Page 26

PARACHUTES FÜR MEHR OFFENHEIT UND TOLERANZ.

Bescheidenheit ist eine Tugend, die von vielen sehr geschätzt wird, da die Träger dieser Eigenschaft oftmals sehr angenehme Zeitgenossen sind, die ihre eigenen Bedürfnisse und Ansprüche gegenüber anderen zurückstellen. Wenn Gitarrist Carsten Jung jedoch sagt, dass er seine Band nicht als Stürmerstar von Redfield Records (unter anderem FIRE IN THE ATTIC und NARZISS), sondern eher als hart arbeitenden Verteidiger sehe, ist das nicht bescheiden, sondern glatt untertrieben. Schließlich zählen PARACHUTES schon seit längerem zur absoluten Speerspitze der deutschen Screamo-Landschaft.

Du hast im letzten Interview mit dem Fuze gesagt, dass sich die Screamo-Szene deiner Meinung nach zu ernst nimmt. Wenn man sich eure Tourvideos im Internet anschaut, bekommt man den Eindruck, dass dies bei euch selbst überhaupt nicht der Fall zu sein scheint, da ihr permanent herumalbert. Habt ihr keine Angst, als Band unterschätzt zu werden – vor allem, da Screamo gerne als Kindergartenmusik dargestellt wird? Das hat sich schon alles sehr stark geändert. Als wir mit dieser Musikrichtung angefangen haben, war vom Emo-Brillenträger bis zum Metaller auf unseren Konzerten alles vertreten. Jetzt hat man auf den Shows eher so 15- bis 16-jährige Kids mit neonfarbenen T-Shirts. Damit kommen wir aber sehr gut klar, weil die alle super nett und relativ offen sind. Und zu der Sache mit dem Sich-zuernst-Nehmen: Wenn du eine Band gründest und dann nur super grimmige Fotos machst, um dir ein entsprechendes Image zu erschaffen, kann das funktionieren, aber auch furchtbar schief-

Foto: Michael Gebhardt gehen. Ich sehe es halt nicht ein, dass ich mich für mein Hobby, das mir mehr als alles andere auf der Welt bedeutet, verstellen soll, weil es besser zum Härtegrad der Musik passt. Wir sind halt alberne Idioten und die Jungs von nebenan. Das wird sich auch nicht ändern. Wer bei YouTube Videos von uns sieht und sich denkt, dass wir albern und nervig sind, der soll erst mal einen ganzen Abend mit uns verbringen, dann hat er die Schnauze richtig voll. Junge Leute wechseln häufig noch ihre Hörgewohnheiten und orientieren sich daran, was gerade angesagt ist. Habt ihr das schon einmal gemerkt? Sprich: Hattet ihr mal mehr und mal weniger Zuschauerzuspruch? Das merkst du auf jeden Fall. Die Support-Tour für CALLEJON letztes Jahr war schon eine Erfahrung, bei der man ein bisschen ins Zweifeln gekommen ist. Man reißt sich auf der Bühne den Arsch auf, doch vom Publikum kommt nicht viel zurück, weil jeder stupide darauf wartet, dass fünfzehn Breakdowns am Stück kommen. Das

wird bei uns aber nicht passieren, denn in erster Linie schreiben wir Songs, die uns selbst gefallen. Natürlich wollen wir unsere Musik auch an die Leute bringen und hoffen, dass sie anderen gefällt. Aber seinen Stil komplett zu ändern, weil jetzt gerade etwas anderes im Trend liegt, ist in meinen Augen vollkommener Quatsch. Die Tour mit ALESANA im Mai war da anders. Egal, ob in Köln, Berlin oder Hamburg, die Leute waren vom ersten Ton an da, und es ging rund, als wären wir der Headliner – obwohl bei ALESANA natürlich noch mehr los war. Das Publikum für solche Musik gibt es also auf jeden Fall, deswegen sollte man das nicht schon abschreiben. Letzten Endes ist es auch egal, was für Musik man macht, solange man hundertprozentig dahinter steht und das auch rüberbringen kann. Ich finde diese Engstirnigkeit schade. Viele Leute reagieren wirklich nur dann, wenn Bands auf der Bühne stehen, die alle die gleiche musikalische Richtung verfolgen. Wie gesagt, ich glaube, früher war das noch ein bisschen anders. Da waren mehr Bands miteinander unterwegs, die musikalisch nicht unbedingt zueinander gepasst haben, was ein viel gemischteres Publikum angezogen hat. Heute ist es eher ein Spartenpublikum. Egal, ob du zu einer HATEBREED- oder zu einer BRING ME THE HORIZON-Show gehst, du weißt genau, wen du dort triffst. Es gibt heute ja auch viel mehr Bands als früher, weshalb sich alles wohl ganz von allein in immer kleinere Subszenen unterteilt hat. Genau, es geht sehr viel mehr darum, sich in kleinen Gruppen zusammenzuschließen und sich von anderen abzugrenzen. Wir in der Band hören alles, was uns gefällt. Mit Pauschalaussagen, wie „Ich finde HipHop scheiße“ oder „Ich kann mir keine House-Songs anhören“ verschließt man sich von vornherein und findet dann wohl auch nichts, was einem gefällt. Aber wer Neuem offen entgegentritt, kann überall gute Songs oder Melodien entdecken. Glaubst du, dass so ein Verhalten typisch für Jugendliche ist? Man versteift sich auf eine Sache und merkt vielleicht erst mit dem Alter, was man dadurch alles verpasst hat. Ich habe auch das Gefühl, dass es so ein Jugendding ist. Ich merke es bei mir selbst, denn ich war früher auch engstirniger. Du wirst halt offener, und irgendwann reicht es dir nicht mehr, nur eine Musikrichtung zu hören. Besonders, wenn du selbst Musik machst. Man lässt sich ja immer von außen beeinflussen und probiert etwas Neues aus. Ab Mitte oder Ende Zwanzig fragen sich die meisten wohl: „Mann, was war das für ein Quatsch, den ich da früher gemacht habe?“ Wenn ich mir heute anschaue, wie ich auf fünf, sechs Jahre alten Bildern aussehe, denke ich mir auch: „Alter Schwede, hättest du da mal besser eine Stylingberatung gemacht.“ Aber was will man machen? Das sind halt Jugendsünden. Jan Ahrens PARACHUTES The Working Horse (Redfield/Cargo) theparachutes.com Bei PARACHUTES übernimmt jedes Mitglied neben dem musikalischen Teil auch noch ANDERE AUFGABEN in der Band, wie Gitarrist Carsten Jung erläutert: „Ich kümmere mich um das Booking, Stefan macht Merch, Chris, der auch in einem Gitarrenladen arbeitet, sorgt dafür, dass alle Instrumente in Schuss sind, und Elmar ist der kreative Kopf, der Shirt-Designs oder Vorschläge für Poster und Flyer bringt.“

26 FUZE

26Fuze18.indd 26

06.09.09 22:31

Fuze Magazine 18  

Das Fuze Magazine ist ein kostenloses Musikmagazin, das alle zwei Monate erscheint und sich ganz auf die Bereiche Hardcore, Metal und Emo sp...