Page 1

Schwarzwald_Strasbourg Reportagen

... UND WO ZUM KUCKUCK IST DIE ORTENAU?


Andere machen Tagungen…

...wir machen

CONFERTAINMENT! NEU in 2017: die neue Europa-Park Arena Multifunktionale Event- & Medienhalle

950 Zimmer und Suiten in den fünf 4-Sterne-Hotels des Europa-Park

30 Räumlichkeiten von 26 bis 2.900 qm

Vielzahl an Restaurants, Bars, Bistros, ein Wein- und ein Brauereikeller

Insgesamt mehr als 13.000 qm Veranstaltungsfläche Vielfältiges Raumangebot in themenorientiertem Ambiente Große Auswahl an Unterhaltungsangeboten

Professionell tagen ...

Spaß haben ...

Und den Europa-Park live erleben …

2

Spannende Incentive-Angebote 18-Loch-Meisterschafts-Golfplatz Kompetente Beratung, Organisation und Service, persönliche Eventbetreuung

den Abend genießen ...

und traumhaft übernachten.

Deutschlands größter Freizeitpark.

Sprechen Sie uns an – wir freuen uns über Ihr Interesse: confertainment@europapark.de · www.confertainment.de Europa-Park-Str. 2 · 77977 Rust · Telefon +49 7822 77-14400


Editorial

OrtenauREPORTAGEN … also, das sei doch eine Zumutung, sagte mir meine Art-Directorin Simone Vollmer, und sowas mache doch heute kein Mensch mehr: „Na ja, außer Ihnen!“ Sowas – das sind Magazinseiten ohne Bilder, Seiten, auf denen man konzentriert eine ganze Seite Text lesen muss. Sowas gibt es tatsächlich noch in diesem Heft. Wenn Sie in Büchern, die man Ihnen schenkt, nichts als den Klappentext lesen, den aus Zeitgründen allerdings auch nur diagonal, dann meiden Sie bitte nachfolgend die Seiten 24, 30, 34, 70 und 79. Dass die dennoch im Heft sind, hängt einfach damit zusammen, dass die Studierenden der Burda Journalistenschule (BJS), mit Unterstützung ihrer Dozenten Maximilian Gaub und Fabrice Braun, sehr lesenswerte Geschichten über Menschen der Region geschrieben haben. Wobei aus der Region auch mal München heißen kann und mal New York; Geschichten über erfolgreiche Jungunternehmer, die es vom Oberrhein genau dorthin verschlagen hat. New York City dehnt sich übrigens nur auf 789 Quadratkilometern aus, das ist nicht mal die Hälfte der Ortenau; 42,6 Prozent, um genau zu sein. Auch ein paar andere Dinge unterscheiden New York von der Ortenau. Wenn im Schnitt der Jahre hier jeden Tag ein Mensch ermordet würde, käme uns das wahrscheinlich zu viel vor. Als zuletzt in New York elf Tage hintereinander niemand umgebracht wurde, schrieb die WELT bereits von einer „friedvollen, beinahe gemütlichen Stadt“. Das ist eine Gemütlichkeit, die ich nicht unbedingt brauche. Die Ortenau, das ist, falls Sie zu den zwei Prozent gehören, die das immer noch nicht wissen, die Region am Oberrhein gegenüber von Straßburg. Hier lohnt es sich zu leben und zu arbeiten – Arbeit und Leben sollen hier sogar befreundet sein –, und sicherer als in New York ist es noch dazu. Und industriestark, waldig, weinbergig, kulturell anregend und nur wenige Minuten von Frankreich entfernt. Und gerade mal zwei Stunden von Paris weg, falls wir mal eine richtige Großstadt brauchen. Das kann ja kein Zufall sein. Als die 19 Autoren dieses Magazins „ihre“ Ortenau beschreiben sollten, ging es um Themen wie Aufbruch, Unternehmens-

gründer, Tradition und gute Produkte. Da wären selbst den regionalen Standort-Marketern von der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) kaum positiver besetzte Themen eingefallen. Die Vielfalt der Ortenau wird abgebildet. Und da gehören nicht nur das Internet-Start-up Holidu der Siebers-Brüder dazu, die so eine Art Google für Ferienwohnungen entwickelt haben, sondern auch der Taubenzüchter aus Schmieheim, der nicht fotografiert werden will. Da gehört der Fotograf Stefan Wehrle dazu, dessen Schwarzwaldmädels, wenn ich sie denn so nennen darf, sicher keine Schwarzwälder Kirschtorte mehr backen können. Die Konditormeisterin Giulia Boschert aus Oberkirch macht das dagegen jeden Tag. Alles liegt hier nah beieinander. Wie groß ist denn der Unterschied zwischen der Modebloggerin Claudia Zakrocki, die 35.000-Instagram-Follower hat, und der Bollenhut-Macherin Gabriele Aberle, die schon so etwas wie ein Smartphone und eine Mail-Adresse für ziemlich überflüssig hält? Der Unterschied ist deshalb nicht besonders groß, weil jede der beiden von ihrer Zielgruppe jeweils bestens erreicht wird. Und dem über 80-jährigen Winzer Heinrich Männle habe ich auf den Seiten 14 und 15 etwas jüngere Frauen gegenübergestellt, das DJane-Duo „Shelectric“, Alexandra Herrmann und Melanie Allgaier. Auf den beiden Seiten müssen Sie übrigens nicht einmal etwas lesen.

Manfred Hammes

P.S. Mein besonderer Dank geht wieder mal an Nikolaus von der Decken, der die Burda Journalistenschule (BJS) leitet und der einfach mal „Ja“ gesagt hat zu diesem Projekt. Unkomplizierter und effektiver kann Zusammenarbeit nicht sein.

3


O R T E N A U R E P O R T A G E N | inhalt

INHALT 3

Editorial

5 Karte Und wo zum Kuckuck ist die Ortenau. IMPRESSIONEN 6 Die Jahreszeiten und ihre Menschen Von Ulrich Marx, Nina Kuhn, Robert Schwendemann und Oliver Rath. FUSSBALL 18 Eine für Alle, und Alle für Eine Warum die Kleinen mit den Großen mithalten können. START-UPs 23 Der Traum des Torwarts Warum der wahre T1TAN aus der Ortenau kommt. TRADITION

27

„Wir haben den Hut, wir haben das Glück“ Warum Gabriele Aberle jeden Tag an einer Weltmarke arbeitet.

BLACK FOREST RELOADED 30 Schwarzwald 4.0 Wie der Schwarzwald sich gerade neu erfindet. FASHION 34 Stil-Vorbild aus dem Schwarzwald Wie Claudia Zakrocki sich zur Marke stylt.

START-UPs 37 Auf eigenen Beinen Wie Ortenauer Jung-Unternehmer selbst in der TV-Höhle der Löwen bestehen.

VIRTUAL REALITY 63 Auf dem Rücken des purpurnen Drachen Warum der Europa-Park mal wieder seiner Zeit voraus ist.

IMPRESSIONEN 41 Wie Günther Petry schöne Natur und Michael Habura schöne Industrie fotografieren.

START-UPs 66 Ein Google-Spezial Warum Holidu für jeden die richtige Ferienwohnung findet.

MÄNNLEs 44 Wetterrobuste Wein-Tradition Wer in der Ortenau Männle heißt, macht guten Wein.

TRADITION 70 Ortenauer Zigarren Warum „Herr Lehmann“ auch eine Frau sein kann.

WEIBLEs 46 Starke Frauen, starke Biere Warum die Zeiten vorbei sind, in denen das Bier Mönchs- und Männersache war.

VOICE

NEW YORK 50 Über die Brooklyn Bridge in den Black Forest Warum Sie sich in 733, Fulton Street wie zuhause fühlen können. 52 15MAL WAS GUTES – TIPPS Tapas und Alpakas aus dem Schwarz wald. Das ZMF aus Freiburg, DJanes teilweise aus der Bildungsregion. Daydreams aus BurdaTown. Feingeister, Zucker und Seide. Barista für alle. Der Ort, wo Medizin mit einem spricht. Warum das Runde ins Runde muss und der Ober rhein grenzenlos kulinarisch ist. Sowie die große Lust eines ein zelnen, älteren Herrn, allerdings die LustaufProvence.de SZENIK.EU 58 Das Beste der Bühnen am Oberrhein Wie Hoch- und Szenekultur jeden Tag ins Videoportal kommen. TRADITION 60 Die Tauben von Schmieheim Warum auch die Taubenzucht ein harter Wettkampfsport ist.

73 Der Traum von der Karriere als Musikerin Warum Desirée Lobé tough sein muss und fighten will. HUND UND MENSCH 75 Flyball: Mit Harmonie zum Erfolg Warum mit Zwang gar nichts geht. HIP-HOP 78 Grenzenloses 2erPasch Wie mit Hip-Hop die Zweisprachig keit gefördert wird. ARBEIT 80 Jobs finden per Web-Videos Wie der Rhein nicht länger eine Arbeitsmarktgrenze bleiben muss. X-MAS 82 Keine weiße Weihnacht mehr Warum das Gengenbach, der Dorotheenhütte und dem Europa Park wenig ausmacht. 86 Autoren 87 Impressum

4


5


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

6


ORTENAUREPORTAGEN

Typischer Fall von Start-up in der Ortenau. Aber nicht nur im FrĂźhling.

Foto: Manfred Hammes

Zahlreiche weitere junge Unternehmen finden Sie in diesem Heft.

7


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

8


ORTENAUREPORTAGEN

Die Ortenau: Das heißt immer auch Straßburg.

Foto: Robert Schwendemann

Und zwar nicht nur im Sommer und bei guter Sicht.

9


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

10


ORTENAUREPORTAGEN

Die Ortenau: Immer positiv.

Foto: Robert Schwendemann

Denn der Herbst ist der FrĂźhling des Winters.

11


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

12


ORTENAUREPORTAGEN

Winter in der Ortenau.

Foto: Robert Schwendemann

Die beste Zeit, um mit der Ofenbank zu fusionieren.

13


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

Und das Sprichwort hat doch recht: Alter Wein und junge Weiber sind die besten Zeitvertreiber.

Mehr über Heinrich Männle auf Seite 45. Mehr über Shelectric

Foto: Ulrich Marx

auf Seite 59.

14


Foto: Oliver Rath

ORTENAUREPORTAGEN

15


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

Alles andere als Kaffeehaus-Geschrammel: Sarah Connor mal wieder in der Region.

Mehr Ăźber Jens Arnold, Sarah Connor und das ZMF

Foto: Foto: ??? Ulrich Marx

auf den Seiten 54 und 57.

16


Foto: ZMF_Nina Kuhn

ORTENAUREPORTAGEN

17


Fotos: Ulrich Marx

O R T E N A U R E P O R T A G E N | FUSSBALL

18


ORTENAUREPORTAGEN

Eine für alle, alle für eine In der Frauenfußball-Bundesliga findet sich neben bekannten „Männer“-Vereinen, wie dem FC Bayern München und dem VfL Wolfsburg, ein viel kleinerer Fußballklub. Aus Willstätt-Sand, einem Örtchen mit nur knapp 1600 Einwohnern, kommt der SC Sand. Doch wie schafft es ein so kleiner Verein, mit den Großen mitzuhalten? Ein Team mit einer ganz besonderen Erfolgsgeschichte. Von Berta Leinweber

E

Eine Kunstrasenfläche nimmt den Großteil des Kühnmatt-Stadions ein. Zwei kleinere Tribünen, auf denen jeweils knapp hundert Zuschauer Platz finden, stehen hier. Die Besucher, die sich ein Testspiel des SC Sand anschauen wollen, stehen in unmittelbarer Nähe zum Geschehen. Die Freilaufzone, die den Rasen vom Zuschauerraum trennt, beträgt nur wenige Zentimeter. Aufeinandergestapelte Bierkästen dienen als improvisierte Theke, an der Getränke ausgeschenkt werden. Vor dem kleinen Vereinshaus werden in einer Ecke Fanartikel des Vereins verkauft.

Von allen Seiten leuchten blau-weiße Schals und Fahnen, fast wie „auf Schalke“. Mit seiner Kapazität von maximal 2000 Zuschauern ist das Stadion des SC Sand das kleinste der Frauenfußball-Bundesliga. Das Stadion in Essen beispielsweise fasst rund 20 000 Zuschauer. Doch das stört die Sander Frauen nicht. Der kleine Verein hält sportlich mit den Großen mit und hat zwei Jahre nach dem Aufstieg in die Erste Liga sogar das Pokal-Endspiel erreicht; die Bayerinnen aus München wurden besiegt nach Hause geschickt, obwohl deren Jahresetat ein Mehrfaches beträgt. Geld schafft zum Glück doch nicht alles. Hier kämpft David gegen Goliath.

19


O R T E N A U R E P O R T A G E N | FUSSBALL Was aber muss ein so kleiner Verein wie der SC Sand leisten, um mithalten zu können? „Es ist das Familiäre, die Nähe, was uns von anderen Mannschaften unterscheidet. Die Fans stehen praktisch direkt am Spielfeld. Bei uns ist alles viel geballter und emotionaler“, erzählt Anne van Bonn, Mittelfeldspielerin der Mannschaft. „Alles geht Hand in Hand. Jeder packt mit an.“ Das ist nicht nur eine Floskel. Den verschneiten Kunstrasen an diesem Januartag befreien die Spielerinnen vor dem Vorbereitungsspiel gegen die männlichen B-Junioren des SC Bahlingen zusammen mit Trainer Alexander Fischinger und Co-Trainerin Claudia von Lanken. Spiele gegen männliche Junioren- oder Seniorenmannschaften sind mittlerweile fester Bestandteil in der Vorbereitungsphase. Hierbei üben sich die Spielerinnen besonders in der Schnelligkeit und im Zweikampf. „Da wir in der höchsten Liga

20

spielen, gibt es im Umkreis nicht so viele Damenmannschaften, die sportlich auf unserem Niveau liegen“, erklärt Stürmerin Christine Veth. „Um uns aber weiterzuentwickeln, müssen wir uns Gegner suchen, die uns fordern. Da liegt es nahe, gegen gute Männermannschaften aus dem Umkreis anzutreten.“ Alles beginnt im Jahr 1979 mit einer Hobbymannschaft. Zwei Jahre nach der Gründung eines festen Kaders werden erste Erfolge erzielt: Meister der Bezirksliga und später der Gewinn der Südbadischen Meisterschaft. 1996 steigt der Verein in die Bundesliga auf und sichert sich den sechsten Platz. Nach der Verkleinerung der Frauen-Bundesliga scheiden die Damen jedoch aus der Liga aus. Doch davon lassen sie sich nicht aus der Bahn werfen: Oberliga-Aufstieg und Regionalliga, bis 2014 dann erneut der Aufstieg in die FrauenBundesliga gelingt.

Erst am letzten Spieltag schafft die Mannschaft mit dem 1:0 gegen Leverkusen den Klassenerhalt. In der 71. Minute schießt Ilaria Mauro das Tor. Sportlich kann der Verein mit den anderen mithalten, finanziell geht das nicht. Während der FC Bayern München vor den kalten Temperaturen flieht und sein Trainingslager nach Spanien verlegt, bleibt der SC Sand in Deutschland. „Wir versuchen unseren Etat sinnvoll zu nutzen: Übernachtungen in Fünf-Sterne-Unterkünften vermeiden wir, und unsere Trainingslager finden nicht im Ausland statt. Wenn Geld dazukommt, finanzieren wir lieber ein schönes Teamevent“, setzt Co-Trainerin von Lanken Prioritäten. Daher kauft der Verein auch keine Spielerinnen ein, sondern lockt mit anderen Vorzügen, wie dem direkten Kontakt zu Sponsoren und Fans. >>


Fashion | O R T E N A U

>>

21


Foto: Ulrich Marx

O R T E N A U R E P O R T A G E N | FUSSBALL

Durch die Nähe kommen viele Förderer zu den Heimspielen und bleiben anschließend auf ein Gespräch mit den Fußballerinnen. So stehen hinter der finanziellen Unterstützung immer auch Menschen und nicht nur Unternehmen. Auch die Fans freuen sich über den Kontakt zu ihren Idolen. Wieder gilt: „Bei uns steht der familiäre Charakter im Vordergrund, die ländliche Umgebung“, stellt von Lanken klar. „Mit dem Klassenerhalt in der letzten Saison haben wir uns außerdem sportlich für potenzielle Spielerinnen interessant gemacht. Aber wir punkten auch mit Seriosität, Fairness und unserem Teamgeist.“ Vor allem mit Teamgeist. Der Zusammenhalt der Mannschaft ist der zentrale Erfolgsfaktor. Der Aufstieg in die Bundesliga und der Klassenerhalt am letzten Spieltag haben die Mannschaft zusammengeschweißt. „Der Unterschied zur letzten Saison ist, dass die Gruppe besser zusammenpasst.

22

Wir haben keine Spieler, die besonders herausragen. Die Leistung jeder Einzelnen im Kader ist wichtig. Wir treten füreinander ein“, so Abwehrspielerin Julia Zirnstein. Von einem starken Zusammenhalt sind auch die Fans der Mannschaft geprägt. Anfang des Jahres 2016 wurde der „SC Sand Frauen Fanclub“ gegründet, der die Spielerinnen bei den Spielen mit Trommeln und Fahnen anfeuert. „Die Chemie zwischen Fans und Spielerinnen stimmt, und deshalb unterstützen wir den Verein so gut wir können“, berichtet Anja Eiselt, Mitglied im Fanclub. „Wir sind sehr stolz, damit unseren Beitrag zum Erfolg zu leisten.“ Mittlerweile nehmen auch die großen Vereine der Liga den Fußballklub aus der Ortenau ernst. „Der Kader wurde mit einigen gestandenen Spielerinnen sinnvoll verstärkt“, stellt Thomas Wörle, Chef-Trainer des FC Bayern, fest. „Mehr als bemerkenswert sind die Auswärtssiege gegen die Teams von Turbine Potsdam und in Wolfsburg.

Gerade der Sieg gegen den absoluten Topfavoriten aus Wolfsburg lässt aufhorchen und zeigt die Stärke dieses Teams.“ Und der Pokal-Heimsieg gegen die Bayern, könnte man ergänzen . Dass der SC Sand als ernst zu nehmender Gegner wahrgenommen wird, war nicht immer so. „ Ich weiß noch, als wir nach Wolfsburg gefahren sind, wurden wir ein bisschen belächelt, weil wir mit dem Zug angereist sind. Da kommen die Kleinen aus Sand, hieß es“, erinnert sich von Lanken. Für das eingeschworene Team kein Grund, den Kopf einzuziehen. „Die Motivation im Team aus der Unterschätzung durch die anderen Mannschaften ist ein wichtiges Phänomen. Eine erfolgreiche Aufstiegsrunde stärkt das Selbstvertrauen und sorgt für Anfangsrespekt bei den anderen Teams“, erklärt Sportpsychologe Michael Gutmann. „Spannend wird es, wenn das Team von den Gegnern nicht mehr unterschätzt wird. Dann wird es darauf ankommen, das Bild des unterschätzten Underdogs abzulegen und den anderen Teams auf Augenhöhe zu begegnen.“


START-Ups | O R T E N A U R E P O R T A G E N

Der Traum des TorwarTS Zwei Hobby-Fußballer aus der Ortenau verkaufen mit ihrer eigenen Marke „T1tan“ Torwarthandschuhe mit hoher Qualität zum günstigen Preis. Durch digitale Vertriebswege und Marketingstrategien haben sie sich einen Traum erfüllt. Es dauerte nicht lange, bis auch eine deutsche Torwart-Legende auf sie aufmerksam wurde. Von Andreas Marx

Eine Erfahrung ist Matthias Leibitz besonders in Erinnerung geblieben: Als er 15 Jahre alt ist, steht er in der B-Jugend-Auswahl des SC Freiburg im Tor. Mit sechs Jahren schon spielte er auf dieser Position. Wie die meisten Jungs in seinem Alter träumt auch er davon, Profi zu werden. Einmal überreicht ihm einer der Profis seine ausrangierten Torwarthandschuhe. „Die Profi-Torhüter spielten mit Sonderanfertigungen. Die haben sich stark von meinen Modellen unterschieden“, erinnert sich Leibitz. „Das war ein Highlight für mich, aber ich habe gemerkt, wie wenig Grip meine Billigmodelle hatten und dass sie schlecht verarbeitet waren.“ Muss das so sein? Diese Frage lässt Leibitz nicht los.

Foto: Matthias Leibitz

Dieses Erlebnis ist fast 15 Jahre her, doch auch heute unterscheiden sich Torwarthandschuhe qualitativ und preislich: Die Spanne reicht vom Billigmodell für 18 € bis zum Profimodell von Reusch für 150 €. Die Handschuhe in den Sportfachgeschäften und an den Händen der Profis sehen zwar gleich aus, haben aber einen unterschiedlichen Grip, fühlen sich besser an, sind besser verarbeitet. „Außerdem sind sie gesponsert. Ein Profi zahlt keinen Cent dafür. Und der Amateur zahlt drauf. Irgendwann beschloss ich, das zu ändern.“ Der Traum vom Fußballprofi wird zum Traum eines eigenen Torwarthandschuhs. Hochwertig und bezahlbar. Rückblick: Während seines BWL-Studiums lernt er Manuel Meier kennen. Zusammen schmieden sie den Plan, eine eigene Firma zu gründen, so unabhängig wie möglich zu sein und dafür die Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Sie brainstormen in einer Kneipe, halten ihr Geschäftsmodell auf einem Bierdeckel fest. Da erinnert sich Leibitz an seine Zeit als Keeper beim SC Freiburg und an den Traum des eigenen Handschuhs. „Alle Torhüter wollen die Handschuhe der Profis haben. Die aber gibt es nur bei Ebay für 150 €, und im Laden nur

23


O R T E N A U R E P O R T A G E N | START-Ups Schrott.“ Sie beschließen, Torwarthandschuhe herzustellen, die gut und günstig sind, und gründen die Marke „T1tan“ in Anlehnung an Oliver Kahn. Der Traum wird langsam Wirklichkeit. Das Geschäftsmodell der Unternehmer ist ebenso erfolgreich wie einfach – und lässt sich bequem von der Couch aus durchführen. Ein Kunde, der auf ihrem Onlineshop ein Paar Handschuhe kauft, erhält wenig später eine automatische Auftragsbestätigung. Die Software registriert den Geldeingang und schickt dem externen Logistiker automatisiert eine E-Mail mit dem Auftrag. Der verpackt und verschickt schließlich das Paket zum Kunden. „Wenn alles normal läuft, hat man zwischen 24 und 48 Stunden das Paket“, sagt Leibitz. Der Logistiker organisiert außerdem den Export der Materialien nach Pakistan, da erst dort die Handschuhe produziert und zusammengenäht werden. Die fertigen Exemplare importiert er wieder und lagert sie bei sich ein. „Die Logistik ist unglaublich komplex. Früher haben wir versucht, das selbst zu stemmen, sind aber gescheitert. So haben wir den Stress nicht und mehr Zeit für unsere Kernkompetenzen Produktentwicklung, Vermarktung und Kundenservice.“ Den Rest erledigt der Algorithmus. Sie benutzen Materialien, die auch Mitbewerber wie Reusch oder Uhlsport einsetzen. „Unsere Handschuhe verzichten auf unnötigen Schnickschnack. Farbige Beläge der Innenflächen oder komplizierte Verschlüsse machen sie nicht besser, aber dafür teurer.“ Aus eigener Erfahrung weiß Leibitz, dass das als Hobby-Torwart empfindlich ins Geld gehen kann, wenn pro Saison drei oder vier Paare gekauft werden müssen. Deswegen ist ihre Klientel auch der Amateur-Torwart von der Kreisklasse bis in die Landesliga. Da Leibitz und Meier ohne Zwischenhändler agieren, können sie auch einen Preis ansetzen, der nur halb so teuer ist wie bei einem Profihandschuh: „Wir liefern bei gleicher Qualität für 55 Euro.“ Der automatisierte Arbeitsprozess erlaubt es Leibitz, den Verkauf seiner eigenen Marke als Nebenjob auszuführen. Eigentlich ist er Senior Market Manager bei der Firma Hobart in Offenburg, die sich mit der Offenburger Firma MEIKO den Weltmarkt für Profi-Spülmaschinen teilt. „Bei der Einstellung hatte ich unsere Firma schon gegründet und das auch so kommuniziert. Die sagten, dass das kein Problem darstelle, wenn sich mein Geschäft und meine Arbeit nicht in die Quere kommen“, sagt Leibitz. Ihre Firma haben die Gründer zu einem vollautomatischen Selbstläufer aufgebaut. Doch das war nicht immer so. Nach der Gründung der Marke „T1tan“ gibt es schnell Probleme. Ein ehemaliger Lieferant versucht die Jungunternehmer auszutricksen. „Die haben nicht die vereinbarte Qualität geliefert, sondern minderwertige Ware. Mit unserem jetzigen Lieferanten haben wir ein Vertrauensverhältnis, aber am Anfang mussten wir Lehrgeld bezahlen. Das hat damals fast zur Einstellung unseres jungen Unternehmens geführt.“ Ein anderes Mal zweifeln Leibitz und Meier so stark an ihrem Geschäftsmodell, dass sie aufgeben wollen. Sie wussten nicht, wie sie ihren Bekannt-

24

heitsgrad steigern sollten. Geld für große Werbeinvestitionen war nicht vorhanden. Doch ihr geschickt gewählter Markenname erweist sich eines Tages als Glücksfall. Leibitz und Meier werden in die Geschäftsstelle der Titaneon Media AG gebeten, Oliver Kahns Firma in der Nähe des Münchner Olympiastadions. Anfangs denken die jungen Unternehmer, dass eine Unterlassungsklage auf sie wartet, weil etwa ein Verstoß gegen Namenoder Markenrechte vorläge. Doch es kommt anders. Sie werden gefragt: „Wie sieht’s aus, wollt ihr eure Firma verkaufen?“ Zwar werden bei diesem Gespräch keine Zahlen genannt, doch Kahn erklärt ihnen sein Geschäftsmodell, plant, nach Asien und Südamerika zu expandieren. „Wir hätten sicher keine überzogenen Preisvorstellungen gehabt. Wichtiger wäre uns, weiter die Produktverantwortung zu haben.“ Nach dem Gespräch verabschiedet sich der Titan mit den Worten: „Ich melde mich bei euch.“ Das hat er bisher nicht getan. Dennoch: Diese Erfahrung machte Meier und Leibitz Mut weiterzumachen, nicht aufzugeben, besser zu werden. Sie arbeiten professioneller, nutzen soziale Netzwerke und verschicken ihre Handschuhe an Youtuber, die einem großen Publikum neue Produkte vorstellen. Das Feedback ist stets gut, Kundenrezensionen auf Amazon durchweg positiv. Ludwig Hemmerle ist Torwart und spielt beim FSV Wehringen bei Augsburg. Zusammen mit Fabian Pecher betreiben sie den Youtube-Channel „Freestylekickerz“, einen beliebten Kanal mit 21.000 Fans. Auch er ist überzeugt von ‚T1tan‘. „Wichtig sind vor allem ein guter Grip und kein allzu großer Abrieb. Ich mag es, wenn der Handschuh das natürliche Fang- und Wurfverhalten nicht beeinträchtigt. Der Grip bei „T1tan“ ist sehr gut, man merkt auf jeden Fall den Profihaftschaum, der hält auch deutlich länger als bei den normalen Handschuhen.“ Vor Vergleichen mit den ganz Großen brauchen sich die Macher von „T1tan“ also nicht scheuen, allerdings: Weder Uhlsport noch Adidas haben von „T1tan“ jemals gehört. „Es gibt unzählige Handschuh-Firmen“, heißt es von Reusch. „T1tan ist nicht im Mindesten relevant für uns.“ Doch die Leistungskurve steigt nach oben: Während die T1tan-Facebookseite im Jahr 2014 noch 1.000 Likes hatte, sind es 2016 schon 13.000. Den Traum vom eigenen Handschuh hat sich Meier verwirklicht, doch sein Hunger ist nicht gestillt: „Wir wollen die Nummer eins im Vertrieb von Torwarthandschuhen im deutschsprachigen Raum werden. Der Deutsche Fußball-Bund ist der größte Sportverband der Welt. Diesen Heimvorteil wollen wir nutzen.“ Die Nummer eins werden zu wollen ist für jemanden, der sie jahrelang auf dem Rücken getragen hat und diese Ziffer auch im Produktnamen inspiriert hat, fast eine Verpflichtung. Vielleicht wird sich Oliver Kahn irgendwann ärgern, Leibitz und Meier danach kein Angebot gemacht zu haben. Einen Scoop konnten sie jedenfalls schon landen: So trug bei den Olympischen Spielen 2012 zum ersten Mal ein Nationalkeeper die Marke „T1tan“ – und das ganz ohne Sponsoring. Es war der Schlussmann der Vereinigten Arabischen Emirate beim 1:3 gegen England; doch diesen Handschuh müssen sich Leibitz und Meier nicht anziehen.


www.e-werk-mittelbaden.de


Foto: Simone Boettcher-Murr

O R T E N A U R E P O R T A G E N | TRADITION

26


ORTENAUREPORTAGEN

„Wir haben den Hut, wir haben das Glück“ Er prangt auf LKWs, ist auf Tourismus-Messen omnipräsent und fasziniert sogar die Kunst der Moderne: der Bollenhut. Hutmacherin Gabriele Aberle ist mit dem Schwarzwaldsymbol nicht nur groß geworden, ihr wurde die Tradition quasi in die Wiege gelegt Von Alissia Lehle

G

Gabriele Aberle schaut aus der Tür ihres alten Schwarzwaldhauses, lacht herzlich und grüßt im alemannischen Dialekt. Wie in einem Heimatfilm lehnt sie auf der unteren Hälfte der alten schweren Holz-Klöntür, die für die Häuser in der Region typisch ist. Sie trägt Tracht. Alles passt zusammen, von der weiß gemusterten Haube über die blaue Schürze bis hin zu den schwarzen Trachtenschuhen. Sie wohnt idyllisch. Um ihr Haus ist es verschneit. Gabriele Aberle stammt aus der Bollenhut-Gemeinde Gutach. Sie ist eine der Letzten, die das Traditionshandwerk der Bollenhut-Herstellung beherrscht. Der Bollenhut hat für die 61-jährige eine lange Familientradition. Ihre Großmutter hat sich das Wissen der Fertigung nach dem Zweiten Weltkrieg selbst angeeignet und anschließend der Mutter von Gabriele Aberle vermacht. Ihre Mutter hat das Handwerk 1984 wiederum an Gabriele Aberle weitergegeben. „Eigentlich will man als junges Mädchen nicht in eine Schublade gesteckt werden. Aber dadurch, dass ich im Ort geblieben bin und immer einen Bezug zur Tracht hatte,

ist es mir leichtgefallen, das Handwerk weiterzuführen. Aber es läuft unter Hobby, das muss man dazu sagen“, sagt Aberle, die nach der Schule eine Banklehre gemacht hat. Wem sie die Bollenhut-Fertigung beibringen wird, weiß sie noch nicht. Ihre Tochter wohnt in München. Aber ausschließen, dass die Tochter einmal in vierter Generation weitermacht, will sie nicht. Interessentinnen aus Gutach gäbe es genug. „Ich möchte es aber nur an eine einzige Person weitergeben. Aus dem Grund, dass der Hut gleichbleibt. Jede Hutmacherin bringt auch eine persönliche Note mit ein. Die Gefahr, dass der Bollenhut zu unterschiedlich wird, ist sonst zu groß.“ Eine kleine Stube in dem Haus von Gabriele Aberle ist dem Bollenhut gewidmet. Eine Wand ist mit fünf Bollenhüten geschmückt, drei rote, zwei schwarze. Ein Hut ist bereits über 100 Jahre alt. Seine aufgenähten Bollen sind noch wesentlich kleiner, auch die typische Kreuzform ist besser zu erkennen. Neben den Hüten hängen Fotos aus Gabriele Aberles Jugend. Sie in jungen Jahren mit rotem Bollenhut und auf ihrer Hochzeit mit dem traditionellen Schäppel, der aufwendig geschmückten Brautkrone.

Auf dem Holztisch im Raum ist ein Korb voll roter Wolle, verschieden große Strohhüte und unfertige Wollbollen. Während Aberle die roten Bollen mit einer Schere gleichmäßig abrundet, erzählt sie mit Stolz vom Ursprung der Bollenhüte. Der Bollenhut ist Teil einer evangelischen Kirchentracht, die sich im frühen 18. Jahrhundert in den Nachbargemeinden Gutach, Kirnbach und Reichenbach entwickelt hat. Inzwischen ist der Bollenhut zum Symbol für den gesamten Schwarzwald geworden. Der erste Hut war ein Strohgeflecht, auf dem 14 rote Kreise in Kreuzform aufgemalt waren. Ungefähr 1820 wurden die aufgemalten Kreise erstmals zu Wollrosen, diese sind mit dem Wohlstand ab Ende des 19. Jahrhunderts immer größer geworden. „Der heutige Bollenhut wird fast wie früher hergestellt. Die Strohhüte bekomme ich aus Italien. Ich leime, forme und gipse sie. Dann fertige ich aus zirka zwei Kilogramm Wolle die 14 Bollen, schneide sie dann so ab, dass sie oval sind. Anschließend nähe ich sie in Kreuzform an.“ Während sie erzählt, wird klar, dass sie diese Schritte schon Hunderte Mal gemacht hat. >>

27


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TRADITION

Dass die Tradition der Tracht und des Bollenhutes auch in Zukunft bewahrt wird, ist Gabriele Aberle besonders wichtig. Mit Begeisterung erzählt sie: „Für mich sind die fünf- bis sechsjährigen Mädchen die eigentlichen Stars. Sie tragen die Trachtenkleider mit Stolz und fühlen sich dabei wie kleine Prinzessinnen.“ Sie öffnet die Türen einer Vitrine. Vier Puppen in Gutacher Tracht und Bollenhut stehen darin. Auch diese Bollenhüte hat sie selbst hergestellt. Sie zeigt, wie detailliert gearbeitet wurde, ein Püppchen hat sogar Angora-Socken an. Die Popularität des Bollenhutes ist der Gutacher Malerkolonie des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Die Maler Curt Liebich und Wilhelm Hasemann trugen durch ländliche Postkartenmotive des Gutachtals dazu bei, dass der Hut mit den roten Bollen internationale Bekanntheit erlangte. Durch Heimatfilme der 1950er- und 1960er-Jahre und die Operettenverfilmung „Schwarzwaldmädel“ wurde der Hut fälschlicherweise dem gesamten Schwarzwald zugewiesen. Der Bollenhut wird mittlerweile auf vielen Produkten aus Baden und dem Schwarzwald eingesetzt.

Fotos: Simone Boettcher-Murr

Das stört die Hutmacherin aber nicht: „Jede Werbung mit dem Bollenhut ist auch eine Werbung für Gutach. Ich finde es aber wichtig, dass man das Original zeigt und die Bedeutung erklärt.“ Das sei in der Kunst nicht immer der Fall. Fotos und Kunstwerke, die den Bollenhut mit Drogen und Waffen in Verbindung bringen, stören sie: „Natürlich ist das die Freiheit des Künstlers. Es kommt auf das Werk an. Es gibt moderne Bilder mit dem Bollenhut, die ich klasse finde. Die würde ich mir selber hinhängen. Aber ich denke mir, muss eigentlich jeder mit dem Bollenhut Geld verdienen?“

28

Dass der Bollenhut so beliebt ist, dass er sogar andere Trachten verdrängt, bedauert sie: „Ich finde es schade, dass man die eigene Tracht nicht schätzt. Es gibt ja so viele andere schöne Trachten im Schwarzwald.“ Sie macht eine kurze Pause, dann lacht sie: „Gut, wir haben den Hut, wir haben das Glück.“


Check-Up Zentrum

Vorsorgeuntersuchungen in entspannter Atmosphäre Ein kompetentes Fachärzte-Team analysiert Ihren Gesundheitszustand umfassend und kann dabei den leistungsstärksten MRT sowie den hochauflösendsten und strahlenärmsten CT der Region nutzen. Tel +49 7226 54 400 oder auf www.max-grundig-klinik.de

MRT 3,0 T

Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Diehm


O R T E N A U R E P O R T A G E N | BLACK FOREST reloaded

Schw rzw ld 4.0 Kuckucksuhr, dunkle Tannen, Schwarzwälder Kirschtorte und das Schwarzwaldmädel sind überall auf der Welt die ersten Assoziationen, wenn es um Black Forest, Forêt-Noire oder den Schwarzwald geht. Um die Traditionen nicht verstauben zu lassen, erfindet sich der Schwarzwald gerade neu. Doch nicht alle sind mit diesem Imagewandel einverstanden. Von Sophie Sonnenberger, Alissia Lehle und Maren Schwarz

I

„In puncto Kirschwasser darf es bei der Schwarzwälder Kirschtorte gerne ein bisschen mehr sein“, sagt Konditorin Giulia Boschert, während sie in der Backstube der Confiserie Gmeiner die dünnen Biskuit-Böden mit Schnaps tränkt. An diesem Arbeitsschritt hat sich seit der Entstehung der Königin der Torten nichts verändert. Als Nächstes greift sie zu Eiern, Zucker und Schokolade. Sie peppt die Torte, die traditionell nur aus SchokoBiskuit, Sauerkirschen und Schlagsahne besteht, mit einer Ganache, einer Masse aus Sahne und Schokolade, auf. „Bei uns wird die Torte seit einiger Zeit nicht mehr so zubereitet wie zu Großvaters Zeiten. Unsere Kunden wollen eine zeitgemäße Variante des Klassikers“, erklärt Boschert. Die Konditorei verwöhnt ihre Kunden seit über 100 Jahren mit süßen Leckereien. Nicht nur in der Ortenau, sondern auch im fernen Japan, wo die Schwarzwälder Kirschtorte reißenden Absatz findet. Weiterentwicklung schätzt Konditor Gmeiner, deshalb hat er das Rezept vor einigen Jahren modernisiert. Er ist nicht der Einzige, der traditionelle Symbole aus der Region neu interpretiert. Auch in der Kunst wird aus traditionell modern. Der Offenburger Künstler Stefan Strumbel verwandelt die weltberühmte Kuckucksuhr in einen hippen Kultgegenstand. Selbst Karl Lagerfeld äußert sich gegenüber dem „Spiegel“ begeistert: „Ein neuer Ausdruck von deutscher Kultur, das ist sehr stimulierend.“ Das Holz lackiert Strumbel in Neonfarben. So wird aus Gemütlichkeit Rebellion. Mit seinen Uhren bricht er mit der 250-jährigen Schwarzwälder Tradition und macht sie zu einem neuen Symbol für Heimat. Statt Vögelchen, Tannenbäumen und Bauernjungen verwendet Strumbel Handgranaten, Knochen, erlegte Tiere oder Waffen. Verziert mit Parolen, wie „What the fuck is Heimat“, sagt er dem Image der Kuckucksuhr den Kampf an und kreiert ein modernes Street-Art-Image.

30

Zurück in die Konditorei: Giulia Boschert lässt die Sauerkirschen abtropfen und bringt Kirschsaft, Zucker, Zitronensaft und Zimt zum Kochen. Das haben die Schwarzwälder Bäuerinnen schon im 19. Jahrhundert so gemacht. Sie haben ihren Gästen zu besonderen Anlässen ein Dessert aus eingelegten Kirschen und geschlagenem Rahm serviert. „Diese Mischung aus Kirschen und Sahne schmeckt sowohl Einheimischen als auch Urlaubern heute noch. Sie bestehen darauf, bei uns ein Stück Schwarzwald zu essen. Deshalb würden wir sie nie aus dem Sortiment nehmen“, erklärt die Konditorin, während sie die Flüssigkeit unter ständigem Rühren aufkochen lässt. In der Confiserie Gmeiner geht nur noch die Schwarzwälder Kirschtorte mit Ganache über die Ladentheke, außerdem bietet die Confiserie eine leichte Variante der Torte im Dessertglas an. Auch im Spirituosen-Regal gibt es Neuigkeiten aus dem Schwarzwald. Neben dem berühmten Kirschwasser findet man dort einen weiteren jungen Exportschlager. „Monkey 47“ ist ein Dry Gin, der von der Brennerei „Black Forest Distillers“ in Loßburg hergestellt wird. Im Gegensatz zur britischen Traditionsvariante wird der Schwarzwälder Gin mit regionalen Kräutern verfeinert. Wolfgang Weiler vom Schwarzwälder Tourismus-Verband ist begeistert: „Die neuen Spirituosen verdrängen die traditionellen ‚Wässerli‘ aus der Region nicht, sie ergänzen sie aufs Beste.“ Der Fotograf Sebastian Wehrle aus Freiamt interpretiert ebenfalls ein Markenzeichen des Schwarzwalds neu. Zusammen mit der Visagistin Ramona Strudel hat er das berühmte Schwarzwaldmädel neu inszeniert. „Wir wollten die Trachten anders in Szene setzen“, sagt Wehrle. Er kreiert eher düstere Fotos, die „das Mädel“ in einem völlig anderen Licht, aber doch vertraut erscheinen lassen. Die Models tragen Tattoos, Piercings und traditionelle Kopfbedeckungen wie den Bollenhut oder eine Art überdimensionale Schleife,>>


Fotos: Simone Boettcher-Murr

ORTENAUREPORTAGEN

31


O R T E N A U R E P O R T A G E N | BLACK FOREST reloaded

„ Die

HEIMAT wächst mit “ Was ist für Sie Heimat? Wehrle: Was Heimat bedeutet? Also ganz im Grunde ist es für mich da wo ich geboren bin, meine Umgebung als Kind. Ich verbinde das immer so ein bisschen mit noch Kind sein. Aber wenn man erwachsen wird, dann wird Heimat immer größer. Es ist dann eigentlich der Komfortbereich, kann man sagen. Da wo man sich wohlfühlt. Die Heimat wächst mit. Wie würdest du den Schwarzwald in drei Worten beschreiben? Wehrle: Tannenbäume, frische Luft, fleißige Menschen. Das gefällt mir.

Hattest du auf deiner Reise Sehnsucht nach deiner Heimat? Wehrle: Ja. Auf den Reisen merkt man dann wirklich, was Heimat bedeutet. Familie, Freunde, Opa, Oma. Und natürlich das Essen. Ich war so oft enttäuscht von der Küche auf meinen Reisen. Da habe ich die Heimat hin und wieder schon vermisst. Könntest du dir vorstellen, den Schwarzwald für immer zu verlassen? Ich glaube nicht. Ich würde hier in Freiamt gerne ein Haus bauen. Schwarzwald oder Reisen? Wehrle: Reisen im Schwarzwald. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich in der Heimat bleiben.

Foto: Ulrich Marx

Fotograf Sebastian Wehrle liebt seine Heimat. Genau deshalb hat er die modernen Schwarzwaldmädels in den alten Trachten fotografiert, mal mit dem roten, mal mit dem schwarzen Bollenhut.

32


ORTENAUREPORTAGEN

die man Hornkappe nennt. Beim Bollenhut-Motiv kombinieren sie den Hut mit der Simonswälder Tracht. „Wir haben damit etwas zusammengebracht, was eigentlich nicht zusammen darf“, sagt Wehrle. Eine Kombination, die früher nicht möglich gewesen wäre. Heute ist das anders. Denn der Stilbruch ist erfolgreich. In der Ortenau ist nicht jeder angetan von Stilbrüchen. Gabriele Aberle aus Gutach ist eine der letzten Bollenhutmacherinnen der Ortenau. Sie will an der Trachten-Tradition festhalten. Der Hut, der mit 14 roten Bollen verziert ist, darf nur von ledigen Frauen getragen werden. Ab dem Hochzeitstag sind die Bollen schwarz. Für Gabriele Aberle ist der Bollenhut, der in den drei Gemeinden Gutach, Kirnbach und Reichenbach seinen Ursprung hat, ein Stück Kulturgut und Brauchtum. Die Hutmacherin betont: „Es ist ein Stück Heimat für die Gemeinde und die Bevölkerung. Der Hut soll genau so weiter bestehen bleiben.“

Genau diese Trachten-Tradition gilt als Vorlage für die Schwarzwälder Kirschtorte. Einer Sage nach ist sie von den Farben in

der Tracht der Schwarzwaldmädel inspiriert worden. „Das Kleid ist so schwarz wie die Schokoladenraspel, die Bluse so weiß wie die Sahne und die Kirschen erinnern an die roten Kugeln auf dem Bollenhut“, erklärt die Konditorin, während sie die einzelnen Bestandteile der Torte zusammensetzt. Bei der Dekoration des Klassikers macht sie keine Experimente: Genauso wie zu Großvaters Zeiten verwendet sie Schokoladenspäne, Kirschen und kleine Schwarzwälder Tannenbäume aus Schokolade. Man müsse ja schließlich nicht alles an dem alten Traditionsrezept verändern, sagt die Konditorin.

Fotos: Simone Boettcher-Murr

Auch Mike Lauble, dreißig Jahre jünger als Aberle und Chef der Trachtenkapelle Gutach, kann sich nicht vorstellen, dass es jemals grüne, blaue oder pinke Bollenhüte geben wird, auch wenn das bereits einige Unternehmen zu Marketingzwecken nutzen. „Wir haben schon oft versucht, den Bollenhut schützen zu lassen, leider war und ist es nicht möglich, weil der Ursprung nicht genau bekannt ist.“ Stefan Strumbels Kuckucksuhren und Sebastian Wehrles Schwarzwaldmädels ordnen Lauble und Aberle dem Bereich der künstlerischen Freiheit zu. Trotzdem wünschen sich die beiden, dass Tradition und Originalität der Tracht erhalten bleiben.

33


O R T E N A U R E P O R T A G E N | FASHION

Stil-Vorbild aus dem Schwarzwald Bunt, blond und mit Hut: Claudia Zakrocki ist als stilbewusste Modebloggerin bekannt geworden. Die Lahrerin hat sich mittlerweile in der Modebranche zur Marke gemausert. Von Eva Harmeling

M

Man schaut hin. Wegen der Rockstar-Aura, die wie aus früheren MTVMusikvideos gegriffen scheint. Wegen der Hüte, ohne die sie nie das Haus verlässt, den Sonnenbrillen in Herzform oder mit übergroßen runden Gläsern, den Lederjacken mit Fransen, Fellkrempe oder Reißverschlüssen, die sie an so vielen Tagen trägt. Und wegen ihres lauten Lachens, das von ganz tief unten kommt. Claudia Zakrocki, genannt Cloudy, ist eines der bekanntesten Gesichter in der deutschen Modeszene. Angefangen hat alles mit ihrem Blog „Cloud44“ vor etwa sieben Jahren, auf dem sie ihre Outfits zeigte und kleine Kolumnen verfasste, zu allem was ihr gerade in den Sinn kam. Auf einem Foto von damals stand sie noch etwas verloren vor einer mit Graffiti besprühten niedrigen Mauer in Heidelberg, den rechten Fuß vor den linken gestellt. Heute lehnt sie in gleicher Pose, aber wesentlich lässiger an der Mauer des mächtigen Kronprinzenpalais in Berlin und wird von der deutschen und der amerikanischen Vogue fotografiert – es ist Fashion Week. In der Modeszene setzt Zakrocki Trends – in Form von Outfits und in Form von Meinung. Sie selbst bezeichnet sich als „Influencer“, ihr Stil ist in jedem Fall anders und wegweisend. Und wie wird man Vorbild für andere? Zakrocki war eine der ersten in Deutschland, die sich mit ihrem Blog einen

34

Namen machen konnte. 2009, als sie ihre erste Website ins Leben rief, gab es nur vereinzelt Blogs, das Schreiben und Veröffentlichen abseits der Printmedien war eher ungewöhnlich. Erst recht das Bloggen über Mode und das Zurschaustellen eigener Outfits. „Manch einer fand es möglicherweise komisch, dass sich da ein Mädel in Heidelberg in ihren Klamotten fotografieren lässt. Heutzutage ist das natürlich ganz normal, aber zu dieser Zeit steckte das Bloggertum noch in den Kinderschuhen. Cloudy hat es aber dennoch gemacht und sich immer darüber hinweggesetzt, was andere Leute dazu sagen“, verrät Anneli Botz, die als Online-Redakteurin arbeitet und seit dem gemeinsamen Studium gut mit Zakrocki befreundet ist. Für Zakrocki war ihr Blog „Cloud44“ eine Probe aufs Exempel, zunächst um festzustellen, ob das Schreiben ihr überhaupt Spaß macht. Eigentlich studierte sie Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte, um Lehrerin zu werden. Während eines Auslandssemesters in Australien fing sie dann mit dem Schreiben an. „Mein damaliger Freund meinte, ich solle doch mal einen Blog machen und schauen, ob es mir liegt und ob ich Lust habe, regelmäßig und unter Zeitdruck zu bloggen“, erzählt Zakrocki von ihren ersten Gehversuchen. Sie hatte Lust. So sehr, dass sie schließlich von Lehramt auf Magister umschwenkte und ihren Blog weiterführte. „Über das Bloggen habe ich viele nette Leute kennengelernt und Spaß daran gefunden.“ Zu diesen

Leuten gehörte auch Katja Schweitzberger, die zum damaligen Zeitpunkt gerade Deutschlands bekanntesten Modeblog „LesMads“ von ihren Gründerinnen Jessica Weiß und Julia Knolle übernommen hatte. „LesMads“ war Vorreiter und Vorbild der deutschen Modeblogs. Knolle und Weiß schrieben über Mode, Trends und Lifestyle – und machten damit bereits nach kurzer Zeit den Verleger Hubert Burda auf sich aufmerksam. Mit der Unterstützung von Hubert Burda Media avancierte die Seite zum meistgelesenen Blog Deutschlands. „Ich bin Katja ein halbes Jahr später zu ‚LesMads’ gefolgt und auf diesem Wege in die Branche reingerutscht“, erklärt Zakrocki ihren weiteren Weg. Es folgt ihr zweiter Blog, „Cloudycloudy“, den sie erwachsener gestaltet und professioneller aufzieht, mit einem schlichten Layout, hochqualitativen Fotos, längeren Kolumnen und kritischen Texten zu aktuellen Kollektionen und Modetrends. Nebenher schreibt sie als feste Autorin weiterhin für „LesMads“. „Ich habe Cloudys alten Blog wahnsinnig gerne gelesen. Ihre Art zu schreiben ist so ehrlich, authentisch, eigenwillig und witzig. Deswegen wollte ich sie unbedingt bei ‚LesMads’ dabeihaben“, erinnert sich Katja Schweitzberger. Zakrocki berichtet von der Fashion Week und sitzt jetzt plötzlich am Laufsteg in der ersten Reihe, wenn sie von der Fashion Week berichtet. Modebloggerinnen wie Claudia Zakrocki sind auf einmal mittendrin statt nur dabei.


Foto: Marlen Stahlhuth

Foto: EyeCandy Berlin

ORTENAUREPORTAGEN

35


O R T E N A U R E P O R T A G E N | FASHION

Foto: EyeCandy Berlin

Foto: EyeCandy Berlin

Foto: Sebastian Berthold

Die erfolgreichsten Blogger können von ihrer Arbeit sogar leben, haben sich zur eigenen Marke gemacht oder sogar ein Unternehmen um ihren Blog herum errichtet, wie die international bekannteste Modebloggerin Chiara Ferragni von „The Blonde Salad“. Verdienen wenige Blogger mittlerweile bis zu mehreren hunderttausend Euro im Jahr, erwirtschaftete Ferragni 2014 sogar sechs Millionen Euro. Dass Blogger mit ihrer Nahbarkeit, Authentizität und großer Leserschaft eine ideale Werbefläche bilden, haben viele Firmen mittlerweile erkannt. So wurden Blogger zu Vorbildern und bedienen Junge-MädchenTräume von Designersachen, Fotoshootings und Reisen an exotische Orte und die Metropolen dieser Welt.

36

Aber Cloudy Zakrocki möchte sich weiterentwickeln: Sie wird als Bloggerin, die das Online-Geschäft von der Pike auf gelernt und mitgestaltet hat, Chefredakteurin der Online-Ausgabe des „Interview Magazine“. Sie soll den kompletten Web-Auftritt umgestalten. Ein Riesenschritt: Das amerikanische „Interview Magazine“ wurde in New York von Andy Warhol ins Leben gerufen und bringt Interviews mit kreativen Köpfen aus den Bereichen Mode, Kunst und der Unterhaltungsbranche, teuer produzierte Modestrecken und hochkarätige Stars auf dem Cover. Ein Titel, der Rang und Namen hat – Zakrocki hat für die deutsche Online-Ausgabe freie Hand, die Seite läuft gut. Auch zu Interview.de holte Zakrocki Blogger als Redakteure. Sie erklärt sich das Blogger-Phänomen so: „Ich glaube, der Grund warum das Bloggen in den letzten Jahren überhaupt so groß wurde, hat viel mit Voyeurismus zu tun. Man kann sich als Leser mit den Bloggern identifizieren, und man selbst öffnet für die Leser Türen in eine Welt, die sie so nicht kennen.“ Auch Zakrocki bietet ihren Followern und Lesern genug Material zum Träumen. Rund 35.000 Fans hat sie mittlerweile auf der Fotoplattform Instagram. Fashionfans, die ihr Leben in der Traumschneiderei verfolgen und Schnappschüsse ihrer Egg Benedicts im Berliner Szene-Café „Melbourne Canteen“ in Neukölln mit einem Like belohnen. Ein Leben, von dem viele träumen: Journalist sein, in der Modeszene verwurzelt, Reisen an die schönsten Orte der Welt, tolle Hotels. Bei all dem Traummaterial bleibt Zakrocki aber bescheiden: „35.000 ist nicht unbedingt viel im Vergleich zu dem, was andere haben.“ Mit ihrem offenen, freundlichen und unverkrampften Wesen widerlegt sie das weitverbreitete Klischee der Modezicken. Zakrocki geht es bei ihren Outfits nicht ausschließlich ums Aussehen und Gesehenwerden. Sie sieht Mode als eine Kunst, die im Alltag oft vernachlässigt wird: „Mir geht es darum, Mode kritisch zu betrachten, als Produkt eines Designers als auch als Nutzobjekt der Gesellschaft.“ Das Beispiel Cloudy Zakrocki zeigt: Bloggen kann tatsächlich ein Sprungbrett in die Medienwelt sein. Ein persönlicher Blog ermöglicht dem Verfasser, zu schreiben wie er will und was er will – kombiniert mit der Sympathie der Leser ist das oft schon ein Erfolgsgarant. Um ihren Blog „Cloudycloudy“ weiter-zuführen, fühlt sich Zakrocki allerdings zu alt. Dass sie sich mit ihren fast 30 Jahren selbst zum „alten Eisen“ zählt zeigt, wie schnelllebig die FashionBranche geworden ist, in der Instagram-Schnappschüsse den Ton angeben und bereits Online-Magazine dazu vergleichbar langsam sind. „Ich bin da einfach rausgewachsen“, erklärt die Lahrerin, die Ende 2015 still und leise ihren Posten bei Interview.de aufgab und nach kurzem Nachdenken hinzufügt: „Das ist natürlich auch eine Typfrage, und ich war nie der Typ, der sich von morgens bis abends nur mit der eigenen Person beschäftigen möchte – das ist fürs Bloggen natürlich fast unabdingbar. Ich arbeite lieber für eine Sache als für ein Bild meiner Person.“ Dabei hat sie in der Welt von Street-Style-Fotografie und Instagram längst ein Bild von sich kreiert: Es ist bunt, locker, lustig – und es trägt in jedem Fall Hut.


START-Ups | O R T E N A U R E P O R T A G E N

Auf eigenen

Beinen Junge Unternehmer aus der Ortenau mit ungewöhnlichen Ideen Von Jennifer Faatz Sie sind überzeugt von ihrer gereiften Idee: einem handflächengroßen Blumentopf aus recycelbarem Kunststoff, den jeder, inspiriert von Origami, selbst zusammenbasteln und überallhin mitnehmen kann. Doch könnten sie auch andere davon begeistern? Das Feedback aus dem Bekanntenkreis ist gut. Dennoch investieren die beiden zunächst lediglich 500 Euro in ihr Hobbyprojekt und arbeiten hauptberuflich weiter in anderen Jobs: Takahashi als Informatikerin und Designerin, Atz als Jurist. Zeit für das eigene Projekt bleibt nur wenig, die Arbeit ist schwer: Sie suchen nach Unternehmenspartnern aus der Region und bekommen immer wieder Tipps von Bekannten und

Ansprechpartnern aus der Umgebung, bis sie schließlich innerhalb Baden-Württembergs fündig werden. Doch damit ist die Arbeit nicht getan. Mit ihrem kleinen Budget können sie zunächst nur wenig Werbung machen. Das Projekt bleibt ein Hobby, das vor allem über Mundzu-Mund-Propaganda bekannter wird. Bis die Produktionsfirma der VOX-Show „Die Höhle der Löwen“ auf die beiden Unternehmer aufmerksam wird und anfragt, ob Takahashi und Atz ihr Produkt in der Sendung vorstellen möchten. Sie präsentieren „Mobile Garden“ im September 2015 im Fernsehen. Der ErlebnisGutschein-Vermarkter Jochen Schweizer,

Foto: MG-ZDF

E

Ein Garten für unterwegs Ein Garten zum Mitnehmen: Das ist der Wunsch der Japanerin Akiko Takahashi (35), als sie während ihres Studiums nach Deutschland kommt. Aus Japan kennt sie die Tradition kleiner Gärten aus Moos und Farn, die in den meist sehr kleinen Wohnungen aufgehängt werden. Diese selbstverständliche Integration der Pflanzen in den Alltag fehlt Takahashi in Deutschland. So entsteht, gemeinsam mit ihrem Freund Christian Atz (32), die Idee, alltagstaugliche Mini-Gärten zu entwickeln. Mitte 2013 gründen Takahashi und Atz in Lahr das Unternehmen „Mobile Garden“.

37


O R T E N A U R E P O R T A G E N | START-Ups

der bereits bei einigen Start-ups engagiert ist, investiert. „Seitdem arbeiten wir beide hauptberuflich daran“, sagt Christian Atz. Sie widmen sich nun ganz ihrer Produktpalette, die beständig erweitert werden soll. „Im Moment entwickeln wir neue Prototypen für Sukkulenten, die Feuchtigkeit aus der Luft binden. Und ein Mobile Garden Junior für Kinder und Jugendliche wäre schön“, sagt Atz. „Erst mal schauen, ob Bedarf da ist.“

Pforzheim, muss er als Seminararbeit ein eigenes Programm entwickeln. Er erinnert sich an das positive Image des Schwarzwaldes, das im Ausland besser zu sein scheint als im Schwarzwald selbst. Das nimmt er als Anlass, designt und programmiert das Spiel „Schwarzwaldmarie“, in dem der Spieler ein kleines Mädchen mit Bollenhut durch den Wald steuert, dabei Schwarzwälder Kirschtorte einsammeln und sich gegen wilde Tiere zur Wehr setzen muss.

App: Schwarzwald aufs Handy

Sein größtes Problem während dieser Zeit ist das Programmieren. „Ich war immer eher kreativ. Nun musste ich plötzlich zurück an mein Mathe-Abitur und Funktionen denken. Das war holprig.“ Doch er bekommt Hilfe an der Universität, kämpft sich durch. So entsteht im Laufe eines Semesters die erste Version des Spiels und er arbeitet auch im Anschluss an das Seminar weiter daran. Ihm bleibt neben dem Studium nur wenig Zeit, da er auch mit anderen Design-Projekten beschäftigt ist – und hat kein Budget, das Spiel zu bewerben. Doch er lädt es in den App-Store, und schließlich kommt Christopher Krull, der Geschäftsführer von Hochschwarz-

Nach einem Praxissemester in einer Design-Agentur in Amsterdam entscheidet er sich, ein Semester freiberuflich zu arbeiten und sich ausschließlich den Aufträgen zu widmen, die er seit der „Schwarzwaldmarie“ bekommt. Dafür schließt er sich mit einem befreundeten Entwickler zusammen und beobachtet einen neuen Trend: „Viele Firmen wollen mittlerweile Spiele, um junge Leute anzusprechen. Das gab es vorher so nicht. Aber wenn es gut umgesetzt ist, kann die Firma auf jeden Fall im Kopf bleiben“, berichtet Basler. Daher möchte er es auch nach seinem Studium weiter in dieser Branche versuchen. Und die Schwarzwaldmarie? „Bisher habe ich nur eine vage Idee, wie es mit ihr weitergeht. Aber ich möchte auf jeden Fall noch etwas mit der Figur machen.“ Kuchenverkauf war gestern

Fotos: Philipp Basler

Den Schwarzwald kennt jeder. Zumindest im Ausland. Das fällt Philipp Basler (23) aus Offenburg auf, als er nach dem Abitur vier Monate in Amerika verbringt. „Ich habe oft versucht zu erklären, wo ich herkomme und dann auch mal den Schwarzwald erwähnt. Jeder hat ihn gekannt – das war mir vorher gar nicht bewusst.“ Er beginnt, sich mit dem Image der Region auseinanderzusetzen und stellt fest, dass viele junge Menschen kaum stolz darauf sind, aus dem Schwarzwald zu kommen. Später, während seines Studiums des Intermedialen Designs in

wald Tourismus, auf ihn zu, um gemeinsam Werbung zu machen und zwei weitere Level des Spiels zu konzipieren. Spieler können Torten und Fanpakete gewinnen. Zeitungen schreiben über ihn.

38


ORTENAUREPORTAGEN

„Wenn, dann richtig“ dachte sich Benedikt Link (33) aus Freiburg, als der Betriebswirt von seiner Arbeit bei einer kleinen schwedischen Firma zurückkehrte. Er hatte Lust, sich selbstständig zu machen und auch eine gute Idee im Gepäck: eine neue Form, Spenden zu sammeln, mit der in Schweden jährlich mehrere Millionen Euro gesammelt werden. Das Besondere daran: Vereine, Schulklassen und Jugendgruppen verkaufen nicht mehr Kuchen oder Gebasteltes, sondern Produkte des täglichen Bedarfs, wie Socken, T-Shirts oder Kalender, um sich etwas zu finanzieren. Diese Produkte hat Link in seinem Sortiment, Gruppen organisieren eine Sammelbestellung und können anschließend einen Anteil als Spende behalten. Warum also nicht den Sprung wagen? Gemeinsam mit einem schwedischen Freund macht sich Link im Jahr 2013 unter dem Namen „Neue Masche“ selbstständig. Sein Freund merkt jedoch schnell, dass er nicht in Deutschland bleiben möchte. Geht zurück. Link steht

vor der Entscheidung: aufgeben oder alleine weitermachen? Er hadert. Denkt, er sei nicht der Typ Mensch, eine Firma allein aufzubauen: „Die Diskussionen und das gemeinsame Problemlösen ist mir sehr wichtig“, sagt er. Doch er macht weiter und stellt bald erste Mitarbeiter ein, mit denen er sich austauschen kann. Dennoch bleibt es schwierig. Er muss das schwedische System an deutsches Steuerrecht anpassen und sich rechtlich beraten lassen, damit Gruppen mit seiner Methode risikofrei Spenden sammeln können. Zudem steht er auch noch vor einer ganz speziellen Herausforderung: Er hat einen bis dato unbekannten Lösungsansatz für ein bekanntes Problem: „Wenn man Spenden sammeln möchte, fällt einem oft nur Kuchenverkauf ein. Man sucht nicht weiter.“

Link lässt sich nicht beirren, geht seinen Weg. Ihn motiviert, dass Schulklassen angetan sind und sich positiv zurückmelden, weil sie bis zu 1.500 Euro oder mehr sammeln konnten. So entwickelt sich allmählich eine neue Art des Spendensammelns. Bisher ist diese zwar vor allem von lokaler Bekanntheit, doch Link möchte sie auch überregional etablieren: „Die Idee ist eigentlich eine Lösung für ein weit verbreitetes Problem. Denn privates Engagement wird immer wichtiger, und unser Werkzeugkasten ist eine Möglichkeit, dieses zu fördern.“ Daher möchte er in Zukunft noch mehr Gruppen erreichen. Am liebsten in ganz Deutschland, vielleicht aber sogar in Österreich und der Schweiz.

Mehr Informationen: Er muss also einen noch unsichtbaren Markt bewerben, Kooperationen aufbauen. Dabei trifft er oft auch auf Menschen, die seine Idee in Frage stellen. Immerhin hat Kuchen verkaufen bisher doch auch funktioniert, oder?

www.mobilegarden.org www.liebekleineschwarzwaldmarie.de www.neuemasche.com

39


O R T E N A U R E P O R T A G E N | IMPRESSIONEN

40


ORTENAUREPORTAGEN

Foto: Günther Petry

Die Ortenau: Schöne Natur und …

41


O R T E N A U R E P O R T A G E N | impressionen

42


ORTENAUREPORTAGEN

Foto: Lukas Habura

… schöne Industrie: Badische Stahlwerke und Koehler Paper Group im Kehler Hafen.

43


O R T E N A U R E P O R T A G E N | MÄNNLEs

Wetterrobuste Wein-Tradition Ob Riesling oder Spätburgunder – die Ortenauer lieben ihre heimischen Trauben. Die Region kann sogar noch vom Klimawandel profitieren. Von Julia Loibl

Foto: Ulrich Marx

Frank Männle

Foto: Manfred Hammes

Vesper: Selbstgebackenes Brot von Wilma Männle, „Durbächerle“ und neuer Wein

44

Langsam lässt Frank Männle seinen Blick aus dem Fenster zu den Oberkircher Weinreben schweifen. Ein bisschen lässt sich seine Besorgnis um den Riesling im Gesicht ablesen. „Wenn die Temperaturen über die nächsten Jahre weitersteigen sollten, ist der Riesling durchaus gefährdet in unserer Region“, sagt der Qualitätsmanager der Oberkircher Winzer. Insgesamt 500 Hektar Rebfläche werden hier in Oberkirch bearbeitet. Früher wurde der Riesling immer zusammen mit Spätburgunder und Gewürztraminer in Heiß- und Südlagen angebaut. Das hat sich mit der Klimaerwärmung geändert. „Durch die Wärme reifen die empfindlichen Trauben meist schon im August und können durch nachfolgende Regentage stark beschädigt werden. Wir bauen deshalb aktuell keinen Riesling mehr in unseren heißesten Lagen an“, erzählt Männle. Auf rund 2.700 Hektar Ertragsrebfläche kommen die neun Winzergenossenschaften, in denen über dreitausend Winzerfamilien zusammengeschlossen sind, und 41 Weingüter in der Ortenau. Besonders der Riesling ist eine beliebte Weinrebe in der Gegend, aber auch Rotweine wie Spätburgunder oder Merlot gedeihen prächtig. Doch die Sommer werden zunehmend heißer, so war der Juni 2015 nach Messungen der US-Klimabehörde NOAA der wärmste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Wird der Klimawandel den traditionsreichen Weinbau in der Region grundlegend verändern oder einzelne Sorten verdrängen? Warme und trockene Sommer kommen besonders der Rotweinrebe entgegen. Sie braucht lange Trockenperioden. Könnte es deshalb sinnvoll sein, den hitzeempfindlichen Riesling durch exotischere französische Rotweinsorten zu ersetzen, die mit hohen Temperaturen besser zurechtkommen? Manfred Stoll von der Universität Geisenheim ist Experte für Weinanbau in Deutschland: „Der Trend der letzten Jahre hat gezeigt, dass andere Sorten, gerade Rotweinsorten, vermehrt angebaut werden. Was nicht nur auf den Klimawandel zurückgeht. Aber viele unserer ursprünglichen Rebsorten, die wir seit Jahrhunderten kultivieren, werden auch in Zukunft durch individuelle Anpassung immer noch gut angebaut werden können.“ Heißere Sommer, mildere Winter – der Klimawandel wirkt sich ganz unterschiedlich auf den Weinanbau aus. Zum einen führen die milderen Winter immer häufiger zu einem früheren Austrieb, was auch die Reife zwei bis drei Wochen nach vorne verschiebt. Dadurch kann es zu Schädigungen durch Starkregen oder auch Spätfrost kommen. Zum anderen verändert sich die Niederschlagsverteilung. Für den Weinbau bedeutet das, dass weniger Regen in den Sommermonaten fällt und so eine längere Trockenperiode entsteht. Das kann aber auch Vorteile bringen.


ORTENAUREPORTAGEN

Foto: Ulrich Marx

Heinrich Männle

Auch Heinrich Männle sieht keinen Grund zur Beunruhigung. Der über 80-Jährige gehört seit Jahrzehnten zu den höchstdekorierten Winzern in Baden und findet sich auch im bundesweiten Ranking unter den Top-Betrieben. „Beim Weinbau ist es besonders wichtig, dass man lernt, die Natur zu verstehen und auf die einzelnen Bedürfnisse der Weinrebe eingeht. Das heißt auch, Gras und Wildkräuter zwischen den Reben wachsen zu lassen, um so den Boden mit den nötigen Nährstoffen zu versorgen, aber auch die Pflanze an die Trockenheit zu gewöhnen.“ Männle hat die Erfahrung gemacht, dass junge Weinreben gerade in trockeneren Zeiten künstlich bewässert werden müssen. Das unterstützt die Pflanze in ihrer Wachstumsphase. Ältere Weinreben überstehen allerdings auch Trockenperioden und können durch ihre dünnen Faserwurzeln 15 Meter tief ins Erdreich eindringen, um sich so mit Wasser zu versorgen. Eine Umstellung des Anbaus auf andere Rebsorten ist auch gar nicht so einfach. Französische Rebsorten, wie etwa der Syrah, vertragen zwar die Hitze besser, aber ihnen reicht auch die längere Trockenzeit nicht aus, für die ein Klimawandel in der Ortenau sorgen könnte. Die Winzer müssen auch auf die Vorlieben ihrer Kunden Rücksicht nehmen – und noch greifen die Kunden lieber zum klassischen Spätburgunder als zu Exoten. „Viele Winzer vertreiben über die Hälfte ihrer Weine in der umliegenden Region. Ab und an sind neue Weinsorten willkommen und bieten Abwechslung. Am Ende des Tages setzen sich aber die bekannten Sorten aus der Region durch. Auch der Klimawandel wird dem nicht viel entgegenwirken können“,

ist Heinrich Männle überzeugt. Männle, Jahrgang 1933, Spitzname ‚Rotwein-Männle‘ lacht und erinnert sich zurück an seine Jugend: „In den Jahren von 1940 bis 1959 waren die Witterungen viel extremer als heute.“ Die Winter waren damals durchgängig kalt und meist lag schon im November viel Schnee. In den Sommermonaten machte er sich mit seiner Familie schon sehr früh auf den Weg auf die Felder. Meist konnten sie auch nur bis halb 11 Uhr arbeiten, so heiß war es. „Wir legten dann meist eine Pause ein und kehrten gegen fünf zurück auf die Felder. Wir müssen uns einfach der Natur wieder anpassen.“ Sich an die veränderten Bedingungen anzupassen, ist auch Thomas Männles Strategie. „Wir müssen, wie in jeder anderen Branche auch, nach vorne schauen, uns anpassen und weiterentwickeln“, sagt der Qualitätsmanager. Wenn Reben gepflanzt werden, ist das eine Entwicklung für eine Generation und will deshalb frühzeitig geplant sein. Ein Prozent der Fläche nutzen sie für neue Rebsorten. Generell kann in der Ortenau positiv in die Zukunft geblickt werden. Dieser Meinung ist auch Matthias Wolf vom Weingut Schloss Ortenberg. Wenn auch noch in kleineren Mengen produziert er Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah und Sauvignon Blanc. Sorten also, die man weit eher in Südfrankreich vermuten würde. „Wir wollen mit diesen neuen, wärmeliebenden Sorten noch mehr experimentieren. Sie werden uns in Zukunft sicher begleiten. Gefährlich für die Winzer können natürlich Wetterphänomene etwa mit starkem Hagel werden. Mit dem Klimawandel an sich können wir gut umgehen. Bei der Arbeit im Weinberg und im Keller können wir inzwischen so viel für die Qualität tun. Manchmal sind das scheinbare Kleinigkeiten: Etwa wenn wir die Blätter in der Traubenzone auf der sonnenabgewandten Seite früher entfernen und das Laub nach Süden länger am Rebstock belassen.“ Zusammengefasst: „Winzer müssen Künstler sein! Deutschland kann, weinseitig betrachtet, sogar zu den Gewinnern des Klimawandels gehören. Pro Grad Erwärmung rechnen Experten mit einer Verschiebung um rund 200 Kilometer in Richtung der kühleren Regionen

Thomas Männle

Foto: Ulrich Marx

Für viele Weinbauern war 2015 beispielsweise trotz großer Trockenheit ein sehr erfolgreiches Weinjahr. „Nässe und höhere Temperaturen kurbeln die Pilzbildung an. Die Trockenheit verhindert dies. Viel gesundes Material lässt dann den Wein besonders fruchtig werden“, erzählt Kellermeister Alfred Männle, der seit 25 Jahren für die Durbacher Winzergenossenschaft arbeitet. Die Temperaturerhöhungen lassen mehr Zucker in den Trauben entstehen, das erhöht den Alkoholgehalt im Wein. Gleichzeitig wird die Säure vermindert und der Geschmack harmonischer.

45


O R T E N A U R E P O R T A G E N | WEIBLes

Starke Frauen, starke Biere Bierbrauen gilt immer noch als Männerdomäne. Doch eine neue Riege von Brauerinnen mischt die Szene auf: Sie stellen Biere auf höchstem Niveau her – und das nicht gerade alkoholfrei. Von Anna Suckow

E

Eine schwere Krankheit zwang Veronique Reynaert vor fünf Jahren, ihr Leben zu ändern. Der Liebe wegen zog die gebürtige Belgierin von West-Flandern in die Ortenau, brachte ihre große Leidenschaft Tanzen mit. Doch dann wurde ein Tumor am Stammhirn diagnostiziert. Nach der Operation verlor sie ihr Kurzzeitgedächtnis, musste einfachste Dinge neu erlernen und kämpft seitdem mit chronischen Kopfschmerzen. An Tanzen war nicht mehr zu denken. Doch um sich von den Schmerzen abzulenken, musste ein neues Hobby her. Für den Genussmensch mit großer Heimatverbundenheit war schnell klar: Ich braue mein eigenes Bier. „Das war in der schweren Zeit, die Erinnerung an mein Zuhause“, sagt Veronique Reynaert. In Belgien ließ sie sich von Brauern in das Handwerk einführen, brachte ein altes Rezept aus ihrem Heimatdorf in die Ortenau und setzte ihren ersten Sud auf dem heimischen Herd an. Wo andere ihre Nudeln kochen, braute sie Bier. So wie auch jetzt gerade in einem Nebenraum der Küche ein Bräu reift, den sie eigens für das Restaurant Heckenrose in Ringsheim kreiert. Es riecht nach Hopfen. Noch ist der Sud noch nicht genießbar, doch die Aromen steigen schon aus dem Fass empor. Ihre Biermarke nennt sie Fox und gibt so einen Hinweis auf die Brauerin, denn Reynaert heißt übersetzt „Reineke“, und dann sind wir wieder beim Fuchs. Auf allen Flaschen blickt das rothaarige Tier, auch in ihrer Wohnung ist es immer wieder zu sehen. An der Wand hängen Gemälde und Zeichnungen mit Porträts des schlauen Waldbewohners, auf einer alten Anrichte stehen aufgereiht Gläser mit Kerzen und Fuchs-Gravierungen. Der erste Sud des von ihr gebrauten Tripple Blondes schmeckte ausgezeichnet und war schnell über den Freundeskreis hinaus bekannt. Um mit der gestiegenen Nachfrage mithalten zu können, verlagerte sie die Produktion in ein Brauhaus in Wittenweier. So kann sie größere Mengen produzieren. Der Schritt war nicht leicht, denn nun liegt die Produktion nicht mehr allein in ihren Händen. Doch Veronique Reynaert weiß: „Man muss offen bleiben und auch mal einen Schritt nach vorne gehen.“ Bierbrauen ist für sie Handwerkskunst. Im wahrsten Sinne, denn der Sud aus belgischem Bio-Hopfen ist so dick-

46

flüssig, dass er mit Hand gerührt werden muss. Vor der ersten Abfüllung war sie sehr aufgeregt – wird aus dem Traum Realität, das eigene Bier von Anfang an zu begleiten –,von der Konzeption über Herstellung bis zum Endprodukt. Lachend erklärt sie: „Mit 47 Jahren bekommt man keine Kinder mehr, sondern Flaschen.“ In Kleinstmengen wird das Starkbier in Flaschen gefüllt, mit Champagnerkorken verschlossen und gärt ein drittes Mal nach. Diese Arbeit hat ihren Preis – rund 12 Euro kostet die 0,75-l-Flasche des Tripple Blondes. Dafür erwartet den Konsument ein Bier abseits der Masse – und mit viel Persönlichkeit von Veronique Reynaert. Vom Rezept bis zum Etikett trägt alles ihre Handschrift. Mehr als 90 Prozent der Brauer in Deutschland sind männlich. Es ist verblüffend, dass Bierbrauen heute als Domäne der Männer gilt. Von der Antike bis ins Mittelalter war die Verarbeitung von Hopfen und Malz nämlich in der Hand der Frauen. Archäologische Funde belegen, dass Frauen schon vor 4000 Jahren im Zweistromland als alleinige Herrinnen über den Sudkessel wachten. Auch Luthers Ehefrau Katharina hatte noch den Brauerinnenberuf erlernt und bediente den trinkfreudigen Reformator mit eigenwilligen Rezepturen. Erst als die Klöster im Bierausschank eine lukrative Einnahmequelle entdeckten, verdrängten die Mönche die Brauerinnen zunehmend vom Sud und nahmen ab dem Hochmittelalter den Rührlöffel in die eigene Hand. Doch das ändert sich jetzt, Frauen interessieren sich zunehmend wieder für das kühle Blonde. „Immer mehr entscheiden sich auch für den Brauberuf oder übernehmen gleich ganze Brauereien. Bier-Unis wie Weihenstephan und Berlin registrieren ein wachsendes Interesse von Bewerberinnen“, erläutert Expertin Mareike Hasenbeck, die auf ihrem Blog www.feinerhopfen.com über edle und ungewöhnliche Biere schreibt. Auch die Craft-Bier-Szene mit ihrer enormen Geschmacksvielfalt hat vieles verändert: Frauen genießen endlich wieder Bier. Die Bezeichnung Craft-Bier kommt nicht etwa von Kraft – auch wenn es mehr als die üblichen fünf Prozent Alkohol enthält und somit zu den Starkbieren zählt. Stattdessen kommt es von dem englischen Wort für Handarbeit. Die in kleiner Auflage


Foto: Fotolia©Nejron Photo

ORTENAUREPORTAGEN

47


Fotos: Heidi Fößel

O R T E N A U R E P O R T A G E N | WEIBLes

hergestellten Starkbiere von Veronique Reynaert zählen auch zu diesem neuen Trend-Segment – und kamen auf dem CraftBeer-Festival in Freiburg gut an. Das Bier ist in Getränkemärkten in der Region und über das Internet erhältlich. Für die Zukunft soll das Gebiet erweitert und die Produktion erhöht werden. Wie Veronique Reynaert entschließen sich in Deutschland immer mehr Frauen dazu, selbst Bier zu brauen. Vier fränkische Brauerinnen etwa haben eine Hopfenkaltschale extra für das weibliche Geschlecht auf den Markt gebracht, in Detmold führt die einst jüngste Braumeisterin ein Familienunternehmen in die Zukunft. Mit Witz, Geschmack und Ellenbogen erobern sich Frauen wieder ein Stück der Brauereilandschaft zurück. Wenn Jessica Görick vom Bierbrauen erzählt, leuchten ihre Augen. Sie ist Auszubildende in der Brauerei Bauhöfer – und die erste Frau, die in der Familienbrauerei in Renchen-Ulm das Handwerk erlernt. Die roten Haare hat sie zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden. Nach dem Abitur fing sie zunächst ein Biologie-Studium an. „Ich habe nebenbei zwei Praktika in Brauereien gemacht und dann schnell gemerkt: Ich möchte eigentlich gar nicht studieren, ich möchte genau diesen Beruf ausüben, weil es mir so viel Spaß macht“, erzählt sie. Also brach sie ihr Studium ab und suchte sich einen Ausbildungsplatz. Schnell stand für sie die Ulmer Brauerei als Lehrstätte fest, da eine mittelständische Brauerei mehr Einblicke in die Produktionsabläufe garantiert. „Hier ist man überall im Einsatz, auch bei der Abfüllung, bei der Filtration und im Sudhaus.“

48

Anfangs hatte sie etwas Angst vor der Männerdomäne: „Es ist schon hartes Brot und die Arbeit ist auch körperlich anstrengend.“ In Kapuzenpulli, Latzhose und Gummistiefeln führt sie durch das Brauhaus. Hier wird überall mitangepackt. Jessica Görick nimmt wie ihre männlichen Kollegen auch mal Pumpen auseinander, erneuert Ventile und schleppt im Keller Fässer. Auffallend hell und sauber ist es beim Läuterbottich. Die Sonne scheint durch die großen Fenster auf die Edelstahltanks, in denen der Treber von der flüssigen Würze getrennt wird. Görick hat sich schon immer für den Gerstensaft interessiert, erzählt sie, während sie am Bildschirm die Temperaturen im Sudkessel kontrolliert. „Ich wollte auch immer herausfinden, wie was funktioniert.“ Alle Vorgänge werden über den Computer kontrolliert, Tradition trifft hier auf moderne Technik. Zwischendurch wird natürlich, neben Qualität und Alkoholgehalt, auch der Geschmack kontrolliert. Der Winterbock strömt langsam in das Glas. Aus dem honigfarbenen Bier steigt ein süßlicher Duft hervor, der an Gewürze und Obst denken lässt. Das kastanienbraune Bier schmeckt angenehm, leicht würzig und nicht zu bitter. Jessica Görick trinkt auch gerne nach Feierabend ein Bier. „Ich trinke es aber nicht einfach, weil es eben Bier ist, sondern möchte schon wissen, woher es kommt und wie es hergestellt wird.“ Dass gerade Frauen auch den Geschmack von feineren Starkbieren schätzen, überrascht Mareike Hasenbeck nicht. Denn: „Alkohol ist ein Geschmacksverstärker. Und Geschmack ist Frauensache.“


annehmen

Stahlproduktion in Kehl

Badische Stahlwerke GmbH · Graudenzer Straße 45 · D-77694 Kehl Telefon +49 (0)7851 83-0 · Fax +49 (0)7851 83-496 · www.bsw-kehl.de


O R T E N A U R E P O R T A G E N | NEW YORK

Über die in den Black Forest Spezialitäten aus dem Schwarzwald sind ein Verkaufsschlager in den USA. Ayana und Tobias Holler haben sich ihren Traum erfüllt und in New York ihre ganz eigene Interpretation des „Black Forest“ geschaffen: 733, Fulton Street. Von Anne Ramstorf

D

Die Wände ziert eine Sammlung Schwarzwälder Schilduhren und ein Gemälde mit goldenem Rahmen, das ein Bauernhaus vor Schwarzwald-Panorama zeigt. Zwei Frauen blättern eifrig in der Speisekarte. Ein Mann hinter einer dunklen Holztheke zapft schon einmal ein Bier. Vom Zapfhahn strahlt einem fröhlich ein Schwarzwaldmädel entgegen. Plötzlich dringt der Ruf einer Kuckucksuhr durch das Restaurant.

Fotos: Ayana und Tobias Holler

Was wie eine Szene in einem Wirtshaus irgendwo im Schwarzwald wirkt, spielt jedoch im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Das „Black Forest Brooklyn“ bringt ein Stück deutsche Gemütlichkeit in die Millionenmetropole. Ayana und Tobias Holler, die Besitzer des Restaurants, eröffneten im Dezember 2013 das Lokal, in dem sie Traditionen des Schwarzwaldes mit dem New Yorker Lebensgefühl verbinden. Obwohl die beiden nur ein paar Kilometer voneinander entfernt am Oberrhein aufgewachsen sind, lernten sich Tobias Holler aus Pfaffenweiler und Ayana aus Sulzburg erst in der US-Metropole kennen. Tobias Holler kam vor 12 Jahren für seinen Job als Architekt nach New York, seine spätere Frau arbeitete dort als Dokumentarfilmerin.

50

Ayana Holler jobbte als junge Frau als Kellnerin in einem angesagten Restaurant und hegte seitdem den Traum, einmal ein eigenes Lokal zu besitzen. Als sich die beiden entschieden, ein deutsches Gasthaus im Schwarzwald-Stil zu eröffnen, war dem Ehepaar wichtig, von der Einrichtung über die Zubereitung der Speisen bis zum Bierangebot, vor allem Produkte aus der Heimat zu verwenden. Auf der Speisekarte finden sich Jägerschnitzel mit Spätzle, Schupfnudeln mit Sauerkraut und Rindergulasch. Das Konzept ging auf: „Am Eröffnungstag strömten die Menschen unerlässlich in unser Restaurant und uns gingen in den ersten Wochen ständig die Lebensmittel aus. Wir konnten gar nicht genug nachkaufen, so beliebt sind die badischen Gerichte“, erklärt Tobias Holler. „Unsere Gäste kommen in unser Lokal, um Deutschland zu erleben.“ Spezialitäten aus dem Schwarzwald verkaufen sich gut im Ausland. Allein in New York vertreiben mittlerweile über vierzig Läden und Restaurants Bier aus dem Schwarzwald, das Tannenzäpfle. Aber auch typisches Essen aus Baden ist beliebt: So stieg das Exportvolumen von Schwarzwälder Schinken 2015


ORTENAUREPORTAGEN

Auch in der „Black Forest Bakery“ in Long Island ist der Kuchen, der nach einem alten Familienrezept gebacken wird, ein Verkaufsschlager. Vor fast 50 Jahren wanderte die Familie Lorch aus dem württembergischen Lauterbach in die USA aus und eröffnete kurz darauf die traditionelle Bäckerei, die nun von ihrem Sohn Thomas weiterbetrieben wird. Die „Black Forest Bakery“ befindet sich in einem zweistöckigen Haus im Fachwerkstil. Hinter der gläsernen Theke stehen zwei Verkäuferinnen und bedienen die Kunden aus der Nachbarschaft. Der Duft von Schwarzbrot vermischt sich mit dem süßen Geruch schwerer Torten, die man schon förmlich schmecken kann. „Der ‘Black Forest‘-Trend ist durch seine Exotik und durch die deutsche Gemütlichkeit, die so vermittelt wird, ein Erfolg“, erklärt Thomas Lorch. Für die New Yorker ist der Kuchen aus Baden ungewöhnlicher als Sushi oder Wan-Tan-Suppe. Auch im Brooklyner Schwarzwald-Restaurant gehört die Kirschtorte, die täglich frisch nach einem Familienrezept von Ayana Holler gebacken wird, zu den beliebtesten Angeboten auf der Karte. Bis Ayana und Tobias Holler einen Importeur gefunden hatten, der original deutsche Sauerkirschen ins Land bringt, vergingen aber Wochen. Auch die Einfuhr eines deutschen Bieres erwies sich komplizierter als erwartet. Da deutsches Bier nicht, wie in den USA üblich, pasteurisiert wird und deshalb nur für ein halbes Jahr als unbedenklich genießbar gilt, dauerten die Verhandlungen mit der US-Einfuhrbehörde Monate.

Manchmal hatte Holler den Eindruck, er habe um eine Genehmigung für Biowaffen nachgesucht. Nach langem Warten war es aber dann endlich so weit. Ein Jahr nach Eröffnung konnte das erste Fass des badischen Traditionsbieres angestochen werden, damit waren Ayana und Tobias die Ersten, die RothausBier in den USA ausschenkten. Das „Black Forest Brooklyn“ bietet mittlerweile 14 deutsche Biersorten an und ist damit ein Treffpunkt für Bierliebhaber und Probierfreudige. Ulmer und Kronen fehlen auf der Getränkekarte – bisher. Lange musste das Ehepaar suchen, bis es den geeigneten Laden für seine Schwarzwaldstuben in Brooklyn fand. Eine ehemalige Arztpraxis wurde mit viel Liebe zum Detail zum Restaurant in Biergartenoptik umgebaut. Holzvertäfelungen, Bilder aus dem Schwarzwald und Dekorationsstücke, wie Bierfässchen und Kuckucksuhr, sorgen jetzt für Gemütlichkeit. Den beiden Badenern war beim Bau der Schwarzwaldstube wichtig, nicht altbacken oder verstaubt zu wirken, sondern ein offenes, helles und kinderfreundliches Ambiente mit New Yorker Flair zu schaffen. Bunt beschriebene Schiefertafel und mintgrün lackierte Holzstühle verleihen dem Lokal den modernen Touch, der zu Brooklyn passt. Der Indoor-Biergarten mit Kaffeehaus zieht nicht nur deutsche Touristen an, die keine Burger und Pommes mehr sehen können, die Gäste des Restaurants sind so bunt gemischt wie New York selbst. „Wir sind eine Anlaufstelle für die gesamte Nachbarschaft. In einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern hätte ich solch eine familiäre Atmosphäre nicht erwartet“, erzählt Ayana Holler. Seit der Eröffnung sind die dunklen Bierbänke immer gut besetzt. Die zwei jungen Frauen lesen ihren Bestellwunsch angestrengt von der Karte ab. „Brastkadofeln and Schworwasser Kirsdorte“, sagt die eine laut lachend. Die Aussprache der Gerichte fällt schwer, doch der Geschmack überzeugt. Tobias Holler freut sich über den Erfolg seines Restaurants: „Neben den vielen bayrischen Biergärten haben wir mit unserer badischen Küche eine Marktlücke in New York entdeckt und das Schönste aus Baden mit dem Besten aus New York verbunden.“

Foto: Fotolia©studiostoks

um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Schinken hat ein weltweit einmaliges Aroma, das durch den Räucherprozess über einheimischen Nadelhölzern, meist Tannenholz und Sägemehl, erzeugt wird. Schon seit über 200 Jahren verleiht dieses Verfahren dem Schinken seinen außerordentlichen Geschmack. Auch der Klassiker Schwarzwälder Kirschtorte ist aus den unzähligen deutschen Bäckereien in den USA seit Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken. Die Sahnetorte mit ihrem Kirschenkranz gibt es seit den 30er-Jahren. Sie erinnert stark an die dunkle Schwarzwälder Tracht mit rotem Bollenhut aus Gutach. Im Laufe der Zeit wurde das Gebäck zu der beliebtesten deutschen Torte überhaupt.

51


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TIPPS

15 TIPPS

Fotos: Cook&Shoot

Von Katharina Kunzmann Stephanie Becker Moritz KĂźnkel Michelle Merbach und Manfred Hammes

52


ORTENAUREPORTAGEN

Sie gewannen 2015 den Wettbewerb „Deutschlands beste Hobbyköche“ und bringen mit ihrem Kochbuch ordentlich Schwung in die traditionelle Schwarzwälder Küche: Verena Scheidel und Manuel Wassmer aus Bühl lieben es aufregend anders, und das sieht man den 130 Tapas-Rezepten der talentierten Freizeitköche auch an. Was verbirgt sich wohl hinter Flammkuchen-Zigarren oder Schwarzwälder Sushi? Und wie schmecken Badische Flädle-Wraps? Tapas müssen eben nicht immer aus dem Baskenland oder Andalusien sein, inzwischen gibt es die Mini-Leckereien in vielen Regionen – und nun ist auch der Schwarzwald mit dabei. Schwarzwälder Tapas – Von Verena Scheidel & Manuel Wassmer. Cook & Shoot Verlag, 29,80 €. Mehr Infos gibt es unter: www.schwarzwaelder-minis.de

4

nen in der Natur viel einfacher macht. Und wer kann schon von sich behaupten, dass er mit einer Kamelart aus Südamerika im Schwarzwald wandern war? Es ist keinerlei Vorkenntnis nötig und jede Altersgruppe ist herzlich willkommen. Einzige Voraussetzung sind wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk, dann steht einem unvergesslichen Erlebnis nichts mehr im Wege. Mehr Infos unter: www.lama-alpaka-wollshop.de

usfoto Foto: Fotolia© grafikpl

1

Auf die Tapas, fertig, los!

3

Eine Welt aus Zucker und Seide

2

Den Schwarzwald erleben mit Alpakas Weinrebe reiht sich an Weinrebe und tiefe Wälder erstrecken sich vor beeindruckenden Bergen: Der Schwarzwald besticht vor allem durch seine abwechslungsreiche Landschaft. Wanderer und Bergsteiger wissen dies schon seit Jahren zu schätzen. Doch wie wäre es, diese Kulisse an der Seite eines Alpakas zu erkunden? Familie Sälinger aus dem Brandenkopfgebiet im Schwarzwald bietet ein- bis dreistündige Trekking-Touren mit Lamas oder Alpakas an. Die extrem ruhige Art der Tiere färbt auf den Menschen ab, was das Entspan-

TExte für feingeister Am Anfang war das Wort – Mark Twain’s Worte – in den Diaries of Adam and Eve. Sie fanden ihren Weg zu Emma. Sie kommentierte, spielte und entwickelte Eva. So gab ein Wort das andere und eine das Wort dem andern. Eine Katze tauchte auf und spielte advocatus diaboli, um etwas entgegenzusetzen. Das gefiel auch Claudia und Franz, sie brachten ihre Finger ins Spiel, und bald war MadamEva auf der Welt … Nicht ganz einfach, aber ein lesenswerter Titel aus dem DreyVerlag in Gutach; und das sogar für Machos und nicht nur Radikalfeministinnen (oder wie die heißen). Emma Guntz, Franz Handschuh, Claudia Klein, Wendelinus Wurth: MAdamEva. Drey-Verlag Gutach 2016, ISBN 978-3-933765-84-0, 16 €

5

Mode und Cupcakes – was könnte Frau mehr wollen? Deshalb hat Anjelica Lorenz einfach diese beiden Dinge in ihrem Offenburger Laden Couture and Cupcakes vereint. Dort finden sich ausgefallene Modestücke, einzigartige Dekoartikel und jede Menge leckere, selbst gebackene Cupcakes. Diesen wahrgewordenen Mädchentraum gibt es seit gut einem Jahr. Etwas versteckt in der Klosterstraße zählt Couture and Cupcakes noch zu den Geheimtipps der Stadt. In einem familiären Ambiente taucht der Besucher in eine rosa Welt aus Zucker und Seide ein. Für einen Moment scheint alles etwas leichter. Und sollte der ein oder andere Cupcake sich gleich auf den Hüften absetzen, ist eine neue Garderobe in greifbarer Nähe. Mehr Infos unter: www.modejunkie.com

LUST AUF PROVENCE Darf in diesem Heft von der Provence die Rede sein? Und Werbung für den Blog www.lustaufprovence.de gemacht werden? Es muss sogar, denn unser Herausgeber Manfred Hammes kümmert sich künftig weniger um diese in Kooperation mit Hubert Burda Media, namentlich mit Nikolaus von der Decken und Maximilian Gaub, entwickelten „OrtenauReportagen“, sondern um seinen Blog sowie seine Film- und Buchprojekte. Mit dem für Sie kostenlosen Abonnement des Blogs erhalten Sie künftig jede Woche einen „Brief“ aus dem Süden Frankreichs. Themen wie immer sind Literatur und Gastronomie und meist beides zusammen. Lassen Sie sich, und das ist doch wirklich nicht zu viel, so wenigstens einmal pro Woche verführen. Von www.lustaufprovence.de kommen Sie zum Blog und den Filmen

53


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TIPPS

6

7

ZMF: wie immer beeindruckend

Das Kurzreise-Portal „daydreams.de“ ermöglicht es, schnell und unkompliziert, für wenig Geld quer durch Europa zu reisen. Ob alleine, zu weit oder doch mit der ganzen Familie, mit über 2500 Partner-Hotels bietet das Online-Portal eine große Auswahl. Ganz individuell können sich die Nutzer ihren Urlaub zusammenstellen. In welche Region will ich? Lieber ein romantisches Wochenende in der französischen Normandie oder doch einen Städtetrip nach Brüssel? Das Angebot wird ständig erweitert. „Zur Zeit arbeiten wir beispielweise an Themenwelten wie Veggie/Vegan, Märchen und Weltkulturerbestätten. Uns geht es vor allem darum, neue Trends aufzugreifen und Menschen zu inspirieren, ihnen etwas zu bieten, an was sie vorher vielleicht nicht gedacht haben“, so Geschäftsführer Ralf Schnetz. Mehr Informationen gibt es auf: www.daydreams.de

8

Foto: ZMF_Klaus Polkowski

a Foto: ZMF_Tin

Niedecken

Ein ganzes Festival in verschiedenen Zelten, das gibt es nur in Freiburg. Jedea Jahr heizen wieder verschiedene Künstler, von Sarah Connor bis Wolfgang Niedecken, aus den Bereichen Jazz, Rock, Klassik und Pop beim ZeltMusik-Festival in Freiburg ein. Dank dieser Vielfältigkeit zählt das ZMF zu den beliebtesten Festivals in Deutschland. 2015 waren rund 125.000 Besucher mit dabei. Zwei Wochen lang kann man ein abwechslungsreiches Kulturprogramm in einem außergewöhnlichen Ambiente genießen. Die Zeltstadt des ZMF steht mitten in der Natur vor den Toren Freiburgs, in der Nähe zum MundenhofTiergehege. Wer einfach so über das Gelände schlendern möchte, ist herzlich eingeladen, denn ein Großteil der Veranstaltungen ist gratis. Mehr Infos unter: www.zmf.de

54

Foto: Manfred Ha mmes

Tagträumereien im hotel

Grenzenlos kulinarischer oberrhein Die deutsch-französischen Beziehungen sind intakt. Allerdings nirgends so wie am Oberrhein und beim Thema Gastronomie. Hubert Matt-Willmatt hat für die Edition Ariovist und den Silberburg Verlag ein Reisetagebuch mit gastronomischen Verführungen und Entdeckungen geschrieben, das weit über die normalen Rezeptbeschreibungen hinaus geht. Und so ist etwa im „Bord du Rhin“ in Gerstheim, das die meisten nur unter dem Namen „Niemandsland“ kennen, zunächst wichtig, dass man es überhaupt findet, und dann, dass die Familie Riss die aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Bombensplitter und Einschusslöcher in der Eingangstür sorgfältig restauriert hat. Die einstmals umkämpfte Rheininsel ist heute elsässisch-badischer Treffpunkt, der seine vielen Stammgäste auch damit überzeugt, dass sich die Speisekarte seit vierzig Jahren so gut wie nicht verändert hat. Das Filetsteak mit Morcheln, die ab Mai auf der Insel wachsen, gehört zu den Standards, ebenso wie der frittierte Karpfen. Das von Pascal Schweitzer verlegte Buch schlägt den Bogen vom Niemandsland über den Dollenberg bis hin zur Berggaststätte in den Vogesen. Insgesamt werden 35 Restaurants mit 70 Rezepten vorgestellt. 224 großformatige Seiten mit sorgfältiger Food-Fotografie von Heinz Linke kosten erstaunlicherweise nur 24,90 Euro. Contact@ariovist.de .


Wer hat schon alle Tassen im Schrank? Wir haben genügend davon.

Die Zeller Keramik-Manufaktur mit ihrer über 200-jährigen Geschichte steht für hochwertigste Qualitätsarbeit in der Fertigung von Keramikgeschirren. Heute wie einst setzt die Zeller Keramik auf echte Handarbeit und kombiniert einen den Anforderungen der Zeit entsprechenden Produktionsablauf mit meisterlicher Handwerkskunst. Die Formen werden von Hand gegossen, viele Elemente der weltberühmten Dekore „Hahn und Henne”, „Favorite” oder „Alt Straßburg” sind handgemalt.

www.zeller-keramik.de, T: +49 (78 35) 7 86-0 Hauptstraße 2, 77736 Zell am Harmersbach


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TIPPS

56


GeSCHICHTE | O R T E N A U R E P O R T A G E N

9

Das Runde muss ins Runde

10 11 Ganz klein und unscheinbar versteckt sich in der Offenburger Innenstadt ein echtes Schmuckstück. Die Kaffeemanufaktur Arnold – ein Muss für jeden Kaffeeliebhaber. Öffnet man die Tür, zieht einem der Duft von frischem Kaffee in die Nase. Gerade mal 20 Plätze hat das kleine und gemütliche Café im VintageStil. Gleich neben der Verkaufstheke steht die große Rösttrommel. Rund 20 verschiedene Kaffeesorten stellt die Manufaktur damit her. Das Ziel von Inhaber Jens Arnold: „Einen Cappuccino wie in Italien selbst machen.“ Aber er möchte sein Wissen auch weitergeben. In Kaffee- und Röstseminaren können Liebhaber des braunen Wachmachers einmal selbst zum Barista werden. Kaffeemanufaktur Arnold Spitalstraße 6, 77652 Offenburg Telefon 0781 20550343 Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9:30 Uhr bis 18 Uhr und Samstag 9:30 Uhr bis 16 Uhr

In der Marktscheune in Berghaupten gibt es alles, was nicht nur das Bio-Herz höherschlagen lässt: frisches Obst und Gemüse, Backwaren, selbstgemachte Brotaufstriche und Schwarzwälder Wurst- und Fleischspezialitäten. Über 800 Produkte aus regionalem Anbau und frisch vom Bauern bieten Brigitte und Ulrich Müller in ihrer Scheune an. Im angrenzenden Bauern-Café wird täglich frisch gekocht. Neben Klassikern wie „Badischer Sauerbraten mit Spätzle vom Brett und Preiselbeeren“ gibt es auch leckere vegetarische Gerichte wie „Spaghettipfännle mit saisonalem Gemüse und hauseigenem Pesto“. Und das Konzept scheint aufzugehen. Die Verkaufs-Bilanz 2015: 1000 Schwarzwälder Kirschtorten, 2600 Liter Bier und 30.000 Brote. Die Marktscheune hat täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Marktscheune, Auf dem Grün 1 77791 Berghaupten Telefon 07803 92 79 81 www.markt-scheune.com

rx Foto: Ulrich Ma

Foto: Ulrich Marx

Foto: Soccerpark

Foto: Soccerpark

Wer den „Soccerpark“ in NeuriedDundenheim betritt, wird sich erst einmal wundern: Der Platz sieht aus wie ein Minigolfplatz für Riesen, aber statt mit Golfschläger und -ball stehen die Spieler mit Sportklamotten und Fußbällen auf dem Platz: Hier wird Fußballgolf gespielt. Die Trendsportart aus Schweden verbindet Elemente aus Fußball und Golf. Es wird versucht, einen Fußball mit möglichst wenigen Schussversuchen durch Hindernisse und über Geländeneigungen in ein großes Golfloch zu spielen. Mittlerweile ist die Fangemeinschaft schon so groß, dass man sich bei Welt-, Europaund deutscher Meisterschaft mit anderen messen kann. Wer klein anfangen will, kann bei den Ortenau Open im Oktober im Soccerpark gegen die Fußballgolf-Elite der Region antreten. Ehemaliges Sportgelände des SV Dundenheim, Offenburger Straße 68 77743 Neuried-Dundenheim Telefon 07807 6421066 www.soccerpark-ortenau.de

Frisch aus der Region

Einmal selbst Barista sein

57


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TIPPS

12

Das Beste der Bühnen am Oberrhein; szenik.eu Von Michelle Merbach Die Macher der deutsch-französischen Website szenik.eu finden, Kultur macht die Welt zu einem besseren Ort. Deshalb fördern sie seit 2012 mit ihrer Plattform den kulturellen Austausch im Dreiländereck. Die Umwandlung in eine Stiftung bringt neuen Schwung und neues Geld. Auf der Website wird schnell klar, was den Leser erwartet. „Das Beste der Bühnen am Oberrhein“ steht über Kategorien wie Rock, Theater oder Festivals. Darunter rotieren die vier aktuellen Highlights der Redaktion, etwa Klassik-Diva Cecilia Bartoldi, aber ebenso der Jazz-Künstler James Carter, der lässig auf einem roten Samtsofa sitzt; mit Hut, Saxophon und einem selbstbewussten Lächeln im Gesicht. Einen Klick später warten neben den Fakten zu Carter ein Interview sowie ein 55-sekündiger Video-Vorgeschmack. „Das Tolle an Szenik ist, dass es den Geist öffnet für andere kulturelle Angebote – Kulturstätten, Veranstaltungen und Künstler, die neu für mich sind, weil sie sich nicht direkt vor meiner Haustür befinden“, sagt Nutzerin Jennifer Laas, die das Portal intensiv nutzt. Was die 33-jährige Straßburgerin beschreibt, ist das deutsch-französische Kulturportal szenik.eu, das in den Sprachen beider Länder über kulturelle Veranstaltungen am Oberrhein – von Basel über Colmar, Offenburg und Straßburg bis hin nach Karlsruhe.

Chefredakteurin Sylvia Dubost und Szenik-Chef Jean-Luc Bredel

Durch einen Besuch auf der Plattform soll jeder – unabhängig von Einkommen und Mobilität – Kultur erleben: Dazu gibt es zu jeder Veranstaltung einen Video-Trailer, oft auch im Livestream und in voller Länge. Hoch- und Szenenkultur im heimischen Wohnzimmer. Die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ zeichnet Szenik dafür im Rahmen des Wettbewerbs „Ideen finden Stadt“ mit einem Innovationspreis aus. „Das Ziel der Plattform ist es, die Kulturmenschen, die Künstler, die Publiken zu verbinden – diesseits und jenseits vom Rhein. Wir wollen die Menschen zusammenbringen, ein Netzwerk aufbauen. Die Region soll so ihre Identität verstärken“, beschreibt Jean-Luc Bredel, Präsident des Trägervereins Association Europe Culture Citoyenneté (AECC) die Idee von Szenik. Und diese Idee kommt immer mehr an. Die Plattform verzeichnet seit der Gründung Ende 2012 knapp 135.000 Besucher, 4.000 Kulturbegeisterte haben den Szenik-Newsletter abonniert. Doch das Kulturportal hat ein Problem: Die Finanzierung ist

58

weggebrochen. Der 1948 geborene Jean-Luc Bredel mit den grauen Haaren und dem freundlichen Gesicht sitzt an dem quadratischen, dunklen Holztisch in seinem kleinen, gemütlichen Büro im zweiten Stock eines Bürokomplexes in der Straßburger Innenstadt. Er hat die Unterarme auf den Tisch gelegt, die Hände ineinandergefaltet, als er sagt: „Wir brauchen Geld, um Szenik weiterzuführen.“ Die Geschichte von Szenik beginnt 2008. Straßburg bewirbt sich um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“, die Ortenau, die Schweiz und Karlsruhe unterstützen die Bewerbung. Ohne Erfolg: Der Titel geht nach Südfrankreich, an Marseille. „Diese gemeinsame Arbeit von Franzosen, Deutschen und Schweizern sollte weitergeführt werden“, erzählt Bredel. Sie gründen den Verein AECC, dessen Hauptarbeit das Projekt Szenik ist. Im November 2012 geht die Plattform online. Die Europäische Union finanziert das Projekt in den ersten drei Jahren und übernimmt so 45 Prozent der Kosten. Diese Frist ist jetzt ausgelaufen. Die erhoffte Lösung: Bredel gründet im September 2015 eine Kulturstiftung zur Unterstützung von Szenik, zum Teil mit Geldern der AECC. Seit Frühling 2016 gibt es diesen neuen Verein – ebenfalls mit dem Namen „Szenik“ – , der neben vielen anderen von der Kulturstiftung bezuschusst wird. Dieser Schritt hält Szenik am Laufen, stellt die Finanzierung sicher und bringt neue Gelder ein. Zum Beispiel von industriellen Sponsoren wie Würth-France, und erst recht von Kulturstätten wie Theatern und Orchestern, die ja am meisten von Szenik profitieren. „Es ist eine fatale Neigung, dass die Kultur einer der ersten Bereiche ist, an denen die Politik spart, wenn wirtschaftliche Probleme aufkommen.“ Künstler müssen in der heutigen Zeit schon wirklich überzeugen und begeistern mit kreativen Werken und Projekten. „Sonst bleiben die Gelder in den Kassen des Staates oder der Städte.“ Was die Macher von Szenik zudem heute umtreibt, ist die Frage nach dem Morgen. Sie wollen das Einzugsgebiet ausweiten, Richtung Lothringen, Champagne, Luxemburg, und auch ein Teil des Saarlands soll eingeschlossen werden. Ziel ist es, auch dem erweiterten Gebiet Strahlkraft zu verleihen und den Bewohnern dieser Regionen zu zeigen, dass sie verwandt sind. Spätestens zum Saison-Auftakt im September 2016, wenn die Kulturstätten wieder erwachen und die Kulturszene auf ein Neues in Gang kommt, soll beschlossen sein, ob die Region erweitert wird oder nicht. So oder so: Szenik wird wohl weiterhin bestehen. „Vielleicht kommen nicht so viele Gelder zusammen, wie wir uns das wünschten, aber es wird schon funktionieren“, sagt Jean-Luc Bredel zuversichtlich. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, Menschen mit Kulturangeboten über die Landesgrenzen zu locken. „Kultur ist wie Salz im Leben“, findet er. Was ist schon ein Leben, ein Essen ohne eine Prise Salz? Und schmeckt das Essen vom fremden Teller nicht immer ein bisschen besser?


GeSCHICHTE | O R T E N A U R E P O R T A G E N

14 15 13

Moderne Heimatkunst In ihrer Galerie in Offenburg versuchen Ulrich und Simone Marx ihre Begeisterung für Fotokunst weiterzugeben. Für ihre Ausstellungen suchen die beiden Galeristen Werke aus der Ortenau aus. „Für eine erfolgreiche Ausstellung ist der regionale Bezug doch sehr wichtig“, sagt Ulrich Marx. Durch die Anordnung und Mischung der Bilder soll ein neuer Blickwinkel auf die Region entstehen. Zu den ausgestellten Künstlern gehören Modedesigner Jochen Scherzinger und Sebastian Wehrle mit ihrer „FabulousBlack-Forest-Serie“. Mit seinen „Schwarzwaldmaidlis“ in Gothic-Optik hat Wehrle der klassischen Schwarzwaldtracht einen neuen Look verpasst. Marx Galleries, Kittelgasse 22 77652 Offenburg Telefon 0781 22526, www.marx-fotos.de

Ob in Frankreich, der Schweiz oder in Deutschland, das DJane-Duo „Shelectric“ aus Offenburg kennt man in der ElectroSzene. Hinter dem Namen verbergen sich Alexandra Herrmann und Melanie Allgaier. Seit zehn Jahren machen die beiden zusammen Musik. Wer die beiden live erleben möchte, sollte in ihrem Stammclub, dem Universal D.O.G. in Lahr, vorbeischauen. Seit acht Jahren bringen sie dort die Boxen zum Beben. Aber auch auf Festivals ist das Duo dabei. Im vergangenen Jahr unter anderem beim „Sea of Love“ in Freiburg und dem „Snowzone“ in Frankreich. Zudem legen sie in Clubs in Freiburg sowie einmal im Monat unter dem Motto „Shelectric meets“ mit verschiedenen Gast-DJs im „Schoellmanns“ auf. Aktuelle Informationen gibt es auf der Facebook-Seite des DJane-Duos: www.facebook.com/shelectric

Alles unter einem Dach Max Grundig wollte einen Ort der sprechenden Medizin schaffen, wo sich Ärzte und Personal Zeit für die Patienten nehmen und eine Umgebung, die dem Patienten, seinen Angehörigen und Freunden das oft beklemmende Gefühl des Krankenhauses nimmt. Auf der Bühlerhöhe hat er dafür den idealen Ort gefunden. Dieser Anspruch erstreckt sich auf den medizinischen Bereich gleichermaßen wie auf die Funktionsbereiche, die Zimmer, das Restaurant und den gesamten Klinikkomplex. Die Klinik fußt auf drei Bausteinen: der Inneren Medizin mit einem breiten Spektrum an Fachabteilungen, einem Check-upZentrum mit Hightech-Geräten und dem Bereich der Psychosomatischen Medizin. Max Grundig Klinik Privatklinik für Internistische und Psychologische Medizin Schwarzwaldhochstraße 1 D-77815 Bühl Telefon 07226 54-0

Foto: Oliver Rath

Elektronische Musik aus dem Schwarzwald

59


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TRADITION

Fotos: Fotolia

Die Tauben von Schmieheim Sie schimmern weiß, blau-schwarz, in cremigem Altrosa oder samtig lila-grau. Gerhard Schmitt züchtet seit über 40 Jahren Rassetauben. 2014 gewinnt er auf der Deutschen Taubenschau die Meisterschaft. Von Meike Stephan Gerhard Schmitt ist aufgeregt. Er fährt mit acht Kollegen seines eigens gegründeten „Sonderverein der Carneau- und Giertauben-Züchter“ zur 63. Deutschen Taubenschau nach Ulm. Die Männer haben sich einen Kleinbus gemietet, im Gepäck: rund 80 Zuchttauben. Jede in einem eigenen Käfig, frisch gewaschen, mit glänzenden Federn für die Ausstellung. Es ist Freitag, der 21. November 2014, und morgen wird Gerhard Schmitt mit 380 von maximal 388 Punkten Deutscher Meister im Taubenzüchten sein. Wenige Stunden zuvor: Schmitt hat sich für heute Urlaub genommen, einen Tag von insgesamt fünfzehn im Jahr, für die er mit seinem Hobby unterwegs ist: dem Züchten von Rassetauben. Gerhard Schmitt, zweifacher Vater, dreifacher Großvater, kurze graue Haare, frisch rasiert und von schmaler, drahtiger Figur, sitzt an seinem hölzernen Esszimmertisch, vor sich eine Tasse Kaffee. Draußen im großen Garten picken wilde Vögel aus großen und kleinen Vogelhäusern Körner. Schmitts Haus ist modern, hochwertige Holzmöbel auf Parkett und sandfarbenen Fliesen. Alles hat seinen Platz, alles ist aufgeräumt. Im Hauseingang steht eine Taube aus Porzellan. Es ist Zeit. Schmitt räumt die Kaffeetasse weg, geht in den Keller und zieht seine dicke blau-weiß-karierte Fleecejacke über, die mit feinen roten Linien versehen ist. Sie riecht nach Staub, Sägespänen und seinem eigens kreierten Taubenfutter: einer Mischung aus Weizen, Gerste, Sojabohnen, Perlmais, Erbsen und Sonnenblumenkernen. Durch den Schnee stapft er mit seinen Lederschuhen hinter sein Haus in Kippenheim. Von weitem hört man das Gurren der Tauben. Diesmal pfeift er nicht sieben Mal kurz hintereinander, wie er es normalerweise macht, wenn er zu seinem Taubenschlag geht und rund 50 hungrige Schnäbel stopft. Heute kommt er nicht zum Füttern. Trotzdem flattern die Tiere aufgeregt auf, als er die knarrende Holztür öffnet und ins Innere des sieben Quadratmeter großen Taubenschlages tritt. Schmitt hat zehn Tauben zur Ausstellung in Ulm angemeldet – die zehn schönsten Jungtiere aus seiner diesjährigen Zucht. Schmitt ist stolz auf sie, er weiß, dass er bei der Paarung gute Arbeit geleistet hat. Er kennt sich aus mit Tauben. Gerhard Schmitt ist auf einem kleinen Bauernhof in Schmieheim aufgewachsen. Es gibt Kaninchen, Hühner, Kühe und Schweine. Von klein auf hat er mit Tieren Kontakt. Tauben hat die Familie nicht, allerdings der Nachbar. Mit zwölf verbringt Schmitt viel Zeit im Speicher des Nachbarn, um bei dessen Tauben zu sein. „Irgendwie hat es mir Spaß gemacht, den Tauben zuzuschauen“, erinnert er sich. Es fasziniert ihn, wie sich die Taubenpaare verhalten, wie sie sich bewegen, wie sie zärtlich zueinander sind. Als der Nachbar den Speicher umbaut und mit dem Taubenzüchten aufhört, bittet Schmitt darum, ein paar Tauben geschenkt zu bekommen. Die Eltern haben nichts dagegen, auf dem Bauernhof sind sie Tiere

60


PRinziPien

INT E LLIG E N T E

UMFORMlösUngen

intelligente UMFORMlösUngen bestechen aUF natüRliche Weise dURch ihRen nUtzen!

Sie erleichtern unseren Alltag, sie schaffen neue Möglichkeiten und Freiräume. Sie bringen Spaß und Lebensfreude, wecken Emotionen. Sie sind Material sparend und Energie schonend. Hinter ihnen stehen gute Ideen, Erfahrung, ausgeklügelte und effiziente Prozesse – und allen voran Menschen in unserem Unternehmen, die etwas bewegen wollen.

W

W

W

.e

R

d

R

ic

h

.d

e

intelligent gelöst

Erdrich UmformtEchnik Gmbh · rEiErsbachEr strassE 34 · 77871 rEnchEn-Ulm · info@Erdrich.dE


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TRADITION gewohnt und Platz für eine provisorische Behausung, die der 12-Jährige damals allein baut, gibt es auch. Er behält die Tiere, bis er zur Bundeswehr muss. Es gibt Zeiten, da hat Gerhard Schmitt über zweihundert Tauben auf dem elterlichen Hof. Heute gibt es in Schmitts Taubenschlag knapp fünfzig Zuchttauben. Sie schimmern weiß, blau-schwarz, in cremigem Altrosa oder samtig lila-grau, haben einen zarten Kamm auf dem Kopf oder einen üppigen Kropf vor dem Hals. Sie sind größer als gewöhnliche Stadttauben und wirken elegant, wenn sie den Kopf leicht zur Seite neigen und das Treiben im Verschlag beobachten. Namen haben die Tauben nicht: „Das finde ich irgendwie ein bisschen affig“, sagt Schmitt. Von Beruf ist Schmitt Schichtführer in der Montage von Sanitärarmaturen bei der Firma Grohe in Lahr. Dort arbeitet er seit 46 Jahren. Er hofft, in eineinhalb Jahren in Rente gehen zu können. Wenn Schmitt nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommt, geht er gerne in den Garten und schaut den Tauben zu. „Bei der Taubenzucht geht es mir um Schönheit“, erklärt er. Schönheit, das bedeutet, möglichst ausgeprägte Merkmale der jeweiligen Rasse an die Tauben zu züchten. Dabei spielen sogenannte Rassemerkmale wie Hals- und Beinlänge, Farbe und Größe ebenso eine Rolle wie die Blutlinie des Tiers. Ziel ist es, die bestgelungenen Nachkommen auf Rassetaubenschauen zu präsentieren und die Preisrichter mit ihnen zu überzeugen. Das ist auch der Plan für das Novemberwochenende 2014 in Ulm. Seinen heutigen Taubenverschlag hat Schmitt ebenfalls selbst gebaut, in Zusammenarbeit mit seinem Schwiegervater. Es gibt ein Außengehege und im Innern drei kleine Kammern, die mit einfachen Holztüren voneinander abgetrennt sind. Die Luft ist dick hier drin, der Staub, den die Federn der Tauben produzieren, liegt schwer im Raum, das Atmen ist mühselig. Seitlich ist ein schmaler Flur, links leben die Tauben, abgetrennt von einem feinen Maschendrahtzaun. Überall kleben Federn: im Zaun, in Spinnweben an der Decke, in Wandschlitzen. Sie liegen auf dem Boden über den Sägespänen und säumen die länglichen, selbst gezimmerten Futterstellen. An die Wände hat Schmitt Bretter genagelt, auf denen die

62

Tauben sitzen können. Mehrere Fenster lassen fahles Licht ins Innere fallen. Die Wassertränke ist im Winter von unten geheizt, und Schmitt gibt dem Wasser gepressten Knoblauch bei, das ist gut für das Immunsystem der Tauben. Der letzte Raum ist für die bereits gepaarten Tauben reserviert. Hier hat er an der rechten Seite wandhoch Brutkästen angebracht. Zwischen Dezember und Januar werden hier Tauben ihre Sprösslinge großziehen. Eine Taube brütet 18 Tage, dann schlüpfen die Jungtiere. Sie picken zuerst die Eierschale kreisrund mit kleinen Löchern auf, dann wird die löchrige Schale mit dem Körper weggedrückt. „Gelbe und rote Tauben sind komplett nackt, wenn sie schlüpfen. Weiße und schwarze Tauben haben einen Flaum auf dem ganzen Körper“, erklärt Schmitt.

Nacheinander bringt er die auserwählten Tauben, die mit auf die Ausstellung nach Ulm kommen, in seine Garage. Flink schlüpft er dazu in die meterhohe Öffnung des Taubengeheges, lässt kurz die Augen schweifen, dann packt er zu, hält das Tier in seinen kräftigen Händen fest, die rotgeränderten Augen der Taube bewegen sich schnell. In der Garage reinigt Schmitt ihre Füße unter dem Wasserhahn. Dann fährt er behutsam mit einem in Essigwasser getunkten Baumwolltuch über das Federwerk und entfernt so die Staubschicht. Auch aus den Augenrändern entfernt Schmitt mit seinem Finger und etwas Wasser den Federstaub und putzt ihren Schnabel. Zuletzt reibt er die Füße mit Melkfett ein. Jetzt ist die Taube bereit für die Ausstellung und kann in ihren Käfig. Vorher hat Schmitt sie mehrere Tage an den Transportkäfig gewöhnt. Es ist derselbe Käfig, in dem sie auch ausgestellt wird. Die Taube soll sich darin wohlfühlen, das ist wichtig, um bei den Punktrichtern zu überzeugen. Die Deutsche Taubenschau ist die wichtigste Ausstellung für Taubenzüchter. Sie findet jährlich auf einem Messe-

gelände in Großstädten wie Leipzig, Erfurt oder wie 2014 in Ulm statt. Rund 18.000 Tauben werden dann von ungefähr 1500 Taubenzüchtern präsentiert. Die Fahrt von Kippenheim nach Ulm dauert knapp drei Stunden. Die Zeit vergeht schnell, die Männer verstehen sich gut, sie teilen dieselbe Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die viele nicht verstehen. Eine davon ist Schmitts Frau. Schon mehrfach hat sie versucht, ihm die Vögel auszureden. Sie hätte es lieber gesehen, wenn er sich mehr auf sein zweites Hobby, das Laufen, konzentriert hätte. Stattdessen gibt er den Sport auf und verbringt noch mehr Zeit im Taubenschlag. „Tauben haben für mich etwas Beruhigendes. Manchmal kann ich einfach vor dem Käfig stehen und ihnen zuschauen. Wie sie sich putzen oder wie die Kropftauben minutenlang ihren Kropf aufblasen und dann in wenigen Sekunden die Luft wieder ausweichen lassen“, sagt Schmitt. Selbst als ihm der Hausarzt Federstaub in der Lunge diagnostiziert und ihm dringend rät, mit dem Taubenzüchten aufzuhören, hält er die Abstinenz nur zwei Jahre aus. „Man könnte schon sagen, dass das eine Sucht ist“, sagt er jetzt. Heute merkt er den Staub in der Lunge beim Laufen. Samstag, 22. November 2014: Die Ausstellung ist heute für Gäste geschlossen. Nur die Preisrichter haben Zugang zur Tauben schau und inspizieren jedes Tier. Von jedem Teilnehmer suchen sie sich die vier besten Tauben aus und vergeben ihnen Punkte. Für ein „Sehr gut“ gibt es 93-95 Punkte, ein „Hervorragend“ 96 und ein „Vorzüglich“ 97 Punkte. Gerhard Schmitt bekommt 380 Punkte: einmal „Hervorragend“, zwei Mal ein „Sehr gut“ mit 95 und einmal ein „Sehr gut“ mit 94 Punkten. Er hat damit die Höchstpunktzahl in diesem Jahr erreicht und ist „Deutscher Meister im Taubenzüchten 2014“. Zusammen mit seinen Kollegen aus Kippenheim geht er in eine Gaststätte, er gibt eine Runde Bier aus, es gibt ihm zu Ehren eine kleine Fete. „Das war schon eine Überraschung“, erzählt er heute, ein gutes Jahr später, im Januar 2016. Er sitzt wieder an seinem Holztisch im Esszimmer in Kippenheim und erinnert sich an die Zeit zurück: „Das ist eine schöne Bestätigung für die Arbeit, die man das ganze Jahr über hatte.“ Gerhard Schmitt kratzt sich am kurzen Bart, denkt kurz nach: „Man ist dann irgendwie glücklich.“


Virtual reality | O R T E N A U R E P O R T A G E N

Auf dem Rücken des purpurnen Drachen Der Europa-Park in Rust ist der weltweit erste Freizeitpark, der eine Virtual-Reality-Achterbahnfahrt anbietet. Das digitale Konzept soll alten Attraktionen, wie dem Alpenexpress, neues Leben einhauchen. Von Anna Rinderspacher

I

Ich rüttle an meinem Headset, es sitzt fest. Hinter mir lacht ein Pärchen, ein bisschen irritiert drehe ich mich um, doch ich kann sie nicht sehen. Stattdessen winkt mir eine verschwommene Euromaus, das Maskottchen des Europa-Parks, entgegen. Mit einem Rad passe ich die Schärfe des Bildes an, bevor ich meinen Haltegriff umklammere. Der Alpenexpress fährt los.

Zwei Jahre dauerte es, bis die Technik perfektioniert war: Sensoren an den Rädern des Fahrwerks registrieren die Geschwindigkeit des Kurzzuges 30-mal pro Sekunde und leiten diese an eine Blackbox im Inneren der Lokomotive weiter. Von dort aus werden die Informationen mit einem Animationsfilm synchronisiert und via Bluetooth an Smartphones gesendet, die im Gehäuse des Headsets eingebettet sind. Bilder, die der Besucher während der Fahrt sieht, sind simuliert; die Gefühle, die er dabei empfindet, sind echt. Der Alpenexpress VR-Ride saust nun durch eine Diamantenmine – vor mir sind die Euromaus und der Europa-Park-Elefant damit beschäftigt, eine Eisenbahn-Draisine zu bedienen. Nach und nach bauen sich die Gleise vor mir auf. Zwischendurch kommt von links ein weiterer Wagen angefahren; darin sitzt ein kleiner Ziegenbock, den die Euromaus sogleich zu sich herüberzieht. Auf einmal enden die Gleise – ich rase auf einen Abgrund zu. Als der Wagen ins Leere schanzt, halte ich die Luft an. Wieso fühlt sich diese virtuelle Realität so echt an? „Der menschliche Gleichgewichtssinn kann keine absolute

Foto: Europa-Park

Als weltweit erster Freizeitpark bietet der Europa-Park Rust seit September 2015 eine Achterbahnfahrt in Virtual Reality an. Gegen einen Aufpreis von zwei Euro können Parkbesucher ein Headset mieten, das an eine Taucherbrille erinnert. Mit dieser erleben sie die Fahrt mit dem Alpenexpress, der 1984 als erste Achterbahn des Europa-Parks eingeweiht wurde, völlig neu – als Alpenexpress VR-Ride. Auch die 2006 eröffnete YoungStar Achterbahn „Pegasus Coastiality“ kann seit dem Saisonstart 2016 auf eine völlig neue Art erlebt werden. Mit der VR-Technologie rauscht man im Griechischen Themenbereich durch eine schaurig-schöne Animationswelt.

Geschwindigkeit, sondern nur Veränderungen wahrnehmen“, erklärt Professor Thomas Wagner von der Fachhochschule Kaiserslautern, der die VR-Achterbahn für den Europa-Park entwickelte. „Aspekte wie Geschwindigkeit, Distanzen und Höhen lassen sich deshalb in virtuellen Welten sehr leicht verstärken, ohne dass sie sich falsch oder simuliert anfühlen.“ So wirkt eine Abfahrt der realen Achterbahn aus 15 Metern Höhe in der virtuellen Realität glaubhaft wie ein Sturz aus 70 Metern. Dadurch wird die Fahrt mit dem Alpenexpress zu einem noch nie dagewesenen Erlebnis – erschien die Achterbahn mit einer

63


O R T E N A U R E P O R T A G E N | Virtual reality Geschwindigkeit von 45 Stundenkilometern zuletzt doch beinahe unspektakulär neben Attraktionen wie der Blue Fire, die Fahrgäste mit 100 km/h in einen Looping schießt. Michael Mack, der Sohn des Parkgründers Roland Mack, erkannte das Potenzial des Konzepts: Gemeinsam mit Thomas Wagner gründete er das Unternehmen VR-Coaster und meldete ein Patent auf die Virtual-Reality-Achterbahn an. Neben weiteren Konzepten für den Europa-Park arbeitet VR-Coaster derzeit an Projekten in Amerika und Asien. Ein Trailer auf der Website des Unternehmens vermittelt erste Eindrücke einer Kooperation mit den Universal Studios im japanischen Osaka: Quietschbunte Popart-Figuren treffen auf japanische Mädchen im Manga-Look mit überdimensionalgroßen Schleifen auf dem Kopf.

Ich stürze im freien Fall in den Abgrund. Eiskalter Wind pfeift mir um die Ohren. Plötzlich taucht ein purpurfarbener Drache unter mir auf, auf dessen Rücken ich lande. Ich fliege! Aus der Luft lasse ich den Blick über das virtuelle Europa-Park-Gelände unter mir schweifen. In der Ferne erkenne ich die verschlungenen Gerüste der Achterbahnen Silverstar und Blue Fire. Die Flügelschläge des Drachen werden langsamer, er landet. Die Fahrt ist vorbei. Ich atme tief durch, schiebe die Brille nach oben und muss blinzeln. Zurück in der Realität schlägt mein Herz wie verrückt.

64

Foto: Europa-Park

Auch wenn das virtuell-reelle Fahrerlebnis bislang sehr gut von den Besuchern des Europa-Parks angenommen wird – während der Testphase bewerteten Fahrgäste das Erlebnis im Schnitt mit 4,8 von 5 möglichen Punkten –, den klassischen Freizeitpark wird die neue Technik nicht ablösen. Vielmehr werden VR-Rides ein Zusatzangebot bleiben. „Auch wenn es revolutionär ist und wahnsinnig gut ankommt, werden wir auch weiterhin Achterbahnen bauen, die ohne VR auskommen“, versichert der Unternehmenssprecher des Europa-Parks, Jakob Wahl. „Wir sind in erster Linie ein Familienpark. VR aber ist ein individuelles Erlebnis.“

Foto: Europa-Park

Der Anreiz, virtuelle Realität und Achterbahn zu koppeln, liegt nicht zuletzt darin, dass Achterbahnen regelmäßig neue VR-Erlebnisse bieten können und die Besucher irgendwann die Möglichkeit haben, aus verschiedenen Programmen auszuwählen. „Auch die zu Halloween sehr beliebten Labyrinthe lassen sich mit VR-Technologie um einiges aufregender gestalten“, merkt Wagner an. Darüber hinaus, so der Entwickler, werden Interaktion und „Gaming“ in Zukunft wesentliche Elemente sein, auf die Vergnügungsparks bei der Entwicklung von VR-Attraktionen setzen. So könnten Parkbesucher etwa eine bestimmte Attraktion besuchen, um dort ein virtuelles Bonuselement aufzusammeln und dieses anschließend auf einer anderen Attraktion zum Einsatz zu bringen. Dass solche VR-Angebote gerade jetzt entstehen, ist für Wagner kein Zufall: „Bisher waren diese Brillen weitaus größer, leistungsschwächer und vor allem viel teurer als die aktuelle Generation von VR-Headsets.“ Erst durch die Entwicklung von Smartphones mit hochauflösenden Bildschirmen und leistungsfähigen Sensoren wurde ein Gerät wie die Oculus Rift, in deren Marktreife Facebook-Gründer Mark Zuckerberg 2 Milliarden Dollar investierte, oder die Samsung VR-Gear, mit der VR-Coaster arbeitet, zu einem erschwinglichen Preis möglich.

Was ist VR ? Virtual Reality oder Virtuelle Realität versucht, reale oder Fantasiewelten am Computer anhand dreidimensionaler Bilder nachzubilden und für den Nutzer „erlebbar“ zu machen. So kann er anhand spezieller Vorrichtungen, wie Helmen, oder Brillen, auf real erscheinende Weise mit den Bildern interagieren, zum Beispiel in einem Computer- oder Konsolenspiel. Das Militär verwendet VR-Technologie schon lange zu Schulungszwecken. Durch das Voranschreiten der Technik werden diese bisher kostspieligen und teilweise sperrigen Geräte nun für den Verbraucher erschwinglich und handlicher.


Horst Sahrbacher, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg:

Zukunft durch Weiterbildung „Die Nachfrage nach qualizierten Arbeitskräften ist im Ortenaukreis hoch und wird weiter steigen. Die Qualizierung von Arbeitnehmern ohne Berufsabschluss ist deshalb ein zentrales Handlungsfeld der Agentur für Arbeit Offenburg. Wir unterstützen Sie nanziell, wenn Sie ungelernten Arbeitnehmern im Rahmen einer Qualizierung einen Berufsabschluss vermitteln.“ Der Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Offenburg unterstützt Sie: Wir beraten Sie gerne persönlich, um Personal für Sie zu gewinnen oder passgenau zu qualizieren. Rufen Sie uns an: 0800 - 4 5555 20 (Dieser Anruf ist für Sie kostenfrei)


O R T E N A U R E P O R T A G E N | START-Ups

Ein „Google-Spezial“ „Holidu“ sucht die richtige von drei Millionen Ferienwohnungen Von Helena Kégl

I

Ihr Name ist Siebers, Johannes und Michael Siebers. Und ihre Erfolgsformel lautet: Holiday + Du = Holidu. Daraus entstanden ist ein Start-up, das den OnlineFerienwohnungsmarkt revolutioniert und jede Suche und Buchung extrem vereinfacht. In Offenburg haben sie ihr Unternehmen gegründet, jetzt sind sie in München.

gefragt, warum es so schwierig ist, Ferienwohnungen zu finden, wenn es so leicht ist, sich Flug und Hotel zu buchen.“

Es ist der Sommer 2013. Bei der Suche nach einem Ferienhaus in Portugal entwickeln sie ihre Geschäftsidee. „Wir haben schnell festgestellt, dass es ein überwältigendes Angebot an Seiten gibt. Davon bieten sowohl die großen als auch die kleinen Portale oftmals die gleichen Ferienwohnungen zu extrem unterschiedlichen Preisen an“, erklärt Johannes. „Wir haben uns dann

Johannes und Michael blicken stolz auf ihre Holidu-Wand. Dort haben sie auf einer Landkarte fein säuberlich die wichtigen Ferienhausregionen abgesteckt. Lernt man die beiden getrennt kennen, meint man nicht, es mit Geschwistern zu tun zu haben. Sitzen sie jedoch nebeneinander, ist das anders. Beide offener Blick, blond, Hände und Nase zeigen die familiäre Verbindung.

Foto: Helena Kégl

Die Tür geht auf und durch das Büro kommt Johannes Siebers (31) den Gang entlang. Er schaut freundlich, schüttelt mit Nachdruck die Hand und führt in den Konferenzraum. Kurz darauf kommt sein jüngerer Bruder Michael (27) dazu. Gemeinsam erzählen sie von den Anfängen ihres Unternehmens.

Drei Jahre später ist so aus einem Problem ein Start-up geworden. Holidu vergleicht heute als Metasuchmaschine die Angebote aller wichtigen Ferienwohnungsportale auf einer einzigen Plattform und bietet Nutzern direkten Zugriff auf über drei Millionen geprüfte Ferienunterkünfte aus über 200 Ländern an. „Intelligent gefiltert, können Kunden so bis zu 55 Prozent sparen und genießen eine riesige Bandbreite an Unterkünften, die von edler Finca bis rustikaler Hütte alles zu bieten haben“, definieren die Macher den Nutzen der Website.

66


& PARTNER, Offenburg KALISCH

Wir sind immer fĂźr Sie da

Allerdings nur 25 Stunden am Tag

www.wro.de

67


O R T E N A U R E P O R T A G E N | START-Ups

Und sie sprechen mit der gleichen Begeisterung und Überzeugung von ihrem Produkt. Es ist schwer, sich nicht mitreißen zu lassen. Was heute jedoch als Ferienwohnungs-Suchmaschine Holidu bekannt ist, war anfangs ein harter Weg, erzählen sie. Kurz nach ihrem Urlaub kündigen sie ihre Jobs, um sich auf das Projekt zu konzentrieren. Eine mutige Entscheidung, denn Johannes war erfolgreich als Investment-Analyst bei Siemens tätig und Michael als JavaScript Developer und IT-Consultant ebenso glücklich bei Zalando. Die Brüder arbeiten nächtelang in ihrem Wohnzimmer durch und feilen an ihrer Geschäftsidee. Sie wollen so schnell wie möglich marktfähig werden. Nach den ersten sechs Monaten, in denen sie nur mit Eigenkapital an der Umsetzung ihrer Idee arbeiten, erhalten sie das anerkannte „Exist-Gründerstipendium“ des Bundeswirtschaftsministeriums zusammen mit dem Institut für Entrepreneurship, Technologie und Innovation (EnTechnon) des KIT Karlsruhe. Weitere Zuschüsse folgten Anfang dieses Jahres durch namhafte ‚Business Angels’, Geldgeber, die unter anderem als Mentoren agieren und den Jungunternehmern bei der Entwicklung helfen. Solche Finanzierungen sichern den Erfolgskurs der beiden Brüder, und Holidu ist damit ein ernstzunehmender Mitspieler der weltweiten Start-up-Sphäre. Erst kürzlich hat sich Holidu erfolgreich ein Venture-Kapital in Höhe von 5 Millionen Euro sichern können. Damit soll der Weg für weiteres Wachstum geebnet und das Geschäftsmodell ausgebaut werden.

Wie funktioniert die Suchmaschine? Der Nutzer entscheidet sich für ein Angebot, wird auf die Seite des jeweiligen Anbieters weitergeleitet und bucht dann dort. Jede Buchung wird verfolgt und Holidu erhält dadurch eine Provision. Um bei den verschiedenen Anbietern die identischen Ferienwohnungen zu finden und immer den besten Preis anzeigen zu können, nutzt die Suchmaschine eine selbst entwickelte Bilderkennungs-Software. „Die Technologie vergleicht die Bilder von Ferienwohnungen miteinander, um Duplikate herausfiltern zu können“, erklärt Michael. „Wir können so identifizieren, ob die Ferienwohnung auf Seite A die Gleiche ist wie auf Seite B. Und das kann eigentlich kein anderer bisher. Wir haben einen Technologie-Fokus, den wir ständig ausbauen. Die große Schwierigkeit ist, das mit 40 Millionen Bildern zu machen. Deswegen sitzen wir Tag und Nacht am System und entwickeln es weiter.” Dies bedeutet viel gemeinsame Arbeit. Auf die Frage, wie es ist, als Brüder gemeinsam zu arbeiten, antwortet Johannes: „Wie ist es eigentlich, als Nicht-Brüder gemeinsam zu arbeiten? Als Gründer brauchst du ein unglaubliches Vertrauen, gerade in den ersten Jahren, und als Brüder ist das gegeben. Es kann natürlich auch mal krachen, aber das ist schnell wieder vorbei. Das Gute ist, dass wir total unterschiedliche Aufgabenfelder und Rollen haben und das Konfliktpotential dementsprechend niedrig ist.“

Foto: Helena Kégl

Kees Koolen, Partner bei EQT Ventures und ehemaliger CEO von Booking.com, äußerte gegenüber dem Portal Munich Start-up, dass „der stark fragmentierte Ferienwohnungsmarkt ein riesiges Wachstumspotential bietet. Holidu hat in kurzer

Zeit marktführende Technologien entwickelt“. Martin Junker, Managing-Partner bei Venture Stars, fügte hinzu: „Wir sind beeindruckt von der Effizienz und Geschwindigkeit des Teams und wollen mit unserem Netzwerk einen Beitrag zum Erreichen der nächsten Meilensteine leisten.“

68


ORTENAUREPORTAGEN

Johannes hat Wirtschaft in Tübingen studiert und kümmert sich um alle wirtschaftlichen Aspekte des wachsenden Unternehmens. Sein jüngerer Bruder Michael studierte Informatik in Tübingen und ist der Tech-Experte hinter Holidu. Die beiden Brüder versammeln ihr 20-köpfiges Team zur Besprechung um sich. Frisch eingezogen sind sie in ihr Büro in der Karlsstraße. Mit namhaften Nachbarn wie dem Condé Nast Verlag. Lichtdurchflutet sind die Arbeitsräume im ersten Stockwerk des großen Gebäudes nahe der Innenstadt. Nur Glaswände durchtrennen die verschiedenen Einheiten. Lebhaft geht es hier zu, da ein Lachen, hier ein Tippen und dazwischen werden Telefonate in mehreren Sprachen geführt. Was sie gemeinsam mit ihrem Team erreichen wollen? Michael und Johannes schauen sich kurz an. „Es gibt immer noch Ferienwohnungen, die nicht bei uns sind. Das heißt, wir bauen ständig unser Inventar aus. Ansonsten arbeiten wir weiterhin daran, Reichweite zu generieren. Ich meine, wir sind ein Startup, da ist es klar, dass uns noch nicht jeder kennt. Unsere Vision ist, Holidu zu einem weltbekannten Synoym für Ferienwohnungen zu machen“, sagt Johannes. Ihr Team, das mit der gleichen Begeisterung wie ihre jungen Vorgesetzten täglich daran arbeitet, Holidu zu vergrößern, nennt sich die ‚Holidu-Family‘. Ihre Schreibtische sind eng nebeneinander aufgebaut und es herrscht ein kreatives Treiben. Unlängst ging es gemeinsam ins Zillertal zum Skifahren. Gebucht, natürlich, über Holidu. Zeit finden, für sich und ihre Mitarbeiter, durchatmen und den Kopf freikriegen, ist ihnen sehr wichtig. Dabei entstanden schon manch brillante Ideen auf dem Ski-Lift oder in ungezwungener Runde beim Abendessen. Rasmus Porsgaard, der Chief Marketing Officer von Holidu, erzählt: „Das Besondere an Holidu ist, dass wir auf der einen Seite ein sehr internationales Unternehmen mit Mitarbeitern aus mehr als zehn Ländern sind und es sich auf der anderen Seite wie eine kleine Familie anfühlt. Wir arbeiten alle sehr freundschaftlich zusammen und versuchen immer die Stärken der anderen hervorzubringen.“ Simon Meier, Chief Operating Officer, der erst kürzlich dazugestoßen ist, bestätigt: „Als mich Johannes und Michael gefragt haben, ob ich bei Holidu einsteigen wollte, musste ich nicht lange überlegen. Ich denke, die Brüder sind so erfolgreich, weil sie in ihren jeweiligen Bereichen exzellent sind und sich dabei voll auf den anderen verlassen können. Diese Vertrauenskultur überträgt sich auf das gesamte Team und hilft dabei, schnelle Entscheidungen zu treffen und diese effektiv umzusetzen.“ Diesen Familien-Zusammenhalt spürt man bei den SiebersBrüdern sofort. „Erfolg ist nicht planbar. Klar sind wir happy mit dem Verlauf. Anderseits haben wir noch viel vor. Wir schauen immer nach vorne und wollen noch viel verändern“, sagt Michael und legt seinem Bruder freundschaftlich den Arm über die Schulter.

Und auch die Szene ist begeistert. Lukas Herbst, Gründer von StartupBrett.de, einer Plattform zur Förderung junger Unternehmen, sagt: „Die Reisebranche ist hart umkämpft, daher ziehe ich meinen Hut vor den beiden. Mit der richtigen Strategie ist das aber, wie man sieht, auch machbar. Oftmals ist die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt Gold wert. Sie haben erkannt, dass die Buchung von Ferienwohnungen wesentlich komplizierter ist als bei der klassischen Hotelbuchung. Mit dem richtigen Konzept und Team hat es hier funktioniert. Vielleicht ist aber auch die Geschwisterverbindung der Schlüssel.“ Dass die Offenburger Jungs trotz ihres unglaublichen Erfolgs bodenständig geblieben sind, haben sie ihrem Umfeld zu verdanken. Freunde und Familie unterstützten die beiden von Anfang an. Und auch in ihre alte Heimat zieht es sie immer wieder. Einmal im Quartal sind sie zu Hause. Und genießen dann jede Minute. Besonders die Landschaft mit ihren wunderschönen Weinbergen fehlt den beiden und die vielen erfolgreichen Unternehmen, die es hier gibt. „Ich glaube auch, dass viele Leute von außerhalb die Ortenau nicht unbedingt auf dem Radar haben und immer wieder erstaunt sind, welche Marktführer es hier gibt und wie viele Start-ups aus der Region entstanden sind und weiterhin entstehen.“ Michael und Johannes stehen auf, schieben ihre Stühle zurück und verlassen den Konferenzraum. Die Arbeit ruft und ihr Team wartet schon. Michael dreht sich noch einmal um: „Wir sind übrigens immer auf der Suche nach talentierten Leuten und guten Software-Entwicklern. In allen Dingen, die wir machen, wollen wir erstklassig sein, und dafür brauchen wir Zuwachs, besonders aus der angewandten Informatik-Szene.“

69


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TRADITION

Ortenauer

ZigarreN Die ehemalige Seelbacher Zigarrenmanufaktur „Herr Lehmann“ erfindet sich neu. Nicht nur eine neue Leitung und ein neuer Standort sollen das Fortleben des Betriebs sichern, sondern vor allem eines: das traditionelle Handwerk. Von Kathrin Wölfle

E

Es duftet. Nach getrockneten Blättern, herb, aber mit einer süßlichen Note. Wenn man den kleinen Laden mitten in der Lahrer Innenstadt betritt, wird man sofort vom schweren, starken Geruch des Tabaks begrüßt. Ein großer Orientteppich, Sessel und Vitrinen erinnern an ein gemütliches Wohnzimmer. Aber nur im ersten Moment, denn ein paar Schritte weiter steht eine massive, hüfthohe Maschine – die Tabakpresse. Holzformen stapeln sich zwischen den Messingplatten der Presse. Dazwischen blitzen dunkelbraune Blätter hervor. Auf dem Boden verstreut liegen Tabakreste. Zwei dunkle Holztische stehen in der Mitte des Raumes. Maserungen, Kerben, Spuren von vielen Arbeitstagen durchziehen die alten Möbelstücke. Sie stehen nicht ohne Grund hier: In der Marktstraße 1 befindet sich nicht nur der Verkaufsraum der Zigarrenmanufaktur „Herr Lehmann“, sondern hier werden auch die Zigarren gefertigt. Es ist still. Nur das Schaben eines Messers über die unebene, weiche Oberfläche des Holzes ist zu hören. Zwei Frauen sitzen an den Tischen und rollen große Tabakblätter um die braunen Zigarrenrohlinge aus den Holzformen. Eine der Frauen ist Monika Böhnert. Zuerst sollte das Zigarrenhandwerk für sie nur ein Nebenjob sein. Die Einzelhandelskauffrau führte mehrere Modeboutiquen in der Offenburger Innenstadt. Sie hatte falsche

70

Nägel, trug High Heels. Ihr Alltag war hektisch. „Und schauen Sie mich jetzt an“, lacht Monika Böhnert und zeigt auf die gemütlichen Fellboots und ihre schlichte schwarze Schürze, auf die groß das Logo der Manufaktur gedruckt ist. Ihre Nägel sind kurz und dreckig. Am Anfang war diese Umstellung hart, aber die Arbeit mit den Zigarren entschädigten sie. „Es ist wie Meditation. Beim Rollen kann ich komplett abschalten und mich einfach nur auf die Tabakblätter und die Zigarre konzentrieren.“ Das Herstellen von Zigarren machte ihr bald mehr Spaß als ihr Job in der Modebranche. Mittlerweile, nach mehr als einem Jahr, rollt sie nicht nur Zigarren, sondern übernimmt auch das Management des Ladens. „Ich bin quasi Mädchen für alles, so viel Vertrauen haben meine Chefs in mich!“ Dass Gregor Grüb und Klaus Harisch ihre Chefs und Geschäftsführer der Manufaktur wurden, war Zufall: Auf einem Sommerfest 2013 hörten sie mit, wie jemand von den Zeiten erzählte, als die Tabakindustrie rund um Lahr florierte. Das Interesse der beiden Geschäftsmänner war geweckt, und bei ihren Recherchen stießen sie auf den kleinen Handwerksbetrieb „Lehmann“, der letzte seiner Art in Deutschland. Sie besuchten die Besitzer Oskar und Maria Lehmann in ihrer Werkstatt in Seelbach. „Er war 85 und sie schon über 80 und saßen zusammen im Keller. Man konnte durch den

Zigarenqualm fast nichts sehen.“ Fasziniert erzählt Gregor Grüb vom ersten Besuch. Er war sofort infiziert von der Leidenschaft und Kunstfertigkeit, mit der die beiden ihre Zigarren produzierten. „Beim dritten Besuch sagte uns Oskar, dass, wenn wir noch Zigarren wollten, diese jetzt kaufen müssten. Er und seine Frau wollten in Rente gehen und deshalb die Manufaktur schließen.“ Die Idee, das Geschäft zu übernehmen, kam Gregor Grüb bereits auf dem Heimweg. Zusammen mit seinem Partner Klaus Harisch entwickelte er ein Konzept, dass das alte Handwerk erhalten sollte. „So richtig ernst genommen haben sie uns am Anfang nicht“, schmunzelt er. „Sie konnten nicht glauben, dass jemand Interesse daran hatte, ihren Familienbetrieb weiterzuführen.“ Seit 1924 war die Zigarren-Manufaktur „Lehmann“ im Besitz der Familie. Damals war sie eine von 200 Fabriken im Umkreis von Lahr. Hier am Fuße des Schwarzwaldes lag das größte Anbaugebiet für Tabak in Deutschland, in dem ein Viertel aller deutschen Zigarren produziert wurde. Das Geschäft boomte und viele – vor allem Frauen – fanden in den Zigarrenmanufakturen Arbeit. Doch mit Einführung der Zigarette bekam die Zigarre eine Konkurrenz, der sie kaum standhalten konnte. Die Betriebe mussten reihenweise schließen. Dazu kam der Import von billigerem ausländischem Tabak.


Fotos: Ulrich Marx

ORTENAUREPORTAGEN

71


O R T E N A U R E P O R T A G E N | TRADITION

Akzent ist unüberhörbar. „Stellen Sie alle Zigarren von Hand her?“ fragt der Tourist, während er Barbara Glocke über die Schulter schaut.

In den 60er-Jahren übernahmen Oskar und Maria Lehmann die Manufaktur seines Vaters. Sie hielten trotz der schwierigen Marktsituation am traditionellen Handwerk fest, setzten nicht auf die neuen maschinellen Methoden. Bis 2014 führten sie das traditionelle Zigarrengewerbe fort. Dann schien die Schließung unausweichlich. Der Ruhestand wartet auf das Ehepaar, und keines der vier Kinder wollte das Familiengewerbe übernehmen. Stattdessen übernahmen Gregor Grüb und Klaus Harisch die Zigarrenmanufaktur „Herr Lehmann“ im Mai 2014. Der Umzug von Seelbach nach Lahr ist der Anfang des neuen Konzeptes: Die Zigarren sollen nicht nur handgefertigt sein, sondern komplett badisch, regional. Den alten Namen behielten die neuen Eigentümer bei, um das Lebenswerk Oskar Lehmanns zu ehren. Schwieriger, als neue Räumlichkeiten zu finden, gestaltet sich die Suche nach Angestell-

72

ten, die noch Zigarren herstellen können. Neben Monika Böhnert arbeiten noch vier weitere Quereinsteiger in der Zigarrenmanufaktur. „Keiner von uns hat den Beruf gelernt. Alles was wir wissen hat uns Frau Lehmann beigebracht.“ Die ehemalige Besitzerin der Fabrik hat als letzte Amtshandlung ihr Wissen an die neuen Angestellten weitergegeben, in einem sechswöchigen Grundkurs. Die Glocke an der Eingangstür klingelt. Monika Böhnert schaut auf und legt die Zigarre, die sie gerade ummantelt, aus der Hand. Ein Paar betritt den Laden und bleibt vor den Tischen stehen. Monika Böhnert gegenüber sitzt Barbara Glocke, lässt sich von den neugierigen Blicken nicht stören. Mit einer kleinen Schere schneidet sie überstehende Kanten am Ende der Zigarre ab. Lächelnd tritt das Paar näher. „Beeindruckend“, kommentiert der Mann, sein schwedischer

Sie schneidet die Blätter in gleichmäßig gewölbte Stücke, als ob sie mit dem Messer einer unsichtbaren Linie folgt. Die Stärke der Manjok-Wurzel dient als Kleber. Mit einem Pinsel wird das Blatt damit bestrichen, bis es feucht und klebrig ist. Dann kommt der Tabakrohling aus der Presse hinzu. Barbara Glocke legt ihn gezielt auf das eine Ende des Stückes – etwas schräg, damit das Deckblatt sich perfekt um den Rohling rollen lässt. Die Feinarbeit, das Einpacken der Enden, ist das Besondere. „Eine Maschine kann nie so gezielt und individuell arbeiten. Man muss das Blatt fühlen, weil jedes anders ist, und schließlich sollen alle Zigarren schön werden.“ Jedes Detail ist wichtig, Zigarren sind Einzelstücke. „Die Qualität wird besonders durch die traditionelle handwerkliche Herstellungsweise gewährleistet.“ Gregor Grüb hat deshalb alles von seinen Vorgängern übernommen, die Werktische, die Zigarrenpresse und das Wissen. Nur die geheime Tabakmischung von Oskar Lehmann haben die neuen Geschäftsführer ersetzt: Von zwei Bauern in der Rheinebene lassen sie seit 2015 exklusiv Geudertheimer Tabak anbauen. Der Tabak, der schon in den 20er Jahren verwendet wurde, wächst nur im Ried. Die komplette Zigarre ist mittlerweile badisch – vom Anbau bis zum Verkauf. Der Preis ist trotzdem nicht viel höher als industriell hergestellte oder importierte Zigarren. 20 Zigarillos bekommt man schon für 14 Euro, eine edle Nr. 5 mit Goldverzierung für 9,90 Euro. Im neuen Internet-Shop kann man auch bequem von zuhause aus handgefertigte „Herr Lehmann“ -Zigarren bestellen. Monika Böhnert kümmert sich um den Verkauf. „Es kommen Bestellungen aus ganz Deutschland. Außerdem werden dadurch auch immer mehr Leute auf uns aufmerksam.“ Obwohl der Fortbestand der Handwerkskunst ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes von „Herr Lehmann“ ist, will Grüb die modernen Möglichkeiten nutzen: „Unser Laden ist kein Museum, sondern ein wirtschaftlicher Betrieb. Wir wollen die Zigarrentradition zeitlos machen.“


voice | O R T E N A U R E P O R T A G E N

Der Traum von der Karriere als Musikerin Ein Tag im Leben von Desirée Lobé Von Meike Stephan

D

Die Haarbürste war ihr Mikrofon, der Spiegel zuhause ihre Bühne. Schon als Kind träumte Desirée Lobé von einer Musikkarriere. Sie sang im Kirchenchor, ging in Freiburg auf ein Gymnasium mit Musikschwerpunkt, spielte acht Jahre lang Keyboard. Bis Mitte 20 war das Singen für sie lediglich ein Hobby, Desirée arbeitete als Friseurin. Dann entschied sie, ihre Leidenschaft zu ihrem Hauptberuf zu machen und professionelle Sängerin zu werden. Neulich sang sie die Nationalhymne vor dem Europa-Titelkampf von Profiboxer Sezer Ülker. Ihr Tagesablauf hat sich komplett verändert. Am kreativsten ist sie nachts. Mein Tag beginnt um 6.30 Uhr. Zähne putzen, dann gibt es Frühstück für meine zehnjährige Tochter und ich mache ihr Pausenbrot. 7:30 Uhr: Wenn die Kleine in die Schule geht, lege ich mich noch einmal hin, wenn es die Zeit zulässt, und schlafe ein bis zwei Stunden. 10:00 Uhr: Jetzt brauche ich Musik! Die höre ich am liebsten an meinem Laptop. Ich habe immer wechselnde Lieblingsalben, die ich dann rauf und runter höre, weil sie mich total berühren und inspirieren. Zur Zeit ist das ein Album der Berliner Band „Berge“. Dann gibt es Frühstück

für mich. Das besteht aus einem Früchtemüsli und Wasser mit frischem Ingwer – das ist gut für die Stimme und das Immunsystem. Ich trinke zwar gern Kaffee, aber er tut mir nicht gut. Deshalb gibt es bei mir nur Tee und Ingwer-Wasser – an sich langweilig! 11:00 Uhr: Ich meditiere drei Mal am Tag. Morgens, mittags und vor dem Schlafengehen je 15 Minuten. Das erdet mich, bringt mich zur Ruhe und ich kann danach meinen Tag fokussierter angehen. 11:15 Uhr: Jetzt beginnt mein Arbeitstag. Ich arbeite von zuhause, das genieße ich total. Zuerst beantworte ich E-Mails und schaue auf meine Social-Media-Kanäle. Im Moment bin ich auf Facebook, YouTube und Soundcloud. Aber ich werde mir jetzt auch einen Twitter- und Instagram-Account machen. Am Tag bekomme ich zwischen fünf und zehn Fan-Nachrichten, zum Beispiel: „Deine Musik ist wie Medizin.“ oder: „Ich wünsche dir viel Glück, dass du bald ein Album rausbringst. Es wird höchste Zeit!!“ 13:30 Uhr: Jetzt bin ich wieder Mama. Meine Tochter kommt aus der Schule zurück und es gibt Mittagessen. Sie mag kein Obst, aber ansonsten kann es alles Mögliche sein. Gestern gab es

73


Fotos: Manfred Hammes

O R T E N A U R E P O R T A G E N | voice

Frischkäse-Sticks, Spinat und Rührei. 14:30 Uhr: Meine Tochter geht in die Mittagsbetreuung, und nach meiner zweiten Meditation telefoniere ich mit meinem Management über neue Marketing-Strategien und Termine. Ich möchte dieses Jahr im Sommer eine Süddeutschland-Tour machen: Stuttgart, Karlsruhe, München. Ab April geht die Hochzeitssaison los. In der Adventszeit möchte ich vermehrt in Kirchen auftreten, auch das muss bereits jetzt geplant werden. 16:00 Uhr: Fotoshooting in Baden-Baden. Ich verändere oft meine Haare und brauche dann regelmäßig neue Fotos. Auch für Social-Media sind Fotos total wichtig. Mein liebstes Fortbewegungsmittel ist mein Auto. Ich liebe Autofahren und bin total verliebt in meinen roten VW Beetle Cabrio. Musik im Auto ist ein Muss. Auf meinem Handy habe ich über hundert aktuelle Songs und ich singe immer mit. Im Moment sind das natürlich die Songs von „Berge“, zum Beispiel „Vor uns die Sintflut“:

„I must be tough I must behave, I must keep fighting Don't give it up I want to keep us compromising Open your arms and pray To the truth that you're denying Give in to the game To the sense that you've been hiding Where are you taking me?

74

I can't be blamed I want you to want me again.“ Wenn ich auf einen Gig gehe, singe ich mich übrigens im Auto warm. 18:00 Uhr: Meine Tochter und ich essen zusammen zu Abend, meistens noch einmal etwas Warmes, zum Beispiel Dinkel-Buttermilch-Pfannkuchen mit Gemüse. Richtig lecker! Der Abend gehört ihr: Wir reden über alles, das ist mir sehr wichtig. Dann schauen wir zusammen etwas fern, um 21:00 Uhr geht sie ins Bett. Ich bin dann noch einmal viel in sozialen Netzwerken, schaue meine Statistiken an, meine Likes, beantworte weitere Nachrichten. 22:30 Uhr: Nachts bin ich am kreativsten. Da geht eigentlich erst meine Zeit so richtig los: Da singe ich, da schreibe ich meine Lieder, da hole ich mir Impulse und setze die Grundlagen für meine Ideen. Ich lasse mich zuerst von einer Melodie inspirieren, oft ist das stimmungsabhängig. Dann entwickelt sich eine Melodie in meinem Kopf, die ich zuerst nur summe. Erst dann entsteht der Text. Manchmal kann es dann sein, dass ich zu später Stunde noch meinen Produzenten Alan anrufe und ihm mein Lied vorsinge. Dann können wir stundenlang an einer Idee tüfteln. Oft passiert es, dass ich erst um 2:00 Uhr ins Bett komme. Natürlich nicht, ohne davor noch einmal zu meditieren. Die Desirée Lobé Band spielt in der Besetzung mit Wolfgang Kininger am Bass, Timo Wendling am Schlagzeug und dem Gitarristen Markus Westermann. Kontaktaufnahme mit Desirée Lobé über ligade@gmx.de .


hund und mensch | O R T E N A U R E P O R T A G E N

Flyball Mit Harmonie zum Erfolg Leistungssport für Hund und Mensch. Vier Hürden, ein Ball, ein Hund: Flyball ist ein Sport für Mensch und Vierbeiner. Sylvia Selinger und ihre Kollegen des VDH Durbachtal zählen dabei zu den erfolgreichsten Sportlern Deutschlands. Ihr Erfolgsrezept ist das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier. Von Stephanie Becker

Der Regen prasselt auf das Dach wie ein nicht enden wollender Tusch. Vor dem Fenster reißt ein Sturm Zelte aus ihren Verankerungen und treibt sie wie Vieh vor sich her. Es knarzt und knallt, unaufhörlich pfeift der Wind durch Spalten und Ritzen des Vereinsheims. In den Duschkabinen kauern sich Menschen aneinander und halten ihre Hunde im Arm, während sich der Rasenplatz binnen weniger Minuten in einen Sumpf verwandelt. „Das ist jetzt fünf Jahre her“, erinnert sich Sylvia Selinger, „es war ein kleiner Wettbewerb in Sauldorf in BadenWürttemberg. Wir hatten Sorgen, dass jemand ums Leben kommt.“ Als der Regen einsetzt, flüchten sich die Teilnehmer und ihre Hunde in die Duschkabinen, anstatt an dem Flyball-Turnier teilzunehmen. An einem Wettbewerb, bei dem die Hunde gegeneinander ihre Schnelligkeit, Springfreude und ihr Apportiergeschick unter Beweis stellen. Mit ihren Border Collies Feivel und Peppino nimmt die 48-Jährige seit 2010 regelmäßig an Turnieren teil, 2014 wird sie mit ihrer Mannschaft des VDH Durbachtal zweifacher Deutscher Meister.

Foto: Sylvia Selinger

„Der Sport ist schon ziemlich verrückt“, sagt sie und lacht. Vor allem geht es sehr laut beim Flyball zu. Die Hunde bellen und die Leute schreien. „Border Collies haben von Natur aus einen sehr hohen Spieltrieb und gelten als intelligenteste Hunderasse der Welt.“ Daher hält Selinger Flyball für eine perfekte Beschäftigung für die beiden. Auch, weil sie selbst sehr aktiv ist. Regelmäßig macht sie Touren auf dem Mountainbike, geht joggen oder wandern. Immer mit den Hunden an ihrer Seite. Beim Gassigehen huscht Feivel in Achterform zwischen ihren Beinen durch oder folgt ihr wie ein Schatten. „Ich binde Elemente aus dem DogDancing in den Alltag mit ein“, erklärt Selinger. Peppino läuft dann im Kreis um sein Frauchen, während sie spaziert. Auf großen Grünflächen kommt zudem der Ball zum Einsatz. Egal, wie lange sie zuvor schon unterwegs waren. Mit dem Flyball kam eine weitere Aktivität für das Trio dazu. Beim VDH Durbachtal hat Selinger Gleichgesinnte gefunden. Menschen, denen die Bindung zu ihren Hunden ebenso

75


O R T E N A U R E P O R T A G E N | hund und mensch

Foto: Sylvia Selinger

wichtig ist wie ihr. „Wir harmonieren einfach, Hunde sowie Menschen“, meint sie. Die Tiere gelten dort nicht als Sportgeräte, sondern als Familienmitglieder. Davon können sich seit acht Jahren Vereine aus ganz Deutschland ein Bild machen, zum Beispiel, wenn der VDH jeden Sommer das Internationale FlyballTurnier in Ebersweier veranstaltet. „Ich komme immer wieder gerne hierher. Die Atmosphäre ist toll und die Leute sind einfach klasse“, sagt Flyballer Wilfried Jost aus Gießen. „So sollte Flyball überall sein.“ Ursprünglich kommt der Sport aus den Vereinigten Staaten. In den 1970er Jahren sucht Herbert O. Wegner aus Kalifornien nach einer Beschäftigungsmethode für seine lauffreudigen und ballverrückten Vierbeiner. Er baut eine Kiste, die einen Ball drei Meter in die Höhe schleudert, wenn der Hund sie mit der Pfote berührt. Die Flyball-Box ist geboren. In den Jahren hat sich das Konzept etwas verändert. Heute nimmt der Hund ihn nur noch aus der Box. Davor stehen vier Hürden, die der Vierbeiner überwinden muss, bevor er sein Spielzeug bekommt. Aus einer Freizeitbeschäftigung hat sich ein Mannschaftssport entwickelt, der in Deutschland immer mehr Anhänger findet. Mittlerweile nehmen rund 60 Vereine an Turnieren teil. Dabei treten jeweils zwei Mannschaften zu je vier Hunden gegeneinander an. Es geht um Schnelligkeit. Welches Team schnappt sich den Ball und überspringt die Hürden in kürzester Zeit? Wie beim Turnier um die Deutsche Meisterschaft 2014 in Hassloch. „Wir sind mit zwei Teams angetreten, den Cool Runnings und der Next Generation“, erinnert sich Sylvia Selinger. Zwölf Hunde mit ihren Besitzern plus Familie und Freunde reisen dafür aus der Ortenau an, bereits siegessicher, dass die Next Generation in ihrer Klasse gewinnen wird. Die jungen Hunde sind schon die gesamte Saison in Topform. Am Finaltag ist es so heiß, dass der VDH Durbachtal seine Vierbeiner zwischen den Rennen in den Schatten der Zuschauertribüne legt. Diese Umsicht soll sich später noch auszahlen. Ohne Mühe

76

gewinnt die Next Generation den Meistertitel, an den Sieg der Cool Runnings denkt niemand. „Wir sind das völlig ruhig angegangen und haben noch darüber Witze gerissen, dass wir den Gegner mit 3:0 vom Platz jagen“, erzählt Selinger. Im letzten Rennen treten sie gegen die Flyball-Dragons aus Bonn an. Als der vierte Hund des VDH-Teams die Lichtschranke passiert, ist klar: Der VDH hat den zweiten Titel. „Unser Trainer warf vor Freude sogar sein iPad weg, als er uns umarmt hat“, erzählt Selinger und muss herzlich lachen. „Unsere Hunde waren munter und ausgeruht, im Vergleich zu den FlyballDragons“, sagt der damalige Trainer Thomas Braun heute. Schon vor der Meisterschaft ist Braun immer darauf bedacht, dass die Harmonie in seiner Truppe stimmt. Mit Erfolg: Der VDH holte 2013 den Baden-Württemberg-Cup. „Bei allen Turnieren helfen wir uns gegenseitig beim Zeltaufbau und schauen gemeinsam, dass es den Hunden gutgeht.“ Ein guter Verbund ist das Entscheidende. Vor allem zwischen Haltern

und Hunden. „Man muss seinen Hund wirklich gut kennen und einschätzen können“, erklärt der ehemalige VDH-Coach. „Nicht der Ball darf die Belohnung sein, sondern das Zurückkehren zu Herrchen oder Frauchen.“ So entsteht mit der Zeit ein Band zwischen Zwei- und Vierbeinern. Wie damals in Sauldorf: Die Abstände zwischen den Schlägen der Regentropfen werden immer länger. Langsam traut sich der Trupp aus seinem Versteck, an ein Turnier denkt aber niemand mehr. Stattdessen versammeln sich die Frauen und Männer des VDH Durbachtal mit ihren 20 Hunden auf dem überschwemmten Rasenplatz und fangen an, Ball zu spielen. Mit einem einzigen Ball. „Es war richtig friedlich“, erinnert sich Selinger. Kein Gekläffe, kein Beißen. Nur die pure Freude am Spiel mit Artgenossen und Mensch. Ein gegnerisches Team spaziert an der Szenerie vorbei und bleibt beeindruckt stehen. So etwas hatten sie noch nie gesehen.


Sind Sie ein „Special-Typ“ oder machen Sie noch langweilige Image-Broschüren? Nicht Sie loben sich selbst. Sondern wir natürlich Sie. „Corporate Publishing“ nennt man das im Allgemeinen. Wir aber nennen das „Culture Publishing“. Denn wir geben unseren Titel nicht jedem. Nur den Guten. Alle Specials zum Blättern unter www.lust-auf-gut.de. Aber besser, wir plaudern darüber.

RoC-Botschaft Offenburg Kalisch & Partner Werbeagentur

REPUBLIC OF

CU LIC OF REPUB

LTURE

d drum

burg un

| Offen

CULTURE |

Offenburg

Qualität ohne rum | 49 Grenzen

und drum he

hne tät o Quali nzen Gre rum | 64

he

INSTANT

DEUTSCHLAND 9 ISBN 978-3-9 45026-2 www.lust-auf-gu 7-4 t.de

www.kalisch.de Carl-Zeiss-Straße 18b, 77656 Offenburg, T: +49 (781) 9551-0

AND 9 DEUT SCHL 5026 -42-7 3-94 ISBN 978- auf-gut.de www.lust-


Foto: Zweierpasch

O R T E N A U R E P O R T A G E N | HIP-HOP

Grenzenloses 2erPASCH Ein Hip-Hop-Duo rappt auf Deutsch als „Zweierpasch“ und auf Französisch als „Double Deux“ für das bessere Verstehen über die Grenzen hinweg. Von Sina Weneit

E

Es fühlt sich ein wenig skurril an, als die Zwillingsbrüder Till und Felix Neumann im Oktober 2015 den ersten Blick aus ihrem Zimmer im Kozatskiy-Hotel im Herzen von Kiew werfen. Zu ihren Füßen liegt der Majdan – der Unabhängigkeitsplatz, der 2014 Schauplatz blutiger Gewaltaktionen zwischen der ukrainischen Polizei und regierungskritischen Demonstranten wurde. Mehr als 70 Menschen kamen dabei ums Leben. „Heute spazieren dort wieder entspannt Menschen über den granitgepflasterten Platz“, erzählt Felix. Auf dem Weg zum Kulturzentrum Partkom, in dem während der Maidan-Revolution Verletzte spontan notversorgt wurden, begegnen die Zwillinge Panzern und bewaffneten Soldaten; die Krise, der Krieg, sind noch zu spüren. An Straßenküchen werden Kaffee und Mittagessen zum Schleuderpreis angeboten und als Souvenir kann man Toilettenpapier mit Putins Konterfei erstehen. Till und Felix machen ein Foto, veröffentlichen es zusammen mit anderen Eindrücken auf Facebook – zu gewagt, findet ihre prorussische Reisebegleiterin. „Wir haben uns dennoch entschieden, es nicht zu löschen“, sagt Till. Im Partkom werden die Brüder schon von Schlagzeuger Costa und Pianist Sasha erwartet. Zusammen mit den beiden Ukrainern werden sie in nur drei Tagen und trotz erheblicher Sprachbarrieren ein einstündiges Konzert einstudieren, das

78

sie anschließend in drei Städten der Ukraine performen sollen. Das Goethe-Institut in Kiew und das Institut Française hatten das Duo „Zweierpasch“ für das Musik-Projekt engagiert. Ihre deutsch-französischen Hip-Hop-Songs sollen vor allem Jugendliche begeistern und den europäischen Gedanken des freundschaftlichen Miteinanders vermitteln. Die im Anschluss stattfindenden Rap-Workshops sollen Barrieren abbauen – sprachliche, gesellschaftliche, kulturelle. Dass Verständigung auch gelingt, wenn Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen, zeigt sich dabei eindrücklich, wie die Brüder drei Monate später, immer noch euphorisiert, berichten. „Songs können Grenzen überwinden. Gemeinsam Musik zu machen verbindet die Menschen und baut so Brücken zwischen den Kulturen“, erklärt Felix Neumann das Konzept hinter ihren Projekten. In der Ukraine haben sie ein Zeichen für Völkerverständigung gesetzt – mit Musik als Schlüssel zum gegenseitigen Verstehen. Till und Felix Neumann passen nicht in die typische RapperSchublade. Nach dicken Autos, Geld und Frauen sucht man in den Texten der 32-Jährigen vergeblich. „Party-Rap ist uns zu wenig“, sagen die beiden. Musik ohne Message auch. Ihre Ansprüche an die eigenen Songs sind hoch – die Themen haben Tiefgang: Es geht um Kinderrechte, Flüchtlinge, Völkerverständigung und ein friedliches Europa. Ihre Songs heißen „Grenzgänger“, „Friedenstauben“ oder „Kleine Helden“ und


ORTENAUREPORTAGEN werden inzwischen deutschlandweit zur spielerischen Sprachförderung im Französischunterricht eingesetzt. „Reflektierten Hip-Hop“ – wie es ihn in der Szene kaum noch gäbe – nennt ihr Label-Chef Sandro De Lorenzo die Arbeit von Zweierpasch. Seit ihrem ersten Album „Alle guten Dinge sind zwei“ im Jahr 2013 sind sie bei dem Berliner Label Rummelplatzmusik unter Vertrag. Die pädagogische und politische Ausrichtung, kombiniert mit den zweisprachigen Hip-Hop-Texten, ist so einzigartig, dass sie den Musikern schon viele Türen geöffnet hat. „Unsere Arbeit führt uns eher in Krisengebiete als auf die Partybühne. Aber ich fliege eh lieber in die Ukraine oder nach Mauretanien als nach Teneriffa“, sagt Felix. Erstaunlich bei dem ganzen Engagement und Erfolg: Die Musik ist nur ihr Nebenjob. Felix koordiniert hauptberuflich Bildungsprojekte, Till ist Journalist. „Zweierpasch“ stemmen sie nebenbei und in ihrer Freizeit. Das geht an die Substanz. „Nach der Ukrainetour war ich echt am Limit“, sagt Till. Einer ihrer größten Momente bisher war eine Audienz samt Live-Auftritt im Schloss Bellevue vor Bundespräsident Joachim Gauck anlässlich der Verleihung eines Geschichtspreises im Jahr 2013. „Das war eine Ehre, die wir uns natürlich nie erträumt hatten“, schwärmt Till. „Ich habe natürlich gleich den Fauxpas begangen und unseren Bundespräsidenten mit ‚Hallo, Herr Gauck‘ begrüßt“, erzählt Felix lachend. Die Begeisterung für deutschen Hip-Hop hat die Brüder aus Adelsheim in Nordbaden schon früh gepackt. Mit 15 Jahren probieren sie sich bei Freestyle-Sessions im Freundeskreis aus und machen erste Aufnahmen. Erst nur auf Deutsch. „Wenn man die ersten Reime kickt, ist alles noch Freestyle. Man rappt über das Rappen an sich, über das Feeling. Da hat man noch keine tiefgehenden thematischen Ziele“, erzählt Felix von den Anfängen. Für ihr Studium zieht es die beiden nach Freiburg, Till immatrikuliert sich für Sprachwissenschaften, Felix für Politik und Sozialpädagogik. Die Leidenschaft für Musik bleibt ungebrochen, die Zwillinge spielen mittlerweile kleinere Konzerte in Deutschland und Frankreich – damals noch als „Buddah Woofaz“. Victor, ein befreundeter Deutsch-Franzose und selbst Musiker, ermutigt das Duo, auf Französisch zu texten und übernimmt bei ihren Auftritten vorübergehend die Sprechparts. Zusammen machen sie neben dem Studium eine mehrwöchige Ausbildung als deutsch-französische Sprachanimateure – und müssen anschließend ein Langzeitprojekt übernehmen. „Wir sollten etwas machen, was wir gut können. Also haben wir Rap-Workshops für Jugendliche auf Deutsch und Französisch gegeben – und das kam super an.“ Die Zwillinge finden Gefallen an der bilingualen Ausrichtung – und wagen im Januar 2012 den musikalischen und konzeptionellen Neustart als „Zweierpasch“. Zwei Brüder, zwei Sprachen – und eine Idee: Menschen zusammenbringen mit politisch-poetischen Texten und coolen Sounds. Das Konzept geht auf. Per Mundpropaganda spricht es sich rum. Immer mehr Lehrer wollen mit den Songs ihren Französisch-Unterricht bereichern. Jutta Kury, Französisch-Lehrerin in Emmendingen bei Freiburg, hat die Begeisterung, die von den Songs und Workshops mit „Zweierpasch“ ausgeht, zusammen mit ihren Schülern der elften Klasse miterlebt. „Die beiden stehen für gelebte Zweisprachigkeit“, lobt Kury. „Da kommen zwei junge Musiker in die Schule, einer spricht während des ganzen Workshops Deutsch, der andere Französisch. Dazu die mitreißenden Songs, die Rhythmisierung der Sprache: Das finden die Schüler cool!“

Besonders wertvoll sei die Kombination aus Musik und Sprache auch durch ihre Nachhaltigkeit. Die Songs bleiben im Kopf, die Schüler bekommen Lust dazuzulernen. Was Jutta Kury besonders freut: „Nach dem Workshop haben sich ungewöhnlich viele Schüler für ein Französisch-Abitur entschieden.“ Dabei verliert das Fach Französisch in den Schulen Baden-Württembergs stetig an Beliebtheit, die Kinder und Jugendlichen entscheiden sich immer öfter für Spanisch. Trotz – oder wegen – der Nähe zu Frankreich. „Spanisch wirkt exotischer“, vermutet Kury und bedauert diesen Trend, der umgekehrt auch an französischen Schulen zu beobachten ist, wo immer weniger Deutschkurse angeboten werden. Auch Felix ist entsetzt darüber, wie wenige Menschen im deutsch-französischen Grenzgebiet die Sprache und das Land des jeweiligen unmittelbaren Nachbarn kennen. Mangelndes Verständnis und daraus resultierende Fremdenfeindlichkeit sind nicht nur Phänomene aus fernen Ländern, sondern finden vor unserer Haustür statt. Besonders im direkt an Straßburg grenzenden Kehl fällt das den Brüdern auf. „Ich habe letztes Jahr mit über 120 Klassen im Eurodistrikt gearbeitet“, sagt Felix. Man spüre dort teilweise echte Ressentiments dem Fremden gegenüber, das Interesse für die Sprache und das Land der eigenen unmittelbaren Nachbarn fehle oft. „Genau dort wollen wir mit unseren Projekten Positives bewirken“, sagen die Rapper. „Denke global, handle lokal!“, lautet ihr Credo. „Wenn ich mir ansehe, was in Europa gerade für Ideen an Nährboden gewinnen, bekomme ich Angst“, sagt Felix besorgt. Besonders in Zeiten, in denen der rechtsextreme Front National große Zuläufe verzeichnet, in denen rechtsradikale Gruppen wie Pegida Fremdenhass schüren, wollen „Zweierpasch“ ihr Engagement verstärken. „Wenn uns die Geschichte eins gelehrt hat, dann, dass Abschottung nie guttut.“ Die Brüder wissen, dass sie in einer privilegierten Generation aufgewachsen sind. Noch nie hat in Deutschland so lange Frieden geherrscht wie heute. „Aber Frieden ist kein Selbstläufer“, warnt Till. „Man muss ihn bewahren.“ Ihr nächstes Projekt steht schon in den Startlöchern. Mit Ra(p) conte veröffentlichen sie im Februar 2016 ein Album mit gerappten Märchen. Geplant sind eine Tournee und viele Workshops, in denen Kinder und Jugendliche wieder für Sprachförderung begeistert werden sollen. „Wenn man Musik in einer anderen Sprache macht, passiert etwas Magisches. Man vergisst, dass man gerade etwas Schwieriges tut. Man verliert die Scheu, die viele aus dem Sprachunterricht kennen“, sagt Felix. Aber auch für Erwachsene ist das Album etwas. Soundästhetik ist den Rappern extrem wichtig. Ihre Musiksozialisation fand Ende der 90er-Jahre, zur „Golden Era of HipHop“ in Deutschland statt. Mit Max Herre und Jan Delay statt Aggro Berlin und Bushido. Dass sie nicht die klassische Rap-Zielgruppe ab 14 Jahren ansprechen, ist den Jungs klar – und egal. „Vielen jungen Leuten, die meiner Meinung nach Scheuklappen aufhaben, sind wir heute nicht genug Rap oder Hip-Hop. Wir beleidigen keine Leute, werfen nicht mit Schimpfwörtern um uns. Das spricht viele einfach nicht an.“ „Zweierpasch“ verarbeiten Themen, die ihnen wichtig sind. Jede Art von Rap hätte seine Berechtigung – für sie seien Authentizität und Themen die wichtigsten Kriterien. Und so machen „Zweierpasch“ weiter ihr Ding. Eben grenzenlos Hip-Hop.

79


O R T E N A U R E P O R T A G E N | ARBEIT

Jobs finden per Web-Videos Gerne wird von einem Europa ohne Grenzen gesprochen. Gut und richtig. Aber selbst der Rhein, der sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zur Nahtstelle entwickelt hat, ist eine Grenze, wenn man die unterschiedliche Entwicklung des Arbeitsmarktes in Frankreich und Deutschland betrachtet. In der Ortenau eine so geringe Arbeitslosigkeit, dass eher von Vollbeschäftigung gesprochen werden kann, im Elsass aber eine hohe Arbeitslosigkeit, insbesondere bei Jugendlichen.

Arbeitssuchende haben inzwischen noch eine weitere Möglichkeit, sich deutschen Arbeitgebern zu präsentieren: die Webbasierte Video-Bewerbung. Vor allem geht es hier um die schnelle Beantwortung der Frage: Wie gut sind die deutschen Sprachkenntnisse? Denn da ist das Papier, auf dem die Bewerbungen geschrieben werden, geduldiger als ein Video, in dem man sich in der Sprache des Nachbarn präsentiert. Mit der Jobsuche per WebVideo könne man „ein Stück Europa für unsere Bürger bauen“, so Patrick Roger, der Vorsitzende des Maison de l‘emploi. Da kann ein Bewerber eine noch so gefeilte Bewerbung vorlegen, „von den Sprachkenntnissen möchten sich die Arbeitgeber selbst überzeugen“, so die Erfahrung von Horst Sahrbacher, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Offenburg. Video-Bewerbung ist ein Weg, diese Hürde relativ leicht zu überspringen. Geboren wurde die Idee bei einem Treffen am Rande des Straßburger Tennisturniers, so Manfred Hammes von der WRO. Mit dem Straßburger

80

Start-up-Unternehmen Blackblitz hatte Hammes auch ein Unternehmen an der Hand, das die ersten Bewerbungsvideos innerhalb weniger Tage produzierte. Die ersten Video-Clips sind online. Sie sind entweder über einen Link auf der WRO-Homepage – der entsprechende Link wird allen Arbeitgebern über den elektronischen Newsletter der Agentur für Arbeit Offenburg zugesandt – oder über einen eigenen YouTube-Kanal einsehbar. Finanziell gefördert wird das Pilotprojekt mit Mitteln aus dem Europäischen Förderprogramm für Beschäftigung und soziale Innovation (EaSI).

In den etwa anderthalb Minuten langen Clips können die Bewerberinnen und

Foto: Michael Bod e

D

Die Arbeitsagentur Offenburg, das Maison de l’emploi aus Straßburg und die Wirtschaftsregion Offenburg/ Ortenau (WRO) haben viele Projekte initiiert, um dem entgegenzuwirken. Immerhin arbeiten derzeit schon über zwanzigtausend Franzosen aus dem Elsass auf der anderen Seite des Rheins. Das zeigt das Interesse der deutschen Arbeitgeber.

Bewerber – ähnlich wie in einem Bewerbungs-Anschreiben – darlegen, welche Art von Beschäftigung sie in Deutschland suchen, was sie bisher beruflich gemacht haben und welche Kenntnisse sie für ihren angepeilten Job mitbringen. Die Bewerber werden dabei aus wenigen Kameraperspektiven gefilmt, während sie von sich erzählen. Für den potenziellen Arbeitgeber ist das aussagekräftig genug: Wie präsentiert sich der Bewerber? Und vor allem: Wie gut spricht er oder sie Deutsch? Von 2016 bis 2018 soll im Rahmen des Interreg-Projektes „Arbeitsmarkt 360°“ die Anzahl der Franzosen, die in Deutschland eine Lehre machen oder eine Arbeit aufnehmen, deutlich gesteigert werden. Dafür stehen rund 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Bei diesem Projekt unter Federführung des Maison de l'Emploi arbeiten die Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau, die Arbeitsagenturen auf beiden Seiten des Rheins und der Eurodistrikt eng zusammen.


digital intelligence

Briefbogen_Blatt_2:Briefbogen_Blatt_2

16.06.2009

9:56 Uhr

Seite 1

Wir sind die WRO: 53 Kommunen IHK, HWK, Ortenaukreis

150 Firmen 48 000 Mitarbeiter 16 Mrd Euro Umsatz

SchlĂźsselfertiges Bauen mit Tradition

Stahl

Maschinen

Werkzeuge

Bauelemente

81


O R T E N A U R E P O R T A G E N | x-mas

Keine weiSSe Weihnacht mehr Wer sich darauf verlässt, dass sich zur Adventszeit die Herzen und Geldbeutel der Touristen weit öffnen, der könnte bald leer ausgehen. Die Winter werden immer wärmer. Deshalb müssen Gastronomen und Unternehmer in der Weihnachtszeit auf neue, kreative Ideen setzen.

Foto: Robert Schwendemann

Von Katharina Kunzmann

82


ORTENAUREPORTAGEN

E

Es ist Dezember. Der Wind pfeift lautstark durch die Bäume und die weihnachtlich geschmückte Stadt am Fuße des Weinberges glitzert mit den Sternen um die Wette. Hier in Sasbachwalden bietet die Familie Wild die Erlebnisübernachtung „Schlafen im Weinfass“ an. Das heimische Schlafzimmer wird für eine Nacht mit mannshohen bauchigen Holzfässern getauscht. Diese sind mit einem Bett, Tisch und einer hölzernen Sitzbank ausgestattet. Jetzt in der Adventszeit sind die Fässer mit Lichterketten geschmückt. Der ganze Weinberg, über den die Schlafplätze verteilt sind, wurde in ein Weihnachtswunderland verwandelt. Helle Rentier-Figuren und beleuchtete Tannen weisen den Weg. Im Fass selbst ist es wohlig warm. Eine kleine Heizung in der Ecke bollert gemütlich, und der Geruch des Holzes unterstreicht die ruhige Stimmung. Die kleinen Fenster mit den rotkarierten Vorhängen geben den Blick über die Miniaturstadt am Fuße des Bergs frei. Wenn es tatsächlich kleine Elfen gibt, die dem Weihnachtsmann bei seiner Arbeit helfen, dann wohnen sie genau hier – ganz sicher.

In der Ortenau konnte man sich 2010 das letzte Mal über weiße Weihnachten freuen. Und die weiße Pracht wird wohl auch künftig immer seltener werden. Die Weltorganisation für Meteorologie, WMO, berichtet, dass jedes der vergangenen drei Jahrzehnte wärmer war als das vorhergehende. „Grundsätzlich kann man sagen, dass der Schneemangel dem gesamten Schwarzwald schadet“, betont Sandra Bequier, die Tourismus-beauftragte des Ortenaukreises. Deshalb müssen Erwerbstätige im Tourismusbereich künftig versuchen, sich vom Winterwetter unabhängig zu machen. „Gastronomen und Hoteliers ebenso wie die öffentlichen und privaten Anbieter von Freizeit- und Kulturangeboten forcieren immer mehr Trends wie Regionalität und Qualität, Natur und Entschleunigung, Gesundheit und Nachhaltigkeit“, sagt Christian Leser, der für die Wirtschaftsregion Offenburg/ Ortenau (wro.de) touristische Messen und Veranstaltungen organisiert. Die Klimaveränderung zwingt besonders in der Adventszeit zum Umdenken.

Nicht nur für den Familienbetrieb Wild, sondern für das ganze Schwarzwaldgebiet ist die Adventszeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, ein Tourismusmagnet. „Die Dezemberübernachtungen steigen seit 2006 kontinuierlich“, so Christopher Krull von der Schwarzwald Tourismus Gesellschaft. Allein im Winterhalbjahr 2014/2015 konnte die Ortenau über eine Million Gäste-Übernachtungen verzeichnen.

Statt nach „Vin chaud“ duftet es 30 Kilometer weit entfernt, in Offenburg, sehr ähnlich – nämlich nach Glühwein. Stefan Schürlein vom Stadtmarketing Offenburg sieht für den örtlichen Weihnachtsmarkt aber noch Luft nach oben. „Der Start des letzten Weihnachtsmarkts war aufgrund des Wetters eher ruhig. Erst später war er gut besucht“, sagte Schürlein. Der Grund: Es wollte und wollte einfach nicht schneien. Auch Lothar Kimmig, Geschäftsführer der Tourist Info in Gengenbach, kann bestätigen, dass das Wetter starken Einfluss auf die Besucherzahlen hat. „Besonders Regen ist schädlich für das Weihnachtsmarkt-Geschäft.“

Fotos: Wild

Auch die französischen Nachbarn setzen auf das Weihnachtsgeschäft. Straßburg verwandelt sich ab Dezember in ein Lichtermeer: „Capitale de Noël“ zu sein, Weihnachtshauptstadt, behauptet Straßburgs nicht zu Unrecht von sich. Die alten Fachwerkhäuser werden mit reichlich Schnick und Schnack behangen. Der Duft von „Vin chaud“ liegt in den Gassen. Man putzt sich raus für seine Gäste, denn 70 Prozent der Besucher der vielen Straßburger Weihnachtsmärkte sind Touristen. Ein Aufwand, der sich zu lohnen scheint, denn hier werden rund 250 Millionen Euro Umsatz generiert.

83


O R T E N A U R E P O R T A G E N | x-mas

Die Stadt Gengenbach bietet ihren Gästen schon seit Längerem mehr als nur verschneite Weihnachtsmarkthütten. Zufällig entdeckte man, dass das örtliche Rathaus genau 24 Fenster hat – und der Rathaus-Adventskalender war geboren. Die Vorfreude auf das Christkind wird in Gengenbach zum Gemeinschaftsevent. Täglich öffnet sich eines der Fenster, die von namhaften Künstlern gestaltet wurden; der Erfolg ist groß. Über 100.000 Besucher, zehnmal mehr als die Stadt Einwohner hat, strömen während der Adventszeit hierher, um das Spektakel mitzuverfolgen. Die Gäste stammen aus Frankreich, Spanien, Italien und sogar Asien. „Man muss seinen Gästen unbedingt etwas Besonderes bieten“, sagt Lothar Kimmig. Von A wie Achern bis Z wie Zell am Harmersbach – in der Ortenau gibt es über 50 verschiedene Adventsmärkte. Jedes noch so kleine Dorf wirbt mit einem eigenen Markt. Wer da nichts Besonderes zu bieten hat, geht in der Masse unter. Deshalb setzen die Orte verstärkt auf Diversität. Auf dem Weihnachtsmarkt auf Mühlstein/Nordrach gibt es die Weihnachtsleckereien in einer historischen Stube, in Durbach mangelt es beim Winzer-Weihnachtsmarkt bestimmt nicht an Glühwein, und auf dem Triberger Weihnachtszauber schmücken über eine Million Lichter den höchsten Wasserfall Deutschlands. „Ein weiteres Highlight zur Weihnachtszeit bietet der Europa-Park, der mit seinem Winterwunderland jedes Jahr zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland anlockt“, erzählt Sannah Mattes von der Tourismus Marketing GmbH BadenWürttemberg. Mehr als 500.000 Besucher erleben die weihnachtlich geschmückte Winterwunderwelt mit altertümlichem Christkindlmarkt und einem 55 Meter hohen Riesenrad. Auch die Mitarbeiter der Dorotheenhütte in Wolfach verlassen sich nicht auf weiße Weihnacht. Statt ihre Gäste nur bei Schnee in die Glashütte zu locken, feiert man dort einfach ganzjährig Weihnachten. Wer die festlich geschmückten Bäume, den Sternenhimmel und die liebevoll dekorierten Marktstände bestaunt, der vergisst die Jahreszeit. Auch im Sommer verkaufen sie dort mundgeblasenen Baumschmuck, und der schlafende Weihnachtsmann am Ausgang erinnert daran, dass auch das nächste Weihnachten immer irgendwie vor der Tür steht.

Auch die Gäste von Ilona Wild müssen weder auf das Wetter noch auf die Jahreszeiten achten. Bis auf 6 Wochen im Jahr bewirtet sie durchgängig ihre Gäste, und die Fässer sind fast immer ausgebucht. Die Idee, ihre Gäste wie Diogenes im Weinfass schlummern zu lassen ist neu, ungewöhnlich. „In einem Fass schlafen kann man eben nicht jeden Tag, und unsere Gäste schätzen das außergewöhnliche Erlebnis. Viele von ihnen kommen immer wieder.“ Wer weitermacht wie eh und je, könnte bald leer ausgehen.

84

Fotos: Europa-Park

In Offenburg gibt es mit dem Weihnachtszirkus eine weitere Besonderheit. Dann heißt es Manege frei! Während der fünfzehn Gastspieltage versammelt das Zirkusensemble fast vierzigtausend Besucher. Ob es draußen stürmt oder schneit ist den Besuchern im Zelt dabei egal.


Foto: Dorotheenhütte Wolfach

ORTENAUREPORTAGEN

85


O R T E N A U R E P O R T A G E N | autoren

DIE AUTOREN

86

STEPHANIE BECKER Content Agency Rätsel

Jennifer Faatz Guter Rat

Eva Harmeling bunte.de

Helena Kégl Focus

Moritz Künkel Neue Woche

Katharina Kunzmann Das Haus

Alissia Lehle Lust auf Genuss

Berta Leinweber Wohnen & Garten

Julia Loibl ELLE

Andreas Marx Playboy

Michelle Merbach freundin

Anne Ramstorf Super Illu

Anna Rinderspacher TV Spielfilm

Maren Schwarz Das Kochrezept

Sophie Sonnenberger DONNA

Meike Stephan elle.de

ANNA SUCKOW Freizeit Revue

Sina Weneit Fit for Fun

Kathrin Wölfle LISA


…wo Milch & Honig fließen!

Das kostenlose B

e w e r b e r p o r ta l d e

Jetzt bewerben un d aus der Industrie Jobangebote erhalten!

150 Marktführer bewerben sich bei Ihnen!

r O r te n a u :

www.wro.de/bewerben

Ortenau Magazin Strasbourg Schwarzwald  

BURDA Journalistenschule Reporter Magazin WRO Wirtschaftsregion Offenburg Ortenau Reisen Urlaub

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you