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Die Musiker selbst waren sich dieser gewagten Weiterentwicklung sehr wohl bewusst, wie sich Gitarrist und Sänger John Dyer Baizley erinnert: „Für mich war das ‚Red Album‘ eine unglaublich wichtige Platte und ein perfektes Bild davon, wer wir als Band damals waren. Wir hatten einfach keine andere Wahl, als uns herauszufordern und unsere Musik zu erweitern. Auf den EPs klangen wir noch sehr viel rauer. Wir wussten, dass wir mit dem neuen Sound auf jeden Fall eine Reaktion provozieren würden. Und die Fans, die Geld bezahlen, um uns zu sehen – und deren Meinung ist für mich die einzig relevante –, haben es verstanden und gingen den Weg mit. Das bestätigte uns natürlich in unserer Entscheidung.“ Nun folgt zwei Jahre später sozusagen das Schwesteralbum. „Blue Record“ stößt die Tür zur Weiterentwicklung des eigenen Sounds für BARONESS noch weiter auf. Ähnlich wie die beiden EPs (drei, zählt man die Split mit UNPERSONS von 2007 dazu) müssen auch die beiden Alben als Einheit betrachtet werden. Zusammengenommen reflektieren sie eine abgeschlossene Phase der Band, wie Baizley erklärt: „Der kreative Bereich, in dem wir uns mit dem ‚Red Album‘ befanden, war einfach noch nicht ausgeschöpft. Es gab noch so viele Dinge zu entdecken und Wege zu gehen, bevor wir nun weiterziehen können, um etwas Neues auszuprobieren.“ Dass beide Alben der gleichen kreativen Haltung geschuldet sind, wird beim Hören schnell klar: Alle Stärken des Vorgängers lassen sich wiederentdecken – nur eben in ausgefeilter, vertiefter und konsequent weiterentwickelter Form. Das ist der Band jedoch keineswegs in den Schoß gefallen, wie ihr Mastermind betont: „Wir arbeiten vor allem an den Dingen, die uns schwerfallen und uns herausfordern. Das Problem – wenn ich es einmal so nennen kann – ist, dass wir mit unserer Musik einfach sehr viel ausdrücken und transportieren wollen. Wir betrachten sie als eine Art Spiegel, der zeigt, wer und wie wir in einem bestimmten Augenblick, in einer Phase unseres Lebens sind. Das zu erreichen, ist nicht immer leicht. Die Arbeit an genau diesen Punkten ist aber der Grund, weshalb wir so klingen, wie wir klingen. Denn letztlich geht es immer nur darum, sich zu fordern, sich weiterzuentwickeln und die eigene Kunst zu verfeinern, um sie für alle spannend und interessant zu halten.“ In Anbetracht dieses Anspruches an die eigene Musik würde es nicht weiter überraschen, wenn BARONESS „Blue Record“ mit einem ausgefeilten Konzept versehen hätten und der Titel eventuell doch mehr bedeuten würde, als er es auf den ersten Blick vermuten lässt. Dem sei aber ganz und gar nicht so, wie Baizley leicht seufzend erklärt: „Ich hab das schon oft gesagt und werde es sicher immer wieder sagen müssen: Wir wollen unsere Albumtitel nicht zu einer Herausforderung stilisieren. Sie sind lediglich als eine Art offener Eintrittspunkt für den Hörer John Baizley ist nicht nur Sänger und Gitarrist – auch als Maler hat sich der Dreißigjährige einen Namen gemacht. Seine stark von der Ästhetik des Jugendstils (hier vor allem die Werke des Tschechen Alphonse Mucha) und den Cover-Artworks von Pushead (METALLICA, MISFITS) beeinflussten Bilder spielen oft mit den wiederkehrenden Motiven FRAUEN, NATUR UND TOD. Kein Wunder also, dass Baizleys Arbeit sich vor allem auf den Covern und Shirts von Metal-Bands wiederfindet. Bisher gestaltete er Artworks für THE RED CHORD, TORCHE, KYLESA, PIG DESTROYER oder SKELETONWITCH. Im November wird es übrigens eine erste große Ausstellung seiner Werke in den USA geben.

BARONESS

ROT FLIESST ZU BLAU. Vor zwei Jahren veröffentlichten BARONESS das „Red

Album“ und überraschten mit diesem Meisterwerk Fans, Journalisten und Musiker gleichermaßen. Wer die Band schon zu Zeiten der EPs „First“ (2004) und „Second“ (2005) kannte, für den waren BARONESS auf einmal in ungeahnt massentaugliche Gefilde vorgestoßen. Alle anderen waren erstaunt, wie es dieses unbekannte Quartett geschafft hatte, aus dem vermeintlichen Nichts heraus ein solch ausgefeiltes Stück Musik vorzulegen. Foto: Martin Neumann (mnphotography.de)

gedacht. Es soll simpel und einfach sein – ähnlich wie die Titel von LED ZEPPELIN-Platten.“ So ganz kann man ihm das jedoch nicht abkaufen, denn der Titel erweist sich durchaus als ein Indiz dafür, dass dem Album – wenn schon kein Konzept – zumindest eine Art roter Faden innewohnt: Wasser. Zunächst fällt natürlich das von Baizley gestaltete Cover auf, das wieder einmal zwei morbide dreinblickende Frauen zeigt, diesmal umgeben von allerlei Meeresgetier. Und dann ist da noch der Song „Ogeechee hymnal“ – der Ogeechee ist ein Fluss in Georgia. Am eindrucksvollsten wird der Wasseraspekt jedoch von der Tatsache untermauert, dass alle Songs geradezu harmonisch ineinanderfließen und sich so das Bild eines zusammenhängenden und im Fluss befindlichen Albums ergibt. Baizley überlegt und stimmt dann doch zu: „Das hat zum großen Teil damit zu tun, dass wir als Band richtige Alben schreiben und nicht nur ein paar Singles, ergänzt um Füllmaterial. Die Reihenfolge der Songs ist uns sehr wichtig. Am besten hört man unsere Platten immer am Stück. Live machen wir es ähnlich. Das jedoch ist unter

anderem meinem Charakter geschuldet“, gibt Baizley zu und erklärt sogleich, was er damit meint: „Ich bin eben einfach kein Frontmann im klassischen Sinne. Ich kann auf der Bühne keine Witze reißen oder große Reden schwingen. Außerdem bin ich manchmal auch ein ziemlicher Arsch. Unter anderem deshalb haben wir uns irgendwann einmal dafür entschieden, auf der Bühne einfach nur unsere Songs zu spielen – ohne Pausen und ohne Ansagen. Genau das wollten wir auch auf dem neuen Album ausprobieren. Als die Aufnahmen zur Hälfte fortgeschritten waren, habe ich zum ersten Mal gehört, wie gut diese Idee funktioniert – dass die Songs tatsächlich ineinander übergehen und die ganze Platte einen fließenden Charakter bekommt. Da wusste ich, wie das Album heißen würde. Alles andere hat sich automatisch aus diesem Moment heraus entwickelt.“ Martin Schmidt BARONESS Blue Album (Relapse/Rough Trade) myspace.com/yourbaroness

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