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MARSEILLE - EIN STADTPORTRÄT Sabine Günther Office du Tourisme Marseille, 1996

Beim Urlaubspläneschmieden wird mächtig unter Wiederholungszwängen gelitten - immer wieder muß dorthin gefahren werden, wo es (besonders im Sommer!) bestimmt nicht am schönsten ist, zum Beispiel in die so geliebte deutschamerikanische Hauptstadt des mittäglichen Frankreich Aix-enProvence. Teures glühendes Pflaster unter hitzeflimmernden Platanen ist des deutschen Sommertouristen größtes Plaisir, ehe er in Richtung Süden weiterfährt, um die ganze Riviera nach dem berühmten Mittelmeer abzusuchen, das sich vermutlich hinter der gestrandeten Superkonserve "Urlauber-in-Öl" versteckt. Die Côte d' Azur wegen Überfüllung geschlossen. Was nun? Von Aix-en-Provence aus führt ein zweiter Weg ebenfalls direkt ans Meer - nach Marseille. Die mit 820.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Frankreichs und in ihrer Flächenausdehnung sogar zweimal größer als Paris sieht, vom Meer aus betrachtet, wie ein riesiges Amphitheater aus, das im Halbrund von Hügelketten abgeschlossen, von der Sonne exakt 2886 Stunden im Jahr angestrahlt, vom Mistral 100 Tage lang durchgeblasen und von Wassern umspült wird, deren Reinheitsgrad seit 1993 medaillenwürdig ist. Die Strände von Marseille sind breit und 20 km lang und in Richtung Cassis von gewaltigen Felswänden beherrscht, die steil über zahlreichen Calanques aufragen. Die Buchten gelten zu Recht als wahre Naturparadiese, Wander-, Kletter- und Taucheridyllen. Während nun der komfortable Linienbus mit unbekannter Geschwindigkeit auf das von Unserer Lieben Mutter göttlich beherrschte Weichbild von Marseille zurast, haben wir Zeit, noch


einmal schnell sämtliche Negativ-Klischees wie "anrüchiges Hafenstadtambiente", "Halb-Afrika" oder "Gangster-Metropole" gedanklich zu reaktivieren und bemerken bei dieser Gelegenheit die große ängstliche Leere, die unsere Ahnungslosigkeit über Marseille ausfüllt. Vor 150 Jahren beschloss Marseille im Zuge der kapitalistischen Industrieentwicklung und der Kolonialisierung Afrikas und Asiens eine eigene Flotte aufzubauen. Diese Idee traf glücklich mit der Erfindung des Dampfschiffs zusammen und führte in kürzester Zeit zur Industrialisierung der Hafenmetropole und zur Entstehung einer Dynastie von Reedern, die sich fortan mit den Kaufleuten die Macht über die Stadt teilten. Auf den Schiffen von Régis, Fabre, Fraissinet und Paquet wurden Rohstoffe und Einwanderer nach Marseille transportiert, deren Arbeitskraft sich in den Zuckerraffinerien, den Mehl-, Nudel und Seifenfabriken und in den neugebauten Hafenanlagen von La Joliette verausgabte. Der Marseiller Norden verwandelte sich in kürzester Zeit in ein großes Industriegebiet, dessen Mittelpunkt die Docks und Getreidesilos bildeten. Im Zentrum der Stadt unterdessen drehte sich alles um die Börse, die am Anfang der Prachtstraße La Canebière lag, direkt gegenüber dem berühmten Café Turc (heute Tourismusbüro), in dessen mauresk plüschigem Interieur eine ganze Generation orientreisender Romantiker von Lamartine über Nerval und Gautier bis zu Flaubert versank und mit der Vorahnung auf den Orient eine ebenso klare Vision vom un- oder gar antifranzösischen Charakter des Ortes, an dem sie sich gerade aufhielten, verband. Alexandre Dumas entdeckte in jenen Jahren die der Stadt vorgelagerte Gefängnisinsel If und machte sie zum Schauplatz seines Bestsellers über den Grafen von Monte Christo, der nach dem Willen seines Erfinders auf Château d' If einsaß und nach


geglückter Flucht einige Jahre später als Rächer nach Marseille zurückkehrte. Emile Zola schrieb in seinen Pariser Hungerjahren 1867/68 für den "Messager de Provence" einen Feuilletonroman mit dem Titel "Les Mystères de Marseille", in dem er die vom Geldrausch angetriebene Gesellschaftsmaschine minutiös in ihre Einzelteile zerlegte. Vor hundert Jahren stieg Marseille vom Grund seines Reichtums und seines durch bedeutende Einwanderungsbewegungen befestigten Kosmopolitismus zu einer Kulturstadt auf, für deren besonderen Charakter ein paris- und zentraleuropäisch gebildeter Geschmack keine Begriffe hatte. Ist es ein Zufall, daß 1891 der Dichter Arthur Rimbaud aus Afrika kommend in Marseille strandete und starb, der Künstler-Fotograph Félix Nadar 1894 auf der Höhe seines Ruhms Paris verließ und in Marseille auf der Canebière ein Atelier eröffnete, daß die Brüder Lumière 1896 einige Häuser weiter das Kino erfanden, daß die modernen Maler Honoré Daumier und Alphonse Monticelli aus Marseille kamen und in L'Estaque, einem Vorort, auf den Spuren Cézannes von Georges Braque 1907 die ersten kubistischen Bilder gemalt wurden und dass nicht zuletzt in Marseille genau vor hundert Jahren der skandalös modernste Dichter Frankreichs zur Welt kam: Antonin Artaud? (Seinem graphischen Werk wurde1995 im Musée Cantini eine bemerkenswerte Ausstellung gewidmet.) Marseille blieb auch nach dem Ende seiner wirtschaftlichen HochZeit eine Kulturmetropole ersten Ranges. In den Zwanziger Jahren entdeckten die Konstruktivisten, Surrealisten, deutsche Intellektuelle und Künstler die Stadt, ehe in den Vierzigern Viele von ihnen erneut nach Marseille kamen, um aus Europa zu emigrieren. Die Stadt hat eine lange kulturelle und künstlerische Tradition, die heute, da Marseille vor enormen wirtschaftlichen Problemen steht, deren Lösung sich eben erst am Horizont des Jahres 2000


abzuzeichnen beginnt, aktiver denn je ist. Die über 30 Theater und 20 Museen der Stadt werden in ihrer Arbeit von flächendeckenden Künstleraktivitäten begleitet, die bevorzugt leerstehende Speicher, Lagerhallen und sonstiges Brachland reaktivieren. Während Teile ehemaliger Hafenanlagen des von Stilllegung bedrohten "Port Autonome" alljährlich im Oktober zum Schauplatz der "Fiesta des Sud" erklärt werden und daselbst multikulturell spektakelt, gesungen und natürlich getanzt wird, zeigt einige Schritte weiter der Architekt Eric Castaldi seit 1993 mit großem internationalem Erfolg an den halbverfallenen Speicherhäusern, was er unter Gebäude-Recycling versteht. Die von Castaldi angeregte Umwandlung der Docks in einen Bürohaus- und Dienstleistungskomplex unter Berücksichtigung der ursprünglichen Form und Funktion der Speicher und die Einrichtung einer eigenständigen urbanen Einheit im Joliette-Viertel stand am Beginn des wohl ehrgeizigsten Sanierungsprojekts für Marseille, das der Stadt unter dem vielversprechenden Namen "Euroméditerranée" eine neue wirtschaftliche Perspektive im Dienstleistungs- , Forschungs- und Hochtechnologiebereich geben soll. Wer die mit dem Stadtumbau verbundenen Turbulenzen meiden möchte, sollte den Weg ins älteste Marseiller Viertel, den Panier einschlagen, auf dessen höchstem Punkt ein Bauwerk von seltener Schönheit, gefüllt mit Schätzen indianischer, afrikanischer und ozeanischer Kunst auf ihn wartet: die Vieille Charité. Marseille ist eine spannende Mittelmeerstadt, weil hier, an diesem verwildert schönen und schön verwilderten uralten Ort, Hunderttausenden jeden Tag aufs neue das Kunststück eines Lebens in permanenten Metamorphosen, Durchgängen und Experimentalzuständen gelingt. In ihrer Vielartigkeit, Aggressivität und Weisheit sind sie Teile des gepuzzelten und versöhnlich meerund himmelblau strahlenden Universums, aus dem Marseille gemacht ist.

Marseille - Ein Stadtporträt  

Essay von Sabine Günther. Im Auftrag des Office du tourisme, Marseille 1996 © Sabine Günther

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