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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lektorat: Melanie Wittmann Satz: Bettina Bellmont Titelbild und Innenillustrationen: Schülerinnen und Schüler der Klasse 6cG des Schuljahres 2011/2012

1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-263-2 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, 88149 Nonnenhorn www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Geht es Ihnen gut? Oder m端ssen Sie auf Klassenfahrt?

Birgit Pisarski

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Einleitung Woran erinnern Sie sich denn gerne, wenn Sie an Ihre Schulzeit denken? Sind es unsere Erfolge – oder eher die kleinen Missgeschicke der anderen, die im Laufe der Zeit diesen mehr oder weniger unheilvollen Lebensabschnitt oftmals in einem verklärenden Licht erscheinen lassen? Die unausweichlichen „Weißt-du-noch?“-Ausrufe bereichern jedes Klassentreffen erheblich und schaffen tatsächlich ein Gemeinschaftsgefühl zwischen Menschen, die sich im Laufe der Jahre eigentlich fremd geworden sind. Wie Veteranen aus dem letzten Krieg neigen wir dazu, uns die Geschichten unserer kleinen und größeren Schulschlachten in Erinnerung zurückzurufen, und schrecken nicht davor zurück, bei jeder geeigneten Gelegenheit auch unseren Kindern (in der Regel ungefragt) entsprechende Überlebensstrategien zu vermitteln. Als eine der Überlebenden mehrerer Anschlagsserien durch diverse pädagogische Keulen richtet sich mein Blick zurück auf jene schulischen Erlebnisse, denen ich heute noch ein Lächeln abgewinnen kann. Die schönsten Erinnerungen habe ich dabei an Klassenfahrten. Gemeinschaft in einer ungewohnten Umgebung mit Freunden und schlaflosen Nächten – und mit Lehrern, die zu meiner Überraschung plötzlich auch etwas Menschliches an sich hatten. Man begegnete sich als Person und nicht als Mathe-Durchschnitt, Englisch-Pfeife oder MusikGenie. Befreiend, ein Hauch von Urlaub, Freude, Abenteuer! 5


Wild entschlossen, meinen Schülern außer unnützem Wissen und schlechten Noten auch etwas Sinnvolles mit auf den Lebensweg zu geben, überwinde ich mich deshalb immer wieder neu, aus dem geschützten Bereich Schule in die freie Wildbahn herauszutreten und auf große Fahrt mit ihnen zu gehen. Ich muss das glücklicherweise nicht alleine tun, es gibt genügend verrückte Weggefährten in jedem Kollegium, die sich diesem Traum anschließen, heißen sie nun Kühne-Schüttenkopf, Lautenschläger oder wie auch immer. Sollte mein Unterricht also bisher nicht nachhaltig genug gewesen sein, greift hoffentlich Plan B: Bei der „Weißt-dunoch?“-Frage werden meine Schüler im späteren Veteranenalter immer etwas zu erzählen haben.

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Sport ist Mord Vorgeschichte Ich trete meinen Dienst an einer neuen Wirkungsstätte an und fortan liegt mein Schicksal in der Hand einer fränkischen Hauptschule mit 500 Schülern. Mir ist noch nicht ganz klar, welche Überlebensstrategien ich mir in welcher Reihenfolge aneignen werde, aber in ein paar Monaten muss ich mit meiner 7. Klasse ins Skilager fahren, damit steht Punkt eins bereits fest: Optimierung meines Skilanglaufstils. Bisher sind Langlaufskier für mich zwei überlange Bretter ohne Lenk- und Bremsvorrichtung oder wenigstens einer Stahlkante, mit deren Hilfe man langsam einen Hang hinunterrutschen kann. Skilanglauf kann eigentlich nur für die Ebene gedacht sein, alles andere ist irgendwie unsinnig, denn wenn es womöglich plötzlich bergauf geht, nützen mir die lächerlichen Lamellen auf der Unterseite der Skier nur wenig, und bergab komme ich mir vor wie auf der Achterbahn – ohne den geringsten Einfluss auf den Bahnverlauf. Wie gut, dass es zur rechten Zeit einen Wochenendlehrgang für meine Bedürfnisse gibt. Mein gutmütiger 7


Ehemann zeigt Vermeidungstendenzen, fügt sich aber dankenswerterweise und gemeinsam geht es los mit der schuleigenen Langlaufausrüstung in unbekanntes Gelände nach Österreich. Gut, unser Skioutfit ist nicht ganz up to date, aber was braucht man schon außer einem warmen Anorak, Handschuhen und Mütze? Als wir eintreffen, präparieren einige drahtige Lehrgangskollegen in hautengen Rennanzügen ihre Skier für morgen, nachdem sie offenkundig ihre ersten Runden bereits gedreht haben. Wozu brauchen die noch einen Lehrgang? Im Laufe des Abends trudeln alle Teilnehmer ein und vergleichen kritisch ihr sportliches Equipment. Überrascht höre ich, Langlaufskier seien ja ganz nett für die Schule, aber das mache ja heutzutage keiner mehr. Die Tendenz zum Zweitund Drittski sei selbstverständlich und ohne Skating ginge gar nichts. Natürlich könne man ohne Funktionsunterwäsche nicht in die Loipe und das richtige Wachs sei ein gut gehütetes Geheimnis ... Diverse Fachgespräche kreisen den ganzen Abend um das gleiche Thema, und da wir uns hier ziemlich überflüssig fühlen, ziehen wir uns schnell zurück, um uns mental auf den großen Tag vorzubereiten. Der Frühstückskaffee will uns angesichts der gestählten Muskeln unserer Mitstreiter nicht recht schmecken, und so brechen wir auf zum ersten Übungsparcours, der mehr einem Trainingslager für Hobby-Terroristen ähnelt: hinfallen lassen – aufstehen – hinfallen lassen – aufstehen ... Nie zuvor wäre ich auf die Idee gekommen, mich FREIWILLIG in den Tiefschnee zu stürzen, brauche ich doch mangels Muskelmasse in Bauch und Oberschenkeln ausreichend Stützhilfe, um mich wieder hochzuhieven. Wie aber stützt man sich im Tiefschnee erfolgreich ab? Um mich herum steht eine Horde durchtrainierter Körper und beobachtet gespannt, wie ich mich allmählich immer tiefer in 8


den Schnee hineingrabe. Voll peinlich! Endlich hat wenigstens mein Mann ein Einsehen und hält mir seinen Skistock entgegen. Wie eine Ertrinkende kralle ich mich daran fest und hoffe doch gleichzeitig, die Erde unter mir würde sich noch ein Stückchen weiter öffnen, um mich vollständig zu verschlingen. Nächste Lektion: bergauf laufen. Zur Sicherheit bilde ich diesmal das Schlusslicht, damit nicht gleich jeder sieht, wie ich hilflos in Grätschstellung am Hang klebe. Kaum bin ich endlich oben und überblicke die Landschaft, wird mir das Ziel der vorerst letzten Lektion klar: Wie überlebe ich die Steilabfahrt in der Loipe? Genau das frage ich mich in den nächsten Sekunden, während ich verzweifelt versuche, meinen rechten Fuß zum Bremsen aus der Spur zu heben, bevor ich den Rest des Hangs in sehr bodennaher Körperhaltung hinunterrutsche. Inzwischen treibt es mir den Schweiß aus allen Poren und ich erwäge, mich doch demnächst um Funktionswäsche bei Aldi zu prügeln. Mein Mann hat ein ähnliches Problem und verbringt längere Zeit unter dem Lufttrockner der Herrentoilette im Skizentrum. Und plötzlich ist alles ganz ruhig und entspannt, von unserer Truppe ist nämlich nichts mehr zu sehen. Somit steuern wir die nächste Jausenstation an und gönnen uns erst einmal eine Pause. Die Skischuhe hätte ich lieber anbehalten sollen, denn jetzt hat die geschundene Haut Zeit und Platz, sich in aller Ruhe auszudehnen und Flüssigkeit anzusammeln. Jedenfalls sind nach kurzer Zeit meine Fersen nicht wiederzuerkennen, denn die Ausmaße der sich dort gebildeten Blasen sind gewaltig. Auf dem viel zu langen Rückweg zum Auto komme ich mir vor wie ein Soldat nach Napoleons missglücktem Moskau-Feldzug. Uns reicht es jedenfalls, haben wir doch genug gelernt. Auf jeden Fall ist es wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen – und stets genug Fersenpflaster dabeizuhaben. 9


Birgit Pisarski - Geht es Ihnen gut? Oder müssen Sie auf Klassenfahrt?