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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Titelbild: Sven Roth

1. Auflage 2014 ISBN: 978-3-86196-278-6 – Taschenbuch ISBN: 978-3-86196-387-5 – eBook Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Copyright (©) 2014 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, D- 88149 Nonnenhorn www.papierfresserchen.de www.papierfresserchens-buchshop.de info@papierfresserchen.de

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Sophie Spannende Abenteuer am Bodensee

von Thurid Neumann

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1. Kapitel Lucy sah das Herrenhaus zum ersten Mal, als sie mit dem Auto in die Hofeinfahrt abbogen. Es war groß. Viel zu groß für drei Personen. Das Einzige, was Lucy gefiel, war die altrosa Hausfassade. Aber so viele Fenster! Das bedeutete auch so viele Zimmer! Ihre Eltern würden sie nicht wiederfinden. Lucy seufzte. Aber vielleicht wollten sie das ja auch gerade nicht. Als ihr Vater den Motor ausmachte, stiegen sie aus. „Und? Was sagst du?“, wollte ihre Mutter Susanne wissen. Trotz der langen Autofahrt von Hamburg nach Konstanz trug sie einen Rock mit Bluse und Blazer, als würde sie ins Büro gehen wollen. „Unser neues Haus“, verkündete ihr Vater Thomas stolz und legte seinen Arm um seine Frau. Auch er hatte die ganze lange Fahrt über einen Anzug angehabt. Man konnte nur an der fehlenden Krawatte erkennen, dass er nicht bei der Arbeit war. „Ist es nicht ein bisschen zu groß für drei?“, fragte Lucy. Doch da liefen ihre Eltern schon zur Haustür, ohne sich nach ihr umzusehen. Lucy rannte ihnen hinterher. „Ist es nicht ein bisschen zu groß für nur drei Personen?“, rief sie ihren Eltern nach. Aber die waren schon hineingegangen und hörten sie nicht mehr. Die Eingangstür war aus Holz und ging schon wieder langsam zu. Lucy konnte sich gerade noch durch den kleinen Spalt ins Innere quetschen. Jetzt stand sie in einem kleinen Vorraum, in dem sich eine Garderobe befand. Wo waren ihre Eltern? Vorsichtig drückte Lucy die Türklinke des Vorraums hinunter und kam schließlich in ein riesiges Wohnzimmer. Lucy hielt den Atem an. Träumte sie oder war sie wieder in Hamburg? Schnell rannte sie zu den großen Fenstern. Ihre Schritte hallten durch den noch leeren Raum. Dann blickte sie auf das Wasser hinaus.

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Wasser! Dort war tatsächlich Wasser! Aber es war nicht die Außenalster, die sie in ihrem Hamburger Haus von ihrem Zimmer aus hatte sehen können. „Das muss der Bodensee sein“, dachte Lucy. Wenigstens gab es auch hier Möwen. Und Schiffe. Wenn sich Lucy ganz fest konzentrierte, dann hatte sie sogar das Gefühl, in ihrem alten Zimmer in Hamburg zu stehen und auf die Außenalster hinauszublicken. Lucy merkte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Warum hatten ihre Eltern auch unbedingt von Hamburg nach Konstanz ziehen wollen? Ihnen gefiel es doch auch in Hamburg. Schließlich hatten sie sich dort während ihres Studiums kennengelernt. Lucys Eltern waren beide Rechtsanwälte. Sie hatten bisher in einem großen Verlagshaus in Hamburg gearbeitet. Diese Sommerferien wurde ihnen das Angebot gemacht, für den Verlag in Zürich zu arbeiten, wo sie mehr als das Doppelte verdienen sollten. Dabei verdienten sie doch schon genug. Warum hatten sie das Angebot dann überhaupt angenommen? Warum hatten sie sie nicht gefragt, ob sie denn umziehen wolle? Ihre Eltern hatten ja sich. Und sie? Sie hatte ihre beste Freundin Mara nicht mitnehmen können. Lucy drehte sich um. Überall standen noch Umzugskartons. Vor zwei Tagen hatte das Umzugsunternehmen alles, was sich in ihrem Haus in Hamburg befunden hatte, in Kartons verpackt und mit mehreren Umzugswagen nach Konstanz gebracht. Lucy hatte daher mit ihren Eltern die letzten Tage in einem Hotel in Hamburg geschlafen. Morgen würde das Umzugsunternehmen kommen und unter der Anleitung ihrer Eltern alles auspacken und die Möbel aufbauen. Lucy seufzte. Ob sie sich hier jemals zu Hause fühlen würde? Wo waren ihre Eltern überhaupt? Sie lief durch den Raum zurück und der Hall ihrer Schritte folgte ihr. Dort ging es in die Küche. Lucy staunte. Sie war riesig. Mit einem Herd in der Mitte! Doch auch hier waren ihre Eltern nicht. Lucy öffnete eine weitere Tür und steckte den Kopf ins Zimmer. Es war ebenfalls leer. Ebenso wie die anderen vier Zimmer hier unten. Lucy sah zu der breiten Holztreppe, die nach oben führ-

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te. Ihre Stufen waren mit rotem Teppich belegt. Lucy legte ihre Hand auf das Geländer und ging langsam nach oben. Bei jedem Schritt knarrte das Holz unter ihren Füßen. Als sie auf dem Treppenabsatz angekommen war, sah sie einen langen Gang mit vielen Türen. Lucy seufzte wieder. So viele Türen. „Mama? Papa?“, rief Lucy. Doch ihre Worte prallten von den Wänden ab, ohne beantwortet zu werden. Sie zählte die Türen. Acht Türen! Zusammen mit den Zimmern unten waren das vierzehn Räume! Wozu brauchten sie vierzehn Zimmer? Endlich hörte sie Stimmen. „Mama? Papa?“, rief sie noch einmal. Da öffnete sich eine Tür. „Lucy! Du sollst nicht Mama und Papa zu uns sagen. Wie oft sollen wir dir das noch sagen? Du bist doch jetzt kein kleines Kind mehr“, schimpfte ihre Mutter. „Ja, Susanne“, antwortete Lucy und ließ ihren Kopf hängen. Aber sie waren doch ihre Eltern. Warum konnte sie dann nicht auch Mama und Papa zu ihnen sagen? „Und wo ist mein Zimmer?“, fragte Lucy. Ihre Eltern sahen sie erstaunt an. Hatten sie sich darüber etwa noch keine Gedanken gemacht? „Dein Zimmer?“, wiederholte ihr Vater. „Äh, nun ...“ Hilflos sah er zu Lucys Mutter. „Nun, äh, ich denke, das ganz dort hinten“, antwortete ihre Mutter und zeigte den Gang entlang. „Das ganz hinten rechts. Du bist ja jetzt schon elf ...“ „Zehn“, unterbrach Lucy ihre Mutter. Ihre Mutter sah sie streng an. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass man niemandem beim Sprechen unterbricht?“ „Entschuldigung“, murmelte Lucy. „Also, du bist ja jetzt schon fast elf und kommst bald in die Pubertät. Da wirst du deine Freiräume brauchen. Außerdem hast du dort dein eigenes Badezimmer.“ Lucy schluckte. „Und wo ist euer Schlafzimmer?“, fragte sie. Ihre Mutter seufzte. „Dort hinten.“ Sie zeigte in die andere Richtung des Ganges. Dann hakte sie sich bei ihrem Mann ein.

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„Komm, Thomas, gehen wir in unser Hotel. Ich bin müde von der langen Fahrt. Ich brauche dringend etwas zu essen und ein Bett. Morgen geht es hier los.“ Als Lucy nach dem Abendessen allein in ihrem Hotelzimmer war, setzte sie sich aufs Bett und schaltete ihren Laptop ein. Hoffentlich war Mara noch wach. Sie hatten abgemacht, dass sie jeden Tag übers Internet miteinander sprechen wollten. Es war so eine Art Bildtelefon. Ein freundlicher Mann in dem Computergeschäft in Hamburg hatte es für sie installiert und ihnen erklärt, wie es funktionierte. „Mara? Bist du da?“, fragte Lucy. Nur wenige Sekunden später erschien Mara auf dem Bildschirm. „Lucy! Mensch! Seid ihr jetzt in Konstanz?“ „Ja.“ Es war schön, Mara zu sehen und zu hören. Trotzdem tat es auch ein wenig weh. „Wie war die Fahrt?“, wollte Mara wissen. „Lang“, stöhnte Lucy. Mara nickte. „Erzähl mal, wie sieht denn euer neues Haus aus?“ Lucy zuckte die Schultern. „Es ist groß. Sehr groß. Und überall stehen Kartons herum. Morgen kommt wieder das Umzugsunternehmen. Die räumen dann alles ein. Wir schlafen heute und morgen noch einmal in einem Hotel. Hier in Konstanz. Siehst du das Zimmer, in dem ich hier bin?“ „Klar. Sieht ein bisschen aus wie ein Kloster. Könnte ein wenig Farbe vertragen“, grinste Mara. „Das ist das Inselhotel in Konstanz und kein Schlaraffenland für Kinder“, grinste Lucy zurück. „Und sonst?“, fragte Mara. „Sonst habe ich noch nichts gesehen. Doch“, Lucy hielt inne, „ich habe den Bodensee gesehen. Er erinnert mich ein bisschen an die Außenalster. Auch wenn er ganz anders aussieht. Aber weißt du, hier gibt es auch Möwen und Schiffe. Deshalb.“ Mara nickte wieder. „Du kannst mir ja noch alles zeigen“,

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schlug sie vor. „Vorausgesetzt, du hast mit dem Laptop bis zum See Empfang.“ „Ich werde es probieren.“ Es entstand eine kleine Pause. „Und was macht die Schule?“, fragte Lucy. „Wir schreiben morgen einen Mathetest. Deshalb kann ich jetzt auch nicht so lange reden.“ „Ach so, klar.“ „Du hast es ja echt gut. Nur weil du umgezogen bist, hattest du jetzt vier Wochen länger Sommerferien.“ Lucy zuckte die Schultern. Die letzten vier Wochen hatte sie Mara gar nicht mehr so oft gesehen, weil sie schon in die sechste Klasse gegangen war. Sie wäre in den letzten vier Wochen gerne auch noch in Hamburg in die sechste Klasse gegangen, anstatt sich vier Wochen lang zu langweilen. Aber das war leider nicht gegangen. „Wann geht es bei euch los?“, erkundigte sich Mara. Bei euch. Dabei war sie doch ganz alleine. „Am Montag.“ Lucy rieb sich mit einer Hand über die Nase. „Also hast du noch ...“, Mara zählte mit den Fingern, „drei freie Tage.“ Sie drehte sich um. „Du, ich muss jetzt Schluss machen. Meine Mutter ist gerade reingekommen.“ Lucy konnte Maras Mutter im Hintergrund sehen. „Wir schreiben doch morgen unseren ersten Mathetest. Ich soll jetzt schlafen.“ „Ja, klar. Dann zeige ich dir den See ein anderes Mal. Der läuft ja nicht weg.“ Mara lächelte. „Tschüss, Lucy.“ „Gute Nacht, Mara. Und viel Glück morgen beim Mathetest.“ Lucy schaltete den Laptop aus und stellte ihn auf den Tisch. Dann ging sie zum Fenster und sah hinaus. Draußen war es inzwischen dunkel und der See sah schwarz aus. Dort hinten war eine Straße, die am See entlangführte. Das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich im Wasser wider. Die andere Uferseite, das war die Schweiz, hatte ihr der freundliche Kellner erklärt. In der

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Schweiz war auch Zürich. Dort würden ihre Eltern am Montag mit ihrer Arbeit anfangen. Und sie würde am Montag in ihre neue Schule kommen. Hoffentlich würde sie dort eine nette Freundin finden. Eine Freundin wie Mara. Sie und Mara kannten sich seit der ersten Klasse und hatten immer zusammengehalten. Egal, ob es gegen den blöden Torben war oder gegen die Zickenclique. Gemeinsam waren sie stark gewesen. Lucy hatte in Hamburg eine Ganztagsschule besucht. So war sie immer von früh bis spät mit Mara zusammen gewesen. Mara war für sie wie eine Schwester. Eine Schwester, die sie nicht hatte. Auch Mara hatte keine Geschwister. Ihr war es genauso gegangen. Und jetzt? Jetzt war sie wieder alleine. Lucys Augen füllten sich mit Tränen. Ganz alleine. „Der Schrank kommt hierhin!“, befahl ihre Mutter den Möbelpackern des Umzugsunternehmens. Sie trug heute einen anderen Rock mit einem hellgrünen Twinset und sah sehr schick aus. Ihre dunkelbraunen, glänzenden, kinnlangen Haare waren wie immer perfekt frisiert. Nicht die kleinste Haarsträhne wagte es, nicht da zu bleiben, wohin sie geföhnt worden war. Noch bevor Lucys Mutter auch nur eine graue Haarsträhne gehabt hatte, hatte sie sich schon die Haare tönen lassen. In ihrer Naturfarbe. An ihr war immer alles perfekt. Während Lucys Mutter durch die Räume schritt, klackten ihre Absatzschuhe wie beim Militär. Ihr Vater hatte einen Anzug an, heute allerdings mit Krawatte, da er ja nicht mehr für mehrere Stunden im Auto sitzen musste. Er telefonierte immer wieder mit Zürich und gab den Möbelpackern hin und wieder Handzeichen, wohin was gehörte. Die Haare ihres Vaters waren schwarz und man konnte ganz deutlich sehen, dass sie an den Schläfen bereits etwas grau wurden. Er sah aus wie aus einem Modemagazin, fand Lucy. Sie saß auf einem Karton und beobachtete nun seit einer Stunde das geschäftige Treiben der Möbelpacker, die unter der Regie ihrer Eltern schon ganz schön ins Schwitzen geraten waren. „Ach, Kind, musst du immer im Weg sein? Du siehst doch, was wir hier gerade machen. Geh doch nach draußen. Da störst du

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niemanden. Wozu haben wir hier denn einen Garten?“ Die Absätze ihrer Mutter klackten wieder auf dem Parkett, während sie die Möbelpacker anwies, den Karton, auf dem Lucy saß, in den Raum zu bringen, auf dem die Zahl Sieben klebte. Um den Überblick über all die Zimmer zu behalten, hatte ihre Mutter eine Liste gemacht, auf der jedes Zimmer eine Nummer bekommen hatte. Passend hierzu hatte sie die Kartons nummeriert. Sie hatten alles perfekt durchorganisiert. Lucy hätte gerne dabei geholfen, ihr eigenes Zimmer einzuräumen. Aber das kam bei ihren Eltern nicht infrage. Das hätte nur ihren Plan durcheinandergebracht. „Hast du nicht gehört, was Susanne gesagt hat?“, schimpfte ihr Vater. Lucy hüpfte vom Karton und ging zur Garderobe. Ob sie eine Jacke brauchte? Mit beiden Händen zog sie an der Haustür, die sie nur mit Mühe aufbekam. Es schien warm genug zu sein. Bevor die Tür zufiel, huschte Lucy schnell nach draußen. Sie lief um das Haus nach vorne, wo sich der Garten befand. Von hier aus konnte man den See sehen. Nur ein kleiner Fußweg trennte den Garten vom Wasser. Heute war Freitag. Noch dreimal schlafen und die Schule würde auch hier beginnen. Noch dreimal schlafen und sie würde endlich neue Freunde kennenlernen. Lucy sah dem Schiff nach, das Richtung Hafen fuhr. Was sollte sie nur die drei langen Tage machen? Eine Schifffahrt? Um den Bodensee kennenzulernen? Aber alleine würde das sowieso keinen Spaß machen. Selbst wenn es ihre Eltern erlauben würden. Im Garten stand eine riesige Zeder. Vielleicht konnte sie da ja ein wenig klettern? In Hamburg war Lucy oft mit Mara in dem großen Park Planten un Blomen auf Bäume geklettert. Lucy ging zu der Zeder und sah sich die Äste an. Ah ja, dort müsste es gehen. Lucy kletterte vier Äste hoch. Weiter ging es nicht. Von hier oben hatte man eine prima Aussicht. Man konnte sogar die Spaziergänger beobachten, ohne dabei selbst gesehen zu werden. Die meisten hatten einen Hund dabei. Lucy hätte auch gerne

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Thurid Neumann: Sophie - Spannende Abenteuer am Bodensee  

Leseprobe: Thurid Neumann - Sophie - Spannende Abenteuer am Bodensee, Taschenbuch, 148 Seiten, 10,50 Euro, ISBN: 978-3-86196-278-6. Lucy zie...