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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lektorat: Sandy Penner Titelbild: Heike Georgi 1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-239-7

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag Sonnenbichlstraße 39, 88149 Nonnenhorn, Deutschland www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Stefanie Schmidt

Barbaras Tr채ume

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F체r Andy, der seine Tr채ume Wirklichkeit werden l채sst.

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Prolog Aufgeregt saß er im neuen Hauptquartier der Anuber. Dabei handelte es sich um das Büro von Rektor Jones, dem Schulleiter der Woodsville Highschool. Es war aber nicht sein Büroraum innerhalb der Schule, sondern der in Jonesʼ kleinem, nahe am See gelegenen Landhaus. Noch nie war er in diesem Zimmer gewesen, doch schon nach dem ersten Betreten hatte er sich wohlgefühlt. Der Büroraum war, dank der vier großen bodentiefen Fenster, sehr hell und von dort aus konnte man durch ein paar Bäume hindurch bis aufs Wasser schauen. Das Büro selbst war mit einem antiken Schreibtisch ausgestattet, auf dem ein Computer der neuesten Generation stand. An einem weiteren runden Tisch mit schwarzen Stühlen fanden acht Personen Platz. Auf einem dieser Stühle saß er nun, bewunderte die deckenhohen Bücherregale und wartete auf den Rektor. Er war aufgeregt. Mr Jones wollte ihm heute mitteilen, ob er als Mitglied der Anuber demnächst öfter an diesem Tisch sitzen durfte. Nervös wühlte er in seiner Hosentasche. Der Rektor ließ lange auf sich warten. Ob das eine Prüfung war? Testete er seine Geduld? Möglich wäre es. Die Anuber waren die Hüter und Beschützer aller Gabenträger. Er wollte so gerne zu ihnen gehören, doch sein Halbbruder Peter hatte die Anuber verraten und das, obwohl er durch seinen Vater in direkter Blutsverwandtschaft zu ihnen gestanden hatte. Blut ist dicker als Wasser. Diesen Spruch hatte sein Halbbruder eindeutig widerlegt. Früher, als er noch zu Peter aufgesehen hatte, da war er immer sein Bruder gewesen, doch mittlerweile nannte er ihn nur noch seinen Halbbruder. So oder so wollte er mit ihm nichts mehr zu tun haben. Er besuchte ihn nicht einmal im Gefängnis, obwohl seine Mutter ihn mehrmals darum gebe-

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ten hatte. Aber wie hätte Peter ihm denn erklären können, dass er Luca angeschossen hatte? Keine Erklärung der Welt hätte das abändern können, von den anderen abscheulichen Dingen, die er getan hatte, mal ganz abgesehen. Für einen Moment wurde ihm richtig schlecht, als er darüber nachdachte, dass er anfangs auch noch mitgemacht hatte. Die Entführung von Laura, das war keinesfalls für einen guten Zweck gewesen, wie es Peter ihm beteuert hatte. Das war reine Berechnung, um an ihre Gabe zu gelangen. Jetzt sah er klar. Er hatte sich von ihm einlullen lassen, war seinem Halbbruder auf den Leim gegangen. Er hatte ihm eben vertraut. Sie waren größtenteils ohne ihre Väter aufgewachsen. Sein Halbbruder war um einiges älter als er selbst und lange Zeit seine einzige männliche Bezugsperson gewesen. Die Zeiten, in denen Peter ein Vorbild für ihn gewesen war, schienen lange vorbei. Er hoffte nun, alles wiedergutmachen zu können, was sein Bruder vermasselt hatte. Hoffentlich bekam er die Chance dazu. Endlich sah er, wie die Türklinke sich bewegte und Mr Jones mit kaltem Eistee auf einem Tablett hereinkam. „Guten Tag, Mr Jones“, sagte er so freundlich und unbefangen, wie es ihm nur irgend möglich war. Der Rektor stellte den Eistee wortlos auf den Tisch und schaute ihn streng an. „Wir haben gestern darüber diskutiert, ob wir dich in unseren Kreis aufnehmen oder nicht“, begann Mr Jones, „und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es keine gute Idee wäre.“ Betroffen schaute er zu Boden. Er hatte es geahnt. Sie verglichen ihn mit seinem Bruder. Da konnte ihm die Aufnahme in den Kreis der Anuber nur verweigert werden. Dabei hatte er alles gebeichtet. Er hatte gestanden, bei der Entführung mit dabei gewesen zu sein und dass er das dafür nötige Chloroform besorgt hatte. Er hatte die Karten auf den Tisch gelegt, jedenfalls fast. „Wir glauben schon, dass du deine Fehler bereust“, sagte der Rektor, „aber das Vertrauen in dich fehlt. Vielleicht ergibt sich mal eine Situation, in der du uns beistehen kannst, danach können wir weiter verhandeln. Vertrauen muss man sich erarbeiten. Ich gebe zu, dass du ein wertvolles Mitglied in unserem Kreis werden könntest. Du weißt ja bereits sowieso alles über uns.“ Der Rektor nahm seinen Eistee und trank den Becher mit

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einem einzigen großen Schluck leer. Danach nickte er zum Abschied und verließ den Raum. Das Gespräch mit Rektor Jones war nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Vielleicht wussten die Anuber bereits, dass er für die Aktenkundigen arbeitete. Eine Gruppe, die sämtliche Gabenträger allein für ihre Zwecke missbrauchen wollten. Doch denen war er nicht gutgesinnt, im Gegenteil, er wollte sie ausspionieren. Wollte herausfinden, welche Ziele die Aktenkundigen als Nächstes verfolgten. Vielleicht war das seine Chance, doch noch bei den Anubern unterzukommen. Er sollte seine Treue beweisen, hatte der Rektor gesagt. Vielleicht war das möglich, indem er ihnen die Aktenkundigen auslieferte. Bisher kannte er dort nur einen Kontaktmann, aber er würde schon noch weitere Mitglieder zu Gesicht bekommen. Wenn er die Aktenkundigen auffliegen ließ, war das doch wohl Treuebeweis genug, oder nicht? Traurig, aber keineswegs überrascht von der Entscheidung der Anuber trank er seinen Eistee aus, um anschließend zu gehen. Er schloss die Tür des Arbeitszimmers hinter sich und schlich mit gesenktem Kopf den schmalen Flur entlang. Nachdem er die schwere Haustür geöffnet hatte, sah er den Rektor im Vorgarten knien. Er buddelte in der Erde. Seine Gartenarbeit erledigte er offenbar selbst, was ihn sehr sympathisch erschienen ließ. „Auf Wiedersehen, Mr Jones, und danke noch mal für alles. Ich werde versuchen, mich als würdig zu erweisen, das verspreche ich“, sagte er zum Abschied. Rektor Jones nickte und verabschiedete sich mit den Worten: „Du hast das Herz am rechten Fleck, Hank. Das weiß ich. Aber ich habe diese Entscheidung nicht allein getroffen. Grüß bitte deine Mutter von mir.“ Hank nickte und machte sich auf den Heimweg. Zur Sicherheit griff er noch einmal in seine Hosentasche, wie er es in letzter Zeit so oft tat. Es war eine richtig schlechte Angewohnheit geworden, immer wieder nachzusehen, ob die Kopie der verlorenen Seite noch da war. Hank trug sie immer bei sich, sie würde ihm eines Tages noch nützlich sein, dessen war er sich sicher. Zu dumm, dass er die Seite nicht lesen konnte.

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Die Einsamkeit Der Sommer war toll, zumindest für alle anderen. Barbara hatte sich nach dem fürchterlichen Mittagessen ihrer Mutter zurückgezogen und sah aus dem Fenster ihres Zimmers. Noch nie war ein Sommer so elend lang gewesen. Ihre Freundinnen Suzanna und Laura hielten sich meist im Schwimmbad auf und hatten ihre Freunde Nicolas und Mike dabei. Barbara war ein paar Mal mitgegangen, fühlte sich jedoch immer wie das fünfte Rad am Wagen. Ihr wurde bewusst, wie einsam sie war. Bis vor Kurzem hatte sie gar keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Sie hatte diese Gabe besessen mit den Toten zu sprechen oder vielmehr die Toten mit ihr. Sehnsüchtig schwelgte sie in Erinnerungen darüber, wie der kleine Toni ihr jeden Abend ins Ohr gequasselt hatte. Damals empfand sie das als lästig, doch jetzt vermisste sie ihn. Dabei war sie selbst an seiner Rettung maßgeblich beteiligt gewesen. Ein bisschen bereute sie das, denn der sechszehnjährige Toni, den sie in der Gegenwart kennengelernt hatte, war so gar nicht nach ihrem Geschmack. Dauernd machte er sich über sie lustig und hackte auf ihr herum. Schon oft war Barbara der Gedanke gekommen, ihm klarzumachen, was er ihr zu verdanken hatte. Sein Leben nämlich, aber das würde er doch nicht verstehen und sie nur noch mehr für verrückt erklären. Barbara träumte oft von den aufregenden Zeiten, als sie und ihre Freunde eine Aufgabe zu erledigen hatten, als sie ihre Gaben noch besaßen. Damals war sie glücklich gewesen. Besonders, als sie ihr Auto geschenkt bekommen hatte. Zum ersten Mal wurde sie gebraucht, mal als Autofahrerin, um Suzanna irgendwo hinzufahren, oder aber auch, um ihre Gabe einzusetzen. Doch jetzt war alles anders. Sie war wieder das kleine Mädchen mit dem Wuschelkopf, das zurückgezogen und allein in seinem Zimmer

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saß. Und Suzanna hatte letzte Woche ihr eigenes Auto bekommen, selbst als Taxi war Barbara nun nicht mehr zu gebrauchen. Es war zum Heulen. Also, was tat eine Achtzehnjährige, deren Freunde vor lauter Verliebtheit nicht zu ertragen waren? Sie saß zu Hause bei ihrer Mutter und half im Haushalt. So sauber wie in diesen Sommerferien war das Haus der Winters wahrscheinlich noch nie. Einmal die Woche bekam Barbara eine kleine Abwechslung zum Hausputz. Dann fuhr sie zu ihrer neuen Freundin Rebecca. Barbara hatte Rebecca Reckham erst dieses Frühjahr kennengelernt, weil auch sie eine Gabe besaß. Die beiden hatten sich von Anfang an sehr gut verstanden. Ihre Gaben waren sehr ähnlich gewesen. Rebecca hatte Visionen aus der Zukunft. Wenn Barbara bei ihr zu Besuch war, dann saßen sie in ihrem winzig kleinen Garten, tranken Kaffee und schauten Rebeccas Tochter Olivia beim Spielen zu. Doch Rebecca war gut fünfzehn Jahre älter als Barbara. Es war nett bei ihr, aber das war es dann auch. Eine Frau über dreißig und ein Teenager lebten einfach in zwei verschiedenen Welten. Barbara wusste genau, was in ihrem Leben fehlte. Sie wollte auch einen Freund haben, genau wie Suzanna und Laura. Einen, der sie verstand, denselben Musikgeschmack und eine Vorliebe für schwarze Klamotten hatte. Sie malte sich oft aus, wie er sein müsste, ihr Traummann. Doch den gab es leider nicht. Barbara konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendeiner der Jungs an ihrer Schule für sie infrage kommen könnte. Die waren alle so oberflächlich. Sie brauchte aber jemanden, der sich für Mystisches und Unerklärliches interessierte. Sie wollte jemanden, der nicht ganz normal war – eben genau wie sie. Falls ihre Gabe doch noch eines Tages wiederkehren würde, müsste er dafür Verständnis aufbringen, dass sie ab und zu mal jemand anderem zuhören musste. Gab es so einen Jungen überhaupt? Barbara hatte die Hoffnung jedenfalls aufgegeben. Stattdessen saß sie in ihrem Zimmer und versuchte, den Kopf nicht hängen zu lassen. Die blöden Ferien würden noch zwei Wochen dauern. Wie sollte sie die nur überstehen? In ihrer Verzweiflung bat sie ihren Dad, mit ihr in den Urlaub zu fahren. Doch der verneinte, denn Barbara hatte am Anfang des Sommers schon das

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Stefanie Schmidt - Barbaras Träume