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Andrew Boyd, Dave Oswald Mitchell (Hg.)

Beautiful Trouble Handbuch f端r eine unwiderstehliche Revolution

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Fahrner, Corinna Rodewald und Ulrike Sterblich

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www.beautifultrouble.org Andrew Boyd, Dave Oswald Mitchell (Hg.): Beautiful Trouble. Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution. Freiburg: orange-press 2014 © für alle Essays bei den jeweiligen Autoren, lizenziert unter der Creative Commons Attribution NonCommercial-ShareAlike 3.0 Unported License. Titel der Originalausgabe: Beautiful Trouble. A Toolbox for Revolution. Erschienen bei OR Books, New York/London, 2012 © für die deutsche Ausgabe 2014 bei Alle Rechte vorbehalten. Gestaltung: Studio Laucke Siebein Umschlag: Katharina Gabelmeier Lektorat: Susanne Merkwitz Korrektorat: Christoph Trunk, Maria Hartl Gesamtherstellung: Pozkal Im Text angegebene URLs verweisen auf Websites im Internet. Der Verlag ist nicht verantwortlich für die dort verfügbaren Inhalte, auch nicht für die Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität der Informationen. ISBN: 978-3-936086-73-7 | www.orange-press.com

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A.B.

Meinen Kampfgefährten, den weit entfernten – George Orwell, Abbie Hoffman, Subcomandante Marcos – und den ganz nahen – Bob Rivera, Dennis Livingston, Janice Fine, Mike Prkosch, Chuck Collins, John Sellers und der ARTS/B4B-Crew.

D.O.M.

Für die Unsichtbaren hinter jedem Erfolg, „die in Dreck und Schlamm ausharren, und tun, was getan werden muss, immer und immer wieder“ (Marge Piercy).

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Anmerkung zur deutschen Ausgabe

Beautiful Trouble ist in den USA entstanden. Wir haben die zahlreichen Verweise der Originalausgabe auf englischsprachige Referenzen beibehalten und dort, wo wir die Möglichkeit sahen, um eine europäische Perspektive ergänzt. Längere Website-URLs sind jeweils in einer gekürzten Form des Links angegeben (bit.ly/xyz). Unter der Rubrik „Siehe auch“ in der Marginalspalte stehen Seiten­ zahlen, wo auf ein Kapitel hier im Buch verwiesen wird, und „Website“, wo mehr zum Thema auf beautifultrouble.org nachzulesen ist. Ist ein Begriff ohne konkrete Referenz aufgeführt, funktioniert er selbsterklärend bzw. lassen sich weitere Informationen unter dem Stichwort einfach an anderer Stelle im Netz finden. Im Sinne einer geschlechtergerechten Sprache werden in der deutschen Übersetzung die weibliche und die männliche Form abwechselnd verwendet; daraus entstehende Irritationen sind beabsichtigt. (Der Verlag)

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inhalt Vorwort  D.

Mitchell & Boyd .................................................... 12

Taktiken

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Besetzung  Russell & Gupta . ..................................................... 20 Direkte Aktion  Russell .............................................................. 24 Flashmob  D. Mitchell & Boyd . .................................................. 27 Generalstreik  Lerner . ............................................................... 30 Guerilla-Projektion  Corbin & Read .............................................. 33 Hoax  BonanNo ........................................................................... 36 Identitätskorrektur  Bichlbaum ................................................... 39 Kreative Störung  Mancias .......................................................... 42 Medialer Enterhaken  Reinsborough, Canning & Russell .............. 46 Petition mit Performance  Meisel ................................................ 49 Prophetische Intervention  Boyd .................................................. 52 Unsichtbares Theater  T. MitchelL . ............................................ 56 Unterwanderung  Bichlbaum ........................................................ 60 Wahlkampf-Guerillatheater  Bogad ............................................... 62 Die ...-Taktik  Du ......................................................................... 66

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Inhalt

Prinzipien

68

Benutz den Jedi-Trick  Corbin ....................................................... 70 Bestärken ist besser als befehlen  Blume .. ..................................... 72 Bleib konsequent gewaltlos  Schneider . ........................................ 74 Delegiere  BolotSky & Boyd ........................................................ 77 Denk in Geschichten  Canning & Reinsborough ............................. 80 Dreh den Spieß um  Read ............................................................. 83 Fang mit einfachen Regeln an  Boyd .............................................. 86 Gewinn Verbündete  Mancias ....................................................... 90 Hab keine Angst vor dem Gesetz – nutz es  Bichlbaum & BonanNo .... 93 Hör auf die, die es am meisten betrifft  Russell ............................ 96 Hüte dich vor dem Patriarchat  Walia ........................................... 99 Jede/r hat Eier/stöcke aus Stahl  Bichlbaum . ............................. 102 Jede/r kann etwas darstellen  bichlbaum . ................................... 104 Jede/r sagt, wo’s lang geht  smucker ........................................... 107 Keine Angst vor Markenbildung  Fleming ...................................... 109 Kommuniziere konsequent  Alario .............................................. 112 BT_001-017_RZ.indd 8

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Mach das Unsichtbare sichtbar  Bloch . ....................................... 115 Nimm den Medien die Arbeit ab  Bichlbaum . ................................. 118 Schlag sie mit Sanftmut  Boyd .................................................... 121 Sei offen für Neue  Smucker ....................................................... 124 Setz den Hebel an der richtigen Stelle an  Dirks . ..........................126 Spiel für das Publikum, das nicht im Raum ist  Bichlbaum & Boyd ...129 Struktur macht stark  Bolotsky ................................................ 132 Verändere die Perspektive  Canning & Reinsborough . ................. 134 Verwechsle deine Gruppe nicht mit der Gesellschaft  Bichlbaum .... 138 Wähl die passende Taktik  Smucker .............................................140 Wut ist gut (wenn du moralisch im Recht bist)  Russell ............... 143 Zeigen ist besser als erklären  Canning, Reinsborough & Buckland . 145 Zieh dich nicht an wie ein Demonstrant  Boyd . ..............................148 Zwing die andere Seite zu handeln  Boyd & Russell . ..................... 152 Das ...-Prinzip  Du ..................................................................... 156

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Inhalt

Theorien

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Die Allmende  Barnes . ............................................................... 160 Die Gesellschaft des Spektakels  D. Mitchell .. ............................ 164 Hashtag-Politik  Meisel ............................................................. 166 Interventionspunkte  Reinsborough & Canning .............................168 Kulturelle Hegemonie  Duncombe .................................................. 172 Die Logik der Aktion  Boyd & Russell .......................................... 176 Meme  Reinsborough & Canning ................................................. 178 Narrative Analyse der Macht  Reinsborough & Canning . ............... 180 Das Paradox der politischen Identität  Smucker . .......................... 183 Die Säulen der Macht  Stoner .................................................... 186 Die Schock-Strategie  Engler . ................................................... 189 Taktiken des Alltags  Goff . ....................................................... 192 Temporäre Autonome Zone  Jordan .. ........................................... 195 Warenfetischismus  Malitz ....................................................... 198 Die ...-Theorie  Du ..................................................................... 202 BT_001-017_RZ.indd 10

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Fallbeispiele

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Die Barbie-Befreiungs-Organisation  Bonanno............................... 206 Bieter Nr. 70  Bichlbaum & Meisel. ............................................. 210 Billionaires for Bush  Varon, Boyd & Fairbanks............................ 214 Die Bundesregierung rettet 55.000 syrische Kinder Ruch............... 220 Dow Chemical entschuldigt sich für Bhopal  BonanNo..................... 226 Die ...-Aktion  Du....................................................................... 230

anhang

Biografien................................................................................ 232 Noch mehr Ideen....................................................................... 237 BT_001-017_RZ.indd 11

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Vorwort „Die Clowns organisieren sich. Sie organisieren sich. Ende der Durchsage.“ Britischer Polizeifunk während einer Aktion der Clandestine Insurgent Clown Army, Juli 2004

von Andrew Boyd & Dave Oswald Mitchell „Die Rettung der Menschheit“, sagte Martin Luther King Jr., „liegt in den Händen kreativer Nonkonformisten.“ Was derzeit in der Welt passiert, beweist wieder einmal seine Hellsichtigkeit. Eine globale Welle der Auf­ lehnung rollt seit einigen Jahren durch Island, Bahrain, Ägypten, Spanien, Griechenland, Chile, die Vereinigten Staaten und viele andere Länder. Im Zuge dieser Proteste haben die beteiligten Aktivistinnen ihr Instrumentarium verfeinert, neues Terrain erobert und ganz neue Einflussmöglichkeiten entdeckt. Die Erkenntnis spricht sich herum, dass wir mit unseren Streichen und Tricks, mit Flashmobs und Besetzungsaktionen tatsächlich etwas an den Machtverhältnissen ändern können, wenn wir es richtig anstellen. Kurz: Eine große Anzahl von Menschen hat bemerkt, dass kreatives Eingreifen sich lohnt – und handelt entsprechend. Kunst, so stellt sich heraus, bereichert sozialen und politischen Aktivismus, macht ihn attraktiver und nachhaltiger. Diese Vermischung von Kunst und Politik ist nichts Neues. Taktische Tricks kennt die Menschheit spätestens seit dem Trojanischen Pferd. Jesus von Nazareth, der die Händler aus dem Jerusalemer Tempel vertrieb, erwies sich schon 2000 Jahre vor Greenpeace als ein Meister des politischen Theaters. Narren, Clowns und Karneval erfüllen seit jeher eine subversive Funktion, und Kunst, Kultur und kreativer Protest haben sich über Jahrhunderte als Treibstoff und Grundlage für soziale Bewegungen bewährt. Die Arbeiter­

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bewegungen der 1930er-Jahre sind ohne Wandmalereien und kreative Straßenaktionen kaum denkbar. Dasselbe gilt für die amerikanische Bürger­rechtsbewegung ohne Songs oder die 68er ohne Guerillatheater, ohne situationistische Slogans und riesige Figuren, die bei Kundgebungen über den Köpfen schweben. Die Kommunikationsguerilla von heute, geprägt von den technolo­gi­ schen und politischen Entwicklungen des neuen Jahrhunderts, hat die Kunst des Aktivismus auf ein ganz neues Level gehoben. Angesichts von her­auf­zie­ henden ökologischen Katastrophen, von immer größerer sozialer Un­gleich­heit, Armut, Arbeitslosigkeit und wachsender Einflussnahme der Wirtschaft auf Politik und Medien ist Widerstand zwingend geboten. Die Explosion der sozialen Medien, bei der viele so unaufwendig wie nie zuvor mit vielen anderen kommunizieren können, hat uns dabei neue Hilfsmittel an die Hand gegeben. Wir gründen rhizomatische Bewegungen, in denen Kreativität, Humor, vernetzte Intelligenz und technologische Raffinesse auf die Grundhaltung treffen, an die aktive Mitbestimmung aller zu glauben. Und auf den Mut, für eine lebenswerte Zukunft alles zu riskieren. Von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde die neue Welle des kreativen Aktivismus erstmals bei den Protesten von Seattle 1999. Ihre Anfänge reichen jedoch weiter zurück. In den 1980er- und 1990er-Jahren prägten Gruppen wie Act Up, die Women’s Action Coalition und die Lesbian Avengers eine neue, stark konzeptionelle Politik des Aufruhrs, die ihren Teilnehmerinnen neue Möglichkeiten eröffnete und die Öffent­lich­keit in ihrer Selbstzufriedenheit aufrüttelte. 1994 beflügelten die Zapatisten (oft als erste postmoderne revolutionäre Bewegung beschrieben) die Phantasie von Aktivisten auf der ganzen Welt: Sie formten eine demo­kra­tische Bewegung gegen den globalen Kapitalismus mit Fantasie, Theater und Poesie anstatt mit trockenen politischen Manifesten und der Attitüde sektiere­risch­en Vorkämpfertums. Die von der Globalisierung hart getroffene US-amerikanische Arbeiterbewegung suchte sich neue Verbündete wie Earth First!, die sich mit neuen, radikalen Varianten direkter Aktion in den Wäldern Nordkaliforniens hervorgetan hatten. Aus London kamen mit Reclaim the Streets Impulse in Form kämpferischen Straßenkarnevals, und die „organisierten Zufälle“ in Form von Massenfahrradfahrten à la Critical Mass lieferten ein erprobtes Modell für festliche, sich selbst organisierende Schwarm-Proteste. Auch das legendäre, eigentlich unpolitische „Burning Man“-Festival in der Wüste von Nevada vermittelte Tausenden von Künstlerinnen und Aktivisten die lebendige Erfahrung einer Kultur der Teilhabe, der Selbstorganisation und des Schenkens. Die „Burning-Man“-Slogans „Keine Zuschauer!“ und

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„DU bist das Unterhaltungsprogramm!“ waren in den Straßen von Seattle genauso präsent wie jeden Sommer für ein paar Tage in der Wüste Nevadas. Die letzten zehn Jahre haben klimapolitische Rückschritte, den Verlust bürgerlicher Freiheiten, Beschneidungen der Arbeitnehmerrechte und viele andere negative Entwicklungen gebracht. Wir haben aber auch erlebt, wie in unseren Bewegungen Kreativität und taktische Innovationen erblühten, sowohl auf den Straßen als auch im Netz. Ob es die Fake-Ankündigung der Yes Men zur Abschaffung der Welthandelsorganisation war (auf die alle hereinfielen), der „Million Billionaires March“ am Rande des Parteitages der Republikaner oder der millionenfach unterstützte, virtuelle Protestzug der Organisation MoveOn gegen den Krieg im Irak: Unsere Bewegungen haben neue Hilfsmittel und eine neue Sensibilität entwickelt, die uns durch diese finsteren Zeiten gebracht haben. Jedes Jahr mussten zur Beschreibung unserer eigenen Fortschritte neue Begriffe erfunden werden: Flashmob, virtueller Sit-in, Dienstverweigerungsattacke, Media Prank, virale Kampagne, Subvertisement, Culture Jamming und so weiter. Andrew Boyd, Anstifter und Mitherausgeber von Beautiful Trouble, kennt viele dieser Bewegungen aus eigener Anschauung. Er trug die Idee des Projekts fast zehn Jahre lang mit sich herum, bevor er sich mit dem Netzexperten Phillip Smith und dem Herausgeber Dave Oswald Mitchell zusammentat, um es zu realisieren. Damals konnten wir noch nicht wissen, was das Jahr 2011 bringen würde. Während unser stetig wachsendes Team von Mitarbeitern die ersten Module ausarbeitete, in denen sich zeigte, dass unser Konzept wirklich funktioniert, bestellten ägyptische Revolutionärinnen Pizzas für die Studenten und Arbeiterinnen, die das Capitol in Madison, Wisconsin, besetzt hielten. Als wir wenige Monate später tief Luft holten für die letzten Meter unserer Produktion, weitete sich „Occupy Wall Street“ zu einer globalen Aktion aus. All die Leute, aus denen wir ein Modul für unser Buch herausquetschen wollten, leisteten plötzlich doppelte Überstunden im Dienste der Revolution. Wir bekamen wunderbare Entschuldigungen von unseren Autorinnen/Aktivisten, warum sie ihre Abgabetermine nicht einhalten konnten (und zudem waren sie wasserdicht, wie wir jeweils in den Nachrichten überprüfen konnten!): Sorry, ich musste erst noch die Wall Street mit einem Besetzungskarneval dichtmachen und dabei die Polizei mit 99.000 Donuts auf Abstand halten. Oder: Ihr bekommt meinen überarbeiteten Text, sobald meine 12.000 besten Freunde und ich das Weiße Haus fertig umzingelt haben, um das Klima zu retten. Oder: Moment, ich muss noch eben einen Meistergitarristen an den derzeit bestbewachten Ort einschleusen [aPEC-

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Gipfeltreffen in Honolulu], um Obama und dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao ein Ständchen von den 99 Prozent zu überbringen. Oder: Mist, ich weiß, dass ich euch diesen Text über Guerilla-Projektionen versprochen habe, aber ich schaffe es nicht, weil ich tatsächlich GERADE EINE REALISIERE. Irgendwie haben wir das Buch schließlich doch noch fertig bekommen. In Beautiful Trouble haben wir einige der für kreativen Aktivismus wichtig­sten Taktiken, Prinzipien und theoretischen Konzepte zusammengestellt. Sie sollen den Weltveränderern als analytisches Werkzeug dienen, um aus eigenen Erfolgen und Misserfolgen zu lernen. In der Zusammen­ stellung von Modulen entschlüsseln wir die DNA dieser hybriden Praxis aus Kunst und Aktivismus und entlocken ihr die Prinzipien, die darin wirksam sind, und die theoretischen Konzepte, aus denen sie sich speist. Am Beispiel einiger Fallstudien zeigen wir schließlich, wie das alles praktisch ineinander­­ greift. Kreativen Aktivismus gibt es nicht als Einheitstechnik, die auf alle Situationen anwendbar ist, und auch wir liefern kein Patentrezept. Beautiful Trouble ist darum weniger ein Kochbuch als eine „Mustersprache“.* Wir liefern damit keine strikt auszuführenden Handlungsanweisungen, sondern ein Arsenal von flexiblen, miteinander kombinierbaren Instrumenten, die je nach Situation ausgewählt und angewandt werden können. Das Material gliedert sich in vier Kategorien:

Taktiken

Bestimmte Formen kreativer Aktion, wie zum Beispiel der Flashmob oder die Besetzung

Prinzipien

Hart erkämpfte Erkenntnisse zur Anregung und Anleitung für die Gestaltung kreativer Aktionen

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Theorien

Übergeordnete Konzepte und Ideen, die helfen, die Welt zu verstehen und sie zu verändern.

Fallstudien

Erfolgsgeschichten von kreativen Aktionen: So sieht die Theorie in der Praxis aus.

Die Module sind untereinander über Querverweise verknüpft. So entsteht eine Verkettung von Schlüsselkonzepten, die sich theoretisch endlos fortführen ließe. Während das Buch Form annahm und die Anzahl der mitwirkenden Organisationen und Autorinnen weiter wuchs, entwickelte sich das anfänglich als Handbuch für Spaßguerilla gedachte Projekt nach und nach zu einer Greenpeace-artigen Fibel für Direkte Aktion und dehnte sich auf immer mehr Themengebiete der Massenorganisation und der emanzipatorischen Pädagogik und Praxis aus. Wir haben versucht, unsere Fühler so weit wie möglich auszustrecken. Wir haben mehr als siebzig erfahrene Kunstaktivisten und zehn Graswurzel­ organisationen gebeten, ihr Wissen mit uns zu teilen – und dennoch sind wir uns der geografischen, thematischen und kulturellen Begrenztheit unserer aktuellen Modulsammlung schmerzlich bewusst. In der Hoffnung, dass die Leserinnen sich von dem Projekt inspiriert fühlen und einige dieser Lücken schließen werden, haben wir bei jeder der Kategorien leere Musterseiten ein­ gefügt. Allen, die gut Englisch können, möchten wir außerdem die Website beautifultrouble.org ans Herz legen, über die – auf Englisch – neue Module eingereicht und vorgeschlagen werden können. Die Seite ist mehr als nur ein Anhängsel zum Buch, sondern bildet das Projekt wahrscheinlich sogar am vollständigsten ab. In einfach zu navigierender Form enthält sie den

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gesamten Inhalt des Buches im englischen Original sowie darüber hinaus Material, das aus Platz- oder Zeitgründen nicht mehr darin aufgenommen werden konnte. (Der Verweis à Website in der Marginalspalte des Buchs bezieht sich jeweils auf entsprechende „Kapitel“ unter beautifultrouble.org – siehe dazu auch die Anmerkung zur deutschen Ausgabe auf Seite 6.) Durch die Mitwirkung der Leser entwickelt und vergrößert sich diese grundlegen­ de Struk­tur des Projekts Beautiful Trouble immer weiter. Neue Mitarbeiterinnen werden gewonnen, und neue soziale Bewegungen können samt ihrer taktischen Innovationen integriert und vorgestellt werden. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben nicht nur erkannt, dass wir dringend etwas gegen die zunehmende Ungleichverteilung und die Umweltzerstörung unternehmen müssen, sondern sehen auch die eigenen Möglichkeiten, um genau dies zu tun. Das vorliegende Buch bildet die Essenz aus den gesammelten Erfahrungen derer, die kreativen Aktivimus an vorderster Front praktizieren. Doch alle Ideen und alles Wissen bedeuten erst dann etwas, wenn sie auch umgesetzt werden. Und darauf freuen wir uns.

Christopher Alexander, der Erfinder des Konzepts einer Mustersprache, erklärt *seine ursprünglich für architektonische Fragestellungen formulierte Idee so: „Diese

Sprache besteht aus Einheiten, die sich Muster nennen. Jedes Muster beschreibt ein wiederkehrendes Problem und anschließend den Lösungsansatz zu diesem Problem, und zwar so, dass diese Lösung millionenfach angewandt werden kann und dabei doch jedes Mal anders ausfällt.“ Alexander beschrieb das Konzept erstmals in seinem Buch Eine Muster-Sprache. Städte – Gebäude – Konstruktion von 1977. Seither wurden Mustersprachen auch für unterschiedlichste andere Wissensgebiete entwickelt wie Informatik, Medien und Kommunikation oder die Arbeit an Gruppen­ prozessen. Wir folgen in diesem Buch zwar nicht direkt dem gleichen Prinzip, haben uns aber von dem System ineinandergreifender Module, seiner flexiblen Struktur und seinem demokratischen Charakter inspirieren lassen, weil sich daraus individu­ elle Anpassungsmöglichkeiten für unterschiedliche Situationen und Bedürfnisse ergeben.

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38 hin zu regelrechten Verschwörungen, die unsere Demokratie untergraben.* Und diese Hoaxes sind – anders als die der Aktivisten – nicht dazu gedacht, je aufgedeckt zu werden. Wo wir gerade davon reden: Das Zitat am Anfang des Kapitels ist nicht von Sunzi. Es stammt von der DVDBox Die Yes Men regeln die Welt. Fallstricke

Es gibt immer Leute, die Lügen verabscheuen, sogar solche für einen guten Zweck. Wenn Du diesen kleinen, etwas schein­ heiligen und gewöhnlich linksorientierten Teil der Bevölkerung erreichen willst, überleg’s dir lieber zweimal.

Prinzipien · Benutz den Jedi-Trick à  70 · Denk in Geschichten à  80 · Hab keine Angst vor dem Gesetz – nutz es à  93 · Jede/r hat Eier/stöcke aus Stahl à  102 · Jede/r kann etwas darstellen à  104 · Nimm den Medien die Arbeit ab à  118 · Spiel für das Publikum, das nicht im Raum ist à  129 · Consider your audience à  Website · Seek common ground à  Website · Know your cultural terrain à  Website · Team up with experts à  Website · The real action is your target’s reaction  à  Website

· Vergiss den Witz nicht

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Schlüsselprinzip

Benutze deine Jedi-Kräfte Eine Website, ein Telefon­­­anschluss und ein bisschen Grips – mehr ist nicht nötig, um in jede Rolle zu schlüpfen. Möge die Macht mit dir sein!

1991 erfand die PR-Agentur Hill and Knowlton im Auftrag der Regierung von *Kuwait eine Geschichte über irakische Soldaten, die nach dem Sturm auf Kuwait

frühgeborene Babys aus ihren Brutkästen holten. Mit Hilfe dieser Räuberpistole und der ebenfalls gefälschten „Augenzeugenberichte“ gelang es US-Präsident Bush senior, die amerikanische Öffentlichkeit von einem Einmarsch in den Irak zu überzeugen. Dieser Hoax sollte eigentlich nie aufgedeckt werden, und nur dank einiger Enthüllungsjournalisten kam die Wahrheit ans Licht. Das ist nur eins von vielen Beispielen – weitere findest du auf der Website des britischen Investigativjournalisten Greg Palast (gregpalast.com).

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Identitätskorrektur anwendungen

Um dein Angriffsziel zu blamieren; um sein Ansehen in der Öffentlichkeit zu berichtigen; um Schandtaten von Konzernen aufzudecken; um etwas in ein neues Licht zu rücken.

von Andy Bichlbaum Wenn du verstehen willst, wie eine Maschine funktioniert, hilft es, sie auseinanderzunehmen und in sie hineinzusehen. Das Gleiche gilt für mächtige Personen oder Konzerne, die sich auf Kosten aller anderen bereichern. Erwischst du eine mächtige Instanz überraschend – zum Beispiel indem du in ihrem Namen über all die guten Taten sprichst, die sie vollbringen sollte (aber tatsächlich niemals vollbringen würde) –, kannst du sie einen Moment lang der genauen Überprüfung durch die Öffentlichkeit preisgeben. So können alle einen Blick darauf werfen, wie sie tatsächlich arbeitet, und darüber nachdenken, wie wir uns ihr besser widersetzen können. Bei der Identitätskorrektur werden die internen Abläufe einer Instanz für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Such dir zum Trainieren einen Gegenspieler aus – irgendein Unternehmen, das gerade Amok läuft – und überleg dir, was er Wahres sagen könnte, aber niemals sagen würde. Etwas, das auch sehr lustig ist. Etwas, was dein Widersacher sagen würde, sollte die PR-Abteilung sich einmal aus dem Staub machen oder durchdrehen (gemäßigter Ansatz), oder etwas, was er sagen würde, wenn er sich wundersamerweise dafür entscheiden würde, tatsächlich das Richtige zu tun (ehrlicher Ansatz). Anstatt also wie die Quäker den Mächtigen die Wahrheit zu sagen, setzt du dir die Maske der Mächtigen auf, um eine kleine Lüge in die Welt zu setzen – die dafür eine umso größere Wahrheit ans Licht bringt. Die Umsetzung des gemäßigten Ansatzes – den unter anderem die Yes Men immer wieder gern anwenden, indem

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Ja, ich habe eine Lüge erschaffen. Aber Da Sie sie geglaubt haben, haben Sie etwas Wahres über sich selbst herausgefunden.

Alan Moore

Praktiziert von · The Yes Men · Yippies · Situationisten · Gonzo-Journalisten · Front Deutscher Äpfel · Martin Sonneborn

mehr dazu · „Wie Titanic einmal die Fußball-WM nach Deutschland holte“, Titanic 8/2000, titanic-magazin.de (bit.ly/Y7vE1f) · apfelfront.de · „How to Crash a Conference“, destructables.org (bit.ly/1oVpIUL)

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Taktiken Siehe auch Taktiken · Hoax à  36 · Prophetische Intervention à  52 · Unterwanderung à  60 · Wahlkampf-Guerilla­ theater à  62 · Détournement/Culture Jamming à  Website

THEORIEN · Die Gesellschaft des Spektakels à  164 · Interventionspunkte  à  168

· Die Logik der Aktion à  176 · Alienation effect  à  Website

· Capitalism à  Website · Ethical spectacle  à  Website

Fallstudien · Die Barbie-BefreiungsOrganisation à  206 · Billionaires for Bush à  214 · Bundesregierung rettet 55.000 syrische Kinder à  220 · Dow Chemical entschuldigt sich für Bhopal à  226 · New York Times Special Edition  · SurvivaBall erobert die UN · Wie Titanic einmal die Fußball-WM nach Deutschland holte

40 sie sich als Firmen ausgeben und diese parodieren – kann ziemliche Glückssache sein. In der Regel gehört dazu die absurde und extreme, aber gleichermaßen logische Überspitzung der üblichen Praktiken der Instanz. Die Billionaires for Bush boten dementsprechend die Sozialversicherung bei eBay zur Versteigerung an, und die Yes Men erzählten, dass Vorstandsvorsitzende der westlichen Welt afrikanische Fabrikarbeiter gerne mit einem Steuerpult fernüberwachen wollten, das auf einem gewaltigen goldenen Phallus installiert sein sollte. Auch wenn Unfug dieser Art eine Menge Spaß macht, hat sich doch herausgestellt, dass der ehrliche Ansatz (sich als Übeltäter auszugeben und dann Wohltätigkeit zu verkünden) ein anvisiertes Objekt auf wirksame Weise entlarvt. So war es bei den Yes Men, die am zwanzigsten Jahrestag des Bhopal-Unglücks im Namen von Dow Chemical ankündigten, endlich die Verantwortung für die Katastrophe zu übernehmen à FALLBEISPIEL Dow Chemical entschuldigt sich für Bhopal; bei den Aktivisten von U.S. Uncut, die verkündeten, General Electric würde nun doch seine Steuererstattung für 2010 zurückzahlen à Taktik Hoax; bei den fal­

Sommer 2000, sechs Jahre vor dem WM-„Sommer­ märchen“ – BILD tobt über eine gutgemeinte Aktion der Titanic. Ganz anders und in Anerkennung der wahren Sachlage äußert sich 2006 Rudi Völler: Er dankt „den Jungs von der Titanic, sie haben die WM nach Deutschland geholt“.

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schen französischen Würdenträgern, die Haiti die Schulden erließen, die dem kleinen Land nach seiner Unabhängigkeit von Frankreich auferlegt worden waren, um französische Sklaven­­besitzer für ihren verlorenen „Besitz“ zu entschädigen; oder bei den Umweltaktivisten, die sich in einem Fall als Kanada, in einem anderen als die US-Handelskammer ausgaben und wunderbare, erfreuliche Überraschungen ankündigten ... In all diesen Fällen folgten unmittelbar auf die Aktionen umfangreiche Medienberichte über die unvorhergesehenen Entwicklungen der Ereignisse (und für Dow und GE kurzzeitig riesige Einbrüche der Börsenwerte). Diese Berichte wiederum lieferten nicht nur einer Flut von weiteren Artikeln über den Hoax Material, sondern boten auch den Kampagnen eine wunderbare Plattform, um ihre Reformvorschläge zu genau diesen Themen vorzustellen. Fallstricke

Du kannst von denen erwischt werden, als die du dich aus­ gibst – was eigentlich kein richtiger Fallstrick, sondern eher eine Wendung im Plot wäre.

Schlüsselprinzip

Zwing die andere Seite, zu handeln Bei einer erfolgreichen Identitätskorrektur entpuppt sich die Reaktion des Angegriffenen oft als die größte Offenbarung. Ein Groß­ konzern kann eine Lüge, die die Wahrheit bereits in sich trägt, nicht unkommentiert lassen. GE musste der Presse offiziell mitteilen, dass man die fragwürdige Steuerrückerstattung NICHT zurückzahlen und sich somit NICHT solidarisch erklären würde mit den US-Amerikanern, die zur gleichen Zeit um ihre Existenz kämpften. Dow Chemical musste per Statement klarstellen, dass man sich NICHT für das Bhopalunglück ent­ schuldigt hatte und die Opfer NICHT entschädigen würde.

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Prinzipien · Dreh den Spieß um à  83 · Jede/r hat Eier/stöcke aus Stahl à  102 · Jede/r kann etwas darstellen à  104 · Mach das Unsichtbare sichtbar à  115 · Nimm den Medien die Arbeit ab à  118 · Setz den Hebel an der richtigen Stelle an à  126 · Spiel für das Publikum, das nicht im Raum ist à  129 · Verändere die Perspektive à  134 · Zeigen ist besser als erklären à  145 · Zwing die andere Seite zu handeln à  152

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Prinzipien

Immer, wenn wir irgendetwas von irgendjemandem wollen, wenn wir etwas zu verbergen haben oder ein bisschen dick auftragen, schauspielern wir. Die meisten Leute schauspielern von morgens bis abends.

Marlon Brando

Praktiziert von · The Yes Men · Sacha Baron Cohen · Improv Everywhere · Peng!-Collective

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Jede/r kann etwas darstellen Kurz gesagt

Mach dir keine Sorgen, dass du ein schlechter Schauspieler sein könntest – du bist super.

von Andy Bichlbaum Wenn es darum geht, in die Rolle einer anderen Person zu schlüpfen (beispielsweise zum Einschleusen auf einer Konferenz), müssen wir uns absolut keine Gedanken um die eigenen schauspielerischen Fähigkeiten machen.

Andy von den Yes Men zum Beispiel ist ein miserabler Schau­ spieler. Er flog sogar aus dem Schultheater. Beim Vorsprechen machte er seine Sache ein einziges Mal ziemlich gut und bekam darum eine Rolle. Leider entpuppte er sich auf der Bühne als Katastrophe – er interessierte sich einfach zu wenig für seine Figur. Yes Man Mike durfte bei einer Theaterauf-

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© Joshua Kahn Russell

Die Yes Men begutachten ihre Visitenkarten.

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Prinzipien führung in der Grundschule einen Dinosaurier spielen. Das gelang ihm ganz ordentlich, weil unter der Maske sein wenig überzeugender Gesichtsausdruck verborgen blieb. Wieso aber wirkte Andy dann durchaus überzeugend, als man ihn im britischen Fernsehen als Sprecher des Unter­ nehmens Dow Chemical auftreten sah? Bei genauerem Hinsehen ist nicht zu übersehen: Er hat entsetzliche Angst, und zwar die ganze Zeit à Prinzip Jede/r hat Eier/stöcke aus Stahl. Nach einer Woche unermüdlichen Probens hatte er jedoch seinen Text so ziemlich drauf und musste ihn nur noch aufsagen. Sein verängstigter Blick dabei entsprach dem eines nervösen Pressefuzzis – und genau das wollte er schließlich darstellen. Auch PR-Profis haben wahrscheinlich Schiss. Sie sind nur sehr, sehr gut vorbereitet.

105 Mehr Dazu · Augusto Boal: Theater der Unterdrückten. Frankfurt/M. 1989 · Keith Johnstone: Improvisation und Theater. Berlin 1993 · Jo Salas: PlaybackTheater. Berlin 2012 · Charna Halpern, Kim Del Close: Truth in Comedy: The Manual of Improvisation. Colorado Springs 1994 · Patricia Madson: Improv Wisdom: Don’t Prepare, Just Show Up. New York 2005

Einer der Schlüssel zu schauspielerischem Erfolg ist das Wissen, dass du mit allem durchkommst, wenn du erst einmal die wichtigste Figur im Raum bist. Vorbereitung ist einer von zwei entscheidenden Faktoren für erfolgreiche „Schauspielerei“ und bedeutet vor allem, dass der Text sitzen muss. (Falls du zufällig selbst mal Presse­ fuzzi werden möchtest, beherzige diesen Trick: Lern einfach fünf Aussagen, auf die es dir ankommt, auswendig, und beantworte damit stur jede Frage, die dir gestellt wird. Zur professionellen Überbrückung von Pausen platzierst du noch einige Ähhs und Hmms dazwischen, was branchen­ intern „Bridging“ genannt wird à Prinzip Kommuniziere konsequent. Mehr brauchst du nicht zu wissen! Es funktioniert immer – egal, ob du dich in einem TV-Interview als Sprecher von Dow Chemical ausgibst oder bei einer Konferenz als CIA-Agent oder ob du in eigener Sache mit einem Reporter sprichst.) Der zweite Schlüssel zu schauspielerischem Erfolg ist das Wissen, dass du mit allem durchkommst, wenn du erst einmal die wichtigste Figur im Raum bist. Wenn alle anderen

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Prinzipien Siehe auch Taktiken · Hoax à  36 · Identitätskorrektur  à  39

· Unsichtbares Theater à  56 · Unterwanderung à  60

Prinzipien · Benutz den Jedi-Trick à  70 · Jede/r hat Eier/stöcke aus Stahl à  102 · Kommuniziere konsequent à  112 · Nimm den Medien die Arbeit ab à  118 · Spiel für das Publikum, das nicht im Raum ist à  129 · Use other people’s prejudices against them à  Website

Fallstudien · Bieter Nr. 70 à  210 · Billionaires for Bush à  214 · Dow Chemical entschuldigt sich für Bhopal à  226 · Public Option Annie 

106 dich für eine bestimmte Person halten, wirst du schnell merken, dass etwas Interessantes passiert: Plötzlich glaubst du es nämlich selber. Deshalb ist das, was du für eine Identitätskorrektur à Taktik tust, viel leichter als normale Schauspielerei. Bei einem normalen Schauspieler wissen alle ganz genau, dass er in Wirklichkeit gar nicht Hamlet ist oder ein Grundschul-Dinosaurier. Echte Schauspieler müssen sich sehr anstrengen, um die Illusion entstehen zu lassen. Bei der Hoax-Schauspielerei glaubt das Publikum bereits daran, dass man tatsächlich der sei, für den man sich ausgibt. Die Illusion ist hier auf den Kopf gestellt: Die Überzeugung des Publikums überzeugt dich schließlich selbst, und du verhältst dich entsprechend. Du kannst das Prinzip einfach ausprobieren, indem du ein Business-Outfit anziehst und mal darauf achtest, wie sich ein entsprechendes Kleid oder ein Anzug auf das eigene Verhalten auswirkt. Na? Weitere Erkenntnisse

Improvisationstraining ist ein gutes Mittel, um Hemmungen und Schüchternheit in den Griff zu bekommen. Erkundige dich nach einer Impro-Theatergruppe in deiner Nähe.

à  Website

Nur eine kleine Ölkatastrophe: Als Jugend-forscht-Teilnehmer beim Science-Slam von Shell lenken Aktivisten vom Peng!-Collective die Aufmerksamkeit auf die unsauberen Praktiken des Konzerns.

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© Peng!-Collective

· Slam Shell

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Taktiken

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In Zeiten der T채uschung ist es eine revolution채re Tat, die Wahrheit auszusprechen. George Orwell

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Prinzipien

dilemma: Lohn der konsequenz.

Ambrose Bierce

Praktiziert von · Cindy Sheehan · United for a Fair Economy (UFE) · Saul Alinsky · Otpor! · Provo-Bewegung · Büro für ungewöhnliche Maßnahmen · Zentrum für Politsche Schönheit

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Zwing die andere Seite zu handeln Kurz gesagt

Leg deine Aktion so an, dass dein Gegenüber zu einer Entschei­ dung gezwungen wird – und dass alle verbleibenden Optionen dir in die Hände spielen.

von Andrew Boyd & Joshua Kahn Russell Wenn du es schlau anstellst, kannst du deine Zielperson in eine Lage bringen, in der sie reagieren muss, ohne eine einzige gute Option zur Verfügung zu haben. In der alles, was sie macht, verkehrt ist. Viele Aktionen mit konkreten Zielen (Blockaden, Sit-ins, Baumbesetzungen u.ä.) funktionieren nur, wenn du es schaffst, ein solches Entscheidungsdilemma herbeizuführen. Stell dir die Blockade eines Gebäudes vor. Eine effektive Blockade lässt der anderen Seite ausschließlich zwei Möglichkeiten: Sie kann mit dir verhandeln und auf deine Forderungen ein­gehen, oder sie kann aggressiv reagieren, das heißt mit Gewalt oder mit deiner Verhaftung. So funk­ tioniert ein Entschei­dungs­dilemma. Lass deine Gegner nicht durch die Hintertür entkommen, und verhindere auch, dass sie das Problem ungestraft aussitzen können. Wenn es dir nicht gelingt, dein Gegenüber in eine solche Zwickmühle zu manövrieren, lässt du dir das Heft aus der Hand nehmen. Sorg dafür, dass alle Aus­gänge besetzt sind – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Mit diesem taktischen Wissen lassen sich deine Gegner auch auf der symbolischen Ebene in die Ecke drängen. Cindy Sheehan setzte es so um: Nachdem ihr Sohn Casey Sheehan 2004 im Irakkrieg gefallen war, schlug sie im Sommer 2005 ihr Zelt vor Präsident Bushs Ferienranch in Texas auf. Sie verlangte eine Antwort von ihm auf ihre

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Prinzipien

153 Mehr dazu · Philippe Duhamel: „The Dilemma Demonstration: Using nonviolent civil disobedience to put the government between a rock and a hard place“, 2004, newtactics.org, (bit.ly/1hLWaH2) · Srdja Popovic: „On Otpor’s strategy“, Interview mit Steve York, aforcemorepowerful.org (bit.ly/1hEIi13)

Cindy Sheehan

Frage, für welchen „ehrenhaften Zweck“ (Zitat Bush) ihr Sohn sterben musste – und weigerte sich, den Schauplatz zu verlassen, bevor Bush auf ihre Frage eingehen würde. Als die Medien von der kniffligen Situation erfuhren und begannen, darüber zu berichten, geriet Bush in ein klassisches Entscheidungsdilemma. Sollte er mit ihr reden? Dann hätte er ein Problem. Sollte er nicht mit ihr reden? Tja, dann hätte er auch eins. Käme es zu einem Treffen, würde Bush ein Mediendesaster erleben. Käme es nicht zu einem Treffen, hätte die Aktivistin ihre Botschaft kraftvoll untermauert. Egal, wie Bush sich entscheiden würde – er hatte schon verloren. Am Ende fand nie ein Treffen statt, und das „Camp Casey“ wurde zu einem Schlüsselmoment in der Anti-Kriegs-Bewegung. Von da an drehte sich die öffentliche Meinung gegen den Krieg im Irak. Die Aktion „Whose Tea Party?“ illustriert das Prinzip ähnlich gut. Öffentlichkeitswirksam hatten sich ein paar republikanische Politiker in Boston auf dem Schiff der historischen „Tea Party“ von 1773 versammelt, von wo aus sie (in Anlehnung an die historischen Namensgeber) eine Kiste mit der Aufschrift „Steuergesetze“ ins Meer werfen wollten. Doch was ist das? Da fährt plötzlich eine Nußschale von

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Prinzipien Siehe auch Taktiken · Direkte Aktion à  24 · Identitätskorrektur  à  39

· Blockade · Sit-in

à  Website

PRINZIPIEN · Dreh den Spieß um à  83 · The real action is your target’s reaction à  Website · Take risks, but take care à  Website · Lass dich auf kluge Art verhaften

THEORIEN · Interventionspunkte  à  168

· Die Logik der Aktion à  176 · Narrative Analyse der Macht à  180 · Expressive and instrumental actions à  Website

· Aktivistische Realpolitik

FALLSTUDIEN · Die Bundesregierung rettet 55.000 syrische Kinder à  220 · Dow Chemical entschuldigt sich für Bhopal à  226 · Whose tea party? à  Website

154 Schlauchboot an das Schiff heran – genannt „Working Family Life Raft“, das Rettungsboot der Arbeitnehmer-Familien. Wacklig darin stehend, flehen die Aktivistinnen Republi­ka­ ner an, sie vor den geplanten Steueränderungen zu verscho­ nen, die sich dramatisch zum Vorteil von Großverdienern und zuungunsten von geringen und mittleren Ein­kom­men ausgewirkt hätten. Vor den Augen der Kameras blieben den Zielpersonen jetzt genau zwei Optionen: Erstens, die Kiste ins Wasser zu werfen und damit das Schlauchboot in Schwie­ rigkeiten zu bringen, zweitens, auf die symbolische Vernich­ tung der bestehenden Steuergesetzgebung zu verzichten. Indem die Politiker sich für die erste Variante entschieden und damit tatsächlich das Boot kentern ließen, erzeugten sie ein wunderbar medienwirksames Bild, das die Botschaft der Aktivistinnen noch unterstrich: Die vorgeschlagene Steuerreform würde die Familien der Arbeitnehmer untergehen lassen. Hätten die Politiker von ihrer Performance Abstand genommen und die Kiste nicht versenkt, wäre das dem Eingeständnis gleichgekommen, dass ihre Steuerpläne Arbeitnehmerinnen und ihren Familien schaden würden. Wie bei „Camp Casey“ ergab sich diese Zwickmühle nicht als glücklicher Zufall, sondern sie war ein wohlgeplantes Schlüsselelement der Aktion.

Lass deine Gegner nicht durch die Hintertür entkommen, und verhindere, dass sie das Problem ungestraft aussitzen können.

· Cindy Sheehan's Camp Casey

Wenn du dieses Prinzip anwenden willst, musst du in der Regel einen langen Atem beweisen – nämlich unbedingt die Reaktion der Gegenseite abwarten können. Cindy Sheehan war bereit, während der gesamten Dauer von Präsident Bushs Ferien vor seiner Ranch zu kampieren. Geduldig blieb sie an Ort und Stelle. Bush war am Zug, und es gab nichts wirklich Vernünftiges, was er tun konnte – da auch Nichtstun eine Handlung darstellte. In Boston ließen sich die Aktivisten

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Prinzipien

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nach ihrem Appell von der Gegenseite versenken, und die Medien dokumentierten die ganze Aktion. Da keine Sicherheitsleute anwesend waren, die die Aktion vorzeitig hätten beenden können, arbeitete die Zeit für die Protestierenden in ihrem kleinen Schlauchboot. Je länger die Politikerinnen zöger­ten, desto mehr verstärkten sie damit die Botschaft, die das Boot transportierte. Fallstricke

Beim Aktivismus ist es ähnlich wie beim Umgang mit Bären: Wer sich in die Ecke getrieben fühlt, könnte heftig reagieren. Wenn du die Flucht-Option in einem Kämpfen-oder-FliehenSzenario ausschaltest, musst du dich und deine Mitstreiter schützen – es könnte sein, dass dein Angriffsziel gewaltsam zurückschlägt.

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Theorien

Politik ist die Dimension gesellschaftlichen Lebens, in der Dinge wahr werden, wenn nur genug Leute an sie glauben.

David Graeber

Praktiziert von · Adbusters · Abbie Hoffman · Situationistische Internationale · Christoph Schlingensief · Indiani Metropolitani/ Stadtindianer · Neue Slowenische Kunst

Mehr dazu · Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Hamburg 1978 · Giorgio Agamben: Die kommende Gesellschaft. Berlin 2003

Herkunft · Guy Debord, französischer Autor, Filmemacher, Künstler und Aktivist

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Die Gesellschaft des Spektakels Kurz gesagt

Durch das Spektakel, den Einsatz von Massenkommunikation, hält der moderne Kapitalismus die soziale Kontrolle aufrecht und macht uns zu Konsumenten und passiven Zuschauern un­ seres eigenen Lebens, unserer Geschichte und unserer Macht.

von Dave Oswald Mitchell „Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die moder­ nen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln“ – so beginnt Guy Debords Die Gesellschaft des Spektakels.* „Alles, was unmittel­ bar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.“ Die politische Konsequenz dieser Abspaltung vom gefühlten Erlebnis ist ausschlaggebend sowohl dafür, wie wir die Welt erleben, als auch dafür, wie wir sie verändern können. Leute, die eine Katastrophe miterlebt haben, sagen oft, es sei „wie im Film“ gewesen. Ähnlich geht es manchmal uns Aktivisten. Wir machen uns oft mehr Gedanken darüber, wie unsere Aktionen in den Medien rüberkommen, als über das eigentliche Ergebnis. Was wir fühlen, woran wir glauben, wie wir Wünsche äußern, was wir für möglich halten – all das wird jedoch auf Abstand gehalten durch die Medien, die wir konsumieren und produzieren. Und genau das macht die Gesellschaft des Spektakels aus, die Debord, Mitbegrün­ der der französischen Situationistischen Internationale, beschrieb und anprangerte. Marx argumentierte bekanntlich, dass im Kapitalismus die Ware zu einem Fetisch und auf ihren Tauschwert reduziert würde. Debord wandte Marx’ Gedanken auf die Massenkom­ munikation an, indem er aufzeigte, wie der Kapitalismus nicht nur das durchdringt, was wir produzieren und konsumieren,

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Theorien

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sondern auch die Art, wie wir kommunizieren. Das Spektakel – wie es sich in Fernsehunterhaltung, Nachrichten und Wer­ bung manifestiert – entfremdet uns von uns selbst und unseren eigentlichen Wünschen und setzt an deren Stelle die Anhäufung von Kapital als erstrebenswertestes Ziel. Das Spektakel dient dem Kapitalismus mehr und mehr als primärer Mechanismus der sozialen Kontrolle, und zwar nicht gewaltsamer Kontrolle, sondern einer Kontrolle durch Verführung und Ablenkung. Was übrigens nicht weniger wirksam ist, nur heimtückischer. Nach Debord wird unser Leben auf diese Weise heruntergestuft: zunächst vom Sein zum Haben, dann vom Haben zum bloßen Schein. (Überleg mal, wie viel Gedanken du in deinem „Aktivisten“-Dasein auf dein Selbstbild als Aktivist verwendest; oft agieren wir nicht, sondern posieren nur.) Um sich von der Macht des Spektakels zu befreien und dem Kapitalismus überzeugend entgegentreten zu können, haben die Situationisten die Taktik der Umleitung, des détournement eingeführt – das Spektakel wird mit den Mitteln des Spektakels attackiert.

Siehe auch Taktiken · Identitätskorrektur  à  39

· Détournement/ Culture Jamming  à  Website

PRINZIPIEN · Keine Angst vor Markenbildung à  109 · Nimm den Medien die Arbeit ab à  118 · Know your cultural terrain à  Website · Make your actions both concrete and communicative à  Website · No one wants to watch a drum circle à  Website

THEORIEN · Warenfetischismus  à  198

· Ethical Spectacle  à  Website

· Marxism à  Website

Gill Scott-Herons berühmte Worte („Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen werden“), hier zitiert auf einem Rücken bei Occupy Los Angeles im Oktober 2011, beschreiben die Kluft zwischen dem Spektakel und der politischen Realität.

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Fallstudien Wann 25.12.1993 

Wo USA

Umgesetzt von Barbie Liberation Organization

Mehr dazu · „Barbie Liberation Organization“, youtube.com (bit.ly/1kQMRoz) · David Firestone: „While Barbie Talks Tough, G.I. Joe Goes Shopping“, in: New York Times, 31.12.1993, nyti.ms/SQ6PVf

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Die Barbie-BefreiungsOrganisation von Mike Bonanno Manche Kinder fanden an Weihnachten 1993 mehr unterm Christbaum, als sie sich hätten träumen lassen: Die neuen, sprechenden Barbiepuppen von Mattel knurrten den Satz „Tote reden nicht mehr“, während ihnen Machomann GI Joe „Ich möchte mit dir shoppen gehen“ entgegenzwitscherte. Willkommen bei der Barbie-Befreiungs-Organisation, einer Gruppe, die sich selbst beschreibt als „Veteranen gegen Kriegsspiel­zeug“ und „besorgte Eltern“. Nach der besagten Aktion bekannte sie sich dazu, die Elektronik von mehreren hundert Puppen im ganzen Land vertauscht zu haben. Eine ganze Woche Medienpräsenz samt anschließender Debatte über Geschlechterrollenklischees waren die Folge. Die Weihnachtsüberraschung war die Antwort auf einen ziemlich doofen PR-Gag von Mattel. Ein Jahr zuvor hatte die Firma eine neue Sprech-Barbie auf den Markt gebracht, die den schönen Satz „Mathe ist schwierig“ aufsagte. Feminis­tinnen reagierten aufgebracht und empörten sich in der Presse, und hinter verschlossenen Türen begannen ein paar Leute, Rachepläne zu schmieden. Was könnte Barbie stattdessen sagen? Eine achtzigjährige ungarische Holocaust­ überlebende mit dem Spitznamen „Gyongi“, die auch an den informellen Brainstormings teilnahm, störte sich weniger an Barbie als an GI Joe. Denn eine schnelle Recherche im Spielzeuggeschäft bestätigte die Vermutung, dass auch GI Joe Dinge sagte. So entstand ein Plan: Wenn man nur die Sprechelektronik der beiden Puppen vertauschte, könnte man sie zu grandiosen trojanischen Pferden der Geschlechterrollenerziehung machen. Mit Lötkolben, Schraubenziehern und Epoxidkleber bewaffnet machte sich die BarbieBefreiungs-Organisation (BBO) an die Arbeit.

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Fallstudien Im nächsten Schritt ging es um die Anwerbung neuer Mitglieder für die BBO, die in möglichst vielen Städten Puppen kaufen und zur Operation einschicken sollten. Jede eingesandte Figur wurde vorsichtig aus der Verpackung genommen, entsprechend behandelt und wieder zurück­ geschickt. Sogenannte „Shop Dropper“ stellten sie dann wieder zurück in die Regale der Spielzeuggeschäfte, aus denen sie gekommen waren (ohne sich das Geld dafür zurückgeben zu lassen, damit ihnen nicht Sachbeschädigung vorgeworfen werden konnte).

207 Siehe auch Theorien · Die Gesellschaft des Spektakels à  164 · Warenfetischismus à  198

„Wir mussten Dinge sagen, die wir gar nicht sagen wollten. Zum Glück konnte dieser Schaden in einer Spezialklinik behoben werden. Du kannst uns helfen! Gib uns eine neue Stimme! Befreie uns!“

Das Ganze sollte aber mehr als ein einfacher Gag sein, es sollte ein echtes Medienspektakel daraus werden. Deshalb wurde ein raffiniertes Pressekonzept entworfen. Jeder manipulierten Puppenpackung wurde eine gefälschte Gebrauchsanweisung mit Telefonnummern lokaler und überregionaler Medien und der Telefonnummer des Anrufbeantworters der BBO beigelegt. Der Plan war, dass die Kinder ihre Geschenke auspacken, verblüfft hören, was ihr Spielzeug zu sagen hat, Eltern die Nummern wählen und die Medien dann darüber berichten. Einen Tag vor Weihnachten verschickte die BBO eine Pressemitteilung, in der sie sich zu der Aktion bekannte. Sie spekulierte darauf, dass man in den Redaktionen eins und eins zusammenzählen würde, sobald dort die ersten Anrufe von Leuten eingingen, die das Spielzeug bekommen hatten.

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Fallstudien

208 Für den Fall, dass das nicht wie vorgesehen klappte, hatte die BBO mehrere Plan-B-Ebenen in die Pressestrategie eingebaut. Sie rekrutierten zwei Kinder – eines in San Diego, Kalifornien, und eines in Albany, New York – die sich bereit erklärten, vor den TV-Kameras mit etwas Aufregung zu „be­ weisen“, dass die ganze Sache wirklich passierte. Schließlich hielten die BBO-Aktivisten auch noch einen zusätzlichen Vorrat an Puppen bereit, mit denen sie in genau jene Spielzeugläden in der Nähe der jeweiligen Nachrichtenredaktionen stürzen könnten, die sich bei ihnen nach der Aktion erkundigen würden. Als die erwarteten Anrufe schließlich eingingen, ermittelte die BBO das nächstgelegene Geschäft und schickte schnellstmöglich jemanden mit einer operierten Puppe dorthin. In mindestens einem solchen Fall waren die BBO-Agenten noch vor Ort, als die Reporterin den Laden betrat. Sie konnten beobachten, wie sie das gesuchte Spielzeug fand, ausprobierte – und ihr Beweismittel für die Macht und den Einfluss der Barbie-Befreiungs-Organisation schließ­ lich triumphierend zur Kasse trug. WARUM ES FUNKTIONIERTE

Die Nummer funktionierte so gut, weil die modifizierten Spiel­ zeuge lustig, überraschend und zugleich aufschlussreich waren. Es gab niedliche, nun mal von Natur aus telegene Kinder und dazu den medialen Wiedererkennungswert zweier amerikani­ scher Ikonen: Barbie und GI Joe. Die Aktion fand ein riesiges Medienecho, und alle redeten über die Frage, warum wir unse­ ren Kindern eigentlich solche Klischees vermitteln.

Was nicht so gut funktionierte

Auf der verbesserungswürdigen Seite bleibt anzumerken, dass die BBO mehr Wirkung aus der entstandenen Aufmerksamkeit hätte generieren können. Es blieb bei einem einzelnen Jux ohne Anschluss an eine weiterführende Kampagne. Eine solche überfallartige Taktik hat durchaus einen Effekt, in Verbindung mit der richtigen Kampagne hätte der aber sicherlich durch­ schlagender sein können.

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Fallstudien SCHLÜSSELTAKTIK

SHOP-DROPPING Das heimliche Einschleusen kreativ ver­

änderter Produkte in Ladenregale ist eine todsichere Methode, um selbst die unzugänglichsten und desinteressiertesten Bevölkerungsgruppen mit subversiven Inhalten zu beliefern. Im Fall BBO wurde mit Shop-Dropping die Ausgangsbasis für ein riesiges Medienspektakel geschaffen.

SCHLÜSSELPRINZIPien

NIMM DEN MEDIEN DIE ARBEIT AB Der Erfolg der BBO

beruht nicht nur auf einer guten Idee, sondern auch auf sorg­ fältig vor­bereiteten Pressetexten, Nachrichtenvideos und bereit­stehen­den Interviewpartnern. Es handelt sich um die kunstvolle Ver­­bindung einer kreativen Geschichte mit maß­ geschnei­derter Pressearbeit.

Kümmer dich um die Legendenbildung Übertreib ruhig nach Herzenslust. Scheu nicht davor zurück, die Dinge etwas größer darzustellen, als sie sind. Insgesamt waren es nur un­ gefähr 30 Puppen in drei Bundesstaaten, die wirklich in den Regalen standen, aber die BBO behauptete fröhlich, es seien 300 in fünfzig Staaten. Kein Problem. Als sich die Medien ein Jahr später zu Weihnachten wieder meldeten, hatte die BBO ohne viel Aufwand schon „Tausende mehr“ fabriziert.

209 TAKTIKEN · Identitätskorrektur  à  39

· Prophetische Intervention à  52 · Détournement/Culture jamming à  Website · Distributed action à  Website

PRINZIPIEN · Mach das Unsichtbare sichtbar à  115 · Nimm den Medien die Arbeit ab à  118 · Spiel für das Publikum, das nicht im Raum ist à  129 · Verändere die Perspektive à  134 · Zeigen ist besser als erklären à  145

Vergiss den Witz nicht Ein Video, in dem Barbiepuppen mit Lötkolben an GI Joes herumoperierten, ließ sämtliche Nach­ richtenredaktionen kichern. Wenn es gelingt, sie zum Lachen zu bringen, finden selbst konservative Berichterstatter die Sache gut.

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BEAUTIFUL TROUBLE Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution zusammengestellt von Andrew Boyd und Dave Oswald Mitchell 15 x 20 cm, 224 Seiten, Klappenbroschur €20,- (D) | € 20,60 (A) | SFr 28,- (CH) ISBN: 978-3-936086-73-7

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Beautiful Trouble