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Labels SEVENTH DAGGER SAVE MY SOUL RECORDS Im Gespr채ch SAPHENA

LOOK MY WAY

COMEBACK KID

RAISED FIST


Inhalt

Interviews

KAPITALISMUS PUR! Eine unserer Änderungen brauche ich eigentlich gar nicht zu erwähnen, sie wird jetzt schon aufgefallen sein. Wir sind teurer geworden! Ja, das ist bestimmt eine bittere Pille für viele von Euch. Überfällig war es schon lang und wir sind wirklich froh, dass wir mit dieser Ausgabe dann nun endlich schwarze Zahlen schreiben können. Das sichert uns und natürlich auch Euch das Fortbestehen des Outspoken Magazines auf lange Sicht. Dicker geworden sind wir aber auch, ganze 10 Seiten. Inhaltlich haben wir dieses Mal ein ganz besonders heißes Eisen angefasst und präsentieren Euch mit „Kids On TV“ ein Interview, das auf das Zusammenspiel von Hardcore und Homosexualität eingeht, durchaus eine Herausforderung in unserer leider viel zu homophoben Szene. Zu sehr abkühlen wollten wir danach dann aber auch nicht und haben uns für Euch mit Suicide Girl Stephanie zusammengesetzt.

Comeback Kid Look My Way Violence Approved Raised Fist Save My Soul Records SS Kaliert Seventh Dagger Copykill Jon Snodgrass Cause For Revelation Glasses Saphena Anchor Kids On TV Most Wanted Monster Messer Shop Damien Klein

02 06 08 10 15 17 19 23 26 28 32 35 37 38 40 42 46

Outspoken Global Norwegen 49 Profil Sunimar Boardwear 52 The Hardcore Help Foundation 54 Fitness Triathlon 56 Literatur

Ansonsten hoffe ich Euch mit neuen Themen aus den Bereichen Sport, Literatur, Kochen, Girls, Plattenläden, Ecowear und natürlich wieder jeder Menge Musik begeistern zu können.

Perlentaucher – Oder wie man zu Büchern kommt 62

Unsere Inhalte wurden von Ausgabe zu Ausgabe vielfältiger und die Seitenzahl stetig mehr, wenn Du auch mal für das Outspoken schreiben möchtest melde Dich einfach bei mir, wir freuen uns über Zuwachs!

Girls! Girls! Girls! 65 „Kein Mensch ist einzigartig!“ 68

Henning Jäger henning@outspoken.de

Style & Fashion

Social Geek Triple Play – Web, Life, Business 71

IMPRESSUM Redaktion Stevie Fuchs, Pierre Heinemann, Henning Jäger, Marc Köhler, Tanja Kroll, Sandra Redegeld, Sebastian Seitz, Robin Siegert Grafik&Layout Stevie Fuchs, Saskia Gebauer

Coverfoto Tanja Kroll

Kontakt & Anzeigenschaltung Henning Jäger, Brunnenstr.75, 40233 Düsseldorf 0177/6121802 info@outspoken-magazine.com

Logo Erwin Pauls Herausgeber & V.i.S.d.P. Henning Jäger


2 Interviews

Comeback Kid im Interview

NO COAST, NO MESSAGE, NO FURNITURE Comeback Kid ist seit fast zehn Jahren im Musikgeschäft. Folglich auch seit fast einer Dekade immer auf Achse und immer unter Strom. Da gibt es einiges zu erzählen. Die Einstiegsdroge im Gespräch über Freundschaft, Fans, Ziele und irgendwie auch Elton John. Andrew Neufeld, 29, sitzt auf einem mit blau-weißer Blümchenbettwäsche bezogenem Bett – etwas beengt in gebückter Haltung unter eine Dachschräge geklemmt. Es riecht wie in einer Sportlerumkleide, nach Schweiß, Testosteron und Adrenalin. Die ande-

ren beiden Betten in diesem Zimmer mit Schullandheim-Charme werden vom vor sich hin dösenden und nur auf Zurufe reagierenden Gitarristen Jeremy Hiebert und Bailey, dem Bassisten von Gravemaker okkupiert. Andrew scheint etwas nervös zu wirken, fummelt während dem Gespräch so lange an seiner Plastikflasche Fiji-Wasser herum, bis das Etikett in Einzelteilen den Boden zwischen seinen Füßen bedeckt. Das macht ihn aber nur noch charmanter als er so schon ist. Kanadier eben.


Comeback Kid 3

Apropos Kanada, wie ist es eigentlich in einer Einöd-Stadt wie Winnipeg zu leben? Es ist eine sehr kalte Stadt, acht Monate im Jahr ist es echt kalt, aber im Sommer ist es dort wirklich schön, wenn man mal von dem Moskitos absieht. Moskitos? Obwohl es so lange so kalt ist? Ja, trotzdem haben wir sehr viele Moskitos. Viele haben sogar Moskito-Tattoos.Andrew deutet auf Jeremy, der mit geschlossenen Augen seinen Arm hebt und sein Tattoo präsentiert, um dann sofort wieder weiter zu dösen. Bailey fühlt sich benachteiligt und zeigt uns sofort das Moskito-Tattoo auf seiner Wade. Jeremys ist größer, er gewinnt den Moskito-Contest und Andrew erzählt weiter über Winnipeg. Es ist eine Stadt in der Einöde, aber es gibt dort viel Kunst und auch viele Musiker. Gerade weil Winnipeg so isoliert ist, ist es eigenständig. Kunst entwickelt sich relativ unbeeinflusst und es gibt viel local support der Kunst- und Musikszene. Aber weil es dort so kalt ist und weil es auch eine relativ kleine Stadt ist, ziehen viele Menschen weg, wenn sie flügge werden – ich zum Beispiel. Aber ich liebe Winnipeg und habe immer noch viele Freunde dort. Es ist eine dieser Städte, in denen man gelebt haben muss um ihren Wert zu erkennen. Kannst Du uns ein wenig über Euren Bandnamen erzählen? Er soll ja in Zusammenhang mit einem Eishockeyspieler stehen? Der Name kommt von unserem alten Sänger Scott. Wir haben alle über einen Namen nachgedacht und mir sind ungefähr hundert bescheuerte eingefallen. Es gab dann eine Schlagzeile, dass Mario Lemieux in die NHL zurückkehrt und die Zeitungen nannten ihn „the comeback kid“. Uns gefiel die Idee, die dahinter steht. Nach einem Dämpfer wieder auf die Füße zu kommen und nicht aufzugeben. Das war für uns der richtige Name für eine Band, denn wir sind durch schwere Zeiten gegangen und hatten einige Hürden zu nehmen. Jetzt sind wir nach zehn Jahren immer noch hier. Du würdest deswegen aber nicht sagen, dass Sport eine große Rolle in Deinem Leben spielt, oder? Nicht in meinem Leben (grinst und beäugt seinen Bauch). Aber die anderen Jungs interessieren sich schon für Eishockey und andere Sportarten. Ich habe Sport für den Punk Rock aufgegeben (lacht). Nicht einmal als cooles Punk Rock Kid mit dem Skateboard in die Halfpipe gesprungen? Hah, ja, Skateboarding war meine einzige Sportart! Richtiges Skateboarding, oder cool mit dem Skateboard in der Hand am Rand stehen? Versuchen zu Skateboarden und dabei nicht besonders erfolgreich sein! Ich bin wirklich nicht besonders sportlich!

Gibt es Dinge in Deinem Alltag, auf die Du nicht verzichten kannst? Hm... Musik! Musik ist in meinem Alltag sehr wichtig und spielt eine sehr große Rolle in meinem Leben; das ist die Kraft, die mich treibt. Musik und fröhliche Menschen um mich zu haben, wie Bailey hier! Glücklicher Weise können wir jetzt unsere Freunde mit auf Tour nehmen und treffen auch viele Freunde, die zu unseren Shows kommen. Es gibt aber auch Dinge, die ich im Alltag zwar brauche, aber gerne nicht um mich hätte, wenn ich es mir aussuchen könnte, wie das Internet und Frauen (lacht und kassiert einen entrüsteten Blick der Interviewerin, auf den er zu seinem Glück nicht eingeht)!! Aber keine Lieblingszahnbürste? Oh Gott, ich verliere andauernd meine Zahnbürste! Kein Teddybär? (Deutet auf das Bett auf dem er versucht zu sitzen) Das ist was ich brauche! Das ist mein Teddybär!! (lacht) Oh und mein iPhone! Aber das werde ich auch bald verlieren so wie ich mich kenne! Ich bin kein großer Apple-Fan, meine Trauer hält sich in Grenzen... Ja? Ich hab hier eine „find your iPhone“-App auf meinem Handy, was sehr sinnvoll ist, wenn ich es verliere! (grinst) Was würdest Du eigentlich jetzt gerade machen, wenn Comeback Kid nicht funktioniert hätte? Schwer zu sagen, wahrscheinlich es mit einer anderen Band versuchen. Also definitiv etwas mit Musik? Nichts anderes, sowie Skateboarding? Ich würde schon sagen, dass der Großteil meiner Talente im Musikbereich liegt. Was ich aber auch gut fand und früher auch gemacht habe, ist mit geistig behinderten Menschen zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt tun würde, es ist schwer sein Leben mit dieser Arbeit zu finanzieren. Aber es hat sehr viel Spaß gemacht, das war ein cooler Job. Jedenfalls wäre ich wohl sehr kreativ und mir würde schon irgendwas einfallen! Wie würdest Du Deine Fans beschreiben? Sehr vielfältig! Wir sind keine Band, die in ein bestimmtes Genre passt. Wir sprechen ein sehr breites Spektrum von Hardcore- und Punk RockFans an, von Rockabilly bis Skinhead. Nicht, dass ich Skinheads toll finden würde. Wir haben nur diesen Song mit einem Gang Vocal Part und den haben manche wohl etwas missverstanden... Das, was Comeback Kid auszeichnet ist, dass wir eine Art Einsteiger-Band sind für Menschen, die anfangen, sich für Hardcore zu interessieren. Ich will das auch gar nicht qualitativ bewerten, weder


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positiv noch negativ. Aber viele Kids können über uns andere Hardcore-Bands entdecken. Würdest Du sagen, dass Eure Fans Eure Musik beeinflussen? Irgendwie schon. Unsere Fans beeinflussen unsere Sets. Manche Songs funktionieren live fantastisch, andere überhaupt nicht. Wenn man einen Song schreibt, kann man noch nicht sagen, ob er dann live funktionieren wird oder nicht, das entscheiden die Fans. Wir wollen Songs schreiben, die die Leute dann auch live hören wollen. Was wollt Ihr der Welt mit Eurer Musik mitteilen? Wir haben keine größere Message oder irre Agenda, die wir verfolgen. Wir versuchen gute Menschen zu sein und versuchen andere Menschen zu respektieren. Wir scheiben einfach über das Leben und über Dinge, die wir durchleben. Ich habe mich mit Comeback Kid ehrlich gesagt erst vor zwei Wochen näher befasst und für mich als altes Punk Rock Girl war Eure Musik zuerst sehr hart, aber sie wurde mit jedem Mal hören immer softer, wie kommt das? Ich denke wir versuchen durch unsere Musik dynamisch zu sein. Wir haben Melodie in unseren Songs; auf was wir verzichten sind diese HardcoreScreams, die diese super-cleanen Pop-Core Bands heutzutage häufig haben. Wir versuchen Melodie und Aggression in Einklang zu bringen und das in unserem eigenen Stil.

Wie hat sich Comeback Kid seit dem ersten Album entwickelt? Nun, wir haben fünf verschiedene Bassisten gehabt (lacht). Und nach zwei Alben habe ich die Gitarre hingelegt und wurde zum Sänger, weil unser damaliger Frontmann Scott uns verlassen hatte; das war wohl die größte Veränderung in unserer Band. Auf dem ersten Album waren unsere Songs noch sehr einfach gestrickt. Jetzt versuchen wir mit dem Hardcore-Genre zu spielen und mit seinen Möglichkeiten kreativ umzugehen. In welche Platte hast Du Dich zum ersten Mal verliebt? Meine war ja Elton John! Wirklich? Ich hab erst kürzlich festgestellt, dass einige seiner Songs wirklich die Songs schlechthin sind, wie „Saturday Night“ oder „Tiny Dancer“. Aber was war die erste Platte, in die ich verliebt war... ich befürchte Mariah Carey – Dream Lover, aber da war ich noch wirklich jung. Mein erstes Konzert war von Petra, eine Christian Rock Band (Bailey lacht). Die waren so eine Art christliche Version von Bon Jovi... Die erste coole Platte, die ich liebte war von U2 – Rattle and the Hum (Bailey legt vehement Protest ein: „Die sind ja wohl nicht cool!!“). Die erste Punk Rock Scheibe war ein Split von Propagandhi und I Spy, das hat mein Leben für immer verändert. Propagandhi, gute Wahl! Habt Ihr als Band eigentlich ein bestimmtes Ziel vor Augen? Als wir noch jünger waren, wollten wir alle einfach auf Tour gehen und die Welt sehen, zusammen


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mit unseren Lieblingsbands. Und das haben wir geschafft, mit Ausnahme von Afrika; wir würden gerne noch in Südafrika spielen. Jetzt ist das Ziel, das zu behalten was wir erreicht haben. Wer weiß, vielleicht entwickeln wir uns von diesem Punkt noch weiter, aber wir versu chen nicht zu einer mega-erfolgreichen Band zu werden; wir wissen, dass wir eine Hardcore-Band sind, das schränkt den Erfolg nun mal ein. Wir versuchen einfach nicht abzustürzen oder uns zu zerstören. Schwer genug, da sind die ersten fünf Jahre einfach... Bitte? Die ersten fünf Jahre einfach?? Ja, vielleicht nicht in finanzieller Hinsicht, oder gemessen am Erfolg, aber man hat als Band noch klar gesteckte Ziele, das hält einen doch eher zusammen und am Arbeiten als daran zu arbeiten so zu bleiben wie man ist, oder? Ja doch, das stimmt!! Auf was muss man verzichten, wenn man professioneller Musiker ist? Beziehungen und die Behaglichkeit eines Zuhauses. Die meisten professionellen Musiker sind konstant auf Tour. Wir waren bisher das ganze Jahr unterwegs. Hast Du überhaupt eine Wohnung? So richtig mit Möbeln? Ich hab erst kürzlich eine gebrauchte IkeaCouch bekommen für 100 Kröten. Meistens lebe ich in einer WG mit drei oder vier Leuten. Jeremy hat sich ein Haus in Winnipeg gekauft, aber ein Haus in Winnipeg zu kaufen ist auch nicht allzu teuer. Aber bis vor ein paar Jahren war ich zu viel auf Tour und hatte nur 3 Wochen frei, also habe ich irgendwo zur Untermiete gewohnt, wenn ich Zuhause war oder hab mich bei Freunden eingenistet. Das hab ich einige Jahre so gemacht. Wie ist Eure Beziehung zu Gravemaker? Bailey und ich haben früher in einer Band gespielt, Figure Four. Das war 1998. Comeback Kid sollten ja nur eine Nebenband zu ihr sein... ursprünglich. Bailey hat vor ein paar Jahren mit Gravemaker angefangen und seitdem gehen wir oft zusammen auf Tour, wir haben schon einiges zusammen durchgemacht. Ein Song auf dem neuen Album, „G. M. Vincent & I“, geht über einen Autounfall, in dem wir zusammen waren. Mein Freund Matt war eine Stunde unter dem Van eingeklemmt, Jon (der Frontmann von Gravemaker) wurde 15 Meter aus dem Van geschleudert... Und wir sind immer noch am Leben, wir sind immer noch hier. Wir haben eine besondere Beziehung zu diesen Jungs...

Was fällt Dir ein wenn Du darüber nachdenkst, dass Ihr schon fast zehn Jahre zusammen auf der Bühne steht? Großartig! Keine Ermüdungserscheinungen? Ja, doch, manchmal. Wir haben aber wirklich sehr viel Spaß. Ich bin jetzt 29, ich habe mein komplettes Leben nach der Schule praktisch auf Tour verbracht und das ist gut. Wir werden das weiter machen. Aber dieses Jahr war schon sehr verrückt, wir brauchen jetzt dann auch mal eine Pause! Habt Ihr immer noch das gleiche Gefühl, wenn ihr auf die Bühne geht? Prinzipiell ja. Natürlich ist man routinierter geworden und abgeklärter, aber ab und an sind da schon noch die Schmetterlinge im Bauch. Wir haben auf einem Festival namens Rose Rock gespielt, das war wohl die größte Show die wir in unserem Leben gespielt haben. Ich war nicht wirklich nervös aber schon sehr beeindruckt! 8000 Leute! Wann ist eine Show gut? Wenn man den Vibe fühlen kann. Dazu muss es nicht unbedingt ein großes Publikum sein, wir müssen nur die Leidenschaft der Leute spüren und mit ihnen interagieren. Du kannst ein riesen Publikum haben, aber trotzdem ist es tot. Wir waren auf Russland-Tour und in Moskau war es brilliant, 1000 Leute sind ausgeflippt, ein Stage Dive nach dem anderen. Am nächsten Tag haben wir in St. Petersburg gespielt und es war eine viel kleinere Show, die Leute haben nur rumgestanden, aber es war trotzdem unglaublich gut, weil die Leute so beeindruckt waren, dass wir zu ihnen gekommen sind. Die Leidenschaft war spürbar. Und dann gibt es wieder Konzerte, auf denen gar nichts passiert, wo der Funke nicht überspringt. Du gibst alles und stehst vor einem toten Publikum. Das ist der Unterschied zu anderen Genres, eine Hardcore-Band ist angewiesen auf die Interaktion zwischen ihr und dem Publikum. Letzte Frage: Was ist Dein momentaner Lieblingssong? Tiny Dancer? (lacht) Das ist wirklich ein guter Song!! Oder „Xanax“ von Maria Taylor. Der Song ist besser gut, ich hör mir den an!! Ich find ihn großartig. Es stellte sich heraus der Song ist wirklich wahnsinnig gut. Danke, Andrew. Tanja Kroll


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Dinge, die uns beschäftigen

LO OK MY WAY

Look My Way sind Chris, Tommy, Micha, René und Kevin. Selbstverständlich dürfte euch Sänger Chris euch allen ein Begriff sein: Der ehemalige Cheap Thrills Sänger startet mit seiner neuen Band, die es erst seit Ende 2010 gibt, voll durch. Grund genug, die Jungs nach einer Show im Backstage abzufangen und zum Interview zu bitten. Schließlich wollen wir doch alle wissen, was es so neues an der Aachener Front gibt... Wie kam es zu Look My Way? Tommy und Kevin wollten schon länger ein neues Projekt starten und Anfang 2010 kam René dazu. Zunächst ging es hauptsächlich ums Jammen, doch als im Sommer Chris und Micha dazu kamen, war die Band vollständig. Der Anfang von LMW einige waren ja Jungs, die sich ab und an zum Jammen trafen. Wie kam es letztendlich zu einer Bandgründung? Chris: Wir waren alle auf der Suche nach einer Hardcore Band in der jeder 100% Bock darauf, dieselbe Wellenlänge, dieselben Ansichten und vor allem die selbe Motivation hat. Das ist in unseren letztens Bands teilweise nicht der Fall gewesen und da wir in Look My Way genau das gefunden haben, war uns klar, aus dem „Projekt“ eine Band zu machen.

Tommy: Ich war vorher meistens das Zugpferd. Der Rest der Band hatte andere Vorstellungen und der Ehrgeiz hat gefehlt. Ich bin froh, das alles nun gefunden zu haben. Wie würdet ihr eure Musik beschreiben? Wir machen klassischen Hardcore ohne Firlefanz. Wir brauchen keine von diesen neumodischen Bezeichnungen mit all dem Schnick Schnack. Die Metalkante wird in unserer Musik auf jeden Fall angeschnitten, aber wir versuchen nicht den Hardcore neu zu erfinden. Ihr habt vorher in diversen anderen Bands gespielt und dementsprechend unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Waren das alles Hardcore Bands? Die Ursprünge sind verschieden. Zum Beispiel hat der Eine Metal und der Andere Hardcore gemacht. Worum geht es in euren Songs? Chris: Ich schreibe alle Texte alleine und behandele dabei Dinge die mich beschäftigen. Zum Beispiel über zwischenmenschliche Geschichten und Dinge aus der Vergangenheit. Mir ist außerdem wichtig zu vermitteln, dass jeder ein Individuum sein und sich nicht der Gesellschaft fügen sollte. Dieses Thema behandelt z.B. der Song „Disempo-


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wer“ . Die Leute müssen lernen, dass sie Dinge nur aus eigener Kraft ändern können. Können sich alle Bandmitglieder mit den Songs identifizieren, obwohl Chris die Texte schreibt? Auf jeden Fall! Und jeder der ein bisschen ehrlich zu sich selbst ist, wird sich mit den Lyrics verbunden fühlen, da diese Probleme definitiv jeder hat. So sind die Songs für unser Publikum extrem zugänglich. Was genau ist eure Attitüde? Was wollt ihr bei den Leuten ansprechen und erreichen? Wir wollen, dass die Leute ehrlicher zu sich selbst sind. Es gibt einige Kids die erst seit kurzen auf Hardcore stehen und die aus den falschen Gründen „in der Szene“ sind. Wir wollen Leute ansprechen und verändern. Die meisten dieser Kids kennen nicht einmal den Ursprung der Musik die sie auf Shows feiern. Dabei vergessen sie meistens auch, dass illegaler CD download niemanden supporten, sondern Existenzen der Bands die sich den Arsch aufreißen ruinieren. Wir wollen die Leute ansprechen und was verändern! Wie steht ihr zur Hardcore Szene? Micha: Das ist eine schwierige Situation. Rico 17 Stiches, Henning Outspoken, Axel FWH und Tony BDHW hängen sich richtig rein, kümmern sich um einzigartige Shows, CDs und Plattformen. Es gibt auch viele Kids die das Ganze supporten und die Szene so grade eben lebendig halten, aber ebenso gibt es (den leider größeren Teil) der Leute, die zu kurz dabei sind, die Platten downloaden, sich nicht einmal die Lyrics durchlesen und nur im Pit abhängen. Diese Leute kennen nicht mal die Wurzeln von der Musik die sie feiern, weil sie sich nicht damit beschäftigen und es nicht für nötig halten, sich ein bisschen HC Wissen anzueignen. Chris: Ohne Agnostic Front, Madball und all die alten Bands gäbe es die heutigen Bands gar nicht. Und ohne den Support der Szene hätten diese Bands es gar nicht geschafft ihre Existenz aufrecht zu halten. Im heutigen Internetzeitalter sind die Wurzeln untergangen…Es wird nicht mehr für nötig gehalten, sich das HC-Wissen reinzuziehen, geschweige denn, sich damit zu beschäftigen oder auseinanderzusetzen. Die Jungs die den Großteil ihrer Zeit in den Hardcore stecken verdienen Respekt. Dass es Leute wie Rico, Henning, Axel und Tony gibt wissen die meisten Kids nicht einmal. Die denken, dass das alles von alleine läuft. Chris, du hast bisher in einigen anderen Bands gespielt. Unter anderem kennen dich die meisten Leser vermutlich von Cheap Thrills, die sich definitiv einen Namen gemacht haben. Wie kam es zu dem Wechsel? Chris: Cheap Thrills hat im Jahr 2004 begonnen und lief bis 2010. Das hat mich definitiv geprägt. Aber wenn ich etwas mache, dann mache ich es

richtig. Es war sehr frustrierend, dass das scheinbar nur meine Ansicht war, denn mir geht es gut, wenn es der Band gut geht. Ich habe all meine Motivation in CT gesteckt und bin irgendwann an einem Punkt angelangt, an dem ich das Gefühl hatte nicht mehr weiter zu kommen. Die Steigerung der Band, sowohl musikalisch als auch auf Shows, hat gefehlt. Hardcore ist mein Ding, meine Erfüllung. Das hat auch bei meinem folgenden Projekt World Gone Mad nicht funktioniert. Denkst du, du hast das was du suchst in Look My Way gefunden? Chris: Definitiv!! Die Jungs haben Motivation und Bock was zu reißen. Sehen das alle LMW Members genauso? Auf jeden Fall. Wir wollen Shows spielen, den Leuten unsere Musik und Attitüde nahe bringen und haben echt sehr viel Spaß an der Sache. Ihr seid fast alle Straight Edge. Micha, wie ist es für dich als einziger nach der Show ein Bierchen zu kippen? Micha: Straight Edge hat ja nichts mit der Band an sich zu tun. Natürlich toleriere ich ihre Einstellung und Straight Edge ist irgendwo auch stetig elementar, aber ist kein Teil der Band. Ob xxx oder nicht, für uns die Einstellung der anderen vollkommen in Ordnung. Ich bin außerdem kein Partytrinker und am Wochenende kann, aber muss ich nicht trinken. Egal, ob mit oder ohne Alkohol: Wir eskalieren alle zusammen! Euch gibt es bisher noch nicht ganz so lange. Wie ist die bisherige Resonanz? Wir haben natürlich gehofft, dass wir so ein positives Feedback bekommen. Das dies auch so gekommen ist, ist für uns unvorstellbar. Es ist absolut krass, mit was für Bands wir schon spielen konnten und mit welchen wir noch spielen werden. Die Leute gehen auf unsere Musik ab und das freut uns sehr. Look My Way in einem Satz: “Hauptsacheabhängen” Unsere Chemie stimmt einfach. Wir haben den gleichen Humor und harmonieren miteinander. Wir sehen die Band nicht als lästige Verpflichtung an, sondern wir haben Spaß bei dem was wir machen. Was plant ihr für die Zukunft? Wir wollen eine Full Length machen und so viele Shows wie möglich spielen. Letzte Worte: Ein riesengroßes Danke geht auf jeden Fall an Outspoken. Supportet die Szene, kauft Platten, CDs und hört auf euch über die Gästeliste auf die Shows zu schmuggeln! Sandra Redegeld


8 Interviews

V IOLENCE APPROVED 2003 habe ich Markus Ehre auf dem Pressure Festival kennen gelernt. Um so mehr freut es mich euch Violence Approved hier vorstellen zu dürfen. Klar, die meisten werden die Band kennen, aber für diejenigen, die VA nicht kennen: Auf den nächsten Seiten werdet ihr sie so schätzen lernen wie ich. Hey Markus, euch gibt ja nun auch schon recht lang, 2003 etwa. Weißt du noch wie alles angefangen hat? Oh man...das erinnert mich daran das ich langsam alt werde (lacht). Obwohl es VA jetzt schon so lange gibt, erinnere mich an die Anfangszeit, als wäre es gestern gewesen. Mittlerweile bin ich ja das einzige Mitglied, das von der Original VA Besetzung noch übrig geblieben ist. Nichts desto trotz ist auch die aktuelle Besetzung zu 100% VIOLENCE APPROVED. Der Grund aus dem wir VA gegründet haben, nämlich zum einen um Spaß zu haben und zum anderen um Werte wie Zusammenhalt und Freundschaft zu vermitteln ist immer noch aktuell. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert. District 763 ist euer Platten Label. wie hat ihr zueinander gefunden? Das ist ganz einfach. DISTRICT 763 RECORDS ist mein eigenes Label. Da liegt es nahe auch die eigene Band über dieses Label zu vermarkten. Nachdem wir in der Vergangenheit mit einigen Labels schlechte Erfahrungen gemacht haben, wollte ich sicher gehen, dass diesmal alles richtig gemacht wird. Der Erfolg der Platte NO FREE RIDES und meiner anderen Releases bestätigen dass die Entscheidung die Release unserer Band zu übernehmen und auch die Gründung des Labels richtig war.

Beschreibe die Musikrichtung oder aber auch eure musikalischen Einflüsse. VIOLENCE APPROVED is straight in your face HARDCORE, nothing more and nothing less! Was wir privat so auf den Plattenteller schmeißen ist durch den Einfluss verschiedener Subkulturen bunt gemischt. Es überwiegt zwar Hardcore in allen Variationen, aber auch Metal, Punk oder Oi! wird gerne mal gehört. Dies sind wohl auch die Musikrichtungen die uns am stärksten beeinflussen. Wie ist Hardcore heute? Wie war es für Dich früher? Meiner Meinung nach besteht zwischen dem früheren Verständnis von Hardcore und dem welches zurzeit herrscht eine große Diskrepanz. In der Vergangenheit wurde mehr Wert auf Attitüde gelegt. Ziel der Musik war es Werte zu vermitteln und man wollte etwas durch die Musik bewirken. Heute allerdings scheint die Musik fast nur noch Trend zu sein. Bei welcher Show aus der Vergangenheit würdest du sagen: Das war die geilste? Der Support Gig für Biohazard auf deren Reunion Tour zählt auf jeden Fall zu den Besten Shows in unserer Bandhistory. Das Biohazard Album ,,Urban Discipline“ ist in meinen Augen eines der Besten Hardcore Alben, die es jemals gab und auch geben


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wird. Die Bühne mit einer solchen Band zu teilen ist einfach großartig. Ein weiteres Highlight war wohl der Auftritt auf der Release Show des Born From Pain Albums ,,War ‚‘, der in einer kleinen Kneipe im Heimatdorf der BFP Jungs stattfand. Bei welcher war genau das Gegenteil der Fall? Auf Anhieb fällt mir jetzt keine Show ein die richtig mies war. Klar es kommt vor dass sich nur eine Hand voll Leute eine Show ansehen, aber auch dann kann es total abgehen, wenn die Leute mitfeiern. Man muss einfach das Beste draus machen und ich denke das haben wir bisher immer geschafft. Nach eurer ersten LP und Demo kam „NO FREE RIDES“ heraus. Beschreibe die Platte. Die Platte wurde am 26.03.2011 veröffentlicht und ist sozusagen unser Meisterstück geworden. Der Sound ist klasse und bis jetzt haben wir dafür auch echt positives Feedback bekommen. Im Vergleich zu der vorherigen Platte ist ,,NO FREE RIDES“ etwas ausgefeilter. Am besten hört ihr einfach mal rein! Einige bekannte Bandmitglieder anderer Bands haben dort Parts übernommen! Wer war integriert? Das stimmt! Marshall von „The Warriors“, Micha von „Anticops“, Raffael von „Dead End Tragedy“ und Roger Miret von „Agnostic Front“ sind auf der Platte zu hören. Wie kamt ihr zueinander? Mit den Jungs von The Warriors bestand schon länger via verschiedene Social Networks Kontakt.

Als die Jungs dann Toursupport von Parkway Drive waren und im Saarland gespielt haben, hat es sich angeboten mal was zusammen zu machen, zudem wir auch zeitgleich im Studio waren. DET kommen aus der gleichen Gegend wie wir, allein schon deshalb hat sich die Zusammenarbeit ergeben. Die Jungs sind richtig gut weshalb es uns sehr gefreut hat mit ihnen zusammen zu arbeiten. Mit Micha von den Anticops bin ich selbst befreundet und wir hatten schon längere Zeit geplant Features auf den Platten des jeweils anderen zu machen. Dies wurde dann mit NO FREE RIDES verwirklicht. Roger Miret war zufällig bei Micha im Studio um ein anderes Feature für eine andere Band einzusingen. Spontan war er dann dazu bereit das auch für VA zu machen. Last Words Ich verabschiede mich mit einem Zitat, welches mich in meiner Jugend stark beeinflusst hat: When it gets right down to the streets, the foundation of this entire movement – punk rock, oi!, ska, hardcore etc....your integrity – your true purpose – that´s what really matters. What are you doing to advance the struggle – the movement? Start a fanzine, start a band – or just speak out – scream, let the world hear what you have to say! Don´t feel bad if people talk shit about you – everyone has an opinion. Be true in your heart – dress the way you want. Scream out vocals at shows – make a difference, take a stand. Every single one of you is important – united we stand – as one human race. Stevie Fuchs


10 Interviews

Über Eishockey, Europa und Fische

R AISED FIST „Wir sind das, was andere Bands behaupten zu sein – ein Fischverkäufer mit freiem Willen“ Über Plattenfirmenversklavung, einen Haufen schlechte Musik, die perfekte Dauer einer Tour und nebenbei auch Raised Fist.

Bassist Andreas „Josse“ Johansson kommt in Flip-Flops aus dem tiefschwarzen Raum geschlurft, in dem er am Abend auftreten wird. Er würdigt den 25 Grad warmen Frühsommer, der verstohlen in die Eingangshalle leuchtet, mit einem wenig begeisterten Zwinkern und quetscht meine Hand zur Begrüßung zu Brei. Er will nur eben noch schnell nach oben und sehen, ob er etwas zu essen findet, er kommt gleich wieder. Fuck Off. Das darf ich auf dem Rücken seines Shirts lesen als ich ihm beim Erklimmen der Treppe zusehe. Na toll, das wird ja super. Und für diesen „Sonnenschein“ lasse ich das Viertelfinale der Eishockey-WM sausen. Deutschland – Schweden, wie treffend. Er kommt zurückgeschlurft, mit Malboros und einem Augustiner Hell bewaffnet, und als ich zu ihm sage „ah, so there’s your food“ stolpert er aus der Halle in die Sonne. Verfolgst Du die Eishockey WM, die gerade läuft? Nein, überhaupt nicht. Ich interessiere mich schon für Eishockey, aber ich gehe nur zu Spielen in unserer Liga. Da spielen die besten Spieler, das will ich dann auch sehen. Ihr spielt heute gegen uns und ich bin mir sehr sicher, dass wir verlieren werden...

Man weiß nie... Ich habe nur mitbekommen, dass Schweden gegen Norwegen verloren hat. Das geht ja mal gar nicht! Ja, darüber habe ich auch herzlich gelacht... Ach ja? (Todesblick) Themenwechsel. Ist es für europäische Bands schwerer in der Szene Fuß zu fassen? Würde ich nicht sagen. Zumindest in Europa nicht. Jetzt sind es vielleicht auch erleichterte Bedingungen durch das Internet. 1993 war das aber noch anders... Nein, finde ich nicht. Es gab auch damals schon Sampler von Plattenfirmen, auf denen eine große Bandbreite von Band vertreten war. Dadurch konnte man sich als Europäer auch damals einen Namen machen. Das hat die Sache für Bands wenn überhaupt noch mehr vereinfacht im Vergleich zu jetzt. Heute spielen so viele andere Dinge eine Rolle. Wenn man sich für eine Band interessiert, dann googlet man sie, um mehr über sie zu erfahren. Und auf einmal ist es wichtig, wie Du aussiehst, in welches Genre die Leute Dich packen, welche Klamotten Du trägst,


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was Du isst, welche Ideale Du verkaufst. Früher war das nicht so. Da ging es einfach nur um die Musik. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Jetzt mögen die Menschen eine Band vielleicht nicht nur wegen der Musik, sondern wegen dem Paket, das sie darstellen.

bist, nimmt Deine Leistung automatisch ab. Wir geben immer Vollgas und können das Niveau der Shows dann auch halten. Nach ein paar Wochen fängt es auch an zu nerven, man will dann nicht mehr. Es ist super, Shows zu spielen, aber wenn es zur Routine wird, dann will ich das nicht machen.

Trotz allem ist die Zahl wirklich erfolgreicher europäischer Hardcorebands verschwindend gering... Ja, das mag schon sein, aber man muss es auch in Relation setzten. Nordamerika hat eben auch viel mehr unerfolgreiche Bands, als Europa. Wenn man es in Prozentzahlen analysieren würde, wäre der Anteil der erfolgreichen Bands wohl nicht sehr verschieden.

Hört sich ja nach Hobbyband an... Ist es auch! Denn nur dann macht es Spaß in der Band zu sein. Wir versuchen uns auf einem Level zu halten, auf dem wir alle Spaß an der Sache haben.

Auf was seid Ihr als Band stolz? Allem voran auf unsere Musik. Wir sind immer unseren eigenen Weg gegangen. Anstatt irgendwelchen Trends hinterher zu laufen oder Musik zu machen, die den Leuten gefällt, haben wir einfach das gemacht, was uns gefällt. Man erkennt einen Raised Fist Song auch nach wenigen Akkorden. Eine Eigenschaft, die nicht so einfach zu erzielen ist in einem Genre wie Hardcore... Ja! Ich kann mir fünf Songs von fünf verschiedenen Bands anhören und mir würde unter Umständen nicht einmal auffallen, dass das unterschiedliche Bands sind! Wir haben unseren eigenen Sound. Es ist auch sehr schwer, Raised Fist mit einer anderen Band zu vergleichen. Wir haben so viele Elemente aus den unterschiedlichsten Genres, von Hardcore über Punk bis teilweise in den Death Metal Bereich. Warum habt Ihr nur sechs Alben in Euren achtzehn Jahren Bandgeschichte herausgebracht? Das kann ich eigentlich gar nicht so richtig erklären! Ich denke wir wollen es einfach nicht übertreiben. Wir touren auch nicht so viel wie andere Bands. Wir sind zwei Wochen auf Tour, dann ist es wieder eine Zeit lang gut, dann touren wir nochmal für ein paar Wochen. Andere Bands sind monatelang unterwegs. Also hast Du einen Job? Ja klar, ich will doch nicht auf dem Sofa verschimmeln, wenn ich nicht auf Tour bin! Wir machen das jetzt seit achtzehn Jahren, ich kann nicht die ganze Zeit auf Tour sein. Wir wollen das machen, aber wir wollen es auch gut machen. Wenn du konstant auf Tour

Was arbeitest Du dann so zuhause? Ich bin Verkäufer. Und was verkaufst Du so? Fisch. Ich arbeite in einer kleinen Firma, die Fisch an Restaurants verkauft. Gefrorener Fisch, frischer Fisch... Riechst Du dann nicht öfters mal streng? Nööö, ich fasse den Fisch ja nicht an!! Ich verkaufe ihn nur! Das macht Spaß, ich treffe viele Menschen, bin auf Achse, besuche Restaurants... Und ich bin ziemlich frei, solange ich Fisch verkaufe. Die wundern sich nur wo ich stecke, wenn kein Fisch mehr verkauft wird! Nachdem ich aber ziemlich gut bin im Fischverkaufen, kann ich tun was ich will. Ich arbeite mal zwei Tage nicht, dann muss ich wieder Fisch verkaufen, dann habe ich wieder tagelang frei, weil ich so viel Fisch verkauft habe. Ich bestimme selbst wie meine Woche aussieht. Hört sich nach einem guten Leben an... Ist es auch. Ich tue was ich will, alles andere tue ich nicht. Ich will Spaß haben. Es ist super, fast so toll wie auf der Bühne zu stehen. Ich kann mir jeden Tag aussuchen, auf was ich Lust habe. Das gibt einem Kraft für Situationen, in denen man nicht tun kann was man will. Wie hat sich die Hardcore-Szene in den letzten achtzehn Jahren verändert? Ich finde sie ist massentauglicher geworden, ich finde nicht, dass sie sich ausschließlich zum Positiven verändert hat. Da stimme ich zu. Sie ist populärer geworden, es gibt viele Nachahmer. Mehr gutes Zeug, mehr schlechtes Zeug. Die Radiosender spielen mehr Hardcore, das macht es einfach für Bands zu releasen und entdeckt zu werden. Viele Bands bringen CDs raus, die das besser sein lassen sollten. Aber auf der anderen Seite bringen auch Bands CDs raus, die es damals einfach nicht geschafft hätten. Wir haben also viel mehr Releases.


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Einen Haufen Gutes, das liebst Du direkt, einen Haufen Schlechtes, das kloppst Du in die Tonne, und dann noch mittelmäßige Platten, mit denen kein Mensch weiß was er machen soll, die hängen da eben so rum. Unterm Strich haben wir aber jetzt trotzdem mehr gute Bands als zuvor. Hat Hardcore den Punk Rock abgelöst? Oh nein, Punk Rock ist immer noch da! Es ist immer noch das was es war. Es gibt vielleicht weniger Bands. Wenn Du jetzt zwölf Jahre alt bist und Dir überlegst welche Art Band Du gründen willst, dann wählst Du vielleicht eher Hardcore als Punk Rock, weil alles was Du siehst Hardcore ist. Und da willst Du dann ja auch hin. Wir haben Punk Elemente in unseren Songs, weil wir Punk mögen. Wir haben auch Gedanken wie „oh das können wir aber nicht machen, das ist nicht Hardcore“ nicht. Stattdessen hören wir uns die Scheiße an und wenn wir denken „hey das ist neu, das klingt gut“ dann wird das übernommen. Mir doch egal wie das dann heißt. Wie hat sich Raised Fist über die Jahre verändert? In eine gute Richtung, wie ich finde. Wir haben als Old School Hardcore Band angefangen und das nur zum Spaß gemacht. Dann wurde das immer größer und wir konnten neue Ideen in die Band einbringen und diese auch verwirklichen. Manche Menschen sagen, Ihr werdet von Platte zu Platte aggressiver... Ja, andere sagen wieder wir werden immer softer. Die Sache ist die, wir nehmen vielleicht manchmal langsamere Songs auf, aber die haben trotzdem noch diese Note von Aggression in sich. Vielleicht sind die Vocals anders oder wir haben mehr Melodie, aber wir sind immer noch authentisch. Wir wollen diese Prise Ernsthaftigkeit und Aggression in unserer Musik behalten. Wenn sie fehlt, wird uns die Musik nicht das geben, was wir brauchen. Gibt es einen Musiker, mit dem Du Platz tauschen würdest? Nein! Ich lebe genau das Leben, das ich will! Aber ich würde mit einigen gerne Bankkonten tauschen... Aber nicht wenn ich etwas machen muss, das ich nicht will. Und das ist genau der Knackpunkt. Ich bin glücklich. Ich hab nicht den Druck, dass wir auf Tour gehen müssen oder ins Studio müssen. Wir machen das alles wann wir es wollen. Ich denke wir sind das, was andere Bands behaupten zu sein. Sie versuchen so zu sein,

aber sie können es nicht, weil jemand anderes ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben nach dem Motto „ihr müsst das machen, ansonsten habt Ihr das Budget fürs nächste Album nicht!“ Gibt Euch Eure Plattenfirma nicht häufiger einen Arschtritt für Euer Verhalten? Im Moment haben wir keine! Die haben versucht uns zu schröpfen. Wir haben einfach gesagt, dass das so nicht passieren wird. Also sind wir getrennte Wege gegangen. Jetzt machen wir alles selbst und das klappt auch ganz gut, aber wir haben schon diverse Interessenten. Man muss ganz schön Eier haben, um so gegen seine Plattenfirma vorzugehen! Das muss man aber tun, andernfalls wirst Du ein Sklave sein. Ich will nicht etwas tun müssen. Wenn ich Geld brauche, arbeite ich, wenn ich keins brauche, arbeite ich auch nicht. Wenn es Spaß macht zu arbeiten, arbeite ich auch ohne Druck. Aber es kann einfach nicht sein, dass wir auf Tour gehen müssen. Das haben wir uns selbst versprochen, als wir anfingen erfolgreich zu sein und daran haben wir uns gehalten. Die Plattenfirmen haben ein Problem. Die CD-Verkäufe gingen in den Keller, also haben sie kein Geld mehr verdient. Die Bands waren aber weiterhin erfolgreich. Das konnten sie so nicht hinnehmen und wollten an allem Anteile haben. Anteile an den CDVerkäufen, am Merchandise, an der Tour, an den Tickets, an allem. Darauf müssen sich neue Bands jetzt einlassen, wenn sie einen Plattenvertrag wollen. Und ich werde sicher nicht weit weg von Zuhause meinen Arsch aufreißen, um der Plattenfirma Geld einzubringen. Sie müssten vielmehr sich selbst ändern anstatt die Bands auszubeuten, um am Leben zu bleiben. Wie lange war Eure längste Tour? Sechs Wochen. Das war schon viel zu lange! Ich will ja jeden Tag Energie für die Show haben. Ein Mitglied von Comeback Kid würde Dir jetzt vielleicht erzählen, dass Dir die Musik einfach nicht wichtig genug ist, weil Du sie nicht jeden Tag um Dich hast... ... von wem redest Du? Andrew? Ja.. Hahaha. Ja, der ist schon anders drauf als ich! Wir haben 2006 eine Co-Headline-Tour mit ihnen gemacht, das war cool. Musik spielt definitiv eine große Rolle in meinem Leben, ich mache das mein halbes Leben


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lang. Aber deswegen muss ich doch nicht ständig auf Tour sein; ich kann Musik hören, ich habe sämtliche Instrumente zu Hause rumstehen, ich habe ein eigenes kleines Studio... Ich habe meinen eigenen Rock Club. Einmal im Monat habe ich dort eine Show, wo ich auflege oder Bands können dort spielen und das mache ich ausschließlich, weil es Spaß macht. Ich verdiene da nichts dran. Außerdem habe ich auch noch zwei Kinder von sieben und zehn Jahren, mit denen will ich irgendwann ja auch noch Zeit verbringen. Da kann ich doch nicht ständig auf Tour sein... Wie lange wollt Ihr das noch machen? Am liebsten für immer, aber ich bin ja nicht blöd. Irgendwann muss Schluss sein. Ich glaube, wenn es aufhört Spaß zu machen. Wenn das nicht passiert, dann ziehen wir das für immer durch. Hardcore-Rolling Stones. Und ein neues Album? Konkret ist noch nichts geplant, aber wir haben tonnenweise Material. Also wird es bald etwas geben, denke ich. Wenn wir uns danach fühlen.

Haben sich Band-Freundschaften über die Jahre entwickelt? Ja, aber nichts Konkretes. Wir haben die gleiche Mentalität und kommen daher meistens sehr gut miteinander aus. Ab und an hast Du aber auch Arschlöcher dabei. Arrogante Schnösel. Aber das stellt meistens kein Problem dar, weil ihnen der Ruf schon vorauseilt. Das heißt, die Band mit dem Arschloch hat mehr unter der Situation zu leiden als die anderen, wir ignorieren die dann einfach. Ich will hier aber keine Namen nennen, ich will liebe Gutes über andere Menschen sagen statt schlechtes.... (grinst) Habt ihr jemals darüber nachgedacht, in die Akustik-Richtung zu gehen? Nein, nicht ernsthaft. Wir haben einmal eine Akustik-Show gespielt für ein paar Jungs in unserer Heimatstadt, die unbedingt wollten, dass wir was spielen. Das war gut und hat Spaß gemacht, aber so richtig mit Aufnahme wird es das nicht geben denke ich...

Tanja Kroll


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Photo ©Stephan Langerwisch

SAVE MY SOUL RECORDS An dieser Stelle möchten ich euch ein neues Platten Label vorstellen. Ich erinnere mich daran, wie Fabian und ich das Interview auf einer Show machen wollten und ich nur einen Stift und einen Zettel dabei hatte... Es ging völlig in die Hose... Aber letztendlich kam doch etwas dabei herum. Lest selbst... Bitte stell dich und dein Label vor Ich heisse Fabian, bin grade noch so 29, und bin seit April 2010 mehr oder weniger das Hirn und das Portemonnaie hinter dem kleinen Label namens SAVE MY SOUL RECORDS. Bisher haben wir Demos von SOUL SEARCH, ENFORCERS, WORLD EATER und LOOK MY WAY sowie die “birth to box” 7’’ von THE PLATOON rausgebracht. Als nächstes steht eine neue 7’’ von LOOK MY WAY, eine neue THE ICE 7’’ und neues Material von WORLD EATER an. Wir haben auch noch 2 weitere Releases in Planung, die, wenn es denn hinhaut, Fans von alten NYHC ziemlich umhauen sollten. Wer gehört dazu? Oder machst du es allein? Gegründet wurde das Label von mir und Christoph (LOOK MY WAY und CHEAP THRILLS), der auch immer noch dabei ist. Daneben helfen uns Angela und Jan hin und wieder, wenn es um Layouts geht, und Sven wollte sich eigentlich etwas mehr um’s Zine kümmern. Wie kam es zu der Entscheidung ein eigenes Label zu gründen. Was war der Antrieb? Im Grunde genommen wollte ich, nachdem ich zu dem Zeitpunkt circa 9 Jahre für’s Ox geschrieben habe, mal etwas aktiver werden, und damit gute Bands noch mehr pushen. Christoph

und ich haben dann angefangen, am Zine zu arbeiten, und als Dorian von SOUL SEARCH fragte, ob wir nicht ihr Demo hier vertreiben wollten, haben wir halt direkt ein Label draus gemacht. Was bedeutet es für dich damit selbstständig zu sein? Es ist einfach ein Hobby, das meistens Spaß macht, aber auch ab und zu nerven kann, z.B. wenn man mitten in der Woche einen Haufen Pakete packen muss. Ich bin froh, wenn ich einen break even erreiche, auch wenn es ja eigentlich Ziel sein sollte, dass auch mal was Geld hängen bleibt, um die nächsten Veröffentlichungen zu finanzieren. Ich hoffe, im Lauf dieses Jahres mal diesen Punkt zu erreichen. Empfindest du andere Labels als Konkurrenz (FWH, Massive Bloodshed), oder sagst du es ist ein komplett anderes Genre? Generell empfinde ich kein anderes Label als Konkurrenz. Wir reden hier von einer HobbyAktivität, nicht von einem Business. Ehrlich gesagt musste ich grade nach Massive Bloodshed Records googlen. Ich kenne zwar ein Paar der Leute in den Bands, aber rein musikalisch interessiert mich das nicht wirklich. Bei FWH muss ich sagen, dass ich ein paar der Bands auf dem Label ganz cool finde, aber ich sehe da, bis auf


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THE PLATOON auch keine Überschneidungen mit unseren Bands, bzw. deren Style. FWH spielen ja auch in einer ganz anderen Liga als wir, also supportet Axel und Nils mal schön! Angst zu scheitern? Stichwort: Piraterie. Bei jedem Release ein bisschen. Wobei ich sagen muss: wer Hardcore nur per illegal runtergeladener MP3’s „konsumiert“, hat rein gar nichts kapiert. Die „finanziellen Bedenken“ sind auch einer der Gründe, warum ich kein Interesse daran habe, CDs zu veröffentlichen, da diese einfach ein sterbendes Medium sind. Vinyl und Tapes werden ja, zumindest im „old school“Sektor, ganz gerne gekauft, und für die Leute ohne Plattenspieler packen wir bei den Platten halt Download-Codes obendrauf. Was ich dabei nicht so ganz kapiere, ist, warum Leute so eine großartige Platte wie die neue von THE PLATOON links liegen lassen, aber es scheint mir oft so, als wäre für viele Kids das Image einer Band oder irgendein beschissener Internet-Hype wichtiger als das, was man zu hören bekommt. Welche Bands hast du unter Vertrag? Keine, da ich keine Verträge mache, aber zumindest LOOK MY WAY, WORLD EATER und THE ICE würde ich zum festen Label-Line-up zählen. Welche Voraussetzungen müssen Bands haben, von denen du etwas veröffentlichst? Ihre Musik muss mich umhauen, und die Leute cool sein. Was nützt mir eine Band, die wirklich gut klingt, deren Mitglieder aber Idioten sind? Auf so einen Stress habe ich keinen Bock, genau so wenig wie darauf, den Ruf des Labels zu ruinieren, indem ich Schrott rausbringe, nur weil die Jungs Freunde sind. Label= Statussymbol? Ich glaub eher, dass das Label mich daran hindert, mir Statussymbole zuzulegen, haha. Ich musste, um neue Releases zu finanzieren, ja schon Teile meiner Plattensammlung verhökern. Woher kommt der Name des Labels? Von dem MERAUDER Song.

Hat dieser eine besondere Bedeutung für dich? Man kann da x Bedeutungen reininterpretieren, aber im Endeffekt ging es uns darum, einen Namen zu haben, der nicht direkt platt in eine bestimmte Richtung interpretiert werden kann. In Kombination mit dem Label-Logo wird das Ganze dann schon etwas deutlicher: für mich geht es um die allgegenwärtige Angst davor, wirklich alles zu verlieren. Auch wenn der MERAUDER Song ja einen religiösen Bezug hat: SMS Records haben mit Religion rein gar nichts am Hut. Nenne mir drei Aussagen, die Save My Soul wiederspiegeln    100% Hardcore. 100% DIY. 100% guter Geschmack. Was bedeutet dir Straight Edge? Beeinflusst deine „Gesinnung“ die Auswahl der Bands? Straight Edge ist geil, aber im zwischenmenschlichen Bereich und bei der Auswahl der Bands unwichtig. Ich glaube, SOUL SEARCH waren die einzige Straight Edge Band, von der wir etwas rausgebracht haben, aber da ist mittlerweile auch einer, der nicht edge ist, dabei. Für mich persönlich bedeutet es einfach, Kontrolle über mich selbst zu behalten. Ich habe ein sehr großes Suchtpotenzial und hab z.B. bei Alkohol oft die Kontrolle verloren, was teilweise zu richtigem Ärger geführt hab. Wenn dazu noch diverse Sucht-Probleme in der Familie zutage kommen, ist es für mich nur konsequent, ganz schnell die Reissleine zu ziehen. Das sind die 2 wesentlichen Gründe, warum ich vor ca. 11 Jahren mein letztes Bier getrunken habe. Last Words Auch wenn es schon tausendmal gesagt wurde: kauft mehr Platten und CD’s, anstatt euch den Kram im Internet zu klauen, kauft Zines, macht selber welche, startet Bands und geht zu Shows anstatt den ganzen Tag nur im Internet rumzuhängen und da irgendein bescheuertes Image aufzubauen. Ohne Leute, die aktiv werden, ist Hardcore tot. Mit Leuten, die nur im Internet Scheisse labern, ist Hardcore ein Witz. Stevie Fuchs


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SS- K ALIERT SS-Kaliert wird jedem Herzblut-Punkrocker ein Begriff sein: Benni (Guitar/Vokills, 26), Torsten (Vokills, 25), Fab (Drums, 27), A.G (Guitar, 24) & neuerdings Moritz (Bass, 24) machen „Musik mit augestrecken Mittelfingern“. Nach diversen selbstorganisierten Konzerten und Festivals haben die Ruhrgebietler im Jahr 2003 in der Szene Fuß gefasst. Die erste EP „Stand Up And Fight“ ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem die Jungs – als erste europäische Band überhaupt– einen Vertrag auf dem legendären New Yorker Label „Punkcore Records“ unterzeichneten, veröffentlichen SS-Kaliert ihr Debüt Album „DSKlation“ dort. Das zweite Album »Addiction« erschien dann auf ihrem eigenen Label »RazorbladeMusic«. Die neue Scheibe „Subzero“ erscheint im Juli über »People Like You Records.« Ihr seht: Die Jungs sind stets für etwas neues gut. Grund genug Frontmann Benni zum Gespräch zu bitten… Wie würdest du euren Sound beschreiben? Härter als die meisten Punkbands zurzeit, aber dennoch melodisch, so dass wir das Ganze unter dem Banner Hardcore-Streetpunk wüten lassen. Was wollt ihr mit euren Songs ausdrücken? Inwiefern ist euch wichtig, eure Attitüde an „den Mann“ zu bringen? Im Endeffekt kann man sagen, dass wir auf dem ersten Album und den ersten 7inches größtenteils diese Punkrock typischen Klischees wie „Scheiß Bullen, Scheiß Nazis, Scheiß Staat und Scheiß Arbeit“ bedient haben (come on - wir waren 1618 ;)) diese Themen wollten wir bewusst auf den

darauffolgenden Vö’s klein halten, da das einfach nicht in einem 2-3 Minuten Punkrocksong ordentlich begründet werden kann, ohne komplett in Klischees zu verstumpfen. Außerdem weiß sowieso jeder, wie wir drauf sind und ich hasse es mich zu wiederholen. Das 2. Album ist dann eher sozialkritisch bis persönlich und das kommende Album ist ausschließlich auf Erfahrungen und personenbezogenen Themen aufgebaut. Teilweise sehr untypisch für Punkrockbands, vor allem weil wir auch aus allen rohren gegen die eigene Szene feuern, bzw. sie hart kritisieren. Lass uns einen Blick auf eure Vergangenheit werfen: Wie kam es dazu zu dem Vertrag mit „Punkcore Records“ (USA)? Ganz Simpel – wir haben uns bei Myspace angemeldet und knapp ein halbes Jahr später haben die uns dort angeschrieben. Dann haben wir uns ein bisschen gegenseitig abgecheckt und den Vertrag klargemacht. Labelchef Dave ist immer noch ein guter Kumpel von mir mit dem ich öfters schreibe, auch wenn wir mit ihnen geschäftlich nix mehr am Kopp haben. Mit eurem Debütalbum „DSKalation“ konntet ihr euren Durchbruch feiern. Wie war es für euch quasi „über Nacht“ solch einen Bekanntheitsgrad zu bekommen? Naja, das war echt nicht über Nacht, das kam nach und nach, da wir schon immer gerne auf Tour gegangen sind. Wenn uns irgendwer in Wien, Zürich,


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oder sonst wo buchen wollte sind wir dahin gefahren – egal ob es Kohle gab oder nicht. Dazu kam dann noch der provokante Name, sodass man in jedem Forum einen heißen Diskussions-Thread garantiert hatte – Ob das nun klar oder nicht doch zu weit geht... Das Ganze hat sich wie Lauffeuer verbreitet. »Punkcore« haben uns eigentlich nur in den USA richtig auf die Beine geholfen – Unseren Erfolg in Deutschland, haben wir größtenteils uns selbst zu verdanken. Das war auch der Grund wieso wir Razorblade-Music gegründet und uns um alles selbst gekümmert haben. Nach dem darauf folgenden Touren (EU, USA, Russland, Japan): Wie entspannt ihr euch vom Tourstreß? Puh, da müsstest du die anderen fragen – Mein Kopf rattert und rattert vor, während und nach den Touren immer mit neuen Plänen was wir, wie und wo noch machen könnten. Ich fliege meistens dann für ein paar Tage irgendwo in Urlaub, aber selbst da bin ich wieder was am Planen... Euer neues Album „Subzero“ erscheint im Juli. Wie kam es zu diesem Albumtitel? Das Album an sich dreht sich viel um das Alleinsein, sowie enttäuscht zu werden (dann werden deine Gefühle Subzero) und Tod (dann bist du Subzero). Auch so ist doch der generelle Umgang mit den Mitmenschen kalt geworden – Jeder kümmert sich nur noch um sich selbst. Der Zusammenhalt ist verloren gegangen. Gut, dass es Leute gibt die, wie bei der HHF, eine Front – zumindest innerhalb der HC Szene – gebaut haben! Außerdem lieben wir Mortal Kombat! Ihr habt die Platte zusammen mit the man Waldemar Sorychta (z.B. Sodom) aufgenommen. Wie war die Arbeit mit solch einer Musiklegende? Der Kerl ist der beste Typ der mir je begegnet ist! Was die Bereiche Musikverständnis und Umsetzung angeht. Er hat unseren Sound einfach so unendlich nach vorne gepusht und alles aus uns rausgeholt... Ich kann jedem der auf eine fette Produktion steht nur empfehlen sich mal mit ihm zusammenzusetzen! Und um noch einen draufzusetzen habt ihr euch als Gastsprecher niemand geringeres als Ralf Richter (Bang Boom Bang) ins Boot geholt. Wie kam es dazu? Wie war die Zusammenarbeit? Der Kontakt kam zustande, indem eine gute Freundin von mir mit seinem Bruder Jahre lang zusammen war und seine Neffen zur Welt gebracht hat. Da wir alle große Ralf Richter Fans sind, haben wir uns mal zusammengerissen und gefragt ob da nicht was geht. Ralf ist ein cooler Typ: Voll auf dem Boden der Tatsachen und absolut nicht abgehoben. Er rennt auch brav in der Öffentlichkeit mit seiner Lionheart Mütze rum, die ich ihm am Studio-Tag geschenkt hab.

In eurer Bio habe ich gelesen, dass das neue Album in die Fresse tritt. Erzähl uns doch ein bisschen etwas darüber. Ja, die Songs gehen musikalisch extrem nach vorne und sorgen dank verschiedener Tunings für die entsprechend dazugehörige Untermalung der jeweiligen Texte. Und diese greifen ganz gezielt die Nerven mancher Leute an. Ich denke für Texte wie »Sayonara«, oder »Jetzt oder Nie« wird es ganz schön Kritik hageln. Bei »Vorhang auf «werden sich auch sicher viele Leute angegriffen fühlen – Aber wie sagt man so schön „nur getroffene Hunde bellen“. Von daher wissen wir dann wenigstens, dass wir alles richtig gemacht haben Wenn du grade nicht als Musiker durch die Weltgeschichte reist: Wie sieht dein „ganz normaler“ Alltag aus? Ich sehe zu, dass ich in so kurzer Zeit wie möglich so viel Kohle wie möglich zusammen bekomm um wieder auf Tour gehen zu können. Am liebsten mit Musik, ansonsten probiere ich auch so viel in der Weltgeschichte umher zu reisen. Klappt in letzter Zeit aber leider irgendwie nicht so wie ich will... Was sind eure sonstigen Zukunftspläne? Jetzt wollen wir erst mal zusehen, dass Subzero rauskommt und dann sind wir von August bis Ende September in ganz Europa mit unseren Freunden den »Krum Bums« aus Texas auf Tour. Im Dezember folgt dann der dritte Luftangriff auf die USA und was danach passiert werden wir sehen Danke Outspoken fürs Interview – hat Spass gemacht! Sandra Redegeld


Danny – Seventh Dagger 19

Kaffeekränzchen mit

DANNY - SEVENTH DAGGER


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„Straightedge should be the beginning of a lifetime of positive changes. It should not be the end of your journey but the beginning.“ Jeder kennt es. Wenn man nach neuen Bands sucht, welche auch noch Straight Edge sein sollen, kann man sich heutzutage auf nichts mehr verlassen. Die meisten Straight Edge Labels sind schon lange nicht mehr ausschließlich sxe. Und die Masse der sxe Bands treibt sich auf normalen HC Labels rum. Ganz anders bei Seventh Dagger. Fast jedes Mal wenn man die Website www.seventhdagger. com aufruft wird man auf neue, zumeist in Deutschland völlig unbekannte Bands aufmerksam. Das Gute daran ist, bei Seventh Dagger kann man sich 100% sicher sein, dass alles Straight Edge ist, was released wird. Danny Trudell Gründer und Inhaber des Labels und notorischer work-a-holic musste dem Outspoken nun endlich mal Rede und Antwort stehen. Hey Danny let`s start with a small bio, so, how long have you been straight edge till now? I am 37 now, and started calling myself straightedge at 15. That would make 22 years of straight edge for me. Are you running your Label because you are too silly to play an instrument? I was never really good at any instrument. Really though I was never all that interested in playing music I was always interested in putting it out, making shirts and the whole getting it out there part of things. I put on shows, did zines and made shirts long before Seventh Dagger existed. Are you able to live by Seventh Dagger? No the money that comes in from Seventh Dagger largely goes back into Seventh Dagger. I like to see the money the label makes go to further pushing the label forward and getting out new bands and new projects. So what is your daily job then? I run a screen printing shop. I started printing shirts but exposing screens in a homemade exposure unit (ie: my bedroom closet) and loved the whole process. I love screen printing and I love what I do. Think about the early years of your Label, how did it start? Tell us the SD Story. The label actually started as just a hardcore label and we actually had three releases before we switched over to being a straightedge label. Basically the three first releases were financial disasters and I figured if I was going to lose mo-

ney I wanted to at least lose it putting out things I really totally believed in. Which Bands were the first ones you signed? The first band I released was PRAYER FOR CLEANSING. I did a vinyl version of their CD “The Rain in Endless Fall” they were not technically my band they were on Tribunal Records they were just friends of mine. My first real band on the label was xAFBx (ARMED FOR BATTLE) from Reno, NV. My friend Chuck was a member and I was stoked on what they were doing so we went with it. After that there was Tyrant from Detroit and In This Defiance from Canada and on and on until now where we are about to put out the new GHOST SHIP CD which is release number 34. How did you get the first bands? Did you already know these bands or have you spammed these guys about your plans creating a Label? The very first band was our friends, the next band had a friend of ours in the band, after that we started looking for bands we liked and contacting them. We wrote TYRANT and IN THIS DEFIANCE and asked them to be part of the label. After that we did start getting contacted by bands and some bands we were told about by bands already on the label. We try really hard to keep a certain caliber of bands on the label which is why we have had such a low number of bands betray the values this label promotes. I think it’s pretty amazing how many bands we have had on the label and how many of them are still straightedge to this day. What about nowadays? Do you get lots of demotapes or are you still searching for bands and ask them before they try to apply at SD? Lately bands just keep popping up. We don’t really get a lot of demo submissions mainly because we don’t open ourselves up to that sort of thing. Either we have heard of a band or one of our bands tells us about some band they saw or they know. Realistically we are usually over scheduled with releases this year being particularly hectic so we don’t open ourselves up to them submissions. What do we have to expect in the next time? New releases? New bands? We just put out the new DEAD MAN’S CHEST CD from the UK and by the time you read this we will have the new GHOST SHIP release up as a presale. Their CD has guest vocals by Pauly from Meltdown / Blackout Rage and has guest lyrics by Karl Buechner of Earth Crisis. Aside from that this year we have a new Represent CD, a split 7” with One Choice and Saving Grace where each band has two originals and an Earth Crisis cover and a new SEARCH BLOC full length.


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In the more distant future we have begun working on a DVD documentary about straightedge. The film crew is in Syracuse, NY this weekend conducting interviews. This project will take a long time but it is in the works. Has something happened to Seventh Dagger that was pleasingly surprising? Honestly what keeps me excited about this label is the people that support it. We get lots of awesome messages from the people that follow and support the label, that keep me excited about the label and moving forward. We could not do what we do without this support from the straightedge community worldwide. I was excited when I found out Karl from Earth Crisis was a fan of what we were doing. He and his band were an integral influence to what Seventh Dagger is about so finding out he liked what we were doing was amazing. Being able to release a 7” for Earth Crisis was also a very pleasant surprise. Have there been some kicks in the nuts, too? There have been some monster kicks in the nuts. There have been some people that used this label over the years for what they could get from it and bailed on us when they felt like they had a better opportunity elsewhere. Honestly though I don’t care about any of that. I don’t dwell on it or let it change my perspective. You just realize you were wrong about someone and move on. We got to work with some awesome bands like Tyrant, Earth Crisis and Represent so why dwell on the bands that didn’t do right by the label. If you would have a free wish, what would it be? Concerning SD of course. I wish there was an extra 5 hours added to everyday for the rest of my life so I could get everything done on time haha. I oversee most of what happens with this label along with owning a screen printing shop and being a father and husband as you can imagine I stay about a day behind schedule if not worse at all times. So I wish I had more time to see through all the ideas I have for this label. We had contact to some U.S. straight edge bands from time to time e.g. xRepresentx. Very often they were surprised that straight edge and vegan is something that‘s combined very often in Germany. What do you think about this combination? I am personally vegan (17 years now) and straightedge. I am very passionate about both choices to this day. I personally feel like a lot of the current vegan straightedge kids here in the U.S. (not all of them just a large group of them) really do more to dissuade people from embra-

cing these choices. There is an elitist mentality and extreme left wing politics attached to the vegan straightedge movement here in the states that I think a lot of people can`t relate to and even worse makes people repel from these ideas. Most of these kids come from an upper middle class to straight up wealthy background of privilege and just enjoy playing revolutionary and looking down their noses at people. You are never going to win over anyone to your way of thinking this way. Also I think the average person has politics that lean to both sides of the spectrum I am definitely conservative on some subjects and very liberal on others. When I started Seventh Dagger my goal was to focus on straightedge 100%. My feelings were that straightedge was the spring board for a lot of good changes in my life and is what lead me down the path to veganism. I felt that nurturing these ideals and spreading this message would hopefully bring other people the clarity of thinking to make new and positive changes in their lives as well. After someone claims edge, is this the goal already or do you think straight edge is just the base to do something bigger? And what is it? EARTH CRISIS said it best already “An effective revolutionary through the clarity of mind I’ve attained” straightedge should be the beginning of a lifetime of positive changes. It should not be the end of your journey but the beginning Some people preach: „straight edge is a personal thing“ while others say: „tell everyone you are straight edge, wear the biggest X everywhere and let these junkies know they are wrong“. What do you think? Honestly it is a little of both. At the end of the day I have friends who are not straightedge and I respect their decisions and value their friendship however I am proud to be straightedge and I am very passionate about the idea. Basically if you ask me about being straightedge I would tell you all the good it has been to my life and my way of thinking and how I don’t think I would be where I am without it. If you didn’t ask I would not offer this information. Recently we had some church people show up at our house when we were all outside enjoying a nice day as a family. They came over trying to talk to us about their religion and after they left I told my daughter that this behavior is unacceptable. I don’t believe in infringing on others rights and personal space to try and make them believe what I believe. I said to her “we don’t go door to door telling people to stop eating animals or stop smoking so why should it be ok for them to invade our space with their ideas”. I want to put the ideas out there and if


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people find their way to them and agree with them then that’s awesome but if they don’t that’s fine as well. Are you yourself religious in any way? Not really. I was raised Catholic and still somewhat identify with it at least as far as the moral compass it has instilled in me. Mostly I just do what I think is right. All religions have something good to say and then they all also have some nonsense I don’t agree with at all. At the end of the day NONE of us knows what happens when we die, if there is a god or an afterlife so NONE of us should judge each others faith or lack of faith. Do you have some political dedication? Human rights, anti-war, animal rights, rights of any minority, or something? My family is vegan so we are dedicated to animal rights and doing our part to alleviate suffering to animals in this world. My wife is vegan, my daughter has been vegan for 5 years now and my son who is three has been vegan since birth. Is some of this reflected somewhere in your Label? Seventh Dagger is 100% about straightedge I have intentionally kept a tunnel vision on this di-

rection. We all have to pick our battles and this is the one most important to me. I don’t want to dilute the message this label has by trying to promote multiple agendas. I am absolutely behind animal rights but there are people out there doing a great job on that front so I will leave that to them and hold down this ideology as best I can. Are there any „non straight edge heroes“ for you? Somebody who influenced you very much? My parents have had a tremendous influence on me. I don’t think we see eye to eye on everything but on the other hand I learned more from them than anyone on the planet. They are compassionate good people who raised me to be who I am today. Also my friend Christian Ogilvy who is not straightedge turned me on to veganism and I am eternally grateful to him for that. Some other names are Chuck D of Public Enemy, Malcolm X, Henry Rollins and Huey P. Newton. What is your favorite sport and do you do some sportive things? I run. It’s good exercise and often it is the only thing that takes away the stress of the day for me in a positive way. I think it works much like meditation for me.

Robin Siegert


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Für alle die euch nicht kennen sollten, was ich mir kaum vorstellen kann, erzählt....wer seid ihr und was macht ihr ? Copykill gibt es mit Unterbrechungen, in denen die einzelnen Mitglieder anderen Bands wie Deadsoil oder Clobberin Time nachgegangen sind, seit 1999. In dieser Zeit hatten wir einige Besetzungswechsel, sind uns aber im wesentlichen unserem Stil, einem Hybrid aus klassischem Hardcore und Metal, treugeblieben. Nachdem Chris Anfang des Jahres die Band auf eigenen Wunsch verließ, stand für den Rest von uns fest, dass wir Copykill unbedingt fortsetzen wollten, auch wenn ein Sängerwechsel immer ein schweres Los ist. Chris` Nachfolger Sascha hat sich aber binnen kürzester Zeit sowohl musikalisch als auch von der Persönlichkeit her super in die Band integriert. Daher sind wir sehr zuversichtlich, dass das aktuelle LineUp und die neue Platte, die wir momentan aufnehmen, gut angenommen werden. Das aktuelle Lineup besteht aus Boris und Oli an den Gitarren, Jogi am Bass, Sascha am Gesang und mir an den Drums. Warum stieg Chris aus? Und wie seid ihr auf Sascha gestoßen? Chris war Gründungsmitglied von Copykill. Er liebte diese Band wie kein anderer und wird auch irgendwie immer ein Teil von uns bleiben. Neben der Band gibt es aber auch immer ein Privatleben und einen Job, dem wir alle nachgehen müssen. Chris wollte einfach mehr Zeit für seine Frau, seine Familie und Freunde haben und konnte die Band nicht mehr so recht mit seinem Job unter einen Hut bringen. Wir danken ihm für die megageile Zeit, die wir zusammen hatten und wünschen Ihm und seiner Familie nur das Beste (Mach uns den kleinen Tony!!!). Tja wie sind wir auf Sascha gestoßen? Eigentlich war uns klar, dass es nie-

manden geben würde, dessen Stimme wie Chris klingen wird, und wenn jemand versuchen würde, wie Chris zu klingen, nur Scheiße bei rumkommen würde. Deswegen haben wir uns überlegt, dass wir im Idealfall eine völlig andere Stimme als die von Chris brauchen würden. Tja und dann eines Tages haben wir eine Show im Leberhaus in Essen gespielt, bei der Sascha mit einem Projekt aufgetreten ist. Die Stimme hat uns direkt umgehauen und als wir ihn dann fragten, hatte er Bock drauf und hatte keine andere feste Band. Zur ersten Probe sollte er dann einen Song seiner Wahl vorbereiten und als wir Chamber of Torture dann anspielten, hat es auf Anhieb gepasst. Was bedeutet euch Hardcore? Was verbindet ihr mit der Musik? Diese Frage taucht auch in jedem Interview auf, haha. Es ist immer schwer bei so einer Frage für alle in der Band zu sprechen, ich glaube jeder in der Band hat dazu seine eigene Meinung. Für mich ist Hardcore ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Die Musik, die Szene, die Leute und die Shows bedeuten mir sehr viel. Wir alle sind ja schon ein Weilchen dabei und haben so einige Höhen und Tiefen mitgemacht. Aber in all der Zeit ist es doch bemerkenswert, mit welcher Leidenschaft die Leute in der Szene die Bands supporten, Shows organisieren oder kilometerweite Fahrten in Kauf nehmen, nur um auf Shows eine gute Zeit mit ihren Freunden zu verbringen. Ich glaube nicht, dass es das in vielen anderen Musikszenen gibt. Ein gutes Beispiel ist der Kampf um den Erhalt des Jugendzentrums Papestraße in Essen. Ich erinner mich an eine Show im Sommer letzten Jahres, auf der zig geile Bands einfach für Nüsse gespielt haben, um diesen Standort aufrecht zu erhalten. Oder Rico und sein HHF Projekt. Die Leute spenden ihr altes Merch, damit Leuten


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auf dieser Welt geholfen werden kann, die diese Hilfe dringend nötig haben. Man supportet sich gegenseitig, ohne dass dafür irgendwelche monetären Anreize gesetzt werden. Wie seht ihr die Szenenentwicklung in den letzten Jahren? Viele Leute meckern immer über die neuen Kids und Bollobands und bemängeln, dass Hardcore nur noch eine Fashionshow ist. “Früher war alles besser”. Ich krieg echt das Kotzen, wenn ich das immer höre. Leute, seid doch froh, dass so viele neue Leute nachkommen. Überlegt mal, wie ihr damals rumgelaufen seid. Die Szene ist meiner Meinung nach größer und besser denn je! Eintagsfliegen wird es immer geben, aber ein Großteil derer, die mit Hardcore in Berührung kommen, bleiben doch irgendwie dabei. Ich find es krass, wie mittlerweile die internationale Szene miteinander vernetzt ist. Es kommen Leute aus Moskau oder Japan zu Shows in Essen eingeflogen. Als neulich ein Kollege von uns von dem Sänger einer Amiband böse kassiert hat, ging das Video um die Ganze Welt. Die Band hat sich ihr eigenes Grab geschaufelt. Dies hat einmal mehr bewiesen, wie stark der Zusammenhalt in der Szene ist. Ein kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings auch. Ich habe in den letzten Jahren vermehrt festgestellt, wie Bands, die gestern noch von den Kids abgefeiert worden sind, ohne jeglichen Grund zwei Wochen später überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt wurde. Vielleicht kann mir dieses Phänomen mal jemand erklären? Ihr seid auf dem Label Filled With Hate,bei Nils und Axel.Wie sieht die Zukunft bei euch und FWH aus? Weitere Zusammenarbeit? Axel und Nils sind seit Jahren treue Begleiter von Copykill. Sie haben immer einen super Job gemacht und dafür sind wir ihnen sehr dankbar. Momentan sind wir in der glücklichen Situation, mehrere Optionen zur Auswahl zu haben. Wir müssen diese intensiv prüfen, um eine Entscheidung treffen zu können. Mit wem, wie und was kann ich zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht sagen! Wie lange gibt es euch jetzt? Zwölf Jahre? Was hat sich in der Zeit verändert? Ich bin 2001 zur damaligen US Tour als Ramins Nachfolger zu Copykill gestoßen und habe schon bei den Aufnahmen zur Victim or Witness im Studio ausgeholfen. Ich war damals 19, hatte gerade Abi und musste entscheiden, wohin die Reise für mich geht. Damals waren die Ziele, wohin Copykill uns bringen sollte, bei jedem Mitglied in der Band völlig unterschiedlich. Der eine sah es als Hobby, der andere wollte durchstarten. Dass das so nicht funktionieren kann, haben wir dann

2002 gemerkt, als Copykill vorerst auf Eis gelegt worden ist. Nun 10 Jahre später ist jeder von uns seinen Weg gegangen und wir wissen, was wir wollen. Alle in Copykill lieben diese Band und investieren viel Zeit und Geld, um sie am Leben zu erhalten und gute Songs zu schreiben. Aber dennoch gehen Familie und Job vor. Wir wollen das maximale aus der Band herausholen, sind aber realistisch geblieben und wissen, dass irgendwoher der Rubel rollen muss. Szenemäßig gab es verschiedenste Phasen in den letzten 10 Jahren. Als wir mit Copykill anfingen war der metallische Hardcore auf seinem Zenith. Bands wie Arcangel, Drift, BFP, Full Court Press, Liar, Length of Time spielten sich den Arsch Wund. Ich glaub es gab kaum ein Wochenende, an dem wir nicht irgendwo in Belgien oder Holland unterwegs waren. Dann irgendwann kam die Phase, in der auf einmal alle wieder zwingend Old School Bands abfeiern mussten. Das hat dazu geführt, dass die Szene etwas gespalten wurde. Leute die vorher zusammen gemosht haben, sind nun getrennte Wege gegangen. Es gab Old School Shows und es gab Bollo Shows. Mittlerweile sind wir glaube ich auf einem guten Wege, dass wieder beides


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Was haltet ihr von neuen Medien, wie iTunes, Facebook oder Twitter? Nutzt ihr solche? Ich komme allein aus beruflichen Gründen nicht umher, mich mit diesen Medien auseinander zu setzen. Aber abgesehen davon, glaube ich, dass Facebook, das Myspace als Plattform für Bands den Rang abgelaufen hat, durchaus eine super Möglichkeit für eine Band ist, sich selbst zu promoten. Sind wir mal ehrlich…jede Platte kann man sich 14 Tage vor offiziellem Release irgendwo aus dem Netz saugen. Die Frage ist, ob es Sinn macht, dagegen anzukämpfen? Ich sehe es eher so, dass kleinere Bands doch eher froh sein sollten, wenn sich ihre Songs über das Netz verbreiten. Hier geht es ja in erster Linie mal darum, bekannt zu werden. Und Gott sei Dank ist es in der Hardcore Szene immernoch so, dass zwar viele Leute Songs saugen, die Platte dann aber trotzdem kaufen. Twitter find ich persönlich eher nervig. Mich interessiert es einen feuchten Furz, ob jemand sich gerade die Zähne geputzt hat, die neue DJ Bobo Platte gehört hat, oder heute Abend einen Apatschenpimmel mit Schackalucka Soße bei Willi´s Wurstbude essen geht. Gleiches gilt für die Leute bei Facebook, die meinen, dass Sie jeden Song auf Youtube, den sie gerade hören, auf Ihre Pinnwand posten müssen. Ätzend!!!

letzten Jahren zu hören waren, dachten wir uns, dass es cool ware, in einem doch recht metallastigem Song durch Björns Stimme einen Kontrast zu Chris Stimme zu setzen. Tja…dann haben wir Björn gefragt, ob er Bock drauf hätte und er hat, ohne lange zu überlegen, zugestimmt. Das Resultat kann sich meiner Meinung nach sehen lassen! Neue LP in Aussicht? Wie bereits weiter oben geschildert, arbeiten wir aktuell an unserem nun 3. Studioalbum mit dem Titel “New World Error”. Wie beim letzten Album wird die komplette Platte von Alexander Dietz (Heaven Shall Burn) aufgenommen und produziert. Während ich diese Zeilen schreibe, ist der Rest der Band gerade im Studio bei Ali, um den Gesang aufzunehmen.

Irgendeine Erfahrung auf Tour gemacht, die ihr gerne mit uns teilen möchtet? Thema: Walls Of Jericho Die Tour mit Walls of Jericho war wirklich eine super gute Erfahrung für uns und echt ne mega geile Zeit. Walls waren super nett zu uns und ich kann nur sagen, dass die mit einer Professionalität auf die Bühne gehen, von der sich viele andere Bands was abgucken können. Egal ob vor 100 oder 15000 Leuten, die liefern auf Knopfdruck eine Hammershow. Aber ich vermute mal, dass Deine Frage eher auf die kleinen Anekdoten abzielt, die auf so einer Tour passieren. Ich kann nur sagen, dass 10 Tage mit 6 stinkenden Affen in einem Wohnmobil mega geil, aber auch sehr anstrengend sind. What happens on tour stays on tour!!

Die neue Platte wird wesentlich abwechsulngsreicher. Es ist der rote Copykill Faden in allen Songs zu erkennen, aber insgesamt sind die Tracks runder und knallen mehr als auf dem letzten Album. Den wahrscheinlich stärksten Unterschied zu den Vorgängeralben macht natürlich Saschas Stimme aus. Sie ist doch agressiver und krasser als Chris Stimme. Ich freue mich darauf, morgen die ersten Takes hören zu können.

Wie kam es zum Song “Forcing My Fears” mit Björn von GET IT DONE? Björn ist seit Homerun Zeiten, d.h. seit geraumer Zeit, ein Kollege von uns. Als wir den den Song Forcing my Fears geschrieben haben, merkten wir, dass noch das gewisse Etwas fehlt, um den Song abzurunden. Da zahlreiche andere Gast sänger irgendwie auf jeder zweiten Platte in den

Zum Schluss Raum für euch. Sagt was ihr immer schon los werden wolltet! Spritzgebäck vom Fickoklaus! Stevie Fuchs

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unter einen Hut passt, so wie es auch eigentlich sein sollte.


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UNPLUGGED.

Jon Snodgrass von Drag The River über Deutschland, Musik und Kommerz.

Jon Snodgrass sagt vielen Menschen wohl nichts. Dabei ist er die Achse, um die sich die Akustikbewegung der Punkmusik dreht. Neben seiner Hauptband Drag the River, die Alternative Country Rock macht und in der er mit All-Sänger Chad Price singt, hatte er ein mit der Nebenband von Joey Cape (Lagwagon), Bad Astronaut, eng verwobenes Projekt namens Armchair Martian. Hauptsächlich ist er seit einigen Jahren immer wieder mit Tony Sly (No Use For A Name), Joey Cape oder Chris Wollard (Hot Water Music) auf Akustik-Tour. Jon Snodgrass sieht nicht gut aus, er wirkt nicht cool, wenn man ihn sieht würde man ihn für einen World of Warcraft-süchtigen Informatiker halten. Nicht zuletzt wegen seiner unspektakulären Erscheinung und seinem geringen Bekanntheitsgrad ist Jon Snodgrass das Destillat des guten Musikers. Alles was zählt sind seine Stimme und seine Songs. Und beides zusammen lässt jeden, der einen Sinn für das Acoustic Genre hat, mit offenem Mund und Gänsehaut innehalten. In seinen Songs geht es um Alkohol, um Sehnsucht, um den Blues. Als ich ihm sage, dass ich für ein deutsches Magazin schreibe, ist er auf einmal Feuer und Flamme. Was ihm an Deutschland so gut gefällt, wie

man einen Song schreibt und was man sonst noch so über Musik und Kommerz wissen muss, erzählt Jon Snodgrass in einem ungewöhnlichen Interview. Woher kommst Du? Ich bin in Missouri geboren und in St. Joseph aufgewachsen. „Wo der Ponyexpress anfing und Jesse James aufhörte.“ Das kann man auf einer gigantischen Tafel lesen, wenn man in die Stadt fährt. Stanton Hüte werden dort auch produziert. Es ist in der Rangliste der tristesten Städte der USA immer sehr weit vorn. Jetzt lebe ich in Fort Collins in Colorado, das immer in der Rangliste der schönsten Städte vertreten ist. Ehrlich jetzt. Wie bist Du zur Musik gekommen? Ich habe die Platten meines Dads gefunden. Beatles. Kristofferson. Würdest Du Dich als professionellen Musiker beschreiben? Ich werde für das was ich tue bezahlt, aber ich würde mich nicht unbedingt als sonderlich professionell beschreiben.


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Welchen Song würdest Du für kein Geld der Welt live spielen? Den „Star Spangled Banner“. Bei einem Baseball Spiel. Das wäre nicht lustig. Wie schreibst Du einen Song? Es passiert einfach. Ich weiß es eigentlich nicht wie. Es passiert, wenn es passieren soll. Meistens, wenn Du zu sehr darauf hinarbeitest, leidet der Song. Natürlich muss man an einem Song arbeiten, aber Du kannst nichts erzwingen. Ich kann zu jeder Zeit einen Song schreiben, wenn er ein Ziel hat. Gibt es etwas das du vermisst, wenn Du Radio hörst? Ich liebe es Radio zu hören. Schlechte Songs, gute Songs, okay SONGS! Mehr schlechte als gute. Zufall. Ich mag es trotzdem. Es ist besser als deinen Ipod auf shuffle zu stellen, denke ich. So hörst du Dinge, die du niemals bewusst hören wollen würdest, ob das nun gut oder schlecht ist. Findest Du, dass Punk den Sell-Out Zenit dadurch überschritten hat, dass sich die Szene inzwischen selbst ausbeutet (Warped Tour, Limited Edition 7“s etc.)? Puh, das kann ich absolut nicht beurteilen. Ich vergesse ständig meinen Merch-Stand aufzubauen, wenn ich nicht schon vorher vergesse den Merch in die Halle zu bringen. Mir war es sehr lange peinlich, Merchandise auf einer Show zu verkaufen. Das habe ich aber überwunden. Das ist auch albern. Ich bin stolz auf die Musik, die ich mache und will, dass die Leute sie auch haben. Es sollte aber nicht über eine Theke ablaufen. Wenn ich einmal hinter ihr stehe, fange ich sowieso an Sachen zu verschenken. Whoops! Und zur Warped Tour, ich war auf der ersten um FLUF zu sehen. Da ist es immer so heiß und es ist nachmittags. Das ist nicht so mein Ding. Also gehe ich nicht hin. Außerdem müsste ich ja bis Denver fahren. Nicht toll. Aber vielleicht gehe ich dieses Jahr doch, ich will Lucero sehen. Warum habt Ihr Euer aktuelles Album „2010 Demons“ ausschließlich online veröffentlicht, und warum überlasst ihr es den Downloadern, wieviel sie dafür bezahlen möchten? Weil das nur die Demos für ein neues Album sind. Es hat uns nichts gekostet sie aufzunehmen. Ich denke, das Album ist das wert, was die Menschen denken, dass es wert ist. Ich hab mal in einem Plattenladen gearbeitet. Alle neuen Alben kosten im Grunde gleichviel. Aber wenn sie gebraucht sind und wiederverkauft werden, ändert sich das drastisch. Musik ist das wert, was sie für eine Person wert ist, die sie kauft. Meine Musik ist preislos, haha! Nur ein Scherz. Wie erklärst Du Dir, dass so viele Punk Rock Sänger Acoustic machen? macht Spaß, es ist gefährlich und es verzeiht nichts.

Gibt es eine Verbindung zwischen Punk und Folk? Ehrlichkeit. Wie würdest Du Deine Beziehung zum Alkohol beschreiben? Ich habe eine gute und lange Beziehung zu ihm. Wie würdest Du Deine Beziehung zu Joey Cape beschreiben? Joey ist einer meiner besten Freunde. Ich respektiere ihn als Songwriter und Künstler. Ich werde eine Tour mit ihm und Tony Sly im Oktober/November machen. Ich habe eben erst einen Song für die Tour geschrieben, „Scorpios“. Er ist dämlich, aber irgendwie auch gut. Wie sind die Deutschen? Super! Effizient. Klug. Gutaussehend. Viele von ihnen sprechen besseres Englisch als wir in den USA. Kluge, irre Leute. Ich liebe sie und fühle mich wie zu Hause wenn ich da bin. Und das ist wahr, ich übertreibe jetzt nicht weil das Deutsche lesen, versprochen! Kennst Du ein paar deutsche Künstler? Ihr könnt den Heino nicht verstecken! Sind die Deutschen immer noch Sklaven ihrer Vergangenheit? Nein. Ist das irgendjemand? Ich denke ich weiß worauf Du anspielst, aber wir haben alle eine Vergangenheit die nicht besonders ist. Man muss nur daraus lernen, nicht wahr? Behandle jeden mit Würde und wie Du Dir wünschen würdest behandelt zu werden! Tanja Kroll


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. WORKAHOLIC SUCHT NEBENBESCHAFTIGUNG Kleiner Plausch mit Cause For Revelation

Ryan Baxter von Cause For Revelation zwischen Hardcore und Kunst, Politik und Straight Edge. Gelebte Selbstverantwortung ganz groß. Cause for Revelation sind wirklich eine Offenbarung. Das erste Mal habe ich ihren Debüt-Langspieler, „Resurrecting The Hostility“, gehört bei einem Puls von 150 und schweißdurchtränktem Good Riddance Shirt – Fahrrad fahrend durch den Wald. Es war genau die richtige Situation, um sich diese Platte anzuhören: Adrenalin im Blut und in den Ohren. Elf Songs lang gibt es was aufs Trommelfell und danach will man eigentlich nur alles nochmal hören. Und nochmal. Und nochmal. Dieses Album macht süchtig. Cause For Revelation aus Milwaukee schaffen das, an dem viele Bands scheitern – die perfekte Symbiose von Hardcore und Metal. Energiegeladener Sound trifft auf alles was Old-School Hardcore ausmacht. Aggression, Power, zerstörerische Vocals und eine Message. Wie dieses beeindruckende Erstlingswerk entstanden ist, wie er seine Rolle in der Band wahrnimmt und wie er als Workaholic durchs Leben geht erzählt Bassist Ryan Baxter, Inhaber seiner eigenen Grafikdesign Firma und nebenbei auch noch Sänger von Eyes To The Sky.

Wie verliefen die Aufnahmen für Euer Album? Das Aufnehmen verlief sehr gut, wir wussten wie wir den Ball wieder ins Rollen bringen und wie wir das Projekt richtig angehen. Wir wussten genau in welches Studio wir gehen wollen, da dort bisher eine Menge sehr erfolgreicher Bands mit Chris Wisco gearbeitet haben. Mit den Jungs im Studio zu sein war großartig, Cause for Relevation sind wie eine Familie. Den Ball wieder ins Rollen bringen? Hattet ihr eine Art Pause? Wir haben uns eine Pause genommen zwischen unserer Debüt-EP, „Surviving Destruction“ und unserer neuen Platte, aber Cause For Relevation sind seit 2003 durchgehend eine Band. Gibt es Unterschiede zwischen der EP und Eurem ersten Langspieler? Ich denke wir haben uns seitdem als Musiker deutlich entwickelt. Die Kernideen und Gedanken sind dieselben geblieben, aber „Resurrecting The Hostility“ haben wir für niemanden


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außer uns selbst geschrieben und uns sehr auf das was wir persönlich hören und spielen wollen konzentriert. Ein weiterer Unterschied ist die Qualität der Aufnahme. Die VorgängerEP war eher ein Demo um allen zu zeigen wer wir sind. Diesmal haben wir aber eine wirklich saubere Platte aufgenommen und produziert.

zu halten, sowohl beim Schreiben als auch beim Spielen. Beim Bass bin ich gelandet als Cause For Relevation sich in den letzten Entwicklungsstadien befanden. Sie suchten noch einen Bassisten und ich konnte Bass spielen, also habe ich für einen Gig vorgespielt und bin bei den tiefen Saiten hängengeblieben.

Wie hat euer Produzent Chris Wisco den Sound der Platte beeinflusst? Chris von Belle City Sound hat ein grandioses Gehör für Musik und Arrangement. Er weiß was man betonen und was man runterregeln muss. Er hat es geschafft genau den Sound zu erzeugen den wir für das Album wollten.

Wenn du das ultimative Line-Up für ein Festival bestimmen könntest, wie würde sich die Stage List lesen? Hm... ich bin Fan von so vielen Bands. Aus dem Stehgreif würde ich sagen Bands wie Meshuggah, Hatebreed, Alice In Chains, Soundgarden, Terror, Rage Against The Machine, Fu Manchu, Nine Inch Nails, Kyuss (mit Josh Homme), Mastodon und Legenden wie Megadeth, Iron Maiden, Anthrax, Metallica, Judas Priest und Sepultura (mit Max & Igor). Und dann würde ich für die Würze wohl noch etwas Hip Hop mit reinhauen, wie Three 6 Mafia, MF Doom, Lil Wayne, The Streets, JayZ...

Ich habe gelesen, dass er Nonpoint produziert hat, würdest Du sagen ihr seid mehr „Metal“ geworden durch ihn? Ich rechne ihm auf jeden Fall den massiven Sound an, den wir uns für dieses Album erhofft haben. Er kommt aus der Metal-Szene, also bin ich mir sicher, dass dieser Einfluss zu hören ist. Aber alles in allem, denke ich, haben wir von beiden, der Hardcore- und der Metal-Szene, gleichviel Einfluss auf die Platte gepackt. Weil Du gerade massiver Sound sagst, ich war schockiert als ich gesehen habe, dass Ihr nur eine Gitarre habt. Wie bekommt Ihr eine solche Energie in Eure Songs? Zwei Dinge wegen der die Band besonders stolz auf sich ist sind Energie und Thightness. Das sind Elemente von denen wir wollen, dass sie permanent präsent sind, sowohl in unseren Liveshows als auch auf dem Album. Wir haben das immer im Kopf, egal ob es bei einer Bandprobe, während des Songschreibens oder beim Rocken auf der Bühne ist. Hat Eure Band eine Message? Unsere Message ist, dass man immer nach vorne gehen und gegen alles ankämpfen muss was einem das Leben in den Weg stellt. Niemals aufzugeben, sei es noch so aussichtslos. Wir versuchen Musik zu schreiben, mit der sich jeder in Beziehung bringen kann, ohne auch nur eine Person auszugrenzen. Du bist ein vielseitiger Musiker, singst in einer anderen Band und hast auch schon Gitarre gespielt. Wie bist du beim Bass hängengeblieben und welche Vorteile bringt die Rolle des Bassisten mit sich? Nun, ich bin seit vielen Jahren Frontmann bei Eyes To The Sky. Es ist eigentlich ganz nett nach hinten treten und einfach rocken zu können. Ich habe an allen Schlüssel-Elementen des Sänger-Seins Spaß, aber es ist wirklich gut wieder ein Instrument in den Händen

Wie schaffst Du es eigentlich, der Chef Deiner eigenen Firma zu sein, eine Ehe am Leben zu erhalten und in zwei Bands zu spielen? Wenig Schlaf! (lacht) Es kann ein echt schwieriger Balanceakt sein, aber ich schaff das alles irgendwie. Ich mag es beschäftigt zu sein, also suche ich immer nach etwas an dem ich arbeiten kann, egal ob es Hausarbeit, Musik oder Kunst ist. Wie bist Du eigentlich dazu gekommen das neue Outspoken-Logo zu designen? Henning von Outspoken hat meine Arbeiten gesehen und mich dann einfach gefragt ob ich nicht etwas für das Magazin machen wollte. Kannst Du Deinen Schaffensprozess etwas beschreiben? Manchmal wenn ich für Satellite Graphics etwas designe, schränkt mich der Klient im Farbschema für das Design ein, aber meistens lassen sie mich einfach machen. Mein Ziel ist es ein einzigartiges Design zu entwerfen mit Farben, die das Logo hervorstechen lassen. Deshalb habe ich mich auch für die Farbe Blau entschieden. Würdest Du Dich als einen politischen Menschen bezeichnen? Ich würde mich als über Politik informiert betrachten, aber so sehr ich mich auch politisch informiert fühle, ich würde nie anderen Menschen irgendeine meiner politischen Ansichten aufdrängen. Egal wo Du politisch stehst, 99% von dem was uns gesagt wird ist


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sowieso Müll, der dazu da ist eine Agenda für die Linke oder Rechte zu verkaufen. Ich finde es ist die bürgerliche Verpflichtung eines jeden zu wissen was seine Regierung tut und wie sie das tut. Und wenn man schon wählen kann, sollte man das auch besser tun! Was muss sich Deiner Meinung nach an der Politik in den USA ändern? Es gibt vieles das sich ändern muss, um die gegenwärtige Situation der Wirtschaft in den Griff zu bekommen und ich denke nicht, dass unsere derzeitige Regierung das schaffen wird. Was hältst Du vom Konzept des Sozialstaats? Mir wurde mein ganzes Leben lang gesagt, bis ich in Rente gehe ist die Sozialversicherung Geschichte, aber ganz ehrlich, ich denke es wird sie noch geben, nur in einer anderen Form. Vielleicht mit individuellen Konten und mehr privater Verantwortung. Wenn überhaupt, dann wird momentan immer mehr nicht existierendes Geld in das System gepumpt. Ich jedenfalls verlasse mich nicht dar-

auf. Ich finde jeder muss seine eigene Vorsorge für seine Rente treffen um sicher zu sein. Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, an dem es schwer war straight-edge zu sein? Ich kann mich nicht an einen speziellen Moment erinnern, aber es ist definitiv eine große Verpflichtung. Auch wenn es sich zu einem bestimmten Zeitpunkt wie eine einfache Entscheidung anfühlt, finde ich Menschen, die sich für einen straight-edge Lifestyle entschließen müssen das ehrlich und gründlich durchdenken und sich darüber klar werden auf welche Art von lebenslanger Verpflichtung sie sich einlassen. Kannst Du Dir eine Formel für ein glückliches Leben vorstellen? Ich denke der Schlüssel ist positives Denken. Eine positive Einstellung im Kopf wird Dich zu einem erfolgreicheren und erfüllenderem Leben führen.

Tanja Kroll


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Entspanntes Q&A mit

GLASSES

Glasses, ein Lichtblick in der deutschen Hardcorelandschaft. Verstreut über ganz Deutschland mit einer Frau am Mikrofon. Gitarrist Marc durfte ich ein paar Fragen schicken, die er dann auch brav beantwortet Danke dass du dir Zeit genommen hast, um im Namen von Glasses mir hier ein paar Fragen zu beantworten. Kein Problem mache ich gern. Ich weise aber darauf hin, dass die anderen aus der Band, Sachen evtl. ein wenig anders sehen als ich. Wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Und was ist eure Aufgabe in der Band? Also, wir kommen von überall her. Sam (Vox) wohnt vorübergehend in Berlin, Benni (Bass) wohnt in Göttingen, Rocko (Drums) wohnt mittlerweile in Leipzig und ich (Gitarre) wohne in Aachen. Gab es bzw. gibt es Vorgängerbands und/oder aktuelle Bands die man hier namentlich erwähnen muss ;-) ? Und was macht ihr musikalisch so neben euren regulären Bands? Ja, da gab‘s die ein oder andere. THE F.A., PERTH EXPRESS, THE 244GL, EAVES und TRAINWRECK. So haben wir uns auch alle kennengelernt. Ich spiele noch bei einer Country/Folk-Formation namens Knifefight! Banjo. Rocko spielt auch noch in einer anderen Band in Leipzig. Da ihr ja alle ein Stück weit auseinander wohnt, wie klappt es denn bei euch mit Proben und dem Aufnehmen? Von Monochrome weiß ich, dass sie alle nacheinander etwas aufnehmen,

und dies an die anderen Bandmitglieder schicken. Sieht es bei euch genauso aus? Wir proben nur dann, wenn es etwas zu proben gibt. Sprich, wenn einer eine Songidee hat, sonst wäre das zu viel Aufwand. Benni und ich schicken z.B. Riffs rum und dann machen wir einen Wochenendtermin aus, an dem wir uns dann einschließen und das neue Material in Songs gießen. Beim Aufnehmen waren wir bis jetzt eigentlich alle immer anwesend. Ihr habt ja alle bestimmt noch Jobs in eurem Außermusikalischem Leben. Was macht ihr so? Rocko arbeitet bei einem Paketdienst, Benni gibt Seminare an der Uni und schiebt Nachtdienste, Sam macht Grafik Design und ich unterrichte Deutsch als Fremdsprache an der Uni in Aachen. Die neue Platte “THE ILLS OF LIFE“ und das Tape “DISCOGRAPHY“ sind ja nun eine Weile draußen. Wie waren die Reaktionen darauf gewesen? Bis jetzt waren die Reaktionen sehr gut. Wir können uns nicht beschweren. Es gibt von allen Releases Nachpressungen. Ich persönlich fand die Platte ja rockiger als die Vorgänger Sachen. Wo lag da der Einfluss im Gegensatz zu den “älteren“ Platten. Das haben mir auch schon mehrere Leute gesagt. Mir selber ist das gar nicht so aufgefallen.


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Wie kam der Kontakt zu Vendetta Rec. zustande? Benni ging eines Tages, bevor die erste Probe überhaupt stattgefunden hatte, in den Laden [Anm.d.R. BIS AUFS MESSER ] in Berlin und er wurde sofort darauf angesprochen, dass er ja eine neue Band habe und Vendetta die Platte machen würde. Das Ganze war natürlich ein Witz, weil es uns noch nicht einmal gab und wir keinen Song hatten. Trotzdem war das aber auch eine Motivation Songs zu schreiben und nachdem wir auf der ersten Probe 2 1/2 Songs zusammen hatten, haben wir angerufen und gefragt, ob das Angebot ernst gemeint sei. Das war 2008 und seitdem haben wir 2 LPs auf Vendetta. Wie ist es musikalisch bei euch? Kommst du zuerst an und sagst: „Hey ich hab ne gute Idee für ein Lied“ und Sam macht dann den Text zu der Melodie? Oder ist es umgekehrt? So ungefähr läuft das. Rocko hat aber auch „Riffs“ auf den Drums und Benni bringt auch sehr viel mit. Sam hat auch oft sehr coole Ideen und verleiht den Songs oft den letzten Schliff. Marc, von dir weiss ich, dass du dich sehr im JUZ in Aachen engagierst. Wie sieht das aus und welche Probleme habt ihr da? Das JUZ ist ein AZ ;-). Wir hatten da viele Probleme, weil die Stadt den Laden 2002 wegen nicht erfüllten Brandschutzbestimmungen zugemacht hat. Man muss dabei erwähnen, dass es sich um einen Stahlbeton-Bunker handelt. 2004 haben wir dann wieder unter z.T. harten Auflagen aufgemacht. Früher konnten wir dort Konzerte mit einigen 100 Leuten machen. Seit der Wiedereröffnung dürfen wir aber nur 99 Leute hineinlassen. Das hat sich jetzt aber noch mal geändert auf 1999, glaub ich. Die Kosten für den Umbau sind dann mühsam über die Jahre durch die Konzerte etc. eingespielt worden, so dass der eigentliche Umbau erst letztes Jahr stattfinden konnte und wir Jetzt gerade in der Phase der Endabnahmen durch die verschiedenen Ämter sind. Es geht also voran. Haben deine Bandmitglieder auch solche Projekte? Benni ist im JUZI Göttingen aktiv, Rocko in diversen Läden zwischen Leipzig und Jena und Sam hatte lange in Gießen im AK 44 mitgemacht. Bei euch steht ja jetzt eine kleine Tour ins Haus. Was gibt es neues und was kann einen erwarten? Überteuerte Pyrotechnik im Stil von KISS? Brennende Gitarren? Sprünge ins Schlagzeug oder wirst du gar ausrasten und deine Gitarre auf dem Boden zerschlagen? JA! :-)

Zieht es euch auch wieder ins Ausland? Auf der Tour werden wir in Belgien, Luxemburg, Slovenien, Tschechien, Österreich und Frankreich spielen. Wie ist das touren in den USA bzw. in Japan. Und wo sind da die Unterschiede zum touren in Deutschland bzw. in Europa. Touren ist eigentlich überall das gleiche. Zu wenig Schlaf, erst muss man sich beeilen, um dann lange zu warten, üble Gerüche, ungesundes Essen und jede Menge schlechte Witze. ABER: In den USA ist alles etwas „punkiger“. Man spielt viele Houseshows. Das kennt man hier eigentlich nicht. Es gibt auch öfter keine Gage oder Spritgeld und kein Essen. Da sind wir hier sehr verwöhnt. Es macht aber trotzdem jede Menge Spaß. Die Shows sind „intensiver“ und die Leute im Publikum sind oft sehr jung. In Japan dagegen ist alles etwas professioneller als hier. Die Läden sind ultrasauber und es gibt jeden Abend eine fette P.A. Man hat auch nur seine Gitarre dabei. Der Rest wird vom Laden komplett gestellt und meistens handelt es sich dabei auch um sehr gutes Equipement. Gibt es in den USA z.B. auch ein solchen DIY Netzwerk aus JUZ und Selbstverwalteten Häusern und Einrichtungen wie in Deutschland? Eigentlich nicht. Es gibt manchmal so etwas Ähnliches wie ein JuZ aber besetzte Häuser findet man so gut wie gar nicht und die meisten Shows finden in Häusern (Keller), in den die


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Leute dann wohnen, Clubs, Gemeindehäusern oder Bars statt. Was kommt nach der Tour? Ne kleine Auszeit? Oder wird direkt wieder an neuem Material gearbeitet für die nächste Split? Die nächste Platte? Nach der Tour muss ich erst mal arbeiten. Trainwreck schreiben gerade an einer neuen EP und wir müssen da noch ein bisschen dran rumschrauben, denn wir gehen im Mai ins Studio. Glasses werden dann noch ein paar Shows spielen und wir gehen dann noch mal im Juli mit Dangers (US) auf Tour. Im Moment ist es ja wieder Schick sich Vegan/ Vegetarisch zu ernähren. Überall wird man zugebombt mit “GO VEGGIE“ und es werden viele Fleischlose Kochbücher auf den Markt geworfen. Allen voran das „“OX-Kochbuch“ und “Kochen ohne Knochen“. Im HC gibt es das ja eigentlich seit Anbeginn der Zeit. Wie steht ihr dazu? Seid ihr Veganer/Vegetarier? Wenn ja, wie seid ihr dazu gekommen? Versucht ihr auch zu missionieren oder nehmt ihr jeden Menschen so wie er is(s)t? Wir sind zwei Vegatarier und zwei Veganer. Für mich persönlich ist das schon so normal,

dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke. Ich freue mich aber über diesen Trend. Vor allem muss man sich nicht mehr ständig vor anderen wegen seiner Ernährungsweise rechtfertigen und man kann leichter und billiger an vegane Lebensmittel rankommen. Auf Tour ist das schon wichtig. Auf der anderen Seite habe ich aber auch bemerkt, dass viele aus dem Punk/HC Dunstkreis wieder zu Fleischfressern werden, jetzt wo man sogar Fernsehwerbung für fleischlose Kost sehen kann. Naja...für viele zählt auch da wohl eher das „anders sein“. Hast du noch etwas abschliessendes für die Leserschaft? Kommt und quatscht uns an oder schreibt uns! Nun Marc. Dann danke ich dir herzlich für die Zeit die du dir genommen hast und wir sehen uns demnächst wieder auf einem eurer Konzerte. Egal mit welcher deiner Bands. Jo, vielen Dank, Marc! ;-)

Marc Köhler


Saphena 35

SAPHENA

Saphena? Exotischer Bandname. Stellt euch am besten erst mal vor. Wir sind Andi, Rob, Robert, Joki und Axel, also saphena. Latein ist ja auch eine exotische Sprache. Da wir deutsche Texte haben, wollten wir keinen englischen Bandnamen aber deutsche Namen sind auch schnell albern, also Latein. Der Name ist relativ frei von anderen Bedeutungen, was auch ganz gut zu unserem Verständnis der Band passt. Irgendwas mit Metal, bisschen progressiv, dreckig und emotional. Klingt Emo, ist es auch. Eure Band gibt es nun schon seit gut 10 Jahren. Gibt es da eine Anekdote bzgl. eurer Entstehung? Wir wollten eine Band gründen in der für uns alles stimmt. Musik, Anspruch, Inhalte und vor allem die Zusammensetzung der Leute. Das Ganze hat in einem ranzigen Proberaum im erzgebirgischen Wald begonnen und wird mittlerweile über ganz Deutschland verstreut organisiert. Bis heute haben wir uns an den Anspruch von vor 10 Jahren gehalten, nur dass wir mittlerweile ein wenig besser wissen, was wir tun. Am Anfang war das wie bei den meisten, die Riff-Hand Koordination muss erst erlernt werden, heute schreiben wir Riffs, wo das geht. Wen wollt ihr mit eurer Musik und euren Texten ansprechen? Jeden, der Bock hat sich drauf einzulassen. Bei uns ist es vielleicht etwas schwieriger, die gewohnten Trademarks zu finden, die man von

einer Metalband erwartet. Deshalb haben wir immer auch Publikum, was sich in der letzten Deathcore Welle nicht so auskennt. Jede Band behauptet eigen zu sein, da machen wir auch mit. Die Reaktionen bestätigen uns da, insofern versuchen wir mal uns unsere eigene Zielgruppe zu bauen. Also treten sie bei Interesse bei, liebe Menschen. Was unterscheidet euch von anderen Bands? Vielleicht sind wir mit unseren deutschen Texten auf wüster Musik ein wenig anders. Wir versuchen auch immer, einen eigenen Sound zu fahren. Mittlerweile klingen wir auch so wie wir wollen und wie wir sind. Mir als Hörer sind bei Bands immer die Persönlichkeiten dahinter wichtig. Wir versuchen das auch auszustrahlen, damit unterscheidet man sich automatisch. Euer aktuelles Video heißt „Ich sehe mich“. Erzählt uns bitte etwas mehr darüber! „Ich sehe mich“ ist ein Song von unserem Album „Das Ende einer Wahrheit“ und wir haben dazu unser erstes Video überhaupt gedreht. Wir haben endlich die Leute gefunden, die Bock haben, ein Wochenende lang zu frieren, hart zu arbeiten und sich übermenschlich reinzuhängen. Patrick Gröschl und Sebastian Ernst haben mit uns den Plot geschrieben und Kamera und Schnitt zu unserer größten Begeisterung bedient. Wir wollten im Video die optische Stimmung, die Saphena für uns ausmacht und die auch in den Artworks umgesetzt ist rüberbringen. Also haben wir uns die ehrwürdigen


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Hallen der MZ Motorenwerke Zschopau gemietet und im feinsten Ölgeruch die Sau raus gelassen. Matthias Pick, der im Video recht unschön durch den Matsch gejagt wird, hat dem ganzen dann noch die nötige Dramaturgie gegeben. Die Resonanz ist sehr super wie wir finden und das nächste Video wird passieren. Wie sieht es mit weiteren Alben und Tourplanung aus? Wir beginnen grade, am nächsten Album zu schreiben und wollen da 2012 Ergebnisse liefern. Unser Gitarrist und musikalischer Chef Rob hat jetzt eine Weile mit Zwölftonmusik und anderen exotischen Schweinereien seinen Horizont erweitert und sollte nun bereit sein, zusammen mit den anderen Kreativen in der Band eine neue Platte zu bauen. Tourmäßig wollen wir dieses Jahr auf jeden Fall noch was machen. Im Moment planen und buchen wir, also ruft uns an, wenn ihr eine Show mit uns machen wollt. Das wäre ein Fest. Welche bzw. wo hattet ihr eure beste Show? Schwer zu sagen. Die besten Shows hatten wir sicherlich in viel zu vollen und viel zu nassen

Kellern, was nicht heißt dass wir auf nasse Keller stehen. Jeder empfindet glaube ich eine Show anders, aber im Ausland zu sein, gerade mit deutschen Texten, ist immer ein Höhepunkt. So richtig Scheiße war‘s jedenfalls sehr selten. Wie geht es mit Saphena in Zukunft weiter? Höher, schneller, weiter. Da wir uns langsam zur Ü30 Band entwickeln, schauen wir auch schon mal längerfristig in die Zukunft. Wir wollen natürlich immer ein wenig am Niveau schrauben, bessere Platten machen, feine Shows spielen und dabei sehr kompromisslos bei unseren Prinzipien bleiben. Wir schauen grade, dass wir uns live weiter entwickeln, dazu gehört auch dass wir uns nach professionellen Partnern im Booking umschauen. Von uns wird es also noch eine Weile was zu hören geben. Letzte Worte oder Wünsche? Hört mal wieder ein Album durch und lest mehr Zeitung, einfach mal so. Ist eine gute Erfahrung. Sebastian Seitz


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ANCHOR If you‘d had to sum up the whole creation process of „Recovery“ in three words, what would that be? Oh, tough one. Short and focused are the first two words that come to mind. It was a very short process and when we all gathered in Göteborg to practice, it was all 110% days on end. The third word will have to be determined. We knew what we wanted and even though we didn‘t have a lot of time our minds were set.

What positive / negative aspects would that have on your life? I‘m sure all of us would love that! Make the music you love, tour the world with your friends and have that pay your bills would be a beautiful thing! I can‘t say I see that happen anytime soon though. One of the negative aspects of that would be to, at one point, have to make a record or do a tour in order to pay your bills and not because you love doing it. Horrific thought!

ANCHOR is one of the busiest European hardcore bands. What are you guys doing for a living besides the band? Claes works in a clothing store, Fredrik used to work with mentally ill people but is currently unemployed. The rest of us are students. Calle is soon to be working with chemically addicted people. Ulf is studying graphic design. I study religions.

Do you get any state support for ANCHOR? I heard that Scandinavian bands have quite some possibilities to profit from cultural sponsorship. Yeah, there‘s a bunch of funds bands can apply for, but it‘s all for bands that already are „wellestablished“. We‘ve applied a few times but we‘d never get any of it. Instead these funds go to bands that already make a living off their music.

Tell me about the worst boss you ever had. Here‘s the good thing; I‘ve never really had a job. I‘ve been fooling around, playing music, touring and making havoc most of my young life. No job, no boss, just me!

You‘re on tour in Europe in July. What‘s the worst thing someone in the audience could possibly scream at you at a show? Haha, good question! I don‘t really care what anybody thinks or says. You can call me whatever you want. Making me upset is a tough task.

Can you imagine playing in a band fulltime and to make a living from it?

Henning Jäger


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Schwul - und das ist auch gut so!

,,NEE, IS COOL, ICH HAB KEIN PROBLEM DAMIT!‘‘ Politisch korrekte Antworten auf homosexuelle Tatsachen zu geben spiegelt offensichtlich nicht das wieder, was in vielen Köpfen noch vor sich geht. Denn man muss es nicht nur sagen, man muss es auch wirklich so meinen. Die Hardcore-Szene zeichnet sich durch vieles aus, aber ein zentraler Aspekt ist mit Sicherheit ihr vehementes Anderssein, manchmal um jeden Preis, manchmal auch dank modischer Massenbewegungen umsonst. Sich von der Masse absetzen, sich so zeigen wie man wirklich ist, keine corporate identity des Musik-Konglomerats mitschultern. Geradeaus und mit Message-beladenen Songs in den Ozean des Unbekannten segeln, in der Hoffnung für seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit belohnt zu werden, manchmal auch um die Welt zu verbessern, wenn auch nur im Kleinen. Kids On TV machen bei Weitem keinen Hardcore. Keine Breakdown Parts, keine brüllenden Vocals, keine tief gestimmten Gitarren. Und doch gehören sie irgendwie zu uns. Ihre Liveshows sind sehr auf die Interaktion mit dem Publikum bedacht, sie sind geradlinig, vertreten eine politische Message und sie sind Freigeister, sowohl musikalisch, also auch in allen anderen Belangen ihres Lebens. Sie sind die Definition von Punk, wie er in seinen Anfängen verstanden wurde, zu Bowie und Warhol Zeiten. Punk war Kunst, ganz früher. Kids On TV vereinen Kunst und Musik live auf eine einzigartige Weise,

mit Experimental-Videos und Performing Art. Und obwohl wir ihre Musik noch nicht gehört haben, obwohl wir sie nicht kennen und auch noch nie live erlebt haben, noch kein Wort von ihnen vernommen haben, werden viele schon jetzt ein mächtiges, unüberwindbares Problem mit ihnen haben. Kids On TV sind schwul und gnadenlos damit. Trotz aller Toleranz und aller Gleichberechtigung ist diese Eigenschaft weiterhin und unverändert die Schmerzgrenze vieler Männer, auch wenn sie das natürlich nie zugeben würden. Der unfassbar hohe Anteil von Homosexuellen in den Bereichen Fußball oder aber auch Hardcore Bands – er ist wahrscheinlich gar nicht messbar, so klein ist er – spricht offenkundig Bände. Alle lieben Lesben, aber Schwule, da gilt es anscheinend noch so einige Hürden zu nehmen und fehlgeleitete Berührungsängste in den Köpfen zahlloser Männer abzubauen. John Caffery, der Sänger von Kids On TV, kann davon ein Lied singen. Tatsächlich hat er das auch, mehrere sogar. Outspoken erzählt der Kanadier wo er die aktuellen Probleme sieht, nicht nur in der Gesellschaft, auch in der homosexuellen Community selbst, und beweist uns damit, dass man Menschen nicht durch ihre sexuelle Präferenz charakterisieren kann.


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Hi John, warum stellst Du nicht erst einmal Deine Band vor! Wir sind zu viert: meine Wenigkeit, Minus, Roxy und Wolf und wir sind 2003 aus dem Abflussrohr einer Badeanstalt empor gekrochen, wenn man so will! Sex und Geschlechterpolitik ist praktisch in unserer DNA. Im Moment stellen wir gerade unser Album „Pantheon“ fertig, das im Herbst auf dem Label Chicks On Speed Records rauskommen wird. Das Konzept hinter diesem Album ist, die „Götter“ zu ehren, die diese Band inspiriert haben, von Liberace bis Kate Bush. Deshalb variiert der Sound des Albums auch sehr. Wie würdest Du die Situation homosexueller Musiker heutzutage beschreiben? Für mich fühlt es sich so an, als ob es eine Art Community von homosexuellen Künstlern und Bands gibt, die sich gegenseitig unterstützen, zusammenarbeiten und einander helfen. Mehr als in herkömmlichen Musikszenen? Ich finde schon, da es über das eigentliche Musikgenre hinausgeht. Über Stadtgrenzen, sozusagen. Wir werden durch gegenseitiges Verständnis und Bewunderung wie auch die Notwendigkeit außerhalb des Mainstream zu arbeiten zusammengehalten. Ich fühle mich auch einfach mehr zu Leuten hingezogen, die aus sich herausgehen können. Und Heteros können das nicht so gut? Nein, nicht genauso wie wir! Es gibt sicherlich einige Hetero-Künstler, die das drauf haben, wie Missy Elliott, David Bowie oder Boy George. Witziger Weise würde ich aber keinen von ihnen musikalisch als hetero bezeichnen! Missy hat es einfach noch nicht bemerkt, irgendwann outet sie sich schon noch! Menschen identifizieren sich unabsichtlich ganz von allein, man muss sie nicht in Kategorien stecken, das mag ich nicht. Wie findest Du dann die Klischee-Darstellungen von Homosexuellen in den Medien? Ich denke dabei an Sex and the City, South Park oder Filme wie In & Out.... Ich bin dankbar, aus dem einfachen Grund, dass dadurch mehr Präsenz erzeugt wird. Obwohl provozierende und irritierende Repräsentanten am häufigsten auf der Oberfläche der Pop-Kultur treiben, sind wir jetzt besser dran als noch vor zehn Jahren. Also ist es jetzt einfacher, homosexuell zu sein als noch vor zehn oder zwanzig Jahren? Ohne das zu generalisieren, finde ich, dass Homophobie immer noch sehr präsent ist in unserer Kultur. Sie manifestiert sich in den Köpfen vieler Homosexueller, sie ist systemisch überall.

Ich sehe durchaus, dass es echten Support für die Community gibt und dass sich die Mehrheit von uns auch geoutet hat. Diese Tatsachen an sich sind schon bahnbrechend! Gibt es konkrete Sachen, die sich noch ändern müssen? Hör mir auf, da gibt es viele!! Transsexuellenrechte werden gerade im kanadischen Senat verhandelt, wie beispielsweise Toiletten ohne Geschlechtertrennung. Immerhin kann man hier schon seit zwanzig Jahren heiraten, das ist in der Tat ein Faktor für viele Immigranten! Politik ist nicht so einfach in der Community, denn es gibt auch repressives Verhalten untereinander, weil man die gegenseitigen Unterschiede nicht versteht; und das obwohl wir eine große gemeinsame Eigenschaft teilen. Würdest Du sagen, dass es typisch ist für Menschen, sich gegenseitig eine Normalität aufzuerlegen, nach der sich alle zu richten haben? Für den jetzigen Zeitpunkt, ja! Aber ich denke in „No Limits“. Toleranz ist nicht genug, ich will gänzlich einfach nur Liebe. Ist es möglich, schwul zu sein und nicht politisch? Ja, das kann man. Heutzutage ist das gängig. Es gibt aber auch das andere Extrem. In Toronto gab es letztes Jahr Kontroversen um eine Gruppe, die sich „Queers against Israeli Apartheid“ nannte. Sie wollten in der Schwulenparade mitlaufen. Das war ein Problem, man wollte zeitweise sogar zwei Paraden veranstalten, um das Problem zu lösen, eine Schwulenparade und eine politische… Die Community an sich ist politisch gesehen zu breit gefächert, um sich als Einheit zu formieren. Ein Beispiel ist die Vermarktung unserer Events: einige haben sich die Logos von führenden kanadischen Banken auf die Backen gemalt, weil diese ihnen dafür Geld zahlten. Davon wird mir halt einfach nur schlecht! Kannst Du Dich an einen Moment erinnern, an dem Du den positiven Einfluss Deiner Musik auf andere gemerkt hast? Oh ja! Über die Jahre haben Kids On TV an vielen verschieden Orten gespielt, von Grundschulen bis Badeanstalten, da haben wir verschiedenste positive Resonanzen erhalten. Einmal kam ein Mann nach einer Show zu uns und meinte er hatte eine Art sexuelles Erwachen während unserer Show. Er meinte er war noch nie bei so etwas gewesen... Das war ein unglaublicher Moment für uns.

Tanja Kroll


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Erstaunlich pflegeleicht

MOST WANTED MONSTER Kann man Eure Musik in Worte fassen? Sicherlich, aber leicht ist es nicht (lacht)! Wenn man 6 Köpfe in einer Band hat, kommt auch dementsprechend viel Input ins Songwriting. Wir haben unterschiedliche Geschmäcker und das kann man auf unserem kommenden Album sehr gut hören! Um grob den Stil einzuschränken, wir haben elektronische Elemente, gepaart mit dem klassischen Aufbau einer Hardcoreband. Solche Kombinationen gibt es natürlich oft, beispielsweise His Statue Falls. Jedoch würde ich nicht sagen, dass wir wie eine dieser Bands klingen, wir wurden natürlich sehr von ihnen inspiriert, fahren die Schiene aber doch noch anders. Anfangs haben wir das Ganze als „Synthcore“ bezeichnet, ob das den Nagel auf den Kopf trifft wissen wir selbst nicht genau! Auf unserem Album finden sich viele poppige Passagen, jedoch auch Elemente des Hardcore, Screamo, etc. Das macht es so schwer unsere Musik exakt zu betiteln, gleichzeitig aber auch interessant! Wie seid Ihr zu einem so abgefahrenen Sound gekommen? Zu dem Zeitpunkt unserer Gründung waren Bands wie Enter Shikari schwer im Kommen,

diese Mixtur hat uns völlig geplättet! Also was versucht man als beeinflussbarer Teenie? Natürlich das Ganze selber zu machen! So entstand der erste Versuch, von dem was wir heute abliefern. Vermutlich läuft es bei jeder Band anfangs so, es gibt immer Vorbilder denen man nacheifern will, und daraus wurde unsere Musik geboren! Wir setzen uns beim Songwriting keine musikalischen Grenzen, sei es mal ein härter Track oder ein rein elektronischer. Jeder hat seine eigenen musikalischen Lieblinge, das zieht sich von The Gaslight Anthem, über Comeback Kid und Emery zu Bands wie Dance Gavin Dance, um nur ein paar Wenige zu nennen. Jedoch hören wir auch gerne Elektro und Dubstep. Und so hat sich unser Sound geformt. Was kann der Otto-Normal-Hardcore-Hörer Eurer Musik, musikalisch wie inhaltlich, abgewinnen? Bei uns finden sich natürlich hardcoretypische Elemente, aber sicherlich nicht so viele, um sagen zu können wir würden Hardcore machen. Meiner Meinung nach stehen hinter Hardcore viele Emotionen, und das ist es was bei uns hauptsächlich einfließt! Matzes Texte spiegeln das Leben wieder, und darin kann sich garan-


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tiert jeder irgendwo wiederfinden! Das macht doch gute Musik aus, dass sie einem aus der Seele spricht! Das ist bei Hardcore so und daher kommt dann auch die Verbindung. Könnt Ihr ein wenig über Eure Entstehungsgeschichte sinnieren? Am Anfang stand eine Idee im Raum, die wir unbedingt ausprobieren mussten. Damals habe ich mit Anselm schon öfter gejammed und über eine Band nachgedacht, kurz darauf kam Niki, mit dem ich schon in unserer vorigen Band Musik gemacht habe, auf mich zu. So formte sich der erste Ansatz! Dann ging die große Suche los. Mit Stefan waren wir schon lange befreundet, jedoch war der musikalisch noch voll bei The Killertunes eingespannt. Er wusste von unserem Projekt und wollte mal zur Probe mitkommen, das lief so gut, dass wir ihn nicht mehr hergeben wollten. Matze kannten wir auch schon eine Weile, der war jedoch noch mit For A Day Of Sorrow zugange. Bei ihm lief es eigentlich wie bei Stefan, wir haben es probiert und es hat einfach gepasst. Um alles zu komplettieren kamen wir auf Marvin, der spielte schon vorher mit Niki und mir zusammen, jedoch als Bassist. Da er am MacBook und Keyboard echt begabt ist, kam es zu unserem ersten Song, Next Era. Und so lief das Ganze Stück für Stück an. Gibt es eine lustige Anekdote aus dem Proberaum? Nicht nur eine! Es gibt echt viele! Unser Proberaum ist unser zweites Zuhause und ein heiliger Tempel. Dementsprechend verbringen wir da sehr viel Zeit, da kommen natürlich einige Stories zusammen. Aber unsere besten Stories handeln wohl von brennenden Diskokugeln und Skateboards, zusammengetackerte Finger und Arschbacken, Hochwasser und 93€ Pfand! Doch die wohl meist erzählte handelt von einem unserer Mitbewohner aus der anderen Band im Raum. Dieser war etwas knapp bei Kasse, deswegen hat er unser Pfand geklaut um sich Abendessen zu holen:) Wie ist es für eine Band wie Ihr es seid in Karlsruhe? Gab es Startschwierigkeiten? Wir hatten das große Glück, dass uns Nanouk und Chris von Mount Caldera und Lucas vom New Noise Festival sehr unter die Arme gegriffen haben. Durch Mount Caldera kamen wir an unsere erste Show, mit Your Demise, The Number Twelve Looks Like You & Misery Signals. Das hat uns sehr geholfen, vielen Dank an dieser Stelle! In Karlsruhe und Umgebung gibt es sehr viele Bands, das macht es wirklich schwer sich von der Masse abzuheben. Über Startschwierigkeiten konnten wir nicht klagen, aber das ist natürlich nicht der Regelfall! Das Gute an der ganzen Situation ist, dass es nie an Shows

mangelt. Karlsruhe ist echt eine gute Stadt um als Band zu starten. Es gibt viele Locations und eine riesige Szene, die heiß auf neue Musik ist! An Voraussetzungen um ein solides Fundament zu schaffen fehlt es hier nicht. Was sind Eure nächsten Pläne für die Band? Unser Plan war immer ein Album aufzunehmen auf das wir alle Stolz sind. Das haben wir gerade geschafft! Natürlich auch durch die gute Unterstützung von Carmelo und Nick von Ever Ever Management. Die beiden haben uns an Phil vom SU2 Studio gebracht, und dort haben wir unseren Traum erfüllt. Das gute Stück wird diesen Sommer bei District 763 Records erscheinen! Das war bisher das Beste was wir uns vorstellen konnten, wir denken erst seit Kurzem weiter! Natürlich hoffen wir, dass die Platte super ankommt und wir damit einiges reißen können. Wenn die Platte da ist wollen wir natürlich so viele Gigs wie möglich spielen um den Leuten das Album nahezubringen! Ansonsten ist noch ein Video geplant, das zum Album erscheinen soll, mehr wird aber noch nicht verraten. Da wir es bis jetzt nicht gepackt haben Shirts zu drucken, steht das auch noch ganz oben auf unserer To-Do-Liste, dazu kommt der neue Heart To The Core Sampler, auf welchem wir mit Better Endings vertreten sind. Damit wird dann unser Merch-Arsenal aufgestockt. Viel weiter denkt noch keiner von uns, natürlich wäre ein Tour das Beste was uns passieren kann, aber wir lassen erst mal alles auf uns zukommen ohne zu viel zu erwarten. Das ist unser Plan! Wo wollt Ihr in zehn Jahren sein? Jede Band träumt natürlich davon, von ihrer Musik leben zu können. Aber in Zeiten von Rapidshare und ähnlichen Plattformen ist das sehr schwer zu erreichen. Das Wichtigste ist natürlich, dass wir immer noch in unserer aktuellen Besetzung als Most Wanted Monster bestehen und weiterhin Gas geben! Hauptsache die Freude an der Musik geht nicht verloren! Man darf ja mal träumen und hoffen, dass alles was wir uns wünschen in Erfüllung geht:) Nennt Eure Top-5 Alben im Moment! La Dispute - Somewhere At The Bottom Of The River Between Vega And Altair Bosse – Wartesaal Numer One Gun - Promises For The Imperfect 3OH!3 - Streets Of Gold High Contrast - Confidential Tanja Kroll


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Plattenpäpste

MESSER SHOP

Im Osten nichts Neues. So sagt man. Wäre da nicht ein kleiner, von zwei Musiknerds geleiteter Plattenladen in Friedrichshain, der sich allem widersetzt und gemütlich sein Ding durchzieht. Und dabei immer beliebter wird und bodenständig bleibt. Wieso assoziiere ich grade den Messer Shop mit einem kleinen Dorf in Gallien??? Hallo Robert, hallo Stefan. Vielen Dank dass ihr euch zu diesem Interview bereit erklärt habt. Es wäre gut, wenn ihr kurz etwas zu eurer Person sagt. Wer ihr seid, wo ihr herkommt. Robert: Ich bin Robert, die 30 sind überschritten. In der DDR geboren und zur Schule gegangen. Jungpionier, Thälmann Pionier und ein Jahr FDJ. Aus Dessau kommend, über Leipzig nach Berlin. Das sind die Fakten. Stefan: Ich bin noch älter als Robert, wurde auch in der DDR geboren, war auch Pionier, und manchmal auch in der Schule; FDJ hab ich geknickt, Ärger gab’s dafür keinen, weil dann Schluss war mit lustig. Ich bin schon immer aus Berlin, soll’s geben. Ein Traum eines jeden Musikbegeisterten Jungen ist es ja einen Plattenladen zu besitzen. Am besten mit Gleichgesinnten Leuten wie in High Fidelity. Seit wann besteht der Laden und wie kamt ihr dazu ihn gemeinsam zu eröffnen? Robert: Den Laden gibt es seit fast 5 Jahren inzwischen ... Stefan und ich kennen uns schon ewig von Konzerten, vom Tauschen und gemeinsamen Freunden. Ich habe circa 1995 mit dem Mailorder angefangen (kurz später kam dann das Label dazu) und Stefan hatte dann auch Ende der Neunziger mit Vendetta als Label und kleinem Distro angefangen. Er hatte ja dann auch die Zann/Funeral Diner 7“ rausgebracht

und wir haben viel getauscht usw. Naja, vor circa 5 Jahren hatten wir beide so einen Wendepunkt in unseren Leben erreicht, meine Freundin wollte zurück, der Mailorder hat bei mir zu Hause immer mehr Platz eingenommen und dann kam die anfängliche xSchnapsxIdee einen Laden aufzumachen, und dann ging es total schnell. Ein Freund meines Vaters hatte sein Atelier in Berlin aufgegeben und somit war auch ein Laden schnell gefunden. Dann kam eins zum anderen und nun ist der Laden hier. Für mich hatte sich ja anfänglich nicht so viel geändert, da ich den Mailorder ja schon seit 10 Jahren hatte. Nun kam eben der Laden dazu und es wurde alles ein wenig grösser. Natürlich ist es manchmal trockener und nicht immer so aufregend, wie man es sich vielleicht von außen vorstellt. Aber es ist (für uns beide zumindest) 1000x besser als ein 9 – 5 Job oder ähnliches. Es gibt so viel Abwechslung und wir freuen uns immer noch über jedes Paket und jede neue Veröffentlichung die hier ankommt. Im Moment denke ich, kann sich keiner von uns etwas anderes vorstellen. Somit ist es irgendwie ein unbewusster Traum, der wahr geworden ist. Stefan: Da ist ja eigentlich alles gesagt. Wir wussten nicht worauf wir uns einlassen. Wir hatten nichts zu verlieren, und jetzt finde ich, wir haben es verdammt gut getroffen. Mich macht es froh hier zu arbeiten, es ist immer noch aufregend. Klar schlaucht es manchmal, aber was


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anderes kann ich mir nicht vorstellen. Auch nicht mit jemand anderem zusammen.

Von daher ist eigentlich kein Beef zu oben genannten.

Wie kommt ihr an die Platten ran, die ihr verkaufen wollt? Habt ihr da Verträge mit einem Großhändler oder tretet ihr direkt mit den Labels/Bands in Kontakt? Robert: Also wir arbeiten mit vielen Großhändlern weltweit zusammen, die ich schon vorher benutzt habe. Aber da viele Sachen die wir haben nicht über diese Kanäle vertrieben werden, dealen wir auch sehr viel direkt mit Labels. Labels die wir schon ewig kennen und mit denen es Spaß macht zusammen zu arbeiten. Wir tauschen ja auch viel und somit wächst das Sortiment täglich.

Kommt ihr manchmal in den Laden und denkt: `Ach heute hab ich so was von keine Lust, ich lass den Laden heute zu! Robert: Ich glaube ich bin Workaholic. Ich bin meist immer schon 2 Std. vor Ladenöffnungszeit im Laden, um Bestellung und Emails abzuarbeiten. So können die Bestellungen alle schnell raus und die Leute können ihre Platten schnell haben (weil wir beide als Nerds auch wissen wie doof es ist auf die heiß ersehnten neuen Platten zu warten). Wir ergänzen uns hier beide ganz gut und klar gibt es auch mal Tage, wo man ausgebrannt ist und seine Ruhe haben will. Dann geht halt mal jemand eher nach Hause oder wir trinken einen Kaffee zusammen. Aber so richtigen Unmut habe ich die letzten Jahre noch nie empfunden. Ich denke dabei ist ein wichtiger Punkt im Gegensatz zu einem 9-5 Job – es ist DEIN eigener Laden und du bist nur dir Rechenschaft schuldig – was auch die Motivation ist. Es muss ja funktionieren, damit du Miete bezahlen kannst. Ich denke wir beide wissen zu schätzen, was wir hier haben und was wir uns aufgebaut haben.

Gibt es Sparten an Musik, die ihr mehr abdeckt als andere? Zum Beispiel Metalcore im Gegensatz zum Screamo? Oder ist eher so die Nachfrage der Kunden, bzw. euer eigener Geschmack, der eure Einkäufe beeinflusst? Robert: Schwer zu sagen. Wir haben als Punk/ Harcore-/ Metal-/ Drone-/ Noise-/ Indie-Laden angefangen. Aber inzwischen ist so viel neues dazu gekommen wie z.B. World Music, Jazz, Garage, Kraut, Electronica, Wave etc. Unser Musikgeschmack wächst ja auch und somit ist das Angebot vielfältiger geworden und es entstehen immer mehr kleine Ecken mit Subgenres im Laden. Das macht bzw. hält es spannend für uns. Ich persönlich höre viel verschiedene Musik und versuche das auch im Laden abzudecken und das geht dann einher mit Kundenwünschen, Anfragen usw. Einen speziellen Schwerpunkt neben, sagen wir mal „guter“ Musik, haben wir nicht wirklich. Zumindest nehme ich ihn dann nicht bewusst war. Metalcore findest du bei uns aber eher nicht (lacht) Ansonsten ist eben 99% im Laden Vinyl und unsere CD ecke wird immer kleiner. Stefan: Für das Laden- / Mailorderangebot ist hauptsächlich Robert verantwortlich, und da vertraue ich ihm auch 100%ig. Er ist wesentlich offener und auch risikofreudiger als ich, und das spiegelt sich auch im Sortiment wieder, denke ich. Ich glaube wichtig ist uns beiden, dass die Platten, die wir verkaufen sympathisch sind, dass wir einen Bezug zu ihnen haben. Wie ist euer Kontakt zu anderen Shops? Habt ihr da guten Kontakt oder ist da eher der Konkurrenzgedanke im Spiel? Robert: Markus von PER KORO kennen wir beide schon ewig und wir haben ein freundschaftliches Verhältnis. Wir tauschen viel und sind immer in Kontakt. Mit Flight13 und Green Hell haben wir durch die Labels eine gute Geschäftsbeziehung. Über Konkurrenz denken wir selten nach. Ich denke unsere Läden unterscheiden sich von dem was es gibt und auch vom Kundenstamm.

Stefan: Ich denke es macht eine Menge aus, dass wir gut befreundet sind, und aber auch einen Weg gefunden haben uns kritisieren zu können. Sicher hat man ab und an eine Durststrecke, aber wie Robert schon meinte, wir wissen was wir hier haben, und das will keiner von uns verlieren. Habt ihr noch andere Aktivitäten in eurem Shop? Ich weiß, dass Jonah Matranga und andere Künstler eine Akustik Tour durch Plattenläden machen. Robert: Wir haben, wenn es sich ergibt, öfter akustische Instore Shows, Ausstellungen und Lesungen. Im Sommer wollen wir vielleicht wieder den Beamer auspacken und bei schönem Wetter Filme zeigen. Euch kann man ja auch manchmal auf diversen Festivals sehen. Mit Stefan haben wir 2010 in Mannheim auf dem Pfingstfest geredet und Robert sieht man immer dann, wenn er mit Zann Deutschland unsicher macht. Werdet ihr da angerufen ob ihr kommen möchtet und einen Stand aufbauen wollt, oder meldet ihr euch da auf dem Festival eurer Wahl an? Robert: Meistens fragen wir an ob wir einen Stand machen können. Ab und an fragen auch mal ein paar Veranstalter, weil sie es ja auch als Bestandteil dieser Kultur sehen. Es ist für uns halt auch immer eine Gelegenheit rum zu kommen und Leute zu treffen. Ihr beide habt ja auch noch neben her jeweils ein Label laufen. Stefan du hast Vendetta Rec.


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und Robert du hast Adagio830. Wie kamt ihr dazu ein Label zu eröffnen und wo liegen dort eure Interessen bzw. eure Schwerpunkte. Robert: Das Label hat sich damals eher aus Zufall ergeben, als Freunde gefragt haben, ob ich Lust habe die Cole Quintet LP mit zu veröffentlichen und das hatte ich. Irgendwie habe ich so viel Spaß daran gehabt, dass ich weiter machen wollte. Dann kam die Flamingo Massacres LP mit X-Mist und so ging es weiter. Inzwischen sind es über 60 Veröffentlichungen. Ich will mich mit Adagio830 eigentlich nicht wirklich auf einen Musikstil festlegen. Es ist wichtig, dass mir die Musik gefällt und die Leute sympathisch sind. Dieses Jahr haben wir z.B. die Terror Bird LP gemacht, die eher eine Synthie Pop Scheibe ist als X-mal Deutschland usw., dann kam die MNMNTS LP, die mich einfach total gekickt haben. So auch die BEE CONTROL 7“, die mich einfach umgeblasen hat. Dann kam auch die ADORNO / BLACK HEART REBELLION 7“ und nun kommt eine NADJA/GALENA Split LP und dann bald die neue ZACHERY CALE LP (super Singer Songwriter aus NYC), eine WITS END 7“, was mit AUSSITOT MORT und jede Menge mehr. Stefan: Ich habe Mitte der 90er angefangen Konzerte zu organisieren, darüber bin ich mit Bands aus aller Welt in Kontakt gekommen, und irgendwann haben SONG OF ZARATHUSTRA gefragt, ob ich jemanden kenne, der ihre neue 7“ machen will, weil sie in Europa touren wollen, da hab ich mir gedacht, das mach ich jetzt einfach selbst. Und dann kam die nächste Platte und die nächste und hier bin ich. Und es macht immer noch wahnsinnig Spaß.

Ein Unterschied eurer Veröffentlichungen ist, dass Robert vieles im DIY Verfahren herstellt. Er druckt Cover und Shirts im Siebdruckverfahren, während Stefan die Sachen eher herstellen lässt. Ist das ein Interessending oder eher eine Geldfrage? Robert: Das kann ich eigentlich so nicht sagen, ich denke sogar, dass Stefan mehr Siebdruck Cover über die Jahre hatte. Wir sind beide im DIY verwurzelt. Da kommen wir beide her und es ist uns beiden extrem wichtig. Ich denke, das einzige was unsere Labels unterscheidet, ist die Musik – aber was den ethischen Gedanken betrifft sind wir beide im selben Boot. Die Art der Aufmachung hat eher mit Ästhetik zu tun bzw. was die Bands gerne hätten. Und Siebdruck ist am Ende nicht wirklich billiger als Offset; DIY zählt für uns beide. Stefan: Noch dazu machen wir mittlerweile ja eigentlich alles gemeinsam. Ab dem Moment, wo eine Platte vom „Labelboss“ beschlossen ist, wird alles gemeinsam gemacht. Somit hat das Aussehen der einzelnen Platten nur mit den Bands zu tun, wir beide sind der Auffassung, dass die Verpackung Teil des Werkes ist und von den Künstlern selbst gestaltet werden sollte, da es ja ihre Musik und Ideen einpackt. Eine Frage die unsere Leser bestimmt interessiert ist, wie ihr Lebt. Seid ihr Vegetarier oder Vegan? Wie kamt ihr dazu? Seht ihr einen momentanen Trend sich vegetarisch zu ernähren? Robert: Ich bin seit 16 Jahren Vegetarier und ich muss zugeben, dass ich über Punk dazu gekommen bzw. davon zum ersten Mal im Punk gehört habe. Dann hatten meine Eltern viele Freunde in England und die waren Vegetarier und haben immer super Sachen mitgebracht. Naja, ich achte ehrlich gesagt nicht wirklich auf den Trend was Veganismus oder Vegetarismus betrifft. Ich freu mich, dass es in Deutschland auch immer mehr vegetarische/vegane Produkte in normalen Supermärkten gibt, es immer mehr Bioläden/Versände usw. gibt und es somit einfach wird sich vegetarisch/Vegan zu ernähren. Auch wenn wir in Berlin natürlich verwöhnt sind. Vor ein paar Jahren war das Einkaufen da noch viel schwerer und wenn Leute über den „Biotrend“ Vegetarier oder Veganer werden – umso besser und wenn sie es dann auch bleiben noch besser. Aber ansonsten sind mir solche Trends egal, weil gerade eben die „Trendhopper“ die am lautesten schreien am ehesten wieder Fleisch fressen. (Haben nicht Leute von Age Fleischparties veranstaltet??) Wie auch immer, im Hardcore/Punk gab es immer Trends, die kommen und gehen und so kommen und gehen die Leute. Ich mach es für mich und ich denke es ist besser sein Leben lang ein guter Vegetarier zu sein als für ein Jahr mal extremer Veganer und dann doch wieder


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kannten sich und ich durfte Crowdsurfen. Am Schluss kam einer und gab mir einen Flyer und meinte ich solle doch nächste Woche wieder kommen. Das hat mich alles schwer beeindruckt. Je mehr ich mitbekam, wie die Szene funktioniert, desto wohler hab ich mich gefühlt, klar gab es auch mal Ärger und auch Kloppereien, aber ich hatte auf einmal Freunde in anderen Ländern, ich habe selbst Konzerte machen können, mich selbst einbringen können.

eine Bockwurst zu essen, weil die wilde Phase vorbei ist. Stefan: Ich bin Vegan, mittlerweile seit 15 Jahren. Der Anstoß dazu kam natürlich aus der Hardcorewelt, woanders habe ich damals nie auch nur diesen Begriff gehört. Meine Mutter war praktisch seit der Wende Vegetarier und hat meine Schwester und mich recht bald auch davon überzeugt, aber als ich dann vom Veganismus gehört habe, war mir Vegetarier sein nicht genug. Ebenso bin ich Straight Edge, werde es auch bleiben, ich denke ich habe den Punkt überschritten, wo es nur ein Profilierungsmittel ist, ich weiß, dass das für mich der richtige Weg ist, aber ich bin lange darüber hinaus, andere dazu bewegen zu wollen auch so zu leben. Ihr habt ja viel mit der Hardcore-Szene zu tun, wie kamt ihr in diese Subkultur? Robert: In der 8ten Klasse hatte ich einen Kumpel in der Parallelklasse, dessen Bruder einen Plattenladen und ein Label hatte. Wir haben viel zusammen in seiner Garage abgehangen und sein großer Bruder hat auch Konzerte in Dessau veranstaltet. Da sind wir dann hingegangen und sie haben uns mit ins Conne Island auf Shows genommen und so kam eins zum anderen. Wir haben in unserem AJZ abgehangen und dann habe ich mit meinem anderen Banknachbarn zusammen ein Deutschpunkfanzine gestartet und unsere erste Show mit Hammerhead & Impact organisiert, es kamen mehr Shows dazu. Andre hat sein Deutschpunk Label Wanda Records gegründet und eine Tour für die russische Punkband Purgen organisiert. So ging es immer weiter. Er macht seinen Mailorder immer noch und ich mache das hier. Leider haben wir uns schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen. Stefan: Ich habe 1988 IRON MAIDEN überspielt bekommen und ab dem Tag war Metal alles für mich. Als ich dann alt genug war auf die ersten Konzerte zu gehen, habe ich mitbekommen, dass das nicht meine Welt ist und ein Freund meinte er mag auch harte Musik aber da sind andere Leute, also bin ich mal mit und das war geil!!! Ich war bestimmt der kleinste und garantiert der jüngste auf dem Konzert, aber niemand hat mich verarscht oder blöd angesehen. Und billig war’s!!! Die Bands standen mit im Publikum, alle

Was wäre, wenn ihr nicht euren Laden eröffnet hättet? Wo wärt ihr jetzt? Robert: Mmh, ich hätte sicher meinen Mailorder/ Label weiter von zu Hause gemacht und wäre vielleicht dann doch als Grundschullehrer geendet bzw. wäre mit meiner Freundin ausgewandert. Die Pläne gab es auch. Aber das hier ist gut. Stefan: Keine Ahnung, irgendetwas musste damals passieren, ich hatte Jahrelang als Fahrradmechaniker gearbeitet und die Schnauze richtig voll davon, zum Glück ist mir Bis Aufs Messer passiert. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was sonst gekommen wäre. Was mögt ihr denn fernab von der Musik die ihr veröffentlicht und im Laden verkauft sonst so an Musik bzw. Künstler? Könnt ihr da etwas empfehlen? Robert: Das ist echt schwer zu sagen, weil ich so viel verschiedene Sachen höre. Im Moment hören wir beide wieder viel alte Wave & Industrial Sachen, dann lege ich oft Tropiclia Sachen auf und wieder viel klassischen Punk und Hardcore, 70ies Rock usw. Meine Lieblingsband im Moment ist Milk Music, die LP hören ich hoch und runter und dann die neue Tim Cohen, Ed Askew LP, neue Peaking Lights LP und die Terror Bird LP ... Stefan: Ich liebe Metal, den alten Thrash Metal, Death Metal. Bei einem ordentlichen Doublebasseinsatz hüpft mein Herz, aber auch klassischen Heavy Metal, im Moment läuft wieder ständig FORBIDDEN. Aber wie Robert schon meinte auch 80er Jahre Wave/Industrial, und auch viel 80er Pop, ich mag es düster. Ich liebe immer noch 90er DIY Hardcore!!! Aber momentan läuft am häufigsten DAF, und da die „15 neue DAF Lieder“! Ich wünsche euch noch viel Glück mit dem Shop und den Labels. Habt ihr noch abschließende Worte? Robert: Danke für das Interview und die Zeit ... wenn ihr mal in Berlin seid, kommt gerne mal vorbei. Bis Aufs Messer – Marchlewski Strasse 107, 10243 Berlin oder im www unter Bisaufsmesser.com und facebook.com/biaufsmesserrecordstore zum Stalken. Stefan: Bleibt Menschen!

Marc Köhler


46 Interviews

Vorsicht, heiss!

DAMIEN KLEIN

Als ich mich vor ca. 3-4 Jahren so durch das abendliche TV-Programm zappte, blieb ich einmal mehr bei Kerners Kochsendung hängen. Kochsendungen lösen ja bei jedem etwas anderes aus. Von Würgereiz, ob der steifen Atmosphäre, bis hin zum Hungergefühl, welches einem dann den Weg zum Kühlschrank nicht erspart. An diesem Abend allerdings sollte sich eine kleine Faszination in mir breit machen, welche weder Würgen, noch den ganz großen Hunger in mir hochkommen ließ. Zwischen den ganzen Lafers und Zacherl und wie sie alle heißen, trat ein junger, mir gänzlich unbekannter Mann hervor, der da so völlig aus dem Rahmen fiel. Mit Kopftuch, Piercing und tief sitzender Baggie gehörte ihm gleich meine ganze Aufmerksamkeit. Mit seinem französischen Dialekt und seiner lockeren Art begeisterte er nicht nur das Studiopublikum samt seiner Kochkollegen, sondern kam bei mir durch seine rockige Attitüde gleich richtig gut an. Als er, Damien Klein, dann auch noch eine Sauce aus Haribo Lakritzschnecken kreierte, war mir klar, da ist etwas im Gange, was selbst mich zum Hobbykoch machen könnte. Nachdem ich ihn dann einige Monate später noch einmal mit einer eigenen

Kochsendung auf 13th Street wieder sah, wurde ich endgültig zum Fan des „Kitchen Rockers“. Facebook sei Dank bekam ich nun einige Jahre später die Gelegenheit dem kreativen Luxemburger mal auf den Zahn zu fühlen und ihn für Outspoken zu interviewen.

Hey Damien, erzähl uns doch einmal kurz etwas über deine Heimat Luxemburg und wie du dort lebst. Luxemburg ist ein kleines Land und meine Heimat seit ich hier geboren bin. Ich liebe es. Jeder kennt hier jeden, obwohl es ein Land ist. Wenn du je in den Medien bist oder warst und du eine Fangemeinde aufgebaut hast, wird es schwierig, dass die Leute dich nicht abends in einem Pub nach einem Rezept fragen, wie in meinem Fall. Ich für meinen Teil finde es lustig, obwohl man manchmal mit Kollegen gerne untereinander bleiben will. Luxemburg ist ein tolles Land und ich könnte mir nicht vorstellen irgendwo anders zu leben. Wie Snoop Dogg es schon in Starsky and Hutch gesagt hat: „Wir sind eine Monarchie und machen unsere eigenen Regeln.“ (lacht)


Damien Klein 47

Du hast ja vor einigen Jahren deinen Bekanntheitsgrad in Deutschland durch deine Auftritte in Johannes B. Kerners Kochsendung und in deiner eigenen Kochshow Hells Kitchen bei 13th Street deutlich erhöht. Wie wichtig waren diese Erfahrungen für deinen beruflichen Weg bis hierher? Es ist immer gut solche Erfahrungen zu sammeln und man kann stolz drauf sein eine eigene Sendung im deutschen Fernsehen gehabt zu haben oder zu wichtigen Leuten wie Kerner eingeladen zu werden, um seine Skillz einem etwas größeren Land als Luxemburg vorzuzeigen. Ich habe viel Positives und Negatives gelernt. Erfahrungen zu sammeln ist immer angebracht, aber ich bin bis jetzt immer meinen Weg gegangen und habe nie probiert andere mit meinem Beruf zu copy und pasten, sondern setze mich stundenlang ,Tage ,Wochen, Monate hin und überlege wie man die Kochscene weiter updaten kann. Ich arbeite, auch wenn nicht immer hinter dem Herd, von morgens bis spät in die Nacht und bleibe nie stehen. Ich mache nicht ein Konzept, ich mache 10 auf einmal und habe gelernt dass Multitasking ein wichtiger Aspekt in der heutigen Businessscene sein muss. In den deutschen Medien wurdest du zum „Kitchen Rocker“. Wie stark ist bei dir die Verbindung aus deiner Musikleidenschaft und deinem Beruf als Starkoch? Wird bei dir die Musik in der Küche auch schon mal etwas lauter gemacht, wenn du neue Sachen kreierst oder hörst du eher nur privat? Ich weiß auch nicht wer mir diesen Titel gegeben hat (lacht). Nun zum ersten bezeichne ich mich nicht als Starkoch und möchte auch nicht so bezeichnet werden. Jeder kocht mit Wasser und hat vielleicht einen Trick mehr als ein anderer im Hut und das macht dich dann direkt zum Star? Man sollte nie vergessen wo man her gekommen ist und wenn man sehr hoch klettert, sollte man auch aufpassen, wie tief man fallen kann. Bei mir ist etwas ganz grundsätzlich. Wenn ich kreativ arbeiten will für Konzepte oder Gerichtentwickelung ist Musik ein dynamischer Freund der mich antreibt. Musik selber spiele ich nicht, denn der Tag hat nur leider 24 Stunden und 4 Stunden schlafe ich auch gerne. In meiner Küche, wo ich mit meiner Crew arbeite, ist Musik verboten. Höchste Konzentration ist da angebracht und Musik lenkt nur ab. Denn in meinem Team gibt es verschiedene Geschmäcker von Musik, die dann untereinander Streit auslösen und Streit ist verlorene Zeit und sehr oft unnötig. Ich hoffe ihr versteht mich jetzt nicht falsch aber jeder der Koch ist, weiß wie anstrengend und wie kurz der Tag sein kann um z.B. eine ganze Preparation einer Karte zu machen und da darf man sich nicht ablenken lassen und muss Gas geben. Was das nach der

Arbeit angeht, wenn wir uns 30 Minuten Pause geben, dann ist Musik natürlich super um ein bisschen zu chillen und etwas zu trinken. Du hast dich ja durch einige Sterneküchen „gerockt“. Waren die Starköche Alain Ducasse, Paul Bocuse oder Harald Wohlfahrt überhaupt in der Lage dich zu bändigen? Oder haben sie dir den Freiraum gegeben den du in deiner Entwicklung brauchtest? Diese drei Herren sowie viele andere mehr zählen zu den Päpsten der Küche und ich glaube wenn die mich hätten bändigen sollen, hätten die mich eher rausgeschmissen. Es herrscht doch eine sehr strenge Atmosphäre in solchen Küchen. Ich glaube sonst hätten die auch nie 3 Sterne bekommen. Es gibt einen General und die anderen sind die Soldaten. Ein bisschen wie in den Kasernen in der Armee. Mir war es wichtig die Hauptgrundbasics der Küche zu erlernen bei den Besten die es gibt. Zu wissen wie eine Jakobsmuschel vom Aufmachen bis zum Servieren richtig behandelt wird, zu lernen wie ein Kalb auseinander genommen wird und wie die einzelnen Fleischstücke heißen und wie sie zubereitet werden. Es ist so wie ich immer sage, wenn du ein Guter in deinem Job sein, dann geh zu den Besten, halt dein Maul, beiß auf die Zähne und danke ihnen, damit sie dir Zeit und ihre Erfahrungen weitergeben. Was du danach mit dem Erlernten machst musst du selber rausfinden und deinen Weg gehen. Auf jeden Fall weißt du dann aber zu 100 Prozent wie der Job funktioniert. Du hast mir gegenüber mal deine mediale Vergangenheit in Deutschland als „Oldschool“ bezeichnet. Wie sieht den Damien Kleins „Newschool“ aus? Was wird bei dir 2011 und 2012 passieren? Achso habe ich das (lacht)? Deutschland ist nicht Oldschool. Ich finde die sind was Gastronomie angeht sogar Leader. Ich frage mich auch wie kommende Jahre aussehen werden. Ich habe mir eine etwas längere Pause von 7 Monaten gegönnt um ein neues Produkt 2011 vorzuzeigen, das es bisher noch nie gegeben hat in der Welt des Kochens. Ich wünschte ich könnte dir jetzt schon mehr verraten, doch ich bin ein Fan der Spannung und wenn man mehr wissen will, kann ich nur sagen: Follow me on Facebook. Eine der Besonderheiten in deiner Sendung Hells Kitchen war, daß du gerne mit Süssigkeiten wie Lollis oder auch Haribo Erdbeersdrops gearbeitet hast. Auch ich habe deine „Rotwein Lolli Sauce“ ausprobiert. Großartig. Hells Kitchen 2007 ein Projekt aus reinem Spaß, wo ich gedacht habe das keiner sich so etwas anguckt, zumal 13th Street PAYTV ist und mich heute Leute noch immer darauf ansprechen.


48 Interviews

Ich dachte die Horrorszenen wären schon längst aus der Welt und ich kann verraten, dass es sicher nie eine 2. Staffel geben wird. Haribo hat man doch schon als kleines Kind gern gehabt und daraus eine Sauce oder Suppe zu machen die gut schmeckt, ist doch einer dieser Tricks, die der eine mehr hat. Schlussendlich zählt doch der Geschmack mit was diese Zutaten kombiniert werden und Leute die es satt haben immer dasselbe zu genießen kommen dann zu mir und lassen sich auf eine andre Art Basics verwöhnen. Hättest du vor 10 Jahren gesagt ich habe eine Haribo Lakritz Sauce mit einem Rehrücken gegessen hätten die Leute gesagt „Du tickst doch nicht richtig.“ Ich habe vielen Jugendlichen gezeigt, dass man auch aus solchen Produkten Delikatessen herstellen kann, wenn man weiß wie man sie behandelt. Wenn ich dir vor 10 Jahren gesagt hätte “Ey willst du mein Freund auf Facebook sein und bitte like immer meinen Status, den ich draufschreibe“ wärst du bestimmt aufgestanden und hättest die Klapsmühle angerufen. Der Fortschritt in allem wird nie aufhören. Du beteiligst dich ja an sehr vielen Aktivitäten, u.a. auch wohltätigen, in deiner Heimat. Wann werden wir dich denn mal wieder in Deutschland erleben können? Soviel Charity mache ich auch nicht, aber ich finde es immer gut wenn jemand die Möglichkeit hat seinen Namen dazu einzusetzen, indem

er Geld für Leute sammeln kann denen es nicht so gut geht wie uns.Der Markt der Köche in Deutschland ist sehr groß und was soll dann ein kleiner Luxemburger noch dort machen? Keine Ahnung, bis jetzt sind keine Pläne in Richtung Deutschland ausgestellt die mich interessieren. Ich bin vielleicht zu erfinderisch für Deutschland und die Menge will es lieber im klassischen Sinne halten. Keine Ahnung aber du wirst der Erste sein der es erfährt. Gibt es etwas, dass du jungen kreativen Köchen unbedingt mit auf den Weg geben würdest? Wenn junge Köche oder junge Entrepreneurs kreativ sind, glaube ich, dass sie nichts aufhalten wird dies auch zu zeigen und ihr Brot damit zu verdienen. Und falls sie kreativ werden wollen, ja dann nehmt meine Aussage von vorhin an und lernt was das Zeug hält. Träumt nicht von eurem Leben, lebt euren Traum. Und zu guter letzt noch. Was sind deine derzeitigen Lieblingsbands? Es gibt so viele. Im Moment freue ich mich auf die neue Solo Scheibe von Travis Barker. Die letzen 2 Wochen höre ich mir viel Fanta 4, Hollywood Undead und natürlich unsere Lokalisten Eternal Tango an. www.facebook.com/Mellowmanera Pierre Heinemann


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Outspoken Global

NORWEGEN

Norsk musikk er forskjellig!

Wenn man Leute nach Norwegen fragt, kommen immer die gleichen Attribute zurück: Fjorde, Schnee, Berge, Einöde, blonde Menschen. Wenn man nach norwegischer Musik fragt, kommt entweder nichts, oder Black Metal. Scheint also ein ziemlich unerforschtes Terrain zu sein, da oben in Skandinavien. Grund genug, einmal etwas Licht in die für unbesiedelt geglaubten Berge der norwegischen Musiklandschaft zu bringen; irgendetwas muss da doch Lärm machen! Und in der Tat bin ich fündig geworden. Mehr als fündig sogar, denn einige der Bands kann man der Hardcore-Gemeinde wärmstens empfehlen. Nachdem wir alle jedoch musikalisch aufgeschlossen sind und gerne auch ein- oder zweimal über den Tellerrand linsen, gibt es auch außerhalb unseres Genres noch musikalische Inseln, die man mal austesten sollte. Anfangen wollen wir aber in unserer Heimat, dem Hardcore.

Nynorsk Hardcore. Man mag es kaum glauben, aber Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre florierte der norwegische Hardcore fast so wie bei uns. Tonnen an Underground Punk- und Hardcorebands feierten in Oslo ihre zerrissenen Shirts, ihre Irokesenfrisuren und ihren trashigen Sound, der an die Urgesteine des US East Coast Hardcore erinnert. Allerdings erwies sich diese Szene als sehr kurzlebig, nach einigen Jahren war sie Geschichte. Nichts desto trotz, denke ich, ist es legitim, die

derzeitige Hardcoreszene als „nynorsk“, als neunorwegisch, zu bezeichnen. Im Gegensatz zu ihrer Vorgänger-Generation ist sie weitaus facettenreicher geworden, wie Ihr an den nachfolgenden Bands sehen werdet.

Sportswear (jetzt For Pete’s Sake) Sportswear fangen musikalisch dort an, wo die Bands der achtziger Jahre aufgehört haben. Aus Oslo stammend und nach kurzer Schaffenspause als For Pete’s Sake wiedervereint, liefern die Jungs guten, bodenständigen Old School Hardcore ab. Gitarren mit cleanem Sound, einem Sänger, der weder jault noch grunzt und vom BackgroundGebrülle seiner Bandkollegen unterstützt wird. Songs, die sich zwischen 90 und 180 Sekunden abspielen und eine klassischen Punk-Aufbau haben. Die Band ist ein wahrer Prototyp für geradlinigen Hardcore, sie könnten als Lexikoneintrag dienen. Sie verzichten auf die Akzentuierung von Aggressivität und überzeugen durch Speed, Tempo- und Rhythmuswechsel. Überzeugend ohne


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viel Schnick-Schnack, so wie es sich für Hardcore eigentlich gehören sollte. Minimalistischer Streetcore. Im Frühjahr waren sie in Norwegen mit Youth Of Today auf Tour und arbeiten unter ihrem jetzigen Namen an neuem Material.

JR Ewing JR Ewing wollten nie so erfolgreich werden, wie sie es letzten Endes dann aber wurden, sagen sie selbst. Obwohl sich die Band schon 2006 aufgelöst hat, soll sie hier trotzdem Erwähnung finden, denn sie ist einzigartig. Dies ist auch der Grund, warum ich sie nicht strikt in die HardcoreKiste stecken will, aber jeder, der Hardcore und Screamo mag, hat gute Chancen, JR Ewing zu lieben. Man kommt sich beim Hören eines Songs vor, wie in einem sehr wilden Karussell, zuerst geht es geradeaus, dann stoppt man abrupt, dann geht es mit Vollgas seitwärts und dann rückwärts. Eine Runde im Kreis und man fühlt sich frei, aber da geht die Fahrt auch schon wieder von vorne los. JR Ewing spielen mich schwindelig. Neben dem weinerlichen Schreigesang wechseln die Gitarren zwischen melodischem Punk und kratzbürstigem Geschredder – auf soundtechnisch nicht dafür gedachter Programmierung der Amps. Irre! Aber irgendwie gut. Zur Beruhigung ist die Band wohl eher nicht zu empfehlen, aber zum Autofahren, zum Sport und definitiv zum Aufwachen. Wem das alles etwas zu heftig ist, der sollte sich mit ihrem Abschiedsalbum Maelstrom auseinandersetzen, das sich auf hohem musikalischen Niveau bewegt, auf dem die Emotionen zugänglicher sind und das drei Spuren weicher ist als die drei Platten davor. Leider weilt die Band nicht mehr unter uns, aber genau so habe ich mir norwegischen Hardcore vorgestellt, wie Enter Shikari, nur authentisch verrückt und ohne Kommerz. Death Is Not Glamorous Die letzte Band, die man noch zu unserem Heimat-Genre zählen kann. Ich betone kann, denn ich als altes Punk Rock Mädchen habe diese Melodic Hardcore Band aus Oslo schon tief in mein Herz geschlossen. Wegen ihrer Woohoos und ihren swingenden Riffs, wegen ihrem Samiam-Effekt.

Alle, die den Charme des 90er Jahre Punk Rocks lieben, hergehört, ich hab hier was Neues für Euch! Wie Samiam! Wie Pulley! Wie Peepshows! Aber nicht ganz, denn der Sound ist (ich will es ja gar nicht sagen, aber es ist so) besser! Neben dem Punk Rock Part hat die Band noch eine Portion Propagandhi mit an Bord genommen, Today’s Empires, Tomorrow’s Ashes-Propagandh! Gänsehaut! Unglaublich toll! Alle meine Lieblingsbands in einer! Und dazu noch eine rotzige Reibeisenstimme, die nach 40 Liter Alkohol pro Monat klingt. Kinders, was soll ich Euch noch sagen? Death Is Not Glamorous – eine Brückenband zwischen Hardcore und Punk, melodisch, gefühlsdüselig, mit Spaß und Laune, aber alles im ernsthaften Bereich. Hört sie Euch einfach an, ihr werdet nicht enttäuscht werden! Dessuten i Norge. Außerdem in Norwegen. Was gibt es da sonst noch so? Sehr vieles und sehr Gutes. Aber ich möchte mich auf zwei zwar schon relativ bekannte, aber unglaublich gute Bands konzentrieren. Beide im Bereich Indie und beide sollten die AcousticLovers da draußen ansprechen, auch wenn sie durchaus Strom benutzen.

Sivert Høyem und Madrugada Eine Indie-Rock Band aus Stokmarknes. Ihr Name ist Spanisch für „Morgengrauen“, und das spiegelt ihre Musik eigentlich ganz gut wieder. Melancholisch-hoffnungsvoll. Mit kleinen, vierminütigen Epen vertonen Madrugada zusammen mit ihrem Frontmann Sivert Høyem das, was man sich landläufig unter Norwegen vorstellt, Freiheit mit geographischen Unebenheiten. Wenn man gemein sein wollte, würde man sagen, Sivert Høyem ist die skandinavische Version von Michael Stipe (R.E.M.). Das umkreist ihn zwar ganz gut, immerhin haben sie beide keine Haare auf dem Kopf und neigen eher zur depressiven Seite des Lebens, aber Madrugada steht für Sonnenauf- und nicht untergang. Trotz aller Schwermütigkeit und Melodie in den Lyrics schafft es die brilliante Stimme


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von Høyem, Hoffnung zu vertonen, einen nicht traurig zu machen, sondern besonnen. Der musikalische Denkanstoß, wenn man will. Dieses Jahr kam ein Best-Of Album der Band auf den Markt, wärmstens empfehlen kann ich das Album „The Deep End“ (absoluter Lieblingssong „Sail Away“) oder das Soloalbum von Sivert Høyem, „Moon Landing“. Kerze an, Flasche Wein auf, Bärenfell, Sternenhimmel oder Schaumbad, Ihr wisst schon, diesen romantischen Klischeemist, der uns trotzdem immer kriegt, Madrugada an und alles wird gut! Minor Majority „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch...“ William Fitzsimmons! Biff Clyro! Eels! Auch wenn ein bekanntes Internetkaufhaus mit dieser Auflistung ja eigentlich schon alles gesagt hat und ihr bereits bei Youtube panisch nach „Supergirl“ oder „What You Do to Me“ googeln müsstet, gibt es doch noch ein paar erklärende Worte. Minor Majority ist meine persönliche Neuentdeckung (außerhalb des Rock-Genres) des Jahres 2010. Eine unglaubliche, tiefe und trotzdem fragile Männerstimme zusammen mit einer ruhigen Band, die wirklich nur zur Untermalung von Sänger Pål Angelskår dient. Aus dem Leben gegriffene Radio-Song-Lyrics charmant und gefühlvoll – still – vorgetragen. Minor Majority machen Mädchenmusik. Aber gute. Sie

sind die Ehefrau von den Eels, alles was diese Band rau macht, ist schlechtweg weggelassen und alles was Frontmann „E“ singt ist eine Facette zerbrechlicher. Minor Majority sind wohl wirklich nur was für Mädchen. Und Tagträumer vielleicht. Aber sie sind sagenhaft gut. Bitte anhören. Und da sind wir auch schon am Ende unseres Skandinavien-Trips. Seid nicht faul, wagt Euch an diese Bands ran, sie sind alle so sagenhaft gut, dass sie eine 30-sekündige Internetrecherche eurerseits wert sind! Mir persönlich hat dieser Ausflug viel Spaß gemacht und acht Stunden voller neuer Musik gebracht. Norsk musikk er forskjellig (Norwegens Musik ist ganz schön vielfältig)! Was jetzt noch zu sagen bleibt, ist Ha det bra, Kongeriket Norge! Tschüss, Norwegen! Tanja Kroll


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Eine faire Sache

SUNIM AR BO ARDWE AR Sunimar ist eine Skate-Klamottenmarke aus Düsseldorf. Anders als die meisten Labels, lässt Sunimar nicht in Asien, Indien oder Afrika in Sweatshops produzieren, sondern setzt auf Bio/Organic/Fair- Trade- Kleidung. Normalerweise würde man nun sagen: „boah das ist ja sicher total teuer“. Bedenkt man jedoch die Summen die man für bedruckte Shirts bei Titus und Co. zahlt, wirkt ein Sunimar Shirt wie ein echtes Schnäppchen. „Haha, ich bin alleine bei meiner Ma aufgewachsen, vegetarisch ja, Bioladen-Einkäufe auch (aber nicht nur), brotbacken eher selten, Waldorfschule zum Glück auch nicht. Manchmal ziemlich nervige Wollpullover, haha. Ich habe auf jeden Fall so was wie Umweltbewusstsein mit auf den Weg bekommen und dafür bin ich auch dankbar.“ Gründer von Sunimar ist der Mitdreißiger Marco Homberg. Er ist bei seiner Mutter in Brühl/Hürth (südlich von Köln) aufgewachsen, welche selbst vegetarisch lebt und ihn scheinbar positiv geprägt hat. Später lebte er neun Jahre in Wien (Österreich) und wohnt nun schon einige Jahre in Düsseldorf. Anfang der 90er Jahre kam er mit Hardcore und Punk in Berührung. Etwa zur gleichen Zeit fing er an vegetarisch zu leben. Er studierte Politik und Geschichte und von Mitte der 90er bis Anfang 2002 engagierte er sich stark in der Punk/HC Scene (Label/Fanzine/Konzerte). Mit

29 Jahren begann er zu boarden. Sowohl zu Land, auf Wasser als auch im Schnee.

„Die Geschichte mit dem ganzen Boardsport ist ein bisschen bekloppt, auf dem Skateboard bin ich immer nur mäßig zurechtgekommen, fand aber alles mit Brettern immer total geil. Das Ganze angegangen bin ich dann trotzdem ziemlich spät, mit Ende 20 – deshalb fahren mir auch immer die Kiddies um die Ohren. Ich hab 2004 die Pressearbeit für ein Kitesurf-Event in Tarifa gemacht und nach den Tagen da gab’s dann keine Ausreden mehr. Also Kitekurs gemacht, bisschen Wakeboarden, meine Freundin hat dann einen Windsurfschein gemacht und ich dachte, bevor ich doof zugucke, mache ich halt auch da mit. Dann kam der Winter, was soll ich sagen, ich war in Österreich, also ab aufs Snowboard. So geht das jetzt eben seit ein paar Jahren, hauptsächlich aber Windsurfen und Snowboarden. Auf dem Snowboard mache ich heute wahrscheinlich auch die beste Figur, vernünftig skaten kann ich immer noch nicht, haha!“ Musikalisches „Ich bin zum Punk Anfang der 90er gekommen, zunächst vor allem über die Inhalte, Nazis waren ein großes Thema und im Punk gab’s Texte, die krass dagegen gingen. Meine erste Scheibe war der „Nazis raus!“ Sampler, den ich mir letztens


Sunimar Boardwear 53

sogar noch mal auf Vinyl nachgekauft habe. Also erst mal klassisch Deutschpunk mit Slime, Dritte Wahl, Abwärts und so. Dann schnell die MelodicSchiene: Bad Religion, Pennywise, NOFX, Propagandhi, Good Riddance und darauf dann alles, was das Hardcore-Spektrum so zu bieten hat, von DIY/Crust-Zeug wie Detestation, Crucifix, Antiproduct über His Hero is Gone, Tragedy, From Ashes Rise, Remains of the Day, Modern Life Is War bis hin zu Sick of it all, Agnostic Front, Madball, H2O, Ignite, Have Heart, Verse, Comeback Kid.“ Shows organisiert oder „nur“ in der Crowd? „Ja organisiert, zum ersten Mal noch in der Schulzeit 92 oder 93, entsprechend meiner damaligen Vorlieben waren das Abwärts und ein paar andere ganz peinliche Bands, die ich lieber verschweige. Später in Wien war ich dann in der DIY Punk/HC Szene unterwegs und konnte recht easy Gigs für bis zu ca. 300 Besucher organisieren. Allerdings meistens mit anderen zusammen, selten alleine. Intensiv habe ich das von 1997-2002 gemacht. Das ging von Bands aus den (süd-)östlichen Nachbarländern, die hier sicher kaum jemand kennt (Zemezluc, See You in Hell, Nula, Fakofbolan) bis hin zu den damals recht angesagten Anarcho-Pop-Punkern Petrograd, sXe-Bands wie Good Clean Fun oder den Clash-Punk Argies aus Argentinien. So ganz wichtig war mir der Style dann gar nicht mehr, mir ging’s eher darum, mit guten Leuten was zu machen.“ Das Label Sunimar Anno 2006 beschloss Marco ein Boardwear Label mit ethisch korrekter Kleidung zu gründen. Die

Vorbereitungen wurden zügig getroffen und Anfang 2007 brachte er die ersten Shirts auf den Markt. Zuerst ging dies eher schleppend voran. Klinkenputzen in den Düsseldorfer Skateshops war angesagt. 2008 ging dann sein Onlineshop „Operation Green“ ins Netz, sodass er das Verkaufsnetz weg von teurem Einzelhandel, hin zum rentableren Onlinehandel verlagern konnte. „Der Antrieb für Sunimar war sicher, dass ich schon seit vielen Jahre nichts mehr selbst „geschaffen“ habe in Form von Label, Fanzine oder Konzerte und das fehlte mir einfach sehr. T-Shirts hatten wir hier und da schon mal zu Labelzeiten gedruckt, was mir Spaß machte. Ich fand es dann aber irgendwie logisch, jetzt eher den Sport in den Vordergrund zu stellen, denn ich bewegte mich zwar immer noch irgendwie in der Punk/ HC-Szene, aber nur noch passiv und eher am Rande. Also war die Devise: einfach mal machen! 2006 begannen die Vorbereitungen, die ersten Shirts gab es Anfang 2007, die Motive waren noch nicht so ganz dolle (auch wenn manche Leute voll auf die alten Sachen stehen, ist ja dann auch cool) und es gab die eine oder andere Fehlkalkulation. Aber so ist das eben, wenn man sich als nicht-Mode-Mensch da rein stürzt. Immerhin kann ich behaupten, dass ich der erste war, der in Deutschland Bio-Fairtrade-Klamotten mit Boardsport-Background gemacht hat.“ Seht euch die Kollektion an, unter www.sunimar.com Robin Siegert


54 Profil

Hardcore is more than mosh

THE H ARDC ORE HELP FOUNDATION Die Hardcore Help Foundation ist eine Non-Profit Organisation bestehend aus Freiwilligen, welche mittlerweile rund um den Globus agiert. HHF sammelt Shirts auf Konzerten, akzeptiert aber auch Spenden. Jeglicher Erlös geht an hilfsbedürftige Kids weltweit. Es gibt sie nun seit März 2011 als ein Projekt der Flotte e.V. (www.zurFlotte.ev), einem gemeinnützigen Verein zur Unterstützung der Jugend- und Altenhilfe. Die Hardcore Help Foundation wird auch tatkräftig durch Mitarbeiter der Flotte e.V. unterstützt und beraten. Auslöser der Gründung war die

schwere Tsunamikatastrophe in Japan und der rege Kontakt zu der befreundeten Band „Doggy Hoods“, welche seinerzeit eine Show in Deutschland spielen wollten und so der Kontakt zu Rico Huntjes entstand. Die Schäden aufgrund des Tsunamis waren verheerenden Ausmaßes und genau hier wollte HHF ansetzten. Sie unterstützt seit Beginn ein Schulprojekt in Miyagi, indem nicht nur Kleidung sondern auch grundlegende Dinge wie Schreibutensilien angeschafft werden. Dort lebt Tomohiro, ein befreundeter Lehrer dessen Schüler Freunde, Familie und Zuhause verloren haben. Ziel


The Hardcore Help Foundation 55

ist es sie bestmöglich auf den Weg zurück in ein normales Leben zu bringen bzw. zu begleiten. Ein weiteres Projekt erzählt die Geschichte von Mike Bird, einem Straight-Edge Jugendlichen aus Buffallo, NY der schwerwiegende Verletzungen auf einer Hardcoreshow davon trug. Für ihn wurden sogar spezielle Benefizshirts gedruckt welche auch online verkauft werden. Er wurde von einem Stagediver zu Boden gebracht und erlitt Verletzungen an Kopf und Rücken. Da er seine Arme und Beine nicht mehr bewegen konnte und auch kein Gefühl mehr im Unterleib hatte, musste eine Notoperation an seinem Rückenmark durchgeführt werden. Die offizielle Diagnose beinhaltet nun, dass er mit zwei gebrochenen Halswirbeln lebt und unklar ist, wann und ob der 19jährige wieder laufen kann. Abschließend möchte ich noch die Unterstützung im heimischen Raum erwähnen. Es gibt eine Kooperation mit der Essener Tafel, welche unter anderem auch das Jugendzentrum in Essen beliefert. Der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. beliefert deutschlandweit Jugendzenten, Schulen und Obdachlosenheime, da in diesem Bereich immer weniger Fördermittel zur Verfügung stehen. Derzeit sind auch weitere Projekte geplant, z.B. ein Jugendprojekt welches sozialbenachteiligten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten soll sich neue Perspektiven aufzubauen und zu konzentrieren, indem sie beispielsweise ein Instrument (er) lernen oder eine Band gründen. Unterstützt werden wird dieses Projekt durch eine Vielzahl bekannter deutscher Hardcorebands. Auf dem „Bring back The Glory“ – Festival gab es zum ersten Mal HHF-Merchandise zu kaufen verbunden mit der ersten Spendenaktion. Rico und seine Freunde (unter anderem Bandmitglieder von Black Friday 29) sind für jedes gespendete Shirt o.ä. dankbar, damit der Erlös an die richtigen Stellen weitergeleitet werden kann. Die Shirts können auf Show gespendet, gegen Erstattung der Portokosten zugeschickt oder auch abgeholt werden. Trotz des relativ kurzen Bestehens der HHF gibt es bereits unheimlich viel positives Feedback von Labels, Magazinen und Bands welche das Projekt gutheißen, weitertragen und unterstützen. Mittlerweile treten Promoter und Festivalveranstalter an Rico und die Hardcore Help Foundation heran, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, weitläufiger und

großangelegter zu agieren. Die Webseite ist schon in mehr als 60 Ländern bekannt und es gab schon Spenden aus allen Teilen der Welt; von Mexico bis Russland und England bis Australien. Auch wurde bereits ein Shirtdesign-Contest durchgeführt, um die Webseite noch bekannter zu machen und somit auch mehr Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und Spenden zu bekommen. Wenn ihr euch selbst ein Bild machen wollte schaut einfach auf www.hardcore-help.com vorbei und entscheidet was ihr tun könnt. Es geht um Freundschaft und das gegenseitige Helfen. Findet heraus was ihr machen könnt um einen Teil dazu beizutragen. Im Endeffekt geht es eindeutig um Projekttransparenz sowie darum eine langfristige Wirkung zu erzielen. Sebastian Seitz


56 Fitness

Garantiert nichts für Weicheier

TRI ATHLO N

Triathlon In Zeiten in denen Discopumper sich im Gym rumtreiben und der Rest „Feng Chui Muay Kickboxen“ oder Basejumping betreibt, wollen wir einmal eine - etwas auf den ersten Blick - konservativere Sportart unter die Lupe nehmen. Die Rede ist von Triathlon dem WIRKLICH knallharten Ausdauersport. History Erfunden wurde es 1920 in Frankreich. Es begann als „Les Trois Sports“ bekanntes jährliches Event und bestand aus einem 3km Lauf, 12km Radfahren und der Überquerung des Flusses Marne (schwimmend). Jedoch konnte diese Eigenart des Sportes erst am 25.September 1974 den Hobbycharakter ablegen und ein größeres Publikum durch den „Mission Bay Triathlon“ in San Diego, Kalifornien ansprechen. Seitdem wächst die Beliebtheit des Sports stetig an und professionelle Organisationen veranstalten weltweit internationale Events. Im Detail Triathlon besteht immer aus den drei Sportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen. Zwischen den Disziplinen findet keine Pause statt. Das bedeutet auf gut deutsch gesagt: Raus aus dem Wasser, Fahrradhelm auf und aufgesattelt. Nach der Radfahrdistanz, weg mit Helm und Rad und

loslaufen! Die Disziplinen können je nach Event in ihren Distanzen variieren. Bezeichnung

Schwimmen

Radfahren

Laufen

Ironman Langdistanz

3,86 km

180 km

42,195 km

ITU Langdistanz (O3)

4 km

120 km

30 km

ITU Langdistanz (O2)

3 km

80 km

20 km

Ironman 70.3

1,9 km

90 km

21,1 km

Mitteldistanz

2 km

80 km

20 km

Kurzdistanz

1,5 km

40 km

10 km

Sprintdistanz

0,75 km

20 km

5 km

Events Die größten Events werden durch die International Triathlon Union und die sehr bekannten Ironman Events abgedeckt. Ironman Hawaii ist dabei der älteste, größte, bekannteste und spektakulärste Triathlon der Welt. Seit 1978 wird jährlich im Oktober der Ironman auf der Inselgruppe Hawaii im Pazifischen Ozean ausgetragen. Der Triathlon Hawaii ist das größte Ziel eines jeden ambitionierten Triathleten. Um dort teilnehmen zu dürfen, muss man sich zuvor auf einem der weltweit stattfinden lizensierten Ironman Events durch eine herausragende Zeit in seiner Altersklasse qualifizieren. Ironman gilt


Triathlon 57

als einer der härteste Ausdauerwettstreits überhaupt. Neben seiner gewaltigen Länge (3,86km Schwimmen, 180km Radfahren, 42.295km Laufen) wirken extreme Hitze (40°) und die sogenannten Mumuk-Winde erschwerend auf den Verlauf des Wettkampfes ein. Auf der 180km langen Radstrecke sind Windschattenfahrten zudem strengstens untersagt. Man bekommt somit keine einzige Minute Entspannung. Einfach bekloppt? Wer also quält sich tatsächlich durch so viele Stunden schweißtreibender Arbeit? Fakt ist, konservativ ist man als Triathlet nicht. Denn man quält sich sicherlich mehr als ein Boxer der sich mal zwei Runden lang verdreschen lässt. Dieser weiß nämlich, „egal wie sehr ich ein auf die Mappe bekomme, alle paar Minuten ist Pause, und nach einer Stunde ist spätestens alles gelaufen.“ Der Triathlet hingegen hechelt bei praller Sonne durch die Landschaft und weiß immer dass es noch Stunden bis zum Ziel ist. Die spinnen doch die Triathleten. Natürlich kann man viel schwafeln, wenn man keine Ahnung hat, deswegen geben jetzt zwei Ausdauersportler ihre Gedanken Preis.

. BJORN ESSER - 31 JAHRE TRIATHLET - GRUNDSCHULLEHRER

Wie bist du zum Triathlon gekommen? Es war so, dass Kumpels von mir mal vor etwas mehr als 2 Jahren meinten, dass sie einen Lauf organisieren und wenn ich auch ein bisschen laufen gehe, könnte ich ja auch dafür trainieren und das tat ich dann. Ein paar Monate nach meinen ersten beiden Läufen (eben dieser von Kumpels organisierte Halbmarathon Bleilochlauf, HM bei Ruhrmarathon) hatte mich ein alter Studienkollege gefragt, ob wir nicht mal den Triathlon in Xanten probieren sollen. Da er vom Schwimmen kam und ich beim Laufen auf Anhieb gute Zeiten hatte, trainierten wir einmal zusammen. Bei ihm ist es lediglich bei diesem Training geblieben und ich hab dann alleine eine Volksdistanz im Triathlon (500m Schwimmen, 20km Radeln, 5 km Laufen) gemacht. Der erste Triathlon ganz alleine ist schon komisch. Ich war sehr nervös, weil man ja alles richtig parat legen muss, das Rad einchecken, das Briefing hören, etc. Es sind halt viele neue Eindrücke und ich hab auch einfach irgendwelche Leute um Hilfe gebeten. Aber dann hab ich ihn gemacht, hatte eine Menge Spaß und war „hooked“. Meine Zeit war auch passabel, also nahm ich mir für das nächste Jahr die Olympische Distanz vor (1500m Schwimmen, 40km Radeln, 10km Laufen). Diese habe ich dann am 7.6.2010 in Sachsen beim Ferropolis Triathlon bewerkstelligt. Danach war ich allerdings dermaßen platt, dass ich mich sofort ins Auto zurückgezogen habe und einen anderen Kumpel nicht mal mehr anfeuern konnte. Ich war total ausgelaugt. Nun ging es Schritt für Schritt weiter und mittlerweile trainiere ich auch mit Trainingsplan und bereite mich gerade auf eine Mitteldistanz vor, d.h. Halber Ironman (2km Schwimmen, 80-90km Radeln, 20km Laufen). Das wird nochmal eine richtige Qual denke ich. Die erste Volksdistanz war hart, dann wurde solch eine Distanz locker und normal. Die erste Olympische Distanz war ebenfalls sehr hart, aber die 2., 3. und 4. war schon lockerer. Und nun die erste Mitteldistanz... wird wohl auch hart, aber ich bin gut im Training und war nur einmal seitdem ich das Training aufzeichne (August 2010) für 2 Tage erkältet und konnte vermindert weiter trainieren, also alles cool! Wie oft und was genau trainierst du? Ich trainiere ca. 10-20 Stunden die Woche, je nachdem wie weit ein Wettkampf ansteht, ob ich in einer Belastungswoche, Aufbauwoche oder Entlastungswoche bin. In der Regel laufe ich 3-5 Mal, fahre 2 Mal Rad und gehe 2 Mal Schwimmen. Dazu mache ich 2-3 Mal die Woche Kraft- bzw. Athletiktraining (spezielles Triathlon-Kräftigungstraining) im Umfang von jeweils einer Stunde und mache 2 Mal die Woche stretching betonteres Yoga oder dehne mich halt gründlich. 5 Wochen vor dem Wettkampf


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kommt dann Kopplungstraining rein, welches ein Lauf-Rad-Mischtraining ist. Also mit mindestens einem Wechsel, oft auch mit mehreren, um die Wettkampfbeanspruchung zu simulieren. Sonst versuche ich auch noch ab und an Badminton mit meiner Tochter zu spielen und eigentlich spiele ich 1-2 Mal die Woche Fußball (dann lauf ich einmal weniger), aber das mache ich aufgrund der Verletzungsgefahr zurzeit nicht, denn ich kriege dabei immer schnell Probleme mit den Adduktoren. Auf welcher Ebene Betreibst du den Sport? Also ich bin jetzt kein berühmter Athlet und auch nicht besonders leistungsstark. Meine Ambitionen liegen noch nicht so hoch. Allerdings reise ich schon teilweise durch ganz Deutschland für so Veranstaltungen und habe letztes Jahr auch in Barcelona teilgenommen, was ein besonderes Highlight für mich war, da ich die Stadt dort liebe und auch im Meer geschwommen wurde. Weiter war ich aber leider noch nicht. Diese Wettkämpfe sind ja auch extrem teuer. Eine Mitteldistanz kostet in der Regel 80140 €, eine Ironmandistanz mind. 300€, eine Olympische zwischen 40 und 60€, dann noch der Radtransport (nach Barcelona), die ganze Ausrüstung (Neoprenanzg, Triathlonanzug, Badekappe, Schwimmbrille, Fahrrad, Laufschuhe, etc.), zusätzlich Eintritte für Schwimmbäder und Startgebühren für andere Wettkämpfe. Das macht im Jahr verteilt schon eine ordentliche Stange Geld aus. Wie durchlebst du einen Wettkampf? Was geht dir im Kopf vor? Was macht dein Körper? Am Tag davor esse ich sehr viel, vor allem kohlenhydratreiches: Reis, Nudeln oder Kartoffeln. Ich achte besonders auf Vollkornprodukte, denn die bieten weitaus mehr Nährstoffe als normale Getreideprodukte. Ich packe meist am Abend davor meine Sachen zu recht, denn man muss ja an viel denken und werde dabei schon ganz nervös. In der Nacht davor schlafe ich meist nicht viel, weil ich auch immer Angst habe zu verschlafen oder etwas zu vergessen. Deswegen ist die vorletzte Nacht wichtiger, aber auch bei der kriege ich es meist nicht hin mehr zu schlafen als 6 Stunden. Am Morgen dann esse ich 3,5 Stunden vor dem Wettkampf was sehr Nahrhaftes aber Leichtes und wenn ich noch Zeit habe, lege ich mich wieder hin. So hat der Körper mehr Zeit zum Verdauen. Dann fahre ich los, besorge Startunterlagen, lege das Rad und die Laufklamotten parat und mache mich fertig für das Schwimmbriefing. Ich versuche dann nicht zu weit vorne zu sein, weil ich kein besonders guter Schwimmer bin, aber auch nicht zu weit hinten, denn es gibt ja immer langsamere. Der Anfang ist immer superhektisch und ich schwimme meist mit einem Zweieratemrhyth-

mus, weil ich so schnell am Anfang bin und das alles fast wie Krieg ist. Man kriegt Füße, Ellbogen und Arme ab. Bei einem Wettkampf bin ich mittendrin 100 Meter Brust geschwommen und hab mir meine Schwimmbrille wieder gerade gerückt, bei einem anderem bekam ich einen Fuß ab und dachte erst, meine Nase sei gebrochen. Dieser Massenstart ins Wasser ist ein echter Kampf. Nach ca. der Hälfte der Distanz geht es dann und ich versuche in meinen Dreieratemrhythmus reinzukommen, bleibe da aber meist nicht drin. Währenddessen denke ich nur an meine Technik und orientiere mich immer, damit ich nicht wieder Bojen übersehe oder völlig falsch schwimme (Ist mir auch schon zweimal passiert). An viel mehr kann man in diesem ersten Teil leider nicht denken. Dann geht es zum 1. Wechsel und ich versuche schnell aus dem Neoprenanzug rauszukommen, Schuhe anzuziehen und die Snacks einzupacken um zügig auf die Radstrecke zu gelangen. Dort gebe ich am Anfang auch wieder meist zu viel Gas. Nach ca. 15 Minuten dann ist man ruhiger und hat Zeit über Gott und die Welt nachzudenken, wobei man trotzdem immer schauen muss, wo man bleibt. Man versucht schneller zu treten, um möglichst nur von den Eliteathleten überholt zu werden (oft sind es ja Runden und die überrunden dann schon, meist starten sie auch eher). Oder man versucht auch sich jemanden vorne auszusuchen, den man überholen könnte. Während des Radfahrens esse ich meist einen Hafer-Bananenriegel und nehme so einen Energiegel zu mir. Außerdem trink ich mind. 0,5 Liter auf der Radstrecke von 40 km. Nach 25-30km bekomme ich oft Rückenschmerzen, die aber wohl daher rühren, dass der Rücken während des Schwimmens kalt ist und sich die Muskeln leicht verkrampfen und nur noch ungenügend stützen. Das kann schon manchmal ziemlich hart sein. Nach ca. 1.45h bin ich beim Olympischen Triathlon dann auch mit dem Radfahren nach dem Schwimmen fertig und dann wird es nochmal härter, denn jetzt heißt es: Raus aus den Radschuhen und ab in die Laufschuhe. Die ersten Meter hierbei sind komisch, denn das Laufen ist ein ganz anderer Rhythmus und in den ersten 10 Minuten hat man auch ab und an leichte Krämpfe. Die Umstellung ist hart für die Beinmuskeln, man kann dem aber durch hohe Trittfrequenz am Ende des Radfahrens entgegenwirken, was ich demnächst ausprobieren werde. Also gut... während des Laufens gebe ich nochmal Gas. Ist eine recht starke Disziplin von mir, aber der Körper ist meist schon ziemlich am Ende. Man hat das Gefühl, dass man langsam und auch technisch komisch läuft, aber eigentlich sind meine Laufzeiten am Ende eines Olym-


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pischen Triathlons immer noch ok, also schon deutlich weniger schnell als ein isolierter 10km Lauf, aber dennoch liege ich meist bei 42-44 min auf 10km. In der Regel versuche ich beim Laufen noch ein paar Leute einzuholen und will außerdem schneller ins Ziel, damit ich endlich wieder essen, pinkeln und trinken kann. Außerdem werden die Beine auch langsam schwer und ich sehne mich nach Entspannung. Der Zieleinlauf ist dann immer was Besonderes, da wartet meist Versorgung in Form von alkoholfreiem Bier, Bananen und vielleicht noch so Müsli, Suppen oder sonstiges. Alles, was vegan ist, wird dann von mir verzehrt und ich bleibe meist 10 Minuten im Zielbereich. Man redet mit anderen Athleten und langsam schaut man auch nach seiner Begleitung, lässt Fotos schießen und erholt sich etwas. Etwas später wird dann gedehnt und sollte ein Pommesstand in der Nähe sein, wird dieser flott angesteuert und eine Pommes mit Ketchup bestellt. Wie ernährst du dich? Ich ernähre mich seit nunmehr fast 15 Jahren vegan und achte dabei auf einen hohen Anteil Rohkost, sowie vollwertiger Ernährung, sprich Vollkornmehle, viele Körner, etc. Ich quelle zu Hause selber Weizen, Roggen Leinsamen und manchmal auch Sprossen auf und füge diese möglichst vielen Mahlzeiten hinzu. Nimmst du Nahrungsergänzung? Ich nehme VEG1 als B12 Nahrungsergänzung (bestellbar bei Alles-vegetarisch.de), die auch weitere Mineralstoffe und Vitamine bereithält. Habe gelesen in der Vegetarier-Bund Zeitschrift, dass man B12 auf jeden Fall supplementieren soll und das mache ich nun auch wieder regelmäßiger. Ich ergänze fast jede Mahlzeit mit einen Tage gequollenen Leinsamen, Weizen- oder Roggenkörnern. Diese besitzen dermaßen viele Vitalstoffe (Mineralien, Spurenelemente, Vitamine) und zusätzlich nützliche Eiweiße, dass sie die beste Nahrungsergänzung darstellen und den Geschmack der Speisen nur wenig beeinflussen. Ich packe die einfach auf die fertigen Speisen, so roh aus dem Wasser, bzw. Keimglas. Außerdem kippe ich in viele Saucen nach dem Kochen Weizenkeime, die auch super in Säften schmecken und würze viele Suppen und Nudelgerichte mit Hefeflocken. Mit diesen einfachen Mitteln kann man sein Essen sehr viel gesünder gestalten, ohne viel Geld dafür zu bezahlen. Als Sportlersnack komme ich sehr gut mit den bereits genannten Bananenriegel von Davina Oat Energy zurecht, die ich ebenfalls über meinen zukünftigen Sponsor „Alles-Vegetarisch.de“ beziehe. Hast du Nachteile durch die vegane Ernährung? Der einzige Nachteil besteht darin auf Lehrerfortbildungen oder sonst auswärts nicht viel essen zu

können, aber darauf stellt man sich recht schnell ein und sorgt meistens vor. Ich habe bisher keine Nachteile festgestellt, sondern lese immer öfters von Vorteilen durch Vegane Ernährung, siehe z.B. „the Thrive Diet“ von dem kanadischen 50km Champion und Profitriathleten Brendan Brazier oder auch „Meat is for Pussies“ von John Joseph von den Cro-Mags, der übrigens auch Marathons läuft und Triathlet ist. Immer wenn wir uns sehen tauschen wir auch sportliche Ernährungstipps aus. Es gibt auch deutsche vegetarische/vegane Triathleten, schaut mal auf die Vegetarier-Bund Webseiten. Also ich bin vollkommen gesund, mein letzter Fehltag in der Schule liegt zwei Jahre zurück, nachdem ich nach 2 Halbmarathons in einer Woche in den Tagen danach viel am Laptop gezockt habe und zu wenig schlief. Dann wurde ich aufgrund mangelnder Erholung krank und habe 1,5 Tage in der Schule gefehlt. Kann mich nicht erinnern danach überhaupt nochmal gefehlt zu haben. Vielleicht mal einen Tag, aber das war es. Ich bin eigentlich immer gesund! Wieso hast du kein Trikot auf dem ganz Fett auf dem Rücken steht: „I‘m VEGAN and I‘m still faster than you, think about it!“ steht? Haha. So aggressiv wäre es eigentlich auch ganz gut. Ne, aber ich habe eine vegetarische Lauf-/ Sportgruppe gegründet (Veggie Athletes), die bald Shirts haben wird. Dort ist dann vorne unser Logo und hinten wohl ein Sponsor, der direkt mit der Veggie Lebensweise verknüpft ist, sodass die Leute Bescheid wissen, dass ein Veggie vor ihnen läuft. Dein Slogan gefällt mir allerdings. Vielleicht lässt der sich mal unterbringen... Was ist das für eine Veggie-Sportgruppe? Erzähl uns mehr davon! Eigentlich laufe ich ja mit meinen Freunden aus Thüringen vom TEAM IRONMIND, aber die sind weit weg und ich wollte den Veggie-Gedanken mehr pushen. Also gibt es bald eine kleine Gruppe von Veggies, die mit dem Emblem der Veggie Athletes laufen werden und evtl. können sich später noch weitere interessierte Personen hieran anschließen, denn es soll ja keine elitäre Sportgruppe sein, sondern den Veggie-Gedanken nach vorne bringen und Normalessern zeigen, dass Veggies durchaus sehr leistungsfähig sind. Off Topic: Du bist Grundschullehrer. Wissen die Kids vom Triathlon, deiner Band und deinen Tattoos? Als Grundschullehrer bin ich Klassenlehrer und damit habe ich das Glück mein gesamtes Leben in den Unterricht mit einbringen zu können. Wir sprechen jetzt auch gerade über das Thema Körper und Gesundheit und die Kinder sind wild darauf über Bioprodukte zu erfahren, wollen gerne VEGAN mit mir kochen und kaufen


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oft die Sachen nach, die sie bei mir probieren. Wir sind die Klasse mit dem höchstens Obstkonsum an unserer Schule und bei mir essen die Kinder überdurchschnittlich viele Vollkornprodukte. Auch die Getränke haben wir unter die Lupe genommen und versuchen nun Getränke mit Zutaten wie Asparatam und Natriumcyclamat auf null zu reduzieren. Auch das gehört zur gesunden Lebensweise. Die Kinder sollen eine Einsicht in diese Sachverhalte bekommen und später in der Lage sein ihre Ernährungsweise eigenständig zu beurteilen und über Veganismus Bescheid wissen, auch wenn sie dem nicht folgen. Aber sie sollen sich wenigstens mal darüber Gedanken machen oder kleine Schritte in diese Richtung gehen und die Kinder machen das sogar gerne. Von Natur aus, sind wir als Menschen ja erst einmal tierlieb und auch gewillt uns gesund zu ernähren. Von Triathlon wissen nicht alle Kinder, wobei das hier und da mal Thema ist. Die Kinder wissen wohl, dass ich sehr viel Sport mache und eifern mir gerne darin nach. Ich habe dienstags eine Sport-AG offen für alle Klassen und bis auf zwei Kinder ist meine ganze Klasse dort vertreten. Bei Laufveranstaltungen und beim Sportfest schneiden wir immer recht gut ab. Ich probiere auch die 3 Stunden Sport im Stundenplan so gut es geht, jede Woche durchzuziehen. Vor allem auch schwächeren Kindern tut es gut, dass sie sich evtl. durch Sport profilieren können. Von der Band wissen sie auch, allein schon, weil sie immer wissen wollten, warum ich so ein großes Auto habe. Außerdem habe ich bei der Druckerei neben unserer Schule unsere limitierten Cover unserer Demo12“ drucken lassen und dann auch mit den Kindern hierüber gesprochen. Also erfahren sie immer wieder von der Band und anderen Teilen meines Lebens. Spontan hat sich die Klasse entschieden Briefe an eine Schule in Japan zu schreiben und evtl. werden wir etwas spenden. Dies alles läuft ja eigentlich im Rahmen unseres Vereins „Hardcore Help Foundation“, aber wird halt jetzt um die Kinderkomponente erweitert. Ich glaube, die Kinder finden mein Leben sehr spannend und ich hoffe, das sich ihnen Einsichten bieten kann, die sie sonst nicht hätten.

Bianka Ich stehe in der Starterbox und erwarte jede Minute den Startschuss, der mir signalisiert, gleich versuchst du 42,195 Km zu laufen. Um mich herum sind tausende Läufer, wie es in Ihnen ausschaut weiß ich nicht. Um mich herum wird gelacht, die Pulsuhren werden überprüft, herzliche Umarmungen unter Lauffreunden ausgetauscht. In mir herrscht ein Mischgefühl aus Vorfreude auf den Lauf, Selbstzweifel, ob ich genug trainiert habe und die Frage: warum?

BIANKA SCHWEDE - 34 . MARATHONLAUFERIN . MOTOPADIN/SENIORENSPORTLERIN Zu beantworten schaffe ich diese Frage nie, ich stelle sie mir nur kurz vor dem Start, es ist wie vor einer Prüfung, ich weiß nicht, ob ich diese Prüfung bewältige. Eine Stimme aus den Lautsprechern ertönt, zählt die letzten 10 Sekunden rückwärts, die Läufermenge applaudiert, der Startschuss fällt, Luftballon erklimmen den Himmel, Musik ertönt und die Menge setzt sich langsam in Bewegung. Bis ich die Startlinie überquere vergehen Minuten, die Topläufer sind schon längst unterwegs. Und dann überschreite ich mit meinen Chipmesser an meinem Laufschuh die Startermatte, ab jetzt wird meine Zeit gezählt und für mich heißt es 42,195 Km zu genießen. Doch bevor man sich in diesen wundervollen Genuss eines Marathons begibt, heißt es eine Menge zu beachten. Für mich ist das Schlimmste überhaupt, einen richtigen Laufschuh zu finden. Trotz Laufband -und Fußanalyse kann man sich nie sicher sein, ob der Schuh wirklich passend ist. Da bezahlt man so viel Geld und im Training spürt man die Schmerzen, die der Schuh verursacht. Welch Glück, dass der Läufer diesen benutzten Schuh wieder umtauschen kann. Doch dann geht die Suche nach dem passenden Werkzeug erneut los. Zum verrückt werden. Ich bin auch kritischer geworden, denn manchmal habe ich das Gefühl, dass mir der Fachverkäufer ein Modell verkaufen möchte, wo er sicher Provision erhält. Auch hier lässt sich sehr viel Geld verdienen mit der Unwissenheit


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des Hobbyläufers. Aber wie soll man auch wissend werden. Jeder erzählt einem etwas anderes. Fachzeitschriften widersprechen sich. Theorien werden überarbeiten und klingen durch das geschriebene Wort in der Fachliteratur auch logisch nur die Umsetzung schaut anders aus. Ich kann nur für mich sprechen. Ich könnte mein ganzes Geld für mein Hobby ausgeben doch viel davon ist rausgeschmissenes Geld. Ich habe für mich diesen Weg gewählt: ich informiere mich, teste bestimmte Dinge, die mich ansprechen im Training. Befinde ich diese ausgewählten Laufutensilien für mich als geeignet, benutze ich diese auch im Marathon. Das ist nämlich auch so ein Fehler, den viele Hobbyläufer machen. Energiegels oder neue Laufkleidung werden erst im Marathon probiert und dann schlägt dies auf den Magen, im schlimmsten Fall muss der Lauf abgebrochen werden oder die neue Kleidung erzeugt Reibung oder Blasen und das ist sehr schmerzhaft. Bestimmte Läuferschäden nimmt man auch in Kauf, ich für meinen Teil muss blaue Zehennägel tolerieren. Ich finde einfach nicht den passenden Schuh. Vor einem Marathon zelebriert jeder Läufer seine eigenen Rituale. Da werden Körperteile speziell getaped, eingerieben und energiespendende Mittel zu sich genommen. Manche Läufer schnallen sich einen Laufgürtel um, darin befinden sich die Individuellen Drogen (lacht). Auch hier kann man erkennen, dass die Sportindustrie nicht schläft und eine Menge Umsatz schafft. Jeder Bereich versucht ein Stück abzubekommen vom Laufkuchen. Laufreisen werden angeboten, Events werden Läuferinteressengerechter ausgeweitet. Denn so wie es in der Fachliteratur dargestellt wird, nimmt die Beliebtheit für die volle 42,195 Km Distanz ab und das In-Event ist der Halbmarathon. Hat man endlich die passende Laufausrüstung für sich zusammengestellt heißt es für sein Ziel zu trainieren. Es gibt unzählige Trainingspläne

und auch hier wieder die Tipps aus der Fachliteratur, dass eine Puls-uhr hilfreich wäre, um effektiv zu trainieren. Denn man kann sich über –oder unterfordern. Letztendlich muss jeder Läufer für sich einen Weg finden, welche Tipps er befolgt. Am Anfang ist man euphorisch und so motiviert. Man hat ein Ziel vor Augen. Doch was es heißt für einen Marathon zu trainieren unterschätzen viele und was es bedeutet einen Marathon zu laufen wird noch viel mehr unterschätzt. Die Woche hat 7 Tage. Der Tag hat 24 Stunden. In dieses Zeitkontingent sein Training zu organisieren ist nicht immer leicht, man gibt in der Hochtrainingsphase viel auf, Freunde und Familie müssen Geduld aufbringen, denn der Läufer konzentriert sich für einen gewissen Zeitraum auf sein Ziel. Jeglicher Stress sollte vermieden werden. Ganz wichtig, Regeneration. Der geschundene Körper braucht Ruhe doch gerade in der Hochmotivierten Trainingsphase ist Regeneration ein Fremdwort. Denn Laufen kann zur Sucht werden. Und manchmal beginnt man auch das Laufen zu hassen. Um das zu vermeiden, sollte die Laufstrecke variieren. Oder einfach mal einen Ausgleichssport wählen, wie z.B. schwimmen, Rad fahren oder spazieren zu gehen. Kraft und Ausdauer sollten kombiniert werden. Denn so empfinde ich, beginnt man bei einer gewissen Kilometeranzahl eine Schonhaltung einzunehmen, man läuft ja monoton. Eine gekräftigte Rücken -und Schultermuskulatur erleichtert einen Marathon. In der Trainingsphase sollte der Läufer auch 3035km Läufe einplanen, denn so kann der Körper sich auf eine größere Belastungsdauer einlassen, er weiß dann schon einmal, was ihn erwartet☺. Ich sage immer, für mich beginnt ein Marathon bei km 33. Dann wird es spannend, nicht nur in den Muskeln. Ich für meinen Teil liebe die Auseinandersetzung mit mir und meinem Körper, der Strecke, die Zeit im Nacken und einem gewissen Quälen. Es ist ein Kampf ums aufgeben. Zähne zusammenbeißen, stolz auf sich sein, sich hassen und plötzlich kommen Dinge oder Menschen in diesen Kampfsinn und irgendwie schafft dieses Gemisch an Gefühlen, dass ich die Distanz von 40 Km erreiche. Dann überfällt mich ein Gänsehautgefühl, dass mir signalisiert, dass du den Kampf für Dich gewinnst. Ich laufe voller Vorfreude auf das Ziel entgegen, das Publikum hat eine ganz wichtige Motivationsfunktion. Ich übertrete die Ziellinie, meine Zeit wird gestoppt, mir wird die Medaille um den Hals gehängt. Mein erster glücklicher Gedanke geht an meine Familie, die Daheim auf meinen Anruf wartet und meine Worte hören möchte, dass ich es geschafft habe und es mir gut geht. Ich bin stolz auf mich, habe ein breites Grinsen im Gesicht und freue mich auf meinen nächsten Marathon. Robin Siegert


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.. PERLENTAUCHER - ODER WIE MAN ZU BUCHERN KOMMT Dank Trotzverhalten, Marketing-Strategien und optischen Verführungen des Buchladens landen manchmal literarische Perlen auf Kassenbons, die man so nicht vorhergesehen hat.

Alles Vergangenheit, alles schon im Billy-Regal. Durchgenudelt und zugeklappt. Heute kaufe ich Bücher der Spannung wegen, um der Experimentierlust zu frönen, und aus purer Liebe zum gedruckten Wort. Dabei wird sowohl die Wahl des zu kaufenden Buches immer abstruser, als auch die Argumente, die ich mir selbst für den Kauf des selbigen gebe. Ein paar Beispiele. Know Your Enemy. Gewisse Bücher lehne ich seit Jahren ab. Egal, wer sie mir empfiehlt und egal wie interessant sich die Story auch anhört, ich kaufe sie nicht. Das geht solange gut, bis meine Ablehnung so groß ist, dass mich dieser Autor, oder dieses Buch aufregt. Und meine Rechtfertigung gegenüber Menschen, warum ich das alles nicht will. So geschehen mit Umberto Eco, Mr. „Der Name der Rose“, und „Harry Potter“. Jahrelange Standhaftigkeit endeten mit der Begründung „dann les‘ ich das halt, damit ich euch danach dasselbe sagen kann wie jetzt: nein danke!“. In beiden Fällen bin ich grandios

gescheitert. „Der Name der Rose“ habe ich zwar nicht gelesen, aber „Wie man mit einem Lachs verreist und andere nützliche Ratschläge“. Der Mann hat nicht umsonst Semiotik studiert. Eine Sammlung an kurzen Essays über die Verrücktheiten des Alltagslebens, vom Heimwerken bis zum Pornofilm, gespickt mit unterschwelligem bis ins Gesicht springendem Humor. Ich war nach fünf Seiten Fan und bestellte mir direkt das ähnlich konzipierte „Platon im StripteaseLokal“. Na das hat ja toll funktioniert.

Harry Potter war dann Fall zwei. Wie kann man es auch wagen, Harry Potter nicht zu mögen! Obwohl man schon einen Film gesehen hat, obwohl man ständig zu hören bekommt, wie düster die Geschichte von Buch zu Buch wird und man würde düster doch mögen. Aha, na dann gib mal her die sieben Bände. Der Weisheitsstein und die Schreckenskammer machten mich wütend. Ich hätte lieber zwei Bände voller Snape gelesen und die Kinder wegrationalisiert. Ich kann Kinderhelden nicht ausstehen. Ich habe trotzdem weitergelesen. Der Feuerkelch und der Sirius Black waren viel zu dick, diese verdammte Quidditch, allerdings bin ich seitdem überzeugt, dass mein Kater ein Animagus sein muss. Der Phoenix-Orden war da schon besser. Endlich passierte mal was in Sachen dunkler Lord. Buch sechs und sieben waren dann schon grandios, allein wegen der vielen Tode, Snape und dem dunklen Lord per se. Nach sechs Wochen waren alle sieben Bände gelesen und die Gesamtausgabe in schicker Zauberbox bestellt. Meine Facebook-Freunde erzürnt über meine täglichen Harry Potter-Updates. Okay, vielleicht ist Bücherkauf aus Trotz eher nicht so der bargain deal.

Bildquellen: Bild 1, 3 & 4 ©Amazon.de, Bild 2 ©Carlsen.de, Bild 5 ©Eichborn.de

Ich betrete ungern Buchläden. Sie machen mir Angst. Ich habe schon diverse ausprobiert, aber selten einen ohne Buch wieder verlassen. “So geht das doch nicht“, denke ich dann immer. Wie kann das sein? Ich habe doch Bücher zuhause. Stapel ungelesene Bücher, tausende Seiten, die noch nie umgeblättert wurden. Softcover-Buchrücken ohne Falten. Trotzdem tütet immer wieder ein Mensch hinter einem Tresen noch mehr von diesen unberührten Seiten für mich ein. Warum? Warum kaufen wir Bücher? Und warum kaufen wir dieses eine Buch, das wir vor drei Minuten noch gar nicht kannten? Es ist ja nicht so, als ob man ausschließlich Bestseller und Klassiker erwerben würde, nein! Irgendwelches Zeug. Früher, als ich noch Kontrolle über meine Buchladenbesuche hatte, habe ich Bücher gekauft, um im Urlaub etwas zum Lesen zu haben. Oder weil ich dachte, „Mensch von dem musste mal was gelesen haben“. Böll und so weiter. Irgendetwas zwischen Unterhaltung und Prestige.


Perlentaucher – Oder wie man zu Büchern kommt 63

Amazon-Empfehlungen. Auch wenn ich mich selbst dafür hasse, immer wieder auf diesen pseudopsychologischen Trick der Konsumindustrie hereinzufallen, so kann ich mir doch oft nicht helfen, auf die mathematisch berechneten Vorschläge einer Software einzugehen. Viel schockierender ist meine bisherige Erfahrung damit. Ich kaufe viel Vonnegut und noch mehr Palahniuk, ab und zu Houellebecq. Also empfieht es mir Frédéric Beigbeder, „Windows on the World“ und Cormac McCarthy in allen Variationen. Natürlich kaufe ich. Aus purer Neugierde. Und weil ich die Bücher mag, die ich bestellt habe. Vertrauen in Technik und so fort. „Windows on the World“ hält was eine von Houellebecq ausgehende Empfehlung verspricht. Das Buch erzählt die Geschichte eines zweifachen Familienvaters, der in Scheidung lebt. Der nicht viel Zeit für Familie hat, denn er will Karriere machen. Folglich versucht er seine generelle Abwesenheit durch tolle Erlebnisse mit seinen zwei kleinen Söhnen an den Wochenenden zu kompensieren. In diesem Fall geht es zum Frühstück ins Windows on the World, dem Skyscraper-Restaurant hoch oben im World Treade Center. Am elften September. Schonungslos wie es kein Hollywoodfilm sein dürfte skizziert Beigbeder die Ereignisse, schildert die Vorgehensweise eines verzweifelten Familienvaters, der seine Kinder zuerst aus der Rauchhölle, dann aus der Hysterie der ihn umgebenden Menschen und schließlich aus der Hoffnungslosigkeit des einstürzenden Nachbarturms zu befreien versucht. Zwischen brennenden Leichen und aus dem Fenster springenden Menschen, mit dem Anrufbeantworter seiner Ex-Frau telefonierend. Blankes Entsetzen, das durch Beigbeders Monologe über die Frage, ob man so etwas überhaupt schreiben darf, ob man die Realität nicht zensieren muss, unterbrochen wird. Realistische Philosophie. Ein Volltreffer. Beigbeder habe ich gekauft, weil mir die Kurzbeschreibung zusagte. McCarthy habe ich gekauft, weil ich „No Counrty For Old Men“ las, mir dachte „gut, dass ich den Film noch nicht gesehen habe“, und die anderen Titel des Autors auch interessant fand. Falls jemand den Film noch nicht gesehen hat, verzichtet auf ihn, lest das Buch. Kein Wunder, dass das Cover rot ist. Nach wenigen Seiten findet man sich in ei-

ner blutigen Verfolgungsjagd wieder, hat schon mehrere Leichen hinter sich gelassen, rennt mit dem Protagonisten um sein Leben und denkt sich „ja, das ist ein gedruckter Actionfilm!“ Südstaaten-Chique mit Blut. Protagonist Llewelyn hat sich in eine Situation katapultiert, in der man schon mal landen kann, wenn man in Texas wohnt. Ständig rätselt man, was würde ich tun, um meinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Und warum finde ich Chigurh so verdammt lässig? Cormac McCarthy hat etwas geschafft, was nur wenige Autoren können; er hat tatsächlich einen Oscar gekrönten Actionthriller in Buchstabenform auf 300 Seiten gebannt. Hautnah, lebensecht, und intelligent. Mit ausgefeilten Charakteren, mit Stereotypen-Spiel und mit philosophierenden alten Männern. So sehr ich die Coen-Brüder verehre, aber um diesen Stoff umzusetzen bedarf es nicht viel. Kein Wunder, dass sie das Buch praktisch eins zu eins in Film übersetzt haben. Diese Empfehlung hat bis jetzt (!) mit dem Kauf von „No Country For Old Men“, „The Road“ (ja das ist das Buch zu diesem Zombie-Film!) und der nur 1000 Seiten dicken „Border Triology“ geendet. So sieht es aus, wenn Marketingstrategien aufgehen. Mängelexemplare. Das fatalste Szenario, das ich mir in einem Buchladen vorstellen kann ist ein Wühltisch mit Mängelexemplaren. Und oben drauf noch eine „nimm sechs zahl fünf“ –Aktion. Selbstredend, dass ich nur drei Bücher von Interesse finde („ach für drei Euro nehme ich es mit“), dann aber noch zwei grenzwertige aus den Stapeln angle, um dann ein sechstes geschenkt zu bekommen, das ich nicht einmal annähernd haben will. Buch ist Buch, also wird aufgeladen. Da sich in diesen Bergen an vollgedruckten Seiten selten ein Name mit Bekanntheitsgrad befindet, erfolgt mein Auswahlverfahren nach zwei einfachen Mustern: Titel und Titelbild. Beides wird gleichwertig bewertet. So endete mein „ach ich lauf mal durch den Buchladen, dann spar ich mir eine Ecke bis zum Parkhaus“-Schlachtplan mit einer prall gefüllten Plastiktüte und einem Gratis-Lesezeichen. In ihr war unter anderem das mit „Depptop“ katastrophal übersetzte Erstlingswerk (Originaltitel „Who Moved My Blackberry™“ by Martin Lukes) von Lucy Kellaway, Kolumnistin der Financial Times. Das ausschließlich aus eMails von und an den ehebrecherischen, trotz keinerlei Qualifikation


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karrieregeilen, frauenfeindlichen Martin Lukes besteht – ein Bürohengst, der ein Jahr lang an einem eMail-Motivationskurs teilnimmt, seine Familie mit möglichst wenig Aufwand ruhigstellt, von seiner Frau karrieretechnisch vorgeführt wird und bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Bosse mit hohlen Phrasen wie „sobald sich ein Zeitfenster findet“ von seiner nicht vorhandenen Kompetenz zu überzeugen versucht. Schreiend komisch zeichnet Kellaway den prototypischen Albtraum eines jeden kaufmännischen Angestellten und führt dabei die Konzepte vieler globalen Unternehmen vor. Brillant. In der Tüte befand sich auch ein Buch, dass ich allein wegen des Covers gekauft habe, „Wörterbuch“ von Jenny Erpenbeck. Es war nicht herauszufinden, worum es in diesem Roman geht, aber für drei Euro nehme ich es mit, nicht wahr? Das von Suggestion lebende Buch ist wie ein Traum einer Frau in den Dreißigern, in dem sie ihre Kindheit rekonstruiert. Fetzen von Szenen werden uns präsentiert, den Zusammenhang müssen wir selbst herstellen. So dauert es etwas, bis man herausbekommt, dass es sich bei dem kleinen Mädchen um die Tochter eines hohen Militäroffiziers im diktatorischen Argentinien handeln

muss. Dass die Diktatur den Alltag kontrolliert und dass die höchsten Tiere ihrem eigenen Monster, der Folter und der Kontrolle, zum Opfer fallen. Der Roman ist wie ein Gedankennetz konzipiert, anhand von Worten erinnert sich die Frau an Szenen ihrer Kindheit. Oft bringt das Wort nur einen kurzen Satz hervor, manchmal seitenlange Schilderungen vom Leben auf dem Schulhof. In einem poetischen Stil geschrieben ist das nur 100 Seiten dünne Buch ein Erlebnis für Sprachverliebte, Träumer und Freunde des Außergewöhnlichen. Terror verpackt in Unschuld, sich immer weiter zuspitzende Zerrissenheit der Szenerie. Abermals ein sich lohnender Einkauf. Natürlich gehen die Experimente nicht immer so gut aus, wie hier beschrieben. Natürlich liest man Bücher von denen man sich wünscht sie würden endlich aufhören. Auch so etwas war in meiner Tüte. Manchmal ist es sogar so schlimm, dass man es nicht bis zum Ende durchhält. Dass man sich vielleicht sogar ärgert, es gekauft zu haben. Aber letzten Endes muss man sich fragen, ob die eine Perle, über die man durch welche Kauftaktik auch immer stolpert, ob diese wenigen Stunden voller positiver, atemraubender Emotionen diese Niete nicht ausgleichen. Ob das „blinde“ Lesen unbekannter Autoren oder vermeintlich verhasster Bücher nicht eine Bereicherung des Alltags bedeuten kann. Böll hatten wir alle, Coelho auch. Warum nicht mal ein bisschen Kellaway oder Beigbeder. Nur so, weil Bücher toll sind. Tanja Kroll


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Mädchensache

GIRLS! GIRLS! GIRLS!

Einblicke in das Leben einer echten Hardcore-Prinzessin. Tussi ausgeschlossen. Lui kommt aus Berlin und lebt jetzt in München. Sie hat einen eigenständigen Style, ist in der HardcoreSzene zuhause und immer auf Achse. Allein die Tatsache, dass sie diesen Kulturschock überlebt hat sagt einiges über sie aus. Als lebensfrohe Self-made Woman hat sie sich im bayerischen Großstadtdschungel durchgebissen, um an einem Ort zu landen, der für sie vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen ist: der Bravo Girl! Wie sich Burning Skies und Pit mit GiRL! und Pink vertragen, warum die Welt so eine Zeitschrift braucht und wie die Rolle der Frau in der HardcoreSzene aussieht erzählt sie Outspoken in einem spannenden Interview. Kannst Du Dich noch an einen Bravo Girl Moment als Konsumentin erinnern? Leider haben uns (mir und meiner kleineren Schwester) unsere Eltern nur sehr selten eine Zeitschrift kaufen können. Und wenn doch, da meist in den Sommerferien auf dem Weg an die Ostsee — das war immer was ganz besonderes für uns. Ich glaube, meine Augen haben die ganzen 4 Stunden Autofahrt hinter der GiRL! geklebt, fand es natürlich super interessant! Bis das Meer kam... (grinst) Wie bist Du an diesen Job gekommen? Vor sieben Jahren bin ich wegen meinem ExFreund aus Berlin nach München gezogen – als staatlich geprüfte Bühnentänzerin. Nach 8 Jahren Ausbildung wollte ich eigentlich noch sehr

lange als Tänzerin arbeiten und habe es hier unten an den größten Opernhäusern versucht, wurde aber nicht einmal zum Casting vorgeladen, was vielleicht daran liegt, das ich mit 17 schon vom MDR-Deutschen Fernsehballett (das berühmteste in Deutschland) eingekauft wurde und mit auf Tour gehen durfte. Hier habe ich dann neben kleineren Jobs, als Choreographin und Tänzerin für ein Muscial „Artifex Maximus“ versucht! Ein Jahr lang habe ich mit vielen Laien (Schülern und Kindern) trainiert, jeden Samstag und Sonntag 8 Stunden. Es war großartig — der Verein „Eigenart e.V.“ besteht noch heute und veranstaltet neben Musical Produktionen auch Konzerte, unterstützt junge Filmstudenten und hat viele unterschiedliche Tanzkurse parat. Also alles im allem habe ich noch heute viel mit Tanz zu tun, auch wenn ich damit nicht mein Lebensunterhalt verdiene. Das mache ich ja mit Schreiben bei der Bravo GiRL! — vor 3 Jahren hat mich meine jetzige Ressortleiterin angerufen (ist eine gute Freundin meines Ex-Freundes) und fragte ob ich nicht für drei Wochen aushelfen kann, wegen Produktionen. Da ich ja schon viele Musical Produktionen gemacht habe und dort neben dem Tanzen auch für die Choreo, Make-up und Hairstyling zuständig war ich natürlich genau die Richtige für den Job. Gleich nach der ersten Produktion, durfte ich diese auch schreiben — was allen so gut gefallen hat, dass ich sofort einen Assistenten-Vertrag bekommen hatte! Nach drei


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Jahren harter Arbeit und Liebe zum Schreiben und Produzieren habe ich nun einen zweiten Beruf. Redakteurin — der Hammer, ich dacht echt zuerst alle verarschen mich als ich den Vertrag in meinen Händen hielt! Als der Prosecco geköpft wurde und mein Herz nach einem Glas wieder ruhiger wurde realisierte ich es und habe vor Freude erst mal feuchte Augen bekommen. JAAAAAA der Hammer war das. Mit „nichts“ hier hergekommen und es trotzdem geschafft, ich war schon ein wenig stolz auf mich, und habe es so auch vielen Menschen gezeigt, die nicht an mich geglaubt haben! Was sind die Hauptthemengebiete der Zeitschrift? Stars — Mode — Beauty — Report — Humor — Liebe und Sex — Jungs — EXTRAS! Verfolgt die Bravo Girl ein höheres Ziel, außer Geld zu machen? Mit Headlines wie: „Mode für jedes TaschengeldBudget!“, „Jungs sagen welche Mode sie süße finden“, Report’s wie „Mobbing — die Schule ist meine Hölle“ oder Luisa’s Make-Up Schule“ wollen wir den Mädels zeigen, dass sie nicht alleine sind, wir sie verstehen können und sie das Gefühl bekommen, das immer jemand für sie da ist. Klar, wir sind keine Pädagogen, aber dennoch haben wir ein großes Stück Verantwortung und sehr großen Einfluss auf unsere Leserinnen. Deshalb müssen alle Geschichten auch Hand und Fuß haben, das heißt, wir dürfen nicht lügen. Auch ehrlich müssen wir sein, nur dann können die Mädels nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu ihren Mitmenschen aufrichtig und korrekt sein! Wer ist der schärfste Konkurrent der Bravo Girl? Ha — „We killed the Mädchen“ war unser Motto letztes Jahr. Aber auch dieses Jahr heißt es allen GIRL!-Teenie Zeitschriften das Leben zu erschweren! Wir haben die Motivation, die beste Mädchenzeitschrift auf dem Markt zu bleiben! Findest Du, dass die Notwendigkeit von Jugendzeitschriften durch das Internet abgenommen hat? Ganz und gar nicht — klar ist Internet die Zukunft, aber wir existierten ja trotzdem noch. Ein paar Rubriken gibt es von uns schon auf der Bravo Website, da werden die neusten Themen angerissen. Aber ich glaube nicht, das die Girls wegen der Bravo GiRL! auf die Bravo-Seite gehen! Wenn dann Facebook — der Hammer was da oft so abgeht. Ich hoffe zumindest, dass es uns noch lange ohne Internet gibt und wir dem alten Print-Gewerbe noch sehr lange treu sein können.

Bedient die Bravo Girl das Klischee des typischen Mädchens bzw. muss sie das tun um gekauft zu werden? Klischees — Wir sagen immer unsere Zeitschrift ist für Girls (offiziell zwischen 12-15) – inoffiziell von 10-15 Jahren. Wie du siehst sehr breit gefächert. GiRLs bedeutet für uns „die coolen, leidenschaftlichen, die Power Girls, die gerne raus gehen, das Leben genießen, sich gern einsetzen und sich mit wichtigen Themen in der Welt auseinandersetzen“ — die, die nur „Mädchen“ (wie die Zeitschrift Mädchen) heißen, sind doch eher die Mauerblümchen..... Tussis .... vielleicht.... Die Zeitschrift der Mädchen, erreicht schon optisch eine viel ältere Zielgruppe (die Models sind viel zu alt). Bei uns, der Girl!, sind die Models genauso alt wie die Leserinnen und wie sie keine Profis. Wir finden unsere Mädels auf der Straße, überall gibt es hübsche Mädchen — in jedem steckt Potential.... Die sind immer so süß, ich liebe es mit Ihnen zu produzieren (lacht) Denkst Du, dass es Frauen gibt, deren inneres Mädchen wirklich tot ist, oder sind wir nicht alle irgendwo „Prinzessinnen“? Ich denke, dass jeder irgendwo eine kleine Prinzessin sein will. Auch wenn man es nicht gerne zugibt. Selbst in meinem Freundeskreis merke ich, dass kleine Dinge unsere ständigen Begleiter sind. Zum Beispiel Sätze wie „mir stehen keine Röcke“, „ich kann doch kein Kleid tragen, „um Gottes willen, ich sehe ja aus wie ein Mädchen?“. Egal ob 12 oder 30 wir alle sollten irgendwo unsere sexy Seite zeigen und stolz darauf sein! Hey wir sind Frauen! (Auch ich brauchte lange um zu mir selbst zu finden und statt mit einer Baggy Hose und Schlabber Pulli vielleicht doch mal ne Röhren-Jeans und Highheels auszuprobieren. Psst — klar lieb ich diesen coolen, Skate-Look noch immer). Schließen sich Mädchen und Hardcore aus? Auch wenn ich das früher dachte — nein! Da ich schon im Kindesalter von meinen Eltern auf jegliche Rock Party-Konzerte mitgenommen wurde war mir das immer ziemlich egal. Ich bin da rumgerobbt und war halt die kleine, (noch süße) Lui (grinst). Später, so mit 14, 15 hab ich mir schon Gedanken gemacht, wie muss ich sein, wie aussehen, aber irgendwie hab ich nie wirklich den Stil, Lebensart etc. nachgemacht. Ich war schon immer chaotisch, hatte und habe meinen eigenen Kopf — ich denke das sieht man auch. Klamotten, wo jeder andere den Kopf schütteln würde, ziehe ich trotzdem einfach an — so lange ich mich wohl fühle ist alles andere doch egal. Ich hasse Girls, die einen auf Szenetussi machen und nur deswegen die Mucke hören oder sich so stylen weil das gerade Trend ist. Cool sein wollen, angesehen und den Männern gefallen wollen — hey das macht man viel eher wenn man anders


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ist und nicht wie jede zweite „Hardcore-Ische“ (grinst). Ich glaube aber auch, dass es uns gut tut in der doch überwiegend männlichen Szene ein Platz zu haben. Akzeptiert und respektiert zu werden. Wie oft ich früher im Pit war — das war noch cool. Heute geht’s fast immer nur noch darum, wer kann die besseren Moves, welche Ische kann mehr mit den Männern mithalten, da bin ich raus! Ich schau mir das lieber an und schmunzele in mich rein — vielleicht, weil ich eigentlich schon Bock drauf hätte, mal wieder mitzumischen! Sind alle Mädchen weich bzw. tötet „Härte“ das Mädchen in einem ab? Ich hoffe nicht, dass junge Frauen oder Girls denken: „umso härter die Mucke, umso härter fühle ich mich!“ Diejenigen haben meiner Meinung nach nichts verstanden und sind für mich nur Bollo-Tussis. Jeder ist irgendwo Mädchen, der eine mehr, der andere weniger – warum das nicht zeigen! Klar, in gewissen Momenten hilft die Musik ungemein, sie tötet aber nicht das Mädchen in einem, sie hilft mir wie jedem, denke ich – hoffe ich! – über Gefühle, Ereignisse, Situationen besser hinwegzukommen, sie ad acta zu legen, neu anzufangen. Warum denkst Du gibt es relativ wenig Frauen in der Hardcore-Szene? Schließen sich Hardcore und Pink aus? Zum Glück schließt sich das nicht aus — sonst müsste ich ja Britney Spears hören (lacht) – auch ich war früher einer großer Pink-Hasser, aber heute bin ich erwachsen genug um meinen ei-

genen Stil zu haben, und den auch zu zeigen und wenn mein Zimmer halt pink-weiß ist dann ist das so — da ist man noch lange keine Tussi. Es kommt glaube ich immer darauf an, wie sein Charakter ist... Solange der aufrichtig, ehrlich und cool, anstatt verlogen, und charakterschwach ist — ist pink nicht süß, sondern eine echt coole Farbe (grinst). Was sagst Du zu dem Statement „Viele Mädchen sind nicht wegen der Musik auf Shows“? Ich will nichts verallgemeinern, und dennoch ist da was Wahres dran. Ich denke, dass viele der heutigen Generation eher den Style geil finden, sich vielleicht doch irgendwo härter fühlen, erwachsener, cooler — aber egal sollen sie doch machen. Ignorieren oder drüber lachen wenn’s einen stört. Selbst mir wird immer viel hinterher gesagt, „hey du kennst ja auch schon wieder Hinz und Kunz“ und „warum warst Du denn dort mit auf Tour“... — Tja, meine Familie, mein beruflicher Werdegang und meine erste Beziehung machten es einfach fast unmöglich NICHT viele Menschen kennenzulernen und/oder gute Freundschaften zu schließen. Werden Mädchen oft nicht ernstgenommen in einer solchen Szene? Hmm, nein das denke ich nicht — ich glaube, dass die Männerwelt es toll findet, dass es viele Frauen gibt, die auf die gleiche „Härte“ bzw. Musik wie sie stehen. Sich auskennen, ihre Meinung haben und diese auch perfekt vertreten. Wir sind stark, auch wenn wir manchmal noch Mädchen sein wollen. Und Männer lieben beides an uns! Wie verschafft man sich als Mädchen Respekt? Kommt drauf an inwiefern: bestimmt nicht in dem man zuschlägt, ne „Kodderschnauze“ hat (ist Berlinerisch und heißt so viel wie: große Klappe und nüscht dahinter). Meinung haben und diese mit Anstand vertreten, andere respektieren, den Pit und Mucke respektieren — jeder Bullshit fällt eh auf einen zurück! Als Frau sollte man natürlich auch nicht zu jedem Ja und Amen sagen, wenn einer blöd kommt. Dann einfach einen coolen Spruch raushauen und gehen. Mag zwar oft hochnäsig rüberkommen, zeigt demjenigen aber auch deine, bzw. seine Grenzen! Wann ist man eine Frau? Das fragst Du mich — die, die noch die nächsten Jahre bei der Girl sein will (lacht). Ich weiß gar nicht, ob man das so genau sagen kann, klar biologisch, aber so innerlich — echt schwer. Wenn es nach der Bio-Uhr geht läuft diese selbst bei mir schon ab und ich bekomme Schiss. Mein nächster großer Schritt um der Bezeichnung „Frau“ gerecht zu werden wird mein Mann und Kinder sein...

Tanja Kroll


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Alt-Model im persönlichen Gespräch

KEIN MENSCH IST WIRKLICH EINZIGARTIG !

Stephani Sams a.k.a. Keiko Suicide über Stil, Selbstvertrauen und die Hardcore-Szene. Stephani Sams ist 24 Jahre alt und lebt in Cardiff (Wales). Sie steht wie jeder andere in der Früh um sieben auf, füllt sich mit Kaffee ab, quetscht sich in einen Zug und fährt zur Arbeit. Dort verbringt sie ihren Tag mit Körperschmuck und Klamotten für junge Leute. An sich ja schon ein gutes Leben, mag man denken. Doch für Stephani offensichtlich nicht genug, denn nach ihrem Vollzeitjob ist sie Model. Heidi Klum würde wohl schreiend vor ihr weglaufen. Nicht wegen ihrer Maße, sondern weil sie Persönlichkeit hat. Stephani ist tätowiert, sie mag es bunt und hat es in die Riege der Suicide Girls geschafft. Wie man auch ohne die starren Vorgaben der steifen Modelbranche zu erfüllen ein erfolgreiches Model sein kann, erzählt sie Outspoken in einem Interview. Wie sieht ein Tag im Leben von Stephani aus? Nach meinem Tag in einem Piercing- und Klamottenladen gehe ich normalerweise ins Internet und suche nach Castings für Fotoshootings. Ich muss wirklich gut organisiert sein, sonst drehe ich durch! Es ist echt schwer einen Vollzeitjob zu haben und trotzdem noch Zeit für Fotoshootings und Shows zu finden. Aber irgendwie schaffe ich das, mit meinen Freunden Kaffee und Energy Drink!

Was braucht man, um ein erfolgreiches Hardcore-Model zu sein? Ich denke das Wichtigste ist Selbstvertrauen. Bevor ich für die Suicide Girls gemodelt habe, hatte ich wenig Selbstvertrauen. Aber ein Suicide Girl zu sein hat das Vertrauen in mich als Person und meinen Körper sehr verbessert. Du musst sicherstellen, dass du immer wieder Fotografen kontaktierst und deine Bilder in die Welt da draußen bekommst und Kontakte hältst um die Chance zu bekommen, dich zu beweisen, beispielsweise durch ein Shooting. Außerdem musst du dir darüber klar werden, dass du hinter dem stehst an das du glaubst. Mir wurde eine Menge Geld angeboten für Dinge, die ich niemals tun würde (Pornos, zum Beispiel), also muss ich sichergehen, dass ich mich nicht vom Gelddämon verführen lasse. Was kannst Du mir über die Suicide Girls erzählen? Als ich achtzehn war, habe ich mich dazu entschlossen, ein Suicide Girl zu werden. Sie repräsentieren für mich eine alternative Schönheit. Ich modele seit ich zwölf Jahre alt bin, aber als ich anfing, mich piercen zu lassen, wurden die Dinge problematischer. Piercings


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haben die Anzahl von Jobs, die ich potentiell machen hätte können, drastisch reduziert. Dann stieß ich auf die Suicide Girls und liebte, dass man sich selbst treu bleiben und sich als Person in einem Fotoshooting darstellen kann. Die Suicide Girls haben es mir so vieles ermöglicht, von Auftritten in Fernsehshows bis zum Betreuen von Suicide Girls Stände auf Tattoomessen. Ich habe viele meiner besten Freunde bei den Suicide Girls kennengelernt, nicht zuletzt weil sie mir gleichgesinnt sind. Kannst Du Dich an ein paar Jobs erinnern, die (warum auch immer) in bleibender Erinnerung blieben? Ich habe für eine Firma gearbeitet, bei der ich eine Krebs-Versicherung für Frauen verkaufen musste. Das war definitiv einer der niederschmetternsten Jobs, die ich jemals machen musste. Durch ihn habe ich so viel Mitgefühl für die Leute mit denen ich sprach empfunden, dass ich mir klar wurde, dass ich an erster Stelle anderen Menschen helfen und etwas bewirken will. Und dass Versicherungen an Menschen mit einer tödlichen Krankheit zu verkaufen kein Teil meines Lebens sein kann. Ich habe auch in Kos (in Griechenland) in einer Bar gearbeitet. Meine Arbeitszeiten waren von 20:00 Uhr bis 8:00 Uhr und das Ganze für 30€ pro Nacht, was natürlich beschissen war,

aber ich hatte eine unglaublich tolle Zeit. Ich bin ganz alleine dorthin gegangen, ich hatte keine Ahnung wo ich wohnen würde oder welche Art Job ich machen könnte, aber irgendwie habe ich vier Monate in Griechenland überlebt. Dass ich auf mich alleine gestellt war, hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Wann hast Du Dich das erste Mal tätowieren lassen und warum? Mein erstes Tattoo habe ich mir in Custom Tattoo in Worthing machen lassen, meiner Heimatstadt. Ich war erst siebzehn – wie unanständig – und es war ein Herz, das von einem flammenden Schwert durchbohrt wird. Ich ließ es mir stechen, weil es meine Lieblingsband In Ruins symbolisiert (sie sind übrigens immer noch meine Lieblingsband). Naja, außerdem war ich jung und ein Teenager und mir wurde das Herz gebrochen; ich war der festen Überzeugung ich würde nie geliebt werden! Ich erinnere mich, dass alle meine Freunde dachten es wäre nicht echt! Woher hast Du Deinen Sinn für Stil? Meine Mami hat mich Zeit meines Lebens beeinflusst und hatte schon immer einen einzigartigen Stil. Als ich jünger war, hat sie manchmal meine Haare zu einem Irokesen hochgegelt und mir knallbunte Leggins und einen Loony Toons Pullover angezogen! Außerdem liebe ich Vivienne Westwood (für alle, die es noch nicht wissen, Vivienne Westwood war mit dem Manager der Sex Pistols liiert und hat in den Siebzigern sie und den Rest der Punkszene „eingekleidet“; heute macht sie immer noch atemberaubende Mode) und alles wofür sie steht. Ihre Frisuren faszinieren mich immer wieder aufs Neue und ich glaube sie ist einer der Gründe, warum ich jede Farbe des Regenbogens in meinem Haar habe. Ich mag es zu nähen und habe unter anderem Mode studiert, irgendwie hatte ich schon immer ein Auge für Style. Welcher Star hätte dringend ein Umstyling nötig? Ich denke das wäre Jodie Marsh (die englische Konkurrentin von Katie Price, sie ist Katie, nur in brünett!)! Sie müsste sich von der künstlichen Bräune trennen und den exzessiven Gebrauch von Make-Up einschränken und... zieh dir verdammt nochmal was an!! Schränken die herkömmlichen Schönheitsideale der Modebranche ein? Ich finde, wenn man kreativ ist und weiß wo man einkaufen kann, schränken einen diese Ideale nicht ein. Aber natürlich kommen dabei auch oft solche Topshop-Girls raus, die versuchen trendy zu sein, aber es passt überhaupt


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nicht zu ihnen und als Folge sehen sie wie ein Haufen Scheiße aus. Ich finde, solange man sich seinen Proportionen entsprechend anzieht und in mehreren Läden einkauft, kann man seinen eigenen Look durchaus finden. Ich persönlich liebe Vintage- und Secondhandläden und liebe es etwas zu finden, das nicht jeder hat, und das dann mit etwas Modernem zu kombinieren. Wie kann es sein, dass in der Hardcoreszene, in der Regeln nicht so wichtig sein sollten, wir immer mehr Fashion-Klone sehen? Ich denke, dass Hardcore selbst sehr “in” geworden ist, aber das Problem hat man irgendwann mit jeder Szene. Was mich wirklich wahnsinnig macht, sind 17 Jahre alte Kids, die damit angeben edge zu sein, aber noch gar keinen Alkohol kaufen dürfen. Das hält sie natürlich nicht davon ab, sich nur (!) am Hals und auf den Händen tätowieren zu lassen. Sie sind nicht in der Hardcore-Szene wegen der Musik und ihren Inhalten, sie sind hier weil sie „in“ sein wollen, und „cool“. Das ist etwas, was ich in keiner Szene leiden kann. Ich finde, wenn du in der Hardcore-Szene sein willst, solltest du nicht ein bestimmtes Shirt oder genau diese Schuhe tragen müssen, nur um zu beweisen, dass du hardcore bist. Leider wird

diese Szene immer modedominierter, was eine Schande ist, wenn das der Liebe zur Musik und dem Beatdown in die Quere kommt. Die Kids sollten sich auf einer Show nicht darüber den Kopf zerbrechen, ob ihre Frisur ruiniert wird! Fehlt vielen Menschen schlichtweg der Mut, einzigartig zu sein? Das Problem ist, keiner ist wirklich einzigartig; es wird immer irgendwo irgendwen geben, der die gleiche Klamotte trägt. Ich denke, was eine Person einzigartig macht, ist seine Persönlichkeit. Wenn du du selbst bist und dich selbst in egal welcher Gefühlslage darstellst (beispielsweise durch die Farben die du trägst), dann drückst du Selbstvertrauen aus. In manchen Kreisen würde man mich wohl als Außenseiterin sehen, aber ich will mich mit Leuten die mir ein derartiges Gefühl geben erst gar nicht abgeben. Wo siehst Du Dich in zehn Jahren? Ich sehe mich mit einem Ehemann und Kindern und einer erfolgreichen Event Management Firma, die Charity-Musikveranstaltungen plant. Das ist mein Traumjob. Tanja Kroll


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TRIPLE PL AY - WEB, LIFE, BUSINESS Irgendwie beschreibt der Titel doch ganz treffend wie das Leben heute unterteilt werden kann, wenn man es überhaupt unterteilen will, wo die vollständige Integration dieser Bereiche ineinander doch oberstes Gebot ist! Jeder von uns ist online, jeden Tag, auf die eine oder andere Art und Weise. Der Weltbürger ist Wirklichkeit geworden. Wessen Bürger aber sind wir nun? Wo Leben wir genau? In einem Dorf, einer Metropole? Schaut man um sich herum, wie fleißig die Onlinebürger alle dabei sind sich etwas Eigenes aufzubauen so hat man beinahe das Gefühl, dass der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden kein vergangenes sondern ein ganz aktuelles Märchen sein könnte. Die Bürger der Metropolen dieser Welt zeigen ihren Besuchern jeden Tag, dass jeder für sich selbst zu sorgen durchaus im Stande ist. Dann macht man halt in Neukölln neben dem Bäcker einen Laden auf, wo die polnische Nachbarin T-Shirts selbst drucken lassen kann; es wird schon Kundschaft kommen. Die Hauptsache ist, man ist unabhängig frei und hat etwas gewagt. In unserer virtuellen Metropole ist dieser Geist schon lange angekommen, hier ist jeder ein freier Geschäftsmann, jeder will der nächste Maxwell Salzberg sein, denn Facebook muss nun übertroffen werden und wir wollen Diaspora gewinnen sehen und nicht Google+, auch wenn dort schon mittels Plugin Facebook vollständig eingebunden werden kann. Der Goldrausch greift wieder um sich, er ergreift vor allem die Mutigen und die Optionslosen. Wir Verbraucher dürfen anschließend dann frohlockend die Unterscheidung treffen, ob das was uns da angeboten wird nun einer grandiosen Idee oder einfach nur der puren Verzweiflung entsprungen ist. Endlich ein neuer Onlineshop, wo ich mir nun das weiße Isolierband auch in 7,5mm Breite online bestellen kann, anstatt das unnütze vom Baumarkt mit nur 5,5mm. Porto ist ja auch inklusive.

Es ist leicht sich fallen zu lassen und das gelobte Land zu begrüßen, sich der neuen Vielfältigkeit, dem hochfrequenten Wandel und der willkommenen Steigerung unserer Effektivität hinzugeben. Einfach mal Bürger sein in dieser bunten Welt. Fehlt es uns denn an etwas? Alles geht schneller von der Hand. Allem voran das Konsumieren und damit dem nichts im Wege steht, wir haben doch alle so wenig Zeit, müssen die Zahlungsarten ohne Reibungsverluste funktionieren. Paypal hat vorgemacht wozu die altbackenen Offlinebanken nicht in der Lage waren und dominiert auf Platz 1 den Onlinemarkt. Ja geht es denn nicht noch schneller? Doch! Mittlerweile haben wir auch unsere eigene Währung! Die Bitcoins haben es in zwei Jahren geschafft uns zu begeistern und den Bundesverband Digitale Wirtschaft zu ängstigen. Wir wollen frei sein, frei von Wirtschaftskrisen und Wechselkursen. Dieses neue „Geld machen“ hat sogar Trendpotential und bevor nur die Kleinen und Privaten ihren Vorteil daraus ziehen stehen auch die ersten der Großen bereit, so dass wir nun auch wählen können anstatt in Bitcoins doch lieber in web.cent von web.de zu bezahlen, ganz wie es uns beliebt. Es gibt aber noch die unter uns, die einen festen Preis einfach nicht zahlen wollen. Schließlich entscheiden wir als Verbraucher doch am Ende was uns eine Ware oder Dienstleistung wert ist. Auch hier haben wir das passende Mittel der Wahl mit flattr zur Hand. Anstatt etwas zu kaufen, erhalten wir die Ware kostenfrei und spenden anschließend unserem Zufriedenheitsgefühl entsprechend. Mit vollem Magen zahlt man einfach ehrlicher als wenn man vor dem Essen Hunger hat und sich über Geld Gedanken machen müsste. Endlich bestimmen die Großen nicht mehr alleine über das Geld. Man sollte denen ja sowieso nicht trauen, das weiß auch Jack Dorsey. Auch wenn er uns Twitter beschert hat, oder gerade deswegen,


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fühlt er sich dem Onlinebürger verbunden. Nachdem er uns die Informationsfreiheit geschenkt hat und die Aufstände in Ägypten und Lybien durch das unendliche Zwitschern maßgeblich ermöglicht hat will er nun erneut helfen. Obwohl Jack sich mit Twitter schon auf 160 Zeichen beschränkt hatte behaupten manche Leute dennoch nicht so viel Zeit zu haben für diesen vielen Onlinekram. Aber warum? Na irgendwoher muss ja das Geld kommen und dafür haben die wenigen, die Online beim Schürfen noch kein Gold gefunden haben – bis jetzt, noch einen Job in der echten Welt, da wo alles noch so unglaublich langsam voran geht. Wenn dieser Job auch noch in Selbstständigkeit ausgeführt wird, hat der ehemalige Twitter Mitbegründer nun ein neues Wunder für uns.

ferung, beste Preise, alle unsere Freunde haben, das Produkt unseres Interesses bereits mit enorm hilfreichen Kritiken versehen und die Kaufabwicklung erfolgt komfortabel mit der patentierten 1-Klick-Bestellung. Damit wir aber auch wirklich nichts vergessen wird uns auf dem Weg zum Kaufabschluss noch unnachgiebig mitgeteilt was unsere Freunde, die dieses Produkt gekauft haben, noch alles gekauft haben. Diesen Trick kennen die meisten von uns aber schon und versuchen nun umso beherrschter nicht darauf zu achten. Auch Amazon ist unser Verhalten aufgefallen und sie nahmen sich vor dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Dean Eckles von der Stanford University war so frei Amazon mit Hilfe von Persuasion Profiling zur Seite zu stehen. In einem Feldversuch fand der Student heraus, dass wir uns zu einer Kaufentscheidung unterschiedlich überreden lassen. Einige von uns sind eher von fachlichen Autoritäten beeindruckt („Einstein hat dieses Buch auch gelesen“), andere eher sozial geprägt („Alle deine Freunde haben das auch!“), wieder andere legen Wert auf Verkaufsstrategien, die erst beim zweiten Überlegen ihre Intention zeigen. Natürlich gibt es auch immer noch diejenigen unter uns, die sich immer für das vermeintlich günstigste Angebot, das mit der besten Bewertung oder einfach das mit dem stumpfesten Claim („Du willst mich, kauf mich, jetzt!“) entscheiden. Irgendwie war das ja jedem klar. Was kann an dieser Erkenntnis nun so neu oder auch kritisch sein?

Square, das neue Offline Paypal. Mit einem Iphone und einer Minihardware, die in die Kopfhörerbuchse gesteckt wird kann nun auch der Eisverkäufer, natürlich auch unser Neuköllner Shirtdrucker, Kredikarten einlesen und Zahlungen empfangen. Günstig, einfach und vor allem ohne Bürokratie lassen sich nun auch Kleinstzahlungen abwickeln. Und wieder geht es endlich etwas schneller und noch etwas mehr online statt offline. Ist denn aber nun wirklich jeder von uns schon jetzt ein Geschäftsmann? Noch sind wir es nicht. Wir suchen erst noch nach einer Idee, sind also leider bisher nur der Konsument. Wird denn auch uns etwas Neues geboten? Amazon ist das Kaufhaus der Wahl, egal um welche Produkte es sich handelt. Schnellste Lie-

Führt man sich vor Augen, das Amazon jeden unserer Schritte bei unseren Einkäufen aufzeichnet, so leuchtet schnell ein, dass wir in Zukunft nicht mehr die Produkte unseres Interesses vorgeschlagen kriegen, denn das machen wir uns ja nur selbst vor, sondern einfach alles. Solange es unseren Prägungen entsprechend an uns herangetragen wird, wird es uns dann auch zwangsweise interessieren, da können wir uns nicht widersetzen. Will ein Hersteller nun seine Produkte bewerben, wird zukünftig Amazon in der Lage sein ihn dahingehend zu beraten, dass er mindestens 5 Werbekampagnen braucht. Eine für den Autoritätshörigen, eine für den Sozialgeprägten, den Nachdenker, den Sparfuchs und so weiter. In Wirklichkeit brauchen wir also nichts aus uns selbst heraus, wir nehmen alles was uns nur richtig schmackhaft gemacht wurde. Amazon kann somit uns und auch den Hersteller gleichzeitig glücklich machen. Ein klassisches Win-Win. Offline sind Hashtags irgendwie unsinnig, aber die fettgedruckten Begriffe, sollten beim googeln hilfreich sein, um weitere Informationen zu den angesprochenen Themen zu erhalten.

Henning Jäger


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Outspoken Ausgabe 8