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Reifeprozess im dritten Profijahr

in Belgien unterschreibt. Als Taylor Braun im Sommer 2015 in Ulm ankommt, erlebt er alles andere als einen Traumstart. Das erste Mal in seiner Karriere überschattet eine Serie von Verletzungen sein Spiel – und seine Laune. Zunächst verpasst Braun wegen einer Knöchelverletzung die Hälfte der Vorbereitung; dann folgen Rückenprobleme und schließlich chronische Schmerzen im rechten Ellenbogen. Als er sich bei einem Trainingsunfall auch noch eine offene Wunde an der Hand zuzieht, scheint die Saison 2015/16 für Braun gelaufen zu sein. Doch der Small Forward beißt die Zähne zusammen, ignoriert das Taubheitsgefühl im Wurfarm und wird für seine Hartnäckigkeit mit der Vizemeisterschaft belohnt. Braun ist in den Playoffs 2016 einer der „glorreichen Sieben“, die von Platz 7 in der Hauptrunde bis ins Finale pflügen. „Als er sich entschieden hatte, die Operation am Ellenbogen in den Sommer zu verschieben, hast du von ihm nie eine Beschwerde gehört. Er hat den Schmerz ignoriert und seine Verletzung nie als Ausrede verwendet“, erinnert sich Da’Sean Butler an die Zeit, als ein von Verletzungen gebeutelter Ulmer Kader allen Widrigkeiten trotzte. Mit 25 Jahren ist der 2,01 Meter große Braun immer noch am Anfang seiner Karriere. Sein drittes Profijahr kommt dennoch einem Reifeprozess gleich. „Er weiß jetzt besser, was ich erwarte und wie er der Mannschaft helfen kann“, erklärt Thorsten Leibenath Brauns vielfältiges Spiel. Mal reboundet (7) er und verteilt die Bälle (4) wie beim Auswärtssieg in Frankfurt, mal punktet er (17) und trifft seine Dreier hochprozentig (3/3) – wie beim Erfolg in der Gießener Osthalle. Mal macht er alles zusammen, wie im Spiel gegen Ludwigsburg, als er seinen 12 Punkten eine 83-prozentige Trefferquote zugrunde legt,

4 Rebounds holt und zwei Bälle klaut. „Er ist einer dieser Jungs, die einfach alles tun, was das Team braucht“, beschreibt Butler den Allrounder. Als beim Eurocup-Heimspiel gegen Valencia die Ulmer Offensive nicht auf Touren kommt und insgesamt nur 60 Punkte aufs Tableau bringt, fasst Braun sich ein Herz und zeigt mit spektakulären Dribblings sein offensives Potential. 16 Punkte stehen am Ende der Partie hinter seinem Namen. Für Leibenath keine Überraschung. „Mit zwei Dribblings kommt Taylor aufgrund seiner Explosivität immer dorthin, wo er will.“ Nur manchmal schlägt er ein, zwei Haken zu viel. Dann wird aus einer Chance ein Ballverlust und aus Ehrgeiz manchmal Wut. „Er setzt sich manchmal selbst unter zu großen Druck. Wenn ich ihm dann auch noch einen Kommentar mitgebe, kann es sein, dass wir aneinandergeraten“, verrät Leibenath. Dann kann der sonst so schweigsame Braun auch hitzig diskutieren. „Das sind reinigende Gewitter, die ab und zu vorkommen“, beschreibt Leibenath die Diskussionen mit Braun, den er auch gerade deshalb so sehr schätzt. „Taylor ist ein angenehmer Mensch, der manchmal etwas stur ist, sich aber immer in den Dienst der Mannschaft stellt.“ Da’Sean Butler ergänzt: „Er hat einen sehr trockenen Humor und er kommt sehr gut mit meinen Kids klar.“ Dass Braun und Augustine Rubit seinen dreijährigen Sohn Draelyn mit auf den Spielplatz nehmen, gehöre zur Tagesordnung, so Butler. Mutter Kris hätte auch gern noch eine Anekdote preisgegeben, sagt dann aber: „Taylor ist ein Mysterium. Er ist einfach kein Talker – was mich irre macht, weil ich es bin.“ Dann fällt Mrs. Braun doch noch etwas ein. Eine Szene aus Taylors Jugend, die den Teamplayer perfekt beschreibt: Taylor ist 17 Jahre alt. Vor einem Spiel seiner High School Mannschaft feiern die Jungs eine Basketball-Party bei den Brauns. Es ist Ende Dezember. Taylor sitzt am Klavier, um ihn herum versammelt sich sein Team. Taylor haut in die Tasten und die Jungs stimmen Weihnachtslieder an. So ungefähr muss man sich wohl Taylors Idealvorstellung von perfektem Teamwork vorstellen: Er gibt den Takt vor – sei es durch seine beinharte Verteidigung oder durch einen butterweichen Dreier – und seine Mannschaft folgt ihm. Taylor Braun ist ein Anführer, der keine großen Gesten braucht. Wo andere die Öffentlichkeit suchen, lässt Taylor sein Spiel sprechen. Ein Mann ohne Worte eben.

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OrangeZone.Magazin #2 2016/17  

Inhalt 03 Editorial / Inhalt 04 Klick Arena-Jubiläum. Spitzenspiel. Doppelte Vertragsverlängerung – der Sieg über Bamberg war mehr als nur...

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