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für POLAR BEAR CLUB. „Der Club war eigentlich ein reines Nebenprojekt von unserem Gitarristen Chris Brown und mir“, gesteht der Sänger. „Es gibt die Band jetzt seit fast fünf Jahren. Davor spielten wir in anderen Bands. In vielen anderen Bands. Dann hatten wir viele Besetzungswechsel – richtig viele Besetzungswechsel –, bis wir in der jetzigen Konstellation zusammenfanden. Außerdem spielten wir nur am Wochenende Shows. Wir überlegten die ganze Zeit, wie wir möglichst viele Shows mit möglichst wenig Fahrtweg spielen könnten. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen bieder an, aber es war eine wilde Zeit.“ Doch mit den Wochenendshows konnte man bald nicht mehr alle Konzertanfragen befriedigen. POLAR BEAR CLUB wurden plötzlich von allen Seiten gefragt, ob sie nicht auch in Kalifornien oder Los Angeles spielen wollten. Kids aus England und Deutschland schrieben E-Mails und fragten, wann sie die Band endlich live sehen könnten. „Bei all den Angeboten, die wir bekamen, mussten wir feststellen, dass wir neun von zehn Möglichkeiten einfach nicht wahrnehmen konnten. Das ging uns ganz schön an die Substanz.“

POLAR BEAR CLUB

DIE UNBEKANNTE BAND. Eine Band zu interviewen, die gerade auf Tour ist,

erweist sich oft als schwierig. Im Falle von POLAR BEAR CLUB geht es jedoch fast nicht anders, schließlich sind die Amerikaner permanent unterwegs. Zum Beispiel in einem kleinen Van irgendwo im Nirgendwo der USA. „Nein, Mann“, schreit es aus dem Telefon. „Wir sind nicht irgendwo, wir sind unterwegs nach ...“ Die Verbindung bricht ab. Kurzes Rauschen in der Leitung. „Hallo, hörst du mich? Irgendwie habe ich hier einen schlechten Empfang.“ Dann wieder Rauschen. „Wir sind unterwegs nach Austin, Texas. Wir sind auf Tour mit FOUR YEAR STRONG, SET YOUR GOALS und FIREWORKS. Es ist ein Traum“, tönt ein leicht aufgeregter Jimmy Stadt. „Entschuldige nochmals die schlechte Verbindung. Und überhaupt ... Ich glaube, unsere PR-Lady hat die Termine vertauscht.“ Foto: Torben Utecht (allschools.de)

Die Verwechslung des Termins, die schlechte Verbindung. Geschenkt. Letztendlich ist man einfach nur froh, dass das Interview überhaupt zu Stande kommt. Da sich die Auftrittszeiten der Band und ihr Tourplan immer wieder änderten, wurde auch der Interviewtermin immer wieder verschoben. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, gerade das „next big thing“ am Apparat zu haben. Hegt man diese Vermutung aufgrund der ausverkauften Tour, als POLAR BEAR CLUB den Support von THE GASLIGHT ANTHEM übernahmen und zum ersten Mal in Deutschland auftraten? Vielleicht. Oder aufgrund der wunderbaren neuen Platte, welche die Band gerade veröffentlicht hat? Ganz sicher. „Ich mag es, wenn die Leute uns aufgrund der Tour mit THE GASLIGHT ANTHEM für das nächste große Ding halten. Doch die kann ich beruhigen: Eigentlich sieht es ganz anders aus. Wir versuchen gerade einfach nur, uns als Band so richtig zu etablieren. In Deutschland waren wir eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das hat uns geholfen, ein bisschen bekannter zu werden.“

Wie bekannt ist man als Band? Was ist der Indikator dafür? Die Freunde bei MySpace? Die Anzahl der Google-Treffer? Ausverkaufte Konzerthallen? Die meisten Nennungen in irgendwelchen Blogs? „Keine Ahnung“, kontert Stadt. „Ich höre nur immer von vielen Journalisten, dass man über uns kaum Informationen im Netz findet. Was natürlich auch stimmt. Es gibt den Blog von unserem Tourmanager, ansonsten eben unsere MySpace-Seite. Das hat bisher immer richtig gut funktioniert und unserer DIY-Haltung entsprochen. Man konnte uns einfach über MySpace kontaktieren, und wir haben dann entschieden, ob wir das Konzert spielen oder nicht. So einfach war das. Da war kein Management vonnöten.“ Da es tatsächlich kaum Informationen über POLAR BEAR CLUB gibt, muss an dieser Stelle kurz auf die Entstehungsgeschichte der Band aus dem US-Bundesstaat New York eingegangen werden. Diese ist ebenso sympathisch wie unspektakulär – also geradezu symptomatisch

Nachdem POLAR BEAR CLUB im letzten Jahr mit „Sometimes Things Just Disappear“ ein durchaus schon großartiges Debütalbum veröffentlichten, war es soweit: Es stellte sich die eine, existenzielle Frage: die Band entweder auflösen, weil sie so viel Zeit in Anspruch nahm, oder die eigene Kunst mit allen Konsequenzen durchziehen. So wurde aus der Wochenend-Band POLAR BEAR CLUB die Full-Time-Band POLAR BEAR CLUB. Die Mitglieder hingen ihre Jobs an den Nagel, einige ließen sich von der Schule beurlauben, alle kündigten ihre Krankenversicherung. „Krankenversicherung? Für so etwas haben wir momentan einfach kein Geld“, gesteht Stadt lachend. Ob es eine mutige Entscheidung war? „Es war auf jeden Fall die richtige. Wir haben uns das wirklich nicht leicht gemacht. Wir hatten gute Jobs, wir haben Familie, wir sehen unsere Freundinnen kaum noch. Aber das sind Zugeständnisse, die man eben machen muss.“ Dass dieser Schritt der richtige war, stellte sich übrigens in Deutschland, während der Tour mir THE GASLIGHT ANTHEM heraus: „Wir standen in Hamburg auf der Bühne und schauten uns gegenseitig an“, erzählt der Sänger. „Auf einmal hatten wir keine Zweifel mehr. Wir spielten diese unglaubliche Show und wussten, dass wir alles richtig gemacht hatten.“ In Erinnerung an diesen Moment trägt die neue Platte den Namen „Chasing Hamburg“. Sie wäre ohne die Entscheidung, die Band als Beruf zu sehen, nicht entstanden. Für eine Woche zogen sich POLAR BEAR CLUB damals zurück und schrieben Tag und Nacht Songs. „Das war eine intensive Zeit. Jetzt sind wir froh, erst einmal wieder auf Tour zu sein und jeden Abend die neuen Lieder zu spielen“, sagt Jimmy Stadt, bevor die Verbindung ein letztes Mal abbricht. Tobias Kolb POLAR BEAR CLUB Chasing Hamburg (Bridge Nine/Soulfood) polarblogclub.com POLARBÄREN haben ein gut ausgebildetes Gehör. Sie können zum Beispiel die Dicke einer Eisfläche ertasten, indem sie darauf schlagen und die Reflektionen des Wassers wahrnehmen.

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Fuze Magazine 18  
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Das Fuze Magazine ist ein kostenloses Musikmagazin, das alle zwei Monate erscheint und sich ganz auf die Bereiche Hardcore, Metal und Emo sp...

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