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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Titelbild und Innenillustration: © Andrea Bellmont Ranken (Cover): © Doreen Salcher – Fotolia.com Lektorat: Melanie Wittmann Satz: Bettina Bellmont, Melanie Wittmann 1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-273-1 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, 88149 Nonnenhorn, Deutschland www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de 2


von

Bettina Bellmont

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Yama-hen Das Berg-Kapitel

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Die Schneefrau und der Wolfsmann Ôkami (der/die): Wolfsgeist, Gruppe der Tiergeister. Bekannt dafür, in Rudeln zu jagen, ist der Ôkami einer der gefürchtetsten Youkai der Bergregion. Wer einem Ôkami das Leben rettet, kann sich seiner Loyalität sicher sein. Allen anderen ist von der Begegnung mit diesem Untier allerdings abzuraten. Kami no Jiten, Lexikon der Götter, Autor unbekannt, aus Dôgawa Osamus geheimer Bibliothek Yoru war noch immer nicht zurück. Asa hatte bereits vor einiger Zeit eine Seitenwand aufgeschoben und blickte seitdem in das undurchdringliche Weiß des Sturms, der draußen vor der kleinen Hütte tobte. Sie lauschte den säuselnden Stimmen der Winde und beobachtete, wie Schneeflocken von diesen unbarmherzig durch die Luft geschleudert wurden. Der Schneesturm war stärker geworden. Und Yoru war noch immer nicht zurück. Fröstelnd zog sich Asa den Saum des Kimonos über die nackten Füße. Sie wusste, dass sie sich eigentlich keine Sorgen zu machen brauchte. Yoru war wie sie hier im rauen Klima der Berge aufgewachsen und es war nicht das erste Mal, dass ihn auf der Jagd ein Sturm an der Rückkehr hinderte. Vermutlich wartete er in einer Höhle oder unter einem Felsvorsprung darauf, dass sich das Rauschen des Sturms legen und der alles umfassenden Stille des Schnees weichen würde. Asa sollte sich keine Sorgen machen. Trotzdem spürte sie ihr Herz aufgeregt gegen ihre Brust pochen. „Es geht ihm gut“, beruhigte sie sich selbst und krallte ihre zitternden Hände in die Stofffalten auf ihrem Schoß. Das Zittern hörte nicht auf. Ob dies wohl der Kälte zuzuschreiben war? „Ich benehme mich wie eine Närrin“, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie sollte die Türe wieder schließen und 5


zur Feuerstelle zurückkehren. Das unstete Prasseln und Knacken in ihrem Rücken verriet ihr, dass das Feuer kurz vor dem Erlöschen stand. Noch ein letztes Mal blickte sie in das weiße Nichts und griff dann nach der Seitenwand, um sie zu schließen. Ihre Hand stoppte mitten in der Bewegung. Hatte sie dieses Geräusch gerade wirklich gehört? Das Brausen des Sturms verschluckte weiterhin sämtliche Geräusche im Umkreis der Hütte, trotzdem war sich Asa sicher, es gehört zu haben. Sie erhob sich hastig, schlüpfte in ihre Schuhe und eilte die hölzernen Stufen hinunter. Ohne Zögern rannte sie in das Schneegestöber hinaus. Die Tür blieb unverschlossen hinter ihr zurück. Bereits nach einigen Metern verschwand mit der Hütte auch der schwächliche Lichtschein des Feuers im undurchsichtigen Weiß des Sturms. Asa rannte weiter durch den Schnee, auch wenn sie sich nicht mehr ganz sicher war, ob sie es wirklich gehört hatte. Dieses Geräusch, dieses Knurren und Fauchen und dann ... Eine Kinderstimme hatte geschrien, war sich Asa sicher. Doch woher war der Schrei gekommen? Sie blieb stehen. Asa spürte den harten Sturmwind auf ihren Wangen brennen und an ihren Kleidern zerren. Ihre Beine und vor allem ihre Zehen schmerzten bereits vor Kälte. „Idiotin“, schimpfte sie sich. „Der Sturm ist viel zu laut, du hörst ja nicht einmal deinen eigenen Atem. Wie willst du hier ein Kind schreien hören?“ Dann plötzlich: Wieder meinte sie, das Knurren zu vernehmen. Nein, sie hörte es sogar ganz deutlich zu ihrer Rechten. Asa packte den Saum ihres Kleides und rannte los. Schwarze Silhouetten von Bäumen rauschten an ihr vorbei und der Sturm versuchte weiterhin, ihren schmächtigen Körper aus der Bahn zu bringen. Sie strauchelte, ihre Schulter krachte gegen einen Baum und ihre Hände versanken im eiskalten Schnee, als sie sich stützend auffangen wollte. Die merkwürdigen Geräusche vor ihr verstummten. Asa rappelte sich auf und kämpfte weiter gegen den Sturm an. Sie kam nicht sehr weit, ehe dieser sie abermals zu Boden warf. Mit einem leisen Stöhnen unterdrückte sie den Schmerz, der ihre eiskalten Waden hochkroch, und grub ihre Finger in den Schnee, um sich abzustützen. Sie sprang erschrocken auf, als sie bemerkte, dass sie anstelle von kaltem Eis in eine seltsam warme Flüssigkeit gegriffen hatte. Asa blickte nach unten. Rote Blutspuren zogen sich zu ihren Füßen durch den Schnee. Für einen Moment blieb sie wie erstarrt stehen, doch dann wischte sie ihre be6


sudelten Hände ab und folgte der Spur, bis ein dunkler Umriss vor ihr im Sturm auftauchte. Der Mann lag bäuchlings im von Blut durchtränkten Schnee. „Ist alles in Ordnung?“, rief Asa erschrocken und ließ sich neben dem Unbekannten auf die Knie fallen. Die Blutlache um sie herum möglichst ignorierend streckte sie die Hand nach den Schultern des Fremden aus, hielt aber vor Scheu inne, als sie erkannte, dass der Mann – abgesehen von einer zerrissenen und abgetragenen kurzen Hose, die mehr schlecht als recht an seinen Beinen hing – nackt war. Vorsichtig geworden betrachtete sie den Fremden eingehender. Er schien bewusstlos zu sein. Sein Kopf lag nach rechts gedreht im Schnee und die Augen, über denen einzelne Strähnen seines dichten silbernen Haares ruhten, waren geschlossen. Seine Wangen waren zerkratzt und über die markante Nase breitete sich eine frische Schnittwunde aus. Die Lippen darunter waren blau und zusammengepresst. Der entblößte Rücken bot kein besseres Bild als die Wangen des Mannes. Auch hier sah Asa die roten Kratzer und Bisswunden und auf der linken Seite, gerade unter dem Rippenansatz, zog sich eine klaffende Wunde bis beinahe zur Wirbelsäule. Asa wusste, dass er ohne eine Behandlung nicht mehr lange überleben würde. Der Großteil des Blutes rührte wohl von dieser Wunde her, und so wie es aussah, hatte der Blutfluss noch nicht gestoppt. Sollte sie ihn etwa zur Hütte zurücktragen? Sie wusste nicht einmal, wer er war oder was ihn so zugerichtet hatte. Asa blickte erschrocken auf. Sie hatte nicht daran gedacht, dass sie selbst gerade in Gefahr sein könnte. Doch im undurchdringlichen Weiß des Sturms entdeckte sie nichts, bis ihr Blick auf kleine schwarze Haufen am Rande ihres Sichtfelds fiel. Es waren Wölfe. Und sie waren allem Anschein nach tot. Zu ihrer eigenen Verwunderung ignorierte sie das aufkommende Gefühl der Angst und widmete sich wieder dem Fremden. Hatte er etwa gegen die Wölfe gekämpft und sich dann bis hierher geschleppt, wo er bewusstlos zusammengesunken war? Asa hatte sich entschieden. Sie würde ihm helfen. Um die Wunde vorerst möglichst nicht zu berühren, ging sie um den Bewusstlosen herum, legte ihre Arme um seine Brust und versuchte so, ihn von unten in die Höhe und auf ihren Rücken zu ziehen. Sein Körper war schwerer, als sie es sich vorgestellt hatte, und sie hatte Mühe, ihn halbwegs 7


in die Höhe zu hieven. Beinahe hätte sie aufgeschrien und den Fremden fallen lassen, als sie sah, was unter ihm zum Vorschein kam. Er musste es mit seinem Körper vor den Wölfen beschützt haben, anders konnte sich Asa nicht erklären, warum unter ihm ein kleines Mädchen erschien, das nicht älter sein konnte als drei oder vier Jahre. Vorsichtig schob Asa den Wolfstöter zur Seite und nahm das bewusstlose Mädchen in die Arme. Es hatte langes und so schlohweißes Haar, wie Asa es noch niemals zuvor gesehen hatte, und trug nichts weiter als einen Yukata in den Farben des Schnees. Doch trotz der viel zu leichten Kleidung glühte der kleine Körper wie von einem inneren Feuer erfüllt. So unheimlich ihr die ganze Situation war, konnte Asa nicht umhin, das Mädchen zum Schutz vor dem Sturm fester an ihre Brust zu drücken. Sie spürte dessen Herzschlag stark und konstant pochen. Ihr Blick fiel wieder auf den Fremden. Sie konnte ihn nicht hierlassen. Doch noch viel weniger konnte sie ihn und ein Kind gleichzeitig tragen. Es gab nur noch eine Möglichkeit. Asa atmete tief ein und schrie mit voller Kraft: „Yuki! Wo bist du? Yuki! Hörst du mich?“ Die Stimmen des Sturms säuselten und rauschten unbarmherzig gegen ihr Schreien an. „Yuki! Bitte! Bitte hilf mir nur dieses eine Mal!“ „Bist du sicher, dass du das wirklich willst?“, fragte eine sanfte Stimme hinter ihrem Rücken. Erleichtert blickte sich Asa um und sah gerade noch, wie sich aus einzelnen Flocken des Schneesturms das schmale Gesicht Yukis herausbildete. Immer mehr Flocken verdichteten sich zu ihren langen schwarzen Haaren und fielen geschmeidig ihren schmalen Körper hinab, der in ihrem gewohnt blassblauen Kimono steckte. „Ja, ich bin mir sicher“, antwortete Asa bestimmt. „Ich werde den Preis zahlen, den du verlangst. Ich bitte dich nur, mir im Voraus zu sagen, was du für deine Hilfe willst.“ Schelmisch lächelnd legte Yuki ihre langen Finger an ihr Kinn und tat so, als müsste sie genauer darüber nachdenken. Dann strahlte sie plötzlich wie ein junges Mädchen – was sie ihrem Äußeren nach auch zu sein schien – über das ganze Gesicht und meinte: „Gut. Weil du eine alte Freundin bist, werde ich dir helfen. Dafür will ich aber etwas von deinem hübschen Bruder.“ „Von Yoru?“, wollte Asa verwirrt wissen. Sie wurde misstrauisch, denn sie wusste, einer Yuki no onna sollte man nicht vollends vertrauen, auch 8


wenn sie eine noch so gute Freundin war. Vor allem, wenn es um Männer ging. „Was willst du von ihm? Willst du ihn etwa in das Reich deines Herrn schleppen? Ihn auf ewig einfrieren oder ...“ Yuki brachte sie mit einem gespielt bösen Blick zum Schweigen und schüttelte abwehrend den Kopf. „Asa-chan, ich bitte dich. Wie kommst du auf solche Ideen? Ich möchte nur einen Kuss von ihm.“ Nicht dass dies Asa weniger misstrauisch gemacht hätte. „Einen Kuss? Ohne irgendwelche Hintergedanken oder versteckte Bedingungen? Er wird nicht einfrieren oder dir für ewig verfallen?“ Nun schien Yuki doch ein wenig eingeschnappt zu sein. „Wenn ich es dir doch sage“, zischte sie. „Schließlich bist du meine einzige und beste Freundin. Und außerdem hatte ich hier oben schon lange keinen Mann mehr.“ Sie kräuselte säuerlich ihre blassen Lippen und fügte dann an: „Und? Abgemacht? Meine einmalige Hilfe gegen einen einzigen Kuss deines Bruders?“ Asa ahnte, dass dies Yoru gar nicht gefallen würde, dennoch nickte sie. „Abgemacht. Du bekommst deinen Kuss. Aber bitte hilf mir erst einmal, diese beiden hier zu meiner Hütte zu bringen.“ Yuki rührte sich nicht vom Fleck, selbst als Asa das Mädchen auf den einen Arm legte und mit dem anderen begann, den Fremden hochzuhieven, was ihr keineswegs gelang. „Yuki, bitte!“, wiederholte sie genervt. „Du weißt schon, was das ist, oder?“, warf die Schneefrau ein und deutete auf den Bewusstlosen. „Den berühre ich auf keinen Fall.“ Asa seufzte. „Ich weiß, dass er ein Wolfsgeist ist. Aber wenn man einem Ôkami hilft, wird er einen ja wohl nicht töten. Er ist schließlich auch ein Beschützer der Reisenden oder etwa nicht?“ „Bist du dir da so sicher?“ Yukis Gestalt schien im Schneesturm zu wabern, so als wolle sich die Schneefrau nächstens aus dem Staub machen. „Ich mag seinen Geruch nicht. Er stinkt nach Blut.“ Asa gab noch nicht auf und redete beruhigend auf ihre Freundin ein. „Yuki, hör zu. Du nimmst das Mädchen hier und ich versuche, den Wolfsgeist zu tragen. Wenn du uns dazu den Schnee noch etwas vom Leibe hältst, bekommst du deinen Kuss.“ „Und wenn ich Yoru mit Gewalt dazu zwingen muss“, fügte sie in Gedanken hinzu. Beinahe schüchtern nickte Yuki und nahm Asa das Mädchen ab. Als 9


Bettina Bellmont - Das Schweigen des Schnees