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Papierfresserchens MTM-Verlag


F端r meine Jungs Emil & Cajus


Frida und das Wolkenkuckucksheim Text und Illustrationen:

Kim Kirschey-Jacobs

Papierfresserchens MTM-Verlag


Hallo! Ich bin die Frida! Wenn ich groĂ&#x; bin, mĂśchte ich Malerin werden. 5


Vor vier Jahren sind Mama und Papa mit mir hier in das kleine Haus auf dem Land gezogen, weil in der Stadt kaum Platz zum Spielen und Toben für Kinder war, hat Mama gesagt. Das Haus war früher mal ein Kuhstall. Aber keine Angst, es riecht hier nicht nach Gülle und ich schlafe auch nicht im Stroh. Der Stall wurde natürlich sauber gemacht und renoviert. Heute verraten nur noch die tiefen Decken und die Aufteilung der Räume, dass hier ursprünglich Kühe und nicht Menschen zu Hause waren. Hinter dem Haus ist ein Garten, der direkt an ein Naturschutzgebiet grenzt. Das ist toll, weil manchmal Tiere durch unseren Garten flitzen, die man sonst kaum sieht. Ein Fischreiher schaut zum Beispiel manchmal vorbei. Eichhörnchen wagen sich im Herbst bis zur Terrassentür. Und irgendwo in den umliegenden Bäumen muss ein Specht wohnen. Im Frühling fließt sogar ein kleiner Bach direkt hinter unserem Gartenzaun entlang, der dann im Sommer leider wieder austrocknet. Der Garten wäre ein Paradies für jeden Hund. Das sage ich Mama und Papa immer wieder, weil ich so gerne einen Hund hätte. Aber Papa sagt dann, dass der Hund nicht glücklich wäre bei uns, weil wir alle drei immer erst am Nachmittag aus der Schule und von der Arbeit nach Hause kommen. Er wäre also viel zu viel allein und das fände ich auch traurig.


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Ja, ich bin bis nachmittags in der Schule, weil Mama und Papa arbeiten. Das ist okay, denn es ist immer jemand zum Spielen da. Montags bin ich in der Musik-Theater-Gruppe, donnerstags in der Sport-AG und beides macht mir riesigen Spaß. Nicht so gerne mag ich den Dienstag, denn da habe ich nach der Schule noch Klavierunterricht. Und den mag ich gar nicht. Aber nicht weitersagen! In der freien Zeit, die noch bleibt, bin ich viel draußen. Manchmal radel ich dann mit dem Nachbarsmädchen Maja zum Spielplatz, am liebsten aber sammle ich hinter dem Haus im Naturschutzgebiet Blätter, Stöckchen und Steine, die ich dann abmale. Und das ist auch das, was ich am allerallerallerliebsten mache: malen.


Mama und Papa haben mir einmal erzählt, dass ich male, seitdem ich das erste Mal meinen Breilöffel halten durfte. Das muss so mit einem Jahr gewesen sein. So lange male ich schon und meine Mama und mein Papa waren immer stolz auf mich und meine Kunstwerke. Also, meistens jedenfalls. Einmal, als ich an der Küchenwand herausfand, wie viel Spaß Kringelzeichnen macht, waren sie nicht so stolz, glaube ich, denn da schimpften sie ganz schön mit mir. Und ein paar Tage später bemalten sie die Wand dann selbst. In demselben langweiligen Weiß wie vorher. Und das fand ich dann überhaupt nicht schön und stolz war ich schon gar nicht, also schimpfte ich dann auch mal! Überall in meinem Zuhause hängten sie meine Bilder auf. An der Küchentür, auf der Pinnwand im Mamas Arbeitszimmer. Eines sogar in einem Rahmen an die Wand! Und wenn wir Besuch bekamen, bemerkten sie stolz: „Hat Frida gemalt!“ Aber dann wurde ich ein Vorschulkind und plötzlich war alles anders. Mama und Papa und auch die Erzieherinnen im Kindergarten wurden auf einmal ziemlich merkwürdig. Von heute auf morgen musste nun „richtig“ sein, was ich zu Papier brachte, und sie ließen kaum noch ein gutes Haar an meinen Bildern. „In der Schule musst du richtig malen können, Frida! Da kannst du auch nicht mehr machen, was du willst“, begründeten sie ihr verändertes Verhalten. Und mit „richtig“ meinten sie ordentlich, bloß keine Linie übermalen und genau so, wie wir alle die Welt sehen können. „Für Gekritzel ist das Papier zu schade, Frida! Gib dir mehr Mühe!“, sagten sie. Oder: „Die Blätter an einem Baum sind doch nicht blau, Frida!“ Eine ganze Weile brummelte ich dann einfach: „Pf, das weiß ich doch. Ich bin doch nicht doof!“ So leise natürlich, dass es niemand verstehen konnte, und malte weiterhin Blätter in den unterschied8


lichsten Farben an meine Bäume – so, wie ich sie eben schön fand. Irgendwann nervte mich das Gemeckere dann aber doch und ich beschloss, von nun an nur noch nackte Bäume zu malen. Blätterlos, wie im Winter. Aber dann war ihnen plötzlich meine Wolke zu gelb, das Wasser zu pink, der Regenbogen zu schwarz oder die Sonne zu grün und ich verlor mehr und mehr die Lust, überhaupt noch irgendetwas zu malen. Im Kindergarten spielte ich schließlich lieber mit Lilly und Max Vater, Mutter, Kind oder langweilte mich. Zu Hause malte ich nur noch alleine für mich in meinem Zimmer, und wenn Mama oder Papa hereinkamen, schob ich das Papier schnell unter mein Bett. Seit letztem Sommer bin ich ein Schulkind. Das ist eigentlich toll, hat aber den Haken, dass Mama und Papa seitdem noch merkwürdiger sind. Immer wenn ich mich in mein Zimmer zurückziehe, vergehen nur wenige Augenblicke, in denen ich kaum ein paar Striche aufs Papier bringen kann, bis einer von ihnen im Raum steht. Mit einem lauten Rumms fliegt dann die Tür auf und mit strengem Gesicht, verschränkten Armen und ernster Stimme beginnen sie die immer gleiche Leier: „Frida, hör auf zu träumen!“ „Frida, mach endlich deine Hausaufgaben!“ „Räum dein Zimmer auf!“ „Üb Klavier!“ „Mach ein paar Kopfrechenaufgaben!“ „Hilf mir beim Abwasch!“ „Deck schon mal den Tisch!“ „Komm Essen!“ „Geh ins Bett, morgen ist Schule!“ Und immer so weiter, je nachdem, was sie grade mal wieder wichtig finden. Manchmal bin ich deswegen ganz schön wütend auf Mama und Papa, meistens aber eher traurig, weil sie einfach nicht verstehen wollen, was mir wichtig ist. 9


Nicht, dass ihr jetzt denkt, mir wäre alles außer Malen egal. Meine Familie und ich, wir müssen zusammenhalten wie ein Team, das weiß ich. Und ähnlich wie beim Fußball läuft alles viel runder, wenn wir auch die doofen Dinge wie den Abwasch gemeinsam machen und uns gegenseitig helfen. Und für die Schule üben und Hausaufgaben machen gehört auch zum Schulkind-Sein. Aber Mama und Papa wollen nur noch, dass ich etwas Sinnvolles in meiner freien Zeit mache. Dabei wünsche ich mir, sie würden verstehen, dass Malen sinnvoll ist und vor allem mir sehr wichtig. Einmal, es war der Nachmittag vor meinem siebten Geburtstag, war ich nach einem heftigen Streit mit Mama so wütend, dass ich beschloss, niemalsnienichtmehr zu malen. Mama war mal wieder in mein Zimmer gestürmt und hatte mich aufgefordert, Klavier zu üben. „In fünf Minuten, Mama, bitte!“, bat ich sie. „Sofort!“, beharrte Mama und fragte nicht einmal, warum ich die fünf Minuten noch brauchte. „Aber da draußen im Garten auf der Bank! Da sitzt eine Krähe, die ich gerade male! Und sie ist sicher gleich nicht mehr da, wenn ich jetzt Klavier üben gehe. Ich bin fast fertig! Fünf Min...“ „SOFORT!“, unterbrach mich Mama nun noch lauter: „Und wenn du jetzt weiter diskutierst, Fräulein, wandern deine Malsachen bis zu den Sommerferien auf den Dachboden! Für dein Rumgekrakel ist Zeit, wenn du deine Pflichten erledigt hast!“ „Also NIE!“, schrie ich Mama hinterher, die sich umgedreht und mein Zimmer verlassen hatte. Und dann fing ich an zu weinen. Wütend, wie ich war, lief ich in die Küche, stibitzte mir aus dem Schrank unter der Spüle eine große Mülltüte, raffte zurück in meinem Zimmer all meine Malsachen zusammen, stopfte sie in die blaue Tüte und zog sie dann zu den schwarzen Müllcontainern im Hof. 10


Frida und das Wolkenkuckucksheim