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REVIEWS

CONVERGE The Dusk In Us

Der landläufige Ausspruch ist immer wieder zu vernehmen und geht so vielen erstaunlich leicht über die Lippen. „Wir müssen niemandem mehr etwas beweisen.“ Gesagt haben CONVERGE das natürlich nie. Warum auch – es ist ja eigentlich ausgemachter Blödsinn. Oder besser: gern auch eine Art Entschuldigung. Nein, Kurt Ballou und Kollegen sind auch nach annähernd dreißig Jahren im Geschäft noch hundertprozentig bei der Sache. Ganz oder gar nicht. Daran lässt „The Dusk In Us“ – das neunte Studiowerk der Band und das erste seit fünf Jahren – von Beginn an keinerlei Zweifel. Mehr noch: Ist der Opener „A single tear“ erst einmal mit flirrenden Gitarren und dissonanter Wucht über den Hörer hinweggerollt, stellt sich alsbald wieder die unumstößliche Gewissheit ein, warum das Quartett schon so lange den Status als absolute Pioniertruppe im härteren Segment innehat. Ob rasend-wütende Hardcore-Eruptionen wie im trefflich betitelten „I can tell you about pain“ oder dem flotten „Wildlife“, zäh schleppende Dampfwalzen wie „Under duress“ oder entrückt-beklemmende Nervenproben wie „Trigger“ – CONVERGE präsentieren sich einmal mehr als Meister des vertonten Unbehagens. Dass Frontmann Jacob Bannon sich dabei nicht nur in gewohnter Manier die Lunge aus dem Brustkorb kreischt, sondern wie beispielsweise im zurückhaltenden Titelsong auch immer wieder mit nachdenklichem Klargesang agiert, verleiht der Platte dabei eine fast schon überraschende, weil ungewohnte Variabilität. Am Ende sind es dennoch vor allem die heftigen, ungezügelten Passagen, die sich mit Nachdruck in den Gehirnwindungen festbeißen – sowie die Erkenntnis, dass es nach wie vor nur sehr wenige Truppen gibt, welche den Herren aus Boston das Wasser reichen können. Der knapp 44-minütige Beleg dafür steht jetzt in den Regalen. (Epitaph/Deathwish) Anton Kostudis

FJØRT Couleur

Ist das unangenehm! „Couleur“ kriecht in jede Pore, geht unter die Haut und trifft den Hörer genau dort, wo es wehtut, aber doch so nötig ist. FJØRT legen den Finger in die Wunden der Zeit. Wut und Enttäuschung über Politik und soziale Entwicklung. Intelligente Texte bringen sprachlich ausgefeilt aktuelle Konflikte auf den Punkt, wie etwa „Raison“ in Perfektion beweist. Der Sound des neuen Albums überrascht nicht: Wer die Vorgänger mochte, wird „Couleur“ lieben und eine logische Fortsetzung mit jeder Menge Weiterentwicklung erleben: Emotional das Geschrei von Chris und David, ruhige Passagen geben Raum für wichtige Statements. Dann ein Klavier, durchbrochen von brachialen Gitarren, gepaart mit ordentlich Druck von Schlagzeuger Frank. Dissonanz löst sich auf in fabelhafter Harmonie. Auch nach dem zehnten Durchlauf der Platte entdeckt der Hörer neue Momente. Oder wirken diese nur plötzlich anders? „Couleur“ ist vielschichtig und kommt in einem bunten musikalischen Farbspektrum daher. FJØRT kreieren besonderen Melodic-Hardcore mit Feingeist und inszenieren ihn in einem stimmigen Gesamtbild. Ihre Vorbilder sind dabei oft kleine Bands des DIYUmfelds. Doch gerade ihr eigenes neues Werk dürfte eine bedeutende Bereicherung für die deutsche Szene sein. (Grand Hotel van Cleef) Jeannine Michèle Kock

IRON CHIC

You Can’t Stay Here

Es ist so eine Sache, mit diesen speziellen Platten, die einem bei jeder Textzeile vor Augen führen: „Hier gibt es einen, der kennt das auch.“ Wenn man sich in den Arm genommenen fühlt, endlich verstanden und doch am liebsten dieser leidgeprüften Kreatur, die in kurzen Hymnen ihre Innenwelt nach außen kehrt, den Trost spenden will, der einem selbst zu fehlen scheint. Zynisch könnte man darauf verweisen, dass große Kunst seit jeher aus dem Leiden ihren Antrieb bezogen hat und nicht in einem Atemzug die Linie von zweieinhalb Minuten Punk zu Jahrhunderten der expressionistischen Kunst ziehen. Nüchtern könnte man betrachten, dass sich auf das konzentriert wird, was Sänger Jason als „depressing songs“ bezeichnet: Hymnische PopPunk-Songs, mit düsteren Texten, die mehr als die Trauer über zerbrochene Romanzen behandeln, sondern existenzialistischen Fragen nachgehen. Lieder, die exemplarisch vorführen, welche Lücke in Leben und Sprache gleichermaßen besteht. Man könnte dankbar sein, dass eine Vokabel wie „Weltschmerz“ für etwas existiert, das ebenso abstrakt wie real erscheint und schwer in Worte zu fassen ist. Vielleicht genügt es aber auch, sich an den Katharsis-Gedanken zu erinnern und dass man auch jenseits von „Alles wird gut“ seinen Umgang mit der Welt finden kann: „I make mistakes and I make them loud.“ (SideOneDummy) Aiko Kempen

KAFFKÖNIG

SONS OF THE ARK

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Der König ist da und hat richtig beschissene Laune. Auf „Das große Kotzen“ haut uns das Duo bestehend aus dem Einen (Gitarre, Gesang) und dem Anderen (Drums, Gesang) in zehn Songs den geballten Hass auf den Dorfmief um die Ohren. Zwischen dem Angriff aufs Duckmäusertum („Gaffer & Beton“) und dem Wunsch, zu zweit aus der Tristesse auszubrechen („Kaiserschnitt“), verteilt die Band noch herrliche Seitenhiebe aufs Pop-Business („Helene Forster“) und schließt das Album herrlich treffend mit einem „Lynchknoten“, um den mahnend erhobenen Zeigefinger ein für alle Mal zu brechen. Musikalisch verschwimmen bei KAFFKÖNIG die Grenzen zwischen Indie, Punk und Pop in einer Weise, die noch am ehesten an eine etwas kompaktere Version von HEISSKALT erinnert. Auch die Handschrift von Kurt Ebelhäuser (BLACKMAIL) als Produzent ist nicht zu überhören und verleiht dem Sound die nötige Tiefe. Die Gefahr, dass sich das reduzierte Bandgefüge abnutzt und langweilig wird, umschifft die Band gekonnt mit grandiosem Songwriting, welches das Album zu einem ausserordentlich starken Debüt machen. Fast wünscht man sich, dass die beiden Herren doch bitte im sehr beschaulichen Bad Saulgau bleiben sollen, wenn dann weiterhin derart hervorragend gekotzt wird wie hier. (Starwatch Entertainment) Mario Strasser

Es fliegt einem jeden Monat so viel uninspirierter Scheiß mit Label-Support um die Löffel, da verwundert es umso mehr, dass ein derart geiles Album wie „Thirteen Waves“ auf DIY-Art erscheinen muss. Das ist in Sachen Spirit zwar cool, führt aber dazu, dass zu wenigen Menschen diese großartige Band bekannt werden wird. Ähnlichkeiten mit anderen Künstlern liegen dabei stets nur scheinbar nah und lösen sich nach Sekunden wieder auf – die bereits zur DebütEP gezogenen Vergleiche mit TOOL hinken nach wie vor, doch fallen einem auch keine besseren ein. Was SONS OF THE ARK meisterhaft beherrschen, ist das Unprätentiöse, Unaufgeregte, vielleicht schlicht das Erwachsensein. Ihr atmosphärischer Rock ist bewundernswert emotional, doch transportiert er Gefühl ohne Pathos, Melancholie ohne Kitsch, große Tiefe mit kleiner Geste. Beispielhaft nachzuhören ist das in der Makellosigkeit von „Silence“, das einerseits lakonisch und kontemplativ, zugleich aber von berührender, wunderschöner Traurigkeit ist. Mag die Band ihre Stärken hier am präzisesten bündeln, so ist die Platte doch randvoll mit Introspektiven, alle möglichen Schattierungen von Grau zelebrierenden Kleinoden. Die Mühe, „Thirteen Waves“ über die Website der Band zu beziehen, wird mit einem ungewöhnlichen Hörerlebnis für Zeiten der inneren Einkehr belohnt. (DIY) Hendrik Lukas

Das große Kotzen

Thirteen Waves

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