Issuu on Google+

Kultur

Samstag, 9. Januar 2010

SZ-KU1

Im Pulsschlag der Metropole

Istanbul im Blickpunkt

VON BETTINA FRASCHKE

Projektauswahl im Kulturhauptstadt-Jahr:

Istanbul will als Kulturhauptstadt Europas das historische Erbe sichern und sich als Schmelztiegel zeigen

ISTANBUL. Wie lang waren die verwundeten Schätze unter Pflastern aus Bauplanen verborgen. 16 Jahre stand das deckenhohe Gerüst in der byzantinischen Kirche und späteren Moschee Hagia Sophia in Istanbul, die heute ein Museum ist: Die Mosaike wurden restauriert. Der prächtige Raum war über Jahre von Bauarbeiten dominiert. Dass die Arbeiten fertig werden und der Zentralbau des byzantinischen Reiches erlebbar wird, ist einer jener Punkte, wo man am deutlichsten merkt: Istanbul ist Kulturhauptstadt. Vom 280-Millionen-EuroBudget (davon weniger als ein Prozent von der EU) gehen Zweidrittel in die Restaurierung von Denkmälern und Auffrischung von Museen, die sich mit dem kulturellen Erbe der Metropole zwischen Orient und Okzident beschäftigen. Zu viel, sagen Kritiker, die sich eine stärkere Präsenz neuer Strömungen gewünscht hätten (siehe zweiter Text). Doch für die Hauptfinanzierer Stadt und Staat war der Titel Ansporn, die Kunst- und Bauschätze in einem geballten Kraftakt fit zu machen. „Istanbul wird sichtbarer“, sagt Özgül Özkan Yavuz, Sprecherin der das Ausnahmejahr organisierenden Agentur. Ein Enthüllungsprozess ist im Gange – nicht nur mittels Bauplanenabbau – der zugleich ein Bewusstwerdungsprozess ist. Das sollen besonders auch die 16 Millionen Bewohner der schillernden Mammutstadt erleben. Viele haben wenig Berührung mit Kunst und Kultur, weiß Kuratorin Lora Sariaslan vom privaten Kunstmuseum Istanbul Modern. Das Jahr 2010 soll einen Bewusstseinswandel erreichen. Etwa dafür, sich in ihrem Museum im alten Hafen von Karaköy im September die Ausstellung von documenta-Teilnehmer

Prächtige Aussicht: Nusretiye-Moschee mit Blick auf Topkapi-Serail, Hagia Sophia und Sultan-Ahmet-Moschee in Istanbul. Kutlug Ataman anzuschauen. Werke aus dem hochklassig bestückten Ausstellungshaus sind derzeit im Berliner Gropius-Bau ausgestellt: „Wir wollen zeigen, dass es in der Türkei nicht nur Kebap gibt“, so Sariaslan.

Über 400 Projekte Die Kulturhauptstadt-Agentur hat das ehrgeizige Ziel, die jährliche Besucherzahl am Bosporus von sieben auf zehn Millionen zu erhöhen: Kulturtouristen sind begehrt, sie geben großzügiger Geld aus als andere Reisende. 426 Kulturhauptstadt-Projekte sind bislang bewilligt, 2090 hatten sich um eine Förderung beworben. Bürgerschaftliches Engagement wurde besonders unterstützt, so Sprecherin Özkan Yavuz. In vielen Initiativen werden Kinder oder Bewohner aus den Vorortsiedlungen an Kultur he-

Moderne Kunst im kühl-sachlichen Rahmen: Museum Santral Istanbul auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks der Stadt. 2 Fotos: Fraschke

rangeführt, gibt es einen Austausch mit Tänzern, Designern oder Schauspielern aus ganz Europa (siehe Randspalte). 1600 Jahre lang war Istanbul Hauptstadt verschiedener Weltreiche. Die Stadt auf zwei Kontinenten ist nach wie vor Bindeglied zwischen Orient und Okzident. Und lebendiger Beweis, dass ein kultureller und religiöser Schmelztiegel zwar nicht problemlos ist, aber doch irgendwie funktionieren kann. Die alte Stadt ist auch jung: die Hälfte der Bevölkerung ist unter 28. Die Metropole pulsiert vor kreativer Energie - nicht nur im neuen Museum Santral Istanbul, das in einem Elektrizitätswerk am Goldenen Horn entstanden ist. Und zeigt sich selbstbewusst: Auf den Kulturhauptstadt-Werbeplakaten an internationalen Flughäfen steht: „Istanbul - die inspirierendste Stadt der Welt“.

Nach 16 Jahren wird das Gerüst in der Kuppel abgebaut: Die Mosaike in der Kirche und späteren Moschee Hagia Sophia sind restauriert. Foto: nh

Foto: dpa

Der neue Stolz

Künstler Ismail Acar schöpft aus der Tradition

Ismail Acar empfiehlt den Doppelblick. Nicht nur auf den Westen schielen - aber sich auch nicht im orientalischen Schmollwinkel einrichten. Nur so kann das Kulturhauptstadtjahr fruchtbar werden, sagt der kritische Is- Ismail Acar inmitten seiner Kunstwerke tanbuler Künstler, der 2010 ein künstleri- stärker bewusst wird. „An der sches Großprojekt verwirk- Universität sollte man nicht licht: Er wird den Haydarpasa- nur die Baukunst der AntwerBahnhof, Startpunkt der Bag- per Kathedralen lehren, sondadbahn, mit historisierenden dern auch die unseres LanPascha-Porträts verzieren. Pa- des.“ Die kulturellen Eliten schas waren im osmanischen seien zu sehr auf den Westen Reich hohe Beamte, „das Wort hin orientiert, wer an die eigewird im Türkischen aber auch ne, türkisch-osmanische Traals Kosename verwendet: für dition anknüpft, werde leicht Menschen, die man liebt.“ Be- als rückständig angesehen, malte Stoffe werden die Fens- „dabei sind Modernisierung terhöhlen ausfüllen. und rein westliche AusrichDer 38-Jährige kritisiert die tung nicht das Gleiche“, sagt Kulturhauptstadt-Agentur der im Stadtteil Galata lebenweil sie einen zu starken de Künstler. Schwerpunkt auf etablierte Seine Kunstprojekte verbinProjekte gelegt und zu wenig den deshalb osmanische Motiavantgardistische Strömun- ve und zeitgenössische Progen berücksichtigt habe. duktionstechniken. Eine neue Trotzdem betont er, dass Wertschätzung zu erzeugen die Türkei nur dann eine Zu- ist sein Ziel. Wie bei „Pascha“, kunft habe, wenn sie sich ih- dem osmanisch-inspirierten res kulturellen Erbes wieder Kosenamen. (fra)

Museen: Neuordnung der Museen im Topkapi-Palast Abschluss der Restauration der Hagia Sophia Vorbereitung eines Museums für die archäologischen Funde am antiken theodosianischen Hafen Museum zu Orhan Pamuks Roman „Das Museum der Unschuld“ (ab Herbst) Konzerte Erster Auftritt der Band U2 in der Türkei am 6. September Uraufführung der „Istanbul Symphony“ von Arvo Pärt am 7. Juni Festivals Mai: Theaterfestival europäischer Universitäten Juni: „Istanbul Spirit“: Design-Festival 21. und 22. Juni: Istanbul of Pina Bausch: Tanzgastspiel Juli: Internationales Ballettfestival Istanpoli Theater- und Tanzfest u.a. mit den deutschen Künstlern Meg Stuart und Rimini Protokoll Oktober: Istanbul Dreams: Tanzshow auf dem Wasser Ausstellungen bis 5.2.: Topkapi-Palast: „Zehntausend Jahre persische Zivilisation“ Februar: „Schätze des Kreml“ (ab Februar) Juni: „Europa am Bosporus“: Künstler präsentieren sich auf Flößen und Stegen Soziokulturelles verschiedene Projekte für die einheimische Bevölkerung sind speziell für junge Künstler, Kinder oder Frauen aus RandStadtteilen konzipiert.

Infos Organisationsagentur: Istanbul 2010 European Capitol of Culture, Tel.: 0090/ 212/37702, www.en.istanbul2010.org

Touristik-Service Mehrere Reiseveranstalter haben Hotels in Istanbul im Angebot. Zum Beispiel FTI-Touristik mit 14 Unterkünften aller Kategorien. Das Sultanahmet-Hotel nahe der Blauen Moschee etwa kostet ab 33 Euro pro Person im Doppelzimmer. Flüge mit Turkish Airlines gibt es ab 196 Euro von neun deutschen Städten aus. www.fti.de www.turkishairlines.de

Leben in der Porzellanfabrik Pécs will sich im Kulturhauptstadtjahr als überregionales Zentrum etablieren

VON GREGOR MAYER PECS. In der südungarischen Stadt Pécs (dt. Fünfkirchen) dröhnten Bauarbeiten bis zur letzten Minute. Wenn am Sonntag die 160 000-Einwohner-Stadt den Kulturhauptstadttitel übernimmt, ist so gut wie nichts fertig. In den Planungsjahren herrschten bei den Verantwortlichen Inkompetenz und Chaos. Für die Verwaltung hatte sich der Kulturhauptstadt-Auftrag als eine Nummer zu groß erwiesen. Drei Programmdirektoren wurden verschlissen, die Bauarbeiten viel zu spät begonnen. Jetzt erhebt man das Unfertige zur Tugend, das Schlagwort vom „Work in progress“

(Werk im Entstehen) zum Prinzip. Dabei ist das, was entsteht, beachtenswert. So etwa die Rundum-Erneuerung des Viertels um die ehemalige Porzellanmanufaktur Zsolnay. „Als sich die Stadt um den Titel bewarb“, erzählt Projekt-Manager und Architekt Gabor Sztanics, „arbeitete eine Gruppe von Kreativen und Architekten ein Konzept aus. Grundgedanke: diese Stadt soll wieder lebbar gemacht werden.“ Die Zsolnay-Manufaktur ist ein spektakuläres Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert. Die Familie Zsolnay zelebrierte ihr aufstrebendes Bürgertum. Jetzt soll auf 3,5 Hektar ein Künstler- und Studen-

tenviertel entstehen. Eine neue Heimstätte wird auch eine der bedeutendsten Zsolnay-Privatsammlungen der Welt finden. Der ungarischstämmige amerikanische Zsolnay-Liebhaber Laszlo Gyugyi überlässt seine 600 Prachtstü-

Im Blickpunkt Zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs am 10. Januar wird es auf dem Szechenyi-Platz einen Umzug geben. Es folgt jede Menge Programm (Kosten: 32 Mio. Euro) - vom Frühlingsfestival mit Klassik und zeitgenössischer Kunst (15. März-12. April) bis zum „Rock Marathon“ (5.-11. Juli). Übersicht auch auf Englisch: www.pecs2010.hu

cke der Kulturhauptstadt. Pécs solle als interregionales kulturelles in die Nachbarländer ausstrahlen, meint Programmdirektor Csaba Ruzsa. Starke Bindungen bestünden aber auch zu Deutschland, weil in der Stadt noch tausende Angehörige der deutschen Volksgruppe leben. Das Geld für 2010 kommt zu 85 Prozent von der EU. Zehn Prozent muss die Stadt aufbringen, fünf Prozent die Republik Ungarn. Für 125 Mio. Euro wird die Stadt um- und neugebaut. Der barocke und Renaissance-Stadtkern soll in neuem Glanz erstrahlen. Neu gebaut werden eine Konzerthalle und eine Bibliothek. (dpa)

So voll wird es nicht immer sein: Beim Konzert mit Placido Domingo drängten sich Besucher vor der Kathedrale in Pécs. Foto: dpa


FTI - IQ Travel German PR