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Energy Awards

Nr. 202 Montag, 21. Oktober 2013

Topic

Innovationen f체r die Energiewende Wie die Wirtschaft mit ihren Ideen den Umbau des Stromsektors vorantreibt

Pr채sentiert von


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Schub

Wir sind das GE in GEnerationswechsel,

KOMMENTAR DES SPONSORS

Big Data als Schlüssel zur Energiewende

weil viele unserer Technologien die Energiewende erst möglich machen.

Wir haben nicht die eine Lösung für die Anforderungen der Energiewende – wir haben viele! Mit Windenergieanlagen, Biogasgeneratoren und vielem mehr helfen wir Deutschland, die Energiewende zu meistern. Zum Beispiel in Salzbergen/Niedersachsen, wo wir Windenergieanlagen für ganz Europa bauen.

Stephan Reimelt ist CEO von GE Energy Germany.

W

Langrock/Laif

Wir machen Deutschland nachhaltiger: www.ge.com/de

Umspannwerk in Lehrte: Die Energiewende kombiniert bewährte Technik und neue Ideen.

INHALT

Wir sind das GE in GErmany.

VERANTWORTLICH: Sechs Thesen zeigen auf, wo die Politiker jetzt in puncto Energiewende handeln sollten. Seite 4

AMBITIONIERT: Erzeugen, speichern, verbrauchen – eine Grafik zeigt die Baustellen der Energiewende. Seite 6

NACHHALTIG: Investitionen in die Energieeffizienz machen sich rasch bezahlt – auch in der Industrie. Seite 8

VERLÄSSLICH: Fossile Kraftwerke sichern die Versorgung. Doch der Betrieb ist oft nicht wirtschaftlich. Seite 8

VISIONÄR: Die prominent besetzte Energy Academy fördert als Think-Tank umweltgerechte Energien. Seite 12

PREISWÜRDIG: In vier Kategorien verleiht die Energy Academy den Energy Award. Die Kandidaten im Porträt. Seiten 13-15

IMPRESSUM Handelsblatt GmbH (V.i.S.d.P.); Kasernenstr. 67, 40213 Düsseldorf; Chefredakteur: Hans-Jürgen Jakobs Art Director: Stefan Vieten Verantwortlicher Redakteur: Klaus Stratmann Redaktion: Thomas Mersch, Stefan Merx Layout: Ute Doerenkamp Bildredaktion: Iris Zielinski Titel/Illustration: Arifé Aksoy Autoren: Jürgen Flauger, Manuel Heckel, Klaus Stratmann Geschäftsführung: Gabor Steingart (Vorsitzender); Jörg Mertens; Claudia Michalski Anzeigenverkauf: iq media marketing, Tel.: 0211/887-0

ir sind auf Intelligenz und technologische Kreativität angewiesen, wenn wir die Energiewende zum Erfolg führen wollen. Denn es gilt, ein Energiesystem zu implementieren, das die Vielzahl der verfügbaren Energieträger optimiert einsetzt und Erzeugung und Verbrauch in ein dynamisches Gleichgewicht bringt. Als globaler Anbieter von Technologien der Erzeugung, Verteilung und Nutzung von Energie unterstützt GE die Energiewende und ihre Umsetzung. Für GE ist Deutschland ein Innovationsstandort und „Energielabor“ mit dem Potenzial, intelligente und marktwirtschaftlich sinnvolle Lösungen in Bezug auf die Energiewende zu schaffen. Die langfristige Integration erneuerbarer Energien kann nur dann gelingen, wenn diese prognosegenau und regelbar zur Verfügung gestellt werden. Die Produktion von Windenergie etwa kann vorhersehbarer und steuerbarer werden, wenn die Anlagen innerhalb eines Parks wie im Verbund eines virtuellen Kraftwerks miteinander kommunizieren, Windstärken, -richtungen und -profile auswerten und die eigene Rotorstellung entsprechend optimieren, was Effizienzsteigerungen mit sich bringt. Diese smarte Vernetzung und Optimierung von Erzeugungstechnologien ist maßgeblich jenes Forschungsfeld, das unter dem Stichwort Industrial Internet oder auch Big Data diskutiert wird. Sowohl im Bereich der Erzeugung als auch in den Netzen und in der Nachfrage werden digitale Lösungen unser Energiesystem optimieren und somit Kosten reduzieren. Die Energiewende wird damit auch eine Herausforderung auf dem Feld der Informationstechnologie. Nicht der Auf- und Ausbau immer größerer Kapazitäten, sondern der intelligente Einsatz, die Vernetzung und Datenauswertung dezentral angelegter Erzeugungseinheiten bilden so das Fundament der Energiewende. Nur so kann der Ausbau der erneuerbaren Energien dem energiewirtschaftlichen Zieldreieck von sicherer und umweltschonender Erzeugung zu wettbewerbsfähigen Preisen gerecht werden, auf das unser Wirtschaftsstandort angewiesen ist.


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Jetzt handeln – für die Zukunft

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Alle sind sich einig: Viele klima- und energiepolitischen Ziele ließen sich am leichtesten und kostengünstigsten über eine Steigerung der Energieeffizienz erreichen. In der Praxis jedoch tut sich wenig, die „low hanging fruits“ bleiben ungeerntet. Besonders deutlich wird das bei einem Blick auf den Wärmesektor. In der abgelaufenen Legislaturperiode rang die Politik jahrelang um eine steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung. Am Ende scheiterten die Pläne des Bundes am Widerstand der Länder. Sie wollten die damit verbundenen Einnahmeausfälle nicht hinnehmen, obwohl der Bund zumindest einen Teil dieser Ausfälle erstattet hätte. Völlig unverständlich ist diese kurzsichtige Haltung der Länder, wenn man bedenkt, dass die steuerliche Förderung schnell wieder eingespielt wird – durch die Arbeitsplatzeffekte und zusätzliche Steuereinnahmen bei Handwerksbetrieben. So reduziert sich die Förderung der energetischen Gebäudesanierung im Kern auf günstige KfW-Finanzierungen. Das ist zwar nicht schlecht – es wird aber nicht ausreichen, um die ehrgeizigen Ziele der Bundesregierung bei der Effizienzsteigerung zu

Die Energiewende ist eine Mammutaufgabe, die einen enormen Koordinierungsaufwand erfordert. Die Politik übernimmt eine zentrale Rolle dabei, das bestehende System ohne Verwerfungen und effizient umzubauen. In sechs Punkten ist rasches Umsteuern geboten. Von Klaus Stratmann

Erneuerbare Energien müssen sich stärker am Bedarf orientieren.

Es ist ohne Frage ein Erfolg, dass mittlerweile 23 Prozent des in Deutschland produzierten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen. Doch manchmal ist dieser Erfolg teuer erkauft. Es mehren sich die Stunden und Tage, an denen der Wind- oder Sonnenstrom kein Segen, sondern eine Belastung ist. Er bringt die Netze an ihre Kapazitätsgrenzen. Und immer wieder gibt es ein Überangebot an Strom, für den dann niemand Verwendung hat. Dieser muss quasi entsorgt werden. Wer bereit ist, ihn abzunehmen, bekommt noch Geld obendrauf – die Folge sind die sogenannten negativen Strompreise.

2.

Es ist zwingend erforderlich, Angebot und Nachfrage besser in Einklang zu bringen. Künftig darf das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nicht einfach nur die Stromerzeugung honorieren. Es muss Betreiber neuer Anlagen dazu bringen, sich an Erfordernissen des Marktes zu orientieren – etwa indem sie den Strom in Eigenregie verkaufen. Anlagenbetreiber werden sich sehr schnell Wege einfallen lassen, nur noch Strom zu produzieren, der auch wirklich gebraucht wird. Dazu können sich sie sich mit Kraftwerksbetreibern, Großabnehmern und Dienstleistern zusammentun – oder in Speicher investieren.

Der Ausbau der Netze ist Taktgeber für den Ausbau der Erneuerbaren.

Wenn alles gut geht, wird sich der dringend erforderliche Ausbau der Stromnetze in den kommenden Jahren beschleunigen. Die Politik hat in der zurückliegenden Legislaturperiode den Handlungsbedarf erkannt und mit dem Bundesbedarfsplangesetz die Voraussetzungen dafür geschaffen. Bei Leitungen, die die Grenzen zwischen Bundesländern überschreiten, wird die Zuständigkeit für Planung und Genehmigung bei der Bundesnetzagentur gebündelt. Bislang teilten sich die Bundes-

länder die Zuständigkeit — was regelmäßig zu Verzögerungen führte. Außerdem wurde der Rechtsweg verkürzt. In den vergangenen Jahren konnte der Ausbau der Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht Schritt halten. Es muss aber gewährleistet sein, dass der Strom auch tatsächlich eingespeist werden kann. Die Frage, ob ein Wind- oder Solarpark gebaut werden kann, muss sich deshalb künftig stärker am Netzausbau orientieren.

Illustrationen: Arifé Aksoy

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Energieeffizienz darf nicht mehr vernachlässigt werden.

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Wer fossile Kraftwerke bereithält, soll dafür belohnt werden.

Hocheffiziente und flexible Gaskraftwerke gelten als ideale Ergänzung zu den erneuerbaren Energien. Schon vor Jahren hat die Bundesregierung daher die Energieunternehmen ermuntert, solche Anlagen zu bauen. Sogar Zuschüsse zu gewähren war zeitweise im Gespräch. Viele Unternehmen witterten ihre Chance – und sind nun bitter enttäuscht. Denn der Betrieb der Kraftwerke lohnt sich für sie nicht mehr. Weil die erneuerbaren Energien immer häufiger die Strommärkte fluten, sinkt die Auslastung fossiler Erzeugungsanlagen insgesamt dramatisch. Die wenigen Betriebsstunden reichen nicht mehr aus, um die Kosten einzuspielen oder sogar Geld zu verdienen. Besonders stark gilt das für Gaskraftwerke. Doch auch die mit Kohle betriebenen Anlagen sind betroffen. Aber es geht nicht ohne die fossilen Kraftwerke. Immer wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, werden sie den benötigten Strom produzieren müssen. Im Moment lässt es sich noch so gerade verkraften, dass fossile Kraftwerke abgeschaltet werden. Das wird sich rasch ändern. Um Versorgungsengpässe zu vermeiden, müssen Anreize her, damit ausreichend Kapazität am Netz bleibt. Ein erster Schritt dahin wäre, eine strategische Reserve zu definieren –

also Kraftwerke zu bestimmen, deren Kapazität gegen Kostenerstattung abrufbar bleibt. Auf mittlere Sicht müssten marktnähere Lösungen her. Verschiedene Modelle werden diskutiert. Wie auch immer man sich entscheidet: Die Lösungen sollten einfach, reversibel und wettbewerblich ausgestaltet sein. Zum Beispiel so: Eine Behörde – etwa die Bundesnetzagentur – definiert die benötigten Kraftwerkskapazitäten für einen bestimmten Zeitraum, möglicherweise regional differenziert. Betreiber können sich darum bewerben, diese Kapazitäten bereitzuhalten – den Zuschlag erhält das günstigste Angebot.

4.

Nötig sind Lösungen, die europaweit gelten.

Die Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel, nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 eine radikale Wende in der Energiepolitik zu vollziehen, mag für sich genommen klug und vernünftig gewesen sein. Sie erfolgte jedoch ohne jede Abstimmung mit den europäischen Partnern. Gleichwohl werden Deutschlands Nachbarländer mit den Konsequenzen der Energiewende konfrontiert – ob sie wollen oder nicht. Ein Beispiel: Der rasante Ausbau der Windkraft in Deutschland beschert Polen und Tschechien massive Probleme. Wenn ein Sturm über Deutschland hinwegfegt, bahnen sich gewaltige Strommengen den Weg durch die Netze in den beiden östlichen Nachbarländern. Deren Betreiber sind, vorsichtig gesagt, „not amused“. Niemand hat sie gefragt, ob sie ihre Netzkapazitäten auf die veränderten Verhältnisse in Deutschland einstellen und ihre Kunden dafür zahlen lassen wollen. Die Schlussfolgerung: Die EU-Staaten müssen ihre Pläne in der Energiepolitik besser aufeinander abstimmen. Je stärker die Energiemärkte zusammenwachsen, desto liquider sind diese Märkte. Das allein hat preisdämpfende Wirkung und ist somit gut für die Verbraucher. Zusammenwachsen hat eine technische und eine regulatorische Seite. Aus technischer Sicht ist es zum Bei-

spiel unumgänglich, weitaus mehr grenzüberschreitende Netze zu bauen. Bislang funktioniert der grenzüberschreitende Stromaustausch längst nicht zwischen allen Ländern so gut wie etwa zwischen Deutschland und Österreich oder zwischen Deutschland und Frankreich. Aber auch eine Vereinheitlichung des gesetzlichen Rahmens ist wichtig. So verfolgt derzeit noch jeder EU-Staat sein eigenes Konzept bei der Förderung der erneuerbaren Energien. Selbst dort, wo es besonders naheliegend und effizient wäre, Projekte zu vernetzen und nach einheitlichem Muster zu unterstützen, ist die Kooperation völlig unzureichend. So geht etwa bei der Offshore-Windkraft in der Nordsee jeder Anrainerstaat seinen eigenen Weg.

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erreichen. Bei einer Sanierungsquote von derzeit rund einem Prozent pro Jahr dauert es rein rechnerisch hundert Jahre, ehe der Gebäudebestand in Deutschland ein vernünftiges energetisches Niveau erreicht. Die Verschärfung der Grenzwerte für Neubauten ist nur ein schwacher Trost, weil die Neubautätigkeit mengenmäßig kaum ins Gewicht fällt. Aber die Steigerung der Energieeffizienz betrifft ja nicht nur den Gebäudesektor. Auch im Verkehrssektor und in der Industrie lässt sich mehr machen als bislang. Bei der Umsetzung der Energieeffizienzrichtlinie der EU darf die Politik daher ruhig entschiedener als bislang zur Sache gehen.

Der Handel mit CO2-Zertifikaten braucht eine Reform.

Das Emissionshandelssystem hat viele Freunde. Es verfolgt das hehre Ziel, das Klima zu schützen. Und rein theoretisch ist das System bestechend: Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid bekommt einen Preis, der sich an einer Börse bildet. Unternehmen, deren Anlagen solche Emissionen verursachen, haben damit den Anreiz, diese zu reduzieren. Sie suchen konsequent nach Wegen, das möglichst kostengünstig zu bewerkstelligen. In der Praxis hat sich das System jedoch nicht bewährt. Die Preise für Emissionszertifikate sind ins Bodenlose gefallen. Die Lenkungswirkung des

Emissionshandels ist verloren gegangen, weil die Zertifikate so gut wie nichts kosten. Das muss sich ändern. In der laufenden Emissionshandelsperiode, die im Jahr 2020 endet, wird freilich nicht mehr viel passieren können – auch wenn es zum sogenannten Backloading kommt, also der vorübergehenden Herausnahme von Zertifikaten. Denn die Börse hat ihr Urteil über das Backloading längst gefällt: Die Debatte über das Thema hat die Börsenpreise für die Zertifikate unverändert gelassen. Umso wichtiger ist es, dass die Politik schon jetzt die Weichen stellt für die nächste Handelsperiode, die sich von 2021 bis 2030 erstreckt. Wenn der Kurs ab 2021 jetzt klar wird, können sich die Unternehmen bei ihrer Planung darauf einstellen. Sie werden auch ambitionierte Ziel erreichen. Parallel müssen die Bemühungen weitergehen, andere Staaten oder Staatengruppen in das europäische Emissionshandelssystem einzubeziehen. Leider stehen die Chancen dafür nicht gut. Sollte es jedoch nicht gelingen, andere große Emittenten zum Mitmachen zu bewegen, müssen die kostenlosen Zuteilungen von Zertifikaten für Unternehmen dauerhaft und kalkulierbar weiter gewährt werden – schließlich stehen sie im internationalen Wettbewerb.


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Der große Umbau

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Minus 40 Prozent bei den Emissionen von Treibhausgasen im Vergleich zu 1990, ein Anteil der Erneuerbaren von mindestens 35 Prozent am Stromverbrauch. Das sind bis 2020 die Ziele der Bundesregierung bei der Energiewende. Doch wie funktioniert der Kraftakt in der Praxis?

Wasserkraft Ökostrom aus dem Gebirge ist doppelt vorteilhaft. Speicherkraftwerke können nach Bedarf gespeist werden und auch Spitzenlasten abdecken, der Wirkungsgrad ist hoch. Weil die Zahl möglicher Standorte begrenzt ist, stagniert der Beitrag zur Stromproduktion.

Solarenergie

Windkraft Neue Windparks vor der Küste, umgerüstete Anlagen an Land mit besserer Technik. Wind ist die bedeutendste regenerative Energiequelle und soll laut Regierungsprognosen 2020 die Hälfte des Ökostroms erzeugen.

Photovoltaik auf der grünen Wiese bleibt die Ausnahme – installiert wird vor allem auf Dächern. Das Tempo des Zubaus soll sinken. Rund sieben Prozent an der Stromproduktion 2020 ist das Ziel.

Netze Wie kommt der Strom von den Windparks im Norden zur Industrie im Süden? Das Übertragungsnetz ist entscheidend für den Erfolg der Energiewende. Stromautobahnen mit Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) versprechen geringe Verluste auch bei großen Distanzen. Das erfordert beträchtliche Investitionen.

Kernkraft Der Ausstieg ist beschlossen. Acht von 17 Kernkraftwerken in Deutschland sind schon stillgelegt. Der Rest soll bis 2022 folgen.

Gas und Kohle Flexibel und effizient sollen fossile Kraftwerke arbeiten. Dann können sie die von den Erneuerbaren verursachten Schwankungen in der Stromproduktion ausgleichen. Die Regierung unterstreicht die wichtige Rolle, Betreiber beklagen jedoch fehlende Anreize.

Speichertechnik Wind und Sonne bestimmen stärker, wann Strom produziert wird. Weil das nicht mit dem Bedarf einhergehen muss, ist Speichertechnik von zentraler Bedeutung. Ob Druckluft (links), Batterien (Mitte) oder Tanks für Strom, der in Methangas verwandelt

wurde (rechts) – eine Vielzahl von Techniken kann dabei helfen, Strom zu konservieren. Die Bundesregierung nennt Speichertechnik ein „Herzstück“ der Energieforschung. Und fördert diese Disziplin bis 2014 mit bis zu 200 Millionen Euro.

Mobilität

Energieeffizienz

Dezentralität

Smart Grid

Eine Million E-Autos sollen 2020 in Deutschland unterwegs sein, wünscht die Regierung. Derzeit sind es wenige Tausend. Elektrofahrzeuge haben eine Doppelfunktion: Sie sollen umweltfreundlich fahren und Strom zwischenspeichern.

Intelligente Stromzähler, sparsame Elektrogeräte, Maschinen und Heizanlagen, bessere Dämmung – in Wohngebäuden, Büros und Fabriken besteht viel Potenzial, den Energieverbrauch zu drosseln. 20 Prozent mehr Effizienz lautet die Vorgabe der Regierung für 2020.

Kraft-Wärme-Kopplung gleicht bei Biomasseoder Blockheizkraftwerken geringere Wirkungsgrade aus, auch die Wärme wird genutzt. Strom wird ohne große Transportverluste produziert: nahe der Fabrik oder Klinik. Auch Solaranlagen liefern vor Ort Energie.

Zum Stromnetz der Zukunft gehören Datenleitungen. Das Smart Grid steuert Ladestationen für E-Autos oder Waschmaschinen. Strom wird genutzt, wenn er reichlich vorhanden und günstig ist. Bei Knappheit werden die Speicher angezapft.


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Projekte in das Licht der Öffentlichkeit rücken – und anderen Großverbrauchern das Sparen schmackhaft machen. Der Mittelständler Setex Textil investierte seit 2010 in einen neuen Maschinenpark mit sparsameren Motoren und einer Absauganlage, die elektronisch gesteuert immer nur so viel Kraft bereitstellt, wie benötigt wird. Die Produktionsleistung blieb die Gleiche, obwohl die Firma von sechs auf vier Fertigungslinien reduzierte – der Stromverbrauch sank um 20 Prozent. Auch manche Kommunen gehen voran. So schaffte Memmingen über Energiespar-Contracting den energieeffizienten Umbau von 31 städtischen Gebäuden.

Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt: Der Neubau gilt als Stromsparwunder.

TopicMedia/Cordelia Ewerth

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Vorbilder gesucht Auf der Suche nach mehr Energieeffizienz wird viel ausprobiert. Zahlreiche Investitionen amortisieren sich schnell – gerade in der Industrie besteht Potenzial.

Energie-Agentur (dena), an der der Bund zur Hälfte beteiligt ist. Weitere Gesellschafter sind die KfW-Bankengruppe sowie Allianz, Deutsche Bank und DZ Bank. Der Mitteleinsatz wird sich lohnen, prognostizieren die Studienautoren: „Die kumulierten EnergiekostenEinsparungen liegen bereits 2020 mindestens in der gleichen Größenordnung und steigen in den Folgejahren deutlich stärker als die Investitionen.“

Die Drogeriekette Rossmann etwa verbraucht nach eigenen Angaben mit ihren 1 800 Märkten und sechs Logistikstandorten so viel Energie wie eine mittelgroße Stadt. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die neu eingerichtete Abteilung Energiemanagement daran, den Verbrauch zu senken. Ein erster Schritt war die Installation von 2 200 Stromzählern an allen Standorten, die genau aufzeigen, wann wie viel Energie für Licht, Klimatisierung und Lüftung fließt. Eine Controlling-Software wertet diese Ströme dann aus und weist die Abteilung darauf hin, wo etwas aus dem Rahmen läuft: „So sind auffällige Verbrauchsentwicklungen, zum Beispiel durch defekte Geräte, sofort zu erkennen“, sagt Thomas Müller, Leiter des Energiemanagements bei Rossmann. 1,5 Millionen Euro hat die Installation dieses Systems das Unternehmen gekostet – es sorgte bereits im ersten Jahr für Einsparungen von 500 000 Euro. Für diese lohnende Strategie erhielt Rossmann im Sommer das „Good Practice“-Label der dena. Insgesamt 100 dieser Auszeichnungen hat die dena bereits an Unternehmen oder Kommunen verliehen. Das Gütesiegel soll erfolgreiche

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uf der Suche nach dem richtigen Weg sind viele. In Netzwerken schließen sich Unternehmen, Verbände oder öffentliche Einrichtungen zusammen, um voneinander zu lernen. „Es gibt millionenfach kleine Maßnahmen, die für sich alle sehr unspektakulär sind. Zusammengenommen entfalten sie aber eine enorme Wirkung“, sagt Thomas Bauernhansl, Gründungsdirektor des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) an der Universität Stuttgart.

mauritius images/ib

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ie Rechnung geht auf, jedes Mal aufs Neue: Die HettichGruppe weiß schon seit zwei Jahrzehnten, dass sich Investitionen in die Energieeffizienz lohnen können. 1994 installierte der Hersteller von Möbelbeschlägen ein Blockheizkraftwerk, um zahlreiche Produktionshallen am Hauptsitz in Kirchlengern zentral erwärmen zu können. Die Verbrauchsreduzierung damals spielte die zusätzlichen Ausgaben bereits nach etwas mehr als zwei Jahren wieder ein. Noch schneller gelang dem Familienunternehmen die Amortisierung beim Bau einer neuen Produktionshalle im Jahr 2011. Dank einer hochgradig gedämmten Holzleichtbaukonstruktion heizt allein die Abwärme aus der Produktion das Gebäude. So spart Hettich nach eigenen Angaben pro Jahr 270 000 Euro an Energiekosten ein – bei zusätzlichen Investitionen von 150 000 Euro beim Bau. In etwas mehr als einem halben Jahr hatten sich die sorgfältigen Planungen also ausgezahlt, sagt Sven Oßenbrink, Leiter des Facility-Managements der Hettich-Gruppe. „So etwas wird natürlich ganz gerne gesehen“, sagt Oßenbrink mit westfälischer Zurückhaltung. Ob in der Industrie, im Verkehrssektor oder bei Hauseigentümern – die Energieeffizienz wird an allen Ecken ins Visier genommen. Nicht nur die Bundesregierung macht Vorgaben, sondern ganz Europa steckt sich Ziele: Von 2014 an muss jeder Mitgliedstaat der Europäischen Union bis 2020 jährlich die Energieeffizienz um 1,5 Prozent verbessern. Die EnergieeffizienzRichtlinie der EU von 2012 schreibt das vor. Welche Wege die Mitgliedstaaten dabei gehen, bleibt ihnen überlassen. Es ist ein Projekt von gewaltiger Dimension: In Deutschland müssten 100 Milliarden Euro investiert werden, um das Effizienzziel zu erreichen. Das ergab im Dezember eine Studie der Deutschen

Hamburger Umweltbehörde: Im Team entwickeln Stadtplaner Sparkonzepte.

nd in Kaufbeuren stellte die Kommune die Straßenbeleuchtung Schritt für Schritt auf energiesparende Natriumdampf-, Halogendampf- oder LED-Leuchten um. Netter Nebeneffekt: Das Licht der neuen Lampen hat einen geringeren UV-Anteil und lockt so weniger Insekten an. Stadtplaner richten ihren Blick längst über die nationalen Grenzen, um sich von Best-Practice-Beispielen inspirieren zu lassen. Auf europäischer Ebene haben sich jüngst 18 Partner aus 13 Ländern in dem Stadtplanungs-Projekt „Planning for energy efficient cities“, kurz PLEEC, zusammengeschlossen, um die Möglichkeiten für Kommunen auszuloten. Den deutschen Beitrag liefert Walter Leal, Leiter des Forschungs- und Transferzentrums „Applications of Life Sciences“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Die größten Chancen zur Einsparung sieht Leal bei der Sanierung und dem Neubau von Gebäuden: „Da könnte man eine Vielzahl von energiesparenden Maßnahmen durchführen, angefangen mit den öffentlichen Gebäuden.“ Ein Beispiel dafür steht nicht weit entfernt von Leals Wirkungsstätte in Hamburg: Der Neubau der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt verbraucht nur noch 70 Kilowattstunden Strom pro Quadratmeter – ein Bürogebäude aus den 70er-Jahren benötigt etwa das Vierfache. Das Problem der öffentlichen Hand: Wegen leerer Kassen bleiben Investitionen aus. In der Industrie wird der Effizienzeifer gebremst, wenn es ans Eingemachte wie den Maschinenpark geht. Nur bei Neubauten rechnen sich die Investitionen bislang wirklich schnell. „Wenn man ohnehin neu investiert, sind die effizienteren Technologien nur ein wenig teurer“, sagt Bauernhansl, „da lohnen sich alle Maßnahmen sehr schnell.“ Die meisten Unternehmer akzeptierten höchstens fünf Jahre, dann müsse sich eine Investition bezahlt gemacht haben, hat Bauernhansl festgestellt. Um mehr Anreize zu setzen, sei die Politik am Zug, etwa mit höheren Abschreibungsquoten für Investitionen. Oder der steuerlichen Begünstigung von Energieeffizienzfonds, die privates Kapital zur Finanzierung bereitstellen. Um eine bessere Übersicht über mögliche Fortschritte in der Industrie zu gewinnen, arbeitet das Stuttgarter Institut gerade am Energieeffizienz-Index (EEI), der erstmals im Dezember veröffentlicht werden soll. Analog zum Ifo-Geschäftsklimaindex soll der EEI zukünftig zwei Mal jährlich abbilden, welchen Stellenwert die Energieeffizienz in der Industrie hat. Industrieunternehmen sind eingeladen, sich an der regelmäßigen Befragung zu beteiligen – Bauernhansl hofft auf mehrere Tausend Teilnehmer: „Wir wollen so Transparenz schaffen und sehen, wie das Thema zum Gelingen der Energiewende beiträgt.“ Manuel Heckel

Wir sind das GE in optimal GEnutzt, weil höhere Türme und längere Rotoren an Schwachwindstandorten auch höhere Erträge bedeuten. GEs neue, intelligente Windenergie-Anlage, die 2.5-120, kombiniert eine hohe Leistung mit einem hohen Wirkungsgrad und erzeugt damit eine Effizienzsteigerung von 25 % und einen Anstieg der Energieproduktion um 15 %. Sie bietet somit auch an Schwachwindstandorten eine höhere Rendite für Windparkbetreiber. Der 120-Meter-Rotor der Anlage und der Turm mit einer Höhe von 139 Metern machen die 2.5-120 zur idealen Anlage fürs Binnenland und stark bewaldete Gebiete. Finden Sie heraus, welchen Mehrwert Ihnen diese Anlage bieten kann, und besuchen Sie uns auf: www.ge-renewable-energy.com

Wir sind das GE in GErmany.


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Ein neues Design für den Strommarkt

es 2020 schon 35 Prozent sein. Wenn aber ein immer größerer Teil der Nachfrage von den Erneuerbaren gedeckt wird, bleibt für Kernkraft, Kohle und Gas immer weniger übrig. Entsprechend sinken die Strompreise und die Renditen. Besonders Gaskraftwerke trifft die Entwicklung, weil ihre Betriebskosten außergewöhnlich hoch sind. Zudem gibt es wegen des Solarbooms immer weniger Stunden, in denen sie die lukrativen Stromspitzen decken können. „Für uns als Investor ist die Situation inakzeptabel“, sagt Tzschoppe. 300 Millionen Euro investierte sein Unternehmen in die Anlage.

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icht nur in Hürth ist die Lage für die Betreiber schwierig. Deutschlandweit werden Projekte für Gaskraftwerke wieder eingemottet, Versorger kämpfen bei brandneuen Anlagen um die Rentabilität. Eon etwa investierte im bayerischen Irsching 500 Millionen Euro in ein Gaskraftwerk, das auf einen Wirkungsgrad von 60,4 Prozent kommt. Doch 2012 war die Anlage, die für mindestens 4 000 Betriebsstunden ausgelegt ist, gerade einmal 2 000 Stunden am Netz. Eon-Chef Johannes Teyssen bringen das EEG und der ungebremste Ausbau der Solarenergie in Rage: „Wir wollten unsere Kinder aufpäppeln“, sagt er, „doch jetzt sind sie groß und bekommen neben drei Mahlzeiten am Tag immer noch zusätzlich Babynahrung.“

Oliver Tjaden/laif

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as neue Gaskraftwerk in Hürth bei Köln passt wunderbar zur Energiewende. Es ist effizient und klimafreundlich. Der Wirkungsgrad erreicht stolze 60 Prozent. Das heißt: 60 Prozent des eingesetzten Gases werden in Strom umgewandelt. Entsprechend gering sind die Emissionen des klimaschädlichen CO2. Nur 0,36 Tonnen davon fallen bei der Produktion einer Megawattstunde Strom an. Bei alten Anlagen dagegen ist es oft ein ganze Tonne. Und das Hürther Gaskraftwerk ist flexibel. Innerhalb weniger Minuten kann es an- und abgefahren werden. Auf diese Weise könnte es helfen, die Schwankungen im Stromangebot abzufedern, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Denn die erneuerbaren Energien tragen zwar immer stärker zur Stromversorgung bei. Sie sind aber eines nicht: zuverlässig. Nur, das neue Gaskraftwerk hat kaum Möglichkeiten sein Können auch unter Beweis zu stellen. Am 13. Mai dieses Jahres nahm der Betreiber, der norwegische Statkraft-Konzern, die Anlage offiziell in Betrieb. In den ersten drei Monaten war sie aber gerade einmal an vier Tagen am Netz. Das Kraftwerk ist nicht etwa defekt, der Betrieb lohnt sich schlicht nicht. Mindestens 50 Euro bräuchte Statkraft ungefähr für eine Megawattstunde, um zumindest die Betriebskosten wieder einzuspielen. Im Sommer dümpelte der Preis am Terminmarkt der Strombörse selbst für den besonders hochvergüteten Spitzenlaststrom aber deutlich unter dieser Marke. 2009, als Statkraft die Entscheidung für die Investition getroffen hat, waren es zeitweise über 90 Euro. Und was den Deutschlandchef von Statkraft, Jürgen Tzschoppe, so richtig den Kopf schütteln lässt: Dieser Effekt liegt am Boom der erneuerbaren Energien – Gaskraftwerke, die eigentlich als perfekter Ausgleich für Wind, Sonne & Co gelten, leiden unter ihnen. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wird Strom aus Wind- oder Solaranlagen garantiert und zu üppigen Vergütungen ins Netz eingespeist. Innerhalb von zehn Jahren stieg der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion so von acht auf 23 Prozent – und nach den Plänen der Bundesregierung sollen

Statkraft-Deutschlandchef Jürgen Tzschoppe im Gaskraftwerk in Hürth: Moderne Technik, wenig Chancen.

Mit einem handfesten Imageproblem kämpfen im Zuge der Energiewende die Kohlekraftwerke. Die alten Braun- und Steinkohlemeiler gelten noch immer als Dreckschleudern. Und in der Tat stoßen sie mit Wirkungsgraden von häufig kaum mehr als 30 Prozent vergleichsweise viel CO2 aus. Doch auch bei Kohlekraftwerken nimmt die Effizienz zu. Sie kommen zwar nicht an die gasbetriebene Variante heran, aber moderne Anlagen erreichen inzwischen Wirkungsgrade von deutlich mehr als 40 Prozent. Das ermöglichen verbesserte Verfahren. Neue Materialen etwa erlauben die Verbrennung bei höherer Temperatur. Braunkohle wird vor dem Einsatz getrocknet – auch das verbessert die Stromausbeute. Für Umweltschützer ist Kohle nach dem Atomausstieg das Feindbild Nummer eins. Die Stromproduzenten machen eine eigene Rechnung auf: Für ein neues Kohlekraftwerk gehen mehrere alte, ineffiziente Anlagen vom Netz. Darauf weist Peter Terium, Chef von RWE, gerne hin. Deutschlands größter Stromproduzent hat im Sommer 2012 – unter lautstarken Protesten von Umweltschützern – zwei Braunkohleriesen in Betrieb genommen. Im rheinischen Neurath, gleich neben dem eigenen Braunkohletagebau, investierte RWE 2,6 Milliarden Euro in „BoA 2 & 3“ mit jeweils 1 100 Megawatt Leistung. Die Abkürzung steht für „Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik“. „Die neue Anlage ist das Braunkohlekraftwerk mit dem weltweit höchsten Wirkungsgrad“, sagte Terium bei der Inbetriebnahme stolz. Er liegt bei 43 Prozent. BoA 2 & 3 stoßen zwar pro Jahr 17 Millionen Tonnen CO2 aus. Doch RWE musste zusichern, im Gegenzug über ein Dutzend alte Anlagen vom Netz zu nehmen. Jährlich würden die CO2-Emissionen so insgesamt um sechs Millionen Tonnen verringert, betont der Konzern. Und das Braunkohlekraftwerk ist zumindest fast so flexibel wie ein Gaskraftwerk. Innerhalb von 15 Minuten kann jeder Block seine Leistung um 500 Megawatt verändern. Möglich machen das neue Techniken wie Lichtwellenleiter und digitale Leittechnik. Ähnliche Argumente führen Investoren von Kohlekraftwerken quer durch Deutschland an: Eon in Datteln, Steag in Duisburg oder das Stadtwerke-Netzwerk Trianel in Lünen. Und sie pochen darauf, dass Kohlekraftwerke gerade nach dem Atomausstieg weiter nötig sind, um den Grundbedarf zu sichern. Auch Kohlekraftwerke kämpfen mit dem Preisverfall im Stromgroßhandel. Zwar können sie im Gegensatz zu Gasanlagen zumeist noch ihre Betriebskosten einspielen. Die Kapitalkosten lassen sich mit den derzeitigen Margen aber kaum mehr decken. Die kommunalen Gesellschafter, für die Trianel in Lünen ein 750 Megawatt starkes Steinkohlekraftwerk gebaut hat, kalkulieren für

Netzbetreiber kämpfen gegen den Blackout Die Energiewende gelingt nur mit zusätzlichen und besseren Leitungen. Das kostet Milliarden.

E Baukontrolleur vor einer Starkstromleitung: Derzeit entsteht eine neue Trasse durch Thüringen.

dpa/Jan Woitas

Kohle- und Gaskraftwerke werden immer effizienter. Trotzdem lohnen sich selbst moderne Anlagen kaum noch — weil sie von den erneuerbaren Energien aus dem Markt gedrängt werden. Experten fürchten deshalb um die Versorgungssicherheit.

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2014 beispielsweise mit einem Verlust von 100 Millionen Euro. Die Investoren in Gas- und Kohlekraftwerke verlangen grundlegende Reformen. Zum einen erwarten Branchenmanager von der neuen Bundesregierung eine Überarbeitung des EEG. Zudem wünschen sie sich einen Schutz der konventionellen Kraftwerke. Das Ziel: ein neues Design für den Strommarkt. Künftig soll schon das Bereithalten von Kapazitäten entlohnt werden. Auch die Hauptgeschäftsführerin des Energieverbandes BDEW, Hildegard Müller, sieht Handlungsbedarf: „Mit abnehmender Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke steht nach Analyse der Branche das wichtige Gut ’gesicherte Leistung’ und damit die Versorgungssicherheit nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung.“ Jürgen Flauger

Mit abnehmender Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke steht nach Analyse der Branche das wichtige Gut „gesicherte Leistung“ und damit die Versorgungssicherheit nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung. Hildegard Müller Hauptgeschäftsführerin BDEW

s ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren. 17 Kernkraftwerke sind vom beschleunigten Atomausstieg nach Fukushima betroffen. Acht davon mussten unmittelbar vom Netz, die anderen neun werden bis 2022 schrittweise folgen. Besonders eine dieser Anlagen bereitet der Bundesnetzagentur Kopfzerbrechen: Grafenrheinfeld in Franken, südlich von Schweinfurt. „Was passiert im Winter 2015/16, wenn das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld vom Netz geht und die Strombrücke durch Thüringen bis dahin nicht fertig wird?“, fragt der Präsident der Bundesnetzagentur Jochen Homann. Noch liefert Grafenrheinfeld Strom für bayerische Unternehmen. Wenn der Reaktor abgeschaltet wird, müssen sie auf anderem Wege versorgt werden. Gewährleisten soll das die neue Trasse durch Thüringen, die Windstrom aus dem Norden in die süddeutschen Industriezentren liefert. Zweifel daran, dass die Stromtrasse noch rechtzeitig in Betrieb geht, sind berechtigt. Schon vor zehn Jahren begann die Planung. Die Umsetzung aber hat sich immer wieder verzögert – auch weil es in Thüringen Widerstand auf lokaler Ebene gab. Allein drei Jahre stand das Projekt still, weil das Raumordnungsverfahren dort nicht abgeschlossen war. Die Bayern dagegen waren längst so weit. Das Beispiel Grafenrheinfeld verdeutlicht gleich drei Probleme der Energiewende. Erstens: Um das Netz zu stabilisieren, sind neue Leitungen nötig. Zweitens: Die Atomkraftwerke müssen nicht nur ersetzt werden, der Strom muss auch besser verteilt werden. Und drittens: Bei aller Begeisterung für die Energiewende – wenn es darum geht, neue Leitungen zu bauen, stellen sich Bürgerinitiativen allzu häufig quer. Zwar ist es zu den befürchteten flächendeckenden Blackouts bislang nicht gekommen. Die Netzbetreiber müssen aber immer mehr Aufwand betreiben, damit das auch künftig so bleibt. Das Unternehmen Tennet etwa, das eines der vier Übertragungsnetze betreibt, musste 2012 knapp 1 000-mal eingreifen, um kritische Situationen abzufangen. Das heißt: Kraftwerksbetreiber anweisen, ihre Anlagen zu drosseln. Oder Pumpspeicheranlagen anwerfen. 2010 – also vor der Energiewende – waren es gerade einmal 290 Eingriffe. Netzagentur-Präsident Homann drängt deshalb zu einem beschleunigten Ausbau der Stromtrassen. „Dem Netzausbau gehört mehr Aufmerksamkeit“, sagte er jüngst. Die Energiewende stellt die Netzbe-

treiber gleich zweifach vor Probleme. Das Stromangebot ist immer schwieriger zu prognostizieren, weil der Ertrag von Wind- und Solaranlagen wetterabhängig stark schwankt. Und Strom wird immer mehr dezentral erzeugt – auch von Solardächern der Privathaushalte wird eingespeist. Deshalb ist es immer schwieriger, Angebot und Nachfrage stets auszugleichen – und das ist nötig, um das Netz zu stabilisieren. Gleichzeitig steigt der Aufwand bei der Verteilung des Stroms. Große Windparks werden vor den Küsten von Nord- und Ostsee geplant. Doch die meisten Großverbraucher aus der Industrie finden sich im Süden. Das erfordert gewaltige Investitionen. Allein die Betreiber der Übertragungsnetze sollen rund 15 Milliarden Euro lockermachen. Höchstspannungsleitungen mit einer Länge von insgesamt 2 800 Kilometern sollen gebaut werden, darunter drei neue Stromautobahnen von Nord nach Süd. Zudem stehen auf einer Länge von 2 900 Kilometern Optimierungen an.

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inzu kommen dürften aber noch einmal 30 bis 40 Milliarden Euro an Ausgaben für die Verteilnetze. Die regionalen Netzbetreiber müssen nicht nur dezentrale Anlagen wie Solardächer bewältigen. Sie sollen das Stromnetz auch intelligent machen – dazu soll es mit einem Datennetz gekoppelt werden. Intelligente Stromzähler sollen künftig Informationen darüber liefern, wo wie viel Strom produziert und eingespeist wird. Zudem senden sie elektrischen Geräten Signale, wann diese den Strom abnehmen sollen. So ließe sich das Netz effizienter managen. Besitzer eines Elektroautos etwa könnten mit einem günstigen Tarif belohnt werden – sie müssten das Fahrzeug laden, wenn das Angebot besonders groß ist. Die intelligente Netzsteuerung könnte so helfen, Schwankungen im Angebot der erneuerbaren Energien abzufangen. Jürgen Flauger

Mastenbau in Thüringen: Der Bau der Strombrücke nach Süden beschäftigte die Gerichte.


12 ENERGY AWARDS

MONTAG, 21. OKTOBER 2013

ENERGY AWARDS 13

MONTAG, 21. OKTOBER 2013

Schub

Schub

Energie-Start-up des Jahres

Think-Tank mit viel Energie

FINALIST 1: FOS4X

Nervenbahnen für Windräder

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Die fos4X-Gründer (v.l.): Lars Hoffmann, Rolf Wojtech, Mathias Müller, Thorbjörn Buck setzen auf Glasfasertechnik.

FINALIST 2: ETOGAS

Gas geben mit grünem Strom

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Andy Ridder für Handelsblatt

Heizkesselspezialisten, Manager oder Politiker. Einmal pro Jahr küren die Mitglieder der Energy Academy die Gewinner der Energy Awards. Der Vorstand der Energy Academy trifft sich regelmäßig, zuletzt Anfang Oktober in München. Neben der Weiterentwicklung der Academy stehen aktuelle energiepolitische Fragen auf dem Programm. Die Besetzung ist prominent: Den Vorsitz haben Stephan Reimelt, CEO von GE Energy Germany, und Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur des Handelsblatts. Die weiteren Mitglieder: Trianel-Chef Sven Becker, Christof Ehrhart, Kommunikationschef von Deutsche Post DHL, der Berliner Energiespezialist Professor Georg Erdmann, Georg Kofler, Gonzague Dejouany, Geschäftsführer von EDF Deutschland, BearingPoint-Partner Jens Raschke, Olaf Heil, Leiter Wasserkraft und Neue Technologien bei RWE Innogy, Dietlind Freiberg, Senior Director Corporate Responsibility & Environment bei McDonald’s Deutschland, Stephanie Schoss, Verwaltungsratsmitglied von Susi Partners, Matthias Wendel, Deutschlandchef von DONG Energy, und Matthias Willenbacher, Gründer und Vorstand der JuwiGruppe. Jürgen Flauger

xxAndy Ridder für Handelsblatt

ehlende Speicher für überschüssigen Wind- und Sonnenstrom sind ein Knackpunkt der Energiewende. Das Stuttgarter Unternehmen Etogas setzt mit einer patentierten Anlage auf die Umwandlung in speicherbares Methan – „Power-to-Gas“ heißt das Verfahren. Im ersten Schritt zerlegt Strom per Elektrolyse Wasser. Der so separierte Wasserstoff wird mit CO2-Molekülen verbunden, die aus einer Biogasanlage gewonnen werden. Es entsteht hochenergetisches Methan, das direkt ins Erdgasnetz gespeist oder als klimaneutraler Autotreibstoff genutzt werden kann. Fahrzeughersteller übernehmen jetzt die Vorreiterrolle, solange noch steuerliche Hemmnisse den Einsatz des Verfahrens in der Industrie bremsen, wie die EtogasGründer beklagen. Eine Partnerschaft mit Audi zeigt, welches Potenzial Etogas besitzt: Die weltgrößte Anlage im Emsland bezieht überschüssigen Strom aus umliegenden Windparks und Biogasanlagen. 1 000 gasgetriebene „e-gas“-Fahrzeuge bringt Audi so auf die Straße. Ab 2015 plant Etogas die Großserienproduktion, mit einer dann auf 20 Megawatt verdreifachten Leistung je Anlage. HB

Etogas-Gründer Gregor Waldstein (l.) und Karl Maria Grünauer: Gas als Speichertechnik.

C02-Kolbenkompressor bei der Firma Etogas: Ein kleiner Baustein für ein großes Ziel – die Speicherung von Ökostrom im Power-to-Gas-Verfahren.

ENERGY AWARDS

FINALIST 3: TIMBERTOWER

Die Branchen-Oscars giewende „made in Germany“ zur Blaupause werden. Noch ist das aber nicht sicher, denn das Projekt hakt an vielen Stellen. Steigen die Kosten weiter, ist vor allem die Akzeptanz in der Bevölkerung gefährdet.

Künftig werden Bürger und Unternehmen zunehmend selbst Energie produzieren und sich unabhängiger von den klassischen Energieversorgern machen. Und je mehr sie mithelfen, Energie zu sparen, umso leichter wird die Energiewende gelingen.

Die Jury: Der Vorstand der Energy Academy um Chairman Stephan Reimelt (2.v.r.).

Die Energy Academy will Engagement fördern und belohnt jedes Jahr Menschen und Ideen, die die Energiewende zu einem Erfolg machen. Prämiert mit „Energy Awards“ werden Beiträge in vier Kategorien: Start-up, gewerbliche Anlage, Fortbewegungsmittel und Energiehaus. Ende Juni kam der Vorstand der Energy Academy in Frankfurt zusammen und wählte pro Kategorie die jeweils drei besten Bewerber aus. Aus den Nominierten bestimmen die Academy-Mitglieder jetzt die Preisträger. Vergeben werden die Energy Awards am 14. November in Berlin. Zu diesem Anlass wird auch der „Energizer des Jahres“ geehrt: eine Persönlichkeit, die den energiewirtschaftlichen Dialog maßgeblich mitgeprägt hat. HB

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Christian Burkert

Auch für die neue Bundesregierung steht die Energiewende in jedem Fall ganz oben auf der Prioritätenliste. Auf das schwierige Megaprojekt schaut die ganze Welt. Gelingt der Ausstieg aus der Atomkraft und Umstieg auf eine grüne Stromerzeugung wie geplant, könnte die Ener-

Hoch hinaus mit Windtürmen aus Holz

Bert Bostelmann für Handelsblatt

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uf Märkten im Umbruch fühlt sich Georg Kofler zu Hause. Mehr als 20 Jahre lang arbeitete er in der Fernsehbranche. Als in den 1990er-Jahren junge Unternehmen das Monopol der öffentlich-rechtlichen Sender knackten, war auch Kofler tatkräftig dabei – zunächst als Geschäftsführer und später als Vorstandsvorsitzender des neu gegründeten privaten Fernsehsenders ProSieben. Seit 2008 engagiert sich der inzwischen 56-Jährige auf einem völlig anderen Markt. Sein Unternehmen Kofler Energies bietet Energiedienstleistungen an. Die Parallele zum Job als Medienmanager: Auch der Energiemarkt wurde lange von Monopolisten beherrscht – derzeit befindet er sich in einem radikalen Wandel. Fünf Jahre nach seinem Einstieg in den Sektor erlaubt sich Georg Kofler ein provokantes Urteil: „Die Energiewende braucht mutige Unternehmer“, sagt er, „um die überkommene Bürokratie zu schleifen, müssen neue Typen her.“ Kofler ist zweifelsohne einer von diesen neuen Typen. Und deshalb sitzt er im Vorstand der Energy Academy, einem neuen Think-Tank für die Energiewirtschaft, den das Handelsblatt gemeinsam mit General Electric initiiert hat. Mit Deutscher Post DHL, McDonald’s und BearingPoint gibt es potente Wirtschaftspartner – und mit Bellevue and More, n-tv und Energate starke Medienpartner. Anlass für die Initiative ist die Energiewende in Deutschland. Denn dieses weltweit einzigartige Projekt kann zu einer internationalen Blaupause werden. Doch der Ausstieg aus der Kernenergie und der radikale Umstieg auf erneuerbare Energien ist ambitioniert – und noch sucht die Politik nach dem richtigen Konzept. Die Energy Academy führt Experten aus unterschiedlichen Bereichen und Branchen zusammen, um sich über die zentralen Fragen und Herausforderungen der Energiewende auszutauschen und ihr eigenes Know-how zu erweitern. So gilt es, effiziente und umweltgerechte Energien zu fördern. Die Mitgliedschaft in der Academy ist ehrenamtlich und erfolgt auf Einladung. Inzwischen gehören dem Think-Tank rund 100 Mitglieder an. Darunter sind Architekten, Bauingenieure, Journalisten und Professoren genauso wie Energie-Einkäufer, Energie-Händler, Gebäudetechnik-Experten, Kraftwerk- und

Thomas Einberger für Handelsblatt

Die Energy Academy bringt Experten aus der gesamten Branche zusammen, um umweltgerechte Energien zu fördern. Einmal im Jahr vergibt sie die Energy Awards.

m Anfang stand ein Bluff: Um den Bedarf zu testen, verkündeten die vier Gründer im Jahr 2010 per Pressemitteilung, ein Optimierungssystem für Windkraftanlagen auf den Markt bringen zu wollen. Die Wahrheit: Sie hatten nichts in der Hand. Doch als sich viele Anlagenbauer interessiert meldeten, begannen die Ingenieure von fos4x eilig, den Worten Taten folgen zu lassen. Handelsübliche Glasfaserkabel, wie sie auch zum Telefonieren genutzt werden, installieren die Münchener in den Rotorblättern von Windkrafträdern. Die mechanischen Kräfte, die auf die Rotorblätter wirken, dehnen die Glasfaserstränge. Messbar wird dies mit durchgeleitetem Licht. Über eine Analysebox werden die gewonnenen Daten ausgelesen, das Rotorblatt kann neu justiert und optimal ausgerichtet werden. Die Start-up-Chefs versprechen weniger Verschleiß und eine reduzierte Wartungsanfälligkeit. Pro Anlage ließen sich die Betriebskosten um fünf bis sieben Prozent drücken. Für faseroptische Crashtest-Messungen in der Autoindustrie und auch in der Luftfahrt sehen die Gründer gute Einsatzchancen, etwa bei der Wartung von Kohlefaserteilen. HB

Holger Giebel (l.) und Gregor Prass vor ihrem Prototypen: Der wartungsarme Holzturm nimmt es mit den Großen auf.

utofahrern an der A2-Ausfahrt Garbsen wird die Einzigartigkeit nicht sofort ins Auge fallen: Dieser weiße 100-Meter-Windturm ist eckig – denn er besteht aus Holz. „Die Stahlbetontechnik stößt an ihre Grenzen, hier setzen wir an“, sagt Holger Giebel, Geschäftsführer von TimberTower aus Hannover. Der Wunsch der Ingenieure, mit immer höheren, leistungsstarken Naben den Stromertrag exponentiell wachsen zu lassen, bedingt immer breitere Sockel. Weil die zwingend aus einem Guss gefertigten Betonteile irgendwann nicht mehr transportabel wären, konstruierten Giebel und sein Partner Gregor Prass eine Alternative aus Fichtenholz. Die Kostenvorteile von Holztürmen steigen mit der Höhe an – 140 Meter seien technisch schon machbar. Das Holz dämpfe die Vibrationen des Turms um 15 bis 30 Prozent – so sinke der Wartungsaufwand. Giebel verspricht eine „signifikante Verlängerung der Lebensdauer“ und einen leiseren Betrieb. Alle Genehmigungsverfahren sind überstanden, der 1,5-Megawatt-Prototyp versorgt 1 000 Haushalte. 2014 soll die italienische Firma Leitwind den ersten Serienturm verkaufen. HB


14 ENERGY AWARDS

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ENERGY AWARDS 15

MONTAG, 21. OKTOBER 2013

Schub

Schub

Gewerbliche Anlage des Jahres

Energiehaus des J ahres

Fortbewegungsmittel des Jahres

FINALIST 1: REWE

FINALIST 1: ELBE-HAUS

FINALIST 1: FLINC

Grüner Supermarkt als Verkaufshit

Neubau mit massivem Mehrwert

Mitfahrzentrale für dynamische Pendler

Harald Fischer im Rewe-Markt in Berlin-Rudow: Der Bereichsleiter Bauwesen setzt auf CO2-Neutralität.

Plus-Energie-Haus in Brieselang bei Berlin: Die ersten Bewohner testen zwei Jahre mietfrei – mit Kaufoption.

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lassische Mitfahrzentralen sind als Alternative zur langen Bahnfahrten etabliert. Auch beim Dieburger Start-up Flinc geht es um Mitfahrgelegenheiten – jedoch eher kurz und oft: Flinc-Nutzer buchen Strecken, die im Schnitt nur rund 60 Kilometer lang sind. Das ungenutzte Potenzial für kurze Strecken schätzen die Gründer auf 130 Millionen Fahrten am Tag. Um sich auch spontan und präzise zu einer Fahrgemeinschaft treffen zu können, setzt Flinc vor allem auf Smartphones, die Einbindung in Navigationsgeräte der Marke Navigon und soziale Medien wie Facebook. Entstanden ist Flinc aus einem Hochschulprojekt. Die Betreiber um Benjamin Kirschner verdienen Geld mit Geschäftskunden, die Mitfahrgemeinschaften ihrer Belegschaft koordinieren und Anreizsysteme schaffen wollen. Wenn Firmen wie BASF oder Marc O’Polo als Flinc-Kunden ihren Leuten die Solofahrten abgewöhnen, entlasten sie nicht nur die Umwelt, sondern sparen auch Parkraum. Nicht zuletzt stärkt es die Bindung der Mitarbeiter. Privatkunden nutzen die Technik derzeit gratis. HB

Bostelmann für Handelsblatt

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ieses Haus ist das Ergebnis einer Puzzlearbeit. „Das Zusammenspiel der Technologien und die Vereinigung zu einem großen Ganzen“, das macht für Dieter Stricker den Charme und Erfolg seines sogenannten „M1“-Hauses aus, das vor den Toren Berlins entstanden ist. Der Clou: Der Massivbau deckt seinen Wärmebedarf selbst und erzeugt mehr Strom als die drei Bewohner benötigen. Über 5 400 Kilowattstunden im Jahr werden ins Netz eingespeist. Stricker hat als Prokurist des Bauunternehmens Elbe-Haus die Vision entworfen und die Projektgruppe ins Leben gerufen: Das Duisburger Baustoffunternehmen Xella lieferte neuartige Dämmsteine, der Wärmetechnikspezialist Multitherm steuerte das Heiz- und Belüftungssystem bei, vom Photovoltaikausrüster Multiwatt kamen die Solaranlage und ein Lithium-Ionen-Speicher. Sichtbarster Unterschied zu den Nachbarhäusern ist die solare Carport-Tankstelle für das Elektroauto. Das Haus mit 132 Quadratmeter Wohnfläche kostete 270 000 Euro. Noch zu viel, findet Stricker. Er will in zwei Jahren die 200 000-Euro-Schwelle knacken. HB

Andreas Labes für Handelsblatt

Frank Rothe

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ast verschwenderisch groß wirkt dieser üppig dimensionierte Supermarkt in Berlin-Rudow: hohe Decken, übermannsgroße Kühlschränke. Doch tatsächlich ist auf den 1 830 Quadratmetern alles auf Energieeffizienz getrimmt. Der Markt ist CO2-neutral, meldet die Rewe-Gruppe, die schon fünf sogenannte Green Buildings errichtet hat. Dank einer 280 Meter langen Fensterfront und 18 Dachkuppeln fällt viel Tageslicht in den Verkaufsraum – Rewe spart so erheblich an Beleuchtungskosten. Photovoltaikanlagen sind auf den Dächern installiert, in Berlin wird sogar Erdwärme über Sonden in 99,5 Meter Tiefe gewonnen. In den Wärmepumpen, Kühlregalen und Tiefkühlgeräten findet sich nur natürliches Kältemittel, das bei Leckagen die Umwelt nicht schädigt. Rewe will das Konzept nun größer ausrollen. Nur fünf bis zehn Prozent mehr kostet der Bau eines „grünen Marktes“, die Energiekosten sinken gegenüber konventionellen Läden um 30 Prozent. Positiver Nebeneffekt: Der Öko-Ansatz wirkt auf Käufer beflügelnd. Rewe verzeichnet eine spürbare Erlössteigerung in seinen Green Buildings. HB

Flinc-Gründer Michael Hübl (l.) und Benjamin Kirschner: Klassische Mitfahrzentralen sehen sie als „Postkutschen“.

FINALIST 2: PRIVATHAUS MEIER IN GUNDE LFINGEN

FINALIST 2: ZIEHL-ABEGG

Abkanten und nibbeln – auf Sparflamme

Energiewende? Do it y ourself !

Die Kraft, die aus der Nabe kommt

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Sven Meier: Der Fraunhofer-Wissenschaftler stellte sich ein Mini-Blockheizkraftwerk in den privaten Keller.

FINALIST 3: STADTWERKE KARLSRUHE

FINALIST 3: IBA-HAUS „SMART IST GRÜN“ VON ZILLERPLUS

Fernwärme, gezapft in der Raffinerie

Leben, wo andere nur staunen

Manuel Rink, Hauptabteilungsleiter der Stadtwerke Karlsruhe: Er holt Hitze mit dicken Rohren aus der Raffinerie.

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Johannes Arlt

Andy Ridder für Handelsblatt

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ute Ideen entstehen auch mal beim Bier: Ulrich Poschmann erzählte seinem Studienfreund Manuel Rink von der Arbeit bei der Mineralölraffinerie Oberrhein (Miro). Rink, bei den Stadtwerken Karlsruhe tätig, wurde hellhörig, als die Rede auf „unfassbar viel Abwärme“ kam. Ob man die nicht für das Fernwärmenetz der Stadt nutzen könne? Aus dem Gedankenspiel entwickelten beide ein Konzept, das sie ihren Chefs präsentierten. Eine Machbarkeitsstudie belegte die Sinnhaftigkeit, es gab grünes Licht. Eine rund drei Kilometer lange Wasserleitung entstand auf dem Raffineriegelände, die an sechs Orten die Hitze aus heißen Ölflüssigkeiten extrahiert und an einem Sammelpunkt bündelt. Von dort strömen heißes Wasser oder Wasserdampf unter Druck ins fünf Kilometer entfernte Karlsruher Heizkraftwerk – und kommen dort weitgehend ohne Wärmeverlust an. Im Vorjahr konnten so über 20 000 Wohneinheiten komplett mit Wärme versorgt werden, zudem bleibt unter dem Strich ein finanzielles Plus. Ein Win-win-Geschäft, auch für die Umwelt. HB

Hamburger IBA-Haus: Dezentrales Energiekonzept und innovative Baumaterialien für 14 Familien.

ie Kletterhortensien vor den Balkonen gehören zum Konzept: Sie geben dem Mehrfamilienhaus in Hamburg-Wilhelmsburg nicht nur einen unverwechselbaren optischen Touch, sondern spenden im Sommer auch Schatten. Der Münchener Architekt Michael Ziller hat den fünfstöckigen Bau im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) als Showcase konzipiert. Das „Smart Material House“ erntet Energie über PV-Module an den Balkonbrüstungen und auch über Spezialvorhänge (Phase Change Material) an den Fensterfronten. Nach dem Prinzip von Taschenwärmern speichern kleine Kapseln in den Vorhängen die Sonnenwärme und geben sie nachts wieder ab. Zwei vertikale Lüftungsschächte sorgen vom Dach ausgehend für Frischluft in den Wohnungen. Über Solarthermie-Module, die sich ebenfalls auf dem Dach befinden, wird fast der gesamte Warmwasser- und Heizungsbedarf gedeckt. Schon vor der Grundsteinlegung waren alle 14 Wohnungen verkauft – zum subventionierten Quadratmeterpreis von 3 000 Euro. HB

er Bus biegt fast lautlos um die Straßenecke in Rotterdam. Und das bei 18 Tonnen Gewicht und zwölf Meter Länge. Es ist eine schwäbisch-niederländische Kooperation, die auf ein energiereduziertes, getriebefreies Fahren zielt: Der Motorenhersteller Ziehl-Abegg, ein Mittelständler aus Künzelsau, packt seine Elektro-Kraftpakete dorthin, wo sie benötigt werden: auf die Hinterachse. Der niederländische Partner E-Traction sorgt mit dafür, dass 80 Prozent der bewegten Teile eines herkömmlichen Fahrzeugantriebs einfach eliminiert werden können. Verglichen mit einem dieselbetriebenen Fahrzeug spart der Bus mit Radnabenmotor („ZAwheel“) dank höherem Wirkungsgrad rund 50 Prozent Energie ein. Auch in Korea und Schweden ist er mit seinem sogenannten Außenläufermotor im Feldversuch. Ein Produktionswerk entsteht mit der Kapazität von 750 Motoren pro Jahr. Der sechstgrößte niederländische Omnibushersteller will jetzt serienmäßig den elektrischen Nabenantrieb einsetzen, nachdem er bisher nur zur Umrüstung von Dieselbussen genutzt wurde. HB

Bus mit Antrieb von Ziehl-Abegg im niederländischen Helmond: Die Produktion läuft in diesem Jahr an.

FINALIST 3: MICROMAX

Ein Kleinbus mit Lounge-Atmosphäre

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rank M. Rinderknecht zitiert vielsagend John Lennon auf der Homepage: „You may say I’m a dreamer.“ Schon in den 80er-Jahren präsentierte er die „Tastatur für das Lenkrad“, heute sei sie Standard. Der Schweizer Visionär stellte beim Genfer Autosalon den „microMAX“ vor. Ein Auto, so lang wie ein Mini (3,7 Meter), das mit Stehsitzen ausgestattet ist und so Platz bietet für vier Personen und Kinderwagen oder Rollstühle. Rinderknecht spricht von einer Lounge-Atmosphäre, er will Berührungsängste nehmen. „Wir wollen weg vom klassischen Mief des öffentlichen Personennahverkehrs.“ Angetrieben von einem Elektromotor mit bis zu 100 Kilometer Reichweite will Rinderknecht eine urbane Alternative bieten: Über eine App werden die Standorte und aktuellen Ziele der Minibusse dargestellt. Per Smartphone-Lokalisierung können sich Mitfahrer melden, auch bezahlt wird mobil. Das Kalkül: je mehr Fahrzeuge und Nutzer, desto effizienter die Routen und Umsteigegelegenheiten, ein Fall von Schwarmintelligenz. Gerade ältere Menschen, die mobil bleiben möchten, könnten profitieren. HB

Nik Hunger

Ronny und Werner Neumann (r.): Die Chefs der CBV Blechbearbeitung haben umfassend modernisiert.

ven Meier hat vor vier Jahren einen echten Energie-Fresser gekauft – das aber immerhin günstig: „Im Prinzip habe ich das Grundstück gekauft und das Haus dazubekommen“, sagt der Elektrotechnik-Ingenieur. Dass jemand wie er, der am Freiburger Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik arbeitet, sich nicht mit einer unisolierten Eternitfassade abfinden würde, lag auf der Hand. Mit Engagement und Privatvermögen transformierte Meier seine Bleibe in ein Vorzeigehaus, das seiner Vision von privater Energieautarkie schon nahekommt. Mit Holzpellets füttert er im Winter das Mini-Blockheizkraftwerk – so heizt die fünfköpfige Familie nicht nur von Oktober bis April, sondern deckt dann auch weitgehend ihren Strombedarf. Im Sommer sorgt die Sonne über Photovoltaik- und Solarthermieanlagen für die Energie. Vier Wasserspeicher von je 500 Liter Fassungsvermögen sowie ein zehn Kilowattstunden starker elektrischer Akku dienen als Puffer. Sein Fachwissen half enorm beim Umkrempeln, räumt der Familienvater ein. Er gibt die Erfahrungen nun weiter – im Institut. HB

Camilla Zalewski

Christoph Busse für Handelsblatt

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n der Energiewende kommt keiner mehr vorbei“, sagt Werner Neumann, Gründer des Blechbearbeitungsbetriebs CBV in Laasdorf bei Jena. Hier wird genibbelt, geschliffen und abgekantet. Tief hat sich Neumann ins Energiethema eingefuchst, Kongresse besucht – um dann konsequent zu handeln: Er rüstete um – vom Lämpchen bis zum Laserschneider. Eine Million Euro steckte CBV in eine 360-Grad-Sanierung. 328 Leuchtstoffröhren wurden durch LED-Lampen ersetzt, was sofort die Stromrechnung um 350 Euro im Monat senkte. Mit 1 064 neuen Photovoltaikmodulen erzeugt CBV seit 2012 Strom großteils für den Eigenbedarf, Überschüsse speist man ins lokale Netz ein. Die Dünnschicht-Module schmücken auch die Fassade. Und die Heizrechnung drückt CBV nach unten, weil der für die Produktion neu angeschaffte Kompressor die Wärmerückgewinnung erlaubt. Das Herzstück in der energieintensiven Blechbearbeitung ist eine neue Laserschneidanlage für 585 000 Euro. Sie braucht nur noch halb so viel Strom wie das Vorgängermodell. HB

Frank Beer für Handelsblatt

FINALIST 2: CBV

Frank M. Rinderknecht vor seinem microMAX: Einsteigen und anschnallen für die Fahrt im Stehsitz.


Wir sind das GE in GEbraut,

weil bei Bitburger die Bierherstellung dank unseres Jenbacher Biogasmotors effizienter ist. Durch die intelligente Nutzung der Abwärme erreichen unsere J312 Jenbacher Biogasmotoren einen Effizienzgrad von bis zu 90 % – und bieten damit eine genauso flexible wie umweltbewusste Lösung. So wie viele der effizienten Technologien aus unserem breiten Portfolio an Energiegewinnungsanlagen. Wir machen Deutschland nachhaltiger: www.ge.com/de

Wir sind das GE in GErmany.


Handelsblatt Topic Energy Awards 2014  

Handelsblatt Sonderpublikation zum Thema Energiewende sponsored bei General Electric.

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