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W.E.B. Du Bois The Souls of Black Folk Die Seelen der Schwarzen Deutsch von J端rgen und Barbara Meyer-Wendt

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Inhalt

Dunkel wie durch einen Schleier, Vorwort von Henry Louis Gates, Jr.

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Die Seelen der Schwarzen

I II III IV V VI VII VIII IX X XI XII XIII XIV

Vorbemerkung Über unsere geistigen Anstrengungen Über die Morgenröte der Freiheit Über Mr. Booker T. Washington und andere Über die Bedeutung von Fortschritt Über die Flügel von Atalanta Über die Ausbildung der Schwarzen Über den Black Belt Über die Suche nach dem Goldenen Vlies Über die Söhne der Master und Freedmen Über den Glauben der Väter Über das Hinscheiden des Erstgeborenen Über Alexander Crummell Johns Heimkehr Klagelieder – Sorrow Songs Nachbemerkung

Nachwort, von Jürgen Meyer-Wendt Anmerkungen Dank

31 33 44 70 86 99 111 130 152 176 199 215 222 233 252 266 267 281 319

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Über die Morgenröte der Freiheit Careless seems the Great Avenger; History’s lessons but record One death-grapple in the darkness ’Twixt old systems and the Word; Truth forever an the scaffold, Wrong forever on the throne; Yet that scaffold sways the future, And behind the dim unknown Standeth God within the shadow Keeping watch above His own. Lowell 1

Das Problem des 20. Jahrhunderts ist das Problem der Rassentrennung – das Verhältnis der dunkleren zu den helleren Rassen der Menschheit in Asien und Afrika, in Amerika und den Inselgruppen. Eine Phase dieses Problems war es, die zum Bürgerkrieg führte, und wie sehr sich auch jene, die 1861 nach Süden oder Norden marschierten, in ihren Parolen auf formale Aspekte wie die Einheit der Nation oder die regionale Autonomie stützten, so wussten sie doch genauso wie wir, dass die Versklavung der Schwarzen der wirkliche Grund dieses Konflikts war. Merkwürdig, wie sich die zu-

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grunde liegende Frage beständig in den Vordergrund schob, und das trotz aller Bemühungen und gegenteiliger Erklärungen. Kaum nämlich hatten die Armeen des Nordens südlichen Boden betreten, da tauchte die alte Frage wieder auf: Was soll nun mit den Schwarzen geschehen? Militärische Befehle für diese oder jene Lösung konnten die Frage nicht beantworten und die Proklamation von der Abschaffung der Sklaverei schien die Schwierigkeiten allenfalls auszuweiten und zu intensivieren. Die Amendments des Kriegs führten zu den heutigen Problemen der Schwarzen. Ziel dieses Essays ist es, die geschichtliche Periode der Zeit von 1861 bis 1872 zu untersuchen, insofern sie den amerikanischen Schwarzen betrifft. In diesem Bericht über die »Morgenröte der Freiheit« geht es in erster Linie darum, die Rolle jener Regierungsbeauftragten darzustellen, die für das »Freedmen’s Bureau« 2 arbeiteten, der einzigen Anlaufstelle für die befreiten Sklaven. Es war einer der ungewöhnlichsten und interessantesten Versuche, die je von einer großen Nation unternommen wurden, um die enormen Probleme der Rassenunterschiede zu bewältigen und die sozialen Bedingungen zu verändern. Der Krieg hatte rein gar nichts mit der Sklaverei zu tun, so schrien der Kongress, der Präsident und die ganze Nation. Aber sobald die Armeen im Osten und Westen, in Virginia und Tennessee eindrangen, da erschienen entflohene Sklaven in ihren Linien. Sie kamen nachts, wenn die flackernden Lagerfeuer wie weit entfernte unbeständige Sterne den schwarzen Horizont erhellten: alte Männer, dünn, mit grauen Wuschelköpfen; Frauen mit vor Furcht weit aufgerissenen Augen, an den Händen wimmernde, hungrige Kinder; Männer und Mädchen, manche stark, andere ausgezehrt – eine Horde hungernder Vagabunden ohne Bleibe, hilflos und bedauernswert in ihren dunklen Leiden. Je nach der vorherrschenden Ansicht erschienen zwei gegensätzliche Arten, mit diesen Neuankömmlingen umzugehen, gleich logisch. Ben Butler 3 in Virginia betrachtete Sklaven als Kriegskonterbande und ließ die Flüchtlinge für sich arbeiten, während

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Fremont in Missouri die Sklaven unter Kriegsrecht als frei erklärte. Butlers Vorgehen wurde gebilligt, Fremonts hingegen schnell rückgängig gemacht. Sein Nachfolger Halleck 4 sah die Dinge anders: »Von jetzt an soll es den Sklaven nicht erlaubt sein, in eure Linien zu gelangen, und wenn einige ohne euer Wissen kommen, dann sind sie den Eigentümern zurückzugeben, falls diese danach verlangen.« Aber eine solche Politik war schwer durchführbar, denn einige schwarze Flüchtlinge erklärten, keine Sklaven zu sein, andere erklärten, dass ihre Master sie verlassen hätten, und wieder andere waren bei der Einnahme von militärischen Stellungen und Plantagen gefangen genommen worden. Es war offensichtlich, dass die Sklaven zur Stärke der Konföderation beitrugen und als Handlanger und in der Rüstungsproduktion eingesetzt wurden. »Sie sind militärisches Kapital«, schrieb Kriegsminister Cameron spät im Jahre 1861, »und dass sie als solche nicht dem Feind übergeben werden dürfen, ist zu offensichtlich, um darüber zu streiten.« So änderte sich allmählich der Ton der Armeeführer, der Kongress verbot die Rückgabe von Flüchtlingen, und Butlers »Konterbande« wurde als militärische Unterstützung willkommen geheißen. Aber dadurch verschärfte sich das Problem: Die verstreuten Flüchtlinge bildeten einen nicht mehr abreißenden Strom, der schneller floss als die Armeen marschierten. Schließlich erkannte der Mann mit dem langen Kopf und dem markanten Gesicht, der im Weißen Haus saß, das Unvermeidbare und erklärte am Neujahrstag 1863 die Sklaven in den Gebieten der Aufständischen für frei. Einen Monat später forderte der Kongress allen Ernstes den Einsatz von schwarzen Soldaten, obwohl das Gesetz vom Juli 1862 5 ihnen den Zugang zum Militärdienst kaum zugestand. Die Schranken fielen, es war vollbracht. Der Strom der Flüchtlinge schwoll zur Flut, und besorgte Armeeoffiziere fragten: »Was soll mit all den Sklaven geschehen, die täglich hier ankommen? Müssen wir uns um Nahrung und Unterbringung für Frauen und Kinder kümmern?«

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Es war ein gewisser Pierce aus Boston 6, der den Weg aufzeigte und so zum eigentlichen Gründer des Freedmen’s Bureau wurde. Er war ein enger Freund des Ministers Chase7, und als 1861 die Probleme mit der Versorgung und den verlassenen Landgütern auf das Finanzministerium zukamen, da war es an dem über besondere Detailkenntnisse verfügenden Pierce, die genauen Umstände zu untersuchen. Zuerst hatte er sich um die Flüchtlinge im Fort Monroe 8 zu kümmern; danach – Sherman 9 hatte Hilton Head 10 erobert – fiel ihm die Aufgabe zu, sein Port Royal Experiment 11 zu starten und aus Sklaven freie Arbeiter zu machen. Das Experiment hatte kaum begonnen, da war das Flüchtlingsproblem derart angewachsen, dass es aus den Händen des völlig überlasteten Finanzministeriums in die der Armeeführung gelegt wurde. Flüchtlingslager der Freedmen entstanden in den Festungen Monroe, Washington, New Orleans, Vicksburg, Corinth, Columbus in Kentucky und Cairo in Illinois wie eben auch in Port Royal. Die Armeegeistlichen fanden hier neue und fruchtbare Betätigung, man kümmerte sich intensiver um die »Führung der Konterbande«, und man unternahm systematische Anstrengungen, die körperlich Geeigneten wehrtauglich zu schreiben und den anderen Arbeit zu geben. Es entstanden Hilfsorganisationen für die Freedmen, wie sie von Pierce und Vertretern anderer Zentren des Leidens nachdrücklich gefordert wurden. Da gab es die American Missionary Associations, die in Erinnerung an die Amistad12 gegründet worden waren und nun zum Einsatz bereit standen, verschiedene kirchliche Organisationen, die National Freedmen’s Relief Association, die American Freedmen’s Union, die Western Freedmen’s Aid Commission – alles in allem über 50 aktive Organisationen, die Kleidung, Geld, Schulbücher und Lehrkräfte nach dem Süden sandten. Alles, was sie taten, war absolut notwendig, denn das Elend der Befreiten war oft »zu entsetzlich, um es zu glauben«, und die Situation wurde täglich schlimmer. Von Tag zu Tag wurde es offenkundiger, dass eine nationale Krise bevorstand: Massen von Schwarzen standen müßig herum, und wenn sie spora-

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disch arbeiteten, konnten sie sich ihres Lohnes nicht sicher sein. Wurden sie doch einmal entlohnt, vergeudeten sie gedankenlos das bisschen, das sie bekamen. Die Moral in den Lagern sank und der Glanz der neugefundenen Freiheit verblasste. Eine umfassendere ökonomische Reform war zweifellos vonnöten. Hier und dort, mehr oder weniger zufällig tat sich etwas, aber es hing immer von den örtlichen Gegebenheiten ab. Hier war es Pierces Port Royal-Idee, die eine grobe Richtung vorgab, mit gepachteten Plantagen und angeleiteten Arbeitern. In Washington war es der Militärgouverneur, der auf dringenden Appell des Superintendenten konfiszierte Landgüter zum Bewirtschaften durch Flüchtlinge freigab – und tatsächlich, im Schatten des großen Kuppelbaus entstanden schwarze Bauerndörfer. General Dix 13 übergab den Freedmen der Festung Monroe Landgüter, und Gleiches geschah im Süden wie im Westen. Regierung und Wohlfahrtsvereinigungen besorgten die Mittel zur Kultivierung des Bodens, und so wandte sich der Schwarze langsam wieder der Arbeit zu. Ein Anfang war gemacht, und die Kontrollsysteme entwickelten sich schnell zu eigenen kleinen Verwaltungsorganen, wie das des General Banks 14 in Louisiana mit seinen 90.000 Schwarzen und 50.000 Hilfsarbeitern und einem jährlichen Etat von über 100.000 Dollar. Viertausend Abrechnungen wurden pro Jahr erstellt, alle Freedmen registriert, Missstände untersucht und behoben, Steuern eingebracht und ein öffentliches Schulsystem errichtet. Ein anderes Beispiel ist Colonel Eaton, der Superintendent von Tennessee und Arkansas, der den Befehl über 100.000 Freedmen hatte, 7.000 Acres 15 pachtete, darauf Baumwolle anpflanzen ließ und jährlich 10.000 Notleidende versorgte. In South Carolina war es General Saxton, der ein großes Interesse für das schwarze Volk hatte. Als Nachfolger von Pierce und den Angestellten des Finanzministeriums verkaufte er aufgegebene Landgüter, verpachtete verlassene Plantagen, tat alles zum Besten der Schulen und erbte von Sherman nach dessen schrecklich pittoreskem Marsch der Zerstörung bis ans Meer auch noch Tausende Unglückliche aus dessen Gefolge.

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Drei Seiten werden an Shermans Marsch durch Georgia mit Licht und Schatten sichtbar: die Eroberer, die Eroberten und die Schwarzen. Einige sehen nur die schreckliche Erscheinung des Zerstörers, andere nur das bittere Leid auf der Seite der verlorenen Sache. Aber für mich hat weder der Soldat noch der Flüchtende eine derart tiefe Bedeutung wie jene dunkle menschliche Wolke, die am Ende jener schnellen Marschkolonnen haftete und zeitweise bis zur halben Stärke derselben anschwoll – um sie beinahe zu verschlingen und zu ersticken. Vergeblich befahl man ihnen zurückzubleiben, vergeblich wurden unter ihren Füßen Brücken weggeschlagen, weiter stapften sie und drängten vorwärts, bis nach Savannah: eine Horde von Zehntausenden, halb verhungert und nackt. Auch hier gab es eine typisch militärische Lösung: »Die Inseln südlich von Charleston und die verlassenen Reisfelder entlang der Flüsse, 30 Meilen landeinwärts vom Meer, sowie das Land, welches an den St. John River in Florida grenzt, all das wird bereitgestellt und ist für die Besiedlung durch Schwarze vorgesehen, die im Zuge des Kriegsrechts befreit wurden.« So zu lesen in der gefeierten »Field-order Number Fifteen«16. Diese Experimente, Erlasse und Regelungen erregten die Aufmerksamkeit von Regierung und Nation und sorgten für Verwirrung. Unmittelbar nach der Proklamation der Sklavenbefreiung hatte der Abgeordnete Eliot ein Gesetz zur Schaffung einer Behörde für die Befreiten eingebracht, das aber nie verabschiedet wurde. Im darauffolgenden Juni stimmte ein vom Kriegsminister einberufener Untersuchungsausschuss der Schaffung einer zeitlich befristeten Behörde zu. Sie erhielt die Aufgabe »Schutz der Freedmen, Verbesserung ihrer Lage und Schaffung von Arbeitsplätzen«, was in etwa den Richtlinien entsprach, an die man sich auch anschließend hielt. Präsident Lincoln wurden Bittschriften von angesehenen Bürgern und Organisationen überreicht, die eindringlich einen umfassenden und einheitlichen Plan für den Umgang mit den Freedmen forderten unter Aufsicht einer Behörde, der die Aufgabe zukommen sollte, »Pläne zu erstellen

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und Maßnahmen durchzuführen, um den befreiten, aber immer noch zu befreienden Freedmen den Übergang von der Zwangsarbeit zur freiwilligen Beschäftigung zu erleichtern und sie dabei in jeder Hinsicht umsichtig und menschenwürdig zu unterstützen.« Einige halbherzige Schritte wurden unternommen. Man übergab die ganze Angelegenheit erneut den Beamten des Finanzministeriums. Sie waren durch Gesetze von 1863 und 1864 angewiesen, verlassene Landgüter zu verwalten und diese für eine maximale Laufzeit von 12 Monaten zu verpachten, um »durch solche Pachtverträge oder auf andere Weise für die Beschäftigung und das allgemeine Wohlergehen der Freedmen zu sorgen«. Die meisten Offiziere begrüßten dieses Vorgehen, weil sie darin eine Entlastung von den komplizierten »Negerangelegenheiten« sahen, und der Finanzminister Fessenden17 erließ am 29. Juli 1864 eine Liste von Anordnungen, die von General Howard 18 mit aller Strenge umgesetzt wurden. Mithilfe der Beamten des Finanzministeriums wurde im Tal des Mississippi eine große Anzahl von Ländereien verpachtet, auf denen viele Schwarze Arbeit fanden. Aber schon im August 1864 wurden die Bestimmungen aufgrund neuer »politischer Richtlinien« außer Kraft gesetzt und die ganze Angelegenheit erneut der Verantwortung der Armee überstellt. Mittlerweile hatte sich auch der Kongress eingeschaltet. Im März verabschiedete das Repräsentantenhaus mit einer Mehrheit von zwei Stimmen die Einrichtung eines »Bureau for Freedmen« im Kriegsministerium. Charles Sumner 19, verantwortlich für die Gesetzesvorlage im Senat, argumentierte, dass Freedmen und verlassene Landgüter demselben Ministerium zu unterstellen seien, und reichte einen Ergänzungsantrag zu der Gesetzesvorlage des Repräsentantenhauses ein, demzufolge das Büro dem Finanzministerium zuzuschlagen sei. Die Vorlage wurde verabschiedet, jedoch zu spät für das Repräsentantenhaus. Man debattierte das Vorgehen der Regierung und die Frage der Sklaverei im Allgemeinen, ohne sich auch

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nur annähernd mit den vorliegenden Maßnahmen zu befassen. Dann kamen die Kongresswahlen, und die wiedergewählte Regierung widmete sich, gestärkt durch den neuerlichen Vertrauensbeweis des Landes, intensiver dieser Aufgabe. Ein Vermittlungsausschuss beider Häuser stimmte einer sorgfältig abgewogenen Maßnahme zu, die die Hauptpunkte von Sumners Gesetzesvorlage enthielt, wobei allerdings die vorgeschlagene Organisation zu einer eigenständigen Abteilung wurde, unabhängig von Vertretern des Kriegs- wie des Finanzministeriums. Das Gesetz war gemäßigt und gab der neuen Abteilung die »allgemeine Aufsicht über alle Freedmen«. Ihr Zweck bestand darin, »Regeln zu schaffen«, die Freedmen zu beschützen, Land zu verpachten, Löhne zu bestimmen und sie in zivilen und militärischen Gerichtshöfen wie »ihre engsten Freunde« zu vertreten. Die so gewährten Machtbefugnisse sollten an viele Einschränkungen gebunden sein und die Organisation nicht als dauerhafte Institution eingerichtet werden. Dennoch wurde die Vorlage im Senat abgelehnt und ein neuer Vermittlungsausschuss einberufen. Dieser Ausschuss brachte am 28. Februar eine neue Gesetzesvorlage ein, die kurz vor Schluss der Sitzung durchgepeitscht und dann 1865 Gesetz wurde: Im Kriegsministerium sollte eine »Behörde für Flüchtlinge, Freedmen und verlassene Ländereien« eingerichtet werden. Dieser letzte Kompromiss war ein schnell verfertigtes Stück Gesetzgebung, vage und ungenau in den Richtlinien. Ein Amt war geschaffen »für die Dauer des gegenwärtigen Kriegs und ein weiteres Jahr nach dessen Ende«, mit der Aufgabe, »die Aufsicht und Verwaltung über alle verlassenen Ländereien und die Zuständigkeit über alle Belange von Flüchtlingen und Freedmen zu übernehmen«, und das unter Einhaltung von »Regeln und Bestimmungen, wie sie vom Vorsitzenden dieses Amtes vorgeschlagen und vom Präsidenten genehmigt werden«. Einem vom Präsidenten und dem Senat ernannten Kommissar wurde mit einem Büro von maximal zehn Angestellten die Aufsicht über dieses Amt übertragen. Dem Präsi-

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denten war es anheimgestellt, in den abgefallenen Staaten weitere Hilfskommissare einzusetzen und für alle diese Ämter Offiziere zu berufen mit ihren festgesetzten Bezügen. Der Kriegsminister legte die Verteilung von Nahrung, Kleidung und Brennstoff für die Betroffenen fest. Alle verlassenen Besitzungen waren in die Hände des neuen Amtes gelegt, mit dem Ziel, sie in Parzellen von 40 Acres an die ehemaligen Sklaven zu verpachten oder zu verkaufen. Auf diese Weise übernahm die Regierung der Vereinigten Staaten endgültig die Verantwortung für die befreiten Schwarzen. Es war ein ungeheures Vorhaben! Mit einem Federstrich hatte man eine Regierung für Millionen Menschen geschaffen – und nicht etwa für einfache Menschen, sondern für Schwarze, die ein lückenloses System der Sklaverei über Jahrhunderte hinweg entrechtet hatte. Und jetzt, plötzlich, mit Gewalt geschaffen, besaßen diese Menschen ein neues Geburtsrecht, mitten in einer Zeit des Krieges und mitten unter ihren geschlagenen und verbitterten Sklavenhaltern von einst. Zu Recht würde jeder gezögert haben, eine Aufgabe mit so großer Verantwortung, unbestimmten Machtbefugnissen und beschränkten Mitteln zu übernehmen. Wohl kein anderer als ein Soldat hätte einem solchen Befehl unverzüglich Folge geleistet. Und in der Tat konnten die Funktionen sowieso nur mit Soldaten besetzt werden, da der Kongress keine Gelder für Gehälter und Aufwendungen bewilligt hatte. Keinen Monat später starb Lincoln, und sein Nachfolger übertrug Major-General Oliver O. Howard die Aufgabe, als Kommissar das neue Amt zu leiten. Howard stammte aus Maine und war gerade mal 35 Jahre alt. Er war mit Sherman bis an den Atlantik marschiert, hatte tapfer bei Gettysburg gekämpft und war ein Jahr vorher dem Führungsstab in Tennessee zugewiesen worden. Eine ehrliche Haut mit zu viel Vertrauen in die menschliche Natur, aber wenig Begabung für das Geschäftliche und knifflige Details. Er hatte ausreichend Gelegenheit, sich aus erster Hand mit der Aufgabe vertraut zu machen, die vor ihm lag. Und über diese

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Arbeit hat man zutreffend gesagt, dass »keine auch nur annähernd richtige Geschichte der Zivilisation geschrieben werden kann, die der Organisation und Verwaltung des Freedmen’s Bureau nicht den ihr gebührenden Platz einräumt, als großer Meilenstein des politischen und sozialen Fortschritts.« Am 12. Mai 1865 erfolgte Howards Berufung. Schon am 15. nahm er die neuen Pflichten auf und inspizierte seinen Aufgabenbereich. Es war ein kurioses Durcheinander, das er erblickte: ein wenig Despotismus, kommunistische Experimente, Sklaverei, verschuldete Tagelöhner, Spekulanten, organisierte Wohltätigkeit, nicht organisierte Verteilung von Almosen – all das unter dem Vorwand, den Freedmen zu helfen, all das mitten im Rauch und Blut des Krieges, dem Fluchen und Schweigen verbitterter Menschen. Am 19. Mai gab die Regierung – denn um eine Regierung handelte es sich – ihre Verfassung heraus: In den abgefallenen Staaten galt es Kommissare zu berufen mit der Verantwortung für »alle Belange der Flüchtlinge und Freedmen«, wobei jede Unterstützung und Zuwendung allein von ihrer Zustimmung abhing. Das Bureau lud zu fortgesetzter Kooperation mit Wohltätigkeitsverbänden ein und erklärte: »Es ist Aufgabe aller Kommissare, praktikable Systeme für bezahlte Arbeit einzuführen und Schulen aufzubauen.« Unverzüglich wurden neun stellvertretende Kommissare berufen. Sie waren angewiesen, sich schleunigst im neuen Arbeitsbereich zu melden, die Versorgungseinrichtungen allmählich zu schließen und zuzusehen, dass sich die Mittellosen selbstständig versorgten. Da, wo es keine Gerichtshöfe gab, mussten sie Recht sprechen, und das auch in solchen Fällen, in denen Schwarze vor existierenden Gerichten nicht als frei anerkannt wurden. Sie sollten den ehemaligen Sklaven die Institution der Ehe nahebringen und alles genau dokumentieren. Sie mussten darauf achten, dass die Freedmen ihre Arbeitgeber selbst wählen konnten, und sie beim Abschluss fairer Verträge unterstützen. Zum Schluss heißt es in dem Rundschreiben: »Auf den einfachen und gesunden Men-

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Anfrage des Literary Digest (Vorläufer des Time Magazine) nach der korrekten Aussprache von Du Bois’ Namen, mit seiner Antwort

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Schild am Ortseingang von Great Barrington (seit 2007)

Graffitiwand zu W.E.B. Du Bois in Great Barrington, 2007

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Du Bois in Ghana, 1963

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