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EVERY TIME I DIE

Foto: Jess Baumung

EIN KLEINES SEMINAR ZUR LITERATURDIDAKTIK. Das „Penguin Dictionary of Literary Terms & Literary Theory“

räumt dem durchschnittlichen Fachterminus aus der Literatur maximal eine halbe Seite ein, um dem geneigten Studenten eine Idee an die Hand zu geben, mit welchen Konzepten er jongliert. Das Stichwort „Ästhetizismus“ hingegen wird auf über zwei Seiten abgehandelt. Die Konzepte „Schönheit“ und „Geschmack“ sind eben doch nicht so einfach zu definieren. In der Literatur begründeten Franzosen wie Baudelaire den Kult des Ästhetizismus, während die Briten schließlich auf den Zug aufsprangen und die Ansicht verfeinerten, dass Kunst nur für sich selbst stehe und somit weder der Platz für moralische Standpunkte noch für anderen bedeutungsschwangeren Inhalt sei. „L’art pour l’art“ – Kunst nur um der Kunst willen – mauserte sich zum geflügelten Wort, und Oscar Wilde, Held der britischen Bohème, erkor es zur obersten Pflicht des Künstlers, so künstlerisch und künstlich wie möglich zu Werke zu gehen. Dass das letzte Album von EVERY TIME I DIE, „The Big Dirty“, genau in dieses Schema passte und schon mit seinem Titel gegen die selbstüberzogene Wichtigkeit aller musikalischen Szenekollegen rebellierte, mag ein wenig hochgegriffen sein – und doch lautete einer der Schlüsselsätze des Albums „It is better to destroy than to create what is meaningless, so the picture will not be finished“, wies auf die Eigenständigkeit der Kunst hin und klang derart nach einem Satz aus Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, dass es selbst der Band umheimlich wurde. Doch auch nach mehrmaligem Googlen mussten EVERY TIME I DIE diesen Spruch ihrem Sänger zuschreiben. Eben dieser Keith Buckley sitzt nun in seinem Auto und ist auf dem Weg zu seinen Eltern, die er besucht, weil er ganz in der Nähe einen Arzttermin hat: „Wenn ich erwischt werde, wie ich beim Fahren telefoniere, haben wir ein Problem, also wundere dich nicht, falls ich mal kurz weg sein sollte.“ Natürlich ist es schwierig, einen halben

Redneck, der beim Autofahren auf dem Highway telefoniert, mit den hehren Prinzipien des Ästhetizismus zusammenzubringen, doch „New Junk Aesthetic“, der Titel des neuen EVERY TIME I DIE-Albums, bietet eigentlich die perfekte Überleitung zur Selbständigkeit der Kunst und der reinen Ästhetik des Schönen, die hier absichtlich kompromittiert wird. Eine Überleitung, die Buckley jedoch geradewegs vermasselt: „Ich habe keine Ahnung. Unser Gitarrist Andy kam mit dem Titel um die Ecke, und er gefiel uns allen. Ich weiß nicht, woher er das hat. Natürlich habe ich das gegooglet, aber nichts gefunden, das auf den gleichen Namen hört. Das Einzige war mit ‚Your new aesthetic‘ ein Songtitel von JIMMY EAT WORLD. Wenn unser Albumtitel eine Referenz an die sein sollte, kann ich damit leben.“ „New Junk Aesthetic“ ist also kein Manifest einer neuen Kunstbewegung? „Natürlich wäre es großartig, eine neue Bewegung zu begründen“, findet der Sänger. Wie die aussehen könnte, kann er sich im Moment allerdings nicht aus dem Ärmel schütteln. Vielleicht, weil er gerade Lenkrad und Handy festhalten muss. Irgendwie schon enttäuschend, wenn ein ausgebildeter Englischlehrer wie Keith Buckley keine Theorie zur eigenen Kunst etablieren kann. Sollte es etwa egal sein, was Titel, Artwork, Musik und Texte eines Album vermitteln? „Nein, ganz und gar nicht! Mein Bruder Jordan war für das Artwork zuständig, das eins zu eins zu den Texten passt. Und wenn ich Songtexte schreibe, achte ich schon darauf, dass sie etwas bedeuten. Auf Larifari

Es scheint sich als Tradition bei EVERY TIME I DIE einzubürgern, immer GÄSTE IM STUDIO zu haben. Gerard Way von MY CHEMICAL ROMANCE war in der Vergangenheit mit dabei, Dallas Green von ALEXISONFIRE ebenso, und auf „New Junk Aesthetic“ lassen Matt Caughthran von THE BRONX und Greg Puciato von THE DILLINGER ESCAPE PLAN ihre Stimmen erklingen. Dazu Keith Buckley: „Es ist nicht so, dass wir denken, wir müssten unbedingt Gäste zum Singen einladen. Aber es ist spannend, Freunde im Studio zu sehen, weil Musiker dort zu anderen Personen werden. Dass Dallas Green ‚INRIhab‘ auf unserem letzten Album singen sollte, hatte ich schon im Kopf, als ich den Song geschrieben habe. Dass Greg und Matt auf ‚New Junk Aesthetic‘ auftauchen, hat sich dagegen erst im Studio ergeben.“

habe ich keine Lust.“ Da muss es doch manchmal schwer sein, die „Boy meets girl“-Lyrics anderer Bands ernst zu nehmen? „Du meine Güte, ich lache die ganze Zeit über andere Bands. Es gibt definitiv zu viele schlechte Texte. Ich lasse es nicht unbedingt raushängen, dass ich Englisch studiert habe, aber ich bin doch froh, wenn meine Texte bedeutsam und anders sind.“ Lehrer haben aber auch immer eine besondere Sicht auf Schüler, die vielleicht sogar mit dem Blick vergleichbar ist, den Bands auf ihre Fans haben. Kommt es Keith Buckley vielleicht manchmal so vor, als ob Hardcore-Kids intelligenter wären als Kids, die HipHop, Dance oder Radio-Pop hören? „Nein. Ich glaube nicht, dass man das so verallgemeinern kann. Einige HipHop-Produzenten müssen hyperintelligent sein, sonst könnten sie nicht so geiles Zeug machen. Aber ich gebe dir Recht, wenn du sagst, dass die Hardcore-Kids der alten Schule – nicht die Kids mit den Frisuren – vielleicht ein wenig kritischer denken als Kids, die nur Musik aus dem Radio hören.“ Vielleicht hinterfragen sie ja sogar den puren Ästhetizismus. Laut des eingangs genannten Nachschlagewerks ist nichts deutlicherer Ausdruck der Bohème als die Nachkriegsrevolution der ausgeflippten Gesellschaft. Pop ist lediglich eine neue Form des Ästhetizimus, eine Reaktion auf die korrupte und kommerzialisierte Welt. Wenn man dieser Definition folgt, dann ist „New Junk Aesthetic“ Popmusik in Reinform. Dann lebe die Revolution, dann lebe die Kunst! Ich schwöre, dass Oscar Wilde jetzt wohlwollend nicken würde, wenn er denn noch könnte. Birte Wiemann EVERY TIME I DIE New Junk Aesthetic (Epitaph/Soulfood) everytimeidie.com

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Fuze Magazine 18  
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