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IN 10 ETAPPEN VOM BAHNHOF ZUM ALTEN HAFEN 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Engel aus New York Hôtel Normandie Papiere, Papiere! Transit im Aumage Auf der Canebière Zwei Konsulate Passage im Continental Les Cahiers du Sud Cafés der Exilanten Dynamit im Panier


Die Autorin Sabine Günther führt seit über zwanzig Jahren zwischen Südfrankreich und Berlin eine deutschfranzösische Doppelexistenz. Sie schrieb zahlreiche Radiofeatures und managt seit 1996 in Marseille den Projekt-Verein Passage & Co. – Deutsch-französischer Kulturaustausch in Europa. Unter dem Label Tell me Tours bietet sie in Marseille, Aix-en-Provence und Sanary-sur-Mer Spaziergänge zu unterschiedlichen Literaturthemen und ein kleines, aber feines zweisprachiges Programm mit Literaturreisen nach Marseille und Berlin an.


Sabine G端nther

HERZASTHMA DES EXILS Eine literarische Spurensuche in Marseille

collection tell me tours


VORWORT Dieses Buch eröffnet die Reihe Tell me Tours, mit insgesamt fünf anregenden literarischen Spaziergängen durch Marseille. Die Bücher, die im Laufe des Jahres 2015 erscheinen werden, sind Guides für Armchair Travellers. Das Thema eines literarischen Rundgangs, den Sie natürlich weiterhin bei mir buchen können, wird hier essayistisch vertieft und mit vielen wertvollen Informationen angereichert, für die ein zweistündiger Rundgang keine Zeit lässt. In die Arbeit zu diesem ersten Buch aus der Tell me ToursReihe floss die Erfahrung mit dem deutsch-französischen Multimediaprojekt Exilplan mit ein, das ich für den Verein Passage & Co. initiiert und gemeinsam mit jungen Erwachsenen und Künstler/innen von 2007 bis 2013 in Marseille, Hamburg und Berlin realisiert habe. In zahlreichen deutsch-französischen Workshops entstanden Texte, Fotomontagen, imaginäre Karten und Kunstobjekte, Straßenaktionen in Marseille und Berlin. Auch europäische Fortbildungsseminare gehörten dazu, und ein deutsch-französisches Theaterprojekt. Exilplan wurde Ende 2013 mit einer e-Projektpräsentation, die auch einen Exil-Rundgang in Marseille enthält, abgeschlossen: www.exilplan.com

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Exil in Südfrankreich 1933 – 1942. Sanary-sur-Mer – Les Milles – Marseille

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Engel aus New York

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Hôtel Normandie

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Papiere, Papiere!

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Transit im Aumage

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Auf der Canebière

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Zwei Konsulate

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Passage im Continental

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Les Cahiers du Sud

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Cafés der Exilanten

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Dynamit im Panier

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LITE RATU R H I NWE I S E

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B I OG RAPH I S CH E S

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PE R S ON E N R E G I STE R

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B I LD NACHWE I S

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EXIL IN SÜ D FRAN KR E ICH

1933 – 1942 SANARY-SU R-M E R

LES MILLES MARSEILLE

Seit 2 600 Jahren lebt die rebellische Stadt zwischen den Polen Wohlstand und Desillusionierung. Sie ist ein außergewöhnliches Beispiel für die Beständigkeit des Vorübergehenden. In dieser Stadt schreibt sich der Reisende in eine uralte Geschichte des Exils ein und lebt zwischen Welten und Kulturen. Die Spuren der Zeit zeigen sich hier nicht an Gebäuden oder Denkmälern, sondern in den Augen derer, die durch Marseille hindurchgegangen sind.

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ls bedeutender Mittelmeerhafen am südlichen Zipfel Europas zieht Marseille, die älteste und zugleich untypischste Stadt Frankreichs, seit jeher Menschen an, die ihre Heimat aus politischen, wirtschaftlichen Gründen oder einfach aus Abenteuerlust verließen. Der Kosmopolitismus der großen Hafenstadt, der schon den Vormärz-Emigranten Moritz Hartmann anwehte, bewegt bis heute viele Migranten dazu, ihr Glück in Marseille zu versuchen. Zahlreiche, mit Neuankömmlingen solidarische Einwanderergemeinschaften und das milde Mittelmeerklima sorgen dafür, dass man sich in Marseille weniger fremd und einsam fühlt als anderswo und an seinen guten Stern glaubt. Toleranz und Weltoffenheit in Kombination mit dem unnachahmlichen südländischen Lebensstil – das zog und zieht unwiderstehlich vor allem Künstler und Intellektuelle an. So wurde Marseille in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum bevorzugten Reiseziel für die künstlerischen Avantgarde aus Paris und Berlin. Surrealisten, Bauhäusler, Kurt Tucholsky, Joseph Roth, Erika und Klaus Mann, Walter Benjamin und viele andere erklärten Marseille damals zur abenteuerlichsten und inspirierendsten Stadt Europas. Wie kam es dazu, dass knapp fünfzehn Jahre später so viele Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler und Politiker auf ihrer Flucht vor den Nazis in Marseille strandeten? Unmittelbar, nachdem Hitler im Jahre 1933 zum deutschen Reichskanzler gewählt worden war, setzte in Deutschland die Verfolgung jüdischer, antifaschistischer und kommunistischer Intellektueller, Künstler und Schriftsteller ein. Die meisten von ihnen verließen schon damals ihre Heimat und

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ließen sich in Frankreich nieder. Paris wurde ein bedeutendes kulturelles Zentrum des deutschsprachigen Exils, aber auch Sanary-sur-Mer an der französischen Mittelmeerküste.

SANARY-SUR-MER

Das bis heute wunderbar beschaulich gebliebene Hafenstädtchen genießt seit langem den Ruf, ein paradiesischer Rückzugsort zu sein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden Sanary und die umliegenden Badeorte Bandol, Le Lavandou und Saint-Cyr von schwindsüchtigen Engländern (D. H. Lawrence, Katherine Mansfield) und azurblauverliebten Malern aus dem Montparnasse-Kreis (Rudolf Levy, Erich Klossowski, Walter Bondy) bevölkert. In ihrem Buch von der Riviera schreiben Erika und Klaus Mann 1931 überschwänglich: Diese Sanary-Sommer werden in die Kunstgeschichte eingehen (und vielleicht auch in die Chronique scandaleuse der großen europäischen Bohème).

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In den dreißiger Jahren schlägt die Stimmung radikal um; den neuankommenden Emigranten aus Deutschland und Österreich sind die mondänen Angelsachsen herzlich egal. Wider Willen im Paradies (Titel des Buchs von Manfred Flügge) versuchen Ludwig Marcuse, Lion und Martha Feuchtwanger, die Familie Mann, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, René Schickele, Franz Hessel, Friedrich Wolf und andere bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten sich auf unbestimmte Zeit in Sanary-sur-Mer einzurichten. Hier beginnt im Mai 1933 zwischen Klaus Mann und Gottfried Benn ein Briefwechsel zur Hauptfrage, die sich in dieser Zeit fast alle Schriftsteller und Intellektuellen stellen: Soll man in Deutschland ausharren oder fortgehen, Sprache und Kultur aufgeben?

Man fasste gleichsam Fuß im Vagen, nicht wissend, von welcher Dauer und welchen Konsequenzen das ‚Entsetzliche’ für das eigene und für das Schicksal der Welt sein würde. Wir ergriffen alles Gute wie ein Geschenk, die Schönheit der Landschaft, die Freunde, das Pittoreske des alten Fischerhafens, und schließlich war da auch das Meer. Lion Feuchtwanger Sechs Jahre später, als der 2. Weltkrieg ausbricht, verliert der beschauliche Badeort für alle dort noch lebenden Emigranten endgültig seinen Charme, als sie erfahren, dass sie in Frankreich nunmehr als unerwünschte Ausländer gelten und interniert werden.

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Wir hatten es uns alle anders vorgestellt, als wir nach Frankreich gekommen waren. Liberté, Égalité, Fraternité stand riesig über dem Portal des Bürgermeisteramts, man hatte uns gefeiert, als wir, vor Jahren, gekommen waren, die Zeitungen hatten herzliche, respektvolle Begrüßungsartikel geschrieben, die Behörden hatten erklärt, es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein. Lion Feuchtwanger Gibt es heute in Sanary-sur-Mer noch Spuren dieser aufregenden Exil-Geschichte? Anfang der neunziger Jahre wurden 21 Häuser mit Gedenktafeln versehen und eine dreisprachige Broschüre mit entsprechenden Lageplänen aufgelegt. Am Office du Tourisme findet man eine Tafel mit den Namen von 68 Persönlichkeiten, die ab 1933 Sanary-sur-Mer zur Hauptstadt des künstlerischen und literarischen Exils machten. So verdienstvoll all diese Initiativen sind, wird es interessierten Sanary-Besuchern nicht gerade leicht gemacht, die einzelnen Häuser auf eigene Faust auch wirklich zu finden. Im Rahmen seines deutsch-französischen Kunstprojekts Exilplan hat der Verein Passage & Co. deshalb einen 10-Etappen-Rundgang in Form einer literarischen Schnitzeljagd entwickelt. (Mehr Informationen dazu auf der Webseite www.exilplan.com) Schüler- und Studentengruppen laden wir in einem eigens für sie entwickelten Workshop zusätzlich dazu ein, die Häuser der Exilschriftsteller mit geschulterter Kamera zu entdecken und anhand von Textauszügen die Geschichte bedeutender Künstler als Videoreportage aufzuzeichnen.

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DAS LAGER IN LES MILLES Als Frankreich im September 1939 Deutschland den Krieg erklärte, wurden die deutschen Exilanten in Frankreich als unerwünschte Ausländer interniert. Eines der über 30 Lager für die kontrollierte Unterbringung der zu diesem Zeitpunkt in Südfrankreich lebenden Deutschen und Österreicher war die ehemalige Ziegelei in Les Milles, bei Aix-en-Provence. Hier sperrte der französische Staat tausende deutsche und österreichische Emigranten im Staub und Dreck der Fabrikhallen ein und ließ 1940, entsprechend einer Klausel im deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen, die berüchtigte deutsche Kundt-Kommission nach deutschen Emigranten zur Auslieferung an das Naziregime suchen. Auf die erste Bestimmung der Ziegelei als Internierungslager folgte Anfang 1941 eine zweite als Transitlager. Das französische Innenministerium stellte einen neuen Lagerkommandanten und gab den Internierten bis Juli 1942 die Erlaubnis, das Lager zeitweise zu verlassen, um in Marseille ihre Ausreise aus Frankreich vorzubereiten. Im August 1942 änderte sich die Bestimmung des Lagers ein drittes Mal; nach Großrazzien in Marseille wurde die Fabrik mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern gefüllt. Noch vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die unbesetzte Zone Frankreichs schickte die französische VichyRegierung im August und September 1942 vom Bahnhof Les Milles aus 1928 Menschen in Viehwaggons über Drancy nach Auschwitz in den sicheren Tod.

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Heute ist das ehemalige Internierungs-, Transit- und Deportationslager eine nationale Gedenkstätte. Nachdem bereits in den neunziger Jahren die kollektiven Wandmalereien im Refektorium des Wachpersonals freigelegt und ein Transportwaggon am ehemaligen Bahnhof von Les Milles zum Gedenken an die deportierten Frauen, Kinder und Männer aufgestellt worden war, ist auch die ehemalige Ziegelei seit 2012 wieder öffentlich, als Museum, zugänglich. Die Fabrikhallen der dreistöckigen Ziegelei wurden in ihrem ursprünglichen Zustand konserviert, so dass man sich auch heute noch sehr genau vorstellen kann, wie Max Ernst, der den allgemeinen Zustand des Lagers zwischen dem

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Niemandsland von Père Ubu und den dumpfen kafkaesken Räumen ansiedelte, Lion Feuchtwanger, Hans Bellmer, Anton Räderscheidt, Franz Hessel, Wols, Golo Mann, Fritz Fränkel, Alfred Kantorowicz, Ernst Erich Noth und viele andere hier auf engstem Raum zusammengepfercht lebten. In einer Dauerausstellung wird die Geschichte des Lagers, aber auch der Alltag der Internierten am Beispiel vieler Einzelschicksale erzählt, und schließlich dazu ermahnt, weder die Völkermorde gestern und heute zu vergessen noch die Empörung und den Widerstand gegen jedwedes Unrecht zu verlernen. Das Gefühl der Emigranten, in Frankreich in einer Falle zu sitzen, aus der es vielleicht kein Entrinnen gab, wurde im Juni 1940, als die deutsche Armee in Paris einmarschierte, zu einer Gewissheit. Deshalb schlossen sie sich den langen Flüchtlingstrecks an, die aus dem besetzten Norden in die sogenannte freie Zone zogen. Das Ziel war Marseille, der einzige Hafen in Frankreich, aus dem noch Schiffe mit Flüchtlingen auslaufen konnten. Wer es nun bis Marseille geschafft hatte, war sich jedoch keinesfalls sicher, der Gestapo und der immer näher rückenden deutschen Armee entrinnen und noch rechtzeitig aus Frankreich – auf welche Weise auch immer – herauszukommen. Das Schicksal zehntausender Emigranten lag in den Händen der Vichy-Regierung, die nunmehr offen mit den Nazis kollaborierte und aufgrund ihrer Auslieferungsverpflichtungen aus dem Waffenstillstandsabkommen bis Ende 1940 sowohl die Internierungslager von der Gestapo durchkämmen ließ, als auch den Hafen von Marseille für die Ausreise nach Übersee dicht machte.

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Ohne eine französische Ausreiseerlaubnis gab es bis Ende 1940 nur den illegalen Weg über die Pyrenäen zur französisch-spanischen Grenze und von dort aus mit dem Zug weiter nach Lissabon. Zu den zahlreichen in Marseille gestrandeten oder in Internierungslager eingesperrten Emigranten gehörten unter anderem so berühmte Künstler, Intellektuelle, Politiker und Gewerkschaftsführer wie Lion Feuchtwanger, Heinrich Mann, Franz Werfel, Max Ernst, André Breton, Anna Seghers, Alfred Döblin, Hans Sahl, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Marc Chagall, Siegfried Kracauer, Walter Mehring, Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding. Viele kannten sich aus früheren Zeiten und frequentierten nun die selben Cafés am Alten Hafen, trafen sich in den Wartesälen von Konsulaten, Wohltätigkeitsvereinen und wohnten manchmal auch am selben Ort, so wie der surrealistische Freundeskreis um André Breton in der Villa Air-Bel. Dort nahm man im Winter 1940/41die gemeinsame künstlerische Arbeit wieder auf und kreierte das surrealistische Kartenspiel Jeu de Marseille. Um eine kreative Überlebensstrategie ging es auch dem Dichter und Schauspieler Sylvain Itkine. Der Surrealist spielte in Marseille weiter Theater und gründete 1940 die Kooperative Le Fruit Mordoré, in der bis Ende 1942 über 200 Transitäre mit der Herstellung von mit Mandelpaste gefüllten Datteln Arbeit und ein bescheidenes Einkommen fanden. Anna Seghers begann in Marseille an ihrem Roman Transit zu arbeiten, in dem von der Verzweiflung der damaligen Sans-papiers die Rede ist. Andere wiederum verbrachten

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ihre Zeit ausschließlich mit Versuchen, auf eigene Faust aus der Mausefalle, in der alle beisammen saßen (Hertha Pauli), herauszukommen. Ab Dezember 1940 lockerte die Vichy-Regierung die Ausreisebestimmungen, so dass innerhalb eines knappen Jahres tausende von Flüchtlingen auf legalem Wege in die USA und nach Übersee emigrieren konnten. Ein Jahr später, mit dem Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg im Dezember 1941 und der Wannseekonferenz im Januar 1942, auf der die sogenannte Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde, endete die geduldete Emigration aus Europa. Im November 1942 marschierten schließlich die deutschen Truppen in Marseille ein. Die Stadt wurde dicht gemacht, Razzien gewaltigen Ausmaßes durchgeführt, Deportationszüge nach Auschwitz geschickt und der an den Alten Hafen grenzende Teil des ältesten Viertels der Stadt gesprengt. Der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar, der vom Centre Américain de Secours (CAS) unter Leitung von Varian Fry eines der heiß begehrten amerikanischen Notvisa erhalten hatte und mit den für den illegalen Grenzübertritt nach Spanien nötigen Papieren ausgestattet worden war, stach im Oktober 1940 zusammen mit den Exilanten Franz und Alma Mahler-Werfel, Heinrich, Nelly und Golo Mann auf der Nea Hellas von Lissabon aus in See. Im Unterschied zu manch anderem Exilanten, der schon in Marseille nur auf die Rettung der eigenen Haut bedacht gewesen war und auch später, in Amerika angekommen, keinen Gedanken an jene verschwendete, denen er sein Leben verdankte, schmeckte Alfred Polgar die Freiheit bitter.

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Das Erlebnis der Reise ritzt nicht die leiseste Spur in meine Seele. Ich denke an das grenzenlose Elend, das ich in den letzten Monaten gesehen habe, an die vielen, vielen, die sich nicht retten konnten, an die Freunde, die zugrunde gegangen sind. Alfred Polgar

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Sabine Günther, Herzasthma des Exils. Ein literarische Spurensuche in Marseille