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Für meine Tochter Paula, die Ilot und Olit im Alter von vier Jahren erschaffen hat. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-232-8 Titelbild und Bilder Innenteil: Paula Brüning Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag Sonnenbichlstraße 39, 88149 Nonnenhorn, Deutschland www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de 2


Ilot und Olit Die Sockenfresser aus der W채schetrommel

Von Angelika Br체ning Mit Bildern von Paula Br체ning 3


„Wir sind Ilot und Olit, zwei waschechte Kerle und sind, ob mit Pulver oder Perle, mit allen Wassern gewaschen. Da kannst du ruhig naschen und auch mal kleckern mit Schoko und Eis, da gibt’s nix zu meckern!“

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Inhalt 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17.

Die sonderbare 40 °C-Buntwäsche Wäscheständerakrobatik Die Autogrammstunde Olit kocht … Das Tortenstück Ein Geschenk für Ilot und Olit Der Farbenzauberspruch Die kleine Wohnung Der Sonntagsschmaus Der Rückweg Lara Das klitzekleine Ferienkind Lotti Lotti will zur Schule gehen Der große Auftritt Die Versöhnung Die Zauberschuhe

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1. Die sonderbare 40 °C-Buntwäsche Es war Freitag. Jonas kam gerade aus der Schule und schloss die Wohnungstür auf. Seit dem Beginn des neuen Schuljahres tat er dies zweimal die Woche, nämlich dienstags und freitags. Seine Mutter hatte beschlossen, wieder ein bisschen zu arbeiten und gesagt: „Du bist jetzt in der dritten Klasse. Ich denke, dass du es schaffst, an zwei Tagen in der Woche eine Stunde alleine zu Hause zu sein und auf mich zu warten. Das ist ja nicht lange und Papa versucht auch, so früh wie möglich aus der Firma wegzukommen. Das wird doch klappen, oder?“ „Ja klar, Mama!“ Dann hatte sie ihn angelächelt und geknuddelt wie es nur Eltern können, die unsagbar stolz auf ihre Kinder sind. Damit war die Sache beschlossen. Jonas’ Mutter arbeitete nun dienstags und freitags bis fünf Uhr nachmittags in dem kleinen Bioladen um die Ecke. Dort füllte sie die Regale auf, saß hinter der Kasse oder bediente die Leute an der Käsetheke. In der Schule wurde Jonas dann immer von Pia, der Mutter seiner besten Freundin Lara, abgeholt und mit dem Auto nach Hause gebracht. Pia hatte einen Jeep und daher gefiel Jonas die Heimfahrt immer besonders gut. Als Jonas nun in den Wohnungsflur trat, sich die Schuhe auszog und den Schulranzen in eine Ecke pfefferte, warf er einen Blick auf die kleine Schiefertafel an der Wand. Auf der hinterließen seine Eltern ihm manchmal kleine Nachrichten. 6


Hallo Jonas! Kannst du bitte eine 40°C-Buntwäsche machen? Aber diesmal keine Wollpullis dazu, o.k.?! ;-) Gruß, Mami

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Jonas ging zuerst in die Küche und holte sich ein Glas Orangensaft und ein paar Kekse. Dann schaltete er das Radio ein, denn fernsehen hatten seine Eltern ihm verboten. Trotzdem tat es irgendwie gut, wenn es in der Wohnung nicht so still war. Er setzte sich aufs Sofa, trank seinen Orangensaft und aß die Kekse. Das war heute vielleicht ein doofer Tag gewesen! In der Sportstunde hatten sie mal wieder Basketball gespielt und Paul und Elias hatten die Mannschaften wählen dürfen. Paul und Elias waren cool und sehr beliebt in der Klasse. Und außerdem waren sie stark im Basketball und spielten im Verein. Der Sportlehrer fand das toll und ließ die beiden oft die Mannschaften zusammenstellen. Aber Jonas hatte keiner der beiden haben wollen und deshalb war er wieder der Vorletzte gewesen, gerade noch vor der langsamen Anne, der in eine Mannschaft gewählt worden war. Es war ja nicht so, dass sie ihn nicht mochten! Jonas war witzig und Jonas konnte toll malen. Er verstand es, den anderen zuzuhören, einen Streit zu schlichten und jemandem Mut zuzusprechen. Jonas war ein netter Kerl, aber eben ein bisschen zu dick und unsportlich. Das stand fest und auch, dass ihm das „Nettsein“ in der Sportstunde überhaupt nicht weiterhalf. Jonas aß den letzten Keks auf, leerte das Glas mit dem Orangensaft und schlurfte ins Badezimmer. Oje! Wieder einmal türmte sich hier die schmutzige Wäsche neben dem bereits vollen Wäschekorb. Er verstand das einfach nicht! Ständig sah er seine Eltern Wäsche auf- und abhängen und trotzdem gab es immer noch neue verschmutzte Kleidungsstücke. Er begann Teile auszusortieren, die wohl in eine 40 °C-Buntwäsche gehören mussten: T-Shirts, Jeans, Sweatshirts und so weiter. 8


„Keine Wolle“, flüsterte Jonas. Zähneknirschend erinnerte er sich an den neuen pinkfarbenen Cashmerepullover seiner Mutter, der vor ein paar Tagen so zusammengeschrumpft war, dass ein neugeborenes Mädchen ihn durchaus hätte tragen können. Als er genügend Teile zusammenhatte, begann Jonas damit, die Wäsche in die Waschmaschine zu stopfen. Papas Jeans, Mamas T-Shirt und seinen Lieblingspulli mit den beiden Löwen vorne drauf. Als er gerade eine mit Kakao verklebte blaue Cordhose hinterher schob, hatte er für einen ganz kurzen Augenblick den Eindruck, als höre er jemanden im Inneren der Maschine schmatzen. „Kann ja nicht sein“, dachte Jonas. „Das ist bestimmt die Elektronik oder so. Hoffentlich geht die Waschmaschine nicht kaputt!“ Als die Wäschetrommel voll war, schloss er die Klappe, nahm das Waschmittel und gab etwas davon in das rechte Schubfach, denn so hatten es seine Eltern ihm erklärt. Dann musste er mit dem Drehschalter nur noch die 40 °C-Buntwäsche einstellen, den On-Knopf drücken und fertig. Zufrieden sah Jonas zu, wie die Waschmaschine Wasser in den Innenraum pumpte und die Trommel sich zuerst ganz langsam und dann immer schneller zu drehen begann. Und da vernahm er plötzlich wieder so ein komisches Geräusch! Diesmal war es zwar kein Schmatzen, sondern eher so ein kurzes „Huuuiiiiii!“ und Jonas trat erschrocken einen Schritt zurück. Er starrte auf die runde Glasscheibe mit der dahinter tobenden Wäsche. Gab die Maschine vielleicht wirklich bald ihren Geist auf? Nicht, dass hier gleich das Wasser zu allen Seiten herausspritzte und das Badezimmer innerhalb weniger Minuten unter Wasser stand! Sollte er das Gerät vielleicht lieber ausschalten? 9


Jonas lauschte. Jetzt schien sich jedoch alles beruhigt zu haben, die Maschine wusch, wie sie waschen sollte. Außer dem gewöhnlichen Brummen des Motors waren keine seltsamen Geräusche mehr zu hören. Er blieb noch einen Augenblick vor der Waschmaschine stehen, um sich zu vergewissern, dass hier wirklich alles mit rechten Dingen zuging. Dann ging er in den Flur, nahm seinen Schulranzen und machte sich in seinem Zimmer an die lästigen Mathehausaufgaben. Mal-Rechnen im Tausenderbereich. Bääh! Jonas konnte Mathe nicht leiden! Warum quälte ihn der Lehrer eigentlich immer mit diesem geistigen Rumgeturne, bei dem man am Ende zwar Lösungen erhielt, die einem jedoch überhaupt nichts nutzten. Schließlich kamen immer nur wieder neue Zahlen dabei heraus, mit denen man nichts anfangen konnte, außer vielleicht neue Rechnungen zu schreiben. Doch daran war leider nichts zu ändern, die Mathehausaufgaben mussten trotzdem erledigt werden. Jonas seufzte. Als er gerade über der Aufgabe „19x17“ grübelte, hörte er es wieder: „Huuuiiiiii!“, quietschte es aus dem Badezimmer und Jonas sprang sofort auf und rannte hinüber. Doch als er vor der Waschmaschine stand, drehte sich die Trommel ganz gewöhnlich. „Komisch“, überlegte er. „Ich habe es doch genau gehört!“ Jonas lugte ins Innere der Maschine, öffnete kurz das Schubfach für das Waschmittel, aber nichts. „Jetzt bleibe ich besser hier“, dachte er und setzte sich im Schneidersitz vor die Waschmaschine. „Dann bin ich wenigstens sofort da, wenn irgendetwas passiert.“ Und so wartete er. Wartete ganze 23 Minuten, bis der Waschgang endlich zu Ende war. 10


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Doch Jonas wäre nicht Jonas gewesen, wenn er sich in dieser Zeit gelangweilt hätte! Nein, während er mit den Augen dem gurgelnden Schauspiel der Waschmaschine folgte, wanderten seine Gedanken mal hierhin, mal dorthin. Er summte kleine Melodien und wurde so angenehm müde, dass ihm selbst die Mathehausaufgaben keinen Ärger mehr machten. Und dann, als er schon gar nicht mehr auf die Zeitanzeige geachtet hatte … Piiiep! Er zuckte zusammen und erwachte aus seinen Träumereien. „Fertig“, flüsterte Jonas. „Hoffentlich ist diesmal alles heil geblieben!“ Er schob den Wäschekorb vor die Maschine, schaltete sie aus und öffnete die Luke. Mit beiden Händen zerrte er die nassen, schweren Kleidungsstücke heraus. Dann schleppte er den vollen Korb ins Schlafzimmer seiner Eltern und stellte den Wäscheständer auf. Skeptisch begutachtete er jedes Teil, bevor er es über die Leinen hängte. Nein, bis jetzt war alles gut gegangen! Keine Pullover in Babygröße. Jonas hatte sich gerade zum Korb, der auf dem Boden stand, gebückt und zerrte an einem Hemd, dessen lange Ärmel sich um eine Jeans gewickelt hatten, als plötzlich jemand „Grandios!“ piepste. Jonas fuhr zusammen und schnellte nach oben. „Nein!“ Mit offenem Mund stand er da, rieb sich die Augen und starrte auf eine der Leinen des Wäscheständers. Darauf, und das würde ihm niemals jemand glauben, saß etwas und ließ seine kleinen Beinchen von der Leine baumeln. Jonas stockte der Atem und sein Herz fing wie wild an zu pochen. Dieses Etwas, ein kleines Männlein, höchstens so groß wie seine Hand, mit zu Berge stehenden bunten Haaren, sah ihn an und grinste. 12


Angelika Brüning - Ilot und Olit - Die Sockenfresser aus der Wäschetrommel