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EXILPLAN

2012

WWW.EXILPLAN.COM © PASSAGE & CO., MARSEILLE | LAYOUT : SABINE GÜNTHER, 2014


K APITEL 1 | C HAPITRE 1

Workshop

Dieser Exilplan-Workshop stand im Zeichen des Wissensaustauschs zwischen MasterstudentInnen aus Berlin und Aix-en-Provence. Das eBook beinhaltet das Material, das von den WorkshopteilnehmerInnen im Vorfeld zusammengetragen und aufbereitet wurde. L‘atelier Plan d‘Exil en 2012 donna lieu aux échanges universitaires entre étudiants-es berlinois-es et aixoises. L‘ebook contient tous les textes - souvent dans leur version bilingue - que les étudiants-es ont rédigés en préparation de cet atelier.


Programm

Günther) / Fotografieren / Notizen / Tonaufnahmen im Belsunce-Viertel. Samstag (7.7.)

Donnerstag (5.7.) – Anreise Freitag (6.7.) 9 Uhr 30 Cité des associations, 93 La Canebière, 13001 Marseille Präsentationsrunde, interne Projektdiskussion. Master-Student/innen aus Berlin stellen ihre Projektbeiträge zur « Berliner Route der Migration 2011 » vor / Präsentation des Exilplan-Projekts von Passage & Co. / Einführungsvortrag zur Geschichte und Aktualität der Stadt Marseille (Thea Göhring) 12.00 – Kurzbesuch der Fotoausstellung « Les Chibanis », CRIJ, Canebière 12.30 - 14 Uhr Mittagspause – Vorschlag : Aioli am Alten Hafen 14 Uhr (Foyer, 26 rue Estelle) Diskussionsbeitrag zum Belsunce-Viertel (Martina Arnold) / Dokumentarfilme (Les villes intimes (dt. Zusammenfassung) und Passages Marseille (dt)) 16 – 18 Uhr Stadtrundgang und -recherche auf den Spuren europäischer Exilanten im 2. Weltkrieg. (Leitung: Sabine

10 Uhr Fotoausstellung „Migrants“ (Atelier de Visu, 19 rue des Trois Rois, 13006 Marseille) anschließend Diskussionsrunde über Fragen der europäischen Ausländer- und Migrationspolitik. Diskussionsbeiträge von Dr. Manuela Bojadzijev (Dozentin, Institut für europäische Ethnologie, Humboldt-Universität Berlin) und Dana Lupu (Masterstudentin, Interkulturelle Studien, Aix-Tübingen). Gast: Maude Gruebel, Fotografin 13.30 – 15.00 Uhr – Besuch der Retrospektive Jacques Villeglé im MAC. Picknick in der Umgebung des MAC, av. d’Haifa* 16 – 18 Uhr (Amies du Foyer) Öffentliche Projektpräsentationen, Diskussionsveranstaltung Gäste: 5 Berliner MasterstudentInnen (HU, Berlin) - Präsentation ihrer Mythen der Migration-Projekte, die im Rahmen der Berliner Route der Migration ausgestellt wurden); Gäste: Ramzi Tadros (ACT), Jugendgruppe vom französischen Freiwilligendienst mit einer Fotoausstellung über die algerischen Fremdarbeiter „les Chibanis“ **Option für den Abend: 19 Uhr – mit dem Bus nach Aix-enProvence. Performative Installation von LFKs im Rahmen des Opernfestivals. (10 € Bus / 10 € Eintritt)

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Sonntag (8.7.)

19Uhr Couscous-Essen mit allen Workshopteilnehmer/innen

Freier Tag – wir machen Vorschläge für Ausflüge und Ausstellungen usw / Programm in Zusammenarbeit mit Peuple & Culture und dem FID...

Dienstag (10.7.) Abreise der Berliner StudentInnen

*** 21.30 Uhr (Option) – Théâtre Sylvain – „L’inconnu“ von Tod Browning, amerikanischer Stummfilm mit Musikbegleitung, im Rahmen des FID – Eintritt frei. (Wegbeschreibung liegt bei)

Programme

Montag (9.7.)

Jeudi (5.7.) – arrivée dans la journée

9 Uhr - Treffen mit Damien Taillard (Phocée Phone) im Docks Café, Cours Belsunce, der alte Schallplatten mit Musik des Belsunce-Viertels aus den 60er und 70er Jahren sammelt und uns durch das Viertel führt.

Vendredi (6.7.)

11.00 – 12.30 Uhr – Treffen und Interview mit Ulrich Fuchs, stellvertretender Generaldirektor „Marseille-Provence, Europäische Kulturhauptstadt 2013“, Maison diamantée 14 Uhr Cité des associations – Treffen mit Laurence Américi (Historikerin, Dozentin an der Universität Aix-en-Provence) – Präsentation des Fotoarchivs Keussayan und ihrer Recherchen dazu. 17 Uhr – Diskussionsbeitrag „Vergleich des MultikultiVerständnisses in Deutschland und Frankreich“, von Prof. Karl Heinz Götze (Studienleiter am germanistischen Institut der Universität Aix-Marseille)

EN FRANÇAIS

9h30 Cité des associations, 93 La Canebière, 13001 Marseille Tour de présentations, discussion interne à propos du projet. Les étudiants de Berlin présentent leurs contributions au projet « La route berlinoise de migration » (2011) /// Présentation du projet « Plan d'exil » par Passage & Co. / contribution à la discussion par Martina à propos du quartier Belsunce / film documentaire (« Les villes intimes » ou « Marseille Transit ») 15h à 18h Exploration urbaine sur les pas d'exilés européens pendant la Seconde Guerre mondiale. Animation : Sabine Günther/prendre des photos et des notes au quartier Belsunce Samedi (7.7.) 11h exposition-photo « Les Migrants » (atelier de Visu), suivi par une table ronde sur la politique européenne de migration. 3


Contributions : par Manuela Bojadzijev (maître de conférences, UFR d'éthnologie européene à la Humboldt-Universität Berlin), et Dana Lupu (étudiante, Université Aix-Marseille)

 

16h présentation publique des projets issus de la « Route berlinoise de migration », table ronde avec des représentants associatifs, des chercheurs et des artistes sur les flux migratoires à Marseille, l’organisation et la représentation des communautés, les changements urbains (gentrification) et les défis en matière d’intégration, dans la perspective de « Marseille-Provence, Capitale européenne de la Culture 2013 ».  Dimanche (8.7.) journée de repos – nous ferons des propositions concernant des excursions, des expositions etc. Lundi (9.7.) 9h - 11h Balade sur les pas de Walter Benjamin (Rendez-vous au Vieux port, côté mer, sortie de métro) 11h30 - 12h rencontre et interview avec Ulrich Fuchs, Directeur général adjoint « Marseille-Provence 2013 », Maison diamantée 17h Conférence de M. le Prof. Karl Heinz Götze, directeur d'études à l'UFR d'études germaniques de l'Université Aix-Marseille : « La notion du multiculturalisme en Allemagne et en France » 19h dîner de couscous avec tous les participants de l'atelier 4


A BSCHNITT 2 | S ECTION 2

Workshop-Protokoll (dt.) T HEA G ÖHRING , L INA P ELZ , M ARTINA A RNOLD

Deutsch-französischer Exilplan-Workshop, vom 5. bis 10. Juli 2012 in Marseille Projektträger: Passage & Co. | Projektleitung: Sabine Günther In Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität, Berlin und dem Fachbereich Interkulturelle Studien (Germanistik, Master Aix-Tübingen), Université Aix-Marseille Gefördert vom Deutsch-Französischen Jugendwerk

Exilplan - Atelier franco-allemand, du 5 u 10 juillet 2012 à Marseille Porteur de projet : Passage & Co. | Direction : Sabine Günther

En partenariat avec: UFR d'anthropologie européenne à la Humboldt-Universität (Berlin) et l'UFR d'études germaniques (études interculturelles) à l'Université Aix-Marseille Avec le soutien de l‘Office francoallemand pour la Jeunesse

F REITAG , 6. J ULI 2012 Nach der Ankunft der Teilnehmer am Donnerstag, den 5. Juni, begann heute das offizielle Programm des Workshops. Dazu fanden wir uns zu einer ersten Arbeitssitzung um 9 Uhr 30 in der Cité des associations ein (93, La Canebière, 13001 Marseille). Unsere Gruppe besteht insgesamt aus elf Teilnehmern: fünf Berliner Masterstudenten (Europäische Ethnologie, HU) mit ihrer Dozentin Frau Dr. Manuela Bojadzijev und vier Masterstudentinnen aus Aix-en-Provence (Interkulturelle deutschfranzösische Studien), sowie der Projektleiterin Sabine Günther (Passage & Co.). Um das erste Kennenlernen und gegenseitige Vorstellen mit einem direkten Einstieg in das Thema Exil und Migration zu verbinden, stellten wir uns gegenseitig unsere Projekte und Forschungsthemen vor.

Präsentation der Workshopteilnehmer/ innen und ihrer Forschungsprojekte zum Thema Exil und Migration Im Rahmen einer Studieneinheit haben sich die Berliner Ethnologie-Studenten dem Projekt „Mythen der Migration“ gewidmet und dem 2011 realisierten Stadt-Projekt „Berliner Route der Migration“ mit eigenen Forschungsbeiträgen zugearbeitet. In Kleingruppen wurden verschiedene Schwerpunkte gesetzt und das Ergebnis dieser Arbeit wurde uns nun vorgestellt. Jana z.B. hat sich mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt und auf der Grundlage von Zeitzeugengesprächen einen Vergleich der Situation heute und vor zehn Jahren angestellt. 5


Produkt ihrer Arbeit ist der Film Mauern 2.0, der eine Antwort auf den 10 Jahre älteren Film Duvarlar/Mauern/Walls darstellt. Nina hat sich mit dem Asylbewerberleistungsgesetz beschäftigt und erörtert, inwiefern dies einem Integrationsverbot gleichkommt. Dabei hat sich ihr ein neues, weites Forschungsfeld zu Grenzen in Europa und Theorien der Grenzregimeforschung eröffnet, was nun auch Gegenstand ihrer Masterarbeit ist. Selbiges gilt für Jenny, die das Thema der Umbenennung von Straßen am Beispiel der Berliner Mohrenstraße bearbeitet hat. In der Öffentlichkeit gibt es dazu derzeit eine Debatte, bei der es um das WIE der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte geht. Das Projekt soll in Form eines Kolonialstadtplans künstlerisch verarbeitet werden. Gabriel und Nicolas haben sich dem umfangreichen MathesieFotoarchiv gewidmet, das sich heute im Kreuzbergmuseum befindet. Nachdem sie eine Auswahl an Porträt- und Familienfotos aus den 60er und 70er Jahren getroffen hatten, gingen sie auf die Suche der Porträtierten und kamen zu erstaunlichen Ergebnissen: Manch einer erkannte sich auf dem Foto wieder und rekonstruierte daraufhin seine Geschichte. Die Zusammenarbeit mit Zeitzeugen wird fortgesetzt, und es liegt nun in der Hand des Kreuzbergmuseums, das Fotoarchiv öffentlich zugänglich zu machen. Anschliessend stellten wir Studentinnen aus Aix-en-Provence und Paris uns sowie die Themen unserer Masterarbeiten vor.

Es herrschte großes Interesse; lange diskutierten wir vor allem über Martinas Arbeit, die sich mit zwei Romanen beschäftigt, die von Insassen des Internierungslagers Les Milles verfasst wurden. Im Vordergrund stehen die Problematik des Exils und des Umgangs mit Erinnerung und Erinnerungsorten. Schließlich stellte Sabine Günther sich selbst sowie den Verein Passage & Co. vor. Besonders beeindruckend war, dass für sie einer der – wenn auch anfangs unbewussten – Gründe für die Beschäftigung mit dem Exil-Thema auf persönlicher Erfahrung beruht.

Fazit der Projektpräsentationen Es lassen sich auf deutscher und französischer Seite viele Gemeinsamkeiten in Motivation und Herangehensweise feststellen. Z.B. setzen wir uns alle zum Ziel, Spuren an den Orten bzw. in den Ländern, in denen wir studieren, wiederzufinden und die Geschichte lebendig zu machen. Dies kann durch den Kontakt mit Zeitzeugen geschehen, was uns alle sehr begeistert und fasziniert, seien es die Bewohner des Altersheims in Kreuzberg oder die Chibanis in Marseille.Uns allen liegt auch daran, einen Übergang zwischen Theorie und Praxis herzustellen und individuelle Lebensgeschichten mit historischen Fakten und aktuellen Zahlen zu untermauern. Weiterhin suchen wir den Kontakt zu Institutionen, die uns als Informationsquelle dienen bzw. als Kooperationspartner in Frage kommen könnten. Am wichtigsten ist für uns alle, unsere Recherchen und Erfahrungen an Dritte weiter zu geben und eine Multiplikator-Funktion zu übernehmen. Dies kann z.B. im Rahmen von Workshops und Publikationen oder Ausstellungen 6


erfolgen. Dabei wird auch ein künstlerischer Umgang mit dem Thema gesucht (z.B. Collagen, Fotos und Hörspiele).

Vortrag zur Geschichte und aktuellen Situation der Hafenstadt Marseille Die erste Sitzung wurde abgerundet mit Theas Diskussionsbeitrag zur Geschichte und Aktualität der Hafenmetropole Marseille. Schwerpunktmässig ging es um die demographische, soziale und politische Struktur der Stadt sowie um Tendenzen von Gentrifizierung und um aktuelle Urbanismusprojekte. Großes Interesse seitens der Berliner, viele Fragen und Vergleiche mit anderen Städten und Ländern führten zu einer angeregten Diskussion.

Fotoausstellung im CRIJ über die Chibanis, die algerischen Gastarbeiter in Marseille Schließlich begaben wir uns um 12 Uhr zum CRIJ, dem Centre Régional Information Jeunesse (96, La Canebière, 13001 Marseille). Dort besichtigten wir die Fotoausstellung Les Chibanis, die jugendliche Freiwillige in Zusammenarbeit mit den Vereinen Unis-Cité und Les Petits Frères des Pauvres organisiert hatten. Die Fotos waren sehr beeindruckend und weckten das Bedürfnis, mehr über die Geschichte der Chibanis zu erfahren.

Zum Mittagessen gab es Aioli, ein typisches regionales Gericht mit frischem Fisch, viel Gemüse und einer deftigen Knoblauchsoße.

Vortrag über das Belsunce-Viertel Eine wegen der Hitze spontane Programmänderung führte dazu, dass wir direkt nach dem Mittagessen im Restaurant Martinas Einführung zum Belsunce-Viertel hörten. Sie erläuterte dessen Geschichte und den Einfluss der verschiedenen Migrationswellen auf die Entwicklung des Viertels. Sie ging auf aktuelle Handelsstrukturen und Probleme bei den im Rahmen des Urbanismusprojekts Euroméditerranée eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen ein. Dieser Diskussionsbeitrag stellte eine gute Grundlage für den darauffolgenden Stadtrundgang durch das Belsunce-Viertel auf den Spuren der europäischen Exilanten im 2. Weltkrieg dar.

Literarischer Rundgang auf den Spuren der Exilanten in Marseille Der von Sabine Günther animierte Rundgang begann um 14 Uhr 30 am alten Hafen und führte uns zu markanten und geschichtsträchtigen Orten. Nahe der heutigen Hauptverkehrsachse La Canebière sahen wir in der Rue Beauvau das Hotel, in dem seinerzeit Walter Benjamin wohnte, bevor er erfolglos die Flucht über die Pyrenäen versuchte. Über den Cours Belsunce erreichten wir die Rue du Relais, in der Anna Seghers mit ihren beiden Kindern im Hotel Aumage gewohnt hatte, bevor sie mit ihrer Familie im April 1941 legal aus Frankreich 7


ausreisen durfte. In der Rue Thubaneau beobachteten wir die Ergebnisse neuester Umgestaltungsmaßnahmen im BelsunceViertel, sei es die Renovierung der Gebäude, die Ansiedlung von Künstlern oder die Eröffnung eines privat Mémorial de la Marseillaise. Schließlich erreichten wir das auf dem Boulevard d'Athènes gelegene Hotel, in dem Varian Fry sein erstes Domizil einrichtete und von wo aus er 1940-41 tausenden von Exilanten zur Flucht in die USA verhalf. Der Rundgang wurde mit großer Freude fotografisch und durch die Tonaufnahmen, die Dana von Sabines Ausführungen machte, dokumentiert, sowie durch Auszüge, die abwechselnd aus literarischen Werken der besprochenen historischen Persönlichkeiten vorgelesen wurden, bereichert.

S AMSTAG , 7. J ULI 2012 Am zweiten Workshoptag haben sich die Organisatoren bereits um 9:45 Uhr im Foyer des Amies in Marseille getroffen, um die für das Picknick vorbereiteten Sachen kühl zu lagern. Um 10 Uhr haben wir uns mit den WorkshopteilnehmerInnen getroffen und sind gemeinsam Richtung Atelier de Visu am Cours Julien gegangen.

Das im Jahre 1998 gegründete Atelier de Visu ist eine Galerie für zeitgenössische Fotografie und dient nicht nur als Ausstellungsort, sondern auch als Arbeitsraum, Ort der Vernetzung für Fotografen unterschiedlichster Schulen, Künstlerresidenz sowie als Raum für Workshops und Diskussionsrunden. Die Mitarbeiter der Galerie empfingen uns herzlich und stellten uns die aktuelle Fotoausstellung « Les Migrants » vor. Dabei handelt es sich um acht Fotos des Fotografen Mathieu Pernot, der im Sommer 2009 junge schlafende Afghanen in Paris fotografiert hat, kurz bevor sie von der Polizei aufgegriffen und abgeschoben worden sind. Der Fotograf befasste sich außerdem mit den Flüchtlingsgeschichten und verfasste zusammen mit dem 26-jährigen Afghanen Jawad einen Reisebericht, der seine Flucht in die französische Hauptstadt beschreibt. Im Anschluss an die Besichtigung der Ausstellung wurde eine Diskussionsrunde eröffnet. Die junge, in Marseille lebende Fotografin Maude Gruebel stellte zunächst das Atelier de Visu, sich selbst und ihre Arbeit vor. Danach sahen wir uns einen kurzen Film, den Arte über Mathieu Pernots Ausstellung gemacht hatte, an und verlasen unsere deutsche Übersetzung des Reiseberichts von Jawad.

Fotogalerie Atelier de Visu / Ausstellung Les migrants von Mathieu Pernot / Diskussion mit der Fotografin Maude Grübel 8


Vorträge über die deutsche und französische Ausländer- und Migrationspolitik Anschliessend hielt Manuela Bojadzijev einen Vortrag über die Geschichte bzw. Entwicklung der deutschen Ausländerund Migrationspolitik. Der Beitrag zur französischen Ausländerpolitik kam von Dana Lupu, in dem es u.a. auch um den Umgang mit Flüchtlingen bzw. Migranten sowie die Geschichte von Abschiebelagern in Frankreich ging. Diese Gegenüberstellung der Migrantionspolitik in beiden Ländern regte die WorkshopteilnehmerInnen an, Fragen zu stellen; es wurde diskutiert, und persönliche Meinungen wurden ausgetauscht.

Besuch der Retrospektive des Künstlers Jacques Villeglé im MAC Gegen 12:15 Uhr folgte die Mittagspause in Form eines angenehmen Picknicks im Garten des Musée d’Art Conetmporain (MAC). Um 14:15 Uhr besuchten wir die Retrospektive des Künstlers Jacques Villeglé im MAC (Musée d’Art Contemporain). Die Collagen des Künstlers waren eine willkommene Anregung für uns, da geplant war, am Ende des Workshops eigene Collage aus dem in Marseille im Laufe der vergangenen Tage gesammeltem Material zu erstellen. Von 16 bis 18 Uhr war eine öffentliche Projektpräsentation und Diskussionsveranstaltung im Foyer des Amies geplant, für die wir im Vorfeld Gäste eingeladen hatten. Die MasterstudentInnen der Humboldt Universität Berlin wollten ihr Pro-

jekt über die “Mythen der Migration” präsentieren, jedoch hatte bereits am Vormittag der Gast Ramzi Tadros abgesagt und die eingeladene Jugendgruppe vom französischen Freiwilligendienst, deren Fotoausstellung über die Chibanis wir am Vortag noch angeschaut hatten, ist nicht zum vereinbarten Termin im Foyer des Amies erschienen. Somit entfiel dieses Nachmittagsprogramm.

Besuch der Performance Une situation Huey P. Newton von LFKs im Rahmen des Opernfestivals in Aix-en-Provence Als Alternativprogramm entschieden sich die WorkshopteilnehmerInnen früher als geplant nach Aix-en-Provence zu fahren, um vor dem Abendprogramm noch die Stadt zu besichtigen. Um 20 Uhr trafen wir uns zur Performance Une situation Huey P. Newton des Marseiller Künstlers Jean-Michel Bruyère und seines Künstlerkollektivs LFKs, das im Rahmen des Aixer Opernfestivals gezeigt wurde.

S ONNTAG , 8. J ULI 2012 Der programmfreie Tag wurde von den Berliner WorkshopteilnehmerInnen zur Erkundung der Strände und der Calanques in Marseille und von den OrganisatorInnen zur Verarbeitung der schon vorliegenden Ergebnisse sowie zur Vorbereitung des bevorstehenden letzten Workshoptags genutzt.

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M ONTAG , 9. J ULI 2012

Treffen und Gespräch mit Damien Taillard, DJ und Sammler alter Schallplatten mit Musik aus dem Belsunce-Viertel (Phocée Phone) Wir trafen uns um 9 Uhr im Docks Café (40, Cours Belsunce, 13001 Marseille) mit Damien Taillard, der uns bis 11 Uhr das Belsunce-Viertel und seine ganz besondere Leidenschaft für Schallplatten aus den 60er und 70er Jahren mit Musik aus dem Mittelmeerraum, vor allem aus dem Maghreb und aus Armenien näherbrachte. Nachdem sich Damien uns kurz vorgestellt hatte, sprach er über die Sänger und Musikgruppen, deren Platten sich in seiner Sammlung befinden. Anhand von mitgebrachten Schallplatten berichtete er über die Geschichte der traditionellen Musik des Mittelmeerraums sowie über die Geschichte dieser Musik in Marseille. Auch wenn die Themen dieser Musik das alltägliche Leben und die Liebe sind, macht sie der Kontext, in dem sie entstanden ist, zu etwas Besonderem, weshalb Damien Taillard von „chant de l'exil“ spricht. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Spuren dieses kulturellen Erbes zu bewahren und die Musik im Internet einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Anschliessend an das Gespräch führte er uns durch das Belsunce-Viertel und zeigte uns das letzte Geschäft, das diese Musik vermarktet und die letzten Bars, wo sie gespielt wird, sowie eine Galerie, wo die-

ses kulturelle Erbe im Rahmen von Veranstaltungen gepflegt wird.

Besuch bei Tom le Tailleur Der Rundgang fand seinen krönenden Abschluss mit einem Besuch bei „Tom le Tailleur“ (22, rue des Petites Maries, 13001 Marseille). Der inzwischen 71-Jährige immigrierte vor 41 Jahren aus dem Senegal nach Marseille und lebt hier seitdem glücklich und zufrieden als Schneider. Sein bunter Laden mit eigenen Kreationen und senegalesischen Objekten ist längst zu einem touristischen Anziehungspunkt geworden. Tom sieht sich selbst als Modell einer gelungenen Integration in Frankreich und als glücklicher Migrant.

Treffen mit Ulrich Fuchs, stellvertretender Generaldirektor von „Marseille-Provence 2013 – Europäische Kulturhauptstadt“. Am späten Vormittag hatten wir die großartige Gelegenheit, ein Gespräch mit Ulrich Fuchs in der Maison Diamantée zu führen (Rue de la Prison, 13002 Marseille). Ulrich Fuchs ist stellvertretender Generaldirektor des großen Kultur- und Urbanismusprojekts „Marseille-Provence 2013 – Capitale européenne de la culture“, nachdem er 2009 Intendant der Europäischen Kulturhauptstadt Linz war. In Marseille haben er und seine MitarbeiterInnen sich zum Ziel gesetzt, der Stadt ein Jahr lang ein breitgefächertes, allen Bevölkerungsschichten zugängliches Kulturprogramm zu bieten, zum Beispiel mit 10


Aktivitäten kultureller, wissenschaftlicher, sozialer oder sportlicher Art. Im Jahr 2008 wurde Marseille zur Europäischen Kulturhauptstadt 2013 gewählt, weil sie es, laut Ulrich Fuchs, „am nötigsten hat“. Seinen „Einstieg“ in die Stadt beschreibt Ulrich Fuchs als ethnologisches Projekt, bei dem er gelernt habe, die Stadt lesen zu lernen. Aufgrund seiner Eindrücke hat er zwei Projekt-Schwerpunkte für Marseille ausgemacht: Erstens habe Marseille als zweitgrößte Stadt Frankreichs großen Nachholbedarf bei der Aneignung und dem Ausstellen einer kulturellen Identität und zweitens müsse man sich die Frage stellen, was Europa vom Mittelmeer lernen kann. Marseilles Spezifik als mediterrane Hafenstadt und Drehscheibe des Exils und zeitgenössischer Migrationsbewegungen wird in zahlreichen Projekten thematisiert werden. Zum Beispiel in der Ausstellung „Ici, ailleurs“ von Künstlern aus Algerien und anderen Mittelmeerstaaten oder in einem frauenspezifischen Projekt, das darin besteht, arbeitslose Frauen mit Migrationshintergrund zu Stadtführerinnen auszubilden. Auf die Frage der Nachhaltigkeit des Projekts antwortet Fuchs, dass der Titel Kulturhauptstadt „kein Produkt, sondern ein Prozess“ sei und man das Gelingen des Projekts nicht garantieren könne. Allerdings gäbe es finanzielle Reserven für das Folgejahr und Arbeitsgruppen, die die Ergebnisse dokumentieren und Neuansätze begleiten werden. Die intensive Kooperation mit lokalen Institutionen wie „Friche la Belle de Mai“ soll auch über das EU-Kulturhauptstadt-Jahr hinaus fortgesetzt werden. Ebenso werden andere Großprojekte sichtbar bleiben, die durch die Kulturhauptstadt ermöglicht wurden. Dazu gehört etwa die Errichtung des CeReM (Centre régional de la Méditer-

ranée) und des MuCEM (Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée) sowie die strukturellen Umbauarbeiten am alten Hafen und im Einzugsbereich des Urbanismusprojekts „Euroméditerranée“. Die persönliche Stellungnahme von Ulrich Fuchs und die Möglichkeit, viele Fragen zu stellen, gaben uns einen tieferen Einblick in das Großprojekt „MarseilleProvence 2013“ und ermöglichten uns die Perspektive der Organisatoren nachzuvollziehen. Diese große Chance wussten alle sehr zu schätzen!

Gesprächsrunde mit der Historikerin Laurence Américi über das Fotoatelier von M. Keussayan im Belsunce-Viertel Nach der Mittagspause referierte die Historikerin Laurence Américi über das Fotoarchiv von Monsieur Keussayan, der ab 1933 vor allem die Bevölkerung des Marseiller Viertels Belsunce ablichtete. Aufgrund der Nähe des Fotostudios zur Porte d'Aix zählten aber auch die Bewohner der vorgelagerten Städte und Dörfer zu Keussayans Kunden. Das Studio existiert noch heute, obwohl der Inhaber schon seit einigen Jahren in Rente ist. Es erfüllt nun zunehmend die Funktion eines „lieu de rencontre“. Nur aus Zufall besteht das Fotoarchiv Keussayan heute noch. 1.688 Negative aus den Jahren 1961 bis 1974 blieben versehentlich von der sonst üblichen Zerstörung durch Verbrennung verschont und lagerten bis zum Jahr 2000 unentdeckt im Landhaus der Familie. Da die Negative nur mit kurzen No11


tizen versehen sind, ist eine Identifizierung der Abgebildeten meistens nicht möglich. Auch die Urheberschaft der Fotos kann nicht vollkommen geklärt werden, weil ab 1966 Keussayans Sohn ebenfalls als Fotograf im Studio arbeitete. Für die Untersuchung des Fotoarchivs stehen letztlich nur zwei Quellen zur Verfügung: die Negative und die Auskünfte von Herrn Keussayan. Laurence Américi beschäftigt sich im Moment mit etwa 100 Fotos des Archivs. Zu den Ergebnissen ihrer Untersuchung zählt unter anderem, dass die Mehrheit der Porträtierten männlich ist (etwa 70%). Auch die häufige Abbildung einzelner Männer scheint ein Indiz dafür zu sein, dass die Negative vor der Familienzusammenführung entstanden sind. Erst ab den 70er Jahren tauchen zunehmend Familienporträts auf. Die Abgebildeten sind überwiegend schick gekleidet und in einem eigens dafür inszenierten Raum fotografiert. Pierre Bourdieu kam in den 60er Jahren bei seiner Beschäftigung mit der Fotografie im ländlichen Milieu zu ähnlichen Feststellungen, wie sie Américi in Bezug auf die Bilder der Stadtbewohner formuliert. Durch die Inszenierung der Abgebildeten soll vor allem ihre Zugehörigkeit zur westlichen Gesellschaft sowie ihre Verbundenheit zu deren Werten betont werden. Keussayan sah den Sinn seiner Arbeit stets darin, seinen Kunden zu Ehre und Respekt zu verhelfen. In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Berliner Studenten bei ihren Recherchen zum Kreuzberger Fotoarchiv zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Allerdings machten sie auch abweichende Be-

obachtungen, was beispielsweise die Accessoires der Porträtierten oder die Vorgehensweise des Fotografen betraf.

Vortrag von Prof. Karl-Heinz Götze über das Multikulti-Verständnis in Deutschland und Frankreich Nach einer kurzen Pause folgte der Diskussionsbeitrag „Vergleich des Multikulti-Verständnisses in Deutschland und Frankreich“ von Professor Karl Heinz Götze. Professor Götze näherte sich dem „Multikulti“-Begriff aus geschichtlicher Perspektive. Deutschland, das in der Tradition des hegelschen Kulturrelativismus steht, hatte schon immer Schwierigkeiten, die eigene Identität zu definieren. Deswegen ist seine Selbstwahrnehmung kulturell bestimmt. Schon in den 40er und 50er Jahren erfolgen in Deutschland große Migrationsbewegungen, die allerdings als deutsch-deutsche Bewegungen wahrgenommen werden. Erst in den 70er Jahren kommt der Begriff „Multikulti“ auf, als überwiegend positiv besetzter Kampfbegriff zum Schutz der Emanzipation von Minderheiten anderen kulturellen Hintergrundes. In Frankreich stützt sich die Identitätskonstruktion in Rousseauscher Tradition hingegen auf die Kombination von Zentralstaat und Staatsbürger. Dem ius soli zufolge war lange Zeit jede Person, die in Frankreich geboren wurde, automatisch französischer Staatsbürger. Dadurch wurden Integrationsprobleme grundsätzlich ausgeschlossen, vor allem auch mithilfe des erfolgreichen Integrationsmittels Schule. 12


Die nachfolgende Diskussion zu den Projekten der Berliner Studenten schloss den Beitrag von Professor Gรถtze ab, das anschlieรŸende gemeinsame Couscous-Essen letztlich den deutsch-franzรถsischen Exilplan-Workshop insgesamt.

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A BSCHNITT 3 | S ECTION 3

Marseille. Einleitung

Marseille A UTORIN : T HEA G ÖHRING

I NHALT | S OMMAIRE 1. Marseille. Einleitung 2. Marseille. Introduction 3. Geschichte und Gegenwart der Stadt Marseille: demographisch, sozial und politisch

Die Gründung der Stadt um 600 v. Chr. durch Seehändler aus Phokäa (Griechenland) sowie zahlreiche Einwanderungswellen im Laufe der Jahrhunderte sind Zeichen ihrer Öffnung hin zum Mittelmeerraum. Ab 1900 folgte eine Einwanderungswelle der nächsten: Italiener, Griechen, Russen, Armenier, Korsen, Spanier, Maghrebiner, Schwarzafrikaner und v.a. Algerier. Dies prägt die aktuelle demographische Struktur der Stadt, die mit 852 602 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Frankreichs ist. 12,7% der Bevölkerung sind Ausländer, weit mehr haben zwar die französische Staatsbürgerschaft, aber einen Migrationshintergrund. In der Stadt bewirkt dies eine spatiale, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Segregation. Durch das Phänomen der Gentrifizierung ist diese Segregation nicht statisch, da gerade die ärmeren Arbeiterviertel im Zentrum sollen nun von wohlhabenderen Menschen besiedelt werden. Dies wird u.a. durch die französische Urbanismuspolitik seit den 90er Jahren vorangetrieben, mit dem Ziel eine gemischte Bevölkerungsstruktur zu erzeugen. Doch aufgrund der großen Armut führt diese Politik eher zur Verstärkung der Segregation als zu ihrer Überwindung. Diese Entwicklung wird durch die hohe Arbeitslosigkeit (17,7%) sowie durch soziale Probleme verschärft: Mangel an Sozialwohnungen, Bildungsmangel, Gewalt, Drogenhandel und Rassismus. Die Segregation spiegelt sich auch in der politischen Struktur der Stadt wider, so waren die Sieger der Präsidentschaftswahlen 2012 in den ärmeren Arrondissements François Hollande und in den reiche14


ren Nicolas Sarkozy. Darüber hinaus ist am Zuspruch für den „Front National“ und Marine Le Pen ein Erstarken des Rechtsextremismus zu beobachten. Neben nationalen Parteien spielen auch die Mafia und Bürgerinitiativen wie „Un Centre Ville pour tous“ eine große Rolle im öffentlichen Leben. Verschiedene Initiativen stellen eventuell Lösungsansätze für diese Situation dar. So strebt das Urbanismusprojekt „Euroméditeranée“ von 1995 den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt durch den Ausbau des tertiären Sektors, Bevölkerungswachstum und Immobilienprojekte an. Im Rahmen der PRI („Périmètres de restauration immobilière“) wurde dieses Projekt jedoch stark kritisiert, da unzählige, v.a. ältere, nordafrikanische Hausbesitzer, die der Verpflichtung, ihre Gebäude zu sanieren, nicht nachkamen, illegal vertrieben wurden. Ein weiteres Urbanismusprojekt ist „Marseille Provence 2013 Capitale européenne de la culture“, das durch kulturelle Aktivitäten die soziale Integration vorantreiben möchte. Es stellt sich nun die Frage, ob ein künstlicher Eingriff in das Stadtbild durch große Bauprojekte oder kulturelle Aktivitäten tatsächlich in kausalem Zusammenhang zu sozialen, wirtschaftlichen und politischen Problemen steht.

Marseille. Introduction La fondation de la ville vers 600 av. J.-C. par des commerçants maritimes phocéens (Grèce) ainsi que de nombreuses vagues d'immigration au cours des siècles révèlent son ouverture envers l'espace méditerranéen. A partir de 1900, une vague d'immigration suit l'autre : Italiens, Grecs, Russes, Arméniens, Corses, Espagnols, Maghrébins, Africains noirs et sur-

tout Algériens. Cela a un impact fort sur l'actuelle structure démographique de la ville, qui est la deuxième ville de France avec 852 602 habitants. 12,7% de la population sont étrangers, beaucoup plus ont la nationalité française mais sont issus de l'immigration. Dans la ville de Marseille, cela mène à une ségrégation spatiale, sociale, culturelle et économique. En raison du phénomène de la gentrification, cette ségrégation n'est pas statique, car on veut que notamment les quartiers populaires et pauvres au centre ville soient habités par des populations plus aisées. C'est la politique urbaine que la France mène depuis les années 90 qui vise à créer ainsi une mixité sociale. Cependant, cette politique renforce la ségrégation au lieu de la réduire en raison de la précarité dans les quartiers populaires. Ce développement s'aggrave par un taux de chômage très élevé (17,7%) et des problèmes sociaux : manque de logements sociaux, manque d'éducation, violence, trafic de drogues et racisme. La ségrégation se reflète également dans la structure politique de la ville : les vainqueurs des élections présidentielles étaient dans les quartiers pauvres François Hollande et dans les quartiers riches Nicolas Sarkozy. En plus, on observe un renforcement de l'extrémisme de droite vu la popularité du Front National et de Marine le Pen. A part les partis nationaux, la mafia et des initiatives citoyennes tel que „Un Centre Ville pour tous“ jouent un grand rôle dans la vie publique. Plusieurs initiatives pourraient être des solutions possibles pour cette situation. Le projet urbain „Euroméditerranée“ de 1995 vise l'essor économique par la consolidation du secteur tertiaire, la croissance démographique et des projets immobiliers. Dans le cadre des PRI („Périmètres de restauration immobilière“), 15


ce projet a été vivement critiqué, car de nombreux propriétaires, souvent âgés et maghrébins, qui n'avaient pas réalisé l'assainissement obligatoire de leurs bâtiments, ont été expulsé de manière illégale. Un autre projet urbain, c'est „Marseille Provence 2013 Capitale européenne de la culture“ qui veut faire avancer la mixité sociale par des événements culturels. Reste à savoir s'il existe une causalité logique entre une telle intervention artificielle par de grands projets architecturaux ou des événements culturels et des questions d'ordre social, économique et politique.

Geschichte und Gegenwart der Stadt Marseille: demographisch, sozial und politisch K OSMOPOLITISCHES M ARSEILLE Die geographische Lage der Stadt am nördlichen Mittelmeerrand und die Tatsache, dass es sich um eine Hafenstadt handelt, fördert ihren Kontakt zu anderen Mittelmeerstaaten. Dies ist exemplarisch erkennbar ... a) an der Gründung: 620-600 v.Chr. von Seehändlern aus Phokäa in Kleinasien (Griechen). Der Einfluss Fremder war der Stadt von Anfang an eigentümlich. Die Stadt erhielt den Namen „Massilia“ und wird seitdem auch „cité phocéenne“ genannt. Um 125 v.Chr., während der Kriege gegen die Gallier,

wird das Gebiet von den Römern annektiert. Seit 1481 gehört Marseille zu Frankreich. b) an den Einwanderungswellen −

um 1900 Italiener und Griechen, Grund: Arbeiterstreiks

nach 1917 Russen, Grund: Oktoberrevolution

1915 und 1923 Armenier, Grund: Flüchtlinge

1920er und 30er Korsen

nach 1936 Spanier, Grund: Bürgerkrieg

− 1918-1935 Bewohner der ehemaligen Kolonien aus dem Maghreb, Schwarzafrika, Indonesien, Grund: Entkolonialisierung − ab 1962 Algerier: „pieds noirs“, d.h. europastämmige Algerienfranzosen, „harkis“, d.h. Algerier, die für die frz. Armee gekämpft hatten, Grund: Ende des Algerienkrieges −

1990 v.a. Schwarzafrika, v.a. Komorer

D EMOGRAPHISCHE S TRUKTUR − Diese Einwanderungswellen prägen die aktuelle demographische Struktur Marseilles.

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− Die Gesamtbevölkerung beträgt 852 602 Einwohner (INSEE, Stand 1.1.2009). Damit ist Marseille die zweitgrößte Stadt Frankreichs und die drittgrößte Agglomeration Frankreichs. − 12,7% der Bevölkerung sind Ausländer (INSEE, Stand 1.1.2008) − 41,8% der Minderjährigen sind ausländischer Abstammung − Seit 1999 mehrt sich die Einwohnerzahl jährlich um 6500 Einwohner. Dies entspricht einem Wachstum +0,73%, wohingegen es bei Gesamtfrankreich nur ca. +0,6% beträgt. Grund für das starke Bevölkerungswachstum in Marseille ist u.a. die Einwanderung. Dieses Bevölkerungswachstum herrscht erst nach einer Stagnation in den 90ern, die u.a. durch die Schließung des Suez-Kanals bedingt ist.

Gentrifizierung − These: Es besteht ein Zusammenhang zwischen räumlicher, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Segregation. − Marseille ist nach quartiers/arrondissements strukturiert: Jedes Viertel hat einen eigenen Charakter, dies spiegelt sich an der Bevölkerungsstruktur (Nationalität bzw. Herkunft) und an Armut bzw. Reichtum. Die Identifikation mit dem eigenen Viertel ist größer als mit der gesamten Stadt. All-

erdings ist dies kein statisches Gefüge, sondern wandelbar. Grund dafür ist u.a. die Gentrifizierung.

B EGRIFFSKLÄRUNG G ENTRIFIZIERUNG Der Begriff entsteht in den 60er Jahren durch die britische Soziologin Ruth Glass und bezeichnet folgendes Phänomen: ärmere Viertel, in Marseille gerade des Zentrum (Belsunce, Noailles), kommen in Mode und werden von wohlhabenderen Menschen besiedelt. Oft bilden Künstler die „Vorhut“. Das Ergebnis kann entweder positiv sein, wenn eine gemischte Bevölkerungsstruktur entsteht, oder negativ, wenn ehemalige Bewohner verdrängt werden. − Ursachen für die Gentrifizierung können einerseits die freie Wirtschaft des Wohnungsmarkts und andererseits eine spezielle Urbanismuspolitik sein. Beispielsweise wurde in Frankreich in den 80er Jahren die Gentrifizierung bewusst vorangetrieben. Im Fall Marseille verstärkt die Gentrifizierung die Abgrenzung der einzelnen Viertel voneinander, Diese Diskrepanz wird verstärkt durch Probleme wie Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel, Gewalt, Kriminalität, Rassismus.

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Soziale Struktur − u.a. Multikulturalität und Gentrifizierung sind Quellen einer Vielzahl von Problemen: 1.) urban: Mangel an Sozialwohnungen, Wohnen unter menschenunwürdigen Bedingungen 2.) wirtschaftlich: Arbeitslosigkeit 17,7 % (2007); Marseille gehört zu den ärmsten Städten Frankreichs, v.a. aufgrund der großen Schere zwischen Arm und Reich 3.) Bildung : große Unterschiede in der Bildung 4.) sozial: Gewalt, Drogenhandel, Erstarken des Rechtsextremismus

Politische Struktur − Die Frage nach der politischen Orientierung der Bewohner Marseilles lässt sich teilweise anhand der Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen 2012 beantworten. Arme Viertel wählten François Hollande, reiche Viertel Nicolas Sarkozy. Das Ergebnis der ersten Tour in Marseille war folgendes: Hollande 28,05%, Sarkozy 26,93%, Le Pen 21,22% − Der aktuelle Bürgermeister der Stadt ist Jean-Claude Gaudin (UMP), er wurde 2001 und 2008 wiedergewählt. − Bei einer solchen Vielzahl sozialer Spannungen kann man sich fragen, wie darauf reagiert wird und wer die Stadt

eigentlich regiert. Ist dies die Mafia? Ist dies die Partei FN mit Le Pen an der Spitze? Oder sind dies vielleicht Bürgerinitiativen? Zu letzteren gehören „Un Centre Ville pour tous“, ein aktivistischer Verein mit dem Ziel, das Zentrum als Wohnort der einfachen Bevölkerung zu erhalten und die Vereinigung „La Friche la Belle de Mai“, die künstlerische und kulturelle Aktivitäten in Urbanismus-Projekte integriert.

Lösungsansätze? U RBANISMUSPROJEKT E UROMÉDITERRANÉE , SEIT 1995 Das Gebiet umfasst 480ha und kostet 6,2 Milliarden Euro. Es wurde anlässlich der großen Wirtschaftsrezession in den 90ern gestartet, die durch den Rückgang der Hafen- und Meeresaktivität entstand. Die beiden Hauptziele des Projekts bestehen im Ausbau des tertiären Sektor und im Bevölkerungswachstum. Zur Umsetzung der Ziele wurden verschiedene Maßnahmen entwickelt: Verbesserung der Infrastruktur, Transportmittel, Schulen, öffentlicher Raum wie Büro- und Ladenflächen, Kulturzentren, Wohnungen (davon 30% Sozialwohnungen). Dadurch, dass Investitionen in den Immobilienmarkt interessanter gemacht werden, soll es mehr Wohnungen geben. Dies soll zeigen, dass das Wohnrecht für alle gilt und damit auch der Gentrifizierung entgegenwirken. An diesem Vorgang wurde Kritik laut, als aus Zonen, die das Projekt umfasst (rue de la République) Bewohner vertrieben wurden. 18


Der Grund dafür sind die PRI (Périmètres de restauration immobilière). Dieses Projekt, das der französische Staat in den 90er Jahren entwickelte, soll der Verschönerung des Stadtbildes dienen. Dazu verpflichtete die Préfecture die Hausbesitzer, ihre Gebäude zu sanieren. Bei Nichterfüllung drohte die Vertreibung. Dies erfuhren 500-600 Menschen, v.a. alte Maghrebiner, was dafür spricht, dass die Ausweisung mit einer rassistischen Motivation verknüpft ist.

M ARSEILLE P ROVENCE 2013 C APITALE EUROPÉENNE DE LA CULTURE

Es handelt sich um ein gigantisches Urbanismus- und KulturProjekt mit dem Ziel, Marseille attraktiver zu machen. Dabei kann man sich folgende essentielle Frage stellen: Besteht ein grundlegender Zusammenhang zwischen Gentrifizierung und einem kulturellen Projekt? Dies kann der Fall sein, wenn bei der Umsetzung des Projekts folgende Parameter berücksichtigt werden: Beteiligung lokaler Organismen, Nachhaltigkeit, Zusammenarbeit, nicht Konkurrenz der Akteure, Trennung zwischen capitale régionale Marseille und territoire régional überwinden, möglichst große Zielgruppe, das kulturelle Projekt sollte der sozialen Integration dienen.

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A BSCHNITT 4 | S ECTION 4

Das Belsunce-Viertel A UTORIN : M ARTINA A RNOLD

I NHALT | S OMMAIRE 1. Das Belsunce-Viertel | Le quartier de Belsunce 2. Les Chibanis, Foto-Ausstellung im CRIJPA

Einleitung Zwischen Bahnhof und altem Hafen gelegen, bildet das Viertel Belsunce die erste Anlaufstelle für Immigranten. Belebt wird es derzeit von etwa 8600 Einwohnern (ca. 1% der Gesamtbevölkerung Marseilles) französischer, türkischer, komorischer und vor allem nordafrikanischer Herkunft. Die Besonderheit Belsunces besteht demnach in seiner großen nordafrikanischen Gemeinschaft und seinem einzigartigen Geschäftsleben, das sich stark von jenem im restlichen Stadtzentrum unterscheidet. Lange als von Armut, Drogenhandel und Prostitution gezeichneter Fremdkörper wahrgenommen, wird das Viertel durch Sanierungsmaßnahmen zusehends in das Stadtzentrum integriert und sein schlechter Ruf überwunden, der ihm im Laufe der Geschichte aufoktroyiert wurde.

Geschichte des Viertels, Migrationsströme Das am Ende des 17. Jahrhunderts im Barockstil erbaute Viertel beherbergt zunächst die bürgerlichen Gesellschaftsschichten. Im 19. Jahrhundert ziehen diese in die neueren Teile der Stadt und räumen Belsunce für die ersten Einwanderer. Vor allem landflüchtige korsische, spanische und italienische Bauern lassen sich dort nieder. Die Immigration der Italiener hält bis Mitte des 20. Jahrhunderts an. Während des 1. Weltkrieges bietet das Viertel den ersten Flüchtlingen Schutz. Nach dem Krieg setzt die Anwerbung von algerischen Arbeitskräf20


ten zum Wiederaufbau ein und damit der Zuzug vieler Algerier. Ab den 30er Jahren kommen die Flüchtlinge aus Deutschland, später aus den faschistischen Regimen Spaniens oder Italiens. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bleibt Belsunce allerdings ein Ort der Unterhaltung. Zahlreich sind Cafés, Restaurants und Kneipen. Mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwandelt sich das Viertel schrittweise in einen Ort des „schlechten Umgangs“, belebt von nomadischen, sozial schwachen Einwohnern. Viele von ihnen wohnen in Hôtels meublés, stark sanierungsbedürftigen Pensionen mit günstigen Monatstarifen, die bis heute existieren. Während der Entkolonialisierung erreicht Marseille eine zweite Welle maghrebinischer Einwanderer. Von 1954 bis zur algerischen Unabhängigkeit 1962 kommen jährlich Hunderttausende über die Metropole nach Frankreich. Insgesamt 1,5 Millionen repatriierte Franzosen und Algerier mit französischen Pässen müssen durch den Hafen und Aufnahmeeinrichtungen geschleust werden. 120 000 bleiben mangels Alternativen im Umfeld des Hafens, leben zum Teil in Wellblechsiedlungen. Es entwickelt sich eine gut laufende Logistik: Die „Pistenwärter“ nehmen die Neuankömmlinge am Hafen in Empfang und bingen sie in den Hôtels meublés in Belsunce unter, deren Betreiber wiederum den lokalen Unternehmen oft als Beschaffer von billigen Arbeitskräften dienen. Das Viertel entwickelt dadurch eine an die Bedürfnisse der Immigranten angepasste Infrastruktur und sich selbst zum obligatorischen Transitraum, zum Wohnort für viele Menschen auf der Durchreise. Für manche wird Belsunce allerdings auch zum festen Wohn-

sitz, vor allem für jene, die ohne Familie gekommen sind, und somit nur geringes Anrecht auf Sozialwohnungen am Stadtrand haben. Sie finden in den Foyers de travailleurs Unterkunft und der ursprünglich als begrenzt gedachte Aufenthalt in Frankreich entwickelt sich zu einem Bleiben auf unbestimmte Zeit. Die provisorischen Heime werden so dauerhaft und obligatorisch. Zu Beginn der Sanierungsmaßnahmen bestand die Bevölkerung Belsunces schließlich hauptsächlich aus Immigranten, deren Großteil alleine lebte und nur ein geringes Einkommen erzielte. Zwei große Bevölkerungsgruppen koexistieren: die Neuankömmlinge, auf der Suche nach einer Unterkunft, und die immigrierten Arbeiter in Rente, die sich definitiv in den Hôtels meublés und Foyers niedergelassen haben. So ist die Bevölkerung Belsunces größtenteils „inaktiv“: etwa 85% der Haushalte empfing 1994 stattliche Unterstützung oder Rentenzahlungen. 48% der Bevölkerung lebte 1998 unter der Armutsgrenze. Die am meisten repräsentierte Altersgruppe in Belsunce war jene der 40- bis 59-Jährigen.

Handel Neben dem speziell auf die Bedürfnisse der Migranten abgestimmten Markt und dem Schwarzmarkt, hat sich in der Illegalität auch ein Handelsnetz entwickelt, das der Soziologe Alain Tarrius „die Globalisierung von unten“ nennt. Dieses grenzüberschreitende Netz erstreckt sich nicht nur im gesamten Mittelmeer-Raum, von Marokko bis Italien, sondern schließt 21


auch Deutschland oder die Niederlande ein, und stützt sich vor allem auf die Mobilität seiner transnationalen Händler. Marseille, im Besonderen Belsunce, stellt das Zentrum dieser Schattenökonomie dar. Trotz des stark ausgeprägten Handels, fällt allerdings kaum etwas auf das Viertel zurück.

Sanierungsmaßnahmen – Ziele und Probleme Im Rahmen des Projektes Centre-ville strebt die Stadtverwaltung vor allem eine Wiederaufwertung der bestehenden Bausubstanz im Stadtzentrum an. Das 1995 initiierte Projekt zielt auf eine Wiederbelebung des Zentrums durch den Handel, die Schaffung öffentlicher Räume und die Sanierung des Wohnraumes. Innerhalb des Projekts ist Belsunce vor allem durch die Sanierung und die Ansiedlung verschiedener Instanzen aus Wissenschaft, Kultur und Regierung betroffen (z.B. das Hôtel de Région, die Fakultät der Wirtschaftswissenschaften oder die Bibliothek Alcazar). Ziel der Maßnahmen ist offensichtlich zahlungsfähigere Bevölkerungsschichten in das sozial schwache Viertel zu locken. Drei Instrumente wurden dabei herangezogen: die Opération Programmée d’Amélioration de l’Habitat (OPAH), der Périmètre de Restauration Immobilière (PRI) und die Zone de Protection du Patrimoine Architectural Urbain et Paysager (ZPPAUP). Die OPAH stellt Förderungsmittel bereit und wurde in Belsunce zum ersten Mal 1983 angewendet. Der PRI, ei-

ne 1994 geschaffene Maßnahme, zwingt den Eigentümer einer Immobilie zur Sanierung. Die ZPPAUP stellt letztlich sicher, dass die alte Bausubstanz geschützt wird und entsprechend zur Geltung kommt. Für das PRI und das OPAH ist allein Marseille Aménagement, eine gemischtwirtschaftliche Gesellschaft, zuständig. Im Rahmen des PRI besteht ihre Hauptaufgabe darin, die Besitzer bei den Sanierungsarbeiten zu führen oder die entsprechenden Gebäude aufzukaufen, um sie über den Umweg der Kapitalanlagegesellschaften und Investoren wieder dem traditionellen Immobilienmarkt zuzuführen. Genauer gesagt eignet sich Marseille Aménagement die Gebäude an, siedelt die Anwohner um, erstellt einen Sanierungsplan und verkauft die Gebäude schließlich an Investoren. Die Ziele der Sanierungsmaßnahmen bestehen darin, Belsunce zu „öffnen“, d.h. neue Bevölkerungsgruppen anzulocken und eine gemischte Bevölkerungsstruktur zu schaffen. Außerdem sollen Prostitution, Drogen- und Schwarzmarkt unterbunden und das Viertel wieder in das Stadtzentrum integriert werden. Jedoch treten bei der Umsetzung dieser Ziele einige Probleme auf. Der geringe Mietwert der Wohnungen spornt ihre Besitzer kaum zu Investitionen an und damit zur Sanierung, die wiederum nur durch eine Mieterhöhung erwirtschaftet werden könnte. Auch die eigene Armut der Eigentümer stellt ein Hindernis dar. Trotz der staatlichen Unterstützung können diese die Sanierungsarbeiten oft nicht bezahlen. Der Mangel 22


an Informationen führte zu einer negativen Wahrnehmung des Projekts Centre-ville. Sanierung ist bei den Anwohnern das Synonym für „Säuberung“. Aufgrund mangelnder Informationsvermittlung fanden sich viele Bewohner von sanierungsbedürftigen Häusern auf der Straße wieder, ohne sich auf ihre Rechte auf Umsiedlung bzw. staatliche Unterstützung zu berufen. Dagegen wirkt nun die Initiative Un centre-ville pour tous. Bemängelt wird letztlich auch das Fehlen von Sozialwohnungen, dies gerade angesichts der Alterung der Einwohner. Die Sanierungsmaßnahmen scheinen sich in Belsunce außerhalb soziologischer Überlegungen zu den Besonderheiten des Viertels abzuspielen. Auch konnte bis jetzt das Ziel, zahlungsfähigere Bevölkerungsgruppen anzusiedeln nur mäßig verwirklicht werden. Vor allem Studenten und junge Paare aus dem Mittelstand sind nach Belsunce gezogen und die ärmeren Anwohner, die die erhöhten Mieten in den sanierten Gebäuden nicht mehr bezahlen können, abgewandert. Auch hier wirkt der Mangel an Sozialwohnungen gegen das angestrebte Ziel der gemischten Bevölkerungsstruktur.

Introduction

Situé entre la gare et le vieux port, le quartier Belsunce désigne le premier point de chute pour des immigrants. Il est actuellement animé par environ 8 600 habitants (env. 1% de la population totale de Marseille) d'origine française, turque, comorienne et surtout nord-africaine. La particularité de Belsunce réside donc dans sa grande communauté nord-africaine et sa vie commerciale unique qui diffère fortement de celle du reste du centre-ville. Longtemps perçu comme un espace enclavé, marqué par la pauvreté, le trafic de drogue et le marché noir, le quartier s'intègre de plus en plus dans le centre-ville et surmonte sa mauvaise réputation qui lui a été imposée au cours de l'histoire.

Histoire et immigration Construit à la fin du XVIIe siècle dans le style baroque, Belsunce héberge au début les couches sociales bourgeoises. Au XIXe siècle, elles déménagent aux parts plus neuves de la ville et libèrent le quartier pour les premiers immigrants. Lors de l'exode rural, surtout des paysans corses, espagnols et italiens s'y installent. L'immigration des italiens continue jusqu'au milieu du XXe siècle. Pendant la Première Guerre mondiale, le quartier abrite les premiers réfugiés. Après la guerre, la mobilisation de la main-d'œuvre algérienne pour la reconstruction commence et ainsi l'arrivée de beaucoup d'Algériens. À partir des années 30, les réfugiés de l'Allemagne arrivent, plus tard ceux des régimes fascistes de l'Espagne et de l'Italie. Jusqu’à la moitié du XXe siècle, le quartier Belsunce demeure cepen23


dant un lieu de divertissement. Nombreux sont les cafés, les restaurants, les brasseries. D’un lieu de divertissement, le quartier se transforme progressivement, à partir de la moitié du XXe, en un lieu où l’on vient « s'encanailler », fréquenté par une population nomade et marginale. Beaucoup d'eux habitent dans des hôtels meublés aux prix avantageux, nécessitant une réhabilitation, qui existent encore à l'heure actuelle. Pendant la décolonisation, une seconde vague d'immigrés maghrébins arrive à Marseille. De 1954 à l'indépendance algérienne en 1962, des centaines de milliers viennent en France, en passant par la métropole. En tout 1,5 millions des Français rapatriés et des Algériens avec des passeports français ont dû être éclusés par le port et les lieux d'accueil. À défaut des alternatives, 120 000 d'eux restent à la proximité du port, vivent en partie dans des cabanes en tôle ondulée. Une logistique bien huilée se développe : Les « pisteurs » accueillent les nouveaux arrivants au saut des navires et les logent dans les hôtels meublés de Belsunce dont les gérants servent euxmêmes bien souvent de fournisseurs de la main d'œuvre bon marché aux entreprises locales. Le quartier développe toute une filière de services adaptés aux besoins des immigrés et ilmême devient un espace de transit obligatoire, un domicile pour de nombreux gens en passage. Toutefois, il devient également un lieu de résidence fixe pour certains des immigrés, surtout pour ceux qui sont venus là sans leur famille et ne peuvent guère prétendre à l’habitat social traditionnel situé à la périphérie. Les foyers de travailleurs font leur apparition et le séjour pensé au début de façon limitée devient indéterminé.

Les foyers provisoires s’ancrent ainsi dans le durable et le définitif. Aujourd'hui les habitants des foyers sont appelés « Chibanis » (en arabe dialectal « les vieux aux cheveux blancs »). Ce sont ces hommes retraités du bâtiment et de l’industrie, originaires du Maghreb et vivant seuls en France. Leurs préoccupations premières étaient d’envoyer de l’argent à leur famille restée au pays pour subvenir à leurs besoins. Ils font partie des invisibles de la société, sans que personne ne connaisse véritablement leur histoire. A l’orée de la réhabilitation, la population comptait une majorité de personnes issue de l’immigration, un grand nombre de personnes habitant seule et à faibles revenus. Deux grands types de populations coexistent à Belsunce : les nouveaux arrivants, à la recherche d'un hébergement, et les travailleurs immigrés à la retraite qui se sont établis de manière définitive dans des hôtels meublés ou des foyers. La population de Belsunce est donc en majorité « inactive »: environ 85% des ménages percevaient des revenus de substitution ou des retraites en 1994. 48% de la population vivait en dessous du seuil de pauvreté en 1998. La tranche d’âge la plus représentée était à Belsunce celle des 40-59 ans.

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Commerce À part du marché spécialement adapté aux besoins des immigrés et du marché noir, un commerce s'était développé clandestinement, un commerce que le sociologue Alain Tarrius nomme « la mondialisation par le bas ». Ces réseaux transfrontaliers s'étendent non seulement dans la Méditeranée entière, du Maroc à l'Italie, mais encore à l'Allemagne et aux Pays-Bas, et s'appuient principalement sur la mobilité de leurs commerçants transnationaux. Marseille, notamment Belsunce, désigne le centre de cette économie de l'ombre. Malgré le commerce bien développé, il n'y a guère de revenus sur le quartier.

Réhabilitation – objectifs et obstacles Dans le cadre du projet Centre-ville, la municipalité vise surtout à une revalorisation du patrimoine existant au centreville. Initié en 1995, le projet a comme objectif la réanimation du centre à travers les commerces, la création des espaces publics et la réhabilitation de l'habitat. À l’intérieur du projet Centre-ville, le quartier Belsunce est principalement concerné par la réhabilitation et l'implantation des différentes autorités scientifiques, culturelles ou administratives, par ex. l'Hôtel de Région, la faculté des sciences économiques ou la bibliothèque Alcazar, avec pour objectif d’attirer une population plus solvable dans ce quartier précaire et communautaire. Pour faire de la place à la bibliothèque, inaugurée en 2004, la majeure partie de l'ancien « petit harlem africain » dans le sud du quar-

tier a été démolie. À l'origine, il s'y trouvait déjà le théâtre lyrique Alcazar qui a été inauguré en 1857 et divertissait les Marseillais avec beaucoup de succès pendant presque 100 ans, interrompu seulement à diverses reprises. En 1979, le café-concert a été enfin détruit, et en 1997, avec l'acquisition du terrain par la municipalité, le plan surgissait d'y installer une bibliothèque. Un autre projet important désigne la réhabilitation de la rue Thubaneau. C'est seulement l'année dernière que le Mémorial de la Marseillaise y a été inauguré en souvenir du lieu auquel le futur hymne national français s'était chanté pour la première fois. Déjà avant, la réhabilitation de l'habitat ainsi que l'implantation des nouvelles populations, surtout des artistes et leurs ateliers, avaient eu lieu. Les prix de location haussés menaient en même temps à une fuite des habitants plus pauvres et à un nombre des cafés en baisse. D'un lieu où on s'arrêtait pour vivre un moment de convivialité ensemble la rue Thubaneau s'est transformée en un lieu de passage. La rue a été en quelque sorte « aseptisée » ou « congelée ». En ce qui concerne la réhabilitation à Belsunce, surtout trois outils ont été mis en place : l'Opération Programmée d’Amélioration de l’Habitat (OPAH), le Périmètre de Restauration Immobilière (PRI) et la Zone de Protection du Patrimoine Architectural Urbain et Paysager (ZPPAUP). L'OPAH mets des aides incitatives à la disposition et a été utilisée à Belsunce en 1983 pour la première fois. Le PRI, créé en 1994, oblige le propriétaire d'un immeuble à effectuer la réhabilitation. La 25


ZPPAUP garantit la sauvegarde et la mise en valeur du patrimoine ancien. Seul Marseille Aménagement, une société d'économie mixte, est chargé de l'OPAH et du PRI. Dans le cadre du PRI, sa mission principale est d'encadrer les propriétaires effectuant les travaux ou de racheter un patrimoine destiné à rejoindre le marché locatif traditionnel par le biais de sociétés d’investissement et d’investisseurs chargés de sa réhabilitation. Plus précisément, Marseille Aménagement s'occupe de l’acquisition d’immeubles, du relogement des occupants, de l’élaboration des programmes de restauration et de la vente des immeubles à des investisseurs. Les objectifs de la réhabilitation visent à l''ouverture de Belsunce, c.-à-d. à l'arrivée de nouvelles populations et à la création d'une mixité sociale. De plus, la prostitution, le trafic de drogue et le marché noir doivent être empêchés ainsi que le quartier réintégré dans le centre-ville.

formation, de nombreux habtitants des immeubles necessitant une réhabilitation se retrouvaient à la rue, sans se référant à leurs droits de relogement ou bien des aides financières. L'initiative Un centre-ville pour tous agit contre ces inégalités. Critiquée est enfin également l'insuffisance du logement social, et cela justement à l'égard du vieillissement des habitants. La réhabilitation à Belsunce semble s’effectuer en dehors d’une réflexion sociologique sur les particularités du quartier. De plus, l'objectif d'installer une population plus solvable ne se réalise que modestement. Notamment des étudiants et jeunes ménages issues de classes moyennes sont déménagés à Belsunce et les habitants plus pauvres, qui ne peuvent plus assumer les loyers haussés à la suite de travaux effectués dans les immeubles, quittent le quartier. Le manque du logement social fait encore une fois effet contre l'objectif ambitionné de la mixité sociale.

Pourtant, plusieurs freins à la réhabilitation apparaissent. La faible valeur locative des logements n’incite guère les propriétaires à faire des efforts financiers pour une réhabilitation qui ne pourrait être compensée que par une hausse des loyers. La propre pauvreté des propriétaires désigne également un obstacle. Malgré les aides proposées, ils ne peuvent pas assumer la part des travaux restant à leurs charges. L’insuffisance de l’information a mené à une perception négative du projet Centre-ville. Chez les habitants, la réhabilitation est le synonyme de « salubrité ». À cause du manque de la diffusion de l'in26


Ausstellung »Les chibanis« F OTOS VON JUNGEN F REIWILLIGEN IM D IENSTE DER U NIS -C ITÉ , IN Z USAMMENARBEIT MIT DEM V EREIN L ES P ETITS F RÈRES DES P AUVRES UND ADOMA. Die Fotoausstellung würdigt die sogenannten »Chibanis« »die alten Weißhaarigen«. Gemeint sind die aus dem Maghreb oder aus südlicheren Gebieten Afrikas stammenden Männer, die in der französischen Bauwirtschaft und Industrie gearbeitet haben und jetzt als Rentner weiterhin ohne Familie in Frankreich leben. Ihre ursprüngliche Absicht war, die in der Heimat gebliebene Familie mit Geld zu versorgen, um ihren Unterhalt zu sichern. Sie gehören zu den Unsichtbaren der Gesellschaft, niemand kennt ihre Geschichte. Die Ausstellung entstand auf der Grundlage von Fotos der »Chibanis«. Der Verein Les Petits Frères des Pauvres kam in den Gemnischaftsräumen sozialer Einrichtungen (ADOMA) mit den »Chibanis« in Kontakt. Hauptanliegen dieser Ausstellung ist es, den Lebensweg und die Arbeit der alt gewordenen Migranten zu würdigen, sowie die breite Öffentlichkeit für ihre Geschichte zu sensibilisieren.

Übersetzung: Lina Pelz, Juni 2012

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A BSCHNITT 5 | S ECTION 5

Migrationspolitik Frankreich A UTORIN : D ANA L UPU

M IGRATIONSPOLITIK IN F RANKREICH (S TAND 2012) seit der Einführung des Code civil 1803 beruht Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit auf der Grundlage des ius sanguinis (Abstammungsprinzip) • seit 1889 wird zudem das ius soli praktiziert (Geburtsortprinzip)

I NHALT | S OMMAIRE 1. Migrationspolitik in Frankreich (Stand 2012)

• Frankreich weist lange Geschichte als Einwanderungsland auf

2. Abschiebungen | Expulsions

• zwischen den Weltkriegen verzeichnete es zusammen mit den USA weltweit die meisten Immigranten

3. Geschichte des französischen Lagersystems | L’histoire des camps de rétention

• während des Ersten Weltkrieges 3% der Bevölkerung Frankreichs Ausländer; bis 1931 wuchs Ausländeranteil auf 6,6%.

4. NGOs | ONGs - CIMADE, RESF, MIGREUROP

Wie kam es dazu? • nach Kriegsende 1945: Gründung des „Office national de l’immigration“ • erste große Einwanderungswelle aufgrund chronischer demographischer Schwäche des Landes, Problem des Arbeitskräftemangels • Anforderung von Arbeitern aus Italien, Polen, Griechenland, Russland, Armenien, Türkei und Spanien • zweite große Einwanderungswelle ab 1960 aus Nordafrika (vor allem aus Algerien nach dessen Unabhängigkeit 1962) 28


• großes Wirtschaftswachstum begünstigt die Rekrutierung von illegalen Einwanderern (clandestins)

tärkter Kampf gegen illegale Einwanderung durch beschränkte Einreise- und Aufenthaltsregelungen)

• bis Anfang der 1970er Jahre behielt Frankreich eine sehr liberale Einwanderungspolitik bei

• seit Juni 2006 neues Einwanderungsgesetz vom Staat verabschiedet = „selektive Immigration“ (immigration choisie)

• 1974 Anwerbeprogramme für Ausländer eingestellt

• das neue Zuwanderungsgesetz enthält härtere Auflagen

• Zahlen stiegen trotzdem weiter aufgrund von Familienzusammenführung

• Erschwerung von Familiennachzug, Vermeidung von Scheinehen, verpflichtender Aufnahme- und Integrationsvertrag für Ausländer, Abschaffung der Legalisierung von Einwanderern, die ohne Aufenthaltsgenehmigung seit mindestens zehn Jahren in Frankreich leben

• ab 1990 Null-Einwanderungspolitik (immigration zéro) von Innenminister Charles Pasqua • Regelungen wurden verschärft, z.B. die Wartezeit für Familienzusammenführungen von einem auf zwei Jahre verlängert, ausländischen Absolventen französischer Universitäten war es untersagt, eine Arbeit in Frankreich anzunehmen • ab 1997 viele der restriktiven Regelungen zurückgenommen oder abgeschwächt • Legalisierungsprogramm für illegal anwesende Ausländer aufgelegt, spezieller Einwanderungsstatus für hochqualifizierte Arbeitnehmer, Wissenschaftler und Künstler geschaffen • seit erneutem Regierungswechsel 2002

F ORMEN DER Z UWANDERUNG Familiennachzug | Bildungsmigration | Arbeitsmigration • Während der Amtszeit von Nicolas Sarkozy (2007-2012) kam es zur Fortführung bzw. Verschärfung des restriktiven Kurses • Erschwerung der Bedingungen zur Aufnahme ausländischer Studenten an einer französischen Hochschule

• Rückkehr zu restriktiverer Einwanderungspolitik

• Schaffung des Ministeriums für Immigration, Integration, Nationale Identität und Entwicklung

• seither: Änderung des Asylverfahrens (Vereinheitlichung und Verkürzung der Verfahren zur Asylbeantragung, vers-

• Bekämpfung illegaler Einwanderung (mit Hilfe der Biometrie) 29


• Ziel für das Jahr 2007 waren 25.000 Abschiebungen • Sommer 2010 Roma- Abschiebungen (der Präsident forderte Entzug der Staatsangehörigkeit von Straftätern ausländischer Herkunft, Räumung von Roma- Wohnsiedlungen) • beim Kampf um Wiederwahl 2012 setzt er auf Verschärfung der Ausländerpolitik (zu viele Ausländer in Frankreich ! das französische Integrationsmodell stößt an seine Grenzen)

E INWANDERER IN M ARSEILLE „Marseille ist das Tor zur Welt, Marseille ist die Schwelle der Völker. Marseille ist Okzident und Orient.“ (Joseph Roth, 1925) • gilt als Tor zu Afrika. Spiegelt die Geschichte der Einwanderung in Frankreich wider

• Zahl der Zuwanderer sollte jährlich von etwa 180.000 auf 100.000 fast halbiert werden

• Haupteinwanderungsgebiet für Menschen aus afrikanischen und arabischen Ländern

• Gewährung sozialer Leistungen für Ausländer von Dauer des Aufenthaltes sowie der Berufstätigkeit abhängig machen

• Marseille ist als Hafenstadt ein wichtiger Handelsstützpunkt, Hafen sowie Industrie forderten billige Arbeitskräfte, mit Schiffen kommen auch Einwanderer

• für Einbürgerung müssen Ausländer Französischkenntnisse sowie Informationen über das Staatssystem nachweisen • der neue sozialdemokratische Präsident François Hollande will die Papierlosen – les sans-papiers - „von Fall zu Fall“ regularisieren, tritt für Ausländerwahlrecht auf Gemeindestufe ein)

• multikulturelle Bevölkerung (überwiegend algerische, italienische, chinesische, marokkanische oder senegalische Wurzeln) • damals waren Italiener Sündenböcke für Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Krisen • heute Muslime (200.000 Muslime in Marseille, viele in der 2./3. Generation) • Immigranten in Marseille nicht nur in den Banlieus angesiedelt, sondern ebenfalls im Stadtzentrum • prägen das Stadtbild entscheidend (Vergleich Belsunce-Viertel = Marseiller Beirut) 30


La politique d’immigration en France Depuis l’introduction du Code civil de 1803, l’acquisition de la nationalité française consiste en ius sanguinis (droit du sang) • depuis 1889 on pratique en outre ius soli (droit du sol) • en France l’accueil des immigrés est une vieille tradition • entre les deux Guerres mondiales, la France avait la plupart des immigrés comparé aux États-Unis • pendant la Première Guerre mondiale 3% des habitants français étaient des étrangers, jusqu’à 1931 le pourcentage d’étrangers a augmenté à 6,6% Comment la France est devenue un pays d’immigration aussi important ? • après la guerre de 1945: fondation de l’ « Office national de l’immigration » • le manque de main-d’œuvre et la faiblesse démographique étaient à l’origine de la première grande vague d’immigration • la deuxième grande vague d’immigration qui a démarré à partir de 1960 était celle de l’Afrique du Nord (surtout de l’Algérie après son indépendance en 1962)

• la croissance économique favorise le recrutement d’immigrants clandestins • jusqu’au début des années 70, la France avait une politque d’immigration très libérale • en 1974, l’arrêt des programmes de recrutement • à partir de 1990, la politique « immigration zéro » par le ministre de l’intérieur Charles Pasqua • renforcement des conventions, p. ex.: allongement du temps d’attente de un à deux ans pour le regroupement familial, un diplômé étranger d’université française n’a pas le droit d’accepter un offre d’emploi en France • depuis 1997 annulation de nombreuses conventions • programme de légalisation pour des étrangers en présence illégale, création d’un statut spécial pour les employés hautement qualifiés, les scientifiques et artistes • depuis le changement de gouvernement en 2002 • retour à une politique d’immigration plus restrictive • changement de la procédure de demande d’asile (uniformisation et raccourcissement, renforcement des moyens pour lutter contre l’immigration illégale par des conventions plus restrictives concernant l’entrée et le séjour)

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• depuis juin 2006, une nouvelle loi de l’État qui s’appelle « immigration choisie » fut instituée (la sélection de main d’œuvre selon les besoins de l’économie)

• l‘été 2010, expulsions des Roms (Sarkozy a exigé le retrait de la nationalité des déliquants étrangers, évacuation des foyers des Roms)

• la nouvelle loi concernant l’immigration et l’intégration contient les conditions plus strictes

• pendant la réélection en 2012, Sarkozy veut renforcer la politique d’immigration française (trop d’étrangers en France

• complication de regroupement familial, interdiction des mariages arrangés, le contrat d’accueil et d’intégration contraignant pour les étrangers, abolition de la légalisation des immigrants qui vivent en situation irrégulière depuis dix ans en France

• le modèle d’intégration atteint ses limites)

D IFFÉRENTES FORMES DE L ’ IMMIGRATION regroupement familial | immigration pour les études | immigration du travail • sous le gouvernement de Sarkozy en 2007, continuation et renforcement d’une politique d’immigration restrictive • but de durcir les conditions pour l’inscription des étudiants étrangers à une grande école ou une université française • fondation d’un ministère de l’Immigration, de l’Intégration, de l’Identité nationale et du Développement solidaire

• il faut réduire le nombre des immigrants de 180.000 à 100.000 par an • la concession des prestations sociales pour les étrangers dépendent de la durée du séjour et de l’activité professionnelle • faire la preuve des connaissances du français et des informations sur le système de l’État • Sarkozy est connu pour sa poltique d’immigration très stricte/restrictive • Hollande est plus souple (il veut le droit de vote pour les étrangers, en outre un règlement pour les sans-papiers)

L ES MIGRANTS À M ARSEILLE

• lutte contre des clandestins (au moyen de la biométrie) • le but pour l’année 2007 était 25.000 éloignements

« Marseille est la porte du monde, Marseille est la traversée des nations. Marseille est l’Occident et l’Orient » (Joseph Roth, 1925) 32


• c’est la porte de l’Afrique ! Marseille reflète l’histoire de l’immigration en France

Ergänzungen zur französischen Migrationspolitik

• Marseille représente la ville principale de l’immigration pour les gens des pays africains ou arabes

D ANA L UPU , J ULI 2012

• forme comme ville portuaire un endroit important concernant la traite, le port et l’industrie ont exigé de main-d’œuvre bon marché, les immigrants viennent avec les bateaux • la population multiculturelle (en majorité des racines algériennes, italiennes, chinoises, marocaines ou sénégalaises) • à l’époque les Italiens étaient le bouc émissaire pour le chômage et les crises économiques ! aujourd’hui les musulmans (200.000 musulmans à Marseille, la majorité est de la deuxième ou de la troisième génération) • immigrants non seulement dans les banlieues à Marseille , mais aussi au centre-ville ! ils marquent le paysage urbain (cf. quartier de Belsunce = Beyrouth de Marseille)

A BSCHIEBUNGEN • seit mehreren Jahren Tendenz zu restriktiverer Ausländerpolitik • brutale Abschiebungen (Verhaftungen, in Handschellen abgeführt, Polizeibegleitung) • NGOs werfen der französischen Regierung “Hetzjagd auf illegale Ausländer” vor -> menschenunwürdige Methoden, “Nazi-Methoden” • 2007 schlug die Regierung Gentests für nachziehende Familienmitglieder vor • Inhaftierungen ohne Respektierung der Menschenrechte ( in Frankreich mögliche Dauer der administrativen Haft bis zu 45 Tagen)

E XPULSIONS • depuis plusieurs années il y a en France une politique d’immigration plus restrictive • des expulsions brutales (arrestations menottées) 33


• des organisations blâment le gouvernement français de faire la « chasse à court et à cri concernant des clandestins » -> des méthodes inhumaines, des méthodes « nazies » • en 2007, le gouvernement a proposé des tests génétiques pour les membres de famille qui se portent candidat à l’immigration • des enfermements sans respecter les droits de l’Homme (en France, les clandestins peuvent être incarcérés jusqu’aux 45 jours)

G ESCHICHTE DES FRANZÖSISCHEN L AGERSYSTEMS die Nachkriegsgeschichte der administrativen Zwangseinweisung von Migranten begann im Militärcamp Joffre des Rivesaltes östlich der Pyrenäen (1939-1966). Das Lager hatte während des 2. Weltkriegs bereits als Internierungslager gedient 1986 entschied der französische Staat aus dem Militärcamp ein administratives Abschiebelager bzw. Haftzentrum zu errichten, wo mehr als 20.000 Männer und Frauen bis zur Schliessung des Camps im Dezember 2007 festgehalten wurden 2008 errichtete die ökumenische Hilfsorganisation La Cimade ein in Frankreich einzigartiges Denkmal zur Erinnerung an die in Abschiebelagern festgehaltenen Migranten ( für die Präfektur der östlichen Pyrenäen ist dieses Denkmal eine Beleidigung für die französische Republik)

ein weiterer Ort, der für die Festhaltung von Ausländern steht, ist eine riesige Lagerhalle am Hafen von Marseille -> seit 1964 hat man dort eingewanderte Arbeitskräfte , die zur Ausweisung vorgesehen sind, unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten 1975 Skandal um das geheim gehaltene Gefängnis im Quartier Arenc, Marseille Abschiebelager sind oftmals in ehemaligen Schulgebäuden, alten Hotels, alten Kasernen, Industriegebieten, Kommissariaten oder in der Nähe von Häfen enstanden heutzutage gibt es 25 Abschiebelager in Frankreich und in den Überseedepartements 11 Lager sind berechtigt, Familien und Kinder einzuschliessen Tendenz: zunehmend geschützte bzw. versteckte Haftzentren

L’ HISTOIRE DES CAMPS DE RÉTENTION l’histoire d’après guerre de l’internement administratif des étrangers clandestins a commencé dans les Pyrénées orientales sur le camp militaire Joffre des Rivesaltes (1939-1966). Durant la 2ème guerre mndiale, ce camps avait servi de camps d’internement pour des « étrangers indésirables » et des républicains espagnols en exil. en 1986, l’état français a décidé de construire un centre de rétention administratif où seront enfermés plus de 20.000 hom34


mes et femmes en situation irrégulière jusqu’à la fermeture du centre en décembre 2007

NGOs | ONGs

en 2008, l’association La Cimade a érigé un monument unique en France à la mémoire des

CIMADE

migrants enfermés dans un centre de rétention (pour la préfecture des Pyrénées orientales, ce monument est une injure à la république et à la vérité il existe un autre lieu qui symbolise cette continuité de l’enfermement des étrangers -> dès 1964, on a enfermé en toute illégalité les travailleurs immigrés en instance d’expulsion dans un hangar du port du Marseille en 1975, un mois après la fermeture des frontières, le scandale de la prison clandestine d’Arenc a éclaté les camps de rétention sont situés dans des écoles, dans des anciens hôtels, dans des zones industrielles, dans des commissariats, dans des vieilles casernes, un bout de pistes d’aéroport ou près de zones portuaires aujourd’hui, il y a 25 centres de rétention administratifs en France métropolitaine et d’outre mer 11 d’entre eux sont habilités à enfermer des familles et des enfants ce lieu de privation de liberté est plus en plus sécurisé échappe au regard de la population et des médias françaises.

ökumenische Hilfsorganisation, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gegründet, um Vertriebenen zu helfen später weitete sich Tätigkeit auf Flüchtlinge der ganzen Welt aus bis heute grosses Engagement für Flüchtlinge wichtigster Einsatzbereich -> Abschiebungslager (wollen Rechte der Ausländer in Haftzentren geltend machen prangern Unrechtmässigkeit und Unmenschlichkeit von Abschiebelagern an

L A CIMADE ( SERVICE ŒCUMÉNIQUE D ’ ENTRAIDE ) association de solidarité active avec les migrants, les réfugiés et les demandeurs d'asile, fondée au début de la Deuxième Guerre mondiale pour aider des expatriés plus tard, l’aide pour des réfugiés du monde jusqu’à aujourd’hui, un grand engagement pour les étrangers ou bien les réfugiés activité principale -> les centres de rétention (on veut persister dans les droits des étrangers dans les centres de rétention) 35


dénonce l’inhumanité et l’illégalité comme étant inacceptable

M IGREUROP Das Netzwerk Migreurop ist eine gemeinsame Initiative von Forschern und Aktivisten aus Frankreich, Italien und Belgien, um gegen Auffang- und Abschiebelager für Migranten und Grundrechte, Bewegungsfreiheit und die Legalisierung illegaler Einwanderer.

RESF (L E R ÉSEAU ÉDUCATION SANS FRONTIÈRES )  Im Réseau Education sans Frontières (Netzwerk Bildung ohne Grenzen) haben sich ErzieherInnen, Angestellte des Kultusministeriums, Eltern, Lehrende, Kollektive, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen zusammengeschlossen um gegen die Abschiebung von Schulkindern zu kämpfen, welche durch den unsicheren Aufenthaltsstatus ihrer Eltern gefährdet sind. Das Netzwerk, welches sich zum Ziel gesetzt hat den Aufenthalt derjenigen zu ermöglichen, die in Frankreich die Schule oder Universität besuchen, fordert nicht nur Aufenthaltsgenehmigungen für StudentInnen und volljährige SchülerInnen sondern auch die der Eltern schulpflichtiger Kinder (minderjährige Kinder sind laut der französischen Gesetzgebung nicht ausweisbar).

Réseau, créé en 2001, qui compte 43 associations et 37 membres individuels dans 16 pays du Moyen Orient, d’Afrique et d’Europe

RESF - Réseau composé de collectifs, de mouvements associatifs, de mouvements syndicaux, de soutiens politiques et de personnes issues de la société civile militant

le travail du réseau s’articule autour de 4 axes (rassembler des informations sur une réalité difficile à saisir, du fait d’une certaine volonté de dissimulation, mais aussi de l’échelle géographique du phénomène ; nommer une réalité multiforme qui ne saurait se réduire à l’image classique du camp entouré de barbelés ; faire connaître l’Europe des camps et les mobilisations qui s’y opposent en utilisant tous les moyens de diffusion à notre disposition ; agir à l’échelle européenne pour mobiliser contre « l’Europe des camps » en favorisant les échanges entre des groupes aux pratiques et objectifs multiples, mais qui peuvent ponctuellement agir ensemble ou côte à côte)

organisation, fondée en 2004, contre l'éloignement d'enfants étrangers scolarisés en France (causé par l'éloignement de leurs parents étrangers en situation irrégulière) ce réseau de solidarité avec les enfants de familles sans-papiers lutte pour le Droit des étrangers en France et pour les Droit de l’enfant

M IG M AP – G OVERNING M IGRATION Eine virtuelle Kartografie der Europäischen Migrationspolitik
 
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MigMap vermittelt ein Bild davon, wie und wo die "Wissensproduktion" im Bereich Migration zur Zeit stattfindet und wer daran teilnimmt und teilhat. Untersucht wird, wie die neuen Formen des suprastaatlichen Regierens, welche im europäischen Migrationsregime beobachtet werden können, genau funktionieren. Wie z.B. die Implementierung europäischer Standards in Politik und Zivilgesellschaft abläuft, welche Stellen, Personen und Institutionen daran beteiligt sind, wie die verschiedenen öffentlichen oder privaten Akteure zusammenhängen und finanziert sind, welche inhaltlichen, räumlichen und personellen Überschneidungen oder Abgrenzungen bestehen, wie Zuständigkeiten verteilt und legitimiert werden und auf welchen Theorien, Daten oder Diskurse die momentan gültigen Paradigmen basieren. 
 
 Über die vier Karten "Akteure", "Diskurse", "Europäisierung" und "Orte + Praktiken" sind zahlreiche Informationen zu einzelnen Akteuren, Debatten, Prozessen und Ereignissen abrufbar, welche in ihrem Zusammenspiel das ergeben, was momentan die Europäische Migrationspolitik ist.

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A BSCHNITT 6 | S ECTION 6

Migrationspolitik in Deutschland

Migrationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland . Studienprojekt „Route der Migration“ I NSTITUT FÜR E UROPÄISCHE E THNOLOGIE , H UMBOLDT U NIVERSITÄT , B ERLIN

I NHALT | S OMMAIRE 1. Das Gastarbeitersystem 2. Integration und Asyl 3. Zuwanderungsgesetz

Umgang mit Zuwanderung ist in der Bundesrepublik Deutschland traditionell von zwei mitunter sich in Widerspruch befindenden Prinzipien dominiert: 1) Durch einen bis heute vorwiegend auf dem ius sanguinis („Blutsrecht“) beruhende Konzeption von Staatsangehörigkeit.

4. Le système des travailleurs étrangers (depuis 1955)

2) Durch Ökonomische Kalküle, die mit einer Segmentierung und Schichtung des Arbeitsmarktes verbunden sind.

5. l‘intégration et l‘asile

Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg

6. la loi d‘integration

D AS G ASTARBEITERSYSTEM ( SEIT 1955) Staatlich organisierte Rekrutierung von Arbeitskräften vorwiegend aus den Ländern der südlichen Peripherie Europas (aber nicht ausschließlich). Für nicht EG-Staaten, z.B. Türkei und Marokko: Verträge zweiter Klasse ( seuchehygienische Untersuchungen). Zunächst durch Rotationsverfahren.

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Arbeiteten vor allem in arbeitsintensiven bzw. gesundheitsgefährdeten Bereichen (Fabriken, Minen, Krankenhäusern etc.)

I NTEGRATION UND A SYL

Mit dem Bau der Mauer 1961 war ein wichtiges Reservoir für Arbeitskräfte versiegt und ein freier internationaler Arbeitsmarkt existierte nicht.

1980: Kampagne gegen Flüchtlinge, die nach dem Militärputsch in der Türkei in Deutschland Asyl suchten.

Phase 1

AusländerInnen-Diskurs wird ergänzt durch den „Asylmissbrauchs“-Diskurs, der die Legitimität von Flucht diskreditiert.

1955- 1973 (Jahr des Anwerbestopps): Migrationspolitik dominiert von kurzfristigen Interessen. Ohne dass es politisch angestrebt war, ließen sich viele sog. GastarbeiterInnen dauerhaft nieder. Zunächst Inszenierung einer gastarbeiterfreundlichen Stimmung (Schenkung eines Mopeds an den 1 Millionsten Gastarbeiter), die dann aber seit Ende der 1960er Jahre umschwenkt. Grundsätzliche Bedingung ist die staatliche Disposition über die Migration; „Deutschland ist kein Einwanderungsland“, GastarbeiterInnen sollen wieder gehen. Phase 2 1973: Anwerbestopp im Zuge der Rezession Große öffentliche Debatte über Daseinsberechtigung der nun als AusländerInnen bezeichneten Bevölkerung Gleichzeitig ging die Einwanderung in Gestalt der Familienzusammenführung weiter.

Abwahl der sozialliberalen Koalition 1982, unter Kohl verschärft sich die Haltung gegenüber Nicht-Deutschen, aggressive (stark anti-türkische) Innenpolitik unter dem Banner der Integration, der den Unterschied von Integrationswilligkeit und Integrationsfähigkeit einführt. Innenminister Zimmermann: Gesetzesentwurf für verschärftes Ausländerrecht. Bündnis aus MigrantInnenorganisationen, Gewerkschaften, Kirchen...gegen Entwurf. Keine Umsetzung, es blieb nur Rückkehrprämie, die kaum Erfolg zeitigte (Prämien für Leute die für immer zurück in die Herkunftsländer gehen und unter Verzicht auf ihre sozialrechtlichen Ansprüche, z.B. Renten) Zunehmend: Verschärfungen im Asyl-/Ausländerrecht 1982: Auslagerung des Asylverfahrens aus dem Ausländergesetz ins Asylverfahrensgesetz, einschl. flankierender Maßnahmen: 39


Lagerunterbringung Gemeinschaftsverpflegung max. 50-70 DM Taschengeld/Monat Reise- und Arbeitsverbote 1985 Schengen, zunehmende Verschiebung auf und Verschränkung mit EU-Ebene 1987: erneute Verschärfung des Asylrechts: „selbstgeschaffene Nachfluchtgründe“ nicht mehr relevant frühe Form der Drittstaatenregelung

Drittstaatenregelung (keine Einreise wenn über „sicheren Drittstaat“ verfassungsrechtl Asylanspruch nur bei Einreise per Schiff o Flugzeug Liste von „sicheren Herkunftsstaaten“ Folgen für Flüchtlinge: Verschleierung des Reisewegs → Problem für Glaubwürdigkeit Zunahme von SchlepperInnen-Tätigkeiten

Umbruch in Osteuropa und Auflösung der Blockkonstellation erhöht die Zahl von Flüchtlingen enorm

Im Gegensatz zur Phase des „Gastarbeiter“-Systems geht es jetzt ganz klar um Abschreckung und Senkung der Asylanträge

Ende der 80er: CDU-Kampagne gegen „Asylantenflut“

Illegalisierung der Einwanderung nimmt zu

Forderung nach Grundgesetzänderung (Artikel 16: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“)

Zahlreiche weitere Restriktionen des Asylrechts

SPD lehnt das ab 1992 werden weitere Verschärfungen beschlossen noch vor in Kraft treten: SPD stimmt GG-Änderung zu 1993: Änderung des GG, Artikel 16 Individueller Anspruch auf Asyl bleibt bestehen, aber

Dasselbe in rot-grün? Regierungswechsel: rot/grün (1998-2005) Kampagne für doppelte Staatsbürgerschaft. Gescheiterte Reform des Staatsbürgerschaftsrecht (Kampagne Koch: Integration statt Doppelte Staatsbürgerschaft) Greencard-Offensive von Schröder: Plädoyer für befristete Arbeitserlaubnis für ausländische Fachkräfte 40


Reaktion auf die Erkenntnis: Einwanderung findet ohnehin statt; jetzt: Wir wollen die Richtigen aussuchen

Weiterhin: Kriminalisierung von Kirchenasyl, Fluchthilfe, Flüchtlingssozialarbeit durch „Schlepperparagrafen“

Integration mit Sprach- und Landeskunde zur Klassifizierung nützlicher/unnützer Ausländer.

In Deutschland geborene Jugendliche, die straffällig werden, können abgeschoben werden

Z UWANDERUNGSGESETZ

Datenerfassung: biometrische Daten aller hier lebenden Ausländer und Visaantragssteller (Schengen II) Weiterhin Denunziationspflicht bei medizinischen Leistungen oder Schulbesuch von Illegalisierten

2005: Gesetz zur Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung und zur Regelung des Aufenthalts und der Integration von Unionsbürgern und Ausländern)

Sammellager ausgeweitet und Schaffung von „Ausreiseeinrichtungen“ für Menschen mit 'Bescheinigung'

Verbesserung: Anerkennung nichtstaatlicher und geschlechtsspezifischer Verfolgung

Einschätzung: vermehrte Schaffung von Abschiebegründen durch Restriktionen, Illegalisierung etc.

Generell: weitere Restriktionen, Erleichterungen vor allem für ausländische Spitzenkräfte De facto Abschaffung der Duldung (wird durch 'Bescheinigung' ersetzt) Abschiebung wird erleichtert und muss nicht mehr vier Wochen vorher angekündigt werden, Schritt in Richtung Illegalisierung von 250.000 bisher Geduldeten Weitere Restriktionen: generelles Arbeitsverbot für Flüchtlinge mit „Bescheinigung“ und Entzug von schon erteilten Arbeits- und Ausbildungserlaubnissen Kindernachzug beschränkt (bis 11 Jahre)

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La politique d’immigration dans la République fédérale d’Allemagne U N PROJET « L A ROUTE DE LA MIGRATION  » DE L ’ INSTITUT POUR L ’ ETHNOLOGIE EUROPÉENNE , L ’U NIVERSITÉ H UMBOLDT DE B ERLIN

les immigrants ont travaillé surtout dans les domaines présentant un danger pour la santé et à fort coefficient de travail (usines, mines, hôpitales etc.) avec la construction du mur en 1961, le réservoir de la main d’œuvre s’était épuisé et un marché du travail internationalement libre n’existe pas

Il y a deux principes dominants concernant le maniement de l’immigration qui sont contradictoires:

La première phase

La conception de la nationalité basée sur le « ius sanguinis » (droit du sang).

la politique d’immigration domine des intérêts à court terme

Par le calcul économique qui est accompagné d’une segmentation et d’une stratification du marché du travail. Les réfugiés après la Deuxième Guerre mondiale

1955-1973:

il y avait beacoup de travailleurs étrangers qui sont restés définitivement d’abord la mise en scène d’une ambiance accueillante et agréable concernant la main d’œuvre étrangère mais à la fin des années 60, l’ambiance a changé

L E SYSTÈME DES TRAVAILLEURS ÉTRANGERS ( DEPUIS 1955) le recrutement de la main d’œuvre organisé d’État (surtout des pays de la périphérie au sud de l’Europe) pour des États membres non-européens, p.ex. la Turquie et le Maroc, il y a des contrats de la deuxième classe

la disposition étatique concernant la migration ; « L’Allemagne n’est pas un pays qui traditionnellement accueille les immigrés », on veut que les travailleurs étrangers quittent l’Allemagne La deuxième phase en 1973, l’arrêt des programmes de recrutement  un grand débat public sur la raison d’être de la population étrangère 42


en même temps, l’immigration se poursuit sous forme de regroupement familial

en 1985 : Schengen – l’espace sans contrôles à la frontière (les accords de Schengen)

L’ INTÉGRATION ET L ’ ASILE

en 1987 : encore le reforcement de droit d’asile

en 1980, campagne contre les réfugiés qui ont cherché l’asile en Allemagne après le putsch en Turquie en 1982, rejet de la coalition sociale libérale, sous le gouvernement de Kohl l’attitude à l’égard des étrangers se renforce, une politique intérieure aggressive (surtout très anti-turque) l’introduction de la différence entre la docilité d’intégration et la capacité d’intégration le ministre de l’Intérieur Zimmermann propose une loi pour le droit des étrangers plus renforcé coalition des organisiations pour les immigrants, syndicats, églises etc. sont contre la conception de la noeuvelle loi elle n’a pas été appliquée, sauf la prime pour la rentrée des étrangers

changement profond en Europe de l’Est, le nombre des réfugiés augmente à la fin des années 80, campagne du parti « Union chrétiennedémocrate » contre le flux des demandeurs d’asile, exigence d’une modification de la loi fondamentale ! le « Parti sociodémocrate allemand » refuse le changement en 1992 : d’autres renforcements supplémentaires, le « Parti socio-démocrate allemand » approuve la modification de la loi fondamentale en 1993 : modification de la loi fondamentale (l’article 16 – on garde l’exigence individuelle mais il y a la convention des États tiers) Les conséquences pour les réfugiés : dissimulation du chemin de voyage

de plus en plus, le droit d’asile et le droit des étrangers seront renforcés

l’Etat opte pour la politique de découragement et de baisse des demandes d’asile

en 1982 : des nouvelles mesures concernant la procédure de demande d’asile (l’hébergement dans les camps, le ravitaillement, au maximum 50-70 marks par mois, l’interdiction du voyage et du travail)

augmentation d’une immigration illégale plusieurs d’autres restrictions du droit d’asile

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La même politique sous le gouvernement du Parti socio-démocrate allemand et les Verts ?

Le regroupement familial se réduit aux enfants de onze ans au plus.

le changement du gouvernement

Donner un asile dans une église à un réfugier ou l’aider d’une manière générale devient un crime en Allemagne

coalition des socio-démocrates de l’Allemagne et les Verts (1998-2005) il y avait une compagne pour la double nationalité comme en France « l’immigration choisie » (=l’offensive « Greencard » de Schröder) ! intégration au moyen des sciences sociales et connaissance de langue

les jeunes étrangers nés en Allemagne qui ont commis un crime peuvent perdre leur séjour à l’aide des données biométriques, on peut avoir une id exacte du nombre des étrangers et de demandeurs d’asile vivant en Allemagne (Schengen II) on trouve plus de moyens d’expulser les étrangers à cause des restrictions, des interdictions, etc.

L A LOI SUR L ’ IMMIGRATION en 2005, une nouvelle loi concernant l’immigration, la régulation de séjour et de l’intégration des étrangers réforme : reconnaissance de la poursuite non étatique et selon le genre en général : des restrictions, facilité des éloignements, 250.000 immigrés perdent leur légalité de séjour. Autres restrictions : interdiction de travailler des réfugiés Retrait des permis de travail et le droit de se former

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A BSCHNITT 7 | S ECTION 7

Nina Violetta Schwarz

Berliner Route der Migration

G RENZEN UND B ARRIEREN STATT R OUTEN UND W EGE . V ON DEN F OLGEN DES A SYLBEWERBERLEISTUNGSGESETZES

P ROJEKTE DER „B ERLINER R OUTE DER M IGRATION “, M ASTERSTUDENT I NNEN AM I NSTITUT FÜR EUROPÄISCHE E THNOLOGIE DER H UMBOLDT U NIVERSITÄT , B ERLIN Übersetzung: Lina Pelz

I NHALT | S OMMAIRE 1. Nina Violetta Schwarz 2. Jana König 3. Gabriel Stolz 4. Nicolas Schall 5. Jenny Engler

Isolierte Unterbringung in Heimen, Residenzpflicht, Einschränkung der Wahlfreiheit im Kaufverhalten durch Gutscheine, negative Mechanismen im öffentlichen Diskurs, die aus Unwissenheit der Mehrheitsgesellschaft über die Situation der Flüchtlinge entstehen. Flüchtlinge werden durch staatliche Repressionen und die aktuelle Asylpolitik von der Gesellschaft ausgegrenzt und in ihrer Lebensgestaltung massiv eingeschränkt. Das Asylbewerberleistungsgesetz kommt faktisch einem Integrationsverbot gleich. Mit der Verschärfung des Asylgesetzes 1993 sollte Deutschland für Flüchtlinge möglichst unerreichbar werden. Seit dieser Politik der Abschreckung erwarten Flüchtlinge und MigrantInnen Grenzen und Barrieren statt Routen und Wege. Die Grenzen Europas. Mit den Problemen an diesen Grenzen und den Theorien der Grenzregimeforschung beschäftigt sich Nina V. Schwarz derzeit.

6. Älter werden - Veillir F RONTIÈRES ET BARRIÈRES AU LIEU DE PASSAGES ET CHEMINS . D ES CONSÉQUENCES DE LA LOI D ' ASILE Hébergement isolé dans des foyers d'immigrés, restriction à un seul arrondissement, limitations dans les choix d'achat par 45


un système de coupons, mécanismes négatifs dans le discours public qui résulte de l'inconscience de la plus grande partie de la société par rapport à la situation des réfugiés. Les réfugiés sont marginalisés dans la société par les répressions de l'État et la politique d'asile actuelle, et souffrent de restrictions massives de leur mode de vie. La loi d'asile équivaut de fait à une interdiction d'intégration. Le durcissement de la loi d'asile en 1993 avait pour but de rendre l'Allemagne le plus inaccessible possible aux réfugiés. Depuis cette politique de dissuasion, les réfugiés et migrants sont confrontés à des frontières et des barrières au lieu de passages et chemins. Les frontières de l'Europe. Les problèmes que l'on rencontre à ces frontières et les théories de la recherche sur le régime frontalier forment actuellement le centre d'intérêt de Nina V. Schwarz.

Jana König M AUERN 2.0. E RINNERUNGEN AN DEN F ALL DER M AUER UND DIE W IEDERVEREINIGUNG AUS MIGRANTISCHER P ERSPEKTIVE Der Film Duvarlar/Mauern/Walls dokumentiert migrantische Perspektiven, vor allem aus der türkischen Community, auf den Mauerfall und die Wiedervereinigung in den Jahren 1990-91. Zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbevertrags und 50 Jahre nach dem Mauerbau tragen wir diese Perspektiven in die öffentliche Diskussion. Mauern 2.0 befragt dafür einige ProtagonistInnen des Films erneut: Wie se-

hen sie Themen wie Rassismus, Nationalismus und ökonomische Ausbeutung heute? Gibt es neue ‘Mauern’? Mauern 2.0 zieht weitere Kreise und fragt auch nach Perspektiven aus dem Ost-Teil der Stadt. Vergangene Auseinandersetzungen aktualisieren wir für die Gegenwart und fragen nach Korrespondenzen und Konstellationen. Schließlich stellen wir die unausweichliche Frage: Was ist Rassismus heute?

M AUERN 2.0. M ÉMOIRES DE LA CHUTE DU MUR DE B ERLIN ET DE LA RÉUNIFICATION EN PERSPECTIVE DES MIGRANTS

Le film Duvarlar/Mauern/Walls documente des vues migratoires, notamment de la communauté turc, sur la chute du mur de Berlin et la réunification dans les années 1990-91. À l'occasion du 50ème anniversaire du contrat de recrutement germano-turc et 50 ans après la construction du mur, nous intégrons ces vues dans la discussion publique. Pour cela, Mauern 2.0 interroge de nouveau quelques protagonistes du film : comment voient-ils des thèmes comme le racisme, le nationalisme et l'exploitation économique aujourd'hui ? Y a-t-il des nouveaux « murs » ? Mauern 2.0 étend la discussion et recherche aussi des perspectives de l'Est de la ville. Nous actualisons des anciens débats pour le présent et sommes à la recherche de liens et de constellations. Finalement, nous posons la question inévitable : Qu'est-ce le racisme aujourd'hui ?

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Gabriel Stolz F AMILY F RAMES . F AMILIENPORTRAITS AUS DEM A RCHIV DES K REUZBERG M USEUMS Von 1974 bis 1979 haben sich mehrere hundert migrantische Familien, wohnhaft im damaligen Sanierungsgebiet SO 36, im Fotoatelier Mathesie fotografieren lassen. Diese formalen, idealisierten Familien-Repräsentationen stammen aus einer Zeit, in der der Anwerbestopp von 1973 den Nachzug von migrantischen Familien forcierte. Weitere ausländerpolitische Maßnahmen begannen das Privat- und Familienleben der MigrantInnen in Kreuzberg nachhaltig zu bestimmen. Sie stellten eine Belastungsprobe für die familiären Verhältnisse der MigrantInnen dar. Aber diese entwickelten auch vermehrt Strategien, um weitere Einwanderung und ihr Bleiben zu gewährleisten. Die Ausstellung der Familienportraits im Rahmen der »Route der Migration« bildete einen Ausgangspunkt für die Frage nach der Bedeutung der Bilder für das alltägliche Leben in Kreuzberg und ihrem Zusammenhang mit der Erfahrung der Migration. Über die Ausstellung hat sich der Kontakt zu einigen Familien ergeben, die auf den Fotos zu sehen sind. Die Familien wohnen nach wie vor in Kreuzberg und zeigen Interesse daran, Gabriel Stolz in seiner Forschung in Form von gemeinsamer Archivarbeit zu unterstützen und sich in Interviews mit den Bildern der eigenen (Familien-)Geschichte und dem Stadtteil Kreuzberg auseinanderzusetzen.

F AMILY F RAMES . P ORTRAITS DE FAMILLES DE L ' ARCHIVE DU K REUZBERG M USEUM Entre 1974 et 1979, plusieurs centaines de familles migratoires, résidant dans les quartiers en réhabilitation SO 36 de l'époque, se sont laissées prendre un photo dans l'atelier Mathesie. Ces portraits de familles, formels et idéalisés sont issus d'une époque dans laquelle l'arrêt du recrutement de 1973 accélérait le regroupement des familles migratoires. D'autres mesures de la politique d'immigration commençait à déterminer durablement la vie privée et familiale des migrants à Berlin-Kreuzberg. Elles représentaient une épreuve de résistance pour les conditions familiales des migrants. Mais ceux-là développaient de plus en plus de stratégies pour assurer la continuation de l'immigration et leur droit de rester. L'exposition des portraits de familles dans le cadre de la »Route der Migration« forme un point de départ pour l’interrogation de la signification des images pour la vie quotidienne à Kreuzberg et son lien avec l'expérience de la migration. Grâce à cette exposition, un contact s'est créé avec certaines familles visibles sur les photos. Ces familles habitent toujours à Kreuzberg et montrent un intérêt pour la recherche de Gabriel Scholz ainsi que pour une coopération avec lui sous la forme d'un travail d'archive commun et en forme d'une confrontation avec les images de la propre histoire (familiale) et du quartier Kreuzberg dans des interviews.

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Nicolas Schall Z URÜCKGESCHAUT UND HINGEHÖRT . P ORTRAITFOTOS AUS DEM A RCHIV DES K REUZBERG M USEUMS Wir sitzen zusammen bei einem SeniorInnentreff in Kreuzberg und schauen uns Fotos an. Es sind Portraitfotos aus den 60er Jahren. Sie stammen aus dem Nachlass des Fotoateliers Mathesie. Charlotte Mathesie archivierte Zeit ihres Lebens alle Fotos, die sie als Fotografin in ihrem Atelier in der Adalbertstraße 11 machte. 300.000 insgesamt. Sie zeigen schön zurechtgemachte junge Pärchen, selbstbewusst und verträumt blickende Gesichter, Frauen alleine, zu zweit. Männer in Gruppen, in Anzügen, mit Uhren. Ein Bild unter vielen entfacht plötzlich Diskussionen. Es ist das Portrait einer älteren Dame. Alle sind sich einig, die Frau auf dem Foto aus dem Seniorentreff von heute zu kennen. Wir wollen über damals reden, sie über heute. Über das Älterwerden in Berlin-Kreuzberg, über verwehrte politische Teilhabe, Diskriminierung und fehlende Anerkennung. Schließlich aber auch darüber, wie es war, als ArbeitsmigrantIn in den 60er Jahren aus der Türkei nach Deutschland zu kommen. Wir hören zu. Die Idylle der Fotos, die Selbstinszenierung auf den Bildern bekommt Kratzer im Spiegel der Geschichte(n).

R EGARDS ET ÉCOUTE VERS L ' ARRIÈRE . P ORTRAITS DE L ' ARCHIVE DU K REUZBERG M USEUM Cercle de seniors à Berlin-Kreuzberg, nous sommes réunis et regardons des photos. Ce sont des portraits des années 60. Ils sont issus de l'héritage de l'atelier photo Mathesie. Charlotte Mathesie a archivé tout au long de sa vie toutes les photos qu'elle a fait dans son atelier de la Adalbertstraße 11. Au total, 300.000. Elles montrent des jeunes couples mis sur leur trente et un, des visages décidés, des regards rêveurs, des femmes seules, à deux. Des groupes d'hommes, en costumes, avec montres. Une photo sous tant d'autres provoque soudain une discussion. Il s'agit du portrait d'une dame âgée. Tout le monde est convaincu de connaître la dame sur la photo du cercle de seniors d'aujourd'hui. Nous voulons discuter d'autrefois, eux du présent. Des conditions de vieillir à Kreuzberg, de la participation politique empêchée, de la discrimination et du manque de reconnaissance. Mais finalement aussi de comment c'était de venir de Turquie en Allemagne dans les années 60 comme travailleurs migrants. Nous les écoutons. L'idylle des prises, la mise-en-scène de soi-même sur les photos se distord dans le miroir de l'histoire et des récits.

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Jenny Engler S TRAßEN HABEN EINE G ESCHICHTE – UND EINE G EGENWART . D IE U MBENENNUNG DER M OHRENSTRAßE Als im Oktober 2004 der Antrag auf Umbenennung der Mohrenstraße in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte gestellt wurde, entfachte sich eine öffentliche Auseinandersetzung über die Kolonialgeschichte Deutschlands. Bis heute wird darüber diskutiert, ob einzelne Straßen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding oder in Berlin-Dahlem neue Namen bekommen sollen. Durch eine Perspektivenumkehr soll die deutsche Kolonialgeschichte in unserer Erinnerungskultur umgeschrieben werden. So wie im Frühjahr 2010 geschehen, als das Gröbenufer in Kreuzberg in May-Ayim-Ufer umbenannt wurde. Ein bisher einmaliger Vorgang in Berlin. Unter den Bedingungen von Migration und der daraus entstehenden vielfältigen Stadtbevölkerung erhalten diese Auseinandersetzungen umso mehr Prägnanz, da Erinnern von Vergangenem gleichzeitig das Zusammenleben heute prägt. Eine kritische Bewertung des Kolonialismus scheint in dieser Hinsicht unabdingbar, um die verschiedenen Vorstellungen von Zugehörigkeit, Ausgrenzung und Rassismus wahrzunehmen, ernst zu nehmen und gleichzeitig kritisch zu hinterfragen.

L ES RUES ONT UNE HISTOIRE – ET UN PRÉSENT . L A REBAPTISATION DE LA M OHRENSTRAßE En octobre 2004, la demande de rebaptiser la Mohrenstraße est sujet dans l'assemblée locale de Berlin-Mitte et entraîne une discussion publique sur l'histoire coloniale de l'Allemagne. Depuis et jusqu'à aujourd'hui, la question si certaines rues de Berlin-Dahlem ou du quartier africain de Berlin-Wedding doivent recevoir de nouveaux noms est discutée. Par une inversion des perspectives, l'histoire coloniale allemande doit être transformée en culture de mémoire. Tel qu'au printemps 2010, quand la rue Gröbenufer à Kreuzberg a été rebaptisée en May-Ayim-Ufer. Un événement inédit jusque-là à Berlin. Sous les conditions de la migration et la diversité de la population urbaine qui en résulte, ces conflits sont d'autant plus pertinents car la mémoire forme en même temps les conditions de la cohabitation. De ce point de vue, un regard critique sur le colonialisme paraît indispensable pour percevoir les différentes vision d'appartenance, de marginalisation et de racisme, pour les prendre au sérieux et pour, en même temps, les mettre en question d'une manière critique.

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Älter werden – Veillir

sein sollte. Morgen gebe ich die Papiere ab und dann sehen wir, was passiert, wenn ich gewählt werde.

[Situation: Die Sprecher_innen, sind Senior_innen, die als Arbeitsmigrant_innen in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sie sitzen im Cafe und erzählen]

Bisher hab ich Samstag Wäschetag gemacht. Weil Samstag der einzige freie Tag war. Aber jetzt, wenn ich als Seniorenvertreter gewählt werde, dann ist es noch schlimmer, dann hab ich gar keine Zeit.

[Person a (männl.)] In Kreuzberg, in Berlin habe ich ein Stück Erinnerung an jeder Ecke und bei jedem Ding! Seit 2010 bin ich in Rente. Ich helfe aber hier und da ein bisschen, bin spontan.

Ich muss ehrlich sagen, übers Älterwerden hab ich keine Zeit gehabt nachzudenken. Die anderen sagen immer: Der hört nicht auf, aktiv zu sein. Ich bin da hinein gewachsen. Ich fühle mich auch nicht so alt. Ich unterstütze Jugendliche. Wir müssen auch vermitteln, was wir erreicht haben und wo wir Fehler gemacht haben. Das mach ich gerne. .................

Wir spielen unser Theater und ich arbeite ehrenamtlich bei der AWO. Da helfe ich den Leuten, die da sind.

A Kreuzberg, à Berlin, j'ai un bout de souvenir à tous les coins de rue et à chaque chose !

Bei Ausflügen bin ich mit dabei und organisiere ein regelmäßiges Treffen, wo wir Musik spielen, tanzen, essen.

Je suis en retraite depuis 2010. Mais je donne un petit coup de main par-ci, par-là, je suis spontané.

Und… zurzeit mache ich auch so viele Sachen fürs Fernsehen. Die wollen jetzt wegen des Anwerbevertrags alle Interviews mit mir machen. In letzter Zeit hab ich über die Wahlen in Berlin gesprochen und darüber, was mir nicht passt, etwa in Kreuzberg oder Deutschland.

Nous faisons notre théâtre et je suis bénévole chez AWO (la mutualité ouvrière). Là, j'aide les gens qui y sont.

Jemand hat mich als Seniorenvertreter empfohlen, weil ich überall dabei bin und meinen Landsleuten helfe, wenn etwas

Et... en ce moment, je fais aussi beaucoup de choses pour la télévision. Ils veulent tous faire un interview avec moi à cause du contrat de recrutement. Ces derniers temps, j'ai beaucoup

Je participe aux excursions et j'organise une rencontre régulière où on fait de la musique, on danse, on mange.

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parlé des élections à Berlin et des choses qui ne me conviennent pas, à Kreuzberg ou en Allemagne. J'ai été proposé par quelqu'un comme représentant des seniors parce que je suis toujours là et parce que j'aide mes compatriotes quand il y un problème. Demain, je déposerai les papiers et puis on verra ce qui se passera si je suis élu. Jusqu'à présent, j'ai fait le linge le samedi. Parce que le samedi était le seul jour libre. Mais maintenant, si je suis élu représentant des seniors, ça deviendra encore pire, je n'aurai plus de temps du tout. Honnêtement, je n'avais pas le temps de réfléchir sur le fait de vieillir. Les autres disent toujours, il n'arrête pas d'être actif. J'ai pris l'habitude au cours des années. Je ne me sens pas non plus tellement vieux. Je soutiens des adolescents. Il faut aussi transmettre ce qu'on a réussit et les fautes que nous avons fait. J'aime bien faire cela.

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A BSCHNITT 8 | S ECTION 8

Atelier de Visu

Die Reise. Ein Bericht. Ü BERSETZUNG : D ANA L UPU

I NHALT | S OMMAIRE 1. Atelier de Visu, Marseille 2. Exposition Les migrants, de Mathieu Pernot 3. Die Reise. Bericht von Jawad, afghanischer migrant

14 ans après sa création l'Atelier de Visu est toujours la galerie de Marseille, dédiée à la Photographie contemporaine. Il n'est pas un simple espace d'exposition, espace de travail, de mise en réseau pour les photographes d'horizon très divers, un espace ou la forme la plus abouti d'une œuvre côtoie le tâtonnement, l'essai, l'étude. Fondée en 1998 par Antoine d'Agata et Soraya Amrane, l'Atelier de Visu occupe une position peu commune dans le champ de la photographie française quelque part entre l'institution, pour le niveau des expositions et les résidences d'artistes et l'association, lieu vivant entre les jeunes auteurs et les figures reconnus, son activité s'intensifiait dans le temps même où la création photographique connaissait une perte d'audience. Si l'expérience est pérenne, c'est que l'Atelier de Visu a su renouer avec ce que la photographie a connu de meilleur, de vital, de généreux c'est à dire un implantation sur le terrain et une ouverture vers l'extérieur, nationale et internationale. Le projet renouvelé chaque année de l’Atelier de Visu de proposer un panorama sur le monde de la photographie contemporaine s'illustre à travers les expositions photographiques, résidences d’artistes, workshops, projections, débats, publications, ventes d'ouvrages et signatures d'auteurs. Le succès rencontré par ces événements a permis de montrer à un large public, la vitalité de la scène photographique contemporaine. Le nombre de visiteurs présents lors des manifestations et la ve52


nue de nombreux professionnels (galeristes, agents d’artistes…) témoignent de la réussite de cette démarche. Au fil des ans, l'Atelier de Visu a tissé des liens avec des collectifs, des organisateurs de festivals, des galeries, des revues et des écoles de photographies, un véritable réseau de contacts afin de créer une véritable dynamique autour de la photographie européenne et internationale. Lieu d'exposition et de confrontation, l'Atelier de Visu s'attache aussi à tenir ses engagements auprès des artistes : Faire la promotion des photographes émergents en leur donnant une première occasion d’exposer leur travail. Véritable tremplin pour lancer la carrière des photographes, l’association a permis de révéler de nombreux talents et de leur fournir un premier ancrage dans le marché de l’art.

Atelier de Visu 14 Jahre nach seiner Gründung ist das Atelier de Visu immer noch DIE Galerie für zeitgenössische Fotografie in Marseille. Sie ist nicht nur ein einfacher Ausstellungsraum, sondern auch ein Arbeitsraum, ein Raum der Vernetzung von Fotografen unterschiedlichster Schulen, ein Raum, in dem etablierte Fotografen neben jungen experimentellen Künstlern ausgestellt werden.

Das 1998 von Antoine d'Agata und Soraya Amrane gegründete Atelier de Visu nimmt in der französischen Fotografie-Landschaft eine Zwitterstellung ein – es steht irgendwo zwischen Institution, Ausstellungsraum und Künstlerresidenz. Der durch junge und anerkannte Künstler belebte Ort konnte sogar in Zeiten, in denen die fotografische Kunst an Publikum verlor, weiterbestehen und seine Projektarbeit intensivieren. Das Projekt ist deswegen so beständig, weil das Atelier de Visu immer wieder an das anknüpfen konnte, was die Fotografie an Bestem und Kreativem besitzt, und sich in Marseille aufgrund seiner Offenheit gegenüber Neuem und Unbekanntem einen Namen machte. Das jährlich erneuerte Ziel des Atelier de Visu, einen Überblick über die Welt der zeitgenössischen Fotografie zu bieten, wird mit Fotoausstellungen, Künstlerresidenzen, Workshops, Diskussionsrunden, Veröffentlichungen, Werkverkäufen und Signierstunden der Künstler realisiert. Der Erfolg der Galerie trägt dazu bei, die Lebendigkeit der gegenwärtigen FotografieSzene einem grossen Publikum zugänglich zu machen. Im Laufe der Jahre knüpfte das Atelier de Visu Kontakte mit Vereinen, Festivalorganisatoren, Galerien, Fachzeitschriften und Fotografiehochschulen und schuf so ein dynamisches Netzwerk der internationalen Fotografie-Szene. Als Ausstellungsund Begegnungsort bemüht sich das Atelier de Visu auch um die Förderung herausragender Fotografen, indem es ihnen die Möglichkeit bietet, im Galerieraum auszustellen. Als KarriereSprungbrett hat de Visu zahlreichen Talenten ermöglicht, sich

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einen Namen zu machen und sich schliesslich auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Übersetzung : Lina Pelz, Juni 2012

Die Reise Bericht von Jawad - April/ Mai 2012 Der 26-jährige Afghane Jawad lebt in Frankreich und berichtet von seinen Erlebnissen bzw. Erfahrungen als Flüchtling auf dem Weg nach Frankreich. Er wurde 1986 in einem Armenviertel in Kabul geboren. Bereits drei Jahre später war seine Familie gezwungen Afghanistan zu verlassen, da sein Vater Probleme mit der afghanischen Regierung hatte. Kurz darauf ließ sich die Familie im Iran nieder. Da Jawads Eltern keine Aufenthaltsgenehmigung für dieses Land besaßen, konnte er auch nicht die Schule besuchen, jedoch haben es die Eltern geschafft ihm einen Ausweis bzw. gültige Papiere eines älteren Afghanen zu besorgen. Diese erlaubten ihm die Abendschule zu besuchen und somit lernte er lesen und schreiben. Nach seinem Schulabschluss hatte Jawad den Wunsch an einer islamischen Universität zu studieren, doch aufgrund seiner afghanischen Herkunft blieb ihm dies verwehrt. Seiner Meinung nach ist die afghanische Regierung unfair, weder hilfsbereit noch für den Aufenthalt bzw. die Anwesenheit von afghanischen Flüchtlingen. Nach seinem 17.Geburtstag wurde er im Iran von der Polizei geschnappt und nach Afghanistan zurückgeschickt. Da er in keinem der Länder mehr bleiben konnte, weder im Iran noch in Afghanistan, traf er die Entscheidung auf Reisen zu gehen. Zu Beginn verschlug es ihn in die Türkei und anschließend nach Griechenland, wo er erneut von der Polizei festgehalten und daraufhin in ein Flüchtlingslager geschickt wurde, das einem Gefängnis glich. Dort traf Jawad einen Afghanen, der ihm den Vorschlag machte, nach Norwegen zu ge54


hen, denn dort scheint man Afghanen zu mögen bzw. gut zu behandeln und aufzunehmen. Um nach Norwegen zu gelangen, müsse er Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland, Dänemark und Schweden durchqueren. So reiste Jawad zuerst nach Mazedonien, dann nach Serbien, wo er zusammen mit Freunden in der Stadt Niz von der Polizei aufgehalten wurde. Es folgte eine Vorladung beim Richter und jeder erhielt eine Geldstrafe von 70€ und 10 Tage Haft. Die gezählten Tage im serbischen Gefängnis fühlten sich wie 100 Jahre für ihn an. Jawad musste sich vor allen Leuten im Gefängnis entkleiden, dreimal am Tag erfolgte eine Kontrolle bzw. Zählung der Insassen und er als Flüchtling war mit Mördern und Drogenschiebern in Haft. Er wurde ohne Papiere entlassen und somit war der junge Afghane erneut auf der Flucht. Nachdem er den Zug nach Subotica in der Nähe der ungarischen Grenze genommen hatte, kam es wieder zu einer Festnahme und richterlichen Anordnung. Entweder Geldzahlung oder Gefangenschaft. Da Jawad kein Geld hatte, musste er erneut in Gewahrsam. Dieses Gefängnis war noch härter als in Nis. Die Gefangenen hatten keinen Zellenausgang, durften sich nur einmal pro Woche waschen und sich nur zwei Minuten im Waschraum aufhalten. Nach seiner Haft flüchtete Jawad nach Ungarn bzw. überschritt die Grenze und wurde wieder festgenommen. In dem ungarischen Flüchtlingslager in Békéscsaba musste er für eine Frucht Schlange stehen und 2-3 Dokumente ausfüllen, die Flüchtlinge wurden videoüberwacht, hatten kein Recht Fragen zu stellen bzw. zu antworten und waren von gewalttätigen Aufsehern umgeben. Doch Jawad gelang die Flucht aus dem Lager und er begab sich an-

schließend nach Budapest und Wien. Von der österreichischen Hauptstadt aus nahm er den Zug nach Hamburg. Die Reise gelang ihm auch ohne Fahrkarte, da er sich unter dem Bett bzw. Schlafplatz einer alten Dame versteckte, die ihn zwar mitten in der Nacht bemerkte, aber den Vorfall nicht der Polizei meldete. In Hamburg angekommen, war Jawad ganz auf sich allein gestellt, hatte keine Freunde und auch keinen Kontakt zu Bekannten in Deutschland. Es erfolgte erneut eine Festnahme durch die Polizei, und auf dem Kommissariat musste er ein Dokument unterschreiben, dass er sich ohne Papiere in Deutschland aufhält und somit als Krimineller gilt. Seine Situation verschlimmerte sich immer mehr. Jawad kam in ein deutsches Gefängnis, das Erinnerungen an die zwei Weltkriege und die Zeit des Nationalsozialismus wachrief. Vom Gefängnis kam er dann 2-3 Tage in ein Flüchtlingslager, um einen Asylantrag zu stellen. Dort wurde ihm ein Zugticket für ein anderes Flüchtlingslager in Neumünster ausgestellt, wo er drei Monate lebte und sich in dem schönen, renovierten Gebäude wohlfühlte. Doch eines Tages stand die Polizei vor seiner Tür und er wurde per Flugzeug nach Ungarn ausgewiesen. Auf dem Weg nach Budapest packte Jawad die Verzweiflung und er war traurig, da er sein neues Leben sowie seine neu gewonnenen Freunde in Deutschland zurücklassen musste. Schnell stand für den jungen Afghanen fest, dass er die Flucht nach Frankreich versuchen würde, denn er hatte gehört, dass die Franzosen gastfreundlich und einladend sind. Zurück im Lager in Békéscsaba flüchtete Jawad bereits nach der ersten Nacht, doch dabei verletzte er sich seine Hand am Stacheldraht so sehr, dass er sich freiwillig von der Polizei 55


stoppen ließ, um versorgt zu werden. Nach anfänglicher Ablehnung ärztlicher Versorgung wurde Jawad letztendlich ins Krankenhaus gebracht. Nach ungefähr 10 Tagen im Flüchtlingslager kam es zum Umzug in ein Asylbewohnerheim nach Debrecen. Dort lebte Jawad 25 Tage lang wie in einem Gefängnis unter schweren und würdelosen Bedingungen. Jawad macht in seinem Bericht deutlich, dass er Ungarn hasst. Daraufhin beschloss er, mit Freunden nach Frankreich zu reisen. Mit dem Taxi sind sie zuerst nach Österreich, dann nach Italien, wo sie ihn Mailand ausgestiegen sind, um von dort den Zug nach Vintimille/Ventimiglia zu nehmen. Anschließend sind sie dann zu Fuß über die Grenze nach Frankreich gelaufen und in Monaco angekommen. Von da an begann mehrfach der Versuch mit dem Zug in die französische Hauptstadt zu gelangen, weil sich Jawad in Paris ein besseres Leben erhoffte. Zu Beginn haben sie den Bus nach Nizza genommen, um von dort aus nach Paris zu fahren, aber aufgrund von Hunger, Geldnot, durchnässter Kleidung und fehlender Unterkunft ließen sich Jawad und seine Freunde bewusst von der Polizei aufhalten. In Nizza wurden sie am Bahnhof mit Handschellen abgeführt und mit Blaulicht aufs Kommissariat gefahren. Erneut wurde er wie ein Schwerverbrecher behandelt; dabei ist er doch nur ein Flüchtling. Im Gefängnis hat Jawad schlechte Erfahrungen gemacht, da er von der französischen Polizei unfreundlich behandelt wurde und sich die Wächter über ihn und seine Freunde lustig machten. Eigentlich dachte Jawad, dass Frankreich ein gastfreundliches Land sei?! Am darauf folgenden Tag machte er deutlich, dass er in Frankreich bleiben möchte, erhielt seine Papiere und wurde entlassen. Wieder

versuchte er ohne Fahrkarte nach Paris zu gelangen, aber er wurde mehrmals vom Schaffner sowie von der Polizei erwischt. Jawad schaffte teilweise kurze Fahrten nach Cannes bzw. Saint Raphaël. Doch er gab nicht auf und schließlich gelang ihm mit seinen Freunden die Zugfahrt nach Paris ohne Zwischenfälle bzw. Fahrscheinkontrolle. In der französischen Hauptstadt beantragten sie Asyl. Doch sie waren arm, hatten kein Zuhause und mussten draußen auf der Strasse auf Pappkartons schlafen. Abschließend schreibt Jawad, dass er es manchmal bedauert kein Hund zu sein, denn die sind seiner Meinung nach in Europa besser dran, als Ausländer bzw. Flüchtlinge.

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A BSCHNITT 9 | S ECTION 9

Porträt von Yamina B. A UTORIN : T HEA G ÖHRING

P ORTRÄT VON Y AMINA B ENCHENNI In Cannes, Frankreich, geboren, hat Yamina Benchenni algerische Wurzeln, da ihr Vater 1945 von Algerien nach Frankreich immigriert war. Schon ihr Vater musste sich der Frage nach dem Zusammenhang von Nationalität und Identität stellen, da ihm nach der Unabhängigkeit 1962 die Möglichkeit geboten wurde, die französische Staatsangehörigkeit anzunehmen. Er hatte zwar als Algerier für die französische Armee gekämpft, doch blieb er im Herzen seinen Wurzeln treu und lehnte die französische Staatsangehörigkeit trotz der Vorteile, die sie ihm hätte bringen können, ab. Im Jahre 1974 trat er sogar den Rückweg nach Algerien an. Doch zuvor erlebte Yamina Benchenni die typische Kindheit einer Einwandererfamilie nach ihrem Umzug von Cannes in die Transitstadt Bassens, in der Nähe von Bordeaux. Die Eltern und ihre neun Kinder lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen auf engstem Raum, verfügten weder über ein Bad noch eine Küche. Diese Zeit war ebenfalls geprägt von einer restriktiven französischen Immigrationspolitik, die sich durch willkürliche Verhaftungen, ethnisch motivierte polizeiliche Kontrollen und polizeiliche Durchsuchungen mit Suchhunden (im Rahmen der CRS) äußerte. Durch die Reaktion der jugendlichen Migranten machte Yamina Benchenni nun ihre ersten Erfahrungen im Kampf gegen Rassismus und für Gleichheit vor dem Gesetz. Als sie im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie nach Algerien reist, begreift sie das Elend der dort lebenden Menschen, verzweifelt an der dort mangelnden Schulbildung und beschließt, 57


etwas gegen diese Situation zu unternehmen. Dazu gibt ihr die Verschärfung der Situation nach ihrer Rückkehr nach Frankreich noch mehr Anlass: eine Welle massiver Ausweisungen jugendlicher Migranten durch den französischen Staat zwischen 1977 und 1981. Zu dieser Zeit beginnt Yamina Benchennis aktives Engagement nicht nur gegen die Ausweisungspolitik, sondern auch für die Menschenrechte, und nicht nur für ihr algerisches Volk, sondern auch für Menschen anderer Nationalitäten, v.a. aus den Maghreb-Staaten. Dieses Engagement hat sich Yamina Benchenni inzwischen zum Beruf gemacht und ist als ausgebildete Erzieherin Leiterin der sozialen Einrichtung „Centre Social de la Savine“ im 15. Arrondissement in Marseille. In Kooperation mit weiteren Institutionen widmet sich die Sozialarbeiterin vor allem dem Kampf gegen Drogenabhängigkeit, gegen soziale Ausgrenzung und gegen die ungerechtfertigte Beschuldigung jugendlicher Einwanderer durch Außenstehende. In der absoluten Notwendigkeit eine Veränderung herbeiführen zu wollen, wurde die Familie Yamina Benchennis durch einen tragischen Vorfall bestärkt: Scheinbar grundlos, motiviert durch Hass und Rassismus, ermordete Philippe Vancheri am 3. Februar 1990 Yaminas Bruder Hamida Benchenni. Diese Erfahrung prägte Yamina Benchennis grundlegend pazifistische Einstellung, die für Gewaltverzicht und gegen jegliche Form von Mord, und sei es Notwehr, eintritt. Mit der Unterstützung der Gewerkschaft der Richter und Staatsanwälte setzt sie sich seitdem für eine Änderung der französischen Rechtsprechung ein (Im Fall ihres Bruders fordert sie einen Prozess vor dem Schwurgericht anstatt in der Strafkammer). Die Vielzahl dieser individuellen Erfahrungen

trug dazu bei, dass Yamina Benchenni das Wort und nicht die Gewalt als ihre Waffe erkennt. Fragen, hinterfragen, suchen nach Antworten soziologischer, psychologischer oder politischer Art, mitteilen, überzeugen. Bildung als Schlüssel zur Freiheit.

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A BSCHNITT 10 | S ECTION 10

Phocéephone

P HOCÉEPHONE Phocéephone ist ein von Damien Taillard ins Leben gerufener Verein, der sich die Wahrung des Schallplattenerbes (insbesondere in Marseille und des Belsunce-Viertels) zum Ziel gesetzt hat. Besonderen Wert wird dabei auf Vinyls mit orientalischer Musik gelegt. Hauptaufgaben von Phocéephone ist das Zusammentragen, Reinigen, Archivieren und Digitalisieren der Platten und die weitmöglichste Verbreitung der Musik. Des Weiteren veranstaltete der Verein 2011 eine Ausstellung mit ebenso seltenen wie legendären Schallplatten.

P HOCÉEPHONE Phocéephone est une association fondée par Damien Taillard qui s'est donnée pour but la préservation du patrimoine discographique (disques vinyles), et en particulier des musiques orientales. Les activités de l'association sont la récolte, le nettoyage, l'archivage et la numérisation de disques ainsi que la diffusion la plus large possible de la musique. En 2011, Phocéephone a fait revivre l'héritage culturel à travers une exposition de vinyles aussi rares que légendaires.

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Kêtu Records

Kêtu Records ist ein Projekt, das die Förderung und die Verbreitung afrikanischer Musik aus den goldenen Jahren (196070) zum Ziel hat. Es stützt sich auf ein Netzwerk verschiedener Mitarbeiter in Afrika. Für die Finanzierung diverser Projekte (Förderung von Bands/Orchestern, N.G.O. für Personen mit Behinderung, Ausbau von Schulen) organisiert Kêtu Records Abendveranstaltungen und verkauft Schallplatten aus der eigenen Sammlung.

Kêtu records

Kêtu records est un projet qui a pour but la promotion et la diffusion des musiques africaines des années d'or (1960-70) en diffusant les disques vinyles originaux. Il s'appuie sur un réseau de collaborateurs Africains. Afin de financer ses différents projets locaux (promotion d'orchestre, O.N.G d'aide aux personnes handicapés, aide à la scolarisation), Kêtu records organise des soirées et vend une parties des disques de sa propre collection. 
 
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A BSCHNITT 11 | S ECTION 11

Passages – Marseille (frz)

Filme | Films

U N FILM DE G ESA M ATTHIES . 2003 - F RANCE - 52

I NHALT | S OMMAIRE 1. Passages - Marseille. Film de Gesa Matthies 2. Marseille Transit 3. Fluchtweg nach Marseille 4. Etat de piège ou la filière marseillaise 5. Transit 6. Les villes intimes

MINUTES

Obligés de fuir leur pays occupé par les Nazis dans les années 30, trois réfugiés, originaires d'Allemagne et d'Europe de l'Est, reviennent à Marseille, où ils s'étaient abrités quelque temps avant d'abandonner définitivement l'Europe. Il s'agit de Lenka Reinerova, Pierre Radvanyi et Justus Rosenberg. Après l'invasion nazie, Reinerova quitte Prag à 18 ans et se fuit à Paris, où elle est internée en tant que ressortisante des « puissances ennemies ». En 1940, elle est transférée au camp de Bompard à Marseille. Radvanyi, fils d'Anna Seghers, quitte Berlin à 7 ans en 1933. Jusqu'à l'internement du père en 1940, sa famille vit à Paris. Accompagné par sa mère et sa sœur, il se réfugie ensuite à Marseille. Rosenberg quitte son pays natal également très tôt. En 1935, ses parents l'envoient au lycée à Paris car, en tant que juif, il est exclu de l'école à Gdańsk. Lors de l'invasion des Nazis en 1940, il se fuit dans le sud, à Marseille. 63 ans après, le film Passage - Marseille suit les trois témoins de l'époque tout au long de leur visite des lieux qui ont jalonné leur parcours à Marseille. En revoyant ces endroits, emportés par des images, parfois douloureuses, parfois absurdes, la mémoire vacille, errant à la recherche du passé. Le film brosse le 61


portrait de trois "citoyens du monde" qui, malgré les événements dramatiques qui ont marqué leurs vies, ont su préserver leur sens de l'humour et rester humains.

Passages – Marseille (dt) E IN F ILM VON G ESA M ATTHIES . 2003 - F RANKREICH 52 M INUTEN Filmauszug Drei aus Deutschland und Osteuropa stammende Flüchtlinge, die in den 30er Jahren gezwungen waren ihre von den Nazis besetzten Heimatländer zu verlassen, kehren nach Marseille zurück, wo sie vor der endgültigen Abreise aus Europa einige Zeit Schutz suchten. Es handelt sich um Lenka Reinerova, Pierre Radvanyi und Justus Rosenberg.

Rosenberg verlässt sein Heimatland auch sehr früh. 1935 schicken ihn seine Eltern nach Paris auf das Gymnasium, da er als Jude in Danzig vom Unterricht ausgeschlossen wird. Mit dem Einmarsch der Nazis 1940 flüchtet er in den Süden nach Marseille. 63 Jahre später begleitet der Film Passage - Marseille die drei Zeitzeugen während ihres Besuches zu den Orten, die ihren Aufenthalt in Marseille prägten. Beim Wiedersehen der Orte, die teils schmerzhafte, teils absurde Bilder hervorrufen, taumelt die Erinnerung, schweift umher auf der Suche nach der Vergangenheit. Der Film zeichnet das Porträt dreier „Weltbürger“, die trotz der dramatischen Ereignisse, die ihre Lebensläufe beeinflusst haben, ihren Sinn für Humor bewahren und menschlich bleiben konnten.

Nach dem Einmarsch der Nazis verlässt Reinerova mit 18 Jahren Prag und flüchtet nach Paris. Dort wird sie als Staatsangehörige der „feindlichen Mächte“ interniert. 1940 wird sie in das Lager Bompard in Marseille verlegt. Radvanyi, der Sohn Anna Seghers', flieht 1933 mit 7 Jahren aus Berlin. Bis zur Internierung des Vaters im Jahr 1940, lebt seine Familie in Paris. Mit seiner Mutter und seiner Schwester flüchtet er anschließend nach Marseille.

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Marseille Transit D OCUMENTAIRE DE G ERRY M EAUDRE , 2007 Dossier sur Radio Grenouille Avec Ali Mechoub, Véronique Manry, Mohamed Djadouri, Alain Hayot, Grégoire Keussayan, Jean Garbis Artin, Aly Coulibaly, Marcel Togathian, Pierre Echinard, Alain Bagdassarian. Durée : 52' | Production : France 5 / Au fil de l'eau / INA

Gros plan sur le plus grand carrefour européen de vagues migratoires de ces deux derniers siècles : Marseille. En s'intéressant à Belsunce, quartier emblématique de ces flux humains, et en interrogeant historiens et habitants, ce film décortique l'identité multiculturelle de la ville. Le Vieux-Port, la gare Saint-Charles, la porte d'Aix… Délimité par ces lieux incontournables du coeur de la cité phocéenne, Belsunce occupe une position stratégique qui lui confère une vocation de quartier de transit. Deux cents ans d'allers-retours de migrants ont donné à ses rues une coloration ici africaine et asiatique, là italienne ou arménienne et, surtout… une mauvaise réputation. Hôtels insalubres, pauvreté et prostitution ont longtemps fait de Belsunce "une espèce d'enclave que les Marseillais ne traversaient pas", explique la sociologue Véronique Manry.

Ces observations violentes jetées sur le papier par un écrivain local au début du XXe siècle résument assez bien le ressenti des voisins de ce quartierrelais : "On voyait passer des individus à chevelure hirsute qui parlaient un langage barbare, Siciliens ou Catalans, nègres bandits aux prunelles luisantes, enragés de misère et de fanatisme. (…) Les Russes, surtout, dominaient. Ils apportaient avec eux la saleté du Cosaque, leur entêtement de brute." La plus ancienne immigration installée à Belsunce est italienne. A la fin du XVIIIe siècle, Piémontais puis Toscans, Napolitains, Sardes s'y sont succédé, foulant avec autant d’espoirs que d’appréhensions les docks de la Joliette. Si leurs descendants sont aujourd'hui intégrés et vivent éparpillés dans la ville, ces migrants d'alors, avec leur dialecte et leur culture, sont souvent perçus comme des envahisseurs.

D' UNE PEUR À L ' AUTRE Un rapport de police de 1910 recommande même d'"empêcher les Italiens de commettre des crimes et de les moraliser par la religion". L’opinion publique n’est pas plus tendre avec les "mange-macaronis", qu’elle accuse de "jouer autant du couteau que de l'accordéon". Marseille transitDans les années 20, c'est au tour des Arméniens, fuyant le génocide perpétré par la Turquie, d'échouer à 63


Marseille et de subir la défiance de la presse d'alors : "Chacun sait qu'ils portent dans leurs immondes haillons les germes de la peste, du choléra…" Injustes propos. Qu'ils soient italiens, grecs, russes, espagnols, juifs séfarades ou syriens, ils ne rechignent pas à effectuer les tâches pénibles et salissantes proposées sur les docks. Marseille et son port s'enrichissent grâce à ces déracinés dont la rotation permanente entretient les bas salaires. Plus tard, la fin des colonies, dont la cité phocéenne dépendait, met à mal l’économie locale. Les sucreries, tuileries et huileries disparaissent les unes après les autres, tandis que les "indigènes de la République" débarquent dans l'Hexagone avec un nouveau statut, celui de travailleurs immigrés. En provenance du Maghreb et d'Afrique subsaharienne, ils viennent offrir à la France la main-d'oeuvre qui lui manque. A Marseille, ils s’installent durablement à Belsunce.

Preuve qu’une page se tourne, et que Belsunce se banalise, le quartier est en travaux. Les anciens immeubles, hôtels insalubres et taudis sont actuellement en pleine réhabilitation. Sans moyen d'accès au parc locatif privé ni au logement social - saturé -, les familles pauvres qui y vivent sont orientées vers la banlieue. Une situation qui inquiète l'historien Pierre Echinard : "Si, sous prétexte de rénover le centre-ville, on en vient à écarter ces populations-là, ce lien ténu qu'il y a entre la périphérie et le coeur de la ville peut se rompre. Et on risque d'être en présence d'une population hostile, où les uns sont contre les autres. Comme ça existe dans d'autres villes." Gaël Nivollet Dossier Marseille Transit Extrait du film

Depuis une vingtaine d'années, ce quartier multiculturel a perdu sa vocation de transit pour devenir un véritable quartier urbain. Son image change également, note Véronique Manry : "Quand on descend de la gare Saint-Charles pour rejoindre le Vieux-Port, on passe plus facilement par les rues de Belsunce qu'avant. (…) On dit aux touristes de venir voir Belsunce pour son côté exotique, les bazars arabes, les petits restaurants de couscous pas chers, etc. C'est parce que, justement, ce n'est déjà plus ce que c'était. C'est une espèce de trace, de survivance de ce qui a été."

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Fluchtweg nach Marseille / Escape Route to Marseilles I NGEMO E NGSTROM , DOCUMENTAIRE (A LLEMAGNE , 1977, 3 H 30) Fluchtweg nach Marseille, de part en part poétique et documentaire, est un journal de travail sur le roman Transit d’Anna Seghers. En s’appuyant sur une narration fictionnelle et sur des images d’archives il part sur les traces de la mémoire des résistants allemands en fuite vers le Sud de la France dont Walter Benjamin. La présence de Rüdiger Vogler en lecteur du roman transforme le récit en une archéologie politico-littéraire.

Etat de piège ou la filière marseillaise

Transit, de René Allio F ILM FRANCO - ALLEMAND , 1991 L’adaptation du livre homonyme d'Anna Seghers est l'histoire d'un Allemand antifasciste, Gerhardt, qui fuit les nazis et échoue un matin près du port de Marseille, pas encore occupée, au début de la Seconde Guerre mondiale. Ici se croisent en un ballet tragique et anxieux les ombres d’exilés de toute l’Europe, républicains espagnols, déserteurs, juifs, écrivains, artistes, antinazis, en quête de départ pour la liberté. Files d’attentes, amours impossibles, espions et traquenards et toujours l’espoir du visa, du transit, du billet qui dit : partir.  «C'est une histoire de gens, un contexte historique, une transgression de la Loi. Si je devais donner un nom à ce que je cherche aujourd'hui, je parlerais d'un réalisme classique», disait René Allio.

T ERI W EHN -D AMISCH , DOCUMENTAIRE (F RANCE , 1990, 52’, I NA ) À partir de 1940, artistes et intellectuels venus de toute l’Europe fuient le nazisme et se réfugient à Marseille dans l’espoir d’obtenir un visa de sortie. Evocation de l’action de Varian Fry, responsable du Comité américain de secours.

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Les villes intimes (dt)

II S ENEGALESE ( RUE T HUBANEAU )

F ILM DE F LORENCE LL ORET , M ARSEILLE 2006

Da ist ein senegalisches Restaurant. Da auch. Dort ist eine Schneiderwerkstatt. ein senegalisches Geschäft. Als wir ankamen, fanden wir alles vor, was wir brauchten. Man fand Unterstützung, man sprach seine eigene Sprache. Einer fuhr ab, ein anderer kam an. Die Leute, die in Dörfern ausserhalb der Stadt wohnen, kommen hierher um einzukaufen. Hier gab es alles, du deshalb musste man nicht mehr nach Afrika zurück. Hier hatten wir auch den Postempfang für Pakete....

DEUTSCHE ZUSAMMENFASSUNG

I K OMORERIN Ich gehe gern im Panier-Viertel spazieren. Ich setze mich hin und betrachte das Leben um mich herum. Jetzt wohne ich im Noailles-Viertel. Dort ist es nicht schlecht, aber nicht mit dem Panier vergleichbar. In Marseille gibt es viele Komorer, alle Arten von Nationalitäten. Die Leute gucken einen nicht befremdet an. Hier ist alles gemischt. Vielleicht ist es in anderen Städten anders, aber ich kenne nur Marseille. Man schafft es hier, durchzukommen. Das Leben ist nicht allzu teuer. In Paris würde ich es nicht schaffen. (Früchte) Als ich auf La Réunion war, haben wir laut Musik gemacht, so laut wir wollten. Aber hier sagt man uns: nicht so laut Musik machen. Die Leute sagen: du darfst nicht so laut sprechen, sonst kommt die Polizei und nimmt dich fest. Ich hätte nicht geglaubt, dass man hier die Früchte findet, die man bei uns zu Hause isst.

Tja, das war schon was! Das war richtig gut! Ich habe mich jedenfalls hier sehr wohl gefühlt. ... Im senegalesischen Restaurant arbeiteten Algerier in der Küche und im algerischen Hotel Schwarzafrikaner. Alle arbeiteten zusammen. Man scherte sich nicht darum, woher jemand kam. Man kam aus Afrika. Punkt.... die Leute sagten immer: oh, die rue Thubaneau, da darfst du nicht hingehen. Aber ich fühlte mich hier immer sicher. Wenn man irgendwo drin ist, hat man keine angst. Aber die Leute von draussen fanden die Strasse nicht gut – die Frauen vor den Türen, viele Hotels, alle möglichen Ausländer. Für manche war das anrüchig. Ich fand meine Strasse ok. Alles fing hier an. Wenn die Polizei kam, verschwanden alle kurz und eine halbe Stunde später war die Strasse wieder voll.... Das Leben hat sich dann aber später sehr verändert...

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Was mich sehr beeindruckt hat, war die Tatsache, dass man auf dem Weg von der rue Thubaneau zu den Capucines und auf den Markt Noailles drei Länder durchquerte. Hier sind wir in Senegal, eine Strasse weiter im Maghreb und dann auf den Komoren. Das war wirklich unglaublich!!! Das hat mir sehr geholfen und mir Lust gemacht, zu bleiben. Das war Marseille für mich.... Für mich ist Frankreich diese Strasse.

III A LGERISCHES M ÄDCHEN (O RAN ) Ich komm aus Oran, aber ich habe mich nicht so entwurzelt gefühlt, wie ich es befürchtet hatte. Ich hatte Mühe, mir klar zu machen, dass ich in Frankreich war und nicht in Algier, wo ich meinen Grossvater besuchte. Hier sind die Türen zu. Bei uns sind die Türen immer offen. Die Strassen erinnern mich an zu Hause: rosafarbene Fassaden...dieselben Autos und Geschäfte, Kisten. Verrückt, was? Es war sehr beruhigend zu wissen, dass Oran nicht weit weg war... Es gab keinen Schnitt, keinen Bruch. Es fällt mir trotzdem leichter, Marseille zu verlassen, als wieder herzukommen. Ich würde sehr gerne nach Oran zurückkehren. Dort sind die Leute bescheidener, weiser, die Mädchen sind ruhiger. Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, wo

man aufpasste, was man sagte, wo man die Alten achtete. Na, alles ist eben anders. (Zu ihrer Freundin): Was denkst du? Ich habe eine andere Meinung. Ich dachte immer, dass die, die hier aufwachsen, offener sind als die jungen Leute in Algerien. aber das ist nicht der Fall. Sie sind überhaupt nicht offener. Bei uns in Algerien war alles offen. Wir gingen in der Gruppe zusammen aus. Man war empfänglicher für Kritik. Es gab keine Trennung von Frauen und Männern Hier gibt es einen totalen Mangel an Kommunikation zwischen den Jugendlichen. Hier sitzt man immer zu Hause.... 1993 herrschte in Algerien fundamentalistischer Terror, und trotzdem gingen Jungen und Mädchen zusammen aus. Wir wollten keine Angst haben.... Hier ist es das ganze Gegenteil. Die Leute verkriechen sich. Als ich ankam, ging ich auf eine Berufsschule, Abteilung Photographie. Ich war die einzige Araberin. In der anderen Abteilung waren die Dienstleistungsberufe. Als ich sah, wie sich die anderen arabischen Mädchen dort benahmen, wollte ich sofort wieder nach Algerien zurück.

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III A LGERISCHE F RAU

IV JUNGER K OMORE

Ich bin seit 14 Jahren hier. Seit einem Jahr habe ich meine Papiere. Ich würde in den Ferien in meine Heimat fahren,. aber nicht dorthin zurückkehren. Meine Mutter ist 90 und sehr krank. Aber ich lebe hier, habe meine Gewohnheiten. Ich warte gerade auf meinen Pass, um ein oder zwi Monate dorthin zu fahren. Aber es ist schwierig für mich. Ich verstehe mich hier mit allen gut. hier gibt es unglaublich viele „pieds noirs“. Das viertel wurde extra für sie gebaut. Da, wo ich arbeite, sind alles pieds noirs.... Wir haben auf jeden Fall in Algerien gut zusammengelebt. Ich weiss nicht, warum es aufn einmal Probleme gab.

Sowie du in Frankreich bist, wirst du in der Heimat respektiert. Sie denken alle, dass ich Geld habe. Ich finde, dass es ein Problem gibt, weil wir Komorer hier leben, aber in die Komoren investieren. ausserdem haben wir keine Zukunftspläne wie die Franzosen. Wir kaufen hier Kühlschranke usw. und müssen sie auf die Komoren schicken. Die Kinder sagen: Mama, wie ist es möglich, dass wir jeden Monat Pakete wegschicken und selber nichts zum anziehen haben? Wir nehmen Kredite auf, um das alles zu kaufen. ... Ich finde, dass es Unsinn ist, alles auf die Komoren zu schicken.

Das Bonneveine-Viertel erinnert mich an Setif. Es ist ruhig hier, aber das Viertel ist teuer geworden. Ich habe mich für eine Sozialwohnung beworben, aber nicht zu weit weg von meiner Arbeit. (sitzt am Meer) Ich bin 10 Jahre lang ohne Papiere bei meiner Familie in Bonneveine geblieben. Ich habe schwarz bei meinem Cousin gearbeitet, der Anwalt ist. Trotz vieler Versprechen, bekam ich keine Papiere. Ich konnte nicht einmal zum Arzt gehen. Mein Cousin hat mir nicht geholfen. Das Krankenhaus hat sich dann um mich gekümmert und um die Papiere für mich. Mein Cousin hatte mich geschlagen, und ich war weggelaufen, ohne Papiere.

Um nach Frankreich zu kommen, muss die Familie 6000 Euro zusammenbringen. Es wird alles verkauft, damit man jemanden nach Frankreich schicken kann. Wenn du dann in Frankreich bist, arbeitest du nur dafür, dass das Geld wieder zurück auf die Komoren kommt... Das ist ein Problem, aber ich mache es wie alle anderen. Denn ich kann unmöglich zu meiner Mutter sagen: ab heut e schicke ich nichts mehr. Das geht einfach nicht. In einem Heft notiere ich alles, was ich nach Hause schicke. 2020 will ich eine grosse Hochzeit machen. Und dafür muss ich sparen. (im Sozialzentrum – Gespräch zwischen Jugendlichen)

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Die Frau hat gesagt, dass es ein Ereignis ist, dass der erste Schwarze die Abendschau macht. Seinen Namen haben sie nicht gesagt. Das war für die ein Ereignis, obwohl ja die Schwarzen hier überall sind. Ehrlich mal, das ist doch rassistisch!... Hast du gemerkt, dass es jetzt Schwarze im Fernsehen gibt? Die Schwarzen heben die Ziegel auf und machen sauber. Das machen wir seit 2500 Jahren. Wir müssen jetzt mal zeigen, dass wir nicht nur dafür gut sind.. Vergesst nicht die Ausbildung! Was hast du denn studiert? Bac + 2 (Abitur und 2 Jahre Studium)

gen Anzüge und eine Tasche, auch wenn nichts drin ist. Ich bin stolz, aus Marseille zu sein (lacht) Ich habe jemanden in der Hauptstadt Moroni getroffen. Er hat zu mir gesagt: du wohnst nicht mehr hier. Man sieht es dir an, dass du in Frankreich lebst. Du hast die Farbe gewechselt und bist dick geworden... Wenn du einen Komorer suchst, gehst du auf den Platz an der Porte d’Aix. Da sind alle. Du siehst lauter kleine Gruppen. Sie sprechen über die grosse Hochzeit. Weißt du, jemand hat eine grosse Hochzeit für 12 000 Euro gemacht. Wie sollen wir denn 12 000 Euro finden? Die Gruppen reden über alles. Und das interessiert alle. Das ist der Treffpunkt der Komorer.

Warum bist du hier im Büro? Ich bin Sozialarbeiter. Was hast du gelernt? BAFA, ich hab das Trainer-Diplom. Deshalb habe ich meine Arbeit. Unser Viertel ist nach aussen hin geschlossen. Hier ist immer Polizei. Es ist wie im Gefängnis. (In seiner Küche) auf den Komoren nennt man die Leute, die immigriert sind, die „je viens“. Es gibt die „je viens de Paris“ und „je viens de Marseille“. Die, die aus Paris kommen, tragen Anzüge. Die aus Marseille tragen Jeans. die aus Marseille tra-

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Exilplan 2012 Workshopmaterial | Matériau  

Präsentation aller vorbereitenden Texte und Recherchen. Programm des Workshops. Tagesprotokolle. Filmteil /// Présentation des recherches fa...

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Präsentation aller vorbereitenden Texte und Recherchen. Programm des Workshops. Tagesprotokolle. Filmteil /// Présentation des recherches fa...

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