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© 2018 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Oberer Schrannenplatz 2 – 88131 Lindau Telefon: 08382/9090344 info@papierfresserchen.de Alle Rechte vorbehalten. Erstauflage 2018 Lektorat: Melanie Wittmann Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM www.literaturredaktion.de Druck: Standartu Spaustuve / Litauen – gedruckt in der EU ISBN: 978-3-86196-760-6 Fotos: © Familie Over privat

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Christina Schott

Im Rollstuhl zu den Orang-Utans Eine Reise um die halbe Welt, um den Regenwald zu retten Herausgegeben von

Benni Over

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Inhalt Vorwort 7 Bennis Reise – Teil 1: „Mach mal was klar, Papa!“ 11 Von Niederbreitbach nach Kalimantan: Warum reist jemand 15.000 Kilometer mit dem Rollstuhl mitten in den indonesischen Regenwald? Über die Liebe zu Orang-Utans, Aktionismus und das Familienunternehmen Over, das Unmögliches möglich macht. Hintergrund: Orang-Utans Die Gärtner des Regenwaldes 26 Warum ein Aussterben der Orang-Utans auch das Ende der tropischen Regenwälder in Südostasien bedeuten würde oder: 97 Prozent derselben DNA schützen die Menschenaffen nicht davor, dass ihre engsten Verwandten zu ihren schlimmsten Feinden werden. Bennis Reise – Teil 2: Ankunft auf Borneo 38 Auf eine Anreise mit Hindernissen folgt ein überschwänglicher Empfang: In Sintang warten auf Benni neben einer Gruppe Priester und einer Kooperative von Dayak-Frauen gleich 700 Oberschüler und mehrere neue tierische Patenkinder. Hintergrund: Überlebenskampf der Organisationen Die Orang-Utan-Retter 58 Mit viel Geduld und einer gehörigen Portion Idealismus kümmern sich Tierschützer um kleine Orang-Utans, die sie traumatisiert, misshandelt und krank aus illegaler Privathaltung befreit haben. Doch wohin mit den Affen, die bereit sind für die Wiederauswilderung? Bei der Suche nach den letzten intakten Regenwäldern entwickeln die Aktivisten unterschiedliche Strategien. 4


Bennis Reise – Teil 3: Abenteuer im Dschungel 77 Matschige Abhänge und eine zusammengebrochene Brücke halten die Overs nicht davon ab, samt Rollstuhl zum Dayak-Dorf Tembak zu reisen und dort in einem traditionellen Langhaus zu übernachten. Belohnt werden sie mit bewegenden Momenten und neuen Bekanntschaften – darunter ein Schamane, ein Haufen Fledermäuse sowie die Bewohner der SOC-Waldschule. Hintergrund: Traditionelle Kultur in Kalimantan Das Leben der Dayak 99 Wie mehr als 200 Stammesgruppen einst durch ein Friedensabkommen ihre Zukunft sicherten. Was dies mit Kopfjagd, Kolonialherrschaft und dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Und warum das Dorf Tembak heute lieber Ökotourismus betreibt, als Palmöl anzupflanzen. Bennis Reise – Teil 4: Benni meets Henry 116 Von Sintang nach Palangkaraya: Benni wird offiziell zum „Orangutan Warrior“ ernannt, tauft ein Affenbaby und wohnt der feierlichen Gründung einer außergewöhnlichen Schulpartnerschaft bei. Und warum es ein gutes Zeichen ist, dass sein Patenkind Henry nicht auf ihn wartet. Hintergrund: Palmöl Grüne Wüste 145 Abholzung, Waldbrände und Palmölproduktion haben große Teile Zentralkalimantans in ökologisches Ödland verwandelt. Menschen wie Tiere verlieren ihre Lebensgrundlage – nicht zuletzt wegen wirtschaftlicher Interessen aus dem Ausland. Doch einige Bauern wehren sich gegen den Ausverkauf ihrer Heimat: die Geschichte eines Dayak-Dorfes im Herzen von Borneo.

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Bennis Reise – Teil 5: Zukunftsvisionen 159 Emotionen werden zu Aktionen: Medienberichte, Schulveranstaltungen und neue Lernprojekte treiben Bennis Initiative voran. Dann folgt ein Zusammenbruch. Dass selbst dieser Benni nicht stoppen kann, liegt an der Erkenntnis, dass er allein durch sein Da-Sein noch viel bewirken kann.

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Vorwort Sie halten ein außergewöhnliches Buch über die Reise eines außergewöhnlichen Menschen in der Hand. Seit 15 Jahren begleite ich Benni Over als seine Osteopathin. Die Arbeit mit ihm ist sehr intensiv – nicht, weil seine Krankheit mich intensiv beschäftigt, sondern weil Benni so intensiv und frei lebt. Obwohl ihn sein Körper in jedem Maße einschränkt, ist er doch grenzenlos frei. Zu Beginn jeder Behandlung frage ich ihn, wie es ihm geht, und er antwortet mir stets: „Gut.“ Dann teilt er mir kurz und bündig mit, auf was ich an diesem Tag meine therapeutische Aufmerksamkeit richten soll – zum Beispiel: „Guck bitte nach meinem Rücken.“ Und schon spielt die Krankheit keine Rolle mehr und Benni geht seiner Leidenschaft nach: dem Reisen und der Welt der Orang-Utans. Viele Jahre schon reist Benni zu Zoos in Europa und konnte dabei viel Nähe zu seinen geliebten Menschenaffen aufbauen. Sein Kinderbuch Henry rettet den Regenwald hat in Grundschulen, Kindergärten und sogar in Fachkreisen großes Aufsehen erregt. Mit immenser Mühe – aber ebenso enormem Spaß – hat Benni die Geschichte mit seinem Vater geschrieben und die Bilder selbst ausgemalt. Die Botschaft: Es geht uns alle an, wenn Orang-Utans sterben, weil ihre Regenwälder zerstört werden, damit internationale Konzerne Palmöl anbauen können. Eines Tages erzählte Benni mir voller Begeisterung, dass er die Chance hätte, nach Indonesien zu reisen, zu eben jenem Affenjungen Henry, der in seinem Buch die Hauptrolle spielt. Ein Rehabilitationszentrum für Orang-Utans hatte Benni eingeladen, zu Besuch zu kommen und sich selbst davon zu überzeugen, wie man 7


seinen geliebten Tieren helfen könne. Auch ein traditionelles Dorf der Ureinwohner von Borneo sollte er besuchen. Es ist erstaunlich, zu beobachten, wie Benni und seine Familie immer wieder scheinbar Unmögliches möglich machen. Ich lachte laut über seine Pläne und bemerkte grinsend: „Dorthin kannst du aber bestimmt nicht ohne deine Osteopathin reisen.“ Und schon war sein Entschluss gefasst: Ich sollte ihn bei seinem großen Abenteuer begleiten. Was von mir zunächst als Scherz gemeint war, wurde zur wunderbarsten Reiseerfahrung meines Lebens. Die Zeit in Indonesien mit Benni und seiner Familie war faszinierend. Ich saß oft staunend im Gras und spürte, dass Benni allein durch seine innere Entschlossenheit und seine unermüdlichen Ideen die Umgebung mit seinem Feuer ansteckt. Selbst die Tiere spürten Bennis Kraft und suchten seine Nähe. Abends waren wir alle völlig erschöpft von den vielen Eindrücken des Tages. Obwohl Benni körperlich unendlich gefordert wurde, war er seelisch von uns allen am fittesten. Tagsüber prägte er sich jedes Detail ein und schmiedete dann trotz müdem Körper bis in die späten Abendstunden voller Energie künftige Pläne. Wieder in Deutschland setzte er diese dann mithilfe seiner liebevollen Familie um: Spendenaktionen, Schulpartnerschaften, Unterrichtspakete zum Thema Regenwald, ein palmölfreies Kochbuch für Kinder und vieles mehr. Seine Krankheit und sein Rollstuhl stellen für ihn dabei kein Hindernis dar. Er beweist sich und der Welt jeden Tag: „Geht nicht“ gibt’s nicht. Nun können Sie Bennis unglaubliche Reise zu den Orang-Utans in diesem Buch nachverfolgen. Welchen außergewöhnlichen Menschen und Tieren er dabei begegnete und warum deren Leben bedroht ist. Und Sie werden lesen, wie er mit all seinem Mut, seinem großen Herzen und seiner fröhlichen Art die Menschen dazu bewegt, ihr eigenes Leben zufriedener zu leben und ihre Zeit 8


zu nutzen, um etwas Wunderbares zu leisten. Benni ist der Beweis dafür, dass man sich seine Grenzen nur im Kopf steckt. Wer im Geiste frei ist und lebt, den hält auch eine Krankheit nicht auf. Ich bin dankbar dafür, dass ich so viele spannende Reisen und Pläne von Benni und seiner Familie mit begleiten darf. Eine weitere Reise beginnt nun mit diesem Buch: Es wird viele Menschen erreichen, die künftig auch den Orang-Utans und dem Regenwald helfen wollen. Da bin ich mir ganz sicher. Silke Kenter Neuwied, im Juni 2018

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Bennis Reise – Teil 1:

„Mach mal was klar, Papa!“ Von Niederbreitbach nach Kalimantan: Warum reist jemand 15.000 Kilometer mit dem Rollstuhl mitten in den indonesischen Regenwald? Über die Liebe zu Orang-Utans, Aktionismus und das Familienunternehmen Over, das Unmögliches möglich macht. Benni ist 27 Jahre alt und wohnt in Niederbreitbach in Rheinland-Pfalz. Er trägt gern Sneakers von Nike und hat eine Vorliebe für frische Gemüselasagne. Und er reist für sein Leben gern. In seinem Zimmer hängt eine Magnetwand mit Andenken aus aller Welt, daneben stecken in einer Weltkarte Dutzende Fähnchen, die markieren, in welchen Ländern er schon war: den Vereinigten Staaten von Ost nach West, Kanada, Israel, Jordanien, Ägypten und in fast jedem Land Europas. Mit Blick auf den großen Haufen Kuscheltiere, der sich auf seinem Schrank türmt, murmelt der Internet-Fan verlegen: „Die müssten mal entsorgt werden.“ Doch unter den ausrangierten Stofftieren befinden sich zahlreiche Orang-Utans. Und Benni mag Orang-Utans. So sehr, dass er die rothaarigen Menschenaffen unbedingt einmal in ihrem natürlichen Lebensraum auf der Insel Borneo besuchen will. Das wäre in unserer globalisierten Welt heute gar nicht so ungewöhnlich, wenn ... ja, wenn Benni nicht an Muskeldystrophie Duchenne leiden würde: einer unheilbaren Erbkrankheit, die bereits ab der Pubertät zur völligen Lähmung führt. Benni Over war vier Jahre alt, als die Ärzte feststellten, dass er unter schleichendem Muskelschwund leidet. Als Kind baute er mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Florian noch Baumhäuser oder Staudämme im Fockenbachtal, einem Naturschutzgebiet nahe seinem Heimatdorf. Niederbreitbach selbst ist ein idyllischer 11


Bennis Reise – Teil 1: 1.582-Einwohner-Ort in der rheinland-pfälzischen Ausflugsregion Wiedtal, 45 Kilometer von Koblenz entfernt. „Seine Krankheit habe ich immer ausgeblendet, als sei er nicht krank“, erzählt Florian von der gemeinsamen Kindheit. Seit dem Alter von elf Jahren ist Benni auf den Rollstuhl angewiesen, den er allerdings lange selbst bedienen konnte. Dennoch ging der kleinwüchsige Junge immer auf normale Regelschulen in der Umgebung, dafür haben seine Eltern sich mit viel Energie eingesetzt. Heute kann Benni nur noch sein Gesicht und seine Fingerspitzen bewegen. Seit einem dramatischen Herzstillstand im Dezember 2016 fällt es ihm schwer zu atmen, daher braucht er die meiste Zeit ein Beatmungsgerät, das er zuvor nur beim Schlafen benutzte. Das alles jedoch hindert den jungen Mann nicht daran, eine überwältigende Lebensenergie zu versprühen und einen enormen Taten- und Wissensdrang zu entwickeln – ganz besonders, wenn es um seine rothaarigen Freunde in Fernost geht. Bennis Faszination für Menschenaffen begann in einem Kino: 2012 sah er den Disney-Tierfilm Schimpansen, der die Geschichte des kleinen Schimpansenjungen Oskar erzählt, der seine Mutter verliert, aber dann von einem älteren Männchen desselben Clans adoptiert wird. Der Film erhielt sehr kontroverse Kritiken, weil er fiktiv ist, jedoch durch seinen dokumentarischen Charakter vorspiegelt, eine reale Geschichte zu erzählen – das Ganze im Disney-Stil mit emotionalen Effekten angereichert. Die Filmkritiken interessierten Benni allerdings nicht so sehr, vielmehr wollte er lieber mal einen Schimpansen „in echt“ sehen. Also fuhr er mit Mutter Cornelia bei einem Besuch Berlins in den Zoo, um die Affen dort zu beobachten. Mama Cornelia erzählt davon so selbstverständlich, als handelte es sich um einen kleinen Tagesausflug, doch man bedenke: Jede noch so kleine Reise mit Benni erfordert eine logistische Meisterleistung. Es geht nicht nur um den Rollstuhltransport, sondern auch darum, wie viel von wel12


Bennis Reise – Teil 1: chen Medikamenten und welche Ersatzgeräte für Atmung und andere Notfälle eingepackt werden müssen. Bei den Overs gehören solche Planungen wie selbstverständlich zur normalen Alltagsroutine, die sie ohne viel Aufhebens erledigen. Sicherlich hilft dabei auch ihr Gottvertrauen, denn die Familie ist tief verwurzelt in der katholischen Tradition ihrer rheinland-pfälzischen Heimat.

Benni im Garten

Von Menschen und Affen Im Berliner Zoo kamen Mutter und Sohn nicht weiter als bis zum Orang-Utan-Haus. „Da war so ein kleiner Orang-Utan, Bulan, der hat so viel Quatsch gemacht, dass wir uns einfach nicht mehr losreißen konnten. Wir saßen stundenlang dort vor der Glasscheibe und haben zugeschaut. Bis wir wieder gehen mussten.“ Benni war fasziniert von den Menschenaffen aus Südostasien. „Wie die kleinen Orang13


Bennis Reise – Teil 1: Utans geklettert sind ... die sind Menschenkindern so ähnlich! Und wie sie gespielt haben ... ich wollte ihnen so gern näher kommen.“ Natürlich war klar, dass das nicht ging. Genauso klar war der Familie, dass Affen – auch Menschenaffen – eben keine Menschen sind, auch wenn sie ihnen manchmal noch so ähnlich zu sein scheinen. Trotzdem hatten die Orang-Utans Benni tief berührt, er fühlte sich ihnen verbunden und in gewisser Hinsicht durch seine Krankheit vielleicht ähnlich eingeengt wie die Primaten im Zoo. Der Besuch hatte etwas ausgelöst, was selbst seine Eltern nicht vorhersehen konnten und was nicht mehr einfach so rückgängig zu machen war. Weil eine physische Annäherung nicht möglich war, fing Benni an, im Internet zu recherchieren: Woher kommen die OrangUtans, wie leben sie, was essen sie? Was Benni herausfand, faszinierte ihn immer mehr. Mit 97 Prozent derselben DNA gehören sie zu den engsten Verwandten der Menschen. Sie sind überaus intelligent und empfindsam und gelten noch dazu als äußerst sanftmütig. Ihre Kinder ziehen sie liebevoll auf, manche Jungtiere trennen sich erst mit acht Jahren von ihren Müttern. Diese haben ihnen zuvor ihr umfangreiches Wissen über Leben und Überleben im Regenwald vermittelt. Wenig später machte sich Familie Over auf in den Kölner Zoo – von Niederbreitbach aus gesehen der nächstgelegene Tiergarten, der Orang-Utans hält. Dort lebten damals die Affenmädchen Cinta und Ciri. Benni erinnert sich noch detailliert an Vorlieben und Streiche der kleinen Affen: Etwa als Cinta übte, einen Purzelbaum zu machen, oder als sie ihre kleine Freundin Ciri entführte und anschließend von beiden Mamas verfolgt wurde. Es folgten Besuche in weiteren Tiergärten. Es dauerte nicht lange, bis Benni die Namen sämtlicher Orang-Utans in den Zoos dieser Welt auswendig kann14


Bennis Reise – Teil 1: te, genauso wie ihre jeweiligen Eigenheiten. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, beobachtete er übers Internet stundenlang das Affenbaby Aisha (geboren im Oktober 2013) im Zoo von San Diego – das fand er spannender als jeden Krimi. Schließlich schrieb die Familie den Tierarzt des Berliner Zoos an, der Benni daraufhin tatsächlich zu einer persönlichen Führung mit Fütterung einlud. „Er hat unendlich viele Fragen beantwortet“, erzählt Cornelia Over, „aber Benni wollte immer noch mehr wissen.“

Hüter der Wälder Es dauerte nicht lange, bis er bei der Recherche über Zoobewohner an deren Grenzen stieß, so surfte Benni weiter durchs Netz, um mehr über Orang-Utans in freier Wildbahn herauszufinden. „Er ist mittlerweile selbst wie eine Internetplattform“, kommentiert sein Vater. Benni lernte, dass die zotteligen Menschenaffen vor einer Million Jahren vermutlich den größten Teil von Südostasien bevölkerten, sogar im Süden Chinas wurden Knochen gefunden. Und was ihn fast am meisten beeindruckte: Orang-Utans gelten tatsächlich als Hüter der Wälder. Durch die Auswahl ihrer Nahrung und das anschließende Ausscheiden derselben tragen sie entscheidend dazu bei, dass sich die wichtigsten Bäume und Pflanzen gleichmäßig vermehren und das Ökosystem im Gleichgewicht bleibt. Zumindest war das so, bevor die Menschen anfingen, in die tropischen Regenwälder einzudringen. Heute sind die Orang-Utans stark gefährdet, nur noch knapp 70.000 Tiere leben auf den Inseln Borneo und Sumatra, weil ihr Lebensraum in rasantem Tempo zerstört wird. Erst kamen die Holzbarone, dann die Palmöl-Unternehmen – die ehemaligen Regenwälder haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu großen Teilen in eine grüne Wüste aus stacheligen Ölpalmen verwandelt, 15


Bennis Reise – Teil 1: um die herum jedes andere Leben mit Pestiziden vernichtet wird. Noch dazu werden durch das Abholzen der Wälder die darunter befindlichen Torfschichten freigelegt, was zu einem enormen Ausstoß von Kohlendioxid führt: Die oft mehr als zehn Meter dicken Torfflöze speichern riesige Mengen an Kohlenstoff. Ganz besonders groß wird die Belastung für das Weltklima, wenn diese Böden durch Brandrodung urbar gemacht werden – die billigste Methode, um möglichst schnell Plantagen anpflanzen zu können. „Erst als ich diese Zusammenhänge begriffen hatte, hat mich das Thema auch erreicht – davor hielt ich es für eine fixe Idee von Benni“, gesteht Vater Klaus Over. „Vorher hatte ich nie über Palmöl nachgedacht. Doch als ich verstand, dass es ohne Orang-Utans keinen Regenwald und ohne Regenwald keine Menschen mehr geben wird, da hat es mich auch gefangen.“ Natur, Wald und Erde liegen den Overs am Herzen – sie leben komfortabel, aber sehr bodenständig. Die Familie wohnt in einem lichtdurchfluteten Heim mit hellem Holzboden und weiß verputzten Natursteinwänden. Cornelia Over sorgt mit ihrer warmherzigen Gastfreundschaft dafür, dass sich jeder hier sofort wohlfühlt. Sie sorgt auch dafür, dass im Eingang immer ein Kirchenlicht brennt – ein Symbol für das Leben, sagt sie. Im gepflegten Garten finden sich neben dem Swimmingpool ein Treibhaus und große Gemüsebeete, außerdem mehrere Obstbäume. Unter dem Vordach hängen Knoblauch, Zwiebeln und Kräuter aus eigener Ernte zum Trocknen, darunter türmen sich große Holzstapel für den Kamin. Auch wenn das Haus der Overs jedes Landlust-Magazin zieren würde, hat der große Garten vor allem einen Zweck: sich größtenteils selbst mit gesunder Nahrung zu versorgen. Cornelia Over kocht jeden Tag zweimal, und zwar das, was der Garten gerade so hergibt. Brot backt sie zum Teil auch selbst, außerdem köstliche Obstkuchen. Kompost wird natürlich selbst produziert, Regenwasser aufgefangen. 16


Bennis Reise – Teil 1: „Man muss der Erde doch zurückgeben, was man sich nimmt“, sagt Vater Klaus. Nach einer Leukämie-Erkrankung hängte er seinen aufreibenden Job als Manager eines internationalen Konzerns an den Nagel, um sich der organischen Landwirtschaft und vor allem seinem kranken Sohn zu widmen. „Zum einen musste ich selbst kürzertreten und gesünder leben. Zum anderen wollte ich präsenter sein, wenn Benni gewisse Entwicklungen durchmachen muss“, sagt der heute 58-Jährige.

Kürbisernte in Overs Garten 17


Bennis Reise – Teil 1:

Unternehmen Over Nun da Papa Klaus mit im Boot war, stand dem Familienunternehmen Over nichts mehr im Weg: Benni hat die Ideen, Papa setzt sie um, Mama sorgt für die Logistik und Bruder Florian, der in Wiesbaden Mediaproduktion studiert, kümmert sich darum, dass alles in Bild und Ton dokumentiert wird. Während Benni also weiterhin so viel Wissen über Orang-Utans anhäufte, als wollte er mit dem Internet konkurrieren, versuchte sein Vater herauszufinden, wie sie aktiv etwas zur Rettung der Orang-Utans und des Regenwalds beitragen könnten. Schon bald stießen sie auf die „Borneo Orangutan Survival Foundation“ (BOSF), die größte Primatenrettungsorganisation der Welt mit zwei Rehabilitationszentren in Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo. Zu Weihnachten bekam Benni von seinen Eltern die Patenschaft für einen Orang-Utan-Jungen namens Henry geschenkt, der im BOSF-Zentrum Nyaru Menteng lebte. Mit seiner ambulanten Hilfe Kathrin fing er daraufhin an, Bilder von Henry zu malen. Eines Abends saß die Familie vor dem Fernseher, jeder in seinem eigenen Lieblingssessel, als Benni unvermittelt sagte: „Ich möchte ein Kinderbuch über Orang-Utans machen.“ Und dann: „Papa, mach mal was klar!“ Das war Anfang 2014. Das neue Ziel war also, ein Kinderbuch über Henry zu produzieren. „Ich wollte auf all die Probleme aufmerksam machen, die mit dem Aussterben der Orang-Utans zusammenhängen: Abholzung der Regenwälder, Monokulturen, Klimawandel“, erklärt Benni. Während Klaus Over weltweit drauflos mailte, um Unterstützung für das Projekt zu finden, arbeitete er zugleich mit Benni und dessen ambulanten Hilfen am Entwurf der Geschichte. Der Titel war schnell klar: Henry rettet den Regenwald. Die grobe Storyline auch: Der Orang-Utan-Junge sollte in die große Welt ziehen, um 18


Bennis Reise – Teil 1:

Das erste Bild: Henry, ein kleiner Orang-Utan-Waise

Kathrin und Benni malen die ersten Motive fĂźr das geplante Buch 19


Bennis Reise – Teil 1: seine Heimat zu retten, dabei trifft er unter anderem Benni und wichtige Persönlichkeiten wie Angela Merkel, den Papst und den Dalai-Lama. Die deutsche BOS-Stiftung war bald mit an Bord des Projekts. Schließlich ergab sich ein Kontakt zum Haus der Medienbildung in Ludwigshafen und aus dem Buch- wurde ein Trickfilmprojekt. In einem dreitägigen Workshop mit Medienpädagogen der m+b. com Ludwigshafen – begleitet von SWR und Landesschau – entstand ein Storyboard. Von der ersten Idee bis zum fertigen Film verging mehr als ein Jahr: Im Juli 2015 fand schließlich die Premiere in der Neuerburg-Grundschule in Niederbreitbach statt. Schüler und Lehrer waren gleichermaßen ergriffen wie motiviert von der Geschichte und feierten die Vorführung mit stehenden Ovationen. Zu diesem Zeitpunkt bestimmte Bennis Orang-UtanProjekt längst den Alltag der gesamten Familie Over. Es war im Sommer 2015, als Benni in seiner trockenen, bestimmten Art verkündete, dass er nun als Nächstes Henry besuchen wolle. „Da haben wir dann doch alle erst mal ordentlich gezuckt“, erinnert sich Klaus Over. Was allen klar war: Wenn Benni sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er kaum wieder davon abzubringen. „Ich habe von meinem Bruder gelernt, wie man bekommt, was man will: einfach hartnäckig bleiben“, erzählt Florian Over. „Wenn Benni sagt: Macht mal was klar! – dann machen auch alle was klar.“ Während die Angehörigen anderer Duchenne-Patienten höchstwahrscheinlich keinen weiteren Gedanken an eine Reise in den Dschungel verschwendet hätten, setzte sich Familie Over hin und lotete die Möglichkeiten aus. Sie hatten für die Orang-Utans gespendet. Sie hatten die Patenschaft für ein Affenkind übernommen. Sie hatten einen Trickfilm produziert und ein Kinderbuch geplant. Was also war der nächste logische Schritt? Hinfahren! 20


Bennis Reise – Teil 1:

Workshop mit Medienpädagogen im Haus der Medienbildung Ludwigshafen

Vorpremiere in der Grundschule Niederbreitbach 21


Bennis Reise – Teil 1:

„Geht nicht“ gibt’s nicht Natürlich gab es ausführliche Diskussionen über das Für und Wider. Cornelia Over bekam kalte Schweißausbrüche angesichts der logistischen Vorbereitung allein für den langen Flug mit Benni – ganz zu schweigen von all den unbekannten Obstakeln, die sie in Kalimantan erwarteten. Was ist, wenn Benni einen Kreislaufzusammenbruch erleidet? Was, wenn er auf einmal nicht mehr atmen kann? Würden sie sich ihr Leben lang Vorwürfe machen, ihn auf diese Reise mitgenommen zu haben? Doch Benni redete nur noch von Kalimantan: „Ich wollte dahin, unbedingt. Ich war sicher, ich halte durch.“ Viele Gelegenheiten für solche Erlebnisse würden sich ihm realistischerweise nicht bieten. Umkippen könne er auch in Niederbreitbach, argumentierte er. Warum solle er also daheim Däumchen drehen, wenn er woanders vielleicht etwas bewegen könnte. Die ersten Rückmeldungen auf vorsichtige Anfragen der Familie bei Fluggesellschaften und Ärzten waren eindeutig: Geht gar nicht. Doch die Overs ließen nicht locker, schließlich hatten sie nichts anderes erwartet. „Ich kenne meinen Papa: Er ist mit Haut und Haaren Manager. Der hat das alles richtig eingefädelt und dann lief es“, sagt Florian schmunzelnd. Was Papa Over ganz nebenbei geschickt eingefädelt hatte, war vor allem der Kontakt zur richtigen Person: Willie Smits, dem Gründer der BOSF und diverser anderer Tier- und Naturschutzstiftungen, der in Indonesien auch als „Vater der Orang-Utans“ bekannt ist. Der 60-jährige Tropenwaldexperte, der grundsätzlich nie glaubt, dass irgendetwas gar nicht geht, hat Bennis Wunsch geradezu als Herausforderung angenommen. Schon beim ersten Skype-Gespräch verstanden sich die beiden Affenfans großartig. Der gebürtige Niederländer spricht fließend Deutsch und der eher 22


Bennis Reise – Teil 1: schweigsame Benni wollte zur Überraschung seiner Eltern gar nicht mehr aufhören, mit ihm zu reden. „Benni muss gegen so viele Widerstände ankämpfen – so wie ich auch. Dadurch fühle ich mich mit ihm verbunden. Ich war sehr beeindruckt, wie er sich trotz allem durchsetzt“, sagt Willie Smits. „Er verdiente es einfach, die Orang-Utans in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen. Gleichzeitig war mir klar, dass er die Leute vor Ort inspirieren würde: Ein körperlich schwerstbehinderter Mann reist trotz aller Mühsal um die halbe Welt, nur um einmal OrangUtans in der Natur zu sehen und den Menschen hier zu helfen. Was für ein toller Botschafter!“ Nach den ersten Okays von Willie und der BOSF folgten weitere Zusagen: Zwei Fluglinien gaben grünes Licht, die Ärzte folgten und stellten die entsprechenden Papiere aus. Damit fing die eigentliche Reisevorbereitung erst an. Benni wäre natürlich am liebsten in alle Orang-Utan-Zentren Kalimantans gefahren, was dann doch die Grenzen des Machbaren gesprengt hätte. Also einigte man sich auf zwei Ziele: Willie Smits’ jüngstes Projekt vor Ort, das Sintang Orangutan Center in Westkalimantan, sowie Nyaru Menteng in Zentralkalimantan, wo Bennis Patenkind lebte. Denn Henry wollte er natürlich unbedingt kennenlernen.

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Bennis Reise – Teil 1:

Kinder statt Politiker Kurz vorher, im Januar 2016, stand noch ein weiteres Ereignis an: Die Deutschlandpremiere des Animationsfilms Henry rettet den Regenwald in einem Mainzer Kino. Klassen mehrerer Grundschulen waren dazu eingeladen – insgesamt 500 Kinder. Das Haus der Medienbildung Ludwigshafen hatte dazu einen ganzen Aktivitäten-Parcours aufgebaut, die Kinder konnten malen, Quizfragen beantworten oder sich vor einem Dschungelhintergrund fotografieren lassen. „Dieser Film löst bei Kindern starke Emotionen aus“, kommentiert Klaus Over die Reaktionen des Publikums. Wenn am Anfang der Geschichte Henrys Mutter stirbt, weinen viele Kinder. Wenn Henry und seine Freunde am Ende ihr Urwaldheim mit einer Menschen-Affen-Kette vor Bulldozern verteidigen, jubeln sie. „Die Geschichte provoziert auch Aktionismus“, berichtet Bennis Vater, „die Kinder saugen das Thema auf wie einen Schwamm. Würde ich noch als Manager arbeiten, würde ich sagen: Es gibt ein großes Vermarktungspotenzial.“

Katja Friedrich (GF m+b.com) und Daniel Merdes (GF BOSF) begrüßen zusammen mit dem Team Benni über 500 Mainzer Grundschüler zur DeutschlandPremiere 24


Bennis Reise – Teil 1: Das Ziel ist in diesem Fall allerdings nicht der größtmögliche Gewinn, sondern die größtmögliche Reichweite. Auf den guten Rat von Insidern hin zeigen Benni und seine Familie keinerlei Interesse daran, sich in die Politik einzumischen. Sie wollen schlichtweg aufklären – und zwar vor allem Kinder und Jugendliche, dort sind die Chancen auf Erfolg am höchsten. Geld, das bei manchen Aktionen eingenommen werden kann, soll direkt wieder in die nächsten Projekte fließen. „Wie beim Fruchtwechsel im Garten“, beschreibt Klaus Over seine Philosophie. Dabei geht es auch nicht darum, sich der einen oder der anderen Organisation anzuschließen, sondern eine breite Unterstützung für den Erhalt der Regenwälder und die Rettung der verbliebenen Orang-Utans zu werben. Benni will authentisch bleiben, nicht das Maskottchen der einen oder anderen Gruppierung werden. Und tatsächlich kommt Benni am besten rüber, wenn er einfach Benni ist: trocken und doch charmant, sprachlich kurz angebunden, aber trotzdem ausdrucksstark. Dabei bleibt er beinahe schmerzhaft ehrlich. Die meisten Leute, die er trifft, sind daher bereit, ihm viel zu erzählen – und ihn und seine Projekte zu unterstützen.

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Im Rollstuhl zu den Orang-Utans  

ISBN: 978-3-86196-760-6 Christina Schott und Benni Over, Taschenbuch, 184 Seiten, farbig bebildert Wie sich ein Wunschtraum zum Wohle des T...

Im Rollstuhl zu den Orang-Utans  

ISBN: 978-3-86196-760-6 Christina Schott und Benni Over, Taschenbuch, 184 Seiten, farbig bebildert Wie sich ein Wunschtraum zum Wohle des T...