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Gesund sitzen im öffentlichen Verkehr

Richtig sitzen im Zug – entspannt reisen Die Schweiz ist eines der am besten mit dem öffentlichen Verkehr erschlossenen Länder. Ein Grossteil der Dörfer, Weiler oder Siedlungen ist entweder per Postauto, Bus oder Zug erreichbar. Allein das Netz der SBB und der Privatbahnen umfasst 5063 km und bedient 1842 Haltestellen. Jährlich werden 18,8 Mrd. Personenkilometer zurückgelegt. Text: Urs Berger, Foto: Lea Moser

Die Mobilität hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Unzählige Leute pendeln und sitzen mehrere Stunden im Zug. Wie komfortabel und ergonomisch sind aber die Sessel in den Zügen? «gesundsitzen» hat sich mit Ueli Thalmann, Chefdesigner bei den SBB, unterhalten.

Life Style

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Herr Thalmann, wo sitzt man komfortabler, im Flugzeug oder bei den SBB? Ueli Thalmann: Mit dieser Frage werde ich immer wieder konfrontiert. Vergleicht man die zweite Klasse im Zug mit der Economyclass im Flugzeug, so glaube ich behaupten zu können, dass im Zug komfortabler gesessen wird. Welche Kriterien müssen bei der Entwicklung von Zugsbestuhlungen beachtet werden? Es gilt, Wirtschaftlichkeit, Ergnonomie und Anforderungen an die Bequemlichkeit in Einklang zu bringen.

Heisst das, es sind möglichst billige Materialien und grobe Stoffbezüge zu verwenden? Das gerade heisst es eben nicht, ganz im Gegenteil. Unter Wirtschaftlichkeit ist zu verstehen, dass die Sitze einer intensiven Benutzung standhalten müssen. Zudem muss pro Waggon eine möglichst grosse Anzahl Plätze bereitgestellt werden. Ebenso sind die unterschiedlichsten Verhaltensmuster der Reisenden mit einzubeziehen. Was meinen Sie mit Verhaltensmuster? Leider müssen wir feststellen, dass der Vandalismus in den Zügen drastisch zunimmt. Das reicht vom unbedachten Abstreifen der Zigarettenglut an den Polstern bis zum mutwilligen Beschädigen der Polsterung mit spitzen Gegenständen. Folglich müssen widerstandfähige Materialien bei den Sitzüberzügen ausgewählt werden.

SBB-Designer Ueli Thalmann und Raphaël Schmitt beim Probesitzen.

Wie stark wird der Komfort bei den SBB gewichtet? Komfort und Funktionalität werden in der Planungsphase gleich stark gewichtet. Komfort muss man aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. So ist die Distanz bzw. Fahrzeit zum Beispiel ein wichtiges Kriterium. Denn je länger man im Zug sitzt, desto stärker ist der Sitzkomfort zu gewichten. Bei kurzen Distanzen sind möglichst viele Sitzplätze und ein schnelles Ein- und Aussteigen wichtiger. Die Zugsessel müssen zudem den verschiedenen Personentypen bzw. Körpergrössen möglichst gut entsprechen. Was bei Bürostühlen für die Sitzhaltung wichtig ist – das Einstellen der Sitzhöhe, der Armlehnen, der Sitzfläche usw. –, kann beim Zugsitz nur sehr rudimentär individualisiert werden. Die Leute sind grösser geworden. Hat das einen Einfluss auf die Sitzanordnung in den SBB-Wagen? Für unsere Arbeit ist nicht so sehr die Körpergrösse von Bedeutung, sondern vielmehr die Frage, wie die ökonomischste Sitzanordnung aussieht. Ökonomisch – das tönt nach Batteriehaltung. ... ist es aber keineswegs. Unsere oberste Priorität ist: auch im Stossverkehr soll jeder Fahrgast einen Sitzplatz finden. Natürlich muss auch die Wirtschaftlichkeit stimmen. Das heisst, je mehr Sitze pro Wagen verfügbar sind, desto kürzer wird schlussendlich der Zug. Das wiederum senkt den Energieverbrauch pro Zugseinheit und wirkt sich so auf die Gesamtwirtschaftlichkeit aus.

gesundsitzen_2005  

Der Mensch ist nicht zum Sitzen geboren Life Style Schweizer Magazin für Ergonomie am Arbeitsplatz und zu Hause Medizin & Rücken Ausgabe...

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