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18 Die Gezeichneten

ren nie ganz verstummt, bei gleichzeitig zunehmender Begeisterung für seine Opern, die mit deren Wiederentdeckung einsetzte. Aus heutiger Sicht möchte man die These wagen, dass genau diese An­ greif­barkeit eine starke Kraftquelle und Qualität in Schrekers Œuvre ist: Dass seine Werke so viele offene Flanken bieten; dass der Komponist sich nicht darum scherte, ob seine Musik den Seriositätsansprüchen der Zeit entsprach; dass er ausschliesslich seiner Intuition und seinen Obsessionen folgte und bereit war, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Nichts in seiner Musik ist strukturell abgesichert wie etwa in den Werken Alban Bergs. Die tiefen Gräben zwischen dem Erhabenen und dem Trivialen interessierten ihn nicht, weswegen er manchem – wie etwa dem Regisseur Barrie Kosky – heute wie ein früh genialer Hollywood-Komponist vorkommt. Franz Schreker war auf eigenwillige Weise Freigeist und Extremist. Nicht zuletzt aus die­ ser Unabhängigkeit erwächst die überzeitliche Faszination, die von seinen Opern ausgeht. Man staunt beispielsweise darüber, welche Bedeutung Schreker der Kunst bei­misst. In utopische Wunscherfüllungshöhe hebt er sie. Mit realitätszersetzender und weltverändernder Macht stattet er sie in seinen Opern aus, die allesamt um eben diese Kunst und ihre Wirkungsmacht kreisen, sei es Der ferne Klang, hinter dem

Die Kunstwerke, mit denen wir diesen Text be­bildert haben, stammen von Milena Naef, einer nieder­ländischen Künstlerin mit Schweizer Wurzeln. In ihrer Arbeit «Fleeting Parts» verbindet sie Marmorplatten mit ihrer ei­ge­nen nackten Haut. Milena Naef, die aus einer Schweizer Bildhauerfamilie stammt, sagt: «Ich benutze den Körper als Material, um die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt zu verwischen.»

Foto: Alice Trimouille

dafür umso schwelgerischer und aufwendiger in der Instrumentation und der Nuancierung der Klangfarben, bis an die Grenze zur Übersättigung. Theodor W. Adorno sprach in seinem Schreker-Aufsatz von «der eigentümlichen Übersinnlichkeit des Sinnlichen» und prägte den schönen Begriff von einer «Musik, die Luft­wurzeln» treibe. Schreker hat sich mit dieser Art zu komponieren angreifbar gemacht und wurde dementsprechend von allen erdenklichen Seiten scharf kritisiert. Den Vertretern der Neuen Sachlichkeit war er zu schwülstig und manieristisch, die Protagonisten der Zweiten Wiener Schule fan­ den seinen Stil rettungslos veraltet, selbst Schüler wie Ernst Křenek mokierten sich über die Kunstgewerblichkeit im Schaffen ihres Lehrers. Der allseits ätzen­de Komponistenkollege Hans Pfitzner fand als strammer Verfechter des musikalischen Einfalls Schrekers Unbestimmtheit nur «impotent». Er sah in ihr die «Unfähigkeit, wahrhaft zu zeugen und zu gebären». Das Urteil der Nationalsozialisten, die Schreker in der Ausstellung «Entartete Kunst» präsentierten, lautete: «Es gab keine sexualpathologische Verirrung, die er nicht unter Musik gesetzt hätte.» Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in dem Schreker zunächst in völlige Vergessenheit geraten war, ist grundlegende Kritik an seinem Komponie­

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MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»

MAG 61: Die Gezeichneten  

Schwerpunkte: Premiere «Die Gezeichneten», Eröffnungsfest 2018, Wiederaufnahmen «La verità in cimento», «Macbeth» und «La bohème»