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geist, der diese unglaubliche Kunstinsel entwerfen lässt, er wird auch zu ei­nem Mittäter: er hat die Insel «Elysium» geschaffen und dadurch die Lustmorde, die in einer Grotte auf der Insel statt­ finden, indirekt ermöglicht. In der ersten Szene singt Alviano den Satz: «Was gab die Natur mir, mit dieser Fratze und diesem Höcker, solch ein Fühlen, solch eine Gier!» Das heisst, er sehnt sich durchaus nach alldem und toleriert es bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Das ist sein Vergehen, seine Sünde. Alviano versucht, seiner Schuld auszuweichen, aber Tatsache ist, dass er mit der Grotte ein Gefäss ge­ schaffen hat, wo diese widerwärtigen Dinge stattfinden konnten. Ja. Und insofern ist er eine tragische Figur, oder noch besser: ein tragischer Antiheld, mit Wozzeck vergleichbar. Alviano ist kein Opfer. Ich finde es als Idee sehr mutig, so eine Figur auf die Bühne zu stellen. Eines der Vorbilder für die Figur Alviano war Karl Hetmann aus Wedekinds Theaterstück Hidalla. Dieses Stück hat mich absolut fasziniert, doch leider hat Schreker dessen gro­ teske Farbe nicht übernommen. Dieser Karl Hetmann ist eine Art Mischung aus Freud, Trotzki, Lenin, Nietzsche und vielen anderen. Er wird als ein unan­ sehnlicher Mann beschrieben, als eine Art Prophet oder Guru. Seine Vision ist es, ein Institut zur Züchtung von Rassemenschen zu erschaffen, wo die Promiskuität Pflicht ist und als Resultat zukünftige Schönheit entstehen soll. Er selbst, der hässliche Mann, verweigert sich jedoch dem weiblichen Geschlecht. Karl muss schliesslich ins Gefängnis, wird wieder entlassen, und am Schluss taucht ein Zirkusdirektor auf, der ihm eine Stelle als dummer August, als Clown in seinem Zirkus anbietet. Da hängt sich dieser Karl auf. Das alles klingt wie eine aberwitzige Idee, aber das Schaurige daran ist der propheti­sche Gehalt von Wedekinds Groteske: Die im Stück als krankhaft entlarvten Ideen erkennen wir später in Form real­ politischer Ideen der Nazis wieder.

Eine weitere Schrift, die viele prominente Intellektuelle und Künstler der damaligen Zeit beeinflusste, darunter wohl auch Schreker, war Otto Weiningers Geschlecht und Charakter. Ein durch und durch misogynes, pseu­ dowissenschaftliches und obendrein selbsthassendes, antisemitisches Pamphlet des Juden Weininger, der sich nach Erscheinen seiner Schrift selber ein grau­ sames Ende bereitet hat. Seine ab­ strusen Ideen bereiteten später durchaus auch den Boden für die Gesinnung der Nazis. Das macht ja auch einen Teil der Faszination der Gezeichneten für uns heute aus: Wir kennen den Verlauf der Geschichte. Und genauso können wir nachvollziehen, dass eine Figur wie Alviano, so bemitleidenswert er auch ist, unter gewissen Umständen zu einem furchtbaren Bösewicht werden könnte. Das ist eben das Zwiespältige an ihm. Hier sehe ich auch grosse Parallelen zu Alberich und Mime aus Wagners Ring des Nibelungen. Eine letzte Frage: Du hast dich ge­ mein­sam mit Barrie Kosky für radikale Striche in diesem Stück entschieden. Warum? Man kann diesem Stück nicht so be­ gegnen wie einem Meisterwerk von Alban Berg oder einer Oper von Puccini, wo jede Note Sinn hat. Hier sind einige Noten an ihrem Ort, andere nicht. Schreker war kein Berg oder Schönberg, das müssen wir uns klarmachen. Er macht es einem musikalisch und szenisch nicht immer einfach, so interessant das Stück auch ist. Wir erlauben uns deshalb einige Kürzungen vorzunehmen, so dass die Hauptthemen stärker in Erscheinung treten, und die Neben­ themen, die nicht relevant sind, ausge­ blendet werden. Manchmal gibt es Wortschwälle, die Schreker nicht stoppen kann. Da greifen wir ein und spitzen etwas zu. Das Gespräch führte Kathrin Brunner

Die Gezeichneten Oper von Franz Schreker Musikalische Leitung Vladimir Jurowski / Giedrė Šlekytė (9,12 Okt) Inszenierung Barrie Kosky Bühnenbild Rufus Didwiszus Kostüme Klaus Bruns Lichtgestaltung Franck Evin Choreinstudierung Janko Kastelic Dramaturgie Kathrin Brunner Herzog Antoniotto Adorno Christopher Purves Graf Andrae Vitelozza Tamare Thomas Johannes Mayer Lodovico Nardi, Podestà Albert Pesendorfer Carlotta Nardi Catherine Naglestad Alviano Salvago John Daszak Guidobald Usodimare Paul Curievici Menaldo Negroni Iain Milne Michelotto Cibo Oliver Widmer Gonsalvo Fieschi Cheyne Davidson Julian Pinelli Ildo Song Paolo Calvi Ruben Drole Ein Jüngling Thobela Ntshanyana Diener Jungrae Noah Kim Ein Mädchen Sen Guo Erster Senator Nathan Haller Zweiter Senator Dean Murphy Dritter Senator Alexander Kiechle Philharmonia Zürich Chor der Oper Zürich Statistenverein am Opernhaus Zürich Premiere 23 Sep 2018 Weitere Vorstellungen 26 Sep; 2, 9, 12, 17, 20, 23 Okt 2018

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MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»