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Die zweite »grüne Revolution«

Anfang 2011 gehen in Berlin 20.000 Menschen auf die Straße, um gegen die verfehlte Agrarpolitik zu protestieren. Zuvor hatten stets nur die Landwirte ihre Trecker gegen agrarpolitische Entscheidungen aufgefahren, die ihnen nicht passten – sei es bei nationalen Protesten in Berlin oder in europäischer Sternfahrt gen Brüssel. Noch zwei Jahre zuvor ist der Versuch der Milchbauern gescheitert, für ihre Forderung nach einem Mindestpreis von 40 Cent je Liter ausreichend Verbraucher für ihr Anliegen zu gewinnen. Diesmal aber haben Medienberichte über dioxinverseuchte Nahrungsmittel, über unverantwortliche Viehaufzucht und -fütterung und die gesundheitlichen Folgen die Bürger auf die Straßen getrieben. Vor dem Brandenburger Tor, nicht weit vom Reichstag, drängen sich die Menschen. »Es ist die Gier des Systems, die hinter den Skandalen steht«, sagt Hubert Weiger, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) bei der Abschlusskundgebung. Die Redner bei dieser Demonstration fordern eine Agrarwende – wie sie die Umwelt- und Verbraucherverbände in den letzten vierzig Jahren immer wieder erfolglos gefordert haben. Die Politiker, die etwas verändern wollten, hatten es schwer. Ende der 1980er-Jahre will EUAgarkommissar Mac Sharry eine Agrarreform umsetzen. Er scheitert am Widerstand der Bauernverbände und der nationalen Landwirtschaftsminister. Zehn Jahre später setzt sein Nachfolger Franz Fischler zumindest durch, dass Subventionsansprüche der Bauern nicht länger von der Produktionsmenge abhängen, sondern von der bewirtschafteten Fläche. Die massive Überproduktion des EU-Agrarmarktes soll eingedämmt werden. Diese Reform gelingt jedoch nicht etwa, weil die nationalen Regierungen plötzlich zu Anhängern einer ökologischen und nachhaltig orientierten Landwirtschaft geworden wären. Möglich ist sie, weil man viele Länder aus Mittel- und Osteuropa in die Gemeinschaft aufnahm, und der bisherige Subventionsschlüssel der Politik schlicht zu kostspielig erscheint. Die große Wende auf den Äckern in Europa ist bis heute ausgeblieben. Widerstand kommt vor allem von den großen Landwirtschafts-

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