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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Titelbild und Illustrationen: Bettina Bremer Lektorat: Hedda Esselborn 1. Auflage 2014 ISBN Taschenbuch: 978-3-86196-352-3

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Copyright (©) 2014 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, D- 88149 Nonnenhorn www.papierfresserchen.de www.papierfresserchens-buchshop.de info@papierfresserchen.de

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Anni und der Regenbogenmann von Bettina Bremer

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Eins

Hätte man Anni gefragt, wie es ihr geht, sie hätte bestimmt immer geantwortet: „Alles gut!“ Aber das entsprach nicht der Wahrheit. Wer sie besser kannte, der merkte schon, dass Anni viel weniger lachte als die Kinder, die mit ihr in die vierte Klasse gingen. Dass sie mit ihren Gedanken oft ganz woanders war und in der Pause meist allein stand. Aber viele gab es nicht, die sie besser kannten. Eigentlich gab es so recht niemanden. Außer natürlich ihren Eltern – aber die hatten ihre eigenen Probleme und achteten deshalb nicht so genau darauf, wie es ihrer Tochter ging. Es war nämlich so, dass Annis Mutter krank war. Sie hatte keine normale Krankheit wie andere Mütter, das heißt, sie hatte keine Grippe und keine Bauchschmerzen. Bei ihr war die Seele krank, und diese Krankheit heißt: Depression. Ein komisches Wort, aber Annis Papa hatte versucht, ihr die Bedeutung zu erklären: „Wenn man eine Depression hat, dann kann man sich nicht mehr freuen. An gar nichts mehr. Man hat auch keinen Spaß mehr am Essen oder Spielen oder Film schauen. Rausgehen, wenn die Sonne scheint, ändert nichts, 5


weil man sich im Grunde nur die Bettdecke über den Kopf ziehen und seine Ruhe haben will.“ Annis Mutter hatte diese merkwürdige Krankheit schon über ein Jahr, eigentlich, seit sie umziehen mussten in diese kleine Stadt, weil Papa eine neue Arbeitsstelle hatte. Der hatte deshalb wohl auch ein schlechtes Gewissen, denn er kümmerte sich so sehr um Mama, dass für Anni nicht mehr viel Zeit übrig blieb. Gerade war Anni auf dem Weg von ihrer Schule nach Hause. Ein Zirkus hatte sich auf der kleinen Festwiese ausgebreitet, die auf Annis Heimweg lag. Ein großes Plakat am Kassenhäuschen zeigte ein Clownsgesicht mit Haaren, bunt wie ein Regenbogen, und einem roten Küchensieb obendrauf. Darüber stand in schnörkeliger Schrift: Zirkus Firlefanz Anni schaute sich das Plakat lange an, bevor sie sich umwandte und nach Hause ging.

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Zwei

Vor der Haustür holte sie tief Luft, bevor sie auf den Klingelknopf drückte. Es dauerte einen Moment, bis ihre Mutter die Tür öffnete. „Hallo, mein Schatz, da bist du ja!“ Mamas Stimme war leise, und Anni versuchte zu erkennen, wie es ihr ging. Manchmal hatte Mama rote, geschwollene Augen, und dann wusste Anni, dass sie wieder geweint hatte. Und das waren dann die schlimmsten Tage, an denen sich Anni am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Heute hatte Mama nicht geweint, aber auf der Couch im Wohnzimmer lagen die blaue Wolldecke und eine Wärmflasche und Anni wusste, heute war Couchtag, und da würde Mama bis zum Abend bleiben. Gerade ließ sie sich mit einer Tasse Tee in der Hand darauf nieder. „Setz dich ein wenig zu mir, Anni. Wie war es in der Schule? Alles in Ordnung, oder muss ich mir Sorgen machen?“ „Bloß das nicht“, dachte Anni, „bloß der Mama nicht noch zusätzlich Sorgen machen. Und nicht erzählen, dass es in Mathe nicht so gut läuft!“ „Alles bestens“, antwortete sie schnell, und dann erzählte sie von dem Zirkus, der gerade auf der Fest8


wiese aufgebaut wurde. „Können wir da hingehen? Bitte, Mama!“ Ihre Mutter zuckte mit den Schultern, hielt sich an ihrer Teetasse fest und murmelte dann: „Wir schauen mal ...“ Wir schauen mal ... – das verhieß nichts Gutes! Anni kannte den Satz schon. Mama sagte den immer, wenn sie nicht direkt Nein sagen wollte. „Frag Papa heute Abend, ja?“ „Mach ich!“ Anni war aufgestanden. „Ich gehe ein bisschen in mein Zimmer!“ Und damit war sie aus dem Wohnzimmer verschwunden. Sie setzte sich auf ihr Bett und überlegte, was sie als Nächstes tun könnte. Die anderen Kinder aus ihrer Klasse verabredeten sich oft untereinander, gingen zum Sport oder so. Anni war noch kein einziges Mal verabredet gewesen, seit sie vor gut einem Jahr in diese Klasse gekommen war. Ihre Mitschüler fanden sie wohl ein wenig merkwürdig, weil sie so still und zurückhaltend war. Und obwohl sie sich eine Verabredung so sehr wünschte, scheute sie sich davor, ein Kind zu sich nach Hause einzuladen. Schließlich war es bei ihr ganz anders als in den Familien, wo die Mutter nicht krank war und wo die Eltern etwas mit ihren Kindern unternahmen und Spaß hatten ... Wir schauen mal ... – Wahrscheinlich würde es mit dem Zirkusbesuch auch diesmal nichts werden.

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Bettina Bremer - Anni und der Regenbogenmann