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Mit der Unterstützung des Programms “Europa für Bürgerinnen und Bürger” der Europäischen Union

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n e b e L e n e r Verlo Historischer Überblick 1920er: Menschen aller Gesellschafts- und Bildungsschichten emigrieren aus den USA und Europa - darunter auch Österreicher/innen - in die noch junge Sowjetunion, um sich dort aktiv am Aufbau eines kommunistischen Vorzeigestaates mit dem Ziel einer klassenlosen Gesellschaft zu beteiligen. 1934: Nach dem Bürgerkrieg in Österreich fliehen viele verfolgte Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes mit ihren Frauen und Kindern in die noch gastfreundliche Sowjetunion. 1937: „Der große Terror“ oder „Jeschowtschina“, Stalins „politische Säuberung“ mit Hinrichtungen und Inhaftierungen (GULAG), beginnt. Die sog. „deutsche Operation“ richtet sich nicht nur gegen Sowjetbürger/innen bzw. Emigranten/innen österreichischer und deutscher Herkunft, sondern gegen jeden, der nur irgendwie Kontakt zu Deutschsprachigen hatte - unter den Opfern befinden sich viele Frauen. 1939: Der Hitler-Stalin-Pakt bringt neue Gefahren – einige Frauen deutscher bzw. österreichischer Abstammung kommen direkt aus dem GULAG in die Konzentrationslager NS-Deutschlands.

1941: Nach dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion werden fast alle deutschsprachigen Emigrantinnen in Zwangsarbeitslager, Straflager oder in die Verbannung geschickt. 1945: Nach dem Zweiten Weltkrieg werden unzählige österreichische bzw. deutsche Frauen verschleppt und landen als „lebende Reparationszahlungen“ in sowjetischen Arbeitslagern, wobei es die in Südosteuropa (Ungarn, Rumänien) beheimateten deutschsprachigen Frauen zuerst trifft. ab 1945 geraten vor allem in den sowjetischen Besatzungszonen aber auch in den von Moskau kontrollierten Staaten Mittel- und Osteuropas lebende Frauen nicht selten wegen Spionageverdacht und vermeintlichen anderen „Vergehen“ in die Mühlen der Gerichtsbarkeit der kommunistischen Regime. Unzählige werden sofort hingerichtet. Die in der UdSSR Verbliebenen kehren meist bis 1955 krank und traumatisiert vom GULAG zurück, nicht wenige aber bleiben wegen ungeklärter Staatsbürgerschaft für immer in der Sowjetunion.


n e b e L e n e r Verlo Angela Rohr, geborene Müllner aus Znaim Geboren 1890 in der Provinzstadt Znaim kam Angela Müllner mit 14 Jahren nach Wien. Begierig nahm sie die Lebendigkeit der Stadt und das pulsierende Kulturleben in sich auf. Sie fand Kontakt zu intellektuellen Kreisen und lernte Leopold Hubermann kennen. Sie schwärmte für Otto Weininger und linke Ideen. Mit Hubermann brannte sie nach Italien durch, kehrte schwanger nach Wien zurück. Ihre Tochter Ligeia ließ sie in der Obhut ihrer Schwester, als sie mit ihrem inzwischen angetrauten Mann 1913 nach Paris ging. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges rettete sich die inzwischen an Tuberkulose Erkrankte in die Schweiz, erlebte den Aufbruch Lenins in Zürich und lernte Rilke kennen, der sie förderte. Nach dem Krieg ging sie nach Berlin, wo sie Wilhelm Rohr, einen jungen Kommunisten kennenlernte, der schon 1923 nach Moskau ging. Sie folgte begeistert Monate später.

Angela Rohr, angeblich in Locarno 1919/1920

Mitte der 20er Jahre in Wien

Ende der 20er Jahre, angeblich auf Reportage in Birobidshan

Ende der 50er Jahre in der Verbannung

Aus Russland berichtete sie für die Frankfurter Zeitung über Russland, außerdem beendete sie vermutlich in Moskau ein Medizinstudium. Nach Kriegsausbruch 1941 wurde das Ehepaar Rohr verhaftet, es folgten zahlreiche Gefängnisse und schließlich die Verurteilung zu Zwangsarbeit. In den verschiedenen Lagern konnte sie zeitweise als Ärztin unter unvorstellbaren Bedingungen arbeiten. Nach Ende der Haft hieß es Verbannung nach Sibirien, die erst 1957 endete. Mit 67 Jahren kehrte sie nach Moskau zurück, wurde rehabilitiert und erhielt eine kleine Rente. Zu Ostern 1985 verstarb sie in Moskau.

Vermutlich 60er Jahre

Vermutlich in ihrem Moskauer Zimmer um 1980


n e b e L e n e r Verlo Hilde Vitzthum Sie ging 1932 mit ihrem russischen Lebensgefährten Georgi Schtscherbatow in das Kusnezker Stahlkombinat. Sie hatte ihren Partner in der Leninschule der Komintern kennen gelernt. Es gab dort sehr viele deutsche und österreichische Arbeiter und Ingenieure. Hilde betreute den Klub der ausländischen Arbeiter. Subkutan gab es große Unzufriedenheit wegen Planungsmängel. Produktionsprobleme wurden von der Werksleitung mit Strafen geahndet. Ab 1936 kam es zu Verhaftungen, ständig wurde neues leitendes Personal bestellt. Im selben Jahr starb ihre 2 ½ -jährige Tochter. Sie nahm 1936 die sowjetische Staatsbürgerschaft an. Sie sollte aus Bibliotheken verbotene ausländische Bücher aussondern. Danach wurde sie beschuldigt, das nicht ordentlich gemacht zu haben. Ihre zweite Schwangerschaft rettete sie vor einer Verhaftung. (*1937 Irina). Inzwischen wurde ihr Mann auf Parteiversammlungen beschuldigt. Im Oktober 1937 kam für beide der Parteiausschluss. Kurz danach wird der Mann verhaftet. Seine Frau musste mit zwei kleinen Kindern die Wohnung räumen und in eine ungeheizte Baracke ziehen. Im Jänner 1938 erhielt sie noch ein Brief ihres Mannes, dann nichts mehr. Sie übersiedelte im Jänner 1938 in das Gebiet Woronesch in ein Dorf zu Verwandten ihres Mannes. In ihrer ehemaligen Firma, wo sie Papiere besorgen muss, erfuhr sie von Erschießungen. Angeblich war ihr Mann zu 25-jährigerr Haft verurteilt worden. Kurz danach wurde sie verhaftet, ungeachtet der Kinder.

Ziegelwerk, im Sommer Feldarbeit. Im September 1919 wurde sie ins Lager Dolinki verlegt. Durch einen Brief erfuhrt sie, dass Sohn Ruslan wohl auf wäre, Tochter Irina wäre an Scharlach gestorben. Weiters kam sie ins Gefängnis nach Nowosibirsk, wo sie auf viele Kriminelle traf, die terrorisierten. Nächstes Lager war Assinowka, 200km von Tomsk entfernt. Wieder musste gemeinsam mit Kriminellen in Holzbaracken leben. Sie arbeitete in einem veterinärmedizinischen Labor. Kriminelle stahlen ihre Filzstiefel. Dann in das karelische Lager Medweschogorsk verlegt, wo sie in einem Kinderheim arbeitete, das 1941 evakuiert werden musste. In der Folge arbeitete die im Lagerspital von Suchobeswodnaja, wo Hunger herrschte und die Patienten die toten Ratten roh verzehrten. Neuerlich wurde sie in das Lager Wolosnita im Gebiet Kaiski verlegt. Dort lernte den Georgier Kita kennen, der jedoch 1944 an einem Herzleiden stirbt. Dessen Manuskript zur Soziologie konnte sie nicht retten. Neuerlich wurde sie in ein Taigalager verlegt, wo ihr auffiel, dass nun sowjetische Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren, interniert wurden. Sie wurde im Sommer 1946 freigelassen, musste sich aber im Lagerbereich aufhalten. 1947 erhielt sie von den Österreichern Formulare für eine Rückkehr. Sie durfte ihren Sohn Ruslan zu sich nehmen und übersiedelt in die Gegend von Kuibyschew. Wegen ihrer sowjetischen Staatsbürgerschaft konnte die österreichische Botschaft nichts für sie tun. Wieder musste sie übersiedeln, diesmal in das mordwinische Boguruslaw übersiedeln. 1948 kam ein Telegramm mit der Mitteilung, dass ihre Ausreisepapiere in Moskau liegen. 1948 flog sie zurück nach Österreich.

Das Urteil lautete: 5 Jahre Arbeitslager. Sie kam nach Petropawlowsk und dann nach Akmolinski in Kasachstan. Dort traf sie Mia Spitz. Danach wurde sie nach Karabas verlegt, im Februar 1939 musste in das 30km entfernte Lager Spassky zu Fuß marschieren. Sie arbeitete bei der Zerkleinerung von Stahlbeton, in einem

Arbeiten auch bei -56°C / Bild: Memorial

Lager-Schuhe mit Holz- und Gummireifensohlen, auch für Winterarbeit


n e b e L e n e r Verlo Mia Spitz geb. Hebey Geboren am 25.Mai 1903 in Wien, stammte Maria Hebey aus einer armen Familie, sie hatte sechs Geschwister. Sie absolvierte eine Haushaltungsschule und machte eine Kindergärtnerinnenausbildung, außerdem war sie gelernte Säuglingsschwester. Sie arbeitete nach dem Weltkrieg in den „Grinzinger Baracken“, dann bei den Kinderfreunden. Dann übernahm sie einen Job in einem Montessori-Kindergarten. 1923 trat sie der KPÖ bei, wo sie ihren Mann Markus Spitz (*1899 Lodz) kennenlernte. Die beiden ließen sich in der sowjetischen Botschaft in Wien als Ehepaar registrieren (russische Hochzeit). 1928 kam sie mit ihrem Mann in die Sowjetunion und wurde Mitglied der KPdSU, ihrem Mann wurde die Mitgliedschaft wegen „bourgoiser Abstammung“ verweigert. 1930 bringt sie ihren Sohn Walter in Wien zur Welt. Sie kehrte nach Moskau Anfang der 30er Jahre zurück. Die Hungersnot in der Sowjetunion überlebten sie nur knapp. Mia Spitz erhält einen kleine Arbeit, ohne zu wissen, bei wem sie arbeitete. Sie unterrichtete den Sohn des russischen Geheimdienstchefs Jagoda, der auch für den Aufbau des GULAG verantwortlich war, in Deutsch (Jänner bis Oktober 1933). Sie wunderte sich über den Luxus bei Jagoda, während die Familie Spitz selbst kein Fensterglas hatte. Dann war sie im Kindergarten Nr.4 in Moskau tätig, anschließend im Kindergarten der Komintern im Gebäude des Hotel Lux, dann in einem Milizkindergarten. Im September 1937 erfolgte ihr Parteiausschluss wegen „Nichtentlarvung eines Volksfeines“, nämlich des inzwischen hingerichteten Jagoda.

und wird durch Kartoffelspenden von Bauern am Leben erhalten. Sie arbeitete in einer Ziegelei, in einem Bergwerk, Feldarbeit, im Winter Schilf schneiden auf dem Eis, das oftmals einbrach. Mit anderen Frauen begann sie eine sehr erfolgreiche Viehzucht. Sie wusste nichts von ihrem Mann, ihr Sohn war in einem Kinderheim in Odessa. Endlich erhält sie vom Sohn einen Brief. Weitere Stationen auf ihrem Weg: Februar 1939 nach Spassak, dann nach Dolinki im Bereich Karganda, dann Karatschar und Wolkowski. Nach Kriegsbeginn arbeitet sie in einer Sanitätsbrigade und in einer Uniformschneiderei. Ihr 13-jähriger Sohn arbeitet mittlerweile in einer Flugzeugfabrik. Am 13.8.1946 wurde sie entlassen und nach Karaganda verbannt. Seit 1947 war ihr Sohn bei ihr. Sie musste zu der Zeit im Straßenbau arbeiten. Nach Mühen erhielt sie einen österreichischen Pass und ein Visum, konnte aber zunächst keinen Gebrauch davon machen, weil sie kein Geld für den Zug hatte. Hilferufe an österreichische Parteifunktionäre blieben vergeblich. Im Mai 1955 wurde sie rehabilitiert. August 1954 erfolgte die Rückkehr nach Österreich. Sie arbeitete als Sekretärin des russischen Direktors von Siemens-Schuckert. 1956 erfuhr sie vom Tod ihres Mannes. Trotz Rehabilitierung weigerte sich die KPÖ, sie auf die Liste der Geschädigten zu setzen. Sie klagte eine Entschädigung ein und erhielt schließlich 8.000 Rubel, davon die Hälfte an den Sohn. Der Rest entsprach etwa 10.000 Schilling. Sie ist die erste Österreicherin, die eine solche Entschädigung erhält.

Im Mai 1938 wurde Markus Spitz inhaftiert, ebenso seine Frau. Sie kam in die Lubjanka. Ohne Verhandlung wurde sie zu acht Jahren Lager (Akmolinsk, Dolinka, Karatschar, Wolkowski) verurteilt. Nach Akmolinsk ist sie zwei Monate unterwegs

Lager Feldarbeit

Ein Essensgefäß konnte im Lager über Tod oder Leben entscheiden.


n e b e L e n e r Verlo Kinderschicksale im GULAG Viele der Frauen hinterließen Kinder, diese wurden mit dem erzwungenen Weggang der Mütter zu Waisen. Wenn nicht Verwandte die Kinder aufnahmen, kamen sie in staatliche Erziehungseinrichtungen – die österreichischen Kinder bzw. allgemein Kinder von Ausländern mussten sich nun einer völlig fremden Umgebung anpassen, denn es gab keine Familie, die für sie sorgen konnte. Einer, der Glück hatte, war Ulrich Nebenführ (geb. 1927), nach der Verhaftung seiner Mutter Erna Wengel (März 1938), kämpfte seine Tante Maria Firkel darum, ihn adoptieren zu können. Sie ersparte ihm damit ein NKWD-Kinderheim. Es gelang ihm, seine Mutter in der Verbannung ausfindig zu machen. Der tägliche Kampf ums Überleben konnte kaum bewältigt werden: Massenquartiere, Krankheiten wie Typhus und Dysenterie, sowie schwere Arbeit prägten seine Kindheit und Jugend. 1945 können er und seine Tante zurück nach Moskau. Erst 1953 sollte er seine Mutter wiedersehen. Beiden gelang die Rückkehr nach Österreich. Nicht immer waren es glückliche Geschichten, die Mütter und ihre Kinder nach der Lagerhaft verbanden. Oftmals berichteten die Mütter ihren Kindern nichts über die schreckliche Lage, in der sie sich befanden. Nach ihrer Rückkehr waren die Mütter alt und krank, manchen Kindern eine Last geworden. Die Frauen wurden auch für die persönlichen Schicksalsschläge ihrer Kinder verantwortlich gemacht, denen als Kindern von Staatsfeinden Schulen und Ausbildungen vorenthalten wurden.

Bilder: Perm36

Geburtenstation im GULAG

Kunstvolle Stickerei einer GULAG-Insassin


n e b e L e n e r Verlo Sexuelle Gewalt im GULAG Frauen waren in den Lagern geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt: • • •

sexuelle Übergriffe Gewalt erzwungener Prostitution, vor allem von Seiten der männlichen Lagerverantwortlichen, aber auch den Häftlingen selbst, vor allem den Kriminellen unter ihnen.

Es gibt aber auch eine differenzierte geschlechtsspezifische Sicht auf die Ausbeutung weiblicher Sexualität: „Many of the descriptions are similar, but the interpretations are different. Men tended to believe that women “degenerated” in camps, because they were cajoled or forced into having sex with men. Women, on the other hand, often believed that the relationships they formed with men in exchange for food or indoor work as a survival strategy, no more or less legitimate than other strategies. Generally speaking, women are less judgemental about one anothers’ behavior than are men.” Interview: Anne Applebaum, GULAG

Bild: Perm36


n e b e L e n e r Verlo Lebenswelten im GULAG Ohne Nachricht von Außen, mit Hungerrationen mehr dem Hungertod als dem Leben preisgegeben, dem kriminellen Regime der Lageraufseher ausgesetzt, mit unerfüllbaren Arbeitsnormen, ein Alltag mit Krätze, Typhus, Skorbut und anderen Mangelerkrankungen ging der zweite Weltkrieg an den Frauen vorbei. Nachrichten kamen nur spärlich in die Lager. Das Kriegsende veränderte das Lagerleben nur wenig. Die Frauen die 1937/38 für fünf Jahre verurteilt wurden, hätten eigentlich 1942 ihren Weg in Freiheit antreten sollen. Doch die ersehnte Freiheit verschob sich auf einen unbestimmten Termin. Erst ab 1946 sollten die ersten Frauen aus den Lagern entlassen werden, um weiterhin in der Verbannung ihr Leben zu fristen. Perm36

Essensausgabe / Bild: Memorial

Wattierte Jacke / Bild: Memorial

Hygienische Verhältnisse


n e b e L e n e r Verlo Hilde Mraz Der GULAG füllte sich nach dem 2. Weltkrieg aufs Neue. Es waren seltsame Lebensschicksale die sie dorthin brachten, wie der Lebensweg von Hilde Mraz. Sie hatte sich 1941 zur Roten Armee gemeldet, sprang 1943 mit dem Fallschirm südlich von Warschau ab und schlug sich nach Wien durch. 1944 wurde sie von der Gestapo verhaftet, zu Ende des Krieges wurde sie befreit. Sie ging nach Moskau zurück und wurde dort verhaftet, mit dem Vorwurf: sie hatte den Krieg überlebt – sie wurde zu 8 Jahren Lager verurteilt und kam 1956 nach Österreich zurück.

Bild: DÖW

Viehwaggons für den Transport

Originalzeichnung GULAG Perm36

Perm36


n e b e L e n e r Verlo Baden Die Stadt Baden wurde gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (Anfang April 1945) von der Roten Armee eingenommen. Nicht zuletzt wegen der geringen Kriegsschäden und der vorhandenen Infrastruktur wurde Baden von der sowjetischen Führung als Hauptquartier für den sowjetisch besetzten Teil Österreichs ausgewählt. Dadurch waren in der Zeit von 1945 bis 1955 überproportional viele Soldaten in Baden stationiert. Zur Unterbringung dieser wurden ganze Straßenzüge mit Plankenzäunen vollständig abgeriegelt. Viele Badener mussten ihre Häuser, Wohnungen oder zumindest einzelne Zimmer den Besatzern als Wohnort zur Verfügung stellen.

Sowjetische Besatzungssoldaten mit Badner ZivilistInnen

Die Folgen der sowjetischen Besatzung waren: Wohnungs- und Nahrungsmittelknappheit, Plünderungen, Vergewaltigungen durch Soldaten und Angst der Badener vor Verschleppungen. Bald kamen auch die Familien der höherrangigen russischen Offiziere nach Baden. Berührungspunkte zwischen Badenern und den russischen Zivilisten gab es aber wegen der Angst und des gegenseitigen Misstrauens kaum. Die Rote Armee versuchte, bei verschiedensten Gelegenheiten der Öffentlichkeit die Vorzüge des Kommunismus zu vermitteln. So fanden an Jahrestagen der Befreiung Österreichs oder zu Stalins Geburtstag große Feiern mit Marschmusik und Reden statt. Dennoch konnten diese Feste nicht über die Probleme der Bevölkerung mit den Besatzern hinwegtäuschen. Einige Menschen wurden in dieser Zeit von den Besatzern verhaftet und nie wieder gesehen.

Sowjetischer Besatzungssoldat mit Badner Zivilistinnen

Als besonders schrecklich ist den Badenern die Villa Nicoladoni in der Schimmergasse in Erinnerung. In diesem Badener Gefängnis war unter anderem auch die Sektionschefin Margarethe Ottillinger inhaftiert. Manchmal reichte der bloße Hinweis eines Denunzianten, und der Betroffene wurde ohne fairen Prozess verurteilt und nach Sibirien verschleppt. Die Badener Politiker, wie insgesamt die Politiker in der österreichischen Besatzungszone dieser Zeit waren in ihren Handlungen sehr eingeschränkt. Die sowjetische Kommandantur hatte das Sagen. Nur sehr zögerlich gab die Rote Armee diese Macht im Laufe der Jahre an die zivile Administration der Stadt zurück. Auch die Häuser und Wohnungen wurden nach und nach zurück gegeben. Nach dem Abschluss des Staatsvertrages am 15. Mai 1955 zogen im September 1955 auch die sowjetischen Truppen aus Baden ab. Die Badener Häuser, die besetzt gewesen waren, waren desolat, und manche Objekte mussten sogar abgerissen werden, da sich die sowjetische Verwaltung nicht um Instandhaltungsarbeiten gekümmert hatten. In der gefürchteten Nicoladoni Villa fanden sich im Keller, die Zellen und Verhörräume der Inhaftierten.

Sowjetische Besatzungssoldaten mit Badner ZivilistInnen

Es sollte einige Zeit dauern, bis in Baden die Spuren der sowjetischen Besatzung beseitigt waren.

Casino Baden hinter sowjetischen Plankenzäunen


n e b e L e n e r Verlo Erika Feigl - Mädchenjahre hinterm Stacheldraht Zwangsarbeit in der Sowjetunion 1945 - 1949 „Als Auslandsösterreicherin in Rumänien geboren und aufgewachsen, befand ich mich seit April 1944 gemeinsam mit meiner Mutter in einem kleinen sächsischen Dorf in Siebenbürgen, um dem Bombenhagel auf die Hauptstadt Bukarest zu entgehen. Nach dem Waffenstillstand des ursprünglich mit dem Deutschen Reich verbündeten Rumäniens, wurde der rumänischen Regierung der sogenannte Deportationsbescheid mitgeteilt: die arbeitsfähige deutsche Bevölkerung, also Männer zwischen 17 und 45 und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren mussten zur Arbeit mobilisiert werden. Es begann ein unfreiwilliger Exodus junger Menschen in die Schwerindustrieund Kohlegebiete der UdSSR.“ Erika Feigl war eine davon – sie kam in den Donbass in ein Kohlerevier. Zurück nach Österreich, war der Anfang nicht leicht. Erika Feigl: „In Österreich herrschte über das Schicksal der verschleppten Privatpersonen völlige Unkenntnis, wenn man von Margarethe Ottillinger absieht. Ich musste die Bürde, um nicht zu sagen diesen Makel jahrzehntelang mit mir herumschleppen und stieß meistens auf Unverständnis und Skepsis bei der notgedrungenen Erwähnung dieses Abschnittes meines Lebens. Eine solche abenteuerliche Vergangenheit mag bei einem jungen Mann glaubwürdig erscheinen, für ein junges Mädchen ist sie aus verschiedenen Gründen verhängnisvoll. Sie lässt sich schwer in einem bürgerlichen Lebenslauf einordnen.“

Erika Feigl (Bild ganz oben: links, 1950; Bild oben, 2010)


n e b e L e n e r Verlo Margarethe Ottillinger Margarethe Ottillinger, junge Sektionsleiterin im Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung, beauftragt mit den Vorbereitungen zur Durchführung des Marshall-Plans wurde zum Opfer im Kalten Krieg. Am 5. November 1948 wurde sie an der Ennsbrücke, der Demarkationslinie, der Grenze zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Zone verhaftet. Der sie begleitende Minister Peter Krauland, setzte sich nach Wien ab und ließ sie zurück, erst am Tag darauf informierte er die österreichische Regierung. Sie wurde nach Baden gebracht und in der Nicoladoni-Villa verhört. Aus der Welt hinter den Planken von Baden gab es nur wenige Auskünfte und so weiß niemand, dass Margarethe Ottillinger noch Monate in Österreich verblieb, bevor sie auf die Reise in die UdSSR geschickt wurde.

Die junge Studentin Margarethe Ottillinger

Auf sie warten Arbeitslager und Krankheit. Von Lemberg, geht es ins Lager Dubrawlag (ein malariaverseuchtes Sumpfgebiet), dann geht es wieder in die Gefängnisse Moskaus und später in das berüchtigte Gefängnis in Wladimir. Krankheit schützt sie nicht vor der Arbeitsnorm, die selbst von Gesunden nur schwer zu erfüllen ist. Das Nichterfüllen der Norm bedeutet unbarmherzig Karzer und Sonderhaft. Nach dem Tod Stalins 1953 verändert sich das Lagerregime langsam, aber spürbar – es kommen Pakete aus Österreich, ihre Eltern sind erleichtert – ihre Tochter lebt. 1955 wird sie bei einem der ersten Heimkehrertransporte dabei sein – auf der Tragbahre, ihre Rippenfellentzündung ist wieder ausgebrochen – nun werden die Freigelassenen nicht mehr in Viehwaggons transportiert, sondern in Liegewaggons, unterbrochen wurde die Reise nur von obligatorischen Besuchs Moskaus. Die ehemaligen „Feinde der Sowjetunion“ sollten die Errungenschaften des Sozialismus bewundern: Margarethe Ottillinger wurde auf der Tragbahre mitgeschleppt.

Am 5. November 1948 wurde sie an der Ennsbrücke verhaftet

Für Margarethe Ottillinger sollte ein neues Leben beginnen und eine neue Karriere: sie wurde Vorstandsdirektorin der ÖMV (Österreichische Mineralölverwaltung).

Rückkehr auf der Tragbahre, 1955

Margarete Ottillinger als Vorstandsdirektorin der ÖMV


n e b e L e n e r Verlo Österreicherinnen als Opfer sowjetischer Strafjustiz nach 1945 In den Jahren der Tschistka und der Kriegszeit wurden viele Frauen Opfer des Gulagsystems, von ausdrücklichen Todesurteilen und darauf folgenden Hinrichtungen ist nichts bekannt. Dies änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg signifikant. Es sind allein bisher die Leidensgeschichten von acht Österreicherinnen bekannt und erforscht, die zwischen 1948 und 1955 unbarmherzig wegen angeblicher oder tatsächlicher Spionage hingerichtet wurden. Sie alle waren in Österreich von der sowjetischen Besatzungsmacht wegen Spionage für eine der drei Westmächte verhaftet und überführt worden. Ihre Gnadengesuche – diese bewegenden Texte sind erhalten – wurden vom Obersten Sowjet der UdSSR abgewiesen. Alle wurden in Moskau erschossen, eingeäschert und am DonskoeFriedhof bestattet. In den späten neunziger Jahren wurden sie posthum rehabilitiert. Jede von ihnen hatte geringfügige Spionagetätigkeiten ausgeübt. Teils waren diese Frauen in den Spionagesumpf durch die wirtschaftliche Not der Nachkriegsjahre geraten, teils hatten sie mit Mitgliedern der sowjetischen Besatzungsmacht Partnerschaften begonnen. Es waren durchwegs jüngere Frauen, die älteste von ihnen war zum Zeitpunkt der Hinrichtung 46 Jahre, die jüngste 23 Jahre alt. Keiner von ihnen war die Gefährlichkeit ihrer Tätigkeit zunächst bewusst, sie waren ziemlich ahnungslos in dieses schmutzige Kleingeschäft geraten.

Perm36


n e b e L e n e r Verlo Adler Valentina geb. 1898. Die Ökonomin und Tochter des Individualpsychologen Alfred Adler und der Russin Raissa Timofeievna war seit 1919 KPMitglied. In den frühen zwanziger Jahren ging sie nach Deutschland, wo sie der KPD beitrat. Emigrierte 1923 mit Gyula Sas, den sie 1925 geheiratet hatte, in die Sowjetunion, wo sie als Redakteurin in einem Verlag beschäftigt war. Jänner 1937, Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie verhaftet und in die Butyrka eingeliefert, wo sie gemeinsam mit Susanne Leonhard war. Im selben Jahr zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1939 gab es die geringe Hoffnung auf eine Abschiebung nach Deutschland, doch die Deutschen wollten keine staatenlose Jüdin. Ihr weiteres Schicksal und das ihres Mannes ist unbekannt. Nach dem Krieg forschten Susanne Leonhard, aber auch Albert Einstein nach Valentina Adler, letzterer erhielt 1952 die Antwort, dass sie 1942 verstorben sei. 1956 wurde sie rehabilitiert. Das Todesdatum lautete: 6.7.1942, wo sie verstarb, ist unbekannt. Baumberger Leopoldine Die Frau eines Schutzbündlers aus Steyr wurde 1938 in Alexandrowsk verhaftet; ins Lager Ustj-Ussa am nördlichen Polarkreis deportiert, seitdem ist sie verschollen Deutsch Agnes geb. Reitermayer stammte aus St. Gallen in der Schweiz. Sie studierte in Paris, seit 1931 war sie mit mit Gustav Deutsch, dem Sohn von Julius Deutsch, verheiratet. 1932 kehrte das Ehepaar aus Frankreich nach Wien zurück. Nach dem Februaraufstand 1934 flüchteten beide in die CSR, im April 1934 entschlossen sie sich zur Emigration in die Sowjetunion. Ab Mai 1934 hatten sie eine Anstellung bei der Moskau-Donbass-Eisenbahnlinie. Beide waren überzeugte Stalinisten, die gegen den Vater bzw. Schwiegervater Julius Deutsch öffentlich Stellung bezogen. Sie schrieb 1936 ein Buch

„Schutzbündler in der Sowjetunion“, das in Strassburg erschien. 1937 veröffentlichte die österreichische KP eine illegale Tarnausgabe. 1937 wurden Agnes Deutsch so wie ihr Mann in Jelez verhaftet und nach Woronesch gebracht. Sie wurde zu acht Jahren Lager in Kolyma verurteilt. Nach der Haft wurde sie 1945 in das Gebiet Chabarowsk verbannt. Erst 1953 ist sie frei gekommen. 1955 erhielt ihr Schwiegervater eine offizielle Todesnachricht von Gustav Deutsch, der angeblich 1943 verstorben wäre. Sein tatsächlicher Todeszeitpunkt war schon 1939. Agnes Deutsch heiratete den Wolgadeutschen Junemann. Bis zu ihrem Tod 1976 war sie Berichterstatterin aus der Sowjetunion unter dem Nom de lettre Anna Drejer für die Schweizer KP-Zeitung „Vorwärts“. Während und nach dem Krieg hatte sie versucht, über die österreichischen KP-Mitglieder in Moskau etwas über ihren Mann zu erfahren, keiner reagierte auf ihre Anfragen. Fessler Maria, Dr. phil. Mathematikerin, kam 1930 mit ihrem Mann in die Sowjetunion, sie ist verschollen Friediger Maria geb. Pollak. Die um 1908 geborene Jüdin floh 1938 zu Fuß nach Galizien und wurde auf sowjetischem Staatsgebiet sofort verhaftet, sie kam in verschiedene Lager. Nach ihrer Freilassung arbeitete sie in Saratow in einem Gartenbaubetrieb. Grünspan Hilda geb. ca. 1910. Die ausgebildete Krankenschwester emigrierte in die Sowjetunion. 1936 wurde sie von Leningrad nach Swerdlowsk verschickt, dann nach Kirgisien deportiert, wo als Krankenschwester tätig war. Etwa 1948 kam sie frei, sie lebte dann in Leningrad.

Der “Schwarze Rabe”: Gefangenentransporter, Perm36


n e b e L e n e r Verlo Klug Maria geb. 1899. Die mit dem Schutzbündler Kajetan Klug verheiratet Kellnerin kam 1934 mit ihrem Mann und den beiden Kindern in die Sowjetunion. 1936 wurde sie ebenso wie ihr Mann verhaftet. Ihr Sohn Wilhelm wurde 1938 verhaftet und zu acht Jahren Lager in Kamtschatka verurteilt. Ihr Mann konnte inzwischen durch einen Zufall kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland zurückkehren; desillusioniert veröffentlichte er eine Broschüre über seine Erlebnisse in der Haft. Maria Klug wurde während der Haftjahre von ihren Kindern getrennt, sie sah sie erst nach dem Krieg wieder

und kehrte nach Wien zurück. Ihr Sohn Leo musste schon 1938 die Sowjetunion verlassen. Susanne Leonhard berichtet in ihren Erinnerungen über Anna Maché. Sie kannte sie aus der russischen Botschaft in Wien und traf sie wieder in Workuta. Nach Wien zurückgekehrt, starb sie schon 1942 an einem schweren Kieferleiden, das sie sich im Lager zugezogen hatte. 1958 wurde sie rehabilitiert.

Maché Anna Die 1890 in Brünn geborene Näherin arbeitete als Handelskorrespondentin, übersiedelte dann nach Wien; hier lernte sie Lew Borissowitsch Suniza kenne, der mit Bucharin befreundet war und bei der Gründung der KPÖ mithalf. Auch Anna Maché war Gründungsmitglied der KPÖ. Sie übersiedelte 1931 mit ihrem Mann in die Sowjetunion. Ihr Mann wurde 1935 verhaftet. Sie arbeitete in der Firma „Kautschuk“. Im September 1937 wurde sie trotzkistischer Aktivitäten beschuldigt, zu acht Jahren Internierungslager verurteilt und 1938 nach Workuta im hohen Norden verschickt, ein 1000km-Marsch zu Fuß. Sie flickte Häftlingskleider. 1940 wurde sie als unerwünschte Ausländerin aus der Sowjetunion ausgewiesen

Sladek Maria Die Frau des Schutzbündlers Josef Sladek kam 1934 mit den Kindern Alfred (*1925?) und Viktor (*1933?) in die Sowjetunion. Ihr Mann wurde 1938 verhaftet; 1941 wandte sie sich um eine Ausreisebewilligung an die deutsche Botschaft. Im Juli 1941 wurde sie mit ihrem älteren Sohn verhaftet, der jüngere kam in ein Kinderheim. Der Sohn wurde furchtbar geschlagen, um ein Geständnis zu erzielen. Sie traf den Sohn wieder im Lager Iwdel im Ural. Nach Jahren kam auch der Vater. 1954 kamen Mutter und Sohn wieder nach Österreich. Der Vater war inzwischen an Tuberkulose gestorben.

Erinnerungsstück Memorial, Moskau

Roscher Maria Die Ehefrau von Heinz Roscher wurde mit ihrem Sohn Peter 1938 aus der SU ausgewiesen. 1957 erhielt sie eine offizielle Todeserklärung ihres Mannes. Was mit ihm geschah, bleibt im Dunkel.

Frauenverbannung Kirgisien

Erinnerungsstück Memorial, Moskau

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