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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Titelbild: © Marisha - Fotolia.com Innenillustration: © Doreen Salcher - Fotolia.com Lektorat: Hedda Esselborn

1. Auflage 2012 ISBN: 978-3-86196-159-8 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright (©) 2012 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Heimholzer Straße 2, 88138 Sigmarszell, Deutschland www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Die Orchideenprinzessin und andere Pflanzenm채rchen von Heidemarie Opfinger

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Inhalt

Anna und die Gänseblümchen Augentrost Blumenwunder Buchen sollst du suchen Das Bäumchen der ewigen Liebe Das Nesselhemd Der Eisenhut Die Ährenfee Die Orchideenprinzessin Die schöne Tulipan Die Wacholderkönigin Eschenmann und Erlenfrau Himmelsschlüssel Liebeszauber Mohntinte Wie die Sonnenblumen zu ihrem Namen kamen

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Anna und die Gänseblümchen Es war einmal ein kleines Mädchen namens Anna. Es lebte mit seinen Eltern und Geschwistern und vielen Tieren auf einem Bauernhof. Der Hof lag abseits des Trubels in einem idyllischen Wiesental, das von dunklen Tannen und hohen Bergen umgeben war. Die kleine Anna liebte es, allein mit den Tieren zu sein. Hier konnte sie ihnen ungestört ihre fantastischen Geschichten erzählen, die sie sich gerne ausdachte. Eines Tages aber gab es eine große Überraschung. Wieder einmal saß Anna auf der Wiese bei einer Schar Gänse. Die Wiese war übersät mit den hübschen kleinen Blüten der Gänseblümchen. Anna pflückte viele davon, um sich eine Kette und ein Krönchen zu basteln. Dazu ritzte sie mit dem Fingernagel den Blütenstiel ein Stückchen ein und steckte den nächsten hindurch und immer so weiter, bis die Länge einer Kette erreicht war. Dann schmückte sie sich damit. Dabei erzählte sie den Gänsen: „Ob ihr das verstehen könnt, das weiß ich nicht. Aber ich wünsche mir nichts sehnlicher, als klein zu bleiben. Dann brauche ich nie in die Schule zu gehen und kann immer mit Mama kuscheln und mit euch spielen. Ach, wäre das schön!“ 7


Plötzlich glaubte sie ein Raunen zu hören, dann waren die Worte ganz deutlich: „Du musst Gänseblümchen essen!“ Anna glaubte, sich verhört zu haben. Doch nachdem sie diesen Satz noch ein zweites und drittes Mal vernommen hatte, verspeiste sie eine Handvoll von den kleinen Blütenköpfchen. Ein seltsames Gefühl breitete sich daraufhin in ihrem Körper aus und bald merkte sie, dass sie ein Stückchen geschrumpft war. Aber nicht nur das. Sie konnte plötzlich verstehen, was sich die Gänse so zu schnatterten. Eine, die sie Bella nannten, weil sie so hübsch war, meinte: „Ich will auch so eine Blumenkette haben. Schließlich bin ich die Schönste hier.“ Da riefen zwei andere: „Du bist schon schön, du brauchst keine Kette mehr. Die wollen wir haben.“ Und eine dritte schnatterte: „Ich bin die Älteste. Ich habe wohl die Kette am meisten verdient.“ Und ehe es sich Anna versah, war ein heftiger Streit mit Zwicken und Federzupfen ausgebrochen. Schnell nahm sie ihre Kette ab, teilte sie, legte jeder Gans eine um und sagte: „So, jetzt müsst ihr nicht mehr streiten. Und wirklich hübsch seid ihr alle.“ Dann zogen sie gemeinsam an den fröhlich plätschernden Bach, wo sich jede noch einmal im Wasserspiegel bewundern konnte. Anna hatte insgeheim noch eine ganze Handvoll von den kleinen Gänseblümchen mitgenommen. Und weil sie angenehm süß schmeckten, knabberte sie immer wieder ein Blümchen. Mit jedem Mal schrumpfte sie ein kleines Stück. Als sie schon kleiner als die größte Gans war, wandte sich auf einmal der große Gänserich an sie und sagte: „Komm, steig auf meinen Rücken. Ich will dich mitnehmen auf eine kleine Reise.“ Das ließ sich Anna nicht zweimal sagen. Mit einem behänden Sprung saß sie auf. Dann ging es ab auf dem Bach. Wohl 8


behütet saß sie zwischen den Flügeln des Gänserichs, die er noch ein wenig angehoben hatte, um Anna mehr Schutz geben zu können. Was gab es doch in dem Bach alles zu sehen! Geduldig erklärte der Gänserich: „Die Fische mit den hell schimmernden Punkten sind Bachforellen. Schau, wie sie gegen die Strömung stehen, damit sie immer frisches Wasser bekommen.“ Als es im Uferbereich leise piepste und zwitscherte, machte der Vogel Halt und raunte Anna zu: „Verhalte dich ganz still, dann kannst du bald das kleine Wesen entdecken. Schau, das spitze Näschen ist schon zu sehen. Eine Wasserspitzmaus!“ Weiter ging es. Anna hängte ihre Füßchen ins Wasser, zog sie aber mit einem Schrei wieder heraus. An einer ihrer Zehen hing ein kleiner Krebs. Der Gänserich lachte. „Das ist ein junger Flusskrebs“, erklärte er schnatternd. Die anderen Gänse lachten. Auch sie hatten so etwas schon erlebt. Der Bach floss nun in mehreren großen Schleifen, sodass sich ein paar ruhige Buchten gebildet hatten. Im seichten Wasser stand ein Schwarm kleiner Fischchen. „Das sind junge Gründlinge“, ergriff Bella das Wort, „und dort im Uferschlamm sitzen immer Wasserfrösche. Wenn es Abend wird, hört man hier lautes Quaken.“ Plötzlich fiel ein Stock ins Wasser. Die Gänse schnatterten aufgeregt. „Schnell weg hier“, rief Anna, „ich habe Angst.“ Aber der große Gänserich beruhigte sie. „Das war nur eine Ringelnatter, die auf Wasserjagd ging. Sie ist ungefährlich, aber trotzdem ist es besser, du hängst deine Füße nicht mehr ins Wasser.“ In einer der anderen Buchten machten sie einen Landausflug. Ganz neue Eindrücke eröffneten sich Anna. Blumen und Kräuter, die ihr sonst kaum bis an die Knie reichten, überrag9


ten sie jetzt, und sie konnte nicht einmal mehr einen Strauß für ihre Mutter pflücken. Auch die Vögel in den Bäumen, die sie sonst so liebte, waren fast Ungeheuer. Schlimmer war es noch mit den Fliegen. Die wurden zu echten Plagegeistern, wenn sie diese auch erstmals ohne Vergrößerungsglas ganz nah betrachten konnte. Die Schar Gänse spürte ihre wachsende Unsicherheit und Unruhe und so rief der Gänserich schnatternd zum Aufbruch. Anna bestieg wieder seinen Rücken. Recht schweigsam ging es zum Ausgangspunkt zurück. Dort bedankte sich Anna für die wunderbare Reise und sagte dann, recht kleinlaut geworden: „Muss ich nun für immer so klein bleiben? Ich möchte doch lieber erwachsen werden.“ Sogar ein paar dicke Tränen kullerten ihr jetzt über ihre Bäckchen. Da entgegnete schnatternd der Ganter: „Wenn du keine Gänseblümchen mehr isst, erreichst du bis Sonnenuntergang wieder deine normale Größe. Dann ist der Zauber vorbei. Du sollst aber zur Erinnerung jedes Jahr die ersten drei Gänseblümchenblüten essen, die du findest. Dann wirst du das Jahr über gesund bleiben.“ Erschöpft legte sich Anna bei der Gänseschar in die Wiese und schlief bald ein, während ihr die Gänse ein Schlaflied schnatterten. Als sie bei Sonnenuntergang erwachte, waren die Gänse verschwunden und Anna hatte ihre normale Größe wieder erreicht.

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Heidemarie Opfinger - Die Orchideenprinzessin und andere Pflanzenmärchen