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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http:// abrufbar.

Lektorat: Melanie Wittmann Titelbild: Nicole Gabel Erstauflage 2014 ISBN: 978-3-86196-414-8 – Taschenbuch ISBN: 978-3-86196-415-5 – eBook ISBN: 978-3-86196-416-2 – XXL Leseprobe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Copyright (©) 2014 by Papierfresserchens MTM-Verlag Sonnenbichlstraße 39, 88149 Nonnenhorn, Deutschland www.papierfresserchen.de – www.papierfresserchens-buchshop.de info@papierfresserchen.de 2


Gegen das Schicksal

Jana Gabel

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F체r meine Mutter, ohne die ich nie so weit gekommen w채re.

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Prolog Grau und trostlos wirkt die Welt an diesem Tag. Die ersten Eiszapfen und der Bodenfrost kündigen den nahenden Winter an. Regen fällt vom Himmel und ergießt sich in Strömen über den grauen Asphalt. Die Sonne schickt ein paar jämmerliche Abendstrahlen durch den wolkenverhangenen Himmel und lässt alles unwirklich erscheinen. Ein junger Mann läuft über den frostigen Boden, unter ihm knirschen und rascheln die trockenen und verwelkten Laubblätter, die den ersten Frost überlebt haben. Der Mann trägt einen schwarzen Anorak am Leib, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er reibt sich die Hände und bläst wärmend in die Kuhle dazwischen. Sein Atem gefriert in der Luft und bildet kleine Nebelwolken. Eine schwarze Locke lugt unter der Kapuze hervor und tanzt sanft im Wind. In seinem Gürtel trägt der Mann einen Dolch, messerscharf und absolut tödlich. Ein Lächeln legt sich auf seine attraktiven Gesichtszüge, als er an das denkt, was er jetzt tun wird. Mit schnellen Schritten läuft er durch die hereinbrechende Nacht. Überall um ihn herum weichen die Menschen aus. Sie spüren, dass in diesem Fremden etwas Dunkles lauert. „Gut so! Sie sollen sich nur fürchten, sie haben guten Grund dazu, denn bald werde ich erst das jämmerliche Tiervolk und dann die Menschen ausrotten!“, denkt er schadenfroh. Aber vorerst braucht er sie noch, sie sind wichtig für sein Vorhaben. Leise öffnet der Mann die Tür zu seiner Wohnung, er streift die Schnürstiefel ab, zieht die Kapuze vom Kopf und hängt die Jacke sorgfältig auf. An diesem Tag hat er seinen Dienern freigegeben, sie sitzen jetzt in irgendeiner billigen Kneipe, betrinken sich und flirten mit irgendwelchen Mädchen. Trottel! Aber er hat sie aus einem bestimmten Grund beurlaubt. Vorsichtig läuft er durch den langen Flur des Hauses und betritt so leise wie möglich das Wohnzimmer. Seine Frau sitzt auf der 5


Couch und liest ein dickes Buch. Moby Dick. Sie liebt Menschenbücher, sie seien voller Gefühle, meint sie. Darüber kann man nur schnauben. Er hatte sein Missfallen über diese Vorliebe seiner Frau schon oft zur Sprache gebracht. Aber sie hatte nicht auf ihn gehört, seine Warnungen nie ernst genommen. Er sieht sie mit einem liebevollen Blick an. „Sie ist wunderschön“, denkt er bei sich. Mit ihrem goldblonden Haar, ihrer wohlgeformten Figur und ihren himmelblauen Augen wirkt sie wie ein Engel. Gemächlich spaziert er zum Sessel hinüber und setzt sich ihr gegenüber. Nach einer Weile, während der sie nichts sagt, räuspert er sich. Langsam hebt sie den Kopf. „Ich habe dich gehört, Murion“, verkündet sie mit sanfter Stimme und gelangweiltem Blick. Danach senkt sie den Kopf und vertieft sich wieder in ihr Buch. Murion steht auf und lässt sich diesmal direkt neben ihr erneut nieder. „Es war falsch von mir!“, versucht er, das Gespräch zu beginnen. Mit einem Seufzer schlägt sie ihr Buch zu und legt es sorgfältig auf den Tisch vor ihnen. Dann faltet sie ihre Hände im Schoß und sieht ihn mit ruhigem Blick an. „Was war falsch von dir?“, fragt sie schließlich. „Dass ich unseren Sohn heute mitgenommen habe, ich dachte, er verkraftet es!“ Er versucht, möglichst schuldbewusst zu klingen, und senkt beschämt den Kopf. „Ich hätte die Situation besser einschätzen müssen!“ Ihre Augen verengen sich zu Schlitzen und ihr Blick wird wütend. „Er hat den ganzen Mittag in seinem Zimmer geweint, Murion, ich versteh nicht, wie du ihm das antun konntest, er ist erst zehn Jahre alt, also noch ein Kind!“ Er beißt sich auf die Lippen. „Es tut mir leid, das wollte ich nicht! Ich dachte, je früher er in das Kriegsleben eintritt, umso weniger schmerzhaft wird es später für ihn sein. Kannst du mir verzeihen, bitte? Ich will mich entschuldigen.“ „Ich schon, aber ob dein Sohn das kann, weiß ich nicht, bei ihm solltest du dich entschuldigen, nicht bei mir“, erwidert sie aufgebracht, dennoch schwingt in ihrer Stimme Verständnis mit. Verständnis für ihren Mann, der es kaum erwarten kann, seinen Sohn als tapferen Krieger zu sehen. 6


„Danke, ich werde mich bei ihm entschuldigen!“, wispert dieser, gespielt niedergeschlagen. Die Frau stemmt die Hände in die Hüften und sieht ihn vorwurfsvoll an, auf ihren vollen, sinnlichen Lippen liegt allerdings ein leichtes Lächeln. „Das will ich doch schwer hoffen!“ Jetzt lächelt auch der Mann und er weiß, dass sie diesem Strahlen nicht widerstehen kann und alles verziehen ist. Er nimmt sie sanft in den Arm, umfasst ihr Gesicht mit den Händen und drückt seine Lippen auf ihre. Eng umschlungen und leidenschaftlich küssen sie sich. In einem Zimmer ein Stockwerk höher liegt ein kleiner Junge, sein Gesicht ist rot vom Weinen und durch die Erschöpfung ist er eingeschlafen. In seinen Träumen wirbeln immer noch die grausamen Bilder herum, die er heute sehen musste. Die Lider des Jungen zucken unruhig im Schlaf. Er ahnt nichts von dem, was sich unter ihm abspielt. Der Kuss dauert lange, währenddessen zieht der Mann den Dolch aus seinem Gürtel. Mit der anderen Hand hält er noch immer seine Frau. Er schaut ihr in die Augen und hält ihren Blick fest. Im nächsten Moment bemerkt sie den Schatten, der über das Gesicht des Mannes huscht, sie will sich von ihm wegdrücken, aber es ist schon zu spät. Ehe sie sich versieht, steckt der Dolch bis zum Heft in ihrer Brust. Ein heiseres Röcheln entringt sich ihrer Kehle und sie starrt ihren Mann fassungslos an, bevor sie zu Boden fällt und der Welt der Lebenden entgleitet. Der Mann lächelt hämisch, eigentlich hatte er nie vorgehabt, sie zu verletzen, aber sie stand seinem genialen Plan im Weg und deshalb musste sie sterben. Zufrieden stolziert er Richtung Tür, schnappt sich seine Jacke und seine Schuhe und geht hinaus in die Nacht, so als wäre nichts gewesen. Am nächsten Morgen betritt ein kleiner Junge fröhlich das Wohnzimmer. Er hat Frühstück für seine Mutter gemacht und will sie fragen, ob sie eine ihrer spannenden Geschichten erzählen kann. In freudiger Erwartung hüpft er im Schlafanzug mit dem Früh7


stückstablett und einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand herbei. Seine blonden Locken wippen sanft im Takt seiner Schritte. Leise schleicht er sich von hinten an das Sofa heran, auf dem seine Mutter wahrscheinlich noch schläft. „Hey Mami, ich habe dir Frühstück gemacht!“, ruft er und lugt vorsichtig über die Lehne des Sofas. Das, was er sieht, lässt sein Lächeln schmelzen, stattdessen legt sich eine Miene des Entsetzens auf sein Gesicht. Das Tablett rutscht ihm aus der Hand und der heiße Kaffee ergießt sich auf seinen Schlafanzug und seine nackten Füße. Aber er spürt den Schmerz nicht, starrt nur weiterhin auf seine tote Mutter, die vor ihm liegt. Ihre Augen starren ins Leere und ihr weißer Pyjama hat sich von ihrem Blut rot gefärbt. Der Dolch steckt ihr immer noch tief im Herz. Ihre Gesichtszüge bilden einen stummen Schrei des Entsetzens und ihre Augen sind vor Ungläubigkeit weit aufgerissen. Mit schnellen Schritten und ängstlichem Blick weicht der kleine Junge zurück. Er stößt mit dem Rücken an die Wand und lässt sich daran nach unten zu Boden sinken. In diesem Moment zerbricht etwas in ihm. Der Schmerz scheint seine Brust zu zerreißen. Heiße Tränen laufen ihm über die Wangen und befeuchten seine Lippen. Er nimmt alles nur noch wie durch einen Schleier wahr. Sieht nur noch das Bild seiner toten Mutter vor sich. Er merkt nicht einmal, dass jemand hereinkommt und ihn auf den Arm nimmt. Es ist sein Vater, der ihn auf sein Zimmer bringt und ihm tröstende Worte zumurmelt.

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Teil eins Graue Wolken ... der Tag hat einmal schön begonnen, klarer Himmel, Sonnenschein – was ist los mit der Zeit? Überall Streit ohne Hoffnung auf Besserung. Wo sind all die schönen Träume ... wo ist mein Leben? Worin besteht der Sinn meines Daseins? Wie ein dunkler Raum, ganz ohne Licht, ganz ohne Leben. Ich möchte schreien ... alles rauslassen, möchte wissen, wer ich wirklich bin, nachdenken und in der Vergangenheit wühlen. Kann nicht mehr, tut so weh. Schon so viel ist passiert und man stumpft nach außen selbst ab mit der Zeit, dann wird der Tag nie mehr mit Sonnenschein beginnen, nie wieder werden Vögel für mich singen, kein blauer, klarer Himmel, nur schwarze Wolken und Regen. Wie ein Blitz sticht der Schmerz in meinem Herzen in den Gedanken hinein, für immer mein Lächeln zu verlieren ... Unbekannter Autor

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Eins Ich schaue auf meine immer kalten bläulichen Hände. Hände, die gefährlich werden können. Hinter den zarten langen Fingern verbergen sich scharfe Krallen, die dazu geschaffen sind, etwas in Stücke zu reißen. Ich drehe sie um, sodass die Handrücken sichtbar sind. Eine rote Flamme ist dort in meine Haut eingebrannt, schon immer, seit ich denken kann. Es sieht aus wie ein Brandmal. Die scharfen Flammenzungen des Feuers lechzen nach meiner Haut. Dunkelrot brennt das Zeichen dort. Es bedeutet Kraft und Energie, aber auch Zerstörung. Feuer kann Leben retten oder zerstören. So sind wir, wir können beschützen und gleichzeitig töten. Wir sind Lenux. Ich bin eine Lenux. Unser Volk wohnt schon seit Jahrhunderten unter den Menschen, verborgen im Schatten. Die erste Regel für ein Zusammenleben mit ihnen heißt: Zeige niemals deine wahre Gestalt. Denn wir sind anders, besonders. Wenn sie wüssten, wie wir sind, würden sie Jagd auf uns machen, aus Neid, aus Gier. So sind die Menschen nun mal. Ich schaue von meinen Händen auf, in den Spiegel mit dem goldenen Rand. Sanfte Verschnörkelungen verzieren ihn. Wachsame dunkelgrüne Augen blicken mir entgegen. Meine vollen Lippen lassen meine Gesichtszüge weicher wirken. Meine hellbraunen Haare fallen mir sanft auf die Schulter und betonen meine leicht bläuliche Haut. Ebenfalls ein Merkmal der Lenux. Meine Arme und Beine sind lang und schlank, und wenn ich sie bewege, sieht man deutlich die Muskeln, die ich vom Training bekommen habe. Die eng anliegende schwarze Hose mit den grünen Seitenstreifen und das grüne T-Shirt betonen meine schlanke Figur. Grün, die Farbe der Katzen. „Aleya?!“ Meine Mutter! Seufzend wende ich mich um und verlasse mein Zimmer. Es ist nicht besonders groß. An der Wand mir gegenüber steht ein verlassenes, ungemachtes Bett und über den Boden verteilt liegen überall 10


meine Klamotten. Ich mache mir nicht viel aus Ordnung, ich finde es so gemütlicher. Die Wände sind kahl und leer, nichts deutet darauf hin, dass hier eine 17-jährige Jugendliche wohnt. Still laufe ich die alte Holztreppe unseres großen Hauses nach unten. Die Stufen knarzen unter meinen Füßen. An den Wänden zu beiden Seiten hängen Bilder von Katzen, aber nicht von kleinen, süßen und knuffigen Haustieren, sondern von großen, gefährlichen Raubkatzen. Am Treppenende starrt mich ein Tiger mit misstrauischem Blick an, die Pupillen zu Schlitzen zusammengezogen. Die Statue steht schon ewig hier. In unserem geräumigen Wohnzimmer springt mir eine kleine Luchsin entgegen. Ihre hellgrünen Augen blitzen aufgeregt. Mit einem lauten Brüllen wirft sie sich auf mich. Ich falle nach hinten auf den weichen braunen Teppich und rufe lachend: „Sophie, du kleines Raubtier!“ Sie setzt sich auf meine Brust, ihr Schwanz peitscht schnell hin und her und streift dabei meine Beine. Ihre Ohren mit dem schwarzen Flaum an den Spitzen sind steil aufgerichtet. Sie beugt sich zu mir vor und stupst mit ihrer Nase an meine. Feucht und kühl fühlt sich die Berührung an. Dann lässt sie mich frei und gibt mir Zeit, mich aufzurichten. Währenddessen verwandelt sich Sophie wieder in ihre menschliche Gestalt zurück. Aus ihren Tatzen werden zarte Kinderhände. Ihr Fell verschwindet und ihre langen braunen Haare kommen wieder zum Vorschein. In ihrem knielangen gelben Kleid mit den Blümchen darauf sieht sie lächelnd zu mir auf. Das ist unsere Gabe, jeder Lenux kann die Gestalt eines Raubtieres annehmen. Ich fahre Sophie lächelnd durchs Haar. Ihre erste Verwandlung ist noch gar nicht lange her, jetzt nutzt sie ihre Fähigkeit allerdings schon voll aus. Ich weiß noch genau, wie es bei mir war. Ich tobte mit meinen Freunden im Wald, wir spielten Lenux und Jäger, als ich mich das erste Mal verwandelte. Ich gehörte in dieser Runde zu den Lenux und floh gerade vor Myron, der einen Jäger spielte, als mich auf einmal heftige Schmerzen durchzuckten. Mein ganzer Körper stand unter Strom und unvermittelt fing es an. Meine Hände krümmten sich und verformten sich zu großen krallenbewehrten Tatzen, meine Augen wurden glasig und plötzlich nahm ich meine Umgebung viel besser wahr, ich sah schärfer und hörte die Geräusche 11


Jana Gabel - Gegen das Schicksal