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treu ergeben und sein ständiger Schatten blieb. In der Hackordnung von Carhabrand stand sie zwar unter Medon, doch ihre Rolle als seine Handlangerin hob sie immer noch über ihren Zwilling, Linnot. Linnot und Laurel mochten einander äußerlich bis aufs Haar gleichen, dieselben kupferroten Locken, grünen Augen, zarten hellhäutigen Glieder. Doch anders als Laurel war Linnot nachdenklich, zurückgezogen und vor allem eigensinnig. Sie besaß keine Spur von Laurels Sinn für Anpassung. Vor allem verabscheute sie Medon und machte keinen Hehl aus dieser Tatsache. Laurel verstand das nicht. Es trug Linnot nichts ein als einen schweren Stand. Medon stahl ihre Decken, ertränkte ihren Hundewelpen, setzte Schnecken und Spinnen in ihr Bett und scheuchte sie vom Feuer oder vom Tisch weg. Nie strafte sie ihn mit mehr als einem verachtungsvollen Blick, doch genau dies schien ihn in seinem Hass anzustacheln. Laurel hielt sich zurück und war sich nicht sicher, ob sie Linnot mochte oder nicht – dieses Mädchen, ihr Spiegelbild, war ihr fremd und unheimlich. Laurels Leben änderte sich, als Aljadur starb. Zerfressen von Hass und Gicht wachte er eines Morgens einfach nicht mehr auf. Seine Kinder merkten es daran, dass die beiden Diener das Haus verließen, weil es niemanden mehr gab, der sie bezahlen konnte. Die Feuer in den Kaminen erloschen. Medon übernahm die Burg. Er war siebzehn Jahre alt, noch ein ganzes Jahr von der Mündigkeit entfernt. Laurel und Linnot waren acht. Zu dritt bewohnten sie nun das alte Gemäuer, und bald waren alle Vorräte aufgebraucht. Hungernd durchsuchten sie Säle und Kammern nach Dingen, die sie im Dorf Carhabrand verkaufen konnten. Sie fanden ein wenig Schmuck von Medons Mutter, das Schwert ihres Vaters, Bronzekessel, Gewandnadeln. Schon wollte Medon sich mit dem kleinen Bündel ins Dorf aufmachen, als er es sich anders überlegte. Langsam räumte der junge Mann vor dem leeren, offenen Burgtor den Sack wieder aus, legte alles in einem Halbkreis vor seine Füße und stand für einen Moment reglos, in die Betrachtung seines kläglichen Erbes versunken. Schließlich nahm er das Schwert, band es an seinen Gürtel, raffte den Rest wieder zusammen und lud ihn sich auf den Rücken. Dann verschwand er ins Dorf. In der Nacht krochen die Schatten heran, dunkler und lebendiger nun, da Medon nicht da war. Laurel fror und lauschte auf die Atemzüge ihrer 7

Eva Dumann - Der Ruf des Drachenschwerts  

Eva Dumann - Der Ruf des Drachenschwerts ISBN: 978-3-86196-315-8 Taschenbuch, 464 Seiten Papierfresserchens MTM-Verlag

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