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1/2013 Deutschland € 7,50

Global

Die deutsche Metropole São Paolo ist Deutschlands größter Industriestandort im Ausland Die Latino-Unternehmer Die Angreifer auf den Weltmärkten Die großen Spiele Mit Fußball-WM und Olympischen Spielen erfindet sich Brasilien neu

Belgien € 7,90 | Frankreich € 8,50 | Luxemburg € 7,90 | Niederlande € 7,90 | Österreich € 7,90 | Portugal € 8,50 | Schweiz CHF 12,50 | Spanien € 8,50

Brasilien

Perfekte Partner

Rohstoffe im Überfluss, wachsende Kaufkraft, junge Bevölkerung – was Brasilien zu bieten hat


UNSER WEG ZU DEN STERNEN

„Flor de Sal da Silva Gaspar ist die Renaissance einer Tradition. Denn die ruhmreiche Zeit des portugiesischen Salz- und Gewürzhandels bleibt nicht länger Vergangenheit. Wir tragen diese Tradition als Handelshaus für feinste Salze und Gewürze in die Welt, damit sie der Genießer für sich entdecken kann. Unsere Salzblume aus der Algarve ist das „weisse Gold“, das den Anfang macht.“

joSé DA SILVA GASPAR, SALZhäNDLER

W W W. D A S I LVA G A S PA R .c o m


Einblick Warum Deutschland und Brasilien wie geschaffen füreinander sind: Nicht nur, weil sich unsere Mentalitäten und Wirtschaftsstrukturen ideal ergänzen. Uns verbinden auch gemeinsame Interessen angesichts der globalen Veränderungen. Von Klaus Methfessel

Ziemlich beste Partner

M

it diesem Heft aus der Reihe WirtschaftsWoche Global wollen wir Sie in ein faszinierendes Land entführen. Ein Land, das als Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 die Blicke der Welt auf sich ziehen wird. Ein Land, das im Begriff ist, zu den mächtigen Nationen der Welt aufzusteigen und das Unternehmen und Kapital aus aller Welt anlockt – auch aus Deutschland. Dieses Land, Brasilien, erfindet sich gegenwärtig neu, versichert sich seiner neuen Größe und Potenz. Das zeigt sich unter anderem bei den Großbauten für die sportlichen Mega-Ereignisse. Unser Autor Ruedi Leuthold aus Rio de Janeiro hat darüber mit Verantwortlichen der Sportevents gesprochen und deutsche Architekten getroffen, die an den Milliardenprojekten beteiligt sind. Sein Bericht „Der große Bauplan“ beginnt auf Seite 50. Brasilien hat dem Besucher aber noch viel mehr zu bieten – nicht zuletzt eine vielfältige Kultur und abwechslungsreiche Natur: Sollten Sie in dem Land geschäftlich zu tun zu haben, nehmen Sie sich ein paar Tage Zeit, um Land und Leute kennenzulernen. Hierzu zehn Empfehlungen, unserer Autorin Petra Schaeber, der deutschen Honorarkonsulin in Salvador (siehe Seite 60). Sie lebt seit Langem in Brasilien und kennt das Land wie wenige andere. Aber Brasilien ist nicht nur ein Land des Aufbruchs, sondern auch ein widersprüchliches Land – neues ökonomisches Kraftzentrum und Empfänger von Entwicklungshilfe zugleich. Neben glitzernden Wolkenkratzern stehen Elendshütten, trotz eines im Schnitt doppelt so hohen Pro-Kopf-Einkommens wie in China ist die Bevölkerung in etlichen Regionen noch arm. Auch scheint der Sprung in die Reihe der entwickelten Nationen noch nicht gesichert. Nach Jahren des Booms mit Wachstumsraten bis zu 7,5 Prozent stürzte Brasilien im vergangenen Jahr ab, die Wirtschaft stagnierte nahezu, die Industrieproduktion schrumpfte sogar. Schon fragen sich Beobachter bange: Könnte das größte Land Lateinamerikas wieder zurück in die Ära wirtschaftlicher Instabilität fallen, die es im vergangenen Jahrzehnt zu überwunden haben schien? Nein, dagegen stehen zu viele positive Entwicklungen, meint unser Korrespondent Alexander Busch. Die Regierung von Dilma Rousseff trimmt das Land auf Wachstumskurs – unter anderem mit einem gigantischen Infrastrukturprogramm, das auch deutschen Unternehmen Chancen bietet (siehe Seite 10). Außerdem treibt eine neue Garde wagemutiger Latino-Unternehmer die Modernisierung der brasilianischen Wirtschaft voran – und zeigt mehr und mehr auch international Flagge (siehe Seite 32). Deren Namen lohnt es sich zu merken, auch wenn sich brasilianische Investoren erst vereinzelt in Deutschland engagieren. Ganz im Gegensatz zu deutschen Konzernen und Mittelständlern, die

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

seit Langem in Brasilien aktiv sind. In den Sechziger- und Siebzigerjahren gehörten sie dort sogar zu den größten Investoren. Nicht zufällig ist São Paulo zur größten deutschen Industriestadt im Ausland avanciert (siehe dazu den Report auf Seite 26). Zwar geriet Brasilien nach dem Fall der Berliner Mauer und der Öffnung Chinas etwas aus dem Fokus, auch aufgrund selbst verschuldeter Instabilität, die Investoren abschreckte. Jetzt aber, nach dem erstaunlichen Comeback in den vergangenen zehn Jahren, investiert die deutsche Industrie wieder massiv. Denn eigentlich sind Deutschland und Brasilien perfekte Partner. Die Zusammenarbeit bietet enorme Vorteile für beide Seiten. Gerade weil die Mentalitäten unterschiedlich und die Wirtschaftsstrukturen komplementär sind. Brasilien ist reich an agrarischen und mineralischen Rohstoffen – die Deutschland dringend braucht. Brasiliens Mittelschicht wächst rapide und verfügt über eine hohe Kaufkraft – die deutsche Unternehmen mit attraktiven, technisch anspruchsvollen Produkten bedienen können. Brasilien forciert die Industrialisierung und baut seine Infrastruktur aus – deutsche Unternehmen haben dafür Ausrüstungsgüter und nachhaltige Lösungen im Programm. Brasilien hat eine junge, optimistische, kreative Bevölkerung – Deutschland verfügt über erfahrene Fachkräfte und das Know-how für eine qualifizierte und effiziente industrielle Produktion. Für eine intensivere Zusammenarbeit sprechen zudem gemeinsame Interessen. Brasilien ist das bedeutendste Land Südamerikas, heute bereits die sechstgrößte Wirtschaftsnation der Welt, Deutschland ist in Europa Nummer eins und weltweit Nummer vier. Alleine aber werden weder Brasilien noch Deutschland von den USA und der in Zukunft noch stärkeren Supermacht China als gleichberechtigte Partner betrachtet, mögen die Chinesen noch so verführerisch von einer multipolaren Weltordnung sprechen. Während die wirtschaftliche Dominanz der USA schwindet, nimmt die einseitige Abhängigkeit von China zu. Das Reich der Mitte hat vor Kurzem bereits die USA als wichtigsten Handelspartner Brasiliens abgelöst. Ähnlich spielt China für die deutsche Wirtschaft eine immer wichtigere Rolle. So wäre die schnelle Erholung Deutschlands nach der Weltwirtschaftskrise 2009 ohne die Nachfrage aus China nicht möglich gewesen. Wirtschaftliche Macht ist aber immer auch mit politischer Dominanz verbunden. Angesichts der neuen globalen Konstellation liegt eine stärkere Kooperation der mittelgroßen Nationen im beiderseitigen Interesse von Brasilien und Deutschland. Dafür plädiert auch Außenminister Guido Westerwelle, wenn auch diplomatisch verklausuliert (siehe Interview Seite 12). Denn klar ist: Je mehr wir zusammenarbeiten, umso weniger sind wir der Willkür n eines Dritten ausgeliefert, auch wenn der sehr viel stärker ist.

Deutschlands und Brasiliens Abhängigkeit von China nimmt zu

3


Inhalt

Seitenblick

6 Brasilien im Profil Von Armut, Patentanmeldungen und Exportkosten bis hin zur Stellung in der Weltwirtschaft: die wichtigsten Zahlen zur wirtschaftlichen Lage Brasiliens

Trends

10 Neue Wirtschaftspolitik Nach dem Wachstumseinbruch wirft Präsidentin Dilma Rousseff das Steuer herum: Nun sucht die Regierung private Investoren für das 250-MilliardenEuro-Infrastrukturprogramm 16 Interview Weber Porto Der bisherige Präsident der DeutschBrasilianischen Handelskammer über Brasiliens Petrochemieindustrie und die Chancen für deutsche Unternehmen 18 Agrarindustrie Ein Pakt gegen Umweltsünder soll Brasiliens florierende Agrarwirtschaft nachhaltiger machen 20 Deutsch-brasilianische Beziehungen Brasilien ist für die deutsche Wirtschaft einer der wichtigsten Zukunftsmärkte. In den politischen Beziehungen hakt es allerdings 24 Interview Guido Westerwelle Der deutsche Außenminister plädiert dafür, dass Brasilien bei den Vereinten Nationen und im IWF mehr Einfluss erhält

Radikaler Neustart

Damit Brasilien wieder Wachstum generiert, plant Präsidentin Dilma Rousseff eine Investitionsoffensive für die Infrastruktur. Vor allem private Investoren will sie mit ihrer Charmeoffensive überzeugen – nicht zuletzt geht es auch um ihre Wiederwahl. Seite 10

Schwierige Liebschaft

Seite 26

Für die deutsche Wirtschaft ist Brasilien schon lange einer der wichtigsten Märkte weltweit. Sie braucht das Land als verlässlichen Rohstofflieferanten und als Absatzmarkt für Industriegüter. Das Problem: Die politischen Beziehungen laufen nicht rund. Seite 20

26 Boom-Metropole São Paulo Am größten deutschen Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik pulsiert jetzt auch die deutsche Startup-Szene Das Netzwerk der deutschen Wirtschaft in São Paulo

Unternehmen

n Brasilien im Netz Die laxe Geldpolitik der westlichen Notenbanken droht in einem gefährlichen Abwertungswettlauf zu münden. Welche Folgen das für das Schwellenland Brasilien hat, lesen Sie unter www.wiwo.de/brasilien

plus.google.com/ +wirtschaftswoche facebook.com/ wirtschaftswoche

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twitter.com/ wiwo

Die neuen Magnaten

TITELILLUSTRATION: WIESLAW SMETEK/TORSTEN WOLBER

32 Die Herausforderer Brasiliens Unternehmen wachsen zu Weltkonzernen heran. Sie sind das Werk einflussreicher Familien und cleverer Manager. Wir stellen die acht erfolgreichsten vor

Brasiliens Konzerne gehen nun auch international auf Expansion. Wir stellen acht wagemutige Firmengründer und Vorstandsvorsitzende vor, die dabei sind, ihre Unternehmen zu Global Playern zu machen. Seite 32 Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Nr. 1, 13.5.2013

Die Stadt der Deutschen

Nirgendwo sonst auf der Welt ist die deutsche Wirtschaft so stark wie in São Paulo – ein einmaliges Netzwerk aus Unternehmen, Verbänden und Forschungsstätten macht’s möglich. Seite 26

40 Kampf der Karossen Koreaner und Chinesen drängen nach Brasilien und setzen auch die deutschen Autobauer unter Druck 44 Brautschau Brasilien Wie deutsche Mittelständler den brasilianischen Markt erobern 48 Anlagetipps Die aussichtsreichsten brasilianischen Aktien für risikobereite Anleger

Perspektiven

50 Brot und Spiele Fußball-WM und Olympische Spiele sollen Brasiliens neue Wirtschaftspotenz demonstrieren | Interview Marcello Serpa: Brasiliens führender Artdirektor erklärt, warum die WM trotz aller Mängel ein Erfolg wird 56 Seien Sie höflich und nie nackt! Der ultimative Brasilien-Knigge für Geschäftsreisende

Die Wettkämpfe der Zukunft

FOTOS: ABRIL COMUNICAÇÕES SA/GERMANO LUDERS (2), PARALLELOZERO/SERGIO RAMAZZOTTI, VISUM/JO HOLZ

Die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro sollen Brasiliens neue Macht demonstrieren, das Land in den Elitezirkel der entwickelten Nationen heben – und den Einwohnern am Zuckerhut besseres Benehmen beibringen. Seite 50

60 Die Top-10-Reiseziele Das Schönste, was Brasilien zu bieten hat – von Inseln und Wasserfällen bis hin zu Großkatzen und Supermodels

Rubriken

3 Einblick 5 Impressum 64 Ausblick

Impressum

Die schönsten Reiseziele

Egal, ob Piranhas angeln, Jaguare kraulen, Tropfsteinhöhlen erwandern oder faul am Traumstrand liegen – wir haben die zehn besten Destinationen in Brasilien für Sie herausgesucht. Seite 60 WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Herausgeber Roland Tichy Chefredakteur Global Brasilien Klaus Methfessel (V.i.S.d.P.) Redaktion Alexander Busch, Henning Krumrey, Ruedi Leuthold, Dr. Martin Roos, Dr. Petra Schaeber Chefin vom Dienst Angela Kürzdörfer Art Director Holger Windfuhr Gestaltung Juliane Reyes Nova Infografik Dmitri Broido Bildredaktion Silke Eisen, Patrick Schuch Produktion Markus Berg, Petra Jeanette Schmitz Bildbearbeitung Uwe Schmidt, Constanze Fischer Lektorat Joachim Fuchs, Elisabeth Manzke Verlag Handelsblatt GmbH, Kasernenstraße 67, 40213 Düsseldorf Geschäftsführung Jörg Mertens, Claudia Michalski, Gabor Steingart Anzeigenverkauf iq media marketing gmbh, Kasernenstraße 67, 40213 Düsseldorf Anzeigenleitung Patrick Priesmann Druck Mohn Media Mohndruck GmbH, Carl-Bertelsmann-Straße 161M, 33311 Gütersloh

5


Seitenblick

Brasilien im Profil Fläche

8,547 Millionen km²

23

Einwohner pro km²

61,0 davon Wald

Einwohnerzahl (in Millionen)

31,3 wirtschaftlich genutzt

197,0 2012

2050

unter 15 Jahre 28

61 %

Dienstleistungen

Kindersterblichkeit (pro 1000 Lebendgeborene)

17,3

3,4

Lebenserwartung (Jahre)

73,1 80,0

Morde (je 100 000 Einwohner)

26,2

Internet-User (in Prozent der Bevölkerung) 41

4,6

5,7

Patentanmeldungen (je 1 Mio. Einwohner) 21,0 575,3

Autos pro 1000 Einwohner 158

Gini-Koeffizient Einkommen (größte Ungleichheit = 1) 0,519

Leistungsbilanzsaldo (in Prozent des BIPs)

510

49,6

Anzahl der Tage, um ein Unternehmen zu gründen

Bruttoinlandsprodukt (Dollar in Preisen von 2009)

15

119

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (USA = 100) 9235 5707

79

82 41

1572 2009

497

82

10,1

0,270

+3,4

3347

0,9

Arbeitskosten (je Arbeitnehmerstunde im verarbeitenden Gewerbe, in Dollar)

-2,6

12340

Landwirtschaft Produzierendes Gewerbe

1,3

Öffentliche Bildungsausgaben (in Prozent des BIPs)

41168

17 % 22 %

über 15-64 Jahre 64 Jahre 66 6

1,8

Mobiltelefone (je 100 Einwohner) 123 132

BIP je Einwohner

Erwerbstätige nach Sektoren

6

Geburtenrate (Kinder je Frau)

Tonnen je Einwohner

Ausgaben für F&E (in Prozent des BIPs) 1,1 2,8

Bruttoinlandsprodukt (in Billionen Dollar 2012) 3,367 2,425

81,5

Deutschland

9,2

83,3

Analphabetenquote (Bevölkerung älter als 15, in Prozent) 9,6 1

66,2

1,7

Brasilien

Stadtbevölkerung (in Prozent)

219,0

Staatsverschuldung (in Prozent des BIPs)

Kohlendioxidemission

2050

22 2009

2050 Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


575

578

Monatliches Pro-Kopf-Haushaltseinkommen in Real (1 Real ≈ 0,4 Euro)

Manaus

Fortaleza

508

348

429

Transamazônica

445 408

508

481

735

462

Recife

421 508

571

646

531

Salvador

1665 Brasilia

733

785

872

2215

Zollsätze (Durchschnitt in Prozent)

Rang im Korruptionsindex (Transparency International, 176 Länder) 13

1036 870

Curitiba

Vitória

993

São Paulo 11,6

0,9

784

795

Belo Horizonte

Santos

Rio de Janeiro

Paranaguá

69

940 Porto Alegre

Rio Grande

Quelle: eigene Recherchen WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Florianópolis Eisen

Erdöl

Gold

Kupfer

Kohle

Niob

Wasserkraftwerk

Hafen

ILLUSTRATION: GISELA GOPPEL; INFOGRAFIK: DMITRI BROIDO

Exportkosten (Dollar je Container)

7


Seitenblick

Brasilien in der Weltwirtschaft Aus Angst vor Deindustrialisierung bremst die Regierung die Verflechtung mit dem Ausland. Brasilien hat sich nur zögerlich in die Weltwirtschaft integriert. Von allen lateinamerikanischen Ländern ist es noch heute wirtschaftlich am geringsten mit dem Ausland verflochten: Die Außenhandelsquote in Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegt bei 20 Prozent, bei Chile ist der Wert mehr als zweieinhalb Mal so hoch. Das liegt zum einen an dem riesigen Binnenmarkt, wodurch das Land weniger auf den Güteraustausch mit der Außenwelt angewiesen ist. Zum anderen hat Protektionismus in Brasilien eine lange Tradition. Zwischen 1870 und 1913, während der ersten Welle der Globalisierung, waren hier die Zölle weltweit am höchsten – zwischen 30 und 40 Prozent. Die Industrialisierung nach dem Ersten Weltkrieg stand unter dem Dogma Importsubstitution: Brasilien wollte nur Produkte importieren, die man im Land selbst nicht herstellen konnte. Heute belastet die Regierung erneut viele Importgüter mit hohen Zöllen. Dahinter steckt die Angst vor Deindustrialisierung: Seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts wächst Brasiliens Industrie langsamer als die Wirtschaft insgesamt. Während das Bruttoinlandsprodukt seit Anfang 2005 um 30 Prozent zulegte, wuchs die Industrie nur um magere zehn Prozent. Die Schwäche der brasilianischen Industrie zeigt sich auch in der Handelsstruktur: Bei der Ausfuhr überwiegen Rohstoffe, bei der Einfuhr Industriegüter.

12,2

34,2

13,6

4,5

25,8 8,5

52,9

1,5

25,7 Rohstoffe

41,9

31,3

44,2

Industrielle Erzeugnisse

klaus.methfessel@wiwo.de

Exportgüter Brasilien

Importgüter Brasilien

Anteile in Prozent Sonstige Industrieerzeugnisse Chemische Erzeugnisse

19,6 5,8

Maschinen Sonstige Exportgüter Sonstige Rohstoffe

8

Anteile in Prozent Mineralische Rohstoffe

6,1 3,4

4,7

insgesamt

13,8

Erdöl

Milliarden Dollar

Erdöl

Chemische Erzeugnisse

28,6

256

10,2

Sonstige

14,2

20,0

21,6

Nahrungsmittel (insb. Soja und Fleisch)

226,2

13,5

Milliarden Dollar

Maschinen

20

45,0

9,9

Elektronik

Export von Eisenerz nach China (in Milliarden Dollar)

65,1

21,9

insgesamt

6,7

Sonstige Industrieerzeugnisse

Anteil der Rohstoffe am Export (in Prozent)

<1 Autos und Autoteile

2001

2011

2001

2011

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


37,6 15,3

46,4 32,8

Die wichtigsten Importl채nder

Die wichtigsten Exportl채nder

Anteile 2011 in Prozent und Ver채nderung zu 2010

Anteile 2011

+132 Argentinien +372 China

Argentinien USA

+111 USA 15,0

Deutschland +93 14,5

7,5

Korea +265

6,7 4,5 Japan +106 Ver채nderung 3,5 insgesamt

+145 Dollar

48,3

Sonstige

Quelle: HSBC, eigene Recherchen

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

China

17,3

10,1

2,8

Entwicklung der Exportanteile Brasiliens nach China und in die USA (in Prozent) 5,3 3,7 3,5 2,1

8,9

Niederlande Japan Deutschland Italien

18,9

% 49,1

Sonstige

China

17,3

USA

10,1

2,6 1995

2011 9

ILLUSTRATION: GISELA GOPPEL; INFOGRAFIK: DMITRI BROIDO

41,4


Trends

Radikaler Neustart Seit zwei Jahren bewegt sich Brasiliens Wirtschaft im Kriechgang. Präsidentin Dilma Rousseff plant deshalb eine Investitionsoffensive für die Infrastruktur. Daran will sie auch private Investoren beteiligen – nicht zuletzt, um ihre Wiederwahl 2014 zu sichern.

E

igentlich müsste Dilma Rousseff höchst zufrieden sein. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 80 Prozent der Brasilianer sie für eine gute Präsidentin halten. Drei Viertel der Befragten haben großes Vertrauen in die Regierungsarbeit der ehemaligen Guerilla-Kämpferin und Energieministerin, die seit 2011 als erste Frau das Amazonasland regiert. Dennoch dürfte Rousseff ihre große Beliebtheit nicht wirklich beruhigen, denn sie weiß genau, dass ihre Sympathiewerte schon bald sinken könnten. Nach zwei Jahren schwachen Wachstums kommt die Wirtschaft Brasiliens noch

10

immer nicht richtig in Fahrt. Auf gerade mal zwei bis drei Prozent belaufen sich die Prognosen der meisten Konjunkturexperten. Und die Inflation steigt. Ein Land auf dem Weg in die Stagflation – das ist die denkbar schlechteste Voraussetzung für Rousseff, um in eineinhalb Jahren wiedergewählt zu werden. In den ersten zwei Amtsjahren versuchte sie, die Wirtschaft mit hergebrachten Rezepten auf den Wachstumspfad zu bewegen: Immer neue Steuersenkungen für Konsumgüter und Kreditangebote sollten die Konjunktur beleben. Doch vergeblich: Die Brasilianer sind bereits zu hoch verschuldet, um neue Kredite aufzunehmen. »

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTO: ABRIL COMUNICAÇÕES SA/GERMANO LÜDERS

Investoren ahoi Santos, Lateinamerikas größter Hafen, braucht Beratung aus Deutschland

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

11


Trends

» Der Grund für die erlahmte Dynamik

der brasilianischen Wirtschaft sind nicht lustlose Konsumenten, sondern die fehlenden Investitionen. Um vier Prozent sind sie im vergangenen Jahr geschrumpft. Vor allem die privaten Konzerne halten sich zurück. Und das, obwohl die Zentralbank seit Mitte 2011 den Leitzins von 12,5 auf 7,25 Prozent gesenkt hat. Doch auch die niedrigen Kapitalkosten haben die Industrie nicht zu neuen Investitionen animiert.

REGIERUNG IST AUFGEWACHT Deswegen hat Dilma Rousseff beschlossen, das Ruder herumzuschmeißen: Die Präsidentin appelliert seitdem mit Engelszungen an die Konzerne, doch endlich zu investieren. Das ist ein radikaler Kurswechsel für die 65-jährige Ökonomin, die anders als ihr Mentor und Vorgänger Lula bisher auf Staatsintervention setzte und der Privatwirtschaft misstrauisch gegenüberstand. „Die Regierung ist aufgewacht und jetzt erstmals bereit, gegen ihre tiefsten Überzeugungen mit der Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten“, meint der einflussreiche Ökonom und Ex-Minister Luiz Carlos Mendonça de Barros. Jetzt arbeitet die Regierung an einem gewaltigen Konzessionsprogramm für die Infrastruktur, das sich weit stärker als alle Ausschreibungen bisher an den Wünschen der Unternehmer orientiert und das der Konjunktur Impulse geben soll (siehe Übersicht Seite 14): Im ersten Schritt finden Ausschreibungen für 7500 Kilometer Autobahnlizenzen und 10 000 Kilometer Schienentrassen statt. Entlang der Transportwege sollen die Konzessionäre Glasfaserkabel verlegen und damit das Landesinnere an schnelle Internet-Verbindungen anschließen. Zudem werden dieses Jahr Konzessionen für fünf Flughäfen und fünf Atlantikhäfen ausgeschrieben. Die Modernisierung von über 200 Provinzflughäfen steht auf der Agenda. Auch Öl- und Gasfelder sollen nach einer fünfjährigen Pause wieder ausgeschrieben werden. Noch dieses Jahr wird das Modell für den Bau der Schnellbahn zwischen Rio de Janeiro und São Paulo vorgestellt. Und die Strombranche erhält Lizenzen für neue Kraftwerke und Übertragungsnetze. Die finanziellen Dimensionen der Projekte sorgen dafür, dass sich in der Hauptstadt Brasilia die Vertreter von Pensionsfonds, Entwicklungsbanken und OffshoreFonds – die wichtigsten Finanziers von Infrastrukturprojekten – die Klinke in die

12

»

Die Präsidentin charmiert die Privatwirtschaft mit aller Kraft

Hand geben. Für neue Straßen und Schienen werden Projekte im Investitionswert von 51 Milliarden Euro bereitgestellt. Für den Hafenausbau hat die Regierung 21 Milliarden Euro Investitionen vorgesehen. Alleine für den Ausbau der zwei Flughäfen in Rio de Janeiro und Belo Horizonte rechnen Experten mit mehr als vier Milliarden Euro. Die Investitionsplanung für den Schnellzug von Rio de Janeiro nach São Paulo beläuft sich auf 13 Milliarden Euro. Insgesamt will die Regierung mit diesem Programm ein Investitionsvolumen von 250 Milliarden anschieben. Die Präsidentin umwirbt die Privatwirtschaft in einer Charme-Offensive: Während sie bisher Unternehmer am liebsten dutzendweise zum Appell bestellte, um ihnen ihre Vorstellungen zu diktieren, empfängt sie jetzt einflussreiche Wirtschaftslenker zu ausführlichen Einzelgesprächen. Zudem werben Rousseffs fähigste Minister

Kräftiger Schub Ausländische Direktinvestitionen in Brasilien (in Milliarden Dollar) 80 60 40 20 0

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12

Quelle: SOBEET

Kräftiger Einbruch Reale Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (in Prozent) 8 6 4 2 0 -1

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12

Quelle: HSBC

erstmals bei Roadshows in New York, London, Singapur und Tokio für die Investitionsprojekte. „Wir wollen möglichst viele ausländische Konzerne daran beteiligen“, sagt Bernardo Figueiredo, Chef des eigens gegründeten staatlichen Planungs- und Logistikunternehmens EPL. Auch kommt die Regierung nun den Renditeerwartungen der Investoren bei den Langfristprojekten mehr entgegen: mit längeren Lauf- und Karenzzeiten, niedrigeren Garantieerfordernissen für staatliche Kredite und heruntergeschraubten Investitionsauflagen die ihnen nun jährliche Margen von 10 bis 15 Prozent zugestehen. Bis vor Kurzem hielten Rousseffs Technokraten fünf Prozent Rendite für private Konzerne für „völlig ausreichend“. Per Dekret griffen die Präsidentin und ihre Minister in einzelne Branchen ein, um sie auf Linie zu trimmen: So verdonnerte sie die Stromerzeuger von einem Tag auf den anderen zu Tarifsenkungen von 25 Prozent. Wer nicht mitmachte, bekam seine auslaufenden Konzessionen nicht verlängert.

BLINDE REGLEMENTIERUNGSWUT Die Banken kritisierte sie wegen ihrer hohen Zinsen öffentlich. Die Treibstoff-, Gasund Ölpreise korrigierte sie zur Inflationsbekämpfung so weit nach unten, dass sich private Investoren scheuten, in Raffinerien, Thermokraftwerke oder Ethanoldestillen zu investieren. „Wir wissen nicht, mit welcher Kapitalrendite wir arbeiten können“, kritisierte Paulo Godoy, Präsident des Verbandes der Schwerindustrie und Infrastruktur (Abdib). „Wer ist das nächste Opfer der staatlichen Reglementierungswut?“, fragten sich die Privatunternehmen besorgt und ließen ihre Investitionspläne in den Schubladen stecken. Auch im Ausland hat das Renommee Brasiliens wegen der schwachen Wachstumszahlen und der dirigistischen Wirtschaftspolitik der Regierung gelitten: Zwar investieren ausländische Konzerne hohe Summen in neue Fabriken, Kapazitäten und Übernahmen in Brasilien. Im vergangenen Jahr kamen so 60 Milliarden Dollar ins Land – so viel wie in kein anderes Land außer den USA und China. Doch es kommen vor allem Konzerne, die den wohlhabend gewordenen BrasiliaNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTOS: INTERFOTO/NATIONAL MARITIME MUSEUM, LONDON, BRIDGEMENART, ULLSTEIN BILD

nern Konsumartikel verkaufen wollen – vom Lippenstift über Handys bis Autos. Industriekonzerne sind mit Investitionen in Brasilien vorsichtig geworden, der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt (BIP) geht seit Jahren zurück. Die überbewertete Währung, hohe Löhne, komplizierten Steuergesetze, eine ausufernde Bürokratie, langsame Justiz und starre Arbeitsgesetze schrecken sie zusätzlich ab. „Das größte Problem ist, dass Brasilien keine langfristigen strategischen Pläne für den Ausbau der Industrie hat“, sagt Weber Porto, bis zum Frühjahr Präsident der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer. „Es gibt keinen Masterplan“ (siehe Interview Seite 16).

INFRASTRUKTUR KOLLABIERT Zu Rousseffs Sinneswandel hat auch der drohende Kollaps der Infrastruktur beigetragen. So erlebten die Brasilianer in manchen Regionen zum Jahreswechsel stundenlange Stromausfälle, geschlossene Tankstellen und Versorgungsmängel bei Kochgas. Das Land entwischte nur um Haaresbreite einem umfassenden Blackout – wie zuletzt vor einem Jahrzehnt, als landesweit Strom rationiert werden musste. Diesmal traf der Energiemangel Brasilien noch härter: Denn nicht nur Strom, auch Treibstoff und Gas drohten zeitweise knapp zu werden. Wegen der Trockenheit waren die meisten Staudämme der Wasserkraftwerke fast leer – sie produzieren in Brasilien etwa 80 Prozent des Stroms. Inzwischen hat es geregnet. Doch die für Notfälle und Spitzenbedarfszeiten bereitstehenden 37 öl- und gasbetriebenen Kraftwerke werden dieses Jahr vermutlich durchgehend auf Hochtouren laufen. Die Betreiber müssen das Brennmaterial teuer importieren. Doch dann stehen sie vor dem nächsten Problem: Brasilien verfügt nicht über die Infrastruktur, um bald ein Fünftel seines Sprits zu importieren und im Land zu verteilen: „Die Häfen, die Tanklager und das Vertriebsnetz sind nicht auf solche Mengen eingestellt“, erklärt Adriano Pires, Chef des brasilianischen Zentrums für Infrastruktur (CBIE). Die angespannte Energieversorgung und die offenkundigen Infrastrukturmängeln sind Folge zu geringer Investitionen: Seit der Ölkrise in den Siebzigerjahren stagnierten die Infrastrukturinvestitionen weitgehend. Auf ihrem Tiefpunkt im Jahr 2003 betrugen sie gerade einmal 0,1 Prozent des BIPs. Seitdem hat das Wachstum Brasiliens angezogen. Rund 3,5 Prozent » WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

KLEINE GESCHICHTE BRASILIENS 1930 Getúlio Vargas putscht sich 1500 Der Portugiese Pedro Alvares Cabral landet in Brasilien. Die portugiesische Kolonie wird benannt nach ihrem ersten Exportprodukt, dem roten BrasilHolz. Die zahlreichen indigenen Völker werden von den Eroberern und Krankheiten in kurzer Zeit dezimiert.

zum Präsidenten und beginnt aufgrund der Weltwirtschaftskrise mit dem Aufbau einer eigenen Schwerindustrie.

1956 Unter Präsident Juscelino

Kubitschek beginnt eine schnelle Industrialisierung. Mannesmann, Volkswagen und Mercedes investieren massiv in Brasilien.

1532 Die Westgrenze Brasiliens wird durch den Vertrag von Tordesillas festgelegt, der Südamerika zwischen Spanien und Portugal aufteilt.

1960 Brasilia wird Hauptstadt.

1538 Beginn der Zuckerproduktion und Einsatz von afrikanischen Sklaven. Vier bis fünf Millionen werden nach Brasilien verschleppt– zehnmal mehr als in die USA.

1967 Brasiliens Wirtschaftswunder beginnt. Großprojekte wie der Staudamm Itaipú entstehen.

1964 Putsch des Militärs, massive

Menschenrechtsverletzungen folgen.

1984 Die Militärs ziehen sich 1549 Salvador da Bahia wird Hauptstadt.

1700 Erste Kolonisierung des Inlands.

1763 Rio de Janeiro wird neue Hauptstadt.

1822 Dom Pedro I. ruft die

Unabhängigkeit aus. Brasilien wird Kaiserreich.

1831 Internationales Verbot

des Sklavenhandels.

1888 Erst jetzt verbietet Brasilien als letztes Land weltweit die Sklaverei. 1889 Militärs und Kaffeeoligarchie rufen die Republik aus. 1891 Brasilien fördert Einwande-

rung: Fünf Millionen Deutsche, Italiener, Spanier, Japaner und Libanesen kommen bis 1930 nach Brasilien.

zurück und übergeben schrittweise die Macht an zivile Institutionen.

1985 Tancredo Neves, der erste zivile Präsident nach 20 Jahren Diktatur, stirbt vor Amtsantritt. Sein Stellvertreter José Sarney wird Präsident. 1992 Der erste direkt gewählte Präsident Fernando Collor tritt wegen Korruption ab. 1995 Fernando Henrique Cardoso

wird Präsident. Er privatisiert die Wirtschaft, saniert die Banken und öffnet das Land für Auslandsinvestoren.

2002 Luis Inácio Lula da Silva ist neuer Präsident. Brasilien erlebt einen Wirtschaftsboom. 2009 Brasilien gleicht die Welt-

finanzkrise mit stabilem Konsum aus.

2011 Lulas Ministerin Dilma Rousseff wird Präsidentin. 13


Trends

Wo deutsche Konzerne mitmischen Großprojekte in Brasilien

Investitionssumme (Mrd. Euro)

Exploration der neuen OffshoreErdölvorkommen Fußball-WM und Olympische Spiele

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Raffinerie Premium I im Bundesstaat Maranhão Hochgeschwindigkeitszug Rio de Janeiro–São Paulo–Campinas Wasserkraftwerk Belo Monte im Bundesstaat Pará Raffinerie Abreu e Lima im Bundesstaat Pernambuco Petrochemiekomplex Comperj in Itaborai, Rio de Janeiro Wasserkraftwerk Santo Antonio im Bundesstaat Rondônia Wasserkraftwerk Jirau im Bundesstaat Rondônia Flughäfen

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Häfen

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Schienenlizenzen über 10 000 Kilometer Straßenlizenzen über 7500 Kilometer

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Quellen: GTAI, eigene Recherchen

Rund 250 Milliarden Euro investiert der brasilianische Staat derzeit in Infrastruktur und Großprojekte. Fünf Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2014 stammen von deutschen Architekturbüros: Das Braunschweiger Architekturbüro Schulitz + Partner konzipierte das Stadion in Salvador und Werner Sobek die Arena in São Paulo. Das Büro Gerkan, Marg und Partner (GMP) aus Hamburg, das schon auf der ganzen Welt Sportstätten entworfen hat, baut die Arenen in Manaus, Brasilia und Belo Horizonte (siehe Seite 50) – dazukommen rund ein Dutzend deutsche Zulieferer.

DUISBURG BERÄT SANTOS

Weitere Projekte sind: Für die neuen Wasserkraftwerke liefert Voith Hydro Generatoren, für die Metrostrecken Siemens die Bahntechnologie. Die Rückversicherer von Allianz und Munich Re sichern die Risiken bei den Großprojekten federführend ab. Der Hafen Duisburg berät den Hafen Santos bei der Entwicklung eines Logistikkonzepts. Und die Deutsche Bahn International AG hat mehrere Consulting-Aufträge für neue Verkehrskonzepte gewonnen. alexander.busch@wiwo.de

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» ist das Land seit 2003 jährlich gewach-

sen, rund doppelt so viel wie in den Neunzigerjahren. Inzwischen sind fehlende oder löchrige Straßen, überlastete Häfen und mangelnde Energieversorgung die größte Wachstumsbremse der sechstgrößten Volkswirtschaft. Auf rund zehn Prozent des BIPs beziffert das Instituto de Logística e Supply Chain in Rio de Janeiro die Logistikosten in Brasilien – 50 Prozent mehr als in den USA. Wie die katastrophale Infrastruktur Brasiliens die Wirtschaft lähmt, spürt besonders Brasiliens Agroindustrie – eine der wettbewerbsfähigsten Branchen des Landes, die trotz Weltwirtschaftsflaute weiter boomt: Die Farmer fahren in der jetzigen Erntesaison Rekordernten an Mais und Soja ein. Die Preise sind wegen der letztjährigen Dürre in den USA weiter gut. Doch stapeln sich im Westen Brasiliens auf den Feldern Mais- und Sojaberge, die nicht abtransportiert werden können. Die Farmer bekommen wegen der völlig überlasteten Landstraßen und Häfen ihr Korn nicht verschifft. Vor den drei großen südbrasilianischen Häfen warten bis zu 200 Frachter aufs Löschen mit Wartezeiten von bis zu einer Woche. 50 Kilometer lange Lkw-Schlangen vor den Häfen sind Alltag. Schon drohen chinesische Großhändler wegen der Ausfälle mit Schadensersatzklagen.

VERSCHANDELTE TRAUMSTRÄNDE Der Bürgermeister von Rio de Janeiro hat jetzt die Gerichte angerufen, damit die vor der Copacabana und Ipanema wartenden Tanker und Containerschiffe nicht länger die Sicht von den Traumstränden aufs offene Meer verschandeln. Eine zweite Fahrrinne wird jetzt im Eiltempo zum Hafen am Zuckerhut ausgebaggert, um die Löschzeiten zu verkürzen. Die brasilianische Regierung hat spät erkannt, dass die Infrastruktur zum Nadelöhr für das Wirtschaftswachstum des Landes werden würde. Erst 2007 stellte der damalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ein Programm mit Namen PAC zur Beschleunigung des Wachstums vor. Das Gesamtvolumen der für Infrastrukturprojekte vorgesehenen Mittel betrug bis 2010 rund 380 Milliarden Euro. 2010 wurde PAC bis 2014 verlängert und noch einmal kräftig aufgestockt. Doch auch PAC kam trotz aller politischen Unterstützung nur zögerlich in Gang: So floss 2012 wegen der bürokratischen und juristischen Hemmnisse nur ein Drittel der vorgesehenen Projektmittel.

Fehlplanungen und Verzögerungen sind normal. So stehen trotz akuten Energiemangels im Landesinnern Bahias mehrere fertige Windparks bewegungslos in der Landschaft herum. Sie können keinen Strom ins Netz einspeisen, weil sie noch nicht angeschlossen sind. Das wird noch bis zum Jahresende dauern. Die im Bau befindliche Abreue-Lima-Raffinerie in Pernambuco sollte den Nordosten Brasiliens schon seit Mitte 2012 mit Treibstoffen versorgen. Inzwischen hoffen die staatlichen Planer, dass die Anlage Ende 2014 starten könnte. Bis heute haben sich die Kosten gegenüber der Ausgangsplanung auf knapp 20 Milliarden Dollar verachtfacht.

LÖCHRIGER ÖLTANKER Gründlich schief ging es auch, als die brasilianische Werftindustrie eine triumphale Wiedergeburt erleben sollte: Als der 274 Meter lange Öltanker João Cândido vom Stapel lief, mussten ihn Schlepper schleunigst wieder in die Werft zurückschieben. Der Öltanker, der fast die Hälfte der täglichen Ölförderung Brasiliens löschen kann, drohte wegen löchriger Schweißnähte zu sinken. Mit zwei Jahren Verspätung trat der Tanker schließlich seine Jungfernfahrt an. Auch die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 gestalten sich schwierig: Zwar gelang es zur Überraschung vieler Beobachter, die meisten Stadien wie vorgesehen zu errichten. Doch wie die Fans zu den Spielen kommen sollen, bleibt ungeklärt. Fast alle Projekte für Bustrassen, Stadtbahnen und Anfahrtswege zu den Sportstätten stecken noch im Anfangsstadium oder wurden nach dem ersten Spatenstich gestoppt. „Wir haben gewaltige Probleme bei der Planung und Ausführung“, sagt Paulo Godoy von Abdib. „Wegen der jahrelangen Vernachlässigung der Infrastruktur mangelt es an Erfahrung im Projektmanagement.“ Häufig sind die Projekte bei der Fertigstellung schon überholt. Das gilt weniger für die Bereiche, wo Brasiliens staatliche Stellen und Aufsichtsbehörden schon länger aktiv sind, etwa bei Straßenkonzessionen, Kraftwerken oder den Lizenzen für die Ölfelder. Die privaten Unternehmen sind jedoch skeptisch, ob die Ausschreibungen auch dort gelingen, wo Brasiliens Regierung Neuland betritt, zum Beispiel bei den Schienentrassen. Die Regierung will, dass ein staatlicher Ingenieurkonzern mit angeschlagener ReNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTOS: ACTION PRESS/OLIVIER POLET, CLAUDIA JAGUARIBE

Millarden-Deals


Favela Rocinha Die Armen profitieren kaum von Rios Aufschwung

putation die Kontrolle hat. Gewarnt sind die Unternehmen durch die enttäuschenden Ergebnisse bei den Ausschreibungen zu den Flughafenbeteiligungen zu Beginn des vergangenen Jahres. Da nahm die Regierung zwar mit 14 Milliarden Dollar etwa dreimal mehr bei den Ausschreibungen ein als erwartet.

ÜBERFORDERTE MANAGER Doch zum Zuge kamen eher unbekannte Flughafenbetreiber aus Südafrika, Argentinien und Frankreich, die nun drei der wichtigsten Flughäfen Brasiliens modernisieren sollen – und damit offenkundig überfordert sind. Die Regierung will deshalb nun die Messlatte höher legen und die noch offenen Ausschreibungen so abfassen, dass auch erfahrene Flughafenbetreiber wie Fraport zum Zug kommen. Ob es nun aber der Regierung gelingen wird, fristgerecht das gewaltige Ausschreibungsprogramm zu stemmen, ist zweifelhaft. Ähnlich unklar ist immer noch, wie die Bedingungen für die Lizenzvergabe der Flughäfen oder des Schnellzuges zwischen Rio und São Paulo gestaltet werden. Zusätzlicher Unsicherheitsfaktor: Die Gewerkschaften sind Gegner der Hafenprivatisierung. Ihr Widerstand im beginnenden Wahlkampf könnte für private Hafenbetreiber zu einem zu großen Risiko werden. Trotz aller Mängel in der Umsetzung: Die von Dilma Rousseff eingeleitete Infrastrukturoffensive ist mehr als nur ein schnell verfliegendes Konjunkturprogramm. Die Investitionen werden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Brasilien modernisieren und den Unternehmen mehr Effizienz ermöglichen. Und selbst wenn der Verkehr bei der Fußball-WM im Dauerstau stecken bleibt und die Flughäfen überfüllt sind, hat Dilma Roussefs Chancen, auch bei den Olympischen Spielen noch Präsidentin zu sein. Erst recht, wenn Brasilien 2014 zum sechsten Mal Weltmeister wird. Dann dürfte Rousseffs Wiederwahl drei Monate später n kaum etwas im Wege stehen. alexander.busch@wiwo.de

Der Autor ist seit 20 Jahren Korrespondent der WirtschaftsWoche. Von ihm ist 2011 das Buch „Wirtschaftsmacht Brasilien“ bei Hanser erschienen WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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Trends

»Vorteil für deutsche Produkte« Interview Weber Porto Der Chemiemanager sieht Brasilien auf Kurs. Gute Chancen für deutsche Unternehmen: In manchen Branchen sind die Renditen sogar höher als in China.

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MIT IHM STIMMT DIE CHEMIE Porto, 56, ist trotz seines Deutsch klingenden Vornamens Brasilianer ohne deutsche Vorfahren. Er studierte Chemie und ist heute Präsident von Evonik für Südamerika. Porto repräsentierte in den vergangenen vier Jahren als Präsident der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer in São Paulo die deutschen Unternehmen in Brasilien.

nalen Krise immer noch überbewertet. Zwar tut die Regierung schon etwas dagegen. So hat sie die Abgaben auf Löhne gesenkt. Aber unser Steuersystem ist zu unübersichtlich, es gibt einfach zu viele Steuern. Bei unseren Auto entfallen bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises auf Steuern, sie sind teurer als in Europa oder den USA. Was wünschen Sie sich noch von der Regierung? Porto: Neben einer Steuerreform brauchen wir auch eine Bildungsreform. Das größte Problem aber ist, dass Brasilien keine langfristigen strategischen Pläne für den Ausbau der Industrie hat. Es gibt keinen Masterplan.

Was meinen Sie konkret? Porto: Brasilien verfügt beispielsweise über enorme Tiefsee-Ölvorkommen. Dafür müsste die Regierung einen Plan ausarbeiten, damit wir nicht nur Öl exportieren, sondern eine starke Petrochemieindustrie über die gesamte Kette der Wertschöpfung aufbauen. Ähnlich könnte man das auch in anderen Branchen machen. Im Agrobusiness war das ja sehr erfolgreich. Hier ist Brasilien sehr wettbewerbsfähig, nicht nur, weil wir hier Land und Sonne haben, dahinter stecken Technologie und Innovation. Was tut die Regierung denn zur Förderung von Forschung und Bildung? Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTOS: VICTOR AFFARO FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, FLORIAN KOPP

Herr Porto, Brasiliens Wirtschaft ist im vergangenen Jahr nur um knapp ein Prozent gewachsen, 2010 war sie noch um 7,5 Prozent expandiert. Was ist die Ursache für diesen scharfen Einbruch? Porto: Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat die internationale Krise unseren Exportsektor hart getroffen. Zum anderen schrumpfte die Industrie, und die öffentlichen Investitionen blieben hinter den Erwartungen zurück. Dies sowie die gestiegenen Kosten führten dazu, dass die Wirtschaft weniger investierte als im Jahr davor. Hat die Regierung die richtigen Maßnahmen eingeleitet, um das Wachstum wieder zu beschleunigen? Porto: Ja, die Regierung hat die Zinsen massiv gesenkt, das erleichtert die Finanzierung von Investitionen und wird die Wirtschaft ankurbeln. Des Weiteren hat die Regierung den überbewerteten brasilianischen Real gegenüber 2009 um 30 Prozent etwas abgewertet. Wir können uns eine zu starke Währung nicht leisten. Sie befürchten keinen Inflationsanstieg? Porto: Nein. Die Inflation ist unter Kontrolle. Fünf bis sechs Prozent ist für einen Wachstumsmarkt wie Brasilien normal Die Regierung hat aber auch zu protektionistischen Maßnahmen gegriffen und beispielsweise die Steuern auf Importautos heraufgesetzt, sie aber für in Brasilien produzierte Autos ermäßigt. Porto: Das Programm hat die Industrie motiviert, technisch moderne Autos in Brasilien zu produzieren und sich an den Anforderungen des Weltmarkts zu orientieren. Brasilien ist heute der viertgrößte Automobilmarkt der Welt. Viele Autoproduzenten investieren jetzt hier, aus China und Korea, auch BMW will eine Fabrik bauen. Die Frage ist, ob diese Maßnahmen die Innovationskraft der Industrie gewährleisten. Ich sehe langfristig eine Gefahr, dass sich die Industrie bequem in dem geschützten Bereich einrichtet und an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt. Ist die brasilianische Autoindustrie denn heute in der Lage, zu konkurrenzfähigen Preisen zu exportieren? Porto: Nein, dazu sind die Kosten in Brasilien einfach zu hoch, und die brasilianische Währung ist aufgrund der internatio-


Porto: Auf Druck der Unternehmen kümmert sich die Regierung mehr darum. Es gibt jetzt eine staatliche Institution, die Innovationen, Forschung und Entwicklung fördern soll, inspiriert durch die deutsche Fraunhofer-Gesellschaft, eine erfreuliche Kooperation zwischen Deutschland und Brasilien. Außerdem sollen 100 000 Studenten Stipendien erhalten, um im Ausland technische Fächer zu studieren, 10 000 davon in Deutschland. Geht der Ausbau der Infrastruktur voran? Porto: Viel zu langsam. Wir haben zum Beispiel nicht genügend Häfen für den Export. Und die Kosten sind noch immer zu hoch. Eine Tonne Soja von Mato Grosso zum Hafen Santos zu bringen, kostet etwa 125 Dollar. In den USA kostet die vergleichbare Strecke nur ein Fünftel davon. Woran liegt das? Porto: Wir haben keine Eisenbahn, sondern transportieren zu 90 Prozent mit Lastwagen, und das ist teuer. Auch die Schifffahrt ist unterentwickelt. Vom Etat für die Fußballweltmeisterschaft und die Olympischen Spiele sollte nur ein kleiner Teil in den Bau der Stadien gehen. Doch bis jetzt wurde nur wenig in Straßen, Nahverkehr, Hotels und Sicherheit investiert. Die Regierung will private Investoren an den Infrastrukturinvestitionen beteiligen. Gelingt das? Porto: Brasiliens Privatisierungsprogramm ist weltweit das größte eines demokratischen Staates. Aber wir brauchen mehr davon. Und bessere Ausschreibungen. Bei der Privatisierung eines Flughafens erhielten überraschend Firmen den Zuschlag, die auf diesem Gebiet eigentlich weniger qualifiziert, aber preiswerter waren. Ist Korruption ein Problem? Porto: Ein leidiges Thema. Aber Frau Rousseff macht in dieser Hinsicht eine gute Politik. Durch den öffentlichen Druck und eine unabhängige Justiz sind kürzlich einige hohe Politiker zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Die Kriminalität ist immer noch sehr hoch, schreckt das ausländische Investoren ab? Porto: Es ist insgesamt schon viel besser geworden, seit die Polizei gegen Drogenkriminalität und Menschenhandel vorgeht und die Armut reduziert wurde. Aber bei Investitionsentscheidungen spielt die Kriminalität so gut wie keine Rolle. Sie ist kein wesentlicher Kostenfaktor. Das Land ist also attraktiv für Investoren? Porto: Im vergangenen Jahr investierten Ausländer 60 Milliarden Dollar. Auch die WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Riesiger Schatz Brasilien soll die Ölvorkommen vor der Küste für den Export und für den Aufbau einer Petrochemieindustrie nutzen

deutsche Industrie investiert sehr viel. Die Investitionen zielen allerdings zum größten Teil nur auf Brasilien und den südamerikanischen Markt, für globale Aktivitäten sind wir wegen der Kostensituation bis auf wenige Bereiche nicht wettbewerbsfähig. Dennoch verdient die deutsche Industrie hier nicht schlecht. Die Renditen sind in manchen Branchen höher als in China. Ist der Eindruck richtig, dass die deutsche Industrie in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem mit China beschäftigt war und Brasilien vernachlässigte? Porto: Das ist eine Tatsache. Brasilien war für die deutsche Industrie wegen der Wiedervereinigung und des China-Booms nicht mehr so interessant und fiel als Investor von der zweiten auf die fünfte Stelle zurück. Brasilien war zudem lange nicht stabil, transparent und berechenbar. Das hat sich erst unter den Präsidenten Cardoso und Lula geändert. Dann hatten wir 2010 hohes Wachstum und wurden wieder interessant für deutsche Investoren. Vor allem der Mittelstand ist stark im Kommen. Aber es besteht noch eine Diskrepanz bei vielen Unternehmen, die in China zum Teil zehnmal so stark sind wie in Brasilien.

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Porto: Absolut. Aber wie lange noch? Im vergangenen Jahr haben sich etwa 100 neue mittelständische Unternehmen in Brasilien etabliert. Diese Asymmetrie besteht auch in der Politik. Bundeskanzlerin Merkel war seit ihrem Regierungsantritt mehrmals in China, aber nur einmal in Brasilien. Porto: Das mag sein, aber Deutschland und Brasilien haben sehr gute Beziehungen. Viele Unternehmen sind schon 100 Jahre hier und sehr stark, China war demgegenüber ein neuer Markt. Aber es hakt in der Politik. Das Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur kommt nicht voran. Porto: Das liegt am Mercosur, aber auch an der EU. Ich glaube, dass Verhandlungen zwischen Brasilien und der EU schneller zum Erfolg führen könnten, wenn die EU ihre radikale Agrarpolitik mäßigt. 2020 will die EU 20 Prozent ihres Bedarfs durch nachhaltige Energiequellen decken. Dafür wird sie auch Ethanol brauchen. Aber derzeit ist die Einfuhr von Benzin in die EU fast zollfrei, während Ethanol als landwirtschaftliches Produkt hoch besteuert wird. Die deutschen Unternehmen haben in Brasilien Marktanteile verloren, die Einfuhr aus Deutschland wächst nur halb so stark wie der Import insgesamt. Warum? Porto: Die Chinesen und Koreaner haben enorme Zuwächse erzielt. Hyundai und andere asiatische Hersteller sind sehr erfolgreich, ihre Autos sind preiswerter als die deutschen und in Ausrüstung und Design ansprechender geworden. Haben die deutschen Unternehmen nicht die richtigen Produkte für die Schwellenländer? Porto: Manchmal sind sie in Preis und Qualität zu hoch angesiedelt. Aber die deutschen Unternehmen verstehen es inzwischen besser, auch in Brasilien Produkte für den Weltmarkt zu produzieren. Und sie sind in Brasilien sehr beliebt. Sie genießen einen exzellenten Ruf. Bei ähnlichen Konditionen haben deutsche Produkte immer einen Vorteil. n klaus.methfessel@wiwo.de

Bei den Investitionen spielt die hohe Kriminalitätsrate so gut wie keine Rolle. Sie ist kein wesentlicher Kostenfaktor 17


Trends

Pakt gegen Sklavenarbeit, Amazonasrodung und Gift

Lange galten Brasiliens Farmer und Rinderzüchter als Bedrohung des Regenwalds. Heute wissen die Unternehmen: Wenn sie nicht nachhaltig arbeiten, verlieren sie ihre Spitzenposition.

IN DIE ZANGE GENOMMEN Die „freiwillige Selbstverpflichtung“ war ein erster Sieg der Umweltschutzgruppen nach jahrelangem Kampf in Brasilien: Denn die Sojabranche hatte stets die Vor-

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Angriff auf Cargill Greenpeace kämpfte erfolgreich gegen den Händler, der für Sojaanbau Regenwald vernichtete

würfe der Umweltschutzgruppen zurückgewiesen, maßgeblich verantwortlich für die Regenwaldvernichtung zu sein. Greenpeace war der Rechtfertigungen müde und blies zum Angriff: Mit ihrer Kampagne „Der Amazonas brennt für unser Essen“ nahm sie die Branche geschickt in die Zange. Die Organisation dokumentierte lückenlos, wie Soja vom Amazonas über den Händler Cargill in einer McDonald’s-Filiale in London als Chicken-Nugget landete. Wie von Greenpeace erhofft, reagierte die Fast-Food-Kette wie von der Tarantel gestochen und erklärte kategorisch: „Schon lange verwenden wir kein Fleisch mehr, das von Rindern vom Amazonas stammt. Die gleiche Politik gilt ab sofort auch für Soja.“ Schnell zogen Supermarktketten wie Tesco, Sainsbury, Carrefour und Lebensmittelkonzerne wie Unilever nach mit einem Embargo.

Inzwischen ist das Abkommen zum dritten Mal verlängert worden. Die Staatsbank Banco do Brasil, der wichtigste Finanzier der Farmer, hat sich ebenfalls der Initiative angeschlossen. Heute werten Unternehmen, Umweltschutzorganisationen und Regierungsvertreter gemeinsam Satellitenbilder aus und entscheiden, ob ein Farmer auf den Index kommt und seine Ernte nicht mehr an die großen Händler verkaufen kann, weil er auf abgebrannten Regenwaldflächen Soja anbaut. Das Beispiel der Sojabranche hat Schule gemacht: Inzwischen haben sich auch Unternehmen wie Adidas, Reebok, Nike, aber auch Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Makro sowie die großen Rindfleischkonzerne Brasiliens dazu verpflichtet, kein Leder, Fleisch oder sonstige Produkte in ihrer Verarbeitungskette zu benutzen, für deren Entstehung Waldflächen abgeholzt wurden. „Das Verhältnis zwischen den Umweltschützern und Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren vollkommen verändert“, sagt André Guimarães, Geschäftsführer von Conservation International in Brasilien: „Heute arbeiten Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen an gemeinsamen Zielen.“

ALLIANZ VON GUT UND BÖSE Bestes Beispiel: Der Grupo Amaggi, größter privater Sojakonzern der Welt, ist heute federführend beim Soja-Moratorium. Jahre zuvor hatte ihn Greenpeace noch mit der „Goldenen Kettensäge“ als größten Regenwaldzerstörer ausgezeichnet. „So schnell, direkt und effizient kann der Markt funktionieren. Vor Kurzem wäre eine Allianz aus Greenpeace, McDonald’s, den Sojaproduzenten und der brasilianischen Regierung undenkbar gewesen“, freut sich

Das Verhältnis zwischen Umweltschützern und Lebensmittellieferanten hat sich extrem verändert Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTOS: GREENPEACE/MARKUS MAUTHE, ABRIL COMUNICAÇÕES SA/ANDERSON SCHNEIDER

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or sechs Jahren löste eine Pressekonferenz eine Revolution in Brasiliens Agrarindustrie aus: Die Spitzenvertreter der nationalen Sojabranche gaben dort zu Protokoll, dass sie ab sofort kein Soja mehr handeln würden, das auf gerodeten Amazonasflächen gepflanzt wurde. Ebenfalls würden sie dafür sorgen, dass ihre Zulieferer keine Arbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen beschäftigen. Diese freiwillige Selbstverpflichtung soll für zwei Jahre gelten, sagten die Soja-Funktionäre, und sie könne verlängert werden. Verbandsvertreter, denen sonst bei Worten wie Nachhaltigkeit oder Amazonasschutz der Blutdruck steigt, erklärten die revolutionäre Neuerung als triviale Selbstverständlichkeit: „Der Markt verlangt heute nicht mehr nur den besten Preis“, dozierte Carlo Lovatelli, Spitzenrepräsentant des brasilianischen Agrobusiness, „die Konsumenten verlangen ökologische und soziale Nachhaltigkeit.“ Was die Verbandsvertreter auf der Pressekonferenz in Brasilien verschwiegen: Fast zeitgleich fand in London eine Pressekonferenz statt, auf der Großbritanniens Einzelhandelsketten, Lebensmittelhersteller und Fast-Food-Ketten erklärten, ab sofort kein Soja mehr aus Brasilien von Händlern wie ADM, Cargill und Bunge zu kaufen. Es sei denn, die Rohstoffhändler können nachweisen, dass für den Anbau weder Amazonasregenwald abgebrannt wird noch sklavenähnliche Arbeitsbedingungen existieren.


Achim Steiner, deutscher Exekutivdirektor der UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen. „Das ist die Dynamik der Umweltpolitik von morgen.“ Für Brasiliens Agrarbranche steht viel auf dem Spiel. Das Land ist heute bereits der weltweit führende Lebensmittellieferant. Bei zwölf wichtigen Agrarrohstoffen gehört das Land zu den größten Produzenten für den Weltmarkt – darunter bei Soja, Zucker, Kaffee, Orangensaft, Mais, Rindund Hühnerfleisch. Die südamerikanischen Agrarproduzenten wollen ihre Position aber noch weiter ausbauen. Mit guten Chancen: Nach Untersuchungen der Weltbank sind vor allem Brasilien und die umliegenden Länder prädestiniert dazu, weltweit am schnellsten ihre hohe Produktivität weiter zu steigern.

EFFIZIENZSTEIGERUNG ERWARTET Seit Mitte der Achtzigerjahre nimmt die Effizienz der brasilianischen Agrarwirtschaft jährlich um drei Prozent zu – doppelt so schnell wie der Durchschnitt aller Agrarnationen, erklärt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten NaWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Ein Silo voll Soja Viele brasilianische Agrarunternehmen verpflichten sich freiwillig zu neuer Transparenz

tionen (FAO). Die brasilianischen Farmer werden ihre Effizienz deutlich steigern – bei Rinderzucht, Milchproduktion, Maisanbau sowie der Hühner- und Schweinezucht. Doch die Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft lassen sich nicht automatisch in Exporterfolge ummünzen. Denn die Agrokonzerne werden auf den Weltmärkten unverändert angegriffen, sie würden auf Kosten der Umwelt und ihrer Mitarbeiter produzieren und von der ungerechten Landverteilung in Brasilien profitieren. Nur deswegen könne Brasilien der Welt so billig Rind- und Hühnerfleisch, Soja, Zucker, Kaffee und Orangensaft anbieten, sagen die Kritiker. Da könnten die europäischen und nordamerikanischen Bauern wegen der hohen Umweltauflagen kaum mithalten, der Wettbewerb sei unfair, lauten die gängigen Vorwürfe. Sie richten sich gegen Zellulosefabrikanten, die angeblich Eukalyptus in Indianerreservaten anbau-

en. Sie betreffen Zuckerkonzerne, die Arbeiter in sklavenähnlichen Verhältnissen beschäftigen, Maisfarmer, die genmanipuliertes Saatgut einsetzen und ihre Felder mit Pflanzengiften verseuchen, und Kosmetikkonzerne, die Amazonasbewohner ausbeuten. Vielfach stimmt die Kritik aus dem Ausland. Oft aber lancieren Bauernlobbys der Importländer auch unbestätigte Gerüchte, um die Einfuhren konkurrenzfähiger brasilianischer Agrarprodukte zu verhindern. Deswegen preschen viele Agrarunternehmen jetzt vor und verpflichten sich freiwillig zu neuer Transparenz. Ihnen ist wichtig, sich von den schwarzen Schafen in ihren Branchen abzusondern – und dadurch wettbewerbsfähig zu bleiben. So haben sich jüngst 230 brasilianische Konzerne nicht nur aus dem Agrarsektor, sondern quer durch alle Branchen freiwillig zu einem nationalen Pakt gegen Sklavenarbeit zusammengeschlossen – ein Pakt, der auch für alle Zulieferer der Unternehmen gelten soll. Die Revolution kommt in großen Schritten. n alexander.busch@wiwo.de

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Trends

Auf zum Tanz!

Für die deutsche Wirtschaft ist Brasilien seit Langem einer der wichtigsten Märkte weltweit. In den politischen Beziehungen jedoch hakt es – trotz des nun beginnenden deutschbrasilianischen Jahres und der 2008 vereinbarten strategischen Partnerschaft zwischen beiden Ländern.

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ie deutschen Diplomaten in den Generalkonsulaten von São Paulo und Rio de Janeiro und der Botschaft in Brasilia spürten das neue Interesse an Brasilien als Erste. Ihre Telefone standen Ende 2009 nicht mehr still. Innerhalb weniger Wochen kündigten sich 50 deutsche Delegationen an. Im Verlauf des Jahres 2010 kamen dann sogar 80 offizielle Besuchergruppen aus Deutschland, so viel wie in keinem anderen Jahr zuvor. Minister der Bundesregierung und der Bundesländer, Vertreter von Behörden und Verbänden – sie alle wollten das neue Wirtschaftswunderland Brasilien erkunden. Wie gut Brasilien durch die Weltfinanzkrise 2009 gekommen war, hatte die deutsche Politik beeindruckt. Als das brasilianische Bruttoinlandsprodukt 2010 um 7,5 Prozent nach oben schnellte, wurde „Brasilien zum neuen China für Deutschland“, erinnert sich ein deutscher Diplomat. Als erster Vertreter der Bundesregierung machte Außenminister Guido Westerwelle im März 2010 der brasilianischen Regierung seine Aufwartung. Ihm folgten weitere vier Minister im Jahresverlauf – in den Jahren zuvor galt schon der Besuch eines Staatssekretärs als Höhepunkt der diplomatischen Beziehungen. 2011 wuchs die Besucherlawine weiter an: Fast 100 deutsche Delegationen reisten nach Brasilien. Einige wie die damalige Bildungsministerin Annette Schavan oder Staatssekretär Rainer Bomba aus dem Verkehrsministerium besuchten das Land gleich mehrfach innerhalb kurzer Zeit. Seitdem nimmt die 2008 beschlossene strategische Partnerschaft zwischen beiden Ländern Gestalt an. Brasilien war 2011

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Partnerland der Cebit, der weltweit größten Computermesse in Hannover, und 2012 Gastland der Buchmesse in Frankfurt. Im Mai startet das Deutschland-Jahr in Brasilien unter der Schirmherrschaft der obersten politischen Repräsentanten beider Länder, Präsidentin Dilma Rousseff und Bundespräsident Joachim Gauck. Das Ziel: für Mithilfe von 140 Projekten bei jungen Brasilianern für Deutschland zu werben. So nimmt Deutschland nach den USA die meisten Studenten beim Brasilien-Stipendienprogramm auf. Das Programm ermöglicht 100 000 brasilianischen Studenten ein Studium an ausländischen Universitäten.

FEHLENDE SENSIBILITÄT Doch trotz dieser intensivierten Beziehungen knirscht es zwischen beiden Ländern auf höchster Ebene. So sagte bei den 30. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen in Frankfurt Mitte 2012 der wichtigste brasilianische Minister einen Tag vorher ab. Die parallel tagende hochrangige Gemischte Wirtschaftskommission musste daraufhin kurzfristig um drei Monate verschoben werden. Deutsche Delegationen klagen, dass sie es in Brasilien schwer haben, offiziell empfangen zu werden. Die Verhandlungen über das von Deutschland 2005 gekündigte Doppelbesteuerungsabkommen stecken fest – Brasilien ist das einzige Bric-Land, mit dem Deutschland kein Abkommen unterhält. Im brasilianischen Außenministerium Itamaraty benennen die Beamten fast undiplomatisch offen den Grund ihrer Missstimmung: Im Berliner Kanzleramt fehle es an Sensibilität im Umgang mit Brasilien.

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Für Brasilien ist die deutsche Wirtschaft der Wunschpartner im Technologieaustausch

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTO: DDP IMAGES/DAPD

Schwesternkuss Kanzlerin Merkel und Präsidentin Rousseff umgarnen sich auf der Cebit 2012

Die Deutschen würden die „strategische Partnerschaft“ nur mit Gesten und wohlmeinenden Aktionen, nicht aber mit Inhalt füllen. Trotz des deutschen Besucherrekords verorten sie ganz oben Desinteresse an Brasilien: So habe Bundeskanzlerin Angela Merkel schon fünfmal China besucht, Brasilien dagegen nur einmal im Rahmen einer Lateinamerika-Rundreise für eineinhalb Tage gestreift. Die Brasilianer fühlen sich düpiert, weil Merkel Brasilien dem kleinen Koalitionspartner FDP, der das Außenministerium stellt, überlassen habe. „Berlin unterschätzt immer noch die zentrale Rolle Brasiliens in der sich herausbildenden Weltordnung“, sagt dazu der Lateinamerika-Experte Wolf Grabendorff von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Umgekehrt kritisieren deutsche Diplomaten Brasilien WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

als schwierigen Verhandlungspartner. Das Land suche noch seinen Platz in der neuen Weltordnung und reagiere deshalb gelegentlich unsicher und überempfindlich. „Brasilien hat sich als Führungsmacht noch nicht konsolidiert“, meint Experte Grabendorff. So tritt Brasilien mal als Entwicklungsland auf und dann wieder als Großmacht, die auf gleicher Augenhöhe wie China und die USA behandelt werden will.

POLITISCHE DOPPELROLLE Diese Doppelrolle führt dazu, dass Brasiliens Politiker sich auf der einen Seite gern in der Rolle eines Sprechers für die Armen der Welt sehen und Kritik und Forderungen an die Adresse der Industrieländer richten. Auf der anderen Seite sind sie aber

nicht bereit, beim Klimaschutz oder der Reform des Weltfinanzsystems Verantwortung zu übernehmen, wie es der weltweit fünftgrößten Volkswirtschaft gut zu Gesicht stünde. „Brasilien hat sich daran gewöhnt, die Piloten der Weltwirtschaft zu kritisieren. Nun ist das Land dabei, seinen Platz im Cockpit einzunehmen“, erklärt Oliver Stünkel, Professor für internationale Beziehungen an der renommierten Fundação Getúlio Vargas in São Paulo, den inneren Konflikt. Dabei wurmt es die Brasilianer, dass die Deutschen ihnen nicht zur Seite stehen, wenn ihre Interessen betroffen sind. Als es im Internationalen Währungsfonds um die Besetzung des Chefpostens und Quotenerhöhungen ging, hatte Berlin wenig Verständnis für die Ambitionen des auf- »

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Trends

Schnelles Wachstum Deutsch-brasilianischer Außenhandel (in Milliarden Dollar) 16 Importe aus Deutschland

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Exporte nach Deutschland

8 4 0

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12

Quelle: Wirtschaftsministerium Secex-MDIC

Obwohl tendenziell steigend... Deutsche Direktinvestitionen in Brasilien (in Millionen Dollar) 2500 2000 1500 1000 500 0

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12

...schwindet Deutschlands Einfluss... Anteil der deutschen an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen (in Prozent) 16,9

18,6 12,2 8,5 3,2

4,2

1951-60 61-70 71-80 81-90 91-00 01-12

...bei insgesamt hohem Investitionsbestand Gesamtbestand deutscher Direktinvestitionen in Brasilien (inklusive Reinvestitionen, in Milliarden Dollar) 13,6

7,3

5,8

5,1

1995

2000

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Quelle: SOBEET, eigene Berechnungen

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2010

» steigenden Schwellenlandes. Wenig Engagement zeigen die deutschen Vertreter auch bei der gemeinsamen Initiative von Japan, Deutschland, Brasilien und Indien für einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat. Deutschland musste einsehen, dass es nur wenig Chancen hat, weil die EU mit Frankreich und Großbritannien schon zwei Sitze stellt. Das hatte zur Folge, dass sich nun auch wenig für Brasilien tut, obwohl dessen Anspruch legitim ist. Immerhin hat Lateinamerika anders als die EU bislang überhaupt keinen ständigen Sitz im Sicherheitsrat. Die Brasilianer fühlen sich in ihrem Bestreben nach mehr Einfluss in den multilateralen Organisationen nicht unterstützt. Sie ärgert, dass die Deutschen sie zur Hilfe bei der Lösung der Euro-Krise auffordern und einen Beitrag zum EU-Notfonds verlangen – und gleichzeitig ihren Wunsch nach einer höheren Quote im IWF mit dem Hinweis abspeisen, dass man darüber später verhandeln könne. Dass Präsidentin Dilma Rousseff und Bundeskanzlerin Angela Merkel zu allem Überfluss noch gegenseitig ihre Wirtschaftspolitik öffentlich kritisieren wie bei der Eröffnung der Cebit in Hannover, trägt auch nicht dazu bei, in den G20 eine Achse Berlin–Brasilia zu schmieden. FALSCHE ERWARTUNGEN Es ist offensichtlich: Brasilianer und Deutsche interpretieren ihre strategische Partnerschaft unterschiedlich. Die Deutschen sehen darin die Fortsetzung der jahrzehntelangen Entwicklungspartnerschaft: Amazonasschutz, Wissenschaftskooperation, Deutschland-Jahr, Schwerpunktland auf der Buchmesse – alles wichtige Elemente, doch für die Bedürfnisse des neuen Schwergewichts auf der politischen Weltbühne eher zweitrangig. Die Brasilianer wollen dagegen mehr Gemeinsamkeiten auf politischer, technologischer und wirtschaftlicher Ebene – wie beim deutsch-brasilianischen Atomprogramm in den Siebzigerjahren, als beide Länder trotz des Vetos der USA zusammenarbeiteten. Dafür hatten die Brasilianer kurzfristig Siemens zum Zulieferer für ihr AKW-Programm auserkoren und den US-Konzern Westinghouse rausgeschmissen, der, anders als das Münchner Unternehmen, nicht bereit war, sein Know-how mit den Brasilianern zu teilen. An eine Zusammenarbeit in solchen Dimensionen denkt Brasilien.

Das würde dem traditionell starken Engagement Deutschlands in Brasilien nach dem Zweiten Weltkrieg entsprechen. 1949 war das Mannesmann-Röhrenwerk in Belo Horizonte die erste große deutsche Nachkriegsinvestition im Ausland. 1953 folgten Volkswagen, Mercedes-Benz, der Motorenhersteller MWM, Degussa und Ferrostaal. „Die brasilianischen Unternehmen mit deutschem Kapital wurden zum Motor der Industrialisierung des Landes“, sagt Klaus-Wilhelm Lege, Leiter der deutschen Handelskammern in São Paulo und Buenos Aires. Bis weit in die Achtzigerjahre stellte der Volkswagenkonzern die Hälfte der in Brasilien hergestellten Autos und Transporter.

CHINA VERDRÄNGT BRASILIEN So entscheidend die deutschen Unternehmen für die Entwicklung Brasiliens zu einem Industriestandort waren, so wichtig war Brasilien für den Aufstieg Deutschlands zur Exportnation. In den Sechzigerund Siebzigerjahren konzentrierte sich fast die Hälfte aller deutschen Auslandsinvestitionen auf Brasilien. Doch mit Chinas Öffnung und dem Fall der Mauer setzten die Deutschen neue Prioritäten. Gerade als Brasilien sich nach Verschuldungskrise, Hyperinflation und dem auf die Militärdiktatur folgenden politischen Chaos wieder stabilisierte, rutschte Deutschland, jahrzehntelang zweitwichtigster Auslandsinvestor nach den USA, in die zweite Liga der ausländischen Investoren ab. Konzerne aus Spanien, Portugal, England und Italien beteiligten sich an Privatisierungen in Brasilien. Die deutschen engagierten sich, wie die Politik, in Ostdeutschland, Osteuropa und Asien, vor allem in China. Möglicherweise vernachlässigte die Bundesrepublik ihre brasilianischen Partner auch aus Enttäuschung: Brasilien spielte in den Siebzigerjahren die Rolle, die heute China einnimmt. Das Land wuchs damals zweistellig, Willy Brandts Nord-SüdKommission war damals davon überzeugt, dass Brasilien als erstes Schwellenland den Sprung zum entwickelten Industriestaat schaffen werde. Das Wasserkraftwerk von Itaipú, die Transamazônica durch den Regenwald, das eigene Atomenergieprogramm – Brasiliens Technokraten wollten bei den Großen mitspielen. Doch das ging schief, und das Land erlebte eine „verlorene Dekade“. Die deutschen Investoren und Politiker Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


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FOTOS: GETTY IMAGES/AFP (2)

Brasilien ist für Deutschland nach wie vor der wichtigste Handelspartner in Lateinamerika

wendeten sich schließlich anderen Hoffnungsträgern zu. Das hatte Konsequenzen: Frankreich ersetzte Deutschland als Brasiliens engster politischer Partner in Europa. Präsident Nicolas Sarkozy war in seiner Amtszeit rund ein Dutzend Mal in Brasilien, sein Nachfolger François Hollande besuchte Präsidentin Dilma Rousseff schon in den ersten Wochen nach seiner Wahl. Den französischen Konzernen bescheren die Reisen ihrer Regierungschefs Milliarden-Rüstungsaufträge – die deutschen haben das Nachsehen.

FÜNFTGRÖSSTER INVESTOR Während die deutschen Regierungen von Gerhard Schröder bis Angela Merkel Brasilien trotz seiner wirtschaftlichen Erholung seit Mitte der Neunzigerjahre aus den AuWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Läuft nicht mehr Während einst Brasiliens Präsident Franco deutsche Wertarbeit schätzte, freut sich Rousseff heute mehr auf den Franzosen Hollande

gen verloren, begannen die deutschen Unternehmen, die schon seit Langem in Brasilien stark waren, wieder zu investieren: Automobil- und Zuliefererindustrie, Maschinenbau und Chemie. Offiziell ist Deutschland nach den USA, Spanien, den Niederlanden und Frankreich zwar nur fünftgrößter Auslandsinvestor in Brasilien. Jedoch inklusive Reinvestitionen, die bei deutschen Konzernen wegen ihrer langen Präsenz vor Ort besonders hoch sind, rückt Brasilien mit einem Kapi-

talstock von etwa 30 Milliarden Dollar sogar auf den zweiten Platz hinter den USA vor – dies ergaben Schätzungen des brasilianischen Thinktanks für Außenwirtschaftsbeziehungen „SOBEET“. Deutsche Unternehmen beschäftigen heute mehr als eine Viertelmillion Brasilianer. Mit weiter steigender Tendenz: 200 Neuinvestitionen von Unternehmen registrierte die Deutsch-Brasilianische Handelskammer in São Paulo seit 2010. Verglichen damit sind brasilianische Investitionen in Deutschland zwar noch spärlich, sie nehmen aber zu. Auch der Außenhandel floriert, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Brasilien ist weiter Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Lateinamerika. Zwischen 2004 und 2012 verdreifachten sich die Exporte deutscher Unternehmen nach Brasilien auf 14 Milliarden Dollar (siehe Grafik Seite 22). Die Brasilianer kaufen hauptsächlich Autos, Autoteile, Maschinen, Chemie- und pharmazeutische Produkte.

GEMEINSAMKEITEN ENTDECKEN Umgekehrt konnte Brasilien seine Lieferungen in die Bundesrepublik in diesem Zeitraum um 80 Prozent auf 7,2 Milliarden Dollar steigern. Die Deutschen fragen hauptsächlich Eisenerz und Kupfer, Kaffee und Sojabohnen sowie Flugzeuge und Rohöl nach. Brasilien liegt damit unter den Lieferländern Deutschlands auf Platz fünf, Deutschland ist auf Rang vier der brasilianischen Importländer. Die Beziehungen könnten sich noch erheblich verbessern, wenn die verantwortlichen Politiker in Berlin und Brasilia ihre Hausaufgaben machen. Sie müssen nur »

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Trends

» erkennen, dass beide Nationen ein gemeinsames Interesse verbindet: Wollen die beiden Länder nicht zu abhängig von China werden, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als enger zu kooperieren. Denn das Reich der Mitte ist binnen kurzer Zeit zum mit Abstand größten Abnehmer von Rohstoffen aus Brasilien geworden. Es ist eine riskante Abhängigkeit: Schon im vergangenen Jahr verdammte Chinas Wachstumsabschwächung Brasiliens Wirtschaft zur Stagnation. Und was noch gravierender ist: Chinas Aufstieg zur Fabrik der Welt gefährdet Brasiliens Entwicklungsziel, eine eigene industrielle Fertigung mit eigener Forschung und Entwicklung auf die Beine zu stellen. INVESTOREN GESUCHT So werden die jungen brasilianischen Industriekonzerne von ihren chinesischen Konkurrenten ausgebremst – sowohl auf ihrem Heimatmarkt als auch auf dem Weltmarkt. Die Aufwertung des Real bringt sie zusätzlich unter Wettbewerbsdruck. Chancen haben brasilianische Konzerne international jetzt nur dort, wo sie ihre natürlichen Vorteile – mineralische Rohstoffe, Energie, Agrarprodukte – mit eigenem Know-how zu speziellen Produkten oder Services kombinieren. Dafür braucht Brasilien Investoren und High Tech, anders ist der weitere Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht nicht zu schaffen. „Für Brasilien ist die deutsche Wirtschaft Wunschpartner im Technologieaustausch“, sagt Wilfried Grolig, deutscher Botschafter in Brasilien. Ähnlich geraten auch die deutschen Unternehmen zunehmend in wirtschaftliche Abhängigkeit vom Auf und Ab in China. Dass sich die Bundesrepublik so schnell nach der Finanzkrise stabilisierte, ist in erster Linie auf den Exportboom in die inzwischen zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zurückzuführen. Insofern wird Deutschlands zukünftiger Spielraum auch davon abhängen, wie erfolgreich es mit den anderen aufstrebenden neuen Wirtschaftsmächten zusammenarbeitet. Die Bundesrepublik braucht Brasilien als verlässlichen Rohstofflieferanten, als Absatzmarkt für Industriegüter und als Partner in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Und nicht zuletzt hat Deutschland mit Brasilien auch etwas gemeinsam, was es mit China nicht hat: eine demokratische n Wertebasis. alexander.busch@wiwo.de

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»Neue Gewichte«

Außenminister Guido Westerwelle will, dass Brasilien in den Vereinten Nationen und dem IWF mehr Einfluss erhält. Herr Außenminister, mit Brasilien besteht eine strategische Partnerschaft, und dort begann soeben das Deutschland-Jahr. Was sind die Ziele? Westerwelle: Brasilien ist die sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde, und wenn ich mir die Erfolgsgeschichte des Landes betrachte, sind wir gut beraten, uns mit dem Land nicht nur wirtschaftlich eng zu verbinden. Was heißt das konkret? Westerwelle: Dass wir nicht nur bilaterale Fragen wie Handel, Bildung, Kulturprojekte besprechen, sondern auch strategische Fragen von regionaler und globaler Bedeutung miteinander erörtern und unsere Haltungen synchronisieren. Und gemeinsam die Weltpolitik steuern? Westerwelle: Konkret bedeutet das beispielsweise, dass Deutschland, Brasilien, Indien und Japan gemeinsam eine Reform des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen anstreben, weil dessen Strukturen nicht mehr die Welt von heute und erst recht nicht die von morgen widerspiegeln. Aber dafür finden wir keine Unterstützung, da Europa schon zwei ständige Sitze im Sicherheitsrat hat. Lateinamerika hat nicht einmal einen. Westerwelle: Auch Afrika nicht, und in Asien hat nur China einen. Das ist die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg, aber nicht die Welt von heute und morgen. Die neuen Gewichte müssen sich auch in den Gremien widerspiegeln. Wenn sich dies nicht ändert, wird dies zu einer Schwächung der Vereinten Nationen führen. Hat Brasilien dann nicht auf das falsche Pferd gesetzt, wenn es sich mit Deutschlands verbindet, das von allen vier Ländern die geringsten Chancen hat, einen ständigen Sitz zu bekommen? Westerwelle: Unser weltweites Ansehen ist in den vergangenen drei Jahren gestiegen. Das zeigt unsere erfolgreiche Kandidatur für den Sicherheitsrat und unsere

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Wahl in den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. Die strategische Partnerschaft besteht seit fünf Jahren. Was wurde erreicht? Westerwelle: Als ich 2010 dem damaligen Präsidenten Lula vorschlug, das Jahr 2013 zum Deutschland-Jahr in Brasilien zu erklären, war er sofort dafür. Und dass Bundespräsident Joachim Gauck es dieses Jahr eröffnet, ist von großer symbolischer Bedeutung. Zu den guten Beziehungen tragen auch die deutschen Unternehmen viel bei. Sie sind exzellente Botschafter unserer sozialen Marktwirtschaft in Brasilien. Wie werden sich die Beziehungen in 10, 20 Jahren gestalten? Westerwelle: Bei wichtigen internationalen Fragen werden wir mehr und mehr nicht nur in Washington, Paris, London oder Moskau und Peking anrufen, sondern auch in Brasilia, Neu-Delhi und Pretoria. Wir sind Zeitzeugen einer historischen Umbruchphase, einer politischen Kontinentalverschiebung, die sich aber mit atemberaubendem Tempo vollzieht. Wie sich die Gewichte in der Welt verschieben, dafür ist ja auch die Wahl eines lateinamerikanischen Papstes ein Symbol. Was macht eigentlich eine strategische Partnerschaft aus? Westerwelle: Der Begriff strategische Partnerschaft enthält eine gewisse Unschärfe, weil die Art und Intensität der Zusammenarbeit natürlich auch von dem jeweiligen Partner abhängt. Was ist denn Ihre Grundlage: gemeinsame Werte oder gemeinsame Interessen? Westerwelle: Beides. Auch mit China hat Deutschland eine strategische Partnerschaft. Worin besteht der Unterschied? Westerwelle: Grund für die Partnerschaft mit Brasilien sind nicht nur die wirtschaftlichen Chancen, sondern auch gemeinsame kulturelle Wurzeln, eine ähnliche Vor-

Natürlich gab es Rückschläge, protektionistische Tendenzen Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


DER BRASILIEN-FAN

FOTO: LAIF/MARCO PRISKE

Westerwelle, 51, ist seit 2009 deutscher Außenminister. Nach seinem Rückzug vom Amt des FDP-Chefs konzentrierte er sich auf die Außenpolitik. Während Angela Merkel häufig in China weilt, hat er die Verbesserung der Beziehungen zu Lateinamerika zu seinem Thema gemacht.

stellung von der Würde des Menschen und dem Wert des Individuums. Die Globalisierung beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft, sie ist auch eine Globalisierung von Werten, einschließlich der Werte der Aufklärung. Unsere Partnerschaft mit Brasilien hat sich gut entwickelt. Natürlich gab es Rückschläge, etwa die protektionistischen Tendenzen in Lateinamerika. Da verweisen die Brasilianer auf die protektionistische europäische Agrarpolitik. Westerwelle: Manches von der Kritik an unserer europäischen Abschottung ist sicherlich begründet. Und ist Besserung in Sicht? Westerwelle: Wir arbeiten auch hier an zukunftsfesten Lösungen. Auch bei uns müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten. WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Mancher Vertreter der Wirtschaft singt das Hohelied des freien Handels ja vor allem dann, wenn es nicht ans eigene Eingemachte geht. Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur stocken seit Langem. Wäre stattdessen ein bilaterales Abkommen mit Brasilien nicht erfolgversprechender? Westerwelle: Das eine schließt das andere nicht aus. Wenn die Verhandlungen mit dem Mercosur stocken, besteht immer die Möglichkeit, mit einzelnen Ländern stärker zusammenzuarbeiten. Haben sich die Beziehungen mit dem Wechsel zu Dilma Rousseff verändert? Westerwelle: Die Beziehungen zu Präsidentin Rousseff sind vertrauensvoll, gerade

auch zwischen Angela Merkel und ihr. Früh in ihrer Amtszeit kam sie zur Eröffnung der Cebit nach Deutschland. Aber da gab es doch Spannungen. Angela Merkel warnte mit Blick auf Brasilien vor Protektionismus, Dilma Roussef kritisierte umgekehrt die laxe Geldpolitik Europas und der USA, die die brasilianische Währung verteuert und Brasilien den Export erschwert. Westerwelle: Wenn wir uns mit der Welt in allen Fragen einig wären, bräuchten wir keinen Auswärtigen Dienst mehr. Für den gibt es mit Sicherheit noch viel zu tun. Ein weiterer Konflikt: Obwohl Brasiliens Wirtschaft inzwischen größer als die britische ist, haben die Brasilianer im IWF nur einen Stimmanteil von 1,72 Prozent, die Briten 4,29 Prozent. Westerwelle: Nicht nur die Vereinten Nationen müssen sich den veränderten Gewichten in der Welt anpassen. Bei der Wahl des IWF-Chefs haben die Brasilianer den mexikanischen Kandidaten unterstützt, die Europäer Frau Lagarde. Was ist im Zweifelsfall eine strategische Partnerschaft wert? Westerwelle: Ich kann auch für die Zukunft nicht kontroverse Abstimmungen ausschließen. Je mehr wir eine multipolare Welt werden und je mehr gewichtige Akteure es gibt, umso weniger können zwei, drei Regierungschefs die Personalpolitik der Welt alleine untereinander ausmachen. Die deutschen Unternehmen klagen, dass mit Brasilien seit Jahren kein Doppelbesteuerungsabkommen besteht, weil Berlin es einseitig gekündigt hat. Tut sich da etwas? Westerwelle: Unser Ziel sind noch engere Wirtschaftskontakte. Deshalb arbeiten wir mit unseren brasilianischen Partnern auch in diesem Bereich an Fortschritten. Vor einiger Zeit wurde auch von Ihrer Partei kritisiert, dass die Wirtschaftsgroßmacht China noch deutsche Entwicklungshilfe erhält. Brasilien steht ebenfalls noch auf der Empfängerliste, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen dort doppelt so hoch ist wie in China. Sehen Sie Reformbedarf? Westerwelle: Wir haben mit Brasilien gemeinsame Anliegen, etwa beim Schutz der Tropenwälder. Und die Entscheidung im Fall Chinas heißt ja nicht, dass die laufenden Projekte abgebrochen werden. Die werden seriös und zuverlässig zu Ende gen führt. henning.krumrey@wiwo.de, klaus methfessel

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Trends

Anflug auf den Moloch São Paulo ist zwar nicht so hübsch wie Rio, aber viel reicher

Deutschland do Brasil

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n den Chefbüros der erfolgreichsten brasilianischen Internet-Startups hört man häufig deutsche Töne. Ob beim Modehändler Dafiti, dem Sportartikelanbieter Kanui, beim virtuellen Möbelhaus Mobly oder dem Babyausstatter Tricae – hinter allen steht ein Investor aus Deutschland: Rocket International von Marc, Oliver und Alexander Samwer. Die drei Brüder wenden ihr Erfolgsrezept, weltweit KlonVersionen erfolgreicher amerikanischer Online-Unternehmen hochzuziehen, auch in Brasilien an. 200 Millionen Euro haben sie am Standort São Paulo in 16 Startups investiert und 3000 Mitarbeiter eingestellt, verrät Rodrigo Sampaio, Rockets Lateinamerika-Chef.

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Was die Szene lockt, ist „der riesige unbefriedigte Markt“, sagt Philipp Povel, einer der vier Chefs von Dafiti. Zwar steht der Distanzhandel in Brasilien erst am Anfang. Doch schnelle Internet-Verbindungen und sichere Zahlsysteme haben die Brasilianer in kürzester Zeit zu begeisterten InternetShoppern gemacht. Kein Wunder, dass die Rocket-Sprösslinge schnell wachsen. Einige sind aus ihren Hinterhofbüros schon in die besten Businessviertel der brasilianischen Wirtschaftsmetropole umgezogen. So das Mode-Startup Dafiti, das Anfang 2012 die zwölf obersten Stockwerke eines modernen Hochhauses im Businessdistrikt Barra Funda mietete. Aufgesetzt nach dem europäischen Vor-

bild Zalando, avancierte es binnen Kurzem zu Brasiliens Nummer eins in ModeE-Commerce. Wer in Brasilien ins Netz geht, stößt fast unvermeidlich auf das Logo des Unternehmens. Auf YouTube inszeniert sich Dafiti als junge, flippige LifeStyleMarke mit Modenshows und lachenden, schönen Menschen. Motto: Das Leben ist eine Party. Gefilmt wird oft direkt am neuen Hauptsitz. Dort drängeln sich die Mitarbeiter, meist Mitte 20, lässig angezogen, wie es sich für ein Startup gehört – mitten im organisierten Chaos die vier Chefs, die schon an ihrer Sprache deutlich als Brasilien-Neulinge zu erkennen sind. Bis auf den Deutsch-Brasilianer Philipp Povel haben die knapp Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: PARALLELOZERO/SERGIO RAMAZZOTTI

Nirgendwo sonst auf der Welt ist die deutsche Wirtschaft so stark wie in São Paulo: Brasiliens Wirtschaftsmetropole ist der größte deutsche Industriestandort außerhalb Deutschlands – dank eines einmaligen Netzwerks. Jetzt blüht hier auch die deutsche Startup-Szene auf.


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In São Paulo leben elf Millionen Menschen – 21 von ihnen sind Milliardäre

30-Jährigen alle erst vor Kurzem Portugiesisch gelernt. Malte Huffmann und Malte Horeyseck kommen aus Deutschland, Thibaud Lecuyer aus Frankreich. Umso überraschender ist, wie schnell sich Dafiti im komplizierten Businessumfeld Brasiliens mit seiner wuchernden Bürokratie, dem schwierigen Steuersystem und den archaischen Arbeitsgesetzen zurechtfindet. „Alles kein Problem“, winkt Povel ab. „Das wird uns nicht daran hindern, aus Dafiti einen Riesenkonzern zu machen.“ Darauf setzt auch die Investmentbank JP Morgan, die Mitte vergangenen Jahres 45 Millionen Dollar in das Modeunternehmen steckte. Robert Cousin, Asset Manager der US-Investmentbank, zeigt sich „beeindruckt, wie das Unternehmen in nur einem Jahr der größte virtuelle Modeanbieter Brasiliens werden konnte“. Die „Financial Times“ sieht den Deutsch-Brasilianer Philipp Povel als eine der 25 Personen, auf die man in Brasilien achten sollte, weil sie das Potenzial für ganz Großes haben. Die Internet-Shops der Samwer-Brüder sind Teil der jüngsten Einwanderungswelle deutscher Unternehmer in das lateinameWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

rikanische Schwellenland. Nach der Industrie kommen jetzt auch die Händler und Dienstleister. Ihre Hauptanlaufstelle: São Paulo, Brasiliens Wirtschaftszentrum. In der Stadt leben elf Millionen Menschen, im Großraum fast doppelt so viele. Und das auf einer nur knapp doppelt so großen Fläche wie Berlin. Es ist nach Tokio und Delhi das größte städtische Konglomerat weltweit. Die Unternehmen dort erwirtschaften ein Drittel der brasilianischen Wirtschaftsleistung.

REICHE BRASILIANISCHE TÖCHTER Hier hat sich ein weltweit einmaliges Cluster aus deutschen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und außenwirtschaftlichen Institutionen gebildet. Etwa 800 der insgesamt 1400 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in ganz Brasilien haben im Großraum São Paulos ihren Firmensitz. Deswegen gilt die Metropole als größte deutsche Industriestadt weltweit. Zehn Prozent der brasilianischen Industrieleistung erwirtschaften die brasilianischen Töchter deutscher Konzerne – die meisten von ihnen haben ihre Verwal-

tungssitze in São Paulo und ihre Produktionsanlagen im umliegenden Bundesstaat São Paulo konzentriert. Die deutsche Wirtschaft ist hier seit Langem stark verwurzelt: Siemens, Bayer, Hamburg Süd und die Deutsche Bank machen in Brasilien schon seit über 100 Jahren Geschäfte. Nirgendwo sonst auf der Welt besetzen deutsche Konzerne solche Schlüsselpositionen in der Industrie. Selbst in China haben sie nicht so viel investiert. Und nirgendwo sonst auf der Welt haben die Deutschen so ein dichtes Beziehungsnetz aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden geknüpft (siehe Seite 30). Wer São Paulo nach Süden in Richtung der Hafenstadt Santos verlässt, fühlt sich streckenweise wie in einem deutschen Industriegebiet: Entlang der Fernstraße reihen sich die Fabriken von Autobauern wie Daimler und Volkswagen mitsamt ihren Zulieferern, von Chemieunternehmen wie Bayer und BASF. Im Industriegürtel der brasilianischen Millionenmetropole haben sich metallverarbeitende Konzerne wie ThyssenKrupp und Voith oder Elektronikunternehmen wie Siemens nieder- »

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Trends

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gelassen. Diese Konzentration deutscher Konzerne entlang der Ausfalltrassen liegt am Verlauf der Industrialisierung Brasiliens, bei der deutsche Konzerne in São Paulo eine Schlüsselstellung bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einnahmen: Vor allem die sogenannten ABCD-Vororte Santo André, São Bernardo, São Caetano und Diadema – heute alle selbst Großstädte in der Metropolregion – wurden das neue industrielle Herz São Paulos. Die Großstadt lebte damals noch im Schatten der Hauptstadt Rio de Janeiro. São Paulos Reichtum kam von den Kaffeeplantagen und Rinderfarmen des umliegenden Bundesstaates. Eine erste Industrialisierung hatte in den Dreißigerjahren eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die ausgefallenen Importe durch eigene Produktion ersetzt werden. São Paulos zweiter industrieller Aufstieg begann, als Volkswagen und Mercedes ihre ersten Fabriken außerhalb Deutschlands nach dem Krieg dort errichteten. Die Automobilbranche ist bis heute das Flaggschiff der deutschen Industrie. Volkswagen teilt sich mit Fiat die Marktführerschaft im inzwischen viertgrößten Absatzmarkt für Pkws. Dort werden inzwischen mehr Pkws produziert als in Deutschland. Zurzeit baut mit BMW erstmals ein deutscher Hersteller im Premiumsegment ein eigenes Werk in Brasilien. Das Werk wird zwar im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina errichtet. Seine Verkaufsabteilung wird der Münchner Auto-

bauer wohl aber nach São Paulo versetzen. Denn dort sitzt die reiche Kundschaft. Die BMW-Filiale Caltabiano in São Paulo hält im Motorrad-Reich mit knapp 600 verkauften Zweirädern im Jahr den Weltrekord beim Umsatz. Fünf der zehn BMW-Motorrad-Filialen mit den weltweit höchsten Verkäufen stehen in Brasilien. São Paulo ist generell einer der wichtigsten Absatzmärkte für Luxusartikel. 21 Milliardäre und 30 000 Millionäre leben hier.

HEADQUARTER-CITY Auch deutsche Konzerne, die ganz woanders in Brasilien produzieren, sind mit ihrem Headquarter in São Paulo – wie die meisten internationalen Konzerne: 60 Prozent der ausländischen Konzerne in Brasilien haben ihre Firmenzentrale in São Paulo angesiedelt, auch wenn ihre Fabriken vom Amazonas bis zu den Pampas im Land verteilt sind. So zum Beispiel der deutsche Lkw-Bauer MAN. Seit Langem ist die Volkswagentochter Brasiliens Marktführer bei Lastwagen und die Nummer zwei bei Bussen. Die Nutzfahrzeuge baut MAN in einer Fabrik in Resende auf halben Weg zwischen São Paulo und Rio de Janeiro. Doch der Firmensitz liegt in São Paulo, weil hier, so Konzernchef Roberto Cortes, „unsere Kunden sitzen“. Etwa die mächtigen Rohstoff- und Agrarkonzerne, die auf gewaltige Lkw-Flotten angewiesen sind, um ihre Exportprodukte vom Inland zu den Häfen am Atlantik zu bringen. Denn die Metropolregion São Paulo ist nicht nur das Industriezentrum, sondern

Die Stadt Bosch, ThyssenKrupp der Deutschen Voith Hydro

Flughafen Gurulhos

Jaraguá

Guarulhos

São Paulo

Siemens Barueri

Carapicuíba

Osasco

Lapa Barra Funda

Dafiti República

BMW-Motorrad-Filiale Butantã

Deutsches Generalkonsulat Deutsche Bank

Munich Re Deutsch-Brasilianische Brooklin São Caetano MAN Industrie- und Handelskammer Hamburg Campo Volkswagen Süd Limpo Santo Santo Bayer Amaro MercedesAndré Benz São Bernardo

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auch der führende Agrarproduzent Brasiliens. Hier wird Kaffee, Zucker, Rind- und Hühnerfleisch und Orangensaftkonzentrat produziert. Die internationalen Handelsunternehmen sowie die Agro- und Lebensmittelkonzerne haben in den vergangenen Jahren ihre regionalen Zentralen hierhin verlegt. Auch sonst konzentriert sich in São Paulo alles das, was Brasilien zu einem der wichtigsten Wachstumsländer weltweit macht: Zwar ziehen die Konzerne ihre Fabriken mehr und mehr ins Umland ab, weil sie die Immobilienpreise im Stadtgebiet nicht mehr zahlen können und die Umweltauflagen immer strikter werden. Doch dafür kommen Dienstleister: Bio-Tech, Software, Finanz, Pharma, Telekom. Sie wollen möglichst nahe heran an die guten Unis und Hochschulen im Großraum São Paulo. Die Stadt zieht auch die kreativsten Köpfe Brasiliens an. Nach einer Untersuchung der städtischen Verwaltungsuniversität Fundap entstehen in São Paulo zehn Prozent der Wirtschaftsleistung in der kreativen Ökonomie. Die Präfektur will sie weiter stärken: Berlin und Barcelona sind Vorbilder. São Paulo besitzt ebenfalls einen hoch entwickelten Finanzplatz mit den Zentralen der größten ausländischen und privaten Banken Brasiliens. Im Jahre 2008 fusionierten die Aktien- und die Terminbörse in São Paulo. Unter den aufstrebenden Volkswirtschaften rangiert die Börse nach dem Börsengang bezogen auf die Marktkapitalisierung hinter Shanghai und Hongkong auf Platz drei. Mit der Fusion wollte São Paulo nicht nur die Führungsrolle als Finanzmarkt in Lateinamerika ausbauen – die Metropole soll mittelfristig eines der führenden Finanzzentren weltweit sein. Brasilien will zu einem rund um die Uhr geöffneten Handelszentrum für Aktien, Währungen, Rohstoffe und Anleihen werden. Dazu kooperiert São Paulo mit zwei chinesischen Börsen. Dort sollen künftig brasilianische Aktien ohne zusätzliche Notierungskosten gehandelt werden, wenn die Börse in São Paulo noch geschlossen ist.

FINANZSOFTWARE AUS BRASILIEN Umgekehrt sollen chinesische Blue Chips in São Paulo gelistet werden. Auch die bestehende Beteiligung mit der Chicagoer Mercantile Exchange hat São Paulo ausgebaut, um einen Sitz im Board der größten Börse weltweit und Zugang zu Börsen-High-Tech zu bekommen. Mit Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Bodennah Die vier Dafiti-Gründer haben einen deutschen Investor. Kinder lernen an der Deutschen Schule von São Paulo

FOTO: ABRIL COMUNICAÇÕES SA/CLAUDIO GATTI, PR

Von der Stärke des Finanzplatzes profitieren auch die deutsche Banken: Alle haben ihren brasilianischen Hauptsitz in São Paulo. Das Privatkundengeschäft, das es unter der früheren Deutsch-Südamerikanischen Bank noch gab, haben sie schon lange aufgegeben. Sie finanzieren heute deutsche Unternehmen und deren Kunden sowie brasilianische Konzerne: Die Commerzbank und die Landesbank Baden-Württemberg sind stark im Finanzierungsgeschäft deutscher Unternehmen; die Deutsche Bank an der Finanzmeile Avenida Brigadeiro Faria Lima ist in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Akteure im Geschäft mit brasilianischen Anleihen geworden – und damit einer der führenden Kreditvermittler für brasilianische Unternehmen im Ausland. Nicht nur mit Service, auch mit Fußball verdienen die deutschen Finanzdienstleister Geld. Die Rückversicherer Munich Re und die Allianz-Tochter AGCS beispielsweise haben sich an der Versicherung der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 beteiligt: Der Welt-Fußballverband Fifa hat seine wichtigste Einnahmequelle mit 650 Millionen Dollar gegen Verlegung oder Vertagung versichert.

Erfolg: So werden die Verkäufe von Aktien und Optionen in der Frankfurter Börse mit brasilianischer Finanzsoftware abgewickelt. Wegen seiner Inflationsvergangenheit hat Brasilien bei Bankenautomatisierung und Scheckabwicklung bis heute weltweit einen Spitzenplatz bei der IT inne. In Zeiten der Hyperinflation konnte es sich kein Institut leisten, drei Tage Zeit für eine Überweisung zu brauchen. Die Filialen waren schon durch eigene satellitengestützte Kommunikationsnetze miteinander verbunden, als Telefone noch selten waren in Brasilien. WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Die ersten Geldautomaten stellten hier private Banken 1970 auf. 1995 führte Bradesco, die zweitgrößte private Bank Brasiliens, flächendeckend Internet-Banking ein. Bill Gates kam nach Brasilien, um sich erstaunt erklären zu lassen, wie es funktionierte.

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BOOM MIT UMWELTTECHNOLOGIEN So hat die deutsche Wirtschaft Brasilien als einen der wichtigsten Märkte weltweit für Umwelttechnologien ausgemacht. Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Roland Berger in Brasilien wird der Markt für Green Technology bis 2020 jedes Jahr fünf bis sieben Prozent wachsen – also möglicherweise mehr als Automobil, Chemie oder Maschinenbau. „Die Unternehmen wollen Investitionen in erneuerbare Energien, Entsorgung und Wasser sowie Abwasser“, erklärt Thomas Kunze von Roland Berger in São Paulo auf Basis einer Umfrage unter den 100 größten Konzernen Brasiliens. »

In São Paulo entstehen in der kreativen Ökonomie zehn Prozent des brasilianischen BIPs 29


Trends

» Weil die Deutsch-Brasilianische Han-

delskammer das wachsende Interesse der deutschen Industrie am Umweltmarkt Brasiliens bei den Anfragen spürte, richtet sie in São Paulo seit 2009 jährlich die Ecogerma aus, als Messe über Nachhaltigkeit. Die Umweltabteilung der Handelskammer ist eine der zentralen Verbindungsstellen. Mit ihr fördert sie den Austausch von Green Technology zwischen Brasilien und Deutschland. Einmal im Jahr vergibt die Handelskammer den Von-Martius-Umweltpreis für ein besonders innovatives Projekt oder Unternehmen in Brasilien. Auch beim Hafen-, Straßen- und Schienenausbau sollen private Investoren federführend beteiligt werden: So hat der Hafen Duisburg ein Beratungsabkommen mit dem Hafen Santos für ein umfangreiches

Logistikkonzept abgeschlossen. Die Hafenstadt an der Küste von São Paulo soll an das industrialisierte Hinterland angeschlossen werden. Erich Staake, Chef der Duisburger Hafen AG, freut sich: „Wir wollen für die heimische Wirtschaft als Wegbereiter fungieren, wenn es im nächsten Schritt um die Vergabe der Aufträge geht.“ Die Flex-Fuel-Technik, die es ermöglicht, sowohl mit Ethanol als auch Benzin in jedem beliebigen Verhältnis fahren zu können, entwickelte der Automobilzulieferer Robert Bosch in Brasilien in Campinas bei São Paulo. Der schon seit über 50 Jahren in Brasilien anwesende Konzern hat seine weltweite Forschung und Entwicklung von Biotreibstoffen dort konzentriert. Erneuerbare Energien sind in Brasilien traditionell wichtig: Das Land produziert

fast die Hälfte seiner Energie aus Wasserkraft und Biotreibstoffen. Weltweit sind es nur 13 Prozent. Sowohl für die Wasserkraftwerke wie auch die Ethanol- und Biotreibstoffproduktion sind deutsche Konzerne wie etwa Siemens oder Voith als Zulieferer schon lange aktiv. Voith Hydro, das Gemeinschaftsunternehmen der beiden Konzerne, das weltweit Turbinen und Generatoren für Wasserkraftwerke liefert, hat sein internationales Kompetenzzentrum für Wasserkrafttechnologie in Jaraguá in der Peripherie von São Paulo angesiedelt. Die deutschen Unternehmen haben in São Paulo Vorteile gegenüber vielen Konkurrenten aus Europa oder den USA: Es gibt kein Land der Welt mit dem Brasilien so viele Forschungsabkommen unterhält wie mit Deutschland. Die verschiedenen

Willkommen im Club! In der Verbo Divino 1488 in São Paulo schlägt das Herz der deutsch-brasilianischen Beziehungen. Die Adresse 1488 in der Straße „Verbo Divino“, der „Heiligen Schrift“, lässt eher eine religiöse Institution erwarten, als das Zentrum deutscher Institutionen aus Wirtschaft, Technologie, Forschung und Finanzen in São Paulo. Doch in dem nüchternen, siebenstöckigen Betonkomplex im Stadtteil Chácara Santo Antônio schlägt das institutionelle und soziale Herz der deutschen Businesscommunity Brasiliens.

STAATSGÄSTE PROST!

Und der dort ebenfalls residierende Club Transatlântico ist der wichtigste deutsche Club der Millionenstadt. Dort halten deutsche Präsidenten und Minister auf Staatsbesuch ihre Reden. Die deutsche Community schaut dort mit geladenen Gästen die Übertragungen der Nationalelf an. Und mittags treffen sich Geschäftsleute in der Weinstube zu Entenbraten mit Rotkraut und Spätzle. Der Club Transatlântico und das German Business Center bilden das „Deutsche Haus“ in

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São Paulo. Mit dem deutschen Generalkonsulat, das acht Kilometer entfernt, weiter nördlich in der Stadt liegt, gelten die drei Institutionen als das Nervenzentrum der deutschen Präsenz in São Paulo, der wichtigsten Industriestadt Deutschlands im Ausland.

RUNDUMVERSORGUNG

An der Verbo Divino 1488 hat sich um die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer (AHK) ein Cluster von zwei Dutzend deutschen Institutionen gebildet. 300 Mitarbeiter arbeiten dort, allein 150 für die AHK. Für brasilianische Unternehmer, Investoren und Wissenschaftler funktioniert das Deutsche Haus als eine überaus praktische Anlaufstelle für erste Kontakte nach Deutschland. „Wir bieten eine Rundumversorgung sowohl für deutsche wie auch brasilianische Unternehmer zentriert an einer Stelle“, sagt Thomas Timm, Hauptgeschäftsführer der Kammer in São Paulo, zu der zwölf weitere Dependan-

cen in ganz Brasilien und ein Verbindungsbüro in Frankfurt gehören. Die AHK in São Paulo ist die nach Umsatz größte deutsche Außenhandelskammer weltweit.

KAMMER-TV

In Rio de Janeiro und Porto Alegre gibt es zwei weitere eigenständige deutsche Kammern in Brasilien. Sie sind als Vermittler zwischen Unternehmen, Behörden und Verbänden in Brasilien und Deutschland wichtige Angel- und Drehpunkte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit diesseits und jenseits des Äquators. 12 000 Anfragen bekommt alleine die Kammer in São Paulo jährlich. Sie hat rund 1700 Firmenmitglieder. Das kammereigene TV-Studio interviewt regelmäßig deutsche und brasilianische Unternehmer, Politiker, Verbandsfunktionäre und zu Besuch weilende Minister für das kammereigene Internet-Portal. Bei der Weltmeisterschaft will das Communication Center Brasil-Aleman-

ha vor allem Medienvertreter in Brasilien betreuten.

WISSENSCHAFTSHAUS

Weltweit einmalig, sagt Geschäftsführer Timm, ist das dichte institutionelle Cluster, welches sich in den vergangenen Jahren in der Verbo Divino gebildet hat: Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat dort ihren Sitz, ebenfalls die Vertretungen der Bundesländer Bayern und Schleswig Holstein, genauso der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Das neueste Projekt, das seit 2012 der deutschen Forschung in Brasilien ein ganz neues Gesicht verschafft hat, ist das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) – ebenfalls im Gebäude mit Kammer und Club vereint, eine von insgesamt nur fünf Institutionen des Bundes weltweit. Neben São Paulo gibt es die DWIH nur noch in Moskau, Neu-Delhi, New York und Tokio. Diese Institutionen sollen die deutsche Wissenschafts-

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Mit Deutschland hat Brasilien so viele Forschungsprojekte wie mit keinem anderen

öffentlichen und privaten Universitäten in Stadt und Bundesstaat São Paulo haben Weltruf – und arbeiten eng mit deutschen Akademien und Forschungsinstituten zusammen. Auf diese Zusammenarbeit zwischen Universitäten und öffentlichen Stellen können die Unternehmen nun setzen, weil es immer mehr Investitionsmöglichkeiten gibt für öffentlich-private Projekte. Der Staat konzentriert seine Mittel auf Investitionen in Infrastruktur – und überlässt der Privatwirtschaft das Feld bei Umwelttechnologien. Wie groß der Bedarf an Massentransport in São Paulo ist, spürt ViaQuatro, der erste private U-Bahn-Konzern Lateinamerikas, der mit einer Konzession der Stadt eine U-Bahn betreibt: Eine Woche nachdem das Unternehmen Ende 2011 den Betrieb mit

sechs Stationen auf der zwölf Kilometer langen Strecke eröffnet hatte, waren die Fahrgastzahlen bereits auf knapp eine halbe Million am Tag angewachsen. Jetzt befördert ViaQuatro 800 000 Fahrgäste am Tag. „Es gibt weltweit kaum U-Bahnhöfe, die 100 000 Fahrgäste am Tag verkraften müssen – wie bei uns“, sagt Direktor Jorge Secall. Technik von Siemens macht’s möglich: Die Züge fahren ohne Fahrer. Von der Zentrale aus steuern Computer den Verkehr, die Temperatur in den Waggons, die Taktzahlen. So werden mehr Menschen in kürzerer Zeit transportiert als in den bestehenden Linien. 17 Minuten dauert die Fahrzeit von der Peripherie bis zum Finanzzentrum São Paulos – eine Strecke, für die Autofahrer in der Rushhour zwei Stunden benötigen. n

Oktoberfest à la São Paulo Die Deutschen treffen sich im Club Transatlântico

landschaft im Ausland bekannt machen. Drei Förderorganisationen und fünf Vertretungen von 13 Universitäten verfügen dort über Büroräume. „Die deutsche Spitzenforschung hat in Brasilien eine Visitenkarte bekommen“, erklärt Kammerchef Timm.

FOTO: PR

TORTE UND STRUDEL

Dass das Zentrum der deutschen Brasilienpräsenz hier im Stadtteil Chácara Santo Antonio liegt, ist kein Zufall. Denn hier und in der unmittelbaren Umgebung hatten sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts viele deutsche Immigranten niedergelassen. Das Dorf Santo Amaro, zum dem der Stadtteil Chácara gehört, war noch nicht eingemeindet, aber per Straßenbahn vom Zentrum São Paulos aus zu erreichen. Noch heute finden sich auf dem Wochenmarkt von Santo Amaro Stände mit deutschen Spezialitäten – von der Schwarzwälder Kirschtorte und Apfelstrudel bis hausgemachtem Sauerkraut und Schwarz-

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brot. Im nahen Stadtteil Brooklin gibt es zwei deutsche Buchhandlungen. Einmal im Jahr findet dort auch das Oktoberfest der deutschen Gemeinde statt.

HUMBOLDT-SCHULE

In der Nähe der Formel-1-Piste in Interlagos befindet sich auch die Humboldt-Schule, die zweitgrößte deutsche Auslandsschule der Stadt – nach dem Colégio Visconde de Porto Seguro, kurz Porto Seguro genannt. Beide Schulen zählen heute zu den führenden privaten Schulen in São Paulo, an denen Brasilianer wie Deut-

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sche das deutsche Abitur machen können und damit die deutsche Hochschulreife erreichen. Porto Seguro ist mit 10 000 Schülern und seinen drei Schulen sogar die größte deutsche Auslandsschule weltweit.

AUSBILDUNGSPLÄTZE

Die Humboldt-Schule bildet zudem Abiturienten im dualen System aus. Daneben ist das vor 30 Jahren von deutschen Ex-Pats gegründete Instituto de Formação Profissional Administrativa (IFPA) zur größten deutschen Berufsschule im Ausland avanciert.

Für die Aufnahme an das IFPA sind zum einen gute deutsche Sprachkenntnisse nötig. Zum anderen braucht man einen Praktikumsvertrag bei einer deutschen Konzerntochter in Brasilien, die den Kurs dann auch bezahlt. Jährlich fangen am IFPA 50 Jugendliche eine zweijährige Ausbildung zum Kaufmann der Industrie, Logistik, Spedition und Bürokommunikation an. Vor allem mittelständische Unternehmen finanzieren die Ausbildungsplätze. „Die bekommen derzeit deutlich zu spüren, dass sie sich langfristig um ihr Personal kümmern müssen“, erklärt Martin Gebhardt, Leiter der Abteilung Berufsbildung an der AHK in São Paulo. „Großkonzerne haben ganz andere Möglichkeiten, Mitarbeiter auch selbst zu rekrutieren.“ alexander.busch@wiwo.de

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Unternehmen

Die Herausforderer Die brasilianischen Unternehmen wachsen zu Weltkonzernen heran. Sie sind Werk einflussreicher Familien und geschickter Manager. Wir stellen acht von ihnen vor.

WELTWEITE AUFSTEIGER Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat 13 brasilianische Unternehmen ausgemacht, die sie als Herausforderer der etablierten globalen Marktführer bezeichnet. Viele von ihnen haben die Finanzkrise zunächst in Nord- und Südamerika genutzt, um dort ihr Portfolio auszubauen und dann weltweit zu expandieren. So ist BR Foods durch Fusionen in Brasilien und neue Fabriken in Nahost und Russland heute führender Weltmarktlieferant für Hühnerfleisch. Die renom-

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mierte Managementschule Fundação Dom Cabral hat 40 brasilianische Unternehmen identifiziert, die im Ausland investierten und produzieren – also nicht nur exportieren. Für den Aufstieg der brasilianischen Newcomer auf dem Weltmarkt gibt es mehrere Gründe: So sind die Konzerne gewohnt, in einem schwierigen Umfeld zu arbeiten.

HOHE FLEXIBILITÄT Denn Brasilien als Standort ist trotz der vielen Fortschritte in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine Herausforderung für jedes Unternehmen. Im „World Competitiveness Yearbook“ der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD rangiert Brasilien nach Unternehmerfreundlichkeit auf den hintersten Rängen. Vor allem der ineffiziente Staat mit einer ausufernden Bürokratie, einer veralteten Arbeitsgesetzgebung, der lahmenden Justiz sowie die katastrophale Infrastruktur ziehen Brasilien in den Rankings nach unten. Betrachtet man jedoch die Effizienz der brasilianischen Unternehmen, dann zeigt sich ein ganz anderes Bild: Bei Flexibilität und Offenheit der Mitarbeiter für neue Herausforderungen stehen brasilianische Konzerne weltweit an der Spitze im IMDRanking. Bei der Fähigkeit, sich auf neue Märkte einzustellen, belegen brasilianische Unternehmen vordere Positionen. Das liegt auch an der starken Persönlichkeit der Vorstandsvorsitzenden und Gründer der Konzerne. Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen acht Größen der brasilianischen Wirtschaft vor. alexander.busch@wiwo.de

DER STAHLHARTE Jorge Gerdau Johannpeter leitet den Stahlkonzern Grupo Gerdau. Jetzt versucht er, den Staatsapparat auf Effizienz zu trimmen. Als einer der wenigen Unternehmer genießt er das Vertrauen von Präsidentin Dilma Rousseff. Wer viel auf brasilianischen Flughäfen unterwegs ist, kann ihn schon mal inmitten der Meute ganz normaler Businessreisender sehen – ohne Assistenten und Gefolge geduldet sich der kräftige Jorge Gerdau Johannpeter dann in den langen Warteschlangen an den Taxiständen. Mit Fliegen verbringt der 76-Jährige viel Zeit: Unermüdlich ist der deutschstämmige Unternehmer unterwegs in einer politischen Mission, seit er vor fünf Jahren die Geschäftsführung seines Stahlkonzerns Grupo Gerdau an Sohn Andre Johannpeter übergeben hat: Er will die lähmende Bürokratie seines Landes auf Effizienz trimmen, so wie er es vorher erfolgreich mit seinem Konzern gemacht hat. Nicht nur in Brasilien ist sein Konzern der größte Stahlproduzent, auch in den USA. Mit dezentral gelegenen Minischmelzen, die Schrott zu Stahl verarbeiten, kann er dort flexibel auf lokale Konjunkturzyklen beim Bau reagieren. Von allen Unternehmern genießt er das größte Vertrauen bei Präsidentin Dilma Rousseff. Sie verschafft ihm Zugang zu allen Bereichen der Staatsbürokratie. Ganz nebenbei hat der passionierte Reiter die führende Springpferdezucht Brasiliens aufgebaut, er ist ein exzellenter Kenner der norddeutschen Hannoveranerzucht und spricht perfekt Deutsch – mit Hamburger Färbung.

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A

ls kürzlich die brasilianische Investmentgesellschaft 3G mit Warren Buffet den traditionellen Ketchuphersteller Heinz in den USA übernahm, da wunderten sich viele Analysten: Wer ist denn 3G? Inzwischen ist bekannt, dass dahinter ein hochkarätiges brasilianisches Investoren- und Managerteam steckt: Die Truppe um den Brasilien-Schweizer Jorge Paulo Lemann kontrolliert unter anderem den weltgrößten Braukonzern AB Anheuser Busch, den Fast-Food-Anbieter Burger King – und jetzt auch Heinz. Wie 3G haben viele brasilianische Konzerne in den vergangenen Jahren diskret und effizient ihre Weltmarktstrategie entwickelt – es sind Namen, die die wenigsten in Europa kennen, darunter der Fleischhersteller JBS, der Stahlkonzern Grupo Gerdau, der Lebensmittelproduzent BRF, die Banco Safra, der Elektrobauer Weg, der Mischkonzern Odebrecht, der Computerspezialist Sabó, der Röhrenlieferant Tigre oder auch der Bushersteller Marcopolo.


» WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Jorge Gerdau spricht perfekt Deutsch – mit Hamburger Färbung 33


Unternehmen DER SCHLAGFERTIGE Unter Marcelo Odebrecht wuchs das deutschstämmige Familienunternehmen zum größten Mischkonzern Brasiliens heran.

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Unter Enkel Marcelo hat der Konzern seine Hauptaktivität wieder nach Brasilien verlagert – in den kriselnden Neunzigerjahren baute Odebrecht vor allem in den USA und Europa, weil zu Hause die Aufträge fehlten. Heute ist Odebrecht mit einem Umsatz von 35 Milliarden Dollar (2011) der führende Immobilienentwickler Brasiliens und Südamerikas. Der Konzern errichtet Stadien, Flughäfen, Autobahnen, U-Bahnen und ganze Städte zwischen Feuerland und der Karibik. Unter dem Dach des Unternehmens sind inzwischen auch Braskem, der börsennotierte, größte Chemiekonzern Lateinamerikas, und ETH, eine Ethanoltochter, versammelt.

FOTO: ABRIL COMUNICAÇÕES SA/GERMANO LÜDERS, ABRIL COMUNICAÇÕES SA/PAULO VITALE

Wer dem schmalen, fast zierlichen Marcelo Odebrecht bei einem seiner wenigen Auftritte in der Öffentlichkeit begegnet, staunt über seinen vollen Bass und die direkte, schlagfertige Art. Der 42-Jährige macht auch kein Hehl daraus, dass er aus dem Nordost-Bundesstaat Bahia stammt. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Familie Odebrecht nach Brasilien ausgewandert. Dort hat sein deutschstämmiger Großvater Norberto den Baukonzern vor mehr als einem halben Jahrhundert gestartet. Noch heute geht der fließend Deutsch sprechende, 92-jährige Firmengründer in Salvador jeden Tag im weißen Leinenanzug zur Arbeit in die Holding.

Ein schmaler, fast zierlicher Mann, mit einem vollen Bass Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


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Blairo Maggi sieht sich nicht als Grüner, er ist nur pragmatisch

DER SOJAKÖNIG Blairo Maggi vertritt als Chef der Grupo Amaggi geschickt die Interessen der Großfarmen in der Politik. Mittlerweile hat er sich dafür sogar vom ignoranten Großkapitalisten zum Nachhaltigkeitsfanatiker gewandelt. Der 56-jährige Blairo Maggi ist harte Arbeit gewohnt. Von hitzeresistenten Pflanzensorten und Kraftwerken, Stadtansiedlungen, Häfen, Flughäfen bis hin zum Transport über Amazonasflüsse in der abgelegen Provinz Brasiliens hat er die Sparten seines Familienunternehmens eigenhändig entwickelt und aufgebaut. So schaffte es seine Grupo Amaggi, Brasiliens Inlandssavanne in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Kornkammer der Welt auszubauen. Doch kein Erfolg ohne Gegner – Maggi, der Sojakönig, war lange einer der Lieblingsfeinde der Umweltschützer: 2005 verlieh ihm Greenpeace die „Goldene Kettensäge“ als größter RegenwaldzerWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

störer. Als der Agromilliardär jedoch im Februar zum Präsidenten der Umweltkommission des Senates gewählt wurde, gab es kaum Proteste. Denn Maggi hat inzwischen erkannt, dass Umweltschutz der Landwirtschaft neue Wachstumschancen bietet: Sein Soja wächst nicht auf abgebrannten Amazonasflächen, seine Farmen lässt er mit den strengsten Umweltsiegeln zertifizieren. Maggi greift heute sogar die Argumente von Regenwaldschützern auf, wenn er für Waldbesitzer Entschädigung fordert, die ihre Baumbestände schützen. Ob er ein Grüner geworden sei, fragte ihn kürzlich eine Reporterin. „Nein, nicht grün“, sagte er, „ich bin pragmatisch.“

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Unternehmen

DER UNVERWÜSTLICHE Bis vor Kurzem war Eike Batista der reichste Mann Brasiliens. Jetzt hat er Milliarden Dollar verloren. Sein Logistikimperium ist in Gefahr. Eigentlich wollte Eike Batista jetzt schon der reichste Mann der Welt sein. Doch stattdessen verringerte sich im vergangenen Jahr der Wert von EBX, dem Rohstoff-Logistik-Energie-Konglomerat des 56-Jährigen, von 25 Milliarden auf 10,6 Milliarden Dollar. Kein anderes Milliardenvermögen weltweit schrumpfte so stark wie das Batistas. Der einstmals siebtreichste Mensch der Welt ist auf Platz 100 der Wohlhabenden abgerutscht. Der Grund: Seine Minen, Ölquellen, Häfen, Werften liefern weniger Gewinne als angekündigt. Die Investoren haben dem Charismatiker lange alles geglaubt. Das ist nun vorbei, er muss Ergebnisse liefern. Doch er nimmt es sportlich – und abschreiben darf man ihn keineswegs: Er ist Rückschläge gewohnt, seit er

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mit Anfang 40 seine erste Milliarde mit Goldminen im Amazonas verdient hatte. Dem Anfangserfolg folgte bereits damals eine längere Pechsträhne. In dieser Zeit trat Batista mehr in der Boulevardpresse als in den Wirtschaftsmedien in Erscheinung: als erfolgreicher Rennbootfahrer und vor allem durch seine turbulente Ehe mit einem Ex-Model – einer gefeierten Sambatänzerin und mehrfachem Playboy-Cover-Girl. Dabei ist Batista viel bodenständiger, als es die zeitweilige Jetset-Karriere vermuten lässt: Er hat in seiner Jugend mit seinen sechs Geschwistern elf Jahre in Düsseldorf und Brüssel gelebt – seine Mutter war Deutsche. Drei Jahre studierte er in Aachen Ingenieurwissenschaften. Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

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In seiner Jugend hat Batista elf Jahre in Düsseldorf und Brüssel gelebt


DER SCHARFE DENKER Der Mathematiker und Programmierer Andre Esteves will von Brasilien aus die führende Investmentbank im BRIC-Universum aufbauen. Man sieht Andre Esteves den Parforceritt nicht an, den er seit mehr als einem Jahrzehnt auf den Weltfinanzmärkten vollführt. 2006 hatte er mit einem Partner seine Investmentbank Pactual für drei Milliarden Dollar an die Schweizer UBS verkauft und wurde zum jüngsten Milliardär Brasiliens. Inzwischen ist der heute 44-Jährige nach mehreren Volten zum führenden Investmentbanker des Landes aufgestiegen – und hat seine Bank wieder zurückgekauft. Esteves, der nichts von einem gelackten Wall-Street-Finanzjongleur an sich hat, wird seitdem in der Branche sehr geschätzt. Der studierte Mathematiker fällt durch seine transparente und klare Analyse auf. Seine wiedererlangte Bank nennt Esteves nun BTG: Banking and Tra-

ding Group. In der brasilianischen Finanzmetropole São Paulo wird das Akronym als „back to gamble“ dechiffriert. Beim Börsengang im April 2012 nahm Esteves zwei Milliarden Dollar ein – für zehn Prozent der Bank. Sie ist damit mehr wert als das gesamte Investmentbanking der Schweizer UBS. Doch mit den Banken aus Old Europe will sich Esteves gar nicht mehr messen: BTG soll die größte Investmentbank im BRIC-Universum werden – ein Goldman Sachs der Emerging Markets. Unter Esteves dürfte BTG gute Chancen haben, diese Spitzenposition zu erklimmen. Inzwischen heißt es, dass BTG deswegen auch die Abkürzung für „Better than Goldman“ bedeuten könnte.

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Viel vom gelackten Wall-Street-Banker hat er nicht

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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Unternehmen DAS ASS Der Ex-Tennisprofi Jorge Paulo Lemann hat von Brasilien aus ein weltweites und nimmersattes Lebensmittelreich aufgebaut: 3G.

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So wurde der asketische Jorge Paulo Brasiliens reichster Mann

Bier, Burger, Ketchup – kaum jemand hätte dem asketischen Jorge Paulo Lemann abgenommen, dass er irgendwann einmal das weltgrößte Fast-Food- und Bierimperium kontrollieren würde. Eigentlich wollte der Brasilien-Schweizer Tennisprofi werden. Fünfmal war er brasilianischer Meister und spielte für Brasilien in Wimbledon. Lemann wuchs begütert auf. Seine Eltern, Schweizer Auswanderer, waren durch ihre Kakaoplantagen in Südbahia wohlhabend geworden. Lemann hängte seine Tenniskarriere an den Nagel und studierte in Harvard. Zurück in Brasilien, gründete er die Investmentbank Garantia. 1989 verkaufte er sie an die Credit Suisse. Dann übernahm er die zweitgrößte Brauerei Brasiliens und startete eine internationale Einkaufstour: Er fusionierte seine Brauerei 1999 mit dem lokalen Marktführer zur Ambev, der Brauerei, die weltweit am rentabelsten Bier braut und verkauft. 2004 fusionierte sie mit der belgischen Interbrew zu Inbev. Vor vier Jahren übernahm sie den US-Brauer AnheuserBusch und schuf damit die mit Abstand größte Brauerei der Welt. Vor zwei Jahren schlug Lemann wieder zu und kaufte Burger King. Sein jüngstes Ass: Mithilfe von Warren Buffet nimmt er das traditionelle US-Unternehmen Heinz Ketchup in sein Portfolio auf. Lemann ist heute mit einem Vermögen von 17,8 Milliarden Dollar der reichste Mensch Brasiliens.

DER BANKER AUS BEIRUT

Wie ein Donnerhall wirkte es im November 2011 in der Schweiz, als das brasilianische Bankhaus Safra für rund eine Milliarde Franken die Privatbank Sarasin übernahm. Durch den Einstieg bei Sarasin entstand mit einem verwalteten Vermögen von rund 140 Milliarden Franken der viertgrößte Vermögensverwalter der Schweiz nach UBS, Credit Suisse und Pictet. Und der 74-jährige Joseph Safra hat schnell klargemacht, dass er seine Rolle als Kontrolleur nicht als stiller Teilhaber versteht, sondern sich höchstselbst um die Bank kümmern wird. Safra ist ein äußerst diskreter Mann, er gibt keine Interviews und ist in Brasilien schon eine Bankier-Legende: Die Wurzeln des Bankhauses reichen bis Anfang des vergangenen Jahrhunderts nach Aleppo in Syrien zurück. Mit seinem Vater Jacob und zwei Brüdern gründete der in Beirut geborene Joseph in den Fünfzigerjahren die Banco Safra in Brasilien. Seit 2006 führt er die Bank allein, und mit 15,9 Milliarden Dollar ist er der zweitreichste Mensch Brasiliens. Die laufenden Geschäfte seines Bankhauses und der Investmentbank in Brasilien hat Joseph an die zwei Söhne Alberto, 33, und David, 28, delegiert, um sich jetzt höchstpersönlich in Genf und Basel um J. Safra Sarasin zu kümmern. Mit der Übernahme in der Schweiz möchte Safra als weltweit vertretener Vermögensverwalter seinen brasilianischen Kunden über Sarasin den Zugang zu den wachsenden Finanzmärkten in Fernost bieten – dort ist Safra, anders als Sarasin, bisher schwach vertreten.

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In Brasilien ist der höchst diskrete Joseph Safra eine lebende Legende

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FOTO: FOLHAPRESS/ALAN MARQUES, ABRIL COMUNICAÇÕES SA/ANA ARAUJO, GABRIEL RINALDI

Joseph Safra ist Chef der Banco Safra. Er hat die Schweizer Privatbank Sarasin übernommen und sie zu seiner persönlichen Leidenschaft gemacht.


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Englisch hat er gerade erst gelernt, sein Name klingt in Brasilien provinziell

DER FLEISCHER Wesley Mendonça Batista hat mit seinen Brüdern den väterlichen Schlachthof in den größten Steakkonzern der Welt verwandelt: JBS. Jahrelang verärgerten die Batista-Brüder die brasilianischen Medien, weil sie sich weigerten, Fotos von sich zu veröffentlichen – aus Angst vor Entführungen. Doch als aus dem brasilianischen Schlachthaus aus der Provinz mit einem Umsatz von 400 Millionen Dollar in zehn Jahren ein Lebensmittelgigant wurde, der 2012 für 30 Milliarden Euro Fleisch verkaufte, da war es mit der Anonymität vorbei. Zumindest für Konzernpräsident Wesley Batista, der jetzt regelmäßig auch mit Foto in der Presse erscheint. Seitdem staunt die brasilianische Öffentlichkeit, dass hinter dem Erfolg des inzwischen weltgrößten Fleischkonzerns die drei Batista-Brüder Wesley, 41, Joesley, 40, und José, 51, genannt Júnior, stehen. WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Alles Namen, die in Brasilien nach Provinz klingen – was auch zutrifft: Die drei stammen aus Anápolis im Westen Brasiliens. Dort, wo Rinderweiden und Sojafelder bis an den Horizont reichen, gründete Vater Batista seine erste Metzgerei, um die Arbeiter beim Bau der Hauptstadt Brasilia mit Frischfleisch zu versorgen. Joesley hat die Schule abgebrochen. Wesley konnte vor Kurzem noch kein Wort Englisch. Und doch gelang es den Batistas, in zehn Jahren aus dem väterlichen Schlachtbetrieb den mit Abstand größten Fleischproduzenten der Welt zu machen. Drei Viertel ihres Umsatzes machen die Batistas mit 130 000 Mitarbeitern heute außerhalb Brasiliens. Ihr Konzept: n Wesley sondiert, Júnior verhandelt, und Joesley bezahlt.

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Unternehmen

Kampf der Karossen

Asiatische Hersteller drängen nach Brasilien, den bald drittgrößten Automarkt weltweit. Die dort etablierten Autobauer geraten unter Druck – allen voran Volkswagen.

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ine der erfolgreichsten deutschbrasilianischen Erfindungen kam eher stockend in Gang: Die FlexFuel Antriebstechnik, mit der Motoren bei jedem Mischungsverhältnis aus Benzin und Ethanol betrieben werden können. „Wir hatten die Technologie schon Anfang der Neunzigerjahre in der Schublade“, sagt Besaliel Soares Botelho, Präsident von Bosch im brasilianischen Campinas. „Doch die Autokonzerne interessierten sich nicht dafür.“ Diese setzen die neue Technik in der Massenproduktion erst seit

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2003 ein – nachdem die Zuckerfabriken in den Destillen immer mehr Ethanol produzierten und die flächendeckende Versorgung mit dem Biotreibstoff gesichert war. Inzwischen werden 95 Prozent aller brasilianischen Neuwagen mit der Flex-FuelTechnik ausgestattet. Heute könnten es sich die Autokonzerne in Brasilien gar

Arbeiten in Anchieta Das größte VWWerk der Südhalbkugel baut den Fox

nicht mehr leisten, technische Neuerungen so lange zurückzuhalten. Denn der Technologietransfer nach Brasilien und die Entwicklung in Brasilien selbst sind heute zu strategischen Instrumenten der Branche geworden: Die Regierung fördert Autobauer, die in Brasilien entwickeln und forschen, mit hohen Steuernachlässen. Ziel der Aktion: Die ausländischen Kraftfahrzeughersteller sollen weniger Autos und Lkws aus ihren Mutterhäusern nach Brasilien exportieren oder dort aus importierten Teilen zusammenschrauben. Viel-

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mehr sollen die Autobauer in Brasilien Arbeitsplätze schaffen und eine starke Zuliefererindustrie hochziehen. Zudem sollen sie für den Wissenstransfer aus den Mutterhäusern sorgen, um die eigene Entwicklung in Brasilien voranzutreiben. Dazu erhöhte die Regierung Ende des vergangenen Jahres die Steuern für Pkws auf 30 Prozent. Auch ausländische Fahrzeughersteller, die schon teilweise in Brasilien produzieren, aber nicht auf einen lokalen Fertigungsanteil (Local Content) von 65 Prozent kommen, müssen diese Steuer bezahlen. Bei der Berechnung des Local Content wollen die Behörden künftig nur Auto- und Motorenteile berücksichtigen – und nicht wie bisher üblich auch Marketing- oder Personalkosten. Die brasilianische Regierung belohnt jedoch Pkw-Hersteller mit Steuerreduzierungen, die ihre Flotten mit spritsparenden Technologien ausstatten und alternative

Antriebsarten für den Markt entwickeln. Davon profitieren vor allem die in Brasilien stark vertretenen deutschen Fahrzeughersteller. Das meistverkaufte Modell in Brasilien ist der Gol von Volkswagen – brasilianisch für Tor im Fußball. VW hat den Gol in Brasilien entwickelt. Den Käfer-Nachfolger gibt es nun seit 32 Jahren, inzwischen in der sechsten Generation. In Brasilien hat VW auch den Kleinwagen Fox entwickelt, der im Werk Anchieta bei São Paulo, dem größten VW-Werk südlich des Äquators, produziert und weltweit verkauft wird. Bosch im nahen Campinas tüftelt derzeit daran, wie man Ethanol auch in Dieselmotoren der Landmaschinen und Lkws einsetzen kann. Der Autozulieferer Continental errichtet im Bundesstaat São Paulo ein Versuchslabor, um energiesparende Antriebstechniken wie die StartStopp-Technologie für Brasilien zur Marktreife zu entwickeln.

Absatz wächst schneller Produktion und Zulassung von Autos und leichten Nutzfahrzeugen (in Millionen) 4 Produktion

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Absatz

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FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

Quelle: Anfavea

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Die zurzeit wohl interessanteste lokale Entwicklung ist eine Serie der Nutzfahrzeugtochter von VW, die seit Kurzem unter der Konzernmarke MAN in Brasilien geführt wird: VW hat dort seit Mitte der Neunzigerjahre eine ganze Lastwagenfamilie vom Stadttransporter bis zum 45-Tonner entwickelt – in Zusammenarbeit mit der Zentrale in Hannover, aber vor allem mit eigenen Ingenieuren in Brasilien. Für das Projekt hat Volkswagen sogar ein eigenes Fabrikkonzept entwickelt, das auch heute noch revolutionär für die Branche ist. Es erfüllt perfekt die Anforderungen der Regierung an einen hohen lokalen Fertigungsanteil: In der Fabrik von MAN, bei Resende in der Mitte zwischen Rio de Janeiro und São Paulo gelegen, liegt der Local Content bei hohen 90 Prozent. MAN teilt sich dort mit acht Zulieferern die In-

vestitionsaufwendungen und das Risiko. In den Bandabschnitten Chassis, Achsen, Reifen, Motoren, Kabine, Lackiererei und Kabinenausstattung liefert jedes Unternehmen fertige Teile an und baut sie ein. Für Roberto Cortes, den Chef von MAN, ist die Fabrik der „Traum jedes Finanzchefs“: Weil Zulieferer die Fertigung übernehmen, sind die Fixkosten niedrig. Bei der in Brasilien rapide schwankenden Nachfrage können die Produktionsvolumen schnell hochgefahren oder reduziert werden. Mit dieser Fertigung gelingt es MAN, seine Bus- und Lkw-Produktion besser als in herkömmlichen Fabriken auf die Kundenwünsche auszurichten.

AMPHIBIENFAHRZEUGE VON VW Der weltweite Trend zur immer größeren Spezialisierung im Transportgewerbe gilt auch für einen Emerging Market wie Brasilien: So liefert VW für den Buskonzern Transbrasiliana höhergelegte Fahrzeuge mit einem Know-how, das sonst für militärisch genutzte Amphibienfahrzeuge eingesetzt wird. Damit bleiben die Busse in der Regenzeit auf den tagelangen Fahrten über die Transamazônica nicht so schnell in Schlammlöchern und Flüssen stecken. Der Müllentsorger Vega in Rio de Janeiro und São Paulo braucht wendige Fahrzeuge, die auch in den engen Straßen der Metropolen durchkommen und gleichzeitig wenig Lärm machen, weil der Müll vorwiegend nachts gesammelt wird. Zudem müssen die Mülltransporter auch voll beladen noch an den vielen steilen Hügeln der Millionenstädte anfahren können. VW liefert eine verstärkte Version einer mittelschweren Zugmaschine und rüstet sie mit einer zusätzlichen Achse aus, die bei leichter Ladung hochgezogen werden kann. Dadurch lässt sich der Dieselverbrauch reduzieren. Der Motor ist in eine geräuschdämmende Kapsel eingelegt. Geldtransportunternehmen, Brauereien und Getränkeabfüller, Zementfirmen, Minengesellschaften und Großfarmer – für jeden Kunden entwickelt der Konzern spezielle Modelle. Der Wettbewerbsvorteil durch Steuererleichterungen für die Produzenten, die ihre Produkte in Brasilien entwickeln, kommt für die deutschen Autokonzerne gerade rechtzeitig: Denn der Kampf um Marktanteile nimmt deutlich an Härte zu. Asiatische Hersteller drängen in das Land: Nissan und Suzuki aus Japan, JAC Motors und Chery aus China, Ssangyong und Hyundai aus Korea – alle eröffnen oder bauen derzeit »

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Unternehmen

» neue Fabriken in Brasilien. Die Autobau-

er lockt das Marktpotenzial: Brasilien hat nach Stückzahlen gerade Deutschland als viertwichtigsten Automarkt weltweit überholt. Und die Unternehmensberatung Roland Berger erwartet, dass Brasilien schon 2015 nach den USA und China der drittwichtigste Markt der Branche sein wird. Mit einem Fahrzeug auf sechs Einwohner ist der Markt im Vergleich zu den Industrieländern noch unterversorgt. Bis 2026 wird sich die Zahl der Pkw-Verkäufe auf 7,2 Millionen Fahrzeuge mehr als verdoppeln, schätzt der Wirtschaftsprüfer KPMG. Brasiliens Automarkt würde dann schneller wachsen als die Märkte in China oder den USA – wenn auch auf niedrigerem Niveau. Brasiliens hohes Pro-Kopf-Einkommen lockt auch Premiumanbieter. BMW baut erstmals eine Fabrik in Südbrasilien. Jaguar Land Rover sucht nach einem Standort. Auch Mercedes denkt über eine eigene Pkw-Fabrik im oberen Segment nach. Für die bereits lange in Brasilien ansässigen Autobauer wie die Marktführer Fiat und VW, aber auch Ford und General Motors wird das Klima rauer: Die wachsende Konkurrenz wird die Margen drücken, darüber herrscht Konsens in der Branche – auch wenn das öffentlich keiner gerne zugibt. Die seit einigen Jahren nach Südamerika drängenden Kleinwagenhersteller aus

Starke Italiener Marktanteile 2012 Autos und leichte Nutzfahrzeuge (in Prozent) Hyundai Toyota Honda Peugeot Citroën Renault

Sonstige

3,0 3,1 3,7

8,7

4,0 6,6

Ford

8,9

General Motors

23,0

%

21,3

Fiat

Volkswagen

17,7

Quelle: Anfavea

Korea, China und Japan machen ihnen den Markt im Einstiegssegment streitig – die bisherige strategische Stärke gerade der europäischen Anbieter. Auch US-Konzerne wie General Motors oder Ford sind in Brasilien mit ihren kleineren Modellen erfolgreich, die in deren europäischen Filialen bei Opel in Rüsselsheim oder Ford in Köln entwickelt wurden.

ANGRIFF AUS ASIEN Die asiatischen Hersteller greifen mit preiswerteren und großzügiger ausgestatteten Modellen an. Ihr Vorteil: Sie können mit niedrigeren Kosten arbeiten als die Platzhirsche in Brasilien. Neue Fabriken auf der grünen Wiese, importierte Teile aus

China und neue Mitarbeiterverträge machen sie bei den Kosten weitaus wettbewerbsfähiger als die Konzerne, die schon seit Jahrzehnten im Land sind. Zudem haben sie eine Marketingoffensive gestartet: Die chinesische Marke JAC und Hyundai aus Korea werben massiv in den populärsten Talkshows und zwischen den beliebten Telenovelas. Deren Fahrzeuge sind heute der Konsumtraum der aufsteigenden Mittelschicht Brasiliens. In dieser Situation stießen die etablierten Autobauer wie Fiat und VW bei der Regierung auf offene Ohren, als sie Marktschutz und einen hohen lokalen Fertigungsanteil forderten. Damit konnten sie die neuen Konkurrenten erst einmal auf Distanz halten. Denn Autobauer, die erst mit der Produktion beginnen – egal, ob Premiumanbieter wie BMW oder Billigproduzenten im Einstiegssegment wie Chery –, brauchen mehrere Jahre, bis sie die geforderte Fertigungstiefe erreichen können. Ohne eine lokale Motorenproduktion etwa ist das kaum zu schaffen. Die Konzerne bekommen jetzt eine Übergangsfrist eingeräumt, in der ihnen Steuern gestundet werden. Für die Premiumanbieter wie BMW oder Jaguar Land Rover macht die Regierung sogar Zugeständnisse an die geforderten lokalen Fertigungsanteile. Mit den neuen Fabriken und dem höheren Technologiegehalt der Fahrzeuge hat

Zulieferer vor dem Ausverkauf

Die in Brasilien ansässigen Automobilzulieferer geraten unter Druck. Gleich an mehreren Fronten haben Brasiliens Autozulieferer zu kämpfen. Die Importe an Autoteilen aus Mexiko nehmen massiv zu. Seit 2010 haben sie sich verdoppelt. Gleichzeitig droht Argentinien, nur noch im Land produzierte Komponenten als lokal gefertigt zu akzeptieren – und nicht mehr alle im Mercosur, also in Brasilien, Uruguay und Paraguay gefertigten Teile, steuerlich zu befreien wie bisher. Zudem macht der überbewertete Real zu schaffen. So nimmt das Handelsbilanzdefizit der Branche zu: Während Brasiliens Zulieferer 2006 noch

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weltweit exportierten, sind sie heute kaum noch konkurrenzfähig. Autoteile für knapp sechs Milliarden Dollar importierte das Land 2012 mehr, als es exportierte. Vor allem aus den USA, Japan, Deutschland und China kommen die Teile.

INVESTITIONSBOOM

Dennoch hält sich Paulo Butori, Präsident des Verbandes der Zuliefererindustrie Sindipeças, mit Kritik über die zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland zurück. Denn auch die Zulieferer profitieren vom neuen Regelwerk für die Autoindustrie, das diejenigen

Autobauer steuerlich begünstigt, die eine hohe lokale Wertschöpfung erreichen. Und das geht nur mit möglichst vielen lokal hergestellten Teilen. Die Branche erwartet deswegen einen Investitionsboom: Die lokalen Zulieferer müssen in Produkte und Produktion investieren, um die wachsenden Anforderungen der Autobauer zu erfüllen. Damit kommen mit den neuen Autobauern auch neue Zulieferer nach Brasilien. So kündigte die chinesische Automarke Chery an, dass neben sechs neuen Zulieferern aus China jetzt auch ein Motorenbauer aus dem Reich der

Mitte in eine Produktion in Brasilien investieren wolle.

MACHT DES AUSLANDS

Zudem dürften die ansässigen Zulieferer auch ihre Investitionen aufstocken, wie sie es zuletzt seit Mitte der Neunzigerjahre machten, als sie massiv brasilianische Firmen übernahmen. Seitdem sind 70 Prozent der brasilianischen Automobilzulieferer in ausländischer Hand. Butori erwartet, dass ausländische Konkurrenten auch die restlichen 30 Prozent nationaler Hersteller kaufen werden. alexander.busch@wiwo.de

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Attraktives Modell Nicht nur auf der SãoPaulo-Motorshow ist der Gol ein Star – er ist das meistverkaufte Auto in Brasilien

die Regierung noch ein weit ehrgeizigeres Ziel: Brasilien soll ein weltweit wichtiger Autoexporteur werden – so wie früher schon einmal. Mit dieser Strategie könnte das Land nach Ansicht von Branchenexperten durchaus Erfolg haben. Brasiliens Spezialisierung auf kleinere, sparsamere Fahrzeuge ist im globalen Wettbewerb ein Vorteil. Denn in Lateinamerika und den USA werden die Konsumenten immer mehr Kleinwagen nachfragen, schätzt Charles Krieck, Autoexperte von KPMG in Brasilien.

KOMPLEXE ARBEITSTEILUNG Die entscheidende Frage wird sein, ob dann die europäischen Hersteller die Einstiegsfahrzeuge aus Brasilien exportieren werden oder ob die neuen asiatischen Konkurrenten von Brasilien aus die Nachfrage bedienen. Denn die etablierten Autobauer verlieren gerade noch einen Standortvorteil: Seit Langem arbeiten sie in Südamerika mit einer perfekten regionalen Arbeitsteilung, die Zuliefererfabriken in ArWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Transport Wer im modernen Bus sitzt, fährt MAN. Fast alle Pkw-Neuwagen besitzen Flex-Fuel-Technik

gentinien einschließt. Sie haben so eine engmaschige Wertschöpfungskette mit gewaltigen Dimensionen aufgebaut. VW etwa besitzt argentinische und brasilianische Getriebe- und Motorenwerke, Gießereien und Montagefabriken verteilt in einem Gebiet, das sich 3000 Kilometer von Norden nach Süden erstreckt. Motorenteile werden von Argentinien nach Brasilien verschifft und in der Nähe von São Paulo zu Dieselmotoren zusammengebaut. Dort werden sie getestet, wieder zurück nach Argentinien exportiert und in Lkws eingebaut, die wiederum in einer chilenischen VW-Filiale zum Kauf angeboten werden. Doch die Skaleneffekte in Südamerika und die Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Asiaten sind bedroht: Argentinien verschließt wegen akuten Devisenmangels seinen Markt immer mehr für ausländische Produkte. Davon sind auch Pkws und Autoteile betroffen. Die Arbeitsteilung steht auf dem Spiel – der Wind für deutsche Autobauer in Südamerika weht schärfer. n alexander.busch@wiwo.de

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Unternehmen

Brautschau im Speckgürtel

Wie deutsche Mittelständler den brasilianischen Markt erobern, welche Schwierigkeiten sie zu überwinden haben und warum sie ihre Mitarbeiter unbedingt selbst ausbilden müssen.

H

ans Joachim Selzer ist verzweifelt. Ihm droht einer seiner wichtigsten Kunden abzuspringen. Für Mercedes produziert der Autozulieferer aus dem Westerwald Getriebeteile. Aber jetzt verlagert der Stuttgarter Konzern seine Getriebeproduktion nach Brasilien und stellt ihn vor die Alternative: Entweder er kommt mit. Oder Mercedes sucht sich dort einen neuen Lieferanten. Mercedes will sparen. Beim Import der Getriebe fallen 18 Prozent Zoll an. Seit einer Woche ist Selzer deshalb in Brasilien auf Brautschau. Alleine traut er sich dort den Aufbau einer Produktion nicht zu. Mit 500 Beschäftigten ist der Familienunternehmer ein eher kleiner Mittelständler, und international hat er noch keine Erfahrung. Brasilien wäre seine erste Auslandsfertigung. Mithilfe von Beratern hat er 60 Unternehmen mit ähnlichem Produktionsprofil in Brasilien identifiziert und sieben davon in die engere Wahl genommen. Eine Woche hat er sich Zeit genommen, um den richtigen Partner zu finden. Zusammen mit seinem Entwicklungsund seinem Vertriebsleiter sowie einem Mercedes-Manager besucht er die Kandidaten und verhandelt über die Kooperationsbedingungen. Abends setzen sich die vier zusammen und analysieren Stärken und Schwächen der Kandidaten.

Eroberung der Auslandsmärkte dabeihaben. So ähnlich die Ausgangslage sein mag, so erzählt jeder Mittelständler doch eine eigene, ganz persönliche Geschichte, wie ihm der Sprung ins Ausland glückte. Wobei die Geschichte von Hans Joachim Selzer unvollständig wäre ohne den Hinweis darauf, dass er engagierter Christ ist. Vor seinem Ökonomiestudium hat er sogar einige Semester Theologie studiert. Er ge-

hört der freien evangelischen Kirche an, das Wort Gottes gilt für ihn nicht nur in Bezug auf das Jenseits, sondern genauso auch auf das Diesseits. Und so ist sich Selzer im Nachhinein sicher, es war kein Zufall, sondern höhere Fügung, dass seine Brasilienexpedition schließlich doch gut endete. Am Freitagnachmittag, dem letzten Tag seines Brasilien-Aufenthaltes, besucht er in São Paulo ein Treffen, zu dem Mercedes

HÖHERE FÜGUNG Doch Fehlanzeige, kein einziger passt. Die einen sind Selzer zu groß, da könnte er nicht mehr selbst bestimmen. Die anderen scheinen ihm nur auf seine Technologie aus. Inzwischen ist es Freitag, am nächsten Tag geht sein Flieger zurück in die Heimat, und er steht mit leeren Händen da. Den Auftrag kann er wohl abschreiben. Viele mittelständische Zulieferer berichten über ähnliche Erfahrungen. Um zu wachsen, müssen sie auch im Ausland fertigen. Ihre Kunden, global agierende Großkonzerne, wollen ihre Lieferanten bei der

Bereit zur Expansion Selzers Brasilien-Geschäftsführer Rempel will nicht nur von Daimler abhängig sein

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Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Rempel hat deutsche Vorfahren, die der Glaubensgemeinschaft der Mennoniten, einer protestantischen Sekte, angehörten und vor Jahrhunderten nach Russland ausgewandert waren, wo sie als Bauern lebten. Unter Stalin wanderten dann Tausende, darunter Rempels Großeltern, 1930 nach Brasilien aus.

SAUBER, ORDENTLICH, DEUTSCH Den Mennoniten hatte schon Max Weber in seiner Untersuchung über die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus einen „ausgeprägten geschäftlichen Sinn“ attestiert. So wundert es nicht, dass die bäuerlichen Vorfahren Rempels in Brasilien zu Handwerkern avancierten, ihre Werkstatt mit der Zeit zu einem kleinen in-

dustriellen Familienbetrieb anwuchs, den die Kinder und später Enkel weiterführten. Man produzierte anfangs Teile für Fahrräder und später für Autos. Die glückliche Begegnung der beiden Christen ist jetzt zwölf Jahre her. Selzer Automotiva do Brasil beschäftigt heute 55 Mitarbeiter in Vinhedo, einer Stadt im Speckgürtel von São Paulo, der die wohl höchste Dichte an deutschen Unternehmen im Ausland aufweist. Rempel ist Geschäftsführer und mit zehn Prozent beteiligt. Die Fabrik wirkt wie aus dem Ei gepellt, sauber, ordentlich, deutsch. Im Empfang liegt dezent das Neue Testament aus. Rempel sieht die Zukunft voll Gottvertrauen. Daimler hat soeben den Liefervertrag um einige Jahre verlängert. Zudem verhandelt er mit einem japanischen Autozulieferer um weitere Aufträge. Den Jahresumsatz will er in den nächsten Jahren verdoppeln. Platz für Expansion ist in der Fabrikhalle noch genügend.

DER TOD DES GESCHÄFTSFÜHRERS Die Anbindung der brasilianischen Tochter an das Mutterhaus funktioniert einfach. Sie basiert auf der gemeinsamen Wertebasis zwischen Rempel und Selzer, der sich aus Altersgründen mit seinen 69 Jahren inzwischen zwar aus der heimischen Firma im Westerwald zurückgezogen hat, aber die ihm ans Herz gewachsene brasilianische Tochter weiter beaufsichtigt. So bindet dies nicht zu viel Managementkapazität in der Zentrale – komplexe Führungsstrukturen wie bei Großkonzernen können sich Mittelständler eh nicht leisten. Doch hat die Zentrale im Westerwald jederzeit übers Internet Einblick in die Finanzbuchhaltung ihrer Tochter. Ein persönliches Vertrauensverhältnis zum Leiter der Tochterfirma ist Voraussetzung für ein erfolgreiches Engagement. Aber als alleinige Basis stößt das irgendwann an Grenzen. Nur wenige Autominuten von Selzer entfernt in Jundiai, einer Stadt von der Größe Bochums, liegt die Dependence eines anderen deutschen Mittelständlers, der lange ein ähnliches Führungsmodell praktizierte: Böllhoff, ein Produzent und Händler von Verbindungstechnik, war schon 1964 im Sog von Volkswagen nach Brasilien gekommen. So weit verläuft die Geschichte ähnlich wie bei Selzer. » Großer Spielraum Die beiden BöllhoffGeschäftsführer Silva (links) und Leierer haben freie Hand – innerhalb klarer Grenzen WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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FOTOS: VICTOR AFFARO FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Lieferanten eingeladen hat. Auf Tischen liegen alle Getriebeteile, die Mercedes in Zukunft von lokalen Zulieferern zukaufen will. Da kommt Selzer mit einem Brasilianer ins Gespräch, der gut Deutsch spricht. Der Mann heißt Albert Rempel, ein „Brasilianer mit deutscher Mentalität“, sagt Selzer. Die beiden verstehen sich auf Anhieb und fassen schnell Vertrauen zueinander. Sie passen zueinander: Rempel ist Maschinenbauingenieur und – wie Selzer – Mitglied einer freien evangelischen Kirche. So ist auch für ihn die Begegnung, die sein Leben verändern sollte, kein Zufall. Er glaubt, dass Gott das Schicksal des Einzelnen bis hinein in alle Lebensbereiche lenkt, von der Familie übers Studium bis hin zu Arbeit und Geschäft.


Unternehmen

» „Mein Vater führte die Tochter über den

deutschen Geschäftsführer vor Ort“, erzählt Michael Böllhoff, der jüngere von zwei Brüdern, die das Familienunternehmen heute in vierter Generation leiten. Der Geschäftsführer hatte das volle Vertrauen des Vaters und führte die Tochter selbstständig. Das patriarchalisch-hierarchische Leitungsmodell funktionierte – bis der brasilianische Geschäftsführer 1998 plötzlich verstarb und das Unternehmen ohne Leitung dastand.

NEUE INVESTITIONEN IN 2014 Damit beginnt Michael Böllhoffs BrasilienGeschichte. Er hatte gerade sein Wirtschaftsstudium beendet und frisch geheiratet, als die brasilianische Notlage seine erste unternehmerische Herausforderung wird. Er geht als Geschäftsführer nach Jundiai, verkauft einige Bereiche, die nicht zum Kerngeschäft gehören, und stellt die Tochter auf neue Füße. Zweieinhalb Jahre dauert sein BrasilienAbenteuer. Heute erwirtschaftet die Böll-

»

stalt, er praktiziert Kick- und Thaiboxen und trainiert heute noch gern mit Leuten aus der Ultimate-Fighting-Szene. So kämpft er sich durch. Heute konstruiert er riesige Audio- und Videowände sowie Virtual-Reality-Installationen. Mit seinen millionenschweren Anlagen beliefert er Brasiliens Autohersteller, die diese bei der Modellentwicklung einsetzen. Für die Ölmultis baut er Kontrollräume, von denen aus sie ihre Bohrinseln per Video steuern. Zu seinen Kunden zählen Forschungsinstitute, Fernsehsender, Fiat und Volkswagen, Petrobras, Statoil und Pemex. 2010 stattete er das Casa Brasil der brasilianischen Regierung bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika aus. „Wir sind die einzige Firma in Südamerika, die das kann“, sagt er selbstbewusst. Und: „Wir gehören weltweit zu den besten zehn.“ Ulmer hat in Brasilien eine High-TechErfolgsgeschichte geschrieben. Im vergangenen Jahr hat er etwa 25 Millionen Real, knapp zehn Millionen Euro, umgesetzt. Er beschäftigt rund 50 Mitarbeiter in der Nähe

Die Mischung aus schwäbischer Genauigkeit und brasilianischer Kreativität ist unschlagbar

hoff-Tochter mit 300 der insgesamt 2200 Mitarbeiter einen Umsatz von rund 40 Millionen Euro. Eine insgesamt positive Entwicklung, meint Michael Böllhoff. Seit zwei, drei Jahren allerdings flacht das Wachstum ab, der Ertrag geht zurück. Wichtige Investitionen lenkte Böllhoff deshalb ins dynamischere China. Das trübt nicht den Optimismus der beiden brasilianischen Geschäftsführer. „Auch wenn einige Bereiche negativ waren, insgesamt waren wir profitabel“, sagt Paulo R. Leierer, der für die Administration zuständig ist. Weil aufgrund der gefallenen Inflation die Löhne zukünftig langsamer steigen würden, ist sich auch Produktionsleiter Flavio Silva sicher, dass die nächsten Jahre wieder besser werden: „Mitte 2014 werden wir hier neue Investitionen haben.“ Neu ist vor allem aber der moderne Führungsstil, der mit dem Generationswechsel in Brasilien und Deutschland eingezogen ist. An die Stelle persönlicher Beziehungen zwischen Inhaber und Brasilien-Statthalter sind institutionelle Regeln getreten. „Die Leitung ist heute viel integrierter“, sagt Michael Böllhoff. Nicht nur die Chefs Leierer und Silva, auch die Ebenen darunter sind

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durch gemeinsame Projekte stärker mit der Zentrale in Bielefeld und den anderen Auslandstöchtern verbunden. Michael Böllhoff: „Früher fühlten sich die Mitarbeiter als Böllhoff-Brasilien, heute sehen sie sich als Teil eines Weltunternehmens.“ Dazu müssen sie nicht einmal Deutsch verstehen. Bei Böllhoff und den Töchtern in 21 Ländern ist Englisch internationale Geschäftssprache. Alle reden sich mit Vornamen an, auch die Geschäftsführer. Der Verwaltungsrat, dem die beiden Böllhoff-Brüder angehören, tagt mehrmals jährlich mit den brasilianischen Geschäftsführern. Dazu gibt es ein monatliches Reporting, eine Kontrolle durch einen Wirtschaftsprüfer und Limits bei den Ausgaben, die die Geschäftsführer selbst verantworten können. „Wir führen die Tochter selbstständig, aber in enger Verbindung mit der Zentrale“, betonen Silva und Leierer. „Innerhalb des Budgets greifen wir nicht mehr ein“, bestätigt Michael Böllhoff. Hans Ulmer kam nicht im Sog eines Großkonzerns. Seine Brasilien-Story be-

ginnt mit einer schönen Frau, in die er sich als Student auf einer Reise durch Brasilien verliebte, und einer Flasche Wodka. Die Brasilianerin, heute seine Ehefrau, will nicht ins kalte Deutschland.

SCHÖNE FRAU UND WODKA Also beschließt Ulmer, Unternehmer in Brasilien zu werden. Er hat gerade ein Wirtschaftsingenieurstudium in Kaiserslautern abgeschlossen. Der Name der zukünftigen Firma ist schnell gefunden: Absolut Technologies – „Absolut ohne e“, sagt Ulmer und grinst: „Wie der Wodka.“ Eine Flasche dieser Marke hat die Namensfindung inspiriert. 1998 kommt er mit einem Container, null Kapital, aber voller Ideen und Tatkraft in Salvador an. Doch der Zauber des Anfangs verfliegt schnell. Zwar wird sein Startup in das Inkubatorprogramm der Universität Bahia aufgenommen. Er hat nun einen Geschäftsraum mit Telefon, Fax und Internet. Aber das versprochene Startkapital – 150 000 Real – verschwindet auf verschlungenen Wegen. Wie soll er da ein Unternehmen aufbauen? Ulmer lässt sich nicht entmutigen. Er ist ein Kämpfertyp, von massiger, bulliger Ge-

von Salvador und betreibt einen Showroom in Rio de Janeiro. Er weiß allerdings auch, dass er das nur erreicht hat, weil er sich voll auf Technologie und Kunden konzentrieren konnte. Seine Frau, eine ausgebildete Ökonomin, hat ihm den Rücken freigehalten, den Businessplan geschrieben, die Verwaltung aufgebaut, das Personal geleitet und den Umgang mit den Behörden gepflegt. Keine Kleinigkeit: Für seine Anlagen muss Ulmer viel Hardware importieren, aus den USA, Deutschland, Norwegen, Österreich. Und für alle Teile fallen unterschiedlich hohe Importzölle an. Komplex ist auch das Steuer- und Sozialabgabensystem. Sechs Angestellte, gut ein Zehntel seiner Belegschaft, arbeiten allein in der Buchhaltung. Das ist bei den anderen Mittelständlern ähnlich. Bei Selzer ist die Buchhaltung etwa doppelt so groß wie in Deutschland, berichtet Geschäftsführer Rempel. So unterschiedlich ihre Brasilien-Erfahrungen sind, so sind die Tipps der Mittelständler für Neuankömmlinge in Brasilien sehr ähnlich. Beispielsweise in der Personalführung. Wer Erfolg haben und Qualität Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTO: VICTOR AFFARO FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

produzieren will, muss seine Leute selbst ausbilden, sagt Hans Joachim Selzer. Er hat am Anfang zehn brasilianische Mitarbeiter in Deutschland mehrere Wochen geschult. Die brasilianischen Mitarbeiter sind heute genauso effizient wie die deutschen, sagt Selzer. Normalerweise erreichen die brasilianischen Ableger deutscher Firmen nur 70 Prozent des deutschen Niveaus.

BEZIEHUNGEN PFLEGEN Zudem hat die Schulung die Mitarbeiter ans Unternehmen gebunden. „Von den zehn sind noch immer acht dabei“, sagt Selzer – eine hohe Quote angesichts der starken Fluktuation qualifizierter Kräfte in Brasilien. Da Brasilien kein duales Ausbildungssystem kennt, bildet Selzer seinen Nachwuchs selbst aus. Böllhoff hat sogar ein eigenes Trainingszentrum für die Fortbildung eingerichtet. Ulmer schickt Mitarbeiter zur Schulung nach Stuttgart. Wichtig ist dabei, ergänzt Ulmer, sich auf die Mentalität der Brasilianer einzustellen. Als gebürtiger Schwabe habe er am Anfang nach dem Motto gehandelt: „Nicht geschimpft, ist genug gelobt.“ Damit kam er nicht weit, wichtige Mitarbeiter waren deWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Neues Ziel Nachdem sein Unternehmen in Brasilien floriert, will Hans Ulmer Deutschland erobern

motiviert. Heute weiß er, wie er den Ehrgeiz seiner Mitarbeiter durch gezielte Anerkennung wecken kann. Auf seine Truppe ist Ulmer stolz. „Die Mischung aus schwäbischer Genauigkeit und brasilianischer Kreativität ist unschlagbar.“ Die unterschiedliche Mentalität spielt auch im Umgang mit den Kunden eine wichtige Rolle. „Man muss persönliche Beziehungen aufbauen zu den Einkäufern“, rät Rempel. Man könne die Beziehungen zwischen Unternehmen in Deutschland nicht einfach nach Brasilien übertragen, sondern müsse die Verantwortlichen bei den Kunden auch persönlich kennen und die Beziehung pflegen. Das bedeutet keineswegs Bestechung. Zwar liegt Brasilien in puncto Korruption auf etwa gleichem Niveau wie Saudi-Arabien. Auf schmutzige Geschäfte solle man sich aber nicht einlassen, sagt Rempel. „Wenn man einmal zahlt, spricht sich das

rum, dann wollen alle was haben.“ Man müsse konsequent sein, meint auch Michael Böllhoff. Er hat einen Geschäftsbereich, der die Bauwirtschaft belieferte, auch wegen der in der Branche üblichen Korruption verkauft. Jetzt hat er fast nur internationale Kunden. Ähnlich praktiziert das Ulmer: Er beteiligt sich nicht an Flughafen-Ausschreibungen oder staatlichen Großprojekten. „Da ist immer einer, der einen Anteil will.“ Ulmer hat sich fern der Heimat zu einem typisch deutschen Mittelständler entwickelt. So ist ihm inzwischen der nationale, brasilianische Markt zu eng geworden. „Jetzt ist Internationalisierung angesagt“, sagt er. Vor Kurzem hat er sich einen Bauernhof in Schwaben gekauft. Nicht als Alterssitz, dazu ist er mit seinen 45 Jahren zu jung. Er will nun auch auf dem deutschen und europäischen Markt sein Glück mit den in Brasilien entwickelten Produkten suchen. Die Firma daheim in Salvador will er per Video von Deutschland aus leiten. Damit aber beginnt eine neue Geschichte: wie ein deutscher Mittelständler aus n Brasilien Deutschland erobert. klaus.methfessel@wiwo.de

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Unternehmen

Ausweg aus dem Dilemma

Die brasilianische Börse bewegt sich seit vier Jahren nicht vom Fleck. Doch in einigen Branchen gibt es noch aussichtsreiche Aktien für risikobereite Anleger.

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im Emerging-Market-Portfolio auf „untergewichten“ gestellt. Zwar gehörte der brasilianische Aktienmarkt im vergangenen Jahrzehnt mehrfach zu den weltweit besten Performern. Doch die Regierung hat die Anleger verunsichert, indem sie massiv in die Geschäfte wichtiger börsennotierter Konzerne eingreift.

REGIERUNG ÄRGERT BÖRSIANER So verpflichtete Brasilia den staatlichen Ölkonzern Petrobras, Benzin und Diesel an den Tankstellen zu niedrigeren Preisen abzugeben, als er selbst dafür bezahlt. Damit will die Regierung die Inflation bändigen – schadet damit aber dem einstmals wichtigsten brasilianischen Standardwert, der seit Mitte 2008 drei Viertel seines Wertes verloren hat. Dann kritisierte die Regierung die privaten Banken Bradesco und Itaú Unibanco, sie würden zu viel verdienen – und setzte sie unter Druck der Staatsbanken, die ihre Kredithähne ohne Rücksicht auf das Ausfallrisiko öffnen können. Denn zur Not finanziert der Staat ihre Verluste. Schließlich verdonnerte Präsidentin Dilma Rousseff

Flagge zeigen an der Börse Investoren ziehen ihr Kapital aus São Paulo ab

die Stromkonzerne zu Tarifsenkungen mit der Drohung, ihnen sonst die auslaufenden Konzessionen nicht zu verlängern. Die Folge: Die Pensionsfonds meiden nun die Aktien der Stromkonzerne, die sie vormals wegen ihrer soliden Dividendenzahlungen gern in ihren Portfolios hielten. Inzwischen kursieren unter den Analysten Szenarien, in welchen Branchen die Regierung als Nächstes intervenieren könnte, um sie zu Preissenkungen zu zwingen: Unternehmen, die Gas fördern, Straßenlizenzen besitzen oder die Krankenversicherungen oder Mobilfunkleistungen anbieten. Aber nicht nur die Regierung belastet die Aktienszene. Andere Börsenschwergewichte wie die Bergbaukonzerne Vale oder MMX hängen stark von der Nachfrage Chinas nach Eisenerz ab, Stahlkonzerne wie CSN oder Usiminas leiden unter weltweiten Überkapazitäten. „Drei Viertel des Bovespa-Index wird von der Regierung reNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: BLOOMBERG NEWS/MARCOS ISSA

F

ondsverwalter Luiz Stuhlberger hat in Brasilien einen legendären Ruf. Sein Investmentfonds Fundo Verde schlägt seit 1997 Jahr für Jahr den Index der Börse São Paulos. Selbst im schwierigen Jahr 2012, als die Börse nur sieben Prozent zulegte, konnte Stuhlberger den Wert seines Verde um fast 20 Prozent steigern. Doch Stuhlberger erzielt seine Gewinne kaum noch mit heimischen Aktien: Er ist nur noch zu 16 Prozent in brasilianischen Unternehmen investiert. „Und wenn sich die Rahmenbedingungen hier nicht bessern“, droht er, „dann werde ich ihren Anteil auf null reduzieren.“ Nicht nur Stuhlberger ist mit seiner Geduld bald am Ende. Nachdem sich der Index seit vier Jahren kaum vom Fleck bewegt, ziehen jetzt auch andere professionelle Investoren ihr Kapital aus São Paulo ab. Masha Gordon, Vize-Präsidentin von Pimco, hat den Brasilien-Anteil im Emerging-Market-Aktien-Portfolio auf sechs Prozent reduziert. In den vergangenen Jahren lag der Anteil zwei- bis dreimal so hoch. Der Investmentfonds AllianceBernstein hat den Anteil brasilianischer Aktien


guliert oder hängt von Chinas Konjunktur ab“, beschreibt Carlos Constantini, Chef der Aktien-Analyse bei der Investmentbank Itaú BBA, das brasilianische Börsendilemma. Dafür konnten Fonds, die sich auf Nebenwerte spezialisierten – Autozulieferer, Maschinenbau, Bildung, Gesundheit –, auch im vergangenen Jahr mit zwei- bis dreistelligen Kursgewinnen glänzen. Deswegen ist die Börse Brasiliens auch keineswegs billig, trotz des Kurs-Gewinn-Verhältnisses für 2013 von elf. Denn die Nebenwerte, deren Kurse stark zugelegt haben, sind im Index nur unterdurchschnittlich vertreten. Realistischer wäre deshalb ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15, meint Constantini.

GEWINN MIT KONSUMGÜTERN Aber es wäre falsch, die brasilianische Börse zu ignorieren. Brasilien ist für Konsumgüterhersteller ein spannender Markt. Die Brasilianer sind konsumfreudiger und haben zudem ein deutlich höheres Pro-KopfEinkommen als Inder oder Chinesen. Davon profitieren Konzerne wie der Bierbrauer Ambev, der Shoppingcenter-Betreiber BR Malls, der Straßenkonzessionär CCR, der Kreditkartenanbieter Cielo oder private Bildungsunternehmen. Die Universitätskonzerne Kroton, Estácio und Anhanguera zählen heute weltweit zu den fünf größten börsennotierten Bildungskonzernen. Der Marktführer Kroton ist heute fünf Milliarden Dollar an der Börse wert. 150 Prozent legte die Aktie 2012 zu – der Kursgewinner des vergangenen Jahres. Für risikobewusste Investoren empfehlen sich unter den im Ausland gehandelten

Risiko streuen Wie Sie am besten in brasilianische Aktien investieren. Es ist für private Investoren kompliziert und mit hohem Aufwand verbunden, brasilianische Aktien zu kaufen. Eine weniger schwierige, attraktive Alternative sind Brasilien-Aktien-Fonds, die internationale Banken oder Fonds wie HSBC, BNY Mellon, Julius Bär, DWS, UBS oder CS anbieten. Darunter sind auch Fonds, die in Euro quotiert sind. Für Anleger haben Fonds den Vorteil, das Risiko etwas zu streuen. Der Nachteil bei einer konzentrierten Börse wie Brasilien ist folgender: Stellen die Fondsmanager einen Aktienmix aus Blue Chips zusammen, greifen sie unweigerlich zu denselben zehn wichtigsten brasilianischen Aktien und folgen weitgehend dem Bovespa-Index. Diese Gefahr besteht auch bei Exchange-Traded Funds (ETF), also passiv verwalteten börsengehandelten Fonds brasilianischer Indizes: beispielsweise der den Index nachbildende iShares MSCI Brazil Index Fund. Es gibt aber auch ETFs, die auf Nebenwerte spezialisiert sind, wie Market Vectors Brazil Small-Cap. Wer dennoch einzelne brasilianische Aktien kaufen will, dem empfehlen sich eher die in New York gelisteten 31 ADR (American Depository Receipts) brasilianischer Konzerne.

Titel mit Chancen Welche brasilianischen Aktien sich lohnen könnten Aktie

ISIN

Börsenwert

Kurs-GewinnVerhältnis

Dividendenrendite

Chance/ Risiko2

(in Mrd. Euro)

2012

2013

(in Prozent)

Ambev (ADR1)

US20441W2035

98,7

22,7

20,4

2,3

6/5

Vale (ADR)

US91912E1055

69,7

7,4

7,4

2,3

7/7

Itaú Unibanco (ADR)

US4655621062

60,9

10,1

9,0

0,5

6/5

Banco Bradesco (ADR)

US0594603039

55,4

11,3

10,2

0,2

5/5

Brasil Foods (ADR)

US10552T1079

15,1

22,1

17,2

0,1

6/6

Pão de Açúcar (ADR)

US20440T2015

11,0

23,0

18,9

2,4

5/4

Gerdau (ADR)

US3737371050

9,6

13,7

9,6

0,5

7/6

JBS (ADR)

US4661101034

7,4

10,7

8,9

7/6

Embraer (ADR)

US29082A1079

4,8

12,8

11,7

5/6

Cosan

BMG253431073

4,0

19,7

14,8

1,5

7/5

1

ADR (American Depository Receipts) sind Zertifikate, die an einer Börse stellvertretend für eine Aktie gehandelt werden. ADR werden ausgestellt von US-Banken, die die zugrunde liegende Aktie verwahren. Ein ADR kann sich auf eine, mehrere oder auf einen Bruchteil eine Aktie beziehen; 2 1 = niedrig, 10 = hoch; Quelle: Bloomberg

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

brasilianischen Aktien folgende zehn Blue Chips, weil sie entweder konkurrenzlos billig produzieren oder Produkte herstellen, die verstärkt nachgefragt werden:

ZEHN AKTIEN MIT POTENZIAL n Die brasilianischen Rind- und Hühnerfleischkonzerne JBS und BRF haben sich weltweit diversifiziert und entwickeln eigene Marken und Fertiggerichte. Sie profitieren davon, dass mit wachsendem Wohlstand der Anteil des Fleischs am Nahrungsmittelbudget der Bevölkerung steigt. n Der weltgrößte Eisenerzproduzent Vale bleibt trotz stark gefallener Preise attraktiv, denn er kann weltweit mit am günstigsten Erz abbauen und fährt auch bei sinkenden Preisen noch so lange Gewinn ein, wie Chinas Baukonjunktur anhält. n Der Stahlkonzern Gerdau profitiert vom Investitionsboom in Brasilien sowie von der Erholung des Immobilienmarktes in den USA. n Der Zucker- und Ethanolproduzent Cosan hat den Anteil des Agrobusiness an seinem Umsatz reduziert, um weniger von dessen Zyklen abhängig zu sein, und entwickelt sich durch den Zukauf eines Gasverteilers, einer Eisenbahnlinie sowie eines Lebensmittelkonzerns zu einem integrierten Logistik-Energie-Agrarkonzern. Zusammen mit Shell betreibt Cosan zudem das zweitgrößte Tankstellennetz Brasiliens. n Der weitere wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens sollte die Aktien der privaten Banken Itaú Unibanco und Bradesco beflügeln: Sie gehören nach Börsenwert zu den zehn größten Finanzinstituten weltweit, sind gut geführt und erwirtschaften trotz des politischen Drucks immer noch Eigenkapitalrenditen von knapp 20 Prozent. n Der Einzelhändler Pão de Açúcar und der Brauer Ambev verfügen über eine starke Marktposition. Beide Aktien sind bereits stark gestiegen – dennoch rechnen die meisten Analysten mit weiterem Wertzuwachs. Ambev ist inzwischen der wertvollste Privatkonzern Lateinamerikas mit einem Börsengewicht von etwa 130 Milliarden Dollar. Und Pão de Açúcar plant eine massive Expansion, die seine marktführende Stellung noch stärken dürfte. n Der Flugzeugbauer Embraer ist Brasiliens Vorzeigetechnologiekonzern. Er hat sich geschickt über Joint Ventures Zugang zu Märkten in Nordamerika und Fernost verschafft. Sein Absatz dürfte weiter steigen, trotz zunehmender Konkurrenz aus Japan, Russland und Kanada. n alexander.busch@wiwo.de

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Perspektiven

Der große Bauplan Die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio sollen Brasiliens wirtschaftliche Potenz demonstrieren – und die Einwohner disziplinieren.

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gewordene Bäume zum Opfer fallen sollen. Die Bewohner von Cantagalo, der ältesten Favela der Stadt, rufen nach internationaler Solidarität, weil einige ihrer Hütten wegen Sanierung des verelendeten Hafenviertels abgerissen werden sollen. Endlich ist Bernardo Carvalho am Sitz des Organisationskomitees angekommen. Er strahlt: „Die Olympischen Spiele werden Rio de Janeiro verändern“, sagt er, „aber erfolgreich werden sie erst sein, wenn es auch gelingt, die Mentalität der Bevölkerung zu ändern.“ Die Bürger sollen disziplinierter Auto fahren und weniger Müll auf die Straße werfen.

SPIELE DER LEIDENSCHAFT Vor allem aber sollen die Fussballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 Brasiliens wirtschaftliche Potenz demonstrieren und das Land endgültig auf der Weltkarte der großen Nationen etablieren. „Unsere Stunde ist gekommen!“, erklärte im März 2010 Brasiliens damaliger Präsident Inácio Lula da Silva, als er sich in Paris für die Olympia-Kandidatur von Rio de Janeiro in die Bresche warf. „Die Olympischen Spiele dürfen nicht das Monopol der reichen Länder bleiben.“ Lula erinnerte daran, dass Brasilien zu den zehn stärksten Wirtschaftsnationen der Welt aufgestiegen sei. „Brasilien befindet sich in einer exzellenten Situation. Wir haben die Krise bewältigt, unter der andere Länder leiden“, meinte Lula, „die Olympischen Spiele werden unvergesslich sein, bewegt von der Leidenschaft des brasilianischen Volkes.“ Als Rio dann mit 66 zu 32 Stimmen gegen Madrid gewann und den Zuschlag für die Durchführung der Spiele 2016 »

FOTO: ACTION PRESS/LONDON MEDIA PRESS LTD

E

s riecht nach frischer Farbe, an den neuen Möbeln glänzt der Lack. Der Sitz des Organisationskomitees im Zentrum von Rio de Janeiro ist das erste Gebäude, das für die Olympischen Spiele 2016 gebaut wurde – als ökologisches Vorbild für die Stadt: Das verwendete Tropenholz ist zertifiziert, eine hauseigene Solaranlage sorgt für die Energie, Regenwasser wird für die Toilettenspülung genutzt. Hier hat der Aufbruch in eine nachhaltige Zukunft am Zuckerhut schon begonnen. Nur einer ist zu spät: Bernardo Carvalho. Der Marketingdirektor der städtischen Olympia-Unternehmungen steckt an diesem sonnigen Spätsommertag wieder im Stau fest. Dieses Mal ist es jedoch nicht allein der tägliche Verkehrsinfarkt, der ihn aufhält, sondern auch noch eine Gruppe von Demonstranten, die die Straßen verstopft. Sie wehren sich gegen den Abbruch eines Gebäudes in der Nähe des Maracana-Stadions. Dort soll ein neues olympisches Museum entstehen. Das abbruchreife Gebäude beherbergte bis vor 30 Jahren ein Indianermuseum. Danach wurde es von einigen indianischen Familien benutzt, die in der Stadt ihr Kunsthandwerk verkaufen. Die Demonstranten sind aus dem ganzen Land angereist. Der Abbruch des ehemaligen Indianermuseums ist für sie die passende Gelegenheit, die Benachteiligung der brasilianischen Urbevölkerung anzuklagen. Und es gibt noch weitere Proteste. Im reichen Stadtviertel Ipanema gehen die Bewohner auf die Barrikaden, weil dem Ausbau der Untergrundbahn alte und lieb

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Modell der Zukunft Der Olympische Park vor Rios atemberaubender KĂźstenkulisse

Âť

Mit 14 Milliarden Euro soll Rio de Janeiro olympiatauglich gemacht werden

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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Perspektiven

Brasilias neuer Tempel Geplant von deutschen Architekten, umringt von 288 Betonsäulen

vertretend für ganz Südamerika in Freudentränen aus: „Jetzt merken die Menschen, dass es außer Europa, den reichen asiatischen Ländern und Nordamerika noch andere Kontinente gibt. Jetzt merken die Menschen, dass auch in anderen Regionen der Welt wichtige Dinge passieren.“

MILLIARDEN FÜR RIOS SCHÖNHEIT 14 Milliarden Dollar hat die Stadtregierung veranschlagt, um Rio de Janeiro olympiatauglich zu machen. Nebst der Verlängerung der Metro werden 150 Kilometer Schnellstraßen gebaut. „Porto Maravilha“, die Sanierung des Hafenviertels, ist landesweit das größte Projekt zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft. Donald Trump will fünf riesige Bürotürme bauen, der spanische Architekt Santiago Calatrava hat den Entwurf geliefert für ein Museum, dessen Name für Rio Programm ist: Museum der Zukunft. Schon einmal hat Brasilien alle seine Sehnsüchte nach Größe und

» 52

Harmonie in Beton gefasst. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Brasilien eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Der Bossa nova eroberte die Welt, brasilianische Regisseure, Schriftsteller und Architekten überraschten die westliche Avantgarde mit schwungvoller, nie gesehener Leichtigkeit. Das Land brachte die Welt zum Träumen, und Präsident Juscelino Kubitschek entschloss sich, dem Höhenflug ein Symbol zu geben: Brasilia, eine neue Hauptstadt im unerschlossenen Landesinnern, 1000 Kilometer vom Meer entfernt. Brasilien stampfte in zehn Jahren eine neue Hauptstadt aus dem Boden. „Es war klar“, schrieb Präsident Kubitschek in seinen Erinnerungen, „dass die Metropole sich von allen andern unterscheiden sollte, dass sie die Realität der Gegenwart ignorieren und sich ganz der Zukunft hinwenden musste.“ Und so landete eine Stadt in Form eines Flugzeugs mitten in einer menschenleeren Hochebene Brasiliens, entworfen vom Ar-

Schon einmal hat Brasilien seine Sehnsüchte in Beton gefasst

chitekten Lúcio Costa. Oscar Niemeyer zeichnete die Bauten mit dem Platz der drei Gewalten am Ende einer 18 Kilometer langen Monumentalachse, die Gebäude von Justiz, Abgeordnetenkammer und Regierung, demokratisch getrennt, doch harmonisch vereint. Brasilia war „die Stadt der Hoffnung“, die allein durch die Ausgewogenheit ihrer Formen das Zusammenleben der Menschen beschwingen, die sozialen Unterschiede eindämmen sollte, Ausdruck des nationalen Stolzes, Beweis eines kühnen Optimismus.

PLATZ DER DREI GEWALTEN Der utopische Ansatz wurde rasch von der Realität eingeholt. Die Wohnungen der sozialistischen Architekten waren unerschwinglich für die Arbeiter, die sie gebaut hatten. In den Satellitenstädten rings um Brasilia nistete sich genau das Chaos wieder ein, das die Planer vertrieben zu haben glaubten. Vier Jahre nach der Gründung Brasilias nahmen die Militärs den Platz der drei Gewalten in Beschlag: Der Militärputsch beendete auch den kulturellen Aufbruch. Architekt Niemeyer floh ins Exil nach Paris. 1987, zwei Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, wurde Brasilia von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben. Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: GMP ARCHITEKTEN VON GERKAN, MARG UND PARTNER

» erhielt, brach der Präsident wohl stell-


Aber für neue waghalsige Projekte und kühne Würfe war jetzt kein Platz mehr. In den Neunzigerjahren kämpfte Brasilien mit Inflation und Schulden, die auch mit dem Bau der neuen Hauptstadt angehäuft worden waren. Als es nach einer radikalen Währungsreform wirtschaftlich wieder aufwärtsging, hatte die Architektur ihren Platz als gestaltende Kraft weitgehend an Bauunternehmer und Investoren verloren. Die neureichen Geschäftsviertel, die in São Paulo entstanden, geben ein Bild davon: kühle Bauten, viel Glas und Stahl, der Funktion und der Rendite verpflichtet. Allerdings tat sich Rio mit dem Verlust der Hauptstadtwürde schwer. Die Stadt wirkte wie eine gekränkte Prinzessin, die von besseren Zeiten träumte. Zugleich wuchsen die Favelas, das Transportsystem brach bei jedem größeren Regen zusammen. Doch steigende Rohstoffpreise und Ölfunde auf dem Grund des Atlantiks sorgten für einen neuen Brasilien-Boom. Mit einem Sozialhilfeprogramm machte Präsident Lula die Favela-Bewohner zu Konsumenten. Fußball und Olympische Spiele sollen Rio de Janeiro nun endgültig wieder in den Kreis der erfolgreichen Weltmetropolen heben.

STADIEN ALS FORMKUNSTWERK Ralf Amann, am Bodensee aufgewachsen, in Stuttgart studiert, kam 1997 als junger Architekt nach Rio. Früher führte er dort ein eigenes Büro und zeigte den Architektenkollegen aus Europa manchmal seine Stadt. „Nach dem fünften Niemeyer-Bau fragten mich meine Besucher: Und sonst?“, erzählt Amann. Sonst gab es nicht viel. Das alles ändert sich zurzeit rasant. Eben erst wurde im Zentrum von Rio ein neues Kunstmuseum eröffnet, geplant von den brasilianischen Architekten Bernardes und Jacobsen. Das amerikanische Architekturbüro Diller und Scofidio baut ein Museum an der Copacabana. Auch Ralf Amann, mittlerweile Bürochef der deutschen Architektenbüros GMP (Gerkan, Marg und Partner) in Brasilien, ist am architektonischen Umbau der Städte beteiligt. Für die Fußball-WM in Brasilien erstellt GMP, mit 600 Mitarbeitern eines der größten Architekturbüros weltweit, die Pläne für neue Fußballstadien in Brasilia, Manaus, Belo Horizonte und São Paulo. „Überall wo wir bauen, versuchen wir, auf den Ort einzugehen, seine Geschichte, seine Kultur, seine Topografie“, sagt Amann. Nicht nur Nachhaltigkeit und effizientes » WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Endlich Gläubiger! Art-Direktor Serpa erklärt, warum Brasilien kein Paradies ist, dennoch alle Welt das Land liebt und die WM ein Erfolg wird. Herr Serpa, was macht Brasilien weltweit so beliebt? Serpa: Die Lebensfreude, die menschliche Wärme, das Tropische, die Spontanität, das Spielerische – alles Dinge, die andere Nationen wohl auch gerne hätten. Hat Brasiliens wirtschaftlicher Aufstieg daran etwas geändert? Serpa: Ja, wir Brasilianer haben mit dem Aufschwung ein neues Selbstbewusstsein bekommen. Wir sind nicht mehr Schuldner, sondern Gläubiger. Zudem sind 40 Millionen Brasilianer aus der Armut aufgestiegen in die Mittelschicht – das macht uns stolz. Hat Brasilien damit nicht auch im Ausland ein neues Image erhalten? Serpa: Wir haben an Bedeutung in der Zeit zugelegt, als in Europa und den USA eine längere Abstiegsphase begann. Jetzt erscheint es dem Ausland so, als lebten wir in der besten aller Welten: wirtschaftliche Stärke, kombiniert mit spielerischer Leichtigkeit. Ein Paradies auf Erden. Das ist natürlich eine Illusion. Warum? Serpa: Wir sind in einigen Bereichen Weltspitze. Aber viele einfache Dinge bekommen wir immer noch nicht hin, zum Beispiel funktionierende Buslinien oder den Bau einer Autobahn. Es fehlt die Konstanz eines entwickelten Landes. Auch nimmt die Kritik an unserer Politik und der herrschenden Moral zu. Dennoch scheint man im Ausland heute mehr darauf zu achten, was brasiliani-

sche Manager und Unternehmer wie Sie zu sagen haben. Serpa: Das stimmt. Wir waren schon vor 20 Jahren eine sehr erfolgreiche Werbeagentur und haben regelmäßig die wichtigsten Auszeichnungen gewonnen. Aber wenn wir heute als Brasilianer auftreten, hat das eine andere Dimension, der Respekt hat deutlich zugenommen. Warum gibt es dann kaum brasilianische Marken im Ausland? Serpa: Brasilien sieht sich als eine Art Insel. Die Unternehmen schauen vor allem auf den Binnenmarkt. Das ist ja angesichts der Größe unseres Landes und der Konsumgewohnheiten der neuen Mittelschicht durchaus sinnvoll. Welche Rolle werden die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 für das Image Brasiliens haben? Serpa: Ich denke, dass es bei der Fußballweltmeisterschaft noch einige Pannen in der Logistik geben könnte. Es wird ja in zwölf verschiedenen Stadien gespielt. Wir werden das aber mit unserer Mentalität und Herzlichkeit ausgleichen und dafür sorgen, dass es trotzdem fantastische Spiele werden. Was solche MassenEvents erfolgreich macht, sind nicht perfekte Stadien oder eine funktionierende Metro. Die Olympischen Spiele dagegen werden spektakulär: wegen unserer Erfahrungen mit der Fußball-WM davor und weil sie vor der atemberaubenden n Kulisse Rio de Janeiros stattfinden. alexander.busch@wiwo.de

MARCELLO SERPA Nach dem Kunst- und Grafikstudium in München arbeitete der Brasilianer bei der Werbeagentur GGK in Düsseldorf. Seit 1993 ist er Partner und Creative Director bei AlmapBBD, einer der führenden Agenturen Brasiliens. Der 50-Jährige ist nach dem Creativity Awards Report heute die Nummer fünf der weltweit am meisten ausgezeichneten Art-Direktoren.

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Perspektiven Verantwortlichkeiten nicht immer klar. GMP-Mitarbeiter Burkard Pick verfolgt, wie schon in Südafrika, die Bauarbeiten im Land selbst. „In Südafrika war es für uns Europäer einfacher, zu arbeiten“, sagt er. „In Brasilien ist alles viel komplexer. Die politischen Prozesse sind schwieriger zu durchschauen.“ Trotzdem zweifelt er nicht daran, dass alle Stadien rechtzeitig fertig werden. „Die Brasilianer sind Meister im Improvisieren. Ihr Stolz ließe es nicht zu, den Besuchern ein unfertiges Stadion zu präsentieren“, meint Pick.

» Bauen spielen für sein Büro eine Rolle –

„wir wollen natürlich auch ein architektonisches Highlight setzen“. Für die Olympischen Spiele in Rio bauen die deutschen Architekten die Schwimm- und Tennisanlagen. „Rio de Janeiro macht einen Quantensprung“, meint Amann, „große Hotelketten investieren. Internationale Büros, die nach São Paulo abgewandert sind, kommen zurück.“ Schon jetzt habe sich das Image der Stadt merklich verbessert.

NIEMEYERS BAUTEN INSPIRIEREN Lucio Costa, der Planer Brasilias, hat den Fernsehturm auf den höchsten Punkt der Stadt gesetzt. Von seiner Plattform aus, 75 Meter über dem Boden, sieht man die ganze Monumentalachse der Hauptstadt, vom Busbahnhof bis zum Regierungsgebäude. Mittendrin erhebt sich das neue Stadion der GMP-Architekten, ausgelegt für 72 000 Zuschauer – ein Tempel, dessen Dach von 288 Betonsäulen gestützt wird. Darunter ein Kessel, der fast so steil wie der Zuschauerraum eines Opernhauses ist. Keine einzige Strebe verhindert den Blick aufs Drama. „Wir haben uns von der Großzügigkeit Brasilias inspirieren lassen“, sagt Amann, „von der klaren, einfachen Geometrie, die auch die Gebäude Niemeyers auszeichnet.“ Am 15. Juni 2013 wird der Confed-Cup, das

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Vorbereitungsturnier für die Weltmeisterschaften, eröffnet. Noch stehen zwei Riesenkräne auf dem Platz mit seinem Riesenbau, auf dem 3000 bis 4000 Beschäftigte Tag und Nacht arbeiten. In dem Stadion werden zwei große Restaurants, 14 Imbissecken, 40 Bars und Geschäftsläden Platz haben. Die Solarzellen auf dem Druckring, der das Dach abschließt, könnten 2500 Megawattstunden Strom produzieren und das Stadion „Mané Garrincha“ zur ersten autarken Arena Lateinamerikas machen. Noch ist allerdings nicht sicher, ob das Geld für diese Investitionen reicht. Wie alle Stadien, die in Brasilien neu erstellt oder runderneuert werden, liegt auch Brasilia hinter dem Zeitplan zurück. Die Fifa wollte die Weltmeisterschaften an acht Austragungsorten durchführen. Um regionale Ansprüche zu befriedigen, dehnte Brasiliens Regierung die Zahl auf zwölf aus. Jetzt bauen die GMP-Architekten auch ein Stadion in der Dschungelstadt Manaus. Für die Gestaltung ließen sich die Planer von einer Schlangenhaut inspirieren. Die riesigen Stahlelemente, die dazu benötigt werden, kommen aus Portugal und werden über den Amazonas angeliefert. Die Bauverzögerungen entstehen nicht nur durch Regen und Hochwasser. Die Entscheidungswege sind verschlungen, die

PÄDAGOGISCHE SPIELE VON RIO Solche Diskussionen muss Rio de Janeiro nicht fürchten. Im Gegenteil. Rio wird ein Fest, ist sich Bernardo Carvalho sicher. „Alle Veranstaltungen werden in der gleichen Stadt stattfinden. Das gab es in der Ära der modernen Spiele noch nie“, meint der Marketingdirektor. „In Athen und Peking fanden die Ruderwettbewerbe in anderen Städten statt. Bei uns liegt der See mitten in der Stadt, an der Copacabana wird BeachNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: FELIPE DANA/AP, GETTY IMAGES/AFP

Stau und Tränenfluss Rio erstickt in Autos. Ex-Präsident Lula weint vor Glück

DOPPELTE RECHNUNGEN Was nach der WM mit den Sportarenen passiert, ist unklar. In Manaus und in Brasilia gibt es keine Mannschaft, die in den höchsten Ligen des Landes spielt und viele Zuschauer locken könnte. Deshalb gibt es Kritiker, welche die Großzügigkeit, mit der sich Brasilien der Welt präsentieren will, als Größenwahn bezeichnen. Einer der heftigsten ist der Blogger José Cruz. Er berät auch den ehemaligen Fußballstar Romario, der jetzt Abgeordneter in Brasilia ist. Cruz hat ausgerechnet, dass das neue Stadion in Brasilia mit Kosten von rund 500 Millionen Euro zu einer der teuersten Sportstätten der Welt werden wird. Er klagt Korruption, doppelte Rechnungen und Überfakturierung an und sagt: „Die großen Bauunternehmen, die auch die Wahlkampagnen finanzieren, sind die einzigen, die vom neuen Stadion profitieren. Den Bürgern bleibt nichts als ein schöner, teurer weißer Elefant.“ Weiße Elefanten nennen Brasilianer öffentliche Bauwerke, deren Kapazität viel zu groß für ihre tatsächliche Nutzung ist. Der Sprecher der Lokalregierung hält dagegen: Ein Teil der Summe werde für die Infrastruktur rund um die Arena ausgegeben. Zweifellos stimme es aber, dass sich das neue Stadion mit den besten der Welt messen könne. Es habe ein verschließbares Dach und werde mit Shows und Konzerten auch das kulturelle Leben der Hauptstadt beleben.


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Es wird niemand mehr rasch bei Gelb die Kreuzung überqueren

volleyball gespielt, im Sambodrom liegt das Ziel der Marathonläufer.“ Dass in der Stadt noch nicht so viel von der Begeisterung über die anstehenden Sportfeste zu spüren ist, stört Carvalho wenig. Auch nicht, dass sich Gruppen aus allen Bevölkerungsschichten gegen die Veränderungen wehren. „In Rio de Janeiros Geschichte gab es viele Versprechen, die nicht eingehalten wurden. Die Menschen sind misstrauisch geworden“, meint Carvalho. „Aber wir haben einen Plan, wir sind transparent, und wir werden die Bewohner davon überzeugen, dass sie bald in einer besseren Stadt wohnen werden.“ Dafür müssten die Bürger nun eben ein bisschen leiden. „Und hoffentlich werden sich auch die Einwohner verändern. Olympische Spiele haben nämlich auch einen erzieherischen Einfluss“, erklärt Carvalho. Er zählt auf: In Athen hätten die Taxifahrer den Ruf gehabt, ihre Kunden übers Ohr zu hauen –

das sei nach den Olympischen Spielen besser geworden. In Peking hätten die Bewohner auf die Straße gespuckt – das hätten sie sich abgewöhnt und dafür gelernt, Schlange zu stehen. „Nach den Spielen in Rio wird niemand mehr das Auto auf dem Gehsteig parken, den Abfall auf die Straße werfen und bei Gelb noch rasch die Kreuzung überqueren“, ist sich Carvalho sicher.

KAMPF GEGEN KRIMINELLE Gegen Rios Ruf einer gewalttätigen Stadt wird bereits jetzt gekämpft. Ein wichtiger Anfang ist mit der Befriedung der meisten Favelas gemacht. Die Drogenbanden wurden vertrieben. „Jetzt ist der Staat mit Kinderkrippen, Schulen und Gesundheitszentren präsent. Dadurch ist die Gewalt wesentlich zurückgegangen“, resümiert Carvalho. „Wir sind dabei, ein zentrales Kontrollzentrum aufzubauen, wo alle sicherheitsrelevanten Informationen zusam-

menkommen – das wird die Bekämpfung der Kriminalität weiter erleichtern.“ Damit die Olympischen Spiele nicht im Verkehr ersticken, sollen neue ExpressStraßen gebaut werden, die mit Metro, Eisenbahn und Schiffsverkehr verbunden sind. Unter anderem werden die Verbindungsstraßen zwischen den vier Zentren für die Wettkämpfe ausgebaut. Im Stadtteil Barra da Tijuca in Rios Westen sollen neben den Unterkünften für die olympischen Delegationen auch Trainingszentren, ein Park, Restaurants und ein Kino entstehen. Die in den Hochhäusern geplanten rund 2900 Appartements sollen nach den Spielen verkauft werden. Insgesamt will die Stadt ihre Kapazität des Massentransports von 16 Prozent auf 50 Prozent erhöhen. „Alte Dieselbusse verschwinden. Wir bauen 150 Kilometer Radwege. Die Häuser von 700 000 Menschen werden ans Abwassernetz angeschlossen“, erklärt Carvalho. Mit diesen Maßnahmen soll bis 2016 der Ausstoß von schädlichen Klimagasen um 16 Prozent verringert werden. Gut, wenn’s gelingt. Dann hätte sich Rio der Janeiro tatsächlich neu erfunden. n ruedi leuthold | wiwo-global@wiwo.de

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Perspektiven

Seien Sie höflich und nie nackt Brasilianer pflegen einen entspannten und oft unkonventionellen Umgang untereinander. Das legere Auftreten hat jedoch Grenzen. Wer durch falsches Benehmen auffällt, gefährdet die Geschäftsbeziehung. In unserem Knigge haben wir das richtige Verhalten für Brasilien-Reisende aufgelistet.

Sich begrüßen In Brasilien reden sich die Menschen schon nach kurzer Zeit mit dem Vornamen an. Akademische oder adlige Titel zu erwähnen halten sie nicht für nötig. Ältere Männer lassen sich gerne mit „Senhor“ oder „Seu“ plus Vornamen ansprechen, ältere Damen dementsprechend mit „Senhora“ oder „Dona“ – plus Vornamen. Gilt jemand als Respektsperson, heißt er „doutor“ – vollkommen unabhängig davon, ob er einen akademischen Titel hat. Hohen Rang genießen Juristen – sie heißen grundsätzlich „doutores“. Wenn zwei Männer sich treffen, geben sie sich die

Hand. Das gilt vor allem für Geschäftspartner, die sich noch nicht so gut kennen oder grundsätzlich Distanz wünschen. Wer sich nähersteht, deutet bei der Begrüßung eine Umarmung an oder klopf sich gar gegenseitig krachend auf die Schulter. Frauen begrüßen sich mit zwei oder drei angedeuteten Wangenküssen. Auch Frauen und Männer, die ein vertrauensvolles Verhältnis haben, begrüßen sich auf diese zarte Weise. Brasilianer fassen sich während des Gesprächs gerne an. Das sollte aber niemand falsch verstehen. Berühren hat in diesem

Fall nichts mit Sinnlichkeit zu tun, sondern dient dazu, die Aufmerksamkeit des Gegenübers besser auf sich zu lenken. Der Dresscode für den Geschäftstermin in der Großstadt ist konservativ. Für Männer sind Krawatte und Anzug ein Muss – trotz der oft hohen Temperaturen. Ausnahme: Wer Fabriken, Baustellen oder Farmen besucht, darf ruhig auch dunkle Jeans oder Bundfaltenhose und ein kurzärmeliges Hemd ohne Schlips tragen. Das gilt vor allem für São Paulo und Brasilia. In Rio de Janeiro dagegen sind die Kleidervorschriften weitaus entspannter: Krawatte und Anzug sind die Ausnahme – außer bei Investmentbankern. Frauen kleiden sich in ganz Brasilien während der Arbeitszeit formell, allerdings körperbetonter und femininer als im europäischen Geschäftsalltag. Anders als bei privaten Anlässen ist ihr Businessdress hochgeschlossen – das hat auch mit den oft eiskalten Klimaanlagen zu tun. Ein absolutes Tabu ist Schweißgeruch. Kein Wunder, dass angesichts der oft hohen Temperaturen sich manche Brasilianer mehrmals am Tag duschen. Körperpflege ist eine Selbstverständlichkeit – für Männer und für Frauen. Auch wechseln Brasilianer ein bis zwei Mal pro Tag ihre Kleidung. Und natürlich: Nach dem Mittagessen werden die Zähne geputzt. Überhaupt hat Körperpflege hohe Priorität: Brasilianische Frauen gehen regelmäßig zur Maniküre. Auch Achsel- und Beinhaare lassen sie sich entfernen – zunehmend gilt das auch für Männer.

Sich unterhalten Brasilianer sind Meister im Small Talk. Er ist eine Kunst und weit entfernt von langweiligem Gebrabbel und oberflächlichem Possenreißen. Die Brasilianer erzählen sich mit viel Temperament gerne Anekdoten und private Erlebnisse. Wer witzig und

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ILLUSTRATIONEN: THOMAS FUCHS

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unterhaltsam auftreten kann und begeistert bei der Sache ist, hat für das spätere Geschäftsmeeting schon wichtige Respektpunkte gesammelt. Negative Themen wie Krankheiten oder persönliche Probleme in der Familie haben hier nichts zu suchen. Brasilianer wollen lachen. Das Vorurteil, dass sich Deutsche in dieser Übung stets immer etwas steif anstellen, ist auch in Brasilien verbreitet. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn dadurch erwartet der durchschnittliche Brasilianer vom deutschen Gast auch gar keine geschliffenen Unterhaltungskünste. Der Deutsche hat ohnehin bei den Einheimischen einen Bonuspunkt, weil er immer so fleißig und diszipliniert ist. Sollten Sie also typischer Deutscher sein, verstellen Sie sich nicht. Sagen Sie lieber gar nichts, oder Sie lächeln nur, bevor Sie Ihre Gastgeber mit tief gehenden Beobachtungen aus dem Sport oder gar der Politik langweilen. Vor allem aber sagen Sie nichts zum Thema „Amazonas“. Da sind die Brasilianer sehr empfindlich, ebenso bei der IndioProblematik, bei Religion und Rassismus. Die meisten Brasilianer schimpfen zwar unaufhörlich auf ihr Land. Trotzdem sind sie fast immer Lokalpatrioten und stolz auf ihre Heimat. Deswegen sollten Sie mit Kritik vorsichtig sein. Wenn Sie dennoch schimpfen wollen, schimpfen Sie auf das Wetter, das Verkehrschaos oder die wachsende Kriminalität. Diese Themen sind erlaubt. Sie müssen wissen: In Brasilien herrscht eine gewisse Nabelschau – globale Perspektiven gibt es nicht. Nur die Businesselite kann sich vorstellen, wie ein Ausländer denkt, weil sie selbst schon mal im Ausland gelebt oder studiert hat. Wie gesagt – bleiben Sie also lieber, wie Sie sind. Der Brasilianer durchWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

schaut Sie ohnehin sofort. Er ist ein exzellenter Beobachter. Körpersprache und Mimik kann er schnell und instinktsicher deuten. Wer etwas anderes sagt, als er meint, wird gnadenlos durchschaut. Wenn Sie dennoch etwas Wichtiges erzählen wollen und können kein Portugiesisch – bitte sprechen Sie nicht nur Englisch. Versuchen Sie es auch mit ein paar Brocken Portugiesisch. Lernen Sie ein paar Begriffe! Englisch ist nämlich nur in der Businesselite verbreitet. Im Hotel, Taxi oder Flughafen dagegen ist es nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Und bitte sprechen Sie auch kein überartikuliertes Oxford-Englisch. Das wirkt snobistisch. Je einfacher und klarer Sie sprechen, desto sympathischer kommen Sie an.

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Sich benehmen Brasilianer sind höfliche Menschen. Das freundliche Miteinander ist ihnen oft wichtiger als Ehrlichkeit oder Wahrheit. Deswegen sagen sie auch selten Nein. Konflikte bremsen, Konsens fördern – so könnte das Mantra der brasilianischen Streitkultur lauten. Im Konfliktfall sollten Sie also nie knallharte Konfrontation suchen. Dem Partner, Kollegen oder Untergebenen muss immer die Möglichkeit bleiben, sein Gesicht zu wahren, auch wenn er noch so falsch liegt. Sie müssen ganz behutsam, im besten Fall humorvoll darauf hinarbeiten, Ihrem brasilianischen Geschäftspartner zu verdeutlichen, dass er vielleicht nicht ganz korrekt gearbeitet hat. Wie überall auf der Welt gilt auch in Brasilien: Der Ton macht die Musik. Wer die Stimme hebt, hat schon verloren. Oft sind Brasilianer von der mangelnden Sozialkompetenz der deutschen Partner enttäuscht. Das ist fatal, denn Schwächen im menschlichen Umgang bleiben in Erinnerung und gefährden die Geschäftsbeziehung. Auch auf Besserwisserei reagieren Brasilianer sehr empfindlich, erst recht auf Arroganz. Wer spüren lässt, dass er sich für etwas Besseres hält, hat schon verloren. Das gilt am Arbeitsplatz genauso wie beim Einkauf oder in der Werkstatt. Der moderate Ton ist gefragt. „Wir werden sehen“, „Lass uns mal abwarten“ und „Warum nicht?“ sind typische Umschreibungen für das Wörtchen Nein. Doch aufgepasst: Der freundliche Tonfall ist auch Strategie, von der man sich nicht einlullen lassen darf. Wer wirklich etwas verändern will, muss hartnäckig bleiben – auf höfliche Weise.

Auch erzählt man einem relativ unbekannten Gesprächspartner nicht gleich, wo und mit wem man das Wochenende verbringt, was man in den nächsten Tagen für wichtige Geschäftstermine hat und wie erfolgreich man zu sein gedenkt. Solche Dinge empfinden Brasilianer nicht nur als angeberisch, sie gefährden auch Ihre Sicherheit: Brasilien ist ein gefährliches Land, die Kriminalitätsrate ist hoch. Also bitte nicht protzen – weder mit Worten noch mit Wertsachen. Teure Uhren, Originaldokumente, volle Brieftaschen oder Kamera sollte man am besten zu Hause oder im Hotel lassen, Laptop oder iPads nur im Geschäftstermin öffnen, aber nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Und lieber nur eine Kreditkarte, etwas Bargeld und eine Ausweiskopie mit sich herumtragen. Vor allem im Umgang mit Frauen legen Brasilianer großen Wert auf Höflichkeit. Geschäftsreisende Frauen müssen deswegen in Brasiliens Businesszentren auch keine Schwierigkeiten befürchten. In der Provinz und abseits der üblichen Pfade sind reisende Managerinnen dagegen eher selten. Als Frau allein in einer Bar zu stehen oder einem Restaurant zu sitzen ist in Brasilien nicht üblich – problematisch allerdings auch nicht. Es könnte jedoch sein, dass sich gleich Kavaliere um die Frauen scharen: Sie halten die Türen auf, machen Komplimente oder laden sie zum Essen ein. Frauen dürfen solchen „Service“ weder als Affront noch als Angebot missverstehen. Es gilt zum Beispiel als zutiefst unhöflich, wenn ein Gastgeber sich nicht persönlich darum kümmert, dass eine allein reisende Geschäftspartnerin abends sicher in ihr Hotel zurückfindet. Ganz selbstverständlich öffnet er dann auch die Autotür. Sich nicht als Kavalier zu zeigen, ist genauso unhöflich, wie vor allen Leuten in »

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Perspektiven

geht man auf die Toilette. Wem die Nase läuft, der kann eher schniefen als schnäuzen. Wer den Raum nicht verlassen kann oder will, dreht sich vom Tisch oder seinem Gegenüber weg und säubert diskret die Nase in ein Papiertaschentuch. Sollte Sie am nächsten Morgen Ihr brasilianischer Gesprächspartner anrufen, melden Sie sich bitte nicht mit Ihrem Namen oder Vornamen. Das ist nicht üblich – zum Teil wieder aus Sicherheitsgründen (man weiß nicht, wer da anruft), zum Teil aus Etikette. Antworten Sie mit dem brasilianischen „Oi, quem é” („Hallo, wer spricht?“). Und natürlich heben Sie nicht ab, wenn Ihr Handy mitten in der Konferenz klingelt. Das sollten sich nur die in der Hierarchie höher Stehenden erlauben. Wenn es bei Ihnen aber gar nicht anders geht, verziehen Sie sich einfach in eine Ecke.

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Geschäfte machen Wenn Sie zu einem Geschäftstermin gehen, stellen Sie sich darauf ein, pünktlich zu sein, aber trotzdem warten zu müssen – wenigstens das akademische Viertelstündchen. 15 Minuten nach dem vereinbarten Termin gelten noch nicht als Verspätung. Nur in der Politik und bei Behörden ist Unpünktlichkeit die Regel – dort sind Wartezeiten über mehrere Stunden üblich und müssen leider ertragen werden. Kommen Sie nicht auf die Idee, den verspäteten Geschäftspartner deswegen zu kritisieren. Dann haben Sie schon verloren, und der Termin wird scheitern. Bleiben Sie also auch in diesem Fall freundlich. Damit Sie im schlimmsten Fall nicht Tage warten müssen, lassen Sie sich Ihre Termine, die Sie von Deutschland aus per E-Mail oder Telefon gemacht haben, noch mal ein, zwei Tage vorher bestätigen. Beim ersten Geschäftskontakt wirkt ein Gastgeschenk eher übertrieben. Ihr Gegenüber erwartet das nicht und wird vermutlich beschämt sein, weil er Ihnen nichts mitgebracht hat. Wenn Sie unbedingt etwas schenken wollen, sollten Sie das bei einem späteren Treffen nachholen. Bringen Sie bitte kein Bundesliga-Trikot oder ein Modell-Auto made in Germany für den Sohn mit, keine belgischen Pralinen für den Mann oder französisches Parfum für die Ehefrau. Mitbringsel dieser Art sind in Brasilien höchstens unter Freunden üblich. Schenken Sie lieber eine kleine, neutrale Aufmerksamkeit. Diese kann Türen öffnen und wird gern angenommen.

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Wenn Sie vor einer Gruppe gestandener brasilianischer Geschäftsleute dann eine Rede halten wollen oder sollen, müssen Sie das sehr strenge, fast höfische Protokoll beachten: Jeder Redner muss die Liste der anwesenden Prominenz und Honoratioren komplett herunterlesen – auch wenn das bereits ein Dutzend Redner vor Ihnen gemacht hat. Die verkürzte Version „Sehr geehrter Herr Gouverneur, liebe Freunde“ ist zwar möglich, kommt aber nicht gut an. Pluspunkte kann man als Redner nur gewinnen, wenn man die Promi-Liste mit gebührender Aufmerksamkeit klar und deutlich abarbeitet. Auch ein Kopfnicken in Richtung des Gegrüßten wird durchaus erwartet und schmeichelt den Anwesenden. Ist Ihr Auftritt ein Erfolg, wird man Ihnen gratulieren und Sie nach Visitenkarten fragen. Die sollten Sie immer dabeihaben – am besten ins Portugiesische übersetzt. Die Geschäftspartner lesen sie immer sehr genau – dadurch ergeben sich für sie weitere Anknüpfungspunkte für einen Small Talk. Visitenkarten werden auch zu Beginn eines Gesprächs den Beteiligten gerne unauffällig in die Hand gedrückt. Wird Ihnen also eine Karte gereicht, ist es Ihre Pflicht, sogleich Ihre eigene rauszurücken. Unterschätzen Sie nie Ihren Gesprächspartner, nur weil er oder sie halb so alt sind wie Sie. In Brasilien können 30-Jährige schon hohe leitende Positionen besitzen. Junge Frauen in Führungspositionen, vor allem in den Finanzmärkten, werden immer häufiger. Auch kann es sein, dass Ihnen der brasilianische Unternehmer so vorkommt, als lasse er lieber andere für sich arbeiten, als selbst etwas zu tun. Tatsächlich ist das auch so – aber nur bei den erfolgreichen. Diese patriarchalische Haltung nehmen gerne diejenigen an, die „es geschafft haben“. Handarbeit gilt in diesen hohen Kreisen als

minderwertig. Hemdsärmeligen deutschen Mittelständlern kommt eine solche Attitüde eher fremd vor. Sie sind es gewohnt, selbst anzupacken. Deswegen der Tipp: Wenn es beispielsweise Probleme bei Absprachen gibt, achten Sie bei Ihrer Beschwerde auf Hierarchien und brüskieren Sie niemals den brasilianischen Chef. Überhaupt müssen Sie Verständnis für die hohen brasilianischen Erwartungen und auch Geduld mitbringen: Verhandlungen ziehen sich oft viel länger hin als in Europa oder den USA – dennoch müssen die Geschäfte viel schneller Gewinne abwerfen als bei uns. Die wenigsten brasilianischen Geschäftspartner können sich für Geschäfte begeistern, die erst nach zwei Jahren profitabel sind.

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Essen gehen

Wer in ein Restaurant geht, sollte es nicht einfach „stürmen“, sondern warten, bis er vom Kellner an einem freien Tisch „platziert“ wird. In den besseren Restaurants arbeitet meist eine „Recepcionista“, eine Empfangsdame, die einen dann galant zum Tisch begleitet. Beim Menü kommen Fleischfetischisten voll auf ihre Kosten: Das saftige Steak ist für Brasilianer Alltag. Fettränder oder sehnige Stücke werden großzügig abgeschnitten und auf dem Teller liegen gelassen. In den Rodízios, Grillrestaurants, schneiden Kellner das Fleisch von langen Spießen direkt auf die Teller der Gäste. Am Büfett kann man sich so oft bedienen, wie man möchte. Dort sollten Europäer allerdings nicht hemmungslos zuschlagen, als hätten sie zuletzt vor zehn Jahren feste Nahrung gesehen. Ein gewisses würdevolles Auftreten wird auch am Büfett erwartet. Zum Schluss zahlen die Gäste einen Festpreis. Und: Trinken Sie nicht zu viel Alkohol! Zum Mit-

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» sein Taschentuch zu schnäuzen. Dazu

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tagessen bestellen Brasilianer manchmal einen Drink oder ein Bier. Spätestens beim Hauptgang gehen sie wieder zu Softdrinks und Wasser über – es sei denn, die Tischrunde entscheidet sich für einen Wein. Am Abend nach der Arbeit sind gemeinsame Besäufnisse eine Ausnahme. Kaum etwas ist peinlicher, als wenn der deutsche Geschäftsreisende sich den ganzen Tag zugeknöpft gegeben hat und abends auf Brüderschaft trinken will. Auch im Privatleben der Brasilianer sieht es nicht wesentlich anders aus: Zwar trinken sie dann gerne ein eiskaltes Bier, einen Whisky, eine Caipirinha oder einen Wein. Aber auch hier gilt: Selten ist jemand betrunken. Ob Mittag- oder Abendessen – mit wichtigen Geschäftsthemen sollte man bis zum Kaffee warten. Wer dann rauchen will, muss achten, wo er sitzt: Ein Rauchverbot gilt inzwischen in ganz Brasilien in Shoppingmalls, Bars und Restaurants. Nur in Cafés, Bars und Restaurants, die sich draußen auf der Straße, im Hof oder auf einem Platz befinden, kann weiterhin gepafft werden – und auch nur dann, wenn bei den Tischen im Außenbereich keine Markise den Rauch zurückhält. Pfeife oder Zigarren bitte nur in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten rauchen. Dass bei diesen strikten Maßnahmen Zigarren-Shops mit angeschlossenen Raucherräumen in Brasilien immer populärer werden, ist kein Wunder. Wenn Sie schließlich die Rechnung bezahlen, müssen Sie kein Trinkgeld geben. In Brasilien werden zehn Prozent automatisch bei allen Restaurantrechnungen aufgeschlagen. Nur wenn Sie unbedingt wollen, können Sie zusätzlich etwas geben. Und wenn Sie dann mit dem Taxi nach Hause fahren, denken Sie daran: Taxirechnungen werden immer aufgerundet.

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Privat einladen Das Zuhause ist der Familie und engen Freunden vorbehalten. Private Einladungen sind deshalb unter Geschäftsleuten selten. Wenn Sie aber dennoch privat von einem Geschäftspartner beispielsweise zu einem Churrasco (Grillen) nach Hause eingeladen werden, ist das ein großer Vertrauensbeweis. Sie sollten solche Einladungen auf keinen Fall absagen – hier werden wichtige persönliche Kontakte geschaffen. Und bitte nicht pünktlich sein! Es sei denn, der Gastgeber fordert sie ausdrücklich dazu auf. Eine halbe bis ganze Stunde nach der angegeben Zeit ist eine WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

gute Daumenregel. Es kann dann aber immer noch sein, dass Sie den Gastgeber beim Krawattenbinden antreffen. Bei schriftlichen Einladungen stehen die Kleiderregeln auf der Karte. Üblich für Privateinladungen ist „Esporte fino“: für den Herrn konservativer mediterraner Kleidungsstil mit Jackett-Hosen-Kombination, Freizeithemd (frisch gebügelt!) und Mokassins. Für die Damen sind Kleider, Röcke, Blusen mit Dekolleté, Pumps und Make-up üblich. Schmuddel-Look können Sie sich nur leisten, wenn Sie extrem reich oder renommierter Künstler sind. Wenn Sie dann ins Haus Ihres Gastgebers kommen, seien Sie nicht erstaunt: Dienstpersonal ist in Brasilien ab der Mittelschicht aufwärts eine Selbstverständlichkeit. Besucher sollten die Angestellten jedoch nicht ins Gespräch einbinden oder ihnen Befehle erteilen. Danke sagen reicht. Verbringt man das verlängerte Wochenende im Ferienhaus seines Gastgebers, kann man gerne ein anerkennendes Trinkgeld geben. Am besten ist es aber, den Gastgeber vorher zu fragen, ob das in Ordnung ist. Am Strand schließlich gelten klare Benimmregeln: Trotz knappster Bikinis der

Brasilianerinnen ist „oben ohne“ für Frauen genauso tabu wie für die Männer ein knappes Tanga-Modell. Die Badehose oder den Bikini am Strand zu wechseln – auch an völlig verlassenen Stränden – ist absolut unvorstellbar. Das macht man vorher. Frauen tragen auf dem Weg zum Strand über dem Bikini ein oft kunstvoll geschlungenes Strandtuch. Männer liegen mit T-Shirt und Shorts stets richtig. Bikini und Bermudas sind in Brasilien wichtige Kleidungsutensilien mit ständig wechselnden Trends. Diese Markentextilien sind so gesellschaftsfähig, dass man sie auch in den Strandbars und -restaurants tragen darf. Wer seine verlauste, alte Badehose aus Deutschland mitgebracht hat, sollte sich schnell noch ein neues Modell besorgen. Männer sollten auch auf keinen Fall mit nacktem Oberkörper in einer adretten Strandbar sitzen, sondern ein T-Shirt drüberziehen. Und bitte keine deutschen Sandalen mit Lederriemen und dicker Korkensohlen tragen. Wer brasilianisch sein will, trägt am n Strand Flip-Flops. alexander.busch@wiwo.de

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Perspektiven

Die Top-10-Reiseziele

Wer Brasilien wirklich entdecken will, wird wohl sein ganzes Leben dafür brauchen. Für alle, die nicht so viel Zeit investieren können, haben wir die schönsten Orte zusammengestellt.

1. Instituto Inhotim

Überschwänglich, geheimnisvoll, berührend – ein Besuch im Instituto Inhotim in Brumadinho ist eindrucksvoll. Dort gibt es den brummenden Sound der Erde aus einem 200 Meter tiefen Loch von Doug Aitken, den komplett in rot gehaltenen Pavillon von Cildo Meireles oder die Harmonie der silbernen Kugeln auf der Wasseroberfläche von Yayoi Kusama. Hier, rund 60 Kilometer von Belo Horizonte entfernt, sind im botanischen Garten die Kunstwerke der Moderne ausgestellt – von Doug Aitken und Matthew Barney, Janet Cardiff, Doris Salcedo bis zu Olafur Eliasson. Die großen brasilianischen Künstler wie Miguel Rio Branco, Hélio Oiticicas und Adriana Varejão haben einen eigenen Pavillon.

2. Fernando de Noronha

Tiefblaues Meer, transparentes Wasser mit Sichtweiten bis zu 50 Metern, Wassertemperaturen von durchschnittlich 26 Grad und eine farbenprächtige und reiche Unterwasserwelt machen Fernando de Noronha zu einem der besten Tauchgebiete weltweit. Rund 350 Kilometer vom Festland entfernt, weit draußen im Atlantik liegt die Insel – sie ist die Spitze eines vulkanischen Gebirges. Über 4000 Meter sind es bis zum Meeresgrund. Das erklärt die Wasserqualität und den großen Artenreichtum des inzwischen als Meeresnaturpark geschützten Archipels. Die Besucherzahlen sind beschränkt, aber inzwischen gibt es luxuriöse Unterkünfte auf dem ehemaligen Militärstützpunkt. Linienflüge verbinden

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das Paradies mit Recife und Natal – eine Stunde Flugzeit.

3. Búzios

Búzios ist der mondänste Strandort Brasiliens. Er liegt 180 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro entfernt und gilt als der Treff der Schönen und Reichen. Selbst Cariocas, die Bewohner Rio de Janeiros, die ihre Heimatstadt für die schönste der Welt halten, nehmen die zweistündige Autofahrt auf sich, um in einer der Buchten der nach den afrikanischen Kauri-Muscheln benannten Halbinsel ins tiefblaue Wasser zu tauchen und sich ins Nachtleben zu stürzen. High Season ist von Dezember bis März – im brasilianischen Sommer. In den übrigen Monaten entfaltet Búzios sein charmantes und entspanntes Flair – mit Champagner, Caipirinha und den Stars der Telenovelas. Aus den weiß getünchten Bungalows der Casas Brancas vom Alto do Humaitá haben Sie einen tollen Blick auf die Praia da Armação mit ihren Fischerbooten.

4. Pantanal

Das Schnellboot saust flussaufwärts, wird abrupt gedrosselt und treibt in den braunen Fluten. Dort, wo sich der Wald wie ein Fenster zum Fluss hin öffnet, liegt die Raubkatze, ein Prachtexemplar mit gewaltigen Pranken. Ihre Vorderbeine sind kräftig wie junge Baumstämme. Vielleicht 25 Meter trennen uns. Jedes Muskelzucken ist unter dem gefleckten Fell zu erkennen. Vorsichtig versucht der Bootsführer, näher heranzukommen. Der Jaguar blickt ungerührt zum anderen Flussufer hinüber. Die puscheligen Ohren bewegen sich hin und her. Dann leckt er hingebungsvoll seine

rechte Tatze. Die zahmsten Jaguare der Welt gibt es in der Gegend von Porto Jofre, im staatlichen Park Encontro das Aguas inmitten des Pantanals – der einzige Ort weltweit, wo sich die Raubtiere von Menschen in freier Wildbahn aus nächster Nähe und über einen längeren Zeitraum beobachten lassen. Der Grund: Seit über 20 Jahren gibt es in dem Gebiet Sport- und Profi-Fischerei. Die Großkatzen sind an die Motorengeräusche gewöhnt und freuen sich über die über Bord geworfenen Fischabfälle der Fischer. Heute leben etwa 5000 bis 7000 Großkatzen in dieser menschenleeren Gegend entlang der Flussläufe.

5. Rota Ecológica

Versteckt zwischen Zuckerrohr und Kokoshainen, 100 Kilometer nördlich von Maceió, der Hauptstadt des winzigen Bundesstaates Alagoas, liegt die Pousada do Toque. Nirgends in Brasilien ist das Meer so türkisgrün und warm wie hier. Das liegt an den Korallenriffen, die während der Ebbe den ganzen Reichtum des Meeresbodens zugänglich machen. In den Neunzigerjahren entstand die erste Pousada an diesem einsamen Strand. Heute gibt es ein Dutzend in der Region, die sich Rota Ecológica nennt. Massentourismus ist hier unbekannt. Die Bungalows der Pousada do Toque liegen in einem großen Garten, ausgestattet mit viel Holz und dem in Brasilien üblichen Luxus von riesigen TV-Flachbildschirmen, feinster Bettwäsche und Handtüchern. Einige Bungalows haben „Ofuró“, eine Holzbadewanne. Andere besitzen ein eigenes Schwimmbad oder eine Sauna – und manche auch alles zusammen mit Blick aufs Meer und privatem Service. »

Von der Kunst bis zur Koralle Wen die zeitgenössische Kunst im Instituto Inhotim (1) zu sehr anstrengt, taucht ab in die Unterwasserwelt von Fernando de Noronha (2). Oder er sonnt sich zwischen den Schönen und Reichen am Strand von Búzios (3). Wer’s wilder mag, reist in den Staatspark Encontro das Aguas in Pantanal, um Jaguare zu bestaunen (4). Oder er legt sich in eine schöne Pousada in der Rota Ecológica zum Schlafen (5)

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FOTOS: LAIF/MADAME FIGARO, F1ONLINE, SUPERBILD/YOUR PHOTO TODAY, BIOSPHOTO/PATRICK KIENTZ

W

ohl kaum ein anderes Land hat so wenig mit Langweile zu tun wie Brasilien. Egal, ob Sie Jaguare kraulen, Piranhas angeln oder Giselle Bündchen treffen wollen, Wasserfälle, Tropfsteinhöhlen oder Mangrovenwälder erobern möchten oder es bevorzugen, im türkisgrünen Meer oder in der Holzbadewanne zu entspannen – hier finden Sie die entscheidenden Tipps:


1. 2.

3.

4.

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

5.

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Perspektiven

7. Chapada Diamantina

Genug von Stadt und Strand, Hitze und Feuchtigkeit? Dann machen Sie einen Ausflug in die Chapada Diamantina – eine bergige, trockene Region rund 400 Kilometer westlich von Salvador. Es ist eine atemberaubende Tafelberglandschaft, die hier in Jahrmillionen durch Erosion entstanden ist, bestückt mit bizarren Sandsteinformationen, rauschenden Wasserfällen, geheimnisvollen Höhlen und ehemaligen Gold- und Diamantengräberstädten wie Lençóis, ein romantisches Städtchen mit kolonialen Gebäuden und Ausgangspunkt für Touren in den Nationalpark. Donnerstags und sonntags fliegt die Fluggesellschaft Trip in 50 Minuten von Salvador nach Lençóis und zurück. Sie können wandern und mehrtägige Treckingtouren durch die beeindruckende Landschaft machen. Oder besuchen Sie die Tropfsteinhöhlen Torrinha und Pratinha mit ihren seltenen Stein- und Kristallformationen. Baden Sie im klaren Wasser unterirdischer Höhlen wie dem Poço Azul oder in den dunklen Wassern verträumter Seen.

8. Foz do Iguaçu

„Iguaçu“ – das große Wasser, nannten die Indianer die Wasserfälle im Dreiländereck Brasiliens, Argentiniens und Paraguays. Der Besuch ist ein großartiges Naturerlebnis: der Donner, das Gurgeln und Prasseln des Wassers, die Gischt in der Luft, die überbordende, subtropische Vegetation. Von der brasilianischen Seite haben Sie ei-

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Belém

Manaus

Fortaleza

10

2 Natal

Recife

5 Maceió

7 6

Brasilia 4

Cuiabá

Belo Horizonte

Divinópolis

1

Salvador

Vitória

3 Rio de Janeiro

São Paulo 8 Curitiba 9 Florianópolis

nen Blick auf das gesamte Panorama. Ein Weg führt entlang der Fälle auf eine Plattform hinaus. Wer kann, bleibt im Hotel das Cataratas, einem renovierten Luxushotel im Kolonialstil im Nationalpark. Von hier aus können Sie auch nach der Schließung des Parks dieses Naturspektakel exklusiv genießen. Auf der argentinischen Seite gibt es mehrere Pfade oberhalb und unterhalb der Wasserfälle. Rechnen Sie für einen Besuch mit einem ganzen Tag! Am beeindruckendsten ist der Steg, der zur Garganta del Diablo führt, zum Teufelsrachen, in den die donnernden Wassermassen auf der argentinischen Seite stürzen. Per Flugzeug gut von Rio und São Paulo zu erreichen.

9. Florianópolis

Die Brasilianer nennen die Insel „Floripa“ – Abkürzung von Florianópolis. Die Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina liegt eineinhalb Flugstunden von São Paulo und Rio entfernt. Florianópolis im ruhigen Süden des Landes hat mit seinen Azoren-Dörfern und seiner Austernzucht von Brasiliens Hauptstädten den höchsten Lebensstandard, die beste Lebensqualität und kaum Kriminalität. Das Stadtgebiet erstreckt sich über die gesamte Insel: dichter atlantischer Regenwald, mittelgebirgshohe Bergzüge, eine riesige Lagune, groß wie der Starnberger See, Dünen und ein Meer, das mal wild, mal seicht oder in lang gezogenen Wellen auf die Küste zurollt. Zwei Brücken verbinden Floripa mit dem Festland. „The place to be“, urteilte die „New York Times“ – das

war 2009, und danach kamen alle, die Fürstenkinder aus Monaco, Beyoncé und Stavros Niarchos, Giselle Bündchen, Calvin Klein und die Schumachers. In den BeachClubs im Norden der Insel steigen Champagnerpartys. Die Playboys fliegen am Wochenenden mit dem Helikopter aus São Paulo ein. Im Süden der Insel leben nur Einheimische. Wer als Tourist ein komfortables Hotel mit Blick auf die Insel sucht, sollte den Majestic Palace buchen.

10. Amazonasgebiet

Nächtliches Tier-Spotting, Ausflüge in die unberührte Natur des tropischen Regenwaldes und Piranhas angeln – das ist Manaus. Es liegt zwar mitten im Amazonasgebiet, aber den größten Regenwald der Welt erleben Sie erst beim Aufenthalt in einer Lodge. Davon gibt es im Umkreis von Manaus mehrere, zu erreichen per Boot, Flugzeug und auf dem Landweg. Knapp drei Stunden mit dem Auto brauchen Sie zur Anavilhanas Jungle Lodge, den Rio Negro flussaufwärts von Manaus. 400 Inseln gehören zum Archipel von Anavilhanas. Seit 2008 ist er ein streng geschützter Nationalpark mit fast unberührter Natur. Gut ausgebildete und engagierte Guides führen Sie in die Welt des Regenwaldes ein. Dennoch müssen Sie auf Komfort nicht verzichten. Die geschmackvollen Holzbungalows der Anavilhanas Lodge liegen mitten in der Natur. Vom Holzdeck des Schwimmbades haben Sie einen Blick auf die Flusslandschaft. In der Nacht begleiten Sie die Geräusche des Urwaldes in die Träume. Am Morgen geht es zum Sonnenaufgang-Schauen auf den 25 Meter hohen Aussichtsturm der Pousada. Und was die Küche angeht – probieren Sie die frisch zubereiteten Amazonasfische. Sie sind fast grätenfrei. Wer nicht bis nach Manaus kommt, kann auch im südlichen Amazonien eine Lodge besuchen. Die Cristalino Jungle Lodge liegt in einem 7000 Hektar großen privaten Naturschutzgebiet im südlichen Amazonas: eineinhalbstündige Anreise über Brasilia nach Cuiabá und weiter nach Alta Floresta – eine Stunde Flug. Von hier ist man in 60 Minuten mit Auto und Boot im Urwald. n petra schaeber | wiwo-global@wiwo.de

Von Palmen bis zu Piranhas Wer sich nach Inseleinsamkeit sehnt, reist nach Boipeba (6). Wanderer sollten den Weg in die Tafelberglandschaft der Chapada Diamantina suchen (7). Wer Frische liebt, stellt sich neben die Wasserfälle von Iguaçu (8), und wer glaubt, nichts gehe über Sylt und Starnberg, muss Florianópolis besucht haben (9). Nur eins ist aufregender: Manaus, mit Tier-Spotting bei Nacht und Piranhas angeln (10)

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FOTOS: VISUM/JO HOLZ, ALIMDI/KARSTEN KRAMER, BILDAGENTUR ONLINE/TIPS-IMAGES, LAIF/MALTE JAEGER, CORBIS/PIERRE MERIMEE

6. Ilha de Boipeba

Kaum sind die Fensterläden geöffnet, fällt der Blick auf das in der Morgensonne liegende Inselufer. Erste Fischerboote fahren auf das Meer hinaus. Zwei Damen bereiten auf der Terrasse des Holzbungalows das Frühstück zu, sie haben Körbe mit frischem Obst und Kuchen mitgebracht. Nur vier einfache Bungalows hat die Pension, die sogenannte Pousada Vila Sereia auf Boipeba, der „kleinen Schwester“ des beliebten Ferienziels Morro de São Paulo. Die Insel Boipeba liegt 270 Kilometer südlich von Salvador, rund 30 Minuten Flug in einer zweimotorigen Maschine. Auf der Insel wachsen vorwiegend Mangroven und Kokospalmen. Es gibt Naturschwimmbäder, die sich in der Ebbe formen, sanft ans Ufer schlagende Wellen und zwei kleinere Orte, Boca da Barra und Moreré, die im Inland nur mit Traktoren über einen einzige Sandweg verbunden sind. Autos fahren auf der Insel nicht.


6.

7.

9.

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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Ausblick In wenigen Jahren könnte Brasilien Deutschland überholen, was die Menge der produzierten Industriegüter betrifft. Ob solche Prognosen aber tatsächlich eintreten, hängt von langfristig wirkenden Wettbewerbsfaktoren ab. Von Roland Tichy

Rohstoffinnovation

H

eute ist Deutschland der zweitwichtigste Produktionsstandort der Welt; knapp hinter China, vor den USA auf Platz drei und mit Abstand zu Brasilien, das immerhin schon auf Platz acht rangiert. Schon in fünf Jahren wird sich in dieser Rangfolge viel geändert haben, so eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft Deloitte, die dazu 550 Vorstandsvorsitzende weltweit tätiger Konzerne befragt hat. In fünf Jahren also herrscht China weiterhin auf Platz eins; gefolgt von Indien und dann auf Platz drei: Brasilien. Deutschland soll dann den vierten Platz beziehen, die Vereinigten Staaten auf Platz fünf abgefallen sein. Solche Prognosen sind selbstverständlich keine sicheren, unumstößlichen Wahrheiten. Aber in der Frage zukünftiger Industriebesetzung haben selbst so subjektive Erwartungen doch zentrale Bedeutung, schon weil sie von Top-Managern geäußert werden: Diese orientieren ja ihre Investitionsentscheidungen über den Bau von Fabriken und Markterschließungsstrategien an ihren eigenen Erwartungen – ihre Prognosen erfüllen sich also selbst, wenigstens zu einem großen Teil. Und letztlich geht es dabei auch gar nicht um die eine oder andere Rangposition nach oben oder unten – die großen Trends sind entscheidend. Danach wird Deutschland das letzte europäische Land sein, das noch unter den 15 führenden Industriestandorten vertreten sein wird. Heute zählen noch Polen auf Rang 14 und Großbritannien (15) dazu. In fünf Jahren aber werden sie wie schon heute Italien und Frankreich nicht mehr in der Spitze vertreten sein. Auch andere klassische Industrienationen wie die USA und Japan steigen ab, wenn auch langsam. Die Gewinner der Industrialisierung der ersten Runde – Südkorea, Taiwan, Malaysia und Thailand – stagnieren. Sie werden eingeholt von Vietnam und Indonesien und eben Brasilien, das die meisten Rangplätze gewinnt.

Der wachsende Wohlstand lässt eine globale Mittelschicht wachsen

WIE WICHTIG IST EIGENTLICH DIE INDUSTRIE? Aber wie wichtig ist eigentlich die Industrie – oder ist es eher ein Hinweis auf wirtschaftliche Reife und Wohlstand, wenn schmutzige Blue-Collar-Jobs durch Dienstleistungsindustrien verdrängt werden? Aus Sicht der Vorstandsvorsitzenden und der meisten Wissenschaftler ist diese Streitfrage zugunsten der Industrie entschieden. Dabei wurde diese Frage in den USA und Europa noch in den Achtzigerjahren zugunsten der Dienstleistungen beantwortet. Heute erkennt man den direkten Zusammenhang, den das Wachstum der produzierenden Industrie auf die Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums hat. Gerade in den Emerging Countries ist der Aufbau der Industrie der wesentliche Treiber für explosives Wachstum: Spezifisches Wissen und ein breiter Fächer von Fähigkeiten werden aufgebaut, die Infrastruktur wird entwickelt, und dieses Wachstum strahlt in die gesamte Kultur der Gesellschaft aus. Brasilien ist das beste Beispiel dafür: Im Gegensatz zu

64

INNOVATIONSKRAFT STATT ROHSTOFFE Darin liegt die eigentliche Herausforderung für die brasilianische Industrie: Bislang ist sie sehr stark auf den heimischen Konsumentenmarkt konzentriert, der ihr ungeheure Wachstumschancen ermöglicht. Aber die brasilianischen Unternehmen sind sehr viel weniger als die „alte“ deutsche Wirtschaft in die Globalisierung integriert, die aber den Takt der Nachfrage vorgibt. Das Wachstum der Zukunft und die Wettbewerber liegen nicht hinter der Haustür, sondern davor; und hier entscheidet sich der langfristige Erfolg auch für die brasilianische Wirtschaft – für die deutsche ohnehin (siehe Seite 10). Der wichtigste Wettbewerbsfaktor ist eine durch qualifizierte Mitarbeiter getriebene Innovationskultur; es zählen Qualität und Einsatzbereitschaft von Forschern, Instituten, Hochschulen und Ingenieuren sowie Fachpersonal in technischen und verkaufsorientierten Tätigkeiten. An zweiter Stelle kommt die politische Stabilität, insbesondere das Rechts- und Finanzsystem. Lohnkosten, Steuern und Rohstoffvorkommen dagegen fallen in ihrer Standortbedeutung zurück. Damit ist die Ausgangslage für die Rangfolge der Zukunft klar: Deutschland profitiert von seinem Erfahrungswissen – Brasilien muss sich in der Globalisierung behaupten und seine innere Solidität beweisen. Nicht mehr allein Rohstoffe sind die Gewinnerfaktoren, sondern Innovationskraft für die Märkte von morgen. n Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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Indien oder Russland besitzt es eine starke eigene Industriebasis. Die wiederum hat mit ihrer Wertschöpfungskette für Konsum und Investitionen dafür gesorgt, dass Brasilien die aktuelle Weltwirtschaftskrise seit 2009 weitgehend unbeschadet überwunden hat. Weitere dynamische Faktoren kommen dazu: Industrie entwickelt sich nicht mehr in abgeschotteten Märkten, sondern in einer verbundenen Welt, deren Zulieferer- und Wertschöpfungsketten global ausgelegt sind. Digitale Technologien und Infrastrukturen verteilen sich blitzschnell weltweit und verändern die Produktionsbedingungen; komplexe und immer neue Handelsabkommen ermöglichen und regulieren gleichermaßen den Warenaustausch. Der wachsende Wohlstand lässt eine globale Mittelschicht wachsen, die weltweit die Nachfrage prägt und ihrerseits global kommuniziert und dabei sehr ähnlichen Werte- und Verhaltensmustern folgt: Bildung, Qualitätsverständnis, Umweltbewusstsein und Sicherheit sind die globalen Werte, die die Nachfrage bestimmen. Auch hier wieder das Beispiel Brasilien: Aus dem von Arm-undReich-Gegensätzen geprägten Land ist in knapp einer Dekade eine Mittelschichtsgesellschaft geworden. Die Mehrheit der 195 Millionen Brasilianer zählt heute dazu. Das wird das Land konkurrenzfähiger im globalen Wettbewerb machen, als es seine Soja- oder Eisenerzexporte je könnten. Diese Kräfte der Globalisierung treiben die Strukturen der globalen Wertschöpfungsketten und Märkte und bestimmen die langfristige Wettbewerbsfähigkeit.


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“Flor de Sal da Silva Gaspar é o renascimento de um produto natural, assim como de uma tradição. Isto porque o glorioso período do comércio de sal e especiarias português não permaneceu no passado. Posto isto, “da Silva Gaspar” é provavelmente a única Flor de Sal de Portugal que transporta a tradição mercantil portuguesa para os tempos modernos, conjugando a natureza e o trabalho manual para criar uma iguaria. Este é o nosso caminho para as estrelas.“

joSé DA SILVA GASPAR

W W W. D A S I LVA G A S PA R .c o m


Carta do Editor Alemanha e Brasil foram feitos um para o outro – e não apenas porque nossas mentalidades e estruturas econômicas se complementam. Interesses em comum ligam os dois países perante as mudanças globais. Por Klaus Methfessel

Melhores parceiros

P

odemos nos apresentar? O que vocês têm em mãos é a primeira edição especial da WirtschaftsWoche no Brasil. A WirtschaftsWoche existe desde 1926 e é a revista de economia líder na Alemanha, com cerca de um milhão de leitores por semana. Há dez anos, publicamos edições internacionais com o selo WirtschaftsWoche-Global. Oito edições para a China e Índia já foram produzidas. O que há em comum nessas edições? Elas são todas bilíngues, publicadas sempre em alemão e na língua local do país. Há diversas razões para a publicação da primeira edição especial no Brasil. Aos leitores alemães, queremos apresentar um país que está no caminho para se tornar uma das nações mais poderosas do mundo e que, como antifrião da próxima Copa do Mundo e dos jogos Olímpicos de 2016, atrai olhares de toda parte. Ao mesmo tempo, queremos também aproximar vocês, queridos leitores e leitoras brasileiros, da Alemanha. Com todos os seus problemas (e isso conhecemos melhor do que ninguém), a Alemanha é um país em que sem dúvida vale a pena investir, viver, estudar. Além, é claro, de ser o local de nascimento de grandes empresas presentes no Brasil desde longa data - algumas delas talvez bastante conhecidas entre vocês. Alexander Busch, nosso correspondente em São Paulo, explica o que as torna fortes e bem sucedidas a partir da página 20. Com matérias sobre política, economia, cultura e ciência, esta edição também se encaixa perfeitamente na ocasião do lançamento do Ano da Alemanha no Brasil. De fato, o interesse na Alemanha vem crescendo nitidamente. Cerca de um milhão de brasileiros hoje falam o idioma alemão, boa parte deles um dialeto herdado dos primeiros imigrantes que chegaram ao país. Se você tiver interesse em aprender o idioma, recomendamos ler as dicas de Petra Schaeber, Cônsul Honorária da Alemanha em Salvador, a partir da página 38. Embora Brasil e Alemanha tenham tudo para se tornar parceiros ideais, o relacionamento entre as duas nações anda desequilibrado. Enquanto empresas alemãs no Brasil representam cerca de 10% do PIB do país, ainda há poucos investidores brasileiros na Alemanha. Por outro lado, cerca de 5000 brasileiros estudam hoje em universidades alemãs. Esse número deverá mais que dobrar em breve. Com o programa de intercâmbio “Ciência sem Fronteiras”, o país quer receber 10 000 estudantes brasileiros – atrás apenas dos Estados Unidos. A quem tiver interesse, nossas recomendações sobre instituições de ensino superior na Alemanha podem ser lidas a partir da página 34. Nos últimos anos, o Brasil ressurgiu novamente como alvo da economia alemã. Depois da queda do muro de Berlim e da Cortina de Ferro, estivemos ocupados principalmente com o processo de reunificação do país. Como consequência, as empresas deram

FOTO: HEIKE ROST PARA WIRTSCHAFTSWOCHE

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WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

prioridade a oportunidades na antiga Alemanha Oriental e no leste da Europa. Depois, foi a vez da Ásia - sobretudo a China - atrair a atenção da indústria. Nessa época, o Brasil ficou em segundo plano – em parte por causa da própria instabilidade do país, que espantou investidores. Agora, com certo atraso em relação a melhorias no cenário, a indústria alemã está de volta. Um exemplo é o setor da indústria química, altamente inovadora, que iniciou recentemente uma nova onda de investimento no Brasil (veja mais na página 28). A cooperação oferece inúmeras vantagens para os dois lados – em especial por serem países tão diversos, com mentalidades e estruturas econômicas que se complementam. O Brasil é rico em matéria prima agrária e mineral – elementos que a Alemanha está sempre buscando. A classe média brasileira cresce rápido e tem alto poder de consumo, uma demanda que pode ser atendida por produtos sofisticados fabricados por empresas alemãs. O Brasil quer estimular sua indústria e infraestrutura – companhias alemãs têm maquinário e soluções sustentáveis no portfólio. Por fim, o Brasil tem uma população jovem, otimista e criativa. Já a Alemanha tem knowhow e mão de obra experiente para estimular uma produção industrial qualificada e eficiente. Para alcançarmos uma cooperação mais intensiva do que a que foi possível construir nos últimos anos, estão em jogo não apenas uma base comum de valores, mas também os interesses de cada um dos lados. Nos terrenos da economia e da política, o Brasil é o país mais importante da América do Sul, além de ser hoje a sexta maior economia do mundo. A Alemanha é a maior economia da Europa, e a quarta em todo o mundo. Sozinhos, no entanto, nenhum dos dois países será tratado como parceiro em pé de igualdade pelos Estados Unidos e pela China – mesmo que os chineses falem de forma tão sedutora sobre uma ordem mundial multipolar. Enquanto o domínio econômico dos Estados Unidos declina e oferece menos razão de preocupação, a dependência em relação à China cresce. Há pouco tempo, o país asiático substituiu os Estados Unidos no posto de parceiro comercial mais importante do Brasil. De maneira semelhante, a China tem hoje um papel decisivo para a economia alemã. Sem o boom chinês, a rápida recuperação da Alemanha após a crise econômica de 2009 não seria possível. Poderio econômico, entretanto, também significa dominância política. Sob a ótica da nova constelação global, é de interesse do Brasil e da Alemanha, como nações de porte médio, fortalecer a cooperação mútua. Essa é uma postura defendida também pelo ministro das Relações Exteriores alemão, Guido Westerwelle, ainda que num discurso recheado de retórica diplomática (leia entrevista a partir da página 12). Porque uma coisa parece evidente: quanto mais trabalharmos juntos, menos estaremos sujeitos às arbitrariedades de terceiros – mesmo que eles sejam mais fortes. n

O Brasil está novamente na mira da Alemanha

3


Sumário

Panorama 6

Estatística Brasil e Alemanha em números

Tendências 8

Relacionamento Embora o Brasil seja um dos mercados mais importantes para a economia alemã, os dois países mantêm uma parceria instável

12 Entrevista: Guido Westerwelle O ministro das Relações Exteriores da Alemanha fala sobre o novo papel do Brasil no cenário global - e as consequências para a política alemã 14 Ajuda para iniciantes Como funciona o auxílio a empresas brasileiras interessadas em investir na Alemanha 15 Deutsches Haus O primeiro endereço em São Paulo para empresas que buscam parcerias na Alemanha 16 As 50 maiores cidades Os melhores lugares para viver e investir no país europeu

Negócios

20 Empresas A terceira onda de investimentos já começou - um olhar sobre as 25 maiores companhias alemãs no Brasil 26 Berlim Como a capital alemã se tornou a metrópole de internet da Europa

Uma relação pouco estável As economias de Brasil e Alemanha parecem feitas uma para a outra. Verschlossene A parceria estratégica, porém, nem sempre é redonda. Mesmo que as chefes de governo dos dois países mantenham boas relações, Türen

háDeutschland diferenças sensíveis temas como livre comércio Páginasie 8 brauchtem qualifizierte Zuwanderer und bekommt nicht. Falsche Regelungen und die Abwehrhaltung vieler Behörden schrecken die Kandidaten ab. Seite 26

Entrevista com Guido Westerwelle

O ministro das Relações Exteriores da Alemanha quer proximidade com o Brasil, uma das novas potências globais. Ele defende que a voz do país sul-americano tenha mais peso em organizações internacionais como o FMI Página 12

28 Indústria química Com o aumento de impostos sobre importação, a indústria química alemã inicia uma nova ofensiva de investimentos no Brasil

32 Inovação Com materiais de alta tecnologia, novas baterias e processos de produção sustentáveis,

plus.google.com/ +wirtschaftswoche facebook.com/ wirtschaftswoche

4

twitter.com/ wiwo

As melhores universidades

Em breve, mais de 10 000 brasileiros irão estudar em universidades da Alemanha como a estudante Fayana Rizzi Isotton, em Aachen. Conheça as recomendações da WirtschaftsWoche Página 36

ILUSTRAÇÃO DA CAPA: TORSTEN WOLBER

31 Entrevista: Patrik Wohlhauser O presidente da química Evonik fala sobre planos de expansão no Brasil - que deve ocorrer também através de aquisições

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Nr. 1, 13.5.2013

A próxima onda de investimentos

Depois da indústria, empresas alemãs do setor de serviços começam a descobrir oportunidades no mercado brasileiro – entre elas o comércio virtual de moda Dafiti. Mesmo que os infortúnios da siderúrgica Thyssen-Krupp assustem, o balanço é positivo para a maioria das 1400 empresas alemãs no Brasil Página 20

a indústria química alemã revoluciona setores inteiros

Perspectivas

36 Educação As melhores universidades da Alemanha 38 Como conseguir vaga em uma universidade alemã 39 Como trabalhar no país europeu depois da graduação 40 Idioma As melhores escolas para aprender a língua alemã no Brasil 42 Entrevista: Rita Carvalho Dicas de uma gestora para ter sucesso nos negócios com alemães 44 Luxo Made in Germany Produtos nobres alemães se destacam mais pela tecnologia do que pelo glamour. Conheça as 30 maiores marcas 46 Viagem Dez destinos especiais para conhecer a Alemanha e os alemães

FOTOS: DDP IMAGES/DAPD, ABRIL COMUNICAÇÕES SA/GERMANO LÜDERS, FRANK BEER PARA WIRTSCHAFTSWOCHE, ANZENBERGER/YADID LEVY

Seções

3 Carta do Editor 5 Expediente 50 Opinião

Expediente

Entrevista com Rita Carvalho

Não é apenas a localização geográfica: a mentalidade alemã também vem de outro continente. Uma gestora com experiência no país explica como lograr êxito nos negócios apesar disso Página 42

Roteiro

Em viagem de negócios à Alemanha? Reserve um tempo para conhecer também o lado bonito e idílico do país europeu. Escolhemos dez destinos especiais que nem sempre aparecem nos guias Página 46

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Publisher Roland Tichy Redator-chefe Global Brasil Klaus Methfessel Redação André Faust, Alexander Busch, Konrad Fischer, Michael Kroker, Henning Krumrey, Bert Losse, Daniel Rettig, Dr. Martin Roos, Jürgen Salz, Dr. Petra Schaeber, Lothar Schnitzler, Florian Willershausen Tradução André Faust, Tomas da Costa Assistente editorial Angela Kürzdörfer Diretor de Arte Holger Windfuhr Designer Juliane Reyes Nova, Dmitri Broido Fotografia Silke Eisen, Patrick Schuch Produção Markus Berg, Petra Jeanette Schmitz Edição de imagem Uwe Schmidt, Constanze Fischer Editora Handelsblatt GmbH, Kasernenstraße 67, 40213 Düsseldorf Conselho executivo Jörg Mertens, Claudia Michalski, Gabor Steingart Publicidade iq media marketing gmbh, Kasernenstraße 67, 40213 Düsseldorf Diretor de Publicidade Patrick Priesmann Impressão Mohn Media Mohndruck GmbH, Carl-Bertelsmann-Straße 161M, 33311 Gütersloh

5


Panorama

Brasil e Alemanha em números Área

8,547 milhões de km² Coberta por florestas 61,0

Explorada economicamente 31,3

23

habitantes por km2

Taxa de analfabetismo (A partir de 15 anos de idade) 1

9,6

Investimentos em P&D (% do PIB) 1,1 2,8 Gastos públicos em educação (% do PIB) 5,7 4,6 Registro de patentes (a cada 1 milhão de habitantes ) 21,0 575,3 Telefones celulares (a cada 100 habitantes) 123 132 Usuários de internet (% da população) 41 82 Carros a cada 1000 habitantes 158

6

510

1,8

1,3

Mortalidade infantil (a cada 1000 nascidos)

17,3

3,4

Expectativa de vida (anos)

73,1 80,0

Taxa de natalidade (filhos por mulher)

Fonte: WirtschaftsWoche

Mortalidade 26,2 (a cada 100 000 habitantes)

0,9

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Área

0,357 milhões de km² Explorada economicamente

197,0 219,0 81,8

31,0

2050

47,0

229

População nas cidades (em milhões)

habitantes por km2

Emissões de dióxido de carbono (toneladas por habitantes)

1,7

83,3

9,2

Produto Interno Bruto (PIB) (trilhões de dólares, 2012) 3,367 2,425

Competitividade global (Ranking FEM, melhor país = 1)

PIB per capita 41168 12340

Posição

Salários (Coeficiente de Gini) Endividamento público (maior desigualdade = 1) (% do PIB) 0,519 0,270

2010/11 58 5

2012/13 48 6

10,1

Trabalhadores ativos por setor (em %)

22

Agricultura Indústria

61

Serviços

2

73

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

15-64 anos

66

28

menos de 15 anos

13

2215

11,6

0,9

Posição em índice de corrupção (Transparência Internacional 176 países) 13

69

(EUA = 100) 5707

79

82 41

1572 2009

66

PIB per capita 9235

3347

21

119

15

Produto Interno Bruto (PIB) (dólares em valores de 2009)

25

mais de 64 anos

Taxas aduaneiras (% em média)

Número de dias necessários para fundar uma empresa +3,4

6

872

49,6

-2,6

74,0

Custo de exportação (dólares por contêiner)

Custos salariais (por hora trabalhada no setor industrial, em dólares)

81,5

66,2

Balanço em Conta Corrente (em % do PIB)

17

71,0 2050

2050

22 2009

2050 7

ILUSTRAÇÃO: GISELA GOPPEL; DESIGNER: DMITRI BROIDO

Coberta por florestas

Habitantes (em milhões)


Tendências

Grande potencial

Há bastante tempo, o Brasil é um dos mercados mais importantes para a economia alemã. No plano político, porém, nem tudo vai bem – a despeito de parcerias estratégicas firmadas em 2008 e do início do Ano da Alemanha no Brasil

D

iplomatas alemães de São Paulo, Rio de Janeiro e Brasília foram os primeiros a sentir o aumento do interesse no Brasil. Desde fins de 2009, os telefones não param de tocar. Em questão de semanas, visitas de mais de 50 delegações alemãs foram anunciadas. Ao longo de 2010, 80 grupos oficiais visitaram o Brasil – um recorde. Ministros do governo federal e dos estados, representantes de agências e associações – todos querem explorar a maravilha econômica brasileira. A desenvoltura com que o Brasil atravessou a crise financeira de 2009 impressionou políticos alemães. Em 2010, quando o PIB brasileiro crescia 7,5%, o país era tido

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como “a nova China” na Alemanha, lembra um diplomata alemão. Em março de 2010, o ministro das Relações Exteriores Guido Westerwelle prestou suas homenagens em visita oficial ao país. Ao longo do ano, outros quatro ministros fizeram o mesmo – no passado, o ponto alto do relacionamento diplomático costumava ser a visita de um secretário de estado. Desde então, a parceria estratégica firmada entre os dois países em 2008 parece finalmente tomar forma. Em 2011, o Brasil foi país parceiro na CeBIT, a maior feira de informática do mundo, em Hannover. Em 2012, o país foi o homenageado na feira de livros de Frankfurt. Em maio, sob os auspícios da presidente Dilma Rousseff e do »

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FOTO: DDP IMAGES/DAPD

Dilma Rousseff e Angela Merkel os governos dos dois países ainda têm arestas a aparar

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Tendências

» presidente alemão Joachim Gauck, terá início o ano da Alemanha no Brasil. O principal objetivo: cooperação mútua na promoção de 140 projetos para atrair jovens brasileiros à Alemanha. Mais de 100 000 brasileiros deverão estudar em universidades do exterior nos próximos anos. As faculdades alemãs deverão receber um em cada dez deles.

RELACIONAMENTO INSTÁVEL Apesar da aproximação, nem tudo vai bem nos escalões mais altos do poder. O fato foi admitido publicamente pelo ministro do desenvolvimento, Fernando Pimentel, duo rante o 30 Encontro Econômico BrasilAlemanha em 2012. Delegações alemãs reclamam que se tornou difícil receber tratamento oficial em visitas ao Brasil. Negociações em torno dos acordos para evitar a bitributação, suspensos pela Alemanha em 2005, estão emperradas – o Brasil hoje é o único dos BRICs que não possui um acordo desse tipo com o país europeu. De maneira talvez pouco diplomática, funcionários do Itamaraty falam abertamente sobre as razões do mal-estar: a chancelaria de Berlim teria pouca sensibilidade para lidar com o Brasil. Os alemães se ocupam de parcerias estratégicas firmadas no passado com ações bem intencionadas, mas sem conteúdo. Apesar do recorde de visitantes, o desinteresse impera nas esferas mais altas do poder. Em seu mandato, a chanceler Angela Merkel esteve na China em cinco ocasiões, mas visitou o Brasil apenas uma vez - e ainda por apenas poucas horas em meio a um tour pela América Latina. Os brasileiros se sentem diminuídos pelo fato de Merkel ter delegado o relacionamento com o Brasil ao pequeno FDP, partido à frente do Ministério das Relações Exteriores. “Berlim ainda subestima o papel central do Brasil no estabelecimento de uma nova ordem mundial”, diz Wolf Grabendorff, especialista em América Latina da fundação FriedrichEbert. No caminho contrário, diplomatas alemães consideram o Brasil um difícil parceiro de negociações. O país ainda estaria buscando seu lugar na nova ordem mundial, e por vezes governaria de forma insegura e sensível demais. “O Brasil ainda não se consolidou como potência“, diz Grabendorff. De fato, a imagem do Brasil oscila de país em desenvolvimento a grande potência que deseja ser tratada em pé de igualdade com China e Estados Unidos. Essa esquizofrenia faria com que políticos brasileiros apareçam contentes no pa-

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pel de porta-vozes dos pobres ao mesmo tempo que fazem críticas e demandas aos países desenvolvidos. Ainda assim, o Brasil parece não estar preparado para assumir responsabilidades em temas como reforma do sistema financeiro internacional e mudanças climáticas. “O Brasil está acostumado a criticar os pilotos da economia mundial. Agora, está no cockpit a ponto de assumir seu lugar”, diz Oliver Stünkel, professor de relações internacionais da Fundação Getúlio Vargas em São Paulo.

Crescimento rápido Balança comercial Brasil-Alemanha (em bilhões de dólares) 16 Importações da Alemanha

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Exportações à Alemanha

8 4 0

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12

Fonte: Ministério da Economia do Brasil, Secex-MDIC

Apesar da tendência de crescimento... Investimentos diretos alemães no Brasil (em bilhões de dólares) 2500 2000 1500 1000 500 0

00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12

...a Alemanha domina menos ... Participação dos alemães no total de investimentos estrangeiros diretos (em percentual) 16,9

18,6 12,2 8,5 3,2

4,2

1951-60 61-70 71-80 81-90 91-00 01-12

...mesmo com alto investimento acumulado no país Investimentos totais diretos da Alemanha no Brasil (inclui reinvestimentos, em bilhões de dólares) 13,6

5,8

1995

7,3 5,1

2000

2005

Fontes: SOBEET, WirtschaftsWoche

2010

FALTA DE APOIO Os brasileiros se irritam com o fato de que os alemães nem sempre apoiam seus interesses. Nas discussões sobre a sucessão da presidência do FMI e o aumento das cotas de participação dos países emergentes, Berlim mostrou pouca compaixão pelas ambições brasileiras. Representantes alemães também mostram pouco engajamento pela reivindicação do Brasil de um assento permanente no Conselho de Segurança da ONU. Parece faltar reconhecimento de que o país europeu possui chances pequenas uma vez que a União Europeia já está representada por França e Reino Unido. A América Latina, por sua vez, ainda não possui representante fixo. Mesmo sem apoio, os brasileiros sentem que agem de maneira correta em seus esforços para ganhar influência em organizações multilaterais. Eles ficam insatisfeitos quando os alemães pedem contribuição para o fundo de emergência da UE para solucionar a crise do euro, mas adiam conversas sobre o aumento das cotas no FMI. Para piorar, as críticas mútuas que Dilma Rousseff e a chanceler Angela Merkel fazem entre si no terreno da política econômica pouco ajudam o plano de forjar um eixo Berlim-Brasília dentro do G20. As diferenças de interpretação sobre cooperações estratégicas são óbvias. Os alemães reconhecem a importância dos avanços de parcerias de longa data - proteção da Amazônia, parcerias econômicas, Ano da Alemanha no Brasil. Quando se trata de discutir mudanças no palco político global, porém, isso tudo vai para segundo plano. Os brasileiros querem mais comunhão nas esferas política, tecnológica e econômica - algo parecido com o programa atômico Brasil-Alemanha dos anos 1970, quando os dois países trabalharam juntos apesar do veto dos Estados Unidos. Na época, o Brasil elegeu a Siemens como fornecedora de seu programa de usinas atômicas, tirando da jogada o grupo americaNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


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O Brasil é o maior parceiro alemão na América Latina

FOTO: GETTY IMAGES/AFP (2)

no Westinghouse, que, ao contrário dos alemães, não estava disposto a compartilhar know-how tecnológico. Um movimento nessa direção faria jus à história do envolvimento da Alemanha no Brasil a partir da Segunda Guerra Mundial. Em 1949, a instalação da fábrica de tubos da Mannesmann em Belo Horizonte foi o primeiro grande investimento no exterior feito por um grupo privado alemão no pósguerra. Em 1953, empresas como Volkswagen, Mercedes-Benz, Degussa, Ferrostaal e a fabricante de motores MWM seguiram caminho semelhante. “Companhias com capital alemão se tornaram o motor do processo de industrialização do Brasil”, diz Klaus-Wilhelm Lege, diretor da Câmara de Comércio Alemã em São Paulo. Até a década de 1980, a Volkswagen era responsável por nada menos que metade dos veículos fabricados no Brasil.

NOVAS PRIORIDADES O Brasil exerceu papel semelhante na ascensão da Alemanha a grande nação exportadora. Nas décadas de 1960 e 1970, quase metade dos investimentos alemães no exterior estiveram concentrados no Brasil. Mas, com a abertura da China e a queda do muro de Berlim, novas prioridades foram estabelecidas. Enquanto o Brasil voltava a se estabilizar da crise da dívida, da hiperinflação e do caos político que se seguiu ao fim da ditadura militar, a Alemanha, que durante décadas foi o segundo maior investidor no Brasil, atrás apenas dos Estados Unidos, perdeu espaço. GruWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Passado glorioso, presente instável Fabricação do Fusca pela Volkswagen durante o governo Itamar Franco, (2) O presidente francês François Hollande e Dilma Rousseff - a França é hoje o maior parceiro comercial do Brasil na Europa

pos de países como Espanha, Portugal, Inglaterra e Itália participaram com força de processos de privatização no país sul-americano. Seguindo a cartilha política, as empresas alemãs envolveram-se mais com a região oriental do país, o leste europeu e a Ásia, sobretudo a China. Em parte, a negligência com o Brasil pode ser atribuída a frustrações do passado. Nos anos 1970, quando crescia a dois dígitos por ano, o país tinha no mundo um papel hoje exercido pela China. O governo alemão da época estava convencido de que o Brasil seria o primeiro entre os emergentes a entrar para o grupo das nações industrializadas desenvolvidas. A hidrelétrica de Itaipu, a Transamazônica, um programa de energia atômica próprio – os tecnocratas brasileiros queriam jogar ao lado dos grandes. Mas as coisas não andaram como planejado. Investidores e políticos alemães se apegaram então a outras promessas. Isso trouxe consequências a longo prazo, e a França substituiu a Alemanha como principal parceiro político do Brasil na Europa. Durante seu mandato, o ex-presidente Nicolas Sarkozy esteve diversas vezes no país. Seu sucessor, François Hollande, visi-

tou a presidente Dilma Rousseff logo que assumiu o cargo. As viagens renderam às empresas francesas alguns bilhões de euros em encomendas de armamentos. Enquanto os governos de Gerhard Schröder e Angela Merkel não tiveram olhos para o Brasil, empresas alemãs que há tempos tinham presença no país voltaram a investir, em especial montadoras de automóveis e fabricantes de máquinas, peças e indústria química. A Alemanha é hoje o quinto país que mais investe no Brasil – atrás de Estados Unidos, Espanha, Holanda e França. Segundo estimativa do thinkthank SOBEET, contudo, se incluídos na conta os novos aportes, Alemanha ficaria em segundo lugar, com um total de 30 bilhões de dólares investidos no Brasil. Companhias alemãs empregam hoje mais de 250 mil brasileiros. Com tendência de alta: segundo a Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha, 200 novos investimentos foram feitos no país desde 2010. Comparativamente, os investimentos brasileiros na Alemanha ainda são tímidos. Mas estão em crescimento.

APROXIMAÇÃO COMERCIAL O comércio exterior entre os países também cresce, ainda que num ritmo moderado. Para a Alemanha, o Brasil é o parceiro econômico mais importante dentro da América Latina. Entre 2004 e 2012, exportações de empresas alemãs ao Brasil triplicaram, alcançando 14 bilhões de dólares. Os brasileiros compram principalmente carros e peças, produtos químicos, farma- »

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Tendências

» cêuticos e máquinas (veja no gráfico).

No mesmo período, o Brasil viu as vendas à Alemanha crescerem 80%, batendo 7,2 bilhões de dólares - destaque para minérios de ferro e cobre, grãos de café e soja, aviões e petróleo. O Brasil é hoje o quinto país que mais exporta à Alemanha, que por sua vez é o quarto maior comprador do Brasil. Se os políticos em Berlim e Brasília fizessem a lição de casa, os relacionamentos poderiam se intensificar ainda mais. Para tanto, seria preciso reconhecer que há um forte interesse em comum entre os dois países: se não quiserem ficar dependentes demais da China, resta pouco a fazer além cooperarem de maneira mais próxima. Em pouco tempo, o gigante asiático tornou-se o maior comprador de commodities do Brasil. Uma dependência um tanto arriscada: em 2012 já foi possível ver como a queda no crescimento chinês levou o Brasil à estagnação econômica. Mais grave ainda: o processo de transformação da China em fábrica do mundo ameaça a meta brasileira de estabelecer centros de produção industriais com pesquisa e desenvolvimento.

AMEAÇA DA CHINA Às voltas com problemas decorrentes da valorização do real, a indústria brasileira sofre pressão chinesa no mercado doméstico e no exterior. Assim, as chances de êxito no mercado global se resumem a setores em que o país possui vantagens naturais – matérias primas minerais, energia, produtos agrícolas – combinadas com know-how próprio em produtos e serviços. Para explorar esse potencial, porém, o Brasil precisa de investidores e de tecnologia. “A Alemanha é um parceiro econômico desejável para o intercâmbio de tecnologias”, diz Wilfried Grolig, embaixador alemão no Brasil. Empresas alemãs, por sua vez, também são confrontadas com o aumento da dependência econômica em relação à China. O país teve um papel importante na rápida estabilização da Alemanha após a crise financeira mundial, impulsionando o boom de exportações. Nesse sentido, o lugar do país europeu no cenário global futuro depende de seu êxito em formar parcerias com outras potências. A economia alemã precisa do Brasil como um fornecedor confiável de matéria-prima, como mercado consumidor de bens industriais e como parceiro em avanços científicos. Por fim, a Alemanha tem algo em comum com o Brasil que a China não possui: uma base de van lores democrática. alexander.busch@wiwo.de

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»Novo equilíbrio«

O ministro das Relações Exteriores da Alemanha, Guido Westerwelle, quer que o Brasil tenha mais poder de influência na ONU e no FMI

Sr. Ministro, a Alemanha possui uma parceria estratégica com o Brasil. Agora, terá início por lá o Ano da Alemanha. Quais são os objetivos? Westerwelle: O Brasil é a sexta maior economia do planeta e, quando observo a história de sucesso do país, vejo que fazemos a coisa certa ao buscar uma aproximação, e não apenas econômica. O que isso significa concretamente? Westerwelle: Que possamos estabelecer diálogo não apenas em questões bilaterais como comércio, educação e projetos culturais, mas também em temas estratégicos de relevância regional e global, e sincronizar nossos posicionamentos. E juntos guiar a política mundial? Westerwelle: De concreto, isso significa por exemplo que Alemanha, Brasil, Índia e Japão batalhem juntos por uma reforma do Conselho de Segurança da ONU, porque sua estrutura não reflete o mundo de hoje, e muito menos o de amanhã. Mas para isso não conseguimos encontrar apoio, uma vez que a Europa possui já dois assentos permanentes. A América Latina não tem nenhum. Westerwelle: A África também não, e a Ásia só possui um, com a China. Esse é o mundo do pós-guerra, mas não o mundo de hoje ou de amanhã. As novas potências precisam ser representadas também nos organismos internacionais. Se isso não mudar, a ONU será enfraquecida. O Brasil não teria entrado numa fria ao se associar com a Alemanha, o país que entre os quatro tem as menores chances? Westerwelle: Nosso prestígio internacional cresceu nos últimos três anos. Isso é o que demonstra nossa candidatura de sucesso para o Conselho de Segurança e nossa eleição recente no Conselho de Direitos Humanos da ONU.

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A parceria estratégica com o Brasil existe há cinco anos. O que foi conquistado desde então? Westerwelle: Em 2010, quando sugeri ao ex-presidente Lula que 2013 fosse declarado o Ano da Alemanha no Brasil, ele foi a favor imediatamente. E o fato de que o evento será inaugurado pelo presidente da Alemanha, Joachim Gauck, é algo muito simbólico. As empresas alemãs também contribuem para o bom relacionamento. Elas são excelentes embaixadoras de nossa economia social de mercado no Brasil. Como será o relacionamento em dez, vinte anos? Westerwelle: Em questões internacionais importantes, iremos telefonar não apenas para Washington, Paris, Londres, Moscou e Paris, mas também para Brasília, Nova Déli e Pretória. Somos testemunhas de uma fase de mudanças históricas, uma virada política continental que ocorre em velocidade impressionante. A escolha de um papa latino-americano é um símbolo do novo equilíbrio de forças. O que é exatamente uma parceria estratégica? Westerwelle: O termo parceria estratégica é um tanto vago, porque a forma e a intensidade do trabalho conjunto depende naturalmente de cada um dos parceiros. Em que ela está fundamentada, em valores ou interesses comuns? Westerwelle: Nos dois. A Alemanha também mantém uma parceria estratégica com a China. Qual é a diferença? Westerwelle: As razões para a parceria com o Brasil não são apenas as oportunidades econômicas, mas também as raízes culturais comuns, uma percepção semelhante sobre a dignidade humana e o valor do indivíduo. A globalização não se limita apenas à economia. Trata-se também de

É claro que houve retrocessos, tendências protecionistas Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTO: LAIF/MARCO PRISKE

FÃ DO BRASIL Westerwelle, 51, é o ministro alemão das Relações Exteriores desde 2009. Depois de deixar a presidência do partido FDP, ele passou a se dedicar à política externa. Enquanto Angela Merkel é vista com frequência na China, Westerwelle busca melhorar relacionamentos com a América Latina

uma globalização de valores, incluindo os valores do Iluminismo. Nossa parceria com o Brasil se desenvolveu bem. Houve retrocessos, claro, como a tendência protecionista na América Latina. Nesse caso, os brasileiros apontam o dedo para a política de protecionismo agrícola da Europa. Westerwelle: Muitas das críticas sobre barreiras europeias são justificadas. E há melhorias em vista? Westerwelle: Trabalhamos em soluções futuras também nesse sentido. Há um trabalho de convencimento que é preciso ser feito também entre nós. Muitos representantes da economia levantam a bandeira do livre WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

comércio principalmente quando seus próprios domínios não estão em jogo. As negociações sobre acordos de livre comércio entre a União Europeia e o Mercosul estão estagnadas há anos. Em vez disso, um acordo bilateral com o Brasil não seria mais promissor? Westerwelle: Uma coisa não elimina a outra. Se as negociações com o Mercosul travam, há sempre a possibilidade de trabalhar em conjunto com os países. O relacionamento com o Brasil mudou com a chegada de Dilma Rousseff à presidência? Westerwelle: As relações com a presidente Dilma são de confiança. Entre ela e Merkel,

inclusive. Logo no início de seu mandato, Dilma veio à Alemanha para a abertura da feira Cebit. Mas também houve tensões. Angela Merkel fez alertas contra o protecionismo com vistas ao Brasil. Em contrapartida, Dilma Rousseff criticou a política monetária negligente da Europa e dos Estados Unidos, que encarece a moeda brasileira e atrapalha as exportações do país. Westerwelle: Se concordássemos em todas as questões do mundo, não precisaríamos mais nos ocupar de política externa. Certamente há muito trabalho por fazer. Outro conflito: embora a economia do Brasil hoje seja maior que a britânica, os brasileiros têm apenas 1,72% de poder de voto no FMI, contra 4,29% da Grã Bretanha. Westerwelle: Não é apenas a ONU que precisa se adaptar ao novo equilíbrio entre potências globais. Na escolha da nova direção do FMI, o Brasil apoiou o candidato mexicano. Os europeus apoiaram a francesa Christine Lagarde. Qual é o verdadeiro valor de uma parceria estratégica? Westerwelle: No futuro, tampouco poderei evitar votos controversos. Quanto mais multipolar o mundo se torna, e quanto mais atores importantes existirem, tanto menos dois ou três chefes de governo poderão determinar sozinhos a política mundial. Empresas alemãs reclamam que há anos não existe acordo com o Brasil para evitar a bitributação, que foi suspenso por Berlim de maneira unilateral. Há algo sendo feito a respeito? Westerwelle: Nosso objetivo é estabelecer laços econômicos ainda mais próximos. Por isso trabalhamos em conjunto com parceiros brasileiros para alcançar progressos também nessa área. Há algum tempo, partiram críticas também de seu partido sobre o envio de ajuda de desenvolvimento à China, hoje uma potência econômica. O Brasil também está na lista dos beneficiários, embora a renda per capita no país seja duas vezes maior que a da China. O Sr. vê necessidade de reformas? Westerwelle: Em relação ao Brasil temos preocupações comuns como a proteção das florestas tropicais. E a decisão no caso da China não significa que os projetos em curso serão suspensos. Eles serão levados a cabo com confiança e de maneira séria. n henning.krumrey@wiwo.de, klaus methfessel

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Tendências

Mão na roda

Como funciona o auxílio e os incentivos a empresas brasileiras interessadas em investir na Alemanha

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om 120 anos de história, a siderúrgica alemã Thüringen tem uma trajetória cheia de reviravoltas e mudanças. O fato de que os novos donos falam português, porém, foi algo que pegou muita gente de surpresa na sede da companhia em Unterwellenborn, povoado de 6000 pessoas na região central do país. No início de 2012, a Thüringen foi comprada pela Companhia Siderúrgica Nacional (CSN). E os responsáveis hoje por colocar a empresa nos eixos, quem diria, vêm dos trópicos. A chegada dos brasileiros foi uma surpresa não apenas para os funcionários da Thüringen, mas também para os estatísticos. Empresas brasileiras ainda têm presença tímida no papel de investidoras na Alemanha. Entre 2005 e 2010, o volume de investimentos diretos cresceu 6,5% ao ano. Mas o total ainda soma apenas 522 milhões de euros – um volume relativamente baixo para a sexta economia do mundo. “As empresas brasileiras ainda estão começando a expandir rumo ao exterior”, diz Flérida Cortizo. A brasileira presta consultoria a investidores pelo Germany Trade and Invest (GTal), instituto alemão para economia exterior e marketing. Atualmen-

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UTILIDADE Onde conseguir ajuda profissional para investir na Alemanha Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha de Porto Alegre, Valmor Kerber,Rua Castro Alves 600, 90410–130 Porto Alegre - RS, +55 (51) 3222 5766, ahkpoa@ahkpoa.com.br Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha de Rio de Janeiro, Hanno Erwes, Avenida Graça Aranha, 1, 20030–002 Rio de Janeiro - RJ, +55 (21) 2224 2123, info@ahk.com.br Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha de São Paulo, Thomas Timm, Rua Verbo Divino 1488, 04719–904 São Paulo - SP, +55 (11) 5187 5100, secgeral@ahkbrasil.com

ACESSO A INVESTIMENTOS Seja em pesquisa ou produção, a Alemanha tem muito a oferecer a investidores estrangeiros. Uma vez instaladas no país, as empresas passam a ter o mesmo acesso a financiamento que firmas alemãs ou europeias. O volume dos investimentos depende de fatores como tamanho da companhia e de sua localização. Uma empresa de porte médio (faturamento anual de até 43 milhões de euros e entre 50 e 200 funcionários) que queira comprar uma máquina na região oriental do país, por exemplo, pode receber de volta até 40% dos custos. No lado ocidental, mais desenvolvido, o subsídio na maioria dos casos é de apenas 20%. Grandes empresas, por sua vez, recebem incentivos menores do que as de médio e pequeno porte. A ajuda especializada é indicada para dúvidas em questões como essas. Consultores de institutos como o Germany Trade and Invest ajudam investidores estrangeiros a ter um primeiro panorama. Mais tarde, porém, os detalhes deverão ser elucidados por advogados e tabeliões. As regras atuais de subvenção da União Europeia têm validade até o final deste ano – os detalhes do próximo decreto ainda não foram determinados. Além disso, o arcabouço jurídico para temas como sociedades, comércio, trabalho, construção e proteção de propriedade intelectual pode ser bastante complexo. Ainda assim, a burocracia alemã oferece aos investidores segurança legal. Para consultores como Flérida Cortizo, a eventual chegada de mais investidores brasileiros representa trabalho extra. n florian.willershausen@wiwo.de

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FOTO: FOLHAPRESS/VALOR/CLAUDIO BELLI

te, Cortizo está em contato com 25 empresas brasileiras interessadas em fazer investimentos de norte a sul do país europeu. “A maioria dos grandes grupos buscam alianças estratégicas ou alvos de fusões e aquisições“, diz. De uns tempos para cá, porém, cresce também o interesse de empresas de médio porte em instalar fábricas no país. Há quem se assuste com os altos impostos da Alemanha, afirma a consultora. “Em contrapartida, os brasileiros valorizam a disponibilidade de mão de obra altamente qualificada.” A busca de pessoal é prioridade entre os interessados, em sua maioria empresas inovadoras que querem ganhar mercado na Europa com ajuda de colaboradores experientes em tecnologia. Em geral, eles buscam novos locais para produção – a pesquisa e o desenvolvimento de produtos costuma permanecer no Brasil.

Benjamin Steinbruch, presidente da CSN Compra da siderúrgia alemã Thüringen


Posição privilegiada A Deutsches Haus (“Casa Alemã”) é a primeira parada para empresas brasileiras que buscam parceiros no país europeu

À

FOTO: PR

primeira vista, o endereço “Rua Verbo Divino, 1488” pode sugerir a sede de alguma instituição religiosa. O lugar, no entanto, é o coração da comunidade alemã de negócios no Brasil. O edifício de concreto de sete andares tem o nome de “Deutsches Haus”. Lá estão localizados o German Business Center, com a Câmara de Comércio e Indústria BrasilAlemanha, e outras dezenas de instituições alemãs. Ao todo, 300 funcionários trabalham do local – metade deles para a Câmara de Comércio. O endereço abriga ainda o Club Transatlântico, clube alemão mais importante do Brasil. Quando estão em visita ao país, presidentes e ministros costumam dar palestras no local. Ao lado de convidados, a comunidade alemã assiste a jogos da seleção de futebol. No almoço, gente de negócios se reúne no restaurante Weinstube para desfrutar pratos como pato assado, Spätzle e repolho. Para muitas empresas, investidores e cientistas brasileiros, a Casa Alemã é o ponto de partida para estabelecer contato com o país europeu. “Oferecemos serviços completos para companhias alemãs e brasileiras, tudo em um só lugar”, diz Thomas Timm, gerente geral da Câmara, que possui 12 sucursais no Brasil e uma central em Frankfurt.

COOPERAÇÃO ECONÔMICA Em São Paulo, a Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha está presente há 90 anos. Segundo dados de faturamento, trata-se da maior câmara de comércio exterior alemã em um país estrangeiro. Em Porto Alegre e no Rio de Janeiro, há outras duas câmaras independentes. Ao servirem de intermediárias entre companhias, autoridades públicas e associações dos dois países, as câmaras funcionam como importantes centros de cooperação econômica. Apenas a câmara de São Paulo atende a mais de 1200 solicitações por ano de empresas brasileiras e alemãs. Elas são o lugar ideal para quem busca parceiros de negócios na Alemanha, investidores para novos projetos no Brasil ou a feira certa para apresentar seus produtos e serviços na Europa. O mesmo vale para quem busca sondagens de mercado ou consultoria jurídica. WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Para as cerca de 1700 empresas que compõem o grupo - e que juntas representam 10% do PIB brasileiro -, a câmara organiza cursos e treinamentos. O departamento de meio ambiente, energias renováveis e eficiência energética estimula o intercâmbio de tecnologia verde entre os países. Uma vez por ano, o chefe de departamento Ricardo Rose confere o Prêmio VonMartius de Sustentabilidade para projetos e companhias brasileiros inovadores. Com

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amazônica. A agência também serve como ponto de contato para associações, companhias e instituições públicas brasileiras que buscam financiamento na Alemanha. Para estimular o intercâmbio de tecnologias e investimentos no Brasil, os estados alemães da Baviera e de Schleswig Holstein estão presentes com seus próprios escritórios de representação. Já a Associação de Engenheiros Brasil-Alemanha (VDI) se ocupa da cooperação e do treinamento de profissionais dos dois países. Ao longo dos anos, a VDI construiu uma rede de instituições de pesquisa, economia e associações de engenharia única em todo o mundo. O mais novo projeto da Deutsches Haus é o Centro Alemão de Ciência e Inovação (DWIH). “A pesquisa de ponta alemã ganhou um cartão de visitas no Brasil”, diz Tho-

Empresas alemãs no Brasil representam mais de 10% do PIB

frequência, o estúdio de TV da câmara faz entrevistas com empresas, políticos, ministros e membros de associações dos dois países para divulgação via internet. Além da Câmara de Comércio, outras instituições alemãs possuem sede na Deutsches Haus. Entre elas está a a Agência Alemã para Cooperação Internacional, responsável por promover, examinar e financiar projetos de desenvolvimento no Brasil – de coberturas de estádios de futebol com captação de energia solar até o processamento de produtos sustentáveis da região

Club Transatlântico, em São Paulo ponto de encontro da comunidade alemã de negócios no Brasil

mas Timm. Por meio de simpósios sobre temas como geotecnologia, bioeconomia e pesquisas com laser, o Ano da Ciência Brasil-Alemanha 2010/2011 chamou atenção dos círculos científicos de ambos os países. A sede do DWIH em São Paulo já é a quinta maior em todo o mundo, atrás de Moscou, Nova Déli, Nova York e Tóquio. Tornar o panorama científico alemão conhecido no exterior é o principal objetivo dessas instituições. Atualmente, três organizações de apoio e representações de 13 universidades mantêm escritórios em São Paulo. “A Alemanha está muito bem posicionada no Brasil”, diz Bertram Heinze, que trouxe o n DWIH ao país. alexander.busch@wiwo.de

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Tendências

Investir e viver na Alemanha

Um Raio-X das 50 maiores cidades do país: onde o poder de consumo é mais alto, onde a economia cresce de forma dinâmica, onde a administração favorece os negócios e onde os custos para empresas são baixos

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rua Prinzregentenstraße é um dos lugares mais refinados de Munique. Advogados, auditores, publicitários e consultores têm escritórios na região. Além de cidade mais rica e metrópole econômica número um da Alemanha, Munique é sede de seis empresas listadas na Dax, a bolsa de valores de Frankfurt. Com a Universidade Ludwig-Maximilians e a Universidade Técnica, a capital da Baviera concentra duas das melhores instituições de ensino do país. A pedido da WirtschaftsWoche, o instituto IW-Consult elaborou um ranking das 50 maiores cidades alemãs de acordo com uma série de indicadores. Trata-se do maior levantamento sobre o desempenho econômico de diferentes regiões do país, com dados sobre geração de riqueza e prosperidade, pobreza e criminalidade, mercado de trabalho e imigração, custos para empresas e eficiência da administração. O sucesso de Munique é atribuído a uma relação equilibrada entre setores de serviços de alta competência, pesquisa e fabricação de automóveis de primeira classe por meio da eletrotécnica e avanços em biotecnologia e logística ao lado do segundo maior aeroporto da Alemanha. “A economia de Munique não é dependente de um ou outro setor”, afirma Michael Bahrke, pesquisador do IW-Consult. “Ela se baseia sobretudo na alta qualificação da mão de obra local.” Cidades do estado vizinho de Bade-Vurtemberga também aparecem bem no ranking. Das 50 maiores cidades alemãs, oito pertencem a um dos dois estados – todas elas figuram entre as 25 primeiras da lista. Capital de Bade-Vurtemberga, Stuttgart aparece em segundo lugar graças a uma

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forte base industrial de automóveis, eletrotécnica e máquinas. No mesmo estado, a cidade de Karlsruhe, um polo de informática, ocupa a quarta posição do ranking.

CAMINHOS OPOSTOS Após a Segunda Guerra Mundial, mu-danças estruturais deslocaram o centro da economia alemã para o sul. Enquanto o Vale do Ruhr, antigo centro industrial da Alemanha Ocidental, ocupou-se do carvão e de indústrias pesadas, no sul o investimento se concentrou em know-how científico e diversificação, com destaque para empresas de médio porte com fortes bases tecnológicas. Entre elas estão as chamadas “campeãs ocultas”, empresas com grande participação nas exportações como a fabricante de instrumentos Trumpf, líder mundial no setor. Também na região de o Frankfurt (5 lugar no ranking) e nas cidao o des de Mainz (7 ) e Wiesbaden (9 ), a economia avança com força. Lá, onde os rios Reno e Meno se encontram, localiza-se um antigo centro logístico e de tráfego. O local é hoje o centro financeiro e de serviços do país. Em Frankfurt está localizado um dos maiores aeroportos da Europa. o No norte, Hamburgo (8 lugar) destacase como uma ilha de prosperidade. A maior cidade portuária da Alemanha se beneficia da globalização. Com 26 232 euros por habitante, Hamburgo tem a maior renda per capita do país. Para efeito de comparação, em Leipzig, na antiga Alemanha Oriental, o valor alcança 15 928 euros. Também no leste, região que sofreu crise profunda após a reunificação, a indústria vive um renascimento. Em Magdeburg, capital da Saxônia-Anhalt, os investimentos para cada trabalhador da indústria alcan-

Munique é a metrópole econômica mais rica do país

çam 15 000 euros – a média nacional é de 8200 euros. Investidores como o grupo K+S em Kalibergbau e a Deutsche Telekom têm presença no local. Nos últimos anos, nenhuma outra cidade viu os índices de desemprego caírem tanto como Magdeburg. Algo parecido ocorre em outros cidades da região. Dresden, na Saxônia, alcançou a posição 25 do ranking. Erfurt, na Turíngia, e Chemnitz, na Saxônia, deixaram para trás vários municípios do oeste. Contam pontos a favor infraestruturas modernas, boas instituições de educação e aluguéis baixos. Também a outrora empobrecida Berlim (“pobre, mas sexy”, segundo uma frase do atual prefeito), encontra aos poucos um caminho. Ali, foram criados centros científicos como o Parque Adlershof. Merece destaque ainda o surgimento de uma nova cena de internet (veja mais na página 26). Uma mudança de imagem semelhante ainda parece distante para a região do Vale do Ruhr. Três décadas depois da crise do carvão, cidades como Gelsenkirchen, Dortmund e Oberhausen ainda não implementaram mudanças estruturais. Mas há esperança. Mülheim, primeira cidade livre da extração de carvão desde 1966, foi capaz de dar a volta por cima. Alguns dos maiores varejistas do país, como Aldi e Tengelmann, possuem hoje sede na cidade. Descoladas do baixo progresso da região estão cidades como Münster, Düsseldorf e Bonn. Capital do estado de Renânia do Norte-Vestfália, Düsseldorf é altamente produtiva, e gera o maior PIB per capita das 50 cidades do ranking. Em contrapartida, Colônia, com mais de um milhão de habitantes, desaponta. Cidade do carnaval, com espírito criativo e grande potencial econômico, é tida como uma das grandes cidades mais mal administradas do país. No quesito modernidade e orientação para serviços da administração, a meo trópole alcança apenas o 44 lugar no ranking. » bert.losse@wiwo.de, konrad fischer

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8ª Hamburgo

Os mais de 1,8 milhão moradores da maior cidade portuária estão entre os mais ricos da Alemanha. Hamburgo se beneficia da globalização, e o número de trabalhadores ativos cresce

Kiel (37)

(42) Rostock (40) Lübeck

33ª Essen

A metrópole do Vale do Ruhr é o lugar onde a geração de riqueza per capita mais cresce. Nove das 100 empresas com maior faturamento do país têm sede em Essen

26ª Bremen

(18) Oldenburg

Graças à alta geração de riqueza e poder de compra da população, a segunda maior cidade portuária do país vem conseguindo diminuir o desemprego herdado da crise dos estaleiros dos anos 1970 (19) Hannover

Osnabrück (21) (23) Bielefeld

44ª Dortmund

A cidade ainda sofre consequências da crise do carvão e do aço como desemprego alto e má qualificação da mão de obra. Sinais de mudança surgem em setores de tecnologia e serviços

Mülheim (3) Münster an der Ruhr (41) Hamm (17) (49) Herne (50) Gelsenkirchen (43) Oberhausen (31) Bochum (48) Duisburg (32) Hagen (29) Kassel (35) Krefeld (36) Wuppertal (38) (22) Solingen Mönchen(14) Leverkusen gladbach 6ª Düsseldorf (20) Köln A cidade é um centro de empresas (27) de serviços de setores como (10) Bonn Aachen propaganda, auditoria e consultoria para empresas. O PIB per capita está entre os maiores do país

20ª Colônia

A metrópole do Reno tem população jovem e mão de obra qualificada. Apesar do alto poder de consumo, a economia é pouco dinâmica

(13) Braunschweig

(9) Wiesbaden Mainz (7)

(28) Saarbrücken (4) Karlsruhe

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

ILUSTRAÇÃO: GISELA GOPPEL

Com 3,5 milhões de habitantes, a capital alemã tem economia fraca e alto desemprego. Mas há melhorias com a criação de novos empregos

(46) Halle (45) Leipzig (25) Dresden (34) Chemnitz

5ª Frankfurt

A metrópole financeira tem alto nível de bem-estar. Com 680 mil habitantes, Frankfurt é o centro logístico do país: seu aeroporto é um dos maiores da Europa

(11) Nuremberg

2ª Stuttgart

Com a presença das montadoras Daimler e Porsche, a cidade é um centro automobilístico. Em Stuttgart, que tem 610 mil habitantes, tudo gira em torno da alta tecnologia

(12) Augsburg

(16) Freiburg

47ª Berlim

(30) Erfurt

(15) Mannheim (24) Ludwigshafen

(39) Magdeburg

1ª Munique

Com 1,4 milhão de habitantes, a capital da Baviera tem a economia mais forte do país. O desemprego é baixo, o nível de bem-estar é alto. BMW e Siemens têm centros de pesquisa na cidade

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Tendências

TRABALHO

Paraísos de empregos

As cidades que oferecem as melhores oportunidades de carreira

A metrópole financeira alemã é também o paraíso dos empregos do país. Segundo o instituto IW-Consult, nenhuma outra cidade oferece melhores oportunidades para fazer carreiras bem pagas quanto Frankfurt. Os pesquisadores levaram em conta o nível de qualificação dos trabalhadores, a dinâmica das empresas e o suporte oferecido pela política e a administração locais. Logo atrás de Frankfurt aparecem Munique, Stuttgart e Düsseldorf – 14 das 30 empresas no topo do índice da DAX, a Bolsa de Valores de Frankfurt, possuem sede em uma dessas cidades. Perspectivas como essas, além da existência de inúmeras empresas do setor de serviços, fazem com que as cidades possuam um percentual de universitários muito acima da média. Do outro lado da balança, em cidades como Solingen ou Ludwigshafen, onde a indústria tem tradição em oferecer empregos comparativamente mal pagos, esse percentual é 50% menor. A

Frankfurt, a melhor cidade para fazer carreira

AS 10 MELHORES 1 Frankfurt 2 Munique 3 Stuttgart 4 Düsseldorf 5 Karlsruhe 6 Ludwigshafen 7 Hamburgo 8 Wiesbaden 9 Mannheim 10 Nuremberg

EMPRESAS

Incentivos para produzir

Cidades com ótimas condições para instalar fábricas Ludwigshafen, Gelsenkirchen, Osnabrück, Chemnitz: apontadas pela IW-Consult como as mais atrativas para a prática empreendedora, elas talvez não possam ser consideradas cidades-modelo. Mas há algo crucial que elas fazem de maneira correta. “Nessas cidades, as empresas encontram condições ideais para instalar centros de produção”, diz Michael

AS 10 MELHORES 1 Ludwigshafen 2 Gelsenkirchen 3 Braunschweig 4 Osnabrück 5 Chemnitz 6 Hamm 7 Magdeburg 8 Freiburg 9 Oldenburg 10 Düsseldorf 18

preferência por empregos nas metrópoles também pode ser medida pelos trabalhadores pendulares: atualmente, mais de um terço das pessoas empregadas em Frankfurt vive em outra cidade. Fenômenos parecidos podem ser observados apenas em Stuttgart e Düsseldorf. Antiga cidade comercial, Frankfurt se destaca ainda pelo nascimento de novas empresas. A cada 1000 habitantes há um saldo positivo de 4,3 novas empresas (descontadas aquelas que vão à falência). Apenas Hamburgo (4,6) e a capital Berlim (4,5) alcançam resultados melhores.

Bahrke, especialista da IW-Consult. Os pesquisadores analisaram fatores que pesam diretamente no balanço de uma empresa: custos de serviços oficiais e governamentais, aluguéis comerciais, produtividade da mão de obra local e valor dos impostos. Gelsenkirchen é um bom exemplo. No ranking geral, a cidade ao norte da região do a Vale do Ruhr alcança apenas a 50 posição.

Empresas locais, no entanto, consideram os custos com serviços oficiais apropriados – o quarto melhor desempenho entre as cidades analisadas. Em relação a custos laborais, cidades do leste são baratas. Um trabalhador em Magdeburg ganha em média 60% menos do que alguém na mesma posição em Frankfurt ou Stuttgart. Os maiores custos laborais são encontrados em Ludwigshafen. No entanto, produtividade, valor de aluguéis e custos de serviços oficiais são tão vantajosos que a conta fecha de maneira favorável até para gigante química BASF.

Ludwigshafen, um ótimo local para empreender

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ECONOMIA

tantes localizaram um galpão abandonado e colocaram seu proprietário em contato com a administração da Lear. Esse não é um caso isolado: em nenhuma As cidades mais favoráveis ao desenvolvimento econômico outra grande cidade alemã as empresas deÀs vezes, as coisas precisam andar com rade produção. Uma nova planta, por conta de ram notas tão altas para a disposição do gopidez. Há cerca de um ano, depois de ter obrigações legais, teria levado tempo demais verno local em favorecer o desenvolvimento uma fábrica consumida pelo fogo, a montapara ficar pronta. Hoje, as máquinas já estão da economia como em Osnabrück. A essa dora Lear, localizada na pequena cidade de rodando novamente em Osnabrück, a apenas conclusão chegaram pesquisadores do inQuakenbrück, estado da Baixa Saxônia, 50 quilômetros de distância. Por conta próstituto IW-Consult após um questionário precisava urgentemente de um novo centro pria, governantes da cidade de 165 mil habi- respondido por 2500 empresas de todo o país. Nesse quesito, logo abaixo de Osnabrück aparecem as cidades de Braunschweig, Osnabrück, cidade que estimula Dresden e Düsseldorf (veja a tabela). o desenvolvimento econômico

Vitória do interior

AS 10 MELHORES 1 Osnabrück 2 Braunschweig 3 Dresden 4 Düsseldorf 5 Leipzig 6 Münster 7 Hamm 8 Erfurt 9 Magdeburg 10 Frankfurt

BEM-ESTAR

FOTOS: VISUM/JOERG AXEL FISCHER, LAIF/HEMIS.F, GETTY IMAGES/PHOTOGRAPHER’S CHOICE, LAIF/KARL-HEINZ RAACH

Lugares para viver bem As cidades com a melhor qualidade de vida

A concentração de poderio econômico nas cidades pode causar ruído, entupir estradas, destruir a natureza. Por essas e outras razões, nem sempre há mais qualidade de vida nos lugares em que grandes riquezas são geradas – e sim onde é possível aproveitar o dinheiro ganho com o trabalho árduo e o tempo livre de maneira plena e com harmonia. Dentro da Alemanha, altos níveis de qualidade de vida podem ser encontrados sobretudo em cidades de porte médio, e que de preferência estejam ao redor de ambientes acadêmicos. No topo desse quesito aparecem cidades de longa tradição universitária como Freiburg, Münster, Karlsruhe, Bonn e Oldenburg. Essas cidades se beneficiam de uma relação eficiente entre boas conexões logísticas, estrutura satisfatória nos campos de cultura, educação e saúde, condições habitacionais atrativas para a população (o que inclui preço de aluguéis, por exemplo) e áreas verdes em abundância em seus períWirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Freiburg, cidade com a maior qualidade de vida

metros urbanos. No que diz respeito especificamente a educação, cultura e logística, as cidades de Münster e Freiburg ganham pontos no ranking graças ao bom desempenho de suas empresas locais. No panorama geral, muitos municípios do leste do país, na antiga Alemanha Oriental, também alcançaram bons índices de qualidade de vida. Magdeburg em quinto lugar, Halle no sétimo e Rostock no décimo, por exemplo, ganharam pontos a favor por investimentos de peso feitos nos últimos vinte anos e sistemas de educação comparativamente exitosos.

AS 10 MELHORES 1 Freiburg 2 Münster 3 Kassel 4 Karlsruhe 5 Magdeburg 6 Munique 7 Halle (Saale) 8 Bonn 9 Oldenburg 10 Rostock 19


Negócios

Nova onda de investimentos Depois da indústria, empresas alemãs dos setores de serviços e de tecnologia começam a descobrir o Brasil. Conheça seus triunfos e dificuldades - e suas oportunidades na Copa do Mundo de 2014

N

os escritórios de executivos de algumas das maiores start-ups brasileiras, o idioma que se ouve é o alemão. Na varejista de moda Dafiti, na loja virtual de artigos esportivos Kanui, no portal online de móveis Mobly ou na loja de artigos para bebês Tricae – por trás de todas essas empresas está a Rocket International, grupo fundado em Berlim pelos irmãos Marc, Oliver e Alexander Samwer. “O Brasil tem grande prioridade“, diz Rodrigo Sampaio, chefe da Rocket América Latina, com sede em São Paulo. No total, o grupo investiu 200 milhões de euros em 16 start-ups dentro do país, que têm mais de 3000 colaboradores. E com grande êxito: em poucos meses, algumas delas saíram de pequenos escritórios para ocupar os melhores endereços comerciais de São Paulo. A Dafiti é um desses exemplos. No início de 2012, a empresa transferiu a sede para os 12 andares superiores de um moderno edifício no bairro da Barra Funda, em São Paulo. Inspirada na europeia Zalando, a Dafiti alcançou a posição de líder no comércio eletrônico de moda brasileiro. A marca passa uma imagem jovem e se associa a lifestyle. Seu lema: a vida é uma festa. Na sede, colaboradores bem vestidos, a maioria com 20 e poucos anos de idade, são vistos em toda parte. No meio do caos organizado estão os quatro chefes, que pela forma de falar logo mostram que são recém-chegados. Com exceção do alemãobrasileiro Phillip Povel, os executivos, todos com cerca de 30 anos de idade, apren-

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deram português há pouco tempo. Malte Huffman e Malte Horeyseck vieram da Alemanha. Thibaud Lecuyer, da França.

CRESCIMENTO Em um ambiente de negócios muitas vezes cercado de burocracias, com um sistema tarifário complexo e leis trabalhistas arcaicas, o crescimento da companhia surpreende. “Nada disso é problema”, diz Povel. “Dificuldades como essas não irão nos impedir de transformar a Dafiti num negócio gigantesco.” O JP Morgan parece compartilhar dessa visão. Em 2012, o banco de investimento aportou 45 milhões de dólares na Dafiti. Robert Cousin, gestor de ativos do banco, diz estar “impressionado como a empresa se tornou a maior loja virtual de moda no Brasil em apenas um ano.“ Start-ups, lojas virtuais, lifestyle, clima de festa – até então, empresas alemãs estavam à parte disso tudo no Brasil. Tradicionalmente, o setor privado alemão era representado por indústrias – montadoras, siderúrgicas, indústria química. Em nenhum outro país estrangeiro, companhias alemãs ocupam posições tão importantes no setor. São Paulo é hoje a maior cidade industrial “alemã“ fora do país europeu. De Manaus a Porto Alegre, há hoje no Brasil 1400 empresas alemãs, que empregam mais de 250 mil pessoas. No total, elas movimentam 10% da produção industrial brasileira. » Fundadores da Dafiti Em pouco tempo, a empresa se tornou a maior varejista de moda online do Brasil

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FOTO: GERMANO LÜDERS/ABRIL COMUNICAÇÕES SA


Negócios NOVOS PLAYERS A indústria ainda domina o cenário. Nos últimos anos, porém, o mercado brasileiro viu a chegada de fabricantes de bens de consumo e empresas do setor de serviços do país europeu. A maioria dos 190 milhões de brasileiros hoje faz parte da classe média – gente que demanda cada vez mais produtos e serviços de marca. Razões como essas motivaram a ida da Otto ao Brasil. A empresa de vendas por catálogo quer alcançar no comércio eletrônico brasileiro o que a Dafiti já conquistou: o topo. Nesse mercado, a empresa tem experiência. A Otto é hoje a maior varejista online de moda do mundo. Numa primeira etapa, a empresa familiar está investindo cerca de 100 milhões de euros em Blumenau, em Santa Catarina. O grupo comprou uma empresa brasileira e, através de uma parceria local, fundou uma joint-venture que oferece serviços de comércio eletrônico a outros varejistas. A Otto quer faturar 500 milhões de dólares no negócio em 2016, e abocanhar um quarto do mercado. “A perspectiva não poderia ser melhor”, diz o presidente da Otto Hanjo Schneider. De fato, há hoje mais brasileiros na rede do que alemães. Segundo previsões, haverá em 2015 quase três vezes mais internautas no Brasil do que no país europeu. Conexões rápidas e sistemas de pagamento mais seguros devem aumentar o número de consumidores online. Para muitas empresas, o Brasil entrou no radar sobretudo pelo desempenho demonstrado após a crise mundial de 2009. Desde 2011, chegam notícias quase todas as semanas sobre a atuação de empresas alemãs no Brasil por meio de aquisições, participações ou novas instalações. Segundo a Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha, cerca de 150 empresas aportaram no país nos últimos 2 anos. “Hoje não há empresa que não tenha o Brasil em sua lista de investimentos”, diz Stefan Zoller, presidente do Brazil Board na Federação da Indústria Alemã. O setor do automobilismo é um símbolo da indústria alemã no país. Depois da Segunda Guerra, as primeiras grandes fábricas da Volkswagen e da Mercedes fora da Alemanha foram instaladas aqui. Com 24 mil funcionários, a Volkswagen é a maior empregadora alemã no Brasil, e disputa

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hoje com a Fiat a liderança do mercado. No último ano, a companhia, que patrocina a seleção brasileira de futebol, fabricou 800 mil automóveis Polo e Golf em suas quatro unidades de produção no país. Eis um sonho do presidente da Volkswagen, Martin Winterkorn, para a Copa do Mundo de 2014: uma final entre Alemanha e Brasil.

CELEIRO DE AUTOMÓVEIS O Brasil fabrica hoje mais carros do que a Alemanha. No mercado de caminhões e de ônibus, há dois concorrentes alemães diretos: a MAN, subsidiária da Volkswagen, e a líder Mercedes. A BMW investe para inaugurar em breve sua primeira fábrica de automóveis premium no exterior. Até então, a companhia da Baviera importava ao Brasil seus modelos de ponta, como fazem Porsche, Audi e Mercedes. O aumento das taxas de importação e isenções fiscais para produção local deram um empurrão para a ida à América do Sul. O boom de vendas de motocicletas BMW no Brasil também surpreende. Entre as 10 revendedoras globais com maior faturamento, 5 estão no Brasil. Em 2012, pela segunda vez, a Caltabiano de São Paulo ficou em primeiro lugar em todo mundo, com 600 motos vendidas. Mas o mercado brasileiro pode não ser tão simples quanto parece. A Mercedes é prova disso. Em 1999, a companhia de Stuttgart investiu alguns milhões na fabricação local de veículos do modelo Classe A. Seis anos depois, por conta de fraca demanda, a produção foi cancelada. A Mercedes passou então a usar o local para a fabricação de modelos Classe C, montados com peças importadas. Só assim a companhia pôde evitar pagar de volta parte dos subsídios. Com caminhões, o êxito foi maior. Hoje, a Mercedes se alegra de não ter vendido a fábrica de Juiz de Fora, onde fabrica os veículos. Fábricas no entorno de São Paulo vão na mesma direção. Já a Thyssen-Krupp, que com 20 mil funcionários é a segunda maior empresa alemã no Brasil, não teve a mesma sorte. Com a instalação de uma fábrica a 50 km do Rio de Janeiro, a companhia queria chegar ao topo – um dos maiores investimentos alemães no exterior e, como ficou evidente mais tarde, o pior em toda sua história. Através de uma parceria com a Vale, a

O Brasil fabrica atualmente mais carros do que a Alemanha

Arena Fonte Nova, em Salvador O projeto do novo estádio tem participação do escritório de arquitetura alemão Schulitz + Partner, de Braunschweig

Thyssen-Krupp pretendia fabricar placas de aço para abastecer siderúrgicas do mundo inteiro com matéria-prima barata. Deu tudo errado. A região escolhida para o derretimento afundou durante a construção. A coqueria, encomendada a um fornecedor chinês, não funcionou e precisou ser reconstruída. Para piorar, o boom econômico e a valorização do real fizeram subir preços de equipamentos, de materiais e de mão de obra. Os custos da construção subiram de 2 para 12 bilhões de euros. Quando a fábrica finalmente começou a rodar, em meados de 2010, os preços do aço no mercado mundial estavam tão baixos que as placas de ferro passaram a ser fabricadas com prejuízo. Apenas com exportações, a Thyssen-Krupp perde cerca de 100 milhões de euros por mês. A esse problema, somaram-se escândalos: pescadores teriam sido ameaçados por seguranças da fábrica. A coqueria estaria poluindo o entorno. Agora, a empresa quer terminar a aventura e vender a siderúrgica. O desafio é encontrar um comprador. Com sorte, segundo especialistas, a companhia receberia 3 bilhões de euros no negócio – um quarto do investimento total. Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTO: SCHULITZ + PARTNER ARCHITEKTEN BDA + INGENIEURE

Por mais espetaculares que sejam, casos como esses são exceção na história das empresas alemãs no Brasil. Enquanto a Thyssen-Krupp dá um passo atrás, a maioria das outras companhias avança. A fabricante de rodas Continental está dobrando sua produção no nordeste do país. A Trumpf, que fabrica lasers, quer dobrar o faturamento nos próximos três anos. Ao lado da indústria automobilística, cresce a demanda por cortadores a laser em estaleiros que servem o setor petrolífero. Com sede em Ludwigshafen, o grupo químico BASF quer lucrar com o boom do consumo no Brasil, e constroi uma unidade de produção de acrílico, matéria-prima para fraldas. “Queremos crescer mais rápido do que o mercado”, diz Alfred Hackenberger, presidente da divisão de química da BASF na América do Sul. A fabricante de adesivos e colas Henkel decidiu alocar dois de seus 10 projetos globais de investimentos no Brasil. A fabricante de químicos especiais Evonik, que hoje possui três fábricas no país, dois laboratórios e um centro de tecnologia, planeja construir dois novos centros de produção, que totalizam investimentos de mais de 130 milhões de euros. A aquisição de parceiros de longa data faz parte da estratégia de expansão. A fabricante de aço C.D. Wälzholz comprou a subsidiária brasileira Brasmetal. A Widmüller, especializada em eletrônicos, comprou seu parceiro local de Joint-Venture Conexel. Outras fazem como a fabricante WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Volkswagen à frente As 25 maiores empresas alemãs no Brasil (faturamento em bilhões de dólares, 2011) 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 1

Volkswagen Mercedes Benz MAN BASF² Celesio1 Robert Bosch Siemens2 Bayer ThyssenKrupp Allianz ZF Voith Continental Hamburg Süd Lanxess Mahle SAP Merck Henkel Freudenberg Stihl Melitta Evonik Braun Faber Castell

15,7 8,2 4,8 3,5 2,6 2,4 2,3 2,2 2,1 1,6 1,5 1,5 1,5 1,3 1,2 1,1 0,6 0,5 0,4 0,4 0,4 0,3 0,3 0,2 0,2

Inclui Oncoprod e Panfarma 2 2012 Fontes: Empresas, Revista Exame, Revista Valor 1000

de metais sanitários Hansgrohe, que criou sua própria rede de distribuição local. “Para colocar um pé no Brasil, nossas empresas estão dispostas pela primeira vez a pagar antecipadamente”, afirma Stefan Zoller. Empresas alemãs também tentam a sorte com empreendimentos de infraestrutura, em especial projetos ligados à Copa do Mundo de 2014 e à Olimpíada de 2016. Os escritórios de arquitetura Schulitz + Partner, de Braunschweig, e o Gerkan, Marg und Partner (gmp), de Hamburgo, participam do planejamento de vários estádios. O porto de Duisburg fechou um contrato de consultoria logística com o porto de Santos, que deverá ser ligado a centros industriais do interior. Diz Erik Staake, executivo do porto de Duisburg: “Queremos preparar o caminho para a economia local antes das concessões de contratos.” Depois de vencer contratos de consultoria para soluções de trânsito, a companhia ferroviária alemã Deutsche Bahn abriu um escritório local.

TRANSPORTE E LOGÍSTICA Para evitar um colapso, o Brasil investe massivamente em transporte público. A ViaQuatro, primeira empresa privada de metrô da América Latina, opera hoje uma linha em São Paulo. Num trajeto que dura 17 minutos, cerca de 800 mil passageiros são servidos pela empresa diariamente – em horário de pico, o mesmo percurso de carro leva até 2 horas. “Há poucas estações de metrô no mundo que precisam absor- »

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Negócios

» ver tantos passageiros como as nossas”, diz o diretor Jorge Secall. Em parte, isso é possível graças a tecnologias da Siemens. Operados por computador, os trens podem transportar passageiros mais rapidamente. A ascensão do Brasil a potência energética atrai atenção de fora. Por conta disso, a Siemens está construindo uma nova divisão de pesquisas energéticas nos arredores da Petrobras, no Rio de Janeiro. A ideia é pegar carona na oferta de óleo e gás da petrolífera. “Queremos estar próximos de nossos clientes mais importantes”, diz Peter Solmssen, presidente das Américas da Siemens. Há um ano, a companhia alemã de energia E.ON comprou 10% de participação da MPX Energia, do bilionário Eike Batista. A empresa com sede em Düsseldorf quer se tornar a maior produtora de energia privada do Brasil, e investir 4 bilhões de euros em térmicas a gás e carvão. Aos poucos, o envolvimento alemão no Brasil parece atingir outro nível. “Depois da indústria e do comércio, tem início agora uma terceira onda de investimentos”, diz Weber Porto, presidente da Câmara de Comércio e Indústria Brasil-Alemanha e da química Evonik para a América do Sul. “Agora é a vez das tecnologias e produtos sustentáveis.” Segundo uma pesquisa de consultoria Roland Berger, o mercado de

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tecnologias verdes no Brasil irá crescer de 5% a 7% por ano até 2020 – mais do que setores como automóveis ou químicos. Companhias brasileiras estão sob crescente pressão do governo, que torna mais rigorosa a legislação ambiental. Aquelas que possuem vocação para exportações precisam se adaptar a padrões internacionais para conseguir sucesso. “As empresas vêm mantendo investimentos em energia renovável, gestão de resíduos, água e esgoto”, diz Thomas Kunze, do escritório da Berger em São Paulo. A constatação vem de pesquisa com as 100 maiores companhias brasileiras. A Câmara de Comércio chegou a essa conclusão mais cedo. Desde 2009, ela realiza uma feira de sustentabilidade no Brasil. A isso somam-se altos investimentos em energia renovável, um setor com enorme potencial no Brasil. O país produz quase metade da energia através de hidrelétricas e biocombustíveis – a média global é de 13%. Empresas alemãs como Siemens ou Voith atuam há tempos como fornecedores do setor. A joint venture da Voith com a Hydro, que fabrica turbinas e geradores para hidrelétricas, mantém um centro de excelência em São Paulo. A fabricante de geradores eólicos Wobben, subsidiária da Enercon, investiu 170 milhões de euros em um dos maiores parques eólicos do Brasil.

Alemães ampliam a presença no Brasil através de aquisições

Fornecedores alemães também participam do crescente mercado de biocombustíveis. A Bosch, presente no Brasil há mais de 50 anos, é o principal deles. Em Campinas, a empresa instalou um centro global de pesquisa dedicado ao tema. Lá foi desenvolvida a tecnologia Flex-Fuel, que permite que carros rodem com gasolina ou etanol. Com 13,5 mil funcionários e faturamento de 2 bilhões de dólares, a Bosch é a sexta maior companhia alemã no Brasil. Os alemães possuem uma vantagem em relação e seus concorrentes da Europa ou Estados Unidos: nenhum outro país possui tantos acordos de pesquisa com o Brasil. Universidades públicas e privadas de São Paulo trabalham em conjunto com universidades e institutos de pesquisa alemães. Se tantas empresas buscam se estabelecer no Brasil, parece lógico que os bancos, até então hesitantes, comecem a dar as caras. Em pouco tempo, o Deutsche Bank se tornou um dos líderes em concessão de empréstimos para empresas brasileiras no exterior. Já o Commerzbank e o Landesbank Baden-Württemberg atuam fortemente no financiamento de empresas alemãs. Mas não é apenas com empresas que os bancos ganham dinheiro. Algo parecido ocorre com o futebol e outros eventos esportivos. As seguradoras Munich Re e a AGCS, subsidiária da Allianz, estão envolvidas com o seguro da Copa do Mundo de 2014. Por 650 milhões de dólares, a Fifa assegurou sua principal fonte de renda contra adiamento ou suspensão dos jogos. n alexander.busch@wiwo.de

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FOTOS: PR

Fábrica de caminhões da MAN, subsidiária da Volkswagen. Alfred Hackenberger, presidente da divisão de química da BASF na América do Sul: “Queremos crescer mais rápido do que o mercado”


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Negócios

Alex Kudlich, da Rocket Internet Criação de startups em ritmo industrial

Velozes e talentosos

Berlim é hoje o coração da indústria de internet da Europa, um ecossistema de start-ups único formado por uma rede de investidores, consultores e empreendedores corajosos

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Não é em todo lugar que uma jovem empresa consegue levantar investimentos dessa amplitude de maneira tão rápida. Mas essa é hoje uma característica da cena de Berlim. Nos últimos dois anos, a capital vive algo que talvez exista apenas no Vale do Silício: uma rede ampla e crescente de empreendedores, investidores e incubadoras, que ajudam na criação de novas empresas. Eles cooperam, trocam experiências entre si e até emprestam colaboradores para tapar buracos quando preciso. Nesse meio, todo mundo se conhece. Novos contatos são estabelecidos rapidamente. Cada vez mais, esse cenário atrai empreendedores de outras partes, que são seguidos por endinheirados interessados em participar do boom. Eles são investidores com recursos próprios como Maschmeyer ou editoras como a DuMont de Colônia, Madsack de Hanover ou Holtzbrinck de Stuttgart. A Holtzbrinck, por exemplo, tem

investimentos em mais de 50 start-ups, entre elas a varejista Zalando e a desenvolvedora de apps para crianças Goodbeans. Empresas do varejo como Otto e Tengelmann, interessadas em fazer apostas em novas áreas, também são atraídas a Berlim.

INVESTIMENTOS Maschmeyer não é o único investidor privado proeminente a participar do jogo. Através do fundo de capital de risco HPV, o fundador da SAP, Hasso Plattner, também entrou na corrida em busca das start-ups mais quentes do momento. O ator de Hollywood Ashton Kutcher é outro investidor famoso. Junto com Guy Oseary, empresário de Madonna, ele mantém a sociedade A-Grade Investments, que hoje tem participação em três empresas berlinenses. Não há dados oficiais sobre esse ecossistema – até porque ele cresce rápido demais. Mas não faltam hoje na cidade startNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI PARA WIRTSCHAFTSWOCHE

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astian Schmidtke está hoje onde sempre quis estar. Há três anos, ele e o amigo Jakob Schreyer se mudaram da cidade de Bamberg para Berlim para fundar uma start-up. Sua empresa se chama Orderbird, e a sede fica na praça Oranienplatz, no bairro de Kreuzberg. O bairro alternativo de Kreuzberg é hoje o centro da cena de internet berlinense. Schmidtke e Schreyer desenvolveram um software para caixas registradoras de bares, clubes e restaurantes que podem ser comandados através de iPads e iPhones. Com o sistema, os dois já ganharam prêmios em concursos de empreendedores. Em 2012, a empresa recebeu o primeiro aporte através de Carsten Maschmeyer, fundador da prestadora de serviços financeiros AWD. Por meio do fundo de participações Alstin, o milionário de Hannover investiu 2,7 milhões de euros na Orderbird, e hoje possui 30% do negócio.


ups disputando a atenção de clientes e investidores. O estoque de novas ideias também é alimentado por incubadoras como a Rocket Internet, dos irmãos Oliver, Marc e Alexander Samwer. A depender do cálculo, que pode ou não incluir empresas de TI e biotecnologia na conta, a cena de start-ups emprega hoje entre 10 mil e 50 mil pessoas. “Berlim é como uma grande incubadora, que dá luz a novas ideias a todo momento. Um ambiente perfeito para start-ups”, diz Roberto Bonanzinga, da Balderton Capital, de Londres, um dos maiores investidores europeus, e que possui participação na desenvolvedora de jogos Wooga. “Em Berlim a transferência de know-how é muito grande“, diz Verena Delius, fundadora da fabricante de jogos Goodbeans. De uns tempos para cá, empreendedores seriais também fazem parte do ecossistema. O suíço Christophe Maire, de 44 anos de idade, reverteu o dinheiro da venda de companhias na cena de start-ups de Berlim. Em 2005, Maire vendeu a empresa de software de navegação Gate 5 por 250 milhões de dólares à Nokia. Em 2008, ele criou a Txtr, especializada em software para e-books e livrarias virtuais. Em paralelo, Maire atua também como investidor anjo, contribuindo com dinheiro e know-how. Através da Atlantic Ventures, e também com dinheiro próprio, ele investiu em empresas da capital alemã. “Aos poucos, Berlim forma uma base sustentável para um ecossistema empresarial”, diz ele. “A cena de start-ups de Berlim é um fenômeno único na Europa”, diz Klaus Hommels. No passado, o investidor de 45 anos provou ter tino para negócios. Hommels investiu cedo no serviço de voz por IP Skype, que hoje pertence à Microsoft, além da rede social profissional Xing. Em Berlim, Hommels possui participação no grupo Global Leads. Em comparação com os Estados Unidos, Hommels ainda vê falta de investidores na cidade. Mas isso está mudando. Recentemente, o banco de investimento australiano Macquarie investiu 15 milhões de euros no portal de delivery online Lieferando. A Kleiner Perkins Caulfield & Byers também colocou milhões à disposição da start-up Soundcloud, que desenvolveu um aplicativo para ouvir música online em computadores e smartphones. O Soundcloud é um dos vários exemplos da atração internacional exercida pela cena de start-ups da cidade. Cinco anos atrás, em vez de Londres ou Vale do Silício, os suecos Alexander Ljung e Eric Wahlforss decidiram fundar sua empresa na capital WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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Berlim é um imã para empreendedores de todo o mundo

alemã. “Um dos motivos foi a cena de música de Berlim”, diz Ljung. No começo, passávamos todos os finais de semana nos clubes da cidade. Era uma forma de fazer marketing para o Soundcloud.”

CIDADE CRIATIVA A cena de Berlim funciona de maneira inspiradora para fundadores e investidores, músicos e artistas. A cidade é criativa e internacional, um imã para jovens empreendedores de todo o mundo. A fama atraiu o holandês Edial Dekker, fundador do Gidsy, que tem participação do ator americano Ashton Kutcher. O site funciona como uma espécie de portal de eventos e cursos para diversas cidades. Dekker trabalha com um time de 11 colaboradores em um chão de fábrica em Kreuzberg, próximo à famosa estação de metrô Kottbusser Tor – a “Sillicon Kotty”, como é chamada na Gidsy. “Berlim é barata, está sempre em mudança, atrai gente criativa e não tem um establishment”, diz o jovem de 27 anos de idade. Pouco convencional foi a maneira como Kutcher entrou como investidor no negó-

Bastian Schmidtke, da Orderbird Software para bares comandado por iPads e iPhones

cio. “Eu apenas enviei a ele um nome de usuário e uma senha por e-mail, para que pudesse testar o sistema”, conta. Rapidez, trabalho em grupo e criatividade são as características mais marcantes da nova cena de internet. Florian Heinemann, chefe da incubadora Project-A Ventures, financiada pelo grupo Otto, nomeia um dos motores do ecossistema: “Em Berlim há hoje uma espécie de máfia do Jamba”. A brincadeira é com a empresa de toques para celular Jamba, uma espécie de precursora da cena atual. Fundada em 2000 pelos irmãos Samwer, a empresa foi vendida quatro anos mais tarde por 223 milhões de dólares ao grupo americano Verisign. O negócio inspirou antigos colaboradores. Desde então, é comum que funcionários do Jamba deixem a empresa para fundar suas próprias start-ups. Entre eles estão o próprio Heinemann, o fundador da fabricante de jogos Wooga, Jens Begemann, e Dirk Hoffman, do portal de imóveis Immoscout. Com o dinheiro ganho no negócio, os irmãos Samwer investiram em novas startups. Em 2007, eles fundaram a incubadora Rocket Internet, que traz novas empresas à cena constantemente. Diretor da Rocket, Alex Kudlich tem a missão de recrutar especialistas em tudo que uma start-up precisa. “Criamos novas equipes a partir do zero“, diz ele. Uma coisa é certa – não falta hoje em Berlim gente interessada em fundar e admin nistrar novas empresas. michael.kroker@wiwo.de

Verena Delius, da Goodbeans Aplicativos e jogos voltados para o público infantil

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Negócios

Reação em cadeia

Depois de passar um bom tempo à sombra da China, o Brasil passa a receber fortes investimentos da indústria alemã de produtos químicos através da abertura de novas fábricas. A fim de estimular a indústria local, o governo brasileiro busca encarecer a importação

A

s simpáticas engenheiras químicas que trabalham no centro de distribuição da Evonik em Guarulhos, São Paulo, são o melhor cartão de visitas da companhia no Brasil. Elas são responsáveis por receber os clientes num laboratório localizado exatamente ao lado de um enorme armazém onde a empresa alemã estoca ácido silícico e aminoácidos, entre outras substâncias. Antes de chegar ao mercado brasileiro, a produção fica guardada em embalagens enormes, que empilhadas chegam até o teto. Em locais como esses, a Evonik auxilia clientes do setor farmacêutico a tornar seus produtos mais eficientes. Um exemplo: a aplicação de uma camada química especial sobre comprimidos ajuda a impedir que o princípio ativo seja absorvido de uma só vez. Assim, o medicamento entra em contato com o organismo de forma gradual, respeitando as necessidades dos pacientes.

PRODUTOS MAIS EFICIENTES A clientela é diversa. Com a ajuda de um aparelho chamado espectrofotômetro, criadores de aves e de outros animais podem determinar a quantidade de aminoácidos, minerais e proteínas da ração, além do grau de umidade a que elas podem ser submetidas. Assim é possível saber se grãos como milho ou soja apresentam uma boa composição química para o consumo e o crescimento das aves. Para clientes como Nivea, L’Oreal ou Natura, a Evonik cria novos cosméticos. No entanto, nenhuma substância nova é desenvolvida - o trabalho consiste em criar receitas inovadoras a partir da mistura de substâncias existentes, com vistas a atender as preferências e necessidades específicas da consumidora brasileira. É por isso que o chefe do escritório sul-americano da Evonik, Weber Porto, prefere utilizar o termo “laboratório de aplicação” a “laboratório de pesquisa”. Mas eles também poderi-

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am ser chamados de laboratórios de vendas. Isso porque a Evonik não ganha dinheiro com pesquisas de laboratório, mas sim aprimorando o marketing e a forma de comercializar seus produtos. A substância aplicada na camada que envolve os compridos? Endragit, um dos preferidos pelos clientes e uma das especialidades da companhia. O cliente tem problemas com a ração, que impede as aves de atingir o peso necessário para o abate? Sem problema - a Evonik é líder mundial em fornecimento de aminoácidos. Ou então o cliente precisa desenvolver um xampu para ser aplicado

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Trinta e oito empresas químicas alemãs estão no Brasil

junto com o tipo específico de água utilizada no Brasil? A Evonik diz ter os ingredientes necessários. Para Porto, a filosofia é oferecer não apenas um produto, mas um serviço que traga ganhos para o cliente - mesmo que a um custo maior que o dos concorrentes japoneses ou coreanos. Com uma receita estimada em 400 milhões de euros e cerca de 300 funcionários no Brasil, a terceira maior empresa alemã de produtos químicos ainda vê muito potencial para crescer no país – e pretende fortalecer sua presença com a abertura de duas novas fábricas. Os investimentos da Evonik na América do Sul já chegam a 200 milhões de euros. Mesmo com a inauguração de uma nova fábrica na Argentina, a participação brasileira na produção total da companhia tende a aumentar consideravelmente.

Seguindo o caminho trilhado pela Evonik, outras empresas da indústria química preparam uma ofensiva para se beneficiar do crescimento do mercado brasileiro - o maior da América do Sul, mas que, na última década, esteve à sombra da gigante China. A maioria delas investe hoje na construção de novas fábricas e parques de produção. Atualmente, trinta e oito empresas alemãs da indústria química têm representação no Brasil. Juntas, elas empregam 18 mil pessoas e faturaram, em 2011, 6,3 bilhões de euros. Porém, do total de 56 bilhões de euros de investimentos diretos feitos pela indústria química alemã até o final de 2010, apenas 3% tiveram a América Latina como destino. “Por algum tempo o Brasil esteve fora do foco, apesar de termos bons negócios por aqui”, diz Porto.

AMPLIAR RECEITAS Agora, isso deve mudar. Empresas alemãs estão comprometidas a ampliar a participação das receitas do Brasil – atualmente entre 2% e 3% – em seu faturamento global. Com vendas na casa de 2,7 bilhões de euros, a BASF, maior multinacional da indústria química no Brasil, vai inaugurar na Bahia um parque para a produção de ácido acrílico. Ao custo de 500 milhões de euros, esse é atualmente o maior investimento de uma empresa alemã no país. Com o novo parque, o faturamento na América do Sul deverá dobrar até 2020, atingindo 8 bilhões de euros. A fábrica deve começar a produzir dentro de um ano. Segunda maior entre as companhias do setor químico da Alemanha, a Bayer investiu ano passado 55 milhões de euros no Brasil. Suas atividades no país, seu quinto mercado mais importante, geram para a empresa 1,8 bilhões de euros. Para crescer no Brasil, a maioria das empresas vê necessidade de recuperar o tempo perdido. Com uma exceção: a Lanxess. Quarto maior grupo químico da AlemaNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


FOTO: VICTOR AFFARO PARA WIRTSCHAFTSWOCHE

Centro de distribuição da Evonik em Guarulhos testes para clientes in loco

nha, a companhia foi a que aumentou sua presença no Brasil de maneira mais rápida nos últimos anos. Em 2005, quando a Lanxess se desligou da Bayer, o país contribuía com não mais que 1% em receita global. Desde então, a participação brasileira foi catapultada para 10%. Hoje, a empresa fatura no Brasil quase o mesmo que na China. O crescimento, porém, não teria ocorrido sem aquisições de outras companhias. De acordo com o diretor da Lanxess no Brasil, Marcelo Lacerda, o investimento total foi de mais de 500 milhões de euros WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

370 milhões apenas para a compra da Petroflex, a líder brasileira na produção de borracha sintética. E não para por aí. Em Porto Feliz, a cerca de 100 quilômetros a oeste de São Paulo, fica o escritório de Robert Madersdorfer, que tem vários motivos para estar satisfeito. Perto dali, reatores cozinham pigmentos de tintas para o mercado global, a maioria da cor amarela. A técnica é bastante recente. Operador de máquinas por formação, Madersdorfer, homem de personalidade serena e aperto de mão seguro, já coorde-

nava as atividades quando as instalações ainda pertenciam à Bayer. Em 2005, com a mudança de diretoria, passou a trabalhar para a Lanxess. Aos 52 anos de idade, o que mais ocupa o tempo de Madersdorfer nos últimos meses são os novos parques industriais que começam a brotar no gigantesco terreno da empresa, localizado a 500 metros do escritório. Um pavilhão já está praticamente pronto. A partir do meio do ano, será produzida ali uma borracha desenvolvida especialmente para a indústria de pneus. A »

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Negócios

» Lanxess pretende chegar a 170 000 unidades produzidas por ano. No local também será construído outro pavilhão para a produção de um material de liga que deverá substituir o aço na construção de automóveis. O plano prevê ainda a construção de uma terceira fábrica para produção de aditivos químicos que, aplicados em rodas, podem reduzir o consumo de combustível dos carros. Madersdorf apenas vê suas responsabilidades aumentarem – a Lanxess irá investir no projeto cerca de 30 milhões de euros. RETORNO SOBRE INVESTIMENTO Resta a pergunta: os investimentos de BASF, Bayer, Evonik e Lanxess terão retorno? O mercado brasileiro está em crescimento, avalia a União da Indústria Química Alemã (VCI). A organização chegou a solicitar junto ao instituto de pesquisa Prognos, com sede na Suíça, um estudo sobre o futuro do mercado mundial de produtos químicos. Os investigadores foram céticos com relação ao Brasil. A razão: pouca pesquisa. De fato, o Brasil é o quinto país que mais consome produtos químicos em todo o mundo. Na lista dos produtores, o país está na sétima colocação. No quesito inovação, entretanto, o Brasil não aparece sequer entre os dez primeiros. Os resultados receberam fortes críticas dos diretores das companhias alemãs, que enxergaram ali a simples projeção futura de tendências passadas. Para eles, apenas os investimentos massivos realizados no Brasil já seriam garantia de dinamismo para a economia nos próximos anos. E não é apenas a indústria alemã que investe em novas fábricas. Para desenvolver a indústria petroquímica, o país, com suas enormes reservas de petróleo no litoral, espera um grande fluxo de investimentos para os

próximos anos. A Associação Brasileira da Indústria Química (Abiquim) estima que esses investimentos alcancem a marca de 16 bilhões de dólares anuais. Até mesmo os pesquisadores da Prognos revisaram sua previsão e consideram agora um crescimento anual médio para o Brasil de 4,1% até 2030 – uma avaliação conservadora, mas que ainda assim corresponde à terceira maior taxa de crescimento do mundo, atrás apenas da China (7,1%) e da Índia (5,9%). Fernando Figueiredo é um pouco mais otimista, algo para ele justificável. Presidente executivo da Abiquim, Figueiredo projeta para as químicas o fator 1,25. Os economistas falariam de elasticidade: para cada ponto percentual que o Brasil cresce, a venda de produtos da indústria química sobe 1,25%. Para ele a relação é clara: se o país crescer nos próximos anos cerca de 4% por período, sua indústria crescerá 5%. Figueiredo já tem todos esses números preparados em forma de uma apresentação.

CRESCIMENTO Entre 2005 e 2012, as vendas da indústria química no Brasil subiram 125%. “São números chineses”, vibra Figueiredo. O Brasil já é o maior mercado mundial de produtos para cabelo. Espera-se que em breve o país supere o Japão na venda de cosméticos em geral, ficando atrás apenas dos EUA. O único problema é que a produção interna ainda não acompanha o ritmo do consumo. As importações crescem com mais rapidez que as exportações. De 2005 para cá, o déficit comercial do setor saltou para 28 bilhões de dólares, um crescimento de 250%. A soma se deve em grande parte ao fato de que o custo da importação subiu com mais rapidez que o da exportação.

China no topo

Brasil em sexto lugar

Crescimento anual médio da indústria química 2011-2030 (percentual)

Os maiores mercados para químicos (Proporção do faturamento global em 2012)

7,1

China 5,9

Índia 4,1

Brasil 3,3

EUA

Rússia

Japão

2,3

Japão Alemanha

Alemanha

2,9

Coreia 1,8 0,5

França 3,0 Índia 3,0 Brasil 3,1 Coreia 3,0

Fonte: VCI

5,2 7,6

Faturamento 25,1 global

China

4,9984

trilhões de dólares

15,2

Fontes: Abiquim, WirtschaftsWoche

EUA

Isso levou a Abiquim, a indústria química brasileira e o governo federal a selar um pacto. O objetivo: reverter o déficit até 2020 e de quebra tornar o Brasil o quinto maior produtor mundial de químicos. Mas o desafio está longe de ser simples. De fato, tendo em vista sua taxa de crescimento, é possível que o país venha a ultrapassar a Coreia do Sul e assuma a quinta posição no ranking global, apesar dos 20 bilhões de dólares que os separam. Pouco provável é que consiga deixar a gigante Índia para trás, cuja indústria química, hoje, concorre em produção no mesmo nível que o Brasil. Porém, por meio de leis protecionistas, o déficit comercial pode ser facilmente influenciado pelo governo. E parece ser mesmo o caso. “O Brasil toma medidas rigorosas para defender sua indústria”, diz o correspondente da German Trade and Invest em São Paulo, Oliver Döhne. O governo planeja para o setor químico medidas para compensar importações semelhantes às da indústria automobilística: impostos maiores para produtos importados, menos tributos para a produção nacional e estímulo para investimento em pesquisa e inovação. Uma receita reprovada pela indústria química alemã: “O governo tem que estar atento ao fato de que subir e baixar tarifas no comércio exterior leva à diminuição da atratividade do Brasil para empresas estrangeiras”, afirma Patrik Wohlhauser, diretor executivo da Evonik na América do Sul (veja entrevista completa na página 31). Mas o domínio de multinacionais na indústria química local está distante de agradar ao governo brasileiro. Das dez maiores empresas do setor, apenas três são nacionais. Além disso, na visão do governo, as estrangeiras produzem muito pouco no Brasil. Ao invés disso, importam grande parte de seus produtos. Por essa razão, há tempos que Brasília exige das empresas químicas estrangeiras maiores investimentos, com o intuito de diminuir o déficit. A BASF recebeu duras críticas do governo brasileiro porque a construção do novo complexo para a produção de ácido acrílico, há muito planejada, demorou a sair do papel. De acordo com os cálculos da empresa, a produção no novo complexo terá um impacto na balança comercial brasileira de 100 milhões de dólares no lado das exportações, com queda de 200 milhões de dólares para as importações. A BASF já produz no Brasil 68% do faturamento no país. Mas, até acabar com o déficit, há um n longo caminho. klaus.methfessel@wiwo.de

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Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


»O difícil é ser importador«

FOTO: PR

Patrik Wohlhauser, presidente da química Evonik, quer consolidar seus negócios no Brasil – inclusive por meio de aquisições. O que lhe preocupa é o protecionismo praticado pelo governo

Sr. Wohlhauser, a Evonik pretende investir ao redor do mundo mais de seis bilhões de euros até 2016. Quanto será destinado ao Brasil? Wohlhauser: A maior parte dos investimentos tem como destino nações em desenvolvimento, sobretudo da Ásia, em especial China. É para lá que vai um terço do total. As maiores taxas de crescimento são registradas ali. A América do Sul portanto tem peso menor entre as regiões em desenvolvimento? Wohlhauser: Sim. Já autorizamos investimentos de 200 milhões de euros. Temos atualmente diferentes projetos em vista, mas que ainda aguardam decisão. Uma coisa é certa: estamos no Brasil porque é isso que nossos clientes esperam e por causa do forte crescimento do mercado local. O que faz do Brasil um país interessante para a estratégia da Evonik? Wohlhauser: As matérias-primas renováveis. Aqui encontramos matérias-primas de custo muito baixo, como milho e canade-açúcar, que queremos aplicar na biotecnologia. Nesse sentido, os investimentos em Castro (PR) para a produção de aminoácidos representam pra nós um passo importante. Cerca de um terço dos nossos investimentos em biotecnologia, que ao redor do mundo somam 350 milhões de euros, estão aplicados ali. Há intenção de produzir para exportar? Wohlhauser: Sim, mas o foco é o mercado local. A demanda cresce com força. Nosso interesse é atendê-la em especial no Brasil e também América do Sul. Em quais outros setores o Brasil também é interessante para a empresa em termos estratégicos? Wohlhauser: Cosméticos. Hoje, por causa do crescimento da classe média, a demanda por esse tipo de produto sobe cerca de 10% ao ano. Por isso instalamos no Brasil uma produção de surfactantes especiais. Nossos clientes querem contar no país com a mesma qualidade encontrada na Alemanha. O terceiro campo estratégico é o automobilístico. A indústria é uma importante compradora do nosso ácido silícico, por exemplo. Já estudamos instalar uma unidade de produção local. WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

PATRICK WOHLHAUSER Administrador com passagens pela Sandoz e MBT, Wohlhauser, 48, chegou em 2002 à Degussa, que precedeu a Evonik. Desde 2011 à frente da empresa, ele responde pela operação na América do Sul

Há interesse de alocar pesquisa no Brasil? Wohlhauser: Queremos expandir o trabalho dos nossos laboratórios no sentido de desenvolver novas receitas em conjunto com o cliente. Até que um dia tenhamos o tamanho necessário para um pequeno centro de pesquisa. Seus negócios no Brasil correspondem hoje a apenas alguns pontos percentuais de sua receita global... Wohlhauser: De fato, mas queremos ampliar essa participação nos próximos anos, com os investimentos que fazemos hoje. Também através de aquisições? Wohlhauser: Em princípio, sim. Mantemos no Brasil uma pequena comissão sempre atrás de tecnologias e mercados interessantes, e que examina sistematicamente a concorrência com vistas às chamadas

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Clientes no Brasil querem qualidade

aquisições “bolt on”, isto é, de companhias menores, para complementar nosso portfólio em tecnologia. Por exemplo, uma empresa que extraia princípio ativo para cosméticos de plantas nativas da Amazônia. É apenas impressão ou na década passada o Brasil se manteve, para as atividades da Evonik, à sombra da China? Wohlhauser: É verdade. A China crescia de forma dinâmica, enquanto que o Brasil, até o final dos anos noventa, vivia tempos de altas taxas de inflação e de juros, frequentes trocas de governo e baixo crescimento – claro que isso tudo acabou impedindo investimentos em muitos setores. Mas as coisas logo mudaram para o Brasil Wohlhauser: Sim, mas são necessários alguns anos para nos acostumarmos a elas. Nossos investimentos são a prova de que o país, nesse meio tempo, se tornou mais atraente para nós. O Brasil também é competitivo no cenário internacional? Estima-se que o custo para investir no país é 30% maior do que na China. Wohlhauser: Não posso confirmar esse número. Estamos construindo em paralelo na China e no Brasil parques oleoquímicos idênticos. Elevados impostos salariais e os altos tributos sobre importação causam, claro, impacto sobre investimentos do lado brasileiro. Mas não tenha dúvida de que as instalações no Brasil serão rentáveis. Isso porque o custo da importação eleva as margens e os preços finais praticados no mercado? Wohlhauser: O nível de preços no Brasil também é em geral mais alto. O governo brasileiro quase força empresas estrangeiras a investir ao tornar mais caro importar do que produzir no país... Wohlhauser: Isso nos preocupa bastante. Esse protecionismo não é saudável. De fato, obtemos lucro quando produzimos localmente, mas é difícil ser importador. Nós investidores precisamos de estabilidade e segurança para planejar. O Brasil pode perder novamente o interesse das empresas internacionais se a política sobre fatores fundamentais como impostos e tributos n estiver em constante mudança. klaus.methfessel@wiwo.de

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Negócios

Smart forvision Químicas como a BASF são responsáveis por inovações em automóveis

Pensar como o cliente

À

s vezes, quem recebe a glória por um feito são os outros. Esse é o caso de montadoras como BMW ou Daimler quando lançam no mercado veículos elétricos modernos ou capazes de economizar energia. Na maioria das vezes, no entanto, boa parte do trabalho duro acontece em outro lugar. “Dois terços das inovações na indústria automobilística se baseiam em inovações químicas”, diz Wolfgang Falter, sócio e especialista da consultoria de empresas Alix Partners. Não raras vezes, são produtos “Made in Germany” desenvolvidos por empresas químicas os verdadeiros responsáveis pelas tecnologias que dão suporte às inovações mais quentes do mundo automobilístico.

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Da cidade de Wiesbaden, por exemplo, a companhia SGL Carbon fabrica carrocerias de carbono super leve para a montadora BMW. O material tem menos da metade do peso do aço, mas é muito mais resiliente. No fim do ano, a carroceria de carbono da SGL Carbon será empregada nos novos modelos elétricos BMW i3. As vantagens disso? Quanto mais leve o veículo, mais tempo dura a bateria. Com um empurrão da química, as próprias baterias, que são o coração dos novos carros elétricos, também deverão se tornar mais eficientes. Em parceria com a montadora Daimler, o grupo químico Evonik, com sede na cidade de Essen, desenvolve uma bateria de íons de lítio para novos veí-

culos elétricos Smart. Graças à alta performance e longa vida útil, baterias com tecnologia de íons de lítio são consideradas superiores. Funcionando em desempenho máximo, elas podem durar até dez anos. Isso foi possível em parte pela invenção de uma membrana de cerâmica resistente a temperaturas que separa os polos negativo e positivo, evitando curtos-circuitos. A fabricação do novo Smart elétrico já está em curso. O modelo híbrido da Daimler E 300 BlueTEC, que roda com motor elétrico e a diesel, também já vem de fábrica com baterias de íons de lítio. A BASF, maior grupo químico do mundo, com sede em Ludwigshafen, desenvolve em parceria com a Daimler um novo moNr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: PR (4)

Com materiais de alta tecnologia, novas baterias e processos de produção sustentáveis, a indústria química alemã aposta em inovações que podem revolucionar setores inteiros


delo de carro elétrico, o “Smart forvision”. No conceito estão presentes várias inovações da BASF, como a primeira roda de automóvel feita de plástico. Engana-se quem pensa que elas são menos complexas do que rodas de alumínio. Rodas de plástico chegam a pesar três quilos a menos que rodas normais. Graças a criações como essas, a autonomia do modelo Smart deverá aumentar 20% para cada nova carga de bateria, passando de 140 para 170 quilômetros. A fabricante Lanxess, de Leverkusen, uma das líderes mundiais em produção de borracha natural, especializou-se no desenvolvimento de materiais para “rodas verdes”, que possibilitam economizar combustível. Novos materiais de borracha ajudam a diminuir a fricção e o atrito das rodas, reduzindo o consumo de combustível entre 5% e 7%. Em breve, a Lanxess irá fabricar soluções de borracha de butadieno estireno para suas “rodas verdes” na cidade de Triunfo, no Rio Grande do Sul.

COMPETIÇÃO “Os grupos químicos alemães deverão se manter no topo ao lado de concorrentes do Japão e dos Estados Unidos”, diz Libor Kotlik, sócio da consultoria Camelot Management Consultants, especializada em empresas da indústria química e farmacêutica. BASF, Evonik, Lanxess e outras companhias do setor se ocupam de inovações importantes para o futuro dos automóveis, mas também para usinas energéticas, tratamento de água e relações sustentáveis com recursos naturais. Seus produtos e processos ajudam a economizar energia e a evitar emissões de dióxido de carbono. A Alemanha é o país da Europa cuja indústria química mais investe em pesquisa e desenvolvimento. Por ano, a cifra alcança

9 bilhões de euros. A despeito da crise financeira, as companhias do setor vêm aumentando seus aportes em P&D. Os fabricantes alemães também são os que mais possuem patentes registradas no continente. Uma em cada seis patentes da categoria vem do país. Entre os fornecedores líderes estão a BASF, inventora dos materiais isolantes “Her” e “Neopor”, a Bayer, conhecida pela fabricação de plásticos e da aspirina, e a Merck, que fabrica cristais líquidos es-

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gases do efeito estufa foram cortadas pela metade. “No desenvolvimento de produtos e fabricação de químicos, as companhias alemãs lidam com recursos e energia de maneira mais eficiente do que a maioria de seus concorrentes”, diz Falter, consultor da Alix Partners. Há outros exemplos. Pela primeira vez, a especialista em tintas Actega Terra conseguiu produzir vernizes sobre impressão com base em matérias-primas renováveis.

A Alemanha investe 9 bilhões de euros anuais em pesquisa química

senciais para a montagem de telas de smartphones e TVs de tela plana. A indústria alemã é líder mundial em exportações, à frente dos Estados Unidos, China e Japão. Mais da metade do faturamento das empresas vem do exterior. O setor movimentou ao todo 186 bilhões de euros em 2012 - apenas as indústrias automobilística e de máquinas alcançaram cifras maiores. Cerca de 437 mil trabalhadores estão empregados nas indústrias químicas. Neste ano, faturamento e produção devem seguir crescendo, prevê a VCI, associação do setor, segundo pesquisa com membros. O clima nas fábricas é otimista. Apesar de fraquezas na conjuntura e da crise na Europa, as companhias alemãs pretendem aumentar investimentos em infraestrutura, pesquisa e desenvolvimento. A eficiência energética é uma das bandeiras da indústria química da Alemanha. Embora a produção do setor tenha crescido 58% desde 1990, o consumo de energia hoje é 20% menor. As emissões nocivas de

Vernizes desse tipo são usados em caixas dobráveis e etiquetas, e protegem materiais impressos. O verniz é feito de resinas e ceras naturais compostos de material 75% biodegradável. De sua sede em Krefeld-Uerdingen, a Bayer desenvolveu um processo de fabricação de cloro capaz de economizar energia. Grandes quantidades de cloro são usadas na produção de medicamentos e de materiais sintéticos. Trata-se de um tipo de produção de alto consumo de energia. Pelo novo processo desenvolvido pela Bayer, o consumo de eletricidade é reduzido em até 30%. Segundo a empresa, os testes tiveram tanto êxito que deverão ser incorporados à produção normal. Para reduzir emissões de dióxido de carbono, a Evonik mantém parcerias com várias universidades. Uma das ideias é desenvolver processos para separar gases do efeito estufa de gases de combustão, e usálos industrialmente. No pé da chaminé de uma usina térmica em Herne, um »

Revolução pela química Bateria de íons de lítio da Evonik para novos veículos elétricos; Borracha natural da Lanxess para fabricação de rodas sustentáveis; Produção de cloro da Bayer com consumo de energia 30% menor

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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» protótipo de nove metros de altura foi instalado. No local, a empresa testa a eficácia e estabilidade de diferentes “limpadores” de dióxido de carbono. Em Bitterfeld, no leste da Alemanha, a Lanxess mantém uma das estruturas mais modernas de reciclagem de água através de trocadores de íons, que têm papel importante no tratamento do líquido. Trocadores de íons especiais removem materiais indesejados de águas de fontes naturais, como arsênio. Muitas das inovações surgem a partir da cooperação com clientes – como nos carros elétricos, onde companhias químicas como a SGL Carbon, Evonik e BASF trabalham em conjunto com as montadoras Daimler e BMW. “Cada vez mais, os fabricantes alemães pensam e fazem negócios a partir da perspectiva do cliente”, diz Falter, da Alix Partners. “Essa é uma de suas vantagens na concorrência internacional.” Ao trabalhar de maneira interdisciplinar e conjunta com físicos, biólogos, profissionais da eletrônica e de engenharia de materiais, as companhias químicas podem oferecer a seus clientes soluções para uma extensa gama de produtos. O especialista Kotlik da consultoria Camelot nomeia outra razão para o poder de inovação dos fabricantes químicos alemães: “A Alemanha tem universidades boas, que formam talentos brilhantes. Para uma companhia, vale a pena cooperar junto a centros de pesquisa acadêmicos.” É exatamente isso o que faz a BASF com a Universidade Ruprechts-Karls, na cidade de Heidelberg. Empresa e universidade cooperam no desenvolvimento de catalisadores, ou aceleradores de reações químicas. O time de pesquisadores trabalha para transformar emissões de dióxido de carbono em algo útil – no caso, para a fabricação de acrilato de sódio, que depois pode ser utilizado como absorvente em fraldas. A catálise é uma tecnologia chave da indúsBMW i3 Carrocerias de carbono em parceria com a indústria química SGL Carbon

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Inovações surgem a partir da cooperação com clientes

Líder na Europa

Participação dos países nos investimentos globais em pesquisa e desenvolvimento da indústria química* Holanda Croácia Bélgica Suíça

Outros

1,4 1,4 1,6

8,7

Canadá

3,9 5,2

França

5,6

Grã-Bretanha

%

6,5 8,1 Alemanha

40,5

EUA

17,1 * Dados de 2009

Japão

Campeã de vendas Exportações de químicos em 2011 (em bilhões de euros) Alemanha EUA China Japão Coreia do Sul

162 135 73 58 46

Fonte: VCI

tria química: mais de 80% de todos os produtos químicos passam ao longo de sua síntese pelo menos uma vez pelo contato com catalisadores. É certo que as companhias alemãs não podem descansar sobre os louros conquistados até aqui. “A pressão competitiva, em especial da China, vem crescendo. Já há excelentes universidades e pesquisadores no país”, diz Kotlik, consultor da Camelot. Não é apenas a concorrência externa que traz preocupações aos alemães. Dentro do

país também há perigos rondando a capacidade de inovação. “As chamadas tecnologias de risco, como a genética agronômica ou novas tecnologias de extração de gás de xisto, conhecida como Fracking, ainda não têm aceitação popular”, diz Kotlik.

OBSTÁCULOS NO CAMINHO Para as empresas, isso traz consequências. As controvérsias políticas e populares em torno da genética agronômica fizeram a BASF interromper suas pesquisas no setor dentro do país. O receio associado aos alimentos transgênicos e suas possíveis consequências a longo prazo no corpo humano tem raízes profundas, e grupos de proteção do meio ambiente hoje oferecem sérios obstáculos a companhias que fazem pesquisas nesse campo. Recentemente, um terreno de experimentos da BASF com batatas geneticamente modificadas foi destruído por ativistas no leste da Alemanha – os vegetais não eram cultivados para consumo humano. Antes disso, a construção do campo de experimentos levou mais de dez anos para ser aprovada pela comissão da União Europeia. Apesar das dificuldades, as empresas químicas seguem aumentando os investimentos em pesquisa. Segundo previsão da associação do setor e do instituto de pesquisa econômica Prognos, da Suíça, os fabricantes alemães de químicos deverão dobrar até 2030 o atual orçamento de pesquisa, de 9 bilhões de euros. Graças ao potencial inovador, a indústria química do pais seguirá crescendo, acredita Utz Tillmann, gerente geral da VCI. O cenário mais provável, segundo ele, é um crescimento produtivo de 2% ao ano. No que diz respeito à inovação, por fim, grupos químicos alemães têm uma boa reputação a defender. Logo no fim do século 19, as primeiras empresas do setor, como BASF, Bayer e Hoechst, deram ao mundo novidades tecnológicas como cores sintéticas, fertilizantes ou medicamentos. Hoje, elas causam furor com baterias de carros elétricos, processos produtivos sustentáveis ou n plásticos hightech. juergen.salz@wiwo.de

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FOTO: PR

Negócios


WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

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Perspectivas

As melhores faculdades da Alemanha

A

escolha não é fácil. Afinal, muitas coisas dependem dela – profissão, salário, carreira. Há na Alemanha 420 instituições de ensino superior, com cerca de 10 mil cursos em oferta. Mas quais oferecem a melhor formação em cada área? Responder a essa pergunta é o objetivo do ranking de universidades da WirtschaftsWoche, um estudo exclusivo em parceria com a consultoria Universum Communications. Em sua elaboração, enquetes foram enviadas a 7000 executivos das maiores empresas alemãs. São eles que decidem, afinal de contas, os graduados de quais cursos terão preferência na hora de contratar. O ranking tem ênfase sobretudo na relevância prática. Nesse sentido, ele busca descobrir quais são as faculdades cujos estudantes saem melhor preparados para carreiras e o mercado de trabalho. Em primeiro lugar no ranking aparece a RWTH Aachen. A universidade foi a única a alcançar o primeiro lugar em quatro categorias: eletrotécnica, ciências, engenharia industrial e mecânica. Em informática, Aachen ficou em segundo lugar, atrás apenas do Instituto de Tecnologia de Karlsruhe (KIT). O bom resultado não é obra do acaso. Reitor da RWTH, Ernst Schmachtenberg estimula o intercâmbio entre engenharias e ciências da natureza. Para buscar soluções em eficiência energética, a faculdade mantém parcerias com o centro de pesquisas Jülich. O contato de estudantes com empresas é estimulado desde cedo. Recentemente, a Siemens investiu 6 milhões de euros no desenvolvimento de processos sustentáveis para exploração de recursos

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Universidadade de Karlsruhe A melhor do país no ensino de informática

escassos. Os estudantes, claro, se beneficiam de iniciativas como essas. Alunos de Aachen candidatos a empregos na área de eletrotécnica ou engenharia têm chances maiores do que graduados em faculdades de menos renome – sobretudo em campos como engenharia industrial e eletrônica. Hans-Wolfgang Arndt, reitor da Universidade Mannheim, é outro gestor bem sucedido. Há anos, sua universidade figura em primeiro lugar nos cursos de economia e administração. Além de repetir o feito, Mannheim ganhou posições em informátio o o ca (de 11 lugar para 8 ) e direito (de 12 pao ra 8 ). A receita de sucesso: todas as disciplinas estão ligadas às ciências econômicas. Estudantes aprendem a solucionar desafios da economia com métodos de seu campo de estudos. “Seja em campanhas de

marketing, tarifas de seguros ou planejamento produtivo, muitas empresas não existiriam hoje sem matemática e informática”, diz Arndt. Por meio de uma parceria com o curso de economia, a faculdade de direito oferece o curso de direito empresarial. Outro ponto importante é a internacionalização. Mannheim investiu mais de 9 milhões de euros em programas de intercâmbio com universidades parceiras. No caso do curso de administração, dados da rede social Xing (uma espécie de LinkedIn) mostram o quanto estudar em Mannheim pode fazer diferença. A faculdade foi berço da maioria dos executivos líderes hoje em atividade em empresas alemãs. A Universidade Técnica de Darmstadt é outra que se saiu bem no ranking. A instituição foi a única a ficar entre as 5 primeiras posições em seis categorias. O corpo administrativo em torno do presidente Hans-Jürgen Prömel faz o possível para que os estudantes de Darmstadt saiam em vantagem. No primeiro semestre, estudantes trabalham em projetos de grupo que se dedicam, por exemplo, a minimizar a poluição por partículas finas. No “House of IT”, uma parceria com empresas de software e o governo do estado de Hessen, profissionais das áreas de engenharia, informática e economia trabalham juntos. Graduados em outras universidades, no entanto, não devem se desencorajar. Cerca de 90% dos executivos das maiores empresas alemãs veem com bons olhos o futuro do mercado de trabalho do país. Em 2010, apenas 39% disseram o mesmo. As chances são grandes, portanto, de que investir em uma boa graduação possa valer a pena. » daniel.rettig@wiwo.de

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FOTOS: PR, SELINA PFRUENER PARA WIRTSCHAFTSWOCHE

Há mais de 400 universidades e faculdades de ciências aplicadas na Alemanha. Conheça asmelhores ofertas para economistas, juristas, cientistas, engenheiros, profissionais de informática, eletrônica e muitos outros


FAYANA RIZZI ISOTTON Desde setembro de 2012, Fayana estuda engenharia industrial em Aachen. No Brasil, ela se formou em comércio exterior e cursou um MBA. A catarinense domina bem a língua alemã – no segundo grau, ela fez um intercâmbio escolar no país. “Em Aachen, refresquei o idioma com um curso antes do início das aulas.” Por que

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

Fayana estuda em Aachen? Pelo Google, ela tomou conhecimento do ranking da WirtschaftsWoche. A universidade tem ótima reputação, e os alugueis da cidade, onde hoje estudam cerca de 100 brasileiros, são baratos. Fayana tem planos de trabalhar no ramo de gestão de qualidade ou engenharia industrial. O que ela gosta na Alemanha? “Aqui há muitas regras, mais do que no Brasil. Mas elas funcionam, e não há tantas exceções.”

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Perspectivas

As melhores universidades

As escolas de ensino superior mais bem colocadas no ranking* Informática 1 1

Aachen (RWTH)

Economia

Sistemas de informação

Ciências naturais

1 2

Mannheim Frankfurt

1 2

Darmstadt (TU) Munique (TU)

1 2

Aachen (RWTH) Munique (TU) Munique (LMU)

3

Karlsruhe (KIT) Munique (TU)

3

Bonn

3

Mannheim

3

4

Darmstadt (TU)

4

Colônia

4

Ilmenau (TU)

4

Darmstadt (TU)

5

Kaiserslautern (TU)

5

Munique (LMU)

5

Dresden (TU)

5

Karlsruhe (KIT)

6

Ilmenau (TU)

6

Münster

6

Erlangen-Nürnberg (TU)

6

Heidelberg

7

Berlim (TU)

7

Göttingen

7

Braunschweig

7

Berlim (TU)

8

Munique (LMU)

8

Berlim (HU)

8

Colônia

8

Frankfurt

9

Stuttgart

9

Hohenheim

9

Frankfurt

9

Dresden (TU)

10

Mannheim

9

Erlangen-Nürnberg

9

Münster

9

Hannover

Engenharia elétrica

Direito

Engenharia industrial

Engenharia mecânica

1 2

Aachen (RWTH) Karlsruhe (KIT)

1 2

Munique (LMU) Heidelberg

1 2

Aachen (RWTH) Karlsruhe (KIT)

1 2

Aachen (RWTH) Munique (TU)

3

Munique (TU)

2

Münster

3

Darmstadt (TU)

3

Karlsruhe (KIT)

4

Darmstadt (TU)

4

Bonn

4

Kaiserslautern (TU)

4

Darmstadt (TU)

5

Stuttgart

5

Colônia

5

Berlim (TU)

5

Braunschweig (TU)

6

Hamburgo-Harburg (TU)

6

Bayreuth

6

Dresden (TU)

5

Dresden (TU)

6

Ilmenau (TU)

7

Berlim (HU)

7

Ilmenau (TU)

7

Stuttgart

8

Braunschweig (TU)

8

Tübingen

8

Braunschweig (TU)

8

Berlim (TU)

9

Dresden (TU)

8

Göttingen

8

Hamburgo-Harburg (TU)

9

Dortmund (TU)

Berlim (TU), Kaiserslautern(TU)

8

Hamburgo (Bucerius)

10

Dortmund (TU)

10

10

Ilmenau (TU)

*Instituições que receberam notas iguais aparecem empatadas no ranking

MERCADO DE TRABALHO

Como trabalhar na Alemanha

Informações essenciais para estudantes, graduados e cientistas brasileiros interessados em trabalhar no país europeu

Brasileiros recém-graduados em uma universidade alemã que desejam trabalhar no país devem atentar para as regras de permanência. Para o exercício de uma profissão, cidadãos de fora da União Europeia necessitam de uma permissão de residência emitida pelo serviço de imigração. Também é preciso obter aprovação da Agência Federal de Emprego. Essa etapa ocorre apenas no âmbito das autoridades. Para o requerente, o escritório de imigração é o único meio de contato. Conheça as regras: n Em geral, candidatos a vagas em universidades não estão autorizados a exercer um trabalho na Alemanha n Alunos de cursos preparatórios Studienkolleg ou de línguas podem trabalhar de acordo com regras próprias n Estudantes brasileiros podem exercer certas atividades paralelas sem precisar de autorização da Agência Federal de Emprego. A regra vale por exemplo para atividades de ajuda e monitoria científica

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e estudantil ou em disciplinas em que o estágio é obrigatório. Via de regra, todas as ocupações que excedem o escopo do que é estabelecido por lei necessitam de uma autorização desse tipo n Para cientistas, pesquisadores e acadêmicos estrangeiros convidados em universidades e institutos de pesquisa, há regras especiais distintas das aplicáveis a estudantes em universidades n Brasileiros recém-graduados na Alemanha podem prolongar o visto de permanência em 18 meses para buscar um posto de trabalho adequado. Durante o período, é preciso comprovar que possuem meios de sustento. Como os estudantes, eles têm permissão para trabalhar 120 dias no ano, ou 240 meias jornadas. A admissão de estrangeiros no mercado de trabalho foi facilitada nos últimos anos. Antes, empresas precisavam comprovar que vagas preenchidas por estrangeiros não puderam ser preenchidas por candidatos europeus. Para estudantes de

fora da UE graduados na Alemanha, a chamada “regra de prioridade” já não vale mais. Eles também estão isentos da lei que obriga estrangeiros a comprovar ganhos anuais de no mínimo 44 mil euros. Graduados que encontram um posto de trabalho podem prolongar o visto de residência de acordo com o tempo de contrato da nova atividade. Depois de cinco anos, é possível conseguir um visto de permanência ilimitado. Os requisitos em relação à adequação da graduação obtida com o posto de trabalho são levados à risca. Uma vaga como motorista ou garçom não vale para alguém diplomado em engenharia. O salário também precisa ser equivalente ao de alemães igualmente qualificados. Por vezes, isso pode ser um problema. É costume entre empresas alemãs oferecer a recém-graduados apenas estágios mal remunerados, que não são reconhecidos pela Agência de Emprego como postos de trabalho adequados. klaus.methfessel@wiwo.de

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Melhores faculdades de ciências aplicadas As instituições favoritas das empresas*

TU de Munique Primeiro lugar em sistemas de informação

Administração de empresas 1 2 2 4 5 6 7 8 9 9

Mannheim Colônia Munique (LMU) Münster Vallendar(WHU) Frankfurt (School of Finance &Management) Frankfurt Oestrich-Winkel (EBS) Eichstätt-Ingolstadt (KU) Hohenheim

Sistemas de informação

Informática

Administração de empresas

1 2

Karlsruhe Munique

1 2

Karlsruhe Darmstadt

1 2

3

Reutlingen

3

Munique

3

Colônia

4

Stuttgart (HdM)

4

Esslingen

4

Berlim (HTW)

5

Berlim (HTW)

5

Colônia

5

Munique

5

Pforzheim

5

Mannheim

6

Munique (MBS)

7

Dresden (HTW)

7

Dortmund

6

Münster

8

Furtwangen , Kaiserslautern

7

Furtwangen

8

Wiesbaden (RheinMain)

10

Esslingen, Hannover

9

Aachen, Berlim (HTW)

9

Bonn-Rhein-Sieg

10

Colônia

9

Dresden (HTW), Stuttgart (HIT)

Engenharia elétrica 1 2

Engenharia industrial

Karlsruhe

10

Reutlingen (ESB) Pforzheim

Dortmund (ISM), Frankfurt

Engenharia mecânica

1 2

Karlsruhe Esslingen

1 2

Aachen Darmstadt

3

Aachen Munique

3

Reutlingen (ESB)

2

Esslingen

4

Esslingen

4

Mannheim

4

Munique

5

Darmstadt

4

Munique

5

Karlsruhe

6

Colônia

6

Darmstadt

6

Mannheim

7

Dresden (HTW)

7

Berlim (HTW)

7

Hamburgo (HAW)

7

Ulm

7

Dresden (HTW)

7

Colônia

9

Berlim, Mannheim, Pforzheim

7

Pforzheim

9

Berlim (HTW)

9

Kaiserslautern, Nuremberg

Hamburgo (HAW), Heilbronn

9

Reutlingen

10

*Instituições que receberam notas iguais aparecem empatadas no ranking

EDUCAÇÃO

Passo a passo para a vida universitária

FOTO: LAIF/TANIA REINICKE

Um guia para brasileiros interessados em estudar na Alemanha

A Alemanha está cada vez mais popular entre estrangeiros. Atualmente, um em cada dez dos 2,5 milhões de estudantes no país vem do exterior. O percentual mais que dobrou nos últimos 20 anos. A maioria deles vem da China. Até pouco tempo, o número de estudantes brasileiros era pequeno. Há dois anos, eles representavam apenas 1% do total. Mas isso vem mudando graças ao programa “Ciência sem Fronteiras”, em que o governo brasileiro quer dar a 100 000 pessoas a chance de estudar no exterior – 10 000 deles na Alemanha. Entre pesquisadores e estudantes, cerca de 2100 brasileiros já participam do projeto no país no total, são cerca de 5000. A divulgação de vagas em universidades e cursos de pós-graduação é feita pelo site www.csfalemanha.de. Em geral, as regras de admissão são semelhantes às de universidades brasileiras, e levam em conta o tipo de diploma e o desempenho do aluno. n Uma forma de admissão direta e que

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independe de campo de estudo é possível para quem possui diploma de curso superior de no mínimo quatro anos, como bacharelado ou licenciatura. n Outra forma de admissão direta, porém ligada a certas áreas de estudos, é possível para quem tem diploma de ensino médio (segundo grau) ou diploma técnico em alguma habilitação profissional com no mínimo dois anos de duração. n Diplomados no segundo grau têm direito a frequentar um “Studienkolleg”, cursos preparatórios para a universidade. Com um ano de duração, o curso funciona como um teste de avaliação, e prepara o estudante estrangeiro em relação ao idioma e às disciplinas da faculdade. n Para conhecer todas as qualificações reconhecidas, visite o site do Escritório Central para Educação de Estrangeiros (ZAB) em www.anabin.de ou do Serviço Alemão de Intercâmbio Acadêmico (DAAD) www.daad.de/deutschland/nachdeutschland/voraussetzungen/de

As regras de candidatura a vagas não são universais. Em algumas universidades, é preciso fazê-lo diretamente. Em outras, é necessário usar o sistema Uni-Assist (www.uni-assist.de). Informações sobre regras de admissão são fornecidas pelos escritórios internacionais das faculdades. Os prazos e procedimentos podem variar, assim como a incidência ou não de taxas semestrais. Informações sobre documentos necessários e prazos também podem ser obtidos através dos escritórios internacionais ou do sistema Uni-Assist. Para frequentar a faculdade, o estudante precisa de conhecimentos suficientes na língua alemã. Há algumas maneiras de comprová-lo: a) DSH (Exame de língua alemã para estudantes estrangeiros). Realizado nas próprias universidades b) TestDaf. Teste centralizado do idioma, realizado na Alemanha e no exterior c) Exame superior do Instituto Goethe klaus.methfessel@wiwo.de

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Perspectivas

»Sprechen Sie Deutsch?«

Para expandir horizontes e aumentar chances profissionais, jovens brasileiros estudam alemão

P

aulo Leal estuda na Alemanha há dois anos – e tem um bom motivo para isso. “Inglês todo mundo fala. Com o alemão, você é especial”, diz o baiano de 25 anos de idade. “Significa ter um bom nível de educação.” No futuro, Paulo quer lecionar artes e espanhol em colégios alemães. No Brasil, ele se formou em artes visuais na Universidade Federal da Bahia, em Salvador. Em paralelo, se inscreveu num curso de alemão. Paulo avançou nos estudos, e logo começou a frequentar aulas no Instituto Goethe. O curso foi pago pelos pais. Mais tarde, o estudante ganhou uma bolsa de estudos. “Eu queria aprender alemão da melhor maneira possível”, diz ele. O instituto se tornou sua segunda casa – e não apenas pelas aulas de línguas. Paulo ficou fascinado com a rica a programação cultural do lugar. “Adoro a galeria, o teatro, o cinema”, diz ele em alemão perfeito. “A Alemanha é muito mais do que casas estilo enxaimel e a Baviera. Há muita diversidade. É uma sociedade multicultural, e isso me agrada.” Companhias alemãs possuem boa reputação no país sul-americano, e viver na Alemanha é hoje um sonho de muitos brasileiros. Junto com isso vem a promessa de aumentar as chances no mercado de trabalho. Há dois anos, o baiano Rafael Andrade tinha certeza sobre o lugar onde gostaria de fazer intercâmbio: o país de Goethe e Schiller. Atualmente, a maioria dos candidatos do programa de intercâmbio do Rotary na Bahia tem preferência pela Alemanha, à frente de Estados Unidos e Canadá. Hoje, é possível ler no currículo de Rafael: intercâmbio estudantil na Alemanha, diploma de idioma em Bremen e estágio num escritório de advocacia em Bad Bramstedt. Há poucas semanas, ele conquistou uma cobiçada vaga no curso de Relações Internacionais na Universidade Federal da Paraíba. Rafael hoje participa de um projeto de parceria entre universidades do Brasil e da Alemanha. E a coisa não para por aí. Para Rafael e Paulo, a língua alemã ampliou horizontes e trouxe perspectivas n capazes de mudar suas vidas. Petra Schaeber Dr. Petra Schaeber é Cônsul Honorária da República Federal da Alemanha em Salvador

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GRANDE OFERTA Os melhores lugares para aprender alemão no Brasil Na cidade de São Paulo, há diversas possibilidades: em uma das duas escolas Waldorf www.ewrs.com.br, www.micael. com.br, no Colégio Benjamin Constant no bairro Vila Mariana www.colegiobenja min.com.br , em uma das três unidades do Colégio Visconde de Porto Seguro www.portoseguro.org.br, a maior escola escola alemã fora da Alemanha, ou em uma das escolas Humboldt www.hum boldt.com.br. As escolas suíças em São Paulo www.esbsp.com.br e no Rio de Janeiro www.esb-rj.com.br oferecem educação bilíngue até o bacharelado internacional. Nas escolas, há mais alunos de outras nacionalidades do que suíços. No Rio de Janeiro, a Escola Corcovado www. eacorcovado.com.br oferece formação até o vestibular. Há ainda o Colégio Cru-

zeiro www.colegiocruzeiro.com.br, que oferece aulas de alemão desde 1862. Em Santa Catarina, Rio Grande do Sul e Paraná, estados que receberam muitos imigrantes alemães, há diversas escolas que ensinam o idioma de Goethe – e não apenas nas capitais. É possível aprender a língua inclusive em instituições públicas como o Colégio Estadual do Paraná em Curitiba www.cep.org.com.br ou o Colégio de Aplicação da UFSC, em Florianópolis www.ca.ufsc.br. Escolas PASCH também oferecem aulas de alemão. As “Parceiras do Futuro”, como são chamadas, se estendem do Mato Grosso do Sul ao Piauí. A maioria delas trabalha de perto com o Instituto Goethe, como o Colégio Anchieta de Salvador, na Bahia www.colegioanchieta-ba.com.br Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global


Dentro e fora da sala de aula Com seis unidades no Brasil, o Instituto Goethe oferece além de aulas de alemão opções de moradia como o Projeto-X, exposições de arte e promoção de festas e eventos culturais, como exibição de filmes

FOTOS: BETTINA SIEGWART

e o Colégio Hélyos em Feira de Santana www.colegiohelyos.com.br. Grande parte das escolas oferece formação desde os primeiros anos do jardim de infância até o diploma de segundo grau. Quem não tiver a oportunidade de aprender alemão na escola, no entanto, pode fazê-lo na faculdade. Muitas universidades federais oferecem a possibilidade de estudar o idioma, como por exemplo na USP e na Unicamp, em São Paulo, na UFRJ e UNERJ, no Rio de Janeiro, em Minas Gerais, em todo o sul do Brasil e em estados do Nordeste, com exceção de Sergipe e Piauí. Em estados como Ceará e Pará, as disciplinas são lecionadas em parte por professores do DAAD, o serviço de intercâmbio alemão. O Instituto Goethe oferece aulas em WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

seis estados brasileiros www.goethe.de/ins/ br/lp/ptindex.htm. A filial de São Paulo coordena o trabalho em toda América do Sul. No Rio de Janeiro, o instituto cultural está localizado no centro da cidade. A unidade do Instituto Goethe em Salvador é considerada a mais bela e admirada entre os brasileiros. Já as unidades de Curitiba e Porto Alegre são bastante frequentadas por descendentes de alemães. Em Brasília, além das aulas de língua, o instituto também oferece cursos de cultura alemã. Em todo o país há escolas privadas onde é possível estudar alemão. Em uma cidade como São Paulo, há mais de 20 instituições. Em Porto Alegre, são oito, e uma em Mato Grosso do Sul. Há uma recomendação válida para todos eles: os interessados devem buscar se informar previamente so-

bre a qualidade dos cursos oferecidos. Na internet é possível encontrar opções gratuitas para estudar por conta própria. Um Podcast ensina o “alemão das ruas”. Os arquivos em mp3 podem ser acessados através do site www.deutschlern.net/pod cast/index_all.php. Cursos em áudio para iniciantes também são oferecidos pelo Instituto Goethe no endereço www.goethe. de/lrn/prg/rod/deindex.htm. O Alumni-Portal, uma plataforma para estrangeiros que estudaram ou trabalharam na Alemanha, também pode ser útil. O portal traz dicas e informações sobre educação, emprego e carreira no país. Exercícios para estudantes de língua alemã de diferentes níveis são oferecidos gratuitamente online pelo site www.alumniportal-deutschland.org

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Perspectivas

»Tenha sempre uma check-list« Sra. Carvalho, que conselho daria a um brasileiro que quer fazer negócios com alemães? Carvalho: Empresas brasileiras que desejam colocar um pé na Alemanha precisam saber exatamente o que querem. Para marcar uma reunião, envie um e-mail e formalize o compromisso. Não telefone e diga: “Sou um amigo do Sr. X , nos conhecemos em lugar Y e gostaríamos de entrar em contato.” Os alemães irão responder: “Pode ir direto ao assunto, por favor?” Para nós, isso soa muito rude, como um “não”. Comece devagar, mas vá direto ao ponto. E depois, como prosseguir? Carvalho: É preciso fazer um follow-up, metas concretas precisam ser estipuladas. Quem faz o que? Qual é o prazo? Na Alemanha, tudo funciona com check-lists. Nós brasileiros resolvemos tudo ao mesmo tempo. Respeite a check-list! Prometeu enviar um e-mail com determinadas informações? Envie. Você provavelmente será a única empresa brasileira a fazê-lo. Isso gera uma impressão muito positiva. Qual foi sua primeira impressão marcante da Alemanha? Carvalho: A frase: “Es geht nicht”. No início, ouvia essa expressão com frequência. Com o tempo, aprendi que “es geht nicht” não significa o mesmo que um “não pode” no Brasil. Na Alemanha, todo procedimento segue uma regra. Se você conhecer a regra e preencher seus requisitos, terá sucesso. A Sra. poderia explicar isso melhor? Carvalho: No Brasil, as relações interpessoais são importantes e, muitas vezes, abrem exceções. Na Alemanha, dificilmente alguém vai fazer algo por você porque foi com a sua cara. Alemães são muito objetivos e diretos. A subjetividade do brasileiro pode ser bem vinda, mas o excesso pode significar falta de eficiência, em especial nas relações de trabalho. Como é o dia a dia nos negócios? Carvalho: Na Alemanha, você sempre deve ter cartões de visita à mão. É preciso distribuí-los e utilizá-los. E-mails devem ser respondidos de imediato. No Brasil, a esfera pessoal é mais importante – falamos, tele-

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RITA CARVALHO NO MONUMENTO A HEINRICH HEINE, EM DÜSSELDORF Com doutorado em Direito Internacional pela Universidade Johannes Gutenberg, na cidade alemã de Mainz, a baiana Rita Carvalho é assessora da Secretaria para Assuntos Internacionais do governo da Bahia. A Bahia é hoje o terceiro estado brasileiro que mais recebe investimentos da Alemanha, atrás de São Paulo e Paraná. Empresas como BASF e Continental estão instalando novas fábricas no local. Ao longo de 15 anos, Rita representou empresas alemãs, europeias e brasileiras na América Latina, Europa e China.

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FOTO: FRANK BEER PARA WIRTSCHAFTSWOCHE

Com anos de experiência em empresas alemãs, a assessora para relações internacionais do governo da Bahia Rita Carvalho dá dicas sobre como brasileiros podem se sair bem nos negócios com a Alemanha


fonamos, marcamos encontros. Na Alemanha, o uso do telefone será sempre rápido e objetivo. É comum usar torpedos no dia a dia. Nunca se esqueça de escutar a sua caixa de mensagens no celular. O que aconselharia a um homem de negócios na Alemanha? Carvalho: Frequentar feiras, congressos, visitar empresas in loco para conhecer seus interlocutores e saber onde está. Os contatos cara a cara são importantes, embora menos do que no Brasil ou na China. É difícil conquistar a confiança do alemão - isso pode durar anos. Mas, se acontecer, é provável que continuem sempre amigos. Qual é a importância da língua alemã? Carvalho: Extremamente importante. Os alemães falam bem outras línguas, sobretudo inglês. Mas, se você falar com eles em alemão, consegue estabelecer um relacionamento muito diferente. Eles se interessam por outras culturas, e muitos falam espanhol ou até português. Faça como os alemães: tome proveito do talento de outros e contrate alguém que fale alemão. O que os brasileiros precisam observar na hora de ir a uma reunião com alemães? Carvalho: A linguagem corporal. Cuide para não chegar muito perto fisicamente. Seja objetivo e vá direto ao ponto. Não faça perguntas pessoais, e entenda que seu interlocutor não é logo de cara um amigo seu. Seja formal sempre. A autenticidade do nosso jeito brasileiro é importante, mas lembrese que você está lidando com outra cultura. O que torna a comunicação difícil para brasileiros na Alemanha? Carvalho: Certa vez, estive em uma universidade alemã para fazer matrícula. Lá, a secretária me forneceu um formulário sem sorrir ou esboçar qualquer reação. Como brasileira, estava acostumada com pessoas que falam e olham para mim, não com gente que apenas oferece um pedaço de papel em silêncio. Aqui, um funcionário perguntaria: “De onde você vem? Quanto tempo vai ficar?“ Falta na Alemanha algo que temos, essa tentativa de resolver uma situação pela comunicação interpessoal. Como se deve ir a uma reunião na Alemanha? Carvalho: Pontualmente! Quando marco uma reunião, é importante dar a devida atenção a ela. Se percebo que não vou chegar no horário, então aviso de imediato – e não em cima da hora. E, por favor, não coloque a culpa no trânsito ou coisa parecida. Os alemães têm pouca compaixão com esse tipo de coisa. Se a reunião é importante, procure chegar meia hora antes. Ainda: não toque nem chegue muito perto de seu WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

interlocutor. Quando ultrapassava essa distância, costumava me desculpar: “Eu venho do Brasil”. Isso é aceito como desculpa. Use roupas formais com cores discretas sem luxo ou joias extravagantes. E o tratamento? Carvalho: Diga sempre “Sr.” ou “Sra.”, por favor. No meu caso, as pessoas encontraram uma solução intermediária: “Sra.” e Rita. Para os mais velhos, isso era um absurdo. O tratamento era “querida Frau Carvalho” e “Sra.”, ou então “Rita” e “você”. Para mim, era difícil entender. Outro ponto importante são os títulos acadêmicos. Existem tabus? Carvalho: Sim. Não pergunte a um alemão se ele tem filhos – a esfera privada é sagrada. Religião também faz parte da esfera privada. Trabalho é trabalho, colegas de negócio são colegas de negócio, conhecidos são conhecidos. Há uma diferença entre conhecidos e amigos. As guerras também são

»

A Sra. já se sentiu discriminada? Carvalho: Como mulher, brasileira, negra e profissional, sempre causo um pouco de surpresa no início - isso acontece tanto na Alemanha quanto no Brasil. Há muitas associações possíveis. Certa vez me perguntaram no Brasil se meu doutorado na Alemanha foi de verdade mesmo. Outra vez, na Alemanha, uma senhora idosa veio me cumprimentar dizendo que ficava feliz que o país dela acolhia os necessitados. O que é preciso observar ao ir a um restaurante alemão? Carvalho: Em um restaurante, é preciso portar-se de maneira discreta. Não se deve tentar atrair atenção, estalar os dedos para chamar o garçom, assoviar. No Brasil, é comum tratar o garçom com uma atitude superior, não olhar pra ele direito e falar sem muita educação. Falamos no imperativo: “busque, faça, venha!” Na Alemanha, essa maneira de falar não é educada. Se preten-

Se a reunião é importante, procure chegar meia hora antes

um tema em geral sensível. Alguns alemães carregam culpa e dificilmente demonstram orgulho nacional. Do que você gosta na Alemanha? Carvalho: A confiança é algo que gosto muito no país. Posso enviar um e-mail e talvez ouvir um “não”, mas saberei os motivos disso. No Brasil, é diferente. Em prol da harmonia, e para não machucar o outro, damos voltas e voltas. Como alguém que vem do Brasil é recebido na Alemanha? Carvalho: De maneira positiva. Os alemães acham que os brasileiros têm sorte por não terem nascido no frio da Alemanha, mas no calor dos trópicos. Brasileiros são vistos como um povo feliz, mas muitas vezes não são levados tão a sério por serem muito emotivos e subjetivos. Para os alemães, brasileiro sabe curtir a vida, mantém a leveza mesmo com problemas, é informal e tem muitos amigos. Nosso futebol, claro, será sempre um tema para aproximação. E para uma mulher, como isso funciona? Carvalho: Muito mais difícil - conosco há sempre associações sexuais. Exóticas, bonitas. Quando fui para a Alemanha, cortei meu cabelo curto, passei a usar óculos e roupas formais porque queria ser levada a sério. Mesmo com doutorado continuo sendo aquela brasileira bonita.

de ir a um bom restaurante, é preciso fazer reservas com antecedência. Alemães às vezes são tidos como frios e reservados. A Sra. também sentiu isso? Carvalho: Eles são diretos e objetivos, e para nós isso pode soar rude, frio, sem educação. Mas tenho ótimos amigos conquistados ao longo dos anos no país. Você já foi convidada a visitar ambientes familiares de algum parceiro de negócios? Carvalho: Não, nunca. Isso é coisa privada. Em casos excepcionais, se isso acontecer, então cuide para não levar a mulher como acompanhante. Em jantares de negócios também é melhor não falar de filhos, sobretudo com mulheres. Como fazer para se dar bem com os alemães? Carvalho: Os alemães gostam de honestidade. No Brasil, quando alguém diz “eu não sei”, ele é tido como incompetente – por isso, as pessoas tentam dar voltas. Na Alemanha, você pode dizer que não sabe alguma coisa, mas que vai tratar de resolver isso. Aí é preciso oferecer as informações desejadas, no máximo na próxima reunião - se for antes, melhor ainda. Aí, a reação dos alemães segue a linha: “Perfeito, ele é brasileiro, mas é eficiente e confiável”. n petra schaeber | Salvador

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Perspectivas

Luxo Made in Germany

Os fabricantes de luxo alemães fascinam mais pela tecnologia do que pelo glamour. Carros esportivos, relógios, cozinhas sofisticadas - conheça as 30 melhores marcas do mercado

N

a Itália e na França, luxo é feminino. Na Alemanha, é masculino. Enquanto fabricantes de artigos franceses e italianos se dedicam a roupas, perfumes e bolsas, em sua maioria consumidos por mulheres, na Alemanha os produtos de luxo sempre estiveram ligados a tecnologia e sobriedade. Fazem parte desse universo (também chamado de “Hard Luxury”) artigos como carros esportivos, cozinhas sofisticadas ou outros artigos para o lar, como acessórios para banheiros. Não por acaso, empresas com bases tecnológicas aparecem no topo do ranking de luxo da Alemanha, um estudo elaborado a cada dois anos pela consultoria Brand Networks em conjunto com 200 profissionais do setor. Entre eles estão os fabricantes de relógios A.Lange und Söhne e Glashütte Original, ambos da Saxônia, as montadoras Maybach, Porsche e Wiesmann e os fabricantes de cozinhas Bulthaup e Poggenpohl (veja tabela). O luxo Made in Germany anima turistas estrangeiros. Até poucos anos, esse era um privilégio de países como Itália, França ou Suíça. Hoje, eles compram relógios caros como o Chronoswiss, canetas Montblanc ou pratos Meissen em Heidelberg, Berlim ou diretamente de fábrica. Os turistas já são responsáveis por cerca de 20% das vendas de artigos de luxo na Alemanha. “O sistema Tax-free, em que visitantes recebem

de volta parte dos impostos sobre produtos comprados, tem crescido fortemente nos últimos anos”, afirma Clemens Pflanz, especialista no mercado de luxo. Atualmente, cerca de um terço do dinheiro arrecadado com compras Tax-free é devolvido para contas de consumidores chineses.

MERCADO À PROVA DE CRISE Até aqui, a crise europeia não foi capaz de conter a subida dos artigos de luxo. “Nossa história de sucesso não desanimou nos últimos anos”, diz Georg Wellendorf, dono de uma fábrica de joias de mesmo nome, com sede em Pforzheim, no sul do país. “É justamente em momentos como esses que pessoas se apegam a valores verdadeiros e produtos de qualidade.” Com colares e anéis que custam entre 5 mil e 30 mil euros, a Wellendorf é um típico fabricante de luxo alemão. A despeito da pompa que envolve as jóias, a empresa familiar se destaca principalmente pela tecnologia. Em seus “anéis giratórios”, responsáveis pela fama da empresa, tudo é

Burmester Sistemas de som de alto padrão chegam a custar 150 mil euros

Cadeiras Cor Fábrica de móveis em estilo Bauhaus

Wunderkind A marca de moda é exceção entre as top de luxo alemãs

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Mont Blanc Canetas com design exclusivo e garantia vitalícia


milimetricamente calculado de forma que o anel superior gire sobre o inferior sem fricção por centenas de anos, se necessário. Os colares também são mais do que simples peças de ouro derretido. Para evitar falsificações, eles são feitos com fios de ouro com o diâmetro de frações de milímetro. “O luxo alemão se diferencia por sua relação com a tecnologia”, diz Johannes Spannagl, da Brand Networks. “Moda e glamour têm papel menos importante.” De fato, mais da metade das marcas no ranking de luxo são empresas dos setores de automóveis, relógios e cozinhas. Entre os dez primeiros, apenas a fabricante de pratos de porcelana Meissen foge à regra. Marcas de moda como a Bogner, de Munique, ou a Wunderkind, do estilista Wolfgang Joop, aparecem em posições mais baixas. Adoradores do luxo produzido na Alemanha, porém, precisam estar dispostos a gastar. Uma cozinha da marca Bulthaup, da Baviera, pode facilmente custar 150 mil euros; um aparelho de som com amplificador, CD player e caixas de som da fabricante berlinense Burmester custa quase o mesmo. Para levar o modelo básico da montadora Wiesmann, o MF3, um comprador precisa estar disposto a pagar no mínimo 102 mil euros – sem equipamentos especiais. “Produtos de luxo alemães têm mais caráter inventivo do que de consumo n puro”, afirma Pflanz. lothar.schnitzler@wiwo.de

As 30 marcas Top de luxo Alemanha Posição Marca

Produto

Preço/Comentário

1

A. Lange & Söhne

Relógios

Uma das principais marcas mundiais de luxo

2

Glashütte

Relógios

Segunda marca de luxo da Alemanha, da cidade de Glashütte

3

Porsche

Carros esportivos

Design purista para motoristas esportivos. A partir de € 50 000

4

Bulthaup

Cozinhas

Principal marca alemã de cozinhas. A partir de € 20 000

5

Wiesmann

Carros esportivos

Feitos artesanalmente em estilo clássico com motores BMW. A partir de € 102 000

6

Poggenpohl

Cozinhas

Segunda principal marca alemã de cozinhas

7

Chronoswiss

Relógios

Marca de relógios de Munique, fabricados com mecanismo suíço. A partir de € 5000

8

Gaggenau

Eletrodomésticos

Eletrodomésticos de luxo, de fogões a exaustores

9

Meissen

Porcelana

A mais antiga fabricante de porcelanas da Europa

10

SieMatic

Cozinhas

Cozinhas premium com design moderno

11

Burmester

Eletrônicos

Artesanais, de alto padrão, fabricados em Berlim

12

Cor

Móveis

Móveis em estilo Bauhaus. Um sofá custa em média € 7000

13

Jil Sander

Moda

Uma das marcas alemãs mais caras. Também para homens

14

Escada

Moda

Para a cliente Business. Pertence hoje ao conglomerado indiano Mittal

15

Baldessarini

Moda

Moda masculina para a elite de executivos jovens

16

Thonet

Móveis

Conhecida por cadeiras de madeira em estilo vienense

17

Robbe & Berking

Talheres

Talheres finos

18

Mont Blanc

Canetas

Produzidas com o refil mais caro do mundo

19

Interlübke

Móveis

Armários caros e luxuosos com design purista

20

Wunderkind

Moda

Marca do estilista Wolfgang Joop, amado por estrelas de Hollywood

21

Wellendorf

Joias

Jóias clássicas com finesse tecnológica

22

Rena Lange

Moda

Pequena marca de moda feminina de Munique

23

Loewe

Eletrônicos

Televisões com boa usabilidade e design High-Tech

24

Adlon

Hotel

25

Rolf Benz

Móveis

Hotel de luxo histórico em Berlim, ao lado do Portão de Brademburgo Modernidade em qualidade superior

26

Dornbracht

Metais de luxo

Artigos de cozinha e banheiro em design de luxo

27

Bogner

Moda

Moda esportiva para homens e mulheres

28

Comtesse

Bolsas

Feitas de couro de crocodilo e avestruz. Tecidos de crinas de cavalo

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Wempe

Relógios e joias

Fabricante de relógios com ampla gama de produtos

30

Graf da Faber-Castell Canetas e lápis

Caneta e refil por até € 3500

FOTOS: PR (6), DAN & CORINA LECCA

Porcelanas Meissen A fábrica mais antiga e famosa da Europa

Wiesmann GT Carros esportivos de luxo em estilo clássico fabricados artesanalmente A. Lange & Söhne Fabricante de relógios entre as top do luxo

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Perspectivas

Boa viagem

Atrações que não estão nos guias: os 10 melhores destinos para brasileiros interessados em conhecer a Alemanha e a vida alemã

1. Compras em Düsseldorf e visita ao Borussia Dortmund

Uma visita à Königsallee, em Düsseldorf, é uma parada obrigatória. A rua é um dos melhores endereços de moda e negócios da Alemanha, e reúne marcas de luxo como Louis Vuitton, Prada e Tiffany. Ir às compras de Porsche nessa rua não é uma raridade. Em fevereiro, Düsseldorf e arredores ganham ares brasileiros: o carnaval é festejado em ruas e bares. O ponto alto é o “trem de carnaval”, em que doces são atirados à multidão de cima de um caminhão. O clima, porém, é diferente do Rio de Janeiro por lá, trajes de frio são obrigatórios. Outra atração local é o estádio Signal Iduna Park, do celebrado Borussia Dortmund, a apenas uma hora de carro de Düsseldorf. Entradas devem ser compradas ao menos duas semanas antes. Para a área VIP, a venda mínima é de 5 bilhetes, que custam a partir de 275 euros. À venda na Sportfive. Tel.:+49 (0) 2319020565, E-mail: bvb@sportfive.com, www.sportfive.com

2. De Colônia ao estrelado restaurante Schlosshotel Lerbach

Patrimônio da Unesco, a catedral de Colônia é a atração turística mais famosa e visitada da Alemanha. Com 157 metros de altura, é a maior catedral em estilo gótico do

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mundo. Depois de visitá-la, recomenda-se uma fuga a prazeres mundanos. Perto de Colônia, em Bergisch-Gladbach, está o estrelado restaurante Schlosshotel Lerbach. Em 2012, o restaurante ganhou 19 pontos no Gault Millau e duas estrelas no Guia Michelin. O Lerbach também funciona como hotel, e tem mais de 52 suítes e quartos. Jantar de gala com sete pratos, pernoite e uma garrafa de champanhe custam 380 euros. Tel.: +49(0)22022040, www. schlosshotel-lerbach.com.

3. Curso de direção segura no circuito de Hockenheim

A Fórmula 1 tornou famoso o circuito de Hockenheim. Quando não há corridas, é possível visitar a pista e frequentar um curso do centro de direção segura ADAC. Dirigir nas Autobahns alemãs com segurança exige bom reflexo e experiência. O curso simula momentos de perigo comuns no trânsito: freadas, esquivas, derrapagens. Um curso de meio período custa entre 105 e 119 euros; cursos de dia inteiro entre 155 e 185 euros. Telefone: 06205 92515, www. fsz-hockenheimring.de

4. Passeios românticos sobre o Reno, visitas luxuosas a castelos

Trata-se de um dos tours mais românticos da Europa: a bordo de um barco, descer o 5. Festival romano: na Alemanha também tem

Rio Reno atravessando o “Vale do Rei” e seus castelos até o rochedo Lorelei, patrimônio da Unesco. Para os alemães, o monumento da sereia é um lugar especial: diz a lenda que, com seu canto doce, ela seduzia e distraía marinheiros, que acabavam se chocando contra as rochas. Hoje, as principais atrações do local são castelos como o Marksburg, o único que permanece intacto. Hoteis-castelos como Schloss Rheinfels em Sankt Goar, que oferecem estadia luxuosa, são populares na região. (www.schloss-rheinfels.de).

5. Romanos, festivais italianos e degustações em vinículas

Trier, a primeira cidade da Alemanha, era uma antiga metrópole ao norte dos Alpes. Hoje, a maioria dos turistas vai a Trier para ver o Porta Nigra, antigo portão da cidade construído por volta do ano 180 depois de Cristo. Trier é também o lugar de nascimento do filósofo Karl Marx (1818 – 1883). Atualmente, a casa onde Marx nasceu é um museu que conta a história do comunismo. Entre os eventos populares da região estão festivais de verão como a “Noite italiana” no anfiteatro romano a céu aberto (www. amphitheater-trier.de). Nele, um ator no papel do gladiador Valerius oferece visitas guiadas e conta histórias sobre a vida e a morte na antiga Trier. Depois de tanta história, o visitante merece uma visita às melhores vinículas alemãs, no vale do Rio Mosel. A uva Riesling é uma variedade muito apreciada, e pode ser encontrada em vinhos vendidos em alguns dos melhores restaurantes do mundo. Merecem destaque as vinículas Ansgar Clüssrerath (www.ansgarcluesserath.de), St. Urbanshof in Leiwen (www.urbans-hof.de), e van Volxem in Wiltingen an der Saar (www.vanvol xem.com). Quem estiver dis- » Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTOS: DDP IMAGES/DAPD, PIXATHLON, ANZENBERGER/YADID LEVY, PR, PICTURE-ALLIANCE/BILDAGENTUR HUBER

E

xecutivos brasileiros adoram os produtos de alta tecnologia e a enorme oferta de feiras e eventos da Alemanha. O crescimento do Brasil tem levado cada vez mais turistas ao país europeu. Eles já são 600 mil por ano, número que tende a crescer. Aqueles que viajam a negócios, porém, devem também reservar um tempo para conhecer o lado bonito e interessante do país. A Alemanha, afinal, é muito mais do que um cenário de fábulas, de castelos como o Neuschwanstein, de casas enxaimel, dos contos dos irmãos Grimm ou da cerveja da Oktoberfest. As dicas e atrações a seguir estão todas relacionadas com a vida dos alemães.


1.

2.

Para todos os gostos (1) Estádio do campeão alemão de futebol Borussia Dortmund (2) Alta gastronomia em Colônia (3) Curso de direção segura no circuito de Fórmula 1 de Hockenheim (4) Visitas românticas ao longo do Rio Reno

3.

4.

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

47


Perspectivas

o vilarejo de Westhofen, próximo à cidade de Worms, no estado de Renânia-Palatinado. Aqui fica a vinícula Wittman, uma celebridade entre os Rieslings alemães. O preço da garrafa varia entre 7 e 25 euros. Vinhos de altíssima qualidade custam até 300 euros. Vinícula Wittmann, Mainzer Strasse 19, 67593 Westhofen próxima a Worms. Tel: +49 (0) 6244905036, www.weingutwitt mann.de.

6. De trajes bávaros à cervejaria Hofbräuhaus

Linguiça branca, bolo de carne moída, joelho de porco e uma boa cerveja para acompanhar – tudo isso faz parte do clichê de uma visita à Alemanha. Para que esse clichê se torne perfeito, a cervejaria Hofbräuhaus de Munique é uma parada obrigatória. Lá, reúnem-se turistas de todo o mundo. Mas o lugar também é frequentado por locais. É fácil reconhecê-los pelos trajes – calças de couro, chapéus Trachten e vestidos Dirndl. A moda hoje é popular entre os jovens – sobretudo na Oktoberfest. Quem quiser festejar como um bávaro deve visitar uma loja especializada. Entre elas estão Redl, Moser, Angermaier, Lodenfrey ou Exatmo. Os preços das calças de couro e do Dirndl custam de 100 euros até valores que chegam aos quatro dígitos. Os iniciantes devem observar algumas regras de estilo. Mulheres solteiras usam laço no lado esquerdo; casadas, no lado direito. Decotes caem bem, mas o exagero pode parecer vulgar. Calças masculinas devem ser de couro e ter tamanho justo.

7. Do portão de Bradeburgo à Currywurst e o Sanssouci Uma viagem à Alemanha sem ir ao portão de Brademburgo é como olhar para o céu e não ver a lua. O programa aparece em qualquer guia de viagem ao país. O mesmo pode-se dizer de um tour no centro comercial KaDeWe, comer uma Currywurst na lanchonete Konnopke ou visitar o Palácio do Reichstag e os restos do muro de Berlim. No ramo da moda, a Wunderkind (www.wunder kind.de), na rua

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Hamburgo

8

Berlim

Wolfsburg

1 Colônia

7

Dortmund Düsseldorf

5

2

4 9

Trier

3 10

Heidelberg

6 Munique

Tucholskystrasse 36, é uma das marcas mais renomadas. A sede da empresa, fundada em 2003 pelo estilista Wolfgang Joop, fica em Potsdam, nos arredores da capital. Potsdam é um bom endereço para os que gostam de elegância. Lá está o castelo Sanssouci, de Frederico, o grande. Horários de funcionamento do castelo e seus anexos: www.potsdam-park-sanssouci.de/ oeffnungszeiten.html.

8. De Hamburgo a uma visita à Cidade do Carro de Wolfsburg

Ah, Hamburgo! Não é apenas o espírito alegre que atrai visitantes para a segunda maior metrópole alemã. A beleza da cidade hanseática instiga: a rua Jungfernstieg e suas lojas elegantes, os belos passeios às margens do rio Alster, o centro histórico e o porto, o segundo maior do país. (Tours: www.hamburg.de/hafenrundfahrt). Quem se interessa por tecnologia e pelos brinquedos preferidos dos alemães, os carros, deve visitar a “Cidade do Carro de Wolfsburg”, a 210 quilômetros de Hamburgo. A “Autostadt” é uma espécie de parque de diversões da Volkswagen, e fica a meio caminho entre a fábrica e o centro da cidade. No pavilhão de marcas, o visitante pode se maravilhar com modelos Volkswagen, Audi, Seat, Škoda, Lamborghini, Bugatti, Bentley e, em 10. Relógio de cuco Símbolo alemão é fabricado no meio da Floresta Negra

breve, Porsche. Em outro edifício, um museu conta a história dos carros. No mesmo complexo, visitantes têm acesso às garagens de vidro, duas torres enormes com 400 carros cada. Lá, clientes podem buscar seus carros “fresquinhos” de fábrica. Com obstáculos como gangorras e troncos de árvores, o terreno Parcours promete diversão a bordo de modelos Touareg e Amarok. O passeio custa 25 euros. A entrada na Autostadt, 15 euros. Tel.: 0800 288 678 238, www.autostadt.de. No parque, é possível pernoitar no hotel Ritz-Carlton. Os quartos custam de 200 a 2000 euros por noite, www.ritzcarlton.de

9. Conhecer Heidelberg, provar vinhos e o “estômago de porco”

Com castelos, pontes antigas, igrejas e um belo centro histórico, Heidelberg é uma joia arquitetônica. Quem vai à cidade deve provar a culinária local – em especial a de Deidesheim, a 40 quilômetros de distância. A reputação do lugar se deve muito ao exchanceler Helmut Kohl. Em seu mandato, ele levou convidados como Margaret Thatcher, Jacques Chirac e a rainha Elizabeth II ao restaurante Deidesheimer Hof (Am Marktplatz, 67146 Deidesheim, www.dei desheimerhof.de, +49 632696870) para comer o famoso “estômago de porco”. Dentro do estômago – vazio, é claro – vão carne, linguiça Bratwurst, batatas, ervas e ingredientes especiais. O prato é acompanhado de purê de batatas, chucrute ou pão. Na região, o visitante encontra vinículas como a Bürklin-Wollf, em Wachenheim, (www.bu erklin-wolf.de), Ludi Neiss (www.weingutneiss.de), e Stephan Schwedhelm “vom Klosterhof” (www.klosterhof-zell.de).

10. Comprar relógios de cuco na Neustadt, à beira do Titisee

„Kuckuck, kuckuck, ruft’s aus dem Wald“ (“Cuco, cuco, chamando da floresta!“), diz uma canção popular. De fato, o relógio de cuco, um símbolo alemão, vem da floresta – mais precisamente da Floresta Negra, no entorno do lago Titisee-Neustad. Os relógios, de fabricação manual, têm ornamentos esculpidos em madeira e mecânica feita da cidade de Messing. O barulho do cuco vem de pequenos tubos de órgão. Entre as fabricantes estão Rombach & Haas, Hekas, Trenkle Uhren, August Schwer, Hubert Herr e Hönes. Apenas a Hönes tem mais de 350 relógios em oferta. Modelos com decoração de caça estão entre os mais vendidos, n e custam entre 200 e 2000 euros. martin.roos@wiwo.de

Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTOS: GETTY IMAGES, LAIF/JENS SCHWARZ, STILL PICTURES/PAUL SPRINGETT, DDP IMAGES/DAPD, GETTY IMAGES/JÖRG GREUEL

» posto a viajar um pouco mais pode visitar


7. 8.

6. Para conhecer e festejar (6) Cervejaria Hofbr盲uhaus em Munique (7) Port茫o de Brandemburgo, em Berlim (8) Cidade do Autom贸vel em Wolfsburg (9) Heidelberg, uma joia arquitet么nica

9.

4.

WirtschaftsWoche Global 13.5.2013 Nr. 1

49


Opinião Em poucos anos, o Brasil poderá ter uma indústria mais competitiva do que a alemã. A confirmação desta previsão depende de fatores competitivos duradouros. Por Roland Tichy

Matéria-prima e inovação

A

Alemanha é hoje o segundo país industrializado mais importante do mundo – logo atrás da China, no topo, à frente dos Estados Unidos, em terceiro lugar, e com uma certa distância em relação ao Brasil, que aparece na oitava colocação. Segundo um estudo elaborado pela consultoria Deloitte com mais de 550 presidentes de empresas ao redor do mundo, porém, muita coisa deverá mudar já nos próximos cinco anos. A China seguirá no topo – seguida da Índia, em segundo, e de uma novidade no terceiro lugar: o Brasil. A Alemanha terá caído para quarto lugar, e os Estados Unidos, para quinto. Tais previsões, obviamente, não são verdades incontestáveis. Em questões complexas como a criação de novos centros industriais, entretanto, mesmo previsões subjetivas têm grande relevância – em especial por se tratarem de decisões feitas por executivos de altos cargos. Gestores orientam escolhas sobre investimentos em construção de fábricas e em estratégias de abertura de novos mercados de acordo com suas próprias expectativas. São eles mesmos, em grande parte, os responsáveis por confirmar seus prognósticos. No fim das contas, porém, o que importa não é tanto uma posição conquistada ou perdida no ranking. As grandes tendências é que são decisivas. A Alemanha será o último país europeu a aparecer entre as 15 nações industrializadas mais competitivas. Hoje, Polônia (14o lugar) e Inglaterra (15o lugar) ainda defendem lugares no topo. Em cinco anos, porém, eles deverão seguir o caminho de Itália e França, e perder posições. O mesmo deverá ocorrer com nações industrializadas tradicionais como Estados Unidos e Japão, ainda que em ritmo mais lento. Outros beneficiários da primeira rodada de industrialização – Coreia do Sul, Taiwan, Malásia e Tailândia – deverão permanecer estagnados. Eles serão alcançados pelo Vietnã, Indonésia e pelo Brasil, o país que deverá ganhar mais posições no ranking.

A melhoria do bem-estar faz surgir uma classe média global, que molda a demanda

QUAL É A VERDADEIRA IMPORTÂNCIA DA INDÚSTRIA? Quão importante é de fato a indústria? A criação de novos empregos no setor de serviços não seria um sinal de bem-estar e de desenvolvimento econômico? Sob a ótica de presidentes de companhias e de grande parte dos economistas, essa é uma questão que pende para o lado da indústria. Nos anos 1980, tanto na Alemanha quanto nos Estados Unidos, o vencedor foi o setor de serviços. Hoje é possível reconhecer a relação direta que existe entre o aumento do setor de manufatura e a aceleração do crescimento econômico. Nos países emergentes, em especial, a industrialização é o principal motor para o crescimento explosivo: indústrias constroem conhecimento específico e uma vasta gama de aptidões; a infraestrutura se desenvolve e esse crescimento é irradiado sobre toda a sociedade. O Brasil é o melhor exemplo disso. Ao

50

PODER DE INOVAÇÃO EM VEZ DE MATÉRIAS-PRIMAS Aí reside o verdadeiro desafio para a indústria brasileira. Até aqui, ela esteve fortemente concentrada no mercado interno, que possibilitou enormes oportunidades de crescimento. Mas as empresas brasileiras estão muito menos integradas à globalização, que define o ritmo da demanda, do que a “antiga” economia alemã. Os competidores e o crescimento do futuro já não estão dentro de casa, mas fora dela. É lá que o sucesso duradouro da economia brasileira será determinado, assim como acontece com a economia alemã (veja mais na página 10). Assim, o fator competitivo mais importante passa a ser uma cultura de inovação promovida por meio de trabalhadores qualificados. Contam pontos a favor a qualidade e a capacidade operacional de pesquisadores, institutos, universidades e engenheiros, além de pessoal capacitado em atividades técnicas e de vendas. Em segundo lugar vem a estabilidade política, em especial nos sistemas jurídico e financeiro. Custos de mão de obra, impostos e acesso a matérias primas, em contrapartida, têm relevância menor. Com isso fica claro o ponto de partida para um bom posicionamento em rankings do futuro: a Alemanha se beneficia de sua experiência; o Brasil precisa afirmar-se em um mundo globalizado e comprovar sua solidez interna. Sozinhas, matérias primas não são mais fatores vencedores, mas sim força de inovação para os mercan dos do futuro. Nr. 1 13.5.2013 WirtschaftsWoche Global

FOTO: HEIKE ROST PARA WIRTSCHAFTSWOCHE

»

contrário da Índia ou da Rússia, o país possui uma forte base industrial própria. Suas cadeias de valores permitiram que o país atravessasse a crise mundial praticamente ileso desde 2009. A isso, somam-se outros fatores dinâmicos: a indústria já não se desenvolve em mercados fechados, mas em um mundo interligado em que cadeias de valores e de fornecedores são construídas em nível global. Tecnologias digitais e infraestruturas se expandem rapidamente mundo afora, e modificam as condições de produção. Novos e complexos tratados de comércio permitem – e regulam – a troca de produtos na mesma medida. A melhoria do bem-estar faz surgir uma classe média mundial que molda a demanda, se comunica globalmente e segue valores e modelos de comportamento muito parecidos: educação, entendimento sobre qualidade, consciência ambiental e segurança. Aqui, outra vez, o Brasil aparece como exemplo: de um país de fortes contrastes entre pobres e ricos, emergiu na última década uma nação com uma sociedade de classe média, da qual hoje fazem parte a maioria dos 195 milhões de brasileiros. Isso tornará o país mais qualificado para competir no cenário global – mais do que as exportações de soja ou de minérios de ferro jamais fizeram. A força da globalização molda as estruturas das cadeias de valor e os mercados globais, e determina a competitividade de longo prazo.


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Global

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