Issuu on Google+

Papierfresserchens MTM-Verlag 1


Impressum: Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet: www.papierfresserchen.de

© 2017 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Oberer Schrannenplatz 2, D- 88131 Lindau Telefon: 08382/7159086 info@papierfresserchen.de Alle Rechte vorbehalten. Erstauflage 2017 Lektorat: Melanie Wittmann Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM www.literaturredaktion.de Titelbild: Abdulah Polić Druck: Bookspress / Polen / Gedruckt in der EU ISBN: 978-3-86196-672-2 – Taschenbuch

2


Schatzsuche im Walenseeschloss Michael Weikerstorfer

3


Inhalt Reisepläne 5 Die Ankunft 13 Das Walenseeschloss 29 Der Turm 61 Die restlichen Schlüssel 73 Der Schatz 100 Epilog 108

4


Reisepläne Müde saß Paul in einem der gemütlichen Lehnsessel der Hotellounge. Obwohl er letzte Nacht nicht geschlafen hatte, wollten seine Augen nicht zufallen. Das gelbliche Licht, das von den altmodischen Lampen an der Decke auf sein Gesicht herabschien, wirkte zwar beruhigend, aber nicht einschläfernd. Das einzige Geräusch, das er vernehmen konnte, war das dumpfe, gleichmäßige Ticken einer riesigen Hoteluhr, die über der Eingangstür hing. Paul schloss die Augen und versuchte, das Ticken auszublenden. Doch es würde bestimmt nicht viel bringen, wenn er jetzt schlief, schließlich war der Vormittag schon fast wieder zu Ende. Seufzend grub er sich tiefer in den weichen roten Stoff des Lehnsessels und versuchte, sich etwas auszuruhen. „Hey, nicht einpennen! Aufstehen! Komm schon, du fauler Sack! Ich hab was gefunden!“, brüllte plötzlich jemand völlig aufdreht in sein Ohr. Genervt schlug Paul die Augen auf. Sein Cousin Fritz stand vor ihm und wedelte mit einer Reisebroschüre vor seiner Nase herum. Ach ja, das hätte er fast vergessen. Dieser verrückte Fritz war ja auch hier. Dessen Eltern waren eine Woche lang auf einer Tagung, deshalb musste Paul in dieser Zeit auf ihn aufpassen. Zu viert hatten sie die letzten paar Tage in diesem Viersternehotel in Hall in Tirol verbracht. Sie hatten nichts Besonderes gemein5


sam unternommen, bevor Fritzʼ Eltern schließlich abgereist waren. Schon seit zwei Tagen waren die beiden Cousins in diesem Hotel auf sich alleine gestellt. Fritz war mit seinen 14 Jahren zwar nur vier Jahre jünger als er, verhielt sich aber Pauls Meinung nach wie ein Zwölfjähriger. Deshalb war er auch der Ansicht, dass es klüger wäre, wenn er die restliche Zeit mit ihm in diesem Hotel verbringen würde. Denn wer wusste schon, was Fritz in einem ungünstigen Zeitpunkt bei ihm zu Hause in Innsbruck anstellen könnte ... „Was willst du denn jetzt schon wieder?“, fragte Paul gähnend. Er spürte schon wieder das dumpfe Brummen in seinem Schädel, das vermutlich von den Cocktails der letzten Nacht verursacht wurde. „Hier, schau mal, was ich in dem Ständer mit den Reisevorschlägen gefunden habe“, sagte Fritz aufgeregt, während er das Cover der Broschüre vor Pauls Gesicht hielt. Darauf war ein Schweizer Bergsee zu erkennen. Er hatte eine längliche Form und wurde an beiden Seiten von hohen, verschneiten Bergen flankiert. „Das ist der Walensee im Kanton St. Gallen in der Schweiz“, sprudelte Fritz los. „Hier steht, dass diese Gegend das ideale Reiseziel für Wanderer ist. Und du hast mir versprochen, dass wir in dieser Woche eine Wanderung unternehmen. Wenn wir mit dem Zug fahren, sind wir in drei Stunden und 40 Minuten dort!“ „Warte, jetzt mal langsam. Wieso willst du ausgerechnet dorthin? Wir können doch auch hier in Tirol wandern.“ „Ach ja, das hätte ich fast vergessen! Siehst du dieses Schloss da?“ Fritz deutete auf eine felsige Insel, die sich mitten im See befand. Darauf erhob sich eine 6


gewaltige mittelalterliche Burg mit besonders vielen hohen und spitzen Türmen. „Und was ist das für ein Schloss?“, wollte Paul wissen. „Ha!“, schrie Fritz völlig außer sich. „Genau das ist es eben! In der ganzen Broschüre wird diese Burg nicht erwähnt.“ „Jetzt schrei doch nicht so laut“, beschwerte sich Paul. „Du weißt gar nicht, wie sehr mein Schädel schon schmerzt.“ „Aber, Paul, jetzt hör mir doch mal zu!“, sagte Fritz ungeduldig und nahm auf einem Lehnsessel neben ihm Platz. „Ich habe die ganze Zeit, während du gepennt hast, im Internet nach diesem Schloss gesucht. Und weißt du was? Ich habe nichts gefunden. Keine einzige Information. Nur Hunderte Fotos, auf denen der Walensee zu sehen ist. Und bei keinem dieser Fotos wird erklärt, was es mit dem Schloss auf sich hat. Findest du das nicht auch ... mysteriös?“ „Also, ehrlich gesagt, ist mir das so was von egal“, murmelte Paul schläfrig. „Ach komm, es wird noch spannender“, fuhr Fritz unbeirrt fort. „Siehst du diese Hängebrücke, die vom Berg zur Insel hinüberführt? Über diese Brücke können wir in das Schloss gelangen und darin nach Schätzen suchen.“ „Warte ... was?“, rief Paul verwundert. „Du willst wirklich in diese baufällige Bruchbude hineingehen? Ist das dein Ernst?“ „Ach, so baufällig ist die Burg doch gar nicht. Das sieht auf dem Foto nur so aus“, meinte Fritz. „Ich weiß schon genau, wie wir dorthin kommen. Wir fahren einfach mit dem Zug vom Bahnhof Hall in Tirol bis zur 7


Ortschaft Ziegelbrücke. Von da sind es mit dem Bus nur noch 40 Minuten nach Amden, wo wir in einem Hotel übernachten können. Und am nächsten Tag wandern wir zur Hängebrücke und besichtigen das Schloss. Ist das nicht fabelhaft?“ Paul überlegte kurz. Er konnte sich daran erinnern, dass die Eltern von Fritz ihm vorgeschlagen hatten, dass er mit ihm im Laufe der Woche etwas unternehmen sollte. Und da ihm selbst nichts Besseres einfiel, war die Idee von Fritz vielleicht gar nicht so schlecht. „Na gut“, stimmte Paul zu und warf einen Blick auf die Hoteluhr. Es war kurz nach elf Uhr morgens. „Heute nach dem Mittagessen fahren wir zum Bahnhof.“ „Abgemacht!“, sagte Fritz begeistert. „Aber wir können auch zu Fuß gehen, es ist ja nur ein Katzensprung.“ Als er hörte, wie Paul seufzte, fügte er hinzu: „Ach komm schon, das schaffst sogar du mit deinen hundert Kilo!“ „Hey, sei ruhig, so viel wiege ich schon seit mehreren Monaten nicht mehr!“ „Ja, ja, träum weiter“, meinte Fritz seelenruhig und stand auf. Während er davonging, bereute Paul, dass er ihn nicht für seinen frechen Kommentar geohrfeigt hatte. *** Simone saß am Schreibtisch in der privaten Bibliothek ihres Vaters. Die alte Standuhr im Eck zeigte vier Uhr nachts an, die Fensterläden waren verschlossen. In der Bibliothek herrschte Dunkelheit, nur das gelbliche Licht der Schreibtischlampe ließ unheimliche Schatten zwischen den Bücherregalen erscheinen. Der Compu8


termonitor flimmerte vor Simones müden, trockenen Augen. Neben ihr stand eine bereits mehrfach geleerte Kaffeetasse, der Rest des Tisches war zugedeckt mit unzähligen Unterlagen, Büroartikeln, Papierkram und einem ganz besonderen Gegenstand, mit dem sie sich während der letzten nächtlichen Stunden beschäftigt hatte: einem uralten, in Leder gebundenen Buch. Es war tief unter einem Haufen anderer Bücher versteckt gewesen, die unter einem der Regale verstreut lagen. Simone hatte langjährige Berufserfahrung als Archäologin, das Landesmuseum Württemberg stellte zahlreiche Exemplare aus, die sie ausgegraben hatte. Das Gebäude, in dem sie sich befand, war ihr Elternhaus und befand sich am Stadtrand von Stuttgart. Die Bibliothek hatte bis vor Kurzem noch ihrem Vater gehört, der ebenfalls Archäologe gewesen war. Simone hatte sein Haus geerbt, nachdem er verstorben war. Sie hatte dieses Bauwerk nicht mehr von innen gesehen, seit sie hier ausgezogen war. Und das lag bereits 25 Jahre in der Vergangenheit. Es war nur wenige Tage her, seit Simone das erste Mal nach diesem Vierteljahrhundert die Bibliothek ihres Vaters betreten hatte. An diesem Tag, es musste letzten Dienstag gewesen sein, quoll ihr eine riesige Unordnung entgegen. Überall auf dem Boden lagen Wälzer verstreut, manche Bücherregale waren fast vollständig ausgeräumt. Aus diesem Grund hatte Simone die letzten paar Tage damit verbracht, die Bücher wieder in die Regale zu stellen und neu zu sortieren. Währenddessen hatte sie sich immer wieder die Frage gestellt, warum ihr Vater eine solche Unordnung verursacht hatte, denn so kannte sie ihn gar nicht. Er musste nach irgendet9


was gesucht haben. Besonders auffällig war, dass der Großteil der Bücher auf dem Boden Informationen über die Schweiz enthielt, vor allem über den Kanton St. Gallen. Vor einigen Stunden war Simone auf dieses äußerst interessante Buch gestoßen, mit dem sie sich die ganze Nacht beschäftigt hatte. Es musste mindestens 150 Jahre auf dem Buckel haben, denn es war in keinem sehr guten Zustand. Der Wälzer trug den schlichten Titel St. Gallen und enthielt zahlreiche Informationen über alle Berge, Seen, Flüsse und Städte, die zur damaligen Zeit in jenem Kanton bekannt waren. Das Besondere an dem Buch war, dass darin von einem sogenannten Walenseeschloss berichtet wurde, einer Festung, welche sich noch heute auf einer Insel in jenem See befand, seit dem 19. Jahrhundert jedoch leer stand. Simone hatte bereits stundenlang im Internet recherchiert, konnte aber keine weiteren Informationen über dieses geheimnisvolle Schloss herausfinden. Auch in den anderen Büchern über den Walensee wurde dieses Gemäuer nicht einmal erwähnt. Das Einzige, was Simone finden konnte, waren Bilder und Fotos, auf denen es zufällig zu sehen war. Simone konnte nicht glauben, dass dieses Gebäude so unbedeutend war. Denn in dem dicken Wälzer auf dem Schreibtisch vor ihr stand geschrieben, dass die Burg einst einem Weltenbummler gehört hatte, der besonders viel in Süd- und Mittelamerika unterwegs gewesen war. Dieser Mann hatte, wenn man dem Buch trauen konnte, einige Schätze und Artefakte eines ausgestorbenen mittelamerikanischen Volkes als Reiseandenken mitgenommen und in seinem Turmzimmer untergebracht. 10


Als Archäologin bereitete es Simone keine Schwierigkeiten, mehr Informationen über das im Buch genannte Volk zu sammeln. Sie fand heraus, dass es seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr existierte, weil die Stammesangehörigen von den Europäern ausgerottet worden waren, und dass alle Schätze vernichtet wurden. Das bedeutete, wenn sich die Artefakte tatsächlich noch heute in jenem Turmzimmer befänden, wäre das ein sensationeller Fund. Aber zuerst einmal musste Simone dort hingelangen. Deshalb suchte sie nach weiteren Informationen über den Walensee im Internet. Es dauerte nicht lange, bis sie einen kurzen, übersichtlichen Artikel fand. Der Walensee liegt in der Mitte eines Tals in den Schweizer Kantonen St. Gallen und Glarus. Im Norden und im Süden wird er von bis zu 1000 Meter hohen Bergen umgrenzt. Aus diesem Grund ist die Wassertemperatur kälter als die der benachbarten Seen. Sie beträgt im Sommer nur selten über 20 °C. Die Algenbildung schreitet wegen der kühlen Wassertemperatur langsamer voran als in anderen Seen, deshalb ist die Sichtweite unter Wasser besonders gut. Für Hobbytaucher ist der Walensee allerdings ungeeignet, da der Seegrund sehr steil abfällt. In den Unterwasserschluchten gibt es einige Schiffswracks zu erkunden, allerdings nur für erfahrene Taucher. Außerdem ist der Wasserspiegel infolge einer Flussregulierung um fast sechs Meter gesunken. Am Walensee liegen die Orte Walenstadt, Murg, Amden, Quinten und viele weitere. Amden erstreckt sich vom nördlichen Seeufer bis hinauf auf eine Felsterrasse darüber. Von dort aus kann man nach einer 11


mehrstündigen Wanderung durch das Gebirge die autofreie Ortschaft Quinten erreichen. Eine andere Möglichkeit, nach Quinten zu gelangen, bietet sich per Schiff vom direkt gegenüber am südlichen Ufer gelegenen Murg aus. Simone schaltete den Bildschirm aus und rieb sich die Augen. Quinten war ein Ort, der sich unmittelbar in der Nähe des Walenseeschlosses befand. Folglich wäre das Schloss am schnellsten mit dem Schiff von Murg aus zu erreichen. Mit dem Auto würde die Fahrt von Stuttgart nach Murg rund drei Stunden dauern. Dort angelangt könnte sie in einem Hotel übernachten und sich am nächsten Tag ein Boot mieten. Damit könnte sie zur felsigen Insel fahren, auf dem das Walenseeschloss erbaut worden war, und hätte dann den ganzen restlichen Tag Zeit, es zu erkunden. Simone stand auf und warf einen Blick auf die Standuhr im Eck. Es war bereits sechs Uhr morgens. Müde streckte sie ihre Gliedmaßen und ging zur Tür. Sie würde sich jetzt noch etwas ausruhen und sich nach dem Mittagessen auf den Weg machen.

12


Die Ankunft Paul und Fritz befanden sich im Zug, der von Innsbruck nach Ziegelbrücke fuhr. Sie hatten bereits die Grenze zwischen Österreich und der Schweiz hinter sich und waren schon seit mehr als zweieinhalb Stunden unterwegs. Fritz betrachtete fasziniert die Berge, die am Fenster vorbeizogen. Währenddessen schnarchte Paul, der ihm gegenübersaß, gemütlich vor sich hin. „Hey, Paul, sieh dir doch mal die Berge an“, rief Fritz plötzlich. „Auf denen liegt noch haufenweise Schnee!“ Paul schlug genervt die Augen auf und antwortete schläfrig: „Ach, Fritz, auf den Bergen bei uns in Tirol liegt auch noch Schnee. Außerdem ist das ganz normal für Anfang April.“ „Ja, aber trotzdem. Schau doch mal, wie schön der Schnee in der Sonne schimmert!“ „Der Schnee in Tirol schimmert auch, wenn die Sonne daraufscheint“, antwortete Paul unbeeindruckt. „Ja, aber das ist Schweizer Schnee!“ „Schnee ist Schnee, da gibt es keine Unterschiede.“ „Na gut, wenn du meinst“, murmelte Fritz kleinlaut und blickte wieder aus dem Fenster. „Mir gefallen die Berge trotzdem!“ Paul seufzte kurz, dann sprach er: „Wie du meinst. Lässt du mich jetzt wieder schlafen?“ „Ja, ja. Penn ruhig weiter, du Schlafmütze.“ Zufrieden lehnte Paul sich zurück und hoffte, bis zur 13


Ankunft in Ziegelbrücke seine Ruhe zu haben. Doch schon nach ein paar Minuten drehte Fritz wieder durch. „Hey, Paul, sieh mal!“ „Was ist denn jetzt schon wieder?“, murmelte dieser blinzelnd. Durch schmale Augenschlitze konnte er erkennen, wie Fritz begeistert sein Gesicht gegen das Zugfenster presste. „Wir sind da! Am Walensee!“ „Was, echt?“, nuschelte Paul noch halb träumend. „Das ging aber schnell.“ „Nur weil du die ganze Zeit geschlafen hast“, tadelte ihn Fritz. „Sieh dir lieber mal den See an!“ Gehorsam blickte Paul aus dem Zugfenster und er wurde nicht enttäuscht, denn der Anblick des Walensees war atemberaubend. Die riesige Wasseroberfläche glänzte wie Silber im Licht der Nachmittagssonne, die sich zwischen den hohen, schneebedeckten Berggipfeln versteckte. Während der Zug an der langen Südseite des Walensees entlangfuhr, hatten Paul und Fritz genug Zeit, um die Landschaft zu genießen. Als sie an Murg vorbeikamen, konnten sie bereits das Walenseeschloss in der Ferne erkennen. Es erhob sich wie ein Juwel aus der silbrig glänzenden Wasseroberfläche. Noch ahnten die beiden nicht, welche Abenteuer sie in diesem Bauwerk erwarten würden. Um 17 Uhr erreichte der Zug die Ortschaft Ziegelbrücke. Paul und Fritz stiegen aus und fuhren mit dem Bus weiter nach Amden. „Wo ist das Hotel, von dem du vorher gesprochen hast?“, fragte Paul, während sie durch die Straßen von Amden schlenderten. 14


Michael Weikerstorfer: Schatzsuche im Walenseeschloss