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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Titelbild und Fotos: Simone und Thomas Engleder Lektorat und Satz: Simone Engleder 1. Auflage 2010 ISBN: 978-3-86196-018-8 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright (©) 2010 by Papierfresserchens MTM-Verlag Kirchstraße 5, 88131 Bodolz, Deutschland www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Simone Engleder

Pferdegedanken und Stallgeschichten Der Stallalltag aus Pferdesicht

Ein realistischer Roman oder fiktiver Tatsachenbericht

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Für die Pferde aller Rassen, die in Freizeit und Sport unsere menschlichen Launen und Marotten meist geduldig ertragen.

Und für „meine vier Männer“, die meine ertragen. 

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Inhalt Kurze Vorstellung der Familie

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Unsere Pferde: Donner und Hidalgo

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Alltag aus der Sicht unserer beiden Pferde

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Stallarbeiten: Misten der Boxen und Absammeln der Ausläufe Angebunden sein Geputzt werden Wälzen Geführt werden Platzarbeit Ausritte Distanzritte Ritte mit Handpferd Gefährliche Situationen bei Ausritten Gespräche mit Passanten Hundebegegnungen im Gelände Kutschfahrten Ausrüstung: Sattel, Trense und Co. Hilfszügel Sicherheit beim (Aus-) Reiten Reitweisen Tierarzt und Medikamente Futter Fütterung durch Stallfremde Schlafen Feuerwerk

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Eigenbauten und selbstgefertigte Ausrüstung Unterstände Wasserversorgung Schutz vor Verbiss Wetterschutz für den Reiter Satteldecken Reitpad Seilzügel und Leinen

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Menschen und Tiere am Stall Unser Stallbesitzer Langjährige Einsteller und ihre Pferde Ehemalige Einsteller und ihre Geschichten Aktuelle Pferdegruppen und ihre Menschen Hunde und Katzen Stübchen Werkstatt

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Einige Tipps zur Pferdeerziehung und Bodenarbeit 184 Bedenkenswerte Kommentare von Pferdeleuten 186 Literaturhinweise

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DVD

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Dank

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Nachwort

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Vorwort Monate-, nein jahrelang, habe ich immer wieder gesagt: Stallgeschichten müsste man schreiben … Was sich in den vergangenen Jahren, seit sich mein Mann und ich wohlüberlegt, aber – aus heutiger Sicht – dennoch unwissend in das Abenteuer der Pferdehaltung gestürzt haben, an „unserem“ Stall (gemeint ist der Stall des Nebenerwerbsbauern, bei dem wir unsere Pferde eingestellt haben) zugetragen hat, war oftmals reif für eine „Dokusoap“ im Fernsehen. Manches wird Pferdeleuten bekannt vorkommen, insbesondere den sogenannten Selbstversorgern unter ihnen, über anderes werden sie die Köpfe schütteln und es in den Bereich der Fabeln verweisen. Dass Pferdeleute ein „ganz eigenes Völkchen“ sind, erkennt ja bereits ein Reitanfänger in einem Schulstall recht schnell; auch ich selbst will mich da nicht ausnehmen – nach und nach gewöhnt man sich so manche Eigenheit an, die Außenstehende nicht nachvollziehen können. Zunächst nur mit überwiegend theoretischen Kenntnissen über Pferdehaltung ausgestattet, suchten wir für unser erstes eigenes Pferd einen möglichst nahegelegenen Stall, bei dem die Tiere tagsüber auf die Weide konnten; eine reine Boxenhaltung wäre für uns nie infrage gekommen. Über die Jahre haben wir dann Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Pferde- und Menschentypen gesammelt. Schließlich kam mir der Gedanke, diese Erlebnisse aus Sicht der Pferde zu schildern – so objektiv und realitätsnah wie möglich, ohne sie (zu sehr) zu vermenschlichen. Gegenargumente gegen dieses (Buch-) Projekt ließen sich genug finden: die eigene Trägheit, sich viele Stunden vor den Computer zu setzen, statt sie der Familie, den Pfer7


den oder der Hausarbeit zu widmen; sich nach vielen Jahren Dissertation und darauffolgender mehrjähriger Pause wieder mit dem Formulieren von Texten, Ändern von Gliederungen und nebenbei mit der (mittlerweile nicht mehr ganz) „neuen deutschen Rechtschreibung“ auseinanderzusetzen, worum ich mich bislang erfolgreich gedrückt hatte; Bedenken, dass sich die darin erwähnten Personen falsch wiedergegeben oder in Einzelfällen beleidigt fühlen könnten und nicht zuletzt die Erkenntnis, welche Unmengen von Büchern sich ungelesen in Buchhandlungen stapeln. Obwohl sich die Liste noch lange fortsetzen ließe, fasste ich dennoch den Entschluss, die Geschichten rund um Pferde und Stall zu Papier zu bringen. Das Ergebnis ist weder ein Roman noch ein Sachbuch im eigentlichen Sinne, sondern eine Mischung aus Ratgeber und Erfahrungsbericht, die zum Nachdenken und Schmunzeln anregen soll. Simone Engleder, den 28. Dezember 2009

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Kurze Vorstellung der Familie

Familie mit Pferden Simone – Doktorin der Kunstgeschichte; derzeit Hausfrau, Mutter und „Pferdepflegerin“ von Hidalgo und Donner am Selbstversorgerstall, was viel Zeit und oft auch Nerven kostet; Pferdenärrin von klein auf; geritten mit Unterbrechungen ab 12 Jahren, zunächst „englisch“, dann dank eines Reiturlaubs in der Auvergne auf western umgestiegen; Freizeitreiterin ohne Turnierambitionen; durch eine Bekannte wurden sie und ihr Mann auf das Parelli-Programm aufmerksam, das sie in ihre Arbeit mit den Pferden eingebaut haben Thomas – Doktor des Bauingenieurwesens, tätig bei einer großen Baufirma; mangels Zeit und zu Simones Bedauern manchmal auch mangels Interesse für das Hobby vor allem Geldlieferant; erst mit 30 zum Reiten gekommen, ebenfalls 9


zunächst „englisch“, dann western und schließlich Bodenarbeit nach Parelli; hat mit Donner insbesondere in der freien Arbeit viel erreicht Nils – neunjähriger Sohn der beiden, der die Pferde zwar gern hat, aber weder Arbeit (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen), großes Interesse am Reiten (als kleineres Kind zwar mit Mama im Sattel mitgeritten, dann ab und zu auf dem Handpferd, mittlerweile fast nur noch, wenn eingeladene Kinder von Bekannten einmal aufs Pferd wollen) noch Geld zu dem Hobby beisteuert und seine freie Zeit lieber mit Techniklego, Schwimmen (vor allem im Sommer), Ski fahren (im Winter), Lesen, Fernsehen oder vor dem Computer verbringt Hidalgo – Halbaraberwallach, Schimmel, geboren am 3.7.1995, bei uns seit November 2001 Cygan – polnischer Vollblutaraberwallach, Brauner, geboren am 27.2.1990, von Dezember 2003 bis zu seinem Tod am 21.6.2005 als Pflegepferd bei uns Donner – Huzulenpony, heller Brauner, geboren 1994 (laut Pferdepass), bei uns seit August 2005 Soweit zur Familie der Autorin und ihren Tieren. Weitere Akteure des Buches sind die vielen Pferde am Stall, die uns teils noch beehren, teils schon ausgezogen oder in Einzelfällen bereits verstorben sind, sowie ihre Besitzer und – stellvertretend – einige Reitbeteiligungen. Die Namen der Menschen wurden aus Gründen der Rücksichtnahme geändert, die der Pferde zugunsten der Authentizität des Werkes beibehalten. 10


Unsere Pferde: Donner und Hidalgo Da ich mich entschieden habe, Donner zum Haupterzähler dieses Abschnittes zu machen, macht er mit seiner Geschichte den Anfang, obwohl er erst als zweites – unser Pflegepferd mitgerechnet eigentlich als drittes – Pferd zu uns kam. Meine Kommentare sind übrigens zur Hervorhebung in allen nachfolgenden Kapiteln kursiv gedruckt. Hallo, gestatten, dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Donner; kein besonders origineller Name, aber so steht es in meinem Pferdepass. Ich bin ein Huzule – ein heller BrauDonner ner mit Aalstrich, Zebrastreifen an den Vorderbeinen und blonden Strähnen in der Mähne – eben ein echtes Urwildpferd. Meine Vorfahren stammen aus Russland. In welchem Land ich geboren bin, wissen meine jetzigen Besitzer nicht und meine geografischen Kenntnisse sind sehr beschränkt; mein Vorvorbesitzer hat mich aus der Tschechei geholt. Schon als Fohlen hat man mir einen Schnitt ins rechte Ohr gemacht, was mir zu Recht den Spitznamen „Schlitzohr“ eingebracht hat – bin ich doch durchaus ein schlauer Bursche. Übrigens eine sehr schmerzhafte Art der Kennzeichnung, die meiner Ansicht nach dringend abgeschafft gehört – sollen sich die 11


Menschen doch ihre eigenen Ohren ihrer Eitelkeit zuliebe durchstechen und Schmuck daran hängen, aber unsere in Ruhe lassen! Mein im Pass vermerktes Geburtsjahr, 1994, dürfte gemäß Tierarztschätzung etwa stimmen; mir selbst ist die Zeitrechnung der Menschen ziemlich schnuppe – wichtig ist, dass ich gesund bin und eine gute Unterkunft mit entsprechender Verköstigung habe. Seit rund acht Jahren bin ich nun in Vorarlberg und hatte dort schon drei verschiedene Besitzer und Stallungen. Beim ersten bin ich fast nur gefahren worden und war im Kutschenmarathon sehr erfolgreich; allerdings ein sehr mühseliger Job. Danach kam ich zu einer Familie mit Kind, die geritten, auch gesprungen – weniger mein Fall, da anstrengend – und nur noch zum Spaß Kutsche mit mir gefahren sind. Futtermäßig wurde ich dort gut versorgt, auch Leckerlis gab es reichlich – zu reichlich, wie ich beim Blick auf alte Fotos zugeben muss. Nur die Bewegung kam zu kurz und manchmal wurde es mir ziemlich langweilig in meiner Box. Auf die Koppel mit Donner (schon etwas abgespeckt) anderen Pferden kam ich für meinen Geschmack – das ist auch wörtlich zu nehmen! – viel zu selten. Eines Tages, es war schon Abend – nicht gerade meine bevorzugte Arbeitszeit – kamen zwei Frauen und ein Mann vorbei, um mich, wie sie sagten, „Probe zu reiten“. An12


fangs machte ich gute Miene zu bösem Spiel und lief brav im Schritt und Trab durch die Halle. Auch den ersten Galopp machte ich noch mit. Als dann der zweite Reiter kam, zog ich schon merklich Richtung Bandenlücke. Unbezahlte Überstunden sind einfach nicht mein Ding – das ist bei euch Menschen doch auch nicht anders. Bei der dritten Reiterin, wie ich später erfuhr die „Reitbeteiligung“ des Paares, hatte ich dann endgültig die Nase voll. Vehement drängte ich zum Ausgang, bis sich der aktuelle Besitzer vor den Bahnzugang stellte und mir von hinten einen Schlag mit der Gerte versetzte. Mein empörter Satz nach vorn brachte meine überraschte Reiterin, zumal ohne Sattel, leicht in Bedrängnis. Zum Glück stürzte sie nicht – und mittlerweile sind wir gute Freunde, sie nennt mich sogar liebevoll „Schatzi“. Am Tag darauf kam dann ein Auto mit Pferdehänger auf den Hof gefahren. Der Vater meiner Besitzerin kam mit Halfter und Strick und führte mich zum Hänger. Zunächst ging ich brav mit, doch mit einem Huf auf der Klappe habe ich es mir dann doch anders überlegt. Wer weiß, wo die mich hinbringen? Vielleicht ist es doch besser, hier zu bleiben? Blitzschnell wendete ich und galoppierte ins nächste Feld, wo ich mich meiner Lieblingsbeschäftigung widmete – dem Fressen. Als dann aber der ältere Herr mit einem Besen auftauchte, um mich in den Hänger zu scheuchen, dachte ich mir, vielleicht versuchst Du es doch mit der ungewissen Zukunft. Im Großen und Ganzen habe ich die Entscheidung nicht bereut. Statt einer in die Reithalle eingebauten Box ohne Sicht zu anderen Pferden hatte ich nun eine Außenbox mit Paddock. Bei sehr schlechtem, stürmischem Wetter manchmal etwas zugig, dafür aber mit Frischluft und Ausgang rund um die Uhr, Wälzplatz, frei wählbarer Schlaf- und Pinkelstelle. 13


Morgens kann ich mich hinter die Box in die Sonne stellen und nach ein paar Grashalmen am Rand suchen. Wenn das Wetter passabel ist, halte ich meine Box sauber, wenn Unsere Boxen es mir draußen zu nass oder der Boden gefroren ist, pinkle ich ins Stroh – sonst verwende ich es lieber als Zusatzfutter. Zum Äppeln gehe ich dann nur knapp vor die Tür. Ich bin eben ein Minimalist – auch in anderer Hinsicht, wie ihr noch feststellen werdet. Im Gegensatz zum vorigen Stall habe ich nun einen direkten Boxennachbarn: Hidalgo, einen etwa gleichaltrigen Halbaraberwallach (Jg. 1995). Er ist übrigens ein Schimmel mit dunklem Langhaar – genauer gesagt dreifarbig: schwarz mit rotbraunen und weißen Strähnen, schlanker und eleganter als ich – das kommt vor allem durch die längeren Beine. Insgesamt ist er deutlich sensibler und etwas weniger robust. Aber macht euch doch später selbst ein Bild von ihm. Die neuen Leute sind eigentlich ganz in Ordnung. Mein Besitzer verHidalgo 14


Simone Engleder: Pferdegedanken und Stallgeschichten