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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Lektorat und Satz: Janna Odenbach Illustrationen: Bernhard Hanebutt 1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-284-7 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, D- 88149 Nonnenhorn, Deutschland www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Der Kerzenknacker Bernhard Hanebutt

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Inhalt Der Junge mit der roten Pudelm체tze

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Ein neuer Freund

14

Die Sache mit den P채ckchen

19

Der Ring

26

Neumond 31 Richtige Detektivarbeit

36

Der Schl체ssel

44

Ein Meter achtzig

47

Nachtwache

52

Autos 58

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Der Kerzenknacker

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Herrn Larssons Geheimnis

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Der Junge mit der roten Pudelmütze Es war ein kalter Morgen im Dezember. Oskar schaute hinauf zu der großen Uhr. Die Zeiger verrieten ihm, dass es bereits fünf Minuten nach acht war. Der Junge hatte sich die rote Pudelmütze tief ins Gesicht gezogen, die Träger seines Ranzens hielt er fest umschlossen. Seit einer Stunde wollte seine Nase einfach nicht mehr aufhören zu laufen und ihm war furchtbar kalt. Schweigend sah Oskar zu, wie die kleinen Schneeflocken im Licht der Schulhoflaternen tanzten. Die ganze Nacht lang hatte es bereits unaufhörlich geschneit und nun stand ihm der Schnee bis zu den Knien.

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Zitternd blickte er sich um. Außer ihm befand sich keine Menschenseele auf dem Pausenhof. Heute sollte sein erster Tag an der neuen Schule sein. Als es geläutet hatte, war Oskar einfach stehen geblieben und hatte zugesehen, wie die anderen Kinder im Schulhaus verschwunden waren. Er hatte sich nicht getraut, hinterher zu gehen. Er kannte hier doch niemanden. Er hatte die Kinder in seiner alten Schule sehr gemocht, hatte dort Freunde gehabt. Die Kinder hier schienen ihm seltsam und fremd. Und so stand er zitternd und bibbernd und ganz allein auf dem großen, weißen Schulhof und war unglaublich traurig. „Junge, was machst du denn hier draußen?“ Oskar wirbelte herum. Hinter ihm erschien ein großer, dünner Mann mit einem schwarzen Schnauzbart. Er trug eine dunkelblaue Jacke, grobe Fäustlinge und in der Hand hielt er eine Schneeschaufel. „Du holst dir doch den Tod!“, sagte der große Mann besorgt. Oskar brachte kein Wort heraus. „Was ist denn los, mein Junge?“, fragte der Mann. „Die anderen Kinder warten doch sicher schon auf dich!“ Oskar zögerte. „Das glaub’ ich nicht“, sagte er leise. Der Mann zog eine Augenbraue hoch. „Meinst du nicht?“ „Die kennen mich doch gar nicht“, erwiderte Oskar trübsinnig und schaute auf den Boden. „Ich bin doch heute zum ersten Mal hier.“ Der große Mann sah den kleinen Oskar ruhig an. „Ach so ist das“, murmelte er, „zum ersten Mal bist du heute hier. Dann kennst du mich ja auch noch gar nicht. Ich heiße Erik. Aber nenn mich besser Herr Larsson, sonst bekommen wir noch Ärger mit den Lehrern. Ich bin hier der Hausmeister.“ Oskar blickte zu Herrn Larsson empor und sah, wie dieser ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. „Ich … ich heiß’ Oskar.“ Sie schüttelten sich die Hände. 6


Herr Larsson nickte. „Also Oskar, ich weiß ja nicht, wie’s dir geht, aber ich friere mich geradezu kaputt hier draußen! Was hältst du davon, wenn wir jetzt erst einmal reingehen und uns mit einer Tasse Tee aufwärmen?“ Der Junge mit der roten Pudelmütze antwortete nicht. Stattdessen blickte er schweigend zur Fassade des riesigen Schulgebäudes hinüber. Durch die mit goldenen Papiersternen beklebten Fensterscheiben fiel Licht hinaus auf den Hof. Ob die Menschen im Inneren dieses Hauses wirklich alle so seltsam sein konnten? „Frau Emmerich hat den Tee heute Morgen ganz frisch gekocht“, sagte Herr Larsson. „Irgendeine Weihnachtssorte, mit Zimt und Äpfeln oder so. Der wird dir bestimmt schmecken!“ „Frau Emmerich?“ Oskar überlegte noch einen Moment. Dann nickte er und gemeinsam gingen er und Herr Larsson zur Eingangstür der Schule. Drinnen stellte Herr Larsson die Schaufel an die Wand, klopfte den Schnee von seiner Kleidung und zog die Handschuhe aus. „Das ist doch gleich viel besser“, sagte er. „Ich mache meine Arbeit ja wirklich gern, musst du wissen, aber im Winter ist das eine ganz schlimme Sache. Frage mich, wie die Jungs von der Stadtreinigung das aushalten.“ Oskar blickte sich um. Sie standen in einer großen Eingangshalle. Als Allererstes fiel Oskar der Weihnachtsbaum ins Auge, der mitten im Raum stand. Die Tanne war mindestens sechs, nein sieben Meter hoch und mit unzähligen bunten Päckchen und Kerzen geschmückt. Hinter dem Baum verlief ein breiter Gang weiter ins Innere des Gebäudes und an den Wänden links und rechts waren Treppen eingelassen, die in die oberen Stockwerke zu führen schienen. „Das ist ein schöner Baum, oder?“, fragte Herr Larsson. Oskar nickte staunend. 7


„War gar nicht so leicht, den aufzustellen. Und alle Kinder haben mitgeholfen, damit er jetzt so prächtig aussieht. Na ja, und die Lehrer auch ein bisschen.“ Herr Larsson knöpfte seine Jacke auf. „So, dann komm mal mit, Oskar.“ Der Junge trabte hinter dem Hausmeister her. Sie gingen durch die große Halle an dem Weihnachtsbaum vorbei, bogen um die Ecke in einen Gang ein und blieben dann vor einer Zimmertür stehen. Neben der Tür glänzte ein kleines Schild. „Sekretariat“, las Oskar laut vor. „Oha“, bemerkte Herr Larsson, „wie ich sehe, kannst du schon lesen?“ Oskar sah den Mann verdrossen an. „In der dritten Klasse muss man doch schon lesen können!“ Herr Larsson runzelte die Stirn. „In der dritten Klasse bist du schon? Dann hast du dich für dein Alter aber gut gehalten!“ Während er noch lachte, öffnete der Hausmeister die Tür. Beide betraten den Raum. Im Inneren erblickte Oskar einige große Schränke und Regale, die mit unzähligen Aktenordnern und Bücherstapeln vollgestopft waren. Außerdem entdeckte er einen riesigen Kopierapparat und einen massiven Schreibtisch. Dahinter saß eine rundliche, blond gelockte Frau, die gerade damit beschäftigt war, etwas in den Computer einzutippen. „Guten Morgen, Rita“, sagte Herr Larsson beschwingt. Die Frau am Schreibtisch blickte vom Bildschirm auf. „Guten Morgen, Erik“, erwiderte sie quakend. „Was verschafft mir die Ehre?“ „Mach dir keine Umstände“, sagte Herr Larsson. „Ich bin nicht deinetwegen gekommen, sondern wegen deines hervorragenden Tees. Mein junger Freund hier braucht unbedingt eine kleine Aufwärmung.“ Er ging hinüber zu einem Regal, auf dem eine große, gelbe Thermoskanne und einige Tassen 8


standen. Jetzt beugte sich die Sekretärin über ihren Schreibtisch und musterte Oskar von oben bis unten. „Dich kann man unter deiner Mütze ja gar nicht erkennen!“, lachte sie mit plärrender Stimme. „Wer bist du denn?“ Mit einer flinken Bewegung zog sich Oskar die Pudelmütze vom Kopf. „Ich heiße Oskar“, sagte er, jetzt schon etwas mutiger als vorhin. „Ich habe heute meinen ersten Tag hier.“ „Deinen ersten Tag hast du heute!“, wiederholte die Frau wiehernd. „Na, dann fühl dich mal wie zu Hause. Den Herrn Larsson kennst du ja schon, und ich bin Frau Emmerich. Ohne uns zwei läuft hier mal gar nix, wir halten den ganzen Laden am Laufen.“ Sie brach in grunzendes Gelächter aus. „Jetzt jag dem Jungen mal nicht gleich solche Angst ein“, meinte Herr Larsson tadelnd und reichte Oskar eine Tasse Tee. Dieser bedankte sich artig. Frau Emmerich verzog die Miene. „Ich? Ich jag ihm doch keine Angst ein. Oder, Oskar? Mach ich dir Angst?“ Oskar nippte unbeholfen an seiner Tasse. „In welche Klasse musst du denn überhaupt?“, hakte Frau Emmerich nach. „Bist du etwa der neue Schüler von Frau Sommer?“ Frau Sommer! Das hatte Oskar schon einmal gehört. „Genau!“, entgegnete er heftig nickend. „Ich soll zu Frau Sommer in die dritte Klasse!“ Herr Larsson überlegte kurz. „Die sind oben neben dem Musikraum, oder?“ „Ja, im zweiten Stock“, bestätigte Frau Emmerich. „Na, dann trink mal fix aus, Oskar“, meinte Herr Larsson. „Dann zeig ich dir noch, wo dein Klassenzimmer ist. Und dann muss ich selbst auch wieder an die Arbeit.“ Oskar nickte wieder und nahm einen tiefen Zug aus seiner Tasse. Der Tee schmeckte in der Tat sehr gut und ihm wurde von Sekunde zu Sekunde wärmer. „Ich hoffe, du hast die Schneeschaufel nicht wieder im 9


Bernhard Hanebutt - Der Kerzenknacker