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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Titelillustration: © idesign2000 - Fotolia.com Nele Schröder 1. Auflage 2013 ISBN: 978-3-86196-217-5 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Copyright (©) 2013 by Papierfresserchens MTM-Verlag GbR Sonnenbichlstraße 39, D- 88149 Nonnenhorn www.papierfresserchen.de info@papierfresserchen.de

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Die Amazonaspiraten von Nele Schrรถder

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F端r meine beste Freundin Anna-Bonny und meinen Opa!

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Die Amazonaspiraten

Ich schlage die Augen auf. Sie tun weh, wie fast alle meine Körperteile. Ich berühre meine Stirn. Warmes Blut läuft über meinen Finger. Was ist passiert? Ein Gedankenfetzen strömt durch mein Gehirn und bringt die Erinnerungen an die vergangene Nacht zurück: Ich war aufgewacht, weil etwas raschelte. Es waren die Büsche gewesen. In der nächsten Sekunde war es passiert. Männer stürmten in meine Hütte am Amazonas. Sie zerrten mich aus meiner Hängematte nach draußen, griffen mich mit einem Messer an, ließen mich blutend liegen und verschwanden wieder. Ich richte mich mühsam auf. Die Männer haben meine Hütte verschont, ich torkele in sie zurück. Sie ist brutal durchsucht worden. Bücher sind aus den Regalen und meine Hängematte von der Wand gerissen worden. Doch nichts ist verschwunden oder kaputt. Ich suche im Schrank nach Verbandszeug und finde eine Mullbinde. Diese wickele ich um meine blutende Stirn. Darunter lege ich mir die Blüten einer Feuerorchidee, die Wunden sehr gut heilen soll. Dann hänge ich meine Hängematte zurück und lege mich hinein. Ich schlafe sofort ein. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe, doch jetzt bin ich wieder einigermaßen fit. Zumindest so weit, dass ich mir etwas zu essen besorgen kann. Ich setze mich mit meiner Angel an den Fluss – und habe tatsächlich etwas Glück: Nach ein paar Minuten zappelt ein kleiner Fisch an 5


meiner Leine. Ich entzünde ein Feuer, um ihn zu grillen. Nachdem ich gegessen habe, will ich meine Hütte aufräumen. Doch als ich sehe, dass ich nur die Bücher wieder in die Regale räumen muss, beschließe ich, noch eine Weile zu warten. Lieber sitze ich am Fluss, lese und sehe den Paradiesvögeln beim Fliegen zu. Gegen Abend pflücke ich mir einen Granatapfel und überlege, wer mich angegriffen haben könnte. Auf einmal fliegt ein Stein gegen meine Stirn. „Autsch!“, rufe ich. „Autsch, autsch!“, höre ich meine Stimme, die sehr kratzig klingt. Ich sehe mich um. Auf dem Granatapfelbaum sitzt ein Papagei und sieht mich frech an. „Wer bist du?“, frage ich. „Bist du“, antwortet der Papagei. Ich beschließe, ihm einen Namen zu geben. Vielleicht werde ich es sogar schaffen, ihn zu zähmen. „Wenn du immer alles nachplapperst … nenne ich dich ... hmm ... Echo.“ „Echo!“, krächzt der Papagei erfreut. Ob die Männer heute Nacht wieder kommen werden? Ich muss weg! Vielleicht kann ich zu den Indianern gehen, von denen mein Vater abstammt. Meine Eltern kamen vor knapp zwei Jahren bei einem Buschfeuer ums Leben, als sie auf einer Expedition waren. Damals war ich zwölf. Das Einzige, was mir geblieben ist, ist ihr Forscherbuch. Darin sind alle ihre Forschungsergebnisse enthalten. Dieses Buch hatten sich meine Eltern zum Lebenswerk gemacht und darin alle Pflanzen und deren Wirkung zusammengetragen. Das Wissen in diesem Buch ist äußerst wertvoll, denn die Pflanzen im Regenwald haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Trotz all der traurigen Gedanken, die durch meinen Kopf schweben, schlafe ich ein, ohne es zu merken. Als ich aufwache, sitzt Echo auf meinem Bauch. „Echo, w...was ist los?“, frage ich schlaftrunken. „Piraten! Piraten! Alarm!“, kräht Echo panisch. 6


Ich sehe mich stirnrunzelnd um. Eigentlich ist alles normal – bis auf die Rufe aus dem Unterholz. „Pitar, los komm oder hast du vor, hier Wurzeln zu schlagen? Wir müssen das Buch finden. Sie ist doch eh tot. Willst du, dass der Chef wieder so sauer auf uns wird wie letztes Mal?“ „Wir haben doch sowieso schon bei ihm verschissen! Sollen wir nicht lieber umkehren?“, jammert die andere Stimme. Offenbar ist es dieser Pitar. „Nein du Faultier. Los, komm endlich!“ „Nein Inrag, ich bleibe hier!“ „Kannst du ja machen, wenn du willst, dass dich ein Jaguar frisst, hahaha!“, lacht Inrag. „Sehr witzig“, brummt Pitar. „Aber warte auf mich!“ Ich weiß nicht, was ich machen soll. „In den Busch! In den Busch!“, ruft Echo. „Gute Idee, flieg mir hinterher“, befehle ich dem Papagei. Nachdem wir uns hinter einem Guavenbaum versteckt haben, können wir meine Hütte gut beobachten. Was machen diese Männer hier? Wieso denken sie, ich wäre tot? Ein starker Schmerz durchzuckt mich und ich fühle meine Stirn. Die beiden sind es also gewesen, die mich verletzt und meine Hütte durchsucht haben. Ich weiß sofort, welches Buch sie meinen. Das Forscherbuch. Meine Grübeleien werden unterbrochen, da die Männer gerade anfangen, neben meiner Hütte zu graben. Da halte ich es nicht mehr aus: „Haaaalt! Was macht ihr da?“, brülle ich. Pitar sieht sich um „Wer war das?“ Inrag sieht sich ebenfalls um. Sein Blick bleibt plötzlich an mir hängen. Er zieht einen länglichen Gegenstand aus der Tasche, zielt und pustet hinein. Ein winziger Pfeil schießt hervor, verfehlt mich nur um einen Zentimeter und bleibt im Stamm des Baumes 7


neben mir stecken. Vor Schreck falle ich hintenüber. Ich falle und falle – direkt in den Amazonas. Wasser schlägt über mir zusammen. Ich sinke hinunter wie ein Stein, bekomme keine Luft mehr, wo ist oben, wo ist unten? Doch dann – nach kurzer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, zieht mich eine Hand aus dem Wasser. „Du denkst wohl, dass du uns so einfach entkommen kannst!“, knurrt eine Stimme, die ich als Inrags erkenne. Er zieht mich ins Boot. „Lass mich los, du Räuber!“, schreie ich so laut ich kann. „Echo, hilf mir, bitte“, füge ich leiser hinzu. „Du denkst, das Echo deiner Stimme könnte dich retten? Hahahaha!“ Inrag lacht schallend. Doch auf einmal schreit er auf: „Verfluchtes Vieh!“ Echo hat sich auf seinen Kopf gestürzt und hackt nun wie besessen darauf herum. „Lauf!“, krächzt er. Ich springe vom Boot an Land. Echo lässt Inrag fluchend zurück und fliegt hinter mir her. Ich renne zu meiner Hütte und schnappe mir das Forscherbuch meiner Eltern, das unter dem losen Brett neben meiner Tür versteckt ist. Meine Eltern haben mir immer zu verstehen gegeben, dass es eine besondere Bedeutung hat. Außerdem ist es meine einzige Erinnerung an sie. Ich will gerade aus der Tür stürmen, als Pitar mir den Weg versperrt. Er muss wohl bemerkt haben, dass ich zur Hütte zurückgelaufen bin. Ich schlage Pitar so fest gegen die Brust, dass er zu Boden geht. Ich wundere mich selbst darüber, dass ich so viel Kraft aufbringen kann. „Komm Echo!“, schreie ich. Kaum sind wir im Gebüsch verschwunden, kommt Pitar schon wieder auf die Beine, und keucht Inrag zu: „Sie hat das Buch!“ „Wo ist sie hingelaufen?“, fragt Inrag. „Ich weiß es nicht. Sie hat mich niedergestreckt, als sie 8


und dieser Papagei aus der Tür gelaufen sind. Wir müssen sie finden. Sag den anderen, dass sie Rika Endarée heißt und das Forscherbuch hat“, berichtet Pitar. Inrag holt schon tief Luft, um meinen Namen laut auszurufen, doch in diesem Moment schreit Pitar ganz aufgeregt: „Hier hängt eine Feder. Sie sieht aus wie eine von diesem Papagei.“ Inrag kommt zu ihm gelaufen und besieht sich den Busch. Die Zweige sind abgeknickt! Die beiden rennen los. Währenddessen kämpfe ich mich durch den Wald. Mein Magen knurrt. Vor mir steht ein palmenartiges Gewächs, das Früchte trägt. Diese sehen aus wie die genießbaren Acai-Beeren. Also pflücke ich ein paar Früchte ab und stecke sie mir in den Mund. Dadurch wird mein Hunger etwas gestillt. Dann sehe ich vor mir eine Pflanze mit riesigen Blättern. Sie sind perfekt als Tasche geeignet, in der ich mein Buch aufbewahren kann. Schnell habe ich die richtige Form gefunden und stecke mein Buch hinein. „Gefahr! GEFAHR!“, schreit Echo panisch. „Warum? Inrag und Pitar sind doch gar nicht ...“, beginne ich. Weiter komme ich nicht. Alles vor meinen Augen fängt an sich zu drehen. Mir wird abwechselnd heiß und kalt, dann wird alles schwarz. Ich breche zusammen und verliere das Bewusstsein. Inrag und Pitar jagen mich durch den Regenwald. „Gib uns das Buch!“, rufen sie. „Nein!“, schreie ich zurück. Jetzt stehe ich vor dem Wasserfall. Hinter mir sind Inrag und Pitar, vor mir die tödlichen Ströme. Ich muss springen, ich muss einfach! Ich springe. Eine Hand berührt mich sanft am Arm. Schlagartig erwache ich. Meine Stirn pocht. „Was ist los? Bin ich tot? Wo ist Echo?“, frage ich panisch. „Ganz ruhig. Du hast geschlafen und hattest einen Fiebertraum“, beruhigt mich eine Stimme. Meine Gedanken 9

Nele Schröder - Die Amazonaspiraten  

Leseprobe: Nele Schröder: Die Amazonaspiraten, Taschenbuch, 78 Seiten, 9,20 Euro. Rika ist 13 Jahre alt, liest gerne, ist an vielem interes...

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