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Das Buch kann ab sofort beim Verlag verbindlich vorbestellt werden. Es wird mit Erscheinen ausgeliefert. Den Erscheinungstermin finden Sie auf unserer Internetseite. Bitte beachten Sie, dass es sich bei dieser Leseprobe nur um ein Musterlayout VOR dem Lektorat handelt. Das Buch selbst werden Sie später in gewohnt guten Qualität und textlich bearbeitet in Händen halten können. Auch das Cover, das Sie hier sehen, ist nur ein „Platzhalter“. Alle unsere Cover werden während des Entstehungsprozesses des Buches individuell gefertigt. 1. Auflage 2016 ISBN: 978-3-86196-661-6 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Covergestaltung: Papierfresserchens MTM-Verlag - unter Verwendung eines Fotos von Picture Factory - Adobe Stock-Foto lizensiert Copyright (©) 2016 by Herzsprung-Verlag Oberer Schrannenplatz 2, D 88131 Lindau www.papierfresserchen.de – www.herzsprung-verlag.de info@papierfresserchen.de – info@herzsprung-verlag.de Tel. 08382/7159086

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Wenn die Liebe Kopfstand macht von

Thurid Neumann

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Wenn die Liebe Kopfstand macht Sandra zog die Kuscheldecke noch etwas höher und zappte sich weiter durch die Fernsehkanäle. Sie und Nils hätten nie in dieses alte Haus nach Konstanz ziehen sollen. Sandra hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl dabei gehabt. Sie wusste, was es mit alten Häusern auf sich hatte. Sie waren voller Geschichten von Menschen, die früher einmal darin gewohnt hatten. Aber Nils hatte davon ja nichts wissen wollen. Er hatte diese Professorenstelle an der Uni Konstanz eine einmalige Chance genannt und da es in Konstanz nicht leicht war, eine Wohnung zu finden, hatte er natürlich sofort das Angebot ihres Maklers angenommen, in dessen soeben frei gewordene Eigentumswohnung in der Altstadt zu ziehen. Okay. Sandra musste ja zugeben, dass die Wohnung sehr schön war. Sie hatte drei Zimmer, von denen eins als Arbeits- und Gästezimmer diente und das später einmal ein Kinderzimmer hätte werden sollen. Die Wohnung lag zudem über den Dächern der Niederburg, dem ältesten Stadtteil in Konstanz, so dass man einen traumhaften Blick über die anderen Häuser hatte. Das Beste aber war die Dachterrasse, auf der Sandra schon so manch schöne Stunde mit einer Latte Macchiato verbracht hatte. Sandra liebte es außerdem, wenn durch die großen Fenster die Sonne hinein schien und alles hell und freundlich malte. Aber das Haus, in dem sich die moderne Dreizimmerwohnung befand, war eben schon knapp achthundert Jahre alt und so mancher Geist fühlte sich dort inzwischen schon recht wohl. Sandra schaltete den Fernseher mit einem Klick aus und sah hinaus in die Dunkelheit. Es kam mal wieder nichts Gescheites. Dabei hätte ihr jetzt ein unterhaltsamer Film so gut getan. Er hätte sie vielleicht ablenken können. Ablenken können von dem Bild, das sich seit einigen Tagen in ihrem Kopf festgesetzt hatte und das 5


sie einfach nicht mehr los wurde. Nils mit einer anderen Frau in ihrem gemeinsamen Bett, das sie sich extra neu gekauft hatten, nachdem sie von München hierher gezogen waren. Nils, der blonde Wikinger und diese Frau mit den langen roten Haaren. Eine Jurastudentin. Das hätte nichts weiter zu bedeuten, hatte Nils ihr erklärt. Sie war in seiner Vorlesung gewesen und hatte noch ein paar Fragen gehabt. Und dann hätte sich das so ergeben. Sandra schlug mit ihrer Faust wütend auf ein Kissen, das neben ihr auf der Couch lag. Als ob sich so etwas einfach „ergab“. Wie sollte sie noch einem Mann vertrauen, der gleich nach einem halben Jahr, nachdem er als Juraprofessor eine Stelle an einer Uni angenommen hatte, mit einer seiner Studentinnen ins Bett ging? Sandra spürte wieder diesen Druck in ihrer Brust. Mittlerweile war sie nicht mehr traurig, sondern nur noch wütend. Aber der Schmerz war derselbe geblieben. Wie hatte Nils ihr so etwas nur antun können? Sie waren nun schon seit acht Jahren zusammen. Damals war er noch Juniorprofessor in München gewesen und hatte nebenher habilitiert. Und dann hatte er die Professorenstelle hier in Konstanz angeboten bekommen und sofort zugesagt. Er hatte sie erst gar nicht gefragt, ob es für sie überhaupt in Frage kam, von München nach Konstanz zu ziehen. Aber er war so glücklich gewesen, dass sie sich einfach mit ihm gefreut hatte. Ja, sie hatte sich selbst nicht eingestehen wollen, dass sie sich eigentlich übergangen gefühlt hatte. Schließlich hatte sie eine Doktorandenstelle an der Uni München für Provinzialrömische Archäologie gehabt und vielleicht wäre auch mehr daraus geworden. Sie hatte dann im Turbogang ihre Promotion zu Ende geschrieben, um mit Nils und fertigem Doktortitel nach Konstanz zu ziehen. Zum Glück hatte sie hier gleich eine Stelle im Archäologischen Landesmuseum gefunden. Es hatte sich also irgendwie alles gefügt und sie hatte daher Nils keine Vorwürfe gemacht, sondern war ihm irgendwie noch dankbar gewesen. Denn hätte er die Stelle hier in Konstanz nicht angekommen, hätte sie diesen Job hier im Museum nicht bekommen, der ihr sehr viel Spaß machte. So hatte sie es sich zu Recht gelegt. 6


Sandra nahm die Decke von sich und ging in die Küche, um nach Keksen oder Schokolade zu suchen. Mist. Sie hatte schon alles aufgefuttert. Zum Glück war sie von Natur aus eher schlank und gehörte nicht zu den Frauen, die schon beim Anblick eines Stückchen Kuchens vier Kilo zulegten, wie ihre Freundin Tina immer meinte. Vielleicht sollte sie mal wieder einkaufen gehen? Einen ganzen Einkaufswagen voller Kekse und Schokolade. Denn auf etwas Anderes hatte sie zur Zeit sowieso keine Lust. Kekse und Schokolade waren das Einzige, was einem bei Liebeskummer half. Sandra sah auf ihre Uhr. Neun Uhr. Hm. Das war definitiv zu spät zum Einkaufen. Sie seufzte und schlurfte ins Bad, um sich die Zähne zu putzen. Gott! Sie hatte auch schon besser ausgesehen, dachte sie, als sie in den Spiegel blickte. Ihre brünetten kinnlangen Haare waren zerzaust und standen in alle Richtungen ab, unter ihren Augen waren dunkle Ränder und ihr Gesicht sah blass aus. Aber vielleicht lag das ja auch nur an dem künstlichen Licht hier im Bad. Aber das änderte jetzt auch nichts mehr. Nils war sowieso weg. Okay. Sie hatte ihn natürlich rausgeworfen. Und das war auch das einzig Richtige gewesen. Meinte auch Tina. Trotzdem fragte sie sich manchmal, ob sie nicht vorschnell gehandelt hatte. Aber was hätte sie denn Anderes tun sollen? Er hatte sie betrogen. Und Ulrich hatte ihr zudem noch gesagt, dass es nicht das erste Mal gewesen sei. Obwohl sie nicht wusste, ob sie Ulrich glauben sollte. Schließlich war er ein Gespenst. Sandra putzte sich die Zähne, machte danach das Licht im Bad wieder aus und ging ins Wohnzimmer zurück. Ein Buch lesen konnte sie jetzt auch nicht. Schon nach einer Zeile schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Vielleicht fand sie ja eine DVD, die sie schon lange nicht mehr gesehen hatte? Sandra öffnete den Wohnzimmerschrank und schaute sich die Filmesammlung durch. Hier. Haben Sie das das von den Morgans schon gehört? Den könnte sie sich doch mal wieder ansehen. Der war eigentlich ganz lustig. Aber wollte sie sich jetzt wirklich einen Film anschauen, bei dem am Ende der Mann und 7


die Frau, die sich getrennt hatten, wieder zusammen fanden und ein Kind bekamen? Das war auch so ein Punkt, über den Sandra nicht so gerne nachdachte. Sie war jetzt schon fünfunddreißig, weil sie nach ihrem Studium zuerst in einem Museum gearbeitet hatte und dann mit dreiunddreißig mit der Promotion angefangen hatte. Nils war schon zweiundvierzig. Sie hatten zwar nie geheiratet. Das war nie ein Thema bei ihnen gewesen. Sie brauchten keinen Trauschein, um glücklich zu sein. Da hatten sie eigentlich immer beide so gesehen. Aber dass sie mal Kinder gewollt hatten, das war eigentlich klar gewesen. Sandra schaute zu dem Arbeitsund Gästezimmer hinüber, das einmal ihr Kinderzimmer hatte werden sollen. Und jetzt? Jetzt war sie fünfunddreißig und hatte nicht einmal mehr einen Mann. Sandra schob die DVD in den Schrank zurück und atmete tief durch. Wieso war ihr Leben auf einmal so kompliziert geworden? Bis vor zwei Wochen war doch immer einfach alles glatt verlaufen. Und jetzt war ihr Leben ein einziger Scherbenhaufen. „Nun mach doch nicht schon wieder so ein Gesicht“, hörte sie da auf einmal Ulrich sagen. Sandra drehte sich um und sah Ulrich hinter sich auf der Couch sitzen. Ulrich hatte vor etwa vierhundert Jahren hier in diesem Haus gelebt. Aber eines Tages hatte er seine Frau mit einem anderen Mann in seinem Bett angetroffen und den Liebhaber kurzerhand mit einem gezielten Messerstich getötet. Seitdem spukte er hier herum, weil er seine Ruhe nicht finden konnte. So war das eben mit alten Häusern. Irgendwo spukte immer noch ein Geist herum, der seine Ruhe wegen irgendeiner Schandtat oder wegen einer unglücklichen Liebe nicht finden konnte. Und Sandra konnte diese Geister nicht nur fühlen, sie konnte sie auch sehen und mit ihnen sprechen. Als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte man ihr immer gesagt, sie hätte eben einfach zu viel Fantasie. Aber Sandra hatte schon viele fantasievolle Menschen getroffen und kennengelernt, die keine Geister sahen. Irgendwann hatte sie aufgehört, Anderen davon zu erzählen, da ihr sowieso nie auch nur irgen8


dein Mensch geglaubt hatte. Zum Glück hatten ihre Eltern in einem Neubauviertel etwas außerhalb von München gewohnt. Da hatte es noch keine Geschichten und somit auch noch keine Geister gegeben. Aber wenn sie ihre Freundin Katja in der Innenstadt von München besucht hatte, die in einem zweihundert Jahre alten Haus gelebt hatte, da hatte sie immer Elisabeth getroffen. Elisabeth war eine zeitlebens unglücklich verliebte Frau gewesen. Und leider auch genauso unglücklich gestorben. Deshalb spukte sie noch über hundert Jahre später in dem Haus herum auf der Suche nach ihrer ewigen Liebe. Wenn Sandra bei Katja gewesen war, hatte sie immer warten müssen, bis sie einmal alleine gewesen war, um mit Elisabeth sprechen zu können, die ihr jedes Mal auf`s Neue das Herz ausgeschüttet hatte. Meistens war das auf der Toilette der Fall gewesen. Katja hatte sie immer damit aufgezogen, dass sie stets so lange auf dem Klo geblieben war. Aber das war immer noch besser gewesen, als damit aufgezogen zu werden, dass man sich mit einem Geist unterhielt, den niemand sah und hörte außer sie selbst. Als Sandra dann das Abitur gemacht hatte, hatte sie zunächst angefangen, Psychologie zu studieren. Sie hatte gehofft, etwas darüber zu erfahren, warum sie Geister sehen und hören konnte. Doch nach vier Semestern hatte sie das Studium wieder abgebrochen, weil es ihr nicht weiter geholfen hatte. Und dann hatte sie doch das Archäologiestudium begonnen. Sie hatte sich schon, seit sie überhaupt denken konnte, für Archäologie interessiert, aber bisher immer einen großen Bogen darum gemacht aus Angst, zu vielen Geistern zu begegnen. Aber wenn sie schon nicht erforschen konnte, warum sie die Geister sah und hörte, dann wollte sie sich zumindest mit den alten Kulturen auseinandersetzen, in denen viele Geister immer noch lebten und sich mit ihnen über die damaligen Zeiten unterhalten. „Hallo Ulrich“, sagte Sandra. Sie ging zur Couch und setzte sich neben ihn. „Du bekommst schneller Falten, wenn du so ein Gesicht ziehst“, stellte Ulrich fest. Er sah genauso aus wie alle Geister, die Sandra sah. Wie ein weißer durchsichtiger Mensch. Ulrich war fünfund9


sechzig geworden. Das war vor vierhundert Jahren nicht schlecht gewesen. Viele Menschen waren schon früher gestorben. Ulrich hatte schütteres Haar auf dem Kopf, ein glatt rasiertes Gesicht und er schlurfte immer in einem Nachthemd durch die Gegend, weil er im Schlaf gestorben war. „Warum hast du mir auch erzählen müssen, dass Nils öfter Damenbesuch hat?“, fragte ihn Sandra vorwurfsvoll. „Du hättest es früher oder später sowieso herausbekommen. Das habe ich dir schon einmal gesagt. Und dann wäre der Schock viel größer gewesen. Glaub mir, ich spreche aus eigener Erfahrung. Und so warst du wenigstens darauf vorbereitet. Anders als ich.“ Ulrich seufzte und starrte abwesend auf den Boden vor sich. „Ach Ulrich, du musst doch auch einmal mit der Sache irgendwann abschließen“, sagte Sandra zu ihm. „Das ist doch jetzt schon vierhundert Jahre her. Kein Wunder, dass du nicht zur Ruhe findest.“ „Mir kommt es aber so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Zum Glück hast du die Studentin nicht gleich umgebracht. Sonst würden wir hier irgendwann einmal zu zweit herumspuken.“ Oh Gott! Alles, bloß nicht das. Sandra war schon einmal in einem alten Haus gewesen, in dem zwei Geister umherspukten, sie sich nach zweihundert Jahren nur noch auf den Nerv gingen. Das war schrecklich gewesen. Abgesehen davon, dass Totschlag für sie nie in Frage käme. Ulrich stand auf und schwebte vor der Couch. „Abschließen, abschließen... Wie soll man damit jemals abschließen können, wenn einen die Frau, die man liebte, betrogen hat?“ Dann setzte er sich wieder neben Sandra und wischte sich mit dem Handrücken über seine Augen. Er hatte ja Recht. Sie hatte doch auch ständig das Bild vor sich. Das Bild mit Nils und der rothaarigen Studentin. „Und weißt du, der Schock sitzt mir eben immer noch in den Knochen“, schluchzte Ulrich. Sandra nickte. Ja, sie konnte ihn verstehen. Sie war auch geschockt gewesen, als er ihr vor kurzem erzählt hatte, dass Nils sie betrügen würde. Zuerst hatte sie ihm nicht geglaubt. Sie hatte ihm sogar vorgeworfen, dass er nur 10


eifersüchtig auf sie wäre, weil sie und Nils sich treu wären und sich liebten. Aber Ulrich war nicht einmal beleidigt gewesen. Er hatte ihr gesagt, sie könne sich ja selbst davon überzeugen. Er habe es ihr nur schonend beibringen wollen. Also hatte er ihr den Wochentag und die Uhrzeit genannt und Sandra war tatsächlich extra früher von ihrer Arbeit nach Hause gekommen. Bis zuletzt hatte sie nicht daran geglaubt, was Ulrich ihr erzählt hatte. Aber dann hatte sie es mit ihren eigenen Augen gesehen. „Ich werde mir wahrscheinlich eine andere Wohnung suchen müssen“, sagte Sandra. Ulrich nickte. „Dachte ich mir schon. Schade.“ „Sie ist für mich alleine zu teuer“, fügte Sandra entschuldigend hinzu. Ulrich war richtig froh darüber gewesen, dass Sandra ihn sehen und hören konnte. Das war ihm bisher noch nie passiert. Obwohl er schon viel erlebt hatte. ...

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Thurid Neumann: Wenn die Liebe Kopfstand macht  

Thurid Neumann Wenn die Liebe Kopfstand macht Erscheint Sommer/Herbst 2017 Taschenbuch, ca. 150 Seiten Herzsprung-Verlag