Page 3

Editorial

Eine Kultoper Verehrtes Publikum,

MAG 61 / September 2018 Unser Titelbild zeigt Vladimir Jurowski, der Franz Schrekers Oper «Die Gezeichneten» dirigiert. Lesen Sie auf Seite 25 ein Interview mit ihm (Foto Florian Kalotay)

es ist immer wieder eine interessante Frage, wann und warum bestimmte Werke in den Spielplänen der Opernhäuser Konjunktur haben und warum die gleichen Werke zu anderen Zeiten in völlige Vergessenheit geraten. Natürlich hat das mit dem Wandel der Zeitläufte zu tun, mit gesellschaftlichen Themen und Entwicklungen, zu denen die Stücke sich plötzlich wie ein brennend aktueller Kommentar lesen oder eben nicht. Der Blick von Intendanten, Regisseuren, Dirigenten und Publikum auf die Werke ändert sich. Selbst ein vermeintlich immergrünes Werk wie Mozarts Così fan tutte wurde als frivole, umständliche Komödie lange Zeit links liegen gelassen. In der Oper kommt etwas sehr Affektives hinzu: Musik verfängt und begeistert zu bestimmten Zeiten, berührt die Zuhörer an dem einen Ort und langweilt am nächsten. (Anti-) Trends können mit Besetzungsschwierigkeiten zu tun haben oder mit dem unermüdlichen Einsatz einzelner Künstler für einen Komponisten. Mancher Boom bleibt dennoch unerklärbar, scheint dem Zufall geschuldet. Deshalb fällt es schwer, darüber zu urteilen, ob Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten, mit der wir die Spielzeit 2018/19 eröffnen, nun eine Oper der Stunde ist oder nicht. Tatsache ist, dass unserer Produktion in allerjüngster Zeit gleich zwei weitere an grossen Theatern (an der Bayerischen Staatsoper in München und an der Komischen Oper in Berlin) vorangegangen sind. Was für dieses faszinierende Werk ganz ausserordentlich ist, denn es gibt kaum eine andere Oper, die in ihrer Aufführungsgeschichte so stark zwischen totaler Vergessenheit und begeisterndem Interesse schwankte. Mit dem Nimbus einer Skandaloper war sie nach ihrer Uraufführung 1918 ausserordentlich erfolgreich, ward nach der Ächtung des jüdischen Komponisten Schreker durch die Nationalsozialisten «vom Vergessen wie unter einem schweren Stein begraben» (Theodor W. Adorno), wurde als schillernder sex and crime-Thriller vor vierzig Jahren wiederentdeckt und fristet seitdem das Dasein einer von Eingeweihten umschwärmten, aber nur sehr selten gespielten Kultoper. Am Opernhaus Zürich kamen Die Gezeichneten bisher einmal auf die Bühne, im Jahr 1992. Ob der aktuelle Produktionsboom der Gezeichneten Ausdruck einer übergeordneten Aktualität ist, mögen andere beurteilen, wir wissen jedenfalls, warum wir das Stück auf den Spielplan gesetzt haben, und darüber will diese Ausgabe unseres Opern­ haus-Magazins ausführlich Auskunft geben. Und wir sind sicher, dass wir für dieses grossformatige, aufregende Musiktheaterwerk eine Besetzung gefunden haben, die den hypertrophen Ansprüchen der Oper gerecht wird. Der Regisseur Barrie Kosky – der nun schon zum vierten Mal am Opernhaus Zürich arbeitet – wird die Gezeichneten inszenieren. Am Dirigentenpult gibt Vladimir Jurowski, der in drei Jahren das Amt des Generalmusikdirektors an der Bayerischen Staatsoper in München übernimmt, sein Debüt an unserem Haus. In den Hauptrollen sind die Sopranistin Catherine Naglestadt und der Tenor John Daszak zu erleben. Einen Tag vor der ersten Premiere der neuen Spielzeit findet am 22. September auch in diesem Jahr wieder unser traditionelles Eröffnungsfest in allen Räumen des Opernhauses bei freiem Eintritt statt. Wir wünschen Ihnen, verehrtes Publikum, und allen Künstlern eine erfolgreiche Saison 2018/19. Claus Spahn

1

Profile for Opernhaus Zürich

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»