Wissen orientiert, wie man sich als »Mann« oder »Frau« zu verhalten hat, wie auch Gildemeister bestätigt, wenn sie schreibt, dass „Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität als fortlaufender Herstellungsprozess aufzufassen sind, der zusammen mit faktisch jeder menschlichen Aktivität vollzogen wird“ (Gildemeister 2010, S. 137; Hervorh. S.H.). Oder in Motschenbachers Worten: „Geschlecht [ist] nicht etwas […], das man von Geburt an besitzt, sondern etwas, das man tagtäglich und in sämtlichen Verhaltensweisen praktiziert“. (Motschenbacher 2003. S. 36) Wichtig ist hier die Hervorhebung des Ständigen, des Alltäglichen. Denn, wie schon erwähnt, stellen wir in jeder Interaktion fest, ob unser Gegenüber männlich oder weiblich ist.23 Und genau in diesen Interaktionen wird Ge-

Eingeführt von West/Zimmermann (1987) ist der Begriff in der aktuellen Debatte um Geschlechtskonstruktion und Geschlechtserwerb nicht mehr wegzudenken. Vgl. dazu auch Vogel 2005; Becker-Schmidt 2005; Budde 2009; Gildemeister 2010. 22

Geschlecht dient somit, um mit Luhman (1987) zu sprechen, in sozialen Systemen der Komplexitätsreduktion. Vereinfacht ausgedrückt ist Geschlecht somit ein Klassifikationsschema, mit dem wir die Welt und unser Gegenüber (ein)ordnen. 23


– 21 – schlecht inszeniert. Da die Genitalien (als sozial vereinbartes Klassifikationskriterium) nicht sichtbar sind, muss das Geschlecht durch andere Merkmale (Mimik, Gestik, Verhalten, Wortwahl, Kleidung, Frisur, etc.) dargestellt werden, somit kann die Geschlechtszugehörigkeit erahnt werden. Deshalb muss die Darstellung selbstevident sein, denn nach der Geschlechtszugehörigkeit zu fragen, stellt ein Normbruch auf beiden Seiten dar. (vgl. Gildemeister 2010, S. 140) Die entsprechenden Verhaltensweisen können wir dann auch sogleich kategorisieren und unser Bild von der Geschlechterdifferenz ständig erneuern und neu deuten. So wurde erst durch die doing Gender-Prozesse die „Gebährfähigkeit von Frauen zur Grundlage eines separierten und tendenziell benachteiligenden Status“. (Gildemeister 2010, S. 137) Wie noch in Kapitel 3.1 gezeigt wird, galt die Gebährfähigkeit der Frau in früheren Kulturen als besondere Gabe, weswegen sie verehrt und beneidet wurden. Erst die gesellschaftliche Konnotation (erneut: doing Gender) der Schwangerschaft als Zeit der Hilflosigkeit und vor allem als Zeit, in der keiner Lohnarbeit nachgegangen werden kann, hat die Gebährfähigkeit herabgewertet. Das zeigt, wie die Natur, kulturell gedeutet, Einfluss auf die Geschlechterkonstruktion hat. Um diesen Gedanken besser zu verstehen, möchte ich auf Kapitel 2.1 verweisen und die ebenfalls von West und Zimmermann im selben Werk geführte Diskussion um Sex/Gender/ Sex-category. Gender ist nach ihnen die „intersubjektive Validierung der Geschlechtskategorie in Interaktionsprozessen“, also die alltäglichen Prozesse, in denen Geschlecht durch bestimmte Verhaltensweisen dargestellt und insziniert wird. Nach West/Zimmerman heißt es: „Doing Gender is unavoidable“, da, wie sie weiter ausführen, „virtually any activity can be assessed as to its womanly or manly nature“. Die dichotome Aufteilung in zwei Geschlechter ist so tief in die Wahrnehmung, das Verhalten, Denken und Handeln eingedrungen, dass wir jedes Verhalten als entweder männlich oder weiblich deuten, egal was es ist. So kann man auch nicht vermeiden, das eigene Geschlecht zu inszinieren, da es von anderen immer als geschlechtliches Verhalten wahrgenommen wird. (West/Zimmerman 1987, S. 136 f.) Grundlegend dafür sind verfestigte Vorstellungen über die Geschlechter (Stereotype), die mal sehr vage Vorstellungen sein können, wie etwa zurückhaltendes Auftreten bei Frauen und dominantes Auftreten bei Männern, bis hin zu institutionalisierten Arrangements, wie z.B. der Zwang, sich als Gentleman zu verhalten. Diese Stereotype sind unabdingbar bei der Performanz


– 22 – des männlichen oder weiblichen Geschlechts, schließlich muss sich an sozial vereinbarte Kriterien orientiert werden, was denn nun als geschlechtsspezifisches Verhalten gilt. Deutlich wird, dass der Ansatz des doing Gender im direkten Gegensatz zu biologistischen Thesen steht, die die hier beschriebene performative Geschlechtsinszenierung als anlagebedingtes natürliches Verhalten deuten, welches quasi unausweichlich von Geburt an spezifische Verhaltens– und Charaktereigenschaften zuschreibt und voraussetzt. Es wird damit auch die Rollentheorie von Erving Goffman („Wir alle spielen Theater“) (vgl. Goffman 1973, Becker-Schmidt 2005) aufgegriffen, in dem Goffman die Theatermethaphorik benutzt, um die Übernahme von tradierten und erwarteten Handlungsmustern zu erklären. Dabei spielt stets die Interaktion – also die Selbstdarstellung auf der „Theaterbühne“, um im Bild zu bleiben – eine erhebliche Rolle. Im Konzept des doing Gender sieht Vogel, dass damit Geschlecht „sehr dezidiert […] als soziale Konstruktion in gesellschaftlichen Machtstrukturen – und verwirklicht in Interaktion – verdeutlicht“ wird (Vogel 2005, S. 11), und Schaufler stellt fest: „Damit ist Geschlecht in allen seinen Aspekten diskursiv konstruiert – ein Effekt von Diskursen.“ (Schaufler 2002, S. 90)

2.3. Patriarchat Unter dem Begriff Patriarchat „werden […] die Beziehungen zwischen den Geschlechtern verstanden, in denen Männer dominant und Frauen untergeordnet sind. Patriarchat beschreibt ein gesellschaftliches System von sozialen Beziehungen der männlichen Herrschaft […] es geht um die Monopolisierung von Machtverhältnissen in allen sozialen Bereichen“ (Cyba 2010, S. 17; Hervorh. S.H.) Was Eva Cyba hier so prägnant definiert, wird vor allem in der feministischen Literatur als Grundvoraussetzung gesehen. (vgl. Wahl 1990, S. 9) Ob wir nun in einer patriarchalen Gesellschaft leben, werde ich erst an späterer Stelle dieser Arbeit diskutieren (Kapitel 7), da ich zuerst mit Hilfe einiger Beispiele das Geschlechterverhältnis innerhalb unserer Gesellschaft beschreiben möchte. Vorwegnehmen möchte ich aber schon an dieser Stelle, dass es ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis gibt, was sich etwa in der Arbeitsverteilung (privat/öffentlich), im Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern oder der


– 23 – Verteilung von machtbesetzten Positionen innerhalb unserer Gesellschaft zeigt. Ob das aber in der Relation „Dominanz/Unterordnung“ geschieht und es sich hierbei wirklich um eine „Monopolisierung von Machtverhältnissen“ handelt, wird durchaus kontrovers diskutiert. Die Positionen sind ähnlich wie bei der Debatte um Geschlecht. Von „natürlicher Ordnung“ (Bischof-Köhler 2003) ist teilweise die Rede, bis hin zu „männlicher Herrschaft“ (Bourdieu 2005) reichen die Diskussionsbeiträge. Die Debatte, wie Macht und (männliches) Geschlecht verzahnt sind, gibt es schon seit Jahrzehnten, und die verschiedensten Argumente für die männliche Vormachtstellung wurden schon ausgemacht, wie etwa die Zwangsheterosexualität, die biologische Reproduktion oder auch der Kapitalismus 24. Letzteres wird als „dualistischer Ansatz“ betrachtet und sieht „die Diskriminierung der Frauen als eine Folge der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die benachteiligte soziale und berufliche Positionen schafft, die mit Gruppen von Frauen besetzt werden, die keine Alternative haben“. (Cyba 2010, S. 19) Womit Männer Frauen innerhalb und außerhalb der Familie kontrollieren würden. Dass dieses Thema nicht nur in Fachkreisen von Bedeutung ist, zeigt die aktuelle Diskussion um Frauenquoten, die sich wohl als Zugeständnis verstehen lässt, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben, die sich bloß durch staatlich angeordnete Zwangsmaßnahmen aufbrechen lässt. Kritiker_innen der Frauenqoute lehnen genau diese These ab und argumentieren oftmals legalistisch: Die Chancengleichheit der Geschlechter ist durch den Gleichheitsartikel im deutschen Grundgesetz geregelt, Frauen und Männer können beide erreichen, was auch immer sie wollen. Bestes Beispiel ist die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie schon ersichtlich wird, ist diese Diskussion erneut eine sehr komplexe und weitreichende und kann an dieser Stelle kaum abschließend geklärt werden. Dennoch wird sich die Frage nach der Relation von Macht und Geschlecht als „roter Faden“ durch diese Arbeit ziehen und die Prägnanz des Themas dadurch hoffentlich ersichtlich. Um die bestehende Geschlechterordnung analysieren zu können, ist es unabdingbar, auch den historischen Kontext und die Entwicklung unseres binär-dichotomen Systems zu betrachten, was ich im folgenden Kapitel kurz anreißen werde.

Wie sich in dieser Arbeit noch zeigen wird, unterliegen Kapitalismus und Geschlecht unmittelbarer reziproker Einflüsse, weshalb auch diese beiden Systeme nicht getrennt voneinander betrachtet werden sollten. Das System Geschlecht wird hoffentlich nach Lektüre dieser Arbeit in differenziertem Licht erscheinen, um jedoch eine solche Analyse zum Kapitalismus zu bieten bedarf es eigener Arbeiten (zu empfehlen ist bspw. Marx 2007). Die beiden Systeme ausdifferenziert miteinander zu verknüpfen ist noch aktueller Forschungsgegenstand, vor allem zur sozialen Ungleichheit (vgl. etwa Lenz 2010; Penny 2012) 24


– 24 –

3. Die Kategorie Geschlecht im Kapitalismus Wie weiter oben schon erwähnt wurde, basiert die gesamte westliche Kultur der Moderne auf der Implikation von verschiedenen Eigenschaften und Fähigkeiten aufgrund von verschiedener körperlicher Austattung von Individuen und deren unterschiedliche Beteiligung an der Reproduktion. Der geschlechtliche Körper determiniert hiernach nicht nur die Anlagen, Fähigkeiten und äußeren Erscheinung, sondern die ganze Person. (vgl. Schaufler 2002, S. 7) „Kinder lernen, dass sie sich, wie alle Menschen, dem gesellschaftlich bedingten System der Zweigeschlechtlichkeit zuordnen müssen und dass das Geschlecht prinzipiell nicht gewechselt werden kann.“ (Vogel 2005, S. 14) Dass diese Geschlechterordnung jedoch ein recht junges Konstrukt ist, zeigt ein Blick in die Geschichte und die Widersprüche dieser Ordnung zeigt ein Blick in die Gegenwart, was ich in den nächsten beiden Abschnitten aufgreifen werde.

3.1. Zur Geschichte der Geschlechter Da das Thema der historischen Entwicklung des Geschlechterverhältnisses mindestens so interessant und notwendig ist, um die aktuelle Situation analysieren zu können, wie es umfassend ist, möchte ich mich in diesem Kapitel auf einige wenige Abschnitte der Geschichte konzentrieren, die m. E. essentiell sind, um den Zusammenhang von Hierarchien und dem Geschlechterverhältnis sowie deren gesellschaftliche Konstruktion besser verstehen zu können. Dafür ist es wichtig, folgenden Grundgedanken zu verstehen: „Diese binäre Geschlechterordnung ist mithin recht jungen Datums, erscheint gleichwohl nicht als historisches Konstrukt, sondern als Natur.“ 25

So wird die bestehende Geschlechterordnung oftmals historisch-evolutionär begründet. (vgl. Kapitel 2.2.1) Diese Argumentation fußt meistens auf der „Jäger-Sammler“ These, auf die ich

25

Schößler 2008, S. 22 vgl. aber auch Maihofer 1995, S. 19 f.


– 25 – an dieser Stelle etwas genauer eingehen möchte, da sie gerade populärwissenschaftlich von großer Bedeutung ist.26 Diese doch sehr verkürzte und extrem simplifizierende Darstellung der frühen Menschheitsgeschichte, (alle Menschen haben in Höhlen oder ähnlichem gewohnt, sich in zwei, nach Genitalien getrennten, Gruppen aufgeteilt, die Männer sind immer Jagen gegangen und die Frauen haben „zuhause“ das Feuer gehütet, auf die Kinder aufgepasst und in der näheren Umgebung Nahrung gesammelt 27), ist nicht nur historisch äußerst fragwürdig, sondern wird auch der Komplexität des menschlichen Miteinanders und der verschiedenen Kulturen und Lebensformen bei weitem nicht gerecht. So gab es verschiedenste Formen des Zusammenlebens, wie Göttner-Abendroth mit ihrer Matriarchatsforschung belegt, 28 und der Jagd als Nahrungsquelle wird ein deutlich höherer Stellenwert zugemessen, als sie tatsächlich einnahm. Denn wir Joachim Bauer zusammenfasst, waren frühe Kulturen hauptsächlich agraisch geprägt und der gemeinsamme Ackerbau diente der Nahrungsbeschaffung im Gegensatz zu männlichen Jagd. (vgl. Bauer 2013) Allgemein bietet eine kritische Auseinandersetzung mit der Historie des Geschlechterverhältnises eher die feministische und herrschaftskritische Forschung, wie etwa Eva Cyber, Heide Göttner-Abendroth oder Horst Stowasser. Stowasser fasst die archäologischen Forschungsergebnisse zur antiken Stadt Chatal Hüyük (bewohnt von ca. 7400-6200 v. Chr.) zusammen: Die Stadt ist in noch immer in einem so hervorragendem Zustand, dass detaillierte Rückschlüsse auf das Sozialverhalten ihrer Bewohner möglich sind. Die Stadt gilt als Meilenstein der prähistorischen Archäologie. So wird deutlich, dass „Frau und Mann nicht als soziale Polarität empfunden wurden.“ Frauen gingen ebenso jagen wie sie Ackerbau betrieben und Handwerke ausübten. Männer haben sich ebenfalls um die Kinder gekümmert, Schmuck getragen und im Haushalt gearbeitet. Von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und einer Hierarchisierung oder auch nur einer sozialen Kategorisierung der Menschen nach Geschlecht scheint es keine Spur zu geben. (vgl. Stowasser 2009, S171 ff. auch Bauer 2013, S. 148 ff.)

vgl. etwa Pease 2000. Ein Großteil der populärwissenschaftlichen Beiträge, gerade im TV-Format, erklären so das Geschlechterverhältnis und vermeintliche „Geschlechtscharaktere“. 26

27

Diese Darstellung ist etwa bei Bischof-Köhler (2004) zu finden.

Göttner-Abendroth bietet mit ihren Werken eine der bisher umfassendsten historischen Analysen von matriarchal organisierten Gesellschaften. Zu empfehlen ist ihre prägnante Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes mit umfassenden weiteren Literaturhinweisen in: Göttner-Abendroth 2010. 28


– 26 – Auch Göttner-Abendroth berichtet von einer „matriarchalen Kultur“, die einen „Zeitraum von mehreren Jahrtausenden“ umspannt – von der Jungsteinzeit bis zur späten Bronzezeit – mit etlichen nenneswerten Stadtkulturen neben Chatal Hüyük. Die späteste wurde auf Kreta gefunden und existierte „bis 1.600 vor u.Z.“ (Göttner-Abendroth 2010, S. 23 f.) Ebenso widerspricht Eva Cyba der verbreiteten Sichtweise von historischen Geschltsunterschieden indem sie erklärt, dass „die ursprüngliche soziale Organisation (»die Horde«) von einer Gleichheit der Geschlechter bestimmt war und sich die patriarchalen Strukturen erst nach einer Zwischenetappe matriarchal organisierter Gesellschaftsformen durchgesetzt haben“. Sie gesteht auch ein, dass sich „historische Debatten wohl kaum vollständig entscheiden lassen“ und auch die Bedeutung von matriarchalen Kulturen kontrovers diskutiert wird. Jedoch stellt sie fest, dass „sich im Neolithikum und im Bronzezeitalter alternative Modelle zur Männerherrschaft nachweisen lassen“. (Cyba 2010) In etlichen früh-menschlichen Kulturen, die nach dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 12.000 Jahren existierten, lassen sich Statuetten nachweisen, die zumeist Frauen als Motiv hatten (wie übrigens ebenfalls in Chatal Hüyük). Joachim Bauer schließt daraus: „Das auffallend einheitliche Vorherrschen weiblicher Motive – oft mit besonderer Herausbildung der weiblichen Geschlechtsmerkmale – im gesamten Gebiet des »Statuetten-Horizents« – lässt auf eine Werteordnung schließen, in der die Frau als Trägerin der Fruchtbarkeit und Quelle des Lebens eine angesehene gesellschaftliche Stellung hatte.“ Weiter belegt Bauer, dass das Geschichtsbild des „Keulen schwingenden autoritären Anführers“ mit „permanenten internen Wettstreit“, in dem mit Stärke unter Männern austariert wird, wer die Gruppe führt, im „krassen Gegensatz“ zu allen Befunden über derzeit noch existierender vorzivilisatorischer menschlicher Kulturen steht. Diese seien eine bloße Projektion „der patriarchalischen Verhältnisse, wie sie erst nach der neolithischen Revolution, im klassischen Altertum, im Mittelalter, in der bürgerlichen Epoche oder im derzeitigen Raubtierkapitalismus anzutreffen sind“. Sein Fazit: „Nicht »Demonic Males« und »man the hunter«, sondern Intelligenz, Kooperation, weitgehender Egalitarismus, Geschlechterparität und kreativer Erfundungsreichtum waren das evolutionäre Erfolgsmodell des Menschen,“ (Bauer 2013, S. 141 ff.) denn „[n]ichts spricht dafür, dass die Unterordnung der Frau unter den Mann vor der neolithischen Revolution eine besondere Rolle spielte, im Gegenteil.“ (ebd. S. 154)


– 27 – Eine entscheidende Etappe für die Entstehung des heutigen Geschlechterverhältnisses ist das Hervorkommen des Kapitalismus.29 Im der Zeit vor der Entstehung des Bürgertums existierte die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern lediglich in den Hausgemeinschaften. (vgl. Gildemeister/Hericks 2012, S. 10) Die entstehende Zweiteilung der Arbeit in unbezahlte häusliche und bezahlte Arbeit legte den Grundstein für unsere heutige Arbeitswelt und die einhergehende Hierarchisierung, wie auch Albert Scherr feststellt: „Sozialhistorisch beruht die Geschlechterordnung unserer Gesellschaft auf einem patriarchalischen Grundmuster, das wohl die historisch älteste Form der Begründung und Rechtfertigung sozialer Ungleichheit darstellt. Sie ist strukturell verankert in einer Ökonomie, in der die unbezahlte »weibliche« Haus- und Familienarbeit Voraussetzung der »männlichen« bezahlten Erwerbsarbeit ist.“ 30

Diese „Ordnung“ ist in unserer Gesellschaft noch immer weit verbreitet, gerade weil sie oftmals als natürliche Ordnung gilt, und das, obwohl die aktuelle Forschung das Gegenteil belegen kann. So zeigt sich beispielsweise, dass „insbesondere im frühen 19. Jahrhundert die Grenzen zwischen den abgetrennten Sphären Familie und Arbeitsweilt weitaus durchlässiger waren als gemeinhein angenommen“. (Schößler 2008, S. 24 f.) Auch eine genauere Analyse des historischen Wandels der Bedeutung des Begriffs Geschlecht zeigt klar, welchen sozio-kulturellen Dynamiken das „Wissen“ ausgesetzt ist, das wir heute für scheinbar unantastbar halten. Schlägt man etwa ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert auf und sucht nach dem Begriff „Geschlecht“, so wird anstelle von Frauen und Männern die genealogische Bedeutung, also die Unterscheidungen der Abstammungslinien („Geschlecht Abrahams“), erklärt. Die Differenzierung von Menschen nach Körperbau findet sich erst unter dem Begriff „Sexus“ – und dort wird lediglich aufgrund des Fortpflanzungszwecks differenziert. Auch unter „Mann“ und „Frau“ findet sich zuerst die soziale Stellung (Ehefrau, Soldat, etc.), bevor auf die rechtlichen Unterscheidungen und Fortpflanzungsfunktionen hingewiesen wird. (vgl. Gildemeister/Hericks 2012, S. 8) „Die Einteilung in genealogische Geschlechter war sozial bedeutsamer als die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen […]. Königin, Herzogin, Maitresse, Nonne, Bürgerin, Bäuerin, Freie oder Leibei-

29

Ausführlich dazu: Gildemeister/Hericks 2012.

30

Scherr 1997, S. 118


– 28 – gene ließen sich in der damaligen Lebenswirklichkeit und Wahrnehmung nicht unter einer Kategorie subsumieren – sie hatten nicht das gleiche Geschlecht.“ (Hervorh. im Original) 31

Wie sich zeigt, finden sich in der Debatte um das Geschlechterverhältnis klare enthistorisierende Züge. Es ist notwendig, die oftmals einseitige und fälschlich simplifizierende Darstellung aufzubrechen und historisch korrekt wiederzugeben, wie sich das hierarchische Geschlechterverhältnis entwickelt hat. Nur so kann das, häufig als natürlich geltende, asymmetrische Geschlechterverhältnis aufgebrochen oder zumindest die Unantastbarkeit entzogen werden. Denn Dekonstruktion ist das Verstehen der Konstruktionen.

3.2. Die Pradoxie der Binarität „Wir leben in einer Welt, die den unwirklichen weiblichen Körper anbetet und echte weibliche Macht verachtet. Diese Kultur verurteilt Frauen dazu, immer so auszusehen, als seien sie verfügbar, während sie nie wirklich verfügbar sein dürfen, und zwingt uns, sozial und sexuell konsumierbar zu erscheinen, während wir selbst sexuell so wenig wie möglich konsumieren sollen. Unsere drastische Vergeltung dafür besteht darin, uns selbst zu konsumieren: Sich selbst verzehren - das tun immer mehr von uns.“32

Penny schildert in diesem Zitat deutlich die Pradoxie des Geschlechterverhältnisses. Penny geht in ihrer Arbeit hauptsächlich auf die Anforderungen ein, die an den weiblichen Körper in unserer kapitalistischen Gesellschaft gestellt werden und kommt zun Schluss: „Der weibliche Körper in der westlichen Welt, der überall zur Schau gestellt wird, ist in Wirklichkeit marginalisiert und von der Kultur der monetarisierten Sexualität in Besitz genommen, die uns von unseren authentischen persönlichen und politischen Identitäten entfremdet.“33

Männlichkeit hingegen, unterliegt ganz anderen Anforderungen. „In der modernen westlichen Kultur z.B. wird das Männliche zweifach negativ definiert: Das Männliche ist nicht weiblich, und es ist nicht homosexuell.“ (Wedgwood/Connell 2010, S. 117; vgl. auch Schößler 2008, S. 137) Schößler schließt daraus, dass „Männer einem weitaus größeren Identitätszwang unterliegen als Frauen und dass ihre Verweiblichung einen maximalen Anerkennungsverlust

31

Gildemeister/Hericks 2012, S. 8

32

Penny 2012. S. 45

33

Penny 2012, S. 36


– 29 – darstellt“ (Schößler 2008, S. 138). Eindrucksvoll zeigt sich das in einem Fotoprojekt des spanischen Künstlers Jon Uriarte („The men und the influence…“). 34 Er hat Männer in der Kleidung von ihren Freundinnen fotografiert (Abb. 1). Wenn Frauen traditionelle Männerkleidung tragen, gilt es als Emanzipation, als Ringen um Teilhabe, wie etwa die ehemalige Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer, die als erste weibliche Abgeordnete im Jahr 1970 in einem Hosenanzug vor das Rednerpult trat und damit einen Skandal auslöste. Zuvor hatte der damalige Vizepräsident des Bundestages, Richard Jaeger, erklärt, dass er keiner Frau gestatten würde, in Hosen den Plenarsaal zu betreten. Wenn jedoch Männer traditionelle Frauenkleidung tragen, ergibt sich ein ganz anderes Bild und würde wohl für einen ähnlichen Skandal sorgen wie 1970. Hier muss sich die Männlichkeit erst noch von ihren Abgrenzungszwängen emanzipieren, denn für Männlichkeit steht noch immer die „Bedeutung der Abgrenzung von Weiblichkeit, der homosoziale Bezugsrahmen und die Hierarchiebildung zwischen Männern […] im Mittelpunkt“ (Stach 2012, S. 192). Bei dem Vergleich – Frauen in „Männerkleidung“ und Männer in „Frauenkleidung“ – wird schon offensichtlich, wie willkürlich konstruiert die vorherrschende Geschlechterodnung und ihre Zuweisungen sind. Auch Gildemeister stellt fest, dass selbst in Situationen, in denen der „Konstruktionscharakter der Zweigeschlechtlichkeit vergleichsweise offen zutage tritt wie im Falle der Trans- oder Intersexualität oder bisexueller oder gleichgeschlechtlicher sexueller Neigungen“, die gesellschaftliche Ordnung nicht im geringsten in Frage gestellt wird. (Gildemeister 2010, S. 141) Sehr deutlich zeigt sich das noch einmal bei der GegenAbbildung 1: Javi & Gabi von Jon Uriarte 2013.

überstellung der männlichen und weiblichen Geschlechterrolle:

Die Fotoserie ist auf seiner Homepage einzusehen unter: http://jonuriarte.es/index.php?/collaborations/the -men-under-the-influence (Aufgerufen am 16.07.2013) 34


– 30 – „Jeden Tag werden wir [die Frauen] in Film und Fernsehen, in der Werbung und in den Printmedien, aber auch durch flüchtige Bekannte, mit unzähligen – mehr oder weniger subtilen – Botschaften bombardiert, die uns suggerieren, dass wir nicht jung genug, schlank genug, hellhäutig genug und willfähig genug sind. Es gibt kein Entkommen.“ (Penny 2012, S. 7) Die männliche Geschlechterrolle dahingegen kann gut durch die Redewendung „… damit du groß und stark wirst“ beschrieben werden. Dieser Satz wird meist von Eltern gegenüber Jungen geäußert in der Hoffnung, diese entwickeln sich zu „normalen“ – also großen und starken – Männern. „»Groß und stark werden« als Formel beschreibt die Eigenschaften (Stärke, Härte, Durchsetzungsfähigkeit, Unabhängigkeit usw.), welche auch heute noch als grundlegend für gelungene Sozialisation bei Jungen/Männern gesehen wird.“ (Willems/Winter 1990, S. 5) Becker-Schmidt stellt deshalb fest: „»Geschlecht« ist nicht einfach eine soziale Konstruktion, sondern vielmehr etwas geschichtlich und gesellschaftlich Konstituiertes.“ (Becker-Schmidt 1993, S. 45)


– 31 –

4. Konstruktion von Rollenbildern anhand verschiedener aktueller Beispiele Dass es Rollenbilder gibt, die gewisse Erwartungshaltungen implementieren, wurde Eingangs dargestellt. Dass diese Rollenbilder gesellschaftlichen Dynamiken, kulturellem und historischem Wandel ausgesetzt sind, ist auch nicht zu leugnen. Wie kommt es nun aber zu den Rollenbildern und Geschlechterstereotypen in unserer heutigen Gesellschaft? Folgend möchte ich anhand von einigen Beispielen aufzeigen, wie die vorherrschenden Rollenbilder in unserer Gesellschaft vielleicht nicht konstruiert, 35 aber zumindest verbreitet, sozialisiert und verfestigt werden. Dazu werde ich exemplarisch aus einigen medialen und populärkulturellen Bereichen Beispiele aufzeigen, um auch die Breite der Faktoren darzustellen, die Einfluss auf die Geschlechtersozialisation haben.36 Offensichtlich hat das durch die Medien vermittelte stereotype und hochstilisierte Geschlechterbild nichts oder nur wenig mit der Realität zu tun. (vgl. Motschenbacher 2003) Da aber große Teile der Gesellschaft diese Bilder für „natürlich“ halten und danach leben und dieses Verhalten auch von ihren Mitmenschen erwarten, scheint es mir wichtig und notwendig aufzuzeigen, dass etwa das Bild des „mutigen Helden“ und der „schwachen Prinzessin“ insbesondere auch medial an Kinder und Jugendliche vermittelt wird und so das Gesamtbild des Geschlechterverhältnisses mit prägt und einen gravierenden gesamtgesellschaftlichen Einfluss hat.37 Dabei geschieht der Prozess des Aneignens von Attributen, die in den Medien hinsichtlich der Geschlechtlichkeit erzeugt werden, eher unbewusst als bewusst (vgl. Scheu 1986, S. 9 oder Hagemann-White 1993, S. 69). Gerade deswegen sind „Medien, neben dem Elternhaus, Gleichaltrigengruppen und Bildungsinstitutionen zu einer wichtigen Instanz der (Geschlechter–) Sozialisation geworden.“ (Keuneke 2000, S. 43) Um die Entstehung der Geschlechterrollen zu analysieren, bedarf es einer sozio-historischen Analyse der jüngeren Menschheitsgeschichte, denn schon in der griechischen Mythologie waren ähnliche Rollenbilder vorzufinden, wie sie heute vorherrschen. (Orpheus z.B. stieg in die Hölle hinab, um die Seele seiner verstorbenen Frau Eurydike zu retten.) 35

Meine Ausführungen werde ich durch die Darstellung einiger Fotos und Screenshots der entsprechenden Produkte verdeutlichen, da die Vermittelung der Botschaften an die Konsument_innen auch meist visuell geschieht. Deshalb halte ich die visuelle Darstellung des entsprechenden Materials für notwendig, um die Prägnanz deutlich zu machen. 36

Man stelle sich bloß einmal vor, alle Helden der Populärkultur würden durch Frauen ersetzt und somit den Kindern und Jugendlichen vermittelt, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen starke, mutige und autonome Heldinnen sein können. Ich behaupte, die aktuelle Debatte um Frauenquoten wäre dann eine ganz andere. 37


– 32 –

4.1. Medien Es gibt natürlich unzählige Faktoren, die bei der Entwicklung und Verfestigung der Geschlechtsidentiät mitwirken, wie in Kapitel 2.2 schon gezeigt wurde Ein Kind sieht und lernt jeden Tag, wie es sich entweder als Frau oder als Mann zu verhalten hat und welche gesellschaftlichen Erwartungen mit dem jeweiligen Geschlecht einhergehen. Da in unserer Gesellschaft die Medien jedoch omnipräsent sind und gerade Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Zeit mit Medien verbringen (vgl. MPSF 2013, S. 12), ist dieser Aspekt sehr bedeutsam. „Der Einfluss der Medien [für die Übernahme einer verfestigten Geschlechtsidentität; Anm. S.H.] ist zwar indirekt. Aber in seiner Auswirkung keinesfalls zu unterschätzen“, meint auch Ursula Scheu (1986, S. 97). Weiter analysiert sie: „Die Medien sind nicht nur ein Spiegel der geschlechtsspezifischen Herrschaftsverhältnisse, sondern darüber hinaus Instrument zu ihrer Manipulation und Aufrechterhaltung.“ (ebd., S. 119) Auch Gläßer (2008, S. 225) sieht die „Medien als Hauptlieferant relevanter Informationen zur Bildung der öffentlichen Meinung und Sozialisationen“, was ihnen eine enorme Relevanz zuspricht. Zu Medienrezeption und Sozialisation gibt es folglich eine Reihe von Theorien und Forschungsansätzen: vom Reiz-Reaktions-Modell über den Nutzen- und Belohnungsansatz bis hin zum Begriff der parasozialen Interaktion. Einig sind sich die verschiedenen kommunikationswissenschaftlichen Ansätze darin, dass Massenmedien einen direkten Einfluss auf die Identitätsbildung38 der (jungen) Rezipient_innen haben (natürlich auch als Teil des doing GenderProzesses) – wenn auch als komplexe Interaktionsleistung betrachtet –39 weswegen ich folgend anhand von einigen Beispielen die massenmediale Darstellung von Geschlecht analysieren werde. Es gibt drei wichtige Faktoren beim Betrachten von Medien: „[E]rstens die Medien selbst in ihrer inhaltlichen und ästhetischen Beschaffenheit, zweitens ihre Produktion und ProduzentInnen (Journalismus, Kunst, Medienwirtschaft und -unternehmen), drittens ihre Rezeption durch das Publikum, d.h. Mediennutzung, -aneignung und -wirkung.“ (Röser/Wischermann 2010, S. 738) Alle drei Aspekte werde ich im Folgenden teilweise beleuchten.

Ausgegangen wird hierbei davon, dass 1) Die Persönlichkeit eines Menschen sich im sozialen Kontext heraus bildet und 2) der Umgang mit Medien eine soziale Handlung ist. Vgl. dazu Neumann/Charlton 1990, S. 7 38

vgl. zur Diskussion Keuneke 2000, S. 37–41; Motschenbacher 2003, S. 36 f. oder Ecarius et al. 2011, S. 148174 39


– 33 –

4.1.1. Filme Die Darstellung der Geschlechter in Filmen ist aufgrund der unglaublichen Breite an Werken enorm unterschiedlich und vielfältig. Da die Charaktere jedoch stets vergeschlechtlicht dargestellt werden und somit auch in den meisten Filmen Geschlecht aktiv konstruiert und verbreitet wird, möchte ich in mich in diesem Abschnitt exemplarisch mit der Repräsentation von Frauen in „Oscar“-preisgekrönten Filmen40 beschäftigen, besonders mit ihrer Darstellung als aktivem Teil des gesellschaftlichen Alltags. An starken, selbstbewussten Männerrollen mangelt es in Hollywood kaum, so gut wie jeder Film dreht sich um das Schicksal eines Mannes. Sucht man jedoch nach Filmen, die die Geschichte einer Frau erzählen, fällt schnell auf, dass Hollywood wohl eine stark männerdominierte Gesellschaft aufzeigt und vermittelt, dass es Männer sind, um die sich in unserer Gesellschaft alles dreht. Dieser Gedanke ist nicht neu, schon 1929 hat Virginia Woolf in einem Essay bemerkt: „All these relationships between women, I thought, rapidly recalling the splendid gallery of fictitious women, are too simple. [...] And I tried to remember any case in the course of my reading where two women are represented as friends. [...] They are now and then mothers and daughters. But almost without exception they are shown in their relation to men. It was strange to think that all the great women of fiction were, until Jane Austen's day, not only seen by the other sex, but seen only in relation to the other sex. And how small a part of a woman’s life is that [...]“ 41

Den Gedanken führte Alison Bechdel (1986) in ihrem Comic „Dykes to Watch Out For“ fort, in dem eine unbenannte Frau erklärt, dass sie nur Filme anschaue, die folgende Regeln erfüllen: 1) Es spielen mindestens zwei Frauen mit, 2) die sich miteinander unterhalten, und zwar 3) über etwas Anderes als einen Mann.

Ich habe mich für „Oscar“-bepreiste Filme entschieden, da der Academy Award der wohl gesellschaftlich anerkannteste und einflussreichste Filmpreis ist. Filme, die diesen Preis erhalten, gelten gesamtgesellschaftlich als besonders wertvoll und sehenswert und sind somit wohl in gewisser Weise als „die besten der besten“ anzusehen. 40

41

Woolf 1929, o. S.


– 34 – Angelehnt an diesen Comic entstand der sog. „Bechdel-Test“, nach dem man Filme oder andere Werke untersuchen kann.42 Analysiert man nach den oben genannten Kriterien die aktuell mit einem Academy Award (Oscar) preisgekrönten Filme, 43 kommt man zu folgendem Ergebnis: Von den zehn Filmen, die im Jahr 2013 ausgezeichnet wurden, besteht kein einziger Film diesen Test. Bei den den meisten Filmen führen Frauen untereinander entweder kein Gespräch, oder es handelt sich bloß um einen beiläufigen Satz, der nicht als „Unterhaltung“ gewertet werden kann. Wie etwa „M“, die in James Bond 007: Skyfall der Agentin „Moneypenny“ über Funk den Befehl zum Schießen gibt (Min. 10:30-12:02) – die einzige Szene im ganzen Film, in der ein „Dialog“ zwischen zwei Frauen stattfindet, der sich aber wieder um einen Mann dreht – es soll auf den Widersacher von James Bond geschossen werden. Der einzige Film, der den Test fast besteht, ist Zero Dark Thirty, in dem es um die Jagd auf und die anschließende Tötung von Osama bin Laden geht. Es gibt einige Gespräche zwischen den CIAAgentinnen Maya und Jessica, in denen es zwar um ihren „Job“ geht, letztendlich aber ist das Thema wieder ein Mann, nämlich Osama bin Laden. Selbst in dem Film Anna Karenina, der sich komplett um das Schicksal einer Frau dreht, gibt es keine Unterhaltung zwischen ihr und einer anderen Frau, die sich nicht um einen Mann dreht. Das heißt natürlich nicht, dass Frauen keine „starken“ Rollen in den Filmen spielen. Moneypenny z.B. wird in dem aktuellen JamesBond-Film dargestellt als eine selbstbewusste, mutige Frau, die weiß, was sie will und sogar James Bond (wenn auch aus Versehen) anschießt. Jedoch ist auch sie nur in Verbindung mit dem „Helden“ James Bond definiert.

So gibt es etwa die Internetseite http://bechdeltest.com, auf der bisher 3914 Filme (Stand 07.05.2013) anonym auf die oben genannten Kriterien untersucht werden, oder die Bloggerin Anita Sarkeesian, die sich in einer ihrer Analysen mittels Videoclip auch auf den Test bezieht. Online einsehbar unter http://www.feminist frequency.com/2012/02/the-2012-oscars-and-the-bechdel-test/ (Aufgerufen am 07.05.2013) 42

Die Preisgekrönten Filme 2013 in Reihenfolge der Anzahl an erhaltenen Preisen: LINCOLN (2012): Spielberg, Steven (Regie). DVD, US: 20th Century Fox Home Entertainment. LIFE OF PI – SCHIFFBRUCH MIT EINEM TIGER (2013): Lee, Ang (Regie). DVD, US: 20th Century Fox Home Entertainment. LES MISÉRABLES (2013): Hooper, Tom (Regie). DVD, GB: Universal. SILVER LININGS (2012): Russel, David O. (Regie). DVD, US: Universum Film. ARGO (2012): Affleck, Ben (Regie). DVD, US: Warner Home Video. DJANGO UNCHAINED (2012): Tarantino, Quentin (Regie). DVD, US: Sony Pictures Home Enternainment. JAMES BOND 007 – SKYFALL (2013): Mendes, Sam (Regie). DVD, GB/US: 20th Century Fox Home Entertainment. AMOUR (2012): Haneke, Michael (Regie). DVD, F/D/A: CG Home Video SRL. ZERO DARK THIRTY (2012): Bigelow, Kathryn (Regie). DVD, US: Universal. ANNA KARENINA (2012): Wright, Joe (Regie). DVD, US/F: Universal. 43


– 35 – Was sich daran zeigt: Charaktere werden nicht als Menschen dargestellt, die ein Abenteuer o.ä. erleben, sie werden als männlich oder weiblich dargestellt und repräsentieren meistens die gängigen Stereotypen. Meistens, wie sich an den oberen Beispielen zeigt, werden auch nur Männer dargestellt, gerade als aktiver Teil der Gesellschaft. Die Figuren, die als Frauen dargestellt werden, definieren sich nur in Verbindung mit einem Mann. Wie sich zeigt, steht bei Filmen nicht die Geschichte an sich im Vordergrund, sondern die Geschichte immer in Bezug auf das Geschlecht der Hauptcharaktere. Es gibt keinen Film mit einer so coolen, lässigen und starken Action-Heldin, wie James Bond es einer ist – womit wieder ein Rollenbild reproduziert und verbreitet wird. Es gibt jedoch auch Filme, wie z.B. Life of Pi, der eine herausragende Geschichte erzählt und die Hauptfigur halt nun mal männlich ist. Sie könnte aber ohne weiteres auch weiblich sein, das Geschlecht spielt schlicht keine Rolle in dem Film. (Trotzdem fällt der Film durch den Bachdel-Test, weil sich die komplette Story um einen Jungen und einen Tiger dreht, die auf einem Boot gestrandet sind.) Peggy Orenstein fällt ähnliches im zusammenhang mit Filmen von Hayo Miyazaki (auch mehrfach mit einem „Oscar“ ausgezeichnet) auf: „They [die weiblichen Protagonisten; Anm. S.H.] simply happen to be girls“ (Orenstein 2012, S. 185; Hervorh. im Original). Das stellt aber bei den oben erwähnten Filmen die klare Ausnahme dar, die anderen neun „Oscar“-bepreisten Filme zeigen stereotype Frauen– und Männerfiguren und stellen ihr Geschlecht absolut in den Handlungsmittelpunkt.

4.1.2. Fernsehsendungen Ähnlich verhält es sich auch mit Fernsehsendungen. In unzähligen Serien werden traditionelle Rollen– und Familienbilder propagiert, seien es Cartoons wie The Simpsons (seit 1989), Dragonball (1984-2011) oder South Park (seit 1997), Sitcoms wie Friends (1994-2004), How I Met Your Mother (seit 2005), Two and a Half Men (seit 2002), The Big Bang Theory (seit 2007) oder Scrubs (2001-2010), oder aktuelle Drama-Serien wie Breaking Bad (seit 2008), Game of Thrones (seit 2011), oder The Walking Dead (seit 2010). In jeder der hier exemplarisch genannten Sendungen werden stets heterosexuelle, klassische Familienbilder dargestellt, mit der dazu passenden Rollenverteilung. Die stereotypen Geschlechterbilder werden bedient, nicht hinterfragt und als naturgegeben präsentiert. Die Darstellung von Männern und Frauen unterscheided sich hier so dermaßen, dass ein Bild von zwei verschiedenen Gattungen Mensch vermittelt wird, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Somit wird die dichotome Betrachtung der Zweige-


– 36 – schlechtlichkeit hier bis an die Grenzen getrieben und jegliches vermeintliche Alltagswissen, was über die Binärität der Geschlechter herrscht, bestärkt und auf die Spitze getrieben. Einen weiteren wichtigen Teil in der deutschen Fernsehlandschaft übernimmt das relativ neue Genre der Casting-Shows. Von Popstars (seit 2000), Deutschland sucht den Superstar (seit 2002), The Voice Kids (seit 2012) bis zu Germany's Next Topmodel (seit 2006) werden wahlweise Sängerinnen, Boygroups, Models oder ähnliches per publikumswirksamen Castings gesucht und in andauernden Wettbewerben schlussendlich zu „Popstars“ oder „Topmodels“ gekürt. Der letztgenannten Show möchte ich mich an dieser Stelle besonders widmen, da Germany's Next Topmodel nicht nur einen Marktanteil von bis zu 23,4% bei der werberelevanten Zielgruppe der 1449–Jährigen erzielen konnte, 44 sondern diese Sendung wie keine zweite in die Kritik geraten ist. 45 Das Konzept der Sendung ist denkbar simpel: Junge Frauen treten gegeneinander an, um am Ende „Germany‘s next Topmodel“ zu werden und einen Model-Vertrag zu ergattern. Dabei müssen sie gegeneinander in sog. „Challenges“ antreten, d.h. auf Kommando beim Fotoshooting lasziv gucken, sich auf dem Laufsteg sexy bewegen und natürlich die „perfekten“ – also dünn bis dürren – Körpermaße haben. Ganz offensichtlich wird hierbei ein Rollenbild verbreitet, das Frauen auf ihre Körperlichkeit und ihre Sexualität reduziert und sie als chronisch zickig zeigt. Über die Folgen für die Rezipierenden der Sendung konstatiert Genderforscherin Stevie Schmiedel in einem Interview mit Spiegel Online, dass „nach dem Konsum solcher Sendungen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steigt. Und das macht die Kinder anfälliger für Essstörungen wie Magersucht und Bulimie.“ (Kaiser 2012) Jedoch muss auch die einhergehende „männliche Selbstinszinierung“ (vgl. Stach 2012) in Verbindung mit der Sendung betrachtet werden. So dienen etwa Formate wie TV Total mit Moderator Stefan Raab, der deutlich einen Typus hegemonialer Männlichkeit repräsentiert (vgl. dazu Kapitel 5.1), dazu, mit einer „kompetitiven, risikoreichen“ (Stach 2012, S. 193) Art jungen Männern einen männlichen Habitus aufzuzeigen, der sich stetig an der Abgrenzung vom Weiblichen bedient, wie auch von den Topmodel-Anwärterinnen. Diese

Zahlen vom Marktforschungsinstitut media control (11.06.2010). Alle Zahlen online einzusehen unter http:// www.media-control.de/topmodels-finale-mit-ueber-23-prozent-marktanteil.html (Aufgerufen am 09.07.2013) 44

Von der FAZ („Die Rückkehr des Sexismus – Frauenquälen für die ganze Familie“; 08.02.2012) über die SZ („Kampfhubschrauber Klum“; 17.05.2010) bis zur EMMA („Pascha des Monats“; 05/06 2009) haben ein Großteil der Medien die Show aus verschiedensten Gründen, zumeist wegen des krassen Sexismus der Sendung, scharf kritisiert. 45


– 37 – werden regelmäßig in seiner Sendung verhöhnt und diese Selbstinszenierung gleichsam zelebriert. Mit den in diesem Abschnitt erwähnten Beispielen wird deutlich, dass durch etliche Fernsehsendungen eine Art „Schablone“ oder zumindest eine „Orientierungsfolie“ vorgefertigt wird, in die junge Menschen aufgrund ihrer Körpermerkmale passen sollen. Sei es nun als die Familie ernährender Vater wie Homer Simpson, Frauen aufreißender Macho Barney aus How I Met Your Mother oder als untergewichtiges, stets sexuell verfügbar wirkendes junges Mädchen mit Model-Träumen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich beim Thema Fernsehsendungen die bekannten Serien The L-Word (2004-2009) und Queer as Folk (2000-2005), die beide das Leben von Homsexuellen und deren alltäglichen Problemen innerhalb der Gesellschaft behandeln und somit die faktisch existierenden Lebensweisen von vielen Menschen auch in der Medienlandschaft, wo das zumeist ignoriert wird, wiederspiegeln. Auch die weit rezipierte Serie Buffy the Vampire Slayer (2003-2007) ist an dieser Stelle zu erwähnen. Die Protagonistin ist eine durchschnittliche USTeenagerin, die jedoch auserwählt wurde, um mit außergewöhnlicher Kraft ausgestattet die Welt vor Vampiren und Dämonen zu beschützen: „[S]he battles evil, as do traditional masculine heroes, and also turns a very old, Gothic tale on its head by subverting the narrative of the female victim who needs to be saved“. (Jenson/Sarkeesian 2011, S. 68) Hiermit wird direkt das Bild der „Jungfrau in Nöten“ konterkariert, auf dass ich im folgenden Kapitel deutlicher eingehen möchte.

4.1.3. Videospiele Die stereotype Verteilung der Geschlechterrollen ist wohl bei Videospielen mindestens ebenso deutlich wie bei den oben erwähnten Fernsehsendungen. Hier wird besonders häufig auf das oben erwähnte Handlungselement der Damsel in Distress (auf dt. etwa Fräulein in Nöten) zurückgegriffen:46 Als zentrales Handlungselement wird eine meist schwache Frau dargestellt, die einem Unheil ausgesetzt ist – meist Entführung. Aus eigener Kraft kann sie diesem Unheil vgl. zu dem Begriff und zu den folgenden Ausführungen die aktuellen Arbeiten von Anita Sarkeesian. Sie bietet in Form von bisher zwei Videoclips eine ausführliche Erklärung des Handlungselements und bietet anhand von etlichen Beispielen eine bisher einmalige Analyse der Darstellung der Geschlechter in Videospielen. http://www.feministfrequency.com/2013/03/damsel-in-distress-part-1/ (Aufgerufen am 07.05.2013) http://www.feministfrequency.com/2013/05/damsel-in-distress-part-2-tropes-vs-women/ (Aufgerufen am 01.06.2013) 46


– 38 – nicht entkommen, sie ist auf die Rettung des Helden angewiesen. Dieses Handlungselement ist schon, wie weiter oben erwähnt, schon in der griechischen Mythologie zu finden und taucht immer wieder in Kunst und Literatur auf.47 Auch die Videospiel-Industrie greift dieses Element von Anfang an auf, es ist noch immer in Abbildung 2: Endsequenz von Super Mario Bros (1986). Prinzessin Peach dankt Mario für die Rettung.

einem Großteil der Spiele zu finden. So ist etwa Super Mario seit seinem ersten Auftritt 1981 in

Donkey Kong und in 13 von 14 seiner folgendem Abenteuer mit der Aufgabe beschäftigt, eine hübsche, hilflose Frau zu retten. Wie in Abb. 2 zu sehen ist, ist die Belohnung für die erfolgreiche Rettung die Dankbarkeit der geretteten Prinzessin. Auch in der Videospielserie The Legend of Zelda ist der Held Link in so gut wie allen 16 „Abenteuern“ damit beschäftigt, die immer wieder von einer anderen Gefahr bedrohte Prinzessin Zelda zu retten. (vgl. Abb. 3) Ganz im Gegensatz dazu werden natürlich auch die meist männlichen Protagonisten der Spiele hin und wieder gefangen genommen, diese können sich jedoch immer aus eigener Kraft befreien und sind auf keine Hilfe angewiesen.48 Oftmals sogar wird die Damsel nicht bloß entführt, sondern auch brutal ermordet, um die Handlung mit den Racheplänen des männlichen Protagonisten voran zu treiben. Ganz zu schweigen von so gut wie allen sog. „Ego-Shootern“ oder anderen Action-Spielen wie etwa Call of Duty (bisher neun Teile von 2003 bis 2013), Battlefield (bisher zehn Teile von 2002 bis 2011), Grand Theft Auto (bisher elf Teile von 1997 bis 2013) oder Counter-Strike (2000), um nur die populärsten und meistverkauften zu nennen. Der Protagonist ist stets ein bis an die Nur einige wenige Beispiele: Perseus rettet Andromeda in der griechischen Mythologie; Rapunzel, Schneewittchen und Dornröschen werden in mittelalterlichen Märchen von Helden gerettet; Ann Darrow wird von King Kong (1933) entführt; Lois Lane wird unzählige male von Superman gerettet; Vgl. dazu auch Alfermann 1996. S. 25 47

48

Beispielsweise in den Nintendo 64 Spielen Goldeneye 007 (1997) oder The Legend of Zelda: Ocarina of Time (1998)


– 39 – Zähne bewaffneter Mann, der verschiedene Heldentaten vollbringt (wahlweise Welt retten, Te r ro r i s t e n t ö t e n , Freundin vor dem sicheren Tod bewahren). Frauen tauchen – wenn überhaupt – als sexy Freundin des Helden oder als oben beschriebene „Damsel in Distress“ auf. Natürlich gibt es auch Heldinnen in der Videospiel-Industrie – allen voran Lara Croft, die Protagonistin aus der populären Video-

Abbildung 3: Szene aus dem Spiel The Legend of Zelda: Skyward Sword (2011). Der Held Link muss zusehen, wie Prinzessin Zelda entführt wird, die er anschließend wieder rettet.

spiel-Serie Tomb Raider. Diese wird jedoch in fast allen Spielen der Serie dermaßen übertrieben sexualisiert dargestellt, dass sie die abenteuerliche Handlung in den Hintergrund drängt. Sie und die anderen Heldinnen werden objektiviert und deren Körper fetischisiert, um einen heterosexuellen männlichem Publikum zu gefallen. (Wie auch in vielen anderen Spielen, in denen es eine Protagonistin gibt, bspw. Bayonetta von 2010) Die einzige Ausnahme ist der aktuellste Teil der Serie von 2013. Dort wird Lara Croft als mutige, starke, junge Frau dargestellt, die selbstständig Abenteuer bestreitet und ihre Freund_innen rettet – und das ohne Hot-Pants und riesigem Dekolleté. Aber auch hier wird Geschlecht mit dazugehörigen Stereotypen hergestellt, denn Lara Croft wird in dem Spiel als sehr emotional und verwundbar dargestellt, ganz im Gegensatz zu fast allen männlichen Videospiel-Helden. Es wird deutlich, dass auch die Videospiel-Industrie stark von den herrschenden Stereotypen geprägt ist, denn auch hier spielt die Kategorie Geschlecht eine entscheidende Rolle. Es gibt kaum Spiele, wo nicht das Geschlecht der Hauptcharaktere in den Vordergrund gestellt wird. Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen, wie beispielsweise das Spiel Portal (Teil 1 von 2007


– 40 – und Teil 2 von 2011): Die Protagonistin ist als mutig, stark, intelligent und selbstständig dargestellt und es wird nur deutlich, dass es sich um eine Frau handelt, wenn man sich im Spielgeschehen zufällig in einem Spiegel betrachtet – das Geschlecht spielt schlicht keine Rolle. Auch das Spiel Alice: Madness Returns (2011) stellt in gewisser Weise eine Ausnahme dar. Angelehnt an Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ von 1865 heißt die Portagonistin Alice und muss sich in einer Art „Horror-Wunderland“ beweisen. Zwar ist sie äußerlich als zierliches, kleines Mädchen dargestellt (wie auch im Original), dennoch besiegt sie alleine problemlos alle Gefahren in der Traumwelt. Dennoch sind das Ausnahmen und in beinnahe allen anderen Videospielen sind die Protagonisten männlich und bedienen die klassischen Rollenvorstellungen. Es scheint heute unvorstellbar, dass in einem Videospiel etwa zwei Männer eine romantische Beziehung miteinander haben. (Entgegen manchen Filmen und Fernsehsendungen, wie weiter oben erwähnt)

4.1.4. Werbung „Klassische“ Rollenvorstellungen finden sich ebenso in der Werbung wieder, spezifisch möchte ich an dieser Stelle aber auf die sexualisierte Darstellung von Frauen und die damit verbundenen Implikationen eingehen. Die sexualisierte Darstellung von Frauen ist heute vollkommen alltäglich, sei es bei Werbung für Körperpflegeprodukte, Unterwäsche, Kleidung oder sonstige Produkte, wie auch Penny (2012, S. 37) feststellt: „An Ironie kaum zu überbieten in der Geschlechterinszenierung der westlichen Welt ist nämlich die Tatsache, dass der Verkauf von Sex nach wie vor in einer dunklen Unterwelt des sozialen Tabus, der kriminellen Umtriebe und der Gewalt stattfindet, während der sexualisierte Verkauf allgegenwärtig ist.“

Das Problem dabei ist sicherlich nicht das Zeigen von nackter Haut oder der Freizügigkeit, was vor allem liberale Autor_innen als das „Ergebnis sexueller Befreiung und Toleranz“ (Moser/Verheyen 2009, S. 191) darstellen. Obwohl sich auch das Zeigen von nackter Haut durch die Auswahl der dargestellten Models als äußerst problematisch gestaltet, denn ein „Großteil der […] Frauen [hat] das über Werbebilder kommunizierte aktuelle weibliche Schönheitsideal internalisiert“ (Gläßel 2008, S. 255), was etliche Magersuchtsfälle zur Folge hat und die stetige unzufriedenheit mit dem weilblichen Körper, worauf ich im Kapitel 4.2 genauer eingehen werde. (vgl. Moser/Verheyen 2009)


– 41 – Das deutlichere Problem liegt m. E. vielmehr in den Botschaften, die durch diese Art der Werbung vermittelt werden, wie auch Alfermann (1996, S. 25) schreibt: „Besonders klischeehaft sind Geschlechter in der Werbung dargestellt. […] [Es] bleibt unterschwellig die Botschaft der unterwürfigen und abhängigen Frau sowie des dominanten und unabhängigen Mannes aufgrund der Darstellung stereotyper nonverbaler Signale erhalten.“

Betrachtet

man z.B. das Plakat von Abb. 4, wird die Botschaft vermittelt: Benutze als Mann dieses Produkt, und du regelst, wann du mit welcher Frau Sex hast. Die Problematik wird schnell ersichtlich: Der Sexualpartner (oder hier: die Sexualpartnerin) hat da- Abbildung 4: Foto einer aktuellen Werbekampagne der Marke AXE. Andere Slogans auf Plakaten mit dem selben Motiv sind: Astronauten krie-

bei nicht mitzubestim- gen die besten Raketen. oder Astronauten kennen jedes Mädchen in der Milchstraße. men. Damit werden nicht nur Frauen auf

ihre Sexualität reduziert, sondern es wir Männern vermittelt, dass es das höchste Gut ist, eine Frau sexuell „zu erobern“. Vergewaltigungsanalogien sind naheliegend, doch scheint das nicht notwendig, braucht man(n) doch nur das entsprechende Produkt zu verwenden. Trotzdem: Werbung wie diese ermutigt sexuelle Übergriffe! Stevie Schmiedel erklärt in einem Interview mit Spiegel Online einen weiteren Grund, warum diese Art der Werbung problematisch ist: „[N]icht wegen der nackten Haut - sondern wegen der Blicke. Die Models werden als naive, laszive Lolitas inszeniert, mit diesem unterwürfigen Augenaufschlag.“ (Kaiser 2012) Genau das vermittelt AXE in seiner Werbekampagne: Frauen als begehrenswertes Objekt, das es zu erobern gilt (bzw. als Frau gilt es, erobert zu werden). Und das jeweils durch die Benutzung eines bestimmten Produktes, wonach ich entweder als


– 42 – Mann sicher bei den Frauen „landen“ werde oder als Frau sicher auf Männer reizvoll wirke, sodass diese mich erobern wollen. So entsteht ein gefährlicher Dualismus zwischen den Geschlechtern, der auch gleich eine starke Hierarchisierung mit sich bringt: Der Mann als aktiv (erobernd) und die Frau als passiv. Sehr anschaulich wird das auch mit Abb. 5 dargestellt. Problematisch ist weniger die nackte Haut, die gezeigt wird, oder der tiefe Ausschnitt, sondern der Blick des Models mit Abbildung 5: Bild einer aktuellen (Sommer 2013) Werbekampagne der Firma Hennes & Mauritz mit der Künstlerin Beyoncé.

leicht zusammengekniffenen Augen, dem halb

geöffneten Mund und abgespreizten Beinen. Mit dieser Pose als „naive, laszive Lolita mit unterwürfigen Augenaufschlag“ wird wieder exakt die oben beschriebene Botschaft vermittelt: Ich muss sexuell begehrenswert sein. Dieser Dualismus ist natürlich höchst problematisch für das gleichberechtigte gesellschaftliche Zusammenleben, es geht hauptsächlich darum, den fetischisierten weiblichen Körper in unserer heteronormativen Gesellschaft dem Männlichen als sexuell attraktives Objekt darzubieten. Im feministischen Diskurs hat sich u.a. deshalb seit den 70er-Jahren der Begriff „Rape-Culture“ etabliert, der eine Vergewaltigungskultur beschreibt in der die Taten verharmlost und Opfer beschuldigt werden. Sehr anschaulich zeigt sich die Relevanz des Begriffs bspw. in den Äußerungen des kanadischen Polizeibeamten Michael Sanguinetti, der in einer Rede an der Osgoode Hall Law School Frauen riet sich nicht wie Schlampen zu kleiden, um Vergewaltigungen zu entgehen.49 Als könnten Männer nicht anders und Vergewaltigung sei etwas ganz „natürliches“, das es nur zu verhindern gilt, indem Frauen sich auf eine bestimmte Art und Weise

vgl. den Artikel SlutWalking gets rolling after cop's loose talk about provocative clothing. In: The Guardian vom 06.05.2013 49


– 43 – kleiden. Auch der wegen Vergewaltigung angeklagte Jörg Kachelmann unterstellte Frauen ein „Opfer-Abo“ und macht somit Opfer zu Täterinnen.50 Es ist ein äußerst gefährliches Bild, was hier gezeigt wird: Menschen wird ein extrem hierarchisches Geschlechterbild durch die Werbung vermittelt, in dem es als höchtes Gut gilt, sexuellen verfügbar zu sein bzw. sexuellen „Erfolg“ zu haben. Gleichzeitig werden Vergewaltigungen verharmlost und Opfer nicht ernst genommen. Der Einfluss von solchen Bildern und Botschaften ist mitnichten zu vernachlässigen, denn „Werbung stellt heute eine einflussreiche sozialisierende Kraft dar. Sie gibt den Konsumierenden Leit- und Rollenbilder zur Orientierung vor und trägt somit entscheidend zur Prägung der zeitgenössischen Gesellschaft bei.“ (Motschenbacher 2003. S. 36) Der Einfluss der Werbung geht auch über die „unmittelbare Rezeptionssituation“ hinaus, es entsteht ein stets abrufbares und präsentes Wissen, nicht allein durch Werbung, sondern gleichsam durch andere „massenmediale Kommunikatoren“ (vgl. Gläßel 2008, S. 255 f.) „Unsere Geschlechterstereotype werden somit nicht nur durch eigene Beobachtungen und durch Informationen von Sozialisationsagenten, sondern zunehmend auch durch Informationen aus Medien erworben. […] [So] lernen wir in ähnlicher Weise auch im Laufe unserer Entwicklung, welche Geschlechterrollen und welche Geschlechtsrollenerwartung existieren.“51

4.1.5. Kinderbücher Das Thema Kinderbücher möchte ich an dieser Stelle nur knapp anreißen, das es vor allem historisch in der Geschlechterforschung einen hohen Stellenwert eingenommen hat. Es wurde, gerade von Vertreter_innen der Sozialisationstheorie davon ausgegangen, dass der Erwerb der Geschlechtsidentität sich vor allem in der frühen Kindheit vollzieht und somit eigentlich alle Einflussfaktoren auf das Kind in der Lebensspanne auf ihre Geschlechtlichkeit untersucht werden müssten. (vgl. Kapitel 2.2.2) Deswegen wurde gerade Kinderbüchern ein enormer Einfluss zugerechnet. Die Analogie lag auf der Hand: Es sei ja nicht verwunderlich, dass wir heute in einer männerdominierten Gesellschaft leben, wenn unsere Kinder von klein auf schon lernen, dass immer der mutige Held die hilflose Prinzessin rettet und niemals andershe„Opfer-Abo“ wurde auch aus diesem Grund zum „Unwort des Jahres 2013 gekürt. Pressemitteilung: Wahl des „22. Unwort des Jahres“. Online unter: http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/ pressemitteilung_unwort2012.pdf (Aufgerufen am 23.05.2013) 50

51

Alfermann 1996, S. 25 f.


– 44 – rum. So hat Scheu schon ausführlich über den Zusammenhang von Kinderbüchern und Geschlechtserwerb geschrieben. (Scheu 1986, S. 97 ff.) Auch Keuneke (2000) bietet eine etwas aktuellere, äußerst umfangreiche Studie, die einen direkten Zusammenhang erforschen will. So kommt Keuneke in ihrer Arbeit zu dem Schluss: „Wie Kinder die Geschlechtsdarstellung der Bilderbuchgeschichten rekonstruieren, hängt zuallererst von ihrem Erfahrungsschatz und von den zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben ab – letztlich also von ihrer Umwelt“ (Keuneke 2000, S. 430) und deswegen sind „die Möglichkeiten, die kindliche Geschlechtersozialisation durch Bilderbuchangebote zu lenken, äußerst begrenzt“. (ebd., S. 425) Damit widerlegt Keuneke in gewisser Weise die bloße Sozialisationstheorie und greift auf das Konzept des doing Gender zurück. Denn das „Schemawissen der Kinder fußt zum größten Teil auf tradierten Vorstellungsbildern von »Männlichkeit« und »Weiblichkeit«, und die Kinder sind bemüht, diese Vorstellungsbilder »wiederzufinden« (d.h. notfalls zu konstruieren), um sich ihrer eigenen Identität rückversichern zu können.“ (ebd.) So stellt Keuneke Kinderbücher als weitere Sozialisationsinstanz dar, die dazu dient, unser Gesamtbild von Geschlecht zu fertigen. Kinderbücher werden so als Interaktionsprozess dargestellt, als ein Prozess des ständigen doing Gender, genauso, wie auch einzelne Interaktionen mit den Mitmenschen das Gesamtbild prägen. Das Problem an den meisten Kinderbüchern, in denen es – in welcher Form auch immer – um Held_innen geht, drückt Keuneke folgendermaßen aus: „Kein Kind jedoch, egal, ob es der männlichen oder der weiblichen Geschlechtskategorie angehört, kann oder will immer ein(e) Held(in) sein. Die Fallbeispiele haben gezeigt, daß Jungen genau wie Mädchen das Ziel verfolgen, androgyn sein zu dürfen – also stark und schwach, aktiv und passiv, durchsetzungsfähig und fürsorglich etc. – kurz: »männlich« und »weiblich«, je nachdem, in welcher Situation sie sich befinden.“ (Keuneke 2000, S. 428; Hervorh. im Orignal)

Den Eindruck, den Kinder von diesen Geschichten bekommen, ist demnach für egal welches Geschlecht problematisch. Denn Kinderbücher sollten die bereits existierende Vielfalt von Männlichkeit und Weiblichkeit aufgreifen und keine einseitigen Geschlechterbilder vermitteln. „Nötig wäre, Kindern in ihrem Alltag die mögliche Vielfalt von »Männlichem« und »Weiblichem« vor Augen zu führen.“ Je häufiger sie eine solche Vielfalt erfahren, umso leichter können sie diese auch in ihrem Alltag wiederfinden. (Keuneke 2000, S. 424) Dadurch wäre schon mal eine Instanz geschaffen, die die starre Geschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft aufbricht.


– 45 – „Am ehesten können Bilderbücher zu einem Wandel der Geschlechtersozialisation beitragen, indem sie konservative Vorstellungen von »Geschlecht« nicht ein weiteres Mal reproduzieren“ (ebd., S. 429) und somit zumindest das tradierte Schemawissen nicht weiter verfestigen. Recht progressiv geht etwa Paul Maar in seiner Kinderbuchreihe „Sams“ mit dem Thema um. Folgend ein Ausschnitt aus dem ersten Band „Eine Woche voller Samstage“ von 1973: „»Ein hübsches Kind haben Sie da in Ihrem Rucksack, wirklich niedlich. Ist das ein Junge oder ein Mädchen?«, sagte er. Ratlos beugte sich Herr Taschenbier hinunter und fragte: »Bist du ein Junge oder ein Mädchen?« Das Sams zog seinen Kopf ganz dicht heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich bin ein Sams, das weißt du doch, Papa.« »Naja, sagen wir mal: ein Junge«, erklärte Herr Taschenbier dem Verkäufer. Für irgendetwas musste er sich ja entscheiden.“52

Kindgerecht greift Maar hier die Problematik der Zwangszuordnung zu einem Geschlecht auf und macht auf die Schwierigkeit, sich nicht in dieses binäre System einordnen zu können oder zu wollen, aufmerksamsich.

4.2. Spielzeug Auf einer ähnlichen Ebene bewegt sich die Debatte bei Spielzeug: „Since when did every little girl become a princess?“, fragt Peggy Orenstein in ihrem Bestseller Cinderella Ate My Daughter vollkommen zurecht. (Orenstein 2012, S. 4) Noch nie war die Spielzeugwelt so vergeschlechtlicht wie heute. Kaum ein Spielzeug ist frei von stereotypen Rollenzuschreibungen, in jedem Spielzeuggeschäft gibt es eine komplett rosafarbene Abteilung, sogar bei Fast-Food-Restaurants wird bei den Kindermenüs gefragt, ob ein Spielzeug für Jungen oder für Mädchen mitgegeben werden soll. Dabei handelt es sich meist um entweder rosa Prinzessinen/Ponys/Feen/Einhörner/etc. oder dunkle Autos/Action-Figuren/Spielzeug-Waffen/etc. So müssen sich Kinder schon in ihrer frühesten Kindheit den entsprechenden Rollenzwängen hingeben – man stelle sich nur einmal vor, ein Junge würde in der vierten Klasse sein Pausenbrot aus einer Rosa-Glitzer-Pony-Box holen… Folgend werde ich deshalb an zwei Beispielen aufzeigen wie diese Vergeschlechtlichung von Spielzeug voranschreitet, was die Gefahren der frühen Dichotomisierung von Frau und Mann 52

Maar 2002, S. 53


– 46 – sind und den „Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Normen und deren Vermittlung durch Spielzeug“ (Horst 2013) aufzeigen. Denn eine Aufgabe von Spielzeug und Kinderbüchern ist wohl eindeutig: Die Kinder sollen die Welt verstehen lernen und spielerisch kennenlernen. Dass Spielzeug auch einen gravierenden Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat ist unumstritten, so sind etwa die negativen Folgen für Mädchen, die mit Barbies spielen (beispielsweise steigende Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper schon im Kindesalter) auch wissenschaftlich belegt. (Dittmar et al. 2006)

4.2.1. LEGO LEGO ist in meinen Augen potentiell ein großartiges Spielzeug für Kinder. Sie können ihre Fantasie spielen lassen, es fördert die Kreativität, Feinmotorik, räumliches Denken und Vorstellungsvermögen, schließt von der Zielgruppe keine Kinder aus, denn es ermöglicht eine beinahe unbegrenzte Möglichkeit an Spielvariationen. Dabei ist LEGO ein völlig geschlechtsneutrales Spielzeug. In den LEGO-Werbespots aus den 1950er-Jahren bis in die 1980er-Jahre sind noch Mädchen und Jungen beim gemeinsamen Spielen zu sehen, teilweise auch mit Müttern und Vätern.53 Schaut man sich aber die aktuellen Werbespots an, wird schnell klar, dass LEGO die Marketingstrategie geändert hat und seine Produkte fast ausschließlich an Jungen (und ihre Väter) vermarktet. Das wird auch ersichtlich an den Themen, die für die Produktserien gewählt werden – ein großer Teil des heutigen LEGO-Spielzeugs dreht sich um Kampfszenarien wie z.B. die Produktserien Bionicle (2006), Star Wars (2010), Ninjago (2011), Alien Conquest (2011), Monster Fighters (2012), Marvel Super Heros (2012), Teenage Mutant Ninja Turtles (2013) oder Galaxy Squad (2013). Eine aktuelle Studie der Universität Canterbury in Neuseeland bestätigt das: Es wurden alle 3655 der sog. Minifigs, die zwischen 1975 und 2012 auf den Markt kamen auf ihren Gesichtsausdruck analysiert. Die Forscher kommen zum Schluss: „[W]e can observe a trend over time that the proportion of happy faces decrease and the proportion of angry faces increase“. Das sei das Ergebnis der Entiwcklung der Spielthemen: „LEGO is moving towards a more conflict based play themes“. (vgl. Bartneck et al. 2013) Außerdem gibt es fast keine weiblichen LEGO-Figuren. Fast jedes LEGO-Set dreht sich um die Abenteuer von Zu folgenden Ausführungen bietet Anita Sarkeesian eine exzellente Zusammenfassung in Form von zwei Videoclips, von LEGOs Marketingstrategien der letzten 50 Jahre und eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Produktreihe LEGO Friends aus feministischer Perspektive. Einzusehen sind beide auf ihrer Homepage unter: http://www.feministfrequency.com/2012/01/LEGO-gender-part-1-LEGO-friends/ (Aufgerufen am 07.05.2013) http://www.feministfrequency.com/2012/02/LEGO-gender-part-2-the-boys-club/ (Aufegrufen am 07.05.2013) 53


– 47 – Männern oder um als männlich konnotierte Tätigkeiten. Aus dieser Entscheidung (das faktische Ausschließen von Mädchen aus der Zielgruppe) und der daraus resultierenden Entwicklung (LEGO wird fast ausschließlich von Jungs benutzt) kommt LEGO zu dem Trugschluss: „[G]irls aren’t interested in building“, wie man in einer Presseerklärung vom 19. Dezember 2011 lesen kann. Deshalb haben sich die Produktmanager entschieden, eine neue Serie auf den Markt zu bringen: „LEGO Friends is the first 100 percent LEGO building experience fully optimized to girls’ tastes and interests.“ 54 Das Ergebnis ist für den Konzern von enormer Bedeutung: Nachdem die Umsatzzahlen bis zum Jahr 2005 stetig gesunken sind konnte LEGO den Umsatz seitdem mehr als verdreifachen und LEGO Friends gilt als die viertstärkste Produktlinie des Konzerns, gemessen an den Verkaufszahlen. Für den LEGO-Konzern hat sich die Zergliederung der Zielgruppe deutlich gelohnt, da nun Mädchen und Jungen nicht mehr gemeinsam spielen, sondern beide ihr je eigenes Spielzeug haben.55 Wie sieht sie nun aber aus, die LEGO-Mädchen-Welt? Wie zu befürchten, ist es eine stereotype Mädchenwelt mit eigens eingeführten Abbildung 6: Gegenüberstellung des klassischen LEGO-Figur mit der neuen LEGO-Friends Figur.

rosafarbenen und lila LEGO-Steinen, neuen

Figuren, die mehr an Barbie als an die klassischen LEGO-Figuren erinnern (und auch nur bedingt kompatibel mit der restlichen LEGO-Welt sind; vgl. Abb. 6). Ein passender Werbespot zeigt die Spielwelt, in der sich Mädchen vortan bewegen: Ein Schönheitssalon, um sich

LEGO Pressemitteilung vom 19.12.2011: LEGO Group to deliver meaningful play experiences to girls with new LEGO® FRIENDS. Online unter: http://aboutus.lego.com/de-de/news-room/2011/december/LEGO-group-to-delivermeaningful-play-experiences-to-girls-with-new-LEGO-friends/ (Aufgerufen am 05.05.2013) 54

vgl. LEGO Pressemitteilung vom 21.02..2013: Successful LEGO strategy delivers continued strong growth. Online unter: http://aboutus.lego.com/de-de/news-room/2013/february/annual-result-2012/ (Aufgerufen am 29.05.2013) 55


– 48 – die Haare zu machen, ein Café zum Backen, eine Tierarztpraxis. Natürlich alles in rosa und lila. Der Prozess der Vergeschlechtlichung oder auch der Pinkifizierung von LEGO ist recht interessant und aufschlussreich und kann wohl auch auf andere Produkte übertragen werden, deshalb werde ich ihn hier kurz von seinem Marktwirtschaftlichen Seite betrachten: Vor etwa 20 Jahren noch hatte LEGO eine klare Zielgruppe: Alle Kinder in einer gewissen Altersspanne. Ihr Produkt verkaufte sich gut, in Deutschland hatte ein Großteil der Haushalte die bunten Steine in irgendeiner Kiste. Die gesamte Familie spielte damit, vor allem die Geschwister zusammen (zumindest theoretisch), so wie es auch beworben und angeboten wurde, ganz nach dem Firmenmotte „Just imagine“. Dann gingen jedoch die Umsatzzahlen zurück, da, wie es so schön heißt „der Markt gesättigt“ war. Denn wozu brauchen Kinder noch mehr bunte Steinchen? Eine Kiste voll reicht vollkommen, daraus kann ja potentiell alles gebaut werden. Also mussten neue Zielgruppen her, an die neue Produkte angeboten werden sollten. Die einfachste Einteilung scheint da wohl nach Geschlechtern, denn das Alltagswissen bestätigt ja die grundsätzlichen Differenzen, also sollte ihnen auch verschiedenes Spielzeug angeboten werden. Wie weitreichend die Folgen von solchen Entscheidungen sind, lässt sich nur erahnen. Nicht nur spielen von nun an Mädchen und Jungen nicht mehr gemeinsam LEGO, denn das ist ja für die „anderen“, die haben jeweils ihr eigenes Set. Sondern Kinder bekommen jetzt noch deutlicher und noch früher die vermeintlich gravierenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern vermittelt, denn sie dürfen/können ja nicht einmal mit dem gleichen Spielzeug spielen. Sie bekommen jetzt auch noch deutlicher und noch früher

Abbildung 7: Gegenüberstellung der Werbung von den LEGO-Produktserien Friends (2012) und Alien Conquest (2011).


– 49 – vermittelt, was in unserer Gesellschaft von ihrem Geschlecht erwartet wird: Backen, Kochen, schön sein. Oder Action, Kämpfen, Abenteuer erleben, um es zugespitzt zu formulieren. Äußerst deutlich zeigt sich das, wenn einmal Werbespots von an Mädchen und an Jungs vermarktete Produktserien gegenübergestellt werden, wie in Abb. 7. Dass LEGO nicht der einzige Konzern ist, der eine solche Strategie betreibt, zeigt sich am nächsten Beispiel.

4.2.2. Überraschungseier „Ei love rosa“ ist das Motto der Mitte 2012 gestarteten Kampagne von Ferrero, um eine neue Produktserie – Überraschungseier nur für Mädchen – zu bewerben. „Damit kommt kinder Überraschung den Anforderungen und Wünschen der Mädchen von heute entgegen. »Die Girls lassen sich heutzutage nicht mehr in nur eine Schublade stecken. Pink und Ponyhof gehören genauso dazu wie Fußball und Frauenpower«“, wie Ferrero in einer Pressemitteilung erklärt.56 Klingt vielversprechend, doch die Parallelen zu LEGO Friends sind nicht zu übersehen. Es stellt sich die Frage: Was genau sind die Anforderungen und Wünsche der „Mädchen von heute“? Ferrero will „zweimal im Jahr eine eigene Sonderserie auf Abbildung 8: Foto der kompletten ersten Figurenserie der Überraden Markt“ bringen, wie

schungseier für Mädchen von 2012.

es dort weiter heißt. Mittlerweile sind zwei dieser Sonderserien veröffentlicht worden. Die erste Kampagne waren Feen aus dem „Winx-Club“, einer populären TV-Serie. Es handelt sich Pressemitteilung vom 06.08.2012: Das „Mädchen-Ei“ von kinder Überraschung geht an den Start. Online einsehbar unter: http://www.ferrero.de/ferrero2.aspx?pageurl=presse%2faktuelles%2fdefault.aspx%3farchiv% 3d (Aufgerufen am 08.05.2013) 56


– 50 – dabei um sechs verschiedene Figuren, allesamt strich-dünn (Barbie wirkt fast mollig dagegen) mit wallenden, langen Haaren, und wahlweise Hot-Pants oder Miniröcken (Abb. 8). Die Geschichtsausdrücke sind stets aufreizend und deutlich geschminkt. Die zweite Serie hat „Barbie“ zum Thema. Dabei ist Barbie wahlweise „romantisch“, „stylisch“, „trendy“ oder „schick“ gekleidet. Die Beine der Feen scheinen wie bei den Barbie-Figuren bis unter die Achseln zu reichen, von menschlichen Körperproportionen kann nicht die Rede sein. Das ist also „Fußball und Frauenpower“ in Ferreros Augen. Nun kann die neue Produktserie von verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Die offensichtliche übertrieben sexualisierte Darstellung des Kinderspielzeugs und die möglichen negativen Auswirkungen auf junge Mädchen (knapp die Hälfte der Mädchen in Deutschland fühlen sich in ihrem Körper unwohl, 57 Essstörungen sind oftmals die Folge, teilweise sogar mit suizidalem Ausgang [vgl. Penny 2012. S. 46 f.]), und die einhergehende Konstruktion und Verbreitung von Geschlecht samt dazugehörigen Schönheitsidealen führt zu einer ähnlichen Debatte, wie sie schon bei sexualisierter Werbung geführt wurde. (vgl. Kapitel 4.1.4) Die zweite Perspektive: Die Betrachtung der Seperation zwischen „klassischem Überraschungsei“, also dem „normalen“ und im weitesten Sinne „erstrebenswerten“ und dem neuen RosaBlümchen-Ei nur für Mädchen – was quasi für Jungs verboten ist. Das klassische „Ü-Ei“, ist natürlich nicht „nur für Jungs“, sondern wird weiter für alle Kinder angeboten, komplett geschlechtsneutral. Mit der Rosa-Serie wird dagegen nicht nur schon im frühsten Kindesalter nach Geschlecht separiert, sondern auch Jungen klar gemacht, dass sie aktiv ihre Männlichkeit herstellen oder zumindest verteidigen müssen, in dem sie kein Mädchenspielzeug kaufen. Mädchen jedoch können problemlos auch mit „Jungs“-Spielzeug spielen. Antje Schrupp kommt deshalb in dem Zusammenhang zu dem Schluss: „Bis heute wird Jungen ganz massiv beigebracht, dass ihr Mannsein prekär ist, ein kostbarer Schatz, der durch »Mädchensachen« quasi kontaminiert wird.“ (Schrupp 2012) Den wichtigsten Aspekt für die Unternehmen erklärt Schmiedel: „Daran sieht man wunderbar, worum es beim Rosawahn wirklich geht: ums Verkaufen! Der Markt ist doch total gesät-

vgl. BRAVO Dr. Sommer Studie 2009 der Bauer Media Group: Liebe! Körper! Sexualität. S. 43 ff. Online unter: http://www.baueradvertising.de/uploads/media/BRAVO_DrSommerStudie2009_Sperrfrist_ 2009-05-12_gr.pdf (Aufgerufen am 08.05.2013) 57


– 51 – tigt, es gibt immer weniger Kinder. Also lassen sich die Marketingabteilungen etwas einfallen, schneidern sich eine neue Zielgruppe.“ (Kaiser 2012) Auch diese Aussage ist zu 100 Prozent auf LEGO zu übertragen. Die Konstruktion von Geschlecht mit den dazugehörigen Stereotypen als Marketingstrategie um neue Zielgruppen zu „schneidern“ – die kapitalistische Verwertungslogik ist hier, wie auch bei der Entwicklung bei LEGO, kaum zu übersehen, wie auch Claire Horst anmerkt: „Ein gesättigter Markt erfordert klare Zielgruppen – für die binäre Einteilung in Rosa und Hellblau, Krieg und Küche gibt es ökonomische Gründe. Und so richten sich Werbeclips für Spielzeug entweder an Jungen oder an Mädchen. Jungen erleben Abenteuer, während Mädchen zum Kochen, Schminken oder Windelnwechseln angehalten werden.“ (Horst 2013) Auch Stämpfli ist der Meinung, dass „die »Pinkifizierung« nämlich nichts mit Mädchen und Jungen, dafür aber alles mit dem Geld– und Wirtschaftssystem zu tun“ hat. (Stämpfli 2013, S. 88 ff.)

4.3. Fazit Auf all die hier genannten Beispiele kann natürlich entgegnet werden, dass die Spielzeugoder Werbeindustrie bloß auf die gesellschaftlichen Verhältnisse reagiert und sie nicht konstruiert, wie es etwa LEGO oder Ferrero behaupten. Zweifelsohne werden mehr 7-jährige Mädchen rosa zu ihre Lieblingsfarbe erklären als blau. Ebenso ist Konsum von Medien mit pornographischen Inhalten bei Männern höher als bei Frauen – und von daher nur folgerichtig, wenn Unternehmen Mädchenspielzeug rosa vermarkten und Körperpflegeprodukte speziell für Männern sexualisiert bewerben. Dass diese Zustände aber nicht naturgegeben sind, sondern kulturellen und gesellschaftlichen Dynamiken unterliegen (so galten etwa die Farben rot und rosa noch vor 200 Jahren als männlich und blau eher weiblich [vgl. Orenstein 2012, S. 35]), wurde weiter oben dargestellt. Gleiches würden auch die Werbeagenturen bekannter Modefirmen einwenden: Heute gelten nun mal dünne, langhaarige Frauen als schön, weshalb wir sie auf unseren Werbetafeln zeigen.


– 52 – Ungeachtet dessen, wie diese Stereotype und Schönheitsideale entstanden sind, so sind es doch die Medien und Industrie- und Handelskonzerne, die diese „Ideale“ aufgreifen, verbreiten und reproduzieren. Es gab genügend Skandale58 um krankhaft-dürre Models, die sich fast zu Tode gehungert haben, um die vorherrschenden Schönheitsideale so ins Extreme zu ziehen, dass der Begriff absurd noch fast beschönigend klingt. Auf die Folgen weißt Orenstein hin: „There is […] ample evidance that the more mainstream media girls consume, the more importance they place on being pretty and sexy.“ (ebd., S. 16) Ich möchte deshalb zum besseren Verständnis noch einmal den Begriff des doing Genders aufgfreifen, denn dieser ist m. E. essentiell, um der Argumentation folgen zu können. Tagtäglich inszinieren wir unser Geschlecht in fast schon ritualisierten Darstellungen. Somit zeigen wir anderen, welchem Geschlecht wir angehören und können auch andere sofort in männlich oder weiblich kategorisieren. Es sind keine „Anlagen“, die Mädchen dazu bringen, rosa Spielzeug zu kaufen. Es ist vielmehr ihr Wunsch, ihr Geschlecht bewusst darzustellen, entstanden durch gesellschaftliche Abkommen. Genau dazu, also der Fähigkeit, das eigene Geschlecht zu inszinieren oder zu performen, ist ein Wissen um die herrschenden gesellschaftlichen Normen nötig, um genauestens bestimmen zu können, was nun als männlich und was als weiblich gilt. Dieses Hintergrundwissen muss erst erworben werden, und das geschieht auf verschiedensten Ebenen. Ein großer Faktor dabei ist sicherlich die Sozialisation, etwa durch die Medien. Durch den alltäglichen Umgang mit Freund_innen oder anderen Menschen, durch beiläufige Kommentare oder Erwartungshaltungen, die an den Tag gelegt werden. Diese und unzählige andere Faktoren internalisieren wir und bekommen dadurch ein Bild, was männlich und was weiblich ist. Und genau nach diesen Vorstellungen richten wir unser alltägliches Handeln aus, wie auch anhand von verschiedenen psychologischen Ansätzen gezeigt wurde. (vgl. Kapitel 2.2.3) Wie durch die oben gezeigten Beispiele deutlich wurde, ist das Geschlechterbild, das auf verschiedenen Ebenen propagiert wird, ein äußerst fragwürdiges und oftmals auch sehr gefährliches, das gesamtgesellschaftliche Probleme mitverursacht: Immer mehr Mädchen und Frauen (und auch immer mehr Männer) leiden an dem Körperkult, der betrieben wird; Die Wirt-

So haben etwa anfang diesen Jahres schwedische Modelagenturen vor einer Stockholmer Anorexie-Klinik versucht mit Plakaten Patientinnen als Models anzuwerben. (Vgl. http://derstandard.at/1363708606273/Essstoe rung-ist-kein-Hindernis) 58


– 53 – schaftselite ist eine reine Männerdomäne sowie die häusliche Sphäre noch immer eine fast ausschließliche Frauendomäne ist (vgl. dazu das folgende Kapitel 5); Menschen können sich nicht entsprechend ihrer Begabungen und Fähigkeiten entwickeln, sondern werden mehr oder weniger direkt aufgefordert, sich der vorherrschenden Zweigeschlechtlichkeit samt Zuschreibungen zu unterwerfen. Und genau dazu tragen Hollywoodfilme bei, die Geschlechtersterotypen bedienen, sexistische Werbeplakate oder Fernsehsendungen, die die scheinbar natürliche Ordnung der bürgerlichen Kleinfamilie propagieren, denn „[n]och bevor ein Kind sich seiner Geschlechtsidentität so richtig bewusst ist, wird die Spielwelt mit Stereotypen belegt.“ (Berk 2005, S. 354) Das Problem ist, dass die Umwelt Geschlechtsstereotypen etwa durch Spielzeug vorgibt und Kinder diese einseitigen Ideen durch ihre noch eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten verinnerlichen. (vgl. Berk 2005, S. 354 f.) Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Normen und deren Vermittlung durch beispielsweise Spielzeug ist kaum zu übersehen. In gewisser Weise haben Ferrero und LEGO recht, sie greifen tatsächlich gesellschaftliche Trends auf und nutzen sie geschickt für ihre Marketingzwecke. Dass jedoch bei weitem nicht jeder gesellschaftlicher Trend positiv ist, sollte durchaus auch von Unternehmen reflektiert werden. Sexismus wird nicht als Problem anerkannt. Das gesellschaftliche Trends durchaus reflektiert werden, zeigt ein paralleles Beispiel: Laut einer aktuellen Studie zeigt bis zu ein Drittel der deutschen Bevölkerung klaren primären oder sekundären Antisemitismus mit wachsender Tendenz (Decker et al. 2012). Dieser Trend aber lässt sich kaum in den Medien oder Spielzeug wiederfinden, das Problembewusstsein ist also durchaus vorhanden. Lediglich beim Geschlechterverhältnis mangelt es daran, was sich auch in den gesellschaftlichen Zuständen wiederspiegelt, wie ich im folgenden Kapitel darlegen werde.


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5. Männerdominierte Gesellschaftsordnung? Aus den oben dargestellten Beispielen wird deutlich, in welchem Ausmaß die Differenzierung der Geschlechter stattfindet. Wie gezeigt wurde, nehmen wir die an uns gestellten Rollenerwartungen eher an, als diesen zu widersprechen. Da diese Erwartungen zumeist aus stereotypen, also auch sich wandelnden, Zuschreibungen bestehen, sind sie relativ beliebig. So wird in unserer Gesellschaft „Männern Intelligenz und Kompetenz quasi automatisch zugeschrieben […], während Frauen um ihre intellektuelle Anerkennung kämpfen müssen“ (Alfermann 1996, S. 27). Nur ein Beispiel, das zeigt, welche Hierarchisierungs– und Unterdrückungsmechanismen mit der Geschlechterdichotomie einhergehen. Da der Schluss naheliegt, dass es in der heutigen Gesellschaft noch immer ein Machtgefälle zwischen Männern und Frauen gibt, möchte ich diese Vermutung ausführlicher diskutieren und die Auswirkungen der oben diskutierten Klassifizierungen analysieren. Dabei werde ich mich vor allem auf die Theorierichtung der Men‘s Studies stützen, und mich auf die Vorreiter_innen Pierre Bourdieu (2005) mit seinem Konzept der „männlichen Herrschaft“ und des „männlichen Habitus“ und Reawyn Connell (1999) mit ihrem Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ berufen.

5.1. Theoretische Grundlagen In nahezu allen Gesellschaften, die soziale Ungleichheit, gesellschaftlich organisierte Gewaltanwendung nach innen und nach außen (Polizei, Militär) sowie eine patriarchalische Familienordnung kennen, sind […] den Männern die Funktionen des Machtausübenden, des Beschützers und Versorgers der Familie bzw. der Gemeinschaft, des Erzeugers des legitimen Nachwuchses sowie des Repräsentanten der gemeinsamen Interessen zugewiesen, worin ihre Herrschaftsposition im Verhältnis zu Frauen begründet ist. 59

Diese Position von Scherr ist ein recht klassischer in der Tradition der Patriarchatstheorie stehender Ansatz, der versucht, das Verhältnis von Männern und Frauen im Bezug auf Macht und Herrschaft zu beschreiben. Diese „Analyse der gesellschaftlichen Dominanz des männli59

Scherr 1997, S. 123


– 55 – chen Geschlechts“ wurde von Connell „um eine kulturtheoretische Perspektive erweitert“. (Bereswill et al. 2011, S. 10) Connell legte mit der Kategorie der hegemonialen Männlichkeit einen Grundstein für die darauffolgende Männerforschung. Um die Komplexität des (geschlechtlichen) Miteinanders aufzugreifen, wird hierbei nicht bloß unsere heteronormative, zweigeschlechtliche Gesellschaft auf die Relation zwischen Frauen und Männern untersucht, wie es zumeist – auch in dieser Arbeit – der Fall ist, sondern es wird ein Augenmerk auf die „Relation der Männer untereinander“ geworfen. Das ist auch unabdingbar, um die „Verschränkung beider Relationen“ zu verstehen. Sich auf die bloßen heterosozialen Beziehungen in den Dimensionen von Macht und Herrschaft sowie Dominanz und Unterordnung zu beziehen, greift bei weitem zu kurz, wie auch schon beim Versuch der Begriffsbestimmung von Geschlecht deutlich wurde. (vgl. Meuser 2009, S. 160 f.) „In der derzeitigen Geschlechterordnung ist die wichtigste Achse der Macht die allgegenwärtige Unterordnung von Frauen unter die Dominanz der Männer“, wie Connell schreibt und gleichzeitig eine „zweite Achse“ aufzeigt, nämlich die Hierarchien und Machtverhältnisse innerhalb der Genusgruppe Mann. (Connell 1999, S. 94) „Die doppelte Relation, in der Männlichkeit ihre Kontur gewinnt – zum anderen und zum eigenen Geschlecht – fasst Connell mit dem Begriff der hegemonialen Männlichkeit“ auf, wie es Michael Meuser passend zusammenfasst, 60 denn „[i]n der symbolischen und institutionellen Verknüpfung von Männlichkeit und Autorität liegt die gesellschaftliche Dominanz des männlichen Geschlechts begründet“. (Meuser 2009, S. 162) Wenn dabei von „männlicher Herrschaft“ gesprochen wird (etwa Bourdieu 2005), dann basiert die Herrschaft weniger auf Androhung von Gewalt oder Erzwingung von Unterordnung, sondern hauptsächlich auf der Anerkennung allgemeiner kultureller Werte und Normen durch die Mitglieder der Gesellschaft. (vgl. Bereswill et al. 2011, S. 10) Zum umfassenden Verständnis muss deshalb auch Bourdieu erwähnt werden, der den aus der Klassentheorie stammenden Begriff des Habitus benutzt und ihn auf die Kategorie Geschlecht anwendet. Er spricht von einem „vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichendem Habitus“ und kommt somit zu einem „männlichen Habitus“. (Bourdieu 2005) Nach Bourdieu ist auch

Michael Meuser schafft es wie kein Zweiter Connells Thesen punktgenau zu analysieren und in andere Kontexte zu übertragen. Besonders betont werden muss seine Arbeit zur Verknüpfung von Connells und Bourdieus Konzepten, auf die ich mich hier beziehe. (Meuser 2009) 60


– 56 – der Wettbewerb ein zentrales Element der Männlichkeitskonstruktion. Sein Fazit kann so zusammengefasst werden: „Männer streben danach, andere Männer zu beherrschen.“ (Stach 2012, S. 192) Die Überschneidungen zum Connellschen Ansatz werden hier deutlich sichtbar. „Hegemoniale Männlichkeit wird als institutionelle Praxis in den sozialen Feldern konstituiert, in denen, historisch variabel und von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich, die zentralen Machtkämpfe ausgetragen und gesellschaftliche Einflusszonen festgelegt werden“, wie es Connell spezifiziert. (Connell 1999, S. 206 ff.) Auch für Michael Meuser sind für den männlichen Habitus insbesondere die weiter oben erwähnte „kompetitive Logik und der homosoziale Charakter der sozialen Felder, in denen der Wettbewerb stattfindet“, kennzeichnend. (vgl. Meuser 2006 S. 132) Hegemoniale Männlichkeit dient nach Meuser auch nicht nur als „generatives Prinzip“ für das eigene Handeln, sondern ebenfalls zur „Bewertung fremden Handelns“. Somit stellt sie eine „Orientierungsfolie des doing masculinity“ dar. (Meuser 2006, S. 126 f.) So stimmt auch Albert Scherr – auf dessen Theorie der subjektorientireten Jugendarbeit ich in Kapitel 7 detailliert eingehen werden – mit Connell überein, indem er schreibt: „Unverkürzte Anerkennung als vollwertiges Gesellschaftsmitglied wird in modernen Gesellschaften so letztlich nur den Männer derjenigen sozialen Gruppen zuteil, die ihren Lebensunterhalt durch Besitz oder Berufstätigkeit sichern können.“ (Scherr 1997, S. 58) Auch Spindler konstatiert, dass für die Hegemonie neben Berufstätigkeit und Macht es noch weiterer Merkmale bedarf, wie z.B. weiß und heterosexuell zu sein. „Der Zugang zur hegemonialen Männlichkeit“, so schreibt sie weiter, „wird also durch Faktoren durchkreuzt, die sich vorrangig auf Klasse, Ethnizität, Alter, Bildungsstand, aber auch auf Merkmale wie Religion beziehen können“. (Spindler 2011, S. 121) Schließlich folgert sie auch, was für diese Arbeit sehr bedeutsam ist, dass „[e]ine der Hauptkomponenten hegemonialer Männlichkeit […] das konstante sexuelle Interesse an Frauen [ist].“ 61

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Männlichkeit und Macht nicht automatisch Hand in Hand gehen, sondern, dass die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in unserer Gesellschaft und vor allem innerhalb der Genusgruppe Mann wesentlich komplexer sind,

61

Spindler 2011, S. 127


– 57 – denn für das Erlangen der Hegemonie gehört immer die Unterordnung von anderen (Frauen und Männern).

5.2. Beispielhafte Darstellung der Problematik Um die Folgen der Geschlechterinszenierung zu verdeutlichen, werde ich folgend ausschnittsweise und beispielhaft analysieren, inwiefern sich das Connellsche und Bourdieusche Konzept in unserem gesellschaftlichen Alltag wiederspiegeln.

5.2.1. Öffentliches Leben Das öffentliche Leben in unserer Gesellschaft ist noch immer geprägt von der Seperation der Geschlechter. Traditionell ist die private Sphäre die weibliche: Kindererziehung, Haushalt und Versorgung der Familie sind, wie in Kapitel 3.1 gezeigt wurde, gerade in kapitalistischen Gesellschaften traditionell weiblich konnotierte Aufgaben und werden auch zumeist von Frauen ausgeführt. Wohingegen Lohnarbeit, also die öffentliche Sphäre, ein traditionell männlicher Bereich ist. Natürlich weichen diese tradierten Vorstellungen immer mehr auf, jedoch spiegeln sie noch immer die Realität von etlichen Haushalten in Deutschland wieder. Von konservativer Seite kommt bei dieser Debatte gerne das Argument von vermeintlichen „Mutterinstinkten“ und der evolutionär bedingten Situation der Frauen. Sie gebären nun mal die Kinder, deswegen wollen sie diese auch großziehen. Schnell verfällt man hier wieder in tautologische Erklärungsmuster. Wichtig hierbei ist, dass nicht der Unterschied (z.B. die Gebärfähigkeit) die Bedeutung konstituiert, „sondern die Bedeutung die Differenz“. (Gildemeister 2010, S. 137) Somit wird schnell deutlich, dass die „Arbeitsteilung eine der wichtigsten und grundlegendsten Ressourcen in der Herstellung von zwei Geschlechtern ist und nicht umgekehrt“ (ebd., S. 142) Um die Repräsentation der Geschlechter in unserer Gesellschaft darzustellen, möchte ich exemplarisch auf die Zeitschrift Rolling Stone verweisen, denn sie gilt als eine der populärsten und angesehensten im Bereich Musik. Autor_innen haben dort eine Liste der „100 besten Künstler aller Zeiten“ zusammengestellt. Wenn man sich durch diese Liste klickt, fällt schnell auf, dass von den „100 Künstlern“ – wenn sogar Bands mitgezählt werden, in denen nur eine Frau Mitglied ist – exakt zehn weiblich sind. In der Liste der „100 besten Gitaristen aller Zei-


– 58 – ten“ sind es noch einmal deutlich weniger (exakt zwei). Was sich daran zeigt, ist Ähnliches, wie auch der Bechdel-Test verdeutlicht: Das öffentliche Leben und damit auch machtbesetzte Positionen sind klar männerdominiert. Ich werfe den Autor_innen des Rolling Stone sicher nicht vor, tendentiell eher Männer auszuwählen oder gar frauenfeindlich zu sein. Ganz im Gegenteil. Ich stelle schlicht fest, dass Männer nicht bloß die Musikszene dominieren und dadurch natürlich auch zu den besten gezählt werden. Meines Erachtens zeigen sich an den Beispielen die strukturellen Probleme unserer Gesellschaft ganz deutlich. Es ist ja nun mal nicht so, dass Frauen musikalisch weniger begabt sind, als Männer, sondern Frauen wird oftmals schicht ihr Talent im Vergleich zu Männern abgesprochen. Das zeigt auch ein Blick auf Symphonieorchester, in denen der Frauenanteil selten mehr als 15% entspricht. Studien haben sich diesem Phänomen seit längerem angenommen und mögliche Ursachen untersucht. Das Ergebnis: Bei geschlechtsneutralen Probespielprozeduren (hinter einem Vorhang, sog. „blind auditions“) verbesserten sich die Chancen von Frauen ins Orchester aufgenommen zu werden um bis zu 300%. (vgl. Goldin/ Rouse 2000) In den USA wird als Folge dessen nur noch hinter dem Vorhang vorgespielt, was zur Steigerung des Frauenanteils in den Orchestern von 5% auf 36% geführt hat. Deutlicher kann sich die Asymmetrie des bestehenden Geschlechterverhältnisses nicht zeigen. Es gibt klare Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts, die in unserer Gesellschaft nur mit Zwangsmaßnahmen wie anonymen Vorspielen oder Frauenqouten durchbrochen werden können. Alle Argumente dagegen („Frauen sind nicht so talentiert wie Männer“), das zeigt u.a. die oben genannte Studie, sind objektiv frauenfeindlich, denn ihnen wird damit qua Geschlecht Talent aberkannt und Verhaltens- und Chraktereigenschaft zugeschrieben, was sich dank der aktuellen Forschung empirisch widerlegen lässt. (vgl. Kapitel 2.2) Jedoch ist genau das das Problem. Sicherlich mangelt es nicht an Musikerinnen, die keinen größeren Wunsch haben, als weltberühmt zu werden. Jedoch wird ihnen, wie das Beispiel mit den Symphonieorchestern gezeigt hat, nicht zugetraut, so kompentent wie die konkurrierenden Männer zu sein. Deswegen bekommen sie seltener Plattenverträge, verkaufen weniger CDs, werden seltener als Musikerin angestellt und tauchen somit auch deutlich weniger in der Öffentlichkeit auf.


– 59 –

5.2.2. Machtverteilung Ebenfalls problematisch an der Dichotomisierung der Geschlechter ist die oben erwähnte, in unserer Gesellschaft fast schon immanente, Arbeitsteilung. Die häusliche Reproduktionsarbeit wird nicht als Arbeit anerkannt, wird also auch nicht mit Statusaufwertung oder Gehalt belohnt, wie es bei der Lohnarbeit der Fall ist. Deswegen ist genau diese Trennung eine der zentralen Ursachen für die soziale Ungleichheit im Geschlechterverhältnis. „[W]eibliche Arbeit wird also unsichtbar gemacht und politisch nicht repräsentiert“. (Schößler 2008, S. 25) Ein weiteres Problem daran ist, dass diese Arbeitsteilung häufig mit der „Natur der Geschlechter“ begründet wird und somit nahezu unangreifbar scheint. Die Folgen sind drastisch: Die Kategorie Geschlecht ist ein gravierender Faktor sozialer Ungleichheit. Der sog. Gender-Pay-Gap, also der faktische Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen liegt bei 23% (unbereinigt). Rechnet man von diesen Zahlen noch die Faktoren der unterschiedlichen Ausbildung, Berufswahl, Qualifikation etc. weg, dann bleibt ein Unterschied von 8% (bereinigt). (Statistisches Bundesamt 2010) D.h., faktisch bekommen Frauen aufgrund ihres Geschlechts bei gleicher Arbeit und gleicher Qualifikation im Durchschnitt 8% weniger Lohn. In den 23% spiegelt sich die ungleiche Chancenverteilung wieder, in dem Frauen aufgrund ihres Geschlechts weniger Aussicht auf machtbesetzte Positionen haben, wie Schößler resümiert: Wir leben in einer „immer noch problematischen Geschlechterordnung, die ökonomische Ressourcen, politische Macht und symbolisches Kapital ungleichgewichtig, also zu Ungunsten der Frauen verteilt“. (Schößler 2008. S. 11) Weiter folgert sie: „Die fundamentale Bedeutung von Geschlecht wird jedoch vielfach verschleiert […], und zwar deshalb, weil über die herrschende Geschlechterordnung Macht verteilt wird und die profitierenden Gruppen an der Unsichtbarkeit dieses Systems interessiert sind.“ (ebd., S. 15) Es lässt sich also auch in der Arbeitswelt ein doing Gender feststellen. Männer können selbst in frauendominierten Berufen leichter aufsteigen, als die mehrzahligen Frauen, da der männliche Habitus in unserer Gesellschaft als der hegemoniale gilt. Umgekehrt ist es also für Frauen in männerdominierten Berufsfeldern ungleich schwieriger, eine höhere Position zu erlangen. Sie müssten sich dafür einerseits den männlichen Habitus aneignen, um durch „Männerseilschaften“ machtbesetzte Positionen zu erlangen, andererseits müssen sie aber auch darauf achten, nicht „unweiblich“ zu wirken. Ansonsten gelingt es ihnen nicht, ihr Geschlecht zu in-


– 60 – szenieren und es deshalb durch andere validieren zu lassen, was in der Regel zu sozialen Sanktionen führt. (vgl. Gildemeister 2010) „Männlichkeit, so Bourdieu, ist dem Habitus aller Männer wie auch aller Frauen eingeschrieben. Dies führt dazu, dass Frauen das Verhältnis der Geschlechterherrschaft vom Standpunkt der Herrschenden aus interpretieren, d.h. als natürlich und dadurch […] mitwirken“. (Wedgwood/Connell 2010, S. 118) So kommt etwa Vogel zu dem Schluss, dass Geschlechterungleichheiten im „wesentlichen durch die doppelte Herrschaft von Kapitalismus und Patriarchalismus bestimmt“ sind. (Vogel 2005, S. 25). Cyba jedoch meint, dass „[p]atriarchale Strukturen und kapitalistische Verhältnisse verschränkt, aber nicht identisch“ sind. (Cyba 2010, S. 19) Gleichzeit weist Cyba darauf hin, dass „das kapitalistische Wirtschaftssystem von vornherein schon mit einem Reservoir unqualifizierter weiblicher Arbeitskräfte rechnet“, die unentgeltlich jegliche unerlässlichen Reproduktionsarbeiten übernehmen. (ebd., S. 20) Diese Annahme führt unausweichlich zu den vorherrschenden Verhältnissen: „Je höher die berufliche Position, je größer das Ansehen eines Berufs, desto seltener lassen sich dort Frauen finden.“ (Becker-Schmidt 2005, S. 92) Ohne Frage ist auch die herrschende Heteronormativität ein Mittel zur Machtausübung. So werden beispielsweise, um mit Connell zu sprechen, untergeordnete Männlichkeiten, wie bspw. Homosexuelle, marginalisiert und ausgegrenzt. Vogels Fazit kann man sich deshalb an dieser Stelle anschließen, wenn sie feststellt, dass „[i]m wesentlichen also die Geschlechterdifferenz als eine durch Machtstrukturen und gesellschaftliche Arbeitsteilung begründete soziokulturelle Konstruktion bezeichnet werden“ kann. (Vogel 2005, S. 10) Oder, wie es Penny provokativ formuliert: „Die Mittel, mit denen der zeitgenössische Kapitalismus den Frauenkörpern zusetzt – von der Werbung über Pornografie bis hin zu den Strukturen von geschlechtsspezifischer Arbeit und häuslicher Gewalt –, sind keine Privatangelegenheit ohne Einfluss auf den Rest der Welt. Vielmehr sind sie die notwendigen Fesseln in einem Überbau von Unterdrückung, die so grundlegend zur Erfahrung des Frauseins gehört, dass sie quasi unsichtbar ist. Dieser Überbau ist für das nackte Überleben der patriarchalen Kapitalismusmaschine unabdingbar. Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“62

62

Penny 2012, S. 9


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6. Resümee Es ist eine teilweise sehr hitzige Debatte, die hier geführt wird, die vorliegende Arbeit zählt freilich auch dazu. So etwa erklärt der Journalist Harald Martenstein auf der Titelseite der Wochenzeitung Die Zeit vom 6. Juni 2013 die komplette Genderforschung für „Unsinn“. Noch eindrucksvoller ist die Berichterstattung über die Reform der Grundordnung der Universität Leipzig. Der erweiterte Senat hat entschieden, von nun an in der Grundordnung – und nur dort – anstatt der bisher üblichen Schrägstrich-Variante (Wissenschaftler/innen) nur noch die weibliche Sprachform zu verwenden und in einer Fußnote zu erklären, dass natürlich ebenso Männer angesprochen sind. 63 Es dauerte nicht lange, bis Überschriften wie „Sprachreform an der Uni-Leipzig: Guten Tag Herr Professorin“ (Spiegel Online vom 05. Juni 2013 ) oder „Irrsinn an der Uni-Leipzig: Ab heute sagt man Herr Professorin“ (Bild vom 04. Juni 2013) oder „Herr Professorin? Ja, Herr Professorin, sollen Studenten der Uni Leipzig ihre männlichen Hochschullehrer künftig nennen“ (Focus vom 05. Juni 2013) auftauchten und sich über „GenderWahn“ (Cicero vom 11. Juni 2013) oder das vermeintliche „Sprach-Opfer im Namen des Feminismus“ (Die Welt vom 07. Juni 2013) erbost wurde. Dass es sich bei der Reform um eine Schreibweisenänderung in der Grundordnung handelte und keine „Sprachregelung“, schien nicht zu interessieren, die Universitätsleitung sah sich deshalb dazu gezwungen, das in einer Pressemitteilung noch einmal klar zu stellen. Dort bemerkt die Rektorin Prof. Dr. med. Beate A. Schücking: „Es ist erstaunlich, dass dieser weder logisch noch formal zu beanstandende Akt in einem Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt sind, auf so viel öffentliche Beachtung stößt. Das Echo weist im Grunde darauf hin, dass es trotz aller rechtlichen Regelungen noch erhebliche Defizite auf diesem Gebiet gibt.“64 Die Kategorie Geschlecht gewinnt in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung und führt zu oft emotionalen Debatten. Für die einen ist es die natürliche Ordnung, für die anderen ein soziales Konstrukt. Wer versucht, die eigene Position deutlich zu machen, muss mit heftiger

Was in umgekehrter Form sehr verbreitet und fast schon Standard ist: Die männliche Sprachform und die dazugehörige Fußnote, die erklärt, dass auch Frauen angesprochen sind. 63

Pressemitteilung Nr. 2013/178 vom 06.06.2013 der Universität Leipzig. Online einzusehen unter: http://www.zv.uni-leipzig.de/service/presse/pressemeldungen.html?ifab_modus=detail&ifab_id=4994 (Aufgerufen am 11.06.2013) 64


– 62 – Gegenwehr rechnen, wie auch die Universitätsleitung in Leipzig feststellen musste. Gerade jetzt, die oben genannten Beispiele zeigen es deutlich, zählt umso mehr, ob eine Person weiblich oder männlich ist – übrigens ebenso beim politischen Konzept des Gender Mainstreaming. Wie Geschlecht heute in den Medien, bei Spielzeug und in der Werbung dargestellt wird, habe ich ausschnittsweise weiter oben dargelegt. Damit möchte ich nicht nur zeigen, dass es ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis gibt, sondern auch, dass die „Ver-Zwei-Geschlechtlichung“ auch immer weiter voranschreitet. Dass diese „im 18. Jahrhundert einsetzende […] immer perfekteren Sortierung der Gesellschaftsmitglieder in zwei soziale Gruppen, die als verschieden gelten, für die unterschiedliche soziale Positionen vorgesehen sind, die verschiedenes tun und können, die unterschiedliche Potenziale haben und unterschiedliche Orientierungen“, kaum etwas gutes mit sich bringt, zeigen die dargestellten „prekären und kontraproduktiven Effekte dieses Sortierungsverfahrens“ (Wetterer 2005, S. 59). Geschlecht wird somit aus verschiedensten Gründen immer wieder reproduziert. Sei es um neue Zielgruppen zu erschließen und somit den Profit zu steigern, die eigene gesellschaftliche Stellung zu sichern oder schlicht um die gesellschaftliche Ordnung (vgl. Vogel 2005, S. 10 f.) aufrecht zu erhalten. Somit entstehen auch Stereotype, denn durch den sozialen Prozess der Kategorisierung von Menschen (Schwarz/Weiß, Einheimische/Ausländer, Frau/Mann, Hauptschüler_innen/Abiturient_innen, Jüdin/Nicht-Jüdin) werden die Unterschiede innerhalb einer Kategorie unterschätzt und die zwischen den Kategorien überschätzt. So ist es beispielsweise empirisch bewiesen, dass die Verhaltensunterschiede zwischen den Gruppen „Frauen“ und „Männer“ wesentlich geringer sind als innerhalb der Gruppe „Frau“ oder „Mann“. (Alfermann 1996, S. 9 f.) Entgegen dieser Fakten verhält es sich jedoch mit dem Geschlechterverhältnis: „Männlichkeit und Weiblichkeit [sind] umso gegensätzlicher bestimmt […], je stärker eine Gesellschaft durch Hierarchien, Machtgefälle und soziale Gegensätze geprägt wird. Je strikter also in einem festen institutionellen Rahmen Geschlechter-Stereotypen festgelegt sind, desto weniger individuelle Entfaltung bleibt für Akteure beiderlei Geschlechts möglich.“ (Vogel 2005, S. 9 f.) Auch wenn die Forderung nach beispielsweise Frauenquoten in Führungspositionen sinnvoll ist, um den bestehenden Ungleichheiten entgegenzuwirken, so reproduzieren sie doch nur weiter die Zweigeschlechtigkeit mit den dazugehörigen Erwartungen und Zwängen. Sinnvoll wäre ein dekonstruktivistischer Ansatz, wobei die Kategorie Geschlecht immer mehr in den


– 63 – Hintergrund rückt und Menschen sich unabhängig ihres zur Geburt zugewiesenen Geschlechts entfalten können, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht und nicht, wie es gesellschaftliche Erwatungshaltungen vorgeben. „»Geschlecht« muß als Konstrukt erkannt und entideologisiert werden. Erst wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, daß »Männlichkeit« und »Weiblichkeit« nicht an bestimmte Geschlechtskategorien geknüpft sein muß, werden die mit diesen Vorstellungsbildern verbundenen Zwänge reduziert.“ (Keuneke 2000, S. 430) Mit Blick auf die oben genannten Beispiele wird jedoch schnell klar, dass unsere Gesellschaft von so einer Entwicklung noch sehr weit entfernt ist, denn wie ersichtlich wurde, wird vor allem in medialen und populärkulturellen Bereichen Geschlecht stereotypisiert, bewusst insziniert und zu Marketingzwecken instrumentalisiert. Auch eine deutliche Hierarchisierung der Geschlechter ist dabei erkennbar, die bei theoretischer Analyse in eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft mündte, in der es verschiedene hegemoniale Männlichkeiten gibt, die untereinander die gesellschaftliche Vormachtstellung austragen. Hollywood-Filme, die diesen Typus Mann inszenieren, tragen genauso dazu bei, dieses Männlichkeitsideal zu verbreiten wie die „Damsel in Distress“, die immer und immer wieder auf männliche Rettung angewiesen ist. Ganz unbewusst internalisieren wir diese Bilder, bekommen sie Tag für Tag bestärkt und „leben“ dann danach (auf engl. „to do gender“). So fragen West und Zimmermann vollkommen zurecht: „Can we ever not do gender?“ und kommen zum schon erwähnten Schluss: „Doing gender is unavoidable.“ (West/Zimmerman 1987, S. 137) So kann festgehalten werden, dass es sich bei allen medialen und populärkulturellen Produkten um doing Gender handelt, da sowohl die Rezipierenden/Konsumierenden als auch die Autor_innen/Werbenden/Entwickler_innen vorgefertigte Geschlechterbilder (Gender Beliefs) haben, diese durch die Produkte weitergeben bzw. reinterpretieren und die Interaktion von Mensch und Produkt somit zur Verfestigung dieser Stereotype beiträgt. (vgl. Motschenbacher 2003) Aus entwicklungspsychologischer Perspektive schlägt Berk deshalb vor, dass „der Versuch gemacht werden [kann], Kinder von Fernsehsendungen oder anderen Mediendarbietungen freizuhalten, die allzu rigide Geschlechterunterschiede propagieren“. (Berk 2005, S. 361) Auch werden ihrer Ansicht nach „Eltern, die ganz bewusst vermeiden, sich rollenspezifisch zu verhalten, […] Kinder haben, die den allgemeinen Stereotypen weniger unterworfen sind.“


– 64 – (ebd., S. 357) Auch Penny resümiert zur Problematik der sexualisiert-vergeschlechtlichten Werbung: „Allmählich wird der Erwachsenenwelt klar, dass das Aufwachsen in einem Hagelsturm von Medienbotschaften, die die Verfügbarkeit der weiblichen Erotik propagieren, für die jungen Frauen, die mit ihren sexuellen Gefühlen ringen und ängstlich darum bemüht sind, keinesfalls das beschämende Etikett »Schlampe« verpasst zu kriegen, ziemlich verwirrend sein kann.“65

Da nun deutlich geworden ist, welche präkeren Verhältnisse die Geschlechterordnung hervorruft, zeigt sich die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Umdenkens. Gerade, da auch viele soziale Problemlagen auf den Zwang zur Rollenkonformität und Geschlechtsperformanz zurückzuführen sind, ist die Soziale Arbeit eine Instanz, die sich dieser Situation annehmen muss, wie ich folgenden Kapitel ausführlich diskutieren will.

65

Penny 2012, S. 17


– 65 –

7. Geschlecht und „Subjektorientierte Jugendarbeit“ Die gesellschaftliche Relevanz des Themas habe ich versucht, mit dieser Arbeit darzulegen. Aber warum ist das Thema Geschlecht für die Profession der Sozialen Arbeit und gerade für die Jugendarbeit ein so zentrales Anliegen? Immerhin widmet sich ein nicht unwesentlicher Teil des Studiums diesem Gebiet und geschlechtsspezifischer Jugendarbeit. Der Begriff des Gender Mainstreaming wird nicht nur in der Fachwelt immer häufiger diskutiert. Auf diese Frage möchte ich mit Albert Scherrs‘ Ansatz der Subjektorientierten Jugendarbeit antworten. Anhand von diesem umfassenden und wohl einem der am meisten rezipierten, emanzipatorischen Ansatz der Jugendarbeit lässt sich die Prägnanz der Kategorie Geschlecht für die Jugendarbeit und die Soziale Arbeit allgemein herausarbeiten. Dazu werde ich zuerst die m. E. wichtigsten Punkte des Ansatzes, um den Zusammenhang zum Thema Geschlecht ziehen zu können, herausarbeiten, um danach aufzuzeigen, warum die Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht eine zentrale Aufgabe nicht nur der Jugendarbeit sein muss.

7.1. Subjektorientierte Jugendarbeit nach Albert Scherr Scherr kritisiert maßgeblich, dass Jugendarbeit heute nur noch dadurch zu charakterisieren sei, dass sie „als Instrument zu Bearbeitung sozialer Krisen und Probleme“ genutzt werde, und „allein dies noch legitimierbar zu sein scheint“ (Scherr 1997, S. 14). Damit kritisiert er auch indirekt Böhnischs Ansatz der „Hilfe zur Lebensbewältigung“, womit nach Scherr „emanzipatorische Perspektiven […] durch die Zwänge der Alltagsbewältigung verstellt sind“ (Böhnisch 2001, S. 31; Scher 1997, S. 18). Deshalb verlangt er, dass sich eine emanzipatorische Jugendarbeit der „Zuweisung von sicherheits- und ordnungspolitischen Aufträgen sowie eines Mandats der Erziehung zur Anpassung“ verweigern muss und „nicht […] eine solche dritte Sozialisationsinstanz, der alle Probleme überantwortet werden können, zu deren Lösung Familie und Schule nicht in der Lage sind“ darstellen soll. (Scherr 1997, S. 50)


– 66 – Denn eine emanzipatorische Jugendpädagogik sollte sich dem entgegen stellen und eher die „Bedürfnisse von Jugendlichen in Richtung auf Befreiung von Abhängigkeiten, Mündigkeiten und Selbstbestimmung“ aufgreifen (ebd., S. 16) – als Subjektwerdung fasst Scherr diese und etliche andere Prozesse zusammen und deklariert sie als „umfassendes Ziel der Jugendarbeit“ (ebd., S. 20). „Ausgegangen wird von der Überzeugung, daß alle Individuen das Recht und die Fähigkeit beanspruchen können, ihr privates und ihr gesellschaftliches Leben als selbstbestimmungsfähige Einzelne und als mündige BürgerInnen zu gestalten, die begreifen, welchen gesellschaftlichen Bedingungen sie unterliegen, die sich bewußt und aktiv handelnd mit diesen Bedingungen auseinandersetzen und die ihr Leben nach Maßgabe ihrer Bedürfnisse, Interessen und Überzeugungen, also nicht nur in Anpassung an gesellschaftliche Zwänge, Normen und Leitbilder, gestalten können. “ 66 (Hervorh. S.H.)

Grundlegend zum Verständnis der subjektorientierten Jugendarbeit sind die Begriffe Subjektwerdung, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung. Scherr formuliert den abstrakten Grundgedanken so: „Die zentrale Aufgabe einer subjektorientierten Jugendarbeit [wird] hier darin gesehen, Heranwachsende im Prozeß ihrer Subjektwerdung zu unterstützen, d.h. Jugendlichen dabei zu helfen, ein selbstbewußteres und selbstbestimmteres Leben zu führen, als es ohne eine Teilhabe an der Praxis der Jugendarbeit möglich wäre.“ Scherr stellt den Menschen damit als fundamental soziales Wesen dar und führt aus, dass „[m]enschliche Individuen […] nicht als selbstbestimmungsfähige Einzelne, sondern als von Zuneigung, Fürsorge und Versorgung abhängige Wesen zur Welt“ kommen. Erst im „Prozeß des Heranwachsens vom Kleinkind zum Erwachsenen […] ist der Möglichkeit nach ein Prozeß der Subjektwerdung, der schrittweisen Überwindung von Abhängigkeit und der schrittweisen Erweiterung autonomer Handlungsfähigkeit“ zu sehen. Zusammengefasst liest sich das folgendermaßen: „Es geht hier also, sozialphilosophisch gedacht, nicht um die technokratische Idee einer Herstellbarkeit von Subjekten, nicht um die Anmaßung einer Vernunft, die Menschen und soziale Zusammenhänge vollständig durchschauen und damit gestalten kann, sondern um das bescheidene Bemühen, Zwänge und Abhängigkeiten punktuell zu überwinden. Subjektwerdung ist so betrachtet ein unabschließbarer Prozeß.“67

66

Scherr 1997, S. 9 f.

67

Scherr 1997, S. 52


– 67 – Besonders wird hierbei die die Befähigung der einzelnen zur „bewußten Auseinandersetzung“ mit den bestehenden Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Erwartungen betont. Wichtige Begriffe hierfür sind „Selbstachtung“ und „soziale Anerkennung“. Denn „Selbstachtung, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung sind – in wie immer auch begrenzter und rudimentärer Form – Bedingungen sozialen Handelns. […] Selbst ausgeprägt herrschaftsförmige Institutionen wie Gefängnisse oder psychiatrische Anstalten müssen Elemente selbstbestimmten Handelns zulassen, um funktionsfähig zu sein.“ Somit sollen keine autoritätshörigen Individuen heranwachsen, sondern im Gegenteil selbstbewusste Einzelne, die wissen, wo sie im Leben und innerhalb der Gesellschaft stehen. „Subjektwerdung ist deshalb als ein normativer Maßstab zu fassen, der sich an der Utopie selbstbewußter und selbstbestimmter Lebenspraxis in dem Interesse orientiert, den Grad der vorgefundenen Abhängigkeit von und der Verstrickung in Macht- und Herrschaftsverhältnisse graduell zu verringern.“68

Damit meint Scherr aber nicht „die Ersetzung vollständiger Abhängigkeit durch vollständige Autonomie“, denn eine Gesellschaft, in der jeder Mensch absolut autonom handelt, ohne den sozialen Kontext zu sehen, hält auch er nicht für erstrebenswert. Deshalb konkretisiert er den Begriff auf „die lebensgeschichtliche Erweiterung der Spielräume selbstbewußten und selbstbestimmten Handels in sozialen Beziehungen“. (ebd., S. 55) Um das zu erreichen, hält er in der Pädagogik und Sozialen Arbeit einen umfassenden Bildungsauftrag für unabdingbar. Bildung stellt nach Scherrs Verständnis die „Antithese“ zum Erziehungsprozess dar. „Nüchterner formuliert“, so führt er weiter aus, „geht es in Prozessen der Subjektbildung darum, verinnerlichte Zwänge zur Anpassung zurückzudrängen, sich begrenzte Freiräume für bewußtes Handeln zu schaffen.“ (ebd., S. 66) Und deshalb ist es auch grundlegend, eine „demokratisch-partizipative Alltagskultur“ zu schaffen. Selbstbestimmung durch Bildung, wie es also zusammengefasst formuliert werden kann. Wenn Scherr von Selbstbestimmung redet, geht es ihm auch um die Forderung, „daß es allen Individuen […] ermöglicht werden soll, an dem Wissen teilzuhaben, das sie zu einer bewußten Auseinandersetzung mit ihren Lebensbedingungen in die Lage versetzt“, was m. E. eine der zentralen Aussagen seines Ansatzes ist, denn „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmungs-

68

Scherr 1997, S. 52


– 68 – fähigkeit beruhen auch auf der Fähigkeit, sich reflexiv zu Identifikationszwängen und Identitätsangeboten zu verhalten.“ (ebd, S. 37) „Jugendarbeit, so läßt sich der zugrundeliegende Kerngedanke zusammenfassen, kann und soll als genuin pädagogische emanzipatorische Praxis verstanden und realisiert werden, die auf das Ziel ausgerichtet ist, Heranwachsenden Bildungsprozesse zum Subjekt, d. h. Entwicklungsmöglichkeiten in Richtung auf eine selbstbewußtere und selbstbestimmtere Lebenspraxis zu eröffnen.“ (ebd, S. 9)

7.2. Die Notwendigkeit der Dekonstruktion von Geschlecht Bewusst habe ich mit dieser Arbeit einen Schwerpunkt auf das Thema mediale Konstruktion von Geschlecht gesetzt, denn in der Jugendarbeit sind „Jugendliche […] dazu zu befähigen, sich selbst und ihre gesellschaftlichen Lebensbedingungen zu begreifen“. Dazu gehört auch, wie es Scherr zugespitzt formuliert, „Formen der massenmedialen Verschleierung sozialer Wirklichkeit“ zu begreifen. (vgl. Scherr 1997, S. 27) Oder mit Franziska Schößlers Worten: Die „suggestiven Geschlechterimagines in den Medien, die attraktiven Bilder von »wahrer« Männlichkeit und Weiblichkeit, verstärken den Druck auf Jugendliche […]. Die (medial vermittelten) Geschlechterikonen als problematische Vorbilder zu erkennen, die das Versagen an der Norm strukturell einfordern, wäre ein wichtiges Ziel.“ (Schößler 2008, S. 18) Um diese „Verschleierungen“ und diesen „Druck“, besonders auf Geschlechterimagines bezogen, begreifbar zu machen, bedarf es einiger Bildungsarbeit, denn sie werden nicht nur von vielen Menschen internalisiert, sondern auch als „naturgegeben“ akzeptiert, wie schon weiter oben ausgeführt wurde. Und genau hier sehe ich eine zentrale Aufgabe der Sozialen Arbeit: Die Kategorie Geschlecht zu dekonstruieren, den Jugendlichen zu vermitteln, in welchen Zwängen und Abhängigkeiten sie sich dadurch in ihren Lebensaltern befinden und ihnen Handlungsalternativen zur bestehenden Norm aufzuzeigen. Ein großes Problem hatte die Jugendarbeit sehr lange, weil sich ein Großteil der Literatur sich bloß „den Jugendlichen“ widmete. Dass jedoch kein Individuum in seiner Identität ein geschlechtsneutraler Jugendlicher ist, wurde strikt vernachlässigt. Jede_r ist in unsere


– 69 – Gesellschaft dazu veranlasst, sich in Bezug auf die gesellschaftliche Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit zu bestimmen (vgl. Hagemann-White 1984). Insofern stellt die „Anforderung, die eigene geschlechtliche Identität innerhalb dieser Ordnung zu definieren, […] eine der zentralen Entwicklungsaufgaben in der Lebensphase Jugend dar“. (Scherr 1997, S. 116) Daraus wird ersichtlich, in welchen Zwängen wir uns befinden, denn Geschlecht kann als soziales Ordnungsprinzip gesehen werden. Wer nicht in die Erwartungshaltungen der anderen passt, fällt raus. Das ist besonders problematisch, denn „nur wenn wir die Erfahrung machen, daß unsere besonderen Eigenschaften, das, was uns als Person ausmacht, sozial anerkannt und respektiert wird, können wir auch uns selbst als Personen erkennen und achten, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen entwickeln“ (ebd., S. 56 f.). Anerkennung gilt so als unverzichtbare Voraussetzung für die Entwicklung des individuellen Selbstbewußtseins. Wechelseite Anerkennung ist als Gegenstück zum Herrschaftsbegriff zu sehen, und so muss nach Scherr jede_r „Einzelne ein Recht auf Anerkennung als besondere Person, als ein unverwechselbares und besonderes Individuum“ haben. (vgl. ebd., S. 57) Menschen, die nicht in die herrschende Geschlechterordnung 69 passen, das zeigen aktuelle Studien, erfahren in unserer Gesellschaft noch immer Diskriminierung und Isolation, 70 was für die Betroffenen mindestens einen Mangel an Selbstachtung, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zur Folge hat. Die oben genannten Beispiele von steigender Unzufriedenheit mit dem Körper und der daraus resultierenden Magersucht sind nur eine Folge dieser, hier subversiven, Diskriminierung. Und hierbei handelt es sich „nur“ um ein – offensichtlich absurdes, irreales – Schönheitsideal. Auch „Soziale Konflikte sind so betrachtet […] Versuche, dem Anspruch auf Anerkennung der eigenen Person Geltung zu verschaffen“ (Scherr 1997, S. 58). Dies kann gerade Menschen klar werden, die in der Jugendarbeit mit problembelasteten, männlichen Jugendlichen arbeiten, die oftmals mit fragwürdigen Methoden versuchen, dem Anspruch eines „Mannes“, auch

Sei es durch Homosexualität, Transsexualität, als Transgender, oder Menschen die sich von der herrschenden Geschlechterordnung, etwa durch ihr Äußeres, abgrenzen oder schlicht nicht ins Rollenbild der Geschlechter passen. 69

Laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2013 haben in Deutschland allein im vergangen Jahr knapp die Hälfte aller Homosexuellem, Bisexuellen und Transgender Diskriminierung direkt erfahren. Zwei Drittel der Befragten trauen sich demnach nicht, ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Studie online einzusehen unter: http://fra.europa.eu/sites/default/files/ eu-lgbt-survey-results-at-a-glance_en.pdf (Aufgerufen am 24.07.2013) 70


– 70 – durch Gewalt, gerecht zu werden. Sie versuchen, der Anerkennung wegen bzw. der Erstrebung der hegemonialen Männlichkeit, um bei Connell zu bleiben, ihr Geschlecht aktiv herzustellen, zu performen, bzw. ihre marginalisierte Männlichkeit der hegemonialen anzunähern. (vgl. Spindler 2011) Auch Böhnisch stellt fest, dass „Frauenabwertung […] als struktureller Bestandteil problematischer männlicher Geschlechterrollenfindung“ gilt. (Böhnisch 2001, S. 177) Aus entwicklungspsychologischer Perspektive kann die Adoleszenz als eine Lebensphase beschrieben werden, „in der das individuelle Ringen um Anerkennung und Selbstachtung in besonderer Weise zentral ist“. (Scherr 1997, S. 59; vgl. auch Fend 2003, S. 382 f. und 402 ff.) Denn Jugendarbeit sollte auch „zum Ausprobieren von Verhaltensalternativen ermutigen“ (Scherr 1997, S. 27). Allein ihrer Entwicklung wegen sollten Jugendlichen dazu ermutigt werden, ihr Verhaltensreqertoir zu erweitern und sich auch mal in eben nicht der Rolle des „starken Mannes“ oder der „hübschen Frau“ zu bewegen, sondern bewusst auch andere, in ihren Augen gegenteilige Rollen auszuprobieren. Denn, „es muss für eine Pädagogik, die […] die Bildung und Selbstbildung des Individuums zum Ziel hat, von Interesse sein, die Optionen und Freiheitsgrade der Person zu erweitern“ (Schaufler 2002, S. 8). Wie fühlt sich das an, als junge Frau auch mal ungeschminkt ins Jugendzentrum zu gehen? Wie reagieren die Freunde, wenn ich als Junge zugebe, Liebeskummer zu haben? Wie reagieren die anderen, wenn sich auf der nächsten Party auf einmal die Mädchen um die Technik kümmern, anstatt wie sonst immer die gleichen drei Jungs? Das sind alles kleine Schritte, mit denen vorerst die starren Geschlechterrollen aufgebrochen werden können. Langfristig jedoch zeigen sie den Jugendlichen andere Ebenen auf, in denen sie sich bewegen können. Vor allem wird ihnen verdeutlicht, dass es nicht das ihnen zugeschriebene Geschlecht ist, was bestimmt, was sie können und wie sie sich zu verhalten haben. Denn nur, wenn es „gelingt zu erkennen, welchen Handungszwängen ich folge, […] werden diese Zwänge als Zwänge bewußt, verlieren den Charakter unhinterfragbarer Selbstverständlichkeiten, in denen ich denke, empfinde und handle“ (Scherr 1997, S. 66). Auch entwicklungspsychologisch ist es nur sinnvoll, die Kategorie Geschlecht aufzubrechen, denn die „Forschung zur Androgynität hat gezeigt, dass es tatsächlich möglich ist, dass Kinder eine Mischung der (traditionell zugeschriebenen) positiven Qualitäten beider Geschlechter verinnerlichen können – eine Orientierung, von der man annehmen kann, dass sie dem Erreichen des vollen Potentials eines Individuums am ehesten förderlich ist.“ (Berk 2005, S. 159)


– 71 – Aus den oben genannten Gründen soll diese Arbeit ein weiterer Aufruf an die Soziale Arbeit sein, sich politisch nicht nur zu positionieren, sondern es als eine ihrer grundlegenden Aufgaben zu verstehen, politisch tätig zu werden und für eine befreite Gesellschaft einzutreten. Das schafft sie einerseits, indem sie die individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen der vorherrschenden Geschlechterordnung aufzeigt und somit in kleinen Schritten für beispielsweise faktisch gleiche Rechte für Homosexuelle kämpft, und indem sie andererseits etwa in der Jugendarbeit aktiv versucht, zusammen mit den Klient_innen die Kategorie Geschlecht zu dekonstruieren, ihnen Handlungsalternativen aufzeigt und Bildung als Grundlage versteht. „Gesellschaftliche Verhältnisse - die Strukturen der Ökonomie, des Rechts, der Erziehung, der Familie usw. - können vor diesem Hintergrund daraufhin betrachtet werden, ob und wie sie die Selbstbewußtseinsfähigkeit und die Selbstbestimmungsfähigkeit der vergesellschafteten Individuen ermöglichen und unterstützen oder aber einschränken und behindern: Die Individuen sollen nicht nur politischer Herrschaft Unterworfene, Rädchen im Getriebe von Arbeit und Konsum, Objekte erzieherischer Einflußnahme sein, sondern selbstbestimmungsfähige Einzelne.“71

Denn gesellschaftliche Umbrüche entstehen immer aus der Mitte der Gesellschaft und nicht durch parlamentarische Verordnungen – wie beispielsweise die aktuelle Situation in Frankreich beweist: Die Eheschließung Homosexueller wurde zwar rechtlich eingeführt, kann jedoch teilweise nur unter Polizeischutz vollzogen werden wegen der akuten Bedrohung durch Angriffe von religiösen Fundamentalisten und Rechtsradikalen. „Im Kontext einer subjektorientierten Jugendforschung und Jugendpädagogik ist es vor diesem Hintergrund erforderlich, die Dimension der geschlechtsspezifischen Strukturierung von Jugend theoretisch und praktisch ernst zu nehmen. Das heißt zum einen, daß die Zielsetzung, eine möglichst selbstbewußte und selbstbestimmte Lebensgestaltung zu ermöglichen, die Aufgabe einschließt, Jugendliche im Prozeß der Auseinandersetzung mit ihrer Geschlechtsidentität, den ihnen angeboteten und zugemuteten Festlegungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, zu unterstützen. Zum anderen gilt es auch diesbezüglich, Jugendliche als Subjekte anzuerkennen, die eben nicht als Jungen oder Mädchen bzw. Männer oder Frauen definiert sind, sondern die sich in bezug auf die gesellschaftliche Ordnung der Geschlechter definieren.“72

71

Scherr 1997, S. 51

72

Scherr 1997, S. 122


– 72 –

8. Die Utopie Wie gezeigt wurde, leben wir in einer hierarchischen, der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfenen Geschlechterordnung, deren fiktiven Zwängen sich die Menschen beugen müssen und die viele Menschen krank macht. Also kann der radikale Gegenentwurf zum Bestehenden nur eine herrschaftsfreie, egalitäre Gesellschaftsform sein, jenseits einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Geschlecht kann in der heutigen Gesellschaft nicht losgelöst vom Kapitalismus betrachtet werden, da ersichtlich wurde, dass es Mechanismen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems sind, die aktiv Geschlecht und damit verbundene Effekte herstellen – sei es die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung oder die Klassifizierung von Individuen in die unterschiedlichen Kategorien Mann/Frau durch die Werbung. Es ist offensichtlich, was diese Klassifizierungen und Rollenzuweisungen für prekäre Folgen haben, sei es beispielsweise die stetig steigende Zahl der magersüchtigen Frauen und Mädchen oder die Marginalisierung von Transgender, Transsexuellen und Homosexuellen in unserer Gesellschaft. Deswegen muss es zu allererst einen gesamtgesellschaftlichen Paradigmenwechel geben: „Wenn wir zu sehen beginnen, dass Frauen und Männer einander in Vielem sehr ähnlich sind und dass »die« Frauen einander so wenig gleichen wie »die« Männer, könnten wir anfangen, die Plausibilität und Realitätstüchtigkeit der Geschlechterunterscheidung als eines sozialen Ordnungsprinzips in Frage zu stellen; könnten wir den Blick schärfen dafür, dass sich »die« Differenz »der« Geschlechter oft genug als allzu grob geschnitzte Schimäre erweist, hinter der bei empirisch genauer und theoretisch aufmerksamer Betrachtung weit vielfältigere Verschiedenheiten zum Vorschein kommen; könnten wir das zweigeschlechtliche Klassifikationsverfahren demontieren und so nach und nach auch der Geschlechterhierarchie systematisch die Grundlage entziehen.“ 73

Erst wenn klar ist, dass unsere Geschlechterordnung für soziale Ungleichheiten verantwortlich ist und wenn klar ist, dass wir momentan der sozialen Ordnung wegen an der Binarität festhalten, erst dann kann es wirkliche Toleranz geben. Toleranz nicht im Sinne von Erdulden oder Ertragen, sondern Toleranz im Sinne von Anerkennung und Respekt für die Lebensentwürfe von anderen, denn wie schon Scherr festgestellt hat, kann die „Utopie einer Gesellschaft freier und gleicher Individuen, die Vorstellung nicht repressiver Gemeinschaften […] als ein

73

Wetterer 2005, S. 59 f.


– 73 – Verhältnis der wechselseitigen Anerkennung als Subjekte konkretisiert werden“. (Scherr 1997, S. 59) Ein Schritt in diese Richtung wäre etwa die „[t]otale Aufhebung jeglicher geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und Funktionszuweisung im Produktions- wie Reproduktionsbereich“ (Scheu 1986, S. 120), um der bei der Geburt eingesetzten, scheinbar unausweichlichen Vergeschlechtlichungspraxis entgegenzuwirken. Geschlecht und die damit verbundenen Assoziationen sind so tief in unserer Kultur verwurzelt, dass eine Versteifung auf die vermeintlichen Gegensätzlichkeiten stattfindet, die nur schwer aufgebrochen werden kann. Auch Vogel kommt zu dem Schluss, dass es „immer schwieriger ist, von der dichotomen Unterscheidung in zwei letztlich hierarchisch zugeordnete Geschlechter in unserer Gesellschaft Distanz zu gewinnen. Denn diese rigorose Kategorisierung überlagert alle Ansätze zur Relativierung der zwei Optionen – und damit letztlich auch zu mehr Gleichstellung von Frauen neben Männern.“ (Vogel 2005, S. 17) Denn letztendlich ist „unsere Wahrnehmung darauf ausgerichtet, in jeder Situation Frauen und Männer zu unterscheiden“. (Gildemeister 2012, S. 141) Genau diesem Klassifikationsverfahren muss seine Unantastbarkeit entzogen werden, damit es endlich die Zuschreibung des Natürlichen verliert. Erst in diesem neuen Licht erscheinen alternative Lebensformen zur heterosexuelle Kleinfamilie nicht mehr als widernatürlich. Es ist die bestehende Heteronormativität, die die Vielfältigkeit der Menschen leugnet und damit nicht akzeptiert. Dass es sich nicht um eine kleine Randgruppe handelt, die sich nicht dieser Zwangsheteroxesualität hingibt und dem Geschlechterverhältnis anpassen will, zeigt nicht zuletzt der Christopher Street Day – ein traditioneller Festtag, an dem für die Rechte und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender demonstriert wird, der zuletzt am 13. Juni 2013 in München fast 90.000 Menschen auf die Straße lockte. Es ist also m. E. eine herrschaftsfreie Gesellschaftsform nötig, damit niemand mehr aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder des Lebensentwurfs von anderen marginalisiert und diskriminiert wird. Momentan ist Geschlecht und Macht eng miteinander verzahnt, wie beispielsweise Connell gezeigt hat. Die doppelt negative Definition des vorherrschenden und vor allem hegemonialen Männlichkeitsideals als nicht weiblich und nicht homosexuell führt zwangsweise zu einer Hierarchisierung und damit zur Unterordnung von anderen


– 74 – Gruppen. Es muss also nicht das Männlichkeitsideal verändert werden, sondern das System, welches es hervorgebracht hat. In einer egalitären Gesellschaft ist es nicht nötig, andere auszugrenzen, da es keinen persönlichen Vorteil bringt. Im Gegenteil, Diskriminierung sollte sozial verachtet und sanktioniert werden und nicht, wie momentan, durch die Hervorhebung der eigenen sozialen Stellung Belohnung erfahren. Jedoch möchte ich kein falsches oder gar „utopisches“ (im eigentlichen Sinne des Wortes als nicht-realisierbares) Bild zeichnen. Scherr fast die begründeten Bedenken zusammen: „Umgekehrt ist zugleich zu berücksichtigen, daß es Subjektivität im Sinne vollständiger Selbstbestimmungsfähigkeit und eines Selbstbewußtseins, das mit vollständiger Transparenz des Individuums für sich selbst gleichzusetzen wäre, nicht gibt und nicht geben kann. Die Fülle und Komplexität der lebensgeschichtlich erworbenen Erfahrungen, der individuellen Bedürfnisse und Motive, ist der Erinnerung und Reflexion immer nur begrenzt zugänglich. Gesellschaftliches Zusammenleben setzt der Entfaltung der individuellen Subjektivität notwendig Grenzen. In keiner denkbaren Form des Zusammenlebens können alle Beteiligten ihre je aktuellen Bedürfnisse in vollem Umfang realisieren.“ 74

Dennoch kann eine Utopie skizziert werden, die den individuellen Freiheitsgrad steigert, indem Zwänge reduziert werden. Dazu muss „Geschlechterdifferenz als soziale Konstruktion gesehen [werden], deren Dekonstruktion dadurch geleistet werden soll, dass ihre Reproduktion und Neu-Produktion in Professionalisierungsprozessen nachgewiesen wird.“ (Vogel 2005, S. 15) Diesen Nachweis möchte ich ausschnittsweise mit der vorliegenden Arbeit erbracht und damit einen Teil zur Dekonstruktion der Geschlechterdifferenz beigetragen haben.

74

Scherr 1997, S. 49


– 75 –

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TITELBILD: http://www.92citifm.ca/files/barbie.jpg ABBILDUNG 1: http://www.jonuriarte.es/files/gimgs/8_javi.jpg ABBILDUNG 2: http://i61.photobucket.com/albums/h74/Arielthekid/marioandthe princess.jpg ABBILDUNG 3: http://fc04.deviantart.net/fs28/f/2008/091/0/4/Zelda_kidnapped_by_ xxsummonereikoxx.jpg ABBILDUNG 4: https://textundsinn.files.wordpress.com/2013/02/astronauten-verkehr.jpg ABBILDUNG 5: http://fashionfindblog.com/wp-content/uploads/2013/05/beyonce-for-hm-maxi-dress.png ABBILDUNG 6: Screenshot von https://www.youtube.com/watch?v=CrmRxGLn0Bk (Min. 2:55) ABBILDUNG 7: Montage aus den offiziellen LEGO Werbefilmen zu Alien Conquest https://www.youtube.com/watch?v=m1c99xZA3Ww (Min. 0:08) und LEGO Friends https://www.youtube.com/watch?v=Pc3Zf_2ottM (Min. 0:20) ABBILDUNG 8: http://ecx.images-amazon.com/images/I/715Ac55804L._SL1000_.jpg


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Erklärung Ich versichere, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig verfasst und außer den angeführten keine weiteren Hilfsmittel benützt habe. Soweit aus den im Literaturverzeichnis angegebenen Werken einzelne Stellen dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, sind sie in jedem Fall unter der Angabe der Entlehnung kenntlich gemacht. Die Versicherung der selbständigen Arbeit bezieht sich auch auf die in der Arbeit enthaltenen Zeichen-, Kartenskizzen und bildlichen Darstellungen. Ich versichere, dass meine Bachelor-Abschlussarbeit bis jetzt bei keiner anderen Stelle veröffentlicht wurde. Zudem ist mit bewusst, dass eine Veröffentlichung vor der abgeschlossenen Bewertung nicht erfolgen darf. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ein Verstoß hiergegen zum Ausschluss von der Prüfung führt oder die Prüfung ungültig macht.

München, den 31.07.2013


Die »Pinkifizierung« sozialer Wirklichkeit