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Dandy Magazine

Paddy McAloon The perfect Pop Song

George Best

Best is the best

Der Zwischenmensch

Plankton the Führer

#2 • Winter 2009/2010


inhalt… editorial

Geschätzte Leserschaft,

Kreise schliessen sich, und irgendwann nimmt alles seinen Anfang. Anfangs der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, die Jahre, in denen die Stadt Zürich kraft ihrer über ein Jahrzehnt revoltierenden Jugend eine erfrischende Veränderung vollzog, traf ich den Tonangeber, Kulturator und Spielgestalter Beda Senn. Der Sohn des Ehrendoktors und Gründers der James Joyce Stiftung und gleichnamigen Museums sollte meinem Leben entscheidende Impulse in Richtung alternativer Kunst und Kultur geben, ein Initiator also. Nun, über 20 Jahre später, schreibt Beda Senn zum ersten Mal für unser Magazin über seine Impressionen des von ihm gegründeten und getriebenen Literaturfestivals im Maderanertal. Was uns sehr freut und den angesprochenen Kreis schliesst. Hans Peter Künzler ist ein weiterer bekannter Autor, der zu uns gestossen ist. Düsi, wie er allgemein genannt wird, lebt und arbeitet in London, wo er zuletzt eine weit beachtete Michael-Jackson-Biografie veröffentlicht hat, die praktisch zeitgleich mit dem Tod des selbsternannten „King of Pop“ erschien. Diese zwei Autoren, wie auch alle anderen, stellen ihre Arbeiten dem „Dandy Magazin“ kostenlos zur Verfügung. Anders wäre unsere flamboyante Zeitverschwendung nicht zu finanzieren, denn, wie der Zürcher „Tages Anzeiger“ in einem ganzseitigen Interview mit meiner Person titelte: „Ein echter Dandy hat nie Geld.“ An dieser Stelle allen Autoren, Autorinnen, Fotografen, Layoutern und natürlich auch Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, herzlichen Dank. Die Geschichte geht weiter. Und zuletzt: Unlängst deklarierte eine grosse Schweizer Zeitung Roger Köppel als einen der bedeutendsten Intellektuellen des Landes. Übergeht dabei aber stante pede unsere hochkarätige Aperorunde in schierer Rufnähe des Verlagshauses, wo sich täglich die wahre Intelligenzia dieses Landes trifft. Der Think Tank der Nation. Um mit Lucius Annaeus Seneca zu enden: Turpe est aliud loqui aliud sentire.

Oliver Schramm

Head «Cycling Dandys Zurich»

Impressum: Herausgeber: Cycling Dandys Zurich • Dandy Magazine • Redaktion: redaktion@dandymagazine.ch • Leitung Redaktion: Martin Müller, Oliver Schramm • Autoren: Felix Traber, Walter Aeschimann, Oliver Schramm, Hans-Peter Künzler, Benjamin Breitbild, Beda Senn, Ricco Bilger, Urs Mannhart, Luciano Camnago, Mr. Fluessig, Phillipe Amrein, Viktor Bänziger, Dr. Benedikt Hyde, Silvia Brandigi • Fotos: Christian Schwarz, Kerstin Treydte, Alain Kaiser, Hervé Falch, Oliver Schramm, Ani Antunovic, Archive • Collagen: Kunsträuberei flagranti, Paul Weixler; Dino Meier, Dinografix • Design & Art Direction: The Moser Team for www.oz-artworks.com • IT und Web: Ste Ungureanu, Pixeldev Webdesign and Development • Druck: Leinebergland Druck, Alfeld (Leine) • ISSN 1663-1005. Dandy Magazine is a quarterly publication of the Cycling Dandys Zurich. Any reproduction of the magazine or part of it is only allowed under permission of the publisher. Dandy Magazine is not responsible for the content of the articles written by the contributors.

Titelbild courtesy of Musikvertrieb.

4| Entertainment Die ewige Jagd nach dem himmlischen Pop-Song 6| evolution Friss und stirb: Plankton for Führer! 8| heimat Na Hund – oder die geistreiche Idee 10| reisen Le Salin de l’Ile St. Martin = Le sel de Gruissan Landeck mit den ÖV erkundet 14| geschichte 16| schöner liegen Der Wiener Zentralfriedhof 18| kunst Die Kunst des Federico Guerrero Ortiz 20| delinquenz Classe politique oder Ali Baba und die 246 Räuber 22| city Nights 24| prosa Der Einbruch 28| we got the blues James Lewis Carter Ford, The Chickenhead Man 32| lokalgut Fussball wie noch nie! 34| mann+vélo Das ultimative Dandy Bike 35| radsport Just 4 Chicks 36| hobby Die Dandys der Schwerkraft 38| fluessig Der Saft der Winkelriede 40| cuisine Einer von uns 44| literatur Cerveza de navidad 46| printmedien Jauchs Rücktritt und der oft verschwiegene Analsex


entertainment

e g i w e m e e i d D d nach Jagmlischen him -Song P op

hen und ü K n e ilig en t vor he r te er sich ein ft s g n A nie he ha n hatte nzepten. So sc eiterhin stand o lo A c Paddy Mdenten Popko verkündete wan und T. Rex. d d n transze die Punks un s von Steely D auf der Han ik s ie u m u d Deut u erhaften Stat m stellt nun äbe, wäre M t g u den göt es (altes) Alb es einen Gott u Sein ne Frage : Wenn le r r Künz b e e t d e n p e s rie an lieg e? Von H f Musik vert m im t S o seine urtesy Bild co

Den zerschlissenen Jeans auf dem Cover des Prefab Sprout-Meisterwerkes „Steve McQueen“ zum Trotz verriet Paddy McAloon schon immer dandyhafte Tendenzen. Diese sind nun voll zur Entfaltung gelangt. Wie er so dasitzt auf dem Sofa denkt man an einen Poseidon, der sich aufs Land verirrt hat. Statt auf dem Dreizack ruht seine Hand auf einem Spazierstock mit weissem Porzellanknauf. Dazu trägt Paddy weisse Baumwollhandschuhe, dickgerippte orange ManchesterJeans, ein rotes Jacket sowie einen graumelierten Vollbart. Wenn er lacht, lehnt er seinen Kopf weit zurück und schüttelt sich wie ein entzückter Weihnachtsmann. Auch sonst ist die Begegnung mit einem der raffiniertesten Songschreiber, die England seit den Punks hervorgebracht hat, aussergewöhnlich. Wir sind dafür in den Norden gefahren, nach Durham, ein steinaltes Städtchen samt Kathedrale aus normannischen

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Zeiten. Paddy McAloon lebt in der Nähe, in Witton Gilbert, dem Nest, wo einst alles angefangen hat. Und im Gegensatz zu anderen Interviewpartnern, die nach fünfzehn (Amerikaner) bis fünfundvierzig (Briten) Minuten eine Meditationspause brauchen, entschuldigt sich McAloon nach 2 ½ Stunden, dass er schon gehen müsse. Zu bereden gibt es ein neues Prefab Sprout-Album, das erste seit der Wild-West-Spielerei „The Gunman And Other Stories“ von 2001. So neu ist indessen auch das neue Album nicht. Es heisst „Let’s Change The World With Music“ und entstand vor siebzehn Jahren. Die damalige Plattenfirma weigerte sich, es zu veröffentlichen, weil ihr die Texte missfielen. Diese bedienten sich einer kirchlich angehauchten Sprache, um ein Lieblingsthema von McAloon abzuhandeln: Die Kraft der Musik. Der Kernsatz auf dem Album ist der: „I’ve no time for religion/but doubt’s a modern


entertainment

disease“ („God Watch Over You“). “Um den Satz dreht sich alles.“ sagt McAloon. „Auf der einen Seite kann man nicht an dieses Gott-Business glauben. Auf der anderen braucht man zum Leben etwas, an dem man sich festhalten kann. Vielleicht ist dieses etwas die Musik. Wenn es einen Gott gäbe, wäre Musik seine Stimme? Noch heute drehen sich viele meiner Songs um die Musik an sich. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das darum ist, weil es ein endlos spannendes Thema ist, oder ob es bloss die Faulheit eines Songschreibers ist, der zu viele Lieder schreibt und zu wenig Einfälle für neue Texte hat.“ Vater McAloon war Mathematiklehrer, gab den Job aber auf, um in Witton Gilbert eine Tankstelle zu übernehmen. Es gab in dem Haus ein, zwei Liberace-Scheiben, dann entdeckte klein Paddy die T.Rex-Single „Ride a White Swan.“ „Von T.Rex aus habe ich mich vorwärts, rückwärts und seitwärts gearbeitet.“ erinnert er sich: „Stravinsky, Schönberg, Sondheim, Blues und Beatles.“ 1977, als die Pistols um die Rettung der Queen besorgt waren und The Clash sich über die langweiligen USA echauffierten, entdeckte McAloon das Steely Dan-Album „Aja“: „Ich war mir sicher, dass kaum eine Platte von 1977 bleibenden musikalischen Wert hatte. Nichts und niemand auf der Welt hätte mich andererseits von der Ueberzeugung abbringen können, dass „Aja“ sublime Musik mit unglaublich viel Witz enthielt.“ Hätten McAloon und seine Band, der nebst seinem Bruder Martin auch seine damalige Freundin Wendy Smith angehörte, in London gelebt, wären ihnen solche Flausen vom Zeitgeist rasch ausgetrieben worden. Eine selbstverlegte erste Single führte zu einer Verbindung mit dem im nahen Newcastle ansässigen Indie-Label Kitchenware Records, die noch heute anhält. „Ich hatte eine Popvision“, sagt McAloon, „es war mein Traum, chromglänzende Popklänge mit Texten zu kombinieren, welche die Komplexität und emotionelle Tiefe einer Leonard Cohen-Platte hatten.“ Die Fans schwören, dass Paddy sein Ziel erreicht hat. Seine Songs bewegten sich zwischen Jazz, Pop und Chanson und waren gespickt mit feinfühligen (zwischen)menschlichen Wahrnehmungen und Anspielungen auf die Popgeschichte. Das wohlgesinnte New Wave-Publikum, darunter John Peel, reagierte auf das Debut-Album „Swoon“ (1984) mit mächtigem Enthusiasmus und steckte die Band gleich in die gleiche Schublade cleverer Songschreibekunst wie Aztec Camera, Orange Juice und überhaupt die ganzen Postcard Records-Bands. Das passte McAloon ganz und gar nicht: „Wir wollten auf keinen Fall als Teil einer Bewegung verstanden werden. Es bestand ja auch

die Gefahr, dass alle, die zuerst Orange Juice und Aztec Camera gehört hatten, meinten, wir seien Johnny Come Latelys, dabei waren wir Johnny Come Earlys! Vierzehn Jahre alt war ich, als ich mit Prefab Sprout anfing – meine Band wurde im gleichen Jahr gegründet wie Steely Dan!“ Prefab Sprout waren nie die spektakulärsten Hitparadenstürmer. Aber an einen Hit wie „The King of Rock’n’Roll“ mit dem unsterblichen Refrain „Hot dog, jumping frog, Albuquerque...“ erinnert sich jeder, der ihn einmal gehört hat. Der Ruf der Band liegt in einer Reihe von meisterhaften Alben begründet, die mit „Steve McQueen“ (1985) über „From Langley Park To Memphis“ (1989) bis „Jordan: The Comeback“ (1990) führte. In den 90er Jahren wurde es stiller um die Sprouts. 1997 erschien das nach McAloons Heimstudio benannte „Andromeda Heights“, 2001 „The Gunman and other Stories“. Unterdessen nahm die Legende von Paddy McAloon in Grossbritannien dermassen grosse Ausmasse an, dass er beim grossen Londoner Open-Air-Festival The Fleadh als Headliner engagiert werden konnte. Danach wurde McAloon von gesundheitlichen Problemen aus der Bahn geworfen. Zuerst waren es die Augen. Beide Retinas hatten sich gelöst. Er hätte erblinden können, drei Operationen vermochten das Unheil abzuwenden. Diese Leidenszeit, während der McAloon fast nur noch Radio hören konnte, resultierte in „I Trawl The Megahertz“, einem faszinierenden und stimmigen Album, wo er sich im Komponieren von gegenwartsklassischer Kammermusik versuchte. Dann kam der Tinnitus: „Das war viel schlimmer für mich als die Augengeschichte“, sagt McAloon. „Es war zutiefst unheimlich. Ein Gefühl, wie wenn Keith Emerson während der ganzen Nacht in meinem Kopf die gleichen zwei Tasten niedergedrückt hätte. Genau so wie sein Synthi hat’s getönt. Es gab kein Entweichen.“ Sieben Monate lang dauerte die Qual. Heute sei das Geräusch abgeklungen. Geblieben sei ein ständiges Druckgefühl im Ohr. Dazu nimmt er mit dem rechten Ohr den Bass nicht mehr wahr („Aber ich war ja nie ein grosser Reggae-Fan“). Dennoch hat er nie aufgehört, Songs zu schreiben. Anders ging es gar nicht. Das stellte er vor einigen Jahren fest, als er während einer Motivationskrise nach anderen Betätigungen fahnden wollte und stattdessen trotzdem immer nur Songs schrieb. Gleich drei verschiedene Konzeptalben geistern derzeit in seinem Kopf herum, oder auf Demo-Tapes oder sind im Old-SkoolAtari-Computer versteckt („Meine Augen werden schnell müde. Darum will ich nicht die Gebrauchsanweisung für einen neuen Computer lesen müssen.“). Es sind dies „Digital Diva“ (synthetischen Arien), „Zero Attention Span“ (Liedern über „allerhand unangenehme Aspekte des heutigen Lebens“) und „Blue Unicorn“ („Lieder nur mit der Gitarre, die heiter stimmen sollen wie „Stardust“ von Louis Armstrong“). In der Tat hat Paddy McAloon so viele Einfälle, dass sein Hauptproblem darin besteht, sich zu entscheiden, welchen er nun tatsächlich für ein nächstes Album aufgreifen soll. Zudem falle es ihm schwer, nach all den Jahren allein im Studio mit anderen Musikern zu arbeiten – und ausgerechnet dies ist angesichts seiner Gehörprobleme unumgänglich geworden. „Nun dieses Album“, sagt der songschreibende Poseidon betreffs „Let’s Change The World With Music“, „das ist, wie wenn ich nach langer Zeit wieder aus dem Wasser aufgetaucht wäre.“D

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EVOLUTION

Homo excusatio – das Ausredentier (2)

Friss und stirb: Plankton for Führer!

Nicht eine Wirtschaftskrise plagt die Dandies dieser Erde. Nein, es ist eine existenzielle Kulturkrise, bei der wir uns benehmen wie Usain Bolt auf den letzten 20 Metern eines Vorlaufs. Aber am Horizont leuchtet die Heraufkunft des einzigen Übermenschen, der die Dürre tabula rasa zu meistern vermag. Text von Dr. Benedikt Hyde Infografik: alp. nach John Heartfield

«Schaun Sie sich die Fresse des Menschen an, der auf irgendeinem Gebiet Erfolg hatte, der sich abgemüht hat. Sie finden da nicht die mindeste Spur von Mitleid. Er ist vom Stoff, aus dem ein Feind gemacht ist.» E. M. Cioran, Die verfehlte Schöpfung

Was, wenn der erste Satz klemmt? Dann beginnst du eben mit dem zweiten. Logisch. Oder du zäumst den Esel am Berg von hinten auf. Zoologisch. Immer wieder heisst es, die islamische Welt stecke noch im Mittelalter. Was für eine selbstgerechte Vermessenheit, wo man doch selbst noch in einem extrem vielschichtigen Zeitengewebe hängt und strampelt, gewoben aus ungelösten Rätseln und Untaten der Vergangenheit und neblig verhangenen Zukunfts- und Apokalypseschnipseln. Wir hinken unseren eigenen Beschleunigungen keuchend hintennach, benehmen uns aber wie Usain Bolt auf den letzten 20 Metern eines Vorlaufs. Als könnte der Mensch, dieses sich-über-alles-erhebende Ausredentier, durch die Domestizierung des Feuers, die Evolution der Hand und die Erfindung der Sprache sein eigenes Tun und Nichtlassenkönnen quasi aus göttlicher Perspektive betrachten. Und wenn, bekäme Narziss den Seespiegel vorgehalten, um ein weiteres Mal in seiner Eigenliebe gottsjämmerlich und –lästerlich zu ertrinken. Während die Banker im Casino der Weltbörse schon wieder auf Steuer-

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zahlers Kosten den Globus verzocken, strampeln wir uns noch mit den Folgen der sogenannten Wirtschaftskrise ab. Und wie. Als ob – nach Adam Riese, wie unser Hintersohrkopfnuss schlagender Tubellehrer jeweils sagte – eins und eins eben nicht zwei gäbe, sondern mindestens drei, bei fünftausendprozentigem Gewinn und einer sagenhaften win-win-Situation für jedes Arschloch, das seinen Mist auf diese arg gebeutelte Erde scheisst und pisst. Spülen, Liebe-deinen-Nächsten-Geruchsspray drüber und weiter BIP steigern, was die eigene Tasche aushält. Und wie dieses polemische, aber jeglicher Logik entbehrende, haarsträubende Beispiel zwingend auch jedem Akademiker beweist, scheint das unmenschliche Börsenverhalten im tiefsten Kern der Ausdruck einer kulturellen Krise zu sein. Auch Fussballkultur hat mit Juniorenarbeit zu tun. Also: Wer seinen Nachwuchs nicht ehrt, ist der Rente nicht wert. Denn Kultur beginnt bei der Bildung, der Weitergabe von Wissen und endet bei dessen Totenstarre. Sollte unsere (teil)demokratische Kultur also letztlich an so etwas Unwirklichem wie Geld + Besitz = Macht & Missbrauch scheitern? Wer ohne Geld ist, werfe den ersten Schein!

Oh, ihr Superspezialisten dieser jämmerlichen Berg-&-JammertalWelt, feiert nur weiter Tunnelblick und atomisierendes Juristentum und ihr werdet den auseinandergeschraubten Wecker nie mehr ganz kriegen. Ja, er ist mehr als seine Einzelteile. Will heissen: Ums vernetzte Denken & Handeln kommt keiner rum. Ob das nun der Klimakatastrophe Einhalt zu gebieten vermag oder nicht. Und vernetztes Denken macht den vieldimensionalen Spezialisten aus. Aber heute reicht es, auf einer Bank ein paar abstrakte Zahlendenkspiele zu beherrschen, um aller Welt den Schneid abzukaufen. Noch immer wird physisch am Übermenschen gebastelt, der Zwischenmensch ist gut für Primarlehrerinnenmärchen wie „Mir sind alli glich vill wert. Wenn du wotsch wie sie dir, du so sie mir. Du muesch nur a dich glaube. Verschprichsch mer’s? “ „Wiegt ein Leben nicht mehr als tausend Arbeitsplätze? “, fragt Marc Beise im Kommentar mit Untertitel „Warum Manager viel mehr erhalten als Erzieher“ (Süddeutschen Zeitung, 1./2. August 09). Allein dieser Menschenleben mit Arbeitsplätzen vergleichende Kurzschluss


EVOLUTION

müsste ihm das Hirn an die Decke hauen. Aber nein, er bemerkt nicht mal, dass darin das Paradox unserer nupostromantischen Zeit schön und klar zur Geltung kommt. Was ist der Wert eines Menschenlebens wirklich? (Ja, auch in Tschetschenien, China und Ruanda und überall.) Heilanzack, 1000 Arbeitsplätze haben historisch gesehen schon mehr als ein einzelnes Menschenleben gekostet; zigtausend Menschen sterben, obwohl sie mit geringem Finanzaufwand gerettet werden könnten. Und die Verteilkämpfe der Zukunft sind in vollem Gang. Dass Manager im sogenannt freien Markt wirken, während die Lehrer dem abgezockten Staat unterstellt sind, ist letztlich auch nur ein Aspekt der kulturellen Krise, die nicht nur uns Männer bei den Eiern hat. Und keine Entschuldigung, schon gar keine abschliessende Erklärung für die klaffende Lohnschere. Klar, dass das längst anders hätte angepackt werden sollen. Es gibt auch konstruktive Vorschläge zum Wie, aber die werden im white noise der Jammerkrise überhört. Und warum soll eine Managertätigkeit gleich das Hundertausendfache eines Kübelmannjobs wert sein? Wegen der ungleich längeren

Ausbildungszeit? Das kann doch nicht reichen. Geht einmal auf einem verstrahlten, giftstinkenden Abfallhaufen zur Uni, ihr elitären Blaustrümpfe! Es wird Zeit, den Fokus auf den einzigen Dandy zu richten, der qualifiziert und würdig wäre, den Planeten in ein neues Zeitalter, ein viel besseres und heileres, zu führen (nein, nicht Steinmeier, ihr Hirnis auf Gummihälsen!): Sheldon J. Plankton, der einäugige Einzell-Wirt des Restaurants „Abfalleimer“ im legendären Bikini Button des TV-Kults „Sponge Bob“. Er will

mit seinen „1% Bösartigkeit, 99% heisse Luft“ nicht nur das erfolgreiche Krabbenburger-Rezept seines geizigen Konkurrenten stehlen, sondern gleich die Weltherrschaft übernehmen. Plankton leite sich aus der griechischen Bezeichnung für „das Umherirrende“ ab. Allein das ist Qualifikation genug, unseren gesamten Schurkenglobus zu einen und mit monofoodistischer Krabbenburgerkultur derart zu sättigen, dass weder Hunger und Armut noch Reichenelend weiter gebraucht werden: Plankton wird uns alle überleben. Todsicher. D

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HEIMAT

Na Hund – oder die „Barrabas kam auf dem Seeweg in die Familie…“ So beginnt der erste Satz des Romans „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende. Ich kam auf dem Wanderweg entlang des wilden Chärstelenbachs ins Hotel Maderanertal. Ich kann Hunde ausstehen – manchmal auch weniger. Und ich bin auch nie auf den Hund gekommen, da oben schon gar nicht. Aber aufs Hotel gestossen, dazumal im 1994, und der Ort hat sich festgebissen im Kopf. Ideen kreieren oft Orte – und spezielle Örtlichkeiten dürsten nach guter Beseeltheit. Die Symphonie der Wasserfälle (er)füllten meinen Leertraum und von da an das alte Hotel.

Wirzsuppe ssing) re -D y m o h T it (m t la a S r Gemischte Ä lplermakkaronen oder roccoli B & ta n le o P it m t u o g a sr K alb (Menü 20.6.2009)

Und Sam, der Geisterjäger, steht da wie ein Baum, inmitten Waldgänger und –geister. Erzählt von dem, was für uns nicht sichtbar ist - für einige spürbar. Derweil gluckst und gurrt Valeri, und lautmalt hin und poetet her, zaubert sich so in die glücklichsten Tage seines Lebens. Susi liegt in der Wanne und seift uns ziemlich wortgewaltig ein, nichts hält uns auf den Stühlen. Einen schönen Schinken wird sie uns noch auftischen. Taktvoll unter Glocken. Maskerade mit Birgit, die auch vom Iwan, der nie aufsteht, erzählt, bis dass die Augen tränen. Verstorbene gesellen sich zu uns im Kapellenraum, oder setzen sich in den alten Sessel, anteilnehmend, die Welt als Traum. Schliesslich knurrt Kurt über Gesetze, lässt uns mit Geschichten und Begebenheiten pilzfliegend über Bajonetten und Nahtoderlebnisse sinnieren. Das Bellen verhallt im Tal der Seelen. Wasserfälle geben den Tod an. Und die letzten (W)Orte werden auch nie von Hunden gebissen Bellend, bellt, bells, bells, Kapellenglockenklang. Der Hund, der Hund, der Hund. Na und.

Text von Beda Senn, Juli 2009 14. Symphonie der Wasserfälle - Geistreich (im Hotel Maderanertal, Juni 2009). http://www.bedasenn.ch/geistreich_fotos.htm

Ein Haus mit Geschichte. Ein Berghotel mit Geistern? Ein Berggeisterhaus? Einfach ein Haus mit Geschichte. Und Geschichten. Bei jedem Gebäude, in allen Räumen, in jedem Winkel, auf jedem Möbelstück haftet eine Geschichte, lauern alte Zeiten. Staubt ein Abdruck vergangener Episoden. Unzugängliche Räume, verschlossene Gebäude, verfallene Treppen, morsche Balken, alte Waschhäuser, Kegelbahnen, heruntergekommene Villa der Bediensteten. Andere Zeiten, andere Menus:

Consommé Célestine aise Saumons Sauce Bearn P ommes de terre Cotes de boeuf au jus Chour-fl eurs à la P olonaise P oulards rolis Salades Glace de vanilles P atisseries Desserts (17. Aout 1911)

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HEIMAT

geistreiche Idee Bilder von Ani Antunovic

Besäufnissturz, Kopf und Kragen gebrochen, Genick entzwei, Lebenswerk adé. Rückwärts in den Tod. Schaukelstuhl aus dem Leben. Wassermusik rundum. Wasserfallsymphonien. Wassergeflüster. Butzli-See. Zaubersee. Märchenhafte Moosfelsenwurzelaffiché. Glasklar, kristallklar, Eiswasser gespeist. Wasserfallechosammelstelle. Eingefangene Noten der Wassersymphonien, eingetaucht im Seegrund. Das Seeungeheuer ist wohl ein Notenschlüssel. Gondelfahrt in Mollmondstimmung. Durrotglühender Sonnenklang im Spiegelsee. Notenbalken in Quellform. Alles verdichtet sich zu einem Ort verklärter Sehnsucht. Verschwörungsidyll für Städter. Intrigantental. D

Text von Beda Senn, 1995

Salat mit Sushi Sesamtaler Fenchel à l´orange Gemüsemix Vanille-Nektarinencrème & H eidelbeeren (17.8.1995)

Spiegelsaal, Speisesaal. Hoch-Zeiten vergangener Blüten. Blütenstaubpartikel verwelkten Glanzes. Chaiselongue, purpurrot, die Maske des Müssigganges, in Weinblut getränkt. Ächzbetten, Federmatratzen, Holzknistern, SchranktürKlageschreie. Stock für Stock. Möbelstücke der Vergangenheit, Skelette der Geschichte, Totenmasken der Gastlichkeit, erstarrter Hochglanz verlebter Hotellerie. Alpenklubsockenmief... Geschichtenstuben, Mäusekot, Siebenschläfer, Gemshautschrecken, Fledermäuse, Waschhausungetümer! Fälle für Geisterwahn: Der Alte Zgraggen. Zgraggen´s Hände. Nächtliche Erscheinungen. Kapellengrab. Tod durch

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reisen

n i l a S e L de l ’Ile n i t r a M St. L e se l n a s s i u r de G

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ozentigen, gut da, im hochpr h ic inig, in b h lic Plötz , bleich, vielbe zwasser. Klein al lge, die S A en ie rt D rie lt. pe ha tem Bauchin m te ro e sa ro it ei m t meine nzig transparent te Nachbarin is ro ig sa gr ro un e, sh ig is rt pflanzena ich mich he . Auf sie stürze hlüpft bin und hier feste Nahrung sc ge h ur t, seit ic ürde seit meiner Geb herumdümple. Eigentlich w d el zf in al zbohne mei in diesem S einmal eine Sal Salzbohne, e rn ge nd be ich ja lie . Aber die tel aufnehmen hert , ist nen Speisezet krautartig wuc un es ld Fe s de die am Rande ten. ratten vorbehal leider den Land es Salzfeld us ist auf dies di ra ns h io kt A n Mei beiner, die mic h mag die Zwei el ins Ic . ak kt nt än Te hr n sc te be nnengecrem so re ih e ch di , . Man mal besuchen mich massieren d un en ck re st n gekitzelt. Die Wasser n einem Reche vo ch en das au h ic werde Zweibeiner lass geben r de te rit ch S stampfenden mit. Manchmal und ich tanze Wasser tanzen

er: 0 bis 18 :00 n Mär z- Oktob Ö ffnungszeite: 10 :00 bis 12 :30 und 14:0 ginnt jeweils um be m d. 1/ 2 St Eco- Museu gang : Dauer 1 ). (täglich). Rund:30 (Mitt woch bis Samstag 14 tin 10.30 und ar M le Saint Le Saline de l’Î s Salins du Midi C ompagnie deolle Route de l‘Ayr n 11430 Gruissa)4.68.49.59.97 Tél: (0033) (0(0 )4.68.49.00.05 Fa x : (0033) risme@ salins.com Mail: salinstou


reisen

sie ganz kräftige Laute von sich, zum Beispiel wenn sie sich an den Kirstallformationen, die sich schon gebildet haben, schneiden. Manchmal rufen sie „oh, ah, hmm“, je nachdem, worauf sie ihre Antennen gerichtet haben. „Ohs“ gibt es für das ausgeklügelte Holzkanalsystem – darauf wären Sie nie gekommen – „Ahs“ für die rosarote Farbe des reifenden Feldes, für die ich mitverantwortlich bin. „Ahs“ auch für die natürliche, urtümliche Umgebung, den Himmel, den Duft, die Salzbohnen, die künstlerisch geformten Salzablagerungen und die geflügelten Wesen. „Ahs“ für die wenigen Dinge und Geschöpfe, die sie mit ihren Laternen sehen können. „Hmm“, wenn sie die Salzbohne kosten, ebenfalls „hmm“ wenn sie an der obersten schneeweisse Salzkruste lecken. Dann schnalzen und schmatzen sie so, als ob sie Salzgourmands wären. Ich habe keine Zeit zum Schwatzen, ich muss mich um meinen Nachwuchs kümmern, den ich in Eigenregie kreieren kann. Das hat wirklich grosse Vorteile, wenn man sich für die Fortpflanzung selber genügt. Im Vergleich zum Alter der Geschichte meiner Art ist mein Leben als Krebs lächerlich kurz. Ich folge dem Plan. „Aua!“ Das ist kein Zweibeiner, das bin ich! Gerade bin ich von einem rosaroten, geflügelten Wesen verschnabelt worden. Ich verabschiede mich aus einer langen, ätzenden, dunklen Speiseröhre. Ich war. D

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reisen

Landeck mit den ÖV erkundet

Text von Luciano Camnago Auf der Landkarte weckt Landeck eine gewisse Neugier, weil dort das Inntal mit der Arlbergroute zusammenkommt, es ist also mindestens verkehrstechnisch von Bedeutung. Ein Bekannter in Scuol wusste von Landeck nur, dass es dort eine Tunnel-Umfahrung gebe. Landeck ist auch die Endstation der Busse, die von Martina nach Oesterreich hineinfahren. Wir wollten es daher einmal wissen und fuhren vorbei an den bekannten Skiferienorten Pfunds, Tösens, Serfaus, Ried und Prutz den ganzen Weg bis Landeck. Bei einer Strassenecke am Ende einer banalen Einkaufsstrasse mit den üblichen Kleinstadtläden sagte der Bus-Chauffeur, hier sei das Zentrum von Landeck, wir sollten hier aussteigen, weiter vorne beim Bahnhof gebe es nichts mehr. Wir stiegen aus und dachten, dass es irgendwo doch noch eine oder zwei andere Strassen mit alten Häusern geben könnte oder ein Promenade am Inn mit Cafés und Restaurants mit Terrassen an der Sonne und Blick auf den Inn. Wir setzten uns aber erst mal in eine Konditorei an der Hauptstrasse, weil leckere Kuchen in der Auslage lockten. Meine Kardinalsschnitte war auch tatsächlich eine Entdeckung, da verzichteten wir gerne auf den Ausblick auf den Inn. Wir merkten beim Weiterbummeln bald, dass es am Inn eh

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keine Aussichtsterrassen und auch keine Spazierwege hatte, sondern nur Parkplätze oder die unattraktiven Rückseiten von Einkaufszentren mit den Lieferanteneingängen. Wir fanden am Stadteingang eine weitere Ladenstrasse, die in ein ruhiges Quartier mit Schulen, administrativen Gebäuden und einem grossen Altersheim führte. An verschiedenen Stellen im Quartier hingen Zeitungstaschen mit einer lokalen Gratiszeitung, die mit dem Aushang die tägliche Wahrheit angekündigt wurde. Wir folgten der steilen Strasse bis zum Schloss, das geschlossen war. Gleich daneben war eine Tafel, die darauf hinwies, dass hier die Via Claudia aus der Römerzeit durchging und zur Fliesser Platte hinaufführte. Die Via Claudia, war der wilde Wanderweg, der wie eine Abkürzung immer wieder die Wald­strasse kreuzte. Wir kehrten zurück ins Zentrum und gingen im „Schwarzen Adler“ essen, weil uns die Auswahl auf der Speisekarte gefi el, und das Haus Stil hatte wie sonst kaum eines. Wir assen in der Jägerstube, wo zahlreiche ausgestopfte Tiere an den Wänden hingen u.a. ein Adler, der einen Fuchs gepackt hatte, und mittendrin der Herr Jesus am Kreuz wie eine weitere Jagdtrophäe, aber aus Holz!

Die 3 Knödel mit Sauerkraut schmeckten hervorragend. Mit einem Völlegefühl im Magen suchten wir nach weiteren touristischen Attraktionen. Am Fluss hatte es aber tatsächlich gar nichts bemerkenswertes, abgesehen vom imposanten russig-grauen Donau-Chemie-Werk, dem eigentlichen Wahrzeichen von Landeck. Wir schweiften durch locker überbaute Wohnquartiere mit modernen Bauten und viel Umschwung und grossen Spielflächen für die Kinder und mit Blick auf das Donau Chemie-Werk auf der anderen Seite des Inn. Bei den älteren Häusern standen noch Wäscheaufhängen, wie sie bei uns in den 50er Jahren üblich waren. Wir kamen auch an einer Kaserne vorbei, wo ein Soldat am Eingang Wache schob und dabei schlapp an einem Pfosten gelehnt eine Zigarette rauchte. Er vermittelte genau das Bild, das man sich in der Schweizer Armee schon immer von der oesterreichischen Armee gemacht hatte. Vielleicht war deswegen auch Photographieren verboten. Ein Wanderweg am Waldrand endete schliesslich auf dem Friedhof mit den streng ausgerichteten Grabsteinen. Hier herrschte im Gegensatz zur Kaserne noch Disziplin, Ordnung und Einheitlichkeit. In der Nähe des Friedhofs war wie üblich der Steinhauer, der all diese monotonen Grabsteine mit den kitschig bombastischen Katalogmotiven herstellte. Man sah auch die Rohlinge, die ungeschliffenen Marmor- und Granitplatten in allen Farbtönen. Wunderbares Ausgangsmaterial, das alles in die gleichen monotonen Formen gezwungen wurde, schade um die schönen Steine! In der Ladenstrasse stellten wir fest, dass alle Spezialitäten-Läden am SamstagNachmittag bereits geschlossen waren. Nur der SPAR war noch offen. Als wir um halb 5 aufs Postauto warteten, war das Zentrum von Landeck wie ausgestorben. Unser Bekannter in Scuol hatte recht gehabt: die Tunnel-Umfahrung ist für Autofahrer sicher das attraktivste an Landeck – man vermeidet den Stau in der Einkaufsstrasse und der Blick auf das Chemiewerk bleibt einem auch erspart. Die Via Claudia ist nur für Fussgänger. D


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ZÜRICH

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geschichte

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Künstler der Aktionsgruppe „East of Sweden“ in Vorbereitung eines ihrer gefürchteten Auftritte. Zürich 21.09.1997. Bild von Hervé Falch

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schöner liegen

Der Wiener Zentralfriedhof Keiner beschreibt den Wiener Zentralfriedhof schöner als der Barde Wolfgang Ambross anlässlich des 100. Geburtstags ebendieser Grabstätte. Bilder von

*«Es lebe der Zentralfriedhof, und olle seine Toten. Kerstin Treydte Der Eintritt is‘ für Lebende heit‘ ausnahmslos verboten, weü da Tod a Fest heit‘ gibt die gonze lange Nocht, und von die Gäst‘ ka anziger a Eintrittskort‘n braucht. Wann‘s Nocht wird über Simmering, kummt Leben in die Toten, und drüb‘n beim Krematorium tan‘s Knochenmork ohbrot‘n. Dort hinten bei der Marmorgruft, durt stengan zwa Skelette, die stess‘n mit zwa Urnen on und saufen um die Wette. Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia‘s sei Lebtoch no net wor, weu olle Tot‘n feiern heite seine erscht‘n hundert Johr‘. Es lebe der Zentralfriedhof, und seine Jubilare. Sie lieg‘n und sie verfeul‘n scho durt seit über hundert Jahre. Drauß‘t is‘ koit und drunt‘ is‘ worm, nur monchmol a bissel feucht, A-wann ma so drunt‘ liegt, freut man sich, wenn‘s Grablaternderl leucht‘. Es lebe der Zentralfriedhof, die Szene wirkt makaber. Die Pforrer tanz‘n mit die Hur‘n, und Juden mit Araber. Heit san olle wieder lustich, heit lebt ollas auf, im Mausoleum spü‘t a Band, die hot an Wohnsinnshammer d‘rauf. (Happy Birthday! Happy Birthday! Happy Birthday!) Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia‘s sei Lebtoch no net wor, weu olle Tot‘n feiern heite seine erscht‘n hundert Johr‘. (Happy Birthday! Happy Birthday!) Es lebe der Zentralfriedhof, auf amoi mocht‘s an Schnoiza, da Moser singt‘s Fiakerliad, und die Schrammeln spü‘n an Woiza. Auf amoi is‘ die Musi stü, und olle Augen glänz‘n, weu dort drü‘m steht da Knoch‘nmonn und winkt mit seiner Sens‘n. Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia‘s sei Lebtoch no net wor, weu olle Tot‘n feiern heite seine erscht‘n hundert Johr‘. (Happy Birthday! Happy Birthday! Happy Birthday!…)›. D

*This song was released by Wolfgang Ambros for the 100th anniversary of Vienna‘s biggest cemetery, the Zentralfriedhof.

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schรถner liegen

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kunst

Die Kunst des Federico Ein Œuvre voll von Widersprüchen. Die Diskontinuität seines Werkes ist ein Zerr- und Spiegelbild seines Lebens, berauscht nicht nur von Ruhmesträumen und dem vagen Hochgefühl, es irgendwann zu schaffen. Psychodelisch, enigmatisch, visionär. Text von Oliver Schramm

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Die expressiv farbig abstrakten Gemälde, Bilder und Collagen von Federico Guerreo Ortiz sind schwer zu deuten. Sie scheinen in erheblichem Masse von Zufall und Stimmungen abhängig und widersprechen demnach sehr oft in ihrer Endfassung den anfänglichen Absichten und Ideen. Die artifizielle Inszenierung des jungen Künstlers ist dem Betrachter nicht immer sofort zugänglich. Innere Befindlichkeiten und Unbewusstsein sind schwer zugänglich, weil es dem Innersten eines „Anderen“ entstammt, der sich in keinster Weise an gewohnte Zusammenhänge und Sichtweisen hält. Ein Bruch mit gängigen Konventionen. Und doch werden praktisch alle aktuellen Ausdrucksformen und Stile der modernen Malerei sichtbar.


kunst

Guerrero Ortiz Zum Beispiel die konsequente Reduktion eines Mondrian oder die betont intellektuelle Experimentierfreudigkeit eines Duchamp. Eine Art von Malerei, die Kraft schöpft aus Zerstörung der figurativen Form, die ohne direkten Bezug zu konkreten Menschen oder Objekten auskommt. Nur, und das sei dem jungen Künstler von hier aus mitgegeben: Irgendwann erschöpft sich die physische Kombination von abstrakten Inhalten. Jeder, der sich einmal durch eine ungefähr 30 Bilder grosse Bilderausstellung abstrakten Inhalts durchgebissen hat, wird wohl mit mir darüber übereinstimmen. D

Nächste Ausstellung, 11. - 20. Februar 2010, foxx Galerie, Rindermarkt 13, 8001 Zürich. www.ficoarist.com

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delinquenz

Classe politique oder Ali Baba und die 246 Räuber Text von Oliver Schramm, Sozialist und Idealist Collage von Dino Meier, Dinografix

Sich mit berechtigten Forderungen der Menschen oder gar deren Ängsten auseinanderzusetzen – diese Anstrengung braucht Politik in der Schweiz leider nicht auf sich zu nehmen. Die machtversessene und selbstverfangene Kaste der Classe politique hält unser Land in festem Würgegriff. Reduit-Mythen, Bedrohung des christlichen Glaubens, Bankgeheimnis, Fremdbestimmung durch Brüssel und anderer Humbug dienen als politische Stilmittel der Drohung gegen das Volk und der Mehrung eigener Pfründe in einem Staat ohne Diener. 20 Dandy Magazine #2 winter 2009/2010


delinquenz

Der Politzirkus ist schon längst zu einer Karawane ohne Wasser verkommen. Entscheidungen werden zwar getroffen, zielen aber sehr oft am gemeinen Volk vorbei. Selber schuld, wer einen Milliardär ins Bundeshaus wählt, könnte man sagen, aber so einfach ist die Sache nun auch wieder nicht. Die Inhaber politischer Herrschaftspositionen sind Meister der Ämterpatronage. Eine zivile Grundfertigkeit dieser Spezies. Ein Politpersonal, das die Welt auch mal gerne in Freund und Feind einteilt (Wir gegen die!) und kaum noch unser Lebensgefühl trifft. Überhaupt wimmelt es in der Politik (nicht nur da) von Funktionären, die die Gabe der Ämterhuberei zur Pflichterfüllung erklären. Krisen werden als zyklisches Versehen der „grossen Maschine“, nicht aber als Zeichen des nötigen Umbruchs oder gar persönlichen oder parteipolitischen Versagens wahrgenommen. Wahrgenommen eben, nicht begriffen. Und das mitten in einer Wirtschaftskrise von einem glanzlosen National- und Ständerat samt glückloser Regierungsführung. Die Bereicherungsmentalität dieser Parteifürsten, Standesauguren und anderer Partizipianten nimmt bisweilen groteske Formen an. Man nimmt mit aller Entschlossenheit, was zu nehmen ist. Eine Haltung die vielen nicht unbekannt sein dürfte und die in den letzten Jahrzehnten der entfesselten Bereicherungskultur deutlich zugenommen hat. Allfälliger Zugewinn an Wohlstand, freilich meist dem eigenen oder dem von gleichquotierten Spezies, wird dann allerdings und in höchstem Masse unverschämt dem „Volkseinkommen“ und, selbstlos, auch noch der Arbeit der Partei gutgeschrieben. Bei diesem erschreckendne Mangel an Einsicht und der Kolonialisierung der Politik durch Banken, Wirtschaftsunternehmen und Verbände gepaart mit einer Verselbstständigungstendenz gegenüber der mühsamen Wählerschaft und deren nicht mehr verstandenen Interessen muss die viel gepriesene Demokratie zwangsläufig als grosse Verliererin auf der Strecke bleiben. Der Staat tritt in eine Legitimationskrise und der Wähler driftet derweil in einen Zustand politischer Desillusionierung. Wie anders ist es wohl zu erklären, dass 2 bis 3 Milliarden für die Invalidenversicherung ein Tabu, 65 Milliarden für eine Grossbank hingegen Pipifax sind? „Politik ist die Gesamtheit aller Aktivitäten zur Vorbereitung und Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher und/oder am Gemeinwohl orientierter und der ganzen Gesellschaft zugute kommender Entscheidungen.“ (Thomas Meyer). Die weit um sich greifende, aber zutiefst verständliche Verachtung für Politiker jeglicher Couleur durch das Volk führt zu Politmüdigkeit, Abstinenz bei Entscheidungen (lausige Wahlbeteiligung) und wachsender Manipulationsfähigkeit durch selbsternannte „Volksparteien“ und deren Exponenten. Diese besorgniserregende Entwicklung widerspricht der demokratietheoretischen Idee, dass ein steter Austausch und eine gewisse Durchlässigkeit zwischen uns, dem gemeinen Volke, und den in unserem Auftrag handelnden Politikern und Politikerinnen stattzufinden hat. Dies merken wohl vor allem

Wie anders ist es wohl zu erklären, dass 2 bis 3 Milliarden für die Invalidenversicherung ein Tabu, 65 Milliarden für eine Grossbank hingegen Pipifax sind? junge Leute, deren Engagement in Politik und Umweltgruppen sich immer weniger auszahlt. Eine Entmachtung oder zumindest Entflechtung der politischen und wirtschaftlichen Klasse tut deshalb dringend Not. Dazu nötig wäre aber ein rapider und vor allem radikaler sozialer Wandel, eine Revolution notabene, aber die frisst ja bekanntlich ihre Kinder. Tritt, wir begeben uns mal ins Reich der Utopie, tritt also jemals ein Amtsträger aus dem Elitenprojekt aus, meist nicht freiwillig, so ersetzt ein Elitärer den anderen, eine klassisch-paretianische Zirkulation der Eliten. Für diejenigen, die es nicht verstanden haben: Ali Baba ist tot, die 40 Räuber haben überlebt. Die Partei achtet dabei peinlichst darauf, den Sessel unbeachtet jeglicher Qualitäten tunlichst in den eigenen Reihen zu halten. Deutlich zu sehen in den Wahlen zum Bundesrat, wenn zum Beispiel ein ehemaliger Bauernpräsident gewählt wird, für welches Ressort auch immer. Auch wenn die Vergangenheit gezeigt hat, dass sich der eine oder die andere den Anforderungen des Amtes fachlich wie persönlich kaum gewachsen gezeigt hat. Die Liste der Unzulänglichkeiten ist lang. Schuld sind am Schluss wir alle. „Politik (ist) der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringende Kampf der Klassen und ihrer Parteien, der Staaten und der Weltsysteme um die Verwirklichung ihrer sozialökonomisch bedingten Interessen und Ziele.“ (Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, 1969: S. 340). Eine gerechte, pluralistische Gesellschaft ist leider wohl kaum realisierbar. Sämtliche politischen Systeme haben als einzelne versagt. Aristokratie, Autokratie, Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie, Stratokratie und die Diktatur des Proletariats als Melange wären wohl die Lösung. Wobei wir beim nächsten Problem wären: Wie viel von jeder Staatsform hätten Sie denn gern? D

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city nights

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Bild von Christian Schwarz www.christianschwarz.ch

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prosa

Der Einbruch Von Urs Mannhart*

Neulich, ich war kurz in der Stadt und hatte wieder einmal vergessen, die Haustür abzuschließen, kam ich nach Hause, parkte mein Rad im Unterstand, nahm die Einkäufe aus dem Korb und fand einen Einbrecher in meiner Küche. Es war ein junger Mann, er zeigte sich sehr erschrocken. Ich aber auch, mein Herz klopfte wie wild, ich fühlte augenblicklich einen heftigen Druck an den Schläfen, wie bei einem Migräneanfall, auch spürte ich eine heftige Anspannung in meinen Beinen, gerade so, als hätten sich sekundenschnell Tausende von Krampfadern gebildet, und momentweise durchliefen mich kalte Schauder. Fassungslos stand ich dem jungen Mann gegenüber, eine ganze Weile. Zu meiner Verblüffung stand auch er völlig reglos. Er hatte einen etwas trüben Blick, wie mir schien, und hohlwangig war er, unsorgfältig rasiert, vielleicht 25-jährig. Alles in allem machte er mir einen etwas mangelernährten Eindruck. Ich versuchte, nach dem ersten Schock zu einer Vernunft und einem sinnvollen Vorgehen zu finden, stellte aber fest, dass ich ein Argumentarium, wie ich es mir in meinem Berufsleben anzulegen angewöhnt hatte, zu schreiben keine Zeit haben würde. Gewisse Anteile in mir wollten fluchen, andere wollten diesen jungen Mann tätlich angreifen, nochmals andere wollten schlicht und einfach flüchten, aber ich wusste nicht, wie ich mit diesen divergierenden Inhalten hätte umgehen können und mein Herz raste und ich dachte an meinen Arzt, der mir das langsame Radfahren durchaus empfohlen, von jeder übermäßigen Anstrengung aber dringend abgeraten hatte und ich dachte an die Krampfadern, die sich womöglich in diesen Minuten tatsächlich in meinen Beinen einnisteten. Sonderbarerweise machte der Einbrecher keinerlei Anstalten, sich rasch aus meinem Haus zu entfernen. Auch trug er offenbar kein Messer, keine Waffe auf sich. Er bedrohte mich nicht, auch schien er – das stellte ich fest, indem ich meinen Blick durch die von der Küche aus einigermaßen absehbare Wohnstube schweifen ließ – noch keine Einrichtungsgegenstände demoliert zu haben. Dass er so provokativ stoisch vor mir stand und dass er mich nicht überwältigen wollte und in keiner Art gewaltbereit schien, machte ihn mir umso verdächtiger. Ich sagte im Stillen zu mir: Du stehst in deiner Küche, er aber in einer fremden, du weißt besser als er, wo die langen Messer sind. Ich dachte das, fühlte aber sofort, dass ich nicht ohne Weiteres in der Lage sein würde, das verkrümelte Brotfach, das, wie vieles andere in der Küche auch, noch meiner Ex-Frau gehörte, zu öffnen, um dort zum langen Brotmesser zu greifen, mit dem meine Ex-Frau nicht nur das Brot zu schneiden, sondern auch den Kräuter-KnoblauchPhiladelphia-Streichkäse auf dem Brot zu verteilen pflegte, so dass immer wieder Streichkäsereste am Brotmesser

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hängen blieben, was mich vor allem deshalb ärgerte, weil es mir, obwohl es mich sehr ekelte, zu kleinlich erschien, um in ernsthafter Weise beanstandet zu werden. Es gibt ja gewisse Eigenheiten, die mag man auch nach fünf Jahren Ehe nicht bloßlegen. Gut, dachte ich, vorerst brauche ich vielleicht kein Messer, noch bin ich nicht in der Situation, Notwehr begehen zu müssen. Mit einem Mal stellte ich fest, dass ich noch immer meine Einkaufstüte in Händen hielt. Sofort verblüffte mich, dass sie mir im ersten Erschrecken nicht zu Boden gefallen war. Das war doch ein Beweis meiner Charakterstärke: Nicht einmal ein Einbrecher konnte mich so erschrecken, dass ich die Kontrolle über meine Einkaufstüte verlor. Charakterstärke war vielleicht nicht das richtige Wort, es musste sonst etwas sein, das positiv konnotiert ist, und plötzlich wünschte ich mir, meine zukünftige Geliebte würde mich nun beobachten können,


prosa

Einkäufe: ich sah Blauschimmelkäse, etwas aufwändig verpackt, wie mir nun schien, sah das biologische Olivenöl, die getrockneten, aber nicht entsteinten griechischen Oliven, das Weißbrot aus der Bäckerei mit der unfreundlichen Verkäuferin, die ich genau deswegen aber sehr mochte, und ich sah die knorrige, aber ungeräucherte Salami. Diese Salami hatte ich mir während Jahren nie gekauft, eigentlich ohne zu wissen, weshalb; fast schien es, ich hätte sie vergessen, um sie dann, nach der nervenaufreibenden Scheidung von meiner zweiten Frau, umso inniger wiederentdecken und alle drei, vier Tage neu kaufen und genießen zu können, so dass mir im Geschmack jener Salami auch immer das Arom eines endlich überwundenen Beziehungskonfliktes mitschmeckt. Aber ich durfte jetzt nicht an Salami denken, ich hatte ja einen Einbrecher in der Küche stehen, das durfte ich nicht vergessen.

wie ich mich in dieser überaus unvorteilhaften Situation total überlegen und abgeklärt verhielt. Ich wusste nicht, wer meine künftige Geliebte sein würde, aber es war schade, dass ich von dieser Geschichte dereinst wie von einem lange schon bestandenem Abenteuer würde berichten müssen. Dennoch: der Gedanke an eine künftige Geliebte bestärkte mich zusätzlich, ich wusste, ich würde diese Situation meistern. Und ich wusste: Anlässlich der nächsten Supervision würde mich mein Therapeut mit zahlreichen Komplimenten bedecken. Das war ein schöner Trost, aber ich hielt noch immer diese Einkaufstüte im Arm. Unbewusst überblickte ich meine

Ich wagte erneut einen Augenkontakt, er sah noch immer so aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun, und ich wusste, genau darin bestand seine Gefährlichkeit. Ich würde gut daran tun, meine alberne Einkaufstüte loszuwerden, damit ich wenigstens beide Hände frei bekommen würde, auch wenn ich nicht wusste, welche Aufgaben sich diesen Händen noch stellen sollten. Um die Tüte auf die Ablage zu stellen, musste ich mich dem Einbrecher einen Schritt nähern. Ich tat es so unscheinbar wie möglich. Es ging trotz meines Nähertretens keine Regung über das Gesicht des Einbrechers, aber meine selbstbewusste, ja rücksichtslose Handlung verlieh mir ein Gefühl der Überlegenheit. Ich wusste, ich würde meinen Willen durchsetzen, ich würde als Sieger aus diesem Konflikt hervorgehen. Sogleich fasste ich Mut zur nächsten Tat: Ich griff in meine Sakkotasche, holte das Telefon hervor und wählte die Nummer der Polizei. Just in dem Moment kam mir ein anderer Anruf zuvor; es war Jochen von unserer juristischen Abteilung, ein ehrgeiziger, pedantischer, schon seit Jahren unter Schlafstörungen leidender Mitarbeiter, der nicht wusste, wo sein Pflichtenheft anfing und wo es endete, der Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Überstunden angehäuft hatte, der deswegen allen im Ohr lag, obwohl ich sicher war, dass er sich längst selbst eingestanden hatte, mit arbeitsfreier Zeit nicht umgehen zu können. Ja, das war Jochen, jetzt hatte ich ihn am Apparat, er räusperte sich einige Male, wie er es immer tut, wenn er ein Gespräch zu führen hat und nicht weiß, wie er es beginnen könnte, und als er seine Räuspereien fertig hatte, sagte er, er habe eine Anmerkung zur morgigen Sitzung des Verwaltungsrates zu machen. Ich aber sagte ihm, ich sei gerade unpässlich und legte auf. Irgendwie war ich erstaunt, dass der junge Mann in meiner Küche nach dieser Unterbrechung noch immer vor mir stand, seine ganze Gegenwart erschien mir jetzt dermaßen absurd, es hätte mich nicht verwundert, wenn er sich inzwischen in Luft aufgelöst hätte. Hatte er aber nicht. Er stand noch immer vor mir, drei vier Meter mussten es sein, die uns trennten, etwas eingeschüchtert wirkte er, aber auch ruhig, um nicht zu sagen ausdruckslos. Ich bemerkte nun seine unmodischen Schuhe, es waren die Schuhe eines Sekundarschülers, wie mir schien, ein qualitativ mangelhaftes Produkt aus zweiter Hand; beim einen Schuh waren außerdem die

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Schnürsenkel offen. Du darfst jetzt nicht über diese Schnürsenkel nachdenken, ermahnte ich mich, und stellte beruhigt fest, dass ich Lust hatte auf ein Schimpfwort. Allerdings wollte ich auf die Intimität des Sprechens gerne verzichten, dieser unverschämte Kerl hatte es nicht verdient, dass mit ihm überhaupt gesprochen wurde. Erneut wollte ich die Nummer des Polizeipostens wählen, da erblickte ich auf dem Display meines Telefons eine Blutspur, nicht sehr deutlich, aber ganz frisch. Das irritierte mich. Ich fühlte keinerlei Schmerz und verstand nicht, wie es dem Einbrecher gelungen war, mir eine Verletzung zuzufügen. Dann entdeckte ich ein vorstehendes Häutchen gleich in der Ecke über dem Nagel meines Daumens, auf einer winzigen Fläche war die Haut aufgerissen, es blutete leicht. Ich war sicher, das hatte mit meiner neuen Geldbörse zu tun. Diese verfügte nämlich in jenem Fach, das sich für das Papiergeld eignet, über einen zwar fein eingearbeiteten Reißverschluss,

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den ich aber dermaßen unpraktisch finde, dass ich ihn immer geöffnet lasse, und der wieder und wieder dafür sorgt, dass sich meine Finger beim Herausklauben des Papiergeldes an den Zähnen des Reißverschlusses, na ja, nicht gerade verfangen, aber doch in unangenehmer Weise scheuern. Nur so konnte ich mir erklären, wie es zu dieser Verletzung hatte kommen können. Normalerweise und wenn ich mich nicht gerade wichtigen Geschäftspartnern gegenüber befinde, reagiere ich auf dergleichen Unglücksereignisse damit, dass ich mir den entsprechenden Finger in den Mund stecke. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass mich dieser mundfaule Einbrecher, dieser hundsgemeine Dieb noch viel mehr als die meisten Geschäftspartner zur Wahrung eines geradezu vornehmen Anstandes zwang, es war mir deutlich, ich konnte mir diesem Mann gegenüber keine Blöße geben. Also wählte ich mit blutendem Daumen erneut die Nummer der Polizei. Bald war ich in der Warteschlaufe, es konnte nicht mehr lange dauern, bis ich durchgestellt werden, bis Hilfe da sein würde. Wie ich reglos wartete, machte der Einbrecher unvermittelt einen Schritt auf die Ablage zu, ich wich erschrocken zurück. Meine Pupillen mussten meterweit geöffnet gewesen sein, als ich mitansehen musste, wie er zu meinem verchromten Mont Blanc-Füllfederhalter griff, ein Geschenk meiner ersten


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Frau, das ich in Ehren halte. Der Einbrecher löste den Deckel des Füllfederhalters sorgfältig ab und nahm sich eines der Notizpapiere, die bei mir überall zu finden sind, egal, wie ich mich auch bemühe, wenigstens in der Küche keine Büroutensilien herumliegen zu haben. Der junge Mann machte mich nervös, ich verstand nicht, was er im Sinn hatte, und genau in diesem Moment wurde ich durchgestellt. Eine freundliche Stimme grüßte mich; dass diese Stimme eine elektronische war, begriff ich nur zögerlich. Für eine Schadensmeldung, so das Tonband, für eine Schadensmeldung mit versicherungstechnischer Relevanz solle ich nach dem Signalton die Nummer Zwei wählen. Es erklang ein Signalton, und ich sah, wie der Einbrecher in einer ziemlich sorgfältigen, gut lesbaren Schrift etwas zu notieren begann. Für eine Zeugenaussage, so das Tonband weiter, zu einem bereits in Presse und Rundfunk veröffentlichten Delikt solle ich nach dem Signalton die Nummer Drei wählen. Es erklang ein Signalton, der junge Mann schrieb noch immer. Für einen neu zu erfassenden Gesetzesverstoß solle ich nach dem Signalton die Nummer Vier wählen; er schrieb ziemlich schnell und ohne aufzublicken, und sofort nach der Ansage drückte ich die Vier, danach hörte ich den Signalton, den ich wohl hätte abwarten sollen, denn bald schon meldete sich das Tonband wieder und fragte nach der Verfahrensnummer. Ich blieb stumm und stand diesem Einbrecher gegenüber, der wohl einen Droh- und Erpresserbrief aufsetzte. Noch einmal fragte mich das Tonband nach

der Verfahrensnummer, meine Beine zitterten, ich wusste keine Verfahrensnummer, ich war gescheitert im Versuch, die Polizei zu benachrichtigen, wagte es aber nicht, das Telefon vom Ohr zu nehmen, weil das meinem Gegner wie eine vorzeitige Niederlage hätte erscheinen müssen. Dann hatte der Einbrecher seinen Zettel fertig geschrieben und streckte ihn mir hin: Ich bin gehörlos & wir haben vereinbart, dass ich heute Ihr schönes altes Raleigh Tourist abholen komme, das Sie mir auf ebay verkauft haben. Es muss dem jungen Mann bis heute unerklärlich geblieben sein, wieso ich ihn sogleich stürmisch umarmt und gedrückt habe wie den eigenen Sohn, aber ich konnte nicht an mich halten und sah weder Grund noch Möglichkeit, meine Gefühlsregung zu unterdrücken. Ich sagte ihm, er solle sich setzen, ich müsse unbedingt aufs Klo, und es störte mich nicht, dass er das nicht verstehen konnte, ich war einfach nur glücklich, und während ich mit einer noch nie dagewesenen Erleichterung urinierte und alle Anspannung von mir abfallen sah, wusste ich, dass ich ihm einen großzügigen Preisabschlag gewähren und noch die halbe Salami und das Brot mit auf den Weg geben würde; ein Umstand, der wohl auch dafür verantwortlich ist, dass er jeweilen fast vom Rad fällt, wenn wir uns seither ab und an in der Innenstadt begegnen. D

*Urs Mannhart, geboren 1975, Schriftsteller und Velokurier. Lebt in Langenthal, schreibt Prosa und Reportagen. Zuletzt erschienen: Kuriernovelle oder Der heimlich noch zu überbringende Schlüsselbund der Antonia Settembrini. In: Velokurierbuch. Beiträge zu 20 Jahre Velokurier Bern. Bern: Verlag X-Time, 2008.

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we got the blues

James Lewis Carter Ford

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we got the blues

T-Model Ford. Ein Erfolgsmodell als Vehikel zur Flucht aus dem Gefängnis der Realität. Ein Ausbruch nicht nur aus dem Raum (Forest, Mississippi), sondern auch aus der Zeit (1920?), in die er, ohne sein Zutun, hineingeboren wurde, der Zeit, in der die Stämme der Vereinigten Staaten von Amerika sich auf dem Kriegspfad befanden. Im stickig heissen Klima des Mississippideltas wütete der Rassenhass wie sonst nur das Sumpffieber.

Text und Bilder von Oliver Schramm

Diese Hände. So warm und weich. Die Hände eines Mannes, die als Blue Collar Worker über 20 Jahre im Stundenlohn jede qualifizierte und unqualifizierte Arbeit angenommen und erledigt und die das Messer gegen den Hals eines Mitmenschen geführt und die Tat in einer Chain Gang in Frenton, Tennessee, abgebüsst haben. Sinner and Saint. Diese Hände. So warm und weich. Die Hände eines Mannes, die später Lastwagen lenkten und endlich, mit 58,

ihre Bestimmung am Hals einer Gitarre fanden. T – Wie lange hast du gebraucht, um die Gitarre zu spielen? Eine halbe Woche. Es ist doch so einfach wenn du dein ganzes Leben

die Musik von Muddy Waters, Howlin Wolf, Arthur „Big Boy“ Crudup und Blind Lemon Jefferson mit dir rumträgst. Hattest du je den Blues? I never had the blues but I gave the blues to the people.

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we got the blues

Du bist 89 Jahre alt und kannst weder lesen noch schreiben. Wie hast du den Wandel dieser Welt seit den 20erJahren des letzten Jahrhunderts erlebt? Es ist wahr, ich kann nicht mal meinen Namen schreiben. Als Analphabet habe ich eigentlich nicht viel mitbekommen, obwohl, ich habe gelernt, Bilder zu lesen. Vieles, was ich sah, war trotzdem schwer oder kaum zu verstehen. Als Vater von 28 Kindern (T-Model Ford war fünf Mal verheiratet) wird die Welt allerdings sowieso klein, vor allem, wenn man nie wusste, wo das Geld herkam. Ich war und bin halt immer noch ein „Ladies Man“. Man muss auch nicht immer alles wissen, was auf dieser Welt passiert, mit meiner Welt bin ich zufrieden. Trotzdem hast du in Mississippi die Zeit der Rassentrennung und der Diskriminierung miterlebt. Wie ist dein Verhältnis zu uns Weissen? Die Weissen haben mich eigentlich immer besser behandelt als meine schwarzen Brüder. In jungen Jahren bin ich sehr oft in Konflikt mit dem Gesetz gekommen. Ich war praktisch jeden Samstagabend im Knast (lacht). Die Siedlungen von uns Schwarzen waren schon lange nicht mehr Wohnort oder Lebenswelt, sie waren das Territorium unruhiger, gehetzter Träume, unser

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we got the blues

Zuhause. Dieser Krieg fand unter Ausschluss der weissen Öffentlichkeit statt. Diese Augen. So warm und weich, sie haben ihr Feuer noch nicht verloren. Schwer brütet noch immer die heisse Sumpfluft auf der Seele des alten Mannes. Erzählt von alten Zeiten, von vergessenen schwarzen Habenichtsen am Rand der sozialen Gesellschaft. Aber anders als in der heutigen düsteren Glücksseligkeit der Ghettos, wo Crack regiert und ganze Viertel Nacht für Nacht im Drogenwahn vom Hyperhigh in Paranoiakrater donnern, regierte damals der Blues. Crack ist der grosse Gleichmacher, der gemeinsame Nenner der Zerstörung. Blues war die Religion, der Tranquilizer. T-Model trägt seit einem Jahr einen Herzschrittmacher. Während unseres Gesprächs trinkt er zwei Jack Daniels ohne Eis und spricht mich mit „my son“ an. Seine letzte

Veröffentlichung hiess „Jack Daniel Time“. Beim Gespräch sassen noch sein Management und sein Schlagzeuger Marty Rensell am Tisch. Ich wurde die ganze Zeit den leisen Eindruck nicht los, dass T-Model Ford, mit allem Respekt, mit dem er von beiden behandelt wurde, kaufmännisch Opfer seiner fehlenden Schulbildung, also über den Tisch gezogen wurde. Aber das ist meine persönliche Meinung. Das Gespräch und die Eindrücke entstanden anlässlich eines Konzerts im legendären Zürcher El Lokal. Der Chickenhead Man spielte auch an diesem Abend eine Mischung aus Chicago Blues, Juke Joint Blues, rauem Delta Blues, Tränenlieder, bei denen man nicht weinen darf und seventies Punk. Im Publikum fanden sich etliche lokale Exponenten aller wichtigen Musikströmungen der letzten fünf Jahrzehnte. D

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lokalgut

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„Fussball wie noch nie!», brabbeln viele am lokalen Curva Süd-Tresen. Und sie meinten den FC Züri; die an der Curva Nord, denen sie den Hardturm unterm Füdli weggerissen haben, träumen vom Grasshopper-Club anno Kubi und der Liga rundum: Champions, Zweiter, Dritter und manchmal sogar Vierter – und nun in schwerer See im Niederhaslimoor unten angelandet. Schön war er, der Sommer, auch wenn noch etwas stolprig und noch nie so richtig eintrudeln konnte. Mit der Fussballpause, der viel zu kurzen. Und dazwischen die WM-Generalprobe in Downtown Jo›burg und Südafrika: untermalt von PlastiktrööÖten, lauthals wie gaga gewordener Wespenschwärme und rasendwilde Elefantenstampede zusammen, Vuvuzelas! “Der Affe wird durch viel Krach erlegt.“, heisst ein altes afrikanisches Sprichwort. „Let’s VUUUH!“. Und die Wespis wundern sich. ... Es fliegen die Euros ungedeckt, derzeit. Hektisch. Abermillionen. Nur: Wer sagt, ausser dem Kontokorrent, dass Ronaldos Grosshirnride mehr graue Nervenzellen drauf hat als die gemeinsame

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der Degen-Twins? Es gab unaufgeregtere Tage. Damals. Ruhigere. In unserem Lieblingsfussballfilm beispielsweise: Stumm fängt es an. Georges Best hat den linken Fuss auf den Ball gesetzt, die Hände in die Hüften gestemmt. Ein Denkmal. Der Spieler sprintet. Ins bewegte Bild hinein knallt der Ton: Anfeuerungsrufe, Gesänge, der Krach von Old Trafford, the roar, das Gedröhn, die Geräuschkulisse. Was ist Fussball? Ist er gut, dann ist er ein Aufschrei, der mindestens bis in die 93. Minute dauert. ... „Verfolgt von einem halben Dutzend Klopper und Treter schwebte Best, die Gesetze der Schwerkraft missachtend, mit dem Ball am Fuss über den schlammigen Boden; jede vergebliche Grätsche wurde Teil der wundersamen Choreographie. Fussball verwandelte sich in einen Tanz, der einem das Herz erwärmt.“ (Financial Times) George Best hat Schnauz und Bart und

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lange Haare, nein, nicht wie die Beatles und die Stones, sondern wie George Best. Er imitiert niemanden. „Best is the best“, sagte Pelé. Best, die legendäre Nummer 7 von Manchester United. Europäischer Fussballer des Jahres, im speziellen 1968. Ausser Fussball zwei weitere Interessen: Schnaps und Frauen. George Best: «Alle sagen, ich hätte mit sieben Miss Worlds geschlafen. Dabei waren es nur drei.» Best wird zum Popidol, die Beatles teilen mit ihm die Stammkneipe, die britische Independentband «The Wedding Present» (remember deren Lokalkonzert anfang zer09?) widmete Georgie ihr Debütalbum. In den wilden 60ern gab es einen «kleinen Godard»: Hellmuth Costard, einer der berühmtesten Protagonisten des «Anderen Kinos.» Zu seinen herausragendsten Leistungen gehörte ein sprechender erigierter Penis, mit dem Costard 1968 die Kurzfilmtage von Oberhausen sprengte. Und selbstverständlich der Film „‹Fussball wie noch nie›, in dem die Kamera während dergesamten Länge eines Fussballspiels den britischen Spieler George Best beobachtet“ (Wikipedia). „Dieser Film von Herrn Costard ist sportlich inhaltslos und für den Fussballfachmann eine beleidigende Aussage über die Aufgaben eines Spielers im Spiel. Fussball so gesehen kann jeden Reiz auf das Fernsehpublikum verlie-


lokalgut

ren. Ein verzerrtes Bild bietet dieser Film, dem Gegner, Tore, Kombination und Strafraumszenen abhanden gekommen sind. Ein wirklich ungewöhnlicher Film des Herrn Costard, an dem lediglich die Spielzeit und das Resultat stimmen.“ (Jupp Derwall, ehemaliger und wohl einziger erfolglos gebliebener Bundestrainer). Der erfolgreichere, weil 1954-Weltmeister mit „elf Freunde sollt Ihr sein...“, Sepp Herberger, meint hierzu: „Der Best ist ein Spieler, der es sehr versteht, auf engstem Platz Ball und Gegenspieler zu beherrschen, er ist ein Dribbler, der tolle Einfälle hat. ..., der weniger durch schnelle, rasante Flanken auffällt, als vielmehr dadurch, dass er eine Station nach der anderen nimmt. ... Also, er ist ein Weltklassemann.“ Was ist Fussball? Ein Kampfspiel, das jeder kennt, fast jeder. Manchester United – Coventry: 90 Minuten Dauer, perfekte Spielfilmlänge: Acht Kameras folgen nicht dem Ball, sie folgen George Best. Ihnen entgeht nichts, sie registrieren jede Bewegung, die langen Phasen des Wartens auf den Ball, die rasanten Sprints, die abrupten Stopps. Best vor, Best zurück. Best wartet, guckt, rennt, wartet. George Best wird gedeckt, stellt sich frei, nimmt dem Gegner den Ball vom Fuss, verliert den Ball, holt ihn sich wieder, geht zu Boden und rollt wie ein sturzgewohnter Jockey über die Schulter ab, schlägt Haken und zeigt Hackentricks, Akrobatisches. George Best geht, wenn er geht, nicht gemessenen Schrittes; er geht einen Deut geduckt, wie ein Jäger auf der Pirsch, die Fährte des Balls witternd. Costards Film führt vor, wie mühsam es für einen Spieler ist, Anschluss an den Spielverlauf zu finden, wie selten selbst ein Ausnahmespieler wie Best in Ballbesitz gelangt. Aber auch, dass ein paar genaue Pässe und überraschende Spielideen reichen, um ein Spiel zu drehen.

„Auf unbewusste Weise brachte George Best die jugendliche Spielund Lebensfreude, die diese Ära in der Rückschau so besonders machen, zum Ausdruck. Er packte den Zeitgeist, der gerade im Begriff war, London zur wichtigsten Stadt der Welt zu machen, bei den Hörnern und spielt ihm frech den Ball durch die Beine. Sein Auftritt, der die Selbstsicherheit dessen, der einfach weiss, dass er über Klasse und Charisma verfügt, mit rotziger Aufmüpfigkeit gegen tausend bisher nicht hinterfragte Konventionen paarte, war der vielleicht erste zaghafte Ansatz, die Subkulturen des Fussballs und des Pop zueinander finden zu lassen.“ (11 Freunde Nr.51, Februar 2006). Was ist Fussball? Aus der Totalen betrachtet ist er Ballett. Aber der immer und neunzig Minuten ewig vereinzelte George Best macht allein keinen Reigen. Dass er auch ohne Mannschaftskorps nicht nur tänzerisch wirkt, sondern tänzerisch ist, nicht bloss leichtfüssig, nun, das beweist denn doch: Er war und ist der beste Aussenstürmer der Welt. «Costards Film ist als ein einzigartiges Dokument in die Filmgeschichte eingegangen. In der späteren Bearbeitung wurde daraus ein Film, der noch heute auf Festivals läuft.» (Der Tagesspiegel). «Das kann Costard nur wieder gutmachen, indem er einen 90-MinutenFilm über das Verhalten eines Torpfostens während eines Fussballspiels dreht - aber bitte ohne Pfostenschuss, sonst wird es schon wieder spannend.» Wenn man so in die Teleclub-Supergürkenliga mit den Herren Fritschi/Fetscherin schaut, dann wäre eine solche kommentarlose Übertragung willkommen und würde das hölzige Gekicke aus Basel, Aarau, Bellinzona und Züri vergessen machen. Und: den Kunstrasen meidet der Dandy. George Best dribbelt seit dem 25. November 2005 im Himmel oben. Die nordirische Ulster Bank Limited druckte einen neuen 5-Pfundschein mit dem göttlichen George Best drauf! Er war ein Trinker, ein Lebemann, ein Popstar und Unser Aller Oberdandy Oliver Schramm stimmt dem wohl zu: DER Dandy vor dem Herrn – und ein begnadeter Fussballspieler. George Best hat das Leben mit beiden Händen gepackt und sich manchmal dabei vergriffen. So packte das Leben ihn. Aber die Welt wird ihn

als einen der originellsten Spieler in Erinnerung behalten.»Was für ein Idiot!», sagen manche immer wieder über George Best. Und wenn man sich seine Lebensgeschichte vor Augen führt, dann ist da vielleicht auch was dran. Allerdings teilen nicht alle diese Ansicht: Zum einen die Fussballästheten und zum anderen diejenigen, die ihn persönlich kannten. «Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. ... Den Rest habe ich einfach verprasst.» (George Best ). «1969 habe ich das mit dem Alkohol und den Frauen aufgegeben. Es waren die schlimmsten zwanzig Minuten meines Lebens», sagte er einmal. Es ist einer der Sprüche, für die er berühmt war. Der beste Satz über ihn stammt aber von seinem bemitleidenswerten Gegenspieler Graham Williams: «Zeigt mir endlich mal ein Foto von dem Kerl, ich habe immer nur seinen Arsch gesehen.» Auch diesen Blickwinkel setzt Costard bemerkenswert um. Georgie Best. Das ist Fussball! Unser Lieblingsspieler ever. Auf dem himmlischen Campo schlägt er nun wunderbare Flanken noch und noch. Unser Ruti selig hat bis jetzt von seinen Vorlagen, und das ist auch nicht neu, noch keinen Ball, geschweige den das Goal getroffen. Aber es gefällt ihm, denn sonst wäre er uns längst wiedererschienen. Und mit ihm George Best: der hätte Freude an seiner eigenen Banknote. Und Runden würden sie bestellen. Ruti und Georgie. «Eis näm mer no!» Immer wieder. R.I.P. D

*Zusammengetragen aus dem DVD-Begleitbüchlein und aus dem worldweiten Nezz gefischt von Viktor Bänziger, Z.v.V.: Züri viel Verein! „George Best in Fußball wie noch nie“ - von Hellmuth Costard, 1970/71 (11 Freunde Edition) - unser lokales Exemplar ist von Zweitausendeins. By appointment of el museo lokal!

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mann+velo

Das ultimative Dandy Bike Fretsche Mitbegründer Thomas Neeser fertigt in Handarbeit u.a. diesen Bubentraum. Fretsche betreibt Edelrecycling und verwandelt gebrauchte Dreigänger in individuelle Fahrräder mit neuen Rahmenformen. Idealerweise sind diese, durch die eigene Biografie, bereits eng mit den BesitzerInnen verbunden. Die Velos werden dekonstruiert und die Fragmente in eine neue Form integriert. Während durch Metamorphose eine neue Identität entsteht, lebt die alte Identität in hybrider Form weiter…D

http://www.fretsche.ch/velos.html 34 Dandy Magazine #2 winter 2009/2010


radsport

Just 4 Chicks

Von Walter Aeschimann

Cancellara, vom Chickischen in die Deutsche Sprache übersetzt, bedeutet löschen. Aldag bedeutet Alltag, Augé = Auge, Basso = passt schon, Boonen = Bohnen, Casagrande = grosses Haus, Cippolini = Zwiebel (Anmerkung der Red.: das war jetzt wirklich leicht), ich freire = ich friere, Zberg = Zwerg oder Berg, Dekker = Decke, Henn = Henne, Kirchen = Kirche, Hinault = hinauf, usw. Es lohnt sich durchaus, ein paar weitere Idiome bereitzuhalten.

wegen Body-Guards bekommen, in § 9. musst du Colnago für eine Zahncreme, EPO für eine baskische Untergrundorganisation und Hein Verbrueggen für einen niederländischen Fussballspieler halten oder unter § 11b. sollte es beim Liebesspiel mit dem Freund zumindest einmal passiert sein, dass du den Namen deines Hasis (Anmerkung der Red.: Hasi = Lieblingsradrennfahrer) anstatt den deines Freundes leidenschaftlich herausgebrüllt hast.

Chickisch ist die Sprache der Chicks in der Chickenzone auf dem Internetportal www.cycling4fans.de. Weil Chicks nicht nur ein spezifisches Verhalten, sondern auch mit einem eigenen Wortschatz ausgestattet sind, rief Oberchick Svenja das „Chick-Wörterbuch“ ins Leben, weil, wie sie sagt, „bei unserem Vokabular steigt man ja sonst kaum noch durch“.

Unter Chicks-Polls sind denn auch ein paar dieser Hasis aufgelistet, deretwegen ein echtes Chick in Ohnmacht fällt, beispielsweise Ivan Basso, den Lina für den schönsten Fahrer im gesamten Fahrerfeld hält, weil er so schöne Augen hat, ein süsses Gesicht, Geheimratsecken, die so gut passen und ein „schnieke“ Hintertteil: „the sexiest man alive ... zu schön für diese Welt.“ „Boonens Mädchen“ schwärmt hingegen, wen wundert es, von Tom Boonen. „Er hat das göttlichste Lächeln, das ich kenne. 1,90 m, Lächeln und Grinsen, das viel verspricht, einen Körper, der Frauen zum Stöhnen bringt. Hinterteil? 100% perfekt. Zum schon von Natur aus geilen Hinterteil eines Radfahrers kommt hier der ‚nicht zu gross – nicht zu klein-Bonus’: runde Formung, ohne nach Frau auszusehen. Und, um den männlichen Lesern sonst noch Interessantes von der Innenwelt weiblicher Radsportfans preiszugeben, sei hier ein Gedankenprotokoll von Anne publiziert, Gedanken kurz vor dem Etappenstart an der Tour de Suisse 2001, als Alex Zülle mit einigen Kollegen in einem VIP-Zelt sass und dort umsichtig von einer jungen Dame betreut worden war. Aus Gründen des Jugendschutzes sind einige Passagen zensiert: „Alex, jetzt beweg› endlich deinen *** hier rüber, wie lange soll ich denn noch warten, ich steh› hier schon seit Ewigkeiten. Mein Gott, wie lange dauert denn das? Und warum sitzt eigentlich diese mega*** Tussi neben ihm?! Was heisst hier sitzen, auf die Pelle rücken trifft›s wohl eher… Ver*** dich, du *** . Scheint so›ne VIP-Betreuerin zu sein, dass nutzt diese *** natürlich schamlos aus. Be*** Weibstück, hör› bloß auf, meinen Alex so dumm anzumachen! Und wie die ihn anschmachtet, nicht auszuhalten… Ey du ***, wenn du meinen Hasi nochmal mit deinen lackierten Krallen betatscht, komm› ich rein, ist mir ***egal, ob dieser Verschlag ein VIP-Zelt is› oder nich ‹ und dann ***…“

Hier, auf diesen rosa Seiten, dem Tummelplatz für echte Chicks, wo Diskussionen über Technik, Etappenprofile und taktisch kluge Fahrweise nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben, wo auch auswendig gelernte Statistiken über die Erfolge und Niederlagen von Radprofis wenig zählen, wo nur hemmungslose Hingabe, psychotische Kreisattacken und das Wissen, dass die „Schatzis, Schnuckis, Hasis und Herzchen (Anmerkung der Red: = Radprofis) einen mindestens genauso lieben, wie man selbst sie liebt, etwas gilt, hier also wird über die Zerrissenheit weiblicher Radsportfans referiert, werden Oden gedichtet für all jene, die Cipollini für eine Nudelsorte halten oder ganz einfach den männlichen Kollegen ( = „Chicks with Dicks“) beigebracht, wie weibliche Radsportfans funktionieren: „Wir Frauen pirschen uns also durch die Radszene mit dem Ziel, ins Fahrerlager zu gelangen. Das ist für Dich als männlichen Radsportfan wahrscheinlich auch nichts Neues, denn auch Du bist am Liebsten im Fahrerlager. Unsere Gründe sind allerdings verschieden. Du interessierst Dich für das Zeitfahrrad vom Canellara, den Trinkflaschenhalter vom Cipollini und die Übersetzung vom Armstrong. Wir hingegen interessieren uns nur für Cancellara, Basso und Armstrong. Genauer gesagt für das, was da so nett unter ein wenig Trikot verpackt ist. Nicht, dass Du uns nun falsch verstehst, männliches Wesen: Wir besitzen tatsächlich auch radsportliches Wissen und können Colnago von Colgate unterscheiden. Weht uns beim Betreten des Fahrerlagers die erste Briese Massageöl um die Nase, fällt aber bei uns ganz automatisch der Schalter um und wir springen in den Glotz-KicherGrabsch-Modus. Diesen Modus solltest Du kennen (Playboy Seite zehn).“ Wer sich zum Chick-Dasein berufen fühlt und in den Chicken-Club aufgenommen werden will, darf sich weder für Erfolge oder sonst irgendwelche sportlichen Dinge der Fahrer interessieren – Ausssehen, Popularität und Kontostand sind für Chicken die allerwichtigsten Beurteilungskriterien. Schon unter § 2. muss du in der Lage sein, mindestens 50 Profis nur an ihren Hintern zu erkennen, unter § 7. muss nachgewiesen sein, dass die Kussmädels von den Siegerehrungen deinet-

Wer jetzt loslegt, um ein Radsport-Chick oder ein RadsportChick-Versteher zu werden und als erstes Chickisch lernt, sollte eines nicht vergessen: Beim lernen von Chicken-Vokabeln ist es verpönt, einen Spickzettel zu benutzen. Es ist alles ganz Isidro! Alles Klier? Basso! Die Internetseite www.cyling4fans.de ist übrigens auch ausgezeichnet dokumentiert über historisches oder dopingtechnisches aus der Radsportszene. Mann findet dort natürlich auch, dass Fabian Cancellara im Land der Berge die Tour de Suisse 09 gewonnen hat (!), beim Zeitfahren (!) an der Weltmeisterschaft in Mendrisio sich schon 150 Meter vor dem Zielstrich zur Siegerpose aufgerichtet (!) hat oder dass die französische Anti-Doping-Angentur im Oktober mit Nachtests von Kontrollen der Tour de France 2008 beginnen wird. D

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hobby

Scheinbar mühelos hüpft Leslie auf dem Hinterrad am Ort und lässt den fetten 20-Zoll-Vorderreifen in der Luft tänzeln, fixiert mit konzentriertem Blick die Kante der gut 130cm hohen Mauer und sucht die ideale Position für den Sprung. Dann geht er auf den Pedalen blitzartig tief in die Knie, quetscht den Hinterreifen fast bis zur Felge zu Boden, schnellt mit einem mächtigen Ruck nach oben und zack! steht er grinsend auf der Mauer.

Die

Text und Bilder von Felix Traber

der

Biketrial ist die Königsdisziplin der Velobeherrschung, ein Spiel mit Gleichgewicht, Impuls und Reifenhaftung. Nicht Speed und Streckenzeiten zählen, sondern totale Kontrolle über das Bike, nicht Zähigkeit und Ausdauer führen zum Ziel, sondern Mut, explosive Schnellkraft und

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Selbstsicherheit. Wettkämpfe werden in sogenannten Sektionen ausgetragen, in denen es gilt, Hindernisse wie Felsbrocken, Baumulden, Baumstämme oder Schrottautos zu überwinden– höchstes Gebot ist es, mit dem Fuss den Boden nicht zu berühren. Die Bikes sind rund 9 Kilo schwere Eingänger mit sensibel reagierenden Scheibenbremsen und superbreitem

Lenker – Sattel gibt’s keinen. Wozu auch? Velotrialisten sind sozusagen die Dandys der Schwerkraft: Sie machen sich spielerisch die Gesetze der Physik zunutze, um den Zwängen der Gravitation ein Schnippchen zu schlagen. Wo ein Wille ist, ist eben auch ein Weg für zwei Räder. „Das Velo wird zum Teil des Körpers. Ich fahre damit Passagen,


hobby

Dandys t f a r k r e Schw die man zu Fuss nicht schaffen würde“, sagt Leslie. „Klar brauchts manchmal Überwindung, aber man blendet halt aus, dass es runter geht und schaltet den Tunnelblick ein. Man muss an sich selbst glauben und den Kopf frei haben.“ Der 20-Jährige fährt seit sieben Jahren im Velo Trial Club Zürich, dem grössten seiner Art in der Schweiz. Angefangen hat er, „weil ichs cool fand, wie die rumhüpfen“, 2007 war Leslie

Junioren-Schweizermeister und zählt heute zu den Top Ten der Schweizer Szene. Zudem fährt er im BikeshowTeam seines Trainers, des achtfachen Champions und Vizeweltmeisters Roger Keller. Und wenns ihn und seine Kumpels mal wieder juckt, vergnügen sie sich mit wilden Ritten und halsbrecherischen Stunts an der Seepromenade oder im Niederdorf. „Man darf sich

aber nicht erwischen lassen“, grinst er. „Ich hatte bisher Glück, doch einige Kollegen haben schon happige Bussen abgedrückt.“D

Youtube: lesliemana3 z.B. http://www.youtube.com/watch?v= TZtJwAR34sE&feature=channel_page

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fluessig

Der Saft der Winkelriede

Text von Mr. Fluessig

Bierarten (Ober oder Untergärig)

Die Bezeichnungen untergärig und obergärig stammen von der verwendeten Hefeart. Beide Hefearten sind zwar nahe miteinander verwandt, prägen jedoch den Biercharakter ganz unterschiedlich. Die untergärigen Hefen lagern sich nach dem Hauptgärungsprozess am Boden ab, während sich die obergärigen Hefen auf der Oberfläche des Gärbehälters zu einer Decke verfestigen. In der Schweiz wie in den meisten Ländern Europas werden die Hauptbiersorten mit untergärigen Bierhefen vergoren. (Quelle bier.ch)

Marktanteile 2008 in der Schweiz:

• 40% Heineken mit u.a. Feldschlösschen, Hürlimann, Warteck, Gurten • 30% Carlsberg mit u.a. Eichhof, Calanda und Haldengut • 20% Importbiere • 10% Kleine Schweizerbrauereien

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Bier ist das meistgetrunkene Getränk der Menschheit. Mein erstes Bier trank ich 1978 im Wilden Mann. Ein Hürlimann. Es gab damals keine grosse Auswahl. Diskussionen vom besten Bier waren beschränkt. Das Schild vor der Kneipe hatte Bedeutung. Wem es nicht passte musste die Kneipe wechseln. Mit ‚Knebbelverträgen’ war es den Wirten verboten andere Biermarken anzubieten. Damals war das Bierkartell noch intakt und der Anteil von ausländischen Bieren war mit 1% sehr klein. Anfang der 90er Jahre kämpfte dann ein gewisser Mr. Schweri so lange bis das Kartell brach und dies war dann der Beginn der ausländischen Bierschwemme. Für die Schweizer Brauereien blies der Wind von Carlsberg-Heineken. Es wurde Schutz mit Nischenprodukten oder in Grösse gesucht. Grösse wurde aber von der Macht des Geldes erdrückt: Hürlimann übernahm Löwenbräu, Feldschlösschen übernahm Hürlimann und Carlsberg übernahm Feldschlösschen ODER Eichhof übernahm Ziegelhof und Heineken übernahm Eichhof ODER Calanda-Bräu und Haldengut fusionierten und waren dadurch genug interessant für Heineken. Ganz wenige Brauereien schickten die Herren wieder ins Land und widerstanden den Übernameangeboten. Diese Brauereien sind heute die Interessanten und letztendlichen Gewinner. Der Wind hat sich inzwischen gelegt: Carlsberg-Heineken haben was sie wollten und beherrschen mit ca. 70% den Schweizer Markt. Sie blasen aber international weiter (inzwischen Nr. 4 + 5 der Welt). So haben sie zum Beispiel 2008 für 15 Mia. CHF den englischen Bierbrauer Scottish & Newcastle aufgekauft und danach unter sich aufgeteilt. Die Schweizer Windstille bereitet Carlsberg-Heineken aber auch Sorgen. Sie können nicht mehr wachsen. Im Gegenteil: In den neusten Statiken gewinnen die Kleinbrauereien Marktanteile, die Grossen verlieren. Bier hat eben neben dem Geschmack immer und überall auch eine lokale Komponente. Unser Bier! 1997 schockierte zum Beispiel die Feldschlösschen Brauerei mit dem Entscheid, die Produktion der kurz zuvor gekauften Hürlimann-Brauerei stillzulegen. Viele Zürcher Wirte wollten sofort anderes Bier – der Beginn der Chance für regionale Brauereien. Die Zürcher Turbinen-Bräu entstand als Reaktion auf die Hürlimann-Schliessung und ist heute noch immer die einzige Brauerei auf dem Stadtgebiet. Weitere Brauereien lebten auf und kämpfen seither eifrig um Marktanteile. Selten entscheidet nur das Produkt sprich der Biergeschmack. Bier ist Gefühl und Marketing, das Image, die Definition wo, von wem und wie das Bier gebraut wird ist entscheidender und wird daher vermehrt Teil vom Konzept. Die Brauerei Locher zum Beispiel verkauft heute die gesunde Appenzeller Bergwelt in die ganze Welt. In Rorschach wurde nach der Schliessung der Löwengartenbrauerei postwendend das Kornhausbräu gebraut. Auch unter Bögen oder an der Goldküste entstanden neue Säfte und im Jura versucht Jerome von der Brasserie des Franches-Montagnes mit speziellen Rezepten seinen Platz zu finden. Zu hoffen ist, dass der ständig steigende Absatz der Kleinbrauereien nicht plötzlich den Carlsberg-Heineken’schen Wind wieder belebt oder falls dann, die Brauer so reagieren wie damals die Inhaberin der Einsiedler Bier Brauerei als sie die Herren Hürlimann mit ihrem Übernahmeangebot wieder nach Zürich schickte: „wenn es für Euch ein Geschäft ist, ist es dies für mich auch, - ade mitänand.“ Wie sagte doch Herr Locher in diesem Sommer: „es braucht Winkelriede“. Die Diskussionen an den Tresen werden nicht verstummen, heute 2009 im Wilden Mann gibt es auch spanisches Bier. D


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cuisine

Einer von uns

Im Gedenken an den grössten Fernsehkoch aller Zeiten. (Keith Floyd, 1943 – 2009) Text: Philippe Amrein Im kleinen Bistro roch es nach Butter, Schalotten, Knoblauch, Kaffee und Gauloises. Keine ungewöhnliche Geruchskulisse für einen Ort der lockeren Gastfreundschaft in den endgültig ausklingenden Siebzigerjahren. Doch inmitten dieses verheissungsvollen olfaktorischen Durcheinanders wirkte ein wahrlich aussergewöhnlicher Mann: Keith Floyd. Der Wirt wird liquidiert Als Kind einer typischen Familie der britischen Arbeiterklasse in der Nähe von Reading aufgewachsen, versuchte er sich während seiner Lehr- und Wanderjahre erst einmal als Reporter einer Lokalzeitung, um danach in die Armee einzutreten, wo er drei Jahre durchhielt und sich zum zweiten Leutnant des Royal Tank Regiments hochdiente. Doch die Armee konnte einem kreativen Geist wie Floyd keine echte Heimat bieten,

Keith Floyd

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also schied er aus dem aktiven Dienst aus und wechselte ins Gastgewerbe, wo er fortan in diversen Funktionen tätig war, unter anderem als Barkeeper, Tellerwäscher und Gemüseschäler. Auch in diesem harten Business diente er sich hoch und eröffnete in den Siebzigerjahren mehrere Restaurants unter eigenem Namen, die allerdings allesamt im finanziellen Ruin endeten. Also verkaufte er die Restaurants und zog sich auf seine Yacht zurück, mit der er die folgenden zwei Jahre durch den Mittelmerraum schipperte. Als ihm schliesslich erneut das Geld auszugehen drohte, eröffnete Keith – der seine früheren Misserfolge als Gastronom wohl längst verdrängt hatte – einmal mehr ein Restaurant, diesmal auf der anderen Seite des Ärmelkanals, in der Nähe von Avignon. Von seinem Abenteuer in der Provence, das natürlich wie gewohnt in

einem Fiasko geendet hatte, kehrte Floyd zu Beginn der Achtzigerjahre nach England zurück und eröffnete in Bristol – with a little financial help from his friends – ein Bistro. Dort roch es, wie bereits erwähnt, nach allerhand Dünstware und Genussgift, doch genau dort sollte sich auch das Schicksal unseres Helden nachhaltig verbessern. Zu den Stammgästen gehörte nämlich auch der BBC-Produzent David Pritchard, der Keith Floyd einen ersten Kurzeinsatz als Fernsehkoch bei der Jugendsendung «RPM» verschaffte. Dieser hinterliess beim unmündigen Publikum zwar keinen bleibenden Eindruck, gefiel jedoch den Bossen des britischen Staatsfernsehens, die Floyd und Pritchard den Auftrag erteilten, eine eigene Kochsendung auszutüfteln. Die Flasche und die Fliege Das erste Resultat dieser Kollaboration flimmerte dann bereits wenige Monate später unter dem Titel «Floyd on Fish» über die Bildschirme – und geriet zu einem umwerfenden Erfolg. Millionen von Fernsehzuschauern sahen in der Folge einem leicht exzentrischen Mann in den besten Jahren (Floyd war zum Zeitpunkt seines televisionären Durchbruchs bereits 42-jährig) dabei zu, wie er Meeresgetier nach allen Regeln der Kunst vor der Kamera zubereitete, dabei aber weder besserwisserisch noch verkrampft wirkte, sondern in erfrischend salopper Manier durch die Küche wirbelte. Damit setzte er Standards, die seine nachfolgende Karriere prägen sollten: Keith Floyd trug keinen weissen ChefkochPapierzylinder auf dem Kopf, sondern eine Fliege um den Kragen, und in seiner Hand befand sich nicht etwa eine Eieruhr, sondern ein Glas Wein, das er in kräftigen Zügen auszutrinken pflegte. Das lag seiner Meinung nach im Format des Fernsehkochens begründet. Dieses bedingte nämlich häufig ziemlich ereignislose Passagen, in denen irgendwelche Zutaten in der Pfanne glasig, knusprig oder einfach gar werden mussten. Und diese


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cuisine

sondern vielmehr der Tatsache, dass er einfach ein grosszügiger Mensch war, der sich in erster Linie als Gastgeber sah, und eben nicht als einer, der dann nach dem kredenzten Mahl oder nach der generös ausgeschenkten Edel-Alkoholika seinen Gästen die Rechnung präsentieren mochte. So ging ein Restaurant nach dem anderen Konkurs, was wiederum dazu führte, dass Floyd bis ins Pensionsalter vor die Kameras treten und Kochsendungen moderieren musste, um sich finanziell einigermassen über Wasser halten zu können – bis er schliesslich nicht mehr konnte.

©The Daily Mail

toten Phasen überbrückte Keith Floyd jeweils mit ein paar trockenen Witzen und einem «slurp of wine». Diesem Konzept ist er treu geblieben, auch bei den nachfolgenden Serien «Floyd on France» (1987), «Floyd on Britain and Ireland» (1988), «Floyd on Oz» (1991), «Floyd on Spain» (1992), «Far Flung Floyd» (1993) und «Floyd on Italy» (1994). Und im Verlauf seiner diversen TV-Shows hat der Mann so ziemlich überall gekocht: auf Booten, im Dschungel, auf einer italienischen Piazza und sogar auf einem Volleyballfeld in Sri Lanka oder – ganz grosses Tennis – auf einer Straussenfarm in Südafrika, inmitten von Straussen. Und was kochte er dort? Genau: Straussenfleisch und Strausseneier. Die Federviecher rächten sich natürlich dafür und demolierten Keiths improvisierte Feldküche. Der Chef himself brachte derweil seine Weissweinflasche in Sicherheit, trat zur Seite und verfolgte das Spektakel aus sicherer Distanz. Seine härtesten Gefechte trug Keith Floyd allerdings dort aus, wo Gott zu essen pflegt – in Frankreich. Im Rahmen von «Floyd on France» düste er mit einem Citroën Méhari durch pittoreske Landschaft, ging auf lokalen Märkten einkaufen und kochte anschliessend in diversen Küchen, bei Sterneköchen und Hausfrauen gleichermassen. Als absolut legendär erwies sich dabei ein spontanes Duell mit einer besserwisserischen älteren Frau, in deren Küche unser Mann ein

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Peperoniomelett zubereitete, während ihm Madame dauernd argwöhnisch über die Schulter blickte und seine Handgriffe fortlaufend kritisierte. Also stellte Keith seinen Eierfladen fertig, deponierte ihn auf einem Teller neben dem Herd, drehte sich um und sagte dann: «So, böse Frau, jetzt kochen Sie mal ein Peperoniomelett!» Das traurige Ende So chaotisch wie seine Auftritte vor der Linse von Kameramann Clive, den er jeweils mit Freude zurechtwies, verlief auch Keith Floyds Geschäfts- und Privatleben. Davon zeugen vier Ehen, die allesamt gescheitert sind. Eine davon – die Liaison mit Ehefrau Nummer drei – ging beispielsweise in die Brüche, weil Floyd seiner Angetrauten vorwarf, sie habe seinen 50. Geburtstag vergessen. In turbulenten Zeiten wie diesen griff der gefeierte Fernsehkoch auch abseits des Bildschirms exzessiv zur Flasche und bescherte sich damit diverse Probleme, wie er in der posthum erschienenen Autobiografie «Stirred But Not Shaken» verrät. Doch er bekam die Sucht wieder einigermassen in den Griff und konnte sich auf sein Lebensmotto beschränken, das er in einer seiner Sendungen formuliert hatte: «I certainly drink more than my fair share of red wine and I smoke quite a few cigarettes. But it's my life and that's how I want it.» Auch als Gastronom war Keith Floyd nur bedingt Erfolg vergönnt. Dies ist allerdings nicht etwa seinen Fähigkeiten als Küchenmeister zuzuschreiben,

Im Rahmenprogramm der RugbyWeltmeisterschaften 2007 in Frankreich hatte Keith Floyd dann seine letzten Einsätze als Fernsehkoch. Er wirkte abgekämpft und erschöpft, doch selbst bei diesen eher traurigen Auftritten blitzte noch viel von jener charmanten Nonchalance auf, mit der er das Kochfernsehen revolutioniert hat. Danach wurde es still um den gewitzten Briten, der als Titelmusik seiner Sendungen gerne Songs der von ihm geschätzten Stranglers (unter anderem den ernüchternd-traurigen «Waltz in Black») auswählte. Doch dann kam das grosse Interview, das der Komiker Keith Allen mit Floyd im vergangenen Sommer in dessen Haus in Avignon (O-Ton: «Naja, eigentlich gehört es ja mittlerweile meiner vierten Ex-Ehefrau) führte. Unter dem Titel «Keith on Keith» entstand dabei ein filmisches Porträt, das die volle Tragik eines alternden Lebemanns einfängt. Die beiden Keiths sitzen sich gegenüber, trinken Kronenbourg-Bier aus kleinen Flaschen und rauchen Kette – wie man eben einen Vormittag in Frankreich stilecht verbringt. Das fertig geschnittene Interview sollte schliesslich am 14. September ausgestrahlt werden, und Keith Floyd hatte sich dieses Datum gemerkt. Voller Vorfreude zog er sich am frühen Abend jenes Tages in sein Schlafzimmer zurück, um sich das einstündige Feature im Fernsehen anzuschauen. Doch kurz vor Beginn der Ausstrahlung erlitt er einen Herzinfarkt und verstarb. Als beinahe mittelloser Bonvivant, der ein bewegendes Leben hinter sich hatte. Als erster Rockstar unter den Fernsehköchen. Als unerreichter Entertainer. Als einer von uns, den wir niemals vergessen werden. D


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literatur

Cerveza de Navidad

Eine Weihnachtsdepesche an Corto Maltese. Von Ricco Bilger (Mit einer besonders eleganten Verbeugung vor Juan Rulfos grossem Roman Pedro Páramo)

Nebel hing über dem See. Das Wasser wellte vor sich hin, ruppig genug um sein Boot am Schaukeln, sanft genug, um die Zeit in Schach zu halten. Die letzten paar Ruderschläge hatten ihn und sein Boot, die Vaya con dios aus dem Hafenbecken hinausgeschoben. Schon lange wollte er herausfinden, was dieses Vaya con dios bedeute. Pedro hatte ihm das Boot, das so nicht auf den See seiner Heimatstadt passte, hinterlassen. Ihm, der weder schwimmen konnte, noch jemals Lust auf Fisch verspürt hatte. Wochen war es her, seit er den Brief aus C... erhalten hatte. Señor lautete die Anrede und statt Schweiz stand Suiza. Die Marken waren in Grün und Weiss und einem eigenartigen Rot gehalten, darauf zwei tanzende Skelette und eine Mandoline. Über die Marken liefen Schlangenlinien, gewellte Linien, an beiden Enden ein Schlangenkopf. Sowas hätte hierzulande keine Chance. Wenn er die Augen zu Schlitzen verengte und auch in seinem Kopf den Schalter auf unscharf stellte, verwandelten sich die Wellen ums Boot herum in Schlangenlinien, an deren Enden züngelnde Reptilienköpfe an Land züngelten. Aus den Trauerweiden an beiden Ufern wurden tanzende Skelette und das gelangweilt aufblitzende Rot des Leuchtturmlichts verschmolz zusammen mit dem Grauweiss des Nebels und dem Wintergrün der Parkanlagen zu einer mexikanischen Landschaft, geradeso stellte er sich das Kaff und die Umgebung vor, von denen Pedro immer schwadroniert hatte. Páramo, Pedro Páramo also. Endlich wurde aus seinem compañero, mit dem er zweimal die Woche, hinten auf dem Kübelwagen, den Abfall im Vieri und Föifi abgeholt und in der KV Josefstrasse dem Feuer übergeben hatte, einer, der zu mehr als nur zum Kumpel taugte. Páramo also, und er wurde zum Señor. Draussen in ihren Gärten, Schrebergärten vom Feinsten, hatten sie beide, Gärtner und Philosophen aus Passion, jetzt immer mehr gestört durch das Grüne-Daumen-Gehabe dieser Neuzuzüger, die sich aus Verdruss, in den feinen Lokalen der Stadt nicht auf der Gästeliste zu stehen, mit Sack und Pack dem Radieschenzüchten widmeten, hatten sie beide also versucht, Pedro, - Señor Pedro Páramo -, wie er ihn jetzt viel lieber nannte, und er Gerste zu ziehen, um, unter gleichen Bedingungen, später Bier zu brauen, und herauszufinden was denn nun besser schmeckte, sein Blondes oder Señor Pedro Páramos Cerveza. Das Boot schaukelte heftiger, und er schreckte auf, so kompliziert hatte er seinen Lebtag nicht und nie nachgedacht. Er erinnerte sich an eine Zugfahrt im Voralpenexpress von Herisau nach Arth-Goldau, die er im Frühjahr zusammen mit Pedro, mit Señor Pedro Páramo unternommen hatte, eine Blueschtfahrt hätte sein sollen. Zweieinhalb Stunden Fahrt durch eine Schweiz, nach seiner Fasson, sicher mit genügend Schlachtendenkmälern, um Señor Pedro Páramos mexikanischen Leichenhaufen Paroli bieten zu können. Revolution, Hasardeure, Gabelstecher und Baumstammwerfer, da konnte er mithalten.

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Bis auf Achthundert hatte es heruntergeschneit, in Zürich lockte Üetliberg hell, doch ab Winterthur und dann endgültig beim Einsteigen in den Voralpenexpress, hatte es aus Kübeln gegossen, und vom Temperatursturz hätte manche Börse was lernen können. In ihren fröhlichen Ferienhemden und den leichten Sommerhosen froren sie sich den Arsch ab, der Señor Pedro Páramo und er. Genau genommen hatten sie dann doch ihren Spass gehabt, weil das Wetterleuchten und die jähen Blitze über dem Hochmoor doch besser zum wilden Abschlachten passte, von dem er seinem mexikanischen Müllabfuhrfreund in der Sprache, die er beherrschte, einfach aber kernig und nicht ohne Poesie, erzählte. Sie hatten sich ab Arth-Goldau, wo er auch mit dem Bergsturz nicht richtig punkten konnte, auf der Weiterfahrt nach Brunnen ein Klassenwechsel geleistet, im Panoramawagen liess es sich besser in den Nebel palavern. Warum sie nach Brunnen fuhren und nicht direkt mit dem Cisalpino von Arth-Goldau zurück nach Zürich, ist ihm heute noch unklar. Nachdem ihr Gespräch immer mehr den Nebelfetzen draussen ähnelte, beide waren sie nicht mehr frisch wie der Morgen und mit ein paar cervezas intus, das kam ihm schon ganz flüssig von den Lippen, hatten sie zwischenzeitlich auch die kleinste Nebensächlichkeit in der Manier feinster Müllabfuhrrestverwertung sortiert und kommentiert, sie kamen bei ihren Träumen an: Endstation traurige Tiger. Dort ein Boot und hier der Tod. Ein Fischerboot sollte es sein, so der Traum seines compañeros, obwohl es in Señor Pedro Páramos Dorf weit und breit keinen Teich, geschweige denn einen See gab. Ein Fischerboot musste es sein, weil er felsenfest daran glaubte, dereinst damit gemütlicher über den grossen Teich an die Theke seiner Wahl paddeln zu können. Nur wer ein Boot habe, könne selber bestimmen, wo im Nirwana er an Land gehe, ohne Boot müsse man die Jedermannsfähre nehmen und werde ausgeladen, wo auch immer es dem Señor Charon passe. Nun, der Ausflug hatte sein unvermeidliches Ende genommen. Nachdem Brunnen auch nicht der grosse Brüller war, und die Schifffahrt nach Luzern in Anbetracht der Aussicht, zu früh an einer nicht genehmen Theke zu enden, kein Thema war, waren sie in den nächsten Zug gestiegen und hatten sich bis Zürich schweigend angedöst. Via Bahnhofbuffet Fédéral und einem entschieden länger dauernden Zwischenhalt an der Sihl, una isola nannte sein Mexikaner dieses El Lokal, das ihn an eine Bodega in seinem Dorf erinnere, dann waren sie aber doch wegen ihm, der sonst nur im Schwanen verkehrte geblieben, es war an kein Weggehen mehr zu denken, er wollte partout dieses Lokal nicht verlassen, bis er begriffen habe, auch wenn er als Müllabfuhrmann vielleicht länger mit Begreifen habe als andere, wieso diese Theke eine Insel sein sollte, das solle ihm mal einer erklären, Inseln seien von Wasser umgeben und seines Wissens seien sie weder hierher geschwommen, noch sonst nass geworden und nur weil er ein Holzbein habe, in Wahrheit war es eine Plastikprothese, sei er nicht der Verrückte aus dem Film mit dem Wal, und überhaupt wäre auch ein Schiff ein Schiff und keine Insel. Vielleicht brauche ja jeder seine Idee von einer Insel nach seinem Geschmack, um im Jenseits nicht von Señor Charon auf irgendeiner Insel ausgeladen zu werden, warf sein Mexikaner ein. Dass ihnen ein Schweizer Haudegen im Boca Juniors Dress auch noch Vollmond - Bier ausschenkte, das fiel im anderntags beim Aufwachen als Erstes ein, liess ihn sowieso mutmassen, er hätte sie nicht mehr alle beisammen gehabt und wenn es denn doch eine Insel gewesen sei, hätte sie verdammt viel Seegang gehabt. Item. Was für eine Blueschtfahrt!


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Weihnachten in Mexiko, ade! Der braune Umschlag barg kein Geheimnis mehr, dem er auf der anderen Seite des grossen Teichs auf die Spur kommen wollte, das Papier war nichts mehr als das Vermächtnis, das ihn nie sonderlich interessiert hatte: ein Fischerboot, du wirst dann schon merken, welches es ist. Señor Pedro Páramo hatte Recht gehabt. Da schaukelte es vor sich hin, so unscheinbar, als hätte es sich bisher versteckt und würde sich ihm erstmals zeigen. So schien es ihm, als er vom Quai hinunterschaute. Vaya con dios, er würde jemanden fragen, was das heisse. Auf dem Bootsboden hatte er Schnee längst angesetzt und auch auf seiner Mütze ein Schneehut. Längst hatte er die Augen geschlossen, den Blick in die Wärme hinter den Lidern zurückgezogen, seine Gedanken in die Wärme seiner Erinnerungen. Ein Kaktus am Horizont wuchs herauf ohne dass er ihn so richtig wahrnahm, nicht wie er wuchs und sich ausdehnte und war unvermittelt eine Sturmwand und begann zu hupen, war ein Wal, war sein Mexiko, stülpte sich über ihn, war eine Riesenqualle, Holz splitterte, – Holzbein endlich, schoss es ihm durch den Kopf, –Glühbirnen überall und die Blitze auf der Leinwand hinter den Augen Lametta, er flog durch eine Tür, die eine Schiffsplanke war, Wunderkerzen hingen am Kaktus, der ein Weihnachtswalbaum war, dann Glucksen und Ruhe, dunkle kalte schöne Ruhe, und Schweben und das Dunkel war der Himmel, der Horizont unter dem Vulkan, wohin er endlich wollte, zu Señor Pedro Páramo, der ihn bestimmt schon erwartete, mit einer selbst gebrauten cerveza de navidad in der Hand und seinem Lachen, dem schönsten Müllabfuhrwagenrücklicht, das eine Stadt je verzaubert hat.D

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Es hatte zu schneien begonnen, aus einem Nebel heraus, der immer dichter geworden war. Die Orientierung hatte er längst verloren, das Schaukeln auf den Wellen hatte ihn in einen träumerischen Zustand versetzt. Auch mit offenen Augen sah er nur noch die Bilder in seinem Kopf. Unscharf auch sie. Da sass er also im Boot seines Müllabfuhrfreundes und Voralpenexpressmitreisenden Señor Pedro Páramo, sah wie die Tinte auf dem braunen Umschlag sich langsam auflöste, sah wie sein Leben sich immer mehr aufgelöst hatte, damals nach Unfall, als er vom Trittbrett auf dem Müllwagen hinten gerutscht war, bei dem er ein Bein verlor und wie ihn deswegen seine Freundin verliess. Vom Leben hatte er nie sehr viel erwartet, ohne deswegen keine Träume zu haben. Warum also nicht Mexiko, sinnierte er vor sich hin. Weihnachten bei seinem Freund, dem Señor Pedro Páramo verbringen, das würde ihm gut tun, Viva Mexiko. Als ihm dann heute morgen, die Koffer waren gepackt, das Voralpenexpressferienhemd war mit im Gepäck, die Dame von der Fluggesellschaft mitgeteilt hatte, dass sein Flug aus technischen Gründen abgesagt würde, er aber zu einem Datum seiner Wahl und in der Businessclass zu einem späteren Zeitpunkt fliegen dürfe, da hatte es ihm vorübergehend abgelöscht.

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RADSPORT printmedien

Benjamins Blätterteig*

Jauchs Rücktritt und der oft verschwiegene Analsex Mit Tabus umgehen, das können sie, die Redakteurinnen und Redakteure des „Zeit-Magazin“. Heute bespricht unser Lektüre-Experte „nur“ eine Zeitungsbeilage. Von Benjamin Breitbild Wer im Tram die volle Aufmerksamkeit der Mitreisenden auf sich ziehen will, der braucht nicht gleich von Ufos und Luzifer zu predigen. Auch der Aufruf „Alle Billette, bitte!“ ist alles andere als nötig. Es genügt voll und ganz, einen zusammengefalteten Bund der Zeitung „Die Zeit“ in der Gesässtasche zu haben, diesen hervorzunehmen und sechsmal auf die volle Doppelseiten-Grösse von 79 mal 57 Zentimeter aufzufalten. Da machen die anderen ZVV-Kunden richtig grosse Augen, garantiert. Doch soll es hier gar nicht um die deutsche Wochenzeitung im Grossformat gehen, die seit diesem Jahr auch eine Schweizer Ausgabe führt – sondern wir widmen die heutige Kolumne „nur“ der Beilage: dem „Zeit-Magazin“. Mit diesem Heft wird bewiesen, dass ein empfehlenswertes Magazin kein dickes Papier braucht, sondern zu allererst mal clevere Schreiber, gute Layouter und, that’s it, einen Hauch von Unverwechselbarkeit. Letztere kommt zuerst einmal von der „doppelten“ Titelseite: Das Heft beginnt nämlich nicht mit einem Titelblatt, sondern gleich mit deren zwei. Angerissen wird aber auf den Seiten 1 und 3, und dies ist der eigentliche Clou der Sache, trotzdem nur ein einziges Thema, dafür doppelt! Wenn das kein jovialer, ja sogar dandyhafter Einsteig ins Heft ist… Ganz besonders gut gefallen hat uns die Titelgeschichte über Günter Jauch in einer der August-Ausgaben: Neben ein paar dufte Bildern, auf denen der Moderator von „Wer wird Millionär?“ ziemlich zerknautscht daherkommt, hat uns der Inhalt der Story zum Schmunzeln gemacht. Es geht in der Reportage eigentlich einzig und allein um ein The-

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schon seit Jahren prägt: Immerhin ist er derjenige, der den Deutschen beigebracht hat, dass es beim Essen nicht nur ums blosse Zuführen von Kalorien geht. Gelungen und überraschend war das Gefäss "Wahlentscheidungen des Lebens - eine Umfrage", das im Vorfeld der deutschen Bundestagswahl zu lesen war. Darin wurde Woche für Woche ein Prominenter gefragt, ob er sich an seinen ersten Urnengang erinnern könne. Und, dies quasi der Gipfel der Indiskretion, wen er am 27. September wählen werde. Ebenso wie in der Schweiz - gut zu spüren, anlässlich der MinarettInitiative - sind die Kreuzchen auf dem Wahlzettel auch in Deutschland ein Thema über das man nicht öffentlich spricht. Wie der schon erwähnte Analsex, dies aber nur am Rande.

ma: Wann tritt der Fernsehmann endlich zurück? Darüber liest man doch gern ein paar süffig geschrieben Zeilen Zu den Highlights im August gehörte auch ein Interview mit Charlotte Gainsbourg, der Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Nicht nur die Bilder der schönen Französin haben uns gemundet, sondern auch die Stelle im Gespräch, in der es darum geht, wie es für eine 18-Jährige denn so ist, wenn die Mutter auf der Leinwand Analsex mit einem schwulen Müllfahrer hat.

Etwas zu kopflastig ist für Benjamin Breitbilds Geschmack das Interview am Ende des Hefts. Es wird wöchentlich von Roger Willemsen geführt. Da steigt man meistens im doppelten Sinne des Wortes aus. Doch sogar ein geschwurbeltes Gespräch kann nichts dran ändern, dass das „Zeit-Magazin“ seinen Preis wirklich wert ist. Und notabene auch dann noch, wenn man die Zeitung drum herum gar nicht liest. Das ist etwas, was nun wirklich nicht jede deutschsprachige Zeitungsbeilage von sich behaupten kann. D

Zu einem guten Heft gehören gute, regelmässig wiederkehrende Gefässe – quasi das Fundament, auf dem ein Magazin gebaut ist. Beim „Zeit-Magazin“ kommt einem da natürlich zuerst der grosse deutsche Gastrokritiker Wolfram Siebeck in den Sinn, der die Zeitschrift

*An dieser Stelle werden Zeitschriften und Magazine unter die Lupe genommen, die auch in Zeiten von Internet und I-Phone einen zweiten, vertiefenden Blick rechtfertigen. Dritte Folge: Das "Zeit-Magazin"; es erscheint jeweils donnerstags als Beilage von "Die Zeit", für 6.90 Fr. am Kiosk."


LYric

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