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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Titelbild: Heike Georgi - www.heige-illus.de Illustration: G. W. Opitz Lektorat: Hedda Esselborn 1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-229-8 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, D- 88149 Nonnenhorn www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Der Raub der Wörter von Klaudia Gräfin von Rank

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Gewidmet allen bedrohten Wรถrtern, die bald aus unserem Wortschatz verschwunden sind.

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Inhalt

Skara Dion Die Löwaffen Die Siedlung der Wichte Die Höhle Unheimliche Gestalten Gefährliches Moor Der Plan Gerwin hält Einzug Der Verräter Auf dem Heimweg

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Skara

Skara wollte nach der Schule noch ihre Großmutter besuchen, deshalb ließ sie sich nicht aufhalten, als Dion ihr im Schulhof etwas hinterherrief. Sie hüpfte die Straße entlang, bis sie an der Ecke ankam, an der sie abbiegen musste. Kurz blickte sie über die Schulter, ob Dion ihr nachgelaufen war. Sein blonder Wuschelkopf war aber nicht zu sehen. Er wollte sie sicher fragen, ob sie heute Mittag mit ihm zum Bach gehen würde. Seit zwei Tagen bauten sie dort einen Staudamm, der fast fertig war. Skara war genau das Gegenteil der Mädchen in ihrer Klasse. Am liebsten trug sie ausgewaschene Jeans und Sweatshirts, in die sie sich hineinkuscheln konnte. Kleider und Röcke besaß sie keine. Durch ihre sportliche Figur und den Kurzhaarschnitt ihres braunen Lockenkopfes wirkte sie von hinten wie ein Junge und meistens verhielt sie sich auch so. Für heute hatte sie jedoch andere Pläne. Es war ihr Großmutter Fine-Tag. Jeden Mittwoch, sobald die Hausaufgaben erledigt waren, schnappte sie ihre blaue Umhängetasche und eine Tüte mit selbst gebackenen Köstlichkeiten ihrer Mutter, die sie Fine mitbringen konnte. Sie stürmte durch das Gartentor und öffnete schwungvoll die Haustür, die nur angelehnt war. Sicher war ihre Mutter im Garten und kümmerte sich um die Gemüsebeete. Mit einem Wurf landete ihre Schultasche in der Ecke neben dem Schirmständer. Der wackelte bedenklich, aber 7


Skara hatte schon Übung. Der Schwung war nie stark genug, um den Ständer umzuwerfen. Die Jacke warf sie über die Sitzbank daneben. Ihr erster Weg führte in die Küche. Während sie ein Glas Orangensaft trank, schaute sie aus dem Küchenfenster in den Garten. Sie entdeckte ihre Mutter, die auf dem Boden kniete und versuchte, ihr Gemüsebeet von Unkraut zu befreien. Der Garten ihrer Eltern grenzte direkt an den Düsterwald. Nur ein paar Büsche entfernt wuchsen Laubbäume, deren Blätter und Äste eine besondere Farbe hatten. Ihre blaugrauen Stämme waren so hoch, dass man die Spitzen der Bäume fast nicht sehen konnte. Außerdem begann die Verästelung sehr tief, man konnte kaum das Ende der Büsche und den Anfang der Äste erkennen. Die Blätter der Bäume hatten die gleiche graublaue Farbe wie der Stamm. Durch seine düstere und unheimliche Wirkung hatte der Wald seinen Namen erhalten. Skara sah, wie ihre Mutter auf die Uhr schaute und einen fragenden Blick auf das Haus warf. Dann rieb sie sich ihre schmutzigen Hände an der Hose ab und ging hinein. Skara hörte, wie sie durch die Haustür kam und ihre Hände im kleinen Bad wusch. Sie ging in die Küche und begrüßte ihre Tochter: „Hallo, mein Schatz, gehst du heute zu Oma Fine?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, zeigte sie Skara einen Korb mit einem frisch gebackenen Kuchen, den sie Fine mitnehmen sollte. „Klar, heute ist doch Mittwoch“, erwiderte Skara. „Was gibt es heute zum Mittagessen?“ Fragend schaute sie sich in der Küche um. Sie war es gewohnt, dass ihre Mutter das Essen vorbereitet hatte, wenn sie aus der Schule kam. Der Topf mit der fertigen Suppe stand auf dem ausgeschalteten Herd. Während Elin, ihre Mutter, die Suppe aufwärmte, erledigte Skara ihre Hausaufgaben am Küchentisch. Ihr Vater Stin kam zum Essen nie nach Hause. Er 8


arbeitete in der Stadt und musste jeden Tag eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit fahren. Skara saß gerne hier in der Küche. Von ihrem Sitzplatz konnte sie direkt durch das Fenster schauen. Ihr Blick fiel auf den Düsterwald. Über den Wald gab es viele geheimnisvolle und spannende Geschichten. Ihre Großmutter kannte einige davon und Skara liebte es, mit einer Tasse Kakao bei ihr auf dem Sofa zu sitzen und den alten Geschichten über den Wald und die Berge dahinter zu lauschen. Mit ihren elf Jahren konnte sie sich keine spannenderen Geschichten vorstellen und nicht genug davon bekommen. Niemand vom Dorf hatte den Wald je betreten. Zum einen führte kein richtiger Weg hinein und zum anderen war er so dicht bewachsen, dass man sich erst einen Weg durch dichtes Gestrüpp bahnen musste. Auch die Geschichten, die über den Wald erzählt wurden, wirkten abschreckend und furchterregend. Doch eines Tages, im letzten Sommer, hatte Skara ihren ganzen Mut zusammengenommen, ihr kleines Taschenmesser eingesteckt und war über das Feld neben ihrem Garten Richtung Wald gelaufen. Nach kurzer Zeit hatte sie das Gebüsch erreicht. Zielstrebig ging sie hinein. Kaum hat-

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te sie die dornigen Zweige vor sich zur Seite geschoben, fügten sie sich hinter ihr wieder zusammen, als ob kein Mensch hindurchgegangen wäre. Sie erinnerte sich, wie sie ängstlich über die Schulter geblickt hatte, fast so, als ob sie erwartet hätte, dass ihr jemand folgen würde. Ihr Kopf ragte gerade so über die Zweige der Büsche, und als sie zu den ersten Baumstämmen des Waldes kam, stellte sie fest, dass kurz über ihrem Kopf schon die ersten Äste der Bäume wuchsen. So konnte sie kaum einen Blick durch das dichte Geäst erhaschen. Lang stand sie damals da und zögerte, sollte sie wirklich in den Wald hineingehen? Von hier aus sah sie gerade noch das Haus ihrer Eltern, aber noch ein oder zwei Schritte weiter und der Wald würde ihr die Sicht verwehren. Sie stand still und lauschte. Kein Geräusch war zu hören. Nicht einmal ein Vogel, der im Unterholz saß und zwitscherte. Kurz dachte sie, sie hätte ein Gesicht gesehen, das durch die Äste spähte. Hineingehen oder lieber nicht? Etwas nahm ihr die Entscheidung ab. Plötzlich hörte sie einen gruseligen, markerschütternden Schrei, der aus der Tiefe des Waldes kam. Sie konnte sich nicht erklären, was das gewesen sein konnte. Es klang auf jeden Fall nicht wie ein Mensch. Nun überlegte Skara nicht mehr lange. Mit einem Schwung machte sie kehrt und rannte so schnell sie konnte in Richtung Haus zurück. Der Schrei hallte noch in ihren Ohren nach und sie hatte fürchterliche Angst. Ohne sich noch einmal umzudrehen, kam sie schwer atmend wieder am Zaun ihres Elternhauses an. Sie hatte sich nicht um die Äste des Gebüsches gekümmert, die ihre Wange zerkratzt hatten. Ihr einziger Gedanke war: „Lauf, so schnell du kannst.“ Auch jetzt, als sie am Küchentisch saß und ihre leckere Tomatensuppe aß, konnte sie sich diesen furchtbaren Schrei wieder ins Gedächtnis rufen. Schon die Erinnerung 10


daran verursachte eine Gänsehaut auf ihren Armen. Es war eben doch ein Unterschied, den spannenden Geschichten in der Sicherheit von Großmutters Haus zu lauschen oder ein beängstigendes Erlebnis im Düsterwald zu haben. Nachdem sie zwei große Teller Tomatensuppe gegessen hatte, war sie satt. „Willst du gleich nach dem Essen gehen?“, fragte ihre Mutter. Skara nickte und schob ihren leeren Teller von sich. „Mmh, die Suppe war lecker, aber ich kann nichts mehr essen. Ich gehe jetzt los und bringe Oma den Kuchen mit“, sagte Skara. Mit dem Versprechen, spätestens um fünf Uhr zu Hause zu sein, machte sie sich auf den Weg. Ihre Großmutter wohnte nur zwei Straßen von ihnen entfernt in Richtung Dorfmitte. Sie war in Mitteldorf geboren worden und ihr ganzes Leben lang nicht verreist. Skara glaubte, dass sie mit ihren 94 Jahren die älteste Einwohnerin war. Trotz ihres Alters kam sie gut alleine in ihrem Häuschen zurecht. Sie ging noch einkaufen und hielt ihr Haus in Ordnung. Ihr Mann war schon vor zwanzig Jahren gestorben. Seitdem ihre Katze Mariola vor einem halben Jahr nicht mehr heimgekehrt war, lebte sie alleine. Die Eltern von Skara stammten auch von hier, sie hatten sich hier kennengelernt und geheiratet. Zum Glück hatte das Dorf eine Schule, sonst hätte Skara, so wie ihr Vater, jeden Tag eine Stunde mit dem Bus in die nächste Stadt fahren müssen. Stürmisch klingelte sie an der Tür ihrer Großmutter. Sie drückte lieber einmal zu oft auf den Klingelknopf, da Fine nicht mehr gut hören konnte. Nach kurzer Zeit vernahm sie schlurfende Schritte hinter der Haustür. Langsam öffnete diese sich und Skara wurde mit einem freundlichen Lächeln empfangen. Ihre Großmutter nahm ihr erst einmal den Kuchen ab und drückte sie dann fest an sich. „Du bist 11

Klaudia Gräfin von Rank - Der Raub der Wörter  

Leseprobe: Klaudia Gräfin von Rank: Der Raub der Wörter, Taschenbuch, ca. 105 Seiten, 9,90 Euro, ET: Herbst 2013. Jarne, ein Fenixmännlein,...